Chapter 1
1 1 Zur Zeit (in den Tagen) des Richtens der Richter2 war (herrschte) eine Hungersnot im Land3 (kam eine Hungersnot über das Land). Da verließ4 ein Mann Betlehem in Juda (machte sich ein aus Betlehem in Juda [stammender] Mann auf)5, um sich in {dem Gebiet von} (bei den Feldern von)6 Moab7 niederzulassen8 - er, seine Frau und seine beiden Söhne9.
- [Status: Zuverlässig]
- des Richtens der Richter - Die Begriffe „Richter“ und „Richten“ dürften in der LF missverständlich sein, da es sich bei den biblischen Richtern natürlich nicht um Richter im heutigen Sinn des dt. Wortes handelte, sondern um eine Art Stammesführer. Sinnvoll daher Holmstedt 2010: „Als noch die Häuptlinge regierten,...“; eleganter sicher die Paraphrase von de Waard/Nida 1992, S. 5 und T4T: „Als Israel noch keine Könige hatte...“.
- im Land - d.h. in Israel. Übersetze daher vielleicht besser: „...herrschte ein Hungersnot in Israel“ (de Waard/Nida 1992, S. 6).
- Zur Zeit des Richtens ... herrschte ... . Da verließ - Oder: Zur Zeit des Richtens der Richter, als eine Hungersnot im Land herrschte, verließ... (vgl. syntaktisch ähnlich Ex 12,41; dazu z.B. Nic §30). tFN: W.: „Und es war in den Tagen des Richtens der Richter. Und es war eine Hungersnot im Land. Und es verließ...“ - Sowohl die Zeitangabe „in den Tagen des Richtens der Richter“ als auch die Information über die Hungersnot wird eingeleitet durch das Verb wajähi („und es war“). Eine solche Doppelung von wajähi findet sich zwar sehr selten in der Bibel, ist aber unproblematisch: Das erste wajähi ist zusammen mit bime („in den Tagen von“) eine stehende Wendung für die Einführung einer neuen Erzählzeit, entsprechend einfach dem dt. „zur Zeit von...“ (vgl. z.B. Holmstedt 2010, S. 52). Und das zweite wajähi ist entweder ebenso aufzufassen (und dann nach der Auflösung in der FN zu deuten) oder ist ein Kopulaverb im Hauptsatz „[Zur Zeit des Richtens der Richter] war (=herrschte) eine Hungersnot im Land.“ (vgl. z.B. Harmelink 2011, S. 212; so die meisten Üss.) und dann aufzulösen wie in der Primärübersetzung.
- verließ ein Mann Betlehem in Juda (machte sich ein aus Betlehem in Juda [stammender] Mann auf) - Beide Auflösungen sind gleichermaßen möglich. Nach der primären Auflösung würde die Reise näher beschrieben („Ein Mann ging fort, und zwar ging er fort aus Betlehem in Juda“); nach der alternativen Auflösung der Mann („ein Mann ging fort, und zwar ein aus Betlehem in Juda stammender Mann“). Da die Information, die die Alternativauflösung bieten würde, aber ja in V. 2 geliefert wird, sollte man besser nach der primären Auflösung deuten.
- in {dem Gebiet von} (bei den Feldern von) (Vv. 1.6) + aus {dem Gebiet von} (von den Feldern von) (V. 6.22) - Heb. ßadeh (Gebiet, Feld). Mit diesem Wort wird hier - wie oft - nur angezeigt, dass es sich beim folgenden Ortsnamen um einen Ortsnamen handelt („im Gebiet Moab“, d.h. „in Moab“) und sollte dann besser unübersetzt bleiben. Fischer 2001, S. 124 dagegen deutet den Begriff als sprechenden Begriff: Elimelech und seine Familie verlassen Betlehem ob einer Hungersnot und emigrieren daher zu den [Getreide-]Feldern Moabs. Diese Deutung basiert allerdings auf einer Analyse von ßäde als Plural. Das Wort lässt sich im MT aber auch als Sg. analysieren, und weil einige Mss. - darunter auch ein Ms. aus Qumran, das älter ist als der MT - das Wort in einer Wortform bieten, die unmissverständlich Sg. ist und weil weiterhin auch die Versionen ganz einheitlich mit Sg. übersetzen, ist auch im MT die Analyse des Wortes als Sg. deutlich vorzuziehen.
- Moab - östlicher Nachbarstaat Israels (für näheres s. Moab / Moabiter (WiBiLex)). Wegen verschiedener kriegerischer Konflikte ist Moab im AT meist negativ belegt; auch im Richterbuch (s. Ri 3,12-30). Noch dazu ist Moab nicht einmal eine naheliegende Wahl für die Hungerflucht: Im Gegensatz zum klassischen Emigrationsland Ägypten unterliegt Moab in etwa den selben klimatischen Bedingungen wie Israel, und obwohl es wegen der gebirgigen Lage Moabs theoretisch möglich wäre, dass wegen der dortigen höheren Niederschlagsmenge Israel unter einer kurzen Hungersnot leidet, Moab aber nicht, ist es ganz unmöglich, dass Moab nicht von den klimatischen Verhältnissen betroffen wäre, die in Israel eine Hungersnot von zehn Jahren verursachen.Hinter der der Entscheidung des Erzählers für Moab stehen daher sicher andere Gründe; s. das Ende der Anmerkungen.
- niederzulassen - Heb. gur bedeutet nicht einfach „wohnen“, sondern bezeichnet das dauerhafte Siedeln von zugereisten Ausländern. Ebach 1998, S. 281 umschreibt seinen Status hier sehr gut mit „Hungerasylant“; dies oder ähnliches wäre wohl wirklich eine sinnvolle Übersetzung: „um in Moab Asyl zu suchen“.Ein ger („Siedler, Asylant“) hat in der Bibel häufig einen schweren Schicksalsschlag hinter sich (wegen dem er überhaupt erst ausgereist ist), ist in der Regel arm und hat rechtlich nicht den selben Status wie ein Einheimischer (so z.B. auch Würthwein 1969, S. 10 - allerdings hat er aufgrund dieses rechtlichen Sonderstatus einige Rechte eben doch - im Unterschied zum nokri, dem bloßen „Ausländer“). Elimelech und seine Familie werden also schon durch die Verwendung dieses Wortes in eine sozial sehr tief stehende Schicht eingeordnet.
- ein Mann ... - er, seine Frau und seine beiden Söhne (V. 1) + sie hinterblieb, sie und ihre beiden Söhne (V. 3) + es hinterblieb die Frau, ohne ihre beiden Kinder und ohne ihren Mann - Wenn im Hebräischen eine Sache von mehreren Subjekten ausgesagt werden soll, kann sie auch nur von einem Subjekt ausgesagt werden, das dann nach dieser Aussage mit einem (Pro-)Nomen noch einmal aufgegriffen und um die weiteren Subjekte erweitert wird („gespaltene Koordination“; vgl. z.B. JM §146c2; ad loc. Holmstedt 2010, S. 57f). Normalerweise sollte man im Dt. daher Vv. 1.3 besser übersetzen: „ein Mann, seine Frau und seine beiden Söhne verließen...“ (V. 1) resp. „sie und ihre beiden Söhne hinterblieben“ (V. 3); auch V. 5 würde man normalerweise natürlich besser übersetzen als „Die Frau hinterblieb“. Hier aber ist diese Konstruktion bewusst gewählt; s. die Anmerkungen.
2 Der Name des Mannes [war] Elimelech (Gott ist König) und der Name seiner Frau [war] Noomi (lieblich) und die Namen seiner beiden Söhne [waren]1 Machlon (krank?)2 und Kiljon (schwindend?). [Sie waren] Efratiter3 aus Betlehem in Juda. Und so kamen sie {in das Gebiet von} [nach] (zu den Feldern von) Moab und blieben dort.
- tFN: die Namen seiner beiden Söhne [waren] - W. „der Name seiner beiden Söhne [war]“, aber s. JM §136l: „[... Das Hebräische hat] die Tendenz, in Fällen, in denen etwas in ähnlicher Weise für mehrere Individuen gilt, Singular statt Plural zu setzen [...].“ Übersetze daher wie angegeben.
- Machlon (krank?) + Kiljon (schwindend?) (V. 2) + Orpa (Nacken?, Wolke?) + Rut (Sättigung?, Freundin?) (V. 4) - Namen sind in der Bibel oft sog. „descriptive names“, d.h. sie sind sprechende Namen, die eine Bedeutung in der Erzählung haben. Weil Noomi in V. 21 selbst mit ihrem Namen spielt (der also klar ein solcher „descriptive name“ ist) und auch der Name von „Herr Irgendwer“ in Kap. 4 fast stets als sprechender Name gedeutet wird, gehen viele davon aus, dass auch obige vier Namen solche descriptive names sein müssten. Ihre Bedeutungen sind aber unklar: * Die Deutung von Machlon und Kiljon als „krank“ und „schwindend“ wäre sprachlich möglich und würde im Rahmen des Rutbuches auch Sinn machen, da sie ja tatsächlich innerhalb von nur vier Versen wieder aus der Geschichte wegsterben. Allerdings gab es diese Namen recht sicher tatsächlich, so dass schwer vorstellbar ist, dass dies wirklich die hinter diesen Namen stehende Bedeutung war (wenn man den namensgebenden Eltern nicht stets einen „grausamen Humor“ (Holmstedt 2010, S. 60) zusprechen will). Rudolph 1962, S. 38 etwa verbindet daher die Namen stattdessen mit „süß/reizend sein“ (Machlon = „der Süße/Reizende“) oder „listig sein“ (Machlon = „der Listige“) und „vollendet sein“ (Kiljon = „der Vollendete“; so auch schon König 1893, S. 287). Wahrschenlich sollte man sich besser mit dem Eingeständnis bescheiden, dass nicht gewiss ist, was die Namen bedeuten (so z.B. Campbell 1975, S. 52f). * Orpa wurde schon von den alten jüdischen Exegeten mit orep („Rücken, Nacken“) in Zusammenhang gebracht und dann so erklärt, dass sie so als die „Widerspenstige“ oder „die den Rücken Kehrende“ dargestellt werden solle,was aber recht „gekünstelt“ (Gerleman 1965) ist. Glanzmann 1959, S. 206 und Dahood 1962, S. 224 leiten außerdem ab vom Ugaritischen `rpt („Wolke“), was sprachlich wohl möglich wäre, erstens aber keine Anerkennung in der Exegese gefunden hat und zweitens in diesem Falle kein descriptive name wäre, so dass es irrelevant für die Übersetzung wäre. * Rut wurde früher meist abgeleitet von rä`ut („Freundin, Gefährtin“ - so schon Syr), was aber etymologisch nur schwer möglich ist. Seit Bruppacher 1966 wird er außerdem wieder häufiger nach der Wurzel rwy (sich sattdrinken) als „Sättigung“, „Erfrischung“ gedeutet (so schon b. Berachoth 7b; Bertholet 1898, S. 57f), was sprachlich zwar möglich wäre, aber in der Exegese dennoch keine allgemeine Anerkennung gefunden hat. Einige gehen außerdem wegen dieser Ungewissheiten davon aus, dass wir es hier mit echt moabitischen Namen zu tun haben, deren Bedeutung sich von uns daher nicht mehr erschließen lässt.
- Efratiter - Bedeutung unklar; vermutlich handelt es sich (1) entweder um eine Sippe, die v.a. in der Gegend in und um Betlehem siedelte, oder (2) Efrata ist eine Region, in der u.a. auch Betlehem lag, oder (3) eine alternative Bezeichnung für Betlehem selbst.Dass die Bedeutung unklar ist, ist aber nicht sehr problematisch, da der Begriff hier ohnehin mehr einem Wortspiel als der Information dient: Sowohl „Efratiter“ als auch „Betlehem“ sind sprechende Namen: „Efrata“ ist das „fruchtbare Land“ (Meister 1991, S 115) und „Betlehem“ bedeutet bekanntlich „Haus des Brotes“, „Brothausen“ (schon Luther 1535, S. 193b: „Denn Bethlehem heisst ein brod haus / und Ephrata fruchtbar / das ein fruchtbar land und gute narung darinnen gewesen ist.“). In den Ohren hebräischer Hörer musste der Satz also klingen wie „[Wegen einer Hungersnot] emigrierten sie nach Moab - obwohl sie Brothäusener aus der Fruchtgegend waren! - und blieben dort.“
3 Da starb1 Elimelech, der Mann Noomis, und sie hinterblieb, sie und ihre beiden Söhne.
- starb (V. 3) + starben (V. 5) - In der alten jüd. Exegese ist öfter der Tod Elimelechs, Machlons und Kiljons als die Strafe Gottes für ihre Sünden gedeutet worden: Elimelech wird für seine Emigration bestraft, Machlon und Kiljon für ihr Fernbleiben von Israel und ihre Mischehen. In der neueren Exegese findet sich diese Deutung nur noch selten (z.B. bei Berman 2007, S. 27-29), aber es ist doch auffällig, dass die beiden Auskünfte über das Sterben der Familienmitglieder jeweils direkt auf die Auskunft über das „Bleiben“ in Moab folgt und dass nur die ersten fünf Verse, die in Moab spielen, eine Unheilsgeschichte schildern, dagegen von V. 6 an mit Noomis Entscheidung, nach Israel zurückzukehren, eine Heilsgeschichte erzählt wird. Auf jeden Fall sollte, wenn möglich, so übersetzt werden, dass diese Bedeutungsnuance auch in der Übersetzung mitgehört werden kann - ein Leser zur mutmaßlichen Abfassungszeit jedenfalls hätte sie vermutlich mindestens mitgehört.
4 Sie nahmen sich moabitische Frauen (Sie gingen Mischehen mit moabitischen Frauen ein?)1. Der Name der einen [war] Orpa (Nacken?, Wolke?) und der Name der anderen [war] Rut (Freundin?, Sättigung?).2 Sie wohnten etwa zehn Jahre dort.
- nahmen (gingen Mischehen ein) - ungewöhnlicher Begriff im Heb.: „Heiraten“ heißt dort gewöhnlich laqach ischah; hier aber - wie nur noch 2Chr 11,21; 13,21; Esr 9,2.12; Neh 13,25 - naßah ischah. Fischer 2001, S. 127 macht darauf aufmerksam, dass die drei letzten Stellen ebenfalls von Mischehen von Judäern mit Moabiterinnen handeln; es könnte sich hier also um einen terminus technicus handeln.
- Orpa und Rut - Chiasmus: V. 2: „Machlon und Kiljon“, V. 4: „Orpa und Rut“; dabei ist Orpa die Frau von Kiljon und Rut die von Machlon (s. Rut 4,10). Eine solche chiastische Anordnung von Namen ist ein häufigeres Stilmittel im Hebräischen (vgl. Campbell 1975, S. 151) und kann in der dt. Üs. ohne Bedeutungsverlust übergangen werden.
5 Da starben auch diese beiden - Machlon und Kiljon -, und es hinterblieb die Frau, ohne ihre beiden Kinder1 und ohne ihren Mann.
- Kinder - Machlon und Kiljon werden hier - im Gegensatz zum vorherigen „Söhne“ - mit jeled („Kind“) bezeichnet, das sonst nie für Erwachsene verwendet wird. Vermutlich soll diese Wortwahl das Unglück der Frau unterstreichen, die nun nach ihrem Mann auch noch ihre beiden Kinder zu Grabe tragen muss (so auch Zakovitch 1999, S. 82). Zudem wird so bereits vorverwiesen auf Rut 4,16, wo Ruts „Kind“ Obed als Naomis Ersatz für ihre beiden gestorbenen „Kinder“ dargestellt wird.
6 Und sie begann, zurückzukehren1 - sie und ihre Schwiegertöchter2 - aus {dem Gebiet von} (von den Feldern von) Moab, weil sie in {dem Gebiet von} (bei den Feldern von) Moab gehört hatte3, dass JHWH sein Volk besucht hatte4, indem er ihm Brot5 gegeben hatte.
- tFN: begann, zurückzukehren - W. „Da stand sie auf, sie und ihre Schwiegertöchter, um zurückzukehren...“; ein solches vorgeschaltetes „aufstehen“ hat aber häufig nur die Bedeutung „mit etwas beginnen“ (vgl. de Waard/Nida 1992, S. 9; Dobbs-Allsopp 1995, S. 47). Übersetze besser: „Und sie machte sich auf den Rückweg“.
- sie und ihre Schwiegertöchter - die selbe Konstruktion wie in FN h beschrieben; normalerweise würde man auch hier übersetzen: „Da machten sie und ihre Schwiegertöchter sich auf den Rückweg“. In unserem Falle spielt es aber zusammen mit den obigen Versen: Nach Noomis Verlust von Ehemann und Söhnen eröffnet der zweite Erzählabschnitt von Kap. 1 mit der neuen Personenkonstellation Noomi + Rut und Orpa; beinahe wie ein „Neue Runde, neues Glück!“: Ihre ersten drei Begleiter hat Noomi verloren - was wird mit den beiden neuen Begleiterinnen geschehen?
- tFN: gehört hatte - Nach sog. „gespaltenen Koordinationen“ wie sie - sie und ihre Schwiegertöchter wird im Heb. meist mit Pluralverben angeschlossen (hier also: „sie hatten gehört“); hier aber steht ein Sg.-verb. Diese Konstruktion mit Sg. findet sich noch häufiger (vgl. z.B. Revell 1993, S. 76f.) und soll das Singularsubjekt (hier also Noomi) statt beiden koordinierten Subjekten ins Zentrum der Leseraufmerksamkeit stellen: Handelnde ist hier zuvorderst Noomi; erst ab V. 8 treten auch die beiden Schwiegertöchter als handelnde Subjekte in Aktion (ähnlich Campbell 1975, S. 63).
- besucht - Heb. Idiom für „sich um etwas kümmern“ (so z.B. Loretz 1963, S. 44). Gut daher EEB, EVD, GN, T4T: „dass er seinem Volk geholfen hatte“; HfA: „dass er sich über sein Volk erbarmt hatte“; NL: „dass er sich seinem Volk wieder gnädig zugewandt hatte“. „Sein Volk“ = Israel; übersetze daher vielleicht: „dass er seinem Volk Israel geholfen hatte und...“
- ihm Brot - Klangspiel: lahem lachem. „Brot“ steht im Heb. fast stets pars pro toto für Nahrung im Allgemeinen (vgl. z.B. de Waard/Nida 1992, S. 9; Zakovitch 1999, S. 83); übersetze daher besser „Nahrung“.
7 Und sie verließ den Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter [waren] bei ihr (standen unter ihrer Aufsicht?1). Und sie gingen auf dem Weg (zogen des Weges), um in das Land Juda zurückzukehren.
- standen unter ihrer Aufsicht - so kürzlich Schipper 2013. Doch das ist wahrscheinlich falsch; Schwiegertöchter waren im hebräischen Haushalt zwar hierarchisch ihren Schwiegermüttern untergeordnet, doch hatten diese keine Autorität über sie (um mit Exum 1997 zu sprechen: Ganz allgemein hatten Frauen im Alten Israel zwar - im familiären Rahmen des Haushalts - „Macht“, aber keine „Autorität“ (vgl. S. 136f)).Vielleicht auch: wo sie gewesen war, und [wo auch] ihre beiden Schwiegertöchter bei ihr [gewesen waren].
8 Da sagte Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: „Geht! Kehrt zurück1, jede in das Haus ihrer2 Mutter3!4 JHWH erweise euch Güte5, so wie ihr sie den Toten und mir erwiesen habt:
- Geht!, kehrt zurück - Oder: »Los, kehrt zurück« (Geht gelesen als sog. »Vorbereitungs-Imperativ«; vgl. z.B. Jenni 2005, S. 242f.; ad loc. ähnlich Zakovitch 1999, S. 89). Geht! Kehrt zurück... bildet aber einen Chiasmus mit Kehrt zurück! Geht... in V. 12, die man nicht so deuten kann; daher sollte man besser auch hier nicht als Vorbereitungsimperativ deuten.
- ihrer (V. 8) + euch (V. 8.9) + eure (V. 11) + euretwillen (V. 13) + beiden (V. 19) + Diese [beiden] (V. 22) - Das Hebräische kennt neben dem Singular und dem Plural auch einen »Dual« - eine Form, mit der exakt zwei Referenten bezeichnet werden. Z.B. würde entsprechend im Deutschen Apfel in »Ein Apfel« im Singular, »zwei Äpfel« im Dual und »drei Äpfel« im Plural stehen. Diese Form ist sehr selten und findet sich hier so häufig wie fast nirgends sonst; dahinter steckt wohl der bewusste Gestaltungswille des Autors, s. die Anmerkungen.tFN: Genauer: Im Rutbuch findet sich mehrere Male das Phänomen, dass statt den weiblichen - auf -n endenden - Plural-pronomina scheinbar männliche - auf -m endende - Pronomina verwendet werden. Der Grund dafür ist stark umstritten. Vorgeschlagen wurde, dass es sich hier (1) um eine besonders alte hebräische Konstruktion (eine archaische »Dual-Form«; vgl. bes. Campbell 1975, S. 25.65; auch Lim 2011, S. 110f; Michel 2004, S. 86f; Rendsburg 2013, S. 635; Sasson 1979, S. 23; Tropper 1992, S. 208; zu hemma in Rut 1,22 Bush 1996, S. S. 94f; Christian 1953, S. 39; Couprie 1952, S. 153; Rendsburg 1982, S. 40; NET; noch Fontinoy 1969, S. 59f.), (2) um eine Ausprägung eines regionalen Dialekts (ein »Betlehemismus«; vgl. Gow 1992, S. 195; Young 1997, S. 10f) oder (3) um gewöhnliche hebräische Genus-Inkongruenzen (vgl. Holmstedt 2010, S. 24; offenbar auch schon Levi 1987) handle. Möglich wäre wohl außerdem, (4) es als gewöhnliches Merkmal des postexilischen Hebräisch zu erklären: Die Verwechslung von -m und -n findet sich häufiger im späten Hebräisch und nimmt spätestens von der Zeit des zweiten Tempels an immer mehr zu (vgl. z.B. HDSS § 200.142; zu hemma in Rut 1,22 noch Schattner-Rieser 1994, S. 196f; ad loc. ähnlich Bar-Asher 2008; Bar-Asher 2009, S. 44).Das Phänomen findet sich hier aber so gehäuft, dass man es wohl auf den bewussten Gestaltungswillen des Autors zurückführen muss (gegen (4)), und da sich keine Motivierung für etwaige Genus-inkongruenzen finden lassen (gegen (3)) und die Deutung als Dialekt ausscheidet, da sich das Phänomen in 1,19 auch im Mund des Autors findet (gegen (2)), sollte man recht sicher doch Deutung (1) den Vorzug geben.
- Haus ihrer Mutter - ungewöhnlicher Ausdruck; für gewöhnlich spricht man im Hebräischen vom »Haus des Vaters«. Campbell 1975, S. 64; Hajek 1962, S. 28f.; Zakovitch 1999, S. 89 haben erwägenswert vorgeschlagen, dass man vom »Haus der Mutter« regelmäßig dann gesprochen habe, wenn persönliche Angelegenheiten wie etwa die nächste Heirat besprochen werden sollten. Dann wäre die Stelle so zu verstehen: Das Rutbuch ist deutlich in Anlehnung an Gen 38 verfasst (dazu bes. van Wolde 1997; s. auch bes. Rut 4,12). Dort sagt Juda in V. 11 zu Tamar: »Wohne als Witwe im Haus deines Vaters, bis mein Sohn Schela erwachsen ist!«. In unserem Vers wäre also das »Haus des Vaters« durch »das Haus der Mutter« - den Ort, wo die nächste Heirat geregelt wird - ausgetauscht und bewusst das »als Witwe« ausgespart.Vielleicht aber auch einfach so: Der Ausdruck »Haus des Vaters« steht in der Bibel selten für das Gebäude, sondern i.S.v. »Haushalt« für die Familie des Vaters. Das ist wohl auch hier der Sinn: »Kehrt zurück zu den Familien eurer Mütter, statt als meine Angehörigen mit mir - eurer Schwiegermutter - nach Juda zurückzukehren.« (vgl. ähnlich Levine 1983, S. 98f, FN 7).So und so wäre die Intention hinter Noomis Aufforderung die selbe: Sie löst die Familienbande, die Rut und Orpa noch mit ihr verbinden, und gibt sie so frei zu einer neuerlichen Heirat.
- Wahrscheinlich durfte Noomi ihre Schwiegertöchter rechtlich gesehen gar nicht zurückschicken; s. die Anmerkungen.
- Güte - Heb. chesed, ein Schlüsselwort im Buch. Einige Exegeten gehen sogar - gar nicht unwahrscheinlich - davon aus, dass »um dieses Wort herum« das ganze Buch gebaut sei und die Gesamtaussage des Buches die sei, dass man weniger »legalistisch« (d.h. übertrieben ausgerichtet an den vielen Geboten des AT), sondern mehr geleitet von chesed leben solle (vgl. z.B. bes. gut LaCocque 2004, S. 28-32). Die Übersetzung dieses vieldeutigen Wortes ist also so zentral, dass Alfredo 2013 kürzlich ein ganzes Buch zu dieser Frage vefasst hat.Im Buch Rut findet sich das Wort drei Mal: Hier, in Rut 2,20 und in Rut 3,10; als Ausprägungen von chesed werden oft außerdem Ruts Handlung in Vv. 14-17 und Boaz' Handlungen in Rut 2,8f.15f und in Rut 3,11-15; 4,1-10 gesehen; ich würde außerdem durchaus ergänzen: Noomis Handeln in V. 8 (s. FN y + Anmerkungen). Will man sich auf nur einen Begriff festlegen - was sehr wünschenswert wäre, da es sich eben um das Schlüsselwort des Rutbuches handelt -, muss dieser also beschreiben: (a) Die vorbildliche Gesinnung einer Ehefrau gegenüber ihrem Ehemann und ihrer Schwiegermutter, (b) eine Haltung, die so gut ist, dass sie das gesetzlich und moralisch Gebotene so sehr übertreffen kann, dass sich selbst widervernünftige und sogar illegale Handlungen daraus ergeben können und (c) die Handlungsweise Gottes, wenn er sich dem schweren Geschick von Menschen gnädig erbarmt. Wäre ich (S.W.) LF-Übersetzer, würde ich »Güte« wählen, da diese Wiedergabe am ehesten zu allen drei Stellen passt. Auch die meisten Üss. haben entweder dies oder »Liebe«.
9 JHWH vergelte es euch damit, dass (JHWH gebe, dass) ihr Ruhe1 findet2 - jede im Haus ihres Mannes3!“ - und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimmen, weinten4
- Ruhe - schönes Wort: Heb. mänuchah ist (1) »Ruhe, Erholung«, (2) der Ort, wo man sich zur Erhohlung niederlassen kann, wo »Wohlsein« ist, und dann (3) allgemein die »Heimstatt«. Hier drückt es also gleichzeitig etwa das selbe wie das folgende im Haus ihres Mannes aus (»Jede von euch soll eine Heimstatt im Haus ihres Mannes finden«) als auch einen Gegensatz zur aktuellen leidvollen Situation des verwitwet-Seins und wandern-Müssens: Noomi segnet ihre Schwiegertöchter mit dem Wunsch eines angenehmen Ehelebens.
- tFN: JHWH vergelte es euch damit, dass (JHWH gebe, dass) ihr Ruhe findet - W.: »JHWH gebe euch, und findet Ruhe!«; mehrdeutige Syntax. Das Wort natan (»geben, vergelten«) kann u.a. (1) als zweiwertiges Verb (AGENS vergilt [es] REZIPIENT, s. z.B. Jer 17,10: JHWH vergilt es JEDEM (nach seinen Wegen)) und (2) als dreiwertiges Verb (AGENS vergilt REZIPIENT [etwas mit] PATIENS / AGENS gibt REZIPIENT PATIENS; s. z.B. Jos 15,19: DU gibst MIR DEN NEGEV) verwendet werden. Klar ist, dass in unserem Satz JHWH Agens und euch Rezipient ist; unklar ist, wie hier der folgende Imperativsatz findet Ruhe! hineinpasst. Möglich wäre: * (1) konsekutiver Imperativ: JHWH möge es euch vergelten, so dass ihr Ruhe findet...! (z.B. GKC §110i) * (2) gewöhnlicher Imperativ; das Waw (»und«) ist ein explikatives Waw: JHWH möge es euch vergelten: Ihr sollt Ruhe finden...! * (3) Der Imperativsatz übernimmt als Substantivsatz die Rolle des Patiens: JHWH möge euch geben / es euch damit vergelten, dass ihr Ruhe findet...! (z.B. JM §177h; Sasson 1979, S. 22-24) * (4) Der erste Satz ist ein Anakoluth: JHWH möge euch geben... - Findet Ruhe...! (z.B. Holmstedt 2010, S. 75; Schipper 2012, S. 645 sogar: JHWH möge euch geben... [Ach, vergesst es!] Findet Ruhe...!) * (5) Der erste Satz ist unvollständig und man muss textkritisch ein Patiens ergänzen (so ernsthaft Campbell 1975, S. 66). Analysiert man nach (1), (2) oder (3), ist diese Strittigkeit unerheblich für die Übersetzung, und ich sehe keinen Anlass, warum man nach (4) oder (5) analysieren sollte. Am wahrscheinlichsten ist Analyse (2), da »JHWH möge geben« eine häufige Einleitung für Segenssprüche ist (s. auch Rut 4,11; so ad loc. auch Zakovitch 1999, S. 90). Der Imperativ ist gewählt, um den Satz zu parallelisieren mit Geht! Kehrt zurück - jede in das Haus ihrer Mutter!, wo sich ebenfalls zwei Aufforderungen finden.
- Haus ihres Mannes - Klangspiel: ´ischah beth ´ischah. Gemeint ist auch hier nicht das Gebäude, sondern die neue Familie, in die die beiden eingegliedert werden sollen (s. FN x).
- Da erhoben sie ihre Stimmen, weinten - =„Da begannen sie zu weinen“.
10 und sagten zu ihr: „Nein! ({Nein!})1 Mit ''dir'' wollen wir zu deinem Volk zurückkehren!“
- tFN: Nein! ({Nein!}) - Entweder adversatives ki, mit dem der vorangehenden Aufforderung Noomis emphatisch wiedersprochen werden soll (so z.B. Niccacci 1995, S. 74) oder ki zur Einleitung direkter Rede (weniger wahrscheinlich). Im letzteren Falle müsste man es unübersetzt lassen.
11 Da sagte Noomi: „Kehrt zurück, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Sind mir [etwa] noch mehr Söhne im Leib, sodass sie eure Männer werden könnten?
12 Kehrt zurück, meine Töchter, geht! Denn ich bin zu alt, um [die Frau] eines Mannes1 zu werden. [Selbst,] wenn ich sagte: »Es gibt [noch] Hoffnung für mich«... ja,2 [selbst, wenn]3 ich [noch] diese Nacht [die Frau] eines Mannes würde... ja, [selbst, wenn] ich sogar [bereits] Söhne geboren hätte (gebären würde) -
- [die Frau] eines Mannes - W. »um einem Mann zu sein«; Idiom für die Ehe.
- tFN: ja + ja...sogar - potenzierendes gam (vgl. schon Jacob 1912, S. 279; Labuschagne 1966).
- [selbst, wenn] - Brachylogie aus dem letzten Satz.
13 würdet ihr deshalb (darauf, auf diese)1 warten wollen, bis sie erwachsen sein würden? Würdet ihr an deshalb (darauf, an diese) gebunden sein wollen2, indem ihr nicht [die Frau] eines Mannes seid?3 Nein, meine Töchter! Ach, mir ist es um euretwillen sehr bitter, dass4 die Hand JHWH s gegen mich ging5.
- deshalb (darauf, auf diese) + deshalb (darauf, an diese) - Heb. lahen; ein Aramäismus mit der Bedeutung »deshalb«. Weil der Aramäismus einigen problematisch scheint, deuten sie stattdessen entweder als la (»auf«, »an«) + hen (»dieses« - fem. für neutr.) = darauf oder emendieren gar zu lahem (»auf diese« - m.pl). Das ist unnötig; die zweite Lösung hat aber den starken Rückhalt von LXX, Syr, Tg, Altlatein und VUL.
- gebunden sein wollen - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Wörtlich wohl »gefangen sein«. Das Wort findet sich erst wieder in den Schriftrollen von Qumran und in der Mischna und bezeichnet dort die rechtliche Situation einer Frau, deren Mann verschollen ist und die deshalb an einen abwesenden Mann gebunden und so nicht heiratsfähig ist - ein komplexes rechtliches Konzept, das man so oder so frei wiedergeben muss. »An sie gebunden sein« nach Ehrlich 1914, S. 21; andere Wiedergabemöglichkeiten: Brichto 1973, S. 12 sehr gut: »endure hubandlessness«; GN: »allein bleiben«; Würthwein 1969, S. 8: »enthaltsam leben«. Ähnlich OEB »remain single«, doch das würde bei deutschen Lesern die falschen Assoziationen wecken.
- Noomis Worte müssen wohl so erklärt werden: Sie hat ihren Schwiegertöchtern in V. 9 eine Wiederheirat gewünscht und diese haben dagegen ihrem Wunsch Ausdruck verliehen, bei Noomi bleiben und zu ihrem Volk gehören zu dürfen. Beides ginge nur ineins, wenn besagte künftige Ehemänner die Söhne Noomis wären - die sie aber ja leider nicht hat.Die Annahme ist ganz unnötig, aus Noomi Worten spräche hier eine schiefe - oder gar: rechtskritische (Fischer 2001, S. 140f) - Vorstellung der Institution »Schwagerehe« (zu dieser Institution s. die Erläuterungen zu Kap. 4).
- Ach, mir ist es um euretwillen sehr bitter, dass - so z.B. Würthwein 1969, S. 8. Oder: Denn für mich ist es bitterer als für euch, dass.../, denn.../. Ach,... (so z.B. Campbell 1975, S. 61; Niccacci 1995, S. 75); oder: Denn meine Bitterkeit ist zu groß für euch (=zu groß, als dass ich sie euch zumuten wollte) (so z.B. Brichto 1973, S. 12; Holmstedt 2010; Loretz 1963, S. 44).
- dass die Hand JHWHs gegen mich ging - Zum Ausdruck s. ähnlich Ex 9,3; Dtn 2,15; Ri 2,15; 1Sam 5,6.9; 7,13; 12,15; (Jes 19,16; 25,10); der Sinn ist dann wohl etwa: »dass mich JHWH gestraft hat« (vgl. bes. Huntley 2013, S. 9-11).
14 Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten1.Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie.2
- Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten - =»Und noch einmal begannen sie, zu weinen«.
- Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie - Wohl bewusst mehrdeutig formuliert. Die meisten Übersetzungen vereindeutigen, z.B. de Waard/Nida 1992, S. 9: »Dann gab Orpa ihrer Schwiegermutter einen Abschiedskuss und kehrte nach Hause zurück; Rut aber blieb bei ihr«; ähnlich z.B. GN, HfA, NeÜ, NL. Das aber steht hier gerade nicht. Der Satzbau - ein sog. »invertierter Verbalsatz« (VERB-SUBJEKT - SUBJEKT-VERB: Und-es-küsste Orpa ihre-Schwiegermutter, und-Rut fiel-um-den-Hals ihr), von dem es oft heißt, in ihm komme schon der Kontrast der Reaktionen von Orpa und Rut zum Ausdruck (»Orpa tat X, Rut jedoch tat Y«) - kann auch nur ausdrücken, dass Orpa das eine und Rut das andere tut, ohne dass diese Taten notwendig einander gegenübersetehen müssten (»Orpa tat X und Rut tat Y«). Und was sie tun, ist naschaq (»küssen«) und dabaq (W.: »an etwas kleben«; erst sekundär übertragen »jmdm anhangen«, »jmdn lieben«). Dass der Kuss Orpas als Abschiedskuss verstanden werden muss, wird erst aus dem nächsten Vers klar, und auch dies dabaq könnte nur heißen, dass Rut Noomi umarmte (gut Loretz 1963, S. 44: »Orpa küßte ihre Schwiegermutter, während Rut sich an sie klammerte«; vgl. auch Zenger 1986, S. 40.).Die Reaktion der Schwiegertöchter in V. 14 auf den zweiten Redegang Noomis in Vv. 11-13 wird ebenso eingeleitet wie ihre Reaktion in V. 10 auf Noomis ersten Redegang in Vv. 8f: »Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten«. Darauf folgt in V. 10 die Weigerung, Noomi zu verlassen; gespannt wartet also der Leser darauf, wie sie in V. 14 auf den zweiten Redegang Noomis reagieren werden - und genau das hält der Vers in der Schwebe; es ist hier eben noch nicht sicher, ob das »küssen« und »sich-anhängen« die Einleitung für den Abschied der beiden ist, oder Einleitung für eine noch emphatischere Willensbekundung, bei Noomi bleiben zu wollen (à la »Orpa küsste sie, Rut fiel ihr um den Hals, und beide riefen: ‚Nein, keinesfalls wollen wir dich verlassen!‘«). Es wäre sehr schade, wenn das durch eine Vereindeutigung der Übersetzung verloren ginge.
15 Da sagte sie: »{Siehe}1, deine Schwägerin kehrt zu ihrem Volk und ihrem Gott (ihren Göttern) zurück2 - kehre [also] [auch du] mit (hinter) deiner Schwägerin zurück!«
- tFN: {Siehe} + [also] - W. »Siehe«, doch das heb. hinneh signalisiert nur, dass die folgende Aussage direkt relevant ist für die aktuelle Situation oder eine folgende Äußerung. Treffender daher eine Übersetzung mit »also« o.Ä.
- kehrt ... zurück + hinter - theoretisch auch möglich: »ist zurückgekehrt«; doch das würde nur Sinn machen, wenn wir zwischen Vv. 14.15 eine längere Zeitspanne vergehen lassen. Dass das so ist, folgt auch nicht aus dem Ausdruck hinter deiner Schwägerin, denn das heb. achar (»hinter«) kann auch nur »mit« bedeuten (vgl. z.B. Scott 1949, S. 178f). Besser als »Deine Schwägerin ist zurückgekehrt... Kehre [auch du] zurück, hinter deiner Schwägerin her« daher »Deine Schwägerin kehrt zurück ... Kehre [auch du] zusammen mit deiner Schwägerin zurück.«
16 Da sagte Rut: »Bestürme mich nicht, dich zu verlassen, vom mit-dir-[Sein]1 zurückzukehren! Nein! (Denn) Dahin, wohin du gehen wirst, will ich gehen, und da, wo du rasten wirst, will ich rasten; dein Volk [sei] mein Volk ([denn] dein Volk [ist] mein Volk) und dein Gott [sei] mein Gott (und dein Gott [ist] mein Gott);
- vom mit-dir-[Sein] - die selbe Präposition wie in V. 15. Noomi fordert Rut auf zum »mit-Orpa-Sein« und zum Zurückkehren zu deren Volk und deren Gott. Rut stellt dem das »mit-Noomi-Sein« entgegen und entscheidet sich ineins damit auch für deren Volk und Gott.
17 da, wo du sterben wirst, will ich sterben und dort will ich begraben werden! Solches tue mir JHWH und solches füge er hinzu, wenn nicht [einzig]1 der Tod uns scheiden wird.2«
- [einzig] - Fokuspartikel wie »nur«, »selbst« etc. werden im Heb. häufig nicht gesetzt, wo das Dt. sie setzen würde; im Dt. muss man sie sich daher dazudenken (ad loc. vgl. z.B. Ehrlich 1914, S. 22).
- Solches tue mir JHWH und solches füge er hinzu, wenn nicht [einzig] der Tod uns scheiden wird - Häufige Schwurformel in Form einer Selbstverfluchung (vgl. z.B. Campbell 1975, S. 74; JM §165a; Zakovitch 1999, S. 98): Der erste, stets konstante, Teil dieser Formel ist »Solches tue mir Gott und solches füge er hinzu«. Er entspricht in seiner Funktion etwa dem dem Deutschen »Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn...«; das »solches ... und solches« ist dabei vermutlich nur ein Ersatz für die eigentliche Selbstverfluchung, die im Bibeltext nicht wörtlich ausgeführt wird. Der zweite Teil wird entweder mit heb. ´im oder mit heb. ´im lo oder - wie hier - ki eingeleitet; im ersteren Fall ist die Bedeutung des Nachsatzes »wenn X geschieht«, im zweiten Fall »wenn nicht X geschieht« (s. noch 1 Sam 14,44; 20,13; 2 Sam 3,9; 1Kön 2,23; 19,2). Hier würde man also im Dt. etwa formulieren »Nichts als allein der Tod wird mich von dir trennen können; das schwöre ich - und wenn es nicht stimmt, will ich auf der Stelle tot umfallen«. Keinesfalls kann man hier wörtlich übersetzen, da einem deutschen Leser diese wörtliche Übersetzung ganz unverständlich bleiben müsste. de Waard/Nida 1992, S. 18 schlagen daher vor: »May the Lord's worst punishment come upon me« (so auch GN, HfA, NL, TEV); ähnlich Moffatt.Ein wichtiger Unterschied zwischen der Standardform dieser Selbstverfluchung und unserer Stelle ist, dass nicht wie sonst die Gottesbezeichnung elohim, sondern der Gottesname JHWH vewendet wird. Wie schon in ihrem Ausspruch »dein Gott sei mein Gott« kommt hier zum Ausdruck: Rut schließt sich hier nicht nur Noomi, sondern ihrem Volk und damit den Reihen der JHWH-Verehrer an.
18 Da sah sie, wie entschlossen1 sie war, mit ihr zu gehen. Da hörte sie auf, zu ihr zu sprechen.
- tFN: wie entschlossen - gut analysiert von Holmstedt 2010, S. 93: W.: »Und sie sah, dass sie-war-entschlossen sie«. Das zweite »sie« ist eigentlich unnötig und würde häufiger vor dem »sie-war-entschlossen« gesetzt werden. Hier ist es dennoch gesetzt und das »sie-war-entschlossen« vor das »sie« gezogen, um es besonders zu betonen; besser daher nicht: »Da sah sie, dass sie entschlossen war«, sondern »Da sah sie, wie entschlossen sie war«.
19 Und so gingen die beiden [gemeinsam]1, bis sie nach Betlehem kamen. {Und es war,} Als sie nach Betlehem kamen, geriet die ganze Stadt wegen ihnen außer sich. Doch dann sagten sie2 (und sie sagten): »Ist das [nicht] ([wirklich]) Noomi?«3
- die beiden [gemeinsam] - Das Dual-pronomen ist auch hier wieder bewusst gewählt (s. Anmerkungen). Im Dt. sollte man das besser durch die Einfügung eines »gemeinsam« o.Ä. ausdrücklich machen.
- sie - ungewöhnlicherweise Femininum; nur die Frauen Betlehems scheinen hier gemeint zu sein.
- geriet außer sich + Doch dann sagten sie (und sie sagten) + Ist das [nicht] ([wirklich]) Noomi? - Warum die ganze Stadt in Aufregung gerät, ist nicht näher ausgeführt. Viele mutmaßen, dass die Frauen der Stadt mitleidig-schockiert seien, weil Noomi so abgehärmt aussehe. In diesem Falle wäre zu übersetzen: »...geriet die ganze Stadt in Aufruhr, und die Frauen riefen aus: ‚Ist das wirklich Noomi!?‘«.Es heißt aber: Die ganze Stadt gerät in Aufregung »wegen ihnen«; Anlass der Aufregung ist also die ganze Zweiergruppe (so auch Fischer 2001, S. 151). Vielleicht also besser so: Die ganze Stadt gerät in Aufruhr, weil sie zunächst beide Frauen für Moabiterinnen gehalten haben - und dann kommt Erleichterung auf: Die eine Frau ist gar keine Moabiterin, sondern ein bekanntes Gesicht! In diesem Fall wäre zu übersetzen: »...geriet die ganze Stadt in Aufruhr - doch dann riefen die Frauen: ‚Ach, das ist doch Noomi!‘« (zur Deutung als Ausruf vgl. z.B. Jongeling 1978). Doch natürlich ist auch das nur eine Spekulation; genau so gut könnte etwa Schadenfreude aus dem Ausruf der Frauen sprechen (s. Jes 27,7; Klg 2,15) und Noomi will im Folgenden mit ihrem Schuldeingeständnis und ihrer Leidensschilderung diese Schadenfreude unterlaufen. Der Text bietet hier einfach zu wenig Anhaltspunkte.
20 Da sagte sie zu ihnen: »Nennt mich nicht »Noomi« (lieblich), nennt mich »Mara« (bitter) - denn Schaddai1 hat mich sehr verbittert!
- Schaddai - Eine alte Bezeichnung für Gott; bes. häufig wird sie verwendet, wenn JHWH als strafender Gott dargestellt werden soll - fast 2/3 der Belegstellen finden sich daher im Buch Ijob. Die wörtliche Bedeutung ist unsicher; recht hoch im Kurs stehen in der Diskussion die beiden Vorschläge »Der vom Berge« und »Gott der Wildnis« (vgl. DDD, S. 749f). Die beiden Gottesnamen bilden einen Chiasmus: Schaddai hat mich sehr verbittert [...] : Leer lässt mich JHWH zurückkehren. [...] : JHWH hat mich gedemütigt und Schaddai hat mir Böses angetan. (vgl. Hongisto 1985, S. 21)JHWH wird durch diese Struktur und durch die Gleichschaltung mit der Bezeichnung »Schaddai« als strafender Gott vorgestellt.
21 Ich [war] voll1, als ich ging (Voll ging ich), doch leer lässt mich JHWH zurückkehren (bringt mich JHWH zurück, ließ mich JHWH zurückkehren). Warum [also] nennt ihr mich »Noomi«, obwohl JHWH mich erniedrigt hat (gedemütigt hat, gegen mich Zeugnis abgelegt hat)2; obwohl Schaddai mir Leid zugefügt (Böses angetan) hat!?«
- Voll + leer bezieht sich offensichtlich auf die drei verlorenen Familienmitglieder Noomis (vgl. auch TgRut 1,21: »Ich ging voll weg - mit meinem Mann und meinen Söhnen; und der Herr hat mich zurückgebracht - leer von ihnen« (Üs. nach Levine 1973, S. 24); RutR 1,21: »‚Voll ging ich von hier‘ d.i. voll mit Söhnen und Töchtern« (Üs.: Wünsche 1883, S. 30) u.ö.) und ihre Besitzlosigkeit (s. Anmerkungen).Wörtlich lässt sich das nicht übertragen; ganz gut gelöst bei GN: »Mit meinem Mann und mit zwei Söhnen bin ich von hier weggezogen; arm und ohne Beschützer lässt der Herr mich heimkehren.«
- Textkritik: mich erniedrigt hat (gedemütigt hat, gegen mich Zeugnis abgelegt hat) - Heb. `anah b-. Im Hebräischen gibt es mehrere `anah lautende Wörter mit us. Bedeutung; hier kommen in Frage `anah I (»Zeugnis ablegen«) und `anah II (»erniedrigen, demütigen«); dies zweite müsste zudem als `innah punktiert werden (=> Textkritik). MT und Tg deuten als `anah I, LXX, Syr, VUL als `anah II.Beide Wörter sind aber problematisch: `anah I ist semantisch schwierig, da es nie von JHWH ausgesagt wird - vor wem schließlich sollte JHWH als Zeuge auftreten? - und keinen guten Parallelismus mit der folgenden Zeile bildet, `anah II dagegen steht sonst nie mit b-. Die meisten Exegeten gewichten das zweite Problem merkwürdigerweise höher als das erste; dabei handelt es sich hier um ein argumentum ex silentio (so auch Moore 1997, S. 236 - allerdings kein schwaches; `anah II findet sich recht häufig in der Bibel). Dennoch sollte man daher wohl doch besser als `anah II lesen; so z.B. auch Gray 1967, S. 378.389; Hamlin 1996, S. 22 (?); Köhlmoos 2010, S. 24; LaCocque 2004, S. 58; Levine 1973, S. 63; Linafelt 1999, S. 19; Morris 1968, S. 263; Myers 1955, S. 22.
22 So also1 kehrte Noomi zurück. Und Rut, die Moabiterin, ihre Schwiegertochter, [war] bei ihr, die zurückkehrte2 aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moab. Diese [beiden] kamen nach Betlehem zu Beginn der Gerstenernte. “
- tFN: So also - W. »Und sie kehrte zurück«; einer der seltenen Fälle, in denen die Verbform Wayyiqtol als zusammenfassender Abschluss einer Erzählung verwendet wird (»summierendes Wayyiqtol«; vgl. JM §117i).
- die zurückkehrte - theoretisch auch möglich: »Und Rut, die Moabiterin, ihre Schwiegertochter, [war] bei ihr - [sie], die zurückkehrte...«; d.h. »die zurückkehrte« wäre nicht auf Noomi, sd. auf Rut zu beziehen. So merkwürdigerweise z.B. Holmstedt 2010, S. 95, weil »Relativsätze überwiegend den nächstmöglichen Referenten modifizieren« - aber das ist doch das ihr (=Noomi) in bei ihr, und nicht Rut? tFN: zum Artikel als Relativpartikel vgl. IBHS §19.7.d; JM §145e.
Chapter 2
1 1 Noomi hatte einen Verwandten (Bekannten)2 ihres Mannes; einen mächtigen, fähigen Mann3 aus der Sippe Elimelechs4. Sein Name war: Boas (in ihm ist Kraft, der Scharfsinnige)5.
- [Status: Zuverlässig]
- Textkritik: Verwandten (Bekannten) - beide Varianten finden sich in der Überlieferung des heb. Textes; u.a. haben Ketiv und LXX „Bekannter“ und Qere und VUL „Verwandter“. Die Bedeutung ist also entweder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann verwandt“ oder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann bekannt“. Fast alle - und deshalb auch wir - folgen der Variante „Verwandter“, aber man sollte doch fragen, was denn dann der Mehrwert des folgenden „er war aus der Sippe Elimelechs“ wäre. Auch lässt sich gerade wegen dieses Nachsatzes ein sekundäres Entstehen der Variante „Verwandter“ sehr viel besser erklären als der Variante „Bekannter“, und schließlich würde „Bekannter“ auch strukturell gut Sinn machen, da Boas im Verlauf des Kapitels verwandtschaftlich immer näher an Rut und Noomi heranzurücken scheint (1a: Bekannter => 1b: aus der Sippe Elimelechs => 20a: Verwandter => 20b: Goel (d.h. maximal um eine Ecke verwandt)), bis er in Rut 4,3 dann sogar als „unser Bruder“ bezeichnet wird und ihm Goel- und Schwagerehenpflichten und -rechte zugesprochen werden (s. dort), was dann der Knackpunkt des ganzen Kapitels sein wird.
- mächtiger, fähiger Mann - W. isch („Mann“) gibbor („heldenhaft, stark, mächtig“) chajil („stark/fähig/wohlhabend“). Häufiger stehender Ausdruck, der fast stets für „mächtige Krieger“ steht. Weil das an unserer Stelle nicht gut in den Kontext passt, geht man meist entweder nicht von diesem stehenden Ausdruck aus, sondern von seinen einzelnen Bestandteilen, ignoriert dann auch noch häufig das gibbor und macht Boas so zu einem „(sehr) wohlhabenden/angesehenen(? - vielleicht eine Umdeutung von »heldenhaft«?) Mann“ (so z.B. ELB, FREE, H-R, LUT, MEN, NeÜ, SLT, TAF, van Ess, ZÜR), oder man leitet aus 1 Sam 9,1 und 2 Kön 15,20 ab, dass die Wendung isch gibbor chajil auch für reiche Grundbesitzer stehen könne (so viele Kommentare, auch EÜ) - dabei ist an keiner der beiden Stellen von Grundbesitz die Rede, und auch wenn es sich dort auf Grundbesitzer beziehen würde, darf man daraus ja nicht ableiten, dass die Wendung deshalb auch „vermögender Grundbesitzer“ bedeutet. Beide Lösungen sind also recht problematisch; vielleicht besser so: Ein isch gibbor chajil zu sein ist im Alten Israel ein stereotyper Bestandteil eines männlichen Tugendkatalogs: König David ist ein solcher, außerdem ist er schön und zudem redegewandt und musikalisch (s. 1 Sam 16,18). Ähnlich ist Kisch ein solcher und sein Sohn Saul ist schön (s. 1 Sam 9,1f). Ähnlich auch Jerobeam, der außerdem ein guter Handwerker ist (1 Kön 11,28) und Naaman, der außerdem von seinem Herrn geschätzt und voll der Ehre ist (s. 2 Kön 5,1); und wohl aus diesem Grund kann es dann in Jes 5,22 sogar metaphorisch-sarkastisch für Trunkenbolde verwendet werden („heldenhafte Weintrinker und mächtige Alkoholmischer“). Vielleicht heißt es an unserer Stelle also nur: „Boas ist ein mächtig starker Typ“, und ein „mächtig starker Typ“ ist nach der verbreiteten Ansicht (/dem literarischen Stereotyp?) zu biblischer Zeit stets ein „mächtiger Krieger“.Sehr wichtig ist in unserem Kontext aber außerdem, dass Boas in Rut 3,11 Rut als eine eschet chajil bezeichnet und sie so mit sich auf eine Stufe stellt; es ist daher sehr zu empfehlen, das Wort an beiden Stellen gleich zu übersetzen. Beides zusammennehmend scheint mir hier „mächtiger, fähiger Mann“ die sinnvollste Übersetzung zu sein.
- aus der Sippe Elimelechs - „Sippe“ = soziale Größe. Die Keimzelle der altisraelitischen Gesellschaft ist die „Familie“ (wörtl.: das „Haus“). Eine Stufe darüber steht die „Sippe“ - die „Großfamilie“ -, von denen es im Alten Israel etwa 60 Stück gab und von denen jede zu bevölkerungsreichen Zeiten wohl durchschnittlich etwa 10.000 Mitglieder hatte (vgl. Andersen 1969, S. 35). Noch eine Stufe darüber stehen die „zwölf Stämme“ (vgl. näher Verwandschaft (AT) (Wibilex)). Dass Boas aus der „Sippe“ Elimelechs stammt, heißt also, dass sie irgendwie verwandt sind; über den Grad der Verwandtschaft sagt es erst mal nichts.Erwähnenswert ist noch, dass Boas in diesem ersten Vers zweimal über Elimelech ausschließlich der Noomi zugeordnet wird; am Ende des Kapitels (V. 20) dagegen wiederum doppelt ohne die Zwischenschaltung Elimelechs sowohl Noomi als auch Rut - was gut zum in FN a erwähnten verwandschaftlich-näher-Heranrücken des Boas an die beiden Frauen passt.
- Boas (der Kraftvolle, der Scharfsinnige) - ein weiterer Name mit umstrittener Bedeutung. Die meisten deuten als bo az/oz („in ihm [ist] Kraft“), was sehr gut zu seiner Charakterisierung als isch gibbor chajil passt (s. FN b); vorgeschlagen wurde aber auch eine Ableitung vom arabischen barzun („Geistesstärke“), so z.B. Noth 1928, S. 228. Interessant in unserem Kontext ist vielleicht noch, dass vergleichbare Namen in Moab sehr verbreitet waren (vgl. z.B. die Namensliste in Snyder 2010, S. 669).
2 Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi: „Ich würde [gerne] aufs Feld1 gehen2 und an den Ähren mitlesen3 hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde4.“ Sie sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter!“5
- Feld (V. 2), Feldstück (V. 3) - »Feld«: Das gesamte Ackerland um Betlehem herum, im Unterschied zum »Feldstück«, das nur den Anteil des Boas an diesem gesamten Ackerland bezeichnet (vgl. z.B. Köhlmoos 2010, S. 31).
- Ich würde [gerne] gehen (V. 2) + Ich würde [gerne] lesen (V. 7) - W. »Ich will gehen/lesen-na´« / »Lass mich gehen/lesen-na´«. na´ ist ein sog. »Höflichkeitsmarker« (vgl. bes. Wilt 1996; z.St. auch Holmstedt 2010, S. 106); die vorgeschlagene Übersetzung trifft den Tonfall von Ruts Äußerung daher wesentlich besser.
- tFN: an den Ähren mitlesen: Nicht »in den Ähren lesen«; die Präposition b- hat hier die Funktion eines »Beth comitatus«: an den Ähren mit-lesen (so z.B. Gerleman 1965, S. 23; Joüon 1913, S. 200; Zenger 1986, S. 55). Zum Ährenlesen s. näher die Anmerkungen.
- hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde - häufige geprägte Wendung im Heb., die noch zwei weitere Male in diesem Kapitel kommen wird und jedes Mal anders zu übersetzen ist (s.u.). Hier drückt es aus, dass Rut für ihr Nachlesen des Wohlgefallens eines Mannes bedarf (s. die Anmerkungen). Sehr gut daher EÜ: »Ähren lesen, wo es mir jemand erlaubt«; ähnlich de Waard/Nida 1992, S. 22; H-R, HER05, HfA, MEN, NeÜ, NL, OEB. Noch treffender GN: »Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.«, PAT: »bei jemand, der es mir freundlich erlaubt«
- Geh, meine Tochter! muss frei übersetzt werden. Das Hebräische hat kein Wort für „Ja“; Zustimmung wird daher ausgedrückt, indem eine vorige Äußerung teilweise wieder aufgegriffen wird (hier also: „Ich würde gerne gehen“ - „Geh!“; vgl. bes. Greenstein 1989, S. 53). Noomis Antwort klingt daher wörtlich übersetzt wesentlich knapper und harrscher, als sie eigentlich ist (vgl. z.B. etwas unglücklich EÜ: „Geh, Tochter!“). Besser de Waard/Nida 1992, S. 22; T4T: „Go ahead!“ (=„Mach das“); GN, NeÜ, MEN, NL: „Geh nur, meine Tochter“. Am besten HfA: „‚Ja‘, antwortete Noomi, ‚geh nur!‘“
3 [Also] ging und kam1 und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit.([Und das kam so: ])2 Zufällig geriet sie3 auf das Feldstück des Boas, der aus der Sippe des Elimelech [war].
- ging und kam - Zu „ging und kam und...“ s. bes. noch 2 Sam 11,22: „Der Bote ging und kam und sagte David alles“. Es gibt noch viele ähnliche Stellen in der Bibel: Wenn im Hebräischen von einer Reise berichtet wird, kann der „Reisebericht“ häufig in die beiden „Reise-Episoden“ „(Fort)gehen“ und „Ankommen“ aufgesplittet werden. Oft dient diese Stileigentümlichkeit des Heb. zusätzlich dazu, einen Aspekt der Reise näher zu spezifizieren; z.B. die Reisegruppenkonstellation (Ri 13,11; 1 Sam 28,8; 30,9), den Reiseanlass (1 Sam 17,20; 1 Kön 19,3), den Reisemodus (1 Sam 19,18; 2 Sam 17,18; 1 Kön 20,43) oder nähere Angaben zu Ort (1 Sam 19,22; 1 Kön 17,10) und Zeit (2 Sam 4,5). Aber ebenso häufig - und wichtiger für unsere Stelle - ist, dass diese Stileigentümlichkeit ohne eine derartige Spezifizierung dann angewandt wird, wenn ausgedrückt werden soll, dass die Reise etwas länger dauert (Num 13,26; Jos 2,1; Ri 19,10; 1 Kön 14,17; 2Kön 4,25; 8,14; vgl. außerdem noch die Botenauftragsformel „Geh, komm!“ in 2 Kön 5,5; Jes 22,15; Ez 3,4.11). So ist wohl auch unsere Stelle zu verstehen: Rut sammelt nicht auf dem erstbesten Feldstück bei der Stadt, sondern „sie ging und kam“ soll ausdrücken, dass das das Feld etwas abseits liegt und sie eine längere Strecke dorthin zurücklegen musste - und umso größer ist der Zufall, dass es dann gerade das Feldstück des Boas ist, auf das sie gerät. So haben es wohl außerdem schon LXX, Syr und VUL verstanden, die einfach nur mit „sie ging“ übersetzen.
- ([Und das kam so: ]) - Hier müssen wir zu einer unwahrscheinlicheren der möglichen Deutungen greifen, weil wir nach den SF-Kriterien in V. 7 zu einer etablierten Verlegenheitsübersetzung greifen müssen (s. dort): Der Satz ist als einfache Aussage zu lesen, der den Beginn von Ruts Nachlesetätigkeit angibt.Eigentlich wahrscheinlicher: Gar nicht selten finden sich in der Bibel sogenannte „proleptische Summarien“, d.h. Sätze, die nicht eigentlich zur „story“ gehören, sondern zusammenfassend eine folgende Handlung vorwegnehmen (vgl. bes. Ska 1995). Ein solches proleptisches Summarium ist auch „Also ging und kam und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit“: V. 8 legt sehr nahe, dass Rut ihre Nachleseerlaubnis erst von Boas bekommt, sonst wäre sowohl ihre euphorische Reaktion in V. 10 als auch Boas Rede davon, dass Rut auf ein anderes Feld weiterziehen würde, ganz unverständlich; und folgerichtig identifiziert sie in Vv. 10.13 als „den, in dessen Augen sie Gefallen findet“, ja nicht den Aufseher, sondern gleich zwei Mal Boas (so z.St. auch wieder Ska 1995, S. 324; auch Campbell 1975, S. 93; Hubbard 1988, S. 149, Ska 2003, S. 55). Aber da wir nach den SF-Kriterien V. 7 so auffassen müssen, dass Rut schon vor Boas´ Nachleseerlaubnis in V. 8 gesammelt hat, ist diese Deutung hier für unsere Übersetzung nicht gangbar.
- Zufällig geriet sie - unübersetzbare Figura etymologica: „Es fügte sich ihre Fügung“, „es zufällte ihr Zufall“. Wie schon das „sie ging und kam“ unterstreicht diese F.E. den großen Zufall, der zum Zusammentreffen Ruts und Boas führt. Das folgende Wort „Stück“ in „Feldstück“ hat auch die Bedeutung „Los, Schicksal“, was dies noch zusätzlich unterstreicht - man müsste beinahe übersetzen: „Ihr Zufall zufällte das dem Boas zugefallene Feld“.
4 Und, siehe da: Da kam [auch schon]1 Boas von Betlehem [her]. Er sagte zu den Schnittern: „JHWH [sei] mit euch!“ Und sie sagten zu ihm: „Es segne dich JHWH!“2
- Und, siehe da: Da kam [auch schon] - W. „Und siehe, es [war] kommend Boas...“. „Und siehe“ markiert das im Folgenden Geschilderte als überraschend; „und siehe“ + Partizip drückt oft aus, dass überraschenderweise „genau das richtige passiert“ (Campbell 1975, S. 93; ebenso z.B. Berlin 1994, S. 92f). Ein weiterer Zufall also, der zum Zusammentreffen von Rut und Boas führt.
- JHWH [sei] mit euch! + Es segne dich JHWH - Keine auffallend frommen Grüße, sondern stereotypisierte Grußformeln, die noch heute in manchen semitischen Sprachen gebräuchlich sind; vergleichbar etwa dem Dt. „Gott zum Gruß“ - „Grüß Gott!“ (urspr. Bedeutung: „Gott segne dich“). Dass es sich hier „nur“ um stereotype Formeln handelt, sieht man z.B. auch daran, dass Syr frei mit einer weiteren, anderen gängigen Grußformel übersetzt („Friede sei mit euch“); auch Mischna Berakhot 9,5 leitet aus dieser Stelle ab, dass man „seinem Gefährten Frieden im Namen des Herrn wünschen sollte“, was sich ebenfalls auf eine andere heb. Grußformel bezieht: Schalom („Friede!“). VUL übrigens übersetzt: Dominus vobiscum, und auf diese Übersetzung geht der deutsche Gruß „Der Herr sei mit euch“ zurück, wie er noch heute z.B. in der katholischen Liturgie gebräuchlich ist - etwas unglücklich vielleicht, da, wie gesagt, in hebräischen Ohren dies „JHWH mit euch“ nicht viel frommer oder fremder klang als in deutschen Ohren ein „Grüß Gott“.Man sollte hier aber dennoch nicht zu frei übersetzen: Das Rutbuch ist eine „Segensgeschichte“ (Zenger 1986, S. 96), in der fortwährend gesegnet wird - s. eben hier; Rut 2,19.20; Rut 3,10; ähnlich auch die Segenswünsche in Rut 1,8f; Rut 2,12; Rut 4,11f. Und auffallend in diesem Kontext ist, dass Boas gerade nicht sagt: „JHWH segne euch“, sondern „JHWH sei mit euch“: Das Wort „segnen“ ist im Rutbuch ausschließlich Rut (3,10) und Boas (2,4; 2,19f) vorbehalten; ähnlich, wie z.B. auch nur diese beiden als chajil bezeichnet werden - zumindest die Vokabel „segnen“ sollte in der Übersetzung also schon erkennbar sein. Zudem ist es „nicht müssig“ (Bertholet 1898, S. 60), dass von allen zur Verfügung stehenden Grußformeln gerade diese beiden verwendet werden: Auf diese Weise ist das erste und das letzte Wort dieses nur vier Wörter langen Dialogs „JHWH“, was die Erntegemeinschaft ganz deutlich als Gemeinschaft von JHWH-Verehrern charakterisiert. Auf ganz bescheidene Weise erfährt Rut mit ihrer Aufnahme in diese Erntegemeinschaft also schon hier eine Aufnahme in die „Gemeinde des Herrn“ (s. die Anmerkungen zu Rut 1).Gut daher die Übersetzungsempfehlung von de Waard/Nida 1992, S. 27, beide Formeln zu belassen und mit einem „begrüßen“ einzuleiten: „Boas grüßte seine Arbeiter, indem er sagte: ‚JHWH sei mit euch!‘ - und die Arbeiter grüßten zurück: ‚JHWH segne dich!‘“ (ähnlich z.B. GN, H-R, HfA, NeÜ, NL, T4T).
5 Und Boas sagte zu seinem Jungen (Angestellten)1, der über die Schnitter gestellt war: „[Zu] wem [gehört]2 dieses Mädchen?“
- Junge (Angestelltem) - W. „Junge“, doch bezeichnet das Wort hier wie oft recht sicher das Dienstverhältnis (für angestellte Feldarbeiter auch in Ijob 1,5). Ob es sich dabei um Knechte oder Lohnarbeiter handelt, ist zunächst nicht zu erschließen; aber da Boas zunächst auch Rut mit diesen „Jungen“ und „Mädchen“ in einen Topf zu werfen scheint, können wir mutmaßen, dass es sich bei dem „Jungen, der über die Schnitter gestellt war“, wohl um jemanden wie den „Verwalter“ in Mt 20,8; Lk 12,42 handelt und dass dieser in Abwesenheit seines Herrn weitere „Jungen“ und „Mädchen“ - nämlich Lohnarbeiter - einstellen konnte, die Boas daher auch nicht kennen musste.
- [Zu] wem [gehört] - W. »Wem [ist] dieses Mädchen?«. Dass Rut sich hier über Ruts Verhältnis zu ihren Familienangehörigen nach ihrer Identität erkundigt (also nicht einfach fragt: »Wer ist das?«), ist ganz gewöhnlich (vgl. z.B. Lande 1949, S. 79: »Nicht in der Frage nach dem Eigennamen dürfen wir daher die allgemeine Erkundigungsformel erblicken, sondern in der viel häufigeren nach der Familienzugehörigkeit.«); das kommunikativere Äquivalent dafür ist doch einfach »Wer ist das Mädchen da?« (gegen de Waard/Nida 1992, S. 28; so auch BFC, GNB, GW, MSG, NIRV, NLT, Wycliffe).
6 Der Junge, der über die Schnitter gestellt war, antwortete: „Ein ''moabitisches Mädchen'' [ist] sie, das mit Noomi zurückgekehrt ist aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moab1.2
- Zu aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moab s. FN e zu Rut 1,1.6.22.
- Die Antwort des Verwalters wird gerahmt von der Betonung des Moabitertums Ruts; in »Ein moabitisches Mädchen [ist] diese« ist »moabitisches Mädchen« zudem emphatisch vorangestellt. Es ist wohl auch wirklich relevant, denn Ruts Mobitertum beißt sich mit ihrer Bitte, Nachlese halten zu dürfen (s. Anmerkungen); weshalb der Verwalter es dann eben auch doppelt hervorhebt.
7 Sie hat gesagt: »Ich würde [gerne] lesen und bei den Garben (in Garben, zu Garben, {bei den Garben}?, Halme?)1 hinter den Schnittern [her] sammeln.« Und (Also) sie kam und blieb (stand, las Ähren?, kam {und blieb}?)2 vom Morgen bis gerade eben; (bis jetzt, dieses/diese/jetzt/hier/hierher) ihr Sitzen (sie macht Pause?, sie kehrt zurück?, ihr Besitz?) im Haus (das Haus, nach Hause?, das/auf dem Feld?) [ist (währt)] [erst] seit Kurzem.“
- bei den Garben (in Garben, zu Garben, {bei den Garben}?, Halme?) - Zu bei den Garben s. die Anmerkungen. Vielen Exegeten scheint es schwierig, daher wollen sie das Wort entweder mit Syr und VUL streichen oder von ba`amarim (»bei den Garben [sammeln]«) nach ba`amirim (»Halme [sammeln]«) umpunktieren (=> Textkritik), was wohl unmöglich ist, da `amir ein Kollektivnomen ist und daher sehr wahrscheinlich nicht als Plural `amirim vorkommen kann, und da das Wort mit der Präposition b sehr unwahrscheinlich das Objekt von »sammeln« sein kann. Neuere deuten daher lieber als »in Garben sammeln« oder »zu Garben sammeln« (so z.B. Bush 1996, S. 114; Holmstedt 2010, S. 116; Hubbard 1988, S. 107; Korpel 2001, S. 99), was grammatisch möglich, aber sprachlich sehr redundant formuliert wäre und unnötig ist.
- Das Ende von V. 7 ist der schwierigste Satz im Rutbuch. Im Folgenden werden einige der besseren Lösungsvorschläge erklärt, doch keiner dieser Vorschläge ist ganz unproblematisch. In der LF wird daher nach SF-Kriterium 1a eine unauffällige, gut etablierte Übersetzung verwendet werden müssen; die Mischung aus am besten vertretbar und am etabliertesten ist: »Sie kam und ist dageblieben; von heute morgen bis gerade eben hat sie [nur] kurz Pause gemacht« (so oder ähnlich EÜ, GN, H-R, HfA, LUT, MEN, NeÜ, NL, R-S, TAF, ZÜR). Wörtlich übersetzt lautet der Text etwa: »Und-sie-ist-gekommen und-geblieben von dem-Morgen bis-jetzt/gerade eben, dieses/dieses ihr-Sitzen das-Haus kurz/seit-Kurzem.« # geblieben - Heb. wata`amod. (a) Auf den ersten Blick scheint dies so gedeutet werden zu müssen, dass Rut nach ihrer Ankunft nur herumgestanden wäre: »Sie ist gekommen und gestanden«. (b) Weil die meisten davon ausgehen, dass die Auskunft des Verwalters ein Hohelied auf Ruts Fleiß beinhaltet, deuten viele das Wort als »bleiben«, was sprachlich gut möglich wäre (»Sie ist gekommen und geblieben«), oder (noch häufiger) als »sie war auf den Beinen (d.h. sie war fleißig)«, was sprachlich nicht möglich ist. (c) Alternativ hat schon Houbigant 1777, S. 259 vorgeschlagen, wata`amod zu emendieren (=> Textkritik) nach wata`amor (»sie las Ähren«; erwogen auch von Rudolph 1962, S. 46): »Sie ist gekommen und hat Ähren gelesen«. Doch ist das Wort sonst nicht belegt. (d) Vorschlagen möchte ich (S.W.) außerdem, dass es sich bei »sie kam und stand« um eine ähnliche Doppelverb-formel handelt wie bei »sie ging und kam« in V. 3 (vgl. FN j; zu solchen Doppelverbformeln vgl. z.B. Polak 1989) und bei dem ähnlichen Doppelausdruck »sie warf sich auf ihr Gesicht und verneigte sich« in V. 10, und dass dieser dann verwendet wird, wenn vom Zurücklegen einer längeren Wegstrecke inklusive der Ankunft die Rede ist (»X kam und stellte sich zu Y« ≠ »X kam und positionierte sich bei Y«, sondern »X legte einen längeren Weg zu X zurück«, s. bes. 2 Kön 5,15.25; 8,9; 18,17; Jer 7,10; 17,19; Ez 9,2; Ez 10,6; Dan 2,2). Doch hat die Existenz dieser Formel bisher m.W. noch niemand vorgeschlagen. # bis-jetzt/gerade eben, dieses/dieses - zéh (»dieses/diese/jetzt/hier(her)«) kann (a) zu `ad-atta (»bis jetzt«) gezogen werden und `ad-atta zeh heißt dann »bis gerade eben« (s. 1 Kön 17,24; 2 Kön 5,22), (b) zu »ihr Sitzen« gezogen werden, was dann »dieses ihr Sitzen« heißt oder (c) für sich genommen und dann auf Rut (»diese«), den Zeitpunkt (»jetzt«) oder den Ort (»hier(her)«) bezogen werden. # ihr-Sitzen, heb. schibtah, ist ein Infinitiv und daher merkwürdig. Viele wollen deshalb emendieren (=> Textkritik): Entweder (a) soll dann umvokalisiert werden zu schabthah (»sie macht(e) Pause«; so LXX) oder (b) es soll nach schabah (»sie kehrt(e) zurück«; so VUL) korrigiert werden. (c) Premnath 1988, S. 55f denkt außerdem, jaschab könnte auch für das Besitzen von Land stehen; dem folgend könnte man schibtah deuten als »ihr Besitz« - aber eigentlich hat das Hebräische hierfür andere Vokabeln. # das-Haus ist problematisch: Bei den Feldern standen keine Häuser und »Zelt« oder »Hütte« kann bajit nicht heißen. (a) Sehr viele wollen daher das ganze Wort streichen (z.B. Bush 1996, Gerleman 1965; Köhlmoos 2010; Rudolph 1962; Würthwein 1969; Zenger 1986). (b) BHQ und Weippert 1978, S. 272 haben außerdem erwogen, ob bajit nicht wie seine akkadischen und arabischen Kognate »Grundstück, Feld« heißen könne. Im Mischnahebräischen ist das recht sicher so: Vogelstein 1894 listet eine ganze Reihe von Feldbezeichnungen, in denen bajit »Feld« bedeutet (s. S. 10.13.16.23.59) und der Besitzer des Feldes heißt in Mischna und Tosefta fast stets ba`al habajit (»Herr des Hauses«). S. dann noch Jes 5,7-9 (dazu Premnath 1988, bes. S. 54f) und Jer 31,27, wo dann vielleicht mit dieser Doppelbedeutung gespielt wird, auch Jer 32,15; Mi 2,2; Neh 5,3.11.13. (c) Eine weitere Gruppe deutet habajit als adverbialen Akkusativ mit der Bedeutung »im Haus« oder »zu/nach Hause«. Basierend auf diesen Optionen lassen sich aus dem Text folgene Situationen rekonstruieren: * Am häufigsten vertreten: Rut kam auf Boas Feld an, begann auf die vorläufige Erlaubnis des Verwalters mit ihrer Nachlese und war dann so fleißig, dass der Aufseher Boas berichten kann: ** Sie kam und blieb (1b). Hier (2c) [war] ihr Sitzen (=ihr Aufenthaltsort), das Haus (=Noomis Haus in der Stadt) [dagegen nur] wenig. (ein Lob auf ihren Fleiß; so Moore 1997 nach Lys 1971; ähnlich Loader 1992: Dies ist ihr Aufenthaltsort; sozusagen ihr Heim.; ähnlich auch Hubbard 1988, S. 151) - Dieser Vorschlag kommt bisher als einziger mit dem hebräischen Text zurecht, wie er vorliegt (abgesehen von der Akzentuation), ist aber so elliptisch, dass er bisher nur wenig Anerkennung gefunden hat. ** ähnlich: [...]. Ihr zuhause-Sitzen weilt [nur] kurz. (=das ist eine, die nur wenig zuhause herumsitzt - so schon LUT, van Ess; Hajek 1962, S. 51; Korpel 2001, S. 92. So sogar schon um 1200 Jesaja Di Trani; vgl. Zakovitch 1999, S. 113) - doch ist die Deutung von »Ihr Sitzen zuhause [ist] kurz« als generelle Aussage über Ruts Fleiß doch recht gezwungen. ** Weil Rut als Leserin so unerfahren ist, hat sie trotz ihres Fleißes nur wenig Ertrag zusammengebracht: Sie kam und war seit heute Morgen auf den Beinen (1b), und bis gerade eben (2a), wo sie sich zu Hause (4c) wieder setzen will (=wo sie wieder nach Hause zurückkehren will), [ist es (=das, was sie gesammelt hat)] [nur] wenig. (Barthélemy 1982, S. 132; Zimolong 1940; nun auch BHQ) - Aber das ist unlogisch. Der folgende Text zeigt ja, dass noch mindestens ein Essen und eine weitere »Lese-Einheit« folgt. Warum sollte dann Rut nach Hause zurückkehren wollen, wo es doch gerade so wenig ist, was sie gesammelt hat? Außerdem kann »sie stand« nicht »sie war auf den Beinen« heißen, und es ist schwer glaublich, dass gerade »es« - das, was sie gesammelt hat - ausgespart sein sollte, wo es doch das Thema der Aussage ist. * Rut ist bei Boas Feld angekommen, doch der Verwalter hat ihr die Erlaubnis zur Nachlese nicht erteilt: Sie kam und stand (1a) von heute Morgen bis gerade eben [...] (so z.B. Campbell 1975, S. 94f.; ähnlich Sasson 1979, S. 47.56; Hubbard 1988, S. 154.176) - Doch in dem Fall wäre gerade das problematische »ihr Sitzen das Haus wenig« unmotiviert. * Rut war den ganzen Vormittag von Feld zu Feld unterwegs, ist aber überall abgewiesen worden. Nun ist sie bei Boas Feld angekommen und hat sich erschöpft niedergelassen: Sie war von heute Morgen bis jetzt hierher (2c) unterwegs (1d); ihr Sitzen das Haus/auf dem Feld (4a/4b) [ist (=währt)] [erst] seit Kurzem (d.h., sie ist gerade erst angekommen). - doch ist die Existenz der Formel »sie kam und stand« als »sie war unterwegs« m.W. von niemandem vorgeschlagen worden und die Streichung von habajit doch ein recht krasser Eingriff in den Text / die Deutung von bajit als »Feld« nicht allgemein anerkannt. Mir (S.W.) ist diese Deutung dennoch recht sympathisch, weil dann Boas Reaktion in V. 8 so gut motiviert wäre: »Du musst nicht zum Lesen auf ein anderes Feld gehen; von hier musst du nicht fort, sondern du darfst hier bleiben, bei meinen Mädchen.« * Sie kam und blieb (1b) von heute Morgen bis gerade eben. Ihr Besitz (3c) an Land (4b; eine Constructus-Verbindung mit zwischengeschaltetem Possessivpronomen, vgl. IBHS §9.3.d.14; zum Infinitiv im Status Constructus vgl. JM §49b, FN 6) [ist] [nur] gering., eine Rechtfertigung des Verwalters dafür, dass er Rut die Nachlese gewährt hat; denn zur Nachlese waren nur arme Bürger mit nur wenig oder gar keinem Landbesitz zugelassen. Doch weder die Deutung von bajit als »Land« noch von jaschab als »besitzen« ist allgemein anerkannt.
8 Und Boas sagte zu Rut: „Höre, meine Tochter:1 Gehe nicht (du musst nicht gehen) zum Sammeln auf ein anderes Feld und ziehe auch nicht fort (du musst nicht fortziehen) von hier, sondern hänge dich hier (so:) an meine Mädchen (bleibe hier bei meinen Mädchen, du darfst bleiben).2
- Höre, meine Tochter: (V. 8) + Hiermit befehle ich meinen Jungen... (V. 9) - W. »Hörst du nicht, meine Tochter!?,...« + »Habe ich nicht meinen Jungen befohlen...?«, doch rhetorische Fragen werden im Hebräischen auch häufig als Ausrufesätze verwendet (vgl. z.B. Driver 1973). So auch viele Üss, auch Campbell 1975, S. 85f.; Holmstedt 2010, S. 118; Hubbard 1988, S. 154; Köhlmoos 2010, S. 30; Loretz 1963, S. 50; Sasson 1979, S. 49. Eine Übersetzung mit »Lass mich dir einen Rat geben: ...« (so z.B. de Waard/Nida 1992, S. 26; GN, HfA) ist nicht zu empfehlen: Erstens ist der Aufruf zum Zuhören im Hebräischen eine stereotype Formel, um ein Gespräch oder im Verlauf dieses Gesprächs eine Instruktion einzuleiten (s. z.B. Gen 23,6.8.11.15; schön auch 2 Sam 20,17); zweitens trifft dies hier eher nicht den Sinn von Boas Äußerung, die doch wohl kein Verbot ist, auf ein anderes Feld zu gehen, sondern eine Erlaubnis, hierbleiben zu dürfen (s. die Übersetzungsalternativen). Besser: »Hör mal, meine Tochter:...«
- Auffallender Stilbruch: Boas sagt hier gleich drei Mal das selbe; ein starker Kontrast zu seinen beiden Zwei/Drei-Wort-Sätzen in Vv. 4.5. Erwähnenswert ist noch ein neuer Interpretationsvorschlag von Müller 2013: »weggehen« steht mit der Negationspartikel ´al, »fortziehen« dagegen mit der Negationspartikel lo´. Weil solche Verneinungen mit ´al häufig entweder für Verbote oder für zeitlose moralische Prinzipien verwendet werden (s. FN ba zu Ob 12-14), folgt Müller Syr und fasst den ersten Satz als ein Sprichwort auf: »Hast du nicht [das Sprichwort] gehört: ‚Man gehet nicht auf eines Andren Felde sammeln‘? - Demnach willst [wohl] auch nicht von hier fortziehen, [oder]? [Na gut,] dann hänge dich hier an meine Mädchen!«Das ist eine schöne Interpretation, aber unnötig: ´al und lo´ werden noch häufiger derart austauschbar nebeneinander verwendet (s. z.B. Ex 23,1; Lev 10,6; 11,43; 1 Kön 20,8; Spr 22,24).
9 Deine Augen [seien] auf das Feld [gerichtet], das sie abernten1. Gehe hinter ihnen (zusammen mit ihnen)2. [Hiermit] befehle ich meinen Jungen, dich nicht anzurühren (anzugreifen, mit dir keinen Geschlechtsverkehr zu haben)? Und wenn du Durst hast, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was [auch] die Jungen schöpfen!“
- das sie abernten - »sie«: maskulin, also die männlichen Erntearbeiter.
- ihnen: feminin. Entweder also die weiblichen Garbenbinderinnen, dann »folge ihnen«, oder die anderen Frauen, die Nachlese halten; dann »gehe an ihrer Seite« (zu ´achar als »(zusammen) mit« s. FN aq zu Rut 1,15). Aber der letzte weibliche Referent sind »meine Mädchen«, daher ist die erste Option doch sehr viel wahrscheinlicher.
10 Da warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts1 und sagte zu ihm: „Warum [nur] habe ich Gefallen in deinen Augen gefunden,2 so dass du mich [wohlgefällig] ansiehst, obwohl ich Ausländerin [bin]?“
- warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts - eine weitere gebräuchliche Doppelverbformel (s. FNn j. t; zu dieser speziell vgl. Polak 1989, S. 451. Zur Wiedergabe mit „sie warf sich auf ihr Gesicht“ statt „sie fiel...“ vgl. Péter-Contesse 2013, S. 25); ebenso gedoppelt z.B. in Jos 5,14; 1 Sam 25,23; 2 Sam 9,6; 14,22; 2 Chr 20,18; ähnlich 1 Sam 20,41; 2 Sam 14,4. Die Bedeutung ist nur: „Sie verneigte sich“; eine Geste, aus der gleichzeitig Demut und überwältigte Dankbarkeit spricht. Den Verneigungsgestus hat man sich in etwa vorzustellen wie die im Islam übliche Gebetshaltung: Man kniete sich nieder und beugte seinen Kopf zur Erde hinab (vgl. de Waard/Nida 1992, S. 31). Richtig daher MSG: „Sie sank auf ihre Knie und beugte ihr Gesicht zur Erde“ (ähnlich EÜ, T4T), doch stiltreuer wäre einfach „Da warf Ruth sich vor ihm nieder“ (ähnlich z.B. GN, HfA, NeÜ, NL). Am besten NLT: „Da warf sich Ruth ihm zu Füßen nieder und dankte ihm herzlich [besser: rief überwältigt:]“.
- Gefallen in deinen Augen gefunden ≠ »Wie habe ich das verdient«, sondern »Wie kann das sein, dass du wohlgefällig auf mich blickst - obwohl ich doch Ausländerin bin?«; der letzte Satz ist klar der Gegensatz zu den ersten beiden. Das wird noch zusätzlich betont durch ein unübersetzbares Wortspiel: »... dass du wohlgefällig auf mich blickst und mich beachtest (lähakireni, von nakar »beachten«), obwohl ich doch Ausländerin (nokrijah) bin?«
11 Boas anwortete {und sagte zu}1 ihr: „Berichtet {berichtet}2 wurde mir alles, was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast3: [dass] du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du vorher (gestern vorgestern)4 nicht kanntest.
- {und sagte zu} (V. 11) + {indem er sagte} (V. 15) - Doppelte Redeeinleitung finden sich sehr häufig im Hebräischen und sind dort ganz gewöhnlich. Im Deutschen können sie ohne Bedeutungsverlust gestrichen werden.
- Berichtet {berichtet} - Ein sog. »tautologischer Infinitiv«: Ein Verb wird doppelt verwendet; einmal im Infinitiv und einmal als finites Verb. Nicht: »Mir wurde genau berichtet« (so viele Üss.); die Funktion dieser Konstruktion ist es, den Modus der gesamten Aussage zu betonen (vgl. Jenni §10.3.1.1); hier soll also betont werden, dass Boas in der Tat von Ruts Handeln berichtet wurde (vgl. IBHS § 35.3.1b), da dieser Bericht von Ruts Handeln für Boas das Gegengewicht zu ihrem Ausländertum darstellt und schwerer wiegt als dieses. Also: »Ich versichere dir: Mir wurde berichtet«, d.h. in idiomatischerem Deutsch: »Weil mir [ja/doch/...] berichtet wurde,...« (ebenso Jos 9,24).
- was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast - Ein »Segens-Update«: Noomi wünscht ihren Töchtern den Segen Gottes für alles, was sie ihr und ihren Ehemännern getan haben (Rut 1,8); Boas nun wünscht Rut Gottes Segen für alles, was sie in der Zwischenzeit, nämlich nach dem Tod ihres Mannes für ihre Schwiegermutter getan hat.
- vorher (gestern vorgestern) - W. »gestern vorgestern«; ein Idiom für »vorher, früher«.
12 JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israels, zu dem (weil) du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (um dich unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)1!“
- unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (unter seinen Gewandzipfeln zu bergen) - zur Vorstellung des beflügelten JHWH s. noch Ps 17,8; 36,8; 57,2; 61,5; 63,8; 91,4 - eine geläufige Metapher für JHWH als schützende Gottheit; vergleichbar dem Bild der Schutzmantelmadonna. Allerdings ist nicht leicht verständlich, warum Boas diese Metapher verwenden sollte, denn Rut ist ja gar nicht nach Israel gekommen, um bei JHWH Schutz zu suchen. Der Autor legt Boas diese Formel also sehr wahrscheinlich deshalb in den Mund, um über diese Formel später (Rut 3,9) mit JHWH gleichschalten zu können; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.Vielleicht aber auch wirklich so: Ebenfalls geläufig in der Bibel ist die Metapher von JHWH als dem Ehemann des gläubigen Israels, s. Jes 62,4f; Jer 2,2; Jer 16,8; Hos 2, bes. Vv. 2.7.16.19f; so dann auch über Jesus, s. Mk 2,19f; 2 Kor 11,2. Noch häufiger wird der Glaubensabfall metaphorisch als Ehebruch geschildert. Bestandteil dieser Metapher ist die Bekleidung der Braut Israel mit einem Kleidungsstück ihres Ehemanns JHWH (wie ja auch in Rut 3,9 der »Mantel, den Boas über Rut decken soll«, wie im Alten Arabien sehr sicher ein Symbol für die Heirat ist; vgl. bes. Kruger 1984; z.B. auch Bohlen 1992, S. 12f.; Smith 1907, S. 105), s. bes. Ez 16,8; angedeutet wohl auch Jer 2,31f (das Vergessen des Gürtels durch die Braut als Symbol für den »Ehebruch« Israels mit JHWH). Noch häufiger belegt ist das Gegenteil: Die Strafe für diesen »Ehebruch« ist das Entkleiden des Ehebrechers Israel, s. Jes 47,2f (vgl. Vv. 8f); Ez 16,39; Hos 2,5.11; Nah 3,4f. Vielleicht ist also kanap hier besser wie in Rut 3,9 als »Gewandzipfel« und das »Bergen unter diesen Gewandzipfeln« (Plural auch in Jer 2,34; Ez 5,3) wie dort als Symbol für die Ehe - nämlich zwischen JHWH und Rut - aufzufassen, die widerum Metapher für Ruts Bekehrung zum Judentum ist (wie die Stelle tatsächlich schon TgRut aufgefasst hat: »JHWH, der Gott Israels, unter dessen glorreicher Schechina Schatten du gekommen bist, um bekehrt und beschützt zu werden.« (Üs. nach Levine 1973, S. 28)). Ähnlich aber nur Gray 1967, S. 414f.
13 Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen finden1, mein Herr2, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast3. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?4“
- Möge ich in deinen Augen Gefallen finden - das dritte Vorkommen dieser Formel; wieder in anderer Bedeutung. Nicht: »[weiterhin] Gefallen finden« (so viele Üss.); gut erklärt von Ehrlich 1908, S. 163f: <blockquote>»[...] Als unabhängiger Satz drückt [die Formel] nicht eine Bitte oder einen Wunsch aus, sondern die Versicherung, dass der Redende einen ihm gewordenen gültigen Zuspruch oder eine Wohltat, die ihm der Angeredete bereits erwiesen hat, zu würdigen weiss und in der Zukunft sich Mühe geben will, sich dafür dankbar oder, mehr wörtlich, ihm gegenüber ein gefälliges Wesen zu zeigen, vgl. Gen 47,25; 1 Sam 1,18; 2 Sam 16,4 und besonders Rut 2,13. Letztere Stelle ist von besonderer Beweiskraft, weil dort der Grund der Versicherung ausdrücklich genannt ist. [...] Das ist der eigentliche Sinn des fraglichen Ausdrucks, doch erscheint in sämtlichen oben angeführten Fällen, wie bei allen Höflichkeitsformeln zu geschehen pflegt, der ursprüngliche Begriff abgeschwächt, sodass man damit nur sagen will: ich danke.«;</blockquote> der Sinn ist also eher: »Für diesen Zuspruch danke ich Ihnen, mein Herr - möge ich mich ihm als würdig erweisen (=Gefallen finden in Ihren Augen).« Als Dankesformel deuten auch HfA, MEN, R-S.
- mein Herr + Magd - geläufige Höflichkeitsstrategie: Man spricht von sich und dem Gegenüber nicht als »ich« und »du«, sondern in der 3. Pers. als »Magd« und »Herr« (vgl. z.B. Warren-Rothlin 2007, S. 62f.; z.St. auch de Waard/Nida 1992, S. 34; Gray 1967, S. 415). Der Kontrast ist hier besonders stark, da Boas Rut direkt zuvor als »meine Tochter« angesprochen hat: Rut ist ganz außerordentlich höflich und demütig. Übersetze besser: »Möge ich Gefallen in Ihren Augen finden (dazu s. vorige FN), mein Herr, da Sie mich getröstet und zu meinem Herzen (dazu s. nächste FN) gesprochen haben.«
- zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - Idiom sowohl für »trösten« (s. noch Gen 50,21; Jes 40,2) als auch für »Mut zusprechen« (s. noch 2 Sam 19,8; 2 Chr 30,22; 32,6). Wahrscheinlich ist hier beides im Blick (so auch Campbell 1975, S. 100).
- Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!? - d.h. »dabei bin ich ja nur wie eine deiner Mägde!«; ein weiteres Mal wird eine rhetorische Frage als Ausrufesatz verwendet (=> Yiqtol; in Fragesätzen wird Yiqtol des Öfteren wie Qatal verwendet; vgl. ähnlich Driver 1973, S. 108). LXX und VUL haben das wohl richtig gesehen und als positiven Aussagesatz übersetzt, LXX aber das Yiqtolverb zu wörtlich mit Futur wiedergegeben. Eine Umpunktierung von lo´ (»nicht«) nach lu´ (»wahrlich«, so Houbigant 1777, S. 259; Haller 1940, S. 10) ist unnötig; die Deutung als selbstsichere Einschränkung (»Ich danke dir, dass du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - aber ich werde nicht wie eine deiner Mägde sein!«, so Köhlmoos 2010, S. 30.44; Niccacci 1995, S. 86) macht wenig Sinn.
14 Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: »Komm zur Essenszeit hierher«1)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essig2!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichte3 ihr Röstkorn4, sie aß, wurde satt und lies übrig.
- Boas sagte zu ihr: »Komm zur Essenszeit hierher« - so löst nur Holmstedt 2010 (gegen die Akzentuation der Masoreten) auf - »weil die masoretischen Akzente Prosodie und nicht Syntax markieren« (S. 132). Aber Prosodie geht ja mit Syntax Hand in Hand; nach der masoretischen Akzentuation hat man doch nach der Primärübersetzung zu deuten.
- Essig - Weinessig; aus dem rabbinischen Schrifttum geht das deutlich hervor (vgl. Löw 1928, S. 102ff; auch Dalman 1933, S. 18; Dalman 1935, S. 388). Davon, dass Erntearbeiter bei Hitze ihr Brot in Essig tunken, spricht auch LevR 34,8, da dieser »bei Hitze geeignet« sei (Shabbat 113b; zitiert nach Zakovitch 1999, S. 120f).
- reichte - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Offenbar verwandt sind das mischnahebräische Wort für „Henkel“, das akkadische Wort für „festhalten, greifen“ und das ugaritische Wort für „Zange“; vermutlich bezieht sich das Wort also auf den Akt des Greifens und Weiterreichens (vgl. z.B. Zakovitch 1999, S. 121).
- Röstkorn - Über dem Feuer geröstete Getreidekörner; ein im Alten Orient (und noch heute) verbreiteter Snack.
15 Dann stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)1. Und Boas befahl seinen Jungen {indem er sagte}: „Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr) sie nicht beschimpfen (beschämen, verletzen)!
- stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln) + Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr) - Die meisten Ausleger sehen in diesem Satz eine besondere Bevorzugung Ruts durch Boas: Normalerweise sei es Nachlesern nicht erlaubt, zwischen den Garben zu sammeln; Boas aber erlaubt es ihr nicht nur, sondern verbietet sogar seinen Erntehelfern, sie dafür zu tadeln, deshalb macht Boas Rut auch dieses besondere Zugeständnis, als sie gerade aufsteht und noch in Hörweite ist. Wahrscheinlich ist es aber überhaupt keine besondere Bevorzugung, zwischen den Ähren Nachlese halten zu dürfen (s. Anmerkungen) und die besondere Bevorzugung besteht nur im Verbot des Tadelns. In diesem Falle sollte man nach den beiden alternativen Auflösungen deuten (zur Auflösung von „stand auf, um“ als „begann, zu“ vgl. bes. Dobbs-Allsopp 1995). Zumindest syntaktisch deutet so auch VUL: „Auch, wenn sie zusammen mit euch ernten will, dürft ihr es ihr nicht verbieten“ (auch EÜ; Niccacci 1995, S. 87f), und auch Midrasch Suta sieht im Verbot des Tadels die besondere Bevorzugung: „Schätzt sie nicht gering, da sie eine Königstochter ist, und scheltet nicht mit ihr, noch lasset sie verletzende Worte hören, sondern lasst sie, ohne sie zu beschämen, zwischen den Garben Ähren auflesen!“ (Üs. nach Hartmann 1901, S. 49).
16 Ja, mehr noch: Ihr sollt ihr [durchaus] herausziehen {herausziehen} (herunterwerfen {herunterwerfen}?)1 aus den Handbündeln2, [es liegen] lassen und sie soll [das Liegengelassene] sammeln. Und ihr sollt sie nicht schelten!“
- [durchaus] herausziehen {herausziehen} (herunterwerfen {herunterwerfen}) - Schwieriger Ausdruck. Alle neueren deuten so, dass der Ausdruck abzuleiten sei von einem nur hier verwendeten Wort schalal II (»herausziehen« - im Gegensatz zum gebräuchlicheren, gleichlautenden schalal I »plündern«) und dass das Wort in diesem Ausdruck schol-tascholu einmal im Infinitiv und einmal im Yiqtol verwendet wird - ein sog. »tautologischer Infinitiv«, der den Befehlscharakter der Äußerung noch verstärkt (vgl. FN ab zu V. 11, daher [durchaus]).In Ermangelung einer besseren Deutung folgen auch wir dem; allerdings ist diese Deutung recht problematisch: Wenn der Infinitiv schol von diesem schalal abgeleitet wäre, wäre eigentlich schalôl zu erwarten, und selbst wenn hier - wie in Ausnahmefällen möglich - Infinitivus constructus für Infinitivus absolutus verwendet wird, wäre schälol zu erwarten (vgl. JM §123q; s. Jes 10,6; Ez 38,12; 38,13 (bis)). Man muss für diese Deutung also (1) von der Existenz eines Verbs ausgehen, das gleich lautet wie ein verbreiteteres Wort und das nur hier verwendet wird, (2) davon, dass es entweder irregulär konjugiert (so z.B. Olshausen §245i) oder falsch geschrieben ist und das letzte l durch Dittographie ausgefallen ist (so GKC §67o), was (3) auch nur funktioniert, wenn man davon ausgeht, dass hier ausnahmsweise Infinitivus constructus für Infinitivus absolutus verwendet wird, und dies (4), obwohl weder Tg noch LXX noch VUL noch Lekach Tob noch Raschi dieses Wort zu kennen schienen und daher übersetzten, als würde naschol tischlu (»ihr sollt herunterwerfen {herunterwerfen}«, von Heb. naschal) stehen (das sich in den Konsonanten nur durch ein zusätzliches n am Beginn des ersten Wortes vom masoretischen Text unterscheidet); ähnlich auch Ben Eli. Joüon geht deshalb soweit, drei Konsonanten zu ergänzen und statt schl tschlw zu lesen: schblim tschlw (»ihr sollt Ähren herunterwerfen«; Joüon 1913, S. 204). Besser sollte man dann vielleicht doch nach LXX, Tg, VUL und Lekach Tob von einem ursprünglichen naschol tischlu (»ihr sollt herunterwerfen {herunterwerfen}«) ausgehen, obwohl keine einzige heb. Handschrift erhalten ist, in der diese Textvariante sich findet.
- Handbündel - Die beim Ernten in der linken Hand gehaltenen Ährenbündel; s. die Anmerkungen und vgl. z.B. Dalman 1933, S. 42; Humbert 1950, S. 206f.; Vogelstein 1894, S. 62.
17 Und so sammelte sie auf dem Feld bis zum Abend; dann kopfte sie das, was sie gesammelt hatte, aus1 - und es ergab ungefähr ein Efa (genau ein Efa, ein ganzes Efa)2 Gerste.
- klopfte aus - dazu s. die Anmerkungen
- ungefähr ein Efa (genau ein Efa, ein ganzes Efa) - das k in kä´epha könnte gedeutet werden als approximatives Kaf („ungefähr ein Efa“; so die meisten), als Kaf veritatis („genau ein Efa“; so erwogen von Campbell 1975, S. 104) oder ein emphatisches Kaf („ein ganzes Efa“, so offenbar niemand). Ein „Efa“ ist ein israelitisches Trockenmaß. Wieviel genau es umfasste, ist unsicher. Folgt man dem System von Schmidt 2014, entspricht ein Efa entweder zwischen 10 und 20 Liter (also etwa 6-12 kg) oder zwischen 36 und 39 Liter (also etwa 22-24 kg) Gerste (vgl. z. St. ähnlich Younger 1998, S. 124f). Der Tagesbedarf lag bei etwa 1 l Gerste; minimal hätte also Rut an einem Tag für fünf Tage ihre und Noomis Ernährung sichergestellt, maximal für fast 3 Wochen - in jedem Fall weit mehr, als man für einen Tag Nachlese hätte erwarten dürfen. Für die LF wäre eine Wiedergabe in kg sinnvoll, aber da nicht sicher ist, wie viele kg genau ein Efa sind, ist eine Empfehlung schwierig. Zur Zeit Ruts war wahrscheinlich die kleinere Efa-Variante verbreitet, also 6-12 kg - übersetze daher am Besten „über 5 kg!“Die deutschen Üss., die eine Umrechnung liefern, folgen entweder den Berechnungen von Albright, der das Flüssigmaß „Bath“ auf 22 l berechnet und dann das Trockenmaß Efa mengenmäßig mit dem Bath gleichsetzt (so z.B. GN, HfA, NeÜ, SLT) oder den Berechnungen, die ein Efa mit dem persischen maris gleichsetzen und daher als 40 l bestimmen (so z.B. NL)
18 Sie hob es auf (wuchtete es hoch)1, kam in die Stadt und zeigte ihrer Schwiegermutter (ihre Schwiegermutter sah)2, was sie gelesen hat und zog heraus und gab ihr, was sie übrig gelassen hatte nach ihrer Sättigung.
- hob es auf (wuchtete es hoch) - W. „hob es auf“; vermutlich expliziert, um das Gewicht ihres Ertrags zu betonen; daher besser „wuchtete es hoch“ o.Ä.
- Textkritik: zeigte ihrer Schwiegermutter (ihre Schwiegermutter sah) - nach dem (vokallosen) Urtext sind beide Deutungen möglich. MT deutet durch Vokalisation und LXX und Tg durch Übersetzung als „ihre Schwiegermutter sah“, Syr, VUL und Arab durch Übersetzung als „sie zeigte ihrer Schwiegermutter“. BHQ wertet die zweite Lesart nach Barthélemy 1982, S. 133 als „syntaktische Erleichterung“, weil sie auf einen gleichmäßigeren Text ziele; aber ebenso leicht kann man das Zustandekommen der Deutung von MT, LXX und Tg damit erklären, dass sie sich daran orientierten, dass „was sie übriggelassen hatte“ den Objektmarker ´éth hat, „ihre Schwiegermutter“ aber nicht (was aber sehr häufig vorkommt). Es gibt keinen Grund, der Deutung von MT den Vorzug zu geben; vier spätere Handschriften haben sogar einen weiteren Objektmarker vor „ihre Schwiegermutter“ eingefügt, um eine andere Deutung auszuschließen. Dieser Lesart folgen z.B. auch Bertholet 1898, S. 62; Gray 1967, S. 415; Hamann 1871, S. 18f.; Wright 1864, S. 34; Würthwein 1969, S. 13; Zakovitch 1999, S. 125; Zenger 1986, S. 52.
19 Da sagte ihre Schwiegermutter: „Wo1 hast du heute gesammelt und wo gearbeitet? Es sei, der dich [wohlwollend] angesehen [hat]2, gesegnet!“ Da erzählte sie ihrer Schwiegermutter, wer [es war], bei dem sie gearbeitet hatte. Sie sagte: „Der Name des Mannes, der [es war], bei dem ich heute gearbeitet habe, [ist]: Boas.“
- Wo - Das Heb. verwendet in dieser Frage zwei verschiedene Wörter für »wo« - vermutlich deshalb, weil das erste (´ephoh) ähnlich klingt wie »Efa« (´epha; so gut Zakovitch 1999, S. 126) - Ruts großer Ertrag ist es, der Noomis Frage provoziert.
- der dich [wohlwollend] angesehen [hat] - d.h., »dein Wohltäter«. Das selbe Verb wie in V. 10.
20 Da sagte Noomi zu ihrer Schwiegertochter: „Gesegnet [sei] jener von JHWH1, der nicht von seiner Treue zu den Lebenden und den Toten abgelassen hat2 (der [in] seiner Treue die Lebenden und die Toten nicht verlassen hat).“ Und dann sagte3 Noomi zu ihr: „Der Mann [ist] mit uns ''verwandt'' - das heißt: Er ist unser ''Löser''!4“
- Gesegnet [sei] jener von JHWH - zur Deutung von l als »von« vgl. z.B. BrSynt §107e. Theoretisch auch möglich: »Gesegnet sei er vor JHWH« oder »anempfohlen sei er dem JHWH«; so oder so ist aber der Sinn der der obigen Übersetzung: Noomi wünscht JHWHs Segen auf Boas herab.
- der nicht von seiner Treue zu den Lebenden und den Toten abgelassen hat könnte sich sowohl auf jenen, d.h. Boas, oder auf JHWH beziehen. Wohl bewusst; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.
- Und dann sagte - W. „Und sie sagte“, die redundante Redeeinleitung soll hier den Höhepunkt des Dialogs von Noomi und Rut markieren (vgl. Runge 2007, S. 169, FN 226).
- das heißt: Er ist unser Löser! - sicher nicht: »er ist einer von unseren Lösern« (so fast alle). Zunächst ist »Löser« hier Singular, so dass es dann übersetzt werden müsste »er ist einer von unser Löser« (was sich noch durch scriptio defectiva erklären ließe), vor allem aber gibt es immer nur einen Löser, so dass der Sinn höchstens sein könnte: »Er gehört zu denjenigen, die potentiell als unsere Löser fungieren könnten [wenn jeweils die, die vor ihnen in der Reihenfolge der Löserpflicht stehen, die Ausübung dieser Löserpflicht verweigern].« (vgl. Brichto 1973, S. 13: »he is a kinsman of ours, in the 'redeemer line'«; Campbell 1975, S. 88: »one of our circle of redeemers«). Dass es auch nach dem Rechtssystem des Rutbuchs nur einen Löser gibt, sieht man deutlich an Rut 4,5 (so auch Meek 1960, S. 332f.; Staples 1937, S. 63f.). Besser ist daher das min (»von«) als min explicativum zu deuten (»das heißt«, vgl. ZLH, S. 446), was dann auch erklärt, warum Rut in Kapitel 3 denkt, Boas wäre in der Tat ihr Löser. Wegen dieser Stelle ist auch der Vorschlag von Gesenius und Meek abzulehnen, der das min als »nächster nach« deuten will (»er ist der Nächste nach unserem Löser«; Gesenius 1840, S. 805; Meek 1960, S. 333).
21 Da sagte Rut, die Moabiterin: „Dazu [kommt], dass1 er zu mir gesagt hat: »An die Jungen2, die mir [sind (gehören)]3, hänge dich, bis die ganze Ernte beendet ist, die mir [ist (gehört)]!«“
- Dazu [kommt], dass - W. »Zusätzlich [ist (=gilt), dass]«. Gut Bertholet 1898, S. 62: »[... Dies] gibt die lebhafte Rede wieder: auch das noch muss ich beifügen, dass....«
- Jungen (V. 21) + Mädchen (V. 22) - Dass Rut hier von »Jungen« spricht, obwohl Boas oben von »Mädchen« gesprochen hat und dass direkt folgend auch noch Noomi wieder von »Mädchen« spricht, hat vielen Kommentatoren Anlass zu Spekulationen gegeben. Fischer 2001, S. 190f z.B. deutet Rut als eine Feministin, die dem androzentrischen Weltbild ihrer Schwiegermutter entgegenkommen will; Köhlmoos 2010 denkt, dass Boas und Noomi die junge Rut vor Belästigungen durch die Männer bewahren wollen und V. 23 dann ausdrücken soll, dass die beiden diese Diskussion »gewonnen« (S. 50) hätten. Und im Midrasch gibt diese Merkwürdigkeit des Textes Rabbi Chanin bar Levi Anlass für eine despektierliche Bemerkung über den Charakter von Moabiterinnen: »[Natürlich] war sie [nur] eine Moabiterin, [denn] er sagte: ‚Halte dich zu meinen Dirnen [...]‘« (Üs. nach Wünsche). Für solche ältere und neuere Midraschim gibt der Text bei weitem nicht genügend Anhaltspunkte; besser wäre in der Tat noch, mit Zakovitch 1999, S. 129 das »Jungen« in V. 21 nach VUL und LXX nach »Mädchen« zu emendieren (da beide Worte sich im Hebräischen sehr ähnlich sehen und leicht miteinander verschrieben werden konnten); noch besser aber, das Maskulin einfach für ein generisches Maskulinum zu halten: Rut spricht allgemein davon, dass sie sich an Boas Erntearbeitern - männlich wie weiblich - halten darf; Boas und Noomi sind präziser und sprechen nur von den Erntearbeiterinnen (so auch de Waard/Nida 1992, S. 42; ähnlich Zenger 1986, S. 53). Dahin weist auch die Rede vom »anderen Feld« in V. 22: Entscheidend ist für Noomi nicht, dass Rut mit den Mädchen statt den Jungen geht, sondern dass sie mit Boas Erntearbeitern statt den Erntearbeitern auf einem anderen Feld arbeitet.
- die mir [sind (gehören)]/[ist (gehört)] - die zweimalige Konstruktion mit die mir [ist/sind] ist stilistisch so auffällig, dass z.B. Perles 1922, S. 84 sie als Aramäismen erklären und Rudolph 1962, z.St. die zweite gar als falsche Wiederholung streichen möchte. Der Effekt der Konstruktion ist die explizitere Zuordnung von Jungen und Ernte zu Boas: Entscheidend ist nicht, dass Rut sich nicht an andere Jungen »hängen« oder bei einer anderen Ernte Nachlese halten soll, sondern, dass sie sich nicht an andere Jungen als die des Boas hängen und an einer anderen Ernte als der des Boas beteiligen soll: Rut soll bei Boas bleiben.
22 Da sagte Noomi zu Rut, ihrer Schwiegertochter: „Gut (besser) [ist (wäre)] es, meine Tochter, wenn du mit seinen Mädchen gehst (Gut, meine Tochter! Ach, gehe mit seinen Mädchen!), sodass man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen kann (dann wird man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen).“
23 Also hängte sie sich an die Mädchen des Boas, um zu sammeln, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendet war. Dann blieb sie bei ihrer Schwiegermutter.
Chapter 3
1 1 [Eines Tages] sprach Noomi, ihre Schwiegermutter, zu ihr: „Meine Tochter, will ich nicht2 für dich Ruhe (eine Heimstatt)3 suchen, damit (wo) es dir gut geht?4
- [Status: Zuverlässig]
- Will ich nicht...? (V. 1) + Ist nicht...? (V. 2) + Siehe (V. 2) - Die beiden rhetorischen Fragen dienen hier - wie oft (vgl. bes. Moshavi 2011, S. 99f) - zur Begründung der in Vv. 3f folgenden Aufforderung; die Argumentationsstruktur von Vv. 1-4 ist also etwa diese: 1-2a: Hintergründe der Aufforderung in V. 3 - 2b: Information über einen für die folgende Auffordung relevanten Satzverhalts (wie üblich eingeleitet durch hinneh (»siehe«)) - 3-4: Die Aufforderung selbst.Im Dt. würde man das eher etwa so formulieren: »Liebe Tochter, ich würde dir ja gerne eine Heimstatt verschaffen, und Boas - der, bei dessen Mägden du gearbeitet hast - ist ja unser Verwandter, nicht wahr? Dieser nun wird heute Nacht auf der Tenne worfeln; daher pass auf; du machst nun Folgendes:...«. Sehr gut daher ZÜR 1931: »Liebe Tochter, ich muss dir doch ein Heim suchen ... (ähnlich MEN). Nun ist ja Boas ... ein Verwandter von uns (ähnlich EÜ, TEX). Siehe...«.
- Ruhe (eine Heimstatt) - Heb. manoach, ein Synonym von menuchah in Rut 1,9 (s. dazu FN aa): Noomi will Rut ein Heim verschaffen; d.h. hier: sie will sie »unter die Haube bringen«.
- damit es dir gut geht - häufige Formulierung in der Bibel, die bes. häufig mit dem Halten von JHWHs Geboten zusammenhängt: Hält man sie, »geht es einem gut« (s. z.B. Dtn 4,40; Dtn 12,28; Jer 7,23; Jer 38,20; Jer 42,6 u.ö.). Für sich genommen wäre das nicht besonders auffällig, aber vgl. noch FN o zu Vers 6: Noomi erlässt hier Gebote (s. die Anmerkungen)
2 Und weiter1: Ist nicht Boas, bei dessen Mägden du warst, unser Verwandter2 (ist nicht Boas unser Verwandter, bei dessen Mägden du warst)? Siehe, dieser wird heute Nacht Gerste auf der Gerstentenne worfeln3.
- Und weiter - W.: »und nun«; doch wä`attah dient hier wohl nur zur »Markierung eines neuen Gedankens« (Ges18, S. 1030); treffender ist daher obiger Übersetzungsvorschlag.
- Verwandter - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Sehr wahrscheinlich bedeutet es ungefähr das selbe wie das ähnliche Wort »Verwandter« in Rut 2,1 (so fast alle Exegeten). Vom Wortbildungsmuster her scheint das Wort ein Abstraktbegriff zu sein, also eher »Verwandtschaft«; wörtlicher wäre daher vermutlich etwas wie »Gehört nicht Boas zu unserer Verwandtschaft?« (so z.B. MEN). Da aber auch dies nicht sicher ist, folgen wir in der SF der Standardübersetzung »Verwandter«.
- er wird Gerste auf der Gerstentenne worfeln - W. »er wird die Gerstentenne worfeln«; die »Gerstentenne« steht hier wohl metonymisch für die Gerste auf dieser Tenne (vgl. z.B. Gray 1967, S. 417; Zakovitch 1999, S. 135). Eine »Tenne« ist der Ort, an dem Getreide gedroschen und geworfelt wird; »Worfeln« bezeichnet den Arbeitsschritt der Trennung der Getreidekörner von Spreu und Spelzen mithilfe des Windes (vgl. näher Dreschen und worfeln (WiBiLex)), weshalb das Worfeln auch nachts geschehen muss: Der rechte Wind kommt in Israel oft erst gegen Abend auf. Vermutlich muss an eine Gemeinschaftstenne gedacht werden, die von mehreren Grundbesitzern gemeinsam verwendet wurde. Etwas merkwürdig ist allerdings das »Gersten-« in »Gerstentenne«, da es wohl nicht verschiedene Tennen für verschiedene Getreidearten gab.
3 [Daher]1 wasche dich, salbe dich, wirf deine Kleider (dein Kleid)2 um dich (zieh deine Kleider/dein Kleid an)3 und geh zur Tenne hinab4! Lass dich [aber] nicht von dem Mann (von niemandem) erkennen, bis er mit Essen und Trinken fertig ist!
- [Daher] - Dass die Aufforderung in Vv. 3f aus Vv. 1f abgeleitet wird, wird im Heb. nur durch die Wortform (Weqatal) markiert (eben daher auch Einsatz durch Weqatal statt Yiqtol).
- deine Kleider (dein Kleid) - In der Überlieferung des Textes finden sich beide Versionen: Ketiv und LXX haben Singular, Qere, Syr, VUL und Tg haben Plural. Da Rut am Ende des Kapitels eines ihrer Kleidungsstücke zum Transport der Gerste verwendet und sicher nicht nackt durch Jerusalem läuft, trägt sie sicherlich mehrere Kleidungsstücke; allein schon aus diesem Grund sollte besser mit Plural übersetzt werden. Gemeint sind wohl Ruts »gute« Kleider (TgRut: »Prachtgewänder«; RutR: »Sabbatkleider«; VUL: »elegante Kleider«; dazu passt auch Syr: »schmücke dich mit deinen Gewändern«) - ein weiteres Indiz dafür, dass Noomi und Rut so arm nicht sein können, da schon der Durchschnittsisraelit nicht mehr als zwei Gewänder besaß; die Angehörigen der armen Bevölkerungsschicht häufig nur eines. Gut schlagen de Waard/Nida 1992, S. 48 vor, zu übersetzen mit »get dressed in your best clothes« (so viele Üss; z.B. GN, HfA, NeÜ, NL, OEB, T4T).
- wasche dich, bade dich und wirf deine Kleider um dich - Typische Hochzeitsvorbereitungen (so richtig z.B. Fischer 2001, S. 201; Zenger 1986, S. 66f). Vgl. Vgl. ARN A 41: »Einmal, als Rabbi Tarfon saß und seine Schüler lehrte, zog eine Braut an ihm vorüber. Er ordnete an, dass sie in sein Haus gebracht werden solle, und sagte zu seiner Mutter und zu seiner Frau: ‚Wascht sie, salbt sie, kleidet sie ein und tanzt vor ihr her, bis sie zum Haus ihres Bräutigams gelangt!‘« (Üs. nach Goldin 1955, S. 173). S. auch Ez 16,9-13 und Jdt 10,3-4 (zu Jdt 10-13 vgl. die Anmerkungen zu Hld 3: Auch hier wird deutlich auf eine Hochzeit angespielt). Nach m.Qid 1,1 galt eine Ehe schon durch den Geschlechtsakt als vollzogen und ähnliche Regelungen galten bereits zu biblischer Zeit (s. Ex 22,15f.; Dtn 22,28f.); mit einer erfolgreichen Verführung hätte sich Rut also auch gleich die Ehe ermogelt.
- geh hinab (V. 3) + lege dich (V. 4) - Ketiv bietet hier eine Schreibweise, die auf den ersten Blick »ich gehe hinab« und »ich lege mich« statt »gehe hinab« und »lege dich« zu bedeuten scheint. Diese Form für die 2. Person findet sich noch häufiger in der Bibel; entweder handelt es sich dabei um eine veraltete Form (vgl. z.B. HKL I §20.6; Rendsburg 2013, S. 635) oder einen Aramäismus (vgl. z.B. Zakovitch 1999, S. 136). Besonders häufig findet sich diese Form übrigens in Ez 16, das auch über die Abfolge »waschen, salben und ankleiden« (Ez 16,9f + Rut 3,3; s. vorige FN) und über die Rede vom »den Gewandsaum über jemanden breiten« für die Heirat (Ez 16,8 + Rut 3,9) mit unserem Kapitel zusammenhängt. Dass diese Form jeweils nur beim vierten Wort der Vierer-Weqatal-Ketten verwendet wird, macht es sehr wahrscheinlich, dass sie hier nur aus stilistischen Gründen verwendet wird und in der Übersetzung ohne Bedeutungsverlust ignoriert werden kann.
4 Und es soll sein, wenn er sich legt: (Wenn er sich legt,)1 merke dir den Ort, wo er liegt (wohin er sich legt), gehe, entblöße seine Beine (seine Scham?, decke den Ort seiner Beine auf? Entblöße dich zu seinen Füßen?)2 und lege dich. Er wird dir dann erzählen, was du tun sollst (musst).“
- Und es soll sein, wenn er sich legt: (Wenn er sich legt,) - Schwierige Stelle; übersetze nach dem Alternativvorschlag.tFN: (1) Das Verb wihi (»und es soll sein«) scheint hier ähnlich wie sonst wajähi (»und es war«, s. z.B. Rut 1,1 (dazu FN c): »Und es war in den Tagen des Richtens der Richter...«) und wähaja (»und es wird sein«, s. z.B. Rut 3,13: »Und es wird sein am Morgen...«) nicht zur story zu gehören, sondern nur zur Markierung einer Zeitangabe zu dienen (vgl. ähnlich Rubinsteins Deutung von HKL III §193b in Rubinstein 1956, S. 76; so wohl auch Holmstedt 2010, S. 154 (?)). Eine ähnliche Verwendung von wihi findet sich sonst nur in 1 Sam 10,5; 2 Sam 5,24 = 1 Chr 14,15 (und in 1 Kön 14,5, wo aber sicher mit LXX wajähi zu lesen ist) und diese Deutung ist allein schon deshalb schwierig, weil die in 1 Sam 10,5 auf wihi folgenden Sätze sich nicht jussivisch verstehen lassen. (2) Joüon 1993, S. 69 will daher emendieren nach wähaja und erklärt sich unsere Stelle so, dass ein Schreiber fälschlicherweise statt den Konsonanten whjh (=wähaja, »und es wird sein«) wjhj (=wajähi, »und es war«) geschrieben habe, was die Masoreten dann zum »weniger falschen« wihi vokalisiert hätten (so auch Lambert 1946, S. 157).(3) Und Niccacci 1995, S. 92 denkt, wihi habe hier seine »normale Funktion, Finalsätze auszudrücken« (s. z.B. Ex 10,21; Mal 3,10) und übersetzt mit »damit du, wenn er sich legt, dir den Ort merken [kannst]«. Diese »normale Funktion« erkennt hier aber auch sonst niemand; in den entsprechenden Versen wird wihi nie wie hier und den obigen Stellen impersonal (»[Es] soll sein«) verwendet, sondern als Vollverb mit Objekt (Ex 10,21: »Damit Finsternis sei«; Mal 3,10: »Damit Nahrung in meinem Haus sei«) und in 1Sam 10,5 funktioniert auch diese Deutung nicht.Entweder gehen wir also (nur auf der Basis von unserem Vers und 2 Sam 5,24 = 1 Chr 14,15!) davon aus, dass wihi sich in Aufforderungen in der Tat wie wajähi und wähaja zur Markierung einer Zeitangabe verwenden lässt und in 1 Sam 10,5 auch noch emendiert werden muss, oder wir folgen besser an allen Stellen dem Emendationsvorschlag von Joüon und Lambert. Auf jeden Fall ist am sinnvollsten nach der Alternativübersetzung zu übersetzen und findet sich so auch in fast allen dt. Üss.
- entblöße seine Beine (seine Scham?, decke den Ort seiner Beine auf? Entblöße dich zu seinen Füßen?) - »seine Beine/Scham/zu seinen Füßen« = seltenes Wort; sonst nur noch in Dan 10,6 verwendet, wo es sicher »Beine« bedeutet; so wohl auch hier (s.u.). Rut, die sich extra aufgehübscht hat, soll im Schutz der Nacht Boas Beine »aufdecken«, sich »legen« - beide Worte werden häufiger als Euphemismen für den Geschlechtsverkehr verwendet - und sich an die entblößten Beine des Boas schmiegen. Das lässt sich sicher nicht nur als unkonventionelle (und sehr erfolglose - Boas erwacht erst gegen Mitternacht) Weckmethode verstehen; die »sexuellen Konnotationen [in diesem Vers sind] nicht zu überhören« (Zenger 1986, S. 67).tFN: Seine Beine (den Ort seiner Beine) - Das Wort margelah wird meist erklärt durch die nominale Wortbildungsform mit der Vorsilbe m- - d.h., ein Nomen wird gebildet, indem die Vorsilbe m- an die Wurzel (hier rgl (»Beine, gehen«)) angefügt wird. Diese Wortbildungsform hat häufig lokative Bedeutung und auch unser Wort wird daher gern lokativ gedeutet (»der Ort seiner Beine«, d.h. »das Fußende [seines Nachtlagers]« (so gut Keita/Dyk 2006, S. 20)). Doch wegen Dan 10,6 liegt das recht fern und die Vorsilbe ist eher als instumentales m- zu erklären (dazu vgl. z.B. BL §61 wε): Die margelot sind »das, womit man geht«, nämlich eben die Beine.Seine Scham - Das mit unserem Wort verwandte regel (»Bein«) ist häufiger ein Euphemismus für die menschliche Scham; einige Exegeten glauben deshalb, dass auch margelah diese Bedeutung haben könne und Noomi also Rut dazu auffordert, Boas Unterleib zu entblößen. Doch ob dies so ist, wissen wir nicht und auch mit der wahrscheinlichen wörtlichen Bedeutung »Beine« ist der Text ja verfänglich genug: »Rut soll sich zum liegenden Boas, nahe an seine aufgedeckten Beine, legen - keuscher ist das Hebräische nicht zu erklären« (Fischer 2001, S. 203).Entblöße dich zu seinen Füßen - theoretisch auch möglich. glh (»entkleiden«) kann ohne Objekt wohl auch »sich entkleiden« bedeuten (s. Jes 57,8); wenn man margelot als Ortsangabe versteht (»zu seinen Füßen«) , könnte man also Noomis Auforderung auch als »entblöße dich« deuten (so bes. Nielsen 1985, S. 205-207; Nielsen 1997, S. 68f; van Wolde 1997, S. 443f.; Wénin 1998, S. 188) - doch da die margelot wie gesagt eher »Beine« als »der Ort der Beine« bedeutet, ist die Primärübersetzung doch sehr viel wahrscheinlicher.
5 Da antwortete sie ihr: „Alles, was du ([mir])1 sagst (je sagen wirst)2, will ich tun.“
- Textkritik: ([mir]) - Die Überlieferung des heb. Textes bietet beide Versionen; Ketiv und viele LXX- und VUL-Mss haben ohne »mir«; Qere, einige LXX- und VUL-Mss, Tg und Syr mit. Eine Entscheidung ist hier nicht möglich.
- sagst (je sagen wirst) - das Verb steht im Yiqtol; d.h.: Rut bezieht sich damit nicht (nur) auf Noomis Aufforderungen in Vv. 3f, sondern auf alles, was diese ihr je sagen wird.
6 Sie ging also hinab zur Tenne und befolgte alles1, was ihr die Schwiegermutter geboten hatte:
- befolgte alles - w. „tat gemäß allem“; wohl kein „Kaf veritatis“ („tat alles genau so“; so viele Üss), das es wohl nicht gibt (so schon GKC §188x) und ohnehin nicht vor alles, sondern eher vor wie stehen würde. Der Ausdruck „etwas tun gemäß allem, was...“ findet sich besonders häufig im Zusammenhang mit dem Befolgen von Geboten (s. z.B. Num 9,3.12; Jos 1,7f; 2 Kön 22,13 = 2 Chr 34,21; Jer 42,5) und passt daher besonders gut zu dieser Stelle, wo Rut befolgt, was ihr Noomi „geboten hatte“ und was auch über das „damit es dir gut geht“ mit den Geboten JHWHs parallelisiert wird (s. Anmerkungen und FN c).
7 Boas aß, trank, sein Herz wurde fröhlich,1 er kam, um sich am Fuß des Getreidehaufens zu legen; sie kam im Geheimen (sie schlich sich zu ihm), entblößte seine Beine2 und legte sich.
- sein Herz wurde fröhlich - heb. Idiom, dass sowohl bedeuten kann, dass Boas (vom Weingenuß) „betrunken wurde“ (s. z.B. 1 Sam 25,36) als auch nur, dass er „gut gelaunt“ war (s. z.B. 1 Kön 8,66). Da es hier als direkte Folge des Essens und Trinkens genannt wird und wegen der Bezüge des Kapitels zu Gen 19,30-38 hätte ein hebräischer Leser zunächst sicher an ersteres gedacht, was vom Autor auch sicher so intendiert war. Doch der folgende Text zeigt dann: Selbst, wenn Boas gegen Abend etwas angeheitert gewesen sein sollte - um Mitternacht war er wieder stocknüchtern.
- zu entblößte seine Beine s. FN l zu V. 4.
8 {Und es war} um Mitternacht zitterte1 der Mann, tastete [um sich] (sah sich um)2 und, siehe da! - eine Frau lag [an] ([bei]) seinen Beinen!
- zitterte - Der Grund für dieses Zittern wird nicht genannt und hat daher zu einigen Spekulationen geführt. Durchaus die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass Boas ob seiner aufgedeckten Beine vor Kälte erzittert und daher aufwacht (so auch die meisten). Frevel 1992, S. 98f., Sasson 1979, S. 75-78 und Zenger 1986, S. 70f dagegen glauben aus unerfindlichen Gründen, Boas sei davon überzeugt, die Dämonin Lilith habe sich an seine Beine geschmiegt (richtig Landy 1994, S. 290f: Selbst, wenn es für diese Dämonentheorie Indizien gäbe - warum denn ausgerechnet Lilith, die in der Bibel nur einmal möglicherweise erwähnt wird?).
- tastete [um sich] (sah sich um) - Heb. lpt; Bed. umstritten; am wahrscheinlichsten: „sich abtasten“.tFN: Seltenes Wort (sonst nur noch in Ri 16,29 und Ijob 6,18). Abzuleiten ist es entweder vom arabischen talaffata („das Gesicht nach jemands Seite drehen“) und hat die Bedeutung „sich wenden“, „sich umblicken“ (so z.B. Gray 1967, S. 418; Sasson 1979, S. 78-80; Zakovitch 1999, S. 141) oder vom akkadischen lapâtu („(an)fassen, greifen, schlagen“) und heißt dann hier: „sich betasten“ (so z.B. Campbell 1975, S. 122; Halton 2012, S. 32; Loretz 1964). Tg, Syr und VUL helfen wenig, da ihr „und er sah“ wohl nur eine freie Wiedergabe von „und siehe“ ist; RutR aber deutet sehr wahrscheinlich als „tasten“: „Und er jlpt d.i. Ruth umschlang ihn wie eine Hautflechte. Er fing an das Haar zu betassten. Geister, sprach er bei sich, haben keine Haare.“ (Üs. nach Wünsche 1883, S. 47), daher ist dies hier etwas wahrscheinlicher, bleibt aber sehr unsicher.
9 Er fragte: „Wer bist du?“ Sie antwortete: „Ich bin Rut, deine Magd1 - daher breite deinen Gewandzipfel (deine Decke, deine Flügel)2 über deine Magd, denn du bist Goel!3“
- deine Magd - Heb. ´amah, ein Synonym von schipchah (»Magd«) in Rut 2,13. Wie dort als Höflichkeitsstrategie verwendet (à la »Verehrter Herr: ich bin Rut« und entsprechend »daher breiten Sie doch bitte Ihren Gewandzipfel über mich«; s. FN ag); hier statt diesem verwendet, da ´amah im Unterschied zu schipchah auch für Ehefrauen verwendet werden kann (vgl. z.B. Fischer 2001, S. 210; Younger 1998, S. 127).
- deinen Gewandzipfel (deine Decke, deine Flügel) - zur Bed. der »Gewandzipfel« und zur Alternative »Decke« s. die nächste FN.Textkritik: Flügel - Ketiv, LXX, Syr, Tg, VUL haben den Singular »Gewandzipfel«; Qere und einige Mss aber haben das selbe Wort im Dual/Plural (»deine (beiden) Flügel«) - wohl nur eine nachträgliche Änderung, um »jegliche sexuelle Konnotation der Szene auszuschließen« (Zenger 1986, S. 68) oder eine nachträgliche Angleichung an Rut 2,12 (so z.B. Holmstedt 2010, S. 162).
- daher breite deinen Gewandzipfel (deine Decke, deine Flügel) über deine Magd, denn du bist Goel! - Der zentrale Satz in Rut 3. Entsprechend umstritten ist seine Bedeutung. Die verbreitetste und wahrscheinlichste Deutung ist diese: »Breite deinen Gewandzipfel über deine Magd« verweist auf den Brauch, als Symbol für die Ehe seinen Mantel über die Braut zu breiten (s. FN ae zu Rut 2,12); Rut macht also Boas einen Heiratsantrag. So deutet auch deutlich TgRut: »Mach, dass dein Name über deine Magd genannt werde, indem du mich zur Frau nimmst« (Üs. nach Levine 1973, S. 89). Als Verbtempus verwendet sie Weqatal (»Daher breite«) statt Yiqtol (»Breite«), um diesen Heiratsantrag logisch davon abhängig zu machen, dass sie Rut ist (vgl. Holmstedt 2010, S. 161f); und warum der Heiratsantrag logisch davon abhängen kann, dass sie Rut ist, wird im Nachsatz erläutert: »denn du bist Goel« - d.h. hier: »mein nächster Verwandter, der damit Goel-Rechte hat«. Vom Sinn her also: »Ich bin Rut - und weil das heißt, dass Sie mein Goel sind, bitte ich Sie hiermit um Ihre Hand.« Sehr gut übersetzen daher de Waard/Nida 1992, S. 52: »‚It's Ruth, sir‘, she answered. ‚[...] You are a close relative, [...] so please marry me.‘«. Für den zweiten Satz in der LF wohl besser nach HfA: »Breite dein Gewand über mich als Zeichen dafür, dass du mich heiraten wirst.« (ähnlich T4T)Zur Rechtsinstitution Goel s. die Anmerkungen zu Kap. 4; hier nur so viel: Eigentlich hat diese Institution nichts mit Heirat zu tun, daher ist nicht leicht verständlich, warum Rut erstens ihren Heiratsantrag davon abhängig machen kann, dass sie Rut ist, und zweitens damit begründen kann, dass Boas Goel ist. Eine Lösung dieser Schwierigkeit wird in den Anmerkungen zu Kapitel 4 angeboten werden, für einen alternativen Vorschlag s. Beattie 1978, S. 42f.
10 Da sagte er: „Gesegnet [seist] du von JHWH1, meine Tochter! Denn deine spätere Güte hast du besser getan (deine spätere gute Tat ist noch besser) als deine vorige, nicht den jungen Männern nachgelaufen2 zu sein (indem du nicht den jungen Männern nachgelaufen bist) - egal, ob arm oder reich.3
- Zu gesegnet [seist] du von JHWH vgl. FN aw zu Rut 2,20.
- nachlaufen hier wohl wie das deutsche »jmdn nachsteigen« i.S.v. »huren wollen«, s. Jer 2,25 (vgl. V. 24); Hos 2,7.15. TgRut macht das explizit: »Deine letzte gute Tat ist größer als die erste [...], indem du nicht jungen Männern hinterhergehurt hast; seien sie arm oder reich.« (Üs. nach Levine 1973, S. 90).
- Schwieriger Vers, weil er nicht explizit zu machen scheint, worin die »spätere« und worin die »vorige Güte« besteht, und man daher anscheinend aus dem Text erschließen muss, worauf sie sich beziehen. Die häufigste Deutung ist diese: Die »spätere Güte« ist Ruts Heiratsantrag, den sie trotz Boas Alter und unabhängig davon, ob er vermögend ist oder nicht, geäußert hat - sondern nur deshalb, weil sie ihn für ihren Goel hält. Und die »vorige Güte« ist dann wahrscheinlich, dass Rut nicht nach Moab zurückgekehrt, sondern mit Noomi nach Jerusalem gekommen ist - immerhin hat Boas sie dafür schon einmal gelobt (Rut 2,11; vgl. z.B. gut de Waard/Nida 1992, S. 53; Zakovitch 1999, S. 142).Wahrscheinlich aber besser so: »Nicht den jungen Männern nachgestiegen zu sein« spezifiziert nicht das »deine spätere Güte hast du besser getan«, sondern das direkt davor stehende »die vorige«: »[Rut hält um die Hand des Boas an] - [Diese] deine spätere gute Tat (=dass du um meine Hand angehalten hast) ist noch besser als die vorige gute Tat, [die darin besteht], dass du nicht den jungen Männern nachgestiegen bist.« Diese Interpretation passt besser zum Text des Verses, entbindet von der Notwendigkeit, über die Referenz der »vorigen Güte« spekulieren zu müssen und passt gut in den Kontext des gesamten Kapitels (s. Anmerkungen, Abschnitt 3).
11 Nun denn, meine Tochter: Fürchte dich nicht - alles, was du sagst (je sagen wirst), will ich für dich tun, denn es weiß das ganze Tor meines Volkes (mein ganzes Volk)1, dass du eine fähige Frau2 bist.
- Zum Tor als Ausdruck für »Volk«, »öffentliche Ansicht« vgl. bes. Speiser 1956, S. 21). So auch die LXX, VL, Syr (»mein Stamm«); VUL (»das ganze Volk...«). Viele Üss. daher gut: »Jeder in der Stadt«.
- fähige Frau - das selbe Wort wie in Rut 2,1 (»mächtiger, fähiger Mann«). Der Ausdruck »fähige Frau« findet sich sonst nur noch in Spr 12,4 und in Spr 31,10-31, wo ein Tugendkatalog der idealen Frau aufgelistet wird - ein weiteres Indiz dafür, dass »mächtiger, fähiger Man« in Rut 2,1 nur soviel wie »mächtig starker Typ« und entsprechend hier »fähige Frau« soviel wie »tolle Frau« bedeuten (s. FN b zu 2,1). Rut und Boas sind damit nicht nur jeweils »ideale Menschen«, sondern auch das »ideale Paar« (Zenger 1986, S. 73).<!--Üss: de Waard/Nida, S. 54: fine;
12 Nun denn... - Ach, [wäre das] wahr! Ach, wenn ich doch Löser [wäre]! Jedoch1 es gibt (ihr habt) einen Löser, [der euch] näher [verwandt ist] als ich (es gibt einen näheren Löser als mich2).
- tFN: Nun denn... - Ach, [wäre das] wahr! Ach, wenn ich doch Löser [wäre]! Jedoch - Meist übersetzt à la »In der Tat ist es wahr, dass ich Löser bin, aber zusätzlich...«. Aber erstens galt im Alten Israel nur der nächste Verwandte als Löser - es machte hier also keinen Sinn, wenn Boas sagte, er sei Löser, obwohl es »zusätzlich einen [weiteren] Löser« gibt -, zweitens ist man für diese Übersetzung gezwungen, Worte aus dem Text zu streichen (s.u.)(1)Besser daher: Die beiden ki sind emphatisch (»Ach!«; vgl. z.B. Sasson 1978, S. 57), das omnam ist ein verbloser Wunschsatz (»[wäre das] wahr!«) und das ´im hat hier die Bedeutung »wenn doch...!« (vgl. Ges18, S. 70). Diese Deutung als aufgewühlter Ausruf würde dann auch die Wortfülle erklären (Campbell 1975, S. 125: »Das Hebräische ist schwierig, es gibt einfach zu viele einleitende Wörter.«), die z.B. Landy 1994, S. 308f dazu gebracht hat, den Satz als das »rhetorische Äquivalent eines Räusperns« zu deuten: »Nun ja... Ja... - das stimmt schon... Jaja, ich bin Löser...«. Das einleitende wä`attah (»Nun denn«) muss dann wohl so gedeutet werden, dass Boas nun der Rut gemäß der Vorhersage Noomis in V. 4 mitteilen will, wie weiter vorzugehen ist, als ihm plötzlich das Hindernis einfällt: Er ist gar nicht der Löser, denn es gibt da einen, der Rut und Noomi noch näher verwandt ist (Zakovitch 1999, S. 144: »Im Nachdenken kommen Boas Zweifel, ob er Ruts Bitte überhaupt erfüllen kann, denn nun besinnt er sich auf die rechtliche Problematik [...].)«!(2)Ähnlich argumentieren auch Staples 1937, S. 64f. und Meek 1960, S. 332-334, die stattdessen dass ´im als verneinendes ´im auffassen, was sprachlich möglich, aber nicht sehr naheliegend wäre: »[Es ist] tatsächlich wahr, dass ich nicht Löser bin, sondern...«(3) Streicht man ´im (so z.B. Holmstedt 2010, S. 166; so auch schon die Masoreten), könnte man auch übersetzen: »[Es ist] tatsächlich wahr, dass ich Löser bin, aber zusätzlich...«(4) Und streicht man dann auch noch das ki (so z.B. BHQ), wäre auch möglich: »In der Tat [ist das] wahr, [doch] obwohl ich Löser bin, gibt es zusätzlich...«
- Zu den Gründen gegen es gibt einen näheren Löser als mich s. die vorige FN.
13 Bleibe diese Nacht [hier], und wenn er dich am Morgen lösen wird1 - schön! Dann soll er dich lösen! Doch wenn er [dann] keine Lust hat, dich zu lösen - dann werde ich dich lösen, [so wahr] Gott lebt!2 Liege bis zum Morgen!“
- wenn er dich am Morgen lösen wird - W.: »Und es wird sein am Morgen: Wenn er dich lösen wird...«: wähajah (»und es wird sein«) hier wie oft nur zur Markierung einer Zeitangabe.
- [so wahr] JHWH lebt - Häufige Schwurformel. Entspr. im Dt. eher »das schwöre ich bei Gott«.
14 Und sie lag [an] (bei) seinen Beinen ([an] seinem Bein1) bis zum Morgen. [Doch] noch bevor ein Mann seinen Nächsten (bevor man einander, bevor einer den andern)2 erkennen konnte, stand sie auf.Er sagte [sich]:3 „Es soll nicht bekannt sein, dass die Frau zur Tenne gekommen ist!“
- Textkritik: [an] seinem Bein - so Ketiv, doch das macht keinen Sinn und ist sicher ein Schreibfehler.
- bevor ein Mann seinen Nächsten (bevor man einander, bevor einer den andern) - Begriffe wie ´isch („Mann“) und re`a („Nächster“) werden im Heb. häufig nicht in ihrem wörtl. Sinn verwendet, sondern wie unbestimmte Pronomen. „Ein Mann tut seinem Nächsten X“ ist daher eine typische heb. Konstruktion, um unbestimmte reziproke Handlungen auszudrücken: „Man tut einander X“ (vgl. bes. Bar-Asher 2014, S. 352f). Richtig daher z.B. GN: „bevor ein Mensch den andern erkennen konnte“; H-R: „...man einander...“; NeÜ: „...einer den andern...“ (so viele Üss).
- Er sagte [sich] (V. 14) + [Daher] (V. 15) - Nicht: „[denn] er sagte sich“: Das Verb steht im Wayyiqtol und kann daher keinen unmarkierten Kausalsatz regieren. Boas´ besorgte Gedanken werden hier also offenbar nicht als Grund für das frühe Erwachen genannt, sondern als Motivation der folgenden Getreidespende. Gut Köhlmoos 2010, S. 67: „Im Kontext der vorigen Sätze muss diese Gabe dazu dienen, Ruth weiterhin unerkannt zu lassen. Mit einem Sack von 40 kg auf dem Rücken könnte ein zufällig Vorüberkommender Ruth für eine Arbeiterin (oder einen Arbeiter) halten, die abtransportiert, was Boas geworfelt hat.“ Daher auch besser Einfügung eines „daher“ zu Beginn v. V. 15.
15 [Daher] sagte er: „Gib den (deinen) Mantel, der um dich [ist] (den du an hast), und halte ihn [gut fest]1!“ Also hielt sie ihn [fest] und er maß ihr sechs der Gerste2 [hinein], lud ihn ihr auf und kam zur Stadt (und sie kam zur Stadt)3
- halte ihn [gut fest] + sie hielt ihn [fest] + er lud ihn ihr auf soll wohl v.a. ausdrücklich machen, wie schwer der Mantel nach seiner Befüllung mit Gerste ist. Sehr gut daher Campbell 1975, S. 116: »Get a good hold on it!« + »She held it firmly.«
- sechs der Gerste - hier fehlt eine Maßangabe, was bes. auffällig ist, da extra das Verb „abmessen“ verwendet wird. Durch Ausschlussverfahren (geht man beim Efa - wie in Rut 2,17, s. FN ar - vom Gewicht von 6-12 kg aus, ergäben sechs Efa 36-70 kg, was Rut zwar tragen, aber sicher nicht in einem Kleidungsstück transportieren können hätte. Auch das Omer scheidet aus, da „Omer“ maskulin, hier „sechs“ aber feminin ist) ist das Sea wahrscheinlich: Ein Sea entspricht dem Drittel eines Efas, also 2-4 kg - mal sechs ergäbe 12-24 kg (so auch wieder Schmidt 2014, S. 15, so schon TgRut). Übersetze daher am Besten entspr. Rut 2,17: „über 10 kg“.
- Textkritik: er kam zur Stadt (sie kam zur Stadt) - in der Überlieferung finden sich beide Versionen. Die besseren hebräischen Mss, die meisten LXX-Mss, TgRut und RutR haben Boas als Subjekt, einige hebräische und griechische Mss, Syr, VUL dagegen Rut. Die ursprüngliche Variante ist daher nicht mehr sicher zu erschließen; da zweimaliges, direkt aufeinander folgendes „sie kam“ mit dem selben Subjekt aber unnatürlich wäre, sollte man sich doch für die Boas-Variante entscheiden (vgl. z.B. Barthélemy 1982, S. 133; BHQ).
16 Und sie kam zur Schwiegermutter, und [diese] fragte: „Wie ist es gelaufen, meine Tochter? (Als was/Wie/Was [bist] du, meine Tochter?, Wer bist du - meine Tochter?)“1 Da berichtete sie ihr alles, was ihr der Mann getan hatte.
- Wie ist es gelaufen, meine Tochter? (Als was/Wie/Was [bist] du, meine Tochter?, Wer bist du - meine Tochter?) - Merkwürdige Frage: W. übersetzt scheint es heißen zu müssen: „Wer bist du, meine Tochter?“ - was keinen Sinn macht, da das „meine Tochter“ dann ja zeigt, dass Noomi durchaus weiß, mit wem sie da redet. In der Regel wird die Schwierigkeit damit behoben, indem man (1) entweder das „Wer“ als Akkusativ des Zustands deutet („Als wer bist du, meine Tochter?“, so z.B. Rudolph 1962, S. 57), (2) dem Wort nach dem Ugaritischen die Bedeutung „Wie“ („Wie [bist] du, meine Tochter?“, so z.B. Gray 1967, S. 120) oder (3) die Bedeutung „Was“ zuspricht („Was bist du, meine Tochter?“, so z.B. Zakovitch 1999, S. 148). (1)-(3) soll dann jeweils bedeuten: „Wie stehen die Dinge?“Anm. d. Üs. (S.W.): Ich bin sehr skeptisch. Vgl. zunächst Gen 27,18: „Wer bist du, mein Sohn?“ - Die Frage ist klar eine nach der Identität des Befragten, da Jakob anwortet: „Ich bin Esau, dein Erstgeborener“. So ist die Frage auch an allen anderen Stellen zu verstehen (s. Jos 9,8; 1 Sam 26,14; 2 Sam 1,8; 2 Kön 10,13; Jes 51,12; Sach 4,7; Rut 3,9 (!)). Schon rein statistisch scheint es mir also unwahrscheinlich, dass sie hier eine andere als diese Bedeutung haben sollte. Dazu kommt, dass die i.d.R. angeführten Belegstellen alles andere als eindeutig sind: Zu Ri 13,17 („Wer ist dein Name“) s. Esra 5,4 und vgl. Joüon 1920, S. 365; IBHS §18.2d u.ö.: Der „Name“ steht hier - wie oft - für die Person selbst und wird daher mit „Wer“ konstruiert: „Wer ist dein Name?“ = „Wer bist du?“. Mi 1,5 fragt klar nach einem „Wem“, wie aus den antwortenden rhetorischen Fragen ersichtlich ist: „Wer ist der Frevel Jakobs? - Ist das nicht Samarien? Und wer sind die Höhen Judas? - Ist das nicht Jerusalem?“ Am 7,2.5 schließlich ist die Textüberlieferung unsicher: „Wer [d.h. - angeblich: Wie] kann Jakob bestehen - ist es doch so klein!?“ Aber dort wie hier hat keine einzige Version diese angebliche Bedeutung von mi („wer“) erkannt: LXX, Syr, VUL und auch einige heb. Mss setzen statt מי יקום (mi jaqum, „wer kann bestehen“) den Text מי יקים (mi jaqim, „wer könnte aufrichten“) voraus: „Wer könnte Jakob [wieder] aufrichten - ist es doch so klein!?“ (und impliziert ist natürlich: „Wer könnte Jakob aufrichten, wenn nicht du, Gott“ - worauf Gott sich jeweils Jakobs erbarmt, s. Vv. 3.6). Ähnlich ist hier die textkritische Lage: Syr übersetzt wie üblich: „Wer bist du?“ und ergänzt sogar eine Antwort: „Ich bin Rut“. Einige LXX-Mss streichen einfach die Frage. Andere LXX-Mss haben ebenfalls „Wer bist du“; wieder andere und dann VL haben „Was bist du“, was aber wohl weniger mit einer sonst unbelegten Bedeutung des heb. mi erklärt werden sollte, sondern mit einer alternativen Texttradition, die sich auch im Qumrantext 2Q 16,2 findet: mah attah („Was [bist] du?“) und wohin z.B. Ehrlich 1914, S. 27 schon MT emendieren wollte. (Zu mah attah hier, in Ri 18,8 und im ugaritschen KRT A, i.38 vgl. Ginsberg 1946, S. 35: „Was ist mit dir?, Wie steht es mit dir?“). Wohl hiervon ausgehend VUL: „Was tust du?“. Bei dieser textkritischen Lage aus Am 7,2.5 und unserer Stelle eine sonst ungebräuchliche Verwendung von mi abzuleiten, ist meines Erachtens nicht zulässig; akzeptabler als die obigen drei Erklärungen scheinen mir daher die folgenden Auflösungen zu sein: Gen 27,18: „Wer bist du? Mein Sohn?“ - worauf Jakob antwortet: „Ich bin Esau, dein Erstgeborener“, d.h.: „Ja, ich bin dein erstgeborener Sohn Esau“ (vgl. FN i zu Rut 2,2). Und hier: „Wer bist du? Meine Tochter?“ (so auch CJB), d.h. „Bist du noch meine Tochter [oder hatte mein Plan Erfolg und du bist nunmehr nicht mehr Machlons Frau, sondern die des Boas, und damit nicht mehr Teil meiner Familie]?“ Ähnlich schon RutR: „Kannte denn Noomi die Ruth nicht schon? Gewiss, allein sie wollte durch ihre Frage andeuten: Bist du noch ledig oder das Weib eines Mannes?“ (Üs. nach Wünsche 1883, S. 52).
17 Und sie sagte: ''Diese sechs der Gerste'' hat er mir gegeben, denn er hat ([zu mir]) gesagt: „Du darfst nicht leer zur Schwiegermutter kommen!“1
- Dass eine derartige Aussage des Boas im Vorfeld nicht berichtet wurde, ist unproblematisch - es entspricht dem hebräischem Erzählstil, wiederzugebende Äußerungen erst bei der Wiedergabe explizit zu machen. S. nur das Jonabuch, wo erst im dritten Kapitel offenbar wird, welche Prophezeiung Gott dem Jona eigentlich aufgetragen hat.
18 Da sagte sie: „Warte ab, meine Tochter, bis du weißt, wie die Sache ausfallen wird. Denn der Mann wird nich ruhen bis er [noch] heute die Sache beendet hat.“
Chapter 4
1 1 Boas aber ging ins Tor2 hinauf und setzte sich dort hin. Und, siehe da!,3 der Löser4 kam vorüber, von dem Boas gesprochen hatte. Da sagte er: „Bieg ab!5 Setz dich hier irgendwo hin (setz dich hier hin, Soundso)!“6 Und dieser bog ab und setzte sich hin.
- [Status: Zuverlässig]
- ins Tor - Mit dem „Tor“ ist in biblischen Texten nicht nur die Tür gemeint, die das Innere einer Stadt vom Äußeren einer Stadt abgrenzt, sondern ein größerer Platz, der im Alten Israel die selbe Funktion hatte wie z.B. die griechische Agora: Ein Versammlungsplatz, auf dem Handel getrieben wurde, auf dem die städtische Selbstverwaltung „tagte“ und wo - bes. wichtig für unsere Stelle - v.a. auch Recht gesprochen wurde. Das kleine Dorf Betlehem hatte wahrscheinlich überhaupt keine Tore; dass „Boas zum Tor geht“, ist wohl eine Anspielung auf Dtn 25,7.
- siehe da! - Wie in Rut 2,4 (s. FN m) drückt auch hier das „siehe da!“ aus, dass überraschenderweise genau das richtige passiert. Gut daher OEB: „Just then the [Löser] came along“; „Und zufällig kam just in diesem Moment auch der Löser vorbei...“
- Löser - Zum „Löser“ s. die Anmerkungen.
- Bieg ab - nämlich auf die Seite zu den auf dem Torplatz stehenden Bänken. Die meisten Üss. übersetzen sinnvoll: »Komm her!«; am besten EÜ, HfA, NL: »Komm herüber!«
- irgendwo hin (hier hin, Soundso) - Umstrittener Ausdruck. In der LF sollte er am Besten mit HfA, NL u.a. Üss. ausgespart werden, da er sich nicht wirklich erklären lässt.W. etwa „bestimmt stumm“. Der Ausdruck findet sich sonst nur noch zweimal in der Bibel und steht dort für einen nicht näher spezifizierten Ort (s. 1 Sam 21,3; 2 Kön 6,8). Vergleichbar ist eine Passage im ägyptischen Archivdokument 17.2, wo in einem Streitgespräch zweier Schreiber der erste den zweiten mit „du leerer, sinnloser Name!“ beschimpft und der zweite Schreiber den ersten mit „Du Wer-ist-es“ beleidigt. Schon LXX, und VL verstanden entsprechend auch hier das peloni almoni („irgendwo / Soundso“) als Bezeichnung des Lösers und übersetzen ho deina („der So-und-So“, so einige LXX-Mss), kruphie („du Verborgener“, so andere LXX-Mss) oder quicumque es („wer auch immer du bist“, VL). Dem folgend wird dann auch hier in allen modernen Kommentaren und Übersetzungen das peloni almoni so verstanden, dass damit der Löser bezeichnet, sein Name aber aus irgendeinem Grund verschwiegen werden solle: „Der und der“, „So-und-so“; „Herr Dingsbums“ (Hajek 1962, S. 77), „mein Lieber“ (diese häufige Übersetzung soll eine freie Übersetzung dieses „So-und-so“ sein, die schwerlich zu rechtfertigen ist). Der Grund dafür ist dann ganz rätselhaft; warum er den Löser gleich zur Eröffnung des Gesprächs beleidigen sollte, ist nicht einzusehen. Man hat also nach anderen Erklärungen zu suchen.Knight/Levine 2011, S. 115 und Sasson 2012, S. 255f. haben daher kürzlich geleitet von 1 Sam 21,3; 2 Kön 6,8 vorgeschlagen, dass man auch hier den Ausdruck besser als Ortsbezeichnung verstehen und daher besser mit „hier irgendwo“ übersetzen solle; in Ermangelung eines anderen Vorschlags haben wir dies als Primärübersetzung angegeben.
2 Dann nahm [Boas] sich zehn Männer von den Ältesten1 der Stadt und sagte: „Setzt euch hier hin!“ Und sie setzten sich.
- zehn Männer von den Ältesten der Stadt - gemeint sind nicht die ältesten Bürger der Stadt, sondern Familienoberhäupter, die im Alten Israel in derartigen Fällen als eine Art Schöffen fungierten. „Die Zehnzahl ist symbolisch zu verstehen, zumindest gibt es keine Bestimmungen in den Gesetzen des AT, die vorschreiben würden, daß ein Gericht mit genau 10 Ältesten besetzt sein muß. Die Zehnzahl unterstreicht vielmehr die Vollständigkeit des Gerichts am Tor. Boas Vorgehen ist ‚lupenrein‘ und ohne ‚Verfahrensfehler‘ [...].“ (Frevel 1992, S. 129).
3 Dann sagte er zum Löser: „[Das] Feldstück,1 das unserem Bruder2, dem Elimelech, [war (gehörte)], verkauft3 Noomi, die zurückgekehrt ist aus {dem Gebiet von} (dem Feld von)4 Moab.
- Feldstück - s. zum Begriff FN e zu Rut 2,2.
- Bruder - Hier im Sinne von »Verwandter«; dass gerade »Bruder« verwendet wird, ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Dtn 25,5 (vgl. z.B. Fischer 2001, S. 158; Zakovitch 1999 S. 154).
- verkauft - »Verkaufen« trifft die Rechtslage nicht gut, denn Land war im Alten Israel eigentlich nur für eine begrenzte Zeit »verkäuflich« und würde dann wieder an die Familie zurückfallen, die es verkauft hat (vgl. z.B. Lipiński 1976, S. 126; ThWAT IV, S. 871). Strenggenommen müsste man hier mit »verpfänden« o.Ä. übersetzen, doch würde das die LF wohl nur unnötig verkomplizieren; auch fast alle neueren Üss. übersetzen daher mit »verkaufen«.
- {dem Gebiet von} (dem Feld von) - Zum Ausdruck s. FN e zu Rut 1,1.
4 Und ich habe gesagt ([mir] gedacht),1 ich will dir folgendes zu Gehör bringen:2 Kaufe [es] in Gegenwart der Sitzenden und in Gegenwart der Ältesten meines Volkes3 - wenn du lösen willst, dann löse.4 Wenn aber niemand lösen will (wenn du aber nicht lösen willst),5 dann verrate es mir, damit ich es weiß! Denn [es ist (es gibt)] niemanden außer dir, der lösen [könnte]. Und ich [bin (komme)] nach dir.“Da sagte er: „Ich will lösen“.
- gesagt ([mir] gedacht) - Meist übersetzt als »Ich habe mir gedacht«; naheliegender aber: Frauen wurden im Alten Israel vor Gericht in der Regel durch Männer vertreten; Boas - der ja ganz offensichtlich im Namen von Noomi handelt - gibt also wohl hier kund, dass er ihr diese Rechtsvertretung zugesichert habe: »Ich habe ihr versprochen, dir folgendes zu Gehör zu bringen: ...«
- zu Gehör bringen - Heb. Idiom, s. z.B. 1 Sam 20,2.12f. Außer in Ijob 36,10.15 steht es stets für Privatmitteilungen: Was Boas hier verkünden will, ist speziell für die Ohren des Löser bestimmt, da eben dieser und kein anderer der Löser ist (s. Anmerkungen).
- der Sitzenden und der Ältesten meines Volkes - Wahrscheinlich entspr. der Interpretation von SLT zu verstehen: »In Gegenwart der hier sitzenden Bürger (die sich inzwischen neugierig am Verhandlungsort niedergelassen haben) und der Ältesten meines Volkes«.Genauer: Nach V. 2 müsste sich schon »die Sitzenden« auf die Ältesten beziehen; hier scheinen aber mit den »Sitzenden« und den »Ältesten« zwei us. Gruppen gemeint zu sein. Zakovitch 1999, S. 156 denkt daher, das »und« sei hier als ein sog. Waw explicativum zu verstehen und man müsste übersetzen: »in Gegenart der [hier] Sitzenden, nämlich in Gegenwart der Ältesten meines Volkes«, und Campbell 1975, S. 145 denkt, die »Sitzenden« meine die zehn Ältesten, die Boas sich in V. 2 »genommen« hat, die »Ältesten« dagegen sämtliche Älteste Bethlehems, die hier durch die zehn ausgewählten Ältesten repräsentiert seien. Diese sämtlichen Ältesten sind hier aber eben nicht anwesend und daher nicht gut mit dem »in Gegenart von« vereinbar und die Deutung als Waw explicativum ist wegen der Wiederholung des neged (»in Gegenwart von«) nicht gut möglich, daher meint »die Sitzenden« wohl das übrige Volk, das sich mittlerweile im Tor niedergelassen hat und das später noch in Aktion treten wird.
- wenn du lösen willst, dann löse - Der Nachsatz hat offenbar die Funktion, den »Kauf« des Lösers speziell als »Lösung« zu bestimmen, nämlich als pflichtgemäße Inanspruchnahme des Vorverkaufsrechts (s. die Anmerkungen). Einfacher also z.B. nach NL: »Wenn du das Land auslösen willst, dann kaufe es jetzt in der Gegenwart ... . Wenn du es jedoch nicht auslösen willst ...«
- Textkritik: Wenn aber niemand lösen will (wenn du aber nicht lösen willst) - Die besten Handschriften haben hier das Verb in der 3. Pers. Sg.: »Wenn er nicht lösen will«. Viele heb. Handschriften, LXX, VUL und Tg korrigieren daher zu 2. Pers. Sg. und dem folgen alle modernen Üss. und Kommentare: »Wenn du nicht lösen willst«. Wie aber die 3.-Pers.-Version als Schreibfehler entstanden sein sollte, ist nicht erklärlich und daher wahrscheinlich doch die ursprüngliche Version; BHQ belässt daher auch diese Version, die dann mit Niccacci 1995, S. 97 und schon Ibn Ezra als impersonale Konstruktion erklärt werden muss: »Wenn er nicht lösen will« = »Wenn niemand lösen will«.Diese Deutung ist sogar effektvoller: Die Lösung wird fast völlig in die Verantwortung des Lösers gestellt, »es gibt niemand außer ihm, der lösen könnte« (4b); die Alternative dazu, dass der Löser löst, ist also, dass »niemand löst« (4a). Die Formulierung schlägt offenbar in die selbe Kerbe, in die auch der Ausdruck »zu Gehör bringen« schlägt (s.o.): Es ist speziell der Löser, der hier in Verantwortung steht. Und erst ganz am Ende seiner langen Rede zeigt Boas eine weitere Alternative auf, die im heb. Text nur aus zwei Worten besteht: »Und-ich nach-dir«. Boas will den Löser anscheinend durch diese Formulierung geradezu zur Zusage »verführen«.
5 Da sagte Boas: „An dem Tag, an dem du das Feld von Noomi kaufst, kaufst1 du auch die (kaufe ich die, kaufst du es auch von der, kaufe ich es von der) Moabiterin Rut,2 die Frau des Toten, um den Namen des Toten auf seinem Erbbesitz [wieder] aufzurichten.“3
- kaufst - Dass nach der Primärübersetzung Rut anscheinend das Objekt eines »Kaufs« ist, ist unproblematisch; es ist dies ein bloß stilistisches Phänomen: Weil auch zuvor von »kaufen« die Rede ist, wird hier das »normalerweise« verwendete Verb (z.B.: »heiraten«) an das vorige Verb angeglichen (vgl. bes. Weiss 1964, S. 247f.; z.B. auch Campbell 1975, S. 147; Levine 1983, S. 101f.). Im Deutschen ist eine wörtliche Übersetzung nicht möglich. Am besten wohl wieder HfA: »Wenn du von Noomi das Grundstück erwirbst, musst du auch die Moabiterin Ruth heiraten.«
- kaufst du auch die (kaufe ich die, kaufst du es auch von der, kaufe ich es von der) Moabiterin Rut - Die schwierigste und umstrittenste Stelle im Rutbuch. Wahrscheinlich ist sie so zu verstehen: Aus irgendeinem Grund ist die »Lösung« von Elimelechs Feld rechtlich gekoppelt an die »Schwagerehe« des Lösenden mit Rut (zu beidem s. die Anmerkungen). Und unter diesen Umständen - s. den nächsten Vers - ist der Löser nicht mehr zur Lösung bereit.Genauer: Der heb. Text liegt in zwei Versionen vor: (1) »kaufe ich es von der Moabiterin Rut«, (2) »kaufst du es auch von der Moabiterin Rut«. Da beide Versionen mit »von« nicht viel Sinn zu machen scheinen, wird meist der Text ume´et (»(und) von«) geändert (=> Textkritik) zu we´et oder gam et (»(auch) die«). U.U. ist für diese Deutung auch gar keine Textänderung nötig, vgl. z.B. Bush 1996, S. 217; Campbell 1975, S. 146; Korpel 2011, S. 2. Weitere mögliche Übersetzungen sind dann daher (3) »kaufe ich/habe ich die Moabiterin Rut gekauft« und (4) »kaufst du auch die Moabiterin Rut«. Das ergibt vier mögliche Übersetzungen; einen fünften Vorschlag hat Holmstedt 2010 gemacht: # »An dem Tag, an dem du das Feld von Noomi kaufst, kaufe ich es von der Moabiterin Rut, der Frau des Toten« # »An dem Tag, an dem du das Feld von Noomi kaufst, kaufst du es auch von der Moabiterin Rut, der Frau des Toten« # »An dem Tag, an dem du das Feld von Noomi kaufst, kaufe ich/habe ich gekauft die Moabiterin Rut, die Frau des Toten« # »An dem Tag, an dem du das Feld von Noomi kaufst, kaufst du auch die Moabiterin Rut, die Frau des Toten« # »An dem Tag, an dem du das Feld von Noomi und von der Moabiterin Rut kaufst, kaufe ich die Frau des Toten« (1) und (2) ergeben nicht viel Sinn, weshalb ja auch in der Regel der Text geändert wird. Holmstedt 2010 muss für Deutung (5) die Akzente des heb. Textes sowie die Tatsache, dass zwei unterschiedliche Präpositionen vor »Noomi« und »Rut« verwendet werden, ignorieren. Bleiben daher als ernstzunehmende Alternativen (3) und (4).Die rechtlichen Zusammenhänge erschließen sich uns nicht mehr vollständig (s. Anmerkungen), daher muss eine Argumentation zunächst einmal unabhängig von diesen Hintergründen laufen. Für (4) sprechen dann zwei Dinge: Erstens ist nur nach dieser Deutung die in Rut 3,13 erwähnte Option, der Löser könne Rut »lösen«, eine reale Option, die auch in Rut 4 eine Rolle spielt (so richtig Zenger 1986, S. 83). Und zweitens und wichtiger: In Rut 4 wird mehrfach deutlich die Textstelle Dtn 25,5-10 zitiert (s. FNn a.h.p), in der von der Verweigerung der Schwagerehe die Rede ist (dazu s. die Anmerkungen). Wenn hier aber der Löser gar nicht die Option hätte, die Schwagerehe mit Rut einzugehen, weil Boas Rut für sich beansprucht oder die Schwagerehe gar schon vollzogen hat, macht diese Zitation keinen Sinn. Der Text ist also sehr wahrscheinlich wie oben gesagt zu verstehen und es ist dies ohnehin die häufigste Übersetzung des Verses.
- um den Namen des Toten auf seinem Erbbesitz aufzurichten - Ein Zitat von Dtn 25,7; zu den Hintergründen s. die Anmerkungen. Eine sinngemäße Übersetzung wäre etwas wie „damit der Erbbesitz des Verstorbenen in seiner Familie bleibt“ (ähnlich HfA).
6 Da sagte der Löser: „Ich vermag [es] nicht, {für mich}1 zu lösen, sonst verdürbe ich [ja] meinen [eigenen] Erbbesitz. Löse du {für dich} das [eigentlich] von mir zu Lösende, denn ich vermag es nicht, zu lösen.“
- tFN: {für mich} + {für dich} - Sog. Dativi ethici; in einer dt. Üs. zu ignorieren.
7 In Israel [war (galt)] früher dies bezüglich Lösung und Tauschgeschäft,1 um irgendetwas2 Gültigkeit zu verleihen: Man zog seinen Schuh aus und gab ihn dem anderen (man zog seinen seinen Schuh aus und gab ihn einander). Und dies [war (galt)] [dann] in Israel [als] Bezeugung.3
- Lösung und Tauschgeschäft - Oder zu verstehen als Hendiadyoin: „bezüglich des Tauschs von Löserechten“ (so Berlin 2010, S. 11; Brichto 1973, S. 18; Bush 1996, S. 234).
- irgendetwas - W. „jede Sache“.
- Eine Abwandlung des in Dtn 25,9 geschilderten Schuhritus. Dieser ist im Judentum noch heute in der Variante von Dtn gebräuchlich und also offensichtlich nicht in Vergessenheit geraten. Außerdem findet er sich gerade an der Dtn-Stelle, die in den ersten Versen dieses Kapitels sehr oft und deutlich zitiert werden; er ist also dem idealen Leser des Rutbuches definitiv bekannt. Dass er hier dennoch erklärt werden muss, heißt dann wohl, dass er hier irregulär angewandt wird, dass diese irreguläre Anwendung als reguläre Anwendung ausgegeben wird und deshalb erklärt wird (so z.B. Berlin 2010, S. 11; Fischer 2001, S. 241) - ein weiteres Indiz dafür, dass offenbar irgend etwas hier nicht mit rechten Dingen zugeht (s. Anmerkungen). In die selbe Richtung weist die alternativer Auslegung von Speiser 1940, der Schuhritus diene regulär speziell dazu, eigentlich illegale Abmachungen legal zu machen.
8 Der Löser sprach [also] zu Boas: „Kaufe {für dich}!“ und zog (und dieser zog)1 seinen Schuh aus.
- und zog (und dieser zog) - Wer Subjekt des Schuh-Ausziehens ist, ist nicht ganz klar. Dafür, dass es der Löser ist, spricht aber, dass der Hintergrund des Schuhritus wohl der war, dass der Schuh ein Symbol für Besitz war und das Ausziehen des Schuhs damit ein Symbol für Besitzverzicht (vgl. z.B. gut Thompson/Thompson 1968, S. 92f.).
9 Da sprach Boas zu den Ältesten und zum ganzen Volk: „Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles gekauft habe, was dem Elimelech [war (gehörte)] und alles, was dem Kiljon und Machlon [war (gehörte)].
10 Und auch die Moabiterin Rut, die Frau Machlons, habe ich mir zur Frau gekauft,1 um [wieder] aufzurichten den Namen des Toten auf seinem Erbbesitz, so dass nicht ausgerottet werde der Name des Toten2 aus dem Volk seiner Brüder und aus dem Tor seines Ortes.3 Ihr seid heute Zeugen!“
- gekauft - Zu »kaufen« s. FN o.
- um [wieder] aufzurichten den Namen des Toten auf seinem Erbbesitz, so dass nicht ausgerottet werde der Name des Toten - s. hierzu wieder FN r und die Anmerkungen: Weil JHWH es war, der den Israeliten ihr Land gegeben hat, sollte der Status quo der Grundbesitzverhältnisse nach Möglichkeit auf ewig weiterbestehen, das heißt: Familien durften nicht aussterben und ihr Erbbesitz sollte immer in ihrem Besitz bleiben. Dies zu gewährleisten war Aufgabe von Löserinstitution und Schwagerehe, und von beidem ist hier die Rede: Boas kauft (1) das Land von Noomi, damit dieses Land in der Familie bleibt - er fungiert als »Löser« - und »kauft« (2) Rut, um mit ihr durch eine »Schwagerehe« einen Nachkommen Machlons zu zeugen, damit »der Name des Verstorbenen auf seinem Erbbesitz wieder aufgerichtet werde und der Name des Toten nicht ausgerottet wird«, d.h., damit überhaupt Nachkommen Elimelechs und Machlons existieren, die als Erben ihres Familienbesitzes fungieren können.
- Tor seines Ortes - d.h. von innerhalb seiner Stadttore. Die ersten beiden Begriffe haben eine soziale, die zweiten beiden eine lokale Ausrichtung: Machlons Familie soll nicht ausgerottet werden »aus seinem Volk und aus seinem Ort«. Recht gut daher EÜ: »damit sein Name unter seinen Verwandten und innerhalb der Mauern seiner Stadt nicht erlischt.«; NeÜ: »So wird der Name des Verstorbenen in seiner Sippe und in seinem Heimatort nicht vergessen werden.« (obwohl »vergessen werden« eher unglücklich ist)
11 Und das ganze Volk, das im Tor [war], antwortete, und die Ältesten: 1 „[Wir sind] Zeugen! JHWH gebe, [dass] (JHWH mache) diese Frau,Die in dein Haus kommt,Wie Rahel und wie Lea2 [werde],Die beide3 das Haus Israel erbauten!4Vollbringe (erzeuge) Tüchtiges5 in EphratahUnd rufe [einen] Namen6 in Bethlehem!
- das ganze Volk, das im Tor [war], antwortete, und die Ältesten - eine sog. „gespaltene Koordination“; sinngemäß wäre die Üs. „Das ganze Volk, das im Tor war, und die Ältesten antworteten:...“ Der Erzähler greift deshalb hier zu dieser Konstruktion, um zu betonen, dass tatsächlich das ganze Volk, das sich dort aufhielt, die vorigen Vorgänge für rechtmäßig erklärten.
- Rahel, Lea und Tamar sind drei der »Erzmütter«, die nach biblischer Vorstellung Vorfahrinnen des ganzen Volkes Israel waren - Tamar übrigens ebenso wie Rut infolge einer Schwagerehe. Spätestens in diesem Segensspruch wird also Rut endgültig vom »ganzen Volk« in die »Gemeinde des Herrn« aufgenommen (s. die Anmerkungen zu Kap. 1).
- tFN: beide - Eine seltene Dualform, wie sie sich häufiger auch im 1. Kapitel fand (s. dort FN w).
- das Haus Israel Israel erbauten - D.h., auf deren Nachkommen sich nach bib. Vorstellung ganz Israel zurückführt. Sinngemäß gut daher HfA: »von denen alle Israeliten abstammen«; NeÜ: »von denen das Volk Israel abstammt«; NL: »aus denen das ganze Volk Israel hervorgegangen ist«
- Vollbringe Tüchtiges - Eigentlich ein Idiom für »siegen, mächtig werden« oder »Reichtum erlangen«; beides wird auch hier oft als Übersetzung gewählt. Besser aber: (1) Das verwendete Substantiv ist chajil, das in Rut 2,1 den Boas und in 3,11 die Rut näher charakterisierte. Rut und Boas sollen hier also etwas »erzeugen«, was so ist, wie sie sind. (2) Dass direkt davor und direkt danach vom Nachwuchs, der Rut und Boas gewünscht wird, die Rede ist, macht es wahrscheinlich, dass auch hier das chajil ein Ausdruck für Nachwuchs sein soll. Wahrscheinlich also zu verstehen als abstractum pro concreto: »Erzeuge Tüchtiges« = »Erzeuge tüchtige Nachkommen« (vgl. ähnlich Holmstedt 2010, S. 203; sinngemäß auch Köhlmoos 2010, S. 78). In die selbe Richtung geht der Deutungsvorschlag von Campbell 1975, S. 152; Labuschagne 1967, S. 365f. und Parker 1976, S. 23f., chajil habe hier die Bedeutung »Fortpflanzungskraft«: »Vollbringe Fortpflanzungskraft« = »Pflanze dich kräftig fort«.
- rufe [einen] Namen - sonst ungebräuchlicher Ausdruck im Heb.; demgemäß umstritten ist die Bed. Früher wurde häufig der Text korrigiert, z.B. bei Rudolph 1962, S. 60: »Dein Name werde gerufen« (=»Mögest du gefeiert werden«); offenbar noch heute Köhlmoos 2010, S. 69. Aus den selben Gründen wie in der vorigen Zeile geht es aber wohl hier um Nachwuchs (so z.B. auch Parker 1976, S. 24, FN 3; Zakovitch 1999, S. 165); daher besser: »Rufe Namen« = »Werde Namens-geber«, d.h. »Zeuge viel Nachwuchs, denen du dann Namen geben kannst« (so Campbell 1975, S. 153f.; Labuschagne 1967, S. 366). Die alternative Erklärung, »Name« habe hier die Bedeutung »Nachwuchs«, taugt nicht viel, da Boas ja dann dennoch aufgefordert würde, seinen Nachwuchs zu »rufen« - und was das bedeuten soll, ist nur schwer verständlich.
12 Es sei dein Haus wie das Haus des Perez, 1 Den Tamar dem Juda gebar Durch den Nachwuchs,Den JHWH dir gebe2 durch diese junge Frau!“
- Es sei dein Haus wie das Haus des Perez - bajit (»Haus«) hat hier wie häufig die Bedeutung »Familie«; sinngemäß daher »mögest du so viele Nachkommen haben, wie Perez sie hatte.« Richtig z.B. wieder NeÜ: »Durch die Nachkommen, die Jahwe dir von dieser jungen Frau geben wird, soll deine Familie so werden wie die des Perez...«
- Den JHWH dir gebe - Eine sog. »Inclusio«; der Segensspruch wird eröffnet und geschlossen durch die selbe Formulierung: »JHWH gebe« - ein schöner Kontrapunkt zu Rut 1,21, wo Noomi JHWH beschuldigt hatte, dass er sie ihrer Kinder beraubt habe.
13 Boas nahm Rut,1 sie wurde seine Frau,2 er ging zu ihr,3 JHWH gab ihr Schwangerschaft, sie gebar einen Sohn
- Boas nahm Rut - d.h., er heiratete sie.
- Boas nahm Rut, sie wurde seine Frau - Doppelausdruck, der wohl (wie auch in Gen 24,67) einfach nur bedeutet: Boas heiratete sie (daher lassen etwa einige LXX-Handschriften und Äth den zweiten Satz ganz weg und einige Syr-Handschriften ziehen zusammen zu „Boas nahm Rut zur Frau“). Hier statt einer kürzeren Alternative verwendet, um den Staccato-Eindruck dieses Verses noch zu steigern: Was geschieht, kommt Schlag auf Schlag, und ohnehin lassen sich die Ereignisse hier schnell übergehen, denn der Hauptfokus dieses Abschnitts liegt klar auf den beiden Äußerungen des Frauenchors.
- ging zu ihr - heb. Idiom für Geschlechtsverkehr, vgl. z.B. Schorch 2000, S. 96.
14 und die Frauen sagten zu Noomi: „ Gepriesen sei JHWH,Der1 dir heute einen Löser nicht hat fehlen lassen,Sein Name werde gerufen2 in Israel!
- Gepriesen sei JHWH, der ist eine Formel für » Gott sei dafür gedankt, dass... « (vgl. Lande 1949, S. 106f.).
- Sein Name werde gerufen - D.h. » er werde verehrt «: » Name « ist hier wie oft (bes. wenn von Gott » im Menschenmund « die Rede ist) Wechselbegriff für den Namensträger selbst.
15 Möge er dir (er wird dir) [der] sein, [der] Lebenskraft zurückkehren lässt1 Und [der] dein Alter erhält! Ja!, (denn)2 deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren,Sie, die besser für dich [ist] als sieben Söhne! “
- Lebenskraft zurückkehren lässt - heb. Idiom für Wiederbelebung, Lebensrettung und am-Leben-Erhaltung; sicher ist hier Letzteres gemeint, s. nächste Zeile. Fast stets ist JHWH das Subjekt dieses Ausdrucks (1 Kön 17,21f; Ijob 33,30; Ps 23,3; 35,17; Klg 1,19). Wir haben also eine ähnliche Ambivalenz wie in Rut 2,20 (s. FN ax und die Anmerkungen zu Kap. 3) vor uns: Wegen V. 14 und diesem Ausdruck sollte man meinen, dass hier und in der nächsten Zeile noch von JHWH die Rede ist und erst in der vorletzten Zeile wird klar, dass tatsächlich von Ruts Kind die Rede ist.
- Ja!, (denn) - Ein sog. » exklamatives ki « , das hier wie öfter den Abschluss eines Preises einleitet (wie z.B. auch in Ps 100,5, so aber offenbar nur Brichto 1973, S. 21). Im Dt. am besten auszusparen.Der Minihymnus des Frauenchors schließt mit einem durch das ki und durch die Verslänge hervorgehobenen Lobpreis auf die (Moabiterin!) Rut, die » besser ist als sieben Söhne «.
16 Noomi nahm den Säugling, hob ihn an ihre Brust,1 wurde seine Kinderfrau
- hob ihn an ihre Brust - sicher nicht im Sinn von „säugte ihn“, sd. i.S.v. „nahm ihn auf den Arm (wie eine liebende Großmutter das nun mal so tut)“, s. 1 Kön 3,20 (wo das Kind ja wohl nicht von einer Schlafenden gestillt wird) und 17,19 (wo doch wohl die Mutter nicht vor den Augen des Elija ihr Kind stillt); auch Frauen, Männer, Brüder, Neffen, Nichten und sogar Schafe können „an jemandes - auch eines Mannes - Brust“ sein, s. Gen 16,5; Dtn 13,7; 28,54.56; 2 Sam 12,3.8; 1 Kön 1,2; Est 2,7; Jes 40,11). Einige denken wg. V. 17, dass es sich hier um einen Adoptionsgestus handelt, aber das wäre eine überwörtliche Interpretation des Folgeverses und würde doch sehr viel in diese Geste hineinlesen (so auch Rudolph 1962, S. 71; Zakovitch 1999, S. 170; Zenger 1986, S. 97).
17 und die Bürgerinnen (Nachbarinnen) gaben ihm einen Namen (riefen), indem sie sagten (wie folgt): „Ein Sohn ist der Noomi geboren!“, und sie nannten seinen Namen „Obed (Diener)“.1 Dieser war der Vater von Isai, dem Vater Davids.
- Ein weiterer umstrittener Vers. Dass offenbar die Bürgerinnen das Kind benennen, ist gar nicht so problematisch, s. Lk 1,58. Alternativ, aber weniger wahrscheinlich, könnte man dies mit Bush 1996b, S. 12 auch einfach so verstehen, dass die Bürgerinnen mit ihrem Ausruf Anlass für den Namen des Kindes waren und ihm in diesem Sinne „einen Namen gaben“.Schwierig ist aber, dass es zunächst so scheint, als wäre der Name des Kindes „Ein Sohn ist der Noomi geboren!“. Entweder ist mit Würthwein 1969, S. 20 das erste „Name“ zu streichen, so dass der Text lauten würde „Und die Bürgerinnen riefen über ihn: ‚Ein Sohn ist der Noomi geboren!‘, und sie nannten...“ oder das „wie folgt (indem sie sagten)“ wird so verstanden, dass es gar nicht den Namen einleitet, sondern die „Begleitumstände“ der Namensgabe, so dass man übersetzen müsste: „Und die Bürgerinnen gaben ihm einen Namen, indem sie sagten: ‚Ein Sohn ist der Noomi geboren!‘ - und der Name, den sie ihm gaben, war ‚Obed‘“ (so viele Üss., daher in der LF vorzuziehen). Gut dann z.B. NL: „Die Nachbarinnen sagten: ‚Jetzt hat Noomi endlich wieder einen Sohn!‘ Und sie nannten ihn Obed.“Der Zusammenhang zwischen dem Ausruf der Bürgerinnen und dem Namen „Obed“, also „Diener“, ist wohl der, dass Noomi nun mit ihrem Enkel eine „Altersvorsorge“ hat (s. die Anmerkungen), Obeds Geburt also der Noomi „dienlich“ ist (vgl. Bush 1996b, S. 13).
18 Dies [also] sind die Zeugungen von Perez:1 Perez zeugte den Hezron,
- dies sind die Zeugungen von Perez - Übliche Einleitung für einen Stammbaum; gut z.B. GN, T4T: „Dies ist die Liste der Nachkommen von Perez“.
19 Hezron zeugte Ram, Ram zeugte Amminadab,
20 Amminadab zeugte Nachschon, Nachschon zeugte Salmon,
21 Salmon zeugte Boas, Boas zeugte Obed,
22 Obed zeugte Isai, Isai zeugte David.1
- De Waard/Nida 1992, S. 78 haben einen sehr guten Vorschlag für eine zeitgemäße Übersetzung gemacht: „Dies [also] ist die Abstammungslinie von Perez bis zu David: Perez, Hezron, Ram, Amminadab, Nachschon, Salmon, Boaz, Obed, Jesse, David.“