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Chapter 1

1 1 Wie sitzt sie allein, Die Stadt, [einst] reich an Menschen.Es wurde wie eine Witwe2, die Herrin unter den Völkern,die Fürstin über die Provinzen3, wurde zur Fronarbeiterin4.5

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. „Witwe“ ist hier ein Symbol für Hilflosigkeit und Einsamkeit.
  3. Provinzen - Das hebräische Wort מְדִינָה (medînā) bezeichnet einen Bezirk oder ein Land, das unter der Rechtsprechung einer übergeordneten Regierung steht. Hier ist vielleicht an die Bezirke und Länder des davidischen Großreiches gedacht oder an die unter Josia zurückeroberten Bezirke Judas (vgl. Kraus S. 21).
  4. zur Fronarbeiterin - W. „zum Frondienst“; der abstrakte Begriff anstelle der konkreten Person (vgl. „die Jugend von heute“ statt „die Jugendlichen von heute“).
  5. Beachte die chiastische Anordnung der Satzglieder in Zeilen 3.4 und 5.6.

2 [Bitter] weint sie1 bei Nacht,Und ihre Tränen [sind] auf ihrer Wange;Es gibt für sie keinen Tröster Unter allen ihren Liebhabern,Alle ihre Freunde sind ihr untreu, Sind ihr zu Feinden geworden.2

  1. [Bitter] weint sie - W. „weinen sie weint“; im Heb. wird ein Verb derart um den Infinitiv des selben Wortes erweitert, um es noch stärker zu machen. Manche Übersetzer (vgl. Kraus, ELB) versuchen die Wiederholung von „Weinen“ im hebräischen Text nachzuahmen: „Sie weint und weint“.
  2. Die Liebhaber und Freunde sind die wechselnden Völker, mit denen Juda sich gegen Babylon verbündet hat; sie alle haben sich bei der Eroberung Jerusalems auf die Seite der Babylonier geschlagen.

3 Ausgewandert ist Juda aus Elend Und vielem Frondienst,1Sie wohnt (sitzt) unter den Heiden (Völkern),2 Hat keine Ruhe gefunden;All ihre Verfolger haben sie eingeholt Inmitten der Bedrängnisse.

  1. Es gibt zwei Deutungen zu Vers 3a: 1. Juda musste aus (oder wegen) der bedrückenden Situation in der Heimat in die noch schlimmere Situation des babylonischen Exils auswandern. 2. Teile Judas sind vor der babylonischen Bedrohung in der Heimat nach Ägypten ausgewandert. (vgl. Kraus S. 22)
  2. Heiden bzw. Völker ist keine bloße geographische Angabe, sondern vor allem eine religiöse: Gottes Volk lebt nun unter Menschen, die JHWH nicht kennen.

4 Zions Wege trauernWegen des Ausbleibens der Festpilger,1Alle ihre Tore2 [sind] entvölkert,Ihre Priester seufzen,Ihre Jungfrauen3 [sind] betrübtUnd sie [selbst] ist verbittert.4

  1. der Festpilger - W. „der zum Fest Kommenden“.
  2. Die Tore sind im Alten Israel nicht nur zwei Türen, sondern ein großer Bereich, in dem man sich zu Unterhaltung, Handel und Gericht versammelte. Hier ist außerdem speziell an die Scharen der Pilger gedacht, die sich durch die Tore in die Stadt drängten.
  3. Mädchenchöre und -reigen waren Teil des Tempelkultus (vgl. Ps 68,25f. Ri 21,19-21)
  4. ist verbittert - W.: „Und sie, bitter ist ihr.“

5 Ihre Feinde sind obenauf,1Ihre Widersacher sind sorglos (sicher);2Denn JHWH hat Zion3 bekümmertWegen der Menge ihrer Vergehen (Sünden, Frevel; wegen ihrer vielen Vergehen),Ihre Kinder sind [in die] Gefangenschaft (Verbannung) gegangen4 in Gegenwart des Feindes.

  1. obenauf - W.: „sind zum Haupt geworden.“
  2. sorglos - Die ZÜR übersetzt abgeschwächt „sind zufrieden“, viell. mit Anspielung auf das hebr. Verb שׁלו, das mit ‍שָׁלוֹם (Friede) verwandt ist. Kraus sieht darin eine Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse: Der Israel verheißene שָׁלוֹם (Wohlstand, Sorglosigkeit, Glück) ist auf die Feinde übergegangen (S. 23).
  3. Zion - W.: „sie“ (Sg. f.).
  4. in die Gefangenschaft gegangen - viele übersetzen „als Gefangene fortgegangen“ (abstrakter Begriff anstelle der konkreten Personְ, vgl. V. 1). Vgl. jedoch Vers 18, wo derselbe Ausdruck steht, allerdings mit Präposition (בַּשֶּׁבִי baschebi („in Gefangenschaft“)).

6 Gewichen ist von der Tochter Zion1 All ihre Herrlichkeit;Ihre Anführer sind wie Widder2 geworden,[Die] keine Weide [mehr] finden,3Sie sind in die Bedeutungslosigkeit gezogen (in Ohnmacht/ohnmächtig fortgezogen)In Gegenwart des Verfolgers (Jägers).4

  1. Tochter Zion - „Zion“=Jerusalem. „Tochter Zion“ ist ein häufiger heb. Ausdruck, mit dem die Stadt personifiziert und als „Tochter“ ihrem „Vater“ JHWH zugeordnet werden soll (vgl. Berges 2002, S. 54).
  2. Widder - od. „Hirsche“, der hebr. Konsonantentext (אילים) lässt beide Deutungen zu. Während die alten Versionen (LXX und VUL) „Widder“ überliefern, folgen die meisten modernen Übersetzungen der masoretischen Vokalisation אַיָּלִים (ᵓajjālîm). In Ex 15,15 2Kö 24,15 Ez 17,13; 32,21 steht „Widder“ (so wörtlich übersetzt) als Metapher für die Anführer des Volkes.
  3. finden - Im Heb. Perf., das hier wohl Abgeschlossenheit ausdrückt. „Weide“ als der Ort, wo der Widder herrscht, steht hier für Jerusalem, das für die Anführer durch die Deportation nun in unerreichbare Ferne gerückt ist (= nicht finden).
  4. Verfolgers (Jägers) - Wenn man „sie“ (3. Pl.) in Zeile 5 auf die Widder bezieht, muss man das Wort mit „Jäger“ oder „Treiber“ übersetzen. Bezieht man es jedoch auf die Anführer, bezeichnet es die Babylonier; die Doppelzeile ist dann parallel zur letzten Doppelzeile von V. 5.

7 Jerusalem gedenktDer Tage ihrer notleidenden Flüchtlinge,1All ihrer KostbarkeitenAus uralten Tagen,23Als ihr Volk4 in (durch) die Hand der Feinde fielUnd es keinen Helfer für sie gab:[Ihre] Feinde sahen sie, lachtenÜber ihr Ende.5

  1. notleidenden Flüchtlinge - wörtl.: Not und Heimatlosigkeit; abstrakte Begriffe anstelle konkreter Personen (ähnlich Jes 58,7), die hier als Hendiadyoin zusammengehören. Mit den Flüchtlingen könnten die Bewohner Judas gemeint sein, die angesichts des heranrückenden babylonischen Heeres ihren Heimatort verließen und in Jerusalem Schutz suchten. Jerusalem selbst kann schwerlich als heimatlos/flüchtig bezeichnet werden.
  2. aus uralten Tagen - wörtl.: die aus (seit) den Tagen der Urzeit waren
  3. Textkritik: Während alle Verse des ersten Kapitels dreiteilig sind, ist Vers 7 sowohl im masoretischen Text als auch in den antiken Versionen vierteilig überliefert. Da sich Vers 7a nahtlos an 7c anschließt, liegt es nahe, 7b als spätere Ergänzung zu tilgen. Übersetzer, die 7b halten, übersetzen: Jerusalem gedenkt während der Tage ihrer Not und Heimatlosigkeit(?) all ihrer Kostbarkeiten …
  4. ihr Volk - od. ihre Bevölkerung, d.h. die Einwohner Jerusalems im eig. Sinn oder das Volk Judas, das in seiner Hauptstadt Zuflucht gesucht hat
  5. Ende - Das Wort ist im Hebräischen ein Hapaxlegomenon, d.h. nur an dieser Stelle belegt und entsprechend unsicher in seiner Bedeutung. Es ist unterschiedlich übersetzt worden: LXX überliefert „Exil“ (μετοικεσία) bzw. nach anderen Handschriften „Wohnsitz“ (κατοικεσία); Vulgata sabbata, d.h. „Sabbate“. Ges18 nennt unter מִשְׁבָּת die Bedeutungen „Aufhören, Ende“; dieser Deutung haben sich die heute gängigen Übersetzungen angeschlossen.

8 Schwer gesündigt1 hat Jerusalem,Ist2 zum Gespött3 geworden;Alle, die sie ehrten, verachten sie [nun],Denn sie haben sie nackt gesehen4;Daher seufzt sieUnd wendet sich [beschämt] ab.

  1. schwer gesündigt hat - W.: „eine Sünde hat gesündigt Jerusalem“; Figura etymologica zur Verstärkung des Verbs.
  2. Textkritik: Der masoretische Text überliefert ist deshalb. Allerdings zerstört deshalb im Hebräischen das Metrum; vielleicht ist es eine alte Glosse (Randnotiz), die versehentlich in den Text geraten ist.
  3. Gespött - Die Bedeutung von נִידָה (nîdā) ist umstritten: Manche leiten es von der Wurzel נדד (ndd) ab und übersetzen Abscheu, Unreinheit; es wäre dann ein Synonym zu נִדָּה (niddā). Andere leiten es von der Wurzel נוד (nud) ab und übersetzen Kopfschütteln, was ein Ausdruck von Verachtung und Spott war.
  4. sie nackt gesehen - W.: „ihre Scham (Genitalbereich) gesehen“. Das Aufdecken der Scham galt als schlimme Schande (vgl. Jes 47,3 Jer 23,26 Hes 16,37 Nah 3,5).

9 Ihre Unreinheit [ist] an ihren Säumen,1sie hat nicht ihr Ende bedacht.2{Und} sie ist niedergegangen,34 unbegreiflich (schrecklich),es gibt keinen, der sie ermutigt (sich ihr zuwendet, Erbarmen mit ihr hat, sie tröstet).„Sieh, JHWH, mein Elend (Leiden),dass (denn, Ach!,) der Feind triumphiert (großtut, es zu weit treibt).“

  1. Auf der Bildebene bezeichnet Unreinheit Menstruationsblut, das eine Frau kultisch unrein machte (vgl. Lev 15,19). Auf der Sachebene steht Unreinheit für Judas Bundesbruch durch Kompromisse in Kultus und Politik.
  2. d.h. die Folgen ihres Tuns. Kraus S. 25: "אחרית ist das letzte, alles Leben und alle Geschichte bestimmende Handeln Gottes (Dtn 32,29 Ps 73,17)."
  3. Das hebräische Verb ירד bezeichnet hier den Niedergang einer belagerten Stadt (vgl. Dtn 28,52; 20,20)
  4. Textkritik - LUT übersetzt sie ist heruntergestoßen und scheint als einzige deutsche Übersetzung dem Vorschlag im Apparat der BHS (וַתּוּרַד) gefolgt zu sein; dem masoretischen Text und der Mehrheit der antiken Versionen zu misstrauen ist unnötig.

10 Der Feind hat seine HandNach allen Schätzen Zions1 ausgestreckt;Sie hat Heiden (Völker) gesehen ―Sie sind [wirklich]2 in ihr Heiligtum gekommen,[Sie,] von denen du befohlen hast,Sie sollen dir nicht in den Gottesdienst3 hineinkommen.4

  1. allen Schätzen Zions - wörtl.: all ihren Schätzen, womit vor allem (aber nicht nur) die Schätze des Tempels gemeint sein dürften (vgl. 2Kö 24,13).
  2. Das hinzugefügte wirklich soll das ungläubige Entsetzen andeuten, das im hebräischen Text vielleicht in der Unebenmäßigkeit im Satzbau (Inkonzinnität) angedeutet ist.
  3. Gottesdienst - W.: „Versammlung“; mit קָהָל ist das versammelte Volk als politische und kultische Gemeinschaft gemeint, was kaum wirklich zu trennen ist. In die Versammlung kommen ist in 10c parallel zu 10b zu verstehen (in das Heiligtum kommen) und daher sinngemäß als Gottesdienst oder Versammlungsort zu übersetzen.
  4. Der Beter erinnert Gott, dass er sein eigenes Gebot außer Kraft gesetzt hat, indem er die Babylonier und ihre Verbündeten in den Tempel eindringen ließ. Dieser Widerspruch verstört ihn zutiefst. Interessanterweise wendet er sich in dieser Verstörung direkt an Gott.

11 All ihre Bewohner1 stöhnen,Suchen [nach] Brot (Nahrung),[Weg]gegeben haben sie2 ihre Kostbarkeiten3 für Nahrung,um am Leben zu bleiben.4Sieh, JHWH, und gib doch Acht,dass5 ich eine Verachtete (für eine Bettlerin?, was für ein Schlemmer ich) geworden bin.

  1. ihre Bewohner - W.: „ihr Volk“.
  2. gegeben haben sie - Da das hebräische Perfekt auch das Fehlen von Veränderung bezeichnen kann, übersetzen manche: sie geben (immer noch).
  3. Textkritik - Die Vulgata überliefert dederunt pretiosa quaeque (sie gaben alle Kostbarkeiten), hatte in ihrer hebräischeנ Vorlage demnach wohl נתנו כל מחמ(ו)דים.
  4. um am Leben zu bleiben - wörtl.: um das Leben (die Seele) zurückzubringen; die Wendung hat in der Bibel noch häufiger die oben übersetzte Bedeutung.
  5. dass - od.: denn

12 †Nicht zu (für) euch†1 alle, die ihr des Weges zieht,2gebt Acht und seht,ob es einen Schmerz gibt wie meinen Schmerz (Plage, Qual),der mir zugefügt worden ist,mit dem JHWH [mich] plagteam Tag seines Zornes.3

  1. Textkritik - Der Versanfang scheint fehlerhaft überliefert zu sein; alle Versuche, ihm einen Sinn zu geben, überzeugen nicht wirklich: 1. berührt es euch nicht? - Im Hebräischen fehlt die Fragepartikel! - 2. Nichts dergleichen möge euch treffen (Gute Nachricht Bibel). Beides erscheint weit hergeholt angesichts des überlieferten Textbestandes. Als Annahme (Konjektur) für den ursprünglichen Wortlaut wurde לְכוּ (ləḵû) vorgeschlagen: Kommt (los!) alle, die ihr ... . Wie es zum überlieferten Text kam, ist damit nicht geklärt. Bedenkenswert scheint mir die Annahme der Jerusalemer Bibel, dass nicht für euch eine Randglosse darstellt, die den Leser schützen soll. Dafür spricht, 1. dass 13a ohne nicht für euch wieder ins Metrum passt, 2. dass plene geschriebenes לוֹא (lô = nicht) auf eine späte Abfassungszeit deutet (sonst in Klgl immer לֹא lō).
  2. Jerusalem wendet sich wie eine Bettlerin an die Vorübergehenden.
  3. Zorn - Die traditionelle Übersetzung "Zornesglut / glühender Zorn" kann als Steigerung zum bloßen Zorn missverstanden werden. חָרוֹן אַף (ḥārōn ap) bezeichnet das Erröten und das damit verbundene Gefühl von Wärme in der und um die Nase. Beide Wörter, אַף (ap = Nase) und חָרוֹן (ḥārōn = Hitze), können dann für sich allein schon die Bedeutung Zorn annehmen, ohne dass ein Unterschied zu ihrer Kombination vorliegt.

13 Aus der Höhe1 hat er Feuer gesandtin meine Gebeine (Inneres) und ließ es herabkommen [auf mich] (und trat es nieder)2Er hat meinen Füßen ein Netz gespannt,hat mich zurückgedrängt.3Er machte mich einsam (öde, zunichte),4gemieden (unrein, elend, traurig)5 den ganzen Tag.6 7

  1. aus der Höhe - d.h. aus dem Himmel (vgl. Jes 33,5; 57,15 Ps 10,5); damit wird das Subjekt eindeutig mit JHWH identifiziert.
  2. Textkritik - und ließ es herabkommen [auf mich] (und trat es nieder) - Die masoretische Textüberlieferung lautet: und trat es nieder (וַיִּרְדֶּנָּה wajjirdǽnnā); worauf sich „es“ beziehen soll, ist dann unklar. Bei anderer Vokalisation (וַיֹּרִדֶּנָּה wajjōridǽnnā) lautet die Übersetzung und er ließ es herabkommen, in der es sich auf Feuer (im Heb. Sg. f.) bezieht. Gestützt wird diese Übersetzung durch 4QLam und die LXX, die κατήγαγεν αὐτό (katḗgagen autó = er brachte es herab) überliefert. Nach BHQ folgen wir dieser Lesart. Das in manchen Übersetzungen zu lesende und es vernichtete sie nimmt Feuer als Subjekt; „Feuer“ ist im Heb. aber meist Fem. und nur manchmal Mask., daher ist das unwahrscheinlich.
  3. Ausgespannte Netze sind in der Bibel häufiger eine Metapher für Unheil, das jemandem bereitet wird. So übersetzt, stellen die Netze ein unüberwindliches Hindernis dar, die Fliehende muss zurückgehen, dem Verfolger entgegen(!). Andere Übersetzer lassen die Gejagte ins Netz geraten und übersetzen 13bβ rücklings riss er mich nieder (vgl. Einheitsübersetzung). Jedoch passt diese Formulierung kaum zu jemandem, der in ein Netz gerät und im vollen Lauf doch wohl vorwärts stürzt.
  4. machte einsam - Die hebräische Wurzel שׁמם (šmm) bezeichnet objektiv die Verwüstung (eines Landes, einer Stadt) und als Folge der Verwüstung Verödung und Entvölkerung; subjektiv bezeichnet sie das Entsetzen, das solch eine Verwüstung im Menschen hervorruft.
  5. gemieden - Als דָּוָה (dāwā) wird die Frau während ihrer Menstruation bezeichnet (Lev 15,33; 20,18); in dieser Zeit ist sie unrein und darf nicht berührt werden.
  6. d.h. für immer
  7. In drei Bildern schildert Jerusalem ihr Los: 1. im Bild der Kranken (13a; vgl. Hi 30,30b Ps 102,4 Jer 20,9); 2. im Bild der Gejagten (13b); 3. im Bild der Einsamen (13c).

14 Das Joch meiner Vergehen wurde [mir] angebunden(?),1durch seine Hand2 wurden [seine Stricke] geflochten,haben sich um meinen Hals gelegt,3er (es)4 hat meine Kraft gebrochen.5Der Herr gab mich in die Hände [derer],[gegen die] ich nicht bestehen kann.

  1. Textkritik: angebunden - Heb. נשקד (nśqd/nšqd). Im MT ist es überliefert als נִשְׂקַד (niśqad); dieses Wort findet sich sonst nicht in der Bibel; seine Bed. muss also aus dem Kontext erschlossen werden: „angebunden“. Die Übersetzer der LXX, Syr und der Vulgata haben es offensichtlich als נִשְׁקַד (nišqad = er wurde bewacht) gedeutet; diese Schreibweise findet sich auch in einigen Handschriften und so wird das Wort auch im Midrasch gedeutet. Darauf folgt das Wort על (ʻl). Dieses kann als עַל (ʻal = auf, über) - so LXX und viele hebr. Handschriften - oder als עֹל (ʻōl = Joch) gelesenen werden - so der masoretische Text und die Vulgata. Zwar bietet die LXX ein für die ersten zwei Wörter naheliegendes, aber für 14a/b keineswegs unproblematisches Textverständnis: Es wurde über meine Vergehen gewacht; sie wurden zusammengeflochten, sie sind hinaufgestiegen auf meinen Nacken. Der masoretische Text hingegen benutzt das Bild des Jochs, das JHWH seinem Volk wegen seiner Vergehen angelegt hat. Mit dem Joch ist die Unterjochung im Exil gemeint.
  2. durch seine Hand - od.: in seine Seite mit Bezug auf das Joch.
  3. wörtl.: sind hinaufgegangen auf meinen Nacken.
  4. er (es) - Subjekt ist entweder Gott oder das Joch.
  5. wörtl.: es ließ straucheln meine Kraft.

15 Verworfen1 hat er alle meine Tapferen (Starken, Krieger)der Herr, in meiner Mitte;ausgerufen hat er über mir (gegen mich) eine Festversammlung (ein Treffen, einen Termin),um meine Krieger zu zerschlagen.Der Herr hat die Kelter getreten2 der jungfräulichen Tochter Juda34

  1. verworfen hat - Unsicheres Wort, das sich nur zwei Mal in der Bibel findet (noch Ps 119,118). Andere übersetzen סלה (sālāh) mit wegschleudern (o.ä.); vgl. LXX (ἐξῆρεν - beseitigt hat) und das akkadische Verb salû (wegschleudern). Syr und Tg übersetzen „niedertreten“, was darauf hinweisen könnte, dass im ursprünglichen Text סלל (sll) stand.
  2. Jemandem die Kelter treten bedeutet unter jemandem ein Blutbad anrichten.
  3. Jungfrau und Tochter werden beide im Hebräischen zur Personifikation von Länder- und Städtenamen verwendet, ohne dass damit eine ethische Qualifikation ― etwa rein, unschuldig ― verbunden wäre.
  4. Man beachte die bittere Ironie (vgl. Vers 4cγ) in den jeweiligen Halbversen: (15a) Gott in meiner Mitte … hat verworfen ― (15b) eine Festversammlung … um zu zerschlagen ― (15c) Kelter treten (= richten) … Juda (und nicht ihre Feinde).

16 1 Deswegen weine ich,mein Auge {mein Auge}2 zerfließt3 wasser[gleich],denn fern von mir ist ein Ermutiger,einer, der mich wieder belebt (meine Seele zurückbringt);meine Kinder (Söhne) sind zerstört (entsetzt, erstarrt),denn stark (mächtig, überlegen) ist der Feind.

  1. Textkritik: Die Reihenfolge der Verse 16 und 17 in Klgl 1 ist unsicher. Das Alphabet war im Alten Israel offenbar in zwei Varianten verbreitet; in der einen folgte Pe auf `Ajin, in der anderen `Ajin auf Pe. Nach MT ist in Klgl 1 die Reihenfolge V. 16 (die `Ajin-Strophe) - V. 17 (die Pe-Strophe); nach 4QLam V. 17 - V. 16, dort folgt also wie in Klgl 2-4 `Ajin auf Pe. Das lässt sich entweder so erklären, das 4QLam die Reihenfolge der Verse von Klgl 1 nachträglich an Klgl 2-4 angepasst hat oder dass MT die Reihenfolge der Verse nachträglich an die verbreitetere Version des Alphabets angeglichen hat. Textkritisch ist diese Frage nicht entscheidbar (so auch Schäfer 2006, S. 244f.); wir orientieren uns in der Reihenfolge am MT.
  2. Textkritik: mein Auge {mein Auge} - In MT steht das Wort „mein-Auge“ zweimal nebeneinander. 4QLam, LXX, Syr und VUL haben es nur einmal; ein Schreiber hat also wahrscheinlich das ursprünglich eine „mein-Auge“ doppelt geschrieben. Vgl. allerdings Tg („meine zwei beiden Augen“); 4QLam: („meine beiden Augen“); auch einige LXX-Handschriften und Syr haben das Wort im Plural statt im Sg. und auch LXXO war die Fassung mit doppeltem „mein-Auge“ bekannt. Vgl. außerdem noch 2 Kön 4,19 („mein Kopf, mein Kopf“); Jer 4,19 („meine Eingeweide, meine Eingeweide“) - ganz sicher es also nicht, dass der ursprüngliche Text nur ein „mein Auge“ hatte.
  3. zerfließt - wörtl. steigt herab

17 Zion fleht mit ihren Händen (streckt ihre Hände aus),da ist keiner, der ihr Mut macht (Trost zuspricht),JHWH hat über Jakob1 verhängt (befohlen),[Dass] rings um ihn (seine Nachbarn) seine Feinde [seien],Jerusalem wurdezur Verabscheuten (Unreinen) unter ihnen.

  1. Jakob - Bezeichnung für das Volk Israel, die auf den gleichnamigen Patriarchen zurückgeht.

18 Gerecht (im Recht) ist JHWH,denn seinem Mund1 habe ich nicht gehorcht.Hört doch, all ihr Völker, seht meine Qual:Meine jungen Frauen und Männer,2sie sind in die Verbannung gegangen.

  1. Mund steht hier wie öfter synekdochisch für das, was aus diesem Mund kommt: für Gottes Weisungen und Gebote.
  2. jungen Frauen und Männer - Die hebräischen Begriffe bezeichnen noch nicht Verheiratete.

19 Ich habe meine Liebhaber (zu Hilfe) gerufen, (aber) sie haben mich betrogen (hintergangen, getäuscht),meine Priester und Ältesten1 sind in der Stadt umgekommen,als sie Nahrung für sich suchten,um zu überleben.2 (ihre Seele zurückzubringen).

  1. Priester und Älteste stehen als pars pro toto für das ganze Volk. Wenn sie schon hungern, lässt sich erahnen, wie schlimm es um das einfache Volk steht.
  2. Textkritik: LXX + Syr fügen hinzu: „und fanden keine“. Dieser Überlieferung zu folgen ist unnötig (gegen Kraus S. 18), wenn man das Impf. ּוְיָשִׁיבו (wəjāšîbû) final übersetzt (vgl. GKC §107q).

20 Sieh, JHWH, dass mir angst [ist],mein Inneres ist (meine Eingeweide sind) aufgewühlt,1es dreht (windet) sich mein Herz in meinem Innern,denn ich war in der Tat widerspenstig (trotzig):draußen machte das Schwert [mich] kinderlos,drinnen [ist es] wie der Tod2

  1. aufgewühlt ― od.: glüht. Ges18 unterscheidet zwei Wurzeln חמר (ḥāmar): 1. aufwühlen, gären (u.a. zur Bezeichnung von Schaumwein) 2. rot sein, ohne חֳמַרְמָרוּ (ḥŏmarmārû) in Klgl 1,20 einer der beiden Wurzeln sicher zuzuordnen. Der Unterschied ist am Ende nicht groß, in beiden Fällen wird große Angst oder Erregung ausgedrückt.
  2. Viele Übersetzungen bieten: drinnen der Tod bzw. drinnen (herrscht) der Tod, müssen dazu aber das wie (כְּ/kǝ) im hebräischen Text ignorieren. Vielleicht heißt כַּמָּוֶת (kammāwät) als ob eine Seuche (wütet).

21 Sie haben (Man hat) gehört,1 dass ich seufze,da [war] keiner, der mir Mut machte (Trost zuspricht);alle meine Feinde hörten von meinem Unheil,sie jubelten, weil du [es] bereitet (getan) hast;du brachtest den Tag, den (das Gericht, das) du angekündigt hattest,aber (und) sie werden (sollen) sein wie ich.2

  1. Sie haben gehört - nämlich die Feinde (vgl. 21b), oder allgemein man. Textkritik: Einige vermuten wegen Syr („Höre!“), dass hier ursprünglich ein Imp. Sg. gestanden habe: שְׁמַע (šǝmaʻ = höre) statt שָׁמְעוּ (šamǝʻû; so z.B. BHS, Gordis 1974, S. 160; Hillers 1972, S. 14f.; EÜ). Ebenso in Zeile 5: „Bringe“ (nach Syr, so BHS, EÜ u.a.), das andere als sog. „prekatives Perfekt“ deuten und auf dieser Basis ebenso übersetzen (z.B. Gordis 1974, S. 160; Hillers 1972, S. 15). Die LXX hat Imp. Pl. überliefert: Hört.
  2. du brachtest ..., aber sie werden sein - andere übersetzen: Bringst du den Tag … dann werden sie mir gleich sein (beigeordneter Bedingungssatz, vgl. GKC §159 b/h). Andere übersetzen: „Bringe...!“ (s. vorige FN). Für die obige Übersetzung spricht, dass der angekündigte Tag besser zu dem gegenwärtigen Unheil passt, als in ihm eine Gerichtsdrohung gegen die Feinde zu sehen, die hier sehr unvermittelt käme.

22 Kommen wird all ihre Bosheit vor dein Angesicht;dann (und) tue ihnen,wie du mir getan hast,wegen all meiner Vergehen;denn zahlreich [sind] meine Seufzer,und mein Herz [ist] krank (schwach, traurig).

Chapter 2

1 1 Wie umwölkt der Herr in seinem Zorn,die Tochter Zion,warf aus dem Himmel [auf die] Erdedie Herrlichkeit (den Ruhm, die Schönheit) Israels und gedachte nicht [mehr] des Schemels seiner Füßeam Tag seines Zorns.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Vernichtet (verschlungen) hat der Herrund verworfen1 die Weiden (Wohnungen) Jakobs,zerstört (zertrümmert, niedergerissen) hat er in seinem Ärgerdie Festungen (befestigten Städte) der Tochter Juda,warf zu Boden,entweihte das Königtum (-reich) und seine Obersten (Beamten, Kommandanten, Fürsten).

  1. wörtl.: nicht gedacht

3 Abgehauen hat er in der Hitze seines Zornsjedes Horn (alle Macht, Kraft) Israels,zog zurück seine (schützende) Rechtevor dem Feind;und er brannte (wütete) in Jakob wie ein Feuer,[dessen] Flamme rundherum fraß.

4 Er spannte seinen Bogen wie ein Feind[der] Pfeil [war] in seiner Rechten1 und er tötete wie ein Gegner2[seine] ganze Augenweide3.Im (ins) Zelt der Tochter Zion4 goss er seinen Grimm aus wie Feuer.

  1. Textkritik ― Der masoretische Text ist unverständlich (gegen Kraus, der die Inkongruenz der Genera nicht beachtet): stehend (Mask.) seine Rechte (Fem.). Die Übersetzung folgt dem Vorschlag der BHK.
  2. Der masoretische Text überliefert: wie ein Gegner und er tötete. Die Übersetzung folgt dem Vorschlag der BHK.
  3. Augenweide - wörtl.: Lust [des] Auges = die Bewohner Jerusalems bzw. Judas.
  4. Zelt der Tochter Zion bezeichnet Jerusalem

5 Der Herr ist wie ein Feind geworden,hat Israel vernichtet (verschlungen),vernichtet (verschlungen) all ihre1 Palästezerstört seine Festungen (befestigten Städte),er vermehrte in der Tochter JudaTraurigkeit und Trauer.

  1. d.h. der Tochter Zion (4c)

6 Er hat seine Hütte1 wie einen Weinstock2 preisgegeben3,seine Versammlungsstätte zerstört,in Vergessenheit geraten ließ JHWH in ZionFest und Sabbat,verwarf (verabscheute, verachtete) in seinem grimmigen ZornKönig und Priester.

  1. Hütte ― Wie aus 6b hervorgeht (Versammlungstätte) ist mit Hütte der Tempel gemeint.
  2. wie einen Weinstock ― So LXX. Der masoretische Text überliefert wie den Garten bzw. bei Änderung der Vokalisation wie einen Garten. Der LXX hat ein leicht veränderter Text - גפן (géfen) statt גן (gan) - vorgelegen. Zum Bild des Weinstocks vgl. Ps 80,9-17.
  3. preisgeben ― חמס (ḥāmas) wird meist mit Gewalt antun übersetzt. Stellen wie Hi 15,33 Jer 18,22 - parallel zu גלה (gāla = aufdecken) - und die Übersetzung der LXX mit διαπεταννύναι (ausbreiten, öffnen) legen jedoch entblößen, des Schutzes berauben als Grundbedeutung nahe. Die Zerstörung des Tempels würde dann mit dem Einreißen der Mauer eines Weingartens verglichen.

7 Verstoßen (verworfen) hat der Herr seinen Altar1,entweiht (zerbrochen) sein Heiligtum.Ausgeliefert hat er in die Hand (Gewalt) des Feindesdie Mauern ihrer2 Paläste.Man lärmte3 im Haus JHWH swie an einem Festtag.4

  1. Der Altar steht als pars pro toto für den gesamten Tempel.
  2. d.i. Zions
  3. wörtl. sie riefen
  4. In bitterer Ironie vergleicht der Dichter das Kriegsgeschrei bzw. die Angstrufe bei der Eroberung des Tempels mit den Festtagslärm früherer Tage.

8 JHWH ersann niederzureißen (zu verwüsten)die Mauern der Tochter Zion er spannte die Messschnur1 (hatte geplant),hat seine Hand nicht zurückgezogen vom Vernichten (Verschlingen),ließ trauern2 Wall3 und Mauer,zusammen gaben sie nach4.

  1. Messschnur spannen ist Synonym zu ersinnen, planen in 8a.
  2. Nämlich um ihre Mannschaften, die getötet worden sind.
  3. Wall ― Gemeint ist die Mauer vor der eigentlichen Stadtmauer. Andere übersetzen Heer in der Annahme, dass es sich bei חֵל (ḥēl) um eine orthographische Variante zu חֵיל (ḥêl = Heer) handelt
  4. gaben sie nach ― eig. verwelkten sie

9 Niedergesunken auf die Erde sind ihre Torevernichtet und zerbrochen hat er ihre Riegel,ihr König und ihre Obersten (Beamten, Hauptmänner) [leben] in [fremden] Völkern,es gibt keine Weisung,auch ihre Propheten bekommen (finden)keine Offenbarung (Schauung, Vision) JHWH s.

10 Auf der Erde sitzen (wohnen)1verstört (erstarrt, stumm)2 die Alten (Ältesten) der Tochter Zion,sie haben Staub auf ihr Haupt gestreut,sich [mit] Sackleinen gegürtet3;auf die Erde ließen ihr Haupt sinkendie Jungfrauen Jerusalems.

  1. Auf der Erde sitzen war ein Zeichen von Trauer (vgl. Jes 29,4).
  2. wörtl. und verstört sind
  3. Zeichen von Trauer und Reue.

11 Meine Augen sind in Tränen aufgelöst (dahingeschwunden, erschöpft),mein Inneres (meine Eingeweide) ist aufgewühlt (gärt, schäumt).Ausgeschüttet auf die Erde ist meine Leber1 (mein Leben),wegen des Untergangs der Tochter meines Volkes,als Kind und Säugling verrecktenin den Plätzen der Stadt.

  1. Das Ausschütten innerer Organe ist in der herbäischen Bibel Ausdruck, dass jmd tödlich getroffen ist (vgl. Hi 16,13). Nach Kraus (S. 40) ist die Leber Sitz der innersten Empfindungen.

12 Sie fragten ihre Mütter:„Wo sind Getreide und Wein?“,als sie verreckten wie durchbohrtin den Plätzen der Stadt,als sich ihr Leben (ihre Seele) ergossin den Schoß ihrer Mütter.

13 Was soll ich dir (als Trost) bezeugen,was mit dir1 vergleichen, Tochter Jerusalem?Was kann ich dir gleichstellenum dich zu trösten2, Jungfrau, Tochter Zion?Denn groß (endlos) wie das Meer [ist] dein Untergang (Zusammenbruch):Wer wird dich heilen?

  1. D.h. mit deinem Untergang.
  2. um dich zu trösten ― und dich [damit] trösten.

14 Deine (Heils-)Propheten hatten Visionen für dich:Lüge (Leeres) und Tünche1,aber deckten nicht auf deine Schuld2 (Missetat; Strafe),um abzuwenden dein Schicksal (deine Gefangenschaft).Sie hatten3 für dich Orakel (Sprüche)aus Lüge (Leerem) und Verführung.4

  1. od.: salzlos, fade
  2. wörtl.: sie deckten nicht auf [die Hülle] über deiner Schuld.
  3. wörtl.: schauten
  4. Bei anderer Vokalisation: Orakel, Lüge und Verführung.

15 Es klatschen1 über dich [in] die Händealle die des Weges ziehen,sie zischen (pfeifen) und schütteln ihren Kopfüber die Tochter Jerusalem:Ist dies die Stadt, die sie nennen (man nennt) „vollkommene Schönheit“,„Freude der ganzen Erde (für die ganze Erde)“?

  1. klatschen ... zischen: beides Ausdrücke der Schadenfreude.

16 Sie reißen ihr Maul (ihren Mund) auf über dich,alle deine1 Feinde,sie zischen (pfeifen) und knirschen mit [ihren] Zähnen,sie sagen: Wir haben [sie] verschlungen;ja, dies ist der Tag, auf den wir hofften,wir haben [es] erreicht2, gesehen.

  1. deine: im Hebräischen Femininum mit Bezug auf die Stadt Jerusalem
  2. wir haben (es) erreicht: Andere übersetzen „wir haben ihn (d.h. den erhofften Tag) erreicht“

17 Getan hat JHWH, was er ersann, erfüllt hat er sein Wort,das er angeordnet hat seit den Tagen der Urzeit:1 er riss ein und hatte kein Mitleid.Und er ließ sich freuen über dich den Feind, hat erhöht das Horn2 deiner Bedränger.

  1. das er angeordnet hat: Gordis bezieht dies auf den Tempel und nicht auf das Wort. Dann lautet die Übersetzung: Was er angeordnet hat ..., das riss er ein ...
  2. Horn: ein bildhafter Ausdruck für Macht

18 Ihr1 Herz schreit2 zum Herrn.[Du] Stadtmauer der Tochter Zion,3lass herabfließen wie einen Bach die TränenTag und Nacht!Gönne (gib) dir keine Ruhe (Aufhören),nicht versiege (höre auf) dein Augapfel4!

  1. ihr: im Hebr. Plural; gemeint sind die Bewohner Jerusalems
  2. schreit: Andere deuten das hebräische Perfekt an dieser Stelle als Vergangenheitstempus: schrie
  3. Ihr Herz schreit ... Stadtmauer ...: So der masoretische Text. Zahlreiche Übersetzungen und Kommentatoren halten diese Überlieferung von Vers 18a für korrupt. Unter den verschiedenen Verbesserungsvorschlägen hat die Änderung von צָעַק (schreit/schrie) in צַעֲקִי (schrei!) und die Tilgung von חוֹמַת (Mauer) Eingang in viele Übersetzungen gefunden. Neuere Übersetzungen (z.B. NZB, Lu2017) folgen wieder dem masoretischen Text.
  4. Augapfel: wörtlich die Tochter deines Auges

19 Auf, klage in der Nachtzu Beginn der Nachtwachen!Gieße dein Herz aus wie Wasservor dem Angesicht des Herrn!Erhebe1 zu ihm deine Händefür das Leben deiner Kinder,die vor Hunger schmachtenan jeder Straßenecke!2

  1. klage ... gieße ... erhebe: Diese Imperative haben im Hebräischen feminines Geschlecht, so dass auch hier Jerusalem als Subjekt zu denken ist.
  2. Auffälligerweise ist Vers 19 vierzeilig. Da die vierte Zeile jedoch von allen Textzeugen überliefert wird und auch inhaltlich keine Fragen aufwirft, gibt es keinen Grund sie zu tilgen.

20 Sieh, JHWH, und schau doch,wem du solches angetan hast!Sollen Frauen ihre Leibesfrucht essen,[ihre] umsorgten1 Kinder?Sollen im Heiligtum getötet werdenPriester und Prophet?

  1. umsorgten: andere übersetzen „gesund geborenen“ o.ä. טִפֻּחִים kommt nur hier in der hebräischen Bibel vor.

21 Auf der Erde in den Straßen liegenKind und Greis;meine jungen Frauen und Männer1 sind gefallen durch das Schwert,du hast getötet am Tag deines Zorns,du hast abgeschlachtet, nicht geschont.

  1. junge Frauen ... junge Männer: Im Hebräischen sind damit noch nicht Verheiratete gemeint.

22 Du riefst aus wie einen Tag der Festversammlungmeine Fremdlingschaft ringsumher,1und es gab am Tag des Zorns JHWH s keinenEntronnenen und Entkommenen;die ich umsorgt und großgezogen habe, mein Feind hat sie vertilgt.

  1. Diese Übersetzung ist der Versuch den masoretischen Text von Vers 22a ohne Eingriffe und Sonderbedeutungen folgendermaßen zu verstehen: Gott hat öffentlich beschlossen, dass die Einwohner Jerusalems in der eigenen Stadt und ringumher Fremdlinge sein sollen. Andere deuten מְגוּרַי (meine Fremdlingschaft) als Plural von מָגוֹר (Grauen, Schrecken). Gordis vermutet ein Wortspiel und übersetzt מְגוּרַי als „neighbors (terrors)“.

Chapter 3

22 JHWH s (Gnadenerweise =) Gnade [ist es], dass wir nicht am Ende (umgekommen, vergangen) sind,denn sein Mitgefühl ist nicht zu Ende.

23 Jeden Morgen [ist es]1 neu,groß [ist] seine Treue.

  1. Mitgefühl ist im dt. Sg., im hebr. Pl.

24 JHWH ist mein Anteil (Besitz, Gewinn), (hat meine Seele =) habe ich gesagt,daher will1 ich auf ihn warten.

  1. Impf. hi.

25 Gut [ist] JHWH zu dem, der1 auf ihn hofft,zu (der Seele =) dem Menschen, der ihn sucht (sich an ihn wendet).

  1. Partizip q. mit Suffix, hier relativisch aufgelöst

26 Gut [ist es], (still harrend [zu sein] =)1 still zu harren auf die Hilfe (Rettung, Heil) JHWH s.

  1. „harrend“ ist Adjektiv, „still“ ist Adverb das das Adjektiv näher bestimmt

27 Gut [ist es] für jeden, wenn er erträgt das Joch in seiner Jugendzeit.