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Chapter 1

1 1 '''Das Lied der Lieder,2 welche [sind] (welches [ist])3 von (für, über, nach Art von) Salomon''' t

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Lied der Lieder - Eine der Weisen, im Heb. einen Superlativ zu bilden: „Das schönste Lied“.
  3. welche [sind] (welches [ist]) - der Nebensatz lässt sich entweder auf das Lied („Salomo hat dieses schönste aller Lieder geschrieben“) oder auf der Lieder beziehen („Dieses Lied ist das schönste von Salomos Liedern“). Diese zweite Auflösung ist wahrscheinlicher, da für die erste Auflösung die Relativpartikel welche(s) unnötig wäre (s. die vielen Psalmüberschriften ohne Relativpartikel; so richtig Rudolph 1962, S. 121).

2 ['''Frau''':]1 „Er küsse mich mit Küssen (mit einigen von den Küssen) seines Mundes!2Oh!, (Denn) deine3 Liebkosungen4 [müssen] besser [sein] ([sind] besser)5 als Wein;6

  1. Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.
  2. Küsse seines Mundes - die Extra-nennung von »seines Mundes« ist nicht überflüssig, da im Alten Orient auch der Nasenkuss verbreitet war: das Aneinanderreiben der Nasen als Zeichen der Zuneigung, wie wir das heute noch als »Eskimokuss« kennen. Intimer war aber der Mundkuss (vgl. Fox 1985, S. 97), und dieser wird hier ersehnt. Das mi- (»mit / mit einigen von«) ist daher eher ein sog. »Min instrumenti« (»Er soll mich mit Mund-küssen küssen!«) als ein »Min partitivum« (»Einige der Küsse seines Mundes sollen auch mich treffen«).
  3. deine (V. 2) + der König (V. 4) - Die Wechsel von der 3. zur 2. Person in V. 2 (»Er küsse mich« - »Deine Liebkosungen«) und von der 2. zur 3. Person und wieder zurück in V. 4 (»Zieh« - »Der König bringt« - »über dich«) werden von den meisten Exegeten als P-Shifts verstanden: Im Heb. kann von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Unterschied in der Bedeutung machen soll. Zu übersetzen wäre dann auch in Vv. 2-3 durchgehend mit der 3. und in V. 4 durchgehend mit der 2. Person. Da aber in Vv. 2f. auch in den nächsten Zeilen mit der 2. Person fortgefahren wird, sind Personenwechsel besser mit Peetz 2015, S. 65f.; Zakovitch 2004, S. 110 zu erklären: Sie sollen das jeweils Folgende als Phantasie erscheinen lassen: »Die Frau träumt im Wachen: Ihre Sehnsucht nach dem ‚König‘, dem Geliebten, ist so groß, dass sie sich bei ihm wähnt« (Zakovitch 2004, S. 110).
  4. Liebkosungen - Eher nicht: »Liebe« (so viele Üss.); dod meint md. im Hohelied recht eindeutig sexuelle Handlungen (vgl. z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 3.137).
  5. [müssen] besser [sein] ([sind] besser) - Dass in der ersten Zeile die Küsse des Geliebten ersehnt werden, heißt wahrscheinlich, dass die Frau ihn zuvor noch nicht geküsst hat. Darauf weist auch, dass die Tatsache, dass seine Küsse besser sind als Wein, Grund für alle Mädchen ist, ihn zu lieben (sie werden es doch wohl nicht alle am eigenen Leib erfahren haben?). S. außerdem noch Hld 8,1, wo die Frau wünscht, ihr Geliebter wäre ihr Bruder, so dass sie ihn küssen könnte: Andernfalls wäre ihr dies nicht möglich. Der verblose Satz ist daher besser als Vermutung zu verstehen (sog. »epistemische Modalität« (Vermutungen, Einschätzungen etc.) wird im Heb. nicht eigens markiert und muss daher aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. z.B. Lauber 2008-2011) - anders als im Dt., wo hierfür z.B. Hilfsverben wie »müssen«, »dürfen« etc. oder Modalpartikel wie »wahrscheinlich«, »vermutlich« etc. dienen).
  6. Wein ist hier ein Symbol für das sehr Gute, das nur durch die »Liebkosungen« des Geliebten noch übertroffen wird. Zu V. 2 s. ganz ähnlich Sir 40,20. V. 4 meint dann etwas wie »Mehr preisen, als wir Wein preisen würden«, nämlich eben, nachdem der Angebetete ihnen Grund zu diesem Preis gegeben hat.

3 Als der Geruch [deiner] Öle1 (deiner Öle)2 [müssen sie] besser [sein] (An Geruch/zum Riechen [sind] [deine] Öle gut):Öl, [das] ausgegossen wird, ist dein Name (bist du selbst)!3Darum lieben dich die jungen Frauen.

  1. Öle - das altisraelitische Pendant zu Parfumen.
  2. Textkritik: [deine] (deine) - In 6QCant (der bei Weitem ältesten erhaltenen heb. Handschrift v. Hld 1,3) und VUL fehlt das »deine« (das -ka in schemaneka), das sich im MT und den übrigen alten Üss. findet. Das könnte gut die ursprüngliche Textversion sein: »deine« wäre dann als Brachylogie aus der vorigen Zeile zu ergänzen; der Effekt dieser brachylogischen Formulierung ist ein Binnenreim: schemanim tobim (»Öle gut«). MT und die alten Üss hätten dann das »deine« zur Vereindeutigung auch im Text ergänzt. Ebenso gut möglich wäre aber, dass ein Schreiber gerade zur Herstellung dieses Binnenreims das -eka durch -im ersetzt hat. Da aber dadurch gleichzeitig der Gleichklang von schemaneka (»deine Öle«) und schemeka (»dein Name«) zerstört worden wäre, ist das erste wahrscheinlicher.
  3. dein Name - häufiger Wechselbegriff für »du selbst«: Der Geliebte selbst ist »Mr. Parfum«, »Mr. Wohlgeruch«. Im MT wird diese Gleichsetzung unterstrichen durch den Gleichklang von »deine Öle« und »dein Name«: schemaneka - schemeka. Ein Nebeneffekt der Formulierung mit »dein Name« ist, dass in diesen ohnehin schon sehr sinnlichen Versen auch noch eine Synästhesie zu finden ist: »dein Name (akustisch) ist ausgegossenes Öl (olfaktorisch + visuell).«

4 Zieh mich! Hinter dir1 wollen wir [ja alle] herrennen!Der König2 bringt mich in seine Zimmer!Wir wollen [ja alle] jubeln und uns freuen über dich,Wir wollen deine Liebkosung mehr als Wein preisen.Die Gerechten (mit Recht?)3 lieben dich.“4

  1. Zieh mich! Hinter dir... - Meist übersetzt als »Zieh mich hinter dir her! Lass uns rennen!«, so dass »uns« sich auf die Geliebte und den Geliebten bezöge. Das liegt recht fern: Erstens zeigen die Akzente des MT (d.h. die Zeichen, mit denen die Schreiber des MT angezeigt haben, wie der Satz auszusprechen ist), dass der Text aufzuteilen ist zwischen »Zieh mich« und »hinter dir« und nicht zwischen »zieh mich hinter dir [her]« und »lass uns rennen«. Auch LXX teilt den Text so auf. Und zweitens ist es vor allem sehr unwahrscheinlich, dass die Frau ihren Geliebten im Folgenden dazu auffordern sollte, dass er gemeinsam mit ihr über sich selbst jubeln und seine eigenen Liebkosungen preisen soll. Richtiger daher van Ess: »Ziehe mich! Dir eilen wir nach!«; z.B. auch Daland 1888, S. , der den Text als Drama aufgefasst hat: »Court Lady: ‚Draw me - ‘ Chorus of Ladies: ‚- after thee will we run.‘ Lady: ‚Oh! that the king would bring me to his chambers!‘.« Zu absolutem »Zieh mich« s. Hos 11,4. Alle wollen hinter ihm herlaufen, aber sie soll er ziehen. Zum Sinn s. dann die Anmerkungen.
  2. König - Kosename für den Geliebten. Ähnlich wird der Geliebte z.B. in ägyptischen Liebesliedern als »Prinz« und in akkadischen Texten als »Herr« und »Meister« bezeichnet (vgl. Fox 1985, S. 98; Held 1961, S. 5; Loretz 1963, S. 78). Manche verstehen unter dem König in V. 12 auch eine andere Person als den Geliebten; gesagt würde dann: »Mein Geliebter duftet so gut, dass sein Geruch bis in den Palast des Königs dringt.«
  3. tFN: die Gerechten ([mit] Recht?) - Zweifelhaftes Wort. Meist wird es aufgefasst als »Recht, Gerechtigkeit, Geradheit«, konstruiert als adverbialer Akkusativ der Art und Weise: »[mit] Recht« (z.B. JM §126d), was recht schwierig ist (s. gleich). Wir folgen daher stattdessen Ginsburg 1857, S. 132: Die Zeile steht klar im Parallelismus mit der letzten Zeile von V. 3 und damit der Abstraktbegriff »Gerechtigkeit« mit dem konkreten Begriff »die jungen Frauen«. Wahrscheinlich haben wir hier also das Stilmittel »Abstractum pro concreto« vor uns: Ein Abstraktbegriff wird im Parallelismus mit einem konkreten Begriff ebenfalls wie ein konkreter Begriff verwendet. »Gerechtigkeit« bedeutet also »die Gerechten« und meint »die jungen Frauen.« So schon VUL: »Gerechte lieben dich«; ähnlich Sym: »Gerecht sind, die dich lieben«; vielleicht auch LXX, die aber wörtlich übersetzen: »Gerechtigkeit liebt dich«. Daneben sind noch viele andere Vorschläge gemacht worden, die sämtlich aber nicht sehr wahrscheinlich sind und von denen auch keine besonders viele Anhänger hat finden können. Die übliche Auflösung ist schwierig, weil zwar im Deutschen »Recht« in »mit Recht« auch »berechtigt« bedeuten kann, im Heb. für eine ähnliche Synonymie aber jedes Indiz fehlt (so richtig z.B. Fox 1985, S. 99). Vom Heb. her sollte man eher vermuten, dass das Wort im adv. Akk. der Art und Weise etwas bedeutet wie »Sie lieben dich auf gerade/gerechte/redliche Weise«.
  4. Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern (s. näher die Anmerkungen). Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar; wir haben daher zur Steigerung der Verständlichkeit jeweils dort ein Sternchen eingefügt, wo unserer Meinung ein neues Lied beginnt.

5 ['''Frau''':] „Schwarz [bin] ich, aber [trotzdem] (und) schön, [oh] Töchter Jerusalems!1Wie die Zelte Kedars,2 wie die Zelte3 Salomos!4

  1. Töchter Jerusalems = »Jerusalemerinnen«.
  2. Kedar: Die Kedarener waren ein in Zelten wohnender Beduinenstamm. Zelte wurden damals aus der Wolle schwarzer Ziegen hergestellt, daher sind die »Zelte Kedars« ein gutes Symbol für Schwärze. Wortspiel: Die Konsonanten des Wortes qedar sind auch die Konsonanten des Wortes qadar (»schwarz werden«).
  3. Zelte - Das Wort heißt nicht »Zeltdecken« oder gar »Wandbehänge«, wie sich das in vielen Üss. findet, sondern ist, wie das aus dieser Stelle und Jes 54,2; Jer 4,20; 10,20; 49,29 hervorgeht, klar ein Synonym zum vorigen »Zelte.« Wahrscheinlich ist »Zelte Salomos« ein poetischer Ausdruck für »Salomos Palast«, das Symbol für Schönheit und Pracht schlechthin (vgl. Eidelkind 2012, S. 327). Textkritik: Viele Exegeten und Üss. korrigieren allerdings den Text von schelomoh (»Salomo«) zu schalmah (»wie die Zelte Salmas«), ein arabischer Beduinenstamm. Diese Korrektur lässt sich mit keiner der alten Üss. stützen und ist daher abzulehnen.
  4. Hyperbaton: = »schwarz wie die Zelte Kedars, schön wie die Zelte Salomos.« (so z.B. Krinetzki 1964, S. 90).

6 Seht nicht auf mich herab, (Wollt ihr mich nicht ansehen...!?1) weil ich so schwarz2 [bin],Weil die Sonne auf mich geblickt hat!Die Söhne meiner Mutter3 waren gegen mich entbrannt;4Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gemacht -Meinen Weinberg, der mein [ist], habe ich nicht gehütet.“

  1. Wollt ihr mich nicht ansehen...!? - Verneinte rhetorische Frage (wie noch häufig) zum Ausdruck einer starken Aufforderung: »Schaut mich an...!« (vgl. Exum 1981, S. 417f.; Gerhards 2000, S. 63-66; Gerhards 2010, S. 208).
  2. so schwarz - Heb. schecharchoret; einzig hier belegte Variante zum üblichen schachor. Solche Verdopplungen von Konsonanten (hier: chr: schecharchoret) machen das so gebildete Wort häufig emphatischer; das ist wohl auch hier die Bed: »so schwarz«. Andere fassen diese Wortbildungsform als Abschwächung: »[nur], weil ich ein bisschen schwärzlich bin« (so z.B. Zakovitch 2004, S. 119; schon Ibn Ezra). Das seltene Wort ist sicher gewählt, weil sich auf diese Weise am Ende dieser Doppelzeile die Zischlaute sehr häufen, was die beiden inhaltlich verwandten Zeilen auch lautlich zueinander in Zhg. bringt: sche´ani schecharchoret scheschschezafatni haschemesch (»weil ich so schwarz [bin], weil auf mich geblickt hat die Sonne«).
  3. Söhne meiner Mutter - d.h. meine Vollbrüder, im Ggs. zu meinen Halbbrüdern, den Söhnen der anderen Frauen meines Vaters. Hier wohl statt »Brüder« verwendet, weil »Schwester« im Hld öfter als Kosename für die Geliebte verwendet wird; bei »Brüder« hätte die Gefahr bestanden, dass man die »Brüder« als ihre Geliebten missverstehen könnte. S. Hld 8,1, die einzige Stelle im Hld, wo das Wort »Bruder« fällt: Dort ist es gerade auf den Geliebten bezogen.
  4. entbrannt - nämlich im Zorn. Wortspiel: Das Wort für »entbrannt« passt eigentlich besser zur Sonne als zu den Brüdern, denn das ist hier ihre Rolle: Sie hat die Frau »verbrannt«, also »gebräunt« (vgl. Ijob 30,30: »Meine Haut ist schwarz geworden, / mein Leib ist vor Hitze verbrannt«). Auf diese Weise wird der Zhg. der beiden Zeilen auch auf der Ebene der Wortbedeutung ausdrücklich gemacht: Dass die Sonne sie »verbrannt« hat, ist letztlich darauf zurückzuführen, dass ihre Brüder gegen sie »entbrannt« sind.

7 ['''Frau''':] „Sag mir, [du,] den meine Seele liebt,1Wo du weiden wirst, Wo du lagern lassen wirst am Mittag,Damit ich nicht sein muss (werde) als Verschleierte (wie eine Wandernde)2 Bei [den] Herden deiner Gefährten!“

  1. den meine Seele liebt - d.h. »den ich liebe«; »meine Seele« ist im Heb. ein häufiger Wechselbegriff für »ich«.
  2. Textkritik: als Verschleierte (wie eine Wandernde) - MT, wahrscheinlich 6QCant und LXX haben »Verschleierte«. Syr, Sym, VUL und Tg aber übersetzen etwas wie »Wandernde«. Das könnte bedeuten, dass ihnen statt k`th die Konsonanten kt`h vorlagen. Möglicherweise hat aber auch das Wort im MT selbst auch die zweite Bedeutung »herumwandern«, nach der diese Versionen dann übersetzt hätten (vgl. z.B. Ginsburg 1857, S. 136; so schon Raschbam). Viele Exegeten und Üss. folgen dieser Variante; vgl. z.B. gut Bloch/Bloch 1995, S. 142. Die Bedeutung wäre so und so aber wahrscheinlich die gleiche, s. die Anmerkungen.

8 ['''Mann (Töchter Jerusalems)''':]1 „Wenn du es {dir} nicht wissen wirst, Schönste unter den Frauen,Folge {dir} den Spuren der SchafeUnd weide deine Zicklein (Brüste?2)Bei den Zelten der Hirten!“

  1. Mann (Töchter Jerusalems) - Eine ganze Reihe von Auslegern verstehen diese Anweisung als Aussage nicht des Mannes, sondern der Töchter Jerusalems; die meisten, weil sie die Äußerung als Abweisung der Frau verstehen. Einige wenige halten außerdem die Hirten oder gar den Dichter für die Sprecher. Nichts zwingt zu diesem Verständnis und „da in 7 der Geliebte angeredet wird, ist es natürlich, daß dieser und nicht sonst jemand in 8 antwortet.“ (Rudolph 1962, S. 125).
  2. tFN: Brüste - So z.B. Peetz 2015, S. 91, da das Wort hier im Femininum statt wie üblicher im Maskulinum steht. Aber vgl. 11QPs 28,4, wo das Wort ebenfalls im Fem. steht. Es gehört also offenbar zu den Wörtern, die sowohl Mask. als auch Fem. sein können.

9 ['''Mann''':] „Pferden (meinen Pferden, einer Stute, meiner Stute)1 vor den Wagen des PharaoVergleiche ich dich (mache ich dich gleich), meine Freundin!2

  1. Pferden (einer Stute, meiner Stute) - Heb. susati, von sus (»Pferd«). Das Suffix -ti könnte entweder (1a) als Possessivpronomen »mein« oder (1b) als bedeutungsloses »Hireq compaginis« verstanden werden (daher »meine« vs. »eine«), und das Suffix -a könnte das Wort entweder (2a) als Femininum oder (2b) als Kollektivbegriff markieren (daher »Stute« vs. »Pferde«). Möglich ist daher jede der vier obigen Deutungen und jede ist schon vertreten worden. Da die folgenden »Wagen« im Plural stehen, ist (2b) wahrscheinlicher als (2a) (so schon LXX und VUL) und da die Pferde nicht vor die Wagen des Sprechers, sondern die des Pharao gespannt sind, ist (1b) wahrscheinlicher als (1a) (so schon Ibn Ezra). Für (1b) und (2b) z.B. Gerhards 2010, S. 331 FN 31.
  2. meine Freundin - Häufige Bezeichnung für die Geliebte im Hld; s. Hld 1,9.15; 2,2.10.13; 4,1.7; 5,2; 6,4. Außer in Hld 5,2 fällt der Ausdruck stets im Zhg. mit einer Aussage über das Aussehen der »Freundin«; wahrscheinlich hörte ein Israelit bei dem Ausdruck also irgendwie »Schönheit« mit.

10 Lieblich sind (wären) deine Wangen (Backen) zwischen den Ketten (in Zaumzeug),1Dein Hals zwischen den Perlen (?).2

  1. Ketten (Zaumzeug) - Heb. torim; unbekanntes Wort. Wahrscheinlich hängt es zusammen mit dem Verb tur (»herumgehen«), daher ist es wohl etwas gemeint, das um den Kopf herumgeht und über die Wangen reicht. Zur Alternative »Zaumzeug« s. die Anmerkungen.
  2. Perlen (?) - Heb. charuzim, ein weiteres unbekanntes Wort. Vielleicht hängt es zusammen mit dem arabischen ḫaraz (»Perle«). Da sie am Hals getragen werden, wären dann »Perlenketten« gemeint (so schon Raschi; auch LXX und VUL übersetzen mit »Ketten«). Aber s. noch die Anmerkungen.

11 Goldene Ketten (Goldenes Zaumzeug) will ich (wollen wir)1 dir machen [lassen],Mit Punkten aus Silber!“2

  1. will ich (wollen wir) - W. »wollen wir«. Da niemand sonst in diesem Lied erwähnt wird, handelt es sich vielleicht wie z.B. in Gen 1,26 um einen »Plural deliberationis« mit Sg.-Bed. (so z.B. Krinetzki 1964, S. 293): Aufgrund der Schönheit seiner Geliebten fasst der Sprecher den Entschluss, ihr noch exquisiteren Schmuck anfertigen zu lassen.
  2. Mit Punkten aus Silber! - d.h. wohl „mit Silber granuliert“ (so gut Bloch/Bloch 1995, S. 146). „Granulation“ ist eine antike Goldschmiedetechnik, bei der Goldflächen mit kleinen Kügelchen aus Gold oder anderen Metallen verziert werden (vgl. Granulation (Goldschmiedekunst) (Wikipedia)) - der Geliebte will ihr das Kostbarste vom Kostbaren anfertigen lassen.

12 ['''Frau''':] „Solange (bis [dorthin], wo) der König auf seiner Couch1 [ist],Gibt meine Narde2 ihren Duft.

  1. Couch - Heb. mesab; im Biblischen Heb. hat es sonst die Bed. »Umgebung«. Hier besser nach dem Mischna-Heb. zu verstehen als »Couch, Divan«, die um einen Tisch herum angeordnet waren (daher viele Üss.: »Tafelrunde«; inspiriert von LXX: »Tisch«); vgl. z.B. Fox 1985, S. 105; Pope 1977, S. 347.
  2. Narde - teurer Duftstoff aus dem Himalaya-Gebirge. Zur Verwendung von Nardenparfum bei Tisch s. noch Mk 14,3; Joh 12,3.

13 Ein Myrrhensäckchen1 [ist] mir mein Geliebter,Ruhend2 zwischen meinen Brüsten.

  1. Myrrhensäckchen (V. 13) + Hennabündel (V. 14) - Neben dem Auftragen von duftenden Ölen war im Alten Israel eine alternative Weise der Parfumierung das Tragen aromatischer Substanzen um den Hals (vgl. Pope 1977, S. 351). Das ist mit dem Myrrhensäckchen gemeint; auch die Hennadolden (für eine Abbildung s. hier) wurden wahrscheinlich in solchen Säckchen getragen. Zur Verwendung vom Myrrhenparfum im Bett s. noch Spr 7,17f.. Vgl. auch Sappho 96 D,10-22: »Nun, so will ich dich dran erinnern, weil du's vergißt, wieviel Glück und wie Schönes wir hier erlebt: ... Viel Girlanden aus duftenden Blumen hast du dir um den weichen Hals umgehängt, die geflochten aus Blüten fein; und mit glänzendem Myrrhenöl hast du dir deine schöne Haut eingesalbt und mit Salbe, die fürstliche heißt, und gelagert auf weichem Bett ... hast verströmt du die Sehnsucht nach ...« (Üs. nach Treu).
  2. Ruhend - Könnte sich sowohl auf das Myrrhensäckchen als auch auf den Geliebten beziehen.

14 Eine Hennadolde [ist] mir mein GeliebterAus den Weinbergen von En-Gedi.“1

  1. En-Gedi - Oase an der Westküste des Toten Meeres, wo auch heute noch Henna wächst. Archäologische Funde lassen vermuten, dass dort früher außerdem Parfums produziert wurden (vgl. Pope 1977, S. 354).

15 ['''Mann''':] „Siehe! (Fürwahr!), schön [bist du, (ist)] meine Freundin!Siehe! (Fürwahr!), schön [bist du (ist)]! Deine Augen [sind] Tauben ([wie die von] Tauben)!“1

  1. Deine Augen sind Tauben! - Umstrittene Metapher; s. die Anmerkungen. Alternativ sind zu ihrer Aufschlüsselung die verschiedensten Vorschläge gemacht worden; z.B., dass die Farbe von Tauben gemeint sei (graublau), die Form von Tauben (weil Augen in der antiken Ikonographie manchmal in Taubenform dargestellt wurden), die Konnotation von Tauben (Unschuld), der Symbolwert der Taube (gelegentlich nämlich: Taube=Götterbote; u.a. von Liebesgottheiten, daher „Liebesbote“) usw.

16 ['''Frau''':] „Siehe (Fürwahr!), schön [bist du, (ist)] mein Geliebter; ja, lieblich;Ja, unser Bett [ist] grün:

17 Die Balken unseres Hauses (unserer Häuser)1 [sind] Zedern (Zedernholz),Unsere Täfelung (unser Balken) [sind] Zypressen (Zypressenholz).“

  1. tFN: Häuser: Plural mit Sg.-Bed.; vgl. GKC §124q

Chapter 2

1 1 ['''Frau''':]2 „Ich bin ([nur])3 eine (die) Lilie4 in der Scharonebene,([Nur]) eine (die) Iris (Lotusblume?) in den Tälern.“

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.
  3. [nur] - Fokuspartikeln wie »nur« werden im Heb. auch dort fast nie gesetzt, wo das Dt. sie setzen müsste. So verstehen auch diese Stelle viele Exegeten, weil sie das Mädchen ungerne mit einem solch unverblümten Eigenlob in das Lied einsteigen lassen möchten (z.B. Fox 1985, S. 83; Gordis 1974b, S. 50), aber s. die Anmerkungen.
  4. rahmenlos|rechts|Ein proto-aeolisches Kapitell aus Megiddo. (c) Shiloh, Yigal: New Proto-Aeolic Capitals Found in Israel, in: BASOR 222, 1976. S. 67-77, S. 67. Lilie + Iris - Die Identität der beiden Blumen ist umstritten und nicht sicher zu erschließen. Über die »Iris« (Heb. schoschannah) weiß man, dass die Kapitelle von Pfeilern im Tempel die Form dieser Blume hatten (s. 1 Kön 7,22; zum irisförmigen Kapitell s. rechts) und dass es sich um eine Landpflanze handelt (s. Hld 7,3), die Tiere beim Grasen verspeißen konnten (s. Hld 2,16; 4,5; 6,2.3). Das syr. Wort susan (»Iris, Lilie«) und das arab. Wort susan/sausan (»Iris, Lilie«) legen dann nahe, dass es sich auch hier um eine Iris- oder Lilienart handelt. Die »Lilie« (Heb. habatselet) wird neben dieser Stelle nur noch in Jes 35,1f. erwähnt; entsprechend gibt es für die Erschließung ihrer Identität noch weniger Anhaltspunkte. Von der Etymologie her könnte es sich um eine Zwiebelpflanze handeln (vgl. Heb. betsal: »Zwiebel«) und in Jes 35,1 übersetzen LXX, VUL, TgJes und Eusebius in seinem Jesaja-Kommentar mit »Lilie«. Es ist gut möglich, dass das nur geraten ist (in unserem Vers übersetzen LXX, VUL allgemein mit »Blume«), aber der beste Anhaltspunkt zu ihrer Identifikation, daher folgen wir einstweilen diesen Üss.»Rose« ist sehr unwahrscheinlich, da diese nicht in Israel wuchsen; die neuerdings häufige Üs. mit »Lotus« ist problematisch, weil die Lotusblume eine Wasserpflanze ist, und basiert auf den beiden irrtümlichen Annahmen, dass es keine lilien-/irisförmigen Kapitelle gegeben habe und dass die Lilie nicht in Israel wachsen würde.

2 ['''Mann''':] „Wie eine Iris (Lotusblume?) unter {den}1 Disteln (Dornen),So [ist] meine Freundin2 unter den Töchtern.“3

  1. {den} - In Vergleichen verwendet das Heb. häufig bestimmten Artikel, wo das Dt. unbestimmten oder keinen Artikel verwenden würde.
  2. meine Freundin - Häufige Bezeichnung für die Geliebte im Hld; s. Hld 1,9.15; 2,2.10.13; 4,1.7; 5,2; 6,4. Außer in Hld 5,2 fällt der Ausdruck stets im Zhg. mit einer Aussage über das Aussehen der »Freundin«; wahrscheinlich hörte ein Israelit bei dem Ausdruck also irgendwie »Schönheit« mit.
  3. Töchtern - d.h., den anderen Mädchen. Zum Vergleich der Geliebten mit einer Blume vgl. z.B. Sappho, frg 132: „Hab ein schöns Kind, / goldnen Blumen wohl vergleichbar / ist sein feiner Wuchs: / Kleis heißt sie, mein Alles...“ (Üs.: Treu); vgl. bes. auch das Epigramm 58 (von Rhianus) in AC XII: „So sehr scheint Empedokles hervor, wie die anderen Frühlingsblumen an Schönheit die Rose überstrahlt.“.

3 ['''Frau''':] „Wie ein Aprikose[nbaum]1 unter {den} WaldbäumenSo [ist] mein Geliebter unter den Söhnen.2In seinem Schatten erfreue ich mich (habe ich Lust) und sitze ich3 Und seine Frucht [ist] süß an meinem Gaumen.

  1. Aprikose[nbaum] - nicht: »Apfelbaum«; dieser wächst erst seit Kurzem in Palästina (vgl. z.B. Musselman 2012, S. 21; z.St. z.B. auch Bloch/Bloch 1995, S. 149). Zum Vergleich des Geliebten mit einem Baum vgl. Sappho frg 115: »Womit soll ich dich, Bräutigam lieber, vergleichen? / Einer biegsamen Gerte will ich dich vergleichen!« (Üs.: Treu).
  2. Söhnen - d.h., den anderen jungen Männern.
  3. erfreue ich mich (habe ich Lust) und sitze ich - d.h., »erfreut es mich zu sitzen« oder »habe ich Lust, zu sitzen«; verbales Hendiadyoin: Ein Vollverb dient eigentlich der näheren Spezifizierung eines anderen Vollverbs.

4 Er hat mich in das Haus des Weins1 gebracht,Und sein Banner2 über mir [ist] Liebe.

  1. Das Haus des Weins ist wahrscheinlich keine Taverne, die im Alten Israel nicht belegt sind. Verglichen wird gern das »Haus des Weintrinkens« in Est 7,8, aber s. Pred 7,2, wo das »Haus des Trinkens« mit dem »Haus des Klagens« (also einem Privathaus, dessen Bewohner einen Trauerfall hatten) kontrastiert wird. Auch in Dan 5,10 befindet sich das »Haus des Trinkens« offenbar im Palast und bietet Raum für alle »1000 Großen« des Königs. Offenbar ist also »jedes Haus, in dem Wein getrunken wird«, ein »Weinhaus« (Fox 1983, S. 201). S. näher die Anmerkungen.
  2. Banner - Zum Banner s. die Anmerkungen.

5 Unterstützt mich (Man unterstütze mich) mit {dem} Traubenkuchen,Stärkt mich (man stärke mich) mit {den} Aprikosen,Denn ich bin krank vor Liebe!1

  1. krank vor Liebe - s. dazu die Anmerkungen.

6 Seine Linke [sei] unter meinem KopfUnd seine Rechte umfasse mich!

7 Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes:1Entfacht nicht und facht nicht an2 die Liebe (Stört nicht den Geschlechtsverkehr?3),Bis es ihr gefällt (solange sie begehrt)!“4

  1. Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes - dazu vgl. bes. gut Steinmann 2013. Geschworen wurde im Alten Israel stets bei höheren »Mächten« wie Gott, Pharao, Hohepriester etc. Zu diesen gehören Gazelle und Hirschkuh nicht. Auch das »des Feldes« ist auffällig; in der Bibel ist dies ein Idiom für »wilde Hirschkühe«; Hirschkühe wurden aber nicht gezähmt, so dass diese nähere Ausführung überflüssig scheint. tseba´oth (»Gazellen«) und ´ajelot haßadeh (»Hirschkühe des Feldes«) (צבאות ... אילות השדה) wird hier also wahrscheinlich deshalb verwendet, weil es lautlich und im Schriftbild an die beiden Gottesbezeichnungen [JHWH] tseba´ot (»JHWH der Mächte«) und ´el schaddaj (Bed. unsicher; vielleicht »Gott vom Berge« und »Gott der Wildnis«; vgl. DDD, S. 749f) (צבאות ... אל שדי) erinnert; »ein erstes Zeichen der Tendenz, die in der talmudischen Zeit wichtig wurde, für Namen und Titel Gottes in Schwüren verschiedene, manchmal [gar] bedeutungslose Worte wie [...] ‚beim Fischnetz‘ oder [...] ‚beim Leben der Sommerfrucht‘ einzusetzen.« (Fox 1985, S. 110). »Gazelle« und »Hirschkuh« passen sogar noch recht gut zum Kontext, weil sie auch an anderen Stellen der Bibel mit Liebe in Zusammenhang gebracht werden (s. Spr 5,18f.; Hld 4,5; 7,3; vgl. Steinmann 2013, S. 30).
  2. Entfacht nicht und facht nicht an die Liebe - W.: »Wenn ihr entfacht und wenn ihr anfacht die Liebe...!«; unabgeschlossee Drohformel als häufige Formel für Verbote. Das selbe Verb wird in zwei verschiedenen Konjugationen verwendet: Figura etymologica, die den Ausdruck noch stärker macht.
  3. Stört nicht den Geschlechsverkehr - so einige neuere Exegeten (z.B. Falk 1982, S. 116; Fox 1985, S. 109); aber das Verb kann nicht »stören« oder »unterbrechen« bedeuten.
  4. Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern (s. näher die Anmerkungen). Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar; wir haben daher zur Steigerung der Verständlichkeit jeweils dort ein Sternchen eingefügt, wo unserer Meinung ein neues Lied beginnt.

8 ['''Frau''':][Das] Geräusch (Stimme, Horch!,) meines Geliebten!1Siehe da, er kommt (Siehe, da kommt er)!Er springt über die Berge,Er hüpft über die Hügel -

  1. [Das] Geräusch meines Geliebten! - d.h. »Horch! Mein Geliebter [kommt]!«; qol (»Geräusch«) wie häufig verwendet als Ausruf (vgl. JM §162e; HKL III §354a).

9 Es gleicht mein Geliebter einer Gazelle (einer Schönen)Oder einem Hirschkitz!Siehe da, er steht (Siehe, jetzt steht er) hinter unserer Wand!Er schaut [hinein] von den Fenstern [her],1Er späht (blüht) [hinein] von den Öffnungen [her]!2

  1. [hinein] von den Fenster/Öffnungen [her] - aus der Perspektive des Mädchens im Haus.
  2. Öffnungen - Seltenes Wort; nur einmal in der Bibel verwendet und daher in der Bed. ein wenig unsicher. LXX übersetzt »Gitter«; dem folgen die meisten Üss. Im späteren Hebräisch findet sich das Wort aber häufiger und ist dort schlicht ein Äquivalent zu »Fenster«; das ist auch hier sicher seine Bed. (so auch Zakovitch 2004, S. 149).

10 Mein Geliebter {antwortet und} sagt1 zu mir: ['''Mann''':] »Steh {dich} auf,2 meine Freundin, Meine Schöne, geh {dir}!

  1. {antwortet und} sagt - Im Heb. häufige Doppelverbformel, die ins Dt. stets mit nur einem Verb zu übertragen ist. W. »antworten«; hier wie öfter i.S.v. »sagen« ohne vorangehende Frage.
  2. Steh {dich} auf! - d.h. »Auf!«; qum (»steh auf«) wie oft nur zur Verstärkung eines folgenden Befehls; »dich« = bedeutungsloser sog. »Dativus ethicus«, der im Dt. nicht zu übersetzen ist.

11 Denn {siehe} der Winter (die Regenzeit) ist [ja]1 vorübergegangen,Der Regen ist weitergezogen, {sich} fortgelaufen!2

  1. {siehe} ... [ja] - demonstrativ verwendetes »Siehe«, das das Folgende als Begründung für einen anderen Textteil markieren soll (dazu vgl. z.B. Slager 1989, S. 60). Hier ist das Vergangen-sein des Winters Anlass für des Geliebten Aufruf zum Verlassen des Hauses. Ins Dt. statt mit »siehe« treffender mit »ja« zu übersetzen.
  2. vorübergegangen ... weitergezogen ... fortgelaufen - drei Verben, mit denen der Winter personifiziert wird, wie im folgenden noch mehrere Bereiche der Natur personifiziert werden. Sehr gut daher übersetzt von Seidl 2002, S. 164: »Die Regenzeit ist vorbeigegangen, der Regen ist abgezogen, ist fortgegangen.« Die letzten beiden Verben klingen außerdem noch recht ähnlich: chalaf halach; Exum 2005, S. 121 daher sehr gut: »over and gone«; doch hierin kommt die Personifikation nicht gut zum Ausdruck.

12 Die Blumen lassen sich sehen (zeigen sich, werden gesehen) auf dem Land,Die Zeit des Gesangs1 ist gekommenUnd die Stimme der Turteltaube2 lässt sich hören in unserem Land.

  1. Gesangs - Heb. zamir. Im späteren Heb. gibt es ein Wort zamir(ah), und nach diesem übersetzen die alten Üss. »[Zeit] des Beschneidens«, nämlich der Weinreben. Einige moderne Bibelübersetzer und -ausleger folgen dem (z.B. H-R, PAT); andere glauben, der Autor habe bewusst ein mehrdeutiges Wort verwendet. Aber die Zeit, von der der Geliebte singt, ist nicht die Zeit zur Rebenbeschneidung, da deren erste vor dem Blühen der Reben (von Januar bis März) und deren zweite nach der Ernte (zwischen Juni und Juli) stattfand (vgl. AuS IV, S. 330f.). Ohnehin; wer würde versuchen, seine Angebetene aus dem Haus zu locken mit »Es ist Frühling! Lass uns Reben schneiden gehen!« oder »Die Blümlein blühen! Lass sie uns abschneiden!«?»Singen« übersetzen daher richtig z.B. schon die alten jüd. Exegeten Rashi, Kimchi und Ibn Ezra; auch die meisten neueren Üss. Der Verweis auf Jes 18,5 von Pope 1977, Zakovitch 2004 u.a. ist wertlos, da der Witz dieser Stelle gerade ist, dass ein Weinberg zerstört wird, indem die Trauben vor ihrer Reife abgeschlagen werden.SLT (»die Zeit des Singvogels«) übersetzt nach der neuhebräischen Bed. des Wortes (»Nachtigall«); so auch Falk 1982 und Bloch/Bloch 1995.
  2. Turteltaube - Heb. tur, wie das dt. »Turtel« onomatopoetisches Wort, durch das das das Gurren der Taube schon im Begriff hörbar wird (noch schöner Lat.: turtur). Äußerst passend für eine Aussage über das Hörbar-Werden von Vogelgesang.

13 Der Feige[nbaum] würzt (?)1 seine JungfeigenUnd die blühenden Weinstöcke geben Duft. Steh {dich} auf (Steh auf, geh),2 meine Freundin, Meine Schöne, geh {dir}!

  1. würzt - Heb. chantah. Im späteren Heb. hat das Wort die Bed. »Knospen austreiben«. In der Bibel wird es sonst nur noch an zwei Stellen verwendet für »einbalsamieren« (Gen 50,2f.26). Die beiden Vorgänge »Jungfrüchte austreiben« und »einbalsamieren« treffen sich darin, dass aromatische Säfte auf den Leichnam gestrichen oder in die Jungfrucht »gesendet« werden (gut Fox 1985, S. 113). Mit dem seltenen Wort soll daher wahrscheinlich erstens der Feigenbaum personifiziert werden, wie oben z.B. auch »Winter« und »Regen« personifiziert wurden, und zweitens der Duftsinn angesprochen werden: 12a spricht von den Blumen, die sich sehen lassen, 12bc vom Gesang, der hörbar ist und 13a ebenso wie die nächste Zeile von den Früchten, die gerochen werden können. Erwägenswert daher die Üss. von Noegel/Rendsburg 2009, S. 193: »Der Feigenbaum parfümiert seine Jungfrüchte«; van Ess: »Der Feigenbaum würzt seine Früchte«.
  2. Steh {dich} auf (Steh auf, geh)! - d.h. »Auf!«; qum (»steh auf«) wie oft nur zur Verstärkung eines folgenden Befehls; »dich« = bedeutungsloser sog. »Dativus ethicus«, der im Dt. nicht zu übersetzen ist. Textkritik: Das Wort für »dich« liegt anders als in V. 11 in zwei Varianten vor: Der frühere Konsonantentext bedeutet nicht »dich«, sondern »geh!«; dem folgt auch LXX. Der spätere Vokaltext macht aber deutlich, dass diese andere Schreibung als Schreibfehler aufzufassen ist und wie in V. 11 »dich« gelesen werdens soll; das belegt auch 4QCantb und dem folgen VUL, Syr und Tg; auch die meisten Bibelübersetzer und -exegeten (anders z.B. Peetz 2015; Pope 1977; Seidl 2002, die nach der obigen Alternativüs. übersetzen).

14 Meine Taube1 in den Felsenspalten,Im Versteck der Terrasse (Steinwand)2Lass mich deinen Anblick (deine Anblicke)3 sehen,Lass mich deine Stimme hören,Denn deine Stimme [ist] süßUnd dein Anblick lieblich!

  1. Meine Taube - Diese Stelle, Hld 5,2 und Hld 6,9 legen nahe, dass »meine Taube« ein gebräuchlicher Kosename war (ähnlich ja im Dt.: »Mein Täubchen«). Zusätzlich ist die Verwendung gerade dieses Begriffs natürlich kontextuell motiviert: Die »Taube im Felsversteck« wird kontrastiert mit den »[draußen] singenden Turteltauben«; sie soll sich doch bitte diesen anschließen, ihr Versteck verlassen und auch ihre Stimme hören lassen.
  2. rahmenlos|rechts|Eine Weinterrasse bei Jerusalem. (c) Menashe Davidson, http://goo.gl/sN7JeN . Terrasse (Steinwand) - unsicheres Wort; in der Bibel nur noch in Ez 38,20 verwendet, wo es im Parallelismus zu »Berg« und »Wand« steht. Viele schließen daher von diesem Zhg. auf die Bedeutung »Steilwand«, »Felswand«. Im späteren Heb. ist aber die madregah eine Stufe der Weinterrassen, auf denen Wein angebaut wurde. An die Wand einer solchen Terrasse haben wir auch hier zu denken (so richtig AuS IV, S. 320): Offensichtlich befinden wir uns in den Bergen, die der Geliebte in V. 8 überspringen muss, und in der Nähe von Weinstöcken und Feigenbäumen (s. V. 13), die auch sonst in Weinbergen nebeneinander wachsen (s. nur Lk 13,6). Zur in solchen Steinspalten nistenden Taube vgl. die Anmerkungen zu Hld 1,15-17.
  3. Textkritik: deinen Anblick (deine Anblicke) - die beiden Worte für »deinen Anblick« in V. 14 haben die selben Konsonanten, aber unterschiedliche Vokale: mar´ajik vs. mar´ek. Das erste scheint auf den ersten Blick ein Plural zu sein (»deine Anblicke«), das zweite Singular mit einer seltenen Schreibweise (»dein Anblick«). Der Plural macht nicht viel Sinn (vgl. allerdings Bloch/Bloch 1995, S. 156); man könnte daher entweder wie in der letzten Zeile die Vokale für mar´ek annehmen oder mit BHQ, Krinetzki 1964, S. 297 und Rudolph 1962, S. 133 die Endung -´ajik nach GKC §93ss und JM §96Ce als eine alte Singularendung deuten und dann evt. sogar die Vokale der zweiten Schreibvariante an die erste anpassen.

15 Man hat für uns Füchse gefangen (Sie haben für uns Füchse gefangen; Fangt uns Füchse!; Fangt uns, ihr Füchse!),1Kleine Füchse,Die Weinberge zerstören - [Daher] [steht] unser Weinberg (unsere Weinberge)2 [in] Blüte.«

  1. V. 15 ist berühmt dafür, wie schwer er verständlich ist. Wahrscheinlich so: Das Lied des Jungen besteht aus zwei Strophen mit ähnlichem Inhalt, Vv. 10b-13b und Vv. 13c-15. Die beiden Strophen beginnen jeweils mit der gleichen Auforderung. In beiden Strophen wird außerdem von etwas Hör- und Sehbarem gesungen (nämlich Blumen und Vogelgesang in V. 12 und der Anblick und die Stimme des Mädchens in V. 14). In der ersten Strophe werden außerdem Argumente dafür gebracht, warum das Mädchen ihr Haus verlassen soll (V. 11) und es ist vom Weinberg die Rede (V. 13). Vom Weinberg ist auch in V. 15 die Rede; es fehlt in der zweiten Strophe also nur noch das Argument dafür, das Haus zu verlassen. Das soll dann wahrscheinlich ebenfalls V. 15 bringen, denn ab V. 16 spricht wieder das Mädchen. Das Haus des Mädchens befindet sich offenbar in den Weinbergen (s. FN ac), wir haben also an die selbe Situation zu denken wie die des Mädchens in Hld 1,6, das als Weinbergswache in den Weinbergen wohnen muss. Deutet man das Verb nicht wie fast stets als Imperativ, sondern als Qatal (also nicht »fangt!«, sondern »sie haben gefangen«; so z.B. Assis 2009, S. 86; Gordis 1974b, S. 83; zur Form vgl. Ri 5,28) und den Plural als impersonalen Plural (also nicht »sie haben gefangen«, sondern »man hat gefangen«; vgl. z.B. A-C §5.1.2.a.3), lässt sich V. 15 als ein solches Argument lesen: »Es gibt überhaupt nichts mehr, wovor du den Weinberg bewachen müsstest; man hat die Füchse schon längst für uns gefangen!« Vgl. Raschbam, der den Vers als Bericht über ein vergangenes Geschehnis auffasst: »Als wir [...] im Garten waren, [...] kamen unsere Gefährten und töteten [die Füchse] und nahmen sie weg.« Sonst wird der Vers meist so verstanden, dass ab V. 15 das Mädchen oder die Töchter Jerusalems den Befehl geben würden: »Fangt uns Füchse, ..., die die Weinberge zerstören!« Den »Weinberg« deutet man dann nach Hld 1,6 als Symbol für Jungfräulichkeit von Mädchen (was auch dort wahrscheinlich nicht die Symbolik des Weinbergs ist, s. die Anmerkungen zum Vers) und die Füchse als junge Männer, die den Mädchen entweder ihre Jungfräulichkeit rauben oder den jungfräulichen Mädchen schaden wollen. So gelesen fügt der Vers sich so schlecht in den Zusammenhang von Vv. 14.16, dass Fokkelman 2001, S. 196f. sogar vorgeschlagen hat, mit diesem störenden Element solle das Stören der jungen Männer auch in der Form des Gedichts zum Ausdruck gebracht werden. Zum Motiv der Füchse im Weinberg vgl. noch Äsops Fabel der Fuchs und die Trauben und Theokrits Idyllen 1.48-50 und 5.112.
  2. unser Weinberg (unsere Weinberge) - Auf den ersten Blick Plural; besser zu verstehen als ungewöhnlich (»plene«) geschriebenes Singular; so Gordis 1974b, S. 83. Viele Handschriften ändern daher die Schreibung zum gewöhnlichen Sg; auch VUL übersetzt so.

16 ['''Frau''':] Mein Geliebter ist mein und ich bin sein,Der bei den Iriden weidet (der Iriden frisst? der bei den Iriden grast?).1

  1. Der bei den Iriden weidet - nämlich seine Herde, was einige Üss. sinnvoll ergänzen (z.B. Falk 1982; HfA; NeÜ). S. die Anmerkungen. Alternativ könnte man davon ausgehen, dass hier wieder/schon die Gazellen-/Hirsch-metapher wirkt und der Geliebte qua Gazelle/Hirsch entweder die Iriden selbst frisst oder bei den Iriden grast. Diese Deutung findet sich gar nicht selten in neueren Kommentaren, weil in Hld 4,5 Rehe und Gazellen Subjekte des Weidens sind und in Hld 2,1 das Mädchen sich selbst als Lilie bezeichnet; »Lilien fressen« soll dann eine Umschreibung sexueller Handlungen sein (so z.B. Krinetzki 1964, S. 198; Zakovitch 2004, S. 162). Aber gerade Hld 4,5 macht doch deutlich, dass das sehr unwahrscheinlich ist; sicher soll doch dort nicht gesagt werden, dass die Frau von ihren eigenen Brüsten liebkost wird. Außerdem wird der Vers exakt in dieser Form noch einmal in Hld 6,3 wiederholt, und dort wird aus V. 1 klar, dass sich der Geliebte nicht einmal am selben Ort befindet wie die Sprecherin. Manchmal wird zur Stützung dieser Deutung auf die »Lotusesser« der Odyssee verwiesen (s. dazu Lotophagen (Wikipedia)), aber diese sind das antike Äquivalent zu »Drogenabhängige« (die Lotosblume ist eine psychoaktive Pflanze) und das ist hier sicher nicht gemeint. Eine ganz ähnliche Stelle findet sich in Theokrits fünfter Idylle, wo Lacon den Comatos damit übertrumpft, dass seine Schafe nicht Gras, sondern süße Felsrosen fressen (V. 131).

17 Bis (Sobald) der Tag blästUnd die Schatten fliehen,1Wende dich, gleiche, mein Geliebter, {dir}Einer Gazelle (einer Schönen) oder einem HirschkitzAuf den Duft(?)-Bergen (den zerklüfteten Bergen, den trennenden Bergen, dem Bether-Gebirge).“2

  1. Bis (Sobald) der Tag bläst / und die Schatten fliehen - Es ist unsicher, auf welche Zeit sich diese Angabe bezieht. Mit dem »Fliehen der Schatten« ist sehr wahrscheinlich das sich-Längen der Schatten gegen Abend (und nicht das Vergehen der Nacht, vgl. van de Sande 2012, S. 281f.) gemeint; vgl. Jer 6,4. Wahrscheinlich ist daher auch unter dem »Blasen des Tages« der Abendwind zu verstehen, nicht der Morgenwind. Problematisch ist aber ´ad sche..., das hier sowohl »bis« als auch »sobald« heißen könnte, und die Tatsache, dass der damit eingeleitete Nebensatz sich sowohl auf V. 16 als auch auf Vv. 17c-e beziehen könnte. Möglich ist also jede Variante von # »...der seine Herde bei den Iriden weidet, bis der Tag endet...« # »...der seine Herde bei den Iriden weidet, sobald der Tag endet...« # »Bis der Tag endet, wende dich...« # »Sobald der Tag endet, wende dich...«. Das »Wenden« in der nächsten Zeile ist wahrscheinlich ein sich-Abwenden von der Geliebten, da es »ja Unsinn wäre, wenn die Shulamit ihren Geliebten auffordern würde, sich zu ihr zu wenden, wenn er schon bei ihr ist und mit ihr spricht« (Fox 1985, S. 115). Daher sind dann auch die Berge hier in der letzten Zeile kein verschlüsselter Ausdruck für die Brüste der Frau (s. nächste FN), sondern tatsächliche Berge, zu denen der Geliebte sich statt zu seiner Geliebten wenden soll. Nehmen wir dies alles zusammen, ist Alternative (2) unwahrscheinlich, da Tiere nicht nachts geweidet wurden, und Alternative (4) etwas unwahrscheinlich, da ja dann der Geliebte bei Nacht in die Berge (statt in sein eigenes Heim) geschickt würde (aber das könnte auch gut noch die Tiermetapher fortsetzen). Weil weiterhin bei Variante (1) die Funktion des temporalen Nebensatzes nur schwer verständlich wäre, während sie sich bei Variante (3) direkt erschließt, ist dieser der Vorzug zu geben; die Frage bleibt aber unsicher.
  2. Duft- (zerklüftet, trennend, Bether-) - Heb. bater. Bed. hier unsicher; schon in den alten Üss: LXX und Quinta deuten nach dem Verb batar als „zerklüftete Berge“ (ähnlich LUT: „Scheideberge“, da batar auch „trennen“ bedeuten kann), Theod und wohl auch Syh als „Gewürz-/Parfumberge“ und VUL, Aq und Sym deuten als Eigenname; gemeint wäre dann die Festungsstadt Bether nahe Jerusalem (zu den Übersetzungsvarianten vgl. auch Bartina 1972c, S. 436f.). Jede dieser Deutungen findet sich auch in neueren Kommentaren und Üss.; die „Berge der Trennung“ oder „Berge der Kluft“ werden außerdem gern damit kommentiert, dass es sich hier um die beiden Brüste der Frau handeln würde, aber s. vorige FN. Der selbe Vers findet sich in noch zwei weiteren Variationen in Hld 4,6 und Hld 8,14, wo von „Myrrhenberg“, „Weihrauchhügel“ und „Balsambergen“ die Rede ist. Dies und die Tatsache, dass auch Theod und Syh vergleichbar übersetzen, ist ein recht starkes Indiz dafür, dass auch die bater-Berge etwas Ähnliches sein sollen, wenn auch ungewiss ist, welche Bed. bater genau hat. Gordis 1974b, S. 54 übersetzt daher „mountains of spices“, Seidl 2002, S. 167, EÜ und LUT 1984: „Balsamberge“; H-R: „duftende Berge“. Dem folgen auch wir.

Chapter 3

1 1 ['''Frau''':]2 „Auf meinem Lager in den Nächten (in der Nacht)3 suchte ich (sehnte ich mich nach dem),4Den meine Seele liebt (den ich liebe);5Ich suchte ihn und (aber) fand ihn nicht.

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.
  3. in den Nächten (in der Nacht) - W. »in den Nächten«; entweder also mehrere Nächte hintereinander oder es handelt es sich um einen sog. »pluralis compositionis« mit Sg.-Bed. (vgl. JM §136b); dann ist nach der Alternativübersetzung zu übersetzen. Auf die Textbedeutung hat das keine Auswirkung. Viele Üss. wählen »(des) Nachts« und lassen so beide Deutungsmöglichkeiten offen; das ist wohl die sinnvollste Übersetzungsentscheidung.
  4. suchte ich (sehnte ich mich nach dem) - baqasch heißt meist suchen; kann aber in Einzelfällen auch die Bedeutung »sich sehnen« annehmen (vgl. z.St. Fox 1985, S. 118; Peetz 2015, S. 152 u.ö.). Sicher ist dies in unserem Vers gemeint und wird daher z.B. von Bloch/Bloch 1995 und Falk 1982 als Übersetzung gewählt; andererseits verschleierte aber diese Übersetzungsentscheidung hier, wie oft in Vv. 1-4 das Wort »suchen« verwendet wird. Man sollte daher besser mit den meisten Üss. bei »suchen« bleiben.
  5. den meine Seele liebt (den ich liebe) - »Seele« hier wie meist nur als Wechselbegriff für »ich«; zu übersetzen ist daher nach der Alternativübersetzung.

2 [Da sagte ich mir:] »Ich will aufstehen1 und umhergehen in der Stadt,Auf den Straßen und auf den Plätzen!Ich will suchen, den meine Seele liebt (den ich liebe)!«Ich suchte ihn und (aber) fand ihn nicht.

  1. tFN: Ich will aufstehen - Nicht: »Ich will bitte aufstehen« (so z.B. Noegel/Rendsburg 2009). na´ (»bitte«) ist zwar meistens eine sog. Höflichkeitspartikel, aber zu offenbar bedeutungslosem na´ in Selbstaufforderungen s. noch Gen 18,21; Ex 3,3; 2 Sam 14,15; 1 Chr 22,5. Das »Ich will doch aufstehen« der meisten Üss. ist recht sicher falsch und darauf zurückzuführen, dass man früher häufig dachte, na´ solle größeren »Nachdruck« auf eine Bitte legen; dagegen vgl. aber Wilt 1996, S. 239-241.

3 Es fanden (ergriffen)1 mich die Wächter,Die in der Stadt umhergingen (Umhergehenden)2[Ich fragte sie:] »Den meine Seele liebt (den ich liebe), habt ihr [ihn] gesehen?«

  1. fanden (ergriffen) - möglicherweise eine Antanaklasis, also die mehrfache Verwendung des selben Wortes (»finden/ergreifen«) in unterschiedlichen Bedeutungen (vgl. ähnlich Ceresko 1982, S. 564). S. die Anmerkungen.
  2. die Wächter, die umhergingen - Ebenso bezeichnet in Hld 5,7, wo sie zusätzlich an die Stadtmauer verortet werden. Barbiero 2011, S. 133 und Peetz 2015, S. 155f. denken daher gut an die griechischen Peripoloi (»die Umhergehenden«; zu diesen vgl. z.B. Friend 2009, S. 40-45) - eine Art mobilen Grenzschutz, der die zu bewachenden Grenzen abschritt (im Unterschied zu den stationären Wachposten).

4 [Nur] Weniges [war's], dass ich an ihnen vorbeigegangen war,1Bis dass ich fand (ergriff), den meine Seele liebt (den ich liebe).Ich packte ihn und wollte ihn nicht mehr los lassen,Bis dass ich ihn gebracht hätte ins Haus meiner Mutter2 Und in die Kammer meiner Gebärerin.

  1. tFN: Zur etwas komplizierten Konstruktion vgl. HKL III §387d. Fast stets vereinfacht zu »Kaum war ich an ihnen vorbei, als...«, was sicher die beste Üs. ist.
  2. Haus meiner Mutter wird meist damit kommentiert, dass dieses Gebäude (?) dann verwendet würde, wenn mit der Ehe zusammenhängende Dinge erörtert werden sollten (z.B. Assis 2009, S. 99; Sparks 2008, S. 280). Verwiesen wird dazu auf Gen 24,28; Rut 1,8, unseren Vers und Hld 8,1f.. In Gen 24,28 ist aber von einer Heirat noch gar nicht die Rede. Zu Rut 1,8 s. FN x: Das »Haus der Mutter« ist dort wohl nur der Gegensatz zum Haus der (weiblichen) Witwe Noomi. Und in Hld 8,1f. bedauert die Liebende sogar, dass ihr Geliebter nicht ihr Bruder ist, dann nämlich könnte sie ihn ins Haus ihrer Mutter bringen - an einen Heiratskontext wird hier also gerade nicht zu denken sein, sondern an Intimität. Das ist dann wahrscheinlich auch hier der Sinn des Ausdrucks: Die weibliche Liebende bringt sich in Kontinuität zu dem Geschlechtsverkehr, der zu ihrer Empfängnis führte, und daher eben mit ihrer Mutter statt ihrem Vater: Sie würde gerne Ähnliches tun (ähnlich Assis 2009, S. 100).

5 Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes:1Entfacht nicht und facht nicht an2 die Liebe (Stört nicht den Geschlechtsverkehr?3),Bis es ihr gefällt (solange sie begehrt)!“4

  1. Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes - dazu vgl. bes. gut Steinmann 2013. Geschworen wurde im Alten Israel stets bei höheren »Mächten« wie Gott, Pharao, Hohepriester etc. Zu diesen gehören Gazelle und Hirschkuh nicht. Auch das »des Feldes« ist auffällig; in der Bibel ist dies ein Idiom für »wilde Hirschkühe«; Hirschkühe wurden aber nicht gezähmt, so dass diese nähere Ausführung überflüssig scheint. tseba´oth (»Gazellen«) und ´ajelot haßadeh (»Hirschkühe des Feldes«) (צבאות ... אילות השדה) wird hier also wahrscheinlich deshalb verwendet, weil es lautlich und im Schriftbild an die beiden Gottesbezeichnungen [JHWH] tseba´ot (»JHWH der Mächte«) und ´el schaddaj (Bed. unsicher; vielleicht »Gott vom Berge« und »Gott der Wildnis«; vgl. DDD, S. 749f) (צבאות ... אל שדי) erinnert; »ein erstes Zeichen der Tendenz, die in der talmudischen Zeit wichtig wurde, für Namen und Titel Gottes in Schwüren verschiedene, manchmal [gar] bedeutungslose Worte wie [...] ‚beim Fischnetz‘ oder [...] ‚beim Leben der Sommerfrucht‘ einzusetzen.« (Fox 1985, S. 110). »Gazelle« und »Hirschkuh« passen sogar noch recht gut zum Kontext, weil sie auch an anderen Stellen der Bibel mit Liebe in Zusammenhang gebracht werden (s. Spr 5,18f.; Hld 4,5; 7,3; vgl. Steinmann 2013, S. 30).
  2. Entfacht nicht und facht nicht an die Liebe - W.: »Wenn ihr entfacht und wenn ihr anfacht die Liebe...!«; unabgeschlossee Drohformel als häufige Formel für Verbote. Das selbe Verb wird in zwei verschiedenen Konjugationen verwendet: Figura etymologica, die den Ausdruck noch stärker macht.
  3. Stört nicht den Geschlechsverkehr - so einige neuere Exegeten (z.B. Falk 1982, S. 116; Fox 1985, S. 109); aber das Verb kann nicht »stören« oder »unterbrechen« bedeuten.
  4. Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern. Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar; wir haben daher zur Steigerung der Verständlichkeit jeweils dort ein Sternchen eingefügt, wo unserer Meinung ein neues Lied beginnt.

6 ['''Jerusalemerinnen''':] (['''Frau''']):1 „Wer2 [ist] diese, die hinaufzieht von (aus) der WüsteWie eine Säule (wie Säulen)3 aus Rauch,Duftender nach Myrrhe und Weihrauch (Rauch aus dem Räucherwerk von Myrrhe und Weihrauch)4Als alle Pulver des Händlers (Duftend nach Myrrhe und Weihrauch, nach allen Pulvern des Händlers)!?56

  1. Wer diese Verse spricht, ist umstritten. In Hld 8,5 wird V. 6 wiederholt; dort ist klar, dass die Antwort ist: „Die auf ihren Geliebten gestützte Frau“; der Sprecher kann dort also weder die Frau noch der Mann sein. Vermutlich ist daher auch unser Vers zu den sehr wenigen zu rechnen, die weder von der Frau noch vom Mann gesprochen werden. Die einzigen anderen identifizierbaren Sprechenden im Hld sind die Jerusalemerinnen und die Brüder der Frau; am sinnvollsten ist der Vers daher auch nach dieser Deutung den Jerusalemerinnen zuzuordnen.
  2. tFN: Wer - Nicht: »was«; das Fragewort mi fragt stets nach Personen. Die mittah (das »Bett«) in V. 7 ist also nicht die Antwort auf die Frage in V. 6 (vgl. v.a. Dirksen 1989; Schult 1972, S. 5; z.B. auch Peetz 2015, S. 164.166. GKC §137a und JM §144b greifen hier nicht; bei den von ihnen genannten Stellen wären Personen klar auf eine andere Weise »mit im Blick« als an unserer Stelle).
  3. Textkritik: Säule (Säulen) - Plural in MT und 4QCanta, Singular aber in 4QCantb (vgl. Puech 2016, S. 40.42); LXX, Syr, Sym, VUL und einigen Handschriften. Schon von der Zahl der Zeugen ist die Sg.-Variante wahrscheinlicher die ursprüngliche und auch vom Sinn des Bildes – gefragt ist nach einer weiblichen Person – macht der Singular mehr Sinn. Die Plurallesart könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Schreiber die Rauch-/Staubwolke auf die mindestens 60 Personen in den nächsten Versen zurückgeführt haben.
  4. Textkritik: Duftender nach (aus dem Räucherwerk von) - Die Primärübersetzung ist die von MT, LXX und Syr, die Alternativübersetzung die von Aq, VUL und Tg. Der ursprünglich vokallose Text ließ beide Lesarten zu. Welche Variante ursprünglich gemeint war, ist schwer zu entscheiden. Etwas wahrscheinlicher ist die Alternativdeutung, da sich das betreffende Wort in diesem Stamm erst im rabbinischen Hebräisch findet; da die überwältigende Mehrheit der Üss. aber nach der Primärüs. übersetzt, folgen auch wir dem.
  5. tFN: Duftender nach Myrrhe und Weihrauch als alle Pulver des Händlers (Duftend nach Myrrhe und Weihrauch, nach allen Pulvern des Händlers) - Unsere Üs. folgt Bloch/Bloch 1995. Nach der Alternative übersetzen fast alle anderen Üss. und Kommentare, doch das ist nicht wahrscheinlich: In der letzten Zeile steht die Partikel min. Die könnte zwar auch »von, nach« bedeuten und angeben, woher der Wohlgeruch der Heraufkommenden rührt; da sie aber in der dritten Zeile fehlt, haben Zeile 3 und 4 wahrscheinlich einen unterschiedlichen Status und min ist hier eine Vergleichspartikel. Folgt man in der vorigen Zeile der alternativen Deutung (s. vorige FN), erübrigt sich das, da dann auch in der vorigen Zeile ein min steht, und man kann nach der Alternative übersetzen.
  6. Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern. Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar und gelegentlich umstritten, z.B. hier. Die meisten Üss. und Exegeten sehen Vv. 6-11 als ein Lied; dagegen spricht aber: Erstens wird Hld 3,6 fast wörtlich wiederholt in Hld 8,5; ein sehr ähnlicher Vers findet sich in Hld 6,10. Beide Male sind die Verse klar nicht mit dem Folgenden verbunden. Zweitens ist die Verbindung von Vv. 6.7-11 wegen dem »Wer« in V. 6 nur schwer möglich; s. FN o. Als unterschiedliche Einheiten sehen V. 6 und das Folgende daher auch Assis 2009; Bloch/Bloch 1995; Fox 1985; Schult 1972; Zakovitch 2004.

7 ['''Jerusalemerinnen'''] (['''Frau''':])1 Siehe, das Bett (die Liegesänfte?) Salomos2 Sechzig Helden (Krieger, Männer) um esVon den Helden (Krieger, Männer) Israels:3

  1. Wer diese Verse spricht, ist umstritten. Assis 2009 z.B. ordnet sie dem Mann zu, Bloch/Bloch 1995 der Frau und Fox 1985 den Töchtern Jerusalems. Wenn die Erklärung des Liedes in den Anmerkungen richtig ist, ist letzteres sicher die stimmigste Alternative; der Mann ist als Sprecher ohnehin ganz unwahrscheinlich, da er als »Salomo« dreimal Thema der folgenden Verse ist.
  2. tFN: Salomos - W. »sein Bett, das dem Salomo [ist]«; eine in der Bibel sehr umständliche Formulierung, die aber im späteren Hebräisch zur gewöhnlichen Konstruktion zum Ausdruck von Besitzangaben wurde. Üs. daher wie angegeben.
  3. Helden von den Helden Israels - d.h. wahrscheinlich: Selbst im Vergleich mit den Helden Israels, zu denen sie gehören, sind diese 60 heldenhaft: »mit sechzig umgebenden Helden, den Tapfersten Israels« (van Ess).

8 Sie alle sind schwerterfahren (halten ein Schwert),1Geübt im Kampf.2Jeder [hat] sein Schwert an seiner HüfteGegen (wegen) nächtliche Schrecken.3 (★)4

  1. tFN: schwerterfahren (halten ein Schwert) - W. »halten ein Schwert«. Wegen Zeile 3 (sie »haben ihr Schwert an der Hüfte«) ist »halten« (´achaz) hier besser entspr. dem akkadischen ahazu als »erfahren, lernen« zu deuten (vgl. Zeile 2; vgl. im Dt.: »greifen« => »begreifen«; »fassen« => »erfassen«; so schon Perles 1922, S. 52f.; z.B. auch Exum 2005, S. 139; Fox 1985, S. 124; Zakovitch 2004, S. 175).
  2. Lautspiel in den ersten beiden Zeilen: Assonanz auf m, l und ch (vgl. gut Noegel/Rendsburg 2009, S. 83): kulám ´achuzé chéreb / milumdé milchamáh.
  3. nächtliche Schrecken - W. »Schrecken in den Nächten«. Gemeint sind vermutlich Dämonen (vgl. bes. Krauss 1936; DDD, S. 854; ausführlich auch Gerhards 2010, S. 234f.). So schon Tg: »Unholde und Schattengeister«; Midrasch: »Geister«. Die Nacht ist in der jüdischen Mythologie die Zeit der Dämonen, denen man besonders dann ausgeliefert ist, wenn man allein ist. Zum Beispiel soll man nachts nicht allein in seinem Haus bleiben, da man sonst »von der Lilith gepackt wird« (b.Shab 151b; Lilith ist eine Art Sukkubus). Andererseits soll man nachts auch nicht allein sein Haus verlassen, da zu dieser Zeit Igrath, die Tochter der Dämonenkönigin, mit 180.000 dunklen Engeln auf Erden wandelt (b.Pes 112b). Besonders interessant in unserem (Hochzeits-)Kontext (s. die Anmerkungen) ist Tob 3,17; 6,14f., wonach der Dämon Aschmodai alle Ehemänner Saras im Brautgemach umgebracht hat. Eventuell ist diese Vorstellung der ursprüngliche Hintergrund des jüdischen Brauches, das Brautgemach zu bewachen.In der altorientalischen Mythologie lassen sich Dämonen natürlich mit Schwertern bekämpfen; selbst Götter bekriegen einander mit dem Schwert (z.B. will Balu das ganze Haus Naharus mit dem Schwert zerstören; vgl. CTA 2 iv 5).
  4. Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern. Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar und gelegentlich umstritten, z.B. hier: Eine neues Lied lassen zwischen V. 8 und V. 9 beginnen z.B. Gerleman 1965; Keel 1992; Krinetzki 1964; Schult 1972. Grund für diese Aufteilung ist oft das umstrittene Wort ´appirjon im nächsten Vers, s. die nächste FN.

9 Eine Bettstatt (?, Sänfte)1 ließ sich machen (hat sich gemacht)2 der König SalomoAus Holz vom Libanon.3

  1. Bettstatt (?, Sänfte) - Heb. ´appirjon; schwieriges Wort, das sich in der Bibel einzig hier findet und dessen Bedeutung daher unsicher ist. Umstritten ist erstens, was das Wort bedeutet und zweitens, wie es sich zum »Bett« in V. 7 verhält. Im späteren Hebräisch findet es sich häufiger mit der Bedeutung »(Hochzeits-)Sänfte«. Ob es bereits zur Zeit der Abfassung von Hld diese Bedeutung hatte und ob es sich beim biblischen und beim nachbiblischen ´appirjon überhaupt um das selbe Wort handelt, ist aber unsicher (dagegen z.B. Krauss 1899, S. 114f.; skeptisch z.B. auch Schult 1972, S. 11; zur Problematik der üblichen Herleitung des Wortes vgl. Dobbs-Allsopp 2005, S. 67-71). # rahmenlos|rechts|Eine römische Liegesänfte. (c) Baumeister, A. (Hg.): Denkmäler des klassischen Altertums zur Erläuterung des Lebens der Griechen und Römer in Religion, Kunst und Sitte. III. Band (Rechenbrett - Zwölfgötter). München / Leipzig, 1889. S. 1538.LXX und VUL übersetzen entsprechend der Bedeutung, die es im späteren Hebräisch und Aramäisch hat, als »Sänfte«; dem folgen die meisten Exegeten. Weil die Abfolge der Verse das sehr nahelegt, wird diese »Sänfte« dann i.d.R. identifiziert mit dem »Bett« in V. 7 und beides dann als Liegesänfte wie die rechts abgebildete erklärt. Diese Deutung ist aber recht problematisch, denn bei der Sänfte rechts handelt es sich um eine sog. Lectica und solche überdachten Liegesänften sind bisher einzig für das Imperium Romanum belegt, nicht aber für den Alten Orient oder Griechenland und auch nicht für die Zeit, in der Hld vermutlich abgefasst wurde. An einen solchen Sänftentypus zu denken ist also recht gewagt. # Syr und Tg denken, wohl wegen der Beschreibung in V. 10, an ein Gebäude; einige Exegeten folgen auch dem (z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 163; Horine 2001, S. 112-4: (»(Hochzeits-)Pavillon«). # Weil einige verwandte Wörter neben der Bedeutung »Sänfte« gleichzeitig die Bedeutung »Bett« haben, deuten Fox 1985, S. 125f. und Delitzsch 1875 als »Bett« (ähnlich FREE, van Ess (»Prachtbett«); TUR (»Ruhebett«)). Wir folgen dieser Deutung, weil sich nach ihr Vv. 7-11 am besten erklären lassen (s. die Anmerkungen).
  2. ließ machen (hat gemacht) - ein Aktivverb (wie häufig) nicht für den eigentlich Handelnden, sondern für den Auftraggeber. Von Salomo so z.B. auch 1 Kön 6,31.33; 7,6f.; 10,18.
  3. Holz vom Libanon - Der Libanon war bekannt für sein Holz, bes. für seine Zedern. Gemeint ist also hier besonders kostbares Holz.

10 Ihre Säulen ließ er machen (hat er gemacht) silbern (aus Silber),Ihre Kopfstütze1 golden (aus Gold),Ihr Vorhang (Decke, Kissen, Sitz?)2 purpurn,3Ihr Inneres [ist] ([war]) ausgelegt mit Leder (Liebe).4 {Von den} Töchter{n} Jerusalems,5

  1. Kopfstütze - Heb. repidah. Das Wort findet sich nur hier in der Bibel und ist also etwas unsicher; abzuleiten ist es aber sicher vom Verb rapad (»stützen, abstützen«). Sind mittah und ´appirjon eine Liegesänfte oder ein Bett, ist also sehr wahrscheinlich die Kopfstütze gemeint, die man auch auf der Grafik oben gut erkennen kann. So schon VUL (reclinatorium; zu diesem Wort vgl. Isidors »Etymologien«: »Das, was das Kissen stützt oder das Haupt«; Isid. Orig. 19, 26, 3). Syr denkt wohl an das auf der Kopfstütze (»Decke, Kissen«); LXX offenbar an eine Sitzsänfte (oder liest rjpdh statt rpjdh) und übersetzt anaklinton (»Rückenlehne«).
  2. Textkritik: Vorhang (Decke, Kissen, Sitz?) - Heb. merkab (geschrieben mrkb). Nach den Lexika heißt das angeblich »Sitz«, und weil es purpurn ist, übersetzen die meisten »Kissen« oder »Polster«.Bedeutung von merkab: Wahrscheinlich heißt das Wort aber gar nicht »Sitz«: Das Femininum von merkab (merkabah) findet sich häufig in der Bibel und hat die Bedeutung »Wagen«. Das Maskulinum merkab findet sich außer an unserer Stelle nur noch in 1 Kön 5,6, wo Salomo davon 4000 Stück für seine Pferde hat und wo es dafür eine eigene Halle gibt, und Lev 15,9, wo es etwas ist, worauf man »fährt« oder »reitet« (rakab). Bei der ersten Stelle übersetzen daher fast alle Üss. mit »Wagen« – auch an der Parallelstelle 2 Chr 9,25 steht merkabah (»Wagen«) statt merkab –, bei der zweiten immerhin ELB, FREE, TAF; der Rest übersetzt mit »Sattel« oder »Reitzeug«, obwohl solche bereits durch das »Sitzgerät« in Vv. 4.6 abgedeckt wären. LXX übersetzt interessanterweise mit epibasis, das sich als Übersetzung dort nur noch in Ps 104,3 (=Ps 103,3 LXX) für rakub (»Gefährt, Fahrzeug«) findet. Bei diesen Übersetzungsverhältnissen das Wort zuerst als »Sitz« zu deuten und dann auch noch wegen dem Kontext auf »Kissen« bezogen sein lassen, ist gewaltsam. Besser sollte man daher merkab / merkabah als eines jener Worte ansehen, die mit der selben Bedeutung sowohl als Maskulinum als auch als Femininum vorkommen können, und überall als »Wagen« deuten (V. 10 in Lev 15 bezieht sich dann nicht allein auf V. 9, sondern auf das Lager in Vv. 4f., das »Sitzgerät« in V. 6 und den »Wagen« in V. 9: »alles, was unter einem ist«).Textkritik:An unserer Stelle lies dann besser mkbrw (»seine Decke«) statt mrkbw; s. 2 Kön 8,15, wo Hasael seinen König ermordet, indem er ein mkbr in Wasser taucht und auf das Gesicht des Königs drückt. Möglich wäre auch mrbdw (ebenfalls »seine Decke«, s. Spr 7,16; Spr 31,22). Da in der nächsten Zeile die Rede ist vom »Inneren« des Bettes/der Sänfte, ist diese Decke wahrscheinlich außerhalb des Bettes; gemeint wäre also der »Bettvorhang« (s. Syr und Tg: »Vorhang«). Möglicherweise heißt sogar auch das mkbr in 2 Kön 8,15 »Bettvorhang«; s. Gray 1963, S. 479; House 1995, S. 283. S. die Anmerkungen zu Parallelstellen mit der Erwähnung purpurner Bettvorhänge.Der Lesefehler wird geschehen sein unter dem Einfluss der nachbiblischen Bedeutung von ´appirjon (s.o.) und der Tatsache, dass im Alten Griechenland anders als im Alten Israel Hochzeitsprozessionen nicht in einer Sänfte, sondern auf einem Pferdewagen stattfanden.
  3. purpurn - Purpur war in der Antike noch wertvoller als Gold, da es mühsamst aus der Purpurschnecke gewonnen werden musste (vgl. Barbiero 2011, S. 154f.).
  4. ausgelegt mit Leder (Liebe) - Schwierige und vieldiskutierte Stelle, deren Text man häufig zu korrigieren versucht hat. ratsuf (»ausgelegt«) findet sich in der Bibel einzig hier; seine Bed. ist also unsicher. Verwandte Worte sind das bibelhebräische retsef (»Stein«) und ritspah (»gepflasterter Boden«); im Mittelhebräischen und Aramäischen heißt das Wort eng aneinanderreihen, pflastern. Etwas Ähnliches wird es also wohl auch hier bedeuten. Objekt des Verbs ist ´ahabah, was sonst in der Bibel stets »Liebe« heißt; im Hld mehrmals speziell die geschlechtliche Liebe – was schwerlich zu diesem Verb passt. Ein interessanter Vorschlag ist der von Keel 1992, S. 122-126 und Loretz 2004, S. 810 FN 36, »sein Inneres ist ausgelegt mit Liebe« als Metapher zu verstehen für »im Innern der Sänfte sind pornographische Darstellungen abgebildet«, wie das ähnlich in b.San 39b überliefert ist (»Ahab war leidenschaftslos, darum malte Jezebel Bilder zweier Huren an seinen Wagen, dass er darauf blicken und erhitzt werden möge«). Sinnvoller aber: Auf viel Zustimmung ist der Vorschlag von Driver 1950b, S. 135 gestoßen, ´ahabah hier abzuleiten vom arabischen ´ihab (»Leder«). Das macht Sinn, vgl. b.Ket 65a; j.Ned 1,2 und b.Ned 56a: Man unterschied bei Betten zwischen mittah und dargesch. Bei ersterer war die Liegefläche mit verknoteten Stricken gefertigt (»was der Ehefrau Schmerzen bereiten würde«), bei letzterem mit Leder. Ein Lederbett war einem König angemessener, vgl. b.San 47a.
  5. Textkritik: {Von den} Töchter{n} Jerusalems - W. »von den Töchtern Jerusalems« (=den Jerusalemer Frauen). Was die Jerusalemerinnen mit dem Auslegen von Salomos ´appirjon zu tun haben sollen, konnte bisher noch niemand zufriedenstellend erklären. Versucht haben es Barbiero 2002 / Barbiero 2011 und Zakovitch 2004: Der eine will »sein Inneres ist auslegt mit Liebe von den Töchtern Jerusalems« verstehen als »In der Sänfte ist die Geliebte Salomos, und diese liebt Salomo stellvertretend für alle Jerusalemerinnen; mit ihrer Liebe ist also auch die Liebe aller Jerusalemerinnen in der Sänfte anwesend«; der andere als »Die Sänfte ist vollgestopft mit Gespielinnen Salomos«. Das erste ist sehr weit hergeholt, das zweite wäre sicher eine zu starke Metapher. Viele ziehen daher das m von mbnwt als (bedeutungsloses) »enklitisches Mem« zum vorigen Wort und die beiden Wörter »Töchter Jerusalems« zum nächsten Vers (da die Aufteilung in Verse erst wesentlich später als die Niederschrift des Urtexts erfolgte). So z.B. Exum 2003, S. 306 FN 8; Elliott 1989, S. 87; Fox 1985, S. 21; Pope 1977, S. 446; NEB; ähnlich BHK und BHS (nicht mehr BHQ). Dem folgen auch wir.

11 kommet herausUnd schauet, Töchter Zions1 Auf König Salomo,Auf seine Krone,2 mit der ihn seine Mutter gekrönt hat Am Tag seiner Hochzeit,Am Tag der Freude seines Herzens!“

  1. Töchter Zions - »Zion« = poetischer Name für Jerusalem; »Töchter Zions« = daher ebenfalls »Jerusalemerinnen«.
  2. Krone - Zum Brauch der Krönung des Brautpaares zu ihrer Hochzeit s. noch Jes 61,10; Ez 16,8.12; 3 Makk 4,8; m.Sot ix 14; b.Sot 49a. Davon, dass diese Krönung die Aufgabe der Mutter wäre, ist allerdings außerhalb des Hld nichts überliefert.

Chapter 8

6 Lege mich wie das Siegel (den Siegelring) auf dein Herz (an dein Innerstes)wie das Siegel (den Siegelring) an deinen Arm (deine Schulter, deine Stärke)denn stark (mächtig) wie der Tod [ist] die Liebe hart wie das Totenreich (die Unterwelt, die Sheol) [ist] die Leidenschaft (Eifersucht)Ihre Flammen sind Flammen eines Feuers eine Flamme Jahs.1

  1. שַׁלְהֶ֥בֶתְיָֽה