Chapter 1
1 1 '''Das Lied der Lieder,2 welche [sind] (welches [ist])3 von (für, über, nach Art von) Salomon''' t
Original Hebrew
- [Status: Ungeprüft]
- Lied der Lieder - Eine der Weisen, im Heb. einen Superlativ zu bilden: „Das schönste Lied“.
- welche [sind] (welches [ist]) - der Nebensatz lässt sich entweder auf das Lied („Salomo hat dieses schönste aller Lieder geschrieben“) oder auf der Lieder beziehen („Dieses Lied ist das schönste von Salomos Liedern“). Diese zweite Auflösung ist wahrscheinlicher, da für die erste Auflösung die Relativpartikel welche(s) unnötig wäre (s. die vielen Psalmüberschriften ohne Relativpartikel; so richtig Rudolph 1962, S. 121).
2 ['''Frau''':]1 „Er küsse mich mit Küssen (mit einigen von den Küssen) seines Mundes!2Oh!, (Denn) deine3 Liebkosungen4 [müssen] besser [sein] ([sind] besser)5 als Wein;6
Original Hebrew
- Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.
- Küsse seines Mundes - die Extra-nennung von »seines Mundes« ist nicht überflüssig, da im Alten Orient auch der Nasenkuss verbreitet war: das Aneinanderreiben der Nasen als Zeichen der Zuneigung, wie wir das heute noch als »Eskimokuss« kennen. Intimer war aber der Mundkuss (vgl. Fox 1985, S. 97), und dieser wird hier ersehnt. Das mi- (»mit / mit einigen von«) ist daher eher ein sog. »Min instrumenti« (»Er soll mich mit Mund-küssen küssen!«) als ein »Min partitivum« (»Einige der Küsse seines Mundes sollen auch mich treffen«).
- deine (V. 2) + der König (V. 4) - Die Wechsel von der 3. zur 2. Person in V. 2 (»Er küsse mich« - »Deine Liebkosungen«) und von der 2. zur 3. Person und wieder zurück in V. 4 (»Zieh« - »Der König bringt« - »über dich«) werden von den meisten Exegeten als P-Shifts verstanden: Im Heb. kann von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Unterschied in der Bedeutung machen soll. Zu übersetzen wäre dann auch in Vv. 2-3 durchgehend mit der 3. und in V. 4 durchgehend mit der 2. Person. Da aber in Vv. 2f. auch in den nächsten Zeilen mit der 2. Person fortgefahren wird, sind Personenwechsel besser mit Peetz 2015, S. 65f.; Zakovitch 2004, S. 110 zu erklären: Sie sollen das jeweils Folgende als Phantasie erscheinen lassen: »Die Frau träumt im Wachen: Ihre Sehnsucht nach dem ‚König‘, dem Geliebten, ist so groß, dass sie sich bei ihm wähnt« (Zakovitch 2004, S. 110).
- Liebkosungen - Eher nicht: »Liebe« (so viele Üss.); dod meint md. im Hohelied recht eindeutig sexuelle Handlungen (vgl. z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 3.137).
- [müssen] besser [sein] ([sind] besser) - Dass in der ersten Zeile die Küsse des Geliebten ersehnt werden, heißt wahrscheinlich, dass die Frau ihn zuvor noch nicht geküsst hat. Darauf weist auch, dass die Tatsache, dass seine Küsse besser sind als Wein, Grund für alle Mädchen ist, ihn zu lieben (sie werden es doch wohl nicht alle am eigenen Leib erfahren haben?). S. außerdem noch Hld 8,1, wo die Frau wünscht, ihr Geliebter wäre ihr Bruder, so dass sie ihn küssen könnte: Andernfalls wäre ihr dies nicht möglich. Der verblose Satz ist daher besser als Vermutung zu verstehen (sog. »epistemische Modalität« (Vermutungen, Einschätzungen etc.) wird im Heb. nicht eigens markiert und muss daher aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. z.B. Lauber 2008-2011) - anders als im Dt., wo hierfür z.B. Hilfsverben wie »müssen«, »dürfen« etc. oder Modalpartikel wie »wahrscheinlich«, »vermutlich« etc. dienen).
- Wein ist hier ein Symbol für das sehr Gute, das nur durch die »Liebkosungen« des Geliebten noch übertroffen wird. Zu V. 2 s. ganz ähnlich Sir 40,20. V. 4 meint dann etwas wie »Mehr preisen, als wir Wein preisen würden«, nämlich eben, nachdem der Angebetete ihnen Grund zu diesem Preis gegeben hat.
3 Als der Geruch [deiner] Öle1 (deiner Öle)2 [müssen sie] besser [sein] (An Geruch/zum Riechen [sind] [deine] Öle gut):Öl, [das] ausgegossen wird, ist dein Name (bist du selbst)!3Darum lieben dich die jungen Frauen.
Original Hebrew
- Öle - das altisraelitische Pendant zu Parfumen.
- Textkritik: [deine] (deine) - In 6QCant (der bei Weitem ältesten erhaltenen heb. Handschrift v. Hld 1,3) und VUL fehlt das »deine« (das -ka in schemaneka), das sich im MT und den übrigen alten Üss. findet. Das könnte gut die ursprüngliche Textversion sein: »deine« wäre dann als Brachylogie aus der vorigen Zeile zu ergänzen; der Effekt dieser brachylogischen Formulierung ist ein Binnenreim: schemanim tobim (»Öle gut«). MT und die alten Üss hätten dann das »deine« zur Vereindeutigung auch im Text ergänzt. Ebenso gut möglich wäre aber, dass ein Schreiber gerade zur Herstellung dieses Binnenreims das -eka durch -im ersetzt hat. Da aber dadurch gleichzeitig der Gleichklang von schemaneka (»deine Öle«) und schemeka (»dein Name«) zerstört worden wäre, ist das erste wahrscheinlicher.
- dein Name - häufiger Wechselbegriff für »du selbst«: Der Geliebte selbst ist »Mr. Parfum«, »Mr. Wohlgeruch«. Im MT wird diese Gleichsetzung unterstrichen durch den Gleichklang von »deine Öle« und »dein Name«: schemaneka - schemeka. Ein Nebeneffekt der Formulierung mit »dein Name« ist, dass in diesen ohnehin schon sehr sinnlichen Versen auch noch eine Synästhesie zu finden ist: »dein Name (akustisch) ist ausgegossenes Öl (olfaktorisch + visuell).«
4 Zieh mich! Hinter dir1 wollen wir [ja alle] herrennen!Der König2 bringt mich in seine Zimmer!Wir wollen [ja alle] jubeln und uns freuen über dich,Wir wollen deine Liebkosung mehr als Wein preisen.Die Gerechten (mit Recht?)3 lieben dich.“ ★4
Original Hebrew
- Zieh mich! Hinter dir... - Meist übersetzt als »Zieh mich hinter dir her! Lass uns rennen!«, so dass »uns« sich auf die Geliebte und den Geliebten bezöge. Das liegt recht fern: Erstens zeigen die Akzente des MT (d.h. die Zeichen, mit denen die Schreiber des MT angezeigt haben, wie der Satz auszusprechen ist), dass der Text aufzuteilen ist zwischen »Zieh mich« und »hinter dir« und nicht zwischen »zieh mich hinter dir [her]« und »lass uns rennen«. Auch LXX teilt den Text so auf. Und zweitens ist es vor allem sehr unwahrscheinlich, dass die Frau ihren Geliebten im Folgenden dazu auffordern sollte, dass er gemeinsam mit ihr über sich selbst jubeln und seine eigenen Liebkosungen preisen soll. Richtiger daher van Ess: »Ziehe mich! Dir eilen wir nach!«; z.B. auch Daland 1888, S. , der den Text als Drama aufgefasst hat: »Court Lady: ‚Draw me - ‘ Chorus of Ladies: ‚- after thee will we run.‘ Lady: ‚Oh! that the king would bring me to his chambers!‘.« Zu absolutem »Zieh mich« s. Hos 11,4. Alle wollen hinter ihm herlaufen, aber sie soll er ziehen. Zum Sinn s. dann die Anmerkungen.
- König - Kosename für den Geliebten. Ähnlich wird der Geliebte z.B. in ägyptischen Liebesliedern als »Prinz« und in akkadischen Texten als »Herr« und »Meister« bezeichnet (vgl. Fox 1985, S. 98; Held 1961, S. 5; Loretz 1963, S. 78). Manche verstehen unter dem König in V. 12 auch eine andere Person als den Geliebten; gesagt würde dann: »Mein Geliebter duftet so gut, dass sein Geruch bis in den Palast des Königs dringt.«
- tFN: die Gerechten ([mit] Recht?) - Zweifelhaftes Wort. Meist wird es aufgefasst als »Recht, Gerechtigkeit, Geradheit«, konstruiert als adverbialer Akkusativ der Art und Weise: »[mit] Recht« (z.B. JM §126d), was recht schwierig ist (s. gleich). Wir folgen daher stattdessen Ginsburg 1857, S. 132: Die Zeile steht klar im Parallelismus mit der letzten Zeile von V. 3 und damit der Abstraktbegriff »Gerechtigkeit« mit dem konkreten Begriff »die jungen Frauen«. Wahrscheinlich haben wir hier also das Stilmittel »Abstractum pro concreto« vor uns: Ein Abstraktbegriff wird im Parallelismus mit einem konkreten Begriff ebenfalls wie ein konkreter Begriff verwendet. »Gerechtigkeit« bedeutet also »die Gerechten« und meint »die jungen Frauen.« So schon VUL: »Gerechte lieben dich«; ähnlich Sym: »Gerecht sind, die dich lieben«; vielleicht auch LXX, die aber wörtlich übersetzen: »Gerechtigkeit liebt dich«. Daneben sind noch viele andere Vorschläge gemacht worden, die sämtlich aber nicht sehr wahrscheinlich sind und von denen auch keine besonders viele Anhänger hat finden können. Die übliche Auflösung ist schwierig, weil zwar im Deutschen »Recht« in »mit Recht« auch »berechtigt« bedeuten kann, im Heb. für eine ähnliche Synonymie aber jedes Indiz fehlt (so richtig z.B. Fox 1985, S. 99). Vom Heb. her sollte man eher vermuten, dass das Wort im adv. Akk. der Art und Weise etwas bedeutet wie »Sie lieben dich auf gerade/gerechte/redliche Weise«.
- Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern (s. näher die Anmerkungen). Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar; wir haben daher zur Steigerung der Verständlichkeit jeweils dort ein Sternchen eingefügt, wo unserer Meinung ein neues Lied beginnt.
5 ['''Frau''':] „Schwarz [bin] ich, aber [trotzdem] (und) schön, [oh] Töchter Jerusalems!1Wie die Zelte Kedars,2 wie die Zelte3 Salomos!4
Original Hebrew
- Töchter Jerusalems = »Jerusalemerinnen«.
- Kedar: Die Kedarener waren ein in Zelten wohnender Beduinenstamm. Zelte wurden damals aus der Wolle schwarzer Ziegen hergestellt, daher sind die »Zelte Kedars« ein gutes Symbol für Schwärze. Wortspiel: Die Konsonanten des Wortes qedar sind auch die Konsonanten des Wortes qadar (»schwarz werden«).
- Zelte - Das Wort heißt nicht »Zeltdecken« oder gar »Wandbehänge«, wie sich das in vielen Üss. findet, sondern ist, wie das aus dieser Stelle und Jes 54,2; Jer 4,20; 10,20; 49,29 hervorgeht, klar ein Synonym zum vorigen »Zelte.« Wahrscheinlich ist »Zelte Salomos« ein poetischer Ausdruck für »Salomos Palast«, das Symbol für Schönheit und Pracht schlechthin (vgl. Eidelkind 2012, S. 327). Textkritik: Viele Exegeten und Üss. korrigieren allerdings den Text von schelomoh (»Salomo«) zu schalmah (»wie die Zelte Salmas«), ein arabischer Beduinenstamm. Diese Korrektur lässt sich mit keiner der alten Üss. stützen und ist daher abzulehnen.
- Hyperbaton: = »schwarz wie die Zelte Kedars, schön wie die Zelte Salomos.« (so z.B. Krinetzki 1964, S. 90).
6 Seht nicht auf mich herab, (Wollt ihr mich nicht ansehen...!?1) weil ich so schwarz2 [bin],Weil die Sonne auf mich geblickt hat!Die Söhne meiner Mutter3 waren gegen mich entbrannt;4Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gemacht -Meinen Weinberg, der mein [ist], habe ich nicht gehütet.“ ★
Original Hebrew
- Wollt ihr mich nicht ansehen...!? - Verneinte rhetorische Frage (wie noch häufig) zum Ausdruck einer starken Aufforderung: »Schaut mich an...!« (vgl. Exum 1981, S. 417f.; Gerhards 2000, S. 63-66; Gerhards 2010, S. 208).
- so schwarz - Heb. schecharchoret; einzig hier belegte Variante zum üblichen schachor. Solche Verdopplungen von Konsonanten (hier: chr: schecharchoret) machen das so gebildete Wort häufig emphatischer; das ist wohl auch hier die Bed: »so schwarz«. Andere fassen diese Wortbildungsform als Abschwächung: »[nur], weil ich ein bisschen schwärzlich bin« (so z.B. Zakovitch 2004, S. 119; schon Ibn Ezra). Das seltene Wort ist sicher gewählt, weil sich auf diese Weise am Ende dieser Doppelzeile die Zischlaute sehr häufen, was die beiden inhaltlich verwandten Zeilen auch lautlich zueinander in Zhg. bringt: sche´ani schecharchoret scheschschezafatni haschemesch (»weil ich so schwarz [bin], weil auf mich geblickt hat die Sonne«).
- Söhne meiner Mutter - d.h. meine Vollbrüder, im Ggs. zu meinen Halbbrüdern, den Söhnen der anderen Frauen meines Vaters. Hier wohl statt »Brüder« verwendet, weil »Schwester« im Hld öfter als Kosename für die Geliebte verwendet wird; bei »Brüder« hätte die Gefahr bestanden, dass man die »Brüder« als ihre Geliebten missverstehen könnte. S. Hld 8,1, die einzige Stelle im Hld, wo das Wort »Bruder« fällt: Dort ist es gerade auf den Geliebten bezogen.
- entbrannt - nämlich im Zorn. Wortspiel: Das Wort für »entbrannt« passt eigentlich besser zur Sonne als zu den Brüdern, denn das ist hier ihre Rolle: Sie hat die Frau »verbrannt«, also »gebräunt« (vgl. Ijob 30,30: »Meine Haut ist schwarz geworden, / mein Leib ist vor Hitze verbrannt«). Auf diese Weise wird der Zhg. der beiden Zeilen auch auf der Ebene der Wortbedeutung ausdrücklich gemacht: Dass die Sonne sie »verbrannt« hat, ist letztlich darauf zurückzuführen, dass ihre Brüder gegen sie »entbrannt« sind.
7 ['''Frau''':] „Sag mir, [du,] den meine Seele liebt,1Wo du weiden wirst, Wo du lagern lassen wirst am Mittag,Damit ich nicht sein muss (werde) als Verschleierte (wie eine Wandernde)2 Bei [den] Herden deiner Gefährten!“
Original Hebrew
- den meine Seele liebt - d.h. »den ich liebe«; »meine Seele« ist im Heb. ein häufiger Wechselbegriff für »ich«.
- Textkritik: als Verschleierte (wie eine Wandernde) - MT, wahrscheinlich 6QCant und LXX haben »Verschleierte«. Syr, Sym, VUL und Tg aber übersetzen etwas wie »Wandernde«. Das könnte bedeuten, dass ihnen statt k`th die Konsonanten kt`h vorlagen. Möglicherweise hat aber auch das Wort im MT selbst auch die zweite Bedeutung »herumwandern«, nach der diese Versionen dann übersetzt hätten (vgl. z.B. Ginsburg 1857, S. 136; so schon Raschbam). Viele Exegeten und Üss. folgen dieser Variante; vgl. z.B. gut Bloch/Bloch 1995, S. 142. Die Bedeutung wäre so und so aber wahrscheinlich die gleiche, s. die Anmerkungen.
8 ['''Mann (Töchter Jerusalems)''':]1 „Wenn du es {dir} nicht wissen wirst, Schönste unter den Frauen,Folge {dir} den Spuren der SchafeUnd weide deine Zicklein (Brüste?2)Bei den Zelten der Hirten!“ ★
Original Hebrew
- Mann (Töchter Jerusalems) - Eine ganze Reihe von Auslegern verstehen diese Anweisung als Aussage nicht des Mannes, sondern der Töchter Jerusalems; die meisten, weil sie die Äußerung als Abweisung der Frau verstehen. Einige wenige halten außerdem die Hirten oder gar den Dichter für die Sprecher. Nichts zwingt zu diesem Verständnis und „da in 7 der Geliebte angeredet wird, ist es natürlich, daß dieser und nicht sonst jemand in 8 antwortet.“ (Rudolph 1962, S. 125).
- tFN: Brüste - So z.B. Peetz 2015, S. 91, da das Wort hier im Femininum statt wie üblicher im Maskulinum steht. Aber vgl. 11QPs 28,4, wo das Wort ebenfalls im Fem. steht. Es gehört also offenbar zu den Wörtern, die sowohl Mask. als auch Fem. sein können.
9 ['''Mann''':] „Pferden (meinen Pferden, einer Stute, meiner Stute)1 vor den Wagen des PharaoVergleiche ich dich (mache ich dich gleich), meine Freundin!2
Original Hebrew
- Pferden (einer Stute, meiner Stute) - Heb. susati, von sus (»Pferd«). Das Suffix -ti könnte entweder (1a) als Possessivpronomen »mein« oder (1b) als bedeutungsloses »Hireq compaginis« verstanden werden (daher »meine« vs. »eine«), und das Suffix -a könnte das Wort entweder (2a) als Femininum oder (2b) als Kollektivbegriff markieren (daher »Stute« vs. »Pferde«). Möglich ist daher jede der vier obigen Deutungen und jede ist schon vertreten worden. Da die folgenden »Wagen« im Plural stehen, ist (2b) wahrscheinlicher als (2a) (so schon LXX und VUL) und da die Pferde nicht vor die Wagen des Sprechers, sondern die des Pharao gespannt sind, ist (1b) wahrscheinlicher als (1a) (so schon Ibn Ezra). Für (1b) und (2b) z.B. Gerhards 2010, S. 331 FN 31.
- meine Freundin - Häufige Bezeichnung für die Geliebte im Hld; s. Hld 1,9.15; 2,2.10.13; 4,1.7; 5,2; 6,4. Außer in Hld 5,2 fällt der Ausdruck stets im Zhg. mit einer Aussage über das Aussehen der »Freundin«; wahrscheinlich hörte ein Israelit bei dem Ausdruck also irgendwie »Schönheit« mit.
10 Lieblich sind (wären) deine Wangen (Backen) zwischen den Ketten (in Zaumzeug),1Dein Hals zwischen den Perlen (?).2
Original Hebrew
- Ketten (Zaumzeug) - Heb. torim; unbekanntes Wort. Wahrscheinlich hängt es zusammen mit dem Verb tur (»herumgehen«), daher ist es wohl etwas gemeint, das um den Kopf herumgeht und über die Wangen reicht. Zur Alternative »Zaumzeug« s. die Anmerkungen.
- Perlen (?) - Heb. charuzim, ein weiteres unbekanntes Wort. Vielleicht hängt es zusammen mit dem arabischen ḫaraz (»Perle«). Da sie am Hals getragen werden, wären dann »Perlenketten« gemeint (so schon Raschi; auch LXX und VUL übersetzen mit »Ketten«). Aber s. noch die Anmerkungen.
11 Goldene Ketten (Goldenes Zaumzeug) will ich (wollen wir)1 dir machen [lassen],Mit Punkten aus Silber!“2 ★
Original Hebrew
- will ich (wollen wir) - W. »wollen wir«. Da niemand sonst in diesem Lied erwähnt wird, handelt es sich vielleicht wie z.B. in Gen 1,26 um einen »Plural deliberationis« mit Sg.-Bed. (so z.B. Krinetzki 1964, S. 293): Aufgrund der Schönheit seiner Geliebten fasst der Sprecher den Entschluss, ihr noch exquisiteren Schmuck anfertigen zu lassen.
- Mit Punkten aus Silber! - d.h. wohl „mit Silber granuliert“ (so gut Bloch/Bloch 1995, S. 146). „Granulation“ ist eine antike Goldschmiedetechnik, bei der Goldflächen mit kleinen Kügelchen aus Gold oder anderen Metallen verziert werden (vgl. Granulation (Goldschmiedekunst) (Wikipedia)) - der Geliebte will ihr das Kostbarste vom Kostbaren anfertigen lassen.
12 ['''Frau''':] „Solange (bis [dorthin], wo) der König auf seiner Couch1 [ist],Gibt meine Narde2 ihren Duft.
Original Hebrew
- Couch - Heb. mesab; im Biblischen Heb. hat es sonst die Bed. »Umgebung«. Hier besser nach dem Mischna-Heb. zu verstehen als »Couch, Divan«, die um einen Tisch herum angeordnet waren (daher viele Üss.: »Tafelrunde«; inspiriert von LXX: »Tisch«); vgl. z.B. Fox 1985, S. 105; Pope 1977, S. 347.
- Narde - teurer Duftstoff aus dem Himalaya-Gebirge. Zur Verwendung von Nardenparfum bei Tisch s. noch Mk 14,3; Joh 12,3.
13 Ein Myrrhensäckchen1 [ist] mir mein Geliebter,Ruhend2 zwischen meinen Brüsten.
Original Hebrew
- Myrrhensäckchen (V. 13) + Hennabündel (V. 14) - Neben dem Auftragen von duftenden Ölen war im Alten Israel eine alternative Weise der Parfumierung das Tragen aromatischer Substanzen um den Hals (vgl. Pope 1977, S. 351). Das ist mit dem Myrrhensäckchen gemeint; auch die Hennadolden (für eine Abbildung s. hier) wurden wahrscheinlich in solchen Säckchen getragen. Zur Verwendung vom Myrrhenparfum im Bett s. noch Spr 7,17f.. Vgl. auch Sappho 96 D,10-22: »Nun, so will ich dich dran erinnern, weil du's vergißt, wieviel Glück und wie Schönes wir hier erlebt: ... Viel Girlanden aus duftenden Blumen hast du dir um den weichen Hals umgehängt, die geflochten aus Blüten fein; und mit glänzendem Myrrhenöl hast du dir deine schöne Haut eingesalbt und mit Salbe, die fürstliche heißt, und gelagert auf weichem Bett ... hast verströmt du die Sehnsucht nach ...« (Üs. nach Treu).
- Ruhend - Könnte sich sowohl auf das Myrrhensäckchen als auch auf den Geliebten beziehen.
14 Eine Hennadolde [ist] mir mein GeliebterAus den Weinbergen von En-Gedi.“1 ★
Original Hebrew
- En-Gedi - Oase an der Westküste des Toten Meeres, wo auch heute noch Henna wächst. Archäologische Funde lassen vermuten, dass dort früher außerdem Parfums produziert wurden (vgl. Pope 1977, S. 354).
15 ['''Mann''':] „Siehe! (Fürwahr!), schön [bist du, (ist)] meine Freundin!Siehe! (Fürwahr!), schön [bist du (ist)]! Deine Augen [sind] Tauben ([wie die von] Tauben)!“1
Original Hebrew
- Deine Augen sind Tauben! - Umstrittene Metapher; s. die Anmerkungen. Alternativ sind zu ihrer Aufschlüsselung die verschiedensten Vorschläge gemacht worden; z.B., dass die Farbe von Tauben gemeint sei (graublau), die Form von Tauben (weil Augen in der antiken Ikonographie manchmal in Taubenform dargestellt wurden), die Konnotation von Tauben (Unschuld), der Symbolwert der Taube (gelegentlich nämlich: Taube=Götterbote; u.a. von Liebesgottheiten, daher „Liebesbote“) usw.
16 ['''Frau''':] „Siehe (Fürwahr!), schön [bist du, (ist)] mein Geliebter; ja, lieblich;Ja, unser Bett [ist] grün:
Original Hebrew
17 Die Balken unseres Hauses (unserer Häuser)1 [sind] Zedern (Zedernholz),Unsere Täfelung (unser Balken) [sind] Zypressen (Zypressenholz).“
Original Hebrew
- tFN: Häuser: Plural mit Sg.-Bed.; vgl. GKC §124q