Chapter 3
1 1 ['''Frau''':]2 „Auf meinem Lager in den Nächten (in der Nacht)3 suchte ich (sehnte ich mich nach dem),4Den meine Seele liebt (den ich liebe);5Ich suchte ihn und (aber) fand ihn nicht.
Original Hebrew
- [Status: Ungeprüft]
- Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.
- in den Nächten (in der Nacht) - W. »in den Nächten«; entweder also mehrere Nächte hintereinander oder es handelt es sich um einen sog. »pluralis compositionis« mit Sg.-Bed. (vgl. JM §136b); dann ist nach der Alternativübersetzung zu übersetzen. Auf die Textbedeutung hat das keine Auswirkung. Viele Üss. wählen »(des) Nachts« und lassen so beide Deutungsmöglichkeiten offen; das ist wohl die sinnvollste Übersetzungsentscheidung.
- suchte ich (sehnte ich mich nach dem) - baqasch heißt meist suchen; kann aber in Einzelfällen auch die Bedeutung »sich sehnen« annehmen (vgl. z.St. Fox 1985, S. 118; Peetz 2015, S. 152 u.ö.). Sicher ist dies in unserem Vers gemeint und wird daher z.B. von Bloch/Bloch 1995 und Falk 1982 als Übersetzung gewählt; andererseits verschleierte aber diese Übersetzungsentscheidung hier, wie oft in Vv. 1-4 das Wort »suchen« verwendet wird. Man sollte daher besser mit den meisten Üss. bei »suchen« bleiben.
- den meine Seele liebt (den ich liebe) - »Seele« hier wie meist nur als Wechselbegriff für »ich«; zu übersetzen ist daher nach der Alternativübersetzung.
2 [Da sagte ich mir:] »Ich will aufstehen1 und umhergehen in der Stadt,Auf den Straßen und auf den Plätzen!Ich will suchen, den meine Seele liebt (den ich liebe)!«Ich suchte ihn und (aber) fand ihn nicht.
Original Hebrew
- tFN: Ich will aufstehen - Nicht: »Ich will bitte aufstehen« (so z.B. Noegel/Rendsburg 2009). na´ (»bitte«) ist zwar meistens eine sog. Höflichkeitspartikel, aber zu offenbar bedeutungslosem na´ in Selbstaufforderungen s. noch Gen 18,21; Ex 3,3; 2 Sam 14,15; 1 Chr 22,5. Das »Ich will doch aufstehen« der meisten Üss. ist recht sicher falsch und darauf zurückzuführen, dass man früher häufig dachte, na´ solle größeren »Nachdruck« auf eine Bitte legen; dagegen vgl. aber Wilt 1996, S. 239-241.
3 Es fanden (ergriffen)1 mich die Wächter,Die in der Stadt umhergingen (Umhergehenden)2[Ich fragte sie:] »Den meine Seele liebt (den ich liebe), habt ihr [ihn] gesehen?«
Original Hebrew
- fanden (ergriffen) - möglicherweise eine Antanaklasis, also die mehrfache Verwendung des selben Wortes (»finden/ergreifen«) in unterschiedlichen Bedeutungen (vgl. ähnlich Ceresko 1982, S. 564). S. die Anmerkungen.
- die Wächter, die umhergingen - Ebenso bezeichnet in Hld 5,7, wo sie zusätzlich an die Stadtmauer verortet werden. Barbiero 2011, S. 133 und Peetz 2015, S. 155f. denken daher gut an die griechischen Peripoloi (»die Umhergehenden«; zu diesen vgl. z.B. Friend 2009, S. 40-45) - eine Art mobilen Grenzschutz, der die zu bewachenden Grenzen abschritt (im Unterschied zu den stationären Wachposten).
4 [Nur] Weniges [war's], dass ich an ihnen vorbeigegangen war,1Bis dass ich fand (ergriff), den meine Seele liebt (den ich liebe).Ich packte ihn und wollte ihn nicht mehr los lassen,Bis dass ich ihn gebracht hätte ins Haus meiner Mutter2 Und in die Kammer meiner Gebärerin.
Original Hebrew
- tFN: Zur etwas komplizierten Konstruktion vgl. HKL III §387d. Fast stets vereinfacht zu »Kaum war ich an ihnen vorbei, als...«, was sicher die beste Üs. ist.
- Haus meiner Mutter wird meist damit kommentiert, dass dieses Gebäude (?) dann verwendet würde, wenn mit der Ehe zusammenhängende Dinge erörtert werden sollten (z.B. Assis 2009, S. 99; Sparks 2008, S. 280). Verwiesen wird dazu auf Gen 24,28; Rut 1,8, unseren Vers und Hld 8,1f.. In Gen 24,28 ist aber von einer Heirat noch gar nicht die Rede. Zu Rut 1,8 s. FN x: Das »Haus der Mutter« ist dort wohl nur der Gegensatz zum Haus der (weiblichen) Witwe Noomi. Und in Hld 8,1f. bedauert die Liebende sogar, dass ihr Geliebter nicht ihr Bruder ist, dann nämlich könnte sie ihn ins Haus ihrer Mutter bringen - an einen Heiratskontext wird hier also gerade nicht zu denken sein, sondern an Intimität. Das ist dann wahrscheinlich auch hier der Sinn des Ausdrucks: Die weibliche Liebende bringt sich in Kontinuität zu dem Geschlechtsverkehr, der zu ihrer Empfängnis führte, und daher eben mit ihrer Mutter statt ihrem Vater: Sie würde gerne Ähnliches tun (ähnlich Assis 2009, S. 100).
5 Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes:1Entfacht nicht und facht nicht an2 die Liebe (Stört nicht den Geschlechtsverkehr?3),Bis es ihr gefällt (solange sie begehrt)!“ ★4
Original Hebrew
- Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes - dazu vgl. bes. gut Steinmann 2013. Geschworen wurde im Alten Israel stets bei höheren »Mächten« wie Gott, Pharao, Hohepriester etc. Zu diesen gehören Gazelle und Hirschkuh nicht. Auch das »des Feldes« ist auffällig; in der Bibel ist dies ein Idiom für »wilde Hirschkühe«; Hirschkühe wurden aber nicht gezähmt, so dass diese nähere Ausführung überflüssig scheint. tseba´oth (»Gazellen«) und ´ajelot haßadeh (»Hirschkühe des Feldes«) (צבאות ... אילות השדה) wird hier also wahrscheinlich deshalb verwendet, weil es lautlich und im Schriftbild an die beiden Gottesbezeichnungen [JHWH] tseba´ot (»JHWH der Mächte«) und ´el schaddaj (Bed. unsicher; vielleicht »Gott vom Berge« und »Gott der Wildnis«; vgl. DDD, S. 749f) (צבאות ... אל שדי) erinnert; »ein erstes Zeichen der Tendenz, die in der talmudischen Zeit wichtig wurde, für Namen und Titel Gottes in Schwüren verschiedene, manchmal [gar] bedeutungslose Worte wie [...] ‚beim Fischnetz‘ oder [...] ‚beim Leben der Sommerfrucht‘ einzusetzen.« (Fox 1985, S. 110). »Gazelle« und »Hirschkuh« passen sogar noch recht gut zum Kontext, weil sie auch an anderen Stellen der Bibel mit Liebe in Zusammenhang gebracht werden (s. Spr 5,18f.; Hld 4,5; 7,3; vgl. Steinmann 2013, S. 30).
- Entfacht nicht und facht nicht an die Liebe - W.: »Wenn ihr entfacht und wenn ihr anfacht die Liebe...!«; unabgeschlossee Drohformel als häufige Formel für Verbote. Das selbe Verb wird in zwei verschiedenen Konjugationen verwendet: Figura etymologica, die den Ausdruck noch stärker macht.
- Stört nicht den Geschlechsverkehr - so einige neuere Exegeten (z.B. Falk 1982, S. 116; Fox 1985, S. 109); aber das Verb kann nicht »stören« oder »unterbrechen« bedeuten.
- Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern. Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar; wir haben daher zur Steigerung der Verständlichkeit jeweils dort ein Sternchen eingefügt, wo unserer Meinung ein neues Lied beginnt.
6 ['''Jerusalemerinnen''':] (['''Frau''']):1 „Wer2 [ist] diese, die hinaufzieht von (aus) der WüsteWie eine Säule (wie Säulen)3 aus Rauch,Duftender nach Myrrhe und Weihrauch (Rauch aus dem Räucherwerk von Myrrhe und Weihrauch)4Als alle Pulver des Händlers (Duftend nach Myrrhe und Weihrauch, nach allen Pulvern des Händlers)!?5 ★6
Original Hebrew
- Wer diese Verse spricht, ist umstritten. In Hld 8,5 wird V. 6 wiederholt; dort ist klar, dass die Antwort ist: „Die auf ihren Geliebten gestützte Frau“; der Sprecher kann dort also weder die Frau noch der Mann sein. Vermutlich ist daher auch unser Vers zu den sehr wenigen zu rechnen, die weder von der Frau noch vom Mann gesprochen werden. Die einzigen anderen identifizierbaren Sprechenden im Hld sind die Jerusalemerinnen und die Brüder der Frau; am sinnvollsten ist der Vers daher auch nach dieser Deutung den Jerusalemerinnen zuzuordnen.
- tFN: Wer - Nicht: »was«; das Fragewort mi fragt stets nach Personen. Die mittah (das »Bett«) in V. 7 ist also nicht die Antwort auf die Frage in V. 6 (vgl. v.a. Dirksen 1989; Schult 1972, S. 5; z.B. auch Peetz 2015, S. 164.166. GKC §137a und JM §144b greifen hier nicht; bei den von ihnen genannten Stellen wären Personen klar auf eine andere Weise »mit im Blick« als an unserer Stelle).
- Textkritik: Säule (Säulen) - Plural in MT und 4QCanta, Singular aber in 4QCantb (vgl. Puech 2016, S. 40.42); LXX, Syr, Sym, VUL und einigen Handschriften. Schon von der Zahl der Zeugen ist die Sg.-Variante wahrscheinlicher die ursprüngliche und auch vom Sinn des Bildes – gefragt ist nach einer weiblichen Person – macht der Singular mehr Sinn. Die Plurallesart könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Schreiber die Rauch-/Staubwolke auf die mindestens 60 Personen in den nächsten Versen zurückgeführt haben.
- Textkritik: Duftender nach (aus dem Räucherwerk von) - Die Primärübersetzung ist die von MT, LXX und Syr, die Alternativübersetzung die von Aq, VUL und Tg. Der ursprünglich vokallose Text ließ beide Lesarten zu. Welche Variante ursprünglich gemeint war, ist schwer zu entscheiden. Etwas wahrscheinlicher ist die Alternativdeutung, da sich das betreffende Wort in diesem Stamm erst im rabbinischen Hebräisch findet; da die überwältigende Mehrheit der Üss. aber nach der Primärüs. übersetzt, folgen auch wir dem.
- tFN: Duftender nach Myrrhe und Weihrauch als alle Pulver des Händlers (Duftend nach Myrrhe und Weihrauch, nach allen Pulvern des Händlers) - Unsere Üs. folgt Bloch/Bloch 1995. Nach der Alternative übersetzen fast alle anderen Üss. und Kommentare, doch das ist nicht wahrscheinlich: In der letzten Zeile steht die Partikel min. Die könnte zwar auch »von, nach« bedeuten und angeben, woher der Wohlgeruch der Heraufkommenden rührt; da sie aber in der dritten Zeile fehlt, haben Zeile 3 und 4 wahrscheinlich einen unterschiedlichen Status und min ist hier eine Vergleichspartikel. Folgt man in der vorigen Zeile der alternativen Deutung (s. vorige FN), erübrigt sich das, da dann auch in der vorigen Zeile ein min steht, und man kann nach der Alternative übersetzen.
- Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern. Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar und gelegentlich umstritten, z.B. hier. Die meisten Üss. und Exegeten sehen Vv. 6-11 als ein Lied; dagegen spricht aber: Erstens wird Hld 3,6 fast wörtlich wiederholt in Hld 8,5; ein sehr ähnlicher Vers findet sich in Hld 6,10. Beide Male sind die Verse klar nicht mit dem Folgenden verbunden. Zweitens ist die Verbindung von Vv. 6.7-11 wegen dem »Wer« in V. 6 nur schwer möglich; s. FN o. Als unterschiedliche Einheiten sehen V. 6 und das Folgende daher auch Assis 2009; Bloch/Bloch 1995; Fox 1985; Schult 1972; Zakovitch 2004.
7 ['''Jerusalemerinnen'''] (['''Frau''':])1 Siehe, das Bett (die Liegesänfte?) Salomos2 Sechzig Helden (Krieger, Männer) um esVon den Helden (Krieger, Männer) Israels:3
Original Hebrew
- Wer diese Verse spricht, ist umstritten. Assis 2009 z.B. ordnet sie dem Mann zu, Bloch/Bloch 1995 der Frau und Fox 1985 den Töchtern Jerusalems. Wenn die Erklärung des Liedes in den Anmerkungen richtig ist, ist letzteres sicher die stimmigste Alternative; der Mann ist als Sprecher ohnehin ganz unwahrscheinlich, da er als »Salomo« dreimal Thema der folgenden Verse ist.
- tFN: Salomos - W. »sein Bett, das dem Salomo [ist]«; eine in der Bibel sehr umständliche Formulierung, die aber im späteren Hebräisch zur gewöhnlichen Konstruktion zum Ausdruck von Besitzangaben wurde. Üs. daher wie angegeben.
- Helden von den Helden Israels - d.h. wahrscheinlich: Selbst im Vergleich mit den Helden Israels, zu denen sie gehören, sind diese 60 heldenhaft: »mit sechzig umgebenden Helden, den Tapfersten Israels« (van Ess).
8 Sie alle sind schwerterfahren (halten ein Schwert),1Geübt im Kampf.2Jeder [hat] sein Schwert an seiner HüfteGegen (wegen) nächtliche Schrecken.3 (★)4
Original Hebrew
- tFN: schwerterfahren (halten ein Schwert) - W. »halten ein Schwert«. Wegen Zeile 3 (sie »haben ihr Schwert an der Hüfte«) ist »halten« (´achaz) hier besser entspr. dem akkadischen ahazu als »erfahren, lernen« zu deuten (vgl. Zeile 2; vgl. im Dt.: »greifen« => »begreifen«; »fassen« => »erfassen«; so schon Perles 1922, S. 52f.; z.B. auch Exum 2005, S. 139; Fox 1985, S. 124; Zakovitch 2004, S. 175).
- Lautspiel in den ersten beiden Zeilen: Assonanz auf m, l und ch (vgl. gut Noegel/Rendsburg 2009, S. 83): kulám ´achuzé chéreb / milumdé milchamáh.
- nächtliche Schrecken - W. »Schrecken in den Nächten«. Gemeint sind vermutlich Dämonen (vgl. bes. Krauss 1936; DDD, S. 854; ausführlich auch Gerhards 2010, S. 234f.). So schon Tg: »Unholde und Schattengeister«; Midrasch: »Geister«. Die Nacht ist in der jüdischen Mythologie die Zeit der Dämonen, denen man besonders dann ausgeliefert ist, wenn man allein ist. Zum Beispiel soll man nachts nicht allein in seinem Haus bleiben, da man sonst »von der Lilith gepackt wird« (b.Shab 151b; Lilith ist eine Art Sukkubus). Andererseits soll man nachts auch nicht allein sein Haus verlassen, da zu dieser Zeit Igrath, die Tochter der Dämonenkönigin, mit 180.000 dunklen Engeln auf Erden wandelt (b.Pes 112b). Besonders interessant in unserem (Hochzeits-)Kontext (s. die Anmerkungen) ist Tob 3,17; 6,14f., wonach der Dämon Aschmodai alle Ehemänner Saras im Brautgemach umgebracht hat. Eventuell ist diese Vorstellung der ursprüngliche Hintergrund des jüdischen Brauches, das Brautgemach zu bewachen.In der altorientalischen Mythologie lassen sich Dämonen natürlich mit Schwertern bekämpfen; selbst Götter bekriegen einander mit dem Schwert (z.B. will Balu das ganze Haus Naharus mit dem Schwert zerstören; vgl. CTA 2 iv 5).
- Das Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern. Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar und gelegentlich umstritten, z.B. hier: Eine neues Lied lassen zwischen V. 8 und V. 9 beginnen z.B. Gerleman 1965; Keel 1992; Krinetzki 1964; Schult 1972. Grund für diese Aufteilung ist oft das umstrittene Wort ´appirjon im nächsten Vers, s. die nächste FN.
9 Eine Bettstatt (?, Sänfte)1 ließ sich machen (hat sich gemacht)2 der König SalomoAus Holz vom Libanon.3
Original Hebrew
- Bettstatt (?, Sänfte) - Heb. ´appirjon; schwieriges Wort, das sich in der Bibel einzig hier findet und dessen Bedeutung daher unsicher ist. Umstritten ist erstens, was das Wort bedeutet und zweitens, wie es sich zum »Bett« in V. 7 verhält. Im späteren Hebräisch findet es sich häufiger mit der Bedeutung »(Hochzeits-)Sänfte«. Ob es bereits zur Zeit der Abfassung von Hld diese Bedeutung hatte und ob es sich beim biblischen und beim nachbiblischen ´appirjon überhaupt um das selbe Wort handelt, ist aber unsicher (dagegen z.B. Krauss 1899, S. 114f.; skeptisch z.B. auch Schult 1972, S. 11; zur Problematik der üblichen Herleitung des Wortes vgl. Dobbs-Allsopp 2005, S. 67-71). # rahmenlos|rechts|Eine römische Liegesänfte. (c) Baumeister, A. (Hg.): Denkmäler des klassischen Altertums zur Erläuterung des Lebens der Griechen und Römer in Religion, Kunst und Sitte. III. Band (Rechenbrett - Zwölfgötter). München / Leipzig, 1889. S. 1538.LXX und VUL übersetzen entsprechend der Bedeutung, die es im späteren Hebräisch und Aramäisch hat, als »Sänfte«; dem folgen die meisten Exegeten. Weil die Abfolge der Verse das sehr nahelegt, wird diese »Sänfte« dann i.d.R. identifiziert mit dem »Bett« in V. 7 und beides dann als Liegesänfte wie die rechts abgebildete erklärt. Diese Deutung ist aber recht problematisch, denn bei der Sänfte rechts handelt es sich um eine sog. Lectica und solche überdachten Liegesänften sind bisher einzig für das Imperium Romanum belegt, nicht aber für den Alten Orient oder Griechenland und auch nicht für die Zeit, in der Hld vermutlich abgefasst wurde. An einen solchen Sänftentypus zu denken ist also recht gewagt. # Syr und Tg denken, wohl wegen der Beschreibung in V. 10, an ein Gebäude; einige Exegeten folgen auch dem (z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 163; Horine 2001, S. 112-4: (»(Hochzeits-)Pavillon«). # Weil einige verwandte Wörter neben der Bedeutung »Sänfte« gleichzeitig die Bedeutung »Bett« haben, deuten Fox 1985, S. 125f. und Delitzsch 1875 als »Bett« (ähnlich FREE, van Ess (»Prachtbett«); TUR (»Ruhebett«)). Wir folgen dieser Deutung, weil sich nach ihr Vv. 7-11 am besten erklären lassen (s. die Anmerkungen).
- ließ machen (hat gemacht) - ein Aktivverb (wie häufig) nicht für den eigentlich Handelnden, sondern für den Auftraggeber. Von Salomo so z.B. auch 1 Kön 6,31.33; 7,6f.; 10,18.
- Holz vom Libanon - Der Libanon war bekannt für sein Holz, bes. für seine Zedern. Gemeint ist also hier besonders kostbares Holz.
10 Ihre Säulen ließ er machen (hat er gemacht) silbern (aus Silber),Ihre Kopfstütze1 golden (aus Gold),Ihr Vorhang (Decke, Kissen, Sitz?)2 purpurn,3Ihr Inneres [ist] ([war]) ausgelegt mit Leder (Liebe).4 {Von den} Töchter{n} Jerusalems,5
Original Hebrew
- Kopfstütze - Heb. repidah. Das Wort findet sich nur hier in der Bibel und ist also etwas unsicher; abzuleiten ist es aber sicher vom Verb rapad (»stützen, abstützen«). Sind mittah und ´appirjon eine Liegesänfte oder ein Bett, ist also sehr wahrscheinlich die Kopfstütze gemeint, die man auch auf der Grafik oben gut erkennen kann. So schon VUL (reclinatorium; zu diesem Wort vgl. Isidors »Etymologien«: »Das, was das Kissen stützt oder das Haupt«; Isid. Orig. 19, 26, 3). Syr denkt wohl an das auf der Kopfstütze (»Decke, Kissen«); LXX offenbar an eine Sitzsänfte (oder liest rjpdh statt rpjdh) und übersetzt anaklinton (»Rückenlehne«).
- Textkritik: Vorhang (Decke, Kissen, Sitz?) - Heb. merkab (geschrieben mrkb). Nach den Lexika heißt das angeblich »Sitz«, und weil es purpurn ist, übersetzen die meisten »Kissen« oder »Polster«.Bedeutung von merkab: Wahrscheinlich heißt das Wort aber gar nicht »Sitz«: Das Femininum von merkab (merkabah) findet sich häufig in der Bibel und hat die Bedeutung »Wagen«. Das Maskulinum merkab findet sich außer an unserer Stelle nur noch in 1 Kön 5,6, wo Salomo davon 4000 Stück für seine Pferde hat und wo es dafür eine eigene Halle gibt, und Lev 15,9, wo es etwas ist, worauf man »fährt« oder »reitet« (rakab). Bei der ersten Stelle übersetzen daher fast alle Üss. mit »Wagen« – auch an der Parallelstelle 2 Chr 9,25 steht merkabah (»Wagen«) statt merkab –, bei der zweiten immerhin ELB, FREE, TAF; der Rest übersetzt mit »Sattel« oder »Reitzeug«, obwohl solche bereits durch das »Sitzgerät« in Vv. 4.6 abgedeckt wären. LXX übersetzt interessanterweise mit epibasis, das sich als Übersetzung dort nur noch in Ps 104,3 (=Ps 103,3 LXX) für rakub (»Gefährt, Fahrzeug«) findet. Bei diesen Übersetzungsverhältnissen das Wort zuerst als »Sitz« zu deuten und dann auch noch wegen dem Kontext auf »Kissen« bezogen sein lassen, ist gewaltsam. Besser sollte man daher merkab / merkabah als eines jener Worte ansehen, die mit der selben Bedeutung sowohl als Maskulinum als auch als Femininum vorkommen können, und überall als »Wagen« deuten (V. 10 in Lev 15 bezieht sich dann nicht allein auf V. 9, sondern auf das Lager in Vv. 4f., das »Sitzgerät« in V. 6 und den »Wagen« in V. 9: »alles, was unter einem ist«).Textkritik:An unserer Stelle lies dann besser mkbrw (»seine Decke«) statt mrkbw; s. 2 Kön 8,15, wo Hasael seinen König ermordet, indem er ein mkbr in Wasser taucht und auf das Gesicht des Königs drückt. Möglich wäre auch mrbdw (ebenfalls »seine Decke«, s. Spr 7,16; Spr 31,22). Da in der nächsten Zeile die Rede ist vom »Inneren« des Bettes/der Sänfte, ist diese Decke wahrscheinlich außerhalb des Bettes; gemeint wäre also der »Bettvorhang« (s. Syr und Tg: »Vorhang«). Möglicherweise heißt sogar auch das mkbr in 2 Kön 8,15 »Bettvorhang«; s. Gray 1963, S. 479; House 1995, S. 283. S. die Anmerkungen zu Parallelstellen mit der Erwähnung purpurner Bettvorhänge.Der Lesefehler wird geschehen sein unter dem Einfluss der nachbiblischen Bedeutung von ´appirjon (s.o.) und der Tatsache, dass im Alten Griechenland anders als im Alten Israel Hochzeitsprozessionen nicht in einer Sänfte, sondern auf einem Pferdewagen stattfanden.
- purpurn - Purpur war in der Antike noch wertvoller als Gold, da es mühsamst aus der Purpurschnecke gewonnen werden musste (vgl. Barbiero 2011, S. 154f.).
- ausgelegt mit Leder (Liebe) - Schwierige und vieldiskutierte Stelle, deren Text man häufig zu korrigieren versucht hat. ratsuf (»ausgelegt«) findet sich in der Bibel einzig hier; seine Bed. ist also unsicher. Verwandte Worte sind das bibelhebräische retsef (»Stein«) und ritspah (»gepflasterter Boden«); im Mittelhebräischen und Aramäischen heißt das Wort eng aneinanderreihen, pflastern. Etwas Ähnliches wird es also wohl auch hier bedeuten. Objekt des Verbs ist ´ahabah, was sonst in der Bibel stets »Liebe« heißt; im Hld mehrmals speziell die geschlechtliche Liebe – was schwerlich zu diesem Verb passt. Ein interessanter Vorschlag ist der von Keel 1992, S. 122-126 und Loretz 2004, S. 810 FN 36, »sein Inneres ist ausgelegt mit Liebe« als Metapher zu verstehen für »im Innern der Sänfte sind pornographische Darstellungen abgebildet«, wie das ähnlich in b.San 39b überliefert ist (»Ahab war leidenschaftslos, darum malte Jezebel Bilder zweier Huren an seinen Wagen, dass er darauf blicken und erhitzt werden möge«). Sinnvoller aber: Auf viel Zustimmung ist der Vorschlag von Driver 1950b, S. 135 gestoßen, ´ahabah hier abzuleiten vom arabischen ´ihab (»Leder«). Das macht Sinn, vgl. b.Ket 65a; j.Ned 1,2 und b.Ned 56a: Man unterschied bei Betten zwischen mittah und dargesch. Bei ersterer war die Liegefläche mit verknoteten Stricken gefertigt (»was der Ehefrau Schmerzen bereiten würde«), bei letzterem mit Leder. Ein Lederbett war einem König angemessener, vgl. b.San 47a.
- Textkritik: {Von den} Töchter{n} Jerusalems - W. »von den Töchtern Jerusalems« (=den Jerusalemer Frauen). Was die Jerusalemerinnen mit dem Auslegen von Salomos ´appirjon zu tun haben sollen, konnte bisher noch niemand zufriedenstellend erklären. Versucht haben es Barbiero 2002 / Barbiero 2011 und Zakovitch 2004: Der eine will »sein Inneres ist auslegt mit Liebe von den Töchtern Jerusalems« verstehen als »In der Sänfte ist die Geliebte Salomos, und diese liebt Salomo stellvertretend für alle Jerusalemerinnen; mit ihrer Liebe ist also auch die Liebe aller Jerusalemerinnen in der Sänfte anwesend«; der andere als »Die Sänfte ist vollgestopft mit Gespielinnen Salomos«. Das erste ist sehr weit hergeholt, das zweite wäre sicher eine zu starke Metapher. Viele ziehen daher das m von mbnwt als (bedeutungsloses) »enklitisches Mem« zum vorigen Wort und die beiden Wörter »Töchter Jerusalems« zum nächsten Vers (da die Aufteilung in Verse erst wesentlich später als die Niederschrift des Urtexts erfolgte). So z.B. Exum 2003, S. 306 FN 8; Elliott 1989, S. 87; Fox 1985, S. 21; Pope 1977, S. 446; NEB; ähnlich BHK und BHS (nicht mehr BHQ). Dem folgen auch wir.
11 kommet herausUnd schauet, Töchter Zions1 Auf König Salomo,Auf seine Krone,2 mit der ihn seine Mutter gekrönt hat Am Tag seiner Hochzeit,Am Tag der Freude seines Herzens!“
Original Hebrew
- Töchter Zions - »Zion« = poetischer Name für Jerusalem; »Töchter Zions« = daher ebenfalls »Jerusalemerinnen«.
- Krone - Zum Brauch der Krönung des Brautpaares zu ihrer Hochzeit s. noch Jes 61,10; Ez 16,8.12; 3 Makk 4,8; m.Sot ix 14; b.Sot 49a. Davon, dass diese Krönung die Aufgabe der Mutter wäre, ist allerdings außerhalb des Hld nichts überliefert.