reltext

Chapter 1

1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, entbieten ihren Gruß allen Heiligen in Philippi, die mit Christus Jesus in Gemeinschaft stehen, sowie auch den Bischöfen1 und Diakonen.2

  1. Bischöfe (Aufseher) und Presbyter (Älteste) sind bei Paulus noch dasselbe. vgl. Apg 20:17,28, 1Ti 3:1, 5:17, Tit 1:5,7 Erst in den Briefen des Bischofs Ignatius von Antiochia (gestorben etwa 107) trägt den Namen Bischof ausschließlich der geistliche Oberleiter der Gemeinde, dem die Presbyter oder Ältesten und die Diakonen untergeordnet sind. Die drei Amtsstufen des Bischofs, der Presbyter und der Diakonen werden bei Ignatius als eine für den Bestand der christlichen Gemeinden notwendige göttliche Ordnung vorausgesetzt.
  2. Vgl. dazu Apg 6:3, 1Ti 3:8,12.

2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke.

4 Und immer, wenn ich für euch alle bete, bin ich mit Freudigkeit erfüllt.

5 Denn von dem Tage an, da ich zu euch gekommen bin, bis heute habt ihr mitgewirkt für die Ausbreitung der Frohen Botschaft.

6 Deshalb bin ich auch der festen Zuversicht, daß er, der ein so gutes Werk in euch begonnen hat, es auch vollenden wird bis zu dem Tag Jesu Christi.

7 Daß ich diese gute Meinung von euch allen habe, ist auch nicht mehr als recht und billig. Denn bin ich gefesselt (in meiner Zelle), oder muß ich (im Gerichtssaal) die Heilsbotschaft verteidigen und ihre Wahrheit kundtun,1 stets trage ich euch in meinem Herzen — euch alle, die ihr meine Mitgenossen an der Gnade seid.

  1. Bei den Verhandlungen im Gerichtssaal wurden den Gefangenen die Fesseln abgenommen.

8 Gott ist mein Zeuge, daß ich nach euch allen solche Sehnsucht habe, als schlüge Christi Jesu Herz in mir.

9 Darum bete ich auch, daß eure Liebe noch immer mehr zunehme und begleitet sei von klarer Einsicht und dem rechten Feingefühl,

10 damit ihr unterscheiden könnt, was in jedem Fall das Rechte ist. Dann kommt ihr lauter, wie vom Sonnenlicht geprüft, und ohne Fehltritt bis zum Tage Christi,

11 reich an jenen Früchten der Gerechtigkeit, die Jesus Christus wirkt, zur Ehre und zum Preis Gottes.

12 Ich möchte euch nun mitteilen, liebe Brüder, daß alles, was ich hier durchmachen mußte, erst recht zur Förderung der Heilsbotschaft gedient hat.

13 Bei den Soldaten der kaiserlichen Leibwache1 und auch sonst ist es bekannt geworden, daß ich nur der Sache Christi wegen2 in Fesseln liege.

  1. Der römische Kaiser übte seine Gerichtsbarkeit in vielen Fällen durch den Befehlshaber seiner Leibwache aus. Diese bestand aus 9000 Mann. In deren Kaserne war Paulus in Haft. Da er stets von einem Soldaten bewacht wurde und die Wache täglich mehrmals wechselte, so kam er in den zwei Jahren seiner Gefangenschaft mit vielen hundert Soldaten in Berührung.
  2. Und nicht wegen eines Verbrechens.

14 Die meisten unserer Brüder erwarten jetzt im Vertrauen auf den Herrn einen günstigen Ausgang meiner Gefangenschaft und wagen deshalb auch, Gottes Wort mit größerem Freimut zu verkündigen als bisher.

15 Manche freilich predigen Christus auch aus Neid und Mißgunst gegen mich, andere aber auch aus guter Absicht.

16 Diese haben Liebe zu mir, denn sie wissen, daß ich dazu berufen bin, die Heilsbotschaft zu verteidigen.

17 Jene sind voll Selbstsucht: sie verkünden Christus nicht in lauterer Gesinnung, sondern denken mir in meiner Haft noch Kummer zu bereiten.

18 Doch was tut's? So oder so, ob mit oder ohne Hintergedanken — Christus wird verkündigt, und darüber freue ich mich.1 Ja ich werde mich auch ferner freuen.

  1. So würde der Apostel schwerlich schreiben, wenn es sich hier um pharisäisch gesinnte Irrlehrer handelte, wie in Galatien und Korinth; die predigten ja ein anderes Evangelium und einen anderen Jesus. Ga 1:6-9, 2Kor 11:4 Diese Leute in Rom scheinen aber nur auf den Apostel wegen seiner großen Erfolge eifersüchtig gewesen zu sein, während sie in der Lehre im ganzen mit ihm übereinstimmten. In ihrer niedrigen Gesinnung meinten sie nun, es bereite dem Apostel Schmerz und Kummer, wenn sie unabhängig von ihm in Rom arbeiteten.

19 Denn ich weiß: meine Lage wird sich so gestalten, daß ich freigesprochen werde. Das wird geschehen durch eure Fürbitte und durch die Stärkung, die mir von Jesu Christi Geist zuteil wird.

20 So kann ich denn das Haupt erheben in der Hoffnung, daß ich nicht zuschanden werde, sondern daß, wie früher so auch jetzt, Christus vor aller Augen an meinem Leib wird verherrlicht werden, mag ich nun weiterleben oder den Tod erleiden.

21 Denn meines Lebens Ziel und Inhalt ist nur Christus,1 darum ist mir Sterben auch Gewinn.2

  1. Vgl. Ga 2:20.
  2. Weil er ja dadurch mit Christus vereinigt wird, V23. vgl. Rö 14:8

22 Bringt mir aber dieses Leben hier auf Erden noch weiterhin Erfolg in meiner Arbeit, so weiß ich wahrlich nicht, was ich mir wählen soll.

23 Zwei Wünsche halten mich gefangen: Ich habe Sehnsucht, abzuscheiden und vereint zu sein mit Christus; dies wäre mir am allerliebsten.

24 Um euretwillen aber ist es nötiger, daß ich noch weiter hier auf Erden lebe.

25 Und ich weiß zuversichtlich: ich werde am Leben bleiben und werde euch allen zur Seite stehen, damit ihr vorwärtskommt in Glaubenskraft und Glaubensfreudigkeit.

26 So könnt ihr dann für meine Lebensrettung Christus Jesus dankbar preisen, wenn ich noch einmal wieder zu euch komme.

27 Vor allem seht darauf, daß euer Gemeindeleben im Einklang sei mit Christi Froher Botschaft! Denn wenn ich komme, möchte ich an euch sehen, und wenn ich fern bin, möchte ich von euch hören, daß ihr in einem Geist fest zusammensteht, einmütig kämpfend für den Glauben, den die Frohe Botschaft wirkt.

28 Dabei laßt euch in keiner Weise von den Widersachern schrecken!1 Ihr Widerstand beweist, daß sie selbst dem Verderben entgegeneilen. Euer unerschrockener Mut dagegen zeigt, daß euch das Heil bestimmt ist.2 Und solchen Mut will Gott in euch erwecken.

  1. Es ist nicht klar, welche Widersacher hier gemeint sind: vielleicht ungläubige Heiden und Juden, oder auch pharisäisch gesinnte Judenchristen, die alten Gegner des Paulus (Php 3:18-19.).
  2. Vgl. 2Thess. 1,5ff.

29 Denn euch ist im Dienst Christi die Gnade zuteil geworden, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.1

  1. Vgl. Apg 5:41, 1Pe 4:13. Es scheint, daß die Philipper ähnlich wie die Thessalonicher um ihrer Glaubens willen viel haben leiden müssen (vgl. auch 2Kor 7:5).

30 Ihr habt denselben Leidenskampf wie ich. Einst habt ihr mit eigenen Augen gesehen, wie ich zu dulden hatte,1 und jetzt hört ihr von der Trübsal, die ich durchzumachen habe.

  1. Nämlich: in Philippi, Apg 16:22-24.

Chapter 2

1 Wenn nun1 Ermahnung im Sinne Christ, wenn liebevoller Zuspruch, wenn Geistesgemeinschaft, wenn herzliches Mitgefühl noch etwas bei euch gilt,

  1. Hier wird die Ermahnung 1,27 wieder aufgenommen.

2 so macht das Maß meiner Freude voll und seid eines Sinnes, beweist einander die gleiche Liebe, und, zu einer Seele verschmolzen, habt nur einen Gedanken!1

  1. Besonders eindringlich ermahnt der Apostel die Philipper zur Einigkeit. Erst wenn sie ganz einig sind, hat er volle Freude an ihnen. Die Reibereien und Streitigkeiten in der Gemeinde hatten ihren Grund in Selbstsucht und Hochmut (V3f.).

3 Tut nichts aus Selbstsucht und Eitelkeit, sondern in Demut schätze einer den anderen höher als sich selbst!

4 Jeder habe nicht nur sein eigenes Wohl im Auge, sondern auch das Wohl der anderen!

5 Seid so gesinnt, wie es Christus Jesus war!1

  1. Auch 1Kor 8:6, 2Kor 8:9 wird der Sohn Gottes schon im Blick auf die Zeit vor seiner Menschwerdung "Jesus Christus" genannt.

6 Er hatte sein Dasein in Gottes Art.1 Aber er sah die Gottgleichheit nicht als Mittel an, sich Beute zu gewinnen.2

  1. Gottes Art ist zu herrschen. Vgl. Str. 5 des Weihnachtsliedes: Gelobet seist du, Jesu Christ: "Der Sohn des Vaters, Gott von Art, ein Gast in der Welt hier ward."
  2. Er wollte seine Herrscherstellung, die er in Gottes Art oder vermöge seiner Gottgleichheit hatte, nicht dazu benutzen, die Huldigung aller Wesen (vgl. V10f.) gleichsam als Beute an sich zu reißen.

7 Nein, er entkleidete sich (seiner göttlichen Herrlichkeit)1 und nahm Sklavenart an.2 Er kam in menschlicher Gestalt und trat in seinem Äußeren auf wie jeder andere Mensch.

  1. Vgl. 2Kor 8:9. Wessen entleerte oder entkleidete er sich? Der Apostel sagt es nicht ausdrücklich; gemeint ist wohl die mit der Gottgleichheit verbundene göttliche Herrlichkeit. Joh 17:5 Von seinem göttlichen Wesen aber gab er nichts auf.
  2. Sklavenart ist es, zu dienen. vgl. Mt 20:28

8 Dann erniedrigte er sich so tief, daß er gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod.1

  1. Zum Kreuzestod wurden besonders Sklaven verurteilt.

9 Darum hat ihn Gott auch so wunderbar erhöht und ihm den Namen geschenkt, der höher ist als alle Namen.1

  1. Gemeint ist der Name: Herr. vgl. Apg 2:36

10 In diesem Namen, den Jesus trägt,1 sollen sich alle Knie beugen — die Knie derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind2 —,

  1. So ist wohl passend zu übersetzen; denn auch hier ist der Name Herr gemeint, nicht der Name Jesus.
  2. Gemeint sind die Engel im Himmel, die Menschen auf Erden und die Abgeschiedenen im Totenreich unter der Erde.

11 und zur Ehre Gottes des Vaters1 sollen alle Zungen bekennen:2 "Jesus Christus ist der Herr!"

  1. Vgl. 1Kor 15:28.
  2. Vgl. Jes 45:23.

12 Nun, meine Lieben, ihr seid ja stets gehorsam gewesen. So sucht euch denn nicht etwa nur, wenn ich bei euch bin, sondern erst recht jetzt, wo ich fern bin, mit Furcht und Zittern das Heil zu erringen!

13 Gott ist's ja, der nach seinem freien Wohlgefallen beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen.

14 Tut alles ohne Murren und zweifelnde Gedanken,1

  1. Ohne Murren gegen Gott, und ohne an seiner Leitung zu zweifeln, sollen die Philipper ihren Wandel führen.

15 damit ihr tadelfrei und lauter werdet: Kinder Gottes ohne Fehl inmitten eines verkehrten und entarteten Geschlechtes!1 In dieser Umgebung leuchtet als Sterne —

  1. Anklang an 5Mo 32:5.

16 indem ihr in einer (verderbten) Welt das Wort des Lebens darreicht — mir zum Ruhm für Christi Tag! Dann bin ich nicht vergeblich gelaufen und habe mich auch nicht vergeblich abgemüht.

17 Ja sollte auch mein Blut vergossen werden, so kann ich mich doch freuen über den priesterlichen Opferdienst, den euer Glaube leistet,1 und dazu wünsche ich euch allen Glück.2

  1. Dieser Dienst ist in V15-16 näher beschrieben worden.
  2. Ich schließe ει και σπενδομαι in Kommata ein und tilge das Komma vor χαιρω.

18 Freut ihr euch ebenso und wünscht mir Glück!1

  1. Zum Märtyrertod.

19 Im Vertrauen auf den Herrn Jesus hoffe ich, daß ich Timotheus bald zu euch senden kann, damit auch ich durch Nachrichten über euer Ergehen frohes Mutes werde.

20 Ich habe hier sonst keinen, der so denkt wie er und der so selbstlos für euch sorgen wird.

21 Denn die anderen denken alle miteinander an sich, nicht an die Sache Jesu Christi.1

  1. Keiner von den Mitarbeitern des Paulus, die damals in Rom weilten, war dazu willig, die weite Reise nach Philippi zu machen. Timotheus allein erklärte sich zu diesem Opfer bereit.

22 Wie zuverlässig er dagegen ist, das wißt ihr. Denn wie ein Kind dem Vater hilft, so hat er mir geholfen bei dem Dienst für die Heilsbotschaft.

23 Ihn also hoffe ich sofort zu senden, sobald ich übersehen kann, wie sich meine Lage hier gestaltet.

24 Doch habe ich im Vertrauen auf den Herrn die Zuversicht, daß ich auch selbst bald zu euch kommen werde.

25 Ich halte es für dringend nötig, Epaphroditus, meinen Bruder, Mitarbeiter und Mitstreiter, der mir als euer Bote eure Liebesgabe überbracht hat, jetzt wieder zu euch zurückzusenden.

26 Denn er hatte Heimweh nach euch allen und war voll Unruhe, weil ihr von seiner Krankheit gehört hattet.

27 Und in der Tat, er ist todkrank gewesen. Gott aber hat Erbarmen gehabt mit ihm, und nicht mit ihm allein, sondern auch mit mir, damit ich nicht Trauer über Trauer hätte.1

  1. Der Tod des Epaphroditus wäre für Paulus ein schwerer Verlust gewesen.

28 Darum beeile ich mich jetzt doppelt, ihn heimzusenden, damit ihr euch des Wiedersehens mit ihm freut und ich eine Sorge weniger habe.1

  1. Die Heimwehstimmung, wodurch Epaphroditus in Rom so schwer gedrückt wurde, mußte dem Apostel Sorge machen.

29 Nehmt ihn nun auf im Sinn des Herrn mit ungeteilter Freude1 und haltet solche Männer wie ihn in Ehren!

  1. "Seid nicht darüber verdrießlich, daß er euern Auftrag nur halb ausgerichtet hat!" Epaphroditus sollte nämlich dem Apostel nicht nur die Liebesgabe der Philipper überbringen, sondern ihm auch gleichsam als Stellvertreter der ganzen Gemeinde in seiner Gefangenschaft hilfreich zur Seite stehen. Daran wurde er aber durch seine Krankheit verhindert.

30 Denn um des Werkes Christi willen ist er dem Tod nahe gekommen: er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um mir an eurer Statt zu dienen.

Chapter 3

1 Nun, meine Brüder, freut euch in dem Herrn! Frühere Warnungen zu wiederholen,1 ist mir keine Last, euch aber eine Stärkung:

  1. Wörtlich: "Euch dasselbe zu schreiben." — Mit 3,1 wollte Paulus, wie es scheint, den Brief schließen. Da unterbricht er sich (vielleicht nach einer längeren Pause im Schreiben) und macht die Einschaltung 3,1 bis 4,3, um dann in 4,4 die Ermahnung 3,1 wieder aufzunehmen. Von 3,2 an wiederholt er Warnungen, die er den Philippern schon in früheren Briefen gegeben hat. Die Leute, vor denen er sie warnt, sind die pharisäischen Judenchristen, seine alten Gegner in Galatien und Korinth. Sie haben in Philippi noch keinen Boden gefunden, aber sie bedrohen die Gemeinde. Sie sind "Hunde," geistlich Unreine, die durch ihr freches Gekläff den Frieden in den Gemeinden stören (vgl. auch Off 22:15, Mt 7:6). Sie sind Arbeiter, die den Weinberg des Herrn verwüsten. 2Kor 11:13 Sie sind Zerschnittene: die Beschneidung, die sie predigen, ist nur eine Zerschneidung, eine äußerliche leibliche Verstümmelung; denn es fehlt ihr der innere Wert. Ga 5:12

2 Hütet euch vor den Hunden, hütet euch vor den verderblichen Arbeitern, hütet euch vor den Zerschnittenen!

3 Wir sind die wahrhaft Beschnittenen: wir dienen Gott im Geist,1 wir suchen unseren Ruhm in Christus Jesus und bauen nicht auf äußere Vorzüge.

  1. Ich lese θεω statt θεου.

4 Und doch hätte ich allen Grund dazu. Denkt ein anderer, er könne auf äußere Vorzüge bauen, dann ich erst recht!

5 Ich bin am achten Tag beschnitten worden,1 ich gehöre zu dem Volk Israel,2 zu dem Stamm Benjamin,3 ich bin ein Hebräer von rein hebräischer Herkunft.4 Dazu war ich ein gesetzesstrenger Pharisäer,

  1. Er ist also ein echter Jude, kein Proselyt.
  2. Schon seine Vorfahren sind Israeliten gewesen.
  3. Dieser Stamm gehörte zu dem treuen Kern des Volkes, der aus Babel nach Jerusalem zurückkehrte. Esr 4:1
  4. D.h.: in seiner Familie ist kein nichtjüdisches Blut und sie hat mit den alten jüdischen Sitten auch die aramäische Sprache Palästinas bewahrt. Zu diesen angeborenen Vorzügen (V5) kommen dann noch selbsterworbene (V6).

6 ein eifriger Verfolger der Kirche und ohne Tadel in der Gerechtigkeit, die im Gesetz gefordert wird.1

  1. Paulus war "ohne Tadel" nach dem Urteil seiner Volksgenossen, nicht nach dem Urteil Gottes. Vgl. zu V6 Apg 26:5, Ga 1:13-14.

7 Doch alles, was mir Vorteil brachte,1 habe ich um Christi willen als Nachteil angesehen.2

  1. Das in V6 Aufgezählte brachte ihm bei seinen Volksgenossen Anerkennung und Aussicht auf größere Ehre.
  2. Denn es war ihm tatsächlich ein Hindernis für das Himmelreich, das nur die Armen im Geist erlangen können. Mt 5:3

8 Wahrlich, auch jetzt noch sehe ich alles andere als Nachteil an im Vergleich mit dem alles überragenden Wert der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles1 aufgegeben habe. Ja ich sehe alles andere als Abschaum an, wenn ich nur Christus gewinne

  1. "Alles," worauf ich früher stolz war (V6).

9 und in ihm erfunden werde. Denn ich will nicht selbsterworbene Gerechtigkeit besitzen, die aus Gesetzeswerken kommt, sondern die Gerechtigkeit durch Christi Glauben, die Gerechtigkeit, die Gott auf Grund des Glaubens schenkt.1

  1. Die Gerechtigkeit kommt durch Christi Glauben; Rö 3:22, Ga 3:22 sie ist vor allem eine Frucht des Glaubens, den Christus in seinem Kreuzestod, aus dem allein auf ewig alles Heil und Leben quillt, bewiesen hat. Rö 3:25 Und diese Gerechtigkeit, die aus Christi Glauben fließt, schenkt nun Gott aus Gnaden auch allen denen, die an Christus glauben. Rö 3:22, Ga 3:22

10 Dann kann ich ihn recht kennenlernen, indem ich erfahre, welche Kraft von seiner Auferstehung ausgeht. Dadurch werde ich auch fähig, an seinen Leiden1 teilzunehmen und ihm im Tod ähnlich zu werden.

  1. Vgl. 2Kor 1:5.

11 So darf ich dann auch hoffen, jene Auferstehung zu erreichen, zu der nur eine Auswahl aus den Toten gelangen soll.1

  1. 1Th 4:13-16, Off 20:5, Lu 14:14, 20:35.

12 Ich bilde mir nicht ein, ich hätte (den Siegespreis) erlangt, oder mit anderen Worten: ich wäre schon am Ziel. Wohl aber laufe ich (nach dem Preis) und hoffe auch, ihn zu ergreifen, weil ich ja von Christus Jesus ergriffen worden bin.1

  1. Christus ergreift uns, indem er uns in seine Gemeinschaft versetzt.

13 Brüder, ich denke von mir nicht, ich hätte schon (den Preis) ergriffen. Eins aber tue ich: was hinter mir liegt, das vergesse ich; und was vor mir liegt, dem eile ich wie ein Wettläufer mit vorgebeugtem Haupt zu.

14 So jage ich dem Ziel entgegen, um jenen Kampfpreis zu erlangen, den Gott mir in der Gemeinschaft Christi Jesu droben in Aussicht stellt.1

  1. Paulus vergißt, was hinter ihm liegt — das alte gesetzliche Wesen — und eilt einem himmlischen Ziel zu, während die pharisäischen Judenchristen irdische Ziele haben. Sie glauben das Ziel schon erreicht zu haben, während Paulus in Demut von sich bekennt, er sei erst auf dem Weg zum Ziel. Gab es vielleicht in Philippi auch Gemeindeglieder, die da dachten, sie wären schon am Ziel? Die Warnung vor Hochmut Php 2:3 läßt das wohl vermuten. Die Philipper sollen bedenken, daß das Christenleben ein beständiges Vorwärtseilen ist, und zwar im Blick auf das Ziel.

15 Wir alle nun, die geistlich reif sind,1 wollen hierauf bedacht sein.2 Dann wird euch Gott auch, wenn ihr in einem Punkt irrig denkt, darin die volle Wahrheit offenbaren.

  1. Vgl. 1Kor 2:6.
  2. Worauf? Doch wohl auf die Erlangung des himmlischen Siegespreises (V14).

16 Nur laßt uns auf der Bahn, zu der wir alle gleichmäßig gelangt sind, in fester Ordnung vorwärtsschreiten!

17 Ja, folgt meinem Beispiel, Brüder, und seht auf alle, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt!1

  1. Der Apostel stellt sich und seine den Philippern bekannten Mitarbeiter (z.B. Timotheus und Epaphroditus) als Muster auf, und zwar im Gegensatz zu den pharisäisch-gesetzlichen Judenchristen, die die Gemeinde bedrohen, und von denen er nun V18 und 19 redet.

18 Denn in großer Anzahl ziehen jene Leute umher, die ich euch schon oft geschildert habe, und von denen ich jetzt sogar mit Tränen rede:1 ich meine die bekannten Feinde des Kreuzes Christi.2

  1. Denn es ist schlimmer mit ihnen geworden, und sie stiften mehr Schaden als früher.
  2. Die Irrlehrer sind Feinde des Kreuzes Christi, weil sie behaupten, die Beschneidung und die Erfüllung der äußeren Gesetzesbräuche seien nötig zur Seligkeit, Apg 15:1,5 die uns doch Jesus Christus durch sein Kreuzesopfer erworben hat. vgl. Ga 5:2-4

19 Ihr Engel ist Verderben,1 ihr Herrgott ist der Bauch,2 ihre Ehre suchen sie an ihrer Blöße,3 ihr ganzes Trachten geht aufs Irdische.4

  1. Vgl. 2Kor 11:15.
  2. Der Bauch oder Magen ist ihr Herrgott, weil sie ihm bei der Erfüllung der mosaischen Speisegesetze gleichsam sklavisch dienen. vgl. Rö 16:18
  3. Hinweis auf die Beschneidung, vgl. V2 und Ga 6:13.
  4. Die pharisäischen Judenchristen wollen den alttestamentlichen jüdischen Gottesstaat aufrechterhalten. Darum geht ihr Trachten aufs Irdische. Aber während der alttestamentliche Gottesstaat auf Erden ist, ist der Staat, dem wir als Bürger des Neuen Bundes angehören, oder unsere Heimat nicht auf Erden, sondern im Himmel. vgl. Kol 3:1

20 Darum1 warten wir auch sehnsuchtsvoll, daß der Herr Jesus Christus als Erretter komme.2

  1. So übersetze ich εξ ου. Weil unsere Heimat im Himmel ist, darum warten wir darauf, daß uns Jesus Christus in diese Heimat führe. Joh 14:3 Was dazu nötig ist, sagt der Apostel im folgenden.
  2. Christus bringt bei seiner Wiederkunft die vollkommene Rettung, indem er auch den Leib von den Banden der Sterblichkeit befreit. Rö 8:23

21 Der wird den Leib, den wir jetzt in unserer Erniedrigung1 tragen, so umwandeln, daß er gleichgestaltet wird dem Leib seiner Herrlichkeit.2 Dazu hat er die Macht, denn er kann sich alle Dinge unterwerfen.3

  1. Der Ausdruck Erniedrigung oder Demütigung weist auf den Verlust eines früher besseren Zustandes hin.
  2. D.h. dem Leib, den er jetzt als der Verklärte in seiner himmlischen Herrlichkeit trägt.
  3. Vgl. 1Kor 15:25-28.

Chapter 4

1 Nun denn, meine lieben Brüder, nach denen ich mich herzlich sehne, ihr meine Freude und mein Ehrenkranz: steht in dieser Weise1 fest in des Herrn Gemeinschaft, Geliebte!

  1. "In dieser Weise:" wie es namentlich 3,15-17 ausgesprochen wird.

2 Euodia und Syntyche1 ermahne ich, in christlicher Eintracht miteinander zu verkehren.

  1. Zwei Frauen in Philippi, vielleicht Diakonissen.

3 Ja auch dich, du echter Synzygos,1 bitte ich: nimm dich ihrer an!2 Sie haben ja mit mir für die Heilsbotschaft gestritten,3 ebenso wie Klemens und meine anderen Mitarbeiter, deren Namen im Lebensbuch4 geschrieben stehen.

  1. Synzygos war vielleicht der erste unter den Bischöfen in Philippi (1,1). Sein Name heißt: Genosse; diesen Namen trägt er mit Recht als treuer Mitarbeiter des Apostels.
  2. Suche sie dahin zu bringen, daß sie sich völlig aussöhnen!
  3. Wegen ihrer treuen Dienste (wahrscheinlich in der Gemeinde zu Philippi) soll man ihnen besondere Teilnahme zuwenden. Auch "Klemens und die anderen Mitarbeiter" sind wohl in Philippi zu suchen.
  4. Vgl. Ps 69,29 "Das Buch der Lebendigen."

4 Freut euch in dem Herrn!1 Immer wieder will ich's sagen: Freut euch!

  1. Hier wird, wie schon früher bemerkt, an 3,1 wieder angeknüpft.

5 Euer bescheidenes, mildes Wesen1 soll aller Welt kundwerden. Der Herr ist nahe!2

  1. Solches Wesen vermeidet allen Streit und vergibt alle Fehler.
  2. Dieser Hinweis soll die vorangehende Mahnung unterstützen.

6 Macht euch keine Sorgen! Sondern laßt in allen Fällen eure Anliegen durch Gebet und Flehen vor Gott kundwerden, und zwar verbunden mit Danksagung!

7 Dann wird der Friede Gottes, der allen Verstand überragt, eure Herzen und Gedanken bewahren in der Gemeinschaft mit Christus Jesus.1

  1. Der Friede, den Gott gibt, überragt und besiegt alle Zweifel des Verstandes und alle Sorgen; denn er wurzelt in dem gläubigen, kindlichen Vertrauen auf Gott. Indem er so das Herz in allen Kämpfen des Lebens mit himmlischer Ruhe erfüllt, bewahrt er uns in der Gemeinschaft mit Christus Jesus.

8 Nun, Brüder, seid bedacht auf alles, was wahr, was edel, was recht, was rein, was angenehm ist, und was guten Klang hat; bemüht euch um jede Tugend1 und um alles, was Lob verdient!

  1. Dies ist das einzige Mal, daß der Apostel das Wort Tugend (areté), das Lieblingswort der griechischen Weltweisen, gebraucht. vgl. 2Pe 1:5 Das Beste, was die Griechen kannten, sollte auch — freilich in neuer, höherer Weise — bei den Christen zu finden sein.

9 Was ihr gelernt und empfangen, was ihr von mir gehört und an mir gesehen habt — das tut! Dann wird der Gott des Friedens mit euch sein.

10 Mit Dank gegen den Herrn bin ich hocherfreut darüber, daß ihr endlich einmal wieder eure Fürsorge für mich habt betätigen können.1 Darauf seid ihr zwar immer bedacht gewesen; aber eure Lage erlaubte euch nicht, etwas für mich zu tun.

  1. Ihre Fürsorge für den gefangenen Apostel haben die Philipper durch die Übersendung ihrer Liebesgabe durch Epaphroditus betätigt.

11 Das bringe ich nicht zur Sprache, weil ich etwa Mangel litte; denn ich habe gelernt, in jeder Lage zufrieden zu sein.

12 Ich weiß kärglich zu leben, und ich weiß auch aus dem Vollen zu leben. In alles und jedes bin ich eingeweiht: ich kann satt sein und hungern, ich kann Überfluß haben und Mangel leiden.

13 Zu allem habe ich die Kraft in der Gemeinschaft dessen, der mich stark macht.

14 Doch es ist schön von euch, daß ihr mir in meiner Bedrängnis1 Teilnahme bewiesen habt.

  1. Die Bedrängnis ist die durch die Gefangenschaft hervorgerufene bedrängte Lage des Apostels. Paulus konnte in der Haft wohl nicht mehr in seinem irdischen Beruf arbeiten. Damit fiel eine wichtige Einnahmequelle für ihn weg. Außerdem hatte er in Rom eine Mietwohnung zu bezahlen. Apg 28:30 Die Philipper bewiesen ihm ihre Teilnahme durch die Übersendung ihrer Liebesgabe.

15 Ihr wißt ja selbst, liebe Philipper: Als ich zuerst die Heilsbotschaft in Mazedonien verkündigte und dann von dort wegzog, ist keine Gemeinde mit mir in einen Verkehr von Geben und Nehmen getreten als ihr allein.1

  1. Die Philipper gaben dem Apostel leibliche Unterstützung, und sie nahmen dafür von ihm geistliche Segnungen.

16 Auch während meines Aufenthaltes in Thessalonich1 habt ihr mir mehr als einmal Liebesgaben gesandt.

  1. Apg. 17.

17 Davon rede ich nicht, weil es mir um das Geschenk zu tun wäre. Nein, es ist mir zu tun um den Gewinn, der daraus für eure Rechnung erwächst.1

  1. Indem Gott die Philipper für ihre Wohltätigkeit segnet, wird eigentlich die Einnahme der Philipper vergrößert.

18 Ich habe nun alles, was ich verlangen kann, ich habe reichlich. Ja ich habe in Hülle und Fülle, seitdem mir Epaphroditus eure Gabe überbracht hat. Sie ist Gott ein lieblicher Wohlgeruch, ein angenehmes, wohlgefälliges Opfer.

19 Mein Gott aber wird euch nach seinem Gnadenreichtum alles, was ihr bedürft,1 in herrlicher Fülle schenken in der Gemeinschaft Christi Jesu.

  1. Gemeint sind nicht nur irdische, sondern auch himmlische Segnungen.

20 Unserem Gott und Vater sei Ehre in alle Ewigkeit! Amen.

21 Grüßt mir im Namen Christi Jesu jeden einzelnen Heiligen! Es grüßen euch die Brüder, die bei mir sind!

22 Es grüßen euch alle Heiligen, besonders die vom kaiserlichen Hof.1

  1. Gemeint sind wohl Leute aus der kaiserlichen Hofdienerschaft, die aus Sklaven und Freigelassenen bestand.

23 Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euerm Geist! Amen.