Chapter 1
1 1 [Der] Anfang der frohen Botschaft 2 von Jesus Christus, [dem] Sohn Gottes, 3
- [Status: Sehr gut]
- Das Wort Evangelium (gr. εὐαγγέλιον) steht hier noch nicht als literarische Bezeichnung, sondern für die christliche Heilsbotschaft von Jesus. frohe Botschaft von Jesus Christus Im Griechischen steht hier ein Genitiv, den man sowohl objektiv (ein Evangelium über Jesus / das von Jesus handelt) oder subjektiv (ein Evangelium das von Jesus stammt oder von ihm verkündet wird) verstehen kann. Inhaltlich sind beide Deutungen nicht verkehrt (Jesus verkündet es selbst in V. 14-15). Markus meint aber wohl ein Evangelium, das Christus zum Inhalt hat, da Markus Begebenheiten über Jesus festhält (France 2002, 53). Die gewählte Übersetzung mit von lässt bewusst beide Deutungsmöglichkeiten offen. [Der] Anfang Der determinierende Artikel kann bei abstrakten oder eindeutigen Substantiven (Siebenthal 2011, §133a) fehlen, in der Übersetzung wurde er ergänzt. Jesus Christus, [dem] Sohn Gottes Hier zeigt der fehlende Artikel Förmlichkeit an, da er am Buchanfang und mit einem Gottestitel als Apposition steht (BDR §268.2).
- Dass dem einleitenden Satz eines Buchs ein Verb fehlt, ist nicht ganz ungewöhnlich, wie der Vergleich mit Mt 1,1; Offb 1,1 sowie mehreren atl. Schriften zeigt. Ganz ähnlich beginnt auch Hos 1,2 LXX, doch erst nach der Überschrift („Anfang von JHWHs Botschaft an Hosea“, Gr. ἀρχὴ λόγου κυρίου πρὸς Ωσηε)(France 2002, 51).
2 wie es im [Buch] des Propheten Jesaja heißt (geschrieben steht): 1 „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her 2, der dir den Weg bereiten (alles für dich vorbereiten) wird.“3
- Wie es ... heißt Diese Wendung verbindet V. 2-3 entweder mit V. 1 („Der Anfang..., wie es heißt“) oder mit V. 4 („Wie es heißt: ..., trat Johannes auf...“). Anderswo in der Bibel steht diese Zitatformel immer hinter der zu belegenden Aussage. Auch das gr. Wort für wie, καθώς, steht sonst nie am Anfang des Vergleichs (Guelich 1989, 7). Aber in diesem Fall bildet V. 1 einen elliptischen, überschriftartigen Einleitungssatz, der sich vom Rest abhebt. Das könnte der Grund für die Ausnahme sein. Es entspricht ganz Markus’ Stil, dass er nach der kurzen Einleitung rasch fortfährt, ohne noch einmal neu einzusetzen (France 2002, 51). des Propheten Jesaja – andere Handschriften: „den Propheten“ (Plural)
- vor dir her Gr. πρὸ προσώπου σου, w. etwa »vor deiner Gegenwart« (traditionell häufig: »vor deinem Angesicht«). Dabei handelt es sich um einen Hebraismus, der das Gleiche heißt wie »vor (...her)« (NSS).
- Exodus 23,20; Maleachi 3,1; Matthäus 11,10; Lukas 7,27
3 „Stimme eines Rufenden in der Wüste (Wildnis): 1 »Bereitet den Weg des Herrn vor, macht seine Pfade gerade«“, 2 3
- Stimme eines Rufenden in der Wüste Dass hier kein Verb steht, liegt daran, dass der griechische AT-Text sehr wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt ist, wo solche gerafften, verblosen Formulierungen nicht ungewöhnlich sind.
- Anders als von Markus angeben ist das Zitat eine Zusammenstellung aus Jesaja (Jes 40,3 LXX) und Maleachi 3,1.
- Jesaja 40,3; Matthäus 3,3; Lukas 3,4; Johannes 1,23
4 trat Johannes der Täufer in der Wüste (Wildnis) auf 1 (trat Johannes auf, der in der Wüste taufte) 2 und predigte (verkündete) eine Taufe der Umkehr (Buße; Umkehr-Taufe) 3 zur Vergebung der Sünden.4
- trat auf Gr. ἐγένετο, Grundform γίνομαι. Das Wort heißt eigentlich eher „werden/sein, entstehen“. Es funktioniert hier aber wie ein ähnliches hebräisches Verb; man kann es nur sinngemäß übersetzen. Als erstes Wort im Satz zeigt es einen Szenenwechsel an (France 2002, 64). Zudem verknüpft Markus damit das Wirken von Johannes dem Täufer direkt mit den zitierten Versen aus dem AT (Guelich 1989, 18). Ähnliche Stelle: Joh 1,6.
- Johannes der Täufer und Johannes, der in der Wüste taufte: Es gibt an dieser Stelle leicht verschiedene Lesarten in den Handschriften.
- Taufe der Umkehr Der Genitiv zeigt hier die Beschaffenheit der Taufe an (Gen. qualitätis): Die Taufe beinhaltete offensichtlich eine Umkehr. Bei Johannes gehörte beides zusammen, und die Taufe bedeutete offenbar die Anerkennung einer echten Umkehr (Guelich 1989, 19f.).
- Matthäus 3,1; Lukas 3,2
5 Und das gesamte judäische Gebiet 1 (Gegend, Land) und alle Jerusalemer begaben sich 2 (gingen) hinaus zu ihm und ließen sich von ihm im Fluss Jordan taufen 3, wobei (und) sie ihre Sünden bekannten. 45
- das gesamte judäische Gebiet Hier sind zwei Stilmittel verflochten. Das judäische Gebiet steht für dessen Bewohner (Metonymie des Subjekts). Und dass es alle waren, ist natürlich eine Übertreibung (Hyperbel).
- begaben sich hinaus Im Griechischen im Sg., als Prädikat zur „gesamten judäischen Region“.
- Die beiden Imperfekte begaben sich hinaus und ließen sich taufen bringen in V. 5 zum Ausdruck, dass Johannes über einen längeren Zeitraum hinweg Menschenmengen anzog.
- wobei sie bekannten Ptz. coni., als modaler Nebensatz mit „wobei“ aufgelöst. Aus der Formulierung lässt sich allerdings nicht schlüssig ableiten, in welcher Weise das Bekenntnis geschah oder dass es unmittelbar während der Taufe stattfand. Wie Johannes’ Taufe vor sich ging, ist nicht überliefert. Die benutzten Formulierungen und zeitgenössische Beispiele lassen jedoch darauf schließen, dass die Täuflinge ganz unter Wasser getaucht wurden oder tauchten. Eine Eigenart von Johannes ist, dass er bei der Taufe eine sehr aktive Rolle einzunehmen scheint, wogegen bei vergleichbaren Ritualbädern der Täufling sich selbst untertauchte (France 2002, 68; Collins 2007, 142).
- Matthäus 3,5
6 Und Johannes pflegte [ein Gewand aus] Kamelhaar und einen Ledergürtel um seine Hüften (Taille) zu tragen1 2 und Heuschrecken und wilden Honig zu essen 3 .4
- 2 Könige 1,18
- Kamelhaar und Ledergürtel, w. „Haare [des] Kamels“ bzw. „ledernen Gürtel“. Durch seine Kleidung gibt sich Johannes als Prophet (Sach 13,4 LXX) und der wiedergekehrte Elia zu erkennen (2Kö 1,8 LXX).
- pflegte ... zu tragen … zu essen Die periphrastische („umschreibende“) Formulierung ἦν ... ἐνδεδυμένος ... ἐσθίων umschreibt hier wohl nicht nur das Plusquamperfekt Passiv und Imperfekt (NSS), sondern drückt auch eine Gewohnheit aus (Guelich 1989, 16). Unsere Übersetzung verdeutlicht das. Andere Übersetzer benutzen den Indikativ, der diese Konnotation nicht so deutlich vermittelt: „trug … aß“. tragen Das Wort ἐνδύω heißt aktiv „kleiden“, medial „sich ankleiden“. Der Perfekt-Aspekt drückt im Griechischen den Zustand nach der vollzogenen Handlung aus, also heißt das Perfekt Medium „angekleidet sein“ → „(Kleidung) tragen“.
- Matthäus 3,4
7 Und er predigte (verkündete) 1 {sagend}: „Es kommt nach mir [einer], der mächtiger (stärker) [ist] als ich. 2 Ich bin es nicht wert (gut genug, würdig), mich zu bücken und (gebückt) 3 ihm 4 die Riemen seiner Sandalen aufzubinden!5
- predigte Das Imperfekt zeigt an, dass dies über einen längeren Zeitraum hinweg (bzw. immer wieder) geschah. Was Johannes hier predigt, ist also die Essenz seiner Botschaft zu Jesus. Er wird sie mehrmals oder zu einer besonderen Gelegenheit vorgetragen haben. Joh 1,27-28 ist ganz ähnlich: Dort spricht Johannes der Täufer von Jesus, weil Abgesandte der religiösen Führung in Jerusalem ihn in V. 19 gefragt haben, ob er selbst der Messias sei.
- [einer], der mächtiger [ist] als ich Gr. ὁ ἰσχυρότερός μου, W. »der Mächtigere als ich«.
- mich zu bücken und Adverbiales Partizip Aorist aktiv, hier einmal gleichzeitig übersetzt (modal; vgl. NSS). In der Klammer ist das griechische mit dem deutschen Partizip 2 übersetzt.
- ihm Eigentlich ein Relativpronomen (»dem«), das den Satz vom vorigen abhängig macht: »dem ich nicht würdig bin...«
- Johannes 1,27; Matthäus 3,11; Lukas 3,16
8 ''Ich'' habe euch mit Wasser getauft, ''er'' aber wird euch mit [dem] (im) Heiligem Geist taufen.“1
- Matthäus 3,11; Lukas 3,16; Johannes 1,26
9 Und {es geschah} 1 in jenen Tagen kam Jesus aus (von) Nazaret [in] Galiläa 2 und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.3
- Und {es geschah} Pleonastische (d.h. eigentlich funktionslose) Formulierung, die entweder hebräischem Erzählstil entspricht (Guelich 1989, 29f.; France 2002, 75) oder möglicherweise einfach griechischen Erzählkonventionen folgt (NSS). Auf Deutsch lässt sich dieses „zweite Prädikat“ schwer wiedergeben, ohne Verwirrung zu stiften. Luther versucht es dennoch (ähnlich Menge, Zür): „Und es begab sich zu der Zeit, dass...“
- von (aus) Nazaret Guelich vermutet, die Ortsangabe beziehe sich auf den Ursprungsort von Jesu Reise („aus Nazaret“) und sei hier nicht als Beiname („von Nazaret“) zu verstehen. Im letzteren Fall wäre die Verortung von Nazaret in Galiläa nicht nötig (1989, 31). Das ist zwar denkbar, aber die Identifikation Jesu mit seinem genauen Herkunftsort (in „Jesus von Nazaret“ wie ein Nachname gebraucht) passt dazu, wie Markus schon in in V. 4 den Täufer mit Beinamen eingeführt hat. [in] Galiläa Genitivus partitivus, also ein Genitiv, der besagt, dass Nazaret in Galiläa liegt. Johannes wirkte in Judäa und erreichte vornehmlich deren Bewohner (V. 5). Als Galiläer ist Jesus aus der Provinz am See Genezaret nach Süden zu Johannes gereist. Zwischen den Bewohnern der beiden räumlich getrennten Provinzen herrschte Misstrauen vor. Gerade in religiöser Hinsicht hatten die Judäer gegenüber den Galiläern Vorbehalte (Joh 1,46) und taten sich schwer, einen galiläischen Propheten zu akzeptieren. Umso merkwürdiger, dass hier einer aus Galiläa zu Johannes kommt und sich taufen lässt (der Vers ist genau gleich aufgebaut wie V. 5!), und ausgerechnet diesen Galiläer identifiziert Johannes nun als den Stärkeren, der nach ihm kommen soll! Diese Abneigung zwischen den beiden Regionen ist im Markusevangelium immer wieder unterschwellig zu spüren, das Jesu Wirken nur in Galiläa beschreibt. Jerusalem in Judäa ist der Einflussbereich von Jesu Widersachern und der Ort, an dem sie ihm schließlich das Handwerk legen konnten (France 2002, 75f.).
- Matthäus 3,13; Lukas 3,21
10 Und in dem Moment (gleich), als er aus dem Wasser stieg 1, sah er, wie (dass) der Himmel 2 geteilt (geöffnet) wurde 3 und der Geist wie eine Taube in ihn (zu ihm; auf ihn) 4 herabkam.5
- als … stieg Partizip Präsens aktiv (temporal übersetztes Ptz. conj.).
- Gr. im Pl. „die Himmel“
- sah er, wie … geöffnet wurde Die meisten Bibeln übersetzen das Passiv aus stilistischen Gründen reflexiv („öffnete sich“). Σχίζω „teilen, spalten“ ist in diesem Zusammenhang ein sehr ungewöhnliches Wort (Collins 2007, 148). Verbreiteter war in vergleichbaren Beschreibungen (wenn der Himmel sich in übernatürlicher Weise öffnet, so wie in den Parallelstellen Lk 3,21; Mt 3,16, aber auch Eze 1,1; Joh 1,51; Apg 7,56; 10,11; Offb 4,1; 19,11) das Wort ἀνοίγω „öffnen“. Vielleicht spielt Markus auf Jes 63,19 oder das Reißen des Tempelvorhangs in Mk 15,38 an (France 2002, 77).
- in ihn (zu ihm; auf ihn) Die korrekte Übersetzung hängt von mehreren Faktoren ab. Zunächst handelt es sich um eine textkritische Frage. Weiter ist zu klären, wie (und vor welchem kulturellen Hintergrund) man sich das Herabkommen des Geistes in Taubengestalt vorstellen sollte. Zur Textkritik: Alle modernen Textkritiker und die herangezogenen Kommentatoren halten die Lesart εἰς αὐτόν „zu ihm/in ihn hinein“ für ursprünglich. Die Alternative ἐπʼ αὐτόν „auf ihn“ ist zwar viel breiter bezeugt, aber fast sicher eine (bewusste oder unbewusste) Angleichung an die sehr ähnlich formulierten Parallelberichte in den anderen Evangelien (Mt 3,16; Lk 3,22; Joh 1,32) oder Jes 42,1/61,1 LXX. Die Frage ist nun, ob εἰς αὐτόν signalisieren soll, dass der Geist in Jesus hineinfuhr oder nur zu ihm kam. Einige Exegeten meinen, εἰς signalisiere lediglich eine Bewegung „zu“ Jesus, nicht „in ihn hinein“. Andere vertreten die Position, dass die Bedeutung „auf“ oder „zu“ für Markus und das ganze NT unüblich wäre (so z.B. Dixon 2009, 771f). Diesem Argument folgen wir mit unserer Übersetzung. Dixon stellt weiter deutliche Parallelen vom Vergleich des Geists mit einer Taube zur damals weithin bekannten Ilias Homers (bspw. an der Stelle 15.237–38) und anderen griechischen Göttersagen her. Darin reisen Götter in der Gestalt von Vögeln (auch vom Olymp herab) und nehmen auch menschliche Gestalt an. Er schlägt vor, dass in griechischer Literatur gebildete Leser in Jesus gerade in dieser Szene deutliche Parallelen gesehen und Jesus als Gott in menschlicher Gestalt verstanden hätten (vgl. Collins 2007, 149).
- Jesaja 61,1; Matthäus 3,16; Lukas 3,22; Johannes 1,32
11 Und eine Stimme kam (geschah) 1 aus dem Himmel 2: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Freude (Gefallen gefunden)3 !“4
- kam (geschah) W. geschah Wieder drückt sich Markus sehr semitisch aus. Im Deutschen ist wieder eine sinngemäße Formulierung nötig. Textkritik: Andere Handschriften lesen „Und eine Stimme wurde gehört“ oder „Und eine Stimme“.
- dem Himmel Gr. Pl. „den Himmeln“
- habe ich Freude (Gefallen gefunden) Hier vielleicht auch mit der Bedeutung »auf dich bin ich stolz«. Das Verb steht hier zwar im Aorist, Markus gebraucht es aber wohl zeitlos wie das hebräische gnomische Perfekt (NSS). Vermutlich lässt die Aussage atl. Texte wie Ps 2,7 und Jes 42,1 anklingen. Markus würde Jesus in diesem Fall unterschwellig sowohl mit dem erwählten König Israels aus Psalms 2 als auch mit dem erwählten Knecht des Propheten aus Jesaja identifizieren (Guelich 1989, 33). Der Text ähnelt am meisten dem Wortlaut von Gen 22,2 LXX, wo von Abrahams Sohn Isaak die Rede ist (France 2002, 80).
- Matthäus 3,17; Lukas 3,22
12 Und gleich danach brachte (führte; trieb) 1 der Geist ihn in die Wüste (Wildnis).2
- brachte oder trieb An anderen Stellen wird das Wort ἐκβάλλω für Dämonenaustreibungen (z.B. Mk 6,13) oder das Hinauswerfen oder Vertreiben von unwillkommenen Anwesenden benutzt (z.B. Mk 12,8). Andere übersetzen es daher auch hier mit trieb, aber aus dem Kontext geht nicht hervor, dass Jesus dagegen war oder keine Kontrolle hatte (LN 15.174, vgl. Joh 10,4; Jak 2,25; auch Mt 9,38; 15,17; s.a. NIV). ἐκβάλλω ist jedenfalls kräftiger als Lukas’ ἄγω oder Matthäus’ ἀνάγω (beide „führen“).
- Matthäus 4,1; Lukas 4,1
13 Und er war (lebte, verbrachte) vierzig Tage in der Wüste (Wildnis) und (während, wobei) wurde vom Satan auf die Probe gestellt (versucht), 1 und er war (lebte) unter (mit) den Tieren, und die Engel dienten (versorgten, warteten auf) ihm.2
- und (während/wobei) wurde auf die Probe gestellt Ptz. coni., temporal-modal, als Nebensatz aufgelöst.
- Matthäus 4,1; Lukas 4,1
14 {Aber} Nachdem Johannes verhaftet 1 worden war, begab sich (kam) Jesus nach Galiläa und predigte (verkündete) 2 das Evangelium Gottes 34
- verhaftet W. „ausgeliefert/übergeben“, was aber schlecht in den Kontext passt. Die Evangelien benutzen das Wort in verschiedenen Fällen für Jesu Verrat, Festnahme und Übergabe an die Autoritäten sowie zur Kreuzigung (zum ersten Mal in Mk 3,19). Markus wählt es hier vielleicht absichtlich, um Parallelen zu Jesu späterem Ergehen herzustellen (9:31; 10:33; 14:21, 41).
- verkündete Temporal-modales Ptz. conj. (Partizip Präsens aktiv), durch Beiordnung mit „und“ übersetzt.
- Evangelium Gottes Wie in Mk 1,1 (s. die Fußnote dort) ist hier nicht klar zu trennen, ob das Evangelium von Gott initiiert ist oder von Gott handelt. Da der Kontext keine Hinweis zum Verständnis gibt, sind beide Möglichkeiten nicht auszuschließen (vgl. France 2002, 91). Textkritik: Andere Handschriften lesen „Evangelium von der Gottesherrschaft/vom Gottesreich“
- Matthäus 4,12; Lukas 4,14; Johannes 4,1
15 und sagte 1 {dass}: „Die Zeit ist eingetreten (gekommen, erfüllt) 2 und Gottes Königsherrschaft (Königreich) 3 ist nahegekommen. Kehrt um (tut Buße) und glaubt an das Evangelium!“4
- sagte Temporal-modales Ptz. conj. (Partizip Präsens aktiv), das durch und mit dem Partizip predigte aus dem letzten Vers verbunden ist und auch so aufgelöst wurde. Die Konstruktion weist die folgende direkte Rede als die Kernbotschaft von Jesu Verkündigung aus.
- Die Zeit ist eingetreten (gekommen, erfüllt) Gemeint ist eine heilsgeschichtliche Erfüllung, also dass ein ganz bestimmter Zeitpunkt eingetreten ist (Guelich 1989, 43; vgl. Delling, πληρόω, 294f.). Vgl. GNB »Es ist so weit«, NLB, HfA »Jetzt ist die Zeit gekommen« (ebenso NIV). Bei den beiden Verben eingetreten und nahegekommen handelt es sich um Perfekte. Das Perfekt betont den gegenwärtigen Zustand, man könnte betonen: »Die Zeit ist da, Gottes Herrschaft ist nahe.« Die beiden Aussagen stehen parallel zueinander und erhellen einander.
- Zu ergänzen
- Jesaja 61,1; Matthäus 4,17
16 Und während (als) er am Meer von Galiläa entlangging, 1 sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, die gerade Wurfnetze (ein Wurfnetz) ins Meer warfen 2. Sie waren nämlich Fischer.3
- während … entlangging Ptz. conj. mit temporaler Sinnrichtung (Partizip Präsens aktiv), als Nebensatz mit während übersetzt (ebenfalls möglich: „als, gerade“).
- Wurfnetze (ein Wurfnetz) werfen Das Verb spricht nur von der Tätigkeit, führt aber nicht aus, ob es sich um ein oder mehrere Netze handelt. Es wird auch nicht klar, ob die beiden von einem Boot aus oder zu Fuß im flachen Wasser fischten (allerdings wird in V. 19 ein Boot erwähnt). Damals gebräuchliche Wurfnetze waren rund und am Rand beschwert. Man warf sie nach Fischschwärmen (Guelich 1989, 50). Schöner wäre vielleicht die Übersetzung „mit Wurfnetzen fischen“, aber die Lokalangabe ins Meer erfordert ein Objekt. ins Meer Gr. ἐν τῇ θαλάσσῃ w. also „im Meer“. Nach Guelich 1989, 49 schreibt Markus hier in hellenistischem Dialekt, in dem die Präpositionen ἐν „in“ (wie darin) und εἰς „in (hinein)/zu (hin)“ austauschbar benutzt wurden.
- Matthäus 4,18
17 Und Jesus sagte zu ihnen: „Kommt, [folgt] mir nach, dann werde ich euch [zu] Menschenfischern {werden} machen!“ 1 2
- W. ein AcI, der sich übersetzen lässt als „dann werde ich machen, dass ihr Fischer [der] Menschen werdet“. Da die griechische Konstruktion kompliziert ist und sich ohnehin nicht direkt übersetzen lässt, haben wir die Übersetzung etwas vereinfacht. Daher wurde (wie in allen deutschen Übersetzungen) γενέσθαι „werden“ nicht übersetzt.
- Matthäus 4,19; Lukas 5,10
18 Und sofort ließen sie [ihre] Netze [liegen] und 1 folgten ihm.2
- ließen sie ... und Temporal-modales Ptc. coni., mit „und“ beigeordnet.
- Matthäus 4,20; Lukas 5,11
19 Und nachdem (als) er ein wenig weitergegangen war, 1 sah er Jakobus, den [Sohn] von Zebedäus, und seinen Bruder Johannes. Auch sie [saßen] im Boot [und] brachten [ihre] Netze in Ordnung (setzten instand, besserten aus, flickten), 2 3
- nachdem er weitergegangen war Ptc. coni. (Partizip Aorist aktiv), temporal als Nebensatz mit nachdem übersetzt.
- sah er …. Auch sie Oder: „sah er, wie auch Jakobus und Johannes im Boot ihre Netze in Ordnung brachten“, was aber irreführend formuliert ist. Es handelt sich wie schon in V. 16 um einen AcP, der ähnlich formuliert ist wie dort. Die Ergänzung von [saßen] und [und] war notwendig, damit der Leser auch sie richtig versteht. Alles, was Markus als Gemeinsamkeit zwischen der ersten und der zweiten Gruppe Fischer ausmacht, ist, dass sich beide im Boot befanden (France 2002, 98). In Ordnung bringen wird häufig mit „ausbessern“ wiedergegeben, könnte aber auch einfach „vorbereiten“ oder „zusammenlegen“ bedeuten (Guelich 1989, 52).
- Matthäus 4,21; Lukas 5,10
20 und er rief sie umgehend (sofort). Und sie ließen ihren Vater mit den bezahlten Arbeitern im Boot zurück und gingen 1 ihm nach.2
- gingen W. „gingen weg“.
- Matthäus 4,22; Lukas 5,11
21 Und (daraufhin) sie begaben sich nach Kafarnaum {hinein}. {Und} Dann 1 , [am] Sabbat, begann er in der Synagoge (begab er sich in die Synagoge und 2 begann) 3 zu lehren 4.5
- Dann W. „gleich/sofort“, doch im Markusevangelium hat das Wort häufig den Sinn von „dann“. Es leitet also den nächsten Abschnitt der Handlung ein und soll die Spannung aufrecht erhalten (Guelich 1989, 54; France 2002, 103).
- begab er sich … und Ptz. conj. (Ptz. Aor., temporal-modal), durch Beiordnung mit „und“ aufgelöst.
- begann er in der Synagoge (begab er sich in die Synagoge und begann) zu lehren Textkritik: Die Handschriften haben an dieser Stelle unterschiedliche Lesarten, und auch die wissenschaftlichen Urtext-Ausgaben bevorzugen verschiedene Varianten. NA28 liest zusammen mit den meisten Zeugen εἰσελθὼν εἰς τὴν συναγωγὴν ἐδίδασκεν (die Übersetzung in der Klammer). SBLGNT liest dagegen ἐδίδασκεν εἰς τὴν συναγωγήν, was der hier gewählten Übersetzung entspricht.
- begann ... zu lehren Inchoatives Imperfekt (Siebenthal 2011, §198e).
- Lukas 4,31
22 Und sie waren tief beeindruckt 1 von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten.2
- tief beeindruckt Dieses Wort benutzen die Evangelisten meist, um die Reaktion der Zuhörer auf Jesu Lehre und Taten zu beschreiben. Sie scheinen verblüfft, ja baff zu sein über das, was sie sehen und hören, und müssen sich an Jesu Art erst gewöhnen (z.B. Mt 19,25; Mk 6,2; 7,37; 10,26). In Lk 2,48 sind seine Eltern verblüfft, Jesus nach langer Suche im Tempel zu finden. In Lk 9,43 beschreibt das Verb die Reaktion der Menge auf eine von Jesu Dämonenaustreibungen. In Mk 11,18 zeigt sich die Menge „fasziniert“ oder „in Bann geschlagen“ von Jesu Lehre. Zür: „überwältigt“, Menge, EÜ: „(sehr) betroffen“, Luther „sie entsetzten sich“, REB „sie erstaunten sehr“. NGÜ, GNB wie OfBi.
- Matthäus 7,28; Matthäus 13,54; Lukas 4,32
23 Und dann (plötzlich) war in der dortigen Synagoge ein Mann mit einem unreinen Geist 1 , und er schrie:2
- mit einem unreinen Geist Gr. ἐν, instr. „mit“, gibt hier, semitisch formulierend, die Präposition ב wieder (Guelich 1989, 54). Markus benützt diese Formulierung für dämonische Besessenheit, aber auch den Einfluss des Heiligen Geistes (Mk 12,36; vgl. Lk 2,27) (France 2002, 103, der „unter dem Einfluss“ als Übersetzung vorschlägt). NSS, Lut, EÜ, GNB: „besessen von“, NGÜ: „der einen bösen Geist hatte“, REB, Zür, Menge: „mit“.
- Lukas 4,33
24 {sagend} „Was willst du von uns, 1 Jesus von Nazaret 2? Bist du gekommen, [um] uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes 3!“4
- Was willst du von uns? W. »Was uns und dir?« In Mk 5,7; Mt 8,29; Lk 8,28 greifen Besessene gegenüber Jesus zur selben Wendung. Die Frage ist häufig Ausdruck einer ablehnenden Haltung in einer für den Sprecher unangenehmen oder bedrohlichen Situation, in der er sich dennoch fügen muss. So unter dem Eindruck der Bedrohung: »Was habe ich dir angetan?« (Ri 11,12; 1Kö 17,18; 2Chron 35,21 LXX) Sie kann auch Distanz zum Anliegen eines Bittstellers zum Ausdruck bringen: »Was soll das?« oder »Lasst das sein!« (2Sam 16,10; 19,23 LXX), sinngemäß: »Lass mich in Ruhe, finde einen anderen!« (2Kö 3,13 LXX), oder gleichgültige Distanzierung (Hos 14,9 LXX). Auf der Hochzeit in Kana bittet Jesus seine Mutter Maria mit der gleichen Wendung, sich nicht in seinen messianischen Dienst einzumischen (Joh 2,4) (vgl. France 2002, 103f.; NET Mk 1,24 Fn 48; BA ἐγώ). Im Zusammenhang mit einem bösen Geist, der sich bedroht fühlt, ist (hier und 5,7; Mt 8,29; Lk 8,28) wohl auch das defensive Element vorhanden, sinngemäß könnte man also sagen: »Was haben wir dir getan? Lass uns in Ruhe!« Zür, REB, GNB: »Was haben wir mit dir zu schaffen?«, Lut, Menge, NGÜ: »Was willst du von uns?«
- Jesus von Nazaret W. »Jesus [der] Nazarener«. Hier wurde der bekanntere deutsche Name für die Übersetzung gewählt.
- der Heilige Gottes ist kein Titel, der häufig für Jesus benutzt wird (sonst nur Joh 6,69). Im AT wird er lediglich auf Männer mit enger Gottesbeziehung angewandt (Aaron in Ps 106,16; Elisa in 2Kö 4,9; Simson in Ri 16,17), aber nicht auf den Messias. Der Titel stellt einen Kontrast her zwischen dem unreinen Geist und dem heiligen Jesus (France 2002, 104). An anderen Stellen nennen Dämonen Jesus den Sohn Gottes (Mk 3,11; 5,7). Möglich, dass der Dämon hier ein Wortspiel zwischen dem hebräischen Wort für Nazaret und dem Wort נזיר »heilig« macht, wie es bspw. in Ri 13,7 (LXX sowohl ναζιραῖος Θεοῦ als auch ἃγιος Θεοῦ) im Zusammenhang mit Simson vorkommt. Die beiden Wörter klingen ähnlich (Guelich 1989, 57; Pesch 1976, 122).
- Lukas 4,34
25 Und Jesus wies ihn an (unterwarf ihn seiner Kontrolle) 1 {sagend}: „Sei still (Schweig, Verstumme) und komm (verlass, fahre) aus ihm heraus!“2
- wies ihn an (unterwarf ihn seiner Kontrolle) Gr. ἐπιτιμάω wird häufig mit „wies ihn zurecht“ übersetzt, ist bei Markus aber ein Wort, das das Ausüben göttlicher Kontrolle, also einen unwiderstehlichen Befehl bezeichnet (France 2002, 104f.). Ähnlich verfährt Jesus mit mehreren Dämonen in Mk 3,12. Guelich argumentiert für die Übersetzung seiner Kontrolle unterwerfen in der Klammer (engl. „subdue“; ders. 1989, 57f.). EÜ, NGÜ: „befahl“. Eher unpassend Zür: „schrie ihn an“.
- Lukas 4,35
26 Und nachdem (während) der unreine Geist ihn geschüttelt und [mit] lauter Stimme geschrien hatte, 1 kam (verließ, fuhr) er aus ihm heraus.2
- nachdem … geschüttelt … geschrien Ptz. conj. (Partizip Aorist aktiv), temporal-modal, hier vorzeitig verstanden und als Nebensatz mit „nachdem“ aufgelöst.
- Lukas 4,35
27 Und alle waren so entgeistert (erstaunt, erschrocken), dass sie einander fragten 1 {wobei sie sagten}: „Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht – sogar (selbst, und) den unreinen Geistern befiehlt er, und sie gehorchen ihm!“2
- einander fragten Oder „miteinander diskutierten“ (vgl. France 2002, 105). Als elegantere deutsche Formulierung für die gesamte Reaktion der Zuhörer wäre „und sie wussten nicht, was sie davon halten sollten“ eine Möglichkeit.
- Lukas 4,36
28 Und bald (rasch) verbreitete sich die Kunde von ihm (sein Ruf) überall in der ganzen Umgebung, [in ganz] Galiläa (im ganzen Umland von Galiläa) 1.2
- in der ganzen Umgebung, [in ganz] Galiläa (im ganzen Umland von Galiläa) Die Übersetzung hängt davon ab, wie man den Genitiv τῆς Γαλιλαίας versteht. Als epexegetischer Genitiv ist „die ganze Umgebung, also Galiläa“ gemeint (bzw. „das ganze Umland [von Kafarnaum], also Galiläa“). Ist der Genitiv attributiv gemeint, nimmt Markus das Umland von Galiläa, also die erweiterte Region, in den Blick (France 2002, 106; Guelich 1989, 54).
- Lukas 4,37
29 Und dann 1 verließen sie {aus} die Synagoge und 2 gingen (begaben sich, kamen) zum (in das) Haus von Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes.3
- dann W. „gleich/sofort“, doch im Markusevangelium hat das Wort häufig den Sinn von „dann“. Es leitet also den nächsten Abschnitt der Handlung ein und soll die Spannung aufrecht erhalten (Guelich 1989, 54; France 2002, 103). Hier könnte das Wort auch das aufgelöste Partizip verließen modifizieren, dann könnte die Übersetzung bspw. lauten: „Und sie verließen die Synagoge gleich darauf und...“
- verließen … und Ptz. conj. (Aorist), als temporaler Nebensatz übersetzt. Alternativ mit „als“ oder „nachdem“.
- Matthäus 8,14; Lukas 4,38
30 Simons Schwiegermutter {aber} lag mit Fieber [im Bett] 1 , und sie erzählten (berichteten) ihm gleich von ihr.2
- lag mit Fieber [im Bett] ist durativ (Imperfekt). Mit Fieber übersetzt das adv. Ptz. modal als Präpositionalphrase, alternativ „und hatte Fieber“ oder „fiebernd“, auch eine kausale Sinnrichtung wäre möglich: „lag im Bett, weil sie Fieber hatte“. [im Bett] wird von vielen Übersetzungen (EÜ, NGÜ, GNB) sinngemäß ergänzt, weil das Griechische ohne Lokalangabe auskommt. Das Bett könnte hier je nach Wohlstand auch aus einem Lager auf einer Binsenmatte bestanden haben (NBD, 489).
- Matthäus 8,14; Lukas 4,38
31 Da (Und) ging er zu [ihr] und 1 half ihr beim Aufstehen (richtete sie auf), indem er ihre Hand nahm (ergriff) 2. Da (und) verließ das Fieber sie, und sie begann, sie zu bewirten (bedienen, dienen; bewirtete sie) 3.4
- ging zu … und Beschreibendes Partizip modal-temporaler Sinnrichtung, mit „und“ aufgelöst.
- indem er ihre Hand nahm Ptz. conj., modal als Nebensatz mit „indem“ aufgelöst.
- begann, sie zu bedienen Vermutlich inchoatives Imperfekt.
- Matthäus 8,15; Lukas 4,39
32 Als es Abend geworden (wurde) und 1 die Sonne untergegangen war (unterging), brachte 2 man alle Kranken (denen es schlecht ging) 3 und [alle] Besessenen zu ihm,4
- Als es Abend geworden war … und Temporales Gen. abs. (Aorist), temporal-vorzeitig übersetzt, wobei der Nebensatz mit „und“ an den folgenden angeschlossen sowie dessen Konjunktion (als) vorgezogen wurde. Die Leute warteten bis zum Abend, um die Sabbatruhe (vgl. V. 21) zu wahren, die bei Sonnenuntergang endete.
- brachte (V. 32) / heilte / trieb aus / ließ (V. 34) Das Imperfekt zeigt an, dass es an diesem Abend fortlaufend geschah.
- alle Kranke(n) Subst. Ptz.. Oder „alle, denen es schlecht ging“. ELB: „Leidenden“.
- Matthäus 8,16; Lukas 4,40
33 und die ganze Stadt war vor der Tür versammelt.
34 Und er heilte viele Kranke (denen es schlecht ging) von verschiedenen Krankheiten und trieb viele Dämonen aus, aber (und) die Dämonen ließ er nicht sprechen, weil sie ihn kannten.1
- Matthäus 8,16; Lukas 4,40
35 Und früh morgens, [als es noch] ganz dunkel [war], 1 stand er auf, 2 ging hinaus (verließ [das Haus (die Stadt)]) und ging fort an einen abgeschiedenen Ort, wo er [eine Zeit lang] betete (und betete dort) 3.4
- früh morgens … ganz dunkel Oder: „sehr früh morgens, [als es noch] dunkel [war]“.
- stand er auf Modal-temporales Ptz. conj., hier als Indikativ übersetzt und in die Satzkette eingereiht.
- [eine Zeit lang] betete Das Imperfekt zeigt an, dass er eine Weile mit Beten verbrachte – daher die eingefügte Zeitangabe.
- Lukas 4,42; Markus 6,46
36 Und Simon und [jene], die bei ihm waren, spürten (eilten) ihm nach 1
- spürten (eilten) ihm nach Das Wort heißt eigentlich meist „nachjagen, verfolgen“ und macht auch hier den Druck greifbar, den die vier Jünger ob der Menschenmenge empfanden (France 2002, 112). Sinngemäß formuliert: „versuchten hektisch/verzweifelt, ihn ausfindig zu machen“.
37 und fanden ihn. {und} Sie teilten ihm mit (sagten) {dass}: 1 „Alle fragen (suchen, forschen) nach dir!“
- und fanden ihn. {und} Sie teilten ihm mit (sagten) {dass}: Oder: „Als sie ihn fanden, teilten sie ihm mit“ (Lut, EÜ, NGÜ).
38 {und} Er entgegnete (sagte) ihnen: „Gehen wir stattdessen (lasst uns gehen) anderswohin, in die benachbarten Ortschaften (Dörfer), damit ich auch dort predigen (verkündigen) [kann]. Zu diesem Zweck (Dazu) bin ich nämlich aus [der Stadt] gekommen (bin gekommen, ausgezogen) 1.“2
- aus [der Stadt] gekommen (bin gekommen, ausgezogen) Gr. ἐξῆλθον »(hin)ausgegangen, herausgekommen, verlassen«. Die Frage ist: Bezieht sich Jesus darauf, dass er die Stadt Kafarnaum verlassen hat (wie dasselbe Wort in V. 35 anzeigen kann – im Griechischen ist wie beim Synonym »hinausgehen« kein Objekt nötig), oder dass er dazu vom Vater aus (bzw. aus dem Himmel) gekommen ist (wie es Lukas in der Parallelstelle Lk 4,43 meint)? Die meisten Übersetzer entscheiden sich für die zweite Option, die auch im Johannesevangelium eine große Rolle spielt (vgl. Joh 8,42; 13,3; 16,27-28). Vordergründig scheint Jesus sich auf seinen Dienst zu beziehen, der sich von hier an auf ganz Galiläa ausdehnt (so Pesch 1976, 138; Guelich 1989, 70, der die zweite Option daher ganz ausschließt). Eine Variante dieser Interpretation ist, dass Jesus zu diesem Zweck ausgezogen ist, das Predigen also als seine Mission versteht, ohne aber mit dieser Aussage eine Herkunft vom Vater im Sinn der Parallelstelle bei Lukas andeuten zu wollen (Option 3, so wohl Menge). Es ist jedoch durchaus vorstellbar, dass Markus bewusst zweideutig formuliert, sodass die Aussageabsicht, die Lukas ganz eindeutig macht, hier schon mitschwingt (France 2002, 113; Blight 2012, 81). Option 1 erhält hier den Vorzug, weil es sich um die aus dem Kontext offenkundige Bedeutung handelt. Die meisten Übersetzungen entscheiden sich jedoch für die eher sinngemäße Formulierung »dazu bin ich gekommen«, die auf Option 2 oder Option 3 hindeutet (EÜ, Lut, NGÜ, GNB, Zür, vgl. REB).
- Lukas 4,43; Markus 1,14; Johannes 8,42
39 Und er zog (kam; war) durch ganz Galiläa, predigte (verkündigte) in ihren Synagogen 1 und trieb die Dämonen aus. 23
- durch ganz Galiläa … in ihren Synagogen In beiden Fällen kommt als Präposition εἰς „zu (hin), in (hinein)“ zum Einsatz. Zum flexiblen Gebrauch der Präposition bei Markus s. die Fußnoten in V. 16 und V. 21 (France 2002, 113). Wie schon in V. 21 haben Kopisten einiger Manuskripte versucht, den vermeintlich fehlerhaften Text zu korrigieren.
- predigte und trieb aus Temporal-modale Ptz. conj., als Indikative in einer Satzreihe aufgelöst.
- Matthäus 4,25; Lukas 4,44
40 Und ein Aussätziger (Leprakranker) kam zu ihm, der ihn anflehte und auf die Knie fiel 1 , wobei er ihm zurief (sagte) 2 {dass}: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen (heilen)!“3
- der anflehte … auf die Knie fiel Zwei modal-temporale Ptz. conj., hier als Relativsatz aufgelöst. Textkritik: In einigen Handschriften (B, D u.a.) fehlt καὶ γονυπετῶν (καὶ) und auf die Knie fiel (und).
- wobei er ihm zurief Ptz. conj., hier als modaler Nebensatz aufgelöst. Die Übersetzung hängt auch von der textkritischen Entscheidung ab, die in der vorigen Fußnote angesprochen wird.
- Matthäus 8,2; Lukas 5,12
41 Und [Jesus] hatte Mitleid (wurde zornig), 1 darum 2 streckte er seine Hand aus 3 , berührte [ihn] und sagte zu ihm: „Ich will, sei rein (gereinigt, geheilt)!“4
- hatte Mitleid (wurde zornig) Die beiden möglichen Übersetzungen sind auf eine sehr schwierige Variante in der Überlieferung unserer Stelle zurückzuführen. Einzelne antike Handschriften haben die Variante wurde zornig. Der Grund für Jesu Zorn wäre dabei schwer auszumachen. Vermutlich richtet sich der Zorn nicht gegen den Aussätzigen (sonst würde Jesus anders reagieren), sondern am ehesten gegen seine Erkrankung, die die Gefallenheit der Welt und das Wirken des Bösen in ihr vor Augen führt (ebd. 117; Guelich 1989, 74). Eine ähnliche Erklärung bietet sich bspw. bei Mk 7,34 oder Joh 11,33 an. Die wissenschaftlichen Urtext-Ausgaben folgen verschiedenen Varianten.
- hatte Mitleid, darum Ptz. conj. (modal-temporal oder kausal), hier kausal verstanden, weil dies die folgende Handlung Jesu begründet. Die Auflösung als Nebensatz mit „und“, „weil“ wäre alternativ ebenso möglich wie die Präpositionalphrase „voller Mitleid“. NGÜ: „Von tiefem Mitleid ergriffen“.
- streckte aus Ptz. conj. (modal-temporal), hier als Indikativ übersetzt und beigeordnet.
- Matthäus 8,3; Lukas 5,13
42 Und sofort verschwand (ging weg) der Aussatz (die Lepra) von ihm, und er wurde rein (gereinigt, geheilt).1
- Matthäus 8,3; Lukas 5,13; 2 Könige 5,14
43 Und er ermahnte ihn streng (fuhr ihn an, wies ihn zurecht; bedeutete ihm zu schweigen) 1 , schickte ihn ohne Umschweife (sofort) weg (warf ihn hinaus)2
- ermahnte streng Ptz. conj. (modal-temporal). Das Wort drückt bei Menschen meist wütende Erregung aus (z.B. Joh 11,33.38), allerdings wird hier keine Gemütserregung, sondern Kommunikation beschrieben. An anderen, vergleichbaren Stellen ist in dem Verb oft ein feindseliger Unterton zu spüren: In Dan 11,30 LXX scheint überlegene oder harsche Zurechtweisung oder Bedrohung mitzuschwingen. In Mk 14,5 kommt es vielleicht im Sinn von „jemdn. scharf zurechtweisen/schimpfen“ vor. Wie in Mt 9,30 scheint daher eher etwas im Sinne einer strengen Ermahnung gemeint zu sein (vgl. LSJ ἐμβριμάομαι, weil der Kontext nicht verrät, warum Jesus plötzlich so erregt sein sollte (vgl. Collins 2007, 179). Guelich versteht das Wort daher als Beschreibung einer orientalischen Geste, die Schweigen signalisiert (Guelich 1989, 75). Mt 8,4 und Lk 5,14 benutzen etwas mildere Worte. Lut: „drohte“, Zür: „fuhr an“, EÜ: „schärfte ein“, NGÜ: „ermahnte“, GNB: „befahl streng“
- Matthäus 8,4; Lukas 5,14
44 und sagte zu ihm: „Sieh, dass du niemandem etwas 1 erzählst (sagst), sondern geh [und] zeige dich dem Priester und dann bringe für deine Reinigung (Heilung) [das Opfer] dar, das Mose vorgeschrieben (festgelegt) hat, als Beweis (Nachweis, Zeugnis, Beleg) [für (gegen)] sie 2!“3
- niemandem etwas Im Griechischen eine doppelte Verneinung, welche die Warnung noch schärfer macht.
- [für (gegen)] sie Dativus commodi (für) oder incommodi (gegen), wobei sie im Plural steht. Ein Zeugnis oder Nachweis gegen entspräche dem griechischen Sprachgebrauch und würde sich dann vielleicht gegen Kritiker richten, die Jesu Treue zum Gesetz in Zweifel ziehen (so Guelich 1989, 77). Vgl. EÜ: »Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein.«, GNB: »Die Verantwortlichen sollen wissen, dass ich das Gesetz ernst nehme.« Eine andere Deutung: Jesus meint den Beweis für sie, nämlich die Führer des Volkes, dass er tatsächlich Wunder vollbringen kann und somit von Gott kommt (Collins 2007, 179). Die einfachste Interpretation ist freilich, dass es sich bei dem Durchlaufen der in Lev 14,1-32 vorgeschriebenen Reinigungshandlung samt Untersuchung durch einen Priester und Dankopfer um eine »Demonstration« der Echtheit seiner Heilung gegenüber den Priestern (Pesch 1976, 146) oder dem Volk (France 2002, 120) handelt.
- Matthäus 8,4; Lukas 5,14; Levitikus 14,1
45 Doch als (nachdem) der [Mann] hinausging, 1 begann er eifrig (überall; viele Dinge) [davon] zu erzählen (predigen, verkündigen) 2 und die Geschichte (Nachricht, das Wort) zu verbreiten,3 so dass [Jesus] nicht länger in der Lage war, offen (unerkannt, öffentlich, ohne Aufsehen) eine Stadt zu betreten, sondern sich außerhalb in unbewohnten (abgelegenen) Gegenden (Orten) aufhielt (blieb, war) 4. Dennoch (doch, und) kamen [die Leute] weiter (begannen zu kommen) 5 von überall her (aus allen Richtungen) zu ihm.6
- als der [Mann] hinausging Ptz. conj., temporal-gleichzeitig übersetzt als Nebensatz mit „als“. Denkbar wäre auch „nachdem er hinausgegangen war“ (vorzeitig) oder „er ging hinaus und“.
- [davon] zu erzählen/verkündigen Es geht im Kontext zunächst um die Geschichte seiner Heilung. Das Wort κηρύσσειν, das vorher für die Predigten Jesu benutzt wurde, könnte jedoch auch darauf hindeuten, dass der Mann im Rahmen seiner Heilungsgeschichte auch über Jesus und dessen Evangelium predigte (Collins 2007, 179f.). So GNB: „Aber der Mann ging weg und fing überall an, von Jesus und seiner Botschaft zu erzählen und davon, wie er geheilt worden war.“ Ebenfalls möglich ist die Übersetzung „er begann, [über] vieles zu predigen“ (Guelich 1989, 77).
- Markus 5,20
- sich aufhielt ist die sinngemäße Wiedergabe von war.
- kamen weiter (begannen zu kommen) Die Übersetzung gibt das Imperfekt durativ/iterativ wieder, die Klammer inchoativ. Beide Deutungen sind denkbar.
- Lukas 5,15
Chapter 2
1 1 Und als er nach [einigen] Tagen wieder (zurück) nach Kafarnaum kam 2 , wurde bekannt 3 , dass er zuhause (in einem [bestimmten] Haus) 4 war 5.
- [Status: Zuverlässig]
- kam Ptz. conj. (Ptz. Aor.), als temporaler Nebensatz (mit „als“) aufgelöst.
- wurde bekannt W. „wurde gehört“ Oder: „als er wieder … kam, wurde nach einigen Tagen bekannt“ (Collins 2007, 184).
- zuhause bzw. in einem [bestimmten] Haus Die erste Bedeutung ist üblich und somit wahrscheinlicher, auch wenn die andere durchaus möglich ist (Collins 2007, 181; NSS). Denkbar, dass Simons Haus gemeint ist wie in 1,29-34 (Guelich 1989, 81). in einem [bestimmten] Haus Im Deutschen wäre die etwas freiere Übersetzung „in welchem Haus er sich aufhielt“ besser verständlich. Es geht dann also darum, dass Jesu Aufenthaltsort bekannt wurde, ohne eine Aussage über das nämliche Haus zu machen. Um das zu vermitteln, wurde [bestimmten] ergänzt.
- war W. „ist“.
2 Und es kamen (sammelten sich) so viele [Leute] zusammen, dass es keinen Platz mehr gab, auch nicht (nicht einmal) vor (bei) der Tür, und er erläuterte (verkündete, sagte) ihnen [seine] Botschaft (das Wort) 1.
- er erläuterte [ihnen] seine Botschaft W. „sprach das Wort (zu) ihnen“ (Imperfekt). Ähnlich wie in 4,33 und 8,32 meint die Phrase wohl, dass Jesus ihnen seine Botschaft (=Wort) erklärte oder predigte (France 2002, 122, ähnlich GNB). In 1,45 meinte „Wort“ die Geschichte (oder Neuigkeit) des geheilten Aussätzigen. Das Wort steht meist für eine im Kontext bekannte Botschaft, für Redeinhalt. Bei Jesus ist das das Evangelium bzw. die Heilsbotschaft vom nahen Reich/Herrschaft Gottes (wie Mk 1,21; s.a. Mk 4,14 und die dortige Fußnote). Im NT bezeichnet es oft den Inhalt der Verkündigung von Jesus und den frühen Christen, z.B. Apg 6,4; Gal 6,6; Kol 4,3 (Guelich 1989, 84). erläuterte Duratives Imperfekt.
3 Derweil (Und) kamen 1 [einige Leute] und brachten einen Gelähmten 2 zu ihm. Er wurde von vier [Männern] getragen. 3
- kamen Historisches Präsens.
- Gelähmter (Gr. παραλυτικός) Seine genaue Behinderung ist unbekannt. Wir erfahren nur, dass er nicht laufen konnte und offensichtlich behindert, vielleicht bettlägrig war (vgl. France 2002, 123).
- Er wurde getragen Attributives Partizip, als unabhängiger Hauptsatz aufgelöst. Auch ein Relativsatz wäre möglich („der getragen wurde“).
4 Und (Doch) weil (als) es ihnen wegen die Menschenmenge nicht gelang (sie nicht konnten), 1 ihn zu [Jesus] zu bringen, deckten (entfernten) sie [über der Stelle], wo er war, das Hausdach ab, und ließen 2 die Matte hinab, auf der der Gelähmte lag, nachdem sie eine [entsprechende] Öffnung geschaffen hatten 3.
- weil (als) es ihnen nicht gelang Kausal oder temporal zu verstehendes Ptz. conj. (Ptz. Präs.), als Nebensatz mit „weil“ aufgelöst. NSS, NGÜ: „weil sie nicht zu Jesus durchkamen“.
- ließen Historisches Präsens.
- nachdem sie eine [entsprechende] Öffnung geschaffen hatten Ptz. conj. (Ptz. Aor.), als temporaler Nebensatz (mit „nachdem“) aufgelöst und aus stilistischen Gründen nachgestellt. W. etwa „deckten ab... und, eine Öffnung geschaffen habend/schaffend, ließen...“ Man kann es auch modal verstehen: „indem sie … schufen, ließen sie“ Gr. ἐξορύξαντες bedeutet „aufgraben, aufbrechen“. Die Männer gelangten wohl über eine Außentreppe auf das flache Dach. Palästinische Hausdächer bestanden aus Baumstämmen oder Balken, die mit Zweigen und festgetretenem Lehm abgedeckt waren (Lukas 5,17 berichtet auch von Ziegeln), die genaue Konstruktion konnte aber variieren. Auch die Ausleger sind sich nicht alle einig (vgl. die Übersicht bei Blight 2012, 99f.). Je nachdem, ob das Haus tatsächlich auch mit Dachziegeln bzw. einer Art von tönernen Platten belegt war (Lukas könnte die Geschichte für seine südeuropäischen Leser kontextualisiert haben), könnten die Männer das Dach fast gar nicht oder sogar sehr schwer beschädigt haben. Dementsprechend gibt es verschiedene Übersetzungsvorschläge. Der hier vorgezogene versteht das Partizip als temporale Umstandsangabe: 1. Die Männer deckten das Dach ab. 2. Sobald eine genügend große Öffnung da war, ließen sie den Mann herab (so Guelich 1989, 85 und die meisten Übersetzungen). Eine andere Deutung geht von drei Schritten aus: 1. Die Männer deckten das Dach, d.h. die äußere Schicht ab. 2. Dann brachen sie durch das Holz- und Lehmwerk, das sich darunter befand und die Decke bildete. 3. Anschließend ließen sie den Mann hinab (so GNB, ZÜR).
5 Und als Jesus ihren Glauben (Vertrauen) sah, 1 sagte 2 er zu dem Gelähmten: „[Mein] Sohn (Kind), deine Sünden sind vergeben!“
- als … sah Als temporaler NS aufgelöstes Ptz. conj. (Ptz. Aor.). Markus formuliert hier metonymisch (Wirkung für Ursache), denn Jesus sieht natürlich nicht die Gesinnung der Männer, sondern deren Ergebnis. Daher übersetzt ZÜR: „Als Jesus nun ihren Glauben erkannte“.
- sagte Historisches Präsens.
6 Es waren {aber} einige Schriftgelehrte (Schreiber) da (dort), die dabeisaßen und [alles miterlebten]. Sie setzten sich (kämpften, überlegten, erwogen) 1 in Gedanken 2 [mit Jesu Worten] auseinander:
- dabeisaßen und setzten sich [mit Jesu Worten] auseinander ἦσαν + Partizip umschreibt das Imperfekt (Umschreibende Konjugation, Bauer zu ειμι, BDR §353). Hier kommt durch den durativen Aspekt zum Ausdruck, dass die Schriftgelehrten die Geschehnisse miterlebten. Das ist der Grund für die Einfügung [alles miterlebten]. Möglich wäre auch eine Formulierung mit einem Adverb wie „unterdessen“, „derweil“, „dabei“. Aufgrund der Einfügung bildet setzten sich [mit Jesu Worten] auseinander aus stilistischen Gründen nun einen eigenen Satz, wobei zur eleganten Wiedergabe in Verbindung mit in Gedanken die Ergänzung von [mit Jesu Worten] notwendig wurde. EÜ dagegen: „dachten im Stillen“, NGÜ: „lehnten sich innerlich dagegen auf “.
- in Gedanken W. „in ihren Herzen“. In der damaligen Kultur galt das Herz als der denkende und fühlende Körperteil. Noch schöner wäre die Formulierung „gedanklich“.
7 „Warum redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott (einem – Gott)?“1
- Deuteronomium 6,4
8 Und Jesus erkannte 1 in seinem Geist 2 sofort, dass sie so {bei sich} dachten, darum sagte 3 er zu ihnen: „Warum habt ihr solche Gedanken? 4
- erkannte … darum Ptz. conj. (Ptz. Aor., temporal-kausal), hier – mit sofort – gleichzeitig verstanden, wobei darum auf den kausalen Sinn hinweist. Vorzeitig: „Jesus hatte sofort erkannt“ (vgl. NGÜ).
- in seinem Geist Die Formulierung spielt vielleicht einfach auf den kognitiven Prozess an wie {bei sich} (V. 8) und „in ihren Herzen“ (siehe Fußnoten zu V. 6.8) (NSS). Es ist jedoch bemerkenswert, das im AT nur Gott die Gedanken der Menschen kennt (z.B. 1Kö 8,39; Jer 11,20, nach Pesch 1976, 159). Dass Jesus ihre Gedanken lesen kann, sollte ihn zusammen mit der folgenden Heilung gegenüber den Schriftgelehrten klar als von Gott gesandt auszeichnen – und den Vorwurf der Blasphemie so entkräften (Guelich 1989, 88).
- sagte Historisches Präsens.
- Warum habt ihr solche Gedanken? W. »Warum denkt/erwägt ihr dies/solche [Gedanken] in euren Herzen?« Der wesentlich einfachere deutsche Satz scheint genau wiederzugeben, was der (wesentlich schwieriger wörtlich in gutes Deutsch zu übersetzende) griechische Satz meint. Zu »in euren Herzen« s. die Fußnote zu »in Gedanken« in V. 6. Die Doppelung »in Gedanken denken« hat schon dort zu der eleganteren Übersetzung »sie setzten sich in Gedanken [mit Jesu Worten] auseinander« geführt (s. die entsprechende Fußnote in V. 6), hier lässt sich dieselbe Formulierung aber nicht so übersetzen. NGÜ: »Warum gebt ihr solchen Gedanken Raum in euren Herzen?«, GNB: »Was macht ihr euch da für Gedanken?«
9 Was ist leichter (einfacher) – zu dem Gelähmten zu sagen: »Deine Sünden sind dir vergeben« oder {zu sagen}: »Steh auf und nimm deine Matte und laufe umher«?
10 Aber damit ihr erkennt (wisst), dass der Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) 1 [das] Recht (die Macht, Vollmacht, Entscheidungsgewalt) hat, auf der Erde Sünden zu vergeben —“, sagte er zu dem Gelähmten:
- Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) ist Jesu häufige Selbstbezeichnung. Sie taucht hier zum ersten Mal in Mk auf und wird im zweiten Teil des Evangeliums (ab Mk 8) deutlich häufiger auftreten. Ihr Hintergrund ist komplex und ihre Verwendung noch nicht vollständig geklärt. Sicher ist, dass Jesus sich damit nicht als gewöhnlicher Mensch bezeichnet (wie die Phrase in anderen Kontexten auf Hebräisch und Aramäisch zu verstehen ist), sondern sich von anderen abhebt. Nur er hat die außerordentliche Gewalt zur Vergebung der Sünden. In der Wahl der Bezeichnung dürfte der »Menschensohn« (bzw. »Mann«) aus Dan 7,13-14 eine Rolle gespielt haben, der ewige messianische Macht erhält und dem alle Nationen dienen. Jesus scheint zu seiner Zeit dennoch der einzige gewesen zu sein, der diese Bezeichnung auch als Titel auch für den erwarteten Messias (nämlich sich selbst) benutzte. Der Titel bot wohl auch den Vorteil, dass er nicht dieselben politischen Erwartungen weckte wie andere, geläufigere Messiasbezeichnungen, so wie »Messias« oder »Sohn Davids« (France 2002, 127f.; Collins 2007, 187ff.). (Guelich 1989, 90 meint dagegen, dass Jesus wenigstens an dieser Stelle die Bezeichnung als rhetorische Alternative zu »ich« benutzt.) Jesus gibt den Schriftgelehrten ein Rätsel auf. Wenn sie den alttestamentlichen Bezug seiner Aussage verstehen, erkennen sie auch seinen Anspruch (Collins 2007, 187).
11 „— sage ich dir: Steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause 1!“
- nach Hause Oder »in dein Haus«
12 Da (und) stand er auf, hob (nahm) umgehend seine Matte auf 1 und ging vor aller Augen hinaus, sodass alle fassungslos (erstaunt, außer sich) waren und Gott lobten. Sie riefen (sagten) 2: „So etwas haben wir noch nie erlebt (gesehen)!“
- hob auf Temporal-modales Ptz. conj., beigeordnet.
- Sie riefen Ptz. conj. (modal-temporal), vielleicht pleonastisch. Hier als separater Hauptsatz übersetzt.
13 Danach (Und) ging [Jesus] wieder hinaus 1 , ans (an ... entlang) Meer (See) 2 . Und die gesamte Menschenmenge kam zu ihm, und er lehrte 3 sie.
- ging hinaus Jesus verließ das Haus und die Stadt Kafarnaum, wo er sich gerade aufhielt (Mk 2,1).
- Meer Gemeint ist der See Gennesaret (bei Markus: „Meer von Galiläa“, vgl. 1,16), an dessen Ufer Kafarnaum lag. Wer Markus von Anfang an liest, stellt diesen Bezug hier mühelos her.
- kam und lehrte Das Imperfekt beschreibt passend die beiden andauernden Prozesse: Das Zusammenkommen einer Menschenmenge und Jesu Lehren.
14 Und im Vorbeigehen (als er vorbeiging/vorüberging) 1 sah er Levi, den [Sohn] von Alphäus, an der Zollstelle (Zollhaus, Zoll) 2 sitzen 3 und sagte zu ihm: „Folge mir nach!“ 4 Da (Und) stand [Levi] auf 5 und folgte ihm nach.6
- im Vorbeigehen Ptz. conj. (temporal), hier als Präpositionalphrase übersetzt. Auch möglich: „als/während er vorbeiging“
- Zollstelle Kafarnaum lag an der Grenze zwischen den Tetrarchien von Herodes Antipas und Herodes Philippus, weswegen man hier von den Händlern Warenzölle erhob. Die in den Evangelien erwähnten Zöllner (Gr. τελώνης) waren dafür zuständig. Auch Levi gehörte zu den Zollbeamten, die in Antipas’ Auftrag die auf Handelswaren anfallenden Gebühren einsammelten. Kopfsteuern erhob dagegen die römische Regierung (France 2002, 131f.; vgl. Guelich 1989, 100f.).
- sah … sitzen AcP, mit Infinitiv aufgelöst.
- „Folge mir nach!“ Etwas freier vielleicht auch „Schließe dich mir an!“ Vgl. Mk 1,16-20.
- stand auf Beschreibendes Partizip (Aorist).
- Markus 1,16; Markus 1,18
15 Und {es ereignete sich} [als] er [später] 1 in seinem Haus 2 bei Tisch war (zu Gast war) 3 , nahmen auch (und) viele Zolleinnehmer (Zöllner) und Sünder zusammen mit Jesus und dessen Jüngern an der Mahlzeit teil 4 . Es waren nämlich viele, die 5 ihm nachfolgten.
- {es ereignete sich} Im Deutschen umschreibt [als] er [später]... die griechische Satzeinleitung, die aus dem historischen Präsens γίνεται und einem AcI besteht (NSS).
- in seinem Haus Markus meint wohl Levis Haus, in das Jesus eingeladen ist (so auch Lk 5,29), doch es könnte sich aber auch um Jesu Haus (Mk 2,1) handeln, in dem Levi zu Gast ist.
- bei Tisch war (zu Gast war) W. „[zu Tisch] lag“. Juden saßen zum Essen für gewöhnlich, doch zu besonderen Anlässen lag man nach dem Vorbild der griechischen Kultur zum Essen an niedrigen Tischen. Offenbar hielt Levi ein Festmahl ab (Guelich 1989, 101; France 2002, 132).
- nahmen an der Mahlzeit teil ist die Übersetzung des Prädikats (wie nachfolgten Imperfekt).
- die Eigentlich „und“, καὶ kann aber auch in der Funktion eines Relativpronomens genutzt werden (BDR §442.4).
16 Doch (Und) als die Schriftgelehrten (Schreiber) der Pharisäer 1 sahen, 2 dass er mit den Sündern und Zolleinnehmern (Zöllnern) aß 3 , sagten sie zu seinen Jüngern: „Warum 4 isst er mit Zolleinnehmern (Zöllnern) und Sündern?“
- die Schriftgelehrten der Pharisäer (Gen. part.), der Genitiv zeigt Parteizugehörigkeit an. Nicht alle Pharisäer waren Schriftgelehrte, und nicht alle Schriftgelehrten waren Pharisäer – gemeint sind also die pharisäischen Schriftgelehrten.
- als … sahen Ptz. conj. (Aorist), als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- aß W. „isst“
- Warum Die gering verbreitete, aber schwierigste erhaltene Variante ὅτι ist schwer zu deuten. 1. Es könnte eine Kontraktion von τί ὅτι »warum« (BDR §300.2) sein. 2. Es könnte ein ὅτι recitativum sein, die Frage lautet dann nur: »Er ist mit Zolleinnehmern und Sündern?(!)« 3. Schließlich könnte es sich auch um einen Teil der Frage bzw. des Ausrufs handeln: »Dass er mit Zolleinnehmern und Sündern isst!« (France 2002, 134)
17 Aber (Und) als Jesus [das] hörte, 1 sagte er zu ihnen {dass} 2: „Nicht die Gesunden haben einen Arzt nötig (brauchen), sondern die Kranken (die, denen es schlecht geht). 3 Ich bin nicht gekommen, [um] die Gerechten zu rufen (berufen, zusammenzurufen, einzuladen), sondern die Sünder!“
- als … hörte Ptz. conj., temporal als Nebensatz mit „als“ aufgelöst.
- {dass}: Das ὅτι recitativum übersetzt man am besten als Doppelpunkt.
- die, denen es schlecht geht Subst. Ptz., als Relativsatz aufgelöst. die Kranken ist eine geläufige Übersetzung dieser Wendung, die wir auch Mk 1,32.34 und 6,55 verwenden.
18 Nun (Und) hatten die Jünger von Johannes und die Pharisäer die Angewohnheit, regelmäßig zu fasten (fasteten zu dieser Zeit) 1 . Und [Leute] kamen und fragten (sagten zu) 2 ihn: „Weshalb fasten die Jünger von Johannes und die Jünger der Pharisäer 3 , aber deine Jünger fasten nicht?“
- hatten die Angewohnheit, regelmäßig zu fasten ἦσαν + Partizip präs. umschreibt das Imperfekt (Umschreibende Konjugation, Bauer zu ειμι, BDR §353). Die kursive Übersetzung versucht, das zu umschreiben. Das umschriebene Imperfekt bezeichnet hier entweder den als Angewohnheit gepflegten religiösen Brauch (so Luther, EÜ, ZÜR, NGÜ aü) oder beschreibt einen aktuell stattfindenden Vorgang: fasteten zu dieser Zeit (im Zusammenhang mit V. 15 dann gerade zu der Zeit, als bei Levi das Gastmahl stattfand), was dann Auslöser der folgenden Frage wäre (NGÜ, GNB, Menge). Allerdings macht Markus keine Angaben zum Anlass des Fastens, und die Kritiker scheinen eher eine grundsätzliche Anfrage zu stellen, als zu fragen, warum sich Jesu Jünger nicht an einem gleichzeitig stattfindenden Fasten beteiligen (Vgl. Collins 2007, 197). Johannes und seine Jünger führten einen spartanischen Lebensstil (Mk 1,6; siehe auch die ähnlichen Texte in Mt 11,16–19; Lk 7,31–35). Einige Pharisäer fasteten neben den jährlichen Fastenzeiten und verschiedenen anderen Anlässen (Trauer, Reue) auch montags und donnerstags (Lk 18,12; Guelich 1989, 109).
- kamen und fragten Historisches Präsens.
- Jünger der Pharisäer Da es bei den Pharisäern keine Jünger gab (die Formulierung aber aus rhetorischen Gründen zum Einsatz kommt; France 2002, 138), wäre in diesem Vers die durchgängige Übersetzung »Anhänger« vielleicht passender.
19 Da (Und) erwiderte (sagte) Jesus {zu ihnen}: „Ja (etwa) können die Hochzeitsgäste des Bräutigams 1 denn fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie unmöglich (nicht) fasten!
- Hochzeitsgäste des Bräutigams Wörtlich: »die Söhne des Hochzeitssaals/Brautgemachs«, eine semitische Bezeichnung für die Hochzeitsgäste bzw. die Gruppe von Gästen, die den Anhang des Bräutigams bilden und ihm nahe stehen (NSS; Collins 2007, 198f.). Wenn Jesus sich mit dem Bräutigam vergleicht, benutzt er ein Bild, das im AT Gott vorbehalten war (ebd. 199).
20 Es werden jedoch Tage kommen, wenn der Bräutigam {von} ihnen weggenommen wurde 1 , und dann, an diesem Tag 2 , werden sie fasten.
- weggenommen wurde Das Aorist funktioniert hier wie das Futur 2. Es wäre wohl zu viel in den Vers hineingelesen, wenn man hier einen direkten Bezug zu einem Fasten am Karfreitag (oder dessen eingedenk an allen Freitagen) ausgehen würde, wie das in der Vergangenheit geschehen ist (z.B. formuliert GNB: »dann werden sie fasten, immer an jenem Tag.«). Jesus spricht von einer Zeit, in der er schon nicht mehr da sein wird, nicht von dem einen Tag, an dem er fortgenommen werden wird (eine Beschreibung, die sich – als erste Todesvorhersage bei Markus – wohl tatsächlich auf seinen Tod bezieht)(Guelich 1989, 112ff.; France 2002, 140).
- Tage/Tag Wie im AT häufig stehen hier Tage, wo man auf Deutsch »(eine) Zeit« sagen würde.
21 Niemand näht einen Flicken [aus] neuem (ungewalktem, noch nicht eingelaufenem) Stoff 1 auf ein altes Kleidungsstück, sonst reißt das eingesetzte Stück (der Flicken) von ihm ab – das Neue vom Alten – und es entsteht ein [noch] schlimmerer Riss.
- [aus] neuem (ungewalktem, noch nicht eingelaufenem) Stoff Das benutzte griechische Adjektiv (im NT nur noch in Mt 9,16) wird meist einfach mit »neu« übersetzt (Menge, NSS, BA: »ungewalkt«), im Englischen dagegen mit »unshrunken«=»noch nicht eingegangen« wiedergegeben. Beim Walken wird der »rohe« Wollstoff in Wasser mit Chemikalien behandelt und gekämmt, geknetet oder geschlagen, wobei man es in die gewünschte Form zieht. So verfilzt das Material, es läuft ein und wird fester und formstabiler. Ein Flicken aus ungewalktem Stoff wird beim Waschen also Einlaufen und so das geflickte Kleidungsstück lädieren (LBD wool; France 2002, 141). [aus] Gen. materiae.
22 Und niemand füllt jungen (neuen) Wein in alte Schläuche. Ansonsten wird der Wein die Schläuche zerreißen (sprengen) und der Wein ist verloren (geht verloren), wie auch die Schläuche. 1 Jungen (neuen) Wein [füllt man] doch (vielmehr) in neue Schläuche.“
- Wein beginnt innerhalb weniger Stunden nach dem Pressen zu gären. Bis der Gärprozess abgeschlossen war, füllte man den Wein damals in Tongefäße oder Lederschläuche. Das bei der Gärung entstandene Kohlenstoffdioxid konnte entweichen, weil man die Gefäße zunächst nicht verschloss (vgl. Hiob 32,19). Neue Lederschläuche waren diesem Druck gewachsen und dehnten sich aus, während alte, brüchige Schläuche dadurch kaputt gehen konnten (LBD, Wine; France 2002, 141f.).
23 {Und es ereignete sich} [Einmal, als] 1 er am Sabbat durch die Getreidefelder hindurchging (vorbeiging), da fingen seine Jünger an, unterwegs {die} Ähren abzureißen. 2.
- {Und es ereignete sich} [Einmal, als] ἐγένετο „es ereignete sich“ + AcI versetzt den Leser oder Zuhörer hier wie in V. 15 mitten in einen neuen Handlungsstrang hinein. Καὶ – καὶ „und – und“ scheint semitisierend bzw. in volkstümlichem Griechisch als „als … da“ zu funktionieren.
- fingen seine Jünger an, unterwegs {die} Ähren abzureißen Impliziert ist die weitere Information: „und zu essen“ (vgl. NGÜ), wie die Parallestellen Mt 12,1 und Lk 6,1 verdeutlichen. W. „fingen seine Jünger an, [sich] einen Weg zu bahnen, wobei (indem) sie Ähren abrissen.“ Was genau die Jünger taten, wird erst auf den zweiten Blick klar. Man erhält zunächst den Eindruck, dass die Jünger sich einen Weg durch das Feld bahnten, nicht indem sie die Halme flachtraten, sondern indem sie sie einzeln abrissen! Zu diesem Missverständnis tragen gleich zwei ungewöhnliche Phänomene bei. Erstens ist i.d.R. das adv. Ptz. Aor. eigentlich Umstandsangabe und das finite Verb Haupthandlung. Wer den Satz so liest, versteht ihn jedoch falsch. Besser ist es anzunehmen, dass die partizipiale und die finite Form in diesem Fall in einer sprachlichen Eigenheit vertauscht wurden (so BDR §339 Fn 5; NSS). Die wörtliche Übersetzung müsste also etwa so lauten: „während sie [sich] einen Weg bahnten, begannen sie, Ähren abzureißen.“ Das zweite Phänomen betrifft das Verständnis dieser Umstandsangabe, also dem mit „während“ eingeleiteten ersten Satzteil in der soeben zitierten wörtlichen Übersetzung. ὁδὸν ποιεῖν heißt hier nicht „einen Weg bahnen“, sondern ist zu verstehen wie klass. ὁδὸν ποιεῖσθαι „reisen, wandern“ (statt medial wird aktiv formuliert, BDR §310 Fn 3; NSS; Guelich 1989, 119), wie in Ri 17,8 LXX. Die Formulierung wird aus stilistischen Gründen meist adverbial übersetzt (unterwegs).
24 Und die Pharisäer sagten zu ihm: „Schau (siehe), was sie [an] einem Sabbat tun: [etwas], das nicht erlaubt ist! (Warum tun sie [an] einem Sabbat, was nicht erlaubt ist?)“ 12
- Die Pharisäer werfen den Jüngern in dieser Episode vor, am Sabbat zu arbeiten, indem sie ernten. Das wäre am Sabbat verboten (Ex 20,8-11; Dtn 5,12-16; Ex 34,21). Die Verletzung der Sabbatruhe galt als einer der schlimmsten Verstöße gegen den Sinai-Bund (Watts 2007, 139). Eine so kleinliche Auslegung des Gesetzes war zu Jesu Zeit in frommen jüdischen Kreisen üblich. Nach dem Exil begannen die Juden, sehr detaillierte Auslegungen des Gesetzes zu erarbeiten, mit Detailregeln für jeden Bereich des Lebens. Indem man sich an sie hielt, sollte man ein unabsichtliches Brechen des Gesetzes oder Verunreinigung möglichst ausschließen können. So regelt das etwa in dieser Zeit entstandene sog. „Damaskus-Dokument“: „Niemand darf am Sabbat aus beruflichen Gründen auf dem (bzw. seinem) Feld unterwegs sein.“ (CD 10,20-21, sinngemäß nach einem engl. Zitat). Weiter heißt es: „Niemand darf am Sabbat essen außer dem, was schon zubereitet ist, weiter nichts, das auf den Feldern liegt“ (CD 10,22-23). Dtn 23,25 beschreibt den Unterschied zwischen dem Pflücken der Ähren und dem Ernten: Ersteres war auch in fremden Feldern erlaubt, Letzteres nicht. Andere Texte verbieten zwar auch das Pflücken am Sabbat, es geht dabei aber um gezielte Ernte. Die Jünger bewegen sich daher innerhalb einer umstrittenen Grauzone, denn streng genommen bereiten sie weder essen zu, noch ernten sie in geschäftlichem Ausmaß (Collins 2007, 201f.). Die Pharisäer sehen darin dennoch einen Bruch des Sabbats, während Jesus seine Jünger gewähren lässt, weil das Gesetz für ihn im Sinne des Menschen auszugelegen ist (V. 27).
- Deuteronomium 23,25
25 Aber (und) er erwiderte (sagte) {zu ihnen}: „Habt ihr noch nie gelesen, was David tat, als er in einer Notlage war ([nichts zu essen] hatte) 1 und er und die bei ihm Hunger litten (Hunger hatten)?
- in einer Notlage war ([nichts zu essen] hatte) W. »Mangel hatte/litt«. In heutigem Deutsch müssen wir entweder etwas allgemeiner (wie vor der Klammer) oder spezifischer (wie in der Klammer) formulieren. Zu unserer Übersetzung vgl. LUT, ELB, ZÜR, MEN.
26 Wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar 1 in das Haus Gottes ging und die geweihten Brote (Schaubrote, ausgestellten Brote) 2 verzehrte, die außer den Priestern niemand essen darf, 3 und auch denen, die bei ihm waren, [etwas davon] gab?“4
- Abjatar In der herangezogenen Geschichte in 1Sam 21,2-7 ist es nicht Abjatar, sondern dessen Vater Ahimelech, der in Nob die Stiftshütte verwaltet und David aushilft. Erst später (in 1Sam 22,20) tritt Abjatar als dessen einziger überlebender Sohn in Erscheinung, der sich zu David flüchtet, nachdem Saul alle anderen Mitglieder von Ahimelechs Familie im Zorn hat massakrieren lassen. Allerdings war Ahimelech in der Geschichte nicht Hoherpriester, wohl aber später sein Sohn (Collins 2007, 202f.). Die beiden Namen sind schon in 2Sam 8,17 und 1Chr 24,6 vertauscht, was mit dem Bericht bei Markus zusammenhängen könnte. Es gibt verschiedene weitere Erklärungen: 1. Der Name des wichtigeren könnte sich in der Überlieferung der Geschichte von selbst durchgesetzt haben (Collins 2007, 202f.; Guelich 1989, 122). 2. Der Hohepriester Abjatar wird absichtlich erwähnt, entweder weil im Zusammenhang dieser Geschichte auch erzählt wird, wie er Hoherpriester wurde (Jesus benutzt seinen Namen dann als »Stellenangabe« innerhalb 1. Samuel), oder weil er das Ereignis selbst miterlebte und für Davids Legitimation als König später eine wichtige Rolle spielte (Watts 2007, 141). 3. Aus den unterschiedlichen Versionen könnte zu entnehmen sein, dass beide Priester Doppelnamen hatten (vgl. NSS). 4. Möglicherweise hat Markus’ aramäische Quelle Abjatar nur als »großen Priester« o.ä. bezeichnet, woraus Markus auf Griechisch unabsichtlich »Hoherpriester« machte (vgl. France 2002, 146 Fn 52).
- geweihte Brote W. etwa »Brote der Ausstellung« (appositiver Genitiv), also zu Deutsch »die ausgestellten Brote«. Jesus benutzt hier den Begriff aus der LXX für die aus dem AT bekannten »geweihten Brote« oder »Schaubrote« (NSS).
- Levitikus 24,5
- 1 Samuel 21,2
27 Und er fügte hinzu (sagte) {zu ihnen}: „Der Sabbat wurde für (um … willen) den Menschen geschaffen (gemacht) und nicht der Mensch für (um … willen) den Sabbat.
28 Also (Daher, sodass) ist der Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) 1 Herr sogar (selbst, auch) [über] den Sabbat 2.“
- Menschensohn Zum Titel s. die Fußnote zu V. 10. Der Titel bezieht sich wie überall im Neuen Testament als Selbstbezeichnung auf Jesus. Es wurde auch für V. 27-28 verschiedentlich vorgeschlagen, dass sowohl »Mensch« (V. 27) als auch »Menschensohn« (V. 28) beide dasselbe aramäische Wort übersetzen. In beiden Versen würde Jesus dann entweder von der Menschheit oder in stilistischer Variation von sich selbst sprechen. Oder die Formulierung »Mensch«/»Menschensohn« ähnelt Ps 8,5, sodass V. 27 vom Menschen, und V. 28 entweder vom Menschen oder von Jesus spricht. Im letzten Fall wäre Jesu Aussage für die Pharisäer nachvollziehbar (so Guelich 1989, 126f.; Collins 2007, 204f.). Doch hätten die christlich denkenden Leser des Evangeliums die Formulierung wohl nicht anders denn als christologischen Titel verstanden – egal wie sie in ihrem ursprünglichen Kontext gemeint war. Es wäre zudem theologisch problematisch, wenn Jesus den von Gott verordneten Sabbat der Willkür des Menschen unterworfen hätte. Und letztlich hätte der Satz nach dieser Deutung lediglich wiederholt, was schon der vorige besagte (Edwards 2002, 96f.). Markus meint daher wohl: Weil Jesus (als der Menschensohn) größere Autorität hat als David, hat er auch die Autorität, den Sabbat zu definieren. Beide sind Gottes Auserwählte, die auf einer von Gott bestimmten Mission sind. So haben jedenfalls Matthäus (12,8) und Lukas (6,5) die Aussage verstanden (France 2002, 147f.; vgl. Collins 2007, 204f.; Edwards 2002, 96f.).
- Herr sogar [über] den Sabbat κύριός Herr mit Genitiv heißt »Herr über« (NSS).
Chapter 3
1 1 Und er ging wieder einmal in die Synagoge. Und dort war ein Mann, der eine verkrüppelte (gelähmte) 2 Hand hatte. 3
- [Status: Zuverlässig]
- verkrüppelt W. „verdorrt“ (LUT, ELB, EÜ), „vertrocknet“, was den damaligen medizinischen Vorstellungen entsprach (Collins 2007, 206). GNB: „abgestorben“, ZÜR: „verkümmert“, MEN: „gelähmt“. Unsere Übersetzung wie NGÜ.
- der ... hatte Attributives Partizip Präsens. Als Relativsatz aufgelöst.
2 Und sie achteten (man achtete, sie lauerten) genau 1 darauf, ob er ihn [am] Sabbat 2 heilen würde, um gegen ihn Anklage erheben (um ihn anzuklagen) [zu können].
- sie achteten (man achtete, sie lauerten) genau Das Subjekt „sie“ bezeichnet sicherlich die Pharisäer aus 2,24 und 3,6. Mk lässt die Referenz aber bewusst offen und verwendet stattdessen einen impersonalen Plural - vielleicht auch als Passiversatz, also „wurde belauert“ –, um so den Eindruck einer allgemeinen feindlichen Atmosphäre zu erzeugen.
- [am] Sabbat Temporaler Dativ.
3 Und er sagte 1 zu dem Mann mit der verkümmerten (gelähmten, verdorrten) Hand 2: „Komm (Steh auf) 3 in die Mitte!“
- sagte Historisches Präsens.
- mit der verkümmerten Hand Attr. Ptz. (vgl. V. 1), aus stilistischen Gründen nicht als Relativsatz, sondern als Präpositionalphrase übersetzt. verkümmert S. die Fn zu „verkrüppelt“ in V. 1. Hier benutzt Markus ein Adjektiv aus derselben Wurzel wie das Ptz. in V. 1, das sich in der Bedeutung nicht wesentlich unterscheidet.
- Komm (Steh auf) W. »Steh auf«, aber ἐγείρω wird im Griechischen öfter auch – ähnlich wie hebr. קוּם – vergleichbar unserem deutschen »Auf!«, »Los!« etc. verwendet (»entsemantisierter Vorbereitungsimperativ«). Das ist vermutlich auch hier die Bedeutung (vgl. BDAG zu ἐγείρω). »Komm!« ist die im Kontext stimmigste Übersetzung und wird so auch von BDAG emfpohlen. In der Übersetzung wird daraus: »Komm in die Mitte!«
4 Und er fragte (sagte) 1 sie (zu ihnen): „Ist es richtig (erlaubt), [am] Sabbat 2 Gutes zu tun oder Schlechtes zu tun? Leben zu retten oder zu töten?“ Aber sie schwiegen (sagten nichts).
- fragte Historisches Präsens.
- [am] Sabbat Temporaler Dativ.
5 Da (Und) blickte (schaute) er sie voll Zorn (zornig) 1 alle der Reihe nach (ringsum) an. 2 Tief betrübt (voller Mitleid) über die Verstockung (Sturheit, Härte) 3 ihrer Herzen 4 , sagte er zu dem Mann: „Strecke die Hand aus!“ Und (Da) er streckte [sie] aus und seine Hand wurde wieder gesund (wiederhergestellt).
- voll Zorn (zornig) Die Präposition μετά + [Gefühl] dient zur Angabe von Gemütszuständen (BDAG Bed. III.1).
- blickte … alle der Reihe nach (ringsum) an übersetzt das Prädikat. Ptz. conj. (Aor.), hier temporal gleichzeitig zu verstehen. V. 3 Komm (Steh auf) in die Mitte! legt nahe, dass Jesus den Mann mit der verkrüppelten Hand in die Mitte der Versammlung gestellt hatte. In Synagogen saß man auf Steinbänken an den Wänden oder auf Matten auf dem Fußboden (Guelich 1989, 134). Jetzt schaut er mit einem deutlich spürbaren Blick in die Runde.
- tief betrübt (voller Mitleid) Ptz. conj. Präsens (modal); in der Klammer als Präpositionalphrase aufgelöst. Andere Möglichkeiten: „Er war [tief] betrübt“, „weil er [tief] betrübt war, ...“ Die meisten verstehen die Beschreibung als Ausdruck der Trauer, nicht des Mitleids, obwohl jenes ebenso möglich wäre (vgl. NSS; France 2002, 151).
- ihrer Herzen W. „ihres Herzens“
6 Und (Doch) sobald die Phärisäer hinausgegangen waren, 1 fassten sie unverzüglich ihn betreffende (gegen/über ihn) Pläne (den Beschluss, berieten) 2 mit den Herodianern (Anhängern von Herodes), wie sie ihn beseitigen (zerstören, töten, aus dem Weg räumen, loswerden) [könnten].
- sobald … hinausgegangen waren Ptz. conj., temporal (vorzeitig) als Nebensatz aufgelöst. Ebenfalls möglich: „Doch die Pharisäer gingen hinaus und...“ (gleichzeitig)
- fassten Pläne Gr. συμβούλιον ἐδίδουν Sonst unbekannte Formulierung, wörtlich: „Rat geben“. Übersetzungen: „einen Beschluss fassen“ (NSS, ZÜR, EÜ), „Rat halten“ (z.B. Elb, Lut), „beschließen“ (GNB), „beraten“ (Menge), NGÜ wie OfBi. Das Verb steht im Imperfekt. Daraus wird ersichtlich, dass sie über einen gewissen Zeitraum berieten oder Pläne schmiedeten.
7 Und (Daraufhin) Jesus zog sich mit seinen Jüngern zum Meer (See) 1 zurück, und eine große Menge aus Galiläa folgte [ihnen], auch (und) aus Judäa, 2
- Meer Gemeint ist wie schon in Mk 2,13 der See Gennesaret, das „Meer von Galiläa“. Auch die gesonderte Erwähnung der Menschenmenge aus Galiläa weist darauf hin.
- auch (und) aus Judäa Markus beschreibt hier zwei getrennte Gruppen, eine in V. 7 und eine in V. 8. Die erste enthält mindestens Menschen aus Galiläa. Bei der Versabgrenzung verstand man offenbar auch Leute aus dem anderen großen jüdischen Gebiet, Judäa, als Teil dieser Menge, doch schloss Jerusalem (V. 8) etwas willkürlich aus. Sinnvoller erscheint eine Aufteilung nach geographischer Nähe: In Galiläa befindet sich Jesus gerade. Judäa, Jerusalem und Idumäa liegen südlich davon, das „Gebiet jenseits des Jordans“ östlich und Tyrus und Sidon nördlich. Die Aufzählung bedeutet schlicht: „Von nah und von überall her aus der Ferne (und auch aus Jerusalem)“. So verstehen es die herangezogenen Übersetzungen, nur ELB geht von nur einer Menge aus und muss dann in V. 8 noch einmal „eine große Menge“ ohne echte Funktion erwähnen. Ähnlich ging es bei Johannes zu, dessen Wirken sich auf Judäa beschränkte und der hauptsächlich die Menschen dieser Provinz erreichte (Mk 1,5), wobei auch Galiläer wie Jesus von ihm hörten und ihn aufsuchten (1,9).
8 {und aus} Jerusalem, {und aus} Idumäa und [dem Land] jenseits des Jordans, sowie der [Gegend] um Tyrus und Sidon kam 1 eine große Menge zu ihm, die (weil/als sie) hörten, 2 was ([alles], das; wie viel) er tat.
- kam W. „kamen“ (Constructio ad sensum). Genauso das folgende Partizip „die hörten“.
- die hörten Ptz. conj. Präsens, kausal oder temporal, hier als Relativsatz aufgelöst, der beide Aspekte vermitteln kann.
9 Und er sprach zu seinen Jüngern, damit ihm wegen der Menschenmenge ein kleines Boot bereitstehen würde, damit sie ihn nicht erdrückten,
10 denn er heilte (hatte geheilt) 1 so viele, dass sich diejenigen ([alle], solche), die Leiden (Qualen) hatten, 2 sich um ihn drängten (sich auf ihn stürzten), um ihn zu berühren.
- heilte bzw. hatte geheilt Das Aorist könnte hier gut die Vorvergangenheit bezeichnen (Grosvenor/Zerwick; Kleist 1937, S. 193; van Iersel 1998, S. 162; vgl. Zerwick §290). Gut GN, KAM: „Weil er schon so viele geheilt hatte, stürzten...“. „Weil“ auch ALB, B/N, HER, MEN, NGÜ; ähnlich BB.
- Leiden (Qualen) W. „Geißel“, übertragen „Plage“. Per Bedeutungserweiterung auch „Leiden“ oder „Gebrechen“ (vgl. LN 23.182). hatten Markus benutzt das Imperfekt, um die anhaltende Situation zu beschreiben. Das setzt sich bis V. 12 fort.
11 Und die unreinen Geister fielen vor ihm nieder, sobald sie ihn sahen, und schrien {und sagten} 1 {dass} 2: „Du bist der Sohn Gottes!“
- {und sagten} Pleonastisches Partizip.
- {dass} ὅτι recitativum.
12 Und er drohte (befahl, wies an) ihnen nachdrücklich (streng), damit sie ihn nicht bekannt machten. 1
- drohte (befahl, wies an) ihnen nachdrücklich W. etwa „wies sie viel zurecht“. Das Adverb πολλὰ „viel“ benutzt Markus hier intensivierend (ganz ähnlich wie „sehr“), daher die Übersetzung nachdrücklich. Wie in Mk 1,25 (s. Fn dort) kontrolliert Jesus hier Dämonen, denen er bindende Befehle erteilt. So heißt das Wort in diesem Kontext eher (indirekte Rede einleitend) befehlen. Guelich benutzt stattdessen die Übersetzung „seiner Kontrolle unterwerfen“ (engl. „subdue“), was im Kontext ebenfalls gut möglich ist (ders. 1989, 148f.). Die Übersetzung müsste man dann im Hinblick auf πολλὰ (dann iterativ) und den Nebensatz leicht anpassen: „Und er unterwarf sie immer wieder seiner Kontrolle, damit sie nicht öffentlich machten, [wer er war].“ drohte ..., damit sie ihn nicht bekannt machten – Das Griechische drückt den indirekt geäußerten negativen Befehl durch einen finalen Nebensatz aus, das Deutsche mit einem Infinitivsatz. Stilistisch schöner mit „verbieten“: verbot … zu machen.
13 Dann (Und) stieg er auf den Berg und rief 1 diejenigen zu sich, die er selbst sich ausgesucht hatte 2; und sie kamen zu ihm 3.
- stieg und rief Historisches Präsens.
- die er selbst sich ausgesucht hatte W. „die er selbst wollte“. NSS schlägt sinngemäß „die er bei sich haben wollte“ vor (so NGÜ, ähnlich MEN, ZÜR). EÜ: „die er erwählt hatte“, GNB: „die er für eine besondere Aufgabe vorgesehen hatte“.
- kamen zu ihm W. „gingen/kamen weg zu ihm“ oder „verließen (hin) zu ihm“. Man hat sich das vielleicht bildlich so vorzustellen, dass sie sich auf seinen Ruf hin aus der Menge lösten und ihm kamen. Doch der Gebrauch des Worts in einer anderen Berufungssituation (Mk 1,20) zeigt, dass Markus mit dem Wort für seine Leser wieder auch eine Trennung vom alten Leben (oder von der Jesus nur aus Sensationslust folgenden Masse) ausdrücken möchte (vgl. Guelich 1989, 157).
14 Und er bestimmte (berief, setzte ein) 1 zwölf, damit sie mit ihm seien und damit er sie zum Predigen (Verkündigen) aussenden [könnte]
- bestimmte W. „machte“, ein Semitismus (Guelich 1989, 157).
15 und [damit sie] Macht (Vollmacht, Autorität, Ermächtigung) zum Austreiben [von] Dämonen hätten.
16 Und er bestimmte (berief, setzte ein) die Zwölf, und er gab Simon [den] Namen „Petrus“;
17 und Jakobus, den [Sohn] von Zebedäus, und Jakobus’ Bruder Johannes, und er gab ihnen [die] Namen „Boanerges“ 1 , das heißt 2 „Söhne des Donners“;
- „Boanerges“ kommt in der Bibel nur hier vor und ist offenbar die griechische Schreibung eines aramäischen oder hebräischen Titels. „Boane-“ steht dabei für „Söhne“, auch wenn diese Form des hebräischen/aramäischen בני sonst nicht bekannt ist und auch nicht der richtigen Aussprache entspricht. Es gibt verschiedene Vermutungen, welche anderen Begriffe dahinterstehen könnten, aber insgesamt liegt die Herkunft des Titels im Dunkeln (Collins 2007, 219-21).
- heißt W. „ist“
18 weiter (und) Andreas, {und} Philippus, {und} Bartholomäus, {und} Matthäus, {und} Thomas, {und} Jakobus, den [Sohn] von Alphäus, sowie (und) Thaddäus, {und} Simon den Eiferer (Zeloten) 1
- Simon den Eiferer (Zeloten) Während Lk 6,15 den Jünger als Zeloten ausweist (Σίμωνα τὸν καλούμενον ζηλωτὴν), nennen Mk 3,18 und Mt 10,4 ihn Σίμων ὁ Καναναῖος „Simon der Kananäus“. Das ist Aramäisch für „Eiferer“, was Lukas korrekt ins Griechische übertragen hat. Simon wird aber nicht zur politischen Bewegung der Zeloten gehört haben, die erst im Winter 67-68 entstand. Die wurden die Zeloten erst zur Zeit des jüdischen Kriegs (um 70 n. Chr.) zu einer Bewegung unter diesem Namen. Simon erhielt den Titel vielleicht, weil er besonders eifrig und fromm in der Wahrung des Gesetzes war (Collins 2007, 222f.; France 2002, 162f.). Andererseits hätten Markus' Leser den Beinamen vielleicht schon so (und nicht anders) verstanden (ders., 163).
19 und Judas Iskariot 1 , der ihn dann (auch) auslieferte (verriet) 2.
- Iskariot Dieser Beiname ist wohl die griechische Schreibweise für Hebr. איש קריות „Mann aus Keriot“, einem Dorf nahe Hebron in Juda. In Joh 6,71; 13,26 trägt schon sein Vater diesen Beinamen. Judas trug den Beinamen als Unterscheidungsmerkmal, weil der Name „Juda“ zu Jesu Zeit zusammen mit „Simeon“ (Simon) und „Jeshua“ (Jesus) einer der häufigsten jüdischen Namen überhaupt war. Nach anderen, jedoch problematischen Vorschlägen ist Iskariot entweder ein Beiname, den Judas erst nach seinem Verrat von den frühen Christen erhielt. Er leitet sich dann von Aramäisch סכר, sakar „Lügner, Falscher“ ab. Oder er stammt aus Judas' angenommener Vergangenheit als jüdischer Freiheitskämpfer und leitet sich von Lat. sicarius „Meuchelmörder“ ab (ähnlich wie bei einem anderen Jünger, Simon dem Zeloten). Doch wenn schon Judas' Vater den Beinamen trug, ist die erste Theorie die wahrscheinlichste. Judas wäre dann der einzige Jünger, der nicht aus Galiläa stammt (Collins 2007, 223; Guelich 1989, 163).
- auslieferte (verriet) Das Wort heißt „übergeben“ oder „ausliefern“ (hier zum ersten Mal für Jesus). In Mk 1,14 bezeichnet es (vielleicht absichtlich) die Verhaftung von Johannes dem Täufer. Die Evangelien benutzen das Wort in verschiedenen Fällen für Jesu Verrat, Festnahme und Übergabe an die Autoritäten sowie zur Kreuzigung. Die Konnotation des Verrats ist dabei in vielen Fällen enthalten (z.B. Joh 13,2). Dasselbe Verb benutzt die LXX für den stellvertretenden Tod des leidenden Knechts in Jes 53,6.12 LXX. Nach der angekündigten Wegnahme des Bräutigams in 2,20 ist es schon die zweite Andeutung von Jesu späterem Schicksal (Collins 2007, 223f.).
20 Später (Und) ging [Jesus] nach Hause (in ein Haus). 1 Und wieder versammelte 2 sich die Menschenmenge, sodass sie nicht einmal dazu kamen, [etwas] Brot zu essen 3.
- nach Hause bzw. in ein Haus Es wird sich wieder um Petrus' Haus in Kafarnaum handeln, das Jesus offenbar bezogen hat (vgl. Mk 1,29; 2,1). Abgesehen von seinem Besuch in Levis Haus (2,15) ist es das einzige bisher identifizierte (France 2002, 164f.).
- ging und versammelte Historisches Präsens.
- Brot essen Ein Semitismus für das Einnehmen einer Mahlzeit (Guelich 1989, 167). Entsprechend steht in den meisten Übersetzungen nur „essen“. Das Subjekt sie könnte sich auch auf die Menge beziehen, der Satz ergibt aber nur Sinn, wenn die Subjekte des vorigen Abschnitts (Jesus und die zwölf Jünger) wegen der aufdringlichen Menschenmenge nicht zum Essen kommen.
21 Und als seine Angehörigen (Anhänger) 1 [davon] erfuhren ([das] hörten), machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen (zurückzuhalten, festzuhalten) 2 . Sie meinten (sagten) nämlich {dass} : „Er hat den Verstand verloren!“ (meinten nämlich, er habe den Verstand verloren.)3
- Angehörigen (Anhänger), w. „die bei ihm“, bezieht sich nach traditioneller Auslegung auf Jesu direkte Familie. Die Handlung wird in den Versen 22-30 unterbrochen, um in V. 31 wieder aufgenommen zu werden. Dort steht als Subjekt „Seine Mutter und seine Brüder/Geschwister“; (France 2002, 165; Guelich 1989, 172). Nach G. Hartmann, BZ 11 (1913) 249–79 könnte es sich auch auf seine Anhänger (=die Jünger) beziehen, die außer Kontrolle geratene Menge beruhigen wollen. Dies ist jedoch aufgrund sprachlicher Beobachtungen unwahrscheinlich. Das Problem ist, dass die Phrase οἱ παρʼ αὐτοῦ „die bei ihm“ so allgemein ist, dass man sie zunächst auf die Jünger beziehen würde – das ist aber schon deshalb auszuschließen, weil die Jünger ja bei ihm sind und sich nicht erst auf den Weg zu ihm machen müssen. Erst mehrere Verse später klärt Markus uns darüber auf, wer genau hinter der Bezeichnung steckt (France 2002, 165f.). Luther: „die Seinen“, ZÜR: „seine Verwandten“, andere Übersetzungen wie OfBi.
- mit Gewalt zurückzuholen bzw. zurückzuhalten W. „ergreifen, festnehmen“ Das Verb lässt offen, ob seine Verwandten Jesus gegen seinen Willen nach Hause bringen, ihn im Haus festhalten oder ihn von der außer Kontrolle geratenen Menge fernhalten und beschützen wollten. Letzteres setzt freilich voraus, dass sie in der Nähe waren und nicht erst von Nazaret kommen mussten. Wenn mit Jesu Zuhause (V. 20) nicht Nazaret gemeint ist (unwahrscheinlich aufgrund der vagen Ausdrucksweise) oder Jesus aus anderen Gründen Verwandte in unmittelbarer Nähe hatte, ist nicht davon auszugehen, dass diese sich aufgrund der in V. 20 beschriebenen Lage zum Handeln entschieden. Eher werden sie von seinem Aufenthalt in Kafarnaum erfahren haben (Guelich 1989, 172).
- Psalm 69,9
22 Und (Dann) die Schriftgelehrten (Schreiber), die aus Jerusalem gekommen waren, 1 verbreiteten (meinten, sagten) 2 {dass}: „Er ist von Beelzebul besessen!“ 3 und {dass} : „Er treibt die Dämonen mit (mithilfe) dem Fürsten (Herrscher, Obersten) der Dämonen aus!“
- die ... gekommen waren Attr. Ptz. Aor., als vorzeitiger Relativsatz aufgelöst.
- verbreiteten Gr. einfach sagten. Das durative Imperfekt zeigt hier aber an, dass es sich um die Position handelte, die die Schriftgelehrten vertraten – und verbreiteten. Das Bild der aufgeregten Menschenmenge aus V. 20 steht also nicht mehr direkt im Hintergrund. Ähnlich die Position von Jesu Angehörigen im vorigen Vers mit demselben Imperfekt: „Er hat den Verstand verloren!“ Besessenheit und Wahnsinn lagen im damaligen Denken sehr nah beieinander (vgl. France 2002, 169).
- „Er ist von Beelzebul besessen!“ W. „Er hat Beelzebul!“ Diese Formulierung drückt (wie in Mk 5,15; 7,25; 9,17) Besessenheit aus. Bei Jesus könnte jedoch auch gemeint sein, ihm stehe für seine Wunder Beelzebuls Macht zur Verfügung, den er kontrolliert. Ein derartiger Pakt wäre ein klarer Verstoß gegen das Gesetz, den es unter die Todesstrafe stellt (Lev 19,31; 20,27). Der aus dem AT bekannte kanaanitische Gott Baal (nun mit einem sonst unbekannten Beinamen, בעל זבל, Baal Zabul → wohl „Fürst Baal“) war zur Zeit Jesu noch als mächtiger Dämon bekannt, wie aus dem zeitgenössischen Werk „Testament Salomos“ hervorgeht. Der Name „Baal“ bedeutet auf Hebräisch auch einfach „Herr, Meister“. Es ist leicht nachvollziehbar, wie dieser Name im Volksglauben schließlich dem Herrscher der Dämonen zugeschrieben wurde (Collins 2007, 228-31). Doch erst Markus (bzw. Jesus) setzt den Beelzebul mit dem im nächsten Vers eingeführten Satan gleich; bei den Zuhörern wird das als bekannt vorausgesetzt (France 2002, 170; Collins 2007, 231). Aus Beelzebul wurde über die lateinische Übersetzung Beelzebub das deutsche „Belzebub“.
23 Und er rief sie zu sich und 1 argumentierte (redete, sagte) mithilfe (in Form von) [einiger] bildhafter Vergleiche (in Gleichnissen) 2 zu ihnen: „Wie kann Satan 3 [den] Satan austreiben?
- er rief sie zu sich und Temporales (gleichzeitig) Ptz. conj., mit „und“ beigeordnet.
- mithilfe [einiger] bildhafter Vergleiche Häufige Übersetzung: in Gleichnissen (wie Klammer), die klassische griechische Bedeutung ist aber „Vergleich“. Aristoteles bezeichnet den Vergleich als eine häufige rhetorische Beleg- oder Beweisform, eine übertragene Illustration, die eine klare argumentative Schlussfolgerung vermittelt (Collins 2007, 231). „Gleichnisse“ sind bei Markus bildhafte Analogien, Rätsel, Metaphern oder Allegorien, die Jesus als Illustrationen zu Hilfe nimmt, um seine Position in verständlicher, einprägsamer Form zu vermitteln (vgl. Guelich 1989, 175). Oft lässt er die Gleichnisse für sich sprechen und erklärt sie nicht, sodass sie den Zuhörern Rätsel aufgeben. NGÜ: „er gebrauchte dazu eine Reihe von Vergleichen“, GNB: „erklärte ihnen die Sache durch Bilder“, NEÜ: „gab ihnen durch einige Vergleiche Antwort“, EÜ: „belehrte sie in Form von Gleichnissen“
- Satan Graecisierte Version des hebräischen »Satan«. Das ist im AT kein Eigenname, sondern ein Titel, der je nach Kontext »Feind, Widersacher, Verleumder« oder »Ankläger« heißen kann (Gr. ὁ διἀβολος). In Ijob 1-2 und Sach 3,1-2 wird so ein »Ankläger« am himmlischen Hof genannt (gewöhnlich mit dem Teufel identifiziert). Erst in den rabbinischen Schriften kommt Satan regelmäßig als Eigenname vor (Collins 2007, 231f.). Hier wird er mit Beelzebul gleichgesetzt, im NT ansonsten oft ὁ διἀβολος »der Teufel/Verleumder«.
24 Und wenn 1 ein Königreich (Reich, Staat) sich mit sich selbst verfeindet 2 , [dann] kann jenes Königreich (Reich, Staat) nicht bestehen.
- wenn / wenn [wirklich] - Jesus äußert im folgenden drei parallel aufgebaute Sätze: »Wenn X sich mit sich selbst verfeindet, dann kann jenes X nicht bestehen.« Der dritte Satz aber unterscheidet sich ein wenig von den beiden vorherigen: Sätze 1 und 2 sind mit [ἐὰν + Konjunktiv] konstruiert (2 sog. »generelle Bedingungssätze«), Satz 3 dagegen mit [εἰ + Indikativ] (ein sog. »einfacher Bedingungssatz«) (vgl. dazu Hoffmann/Siebenthal §280c; Zerwick §303-5.320): Jesus macht zuerst zwei allgemeingültige Aussagen, die er dann auf die falsche Annahme der Schriftgelehrten überträgt. Grosvenor/Zerwick schlagen daher für Satz 3 gut vor: »Wenn [also] wirklich...«.
- sich mit sich selbst verfeindet W. etwa »gegen sich selbst geteilt/gespalten wird« bzw. »mit sich selbst im Streit liegt« (so NSS, NGÜ, NEÜ). Die Wendung lässt sich nur schwer direkt übersetzen. Der Schwerpunkt scheint jedoch auf dem Beginn der Spaltung, Feindschaft oder des Streits zu liegen.
25 Und wenn eine Familie (Haus) sich mit sich selbst verfeindet , [dann] wird jene Familie (Haus) nicht bestehen können.
26 Und wenn [wirklich] der Satan gegen sich selbst rebelliert (auflehnt, erhebt) und sich mit sich selbst verfeindet , [dann] kann er nicht bestehen bleiben, sondern es hat ein Ende [mit ihm] 1.
- es hat ein Ende [mit ihm] W. »er hat ein Ende«. LUT: »es ist aus mit ihm.«
27 Doch niemand kann 1 in das Haus des Starken eindringen (einbrechen, hineingehen) und 2 seine Einrichtung (Besitztümer, Hausrat) plündern, wenn er den Starken nicht zuerst fesselt, 3 dann erst kann er sein Haus ausplündern 4.5
- niemand kann W. »niemand kann nicht«. Die doppelte Verneinung verstärkt die Aussage.
- eindringen und Ptz. conj., temporal, mit »und« beigeordnet.
- In V. 26 befindet sich (wie in 24 und 25) ein prospektiver Konditionalsatz, der anhand des gesunden Menschenverstands eine »Faustregel« aufstellt (Siebenthal 2011, §280). Rein syntaktisch gehört der letzte Versteil (Prädikat im Futur, nicht Konj. Aor.) nicht mehr dazu.
- kann ausplündern Als modales Futur verstanden (NSS).
- Jesaja 24,26
28 Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch 1 {dass} : Den Kindern (Söhnen) der Menschen 2 kann (wird) alles vergeben werden 3 – alle Sünden (Verfehlungen) und Gotteslästerungen, welche (wie viele) sie auch lästern (begehen, aussprechen) mögen.
- Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch D.h. »Ich versichere euch«. Ja (Amen, Wahrlich) Das Wort Amen stammt aus dem Hebräischen und bildet im AT häufig den bekräftigenden Abschluss von Doxologien. Die griechische Übersetzung lautet meist »So sei/geschehe es!« Aus dem zeitgenössischen Judentum wie aus dem frühen Christentum ist es dann als liturgische Bekräftigungsformel bekannt, wie es auch heute in Gebrauch ist. Jesus ist der einzige, der es benutzt, um die zu bekräftigende Aussage einzuleiten. Mit ähnlicher Autorität wie bei Gottes Worten im Alten Testament will auch er keinen Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Aussage aufkommen lassen (France 2002, 174f.; Guelich 1989, 177f.). Hier in Mk 3,28 kommt es zum ersten Mal im Markusevangelium vor. Matthäus benutzt es gerne doppelt. Die Übersetzung ist schwierig. Luther machte daraus das bekannte »Wahrlich (ich sage euch)«, dem bis heute etliche Übersetzungen folgen. EÜ, ZÜR einfach »Amen«; kommunikative Übersetzungen übersetzen die Phrase für gewöhnlich sinngemäß, etwa »Ich versichere euch...«.
- Kindern (Söhnen) der Menschen Semitische Formulierung, die einfach »Menschen« oder »die Menschheit« umschreibt. Kinder gibt den geschlechtlich unbestimmten Plural von »Sohn« inklusiv wieder (Generisches Maskulinum).
- kann (wird) vergeben werden Das Futur ist wohl modal (NSS).
29 Doch wer immer gegen den Heiligen Geist lästert, [für] den gibt es in {der} Ewigkeit (im kommenden Zeitalter) 1 keine Vergebung, sondern er ist ewiger Sünde schuldig!“
- in Ewigkeit Das griechische Wort bezeichnet in diesem Kontext ein heilsgeschichtliches »Zeitalter«, hier das prophetisch angekündigte kommende Zeitalter, die Ewigkeit. Die Aussage »für den gibt es in Ewigkeit keine Vergebung« heißt also »für den wird es niemals Vergebung geben« (Guelich 1989, 179). Jesus spricht hier eine Warnung für Leute aus, die Gottes Wirken als Dämonenwerk verunglimpfen wollen.
30 [Das fügte Jesus hinzu,] weil sie sagten: „Er ist [von] einem unreinen Geist besessen!“ 1
- besessen W. „Er hat einen unreinen Geist!“ Dazu s. die Erklärung in der Fußnote zu V. 22.
31 Dann (Und) kamen 1 seine Mutter und seine Geschwister (Brüder) 2. {und} Sie blieben draußen stehen (standen) und 3 schickten [jemanden] zu ihm (ließen ihm ausrichten), 4 um (wobei sie) ihn zu rufen. 5
- kamen Historisches Präsens, W. „kam“.
- Geschwister (Brüder) Generisches Maskulinum. Es ist allerdings durchaus annehmbar, dass hier nur Jesu Brüder beteiligt waren. Ab dem vierten Jahrhundert hat die Rede von Jesu „Brüdern/Geschwistern“ den Kirchenvätern einige Schwierigkeiten bereitet. Problemlos vereinbar ist sie mit dem Glauben an die jungfräuliche Empfängnis; ab dem späten vierten Jahrhundert kam aber in der Theologie zusätzlich der Topos der „immerwährenden Jungfernschaft“ Mariens auf: Maria sei nicht nur zur Zeit der Empfängnis Jesu und nicht nur bis zur Geburt Jesu, sondern Zeit ihres Lebens Jungfrau gewesen. In der katholischen Kirche ist dies noch heute ein Dogma mit dem Status „de fide“ (also dem höchstmöglichem; wer anders glaubt, macht sich der Häresie schuldig), vgl. ad loc. KKK 499f. Auch die orthodoxe Kirche hat die Rede von Mariens immerwährender Jungfernschaft in ihre Liturgie aufgenommen, Luther und Calvin glaubten an diese Lehre und Zwingli hat sie sogar verfochten. In der Folge gab es einige Versuche, die Rede von den Brüdern/Geschwistern Jesu umzudeuten. Cranfield 1959, S. 144 unterscheidet gut (1) die „Epiphanische Position“ (nach Epiphanius), die Brüder/Geschwister Jesu seien als leibliche Kinder aus einer früheren Ehe Josephs nur Jesu Halbbrüder, und (2) die „Hieronymianische Position“ (nach Hieronymus), es handle sich sich bei den Brüdern/Geschwistern Jesu nur um Jesu Cousins (ähnlich immer noch gut: Lagrange 1929, S. 79f); andere auch: Semitismus für „Verwandte im Allgemeinen“ (z.B. KAR zu Mt 1,25). Beide Deutungen lässt der griechische Text auch zu ((2((2) zumindest, wenn man den Ausdruck als Semitismus liest) und werden daher immer noch von einigen Exegeten vertreten, aber da der Text keine direkten Hinweise darauf enthält, dass er so zu verstehen sei, ist die heutige Mehrheitsmeinung, dass es sich doch um Jesu leibliche Geschwister und Mariens leibliche Kinder handle. Selbst NVul übersetzt: „fratres“.
- Sie blieben stehen und Ptz. conj., temporal oder modal, als mit „und“ beigeordneter Satz aufgelöst.
- schickten [jemanden] zu ihm (ließen ihm ausrichten) - Zur Alternativübersetzung vgl. Louw/Nida 15.67 („send a message“). Das ist hier vorzuziehen, weil im Folgesatz ja nicht dieser nicht benannte „Jemand“, der auch gar nicht im Text steht, Jesus auf seine Verwandten hinweist, sondern „sie“ bzw. „man“ (s. übernächste FN).
- um ihn zu rufen Wohl finales Ptz. conj., als finaler Nebensatz aufgelöst (vgl. NSS). Auch ein temporal-modales Verständnis ist möglich – in diesem Fall warten die Verwandten die Rückkehr ihres „Boten“ nicht ab, sondern rufen nach Jesus, noch während der Bote bei Jesus ist! Man sollte allerdings berücksichtigen, dass die Menge nach Mk 3,20 so dicht und aufdringlich war, dass Jesus und die Jünger nicht einmal zum Essen kamen. Kein Wunder, dass seine Familie nicht zu ihm durchkam.
32 {und} Eine Menschenmenge saß um ihn herum, und sie sagten (man sagte) 1 zu ihm: „Da draußen 2 fragen deine Mutter und deine Geschwister (Brüder) nach (suchen nach, wollen etwas von) dir!“
- sagten Historisches Präsens. Die Alternativübersetzung in der Klammer versteht das Prädikat unpersönlich (vgl. EÜ, NGÜ).
- Da draußen - W. »Siehe, deine Mutter und deine Geschwister draußen suchen dich«. »°Siehe°« hat hier die Funktion, Jesus auf etwas räumlich Nahes aufmerksam zu machen (Bailey 2009, S. 329); sinnvoller daher statt wörtliche Üs.: »Da draußen«.
33 Und er antwortete ihnen {und sagte} 1: „Wer sind 2 meine Mutter und meine Geschwister (Brüder) ?“
- antwortete ihnen {und sagte} Zu antwortete: Ptz. conj. (modal-temporal), mit „und“ beigeordnet. {und sagte} Historisches Präsens. Im Deutschen ist das doppelte Prädikat unnötig.
- sind W. »ist«
34 Und während (indem, nachdem) er der Reihe nach [alle] anschaute, 1 die [im] Kreis (rings) 2 um ihn saßen, 3 sagte er: „Siehe, (Das hier sind, Ihr hier seid) 4 meine Mutter und meine Geschwister!
- während (indem, nachdem) er der Reihe nach anschaute Ptz. conj. (Aor.), temporal-modal als Nebensatz aufgelöst.
- [im] Kreis Erstarrter lokaler Dativ (NSS).
- [alle], die ... saßen Substantiviertes Partizip, als Relativsatz aufgelöst.
- Siehe, (Diese hier sind, Ihr hier seid) - W. °Siehe°, aber auch hier fungiert es »deiktisch« - als würde Jesus mit dem Zeigefinger eben nicht auf seine Familie, sondern auf die im Kreis um ihn Sitzenden zeigen. Im Deutschen entspricht dem eher ein »Diese hier sind« (so z.B. BB, B/H, EÜ, GN, HER, H-R, HfA, KAR, MEN, NeÜ, NGÜ, NL, R-S, Stier, WIL, Zink, ZÜR). Und weil diese »Diese hier« natürlich die um ihn Sitzenden sind, eigentlich sogar eher »Ihr hier seid« - aber so niemand.
35 Denn wer immer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und [meine] Schwester und [meine] Mutter.“
Chapter 4
1 1 Und wieder einmal (erneut) begann er am Meer (See) 2 zu lehren. Und eine so gewaltige Menschenmenge versammelte sich bei ihm, dass er in ein Boot stieg und 3 [darin] auf dem Meer (See) saß 4 , und die ganze Menschenmenge blieb (war) 5 am Ufer 6 an Land.
- [Status: Zuverlässig]
- Meer Gemeint ist wie schon in Mk 2,13; 3,7 der See Gennesaret, das „Meer von Galiläa“. Bisher hat sich Jesus fast nur in Galiläa aufgehalten.
- stieg und Ptz. conj., temporal, mit „und“ beigeordnet übersetzt.
- [darin] auf dem Meer (See) saß Die Formulierung ist etwas plump. Luther missversteht offenbar den griechischen Satzbau und übersetzt bezüglich des Bootes „das im Wasser lag“. Guelich erwähnt den Vorschlag, dass „ins Boot steigen und sitzen“ ein Aramaismus ist, der einfach „an Bord gehen“ bedeutet. Doch Markus könnte uns auch bewusst darauf hinweisen, dass Jesus sich setzte, denn das war die normale Haltung eines Lehrers (Guelich 1989, 191).
- blieb (war) W. „waren“ (Constructio ad sensum).
- am Ufer W. „(nah) am Meer“ oder „zum Meer hin gewandt“.
2 Und er lehrte sie mit (mithilfe, in) Gleichnissen (bildhaften Vergleichen) viele [Dinge] (lange) und er sagte 1 zu ihnen, während er lehrte (bei/in/während seiner Lehre) 2:
- lehrte und sagte stehen im Imperfekt, was für eine (fortdauernde) Predigt passend ist. πολλὰ könnte daher hier nicht nur viele Dinge heißen, sondern auch ein Adverb sein und dann lange bedeuten (NSS, so EÜ).
- während er lehrte LUT: „in seiner Predigt sprach er zu ihnen“, GNB, NGÜ: „Unter anderem sagte er“
3 „Hört! Seht! (Einmal) Der Säende (Sämann) machte sich auf, [um] zu säen.
4 Und beim Säen kam es dazu (geschah es), [dass] ein [Teil des Saatguts] ([Samenkorn]) 1 an den Wegesrand (auf den Weg) 2 fiel, und die Vögel kamen und fraßen es auf.
- ein [Teil des Saatguts] ([Samenkorn]) Gr. ὃ μὲν – ἄλλο »eins – ein anderes« oder »ein [Teil] – ein anderer [Teil]«. Für viele Übersetzungen bedeutet das: »ein [Teil des Saatguts]«. Allerdings spricht V. 8 dann von »anderen« (Plural), was darauf hindeuten könnte, dass Markus beispielhaft von einzelnen Körnern spricht. Eines fiel auf den Weg – andere fielen auf guten Boden (Guelich 1989, 193; France 2002, 191f.).Auch den Singular »Wurzel« (V. 6) könnte man so verstehen. Allerdings handelt die Geschichte von Körnern, die mit der Hand ausgestreut werden. Da würde man eher erwarten, dass Jesus vom Schicksal mehrerer Körner als Kollektiv spricht. Weiter klingt es eher nach mehreren Körnern, die am Ende des Verses gleich von den Vögeln (Pl.) gefressen werden (vgl. Stein 2008, 197). Schließlich benutzt Markus in V. 8 Zahlwörter (»ein [Korn]« usw.) für das Schicksal einzelner Körner, aber nicht hier. Es ist also wahrscheinlicher, dass erst ab V. 8 einzelne Körner in den Blick kommen.
- an den Wegesrand (auf den Weg) Die griechische Präposition παρά lässt beide Möglichkeiten zu, wenn Markus mit semitischem Einschlag formuliert (Guelich 1989, 193), doch für auf hätte er ἐπί verwenden können (wie in V. 7, 8), παρά heißt eher »bei« (Stein 2008, 198).
5 Und ein anderer [Teil] fiel auf felsigen Boden, wo er nicht viel Erde hatte, und [die Saat] ging schnell auf, weil sie keine tiefe Erde hatte.
6 Doch (und) als (nachdem) die Sonne aufging (hochstieg), wurde [die Saat] versengt, und weil sie keine Wurzeln 1 hatte, verdorrte sie (trocknete sie aus).
- Wurzeln W. »Wurzel«
7 Und ein anderer [Teil] fiel zwischen die Dornengewächse (Dornbüsche, Dornen), und die Dornengewächse (Dornbüsche, Dornen) wuchsen auf (überwucherten) und erstickten [die Saat], und sie brachte keine Frucht.
8 Und andere [Körner] ([Teile]) fielen auf {den} guten Boden (Erde) und brachten Frucht, indem (während, wobei) sie aufgingen (aufwuchsen) und wuchsen, 1 und ein [Samenkorn] ([Teil der Saat]) brachte 30, {und} eins 60 und eins 100 [Körner] hervor ([das Saatgut] trug dreißig- {und}, sechzig- und hundertfach [Frucht]) 2.“
- indem (während, wobei) er aufging und wuchs Zwei Ptz. conj., modal-temporal Nebensatz übersetzt.
- 30, 60, 100 [Körner] bzw. dreißig-, sechzig- und hundertfach [Frucht]. Gr. ἔφερεν ἓν τριάκοντα usw. Die Frage ist, wie ἓν »eines« (Ntr. Sg. des Zahlworts ) zu verstehen ist. Man kann es als Subjekt verstehen: ein [Samenkorn]. Oder es könnte ein Aramaismus sein, der die Zahlen 30, 60 und 100 zu Vielfachen macht, also »mal« oder »-fach« bedeuten (wie in Dan 3,19; so die meisten Übersetzungen; nach Guelich 1989, 188). Da V. 8 von anderen im Plural spricht, sind nun vermutlich einzelne Körner als Teile des Saatguts gemeint (auch wenn der Satz genauso gut funktioniert, wenn man stattdessen von mehreren Teilen Saatgut ausgeht). Folglich ist es plausibel, ἓν als Subjekt zu verstehen. Die Annahme eines exotischen Aramaismus ist dann unnötig (so GNB nach NSS; Collins 2007, 239 Fn i; France 2002, 192f.). Die Parallelstellen sind unentschieden: Lukas formuliert freier und verwendet in Lk 8,8 ein Vielfaches. Matthäus folgt Markus sehr genau, ersetzt aber das gr. εν, εν, εν durch ὃ μὲν, ὃ δὲ, ὃ δὲ, die er deutlich auf einzelne Samenkörner bezieht. Diese Beobachtung und die Tatsache, dass der griechische Text sich auch natürlich und ohne Zuhilfenahme eines vermuteten Aramaismus erklären lässt, waren für die getroffene Entscheidung ausschlaggebend.
9 Dann (und) sagte 1 er: „Wer Ohren hat [zum] Hören, soll hören (höre)!“
- sagte (V. 9 sowie 21, 24, 26, 30) Imperfekt wie in V. 2, und 11. Signalisiert(e) es (ursprünglich) die Fortsetzung der Predigt aus V. 2? Oder führt Jesus seine Erklärung des Gleichnisses weiter (wie V. 11)(Guelich 1989, 228)? Zumindest in V. 9 ist beides denkbar. Markus benutzt diese Imperfektform häufig, um Sprichwörter oder markante Aussagen Jesu einzuleiten (ebd., 205), was besonders zum Gebrauch ab V. 21 passen würde. Ab V. 21 erscheint die Einleitung jedes Mal, um zwischen einzelnen Aussagen zu unterscheiden. Hier würde (wie in V. 11) die Interpretation funktionieren, dass es sich dabei um Aussagen handelte, die Jesus immer wieder machte, und die deshalb von seinen Anhängern mit dem Imperfekt bewart wurden („Jesus sagte immer...“, „Jesus pflegte zu sagen...“).
10 Und wenn (als) er für sich alleine war, fragten ihn [die Leute], die um ihn [waren], mit den Zwölfen [immer wieder 1 nach] den Gleichnissen (Vergleichen).
- fragten … [immer wieder] Das Verb steht – genau wie sagte im nächsten Vers – im Imperfekt, was den kurzen Einschub der Verse 10-12 als (sich wiederholt ereignende) Anekdote kennzeichnet (vgl. France 2002, 194), oder dass Jesus auf solche Anfragen üblicherweise dieselbe Erklärung von sich gab. Markus hat Jesu Predigt auf dem Wasser (4,1-2) hier unterbrochen und diese Anekdote hier zwischen dem Gleichnis von der Saat und dessen Erklärung als wichtige Kontextinformation untergebracht. Diese Unterbrechung erkennt man möglicherweise auch daran, dass es schwer vorstellbar ist, wie Jesus, der eben noch vom Boot aus zu einer gewaltigen Menge predigte, nun mit den Jüngern allein sein kann. Die Verse 33-34 scheinen diese Anekdote noch einmal aufzugreifen, während V. 35ff. die Haupthandlung wieder ein- und zum nächsten Ereignis überleiten.
11 Dann (und) sagte 1 er zu ihnen: „Euch ist das Geheimnis von Gottes Königreich (Königsherrschaft) gegeben, aber denen draußen (den Außenstehenden) wird alles in (mit, mit Hilfe von) Gleichnissen (Vergleichen, Rätseln) vermittelt,
- sagte Imperfekt, zur Erklärung siehe die vorige Fußnote.
12 damit [sie] sehen und (obwohl sie sehen; beim Sehen) sehen und (aber) nicht erkennen,und hören und (obwohl sie hören; beim Hören),1 hören und (aber) nicht verstehen,damit sie nicht etwa umkehren (sich bekehren) und ihnen vergeben wird.“2
- sehen und sehen und hören und hören W. »sehend sehen« und »hörend hören« (wie ZÜR, ELB). Es handelt sich um zwei Partizipien, die eine hebräische Stilfigur wörtlich übertragen. Ihre Funktion ist es, die fragliche Aussage zu verstärken – im Deutschen kann man das nur umschreiben. Der zitierte Text aus Jes 6,9 ist allerdings eine Aufforderung (EÜ: »Hören sollt ihr, hören«, GNB: »Hört nur zu … seht hin, so viel ihr wollt«). Jesus dagegen zitiert den Vers recht frei und benutzt die dritte Person Plural. Zur Intensivierung zielen viele Übersetzungen auf wiederholtes und sehr genaues Hinsehen und Hinhören: »sehen sollen sie, sehen ... hören sollen sie, hören« (EÜ), »Sie sollen hinsehen, so viel sie wollen ... sie sollen zuhören, so viel sie wollen « (GNB), »immerfort sehen ... immerfort hören« (MEN), »mit sehenden Augen sehen ... mit hörenden Ohren hören« (Luther). Nimmt man das Zitat für sich, könnte man es auch nach den Regeln der griechischen Grammatik auflösen. obwohl sie sehen und obwohl sie hören wäre die Deutung als Ptz. conj., die hier konzessiv als Nebensätze aufgelöst sind (ähnlich NGÜ). beim Sehen ... beim Hören wäre modal. Auch die wörtliche Übersetzung sieht wohl eine modale Sinnrichtung (vgl. NSS).
- Jesaja 6,9; Markus 8,18
13 Und er sagte zu ihnen: „Begreift ihr dieses Gleichnis (Vergleich) 1 nicht? Wie [wollt] ihr dann (und) überhaupt (all die [anderen]) 2 Gleichnisse (Vergleiche) verstehen?
- dieses Gleichnis Jesus spricht nun wieder vom Gleichnis von der Saat (Mk 4,3-9). Die Beschreibung von Jesu (üblicher?) Antwort auf derartige Fragen nach seinen Gleichnissen (s. die Fußnote in V. 10) endet in V. 12.
- überhaupt (all die [anderen]) W. »all die Gleichnisse« (vgl. ELB). Unsere Übersetzung folgt MEN, NGÜ, ZÜR. »Überhaupt« kann ebenso umfassend gemeint sein wie »alle«. Vgl. die Definition von πᾶς »jeder« in LN 59.23: »the totality of any object, mass, collective, or extension—‘all, every, each, whole.’«
14 Der Säende (Sämann) sät das Wort (die Botschaft) 1.
- Wort (V. 14ff. und 33) bezeichnet den Inhalt von Jesu Verkündigung (vgl. Mk 2,2), die bisher sein Evangelium vom nahen Reich Gottes (1,15) und die Gleichnisse (v.a. ab Kap. 4) umfasst. In der Zeit, als das Evangelium in Umlauf kam, bezeichnete Wort in christlichen Kreisen das christliche Evangelium. Der Vergleich von Mk 1,15 und 2,2 scheint darauf hinzuweisen, dass auch Markus die beiden Begriffe austauschbar benutzt (France 2002, 204; Collins 2007, 251f.).
15 {und (aber)} Die am Wegesrand (auf dem Weg) sind diejenigen, in die (wo) das Wort (die Botschaft) gesät wird, und sobald sie [es] hören, kommt der Satan und nimmt das in (auf) sie hineingesäte Wort (Botschaft) gleich (schnell) wieder weg.
16 Und die auf den felsigen Boden Gesäten sind diejenigen, die das Wort (Botschaft) gleich mit Freuden annehmen, sobald sie es hören 1,
- die das Wort gleich mit Freuden annehmen, sobald sie es hören W. »die, sobald sie das Wort hören, es gleich mit Freuden annehmen«
17 aber (und) keine Wurzel in sich haben, sondern unbeständig sind. Wenn es dann wegen des Wortes (der Botschaft) zu Leid (Bedrängnis, Schwierigkeiten) oder Verfolgung kommt, 1 geben sie bald (schnell, gleich) auf (wenden sich/fallen ab, kommen zu Fall, ärgern sich).
- wenn es … zu … kommt Temporal aufgelöster Genitivus absolutus.
18 {und} Andere sind die unter die Dornengewächse (Dornbüsche, Dornen) Gesäten. Es sind diejenigen, die das Wort (die Botschaft) hören (gehört haben), 1
- die … hören bzw. gehört haben Als Relativsatz aufgelöstes substantiviertes Partizip. Man kann das Partizip Aorist sowohl vorzeitig wie gleichzeitig übersetzen.
19 und (aber) wenn weltliche Sorgen (Sorgen der Gegenwart, Zeit) 1 , {und} die Verlockung (Täuschung) des Reichtums und das Verlangen (die Gier, Sehnsucht) nach allem anderen dazukommen (sich breit machen), 2 ersticken sie das Wort (die Botschaft) und (sodass) es wird unfruchtbar.
- weltliche Sorgen W. »Sorgen der Welt/Zeit/Gegenwart«, appositiver Genitiv.
- wenn … dazukommen Temporal aufgelöstes Ptz. conj..
20 Und die auf die gute Erde gesät werden, 1 sind jene, die das Wort (die Botschaft) hören und annehmen und Frucht bringen, eines 30, {und} eines 60 und eines 100 (dreißigfach, {und} sechzigfach und hundertfach) 2.“
- die … gesät werden Als Relativsatz aufgelöstes subst. Ptz..
- eines 30, {und} eines 60 und eines 100 S. die Fußnote zur gleichen Formulierung in V. 8. Wenn nicht der dort von vielen gesehene Aramaismus vorliegt (dann wie Klammer), hat Jesus die Formulierung direkt aus der eigentlichen Parabel übernommen, er meint hier also weiter »ein [Samenkorn] bringt 30 [weitere] hervor« usw. (NSS), wobei er die Metapher nicht extra ausdrücklich auf die Jüngerschaft anwenden muss.
21 Und (Dann) er sagte zu ihnen: „Bringt man 1 etwa [eine] Lampe, um sie unter [einen] Behälter (Scheffel, Gefäß, Schüssel, Eimer) oder unter das Bett (Liege, Sofa) zu stellen? Oder doch eher (Nein), um sie auf den Lampenständer (Leuchter) zu stellen 2?
- Bringt man W. »kommt«, d.h. etwa »wird herbeigebracht«, eine gängige griechische Wendung (NSS).
- um zu stellen (2x) Oder etwas genauer an der griechischen Syntax orientiert: »damit … gestellt wird«
22 Denn es gibt nichts Verborgenes (Verstecktes, Geheimes), außer um es öffentlich (offenbar, sichtbar) zu machen 1 , und es ist auch nichts geheim (verborgen) geworden (geschehen), außer um ins Tageslicht (Offene) zu kommen.
- um zu machen Oder etwas genauer an der griechischen Syntax orientiert: »damit … gemacht wird«
23 Wer Ohren hat [zum] Hören, soll hören (höre)!“
24 Und (Dann) er sagte zu ihnen: „Achtet auf [das], was ihr hört! Mit dem Maß, mit dem ihr messt (zuteilt), wird euch [euer Teil] zugemessen (zugeteilt) werden, und euch wird noch mehr gegeben werden.
25 Denn wer hat, dem wird gegeben und wer nicht hat, {von} dem wird auch das, [was] er hat, weggenommen werden.“
26 Und (Dann) er sagte : „Gottes Königreich (Königsherrschaft) ist so, wie wenn ein Mann die Saat ([einen] Samen) auf das Ackerland (den Boden) streut (wirft, fallen lässt).
27 Während (dann, und) 1 er schläft und erwacht, Nacht und Tag, {und} sprießt und wächst die Saat (der Same) – wie (während), [das] weiß er selbst nicht (ohne daß er selbst etwas davon weiß) 2.
- Während … {und} W. »und … und«. In Markus' volkstümlichem Griechisch entspricht das wohl (ähnlich wie im Hebräischen) einer temporalen Verbindung (vgl. Mk 2,23), daher die Wiedergabe als temporaler Nebensatz.
- wie, [das] weiß er selbst nicht bzw. ohne dass er selbst etwas davon weiß Das Gleichnis enthält einige Merkmale, die darauf hinweisen könnten, dass der Bauer unabsichtlich einen Samen hat fallen lassen (oder weggeworfen hat), der ohne sein Wissen (die Klammer folgt MEN) wächst und Frucht bringt. Dazu passt, dass der Mann sich – ganz untypisch – gar nicht mehr um die Pflanze kümmert, auch das eher harsche Wort βάλῃ (W. »wirft«) in V. 26 könnte dazu passen. Allerdings ist das Reich Gottes ja von Gott planvoll gepflanzt und angelegt, und auch das christliche Zeugnis von Gottes Reich ist eher bewusst und planvoll als unbewusst (wenn man annimmt, dass der unwissende Bauer hier noch für christliche Verkündiger steht; in V. 29 steht er für Gott). Doch das Gleichnis dreht sich eher um das passive Erleben des Bauern, was mit der Saat passiert, als um seine Identität (France 2002, 214). βάλῃ könnte hier auch einfach »fallen lassen, ausstreuen« im Sinne des Säens heißen, es steht vielleicht, um seine Sorglosigkeit und passive Rolle bezüglich der Entwicklung des Getreides hervorzuheben (Guelich 1989, 245). Auch die Ernte (V. 29) deutet eher auf ein ganzes Feld hin. Und σπόρος heißt (wie NGÜ, GNB), wenigstens in diesem Kontext, eher »Saat(gut)« als »Same« (vgl. Lk 8,5.11; 2Kor 9,10). Der Gedanke, dass der Mann einen ganzen Haufen Saatgut einfach weggeworfen (oder versehentlich fallen lassen) haben könnte, ist unplausibler als mit einem einzelnen Samenkorn. Sein Unwissen deckt sich vielmehr mit dem der Jünger, die Jesu Gleichnis vom Reich Gottes nicht verstanden haben (4,13) und es trotzdem verbreiten werden (Guelich 1989, 241), ohne Einfluss auf den Erfolg zu haben. Dass der Bauer sein Feld nicht pflegt, ist eher ein Stilmittel, das das selbständige Wachstum von Gottes Reich noch unterstreicht und dabei vielleicht hervorhebt, dass menschliche Anstrengungen damit nichts zu tun haben (so z.B. France 2002, 214).
28 Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst einen Halm, dann eine Ähre, dann mit voll ausgereiftem Weizen 1 in der Ähre.
- voll ausgereiftem Weizen bezieht sich auf die Körner in der Ähre.
29 Und (aber) sobald die Frucht es zulässt, setzt er gleich (bald) die Sichel an (sendet aus) 1 , weil die Erntezeit gekommen ist.“2
- setzt er die Sichel an (sendet aus) »Die Sichel aussenden« ist ein Semitismus (Jesus lehnt seine Formulierung an Joel 4,13 an) und heißt sie zum Gebrauch einzusetzen oder anzulegen (LN 43.17; vgl. Offb 14,15.18). Auf Hebräisch und Aramäisch »sendet« man seine Hand aus, wenn man sie ausstreckt (z.B. Ps 138,7; Esr 6,12). Es handelt sich um eine Metonymie, denn der reale Bauer erntet nicht selbst, sondern sendet seine Schnitter aufs Feld (NSS).
- Joel 4,13
30 Und (Dann) sagte er: „Womit können wir Gottes Königreich (Königsherrschaft) vergleichen, oder mit (in) welchem Bild (Gleichnis, Vergleich) können wir es darstellen?
31 Mit einem Senfkorn 1 , das, wenn es in (auf) die Erde gesät wird, [das] kleinste (kleiner [als]) 2 aller Samenkörner ist 3 , die [man] in (auf) die Erde [sät],
- Senfkorn W. »Korn [des] Senfs«. Gemeint ist wohl der Schwarze Senf, der zwischen 30 cm und über 3 m groß werden kann. Ein schwarzes Senfkorn ist nur 1mm dick und wiegt weniger als 1/700 Gramm. Seine Kleinheit war damals in Palästina sprichwörtlich (France 2002, 216; NSS).
- [das] kleinste W. »kleiner«. Superlativisch gebrauchter Komparativ (NSS).
- ist Wohl konzessives Ptz. conj. (NSS), aus stilistischen Gründen einfach als Indikativ übersetzt. Eigentlich etwa: »das, wenn es in die Erde gesät wird, obwohl es das kleinste der Samenkörner ist, die man in die Erde sät, (V. 32) und wenn es gesät wird...« Der unsaubere Satzbau ist wohl dem einfachen Griechisch geschuldet.
32 und wenn es gesät ist, geht es auf (wächst es nach oben) und wird [die] größte (größer [als]) 1 aller Gartenpflanzen, und es treibt so große Zweige, dass in seinem Schatten 2 die Vögel des Himmels nisten (Unterschlupf finden) können.“3
- [die] größte W. »größer«. Superlativisch gebrauchter Komparativ (NSS zu V. 31). Dabei handelt es sich (wie bei der ganzen Beschreibung der Senfpflanze als Baum) um eine rhetorische Ausschmückung, um den großen Gegensatz zwischen dem kleinen Senfkorn und der großen Senfpflanze zu beschreiben (Lk 13,19 und Mt 13,32 nennen sie tatsächlich »Baum«)(Guelich 1989, 250). Seltsamerweise geben die deutschen Übersetzungen den Komparativ in V. 31 durchgehend als Superlativ (bis auf ELB) wieder, den gleich aufgebauten hier jedoch als Komparativ.
- in seinem Schatten W. »unter seinem Schatten«
- Ezechiel 17,23; Daniel 4,9; Daniel 4,18
33 So (Und) erläuterte (verkündete, sagte) 1 er ihnen mit (in) vielen solchen Gleichnissen (Bildern, Vergleichen) [seine] Botschaft (das Wort) so, wie (in einer Weise, dass; in dem Maße, wie) 2 sie [sie] verstehen (hören) konnten.
- erläuterte Das Imperfekt drückt entweder eine grundsätzliche Gepflogenheit aus oder hat die Predigt von Mk 4,2 im Sinn. Zur Phrase erläuterte ihnen [seine] Botschaft s. die Fußnote zu Mk 2,2 und die folgende Fußnote zu Wort.
- so wie (in einer Weise, dass) Der Satz mit dieser Konjunktion lässt sich positiv und negativ auffassen. Die Konjunktion heißt dabei entweder so wie i.S.v. in einer Weise, dass (positiv, uneingeschränkt) oder so wie i.S.v. in dem Maße wie (negativ, mit Einschränkungen)(BA καθώς). Positiv gedeutet heißt das: Jesus benutzte die Gleichnisse als Hilfsmittel, damit ihn jeder verstehen und auf seine Botschaft reagieren konnte. Negativ verstanden bedeutet es: Jesus benutzte die Gleichnisse als nicht unmittelbar verständliche Mittel, die mehr als nur oberflächliches Hinhören, sondern eine persönliche Reaktion erforderten. Wer sich damit befasst, reagiert auch darauf und zählt zum Kreis der Leute „um ihn“, denen das wahre Verständnis von Gottes Reich/Herrschaft gegeben ist (4,10; vgl. 3,31-35). Auf das positive Verständnis deutet zunächst der Kontext des ersten Saatgleichnisses hin, denn in dessen Erklärung haben alle Gruppen die Botschaft gehört und in irgendeiner Form positiv darauf reagiert – erst an den Langzeitauswirkungen wird erkennbar, wie tief die Botschaft sie betroffen hat. (Das spricht übrigens gegen eine noch krassere Deutung: dass Jesus sie als Rätsel benutzte, sodass nur eingeweihte sie verstehen konnten.) Für das negative Verständnis spricht V. 34, der erneut zwischen Gleichnissen für die Außenstehenden und klaren Worten für den inneren Kreis unterscheidet. Bisher haben wir erfahren, dass alle die Gleichnisse hörten und zu einem gewissen Grad verstanden, aber nicht jeder gleich darauf reagierte. Es bildete sich ein „innerer Kreis“ um Jesus und die Zwölf, der positiv reagierte und mehr von Jesus erfahren wollte und Jesus folgte (4,10). Diesen Kreis bezeichnet das Wort „Jünger“ in V. 34. Dann gab es andere, die nicht zu Jesus kamen und draußen blieben (wie seine Familie in 3,31ff. oder offenbar ein guter Teil der Menschenmengen), und wieder andere, die zu seinen Feinden wurden (die Pharisäer und Schriftgelehrten aus Kap. 2 und 3). Diese unterschiedliche Reaktion hat Jesus mit dem Gleichnis von der Saat (4,3-20) erklärt. Hier scheint Markus also erneut darauf hinzuweisen, dass nicht jeder die Gleichnisse gleich aufnahm (Guelich 1989, 256; France 2002, 218).
34 Dabei sprach (verkündete) er nie ohne Gleichnis (Bild, Rätsel, Vergleich) mit (zu) ihnen, doch [wenn er] mit seinen Jüngern 1 alleine [war], erklärte er (löste auf, legte aus) 2 alles.
- Jünger Gemeint sind hier nicht nur die Zwölf, sondern die größere Gruppe seiner Anhänger, die schon in V. 10 im Blick war (Collins 2007, 256).
- sprach und erklärte stehen im Imperfekt, wie große Teile der Rahmenhandlung in Kap. 4. Dazu vgl. die Fußnoten zu V. 10 und 9 sowie V. 33.
35 Und an jenem Tag sagte er zu ihnen, als es Abend geworden war: 1 „Fahren wir doch (lasst uns) ans andere Ufer.“ 2
- als es Abend geworden war Gen. abs., temporal als Nebensatz aufgelöst.
- ans andere Ufer Jesus und die Jünger hielten sich bei Kafarnaum am See Gennesaret auf (4,1-2). Das andere Ufer war also das von Nichtjuden bewohnte Ostufer (vgl. France 2002, 222), das sie in Mk 5,1 erreichen.
36 Und nachdem sie die Menschenmenge weggeschickt hatten (wobei … zurückließen), 1 nahmen sie ihn im Boot mit (zu sich ins Boot), wie er war, 2 und auch andere Boote waren bei ihm.
- nachdem sie die Menschenmenge weggeschickt hatten (wobei … zurückließen) Ptz. conj., temporal (oder modal) als Nebensatz aufgelöst. Deutsche Übersetzungen verwenden durchweg „wegschicken“, englische „zurücklassen“.
- im Boot mit (zu sich ins Boot), wie er war Die alternative Übersetzung „nahmen ihn in dem Boot mit, in dem er schon war“, stützt sich darauf, die Konjunktion ὡς „wie/als“ kausal zu verstehen (France 2002, 223) oder frei als Relativsatz zu übersetzen. So steht zwar wie er war nicht bedeutungslos im Raum, aber diese Deutung ist wenig elegant (so ebd.) und sprachlich möglicherweise schwierig. Ihr folgen dennoch viele Übersetzungen. Dass Jesus noch im Boot war, ist andernfalls allerdings (auch von der Wortstellung her) ebenso wahrscheinlich.
37 Da (und) kam ein starker Sturmwind 1 auf, und die Wogen schlugen [bald] so [heftig], [auch] in das Boot, dass das Boot sich schon [langsam] füllte 2.
- starker Sturmwind W. „großer Sturmwind [des] Windes“, eine Formulierung, die sich vielleicht an Jona 1,4 anlehnt.
- schlugen [bald] Imperfekt, [langsam] füllte Infinitiv Präsens (im AcI). Beide Tempusformen suggerieren einen anhaltenden Vorgang, der durch die mit angegebenen Worteinfügungen kenntlich gemacht wurde.
38 Er befand sich währenddessen am Heck, wo er auf dem Kissen schlief, 1 und sie weckten ihn und riefen (sagten) {zu ihm}: „Lehrer, kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?“
- wo er auf dem Kissen schlief Periphrastisches Partizip (oder modales Ptz. conj.), das vielleicht den durativen Aspekt des dadurch umschriebenen Imperfekts noch verstärkt (daher die Ergänzung von [währenddessen]). Aus stilistischen Gründen ist es hier nicht einfach mit deutschem Imperfekt wiedergegeben, sondern mit „befand sich“+Nebensatz. auf dem Kissen könnte sich auf ein mutmaßliches Kissen beziehen, das damals bekanntermaßen (z.B. für Passagiere oder Ruderer) an Bord eines solchen Bootes zu finden war (Guelich 1989, 261). GNB: „auf dem Sitzkissen“
39 Da (und) wachte er auf, 1 unterwarf (fuhr an) 2 den Wind und rief (sagte) dem Meer (See) zu: „Still, sei ruhig!“ Und der Wind ließ nach, und es trat eine große Stille ein.
- wachte auf Ptz. conj. (Aor.), temporal, beigeordnet aufgelöst.
- unterwarf (fuhr an) Die meisten Übersetzungen: „(be)drohte“. Bei Markus benutzt Jesus das Wort sonst, um Dämonen göttliche Befehle zu erteilen, wie Gott das im Alten Testament mit seinen Feinden tat, daher ist die Übersetzung „(jmdn.)(mit einem Befehl) unterwerfen“, „(etw.) befehlen“ angemessen (France 2002, 224). In Ps 105,9 LXX wird mit den gleichen Worten berichtet, wie Gott sich das Schilfmeer unterwarf, um die Israeliten hindurchzuführen (Collins 2007, 262). Jesus beherrscht hier in göttlicher Manier das Wetter. Jona dagegen bleibt in Jon 1,7ff. lieber passiv und will dann lieber in den Fluten sterben, als sich Gott zu fügen. S.a. die Fußnoten zu Markus_1#note_blMk 1,25 und 3,12.
40 Und er sagte zu ihnen: „Warum seid ihr [so] furchtsam (verzagt)? Habt ihr noch keinen Glauben (Vertrauen)?“
41 Da (Und) fürchteten sie sich [mit] großer Furcht (Ehrfurcht) 1 und sagten zueinander: „Wer ist denn dieser [Mann], dass sogar der Wind und das Meer (der See) ihm gehorchen 2?“
- fürchteten sie sich [mit] großer Furcht Wörtliche Übertragung einer hebräischen Stilfigur (figura etymologica). Im Unterschied zur Angst in V. 40 ist hier allerdings auch Ehrfurcht im Spiel (Guelich 1989, 269). Freier einfach „Da bekamen sie große Angst/Ehrfurcht“ oder „Da ergriff sie große Furcht“ (EÜ), „Sie aber fürchteten sich sehr“ (LUT), „Jetzt wurden sie erst recht von Furcht gepackt “ (NGÜ)
- gehorchen W. »gehorcht«
Chapter 5
1 1 Und sie kamen ans andere Ufer des Meeres (Sees), in das Gebiet (Land) der Gerasener (Gergesener, Gadarener) 2.
- [Status: Zuverlässig]
- Gebiet (Land) der Gerasener Das Problem mit dieser Ortsangabe (auch in der Parallelstelle Lk 8,26 bezeugt) ist, dass Gerasa etwa 50 km vom See entfernt liegt. In der Geschichte dagegen muss die Stadt nah am Ufer liegen (5,12-13). Wohl deshalb spricht Matthäus 8,28 stattdessen vom Land der „Gadarener“. Gadara ist zwar ein Ort, der relativ nah am Ufer des Sees liegt, aber die in V. 12 beschriebenen Abhänge fehlen dort. Der Kirchenvater Origenes (3. Jh.) berichtet, solche Abhänge in Gergesa vorgefunden zu haben, wo die Bewohner auch eine Überlieferung kannten, nach der die berichtete Austreibung in ihrem Ort geschehen war (Collins 2007, 263f.). Es ist gut möglich, dass es so war.
2 Und als er gerade (gleich, bald) aus dem Boot (Schiff) gestiegen war (stieg), 1 kam von den Grabstätten (Gräbern, Grabhöhlen) her ein Mann mit einem unreinen Geist auf ihn zu (ihm entgegen),
- als er ... gestiegen war (stieg) Gen. abs., temporal aufgelöst.
3 der [seine] Behausung (Unterkunft, Lager) in den Grabhöhlen (Grabstätten, Gräbern) hatte, und nicht einmal (auch nicht) [mit] einer Kette konnte man ihn noch 1 bändigen (festhalten, fesseln).
- nicht einmal … man … noch W. „nicht einmal … niemand … nicht mehr“. Die dreifache Verneinung intensiviert die ausgedrückte Unmöglichkeit.
4 Er war nämlich schon mehrfach [mit] Fußfesseln und Ketten (Handfesseln) 1 gefesselt worden und (aber) hatte [jedes Mal] die Ketten (Handfesseln) zerrissen 2 und die Fußfesseln zerrieben (zerschmettert), 3 und niemand war stark [genug], ihn unter Kontrolle zu bringen (zu bezwingen, überwältigen, bändigen).
- [mit] Fußfesseln und Ketten gefesselt Schöner wäre „(eisernen) Fuß- und Handfesseln“, etwas freier auch „an Händen und Füßen mit Ketten gefesselt“.
- zerrissen W. „auseinander zerrissen“ (vgl. LN 19.29).
- hatte ... zerrissen und … zerrieben W. „(die Ketten) waren zerrissen und zerrieben worden“.
5 Und die ganze Zeit (ununterbrochen, ständig), nachts wie tags, hielt er sich (war) in den Grabhöhlen (Grabstätten, Gräbern) oder (und) in den Bergen auf, wo (wobei, während) er schrie (schrie er in den Grabhöhlen oder in den Bergen) 1 und sich [mit] Steinen schnitt (verletzte; auf sich einschlug) 2.
- hielt er sich … auf … wo (wobei, während) er schrie Oder einfach „schrie er ununterbrochen … und schnitt sich“. W. ἦν κράζων (w. „war schreiend“) Dieses so genannte periphrastische oder umschreibende Partizip kann man verschieden übersetzen. Häufig dient es als Beschreibung eines anhaltenden Zustands. Hier wurde das Hauptverb aus stilistischen Gründen separat übersetzt (weitere Infos auf der verlinkten Seite). Der Satz lässt sich auch als HS+Ptz. conj. (modal-temporal) übersetzen wie in der Klammer; der Unterschied trägt nichts aus.
- schnitt Deutsche Übersetzungen geben das Wort meist als „auf sich einschlagen“ wieder, doch das Wort heißt eigentlich „(zer)schneiden“, „zerstückeln“. Die Übersetzung „sich schlagen“ ist im Zusammenhang mit Steinen nicht unbedingt die einzig denkbare (LN 19,21; vgl. LSJ).
6 Und als (weil) er Jesus von Weitem sah, 1 kam er angerannt und warf sich vor ihm nieder 2.
- als/weil er sah Ptz. conj., als temporaler (oder kausaler) Nebensatz aufgelöst.
- warf sich vor ihm nieder Das Wort impliziert eine unterwürfige, anbetende Haltung. Zwar erweist der Besessene Jesus in diesem Augenblick wohl noch keine religiöse Verehrung, aber zumindest bezeugt er großen Respekt. Er erkennt ihn als jemanden, der Macht über ihn hat, wie der nächste Vers zeigt (vgl. Collins 2007, 267).
7 {und} Er schrie [mit] lauter Stimme und 1 sagte: „Was willst du von mir 2, Jesus, Sohn Gottes, des Höchsten (des höchsten Gottes)? Ich beschwöre dich bei Gott, mich nicht zu quälen (foltern)!“
- Er schrie ... und Ptz. conj. (temporal), mit „und“-Kombination aufgelöst.
- Was willst du von mir? W. »Was mir und dir?« In Mk 1,24; Mt 8,29; Lk 8,28 greifen Besessene gegenüber Jesus zur selben Wendung. Die Frage ist häufig Ausdruck einer ablehnenden Haltung in einer für den Sprecher unangenehmen oder bedrohlichen Situation, in der er sich dennoch fügen muss. So unter dem Eindruck der Bedrohung: »Was habe ich dir angetan?« (Ri 11,12; 1Kö 17,18; 2Chron 35,21 LXX) Sie kann auch Distanz zum Anliegen eines Bittstellers zum Ausdruck bringen: »Was soll das?« oder »Lasst das sein!« (2Sam 16,10; 19,23 LXX), sinngemäß: »Lass mich in Ruhe, finde einen anderen!« (2Kö 3,13 LXX), oder gleichgültige Distanzierung (Hos 14,9 LXX). Auf der Hochzeit in Kana bittet Jesus seine Mutter Maria mit der gleichen Wendung, sich nicht in seinen messianischen Dienst einzumischen (Joh 2,4) (vgl. France 2002, 103f.; NET Mk 1,24 Fn 48; BA ἐγώ). Im Zusammenhang mit einem bösen Geist, der sich bedroht fühlt, ist (hier und 1,24; Mt 8,29; Lk 8,28) wohl auch das defensive Element vorhanden. Sinngemäß könnte man also sagen: »Was habe ich dir getan? Lass mich in Ruhe!« Zür, REB, GNB: »Was habe ich mit dir zu schaffen?«, Lut, Menge, NGÜ: »Was willst du von mir?«
8 Denn [Jesus] hatte zu ihm gesagt (sagte gerade/wiederholt) 1: „Komm heraus (Fahre aus, verlass) aus dem Mann, unreiner Geist!“,
- hatte gesagt (sagte gerade/wiederholt) übersetzt das Imperfekt, das in diesem Kontext zweierlei anzeigen kann: 1. eine vorvergangene Handlung (Siebenthal 2001 §198f): dass Jesus dies vor der Bitte des Dämons gesagt hatte. 2. eine im Verlauf befindliche Handlung (Siebenthal 2011 §198b): dass Jesus schon zu sprechen begonnen hatte, vielleicht nach der ersten Frage des Dämons. „Denn“ verweist auf den Grund für die in V. 7 geäußerte Bitte. Möglich, dass Jesus die Austreibungsformel mehrmals wiederholte (so Mann 1986, 279). Oder wie MEN: „im Begriff war...“ Fast alle Übersetzungen folgen der ersten Möglichkeit (s. BDR §347; Guelich 1989, 272; Collins 2007, 268).
9 und er fragte ihn: „Was [ist] dein Name?“, und er antwortete (sagte) {zu ihm}: „Mein Name [ist] »Legion« 1, 2 denn wir sind viele.“
- Legion Lat. Lehnwort, die Bezeichnung einer militärischen Einheit. Wahrscheinlich ist es nicht der tatsächliche Name des/der Dämonen, sondern eine ausweichende Antwort. Die Anzahl der Dämonen scheint jedoch zumindest grob in der Größenordnung einer Legion (4-6000 Mann) zu liegen (Collins 2007, 269; Guelich 1989, 281).
- »Was [ist] dein Name?« und »Mein Name [ist]...« W. »Was (für ein) Name [ist] dir?« etc. (possessiver Dativ; NSS)
10 Und er flehte (bat) ihn immer wieder (inständig) 1 an, {dass} sie nicht aus der Gegend (Gebiet, Land) wegzuschicken (zu vertreiben).
- immer wieder (inständig) Das Adverb πολλὰ kann man sowohl intensivierend als auch wiederholend verstehen. Die meisten Übersetzungen intensivieren (vgl. aber V. 23, 38 und 43).
11 Nun (aber, und) weidete (wurde gehütet) in der Nähe (dort) am Berghang 1 gerade 2 eine große Schweineherde 3.
- am Berghang W. „an dem Berg“. Die Präposition weist auf einen Hang hin (vgl. EÜ, NGÜ, GNB).
- weidete gerade Periphrastische Konjugation, die das Imperfekt umschreibt und die Gleichzeitigkeit des durativen Aspekts stärker betont.
- Schweineherde W. „Herde [der] Schweine“
12 Und sie baten (flehten an) ihn {sagend}: „Schicke (Treibe) uns in die Schweine! Wir wollen (damit wir) 1 in sie fahren!“,
- Wir wollen (damit wir) Die Konjunktion ἵνα wird hier (v.a. aus stilistischen Gründen) als selbständiger Begehrungssatz übersetzt (NSS). Vgl. ZÜR, MEN.
13 und er erlaubte [es] ihnen. Da (Und) fuhren die unreinen Geister aus und 1 fuhren in die Schweine, und die Herde raste (stürzte sich, stürmte) den Abhang hinunter ins Meer (den See), ungefähr zweitausend, und ertranken im Meer (See) 2.
- fuhren aus und Temporales oder modales Ptz. conj., hier mit Hilfe einer „und“-Kombination beigeordnet.
- ertranken im Meer Eigentlich können Schweine schwimmen (France 2002, 231). Allerdings ist es nicht undenkbar, dass ihre Panik und schiere Masse (viele Schweine würden im Wasser aufeinander landen und einander unter Wasser drücken) dazu führte, dass sie trotzdem ertranken.
14 Und ihre Hirten 1 ergriffen die Flucht (liefen davon) und verbreiteten (verkündeten, erzählten) [die Nachricht] in der Stadt und auf dem Land (den Höfen, Dörfern) 2. Und [die Leute] machten sich auf (kamen), [um] zu sehen, was das Geschehene war 3.
- ihre Hirten Oder etwas wörtlicher „die sie hüteten“.
- Land W. „Felder“, eine Metonymie für das Land (BA ἀγρός 1; vgl. LN 1.87). Ein anderes Verständnis der Metonymie wäre „Höfe, Dörfer“ (BA ἀγρός 2; NSS), was wohl in Mk 6,36 gemeint ist. Zusammen bilden „Stadt und Land“ einen Merismus.
- was das Geschehene war W. „was das Geschehene ist“; der Objektsatz steht in der selben Zeit, in der direkte Rede stehen würde (vgl. Zerwick § 346; ad loc. Grosvenor/Zerwick).
15 Und sie erreichten (kamen zu) Jesus und sahen (als sie erreichten, sahen sie), dass der Besessene saß, bekleidet und bei Verstand 1 – derjenige, der die Legion gehabt hatte! – und fürchteten sich.
- sahen, dass der Besessene saß, bekleidet und bei Verstand Dreifaches AcP. Aus stilistischen Gründen (allerdings im Rahmen des griechischen Satzbaus) wurde nur das erste Ptz. als Teil des AcP aufgelöst und die anderen beiden Partizipien modal verstanden. bekleidet bedarf keiner Auflösung, bei Verstand gibt das Ptz. als Präpositionalphrase wieder.
16 Und die, die [alles] gesehen hatten, erzählten (schilderten) ihnen, was (wie) mit dem Besessenen passierten war, und von den Schweinen.
17 Da (Und) drängten (baten, forderten auf) sie ihn, 1 ihr Gebiet zu verlassen (fortzugehen aus).
- drängten sie ihn W. „fingen an zu bitten“, eine pleonastische Verbindung, die typisch für Markus ist. „Beginnen“ hat hier sehr abgeschwächte Bedeutung (Siebenthal 2011, §218e; NSS). Übersetzt man das Imperfekt, dann vielleicht so wie ZÜR: „Da baten sie ihn immer dringlicher“ (iterativ), MEN: „Da verlegten sie sich aufs Bitten“
18 {Und} Als er ins Boot stieg, 1 bat (flehte) ihn der, der besessen gewesen war, 2 darum, {dass} bei ihm bleiben [zu dürfen].
- Als er ins Boot stieg Gen. abs., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- der, der besessen gewesen war Subst. Ptz. Aor., als Relativsatz aufgelöst. Eine schönere Übersetzung wäre vielleicht „der vormals Besessene“ oder auch „der ehemalige Besessene“. MEN: „der (früher) Besessene“, GNB sogar: „der Geheilte“.
19 Aber (und) er erlaubte es ihm (ließ ihn) nicht, sondern sagte zu ihm: „Geh nach Hause (in dein Haus) zu den Deinen und berichte (verkünde, erzähle) ihnen, was der Herr dir getan hat und [wie] er Erbarmen mit dir hatte!“
20 Und (Da) er ging fort und begann in der Dekapolis (im Zehnstädtegebiet) 1 zu erzählen (predigen, verkündigen), was Jesus ihm getan hatte, 2 und alle staunten (wunderten sich) 3.4
- Dekapolis Die Dekapolis war eine Region von etwa zehn Städten im heutigen Jordanien, als östlich des Jordan und des Sees Gennesaret. Weitere Informationen liefert der Artikel Dekapolis.
- was Jesus ihm getan hatte W. „was getan hatte ihm Jesus“. „Jesus“ ist bewusst nachgestellt, um den Kontrast zu betonen, der zwischen V. 20 und dem parallelen V. 19 besteht („was der Herr dir getan hat“). Der Geheilte verkündigt Jesus als „den Herrn“.
- staunten (wunderten sich) Eine zeitgemäßere, treffende Übersetzung wäre vielleicht „sie konnten es kaum glauben“.
- Markus 1,45
21 Und nachdem Jesus mit dem (im) Boot wieder (zurück) ans andere Ufer gefahren war, 1 versammelte sich eine große Menschenmenge bei ihm. {und} Er war gerade (während, noch) 2 am Meer (See),
- nachdem … gefahren war Gen. abs., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- gerade … (V. 22) als W. „und … und“ dient hier wieder als Temporalangabe, daher die Übersetzung. Die Zeitangabe könnte sowohl zu V. 21 (LUT, MEN, ELB, ZÜR) als auch zu V. 22 gehören (EÜ, GNB, NGÜ). Diese spezifische Angabe scheint jedoch eher die spezifische Situation von V. 22 einzuleiten.
22 als (da, und) einer der Synagogenvorsteher 1 namens Jairus 2 kam, und als er ihn sah, 3 warf (fiel) er sich ihm vor die Füße
- Synagogenvorsteher Zur Zeit Jesu wurden Synagogen von Laien geleitet. Diese waren verantwortlich v.a. für die Leitung des Gottesdienstes, aber auch für die finanziellen, administrativen und politischen Aspekte des Synagogenlebens (TRE 32, S. 506).
- namens Jairus Gr. der Dativ von Name (possessiver Dativ).
- als er ihn sah Temporales Ptz. conj., wohl beschreibendes Partizip.
23 und bat (flehte an) ihn inständig (mehrfach) 1 {sagend}: „Meine kleine Tochter ist dem Tode nahe (liegt im Sterben, ist todkrank) 2 – komm doch und 3 lege ihr deine Hände auf, 4 damit sie gerettet (geheilt) wird und am Leben bleibt (lebt)!“
- inständig (mehrfach) Das Adverb πολλὰ kann man sowohl intensivierend als auch wiederholend verstehen. Hier scheint die intensivierende Funktion besser zu passen (vgl. V. 38 und 43, aber auch V. 10).
- ist dem Tode nahe Das Gr. ἐσχάτως ἔχει kann man nicht ohne weiteres übersetzen, es bedeutet »sie schwebt in Lebensgefahr« (sinngemäß nach Collins 2007, 279), »sie ist todkrank« (sinngemäß nach LN 23.151; auch ZÜR, MEN, GNB), »liegt in den letzten Zügen« (LUT, ELB), »liegt im Sterben« (NGÜ, EÜ). ist dem Tode nahe nach Guelich 1989, 290.
- komm doch und Temporales Ptz. conj., als Beiordnung übersetzt. Wohl beschreibendes Partizip.
- Komm doch und lege ihr deine Hände auf Im Griechischen handelt es sich um einen selbständigen Nebensatz, der mit der finalen Konjunktion ἵνα eingeleitet ist. Das ist eine andere Möglichkeit, einen Imperativ auszudrücken oder vielleicht zu umschreiben (Siebenthal 2011, §268c; BDR §387.3a; NSS). Obwohl die Grammatiken das nicht erwähnen, ist es möglich, dass es sich um eine elliptische Formulierung handelt und wir uns den Hauptsatz dazuzudenken haben (so France 2002, 236 mit Verweis auf Mk 10,51). Dann könnte man übersetzen: »[Ich bitte dich/möchte], dass du kommst und...«
24 Und er ging mit ihm, und eine große Menge folgte ihm, und sie drängten sich um ihn 1.
- drängten sich um ihn Das griechische Wort konnotiert großen Druck und kann in anderen Zusammenhängen auch „zusammendrücken“ heißen (LSJ). Den Druck der Menge beschreibt Markus also sehr plastisch. Etwas freier: „es herrschte ein großes Gedränge“
25 Und eine Frau, die [seit] zwölf Jahren an Blutungen (Blutfluss) litt 12
- die [seit] zwölf Jahren an Blutungen litt Attr. Ptz., als Relativsatz aufgelöst. Blutungen (Blutfluss) W. „Ausfluss [des] Blutes“. an Blutungen litt W. „war zwölf Jahre mit Blutfluss“. Adela Yarbro Collins zeigt anhand verschiedener zeitgenössischer griechischer Texte, dass es sich dabei um einen (wohl mit der Weiblichkeit zusammenhängenden) Blutausfluss („flow of blood“, Gr. ῥύσις αἵματος) handelt, nicht um eine gewöhnliche Blutung („hemorrhage“, Hämorrhagie, Gr. αἱμορραγία)(Collins 2007, 280). Vermutlich gehörte diese Blutung in den Reinheitsgeboten zu den unreinen Menstruationsblutungen (Lev 15,19–33). Lev 15,25 LXX benutzt in diesem Zusammenhang den gleichen Begriff für die beschriebene Blutung. Die Frau war nicht nur dauerhaft unrein, sondern verunreinigte auch alles, was sie berührte (Guelich 1989, 296f.; France 2002, 236f.).
- Levitikus 15,25
26 und mit (durch) vielen Ärzten viel durchgemacht (erduldet, erlitten) hatte, die ihren gesamten Besitz (Vermögen, Habe) ausgegeben hatte, ohne etwas zu erreichen (einen Nutzen davon zu haben); stattdessen (im Gegenteil) war es ihr immer schlechter gegangen (schlimmer geworden), 1
- durchgemacht … die ... ausgegeben hatte, ohne etwas zu erreichen … gegangen Attr. Ptz. Aor. (4x), vorzeitig übersetzt und (teils unter Wiederholung des Relativpronomens) an den im vorigen Satz begonnen Relativsatz gehängt. Das Hauptverb erfolgt erst in V. 27. Theoretisch könnte man die Partizipien auch als kausale Ptz. conj. verstehen. ohne etwas zu erreichen Aus stilistischen Gründen als Infinitivsatz wiedergegeben. Der Teilsatz hat adversative Konnotation, man könnte ihn im Indikativ folgendermaßen wiedergeben: „aber es hatte nichts genützt“ (GNB, NGÜ, EÜ, ZÜR), „es hatte ihr nichts geholfen“ (LUT). war es ihr immer schlechter gegangen W. etwa „war sie zum Schlechteren gekommen“
27 als sie (die) von Jesus hörte, näherte sich (kam) 1 [diese Frau] in der Menge von hinten und berührte (fasste an) seine Kleidung (Gewand).
- als sie (die) ... hörte, näherte sie sich … und Zwei Ptz. conj. (Präsens und Aorist), temporal aufgelöst. Das erste könnte man auch attributiv verstehen und in den vorangehenden Relativsatz einreihen.
28 Sie sagte sich (dachte) nämlich: „Wenn ich auch nur seine Kleider (Kleidung) berühre (anfasse), werde ich geheilt (gerettet) werden!“ 1
- sagte sich Das Imperfekt zeigt hier die Begründung an, die die Frau sich zurechtgelegt hatte und bis zu ihrer Heilung hegte (für ähnliche Aussagen vgl. 3,21; 6,18; 14,2). Sie ist als (normaler) prospektiver Konditionalsatz formuliert: Die Frau rechnet sich aus, dass die Folge (die Heilung) – vermutlich – eintreten wird, wenn die Bedingung (die Berührung) erfüllt ist (Siebenthal 2011, §282).
29 Und die Quelle ihre Blutes versiegte (vertrocknete) auf der Stelle (sofort), 1 und sie bemerkte (wusste, spürte) [an (in) ihrem] Körper 2 , dass sie von [ihrem] Leiden (Qual) 3 geheilt war.4
- die Quelle ihre Blutes versiegte Idiomatische (blumige?) Ausdrucksweise, die einfach bedeutet: „ihr Blutverluss/ihre Blutung hörte auf“ (LN 23.182; NSS). Die Formulierung entspricht wörtlich der in Lev 12,7 LXX, wo es um die Reinigung einer Frau nach der Geburt geht. Dort erklärt der Priester die Frau für geheilt, nachdem sie ein Lamm als Sühneopfer dargebracht hat. Mit diesem Echo (schon das zweite in dieser Szene nach der gr. Formulierung für „Blutung“ in V. 25) bringt Markus nicht nur die Dimension der rituellen Unreinheit vor dem Gesetz ins Spiel, sondern verbindet Jesus auch indirekt mit dem Priester, der ihre Reinheit vor Gott wieder herstellt (vgl. Guelich 1989, 297). Allerdings geht es in der Geschichte nicht um Reinheit und Unreinheit, sondern in erster Linie um die Heilung von einem chronischen Leiden. Die Frage der Reinheit wird von allen Beteiligten mit völliger Missachtung gestraft – selbst von den zahlreichen Menschen, von denen man erwarten dürfte, dass die Frau sie in der Menge berührt und damit unrein gemacht hat, ist nichts dazu zu hören (Collins 2007, 283f.).
- [an (in) ihrem] Körper Wohl instrumentaler oder lokaler Dativ; hier soll es aber wohl nur markieren, dass es sich bei ihrem „merken“ um eine körperliche Empfindung handelt (Grosvenor/Zerwick), daher besser „spürte sie an ihrem Körper“.
- Leiden (Qual) W. „Geißel“, übertragen „Plage“. Per Bedeutungserweiterung auch „Leiden“ oder „Gebrechen“ (vgl. LN 23.182).
- Levitikus 12,7
30 Und Jesus, der (als/weil er) innerlich (bei sich) sofort merkte, 1 dass Kraft [von ihm] ausgegangen war, 2 drehte sich in der Menschenmenge um und fragte (sagte, wiederholte) 3: „Wer hat meine Kleider (Kleidung) berührt (angefasst)?“
- der (als/weil er) merkte Ptz. conj. (temporal oder kausal), hier als Relativsatz aufgelöst.
- merkte, dass Kraft von ihm ausgegangen war AcP Oder anders aufgelöst: „[die] Kraft bemerkte, die...“ Das Ptz. Aor. Könnte man evtl. auch gleichzeitig verstehen „sofort bemerkte, dass Kraft von ihm ausging“ (vgl. EÜ).
- fragte (sagte, wiederholte) Das Verb steht im Imperfekt. Markus benutzt diese spezielle Form recht häufig (bes. in Kap. 4), sodass der durative Aspekt möglicherweise nur schwach vorhanden ist. Hier könnte die Form ausdrücken, dass Jesu Nachfrage ergebnislos blieb (Siebenthal 2011, §195g; §198l). Das Imperfekt könnte an dieser Stelle jedoch ebenso ausdrücken, dass Jesus mehrmals (iterativ) nachfragte.
31 Aber (Und, Da) seine Jünger meinten (sagten) {ihm}: „Du siehst die Menschenmenge, die sich um dich drängt, 1 und sagst: »Wer hat mich berührt (angefasst)?«“
- die sich um dich drängt Atr. Ptz., als Relativsatz aufgelöst. Zum Wort s. die Fußnote in V. 24.
32 Und er schaute sich um, [um] die [Person] zu sehen, die es gewesen war (getan hatte). 1
- die [Person], die es gewesen war (getan hatte) Attr. Ptz. Aor. im Femininum. Dass das Partizip schon im richtigen Geschlecht steht, weist eher auf die Perspektive des allwissenden Erzählers hin als darauf, dass Jesus gezielt nach einer Frau Ausschau hält (Collins 2007, 283 Fn 158). Die meisten Übersetzungen (bis auf NGÜ) formulieren hier jedoch explizit weiblich. [Person] ist ein eleganter Mittelweg, weil das Wort (im Singular) im Sprachgebrauch häufiger „Frau“ als „Mann“ umschreibt.
33 Die Frau fürchtete sich und zitterte, weil sie wusste, 1 was mit ihr passiert war. Sie kam und warf sich (fiel) vor ihm nieder und erzählte (sagte) ihm die ganze Wahrheit.
- fürchtete sich und zitterte, weil sie wusste Ptz. conj. (3x). Die ersten beiden sind modal und hier als selbständiger Hauptsatz aufgelöst (das modifizierte Verb bildet den zweiten Satz des Verses), das dritte ist kausal und als entsprechender Nebensatz aufgelöst. Schön ZÜR: „kam, verängstigt und zitternd, weil sie wusste“
34 Doch er sagte zu ihr: „Tochter, dein Glaube (Vertrauen) hat dich gesund gemacht (gerettet). Geh in Frieden, und sei (bleibe) von deinem Leiden (Plage) gesund (geheilt)!“
35 Während er noch redete, 1 kamen [Angehörige (Leute aus dem Haus)] des Synagogenvorstehers und richteten aus (sagten) 2: „Deine Tochter ist gestorben. Was (Warum) bemühst du noch den Lehrer?“
- Während er noch redete Temporaler Gen. abs., als Nebensatz aufgelöst.
- und richteten aus Ptz. conj., temporal-modal, beigeordnet übersetzt.
36 Aber Jesus, der mitbekommen hatte (hörte zu; überhörte, missachtete), wie die Botschaft (Meldung, Wort) ausgerichtet (gesagt) wurde, 1 sagte zu dem Synagogenvorsteher: „Fürchte dich nicht, vertraue (glaube) einfach (nur)!“ 2
- der mitbekommen hatte Ptz. conj. (Aor.), modal, kausal oder temporal, hier als Relativsatz aufgelöst. wie die Botschaft ausgerichtet wurde AcP, mit „wie“ aufgelöst. Übersetzt man das Wort παρακούω nicht als mitbekommen, sondern als „überhören, missachten“ (so MEN, ELB mit Guelich 1989, 291. Das Ptz. Aor. wäre dann gleichzeitig zu übersetzen), dann kann man übersetzen: „Unter Missachtung dieser Meldung sagte Jesus“ (Präpositionalphrase) oder parataktisch: „Jesus aber überhörte das Wort, das geredet wurde“ (ELB). Sehr schön MEN: „Jesus aber ließ die Nachricht, die da gemeldet wurde, unbeachtet“ oder die Alternativübersetzung der NGÜ: „Jesus schenkte diesen Worten keine Beachtung“
- „Fürchte dich nicht, vertraue (glaube) einfach (nur)!“ Beide Imperative stehen im Präsens, der durativischen Befehlsform, die das Fortsetzen (bzw. negativ Aufhören mit) einer schon begonnenen Handlung konnotiert. Die implizierte Botschaft ist also „Fürchte dich nicht (länger)! Vertraue/glaube einfach (weiter)!“ (Siebenthal 2011, §212e; Collins 2007, 285).
37 Und er ließ (erlaubte) niemanden mitkommen (ihn begleiten) außer Petrus, {und} Jakobus und Jakobus’ Bruder Johannes.
38 Als (Und) sie zum (in das) Haus des Synagogenvorstehers kamen, {und} sah er ein lärmendes Durcheinander (Aufregung, Tumult) 1 und [Menschen], die heftig heulten (weinten) und wehklagten (heulten), 2
- ein lärmendes Durcheinander Die treffendste Übersetzung der Hauptbedeutung ist vielleicht „Aufruhr“ oder „Tumult“: Es herrscht Lärm, Durcheinander (LUT, MEN, ELB: „Getümmel“), und häufig bezieht es sich im NT auf kurzfristige Tumulte gegen die römische Herrschaft (Mk 14,2 par Mt 26,5; Mt 27,24; Apg 20,1; 21,34). Hier ist eher ein großes, lärmendes Durcheinander gemeint. EÜ: „Lärm“, NGÜ: „helle Aufregung“
- sah er … [Menschen], die heftig heulten und wehklagten AcP (zwei Ptz.), unter Ergänzung eines Objekts mit Relativsatz wiedergegeben.
39 und nach dem (beim) Eintreten 1 sagte er zu ihnen: „Warum seid ihr so erregt (lärmt) und heult (weint)? Das Kind (Kindlein) ist nicht tot, sie schläft nur!“
- nach dem (beim) Eintreten Temporal-modales Ptz. conj., als Präpositionalphrase aufgelöst.
40 Da (Und) lachten sie ihn aus. Doch [Jesus] schickte (trieb, warf) alle hinaus, dann nahm er den Vater und die Mutter des Kindes (Kindleins) und [alle], die bei ihm [waren], mit und ging in [das Zimmer], wo sich das Kind (Kindlein) befand.
41 {Und} Er nahm die Hand des Kindes (Kindleins) 1 und sagte zu ihr: „Talita kum!“ 2 , das heißt übersetzt: „Mädchen, ich sage dir, steh (wach) auf!“
- Er nahm die Hand Gen. abs., temporal-modal, beigeordnet aufgelöst.
- „Talita kum!“ Aramäisch für „Mädchen, steh auf!“ Kum (קום) ist der maskuline Imperativ.
42 {Und} Das Mädchen erhob sich auf der Stelle (sofort) und begann umherzugehen 1; sie war nämlich zwölf Jahre [alt]. {Und} Da (sofort) waren [alle vor] lauter Fassungslosigkeit (Entgeisterung, Verblüffung, Entsetzen) [ganz] fassungslos (außer sich, entgeistert, erstaunt) 2.
- begann umherzugehen Als inchoatives Imperfekt übersetzt (vgl. Guelich 1989, 303).
- waren [alle vor] lauter Fassungslosigkeit [ganz] fassungslos Es handelt sich wohl um eine Formulierung, die bewusst hebraisierend an das Griechisch der Sepuaginta angelehnt ist. Das mit dem Verbalsubstantiv derselben Wurzel im Dativ verbundene Verb ist eine Nachahmung der hebr. Konstruktion mit Verb+Inf. abs. („Septuagintismus“, Guelich 1989, 291; BDR §198.6). Dasselbe Verb beschreibt in Mk 2,12 und 6,51 die fassungslose Reaktion der Zeugen auf ein Wunder. Die von anderen gewählte Übersetzung „(Er)Staunen“ (ELB, MEN) ist vielleicht etwas blass, das seit Luther verbreitete „Entsetzen“ (LUT, EÜ, GNB, ZÜR) zwar vorstellbar, aber etwas unpassend. Der Dativus modi führt zur Einfügung von [vor], das fehlende Subjekt zur sinngemäßen Ergänzung von [alle]. Wörtlich könnte man vielleicht übersetzen: „[vor] großem Außersichsein [ganz] außer sich sein“, etwas freier übersetzt dann so wie hier. LUT: „Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen.“, EÜ: „Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.“. Schön NGÜ: „zum grenzenlosen Erstaunen aller“, NeÜ: „Mit fassungslosem Erstaunen sahen alle, wie“
43 Und er machte ihnen unmissverständlich (mehrmals, ausdrücklich) 1 klar (ordnete an, schärfte ein), dass niemand davon erfahren [dürfe], zudem (und) sagte er, [man solle] 2 ihr [etwas] zu Essen geben.
- unmissverständlich (mehrmals, ausdrücklich) Das Adverb πολλὰ kann man sowohl intensivierend als auch wiederholend verstehen, die meisten Übersetzungen intensivieren. Vgl. V. 23 und 38, aber auch V. 10.
- [man solle] Der griechische Infinitivsatz ist (dem Deutschen ganz ähnlich) final. In der gegenwärtigen Formulierung ist im Deutschen eine finale Satzeinleitung notwendig.
Chapter 6
1 1 Und er ging von dort weg und begab sich (kam) in seine Heimat (Heimatstadt) 2 , wobei (und) seine Jünger ihn begleiteten (ihm folgten).
- [Status: Zuverlässig]
- Heimat Gemeint ist Nazaret (Mk 1,9.24). Die meisten Übersetzungen spezifizieren „Heimatstadt“ oder „Vaterstadt“.
2 Und als [der] Sabbat gekommen (geworden) war, 1 begann er, in der Synagoge zu lehren (lehrte er) 2, und viele, die zuhörten, waren überwältigt (überrascht, erstaunt, außer sich) und sagten 3: „Wo [hat] er das her, und was [ist] die Weisheit, die ihm gegeben wurde – und (und [wie kommt es, dass]) solche Wunder (Wunderkräfte), die durch seine Hände geschehen 4!
- als … gekommen war Gen. abs., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- begann er, in der Synagoge zu lehren (lehrte er) Markus benutzt „beginnen“ gerne schwach und ohne echte Funktion. Viele Übersetzungen formulieren daher wie in der Klammer. Vgl. die Fußnote zu 5,17.
- und sagten Modales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- und (und [wie kommt es, dass]) solche Wunder, die durch seine Hände geschehen Den Satz kann man entweder als überraschten Ausruf verstehen (wie die meisten Übersetzungen), oder als elliptische Frage (so NGÜ). Dabei wäre wie in der Klammer [wie kommt es, dass] sinngemäß zu ergänzen (NSS).
3 Ist das nicht der Zimmermann (Handwerker, Baumeister), der Sohn von Maria und der Bruder von Jakobus und Joses, {und} Judas und Simon? Und leben (sind) seine Schwestern nicht hier bei uns?“ Und sie lehnten ihn ab (ärgerten sich über, nahmen Anstoß an).
4 Und Jesus sagte zu ihnen: „Ein Prophet ist nirgends (nicht) ohne Ansehen (Ehre), außer in seiner Heimat (Heimatstadt), {und} bei seinen Verwandten und in seiner Familie (Haus, Haushalt).“
5 So (Und) konnte er dort kein einziges Wunder (Wunderkraft) tun, außer dass (nur) er einigen Kranken die Hände auflegte und 1 sie heilte,
- auflegte und Modales Ptz. conj., hier mit „und“ beigeordnet. Auch möglich: „indem er ihnen die Hände auflegte“ oder „durch Handauflegen“ (MEN)
6 und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und (Dann) er zog durch die Dörfer ringsum und lehrte 1.
- und lehrte Modales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
7 Und er rief die Zwölf zu sich und sandte sie paarweise 1 aus, 2 und er gab ihnen Macht (Vollmacht) über die unreinen Geister,
- paarweise W. „zwei zwei“. Die Formulierung war sowohl in der Volkssprache als auch in semitischen Sprachen gebräuchlich (NSS).
- sandte aus W. „begann auszusenden“. Dazu s. die Fußnote zu 5,17. Ein ähnlicher Fall liegt auch in V. 2 vor.
8 und er gab ihnen die Anweisung (bestimmte), {dass} nichts auf den Weg mitzunehmen als nur einen Wanderstab – kein Brot, keine Tasche, kein Geld 1 im Gürtel,
- Geld W. „Kupfer(münze)“ (oder „Bronze(münze)“). Das Wort wird hier metonymisch für Kupfermünzen, also Kleingeld benutzt. Die Parallelstelle Mt 10,19 führt aus: „weder Gold noch Silber noch Kupfer...“ im Gürtel Im Orient bewahrte man Geld lange in den Falten des Gürtels auf, einem breiten Tuch, das entsprechend um die Hüfte gebunden war.
9 dabei jedoch (sondern) Sandalen zu tragen 1, „und zieht keine zwei Unterhemden an!“ 2
- dabei jedoch Sandalen zu tragen Mod. oder konz. Ptz. conj. Pf. zu tragen ist das resultative Äquivalent des griechischen Perfekts, das man auch „Sandalen untergebunden/angezogen zu haben“ übersetzen könnte (vgl. NSS). Markus formuliert hier sinngemäß, indem er den mit ἵνα+Konjunktiv begonnenen Satz (V. 8) mit einer Akkusativform fortsetzt, als ob es sich um einen AcI handelte (NSS nach BDR §470.3). Collins versteht das Partizip als imperativisch (BDR 468.2), übersieht jedoch, dass es sich hier um einen Akkusativ, nicht wie andernfalls erforderlich um einen Nominativ handelt (Collins 2007, 299 Fn 25).
- „und zieht keine zwei Unterhemden an!“ Markus wechselt hier übergangslos von der dritten in die zweite Person Plural. Der verneinte Konjunktiv Aorist könnte dabei entweder imperativisch sein (direkte Rede, so NSS) oder sich an die fortlaufende, indirekt wiedergegebene Anweisung anschließen. Es handelt sich bei dem ganzen Vers um eine Stelle, an der besonders deutlich wird, wie umgangssprachlich Markus sich ausdrückt. Die Übersetzung Unterhemden (LUT u.a.: „Hemden“, ELB „Unterkleider“, ZÜR „Kleid“, MEN „Rock“) scheint die Funktion des Kleidungsstücks am besten wiederzugeben. Es handelt es sich um eine Tunika oder ein Hemd, das man unter dem langen Obergewand trug (vgl. LN 6.176). Wie die Übersetzung ausdrückt, geht es nicht um einen zweiten Satz Unterwäsche, sondern entweder um den Luxus, sich mit einem zweiten Unterhemd besser vor Kälte zu schützen (France 2002, 249), oder um die Gewohnheit der Bessergestellten, sich durch zwei Untergewänder, eine innere und eine äußere Tunika, von der Masse abzuheben (Collins 2007, 299).
10 Und er sagte zu ihnen: „Wo ihr in ein Haus eintretet (einkehrt, hineingeht), [da] bleibt dort, bis ihr {von dort} [wieder] aufbrecht (weggeht).
11 Und nimmt man euch an einem Ort nicht auf und hört euch auch nicht zu, 1 dann schüttelt beim Aufbruch (geht von dort weg und) 2 den Staub von euren Schuhsohlen 3 ab, als Zeugenaussage (Beweis, Zeichen, Zeugnis) [gegen (für)] sie!“ 4
- nimmt man euch nicht auf und hört euch auch nicht zu Im Griechischen (καὶ ὃς ἂν τόπος, »und ein Ort, der auch immer...«) handelt es sich um einen Relativsatz mit konditionalem Nebensinn, in dem das Bezugswort (Ort) Teil des Relativsatzes ist (NSS). Solche Relativsätze gibt man am besten mit deutschen Relativsätzen wieder (Siebenthal 2011, §290e; so im vorigen Vers), hier war die Übersetzung durch einen (schwachen) deutschen Konditionalsatz jedoch passender. an einem Ort W. »nimmt euch ein Ort nicht auf und hören sie...«. Das erste Prädikat steht im Sg., das zweite im unpersönlichen Plural. Aus stilistischen Gründen bietet es sich an, beide (mit »man« oder »die Leute«) auf die Bewohner zu beziehen.
- beim Aufbruch bzw. geht von dort weg und Modales Ptz. conj., als Präpositionalphrase (bzw. beigeordnete Konstruktion) übersetzt.
- von euren Schuhsohlen W. »den Staub unter (d.h. an der Unterseite, LN 83.52) euren Füßen«. Die beschriebene Geste ist offensichtlich ein Zeichen der Abgrenzung, aber was genau damit signalisiert oder erreicht werden sollte, ist nicht mehr bekannt. Der folgende »Beweis gegen sie« hat jedoch wahrscheinlich mit dem Endgericht zu tun (Guelich 1989, 322f.; Collins 2007, 300ff.).
- als Zeugenaussage (Beweis, Zeichen, Zeugnis) [gegen (für)] sie Es handelt sich bei gegen um einen Dativus incommodi (oder commodi bei für). Aus den anderen Evangelien geht hervor, dass es sich wohl um eine Zeugenaussage oder einen Beweis im Endgericht handelt. Matthäus versteht die Geste des Staubabschüttelns so, dass sie sich auf das Ergehen der Betroffenen im Endgericht bezieht (10,15). Bei Lukas ist die Aussage ebenfalls adversativ gemeint, wie er mit einer Präposition deutlich macht (9,5). Beide Evangelisten halten das „Zeugnis“ also für eine Zeugenaussage oder einen Beweis gegen die Bewohner der entsprechenden Orte. In einem Schwur mit ganz ähnlicher Symbolik schüttelt Nehemia im AT den Staub von seinem Mantel, mit der Drohung, ebenso möge Gott mit jenen verfahren, die diesen Eid verletzen (Neh 5,13. Collins 2007, 300f.; Guelich 1989, 323). Dieselbe Formulierung haben wir in Mk 1,44 im Kontext übrigens anders gedeutet.
12 Und sie machten sich auf den Weg (gingen los) 1 und predigten (verkündigten), {dass} [die Menschen sollten] umkehren (Buße tun).
- machten sich auf den Weg Modal-temporales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
13 Zudem (Und) trieben sie viele Dämonen aus, und sie salbten viele Kranke [mit] Öl und heilten sie.
14 Und König Herodes hörte [von Jesus] 1, denn sein Name (Ruf, Ansehen) war bekannt geworden, und [die Leute] meinten (sagten): 2 „Johannes der Täufer ist von [den] Toten auferweckt worden. Das erklärt, warum 3 die Wunderkräfte durch ihn (in ihm) wirken!“
- hörte [von Jesus] Die nachgelieferte Begründung (ab denn) macht klar, dass Herodes von Jesus (möglicherweise im Zusammenhang mit den Taten seiner Jünger) hörte, nicht nur von deren Dienst. So drückt auch Matthäus klarer aus: „hörte von seinem Ansehen“ (Mt 14,1; France 2002, 252).
- meinten Das Imperfekt leitet hier die (vielfach geäußerte) öffentliche Meinung ein. In V. 15 sind dagegen mit Aor. offenbar spezifische Einzelaussagen zu hören. ZÜR: „es hieß“+indirekte Rede.
- Das erklärt, warum W. »und aus diesem Grund/deshalb«
15 Andere sagten dagegen (und): „Er ist Elija“ 1, und wieder andere meinten (sagten): „Ein Prophet wie einer der [alten] Propheten.“
- Elija Die Rückkehr des im Alten Testament entrückten Propheten wurde aufgrund von Mal 3,23-24 zu Jesu Zeit vielfach erwartet (France 2002, 253).
16 Als Herodes [das] hörte, 1 glaubte (sagte, rief) er 2: „Der, den ich enthauptet habe, Johannes, ist auferweckt worden!“
- Als … hörte Ptz. conj., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- glaubte er W. „sagte“ (Imperfekt), das wie in V. 14 eine (geäußerte) Meinung beschreibt. Vgl. GNB: „Herodes aber war überzeugt … er sagte“ Da das Wirken von Johannes und Jesus zeitlich überlappten, ist es unwahrscheinlich, dass Herodes diese Aussage wörtlich meinte. Er wird wohl die deutlichen Parallelen zwischen den beiden Männern vor Augen gehabt haben und auf dieses Déjà-vu entweder spöttisch („Kaum ist der eine weg, kommt schon wieder ein anderer!“) oder abergläubisch reagieren (vgl. die Betonung den ich enthauptet habe, die anzeigen könnte, dass Herodes sich für Johannes' Tod verantwortlich fühlt; so France 2002, 254; vgl. Collins 2007, 304).
17 Herodes selbst hatte Johannes nämlich gefangen nehmen und ihn im Gefängnis festgehalten (gefesselt ins Gefängnis [werfen]) 1 lassen 2. [Das tat er] 3 wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, weil er sie geheiratet hatte.4
- im Gefängnis festhalten lassen Viele Übersetzungen „und er hatte ihn (gefesselt) ins Gefängnis geworfen/werfen lassen“ (nach BA). Für die gewählte Übersetzung von δέω „fesseln“ s. jedoch LN 37.144, wo zudem angemerkt ist, dass von der Einkerkerung häufig sehr idiomatisch gesprochen wird.
- lassen Oder: „[Soldaten] ausgesandt und“ (vgl. MEN). Das modale Ptz. conj. modifiziert hier kausativ zwei finite Verben und heißt dasselbe wie das Deutsche „lassen“ (BA ἀποστέλλω, 2.; vgl. NSS).
- [Das tat er] Die Einfügung verdeutlicht, dass der der folgende (mit wegen eingeleitete) Bericht den Anlass für die Festnahme liefert. So EÜ: „Schuld daran war Herodias, die Frau seines Bruders Philippus, die“, NGÜ: „Der Anlass dazu war Herodias gewesen“, GNB: „Der Grund dafür war: …“
- Markus 10,11
18 Johannes hatte nämlich [wiederholt] zu Herodes gesagt 1: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben!“2
- hatte [wiederholt] gesagt Das Imperfekt könnte hier einfach im Sinne eines Plusquamperfekt benutzt werden (NSS). Allerdings hebt es sich von den Aoristformen ab, die bisher ebenfalls die Vorvergangenheit vermittelt haben. Daher ist wohl auch der iterative Aspekt im Blick (vgl. France 2002, 257).
- Levitikus 18,16; Levitikus 20,21
19 Aber Herodias nahm ihm [das] übel und plante (wollte) 1, ihn zu töten, hatte aber (und) lange keine Gelegenheit dazu (es gelang ihr nicht) 2.
- plante (wollte) „wollen“ im durativen Imperfekt ist „über einen längeren Zeitraum wollen“ → „planen“.
- hatte lange keine Gelegenheit dazu W. es gelang ihr nicht oder „sie konnte nicht“ (Ipf.). NSS empfiehlt in diesem Kontext die angemessenere Übersetzung der NGÜ „Doch bot sich ihr zunächst keine Möglichkeit dazu“. Dass Herodias als Herrschergattin die Macht gehabt hätte, einen unliebsamen Prediger zu beseitigen, steht außer Frage. Doch hatte sie keine lange Gelegenheit dazu, weil ihr Mann den Prediger schätzte (V. 20). Die Gelegenheit ihn zu überlisten kommt in V. 21. EÜ vgl. GNB: „Sie konnte ihren Plan aber nicht durchsetzen“
20 Denn Herodes respektierte (fürchtete) Johannes, weil er wusste, 1 [dass] er ein gerechter und heiliger Mann [war], und er beschützte ihn (hielt ihn in Haft) 2, und wenn er ihm zuhörte (zugehört hatte), 3 war er immer wieder (jedes Mal) stark verunsichert (ratlos, verwirrt, verlegen), 4 aber (und) er hörte ihm gerne zu.
- respektierte/fürchtete und weil er wusste (kausales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst.) Sowohl Angst (die meisten Übersetzungen) als auch Erfurcht (NGÜ, MEN, GNB?) passen in den Kontext. Dass Herodes Johannes' Charakter schätzt, weist darauf hin, dass Respekt und Ehrfurcht möglicherweise die Furcht vor Johannes' politischem Einfluss übersteigen. NGÜ: „hatte Hochachtung“, MEN „hatte Scheu“, GNB lässt beides zu: „wagte er nicht, ihn anzutasten“, Collins 2007, 293: „Herodes respektierte Johannes“. Für ein anderes Verständnis s. die folgende Fußnote.
- beschützte ihn (hielt ihn in Haft) Das Wort lässt sich in anderen Kontexten mit „bewahren“ oder „einhalten, wahren“ übersetzen, die Bedeutung „beschützen“ fällt etwas aus der Reihe. Der NSS merkt jedoch an, das alternative Verständnis hielt ihn in Haft (LUT, GNB, ZÜR?) erscheine „lexikalisch kaum begründbar“. Nach diesem Verständnis hält Herodes Johannes gefangen, weil er ihn bzw. seinen Einfluss fürchtet (vgl. den Versbeginn). MEN: „er nahm ihn in seinen Schutz“, ZÜR lässt beide Deutungen zu: „er liess ihn bewachen“
- wenn er ihm zuhörte Temporales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. Die Klammer übersetzt vorzeitig, Sinn wäre „nach dem Zuhören“.
- immer wieder stark verunsichert Das Adverb πολλὰ kann sowohl intensivierend als auch wiederholend gemeint sein. Da das Imperfekt schon den wiederholenden Aspekt mitbringt, ist es wahrscheinlicher, dass es intensivieren soll. Einige Ausleger (nach G.D. Kilpatrick, Some notes on Markan usage, in: BT 7 (1956), 2-9; zitiert bei Willker 2013, 227) argumentieren, dass dieses Adverb immer dem modifizierten Verb folgen muss. Es müsse sich deshalb statt war verunsichert auf das vorhergehende Partizip ἀκούσας wenn er ihm zuhörte beziehen. In diesem ebenfalls gut denkbaren Fall wäre sicherlich iterativ (wiederholend) zu übersetzen: „immer wenn er ihm zuhörte“ (EÜ: „Sooft er mit ihm sprach“). Es gibt aber auch Beispiele, wo das Adverb dem modifizierten Verb vorausgeht (Mk 3,12; 9,26; Mt 27,19). Bei iterativer Deutung lässt sich der Übersetzung ohnehin kaum entnehmen, welchem Verb die Übersetzer das Adverb zugeordnet haben (vgl. GNB, MEN).
21 Und als ein günstiger Tag kam, 1 als Herodes [anlässlich] seines Geburtstages 2 für seine Würdenträger (Hofbeamten), {und} die Offiziere (Hauptleute) und Galiläas angesehenste Bürger 3 ein Festmahl veranstaltete,
- als ein günstiger Zeitpunkt kam Gen. abs., temporal als Nebensatz aufgelöst. Der Hauptsatz kommt erst in V. 22.
- [anlässlich] seines Geburtstages Temporaler Dativ.
- Galiläas angesehenste Bürger W. „die Ersten Galiläas“
22 und als die Tochter eben jener Herodias (seine Tochter Herodias) 1 hereinkam und tanzte, 2 gefiel [sie] Herodes und seinen Tischgästen (denen, die mit [ihm] aßen/[zu Tisch] lagen) 3. Der König sagte zu dem Mädchen 4: „Bitte (wünsche, verlange) mich, was auch immer du willst, und ich werde [es] dir geben!“
- die Tochter eben jener Herodias (seine Tochter Herodias) Die Überlieferung ist an dieser Stelle kompliziert, die Ausleger sind sich uneinig. NA28 bezeugt seine Tochter Herodias, SBLGNT wählt die Tochter eben jener Herodias. Zwar ist seine Tochter Herodias die schwierigste Lesart, passt aber nicht gut in den Kontext (der spricht deutlich davon, dass sie die Tochter von Herodias war). Auch historisch ist die Lesart schwierig, denn eine Tochter von Herodes und Herodias (die dann nicht älter als 10 Jahre wäre) ist nicht bekannt, wohl aber eine Tochter aus Herodias' erster Ehe, die der Geschichtsschreiber Josephus unter dem Namen Salome kennt (Collins 2007, 308). Die Namensgleichheit zwischen Mutter und Tochter kommt noch dazu. Es könnte sich also um einen frühen Fehler handeln (France 2002, 254f.). Mit dem meisten deutschen Übersetzungen (außer ZÜR) sind wir vorerst bei der von NA28 abweichenden Lesart die Tochter eben jener Herodias geblieben. Die griechische Formulierung könnte man auch „ihre Tochter, Herodias,“ oder „die Tochter von Herodias selbst“ übersetzen; für die vorgezogene Übersetzung spricht BDR §288.3. Die Lesart seine Tochter Herodias könnte auch als „seine Tochter, die von Herodias“ (so ZÜR) gemeint sein, aber das wäre sehr unklar formuliert.
- als … hereinkam und tanzte Gen. abs., als temporaler Nebensatz aufgelöst. Nach der generellen Zeitangabe (V. 21) bildet dieser Gen. abs. nun die spezifische. Als Herodes' Aufforderung kam, wusste Herodias, dass dies der „günstige Tag“ (V. 21) war.
- seinen Tischgästen (denen, die mit [ihm] aßen/[zu Tisch] lagen) Die meisten deutschen Übersetzungen übertragen das subst. Ptz. einfach als „seine Gäste“. Wie LUT, ELB kann man es auch als Relativsatz auflösen.
- Mädchen Das gleiche Wort wie bei der Zwölfjährigen in Mk 5,42. Markus überlässt es der Vorstellung des Lesers, ob es sich dabei um einen unsittlichen Tanz einer minderjährigen Stieftochter handelte. Bei derartigen Festmählern waren sonst nur (als sittenlos geltende) Kurtisanen als Tänzerinnen zugegen. Ein Mädchen galt mit etwa 13 Jahren als heiratsfähig, und Salome war zu dieser Zeit wohl zwischen 9 und 19, nach einigen Schätzungen 12-14 Jahre alt (Collins 2007, 308f.). Ist die Formulierung „seine Tochter“ am Versanfang ursprünglich, dann hebt sie sicherlich diesen unsittlichen Aspekt hervor.
23 Und er schwor ihr (schwor ihr mehrmals/eindringlich) 1: „Worum du mich auch bittest (wünscht, verlangst), ich werde es dir geben, bis zur Hälfte meines Reiches!“
- schwor ihr mehrmals/eindringlich Das Adverb πολλὰ, das wir hier als sekundär einstufen und nur in der Klammer übersetzen (s.u.), kann sowohl intensivierend als auch wiederholend gemeint sein (vgl. schon V. 20). Hier ist es wohl wiederholend, denn in V. 26 ist von Herodes' Schwüren (Pl.) die Rede.
24 Und sie ging hinaus und 1 fragte (sagte zu) ihre Mutter: „Was soll ich mir wünschen (bitten, verlangen)?“, und sie sagte: „Den Kopf von Johannes dem Täufer!“
- ging hinaus und Modal-temporales beschreibendes Partizip Aor., mit „und“-Kombination übersetzt.
25 Und sofort ging sie eilig 1 [wieder] hinein zum König und 2 verlangte (bat [ihn]) {sagend}: „Ich will, dass du mir umgehend den Kopf von Johannes dem Täufer auf einer Schale (Teller) gibst!“
- eilig W. „mit Eile“
- ging … hinein und Modal-temporales beschreibendes Partizip Aor., mit „und“-Kombination übersetzt.
26 Und der König wurde sehr traurig, 1 aber wegen seiner Schwüre und der Gäste ([zu Tisch] Liegenden) 2 wollte er sie nicht abweisen.
- wurde sehr traurig Konzessives Ptz. conj.., als gleichgeordneter Hauptsatz mit folgendem „aber“ aufgelöst.
- der Gäste ([zu Tisch] Liegenden) Die meisten deutschen Übersetzungen übertragen das subst. Ptz. einfach als „seine Gäste“. Wie LUT, ELB kann man es auch als Relativsatz auflösen. Vgl. 22.
27 Also 1 schickte der König einen Henker und 2 ordnete an, seinen Kopf herzubringen. Und er ging los und enthauptete ihn im Gefängnis,
- Also W. „Und sofort“. Beide Wörter sind bei Markus typisch, „und“ als allgemeine Konjunktion, „sofort“, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Hier ist es schwach und heißt so etwas wie „da“, und weil V. 27 aus V. 26 folgt, kann man stilistisch schöner „also“ schreiben.
- schickte … und Modal-temporales Ptz. conj., mit „und“-Kombination übersetzt.
28 dann (und) brachte er seinen Kopf auf einer Schale [herein] und gab ihn dem Mädchen, und das Mädchen gab ihn ihrer Mutter.
29 Und als seine Jünger [davon] erfuhren (hörten), 1 kamen sie, {und} holten seinen Leichnam ab und legten ihn in ein Grab.
- als … erfuhren Temporales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst.
30 Und die Apostel (ausgesandten [Jünger]) 1 kamen bei Jesus zusammen und berichteten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten.
- Apostel (ausgesandten [Jünger]) Markus setzt hier den Bericht von der Aussendung der Jünger (Mk 6,7-13) mit deren Rückkehr fort. Den Begriff „Apostel“ verwendet er mit doppeltem Sinn: In der Geschichte bezeichnet er zunächst einmal die ausgesandten Jünger (so die Übersetzung von „Apostel“; vgl. das Verb „aussenden“ in 6,7), die zurückkehren. Für seine christlichen Leser spielt der Titel aber (sicherlich absichtsvoll) schon auf die spätere Rolle der Jünger als Apostel an (vgl. Guelich 1989, 338).
31 Und er sagte zu ihnen: „Kommt ''ihr'' doch ganz allein [mit mir] an einen abgelegenen Ort und ruht euch ein wenig aus!“ Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen.
32 Und sie fuhren (brachen auf) mit (in) dem Boot an einen einsamen Ort, ganz allein 1.
- ganz allein NSS schlägt (wie es auch andere Übersetzungen verstehen) die sinngemäß wohl richtige Übersetzung „um für sich allein zu sein“ vor.
33 Allerdings (und) sahen [die Leute], wie sie losfuhren (aufbrachen), und viele erkannten [ihre Absicht (sie)] (erfuhren [davon]) 1, und zu Fuß liefen sie aus allen Städten zusammen und kamen (liefen voraus) vor ihnen an ihrem Zielort (dort) 2 an.
- viele erkannten [ihre Absicht] W. viele erkannten sie (ELB; wenn man das Objekt sie vom Satzanfang miteinbezieht) oder viele erfuhren [davon] (ZÜR, EÜ, LUT). Oder wie ELB könnte man viele auch in den ersten Satzteil vorziehen, sodass es sich auf beide Verben bezieht: „Allerdings sahen viele [Leute], wie sie losfuhren, und erkannten [sie/ihre Absicht]“. Unsere Übersetzung wie MEN, NGÜ.
- an ihrem Zielort Sinngemäße Wiedergabe von dort.
34 Und als er ausstieg, 1 sah er eine große Menschenmenge, und er empfand Mitleid mit ihnen,2 weil sie wie Schafe waren, die keinen Hirten haben, 34 und er begann, sie vieles (lange) zu lehren.5
- als er ausstieg Ptz. conj., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- Markus 8,2
- wie Schafe waren, die keinen Hirten haben ist eine Wendung, die im AT mehrmals vorkommt (das Zitat selbst stammt aus Num 27,17). Es geht dabei immer um das Volk Israel und seinen König. Die Tatsache, dass sich hier plötzlich eine so große Menschenmenge im Nirgendwo versammelt, könnte darauf schließen lassen, dass Markus die Begebenheit stark vereinfacht darstellt. Joh 6,15 beschreibt in derselben Szene, dass die Menge Jesus zum König machen möchte. Jesus ist zwar der jüdische Messias, aber nicht der Anführer eines politischen Aufstands gegen die Herrschaft der Römer, auf den das Volk hofft. Die atl. Anspielung zeigt hier: Jesus erkennt seine Verantwortung als eschatologischer Führer dieses führerlosen Volkes. Auch Mose spricht in Num 27,17 im Zusammenhang seines Nachfolgers einmal von hirtenlosen Schafen. Jesus reagiert wie der in Dtn 18,15-18 angekündigte „Prophet wie Mose“, indem er die Menge durch ein Wunder mit Nahrung versorgt. Ebenso übernatürlich hatte Mose in der Wüste von Gott die Versorgung mit Manna und Wachteln erreicht. (Johannes stellt denselben Zusammenhang in Joh 6,31 her, wo er Ex 16,4 zitiert.) Jesus reiht sich auch neben die Propheten Elija und Elisa ein, die in den Königebüchern ebenfalls Nahrungswunder vollbrachten. Jesus ist der angekündigte Schafhirte, der in Eze 34 und Ps 78 mit einem neuen Auszug in Verbindung gebracht wird (vgl. Watts 2007, 158-61; France 2002, 260-63; Collins 2007, 319).
- Numeri 27,17; 1 Könige 22,17; Ezechiel 34,5; Sacharja 13,7; Matthäus 9,36
- Ezechiel 34,23
35 Und als (weil) die Stunde schon spät geworden war, 1 kamen seine Jünger zu ihm und 2 sagten: „Diese Gegend (Ort) ist abgelegen und die Stunde ist schon spät –
- als (weil) die Stunde schon spät geworden war Das schwer übersetzbare Idiom (auf Gr. ist die „Stunde“ so etwas wie „lang“ oder „viel“) heißt einfach „Es war schon spät“ oder „eine fortgeschrittene Tageszeit“. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um die gewöhnliche Zeit zum Abendessen am Spätnachmittag (France 2002, 265). Vgl. 11,11 sowie 15,33 für ähnliche Zeitangaben.
- kamen … zu ihm und Temp. Ptz. conj., parataktisch aufgelöst.
36 verabschiede (schick weg, entlasse) [die Leute] [doch], damit sie zu den umliegenden Bauernhöfen 1 und Dörfern gehen und 2 sich etwas zu essen kaufen [können].“
- Bauernhöfe(n) (V. 36 und 56) W. »Felder«, eine Metonymie für »Höfe« oder (nicht hier) »Dörfer« (BA ἀγρός 2; LN 1.93; NSS). Ein anderes Verständnis der Metonymie wäre »das umliegende Land« (BA ἀγρός 1; vgl. LN 1.87), wie wohl in Mk 5,14.
- gehen und W. »weggehen und« Beschreibendes Partizip, beigeordnet aufgelöst.
37 Doch (Und) er antwortete {und sagte} 1 ihnen: „Gebt ihr ihnen [doch] zu essen!“2 Und (Da) sie sagten zu ihm: „Sollen wir losgehen und 3 [für] zweihundert Denare 4 Brote kaufen und ihnen zu essen geben?“
- antwortete {und sagte} W. etwa „antwortend sagte er...“ Diese pleonastische Verbindung geben wir aus stilistischen Gründen mit nur einem Verb wieder. antwortete Mod. Ptz. conj..
- 2 Könige 4,42
- losgehen und Oder »weggehen und« Beschreibendes Partizip, beigeordnet aufgelöst. Die Verblüffung der Jünger kommt zum Ausdruck, indem sie dieselben Wörter auf sich beziehen, die sie noch im Vers vorher im Zusammenhang mit den Menschen gebraucht hatten. Ihre Antwort besteht aus einer rhetorischen Frage (vgl. Guelich 1989, 341).
- [für] zweihundert Denare Genitiv des Preises. Ein Denar entsprach einem Tagelohn (Guelich 1989, 341).
38 Und er sagte zu ihnen: „Wie viele Brote habt ihr? Geht [und] schaut nach!“ Und nachdem sie [es] festgestellt hatten, 1 sagten sie: „Fünf, und zwei Fische.“2
- nachdem sie [es] festgestellt hatten Ptz. conj. Aor., temporal-vorzeitig als Nebensatz aufgelöst. Oder: „sie stellten es fest und“
- Markus 8,5
39 Daraufhin (Und) wies er sie an (veranlasste er), [dafür zu sorgen, dass] sich alle in Gruppen 1 auf das grüne Gras setzten.
- in Gruppen W. „Symposia Symposia“, eine distributive Dopplung wie in V. 7, wo „zwei zwei“ „paarweise“ heißt. Ein Symposion war ein entspanntes, abendliches Gast- und Trinkmahl samt Tischgesellschaft und Unterhaltung (vgl. France 2002, 267). Hier bezeichnet es wohl einfach den Zweck der angestrebten Gruppen als „Essgruppen“ (vgl. LN 11.5). Zusammen mit dem Wort für „setzen“ bedeutet die Formulierung aber auch, dass Jesus hier quasi ein Gastmahl veranstaltet (Pesch 1976, 352). ELB, GNB, ZÜR: „nach/in/zu Tischgemeinschaften“, MEN „zu einzelnen Tischgenossenschaften“, LUT etwas rätselhaft „tischweise“. NGÜ „gruppenweise“, EÜ wie OfBi.
40 Und sie nahmen in Gruppen 1 von hundert und von fünfzig [Personen] Platz. 2
- in Gruppen Hier ein anderes Wort als in V. 39, doch ebenso eine distributive Dopplung: W. „Gruppen Gruppen“. Das Wort heißt eigentlich „Beet“ und bezieht sich im übertragenen Sinn auf dasselbe wie der Begriff im letzten Vers, nur dass hier nicht wie in V. 39 „Essgruppen“ konnotiert sind, sondern geordnete „Sitzgruppen“ (LN 11.6).
- Gruppen von hundert und von fünfzig [Personen] Einige Ausleger halten dies für einen weiteren sprachlichen Hinweis auf Jesus als eschatologischen Führer Israels. Mose teilte in Ex 18,21 einst das Volk in militärische Einheiten auf (und auch die Anhänger einer jüdischen Sekte, die Verfasser des Damaskus-Dokuments) (Collins 2007, 324f.; Guelich 1989, 341). Tatsächlich ist die Formulierung so komisch, dass man sich fragt, wie man sich das vorzustellen hat. Überspitzt ausgedrückt: Haben die Jünger Köpfe gezählt, um genaue Gruppengrößen zu erreichen? Und warum gerade Gruppen von 100 und der halben Anzahl? Doch bei Mose war von 1000, 100, 50 und 10 die Rede, sodass die Anspielung nicht gesichert ist. Viel eher bezeichnet die Formulierung wohl Gruppen zwischen 50 und 100 Personen (Stein 2008, 315; vgl. France 2002, 267). Diese Übersetzung wird für die Lesefassung empfohlen.
41 Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte auf 1 zum Himmel und segnete [sie]. Dann (und) brach er die Brote auseinander und gab sie seinen Jüngern, um sie {ihnen} auszuteilen. Auch (und) die zwei Fische verteilte er an alle.2
- er nahm und blickte auf Modal-temporales Ptz. conj. (2x), beigeordnet übersetzt.
- Markus 8,6
42 Und alle aßen und wurden satt,1
- Markus 8,8
43 und sie hoben zwölf große Körbe voller Brocken 1 auf, auch von den Fischen 2.3
- voller Brocken Wie eine Präposition kommt hier ein Substantiv Pl. zum Einsatz (BA πλήρωμα 1a). zwölf große Körbe, wobei das Adjektiv große die Bedeutung des griechischen Worts wiedergeben helfen soll. Wozu die Krümel aufgehoben wurden oder wie in der abgelegenen Gegend große Tragekörbe zur Verfügung standen, erzählt uns Markus nicht. Bei den Körben könnte es sich einfach um die Schätzung handeln, dass man die Reste in zwölf Körbe füllen könnte, doch Mk 8,19 scheint dagegen zu sprechen. Die Körbe stammten vielleicht aus dem Boot, mit dem Jesus und seine Jünger gekommen waren (France 2002, 268).
- auch von den Fischen Wohl zu verstehen im Sinne von GNB: „Auch von den Fischen wurden noch Reste eingesammelt.“ Es ist aber nicht klar, ob die Fischreste zum Inhalt der zwölf Körbe gehören oder nicht (vgl. Guelich 1989, 343). Einige Übersetzungen umschreiben den Vorgang deshalb so, dass diese Frage offen bleibt. So EÜ (vgl. NGÜ): „Als die Jünger die Reste der Brote und auch der Fische einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.“
- Markus 8,8
44 Und diejenigen, die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Männer.1
- Markus 8,9
45 Und kurze Zeit später (gleich danach) nötigte er seine Jünger, in das Boot zu steigen und an das andere (gegenüberliegende) Ufer nach (Richtung) Betsaida vorauszufahren, während er selbst die Menschenmenge verabschieden wollte 1.
- verabschieden wollte Im Griechischen „verabschiedet“; es ist hier so formuliert, wie es die entsprechende wörtliche Rede wäre (NSS).
46 Und nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, 1 ging er weg auf den Berg, [um] zu beten.
- nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte Temporales Ptz. conj. Aor., vorzeitig aufgelöst. Das Wort ist ein anderes als das mit „(jdn.) verabschieden“ übersetzte in V. 45, das etwas schwächer ist. France glaubt, dass es sich eher auf die Jünger als auf die Menschenmenge bezieht. Diese ausdrückliche Erwähnung des Abschieds verstärkt dann noch den Schrecken, den die Jünger in V. 49 bekommen, weil sie Jesus ja hinter sich an Land vermuten (France 2002, 271). Die Übersetzung geht davon aus, dass das stimmt, lässt aber beide Möglichkeiten offen.
47 Und als es Abend geworden war, 1 befand sich (war) das Boot mitten auf dem Meer (See), und er allein an Land.
- als es … geworden war Gen. abs., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
48 Und weil (als) er sah, dass sie sich beim Vorwärtskommen (Rudern) quälten, 1 denn der Wind war {ihnen} widrig ([wehte] ihnen entgegen), da kam er um die vierte Nachtwache 2 in ihre Richtung, indem er auf dem Meer lief. 3 Dabei (und) wollte 4 er an ihnen vorbeigehen.
- weil (als) er sah Kausales oder temporales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. sah, dass sie sich quälten AcP, mit „dass“ aufgelöst. sich quälten W. „gequält wurden“ (zur Übersetzung s. BA βασανίζω, 3; NSS).
- um die vierte Nachtwache W. „Wache der Nacht“. Die Römer teilten die Nacht in vier gleich lange Nachtwachen ein. Die letzte Nachtwache fiel etwa zwischen 3 und 6 Uhr morgens. Das Speisungswunder hatte wohl spätnachmittags, zur Zeit des Abendessens stattgefunden. Später am Abend (V. 47) waren die Jünger bereits mitten auf dem See. Die Jünger hatten inzwischen offenbar so mit widrigen Winden zu kämpfen gehabt, dass sie über Stunden kaum Fortschritte machten (Collins 2007, 333f.; France 2002, 271).
- indem … lief Modales Ptc. conj., als Nebensatz aufgelöst.
- wollte Die Verwendung des Imperfekts zeigt wohl an, dass dies in dieser Szene seine Absicht war.
49 Und als sie ihn auf dem Meer (See) laufen sahen, 1 meinten sie, dass es ein Gespenst sei, und schrien auf (fingen an zu schreien) 2.
- als … sahen Ptz. conj., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- schrien auf (fingen an zu schreien) Wie in der Klammer kann man den Aorist auch ingressiv übersetzen, der den Anfang von etwas markiert.
50 Denn alle sahen ihn und erschraken 1. Doch er begann sofort mit ihnen zu reden 2. {und} Er sagte zu ihnen: „Keine Angst! (Beruhigt euch!, Habt Vertrauen!) 3 Ich bin [es], fürchtet euch nicht!“
- erschraken Eigentlich ein Passiv, w. also so etwas wie „sie wurden erschrocken“. Auf Deutsch wird daraus aktiv „sie erschraken“ (so auch viele andere Übersetzungen. Vgl. BA ταράσσω, 2, wo für das Passiv angegeben ist: „in Bestürzung, Schrecken geraten“).
- begann … zu reden Der Aorist ist hier ingressiv übersetzt, der den Anfang von etwas markiert (vgl. NSS; EÜ). Ansonsten wäre die Übersetzung: „er redete sofort mit ihnen“, oder schöner: „er sprach sie sofort an“ (NGÜ, vgl. GNB).
- Keine Angst! (Beruhigt euch!, Habt Vertrauen!) W. so etwas wie »Seid tapfer!«. Seit LUT gerne mit »Seid getrost« übersetzt. Etwas moderner EÜ: »Habt Vertrauen«, GNB: »Fasst Mut!« Auf Deutsch gibt man den Sinn dieser Aussage eigentlich eher mit einer negativen Formulierung wieder, wie unsere Übersetzung. Vgl. NGÜ: »Erschreckt nicht!«
51 Und er stieg zu ihnen ins Boot, und der Wind legte sich/flaute ab. Da (Und) innerlich selbst waren sie ganz (ganz außerordentlich) fassungslos (überwältigt, entgeistert, erschüttert, außer sich) 1.
- ganz (ganz außerordentlich) fassungslos Die Übersetzung mit fassungslos schließt sich an unsere Übersetzung in Mk 2,12 und 5,42 an (vgl. NGÜ). Ist die NA28-Lesart mit gleich zwei intensivierenden Ausdrücken korrekt (hier in der Klammer zu finden, dann hat Markus wie schon in 5,42 dem überforderten Erstaunen der Jünger in sehr blumiger Ausdruck verliehen. LUT: „Und sie entsetzten sich über die Maßen“, GNB: „Da gerieten sie vor Entsetzen ganz außer sich.“, NGÜ: „Da waren sie erst recht fassungslos.“
52 Sie verstanden (hatten verstanden) nämlich nicht, was es mit den Broten auf sich hatte 1, sondern ihr Herz war verstockt (verhärtet) 2.
- was es mit den Broten auf sich hatte W. „hinsichtlich/angesichts/aufgrund der Brote“ Eine andere sinngemäße Übersetzung lautet: „Denn auch durch das Wunder mit den Broten waren sie nicht zur Einsicht gekommen“ (GNB, ähnlich NGÜ, ELB?, LUT?)
- ihr Herz war verstockt (verhärtet) D.h. die Jünger verstanden Jesu Macht und Anspruch nicht, auch nach den vergangenen Wundern. Damit rückt er die Jünger in die Nähe seiner Feinde, die ihn ebenfalls nicht verstanden (Mk 3,5). In Mk 8,14-21 kommt Jesus noch einmal mit demselben Wort auf die Brotvermehrung und die Verständnisschwierigkeiten der Jünger zu sprechen.
53 Und nachdem sie übergesetzt hatten, 1 gingen sie in Gennesaret an Land und landeten (legten an, ankerten, liefen in den Hafen, zogen [das Boot] an Land) 2.
- nachdem sie übergesetzt hatten Temp. Ptz. conj., als vorzeitiger Nebensatz aufgelöst.
- landeten (legten an, ankerten, liefen in den Hafen, zogen [das Boot] an Land) Das Wort hat offenbar die Grundbedeutung, ein Boot zu sichern (also „zu verankern“; und implizit, danach an Land zu gehen). Der genaue Vorgang wird im Kontext nicht genauer vermerkt. Es könnte „anlegen“ heißen (so die meisten Übersetzungen); „(ver)ankern“ (LSJ), „an Land ziehen“ oder „(das Boot) festmachen“ (so einige englische Übersetzungen); „landen“ (GNB) oder „in den Hafen einlaufen“ (BA προσορμίζω, NSS) (vgl. LN 54.20; Blight 2012, 340f.). Pesch schließt aus der letztgenannten Definition, die Gruppe müsse in einem Hafen angelegt haben (ders. 1976, 375), aber Gennesaret war ein fruchtbarer und dicht bewohnter Küstenstreifen zwischen Tiberias und Kafarnaum. Ob es dort eine gleichnamige Ortschaft mit einem Hafen gab, ist unsicher (Guelich 1989, 356). Also bietet sich eine Übersetzung wie „landen“ an, die den Vorgang nicht näher beschreibt als nötig. „an Land kommen“ und „landen“ wäre dann ein (bei Markus schon öfter vorgefundener) Hendiadyoin. Um die Dopplung zu vermeiden, böte sich auch die Übersetzung „zogen das Boot an Land“ an.
54 Und als sie aus dem Boot stiegen, erkannten [die Leute] ihn sofort und 1
- erkannten … und Kausales oder temporales Ptz. conj., hier beigeordnet aufgelöst.
55 eilten (liefen) durch die 1 gesamte Gegend, und sie trugen (fingen an zu tragen) 2 diejenigen, denen es schlecht ging (die Kranken) 3 auf [ihren] Matten [immer] dorthin, wo sie hörten, dass er war.
- die W. „jene“, im Deutschen obsolet.
- trugen W. „fingen an zu tragen“, eine pleonastische Verbindung, die typisch für Markus ist. „Anfangen“ hat hier sehr abgeschwächte Bedeutung (Siebenthal 2011, §218e; NSS). Vgl. z.B. Mk 5,17, wo das Verb ebenfalls unübersetzt blieb.
- diejenigen, denen es schlecht ging Subst. Ptz., als Relativsatz aufgelöst. Oder „die Kranken“, eine beliebte Übersetzung des subst. Ptz. (wie in Mk 1,32.34; 2,17 und alle Übersetzungen an dieser Stelle). Da im nächsten Vers das spezifische Wort für „Kranke“ vorkommt, scheinen hier oder Menschen mit allen möglichen Leiden und Gebrechen gemeint zu sein, die sie am eigenständigen Gehen hindern.
56 Und wo er auch hinging, in Dörfer, {oder} in Städte oder in Bauernhöfe , legten sie die Kranken auf die Marktplätze und baten ihn darum, {dass} auch nur die Quaste (den Saum) 1 seines Gewandes berühren [zu dürfen]. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.
- Quaste bzw. Saum Das Wort könnte sowohl einen Saum oder eine Quaste bezeichnen und steht hier wohl für die vier Quasten, die Juden nach dem Gesetz an ihren Kleidern tragen mussten (Num 15,38–39 LXX; vgl. Dtn 22,12). Die Quasten bestanden aus vier blauen und weißen Fäden, die den Träger daran erinnern sollten, die Gebote zu halten (Mt 23,5; Guelich 1989, 357f.; France 2002, 275).
Chapter 7
1 1 Und die Pharisäer und einige der Schriftgelehrten (Schreiber), die aus Jerusalem gekommen waren, 2 versammelten sich bei ihm.
- [Status: Zuverlässig]
- die ... gekommen waren attr. Ptz. Aor., als vorzeitiger Relativsatz aufgelöst.
2 Und weil (als) sie gesehen hatten (sahen), 1 dass manche von seinen Jüngern [mit] unreinen, das heißt: [mit] ungewaschenen Händen 2 die Brote (ihr Essen) aßen 3 – 4
- weil (als) sie gesehen hatten (sahen) Kausales oder temporales Ptz. conj..
- [mit] unreinen ... [mit] ungewaschenen, Händen Instr. Dativ.
- die Brote aßen Eine ungewöhnliche Formulierung. „Brot“ kann pars pro toto für Nahrung oder eine Mahlzeit stehen. Die zu erwartende Phrase wäre aber „Brot essen“. Vielleicht hat Markus so formuliert, um noch einmal das Wunder der Brotvermehrung (Kap. 6) in Erinnerung zu rufen (bei dem Brot könnte es sich um die Überbleibsel handeln), doch das ist unsicher (dafür: Guelich 1989, 363; dagegen: France 2002, 281).
- Der Satz endet nach Meinung der meisten Ausleger und der Zeichensetzung der kritischen Editionen unvollendet (Anakoluth), um der Erklärung des pharisäischen Brauchs Platz zu machen. Unklar ist, ob er in V. 5 fortgesetzt wird oder ob V. 5 neu einsetzt (Guelich 1989, 360; vgl. Collins 2007, 344 Fn 35). France bemerkt allerdings, man könne den Satzbau auch erklären, indem man V. 2 nicht als Umstandsangabe für die Anfrage der Pharisäer V. 5, sondern für ihr Zusammenkommen in V. 1 versteht (ders. 2002, 279f.). Das Partizip weil/als sie gesehen hatten gibt dann kausal oder temporal an, warum die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus ansprachen. Das passt zwar inhaltlich, aber für die verbreitetere Interpretation spricht, dass man die Stelle offenbar schon lange als Anakoluth verstanden hat. Varianten in der Überlieferung des Textes zeigen, dass man zum Teil versuchte, den Satzbau etwas einfacher zu formulieren. Zudem stehen Partizipien mit kausaler Sinnrichtung häufiger vor der Aussage, die sie begründen, als danach.
3 die Pharisäer und die Juden überhaupt (alle) essen nämlich nicht, wenn sie sich nicht sorgfältig (mit einer Handvoll Wasser, in der vorgeschriebenen Weise; mit der Faust) 1 die Hände gewaschen haben, um (Damit, weil) an der Überlieferung der Ältesten (Vorfahren)2 festzuhalten, 3
- sorgfältig Gr. πυγμῇ W. „[mit] der Faust“ Instr. Dativ. Diese Wendung ist nur hier bekannt und ihre Bedeutung unklar. Es gibt folgende Vorschläge, was das Wort bezeichnet: 1. die Art des Waschens, nämlich der Faust in der hohlen Hand, 2. das Waschen bis zum Ellbogen (so Collins 2007, 349) bzw. zum Handgelenk, 3. die meisten Übersetzungen folgen LUT mit der Übersetzung „[mit] einer Handvoll Wasser“ (so z.B. Cranfield 1959, S. 233). 4. MEN „gründlich“, ELB „sorgfältig“. 5. bedeutungsagnostisch „in der vorgeschriebenen Weise“ (NSS) oder „zeremoniell“ (France). France empfiehlt, das Wort sinngemäß mit „sorgfältig“ oder „zeremoniell“ zu übersetzen (ders. 2002, 282; in dieselbe Richtung geht NSS). Weil es sich um einen Singular handelt, ist eine pluralspezifische Übersetzung wie Guelichs „with cupped hands“ (ders. 1989, 364f.) weniger wahrscheinlich. Auch Hengels Theorie eines aus dem Lateinischen entlehnten Wortes „Handvoll“ ist unwahrscheinlich, weil es im Griechischen ein Wort dafür gab (ebd.; so aber auch Dschulnigg 2007; Gnilka 1978). NGÜ lässt das Wort gleich ganz aus dem Fließtext und erwähnt seine unbekannte Bedeutung in einer Fußnote.
- Überlieferung der Ältesten (Vorfahren) Dabei handelt es sich um Bräuche und Regeln, die sich auf der Grundlage des Gesetzes ausgebildet hatten und irgendwann als Norm galten, ohne vom Gesetz direkt vorgeschrieben zu sein. Lange ging man davon aus, dass es sich beim Händewaschen um eine rein pharisäische Lehre handelte, inzwischen weiß man aber, dass die meisten Juden diesem Brauch tatsächlich folgten (Collins 2007, 345f.; vgl. France 2002, 280ff.).
- um (Damit, weil) … festzuhalten Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. Man kann diese Angabe (mit um) final verstehen (vgl. ZÜR) oder sie als getrennten Satz modal übersetzen: „Damit halten sie an der Überlieferung der Ältesten fest.“ (vgl. NGÜ) Auch eine kausale Deutung ist möglich (NSS, MEN).
4 und [nach der Rückkehr] vom Markt 1 essen sie nicht, bis (wenn) sie nicht gebadet (einer Reinigung unterzogen, gewaschen) haben; und es gibt viele andere [Regeln], die sie zu halten übernommen haben, [zum Beispiel] das Abspülen von Bechern, {und} Krügen und Kupfergefäßen und Sitzpolstern (Betten) 2 –
- nach der Rückkehr vom Markt W. „vom Markt“, ein griechisches Idiom. Möglich wäre vielleicht auch „essen nichts, was vom Markt kommt, ohne es gewaschen zu haben“ (NSS).
- und Sitzpolstern (Betten) Dabei handelt es sich um jedes Möbelstück, das als Bett oder Liege auch als Sitzgelegenheit zum Essen diente. Das waren bei ärmeren Leuten oft einfache Matten oder Teppiche, bei Reicheren auch Möbelstücke mit Beinen, wie man sie heute als Betten und Sofas kennt. Nach Lev 15 waren auch unrein gewordene Betten zu waschen (Collins 2007, 349; LN 6.106). Die Übersetzung „Sitzpolster“ folgt GNB, NGÜ.
5 da (und) 1 erkundigten (fragten) die Pharisäer und die Schriftgelehrten sich bei ihm: „Weshalb leben (folgen) deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Ältesten, sondern essen das Brot (Essen) [mit] unreinen Händen 2?“
- da (und) Nach der Parenthese in Vv. 3f nimmt Markus den Satz wieder auf, tut es aber „auf eine Weise, als hätte er vergessen, dass er schon vor der Parenthese einen Satz begonnen hatte und setzt also ein mit καὶ, das hier eigentlich gar nicht nötig wäre.“ (Cranfield 1959, S. 234f). In den selben Phänomenkomplex gehört wohl, dass auch die Wendung „Parisäer und Schriftgelehrte“, mit der der Satz einsetzte, hier extra noch mal gesetzt wird.
- [mit] unreinen Händen Instr. Dativ.
6 Aber er sagte zu ihnen: „Richtig (Treffend, Zurecht) hat Jesaja über euch Heuchler (Scheinheilige) geweissagt, wie geschrieben steht: »Dieses Volk ehrt mich [mit] den Lippen,1 aber ihr Herz ist weit von mir entfernt.
- [mit] den Lippen Instr. Dativ.
7 Und sie beten (verehren) mich vergeblich an,weil sie [als verbindliche] Lehren Gebote von Menschen lehren1.«2
- weil sie … lehren Ptz. conj., als kausaler Nebensatz aufgelöst. [als verbindliche] Lehren Gebote von Menschen lehren Im gr. AT steht etwas anders »weil sie Gebote von Menschen und Lehren lehren«. Jesus spitzt das rhetorisch auf den Vorwurf zu, die Vorstellungen von Menschen (nämlich die erwähnte »Überlieferung der Ältesten«) als verbindliche Gebote festzuschreiben – ohne dabei allerdings etwas am Sinn zu ändern. Im Kern geht es bei Jesaja um oberflächliche Religion, die überkommenen Bräuchen und Traditionen folgt, anstatt Gott mit dem Herzen (d.h. aus Überzeugung) zu ehren, wie es der Fall wäre, wenn die Bräuche nicht zur missbräuchlichen Umgehung der Gebote führen würden (vgl. France 2002, 284).
- Jesaja 29,13; Kolosser 2,22
8 Während ihr Gottes Willen (Gesetz, Gebot) 1 außer Acht lasst, 2 haltet ihr euch [stattdessen (gleichzeitig)] an die Überlieferung der Menschen!“
- Gottes Willen (Gesetz, Gebot), W. »das Gebot Gottes«, bezeichnet in diesem Kontext das, was von Gott geboten (und nicht von Menschen vorgeschrieben) wurde (Guelich 1989, 367). Dass Jesaja von Verehrung mit dem Herzen spricht, weist darauf hin, dass er (und auch Jesus mit seinem Zitat) von Gottes Geboten gerade das »Hauptgebot« aus Dtn 6,4-6 im Blick haben. Israel sollte danach »JHWH, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Sein und deiner ganzen Kraft lieben« und Gottes Gebote im Herzen bewahren (Pesch 1976, 373).
- Während ihr … außer Acht lasst (preisgebt, verlasst, ablehnt) Modales Ptz. conj., als Nebensatz mit »während« und »[stattdessen (gleichzeitig)]« aufgelöst. Das Verb kann in diesem Kontext verschiedenes bedeuten: »außer Acht lassen« (NSS, NGÜ, MEN, ZÜR), »verlassen« (LUT), »preisgeben« (ELB, EÜ), oder sogar »ablehnen« (LN 31.63). GNB etwas freier, aber treffend »zur Seite schieben«. Es geht hier wenige um eine absichtliche Missachtung als um eine bewusste Ablehnung oder Umdeutung der Gebote (V. 9 und 13; France 2002, 285).
9 Und er fuhr fort (sagte) 1 {zu ihnen}: „Geschickt (meisterhaft, trefflich) setzt (hebt auf) ihr Gottes Gebot (Gesetz, Willen) außer Kraft, um eure Überlieferung aufrechtzuerhalten (zur Geltung zu bringen).
- er fuhr fort (V. 9 und 20) übersetzt das Imperfekt ἔλεγεν. Der durative Aspekt zeigt hier wohl an, dass Jesus weiterspricht. Vgl. die ähnliche Übersetzung des Imperfekts in V. 14.
10 Mose hat doch (ja) gesagt: »Ehre deinen Vater und deine Mutter!«,1 und: »Wer Vater oder Mutter verflucht (schmäht, schlechtmacht, herabsetzt), muss sterben 2.«3
- Exodus 20,12; Deuteronomium 5,16
- muss sterben W. etwa »[dem] Tod sterben« (Dativ+Imperativ 3. Sg.). Der Dativ soll hier den hebräischen Inf. abs. nachbilden und in der gleichen Weise die Verstärkung der Aussage bewirken (Siebenthal 2011, §189c). Er lässt sich nicht direkt übersetzen, höchstens mit der etwas staubigen Formulierung »des Todes sterben« (LUT, ELB, MEN). Etwas freier, aber sinngemäß »muss mit dem Tod bestraft werden« (NSS, EÜ, GNB, NGÜ).
- Exodus 21,12; Levitikus 20,9
11 ''Ihr'' jedoch sagt: »Wenn ein Mann (Mensch) zu [seinem] Vater oder [seiner] Mutter sagt: Alles von mir, was dich unterstützen (helfen, nützen) würde, [ist] Korban!« 1, das heißt »Opfergabe (Geschenk)«,2
- Korban Dabei handelt es sich um ein aus dem AT geläufiges hebräisches Wort (קָרְבָּן), ein terminus technicus für »Opfergabe« (Guelich 1989, 368). Nach dem, was heute bekannt ist, war es nach der beschriebenen Sitte irgendwie möglich, das als Opfergabe Deklarierte am Ende selbst zu behalten. Offenbar war es nicht erforderlich, den Gegenstand direkt zu spenden. Das Gelübde wurde dann unter Verweis auf das Verbot im Gesetz, einen Schwur zu brechen, eingehalten (Num 30,2; Dtn 23,21-23; Lev 5,14-16). In der Praxis diente dieser Eid dann nur dazu, solche »Opfergaben« anderen vorzuenthalten. France erwähnt als Beispiel Grundbesitz, der auch nach der Korban-Weihe weiter im Besitz des Sohnes war, ohne dass der Vater ihn betreten durfte (France 2002, 286f.; Collins 2007, 351ff.).
- Anakoluth (z.B. Kleist 1937, S. 208). Jesus hat sich hier offenbar so in Rage geredet, dass er nicht einmal seinen begonnenen Satz zu Ende führt.
12 dann erlaubt (lasst ihr zu, dass … nicht mehr; lasst) 1 ihr ihm nicht mehr, etwas 2 [für seinen] Vater oder [seine] Mutter 3 tun.
- erlaubt bzw. lasst zu, dass Der Satz lässt sich auf zwei Weisen übersetzen: (1) »Ihr lasst nicht zu, dass er...« oder (2) »Ihr lasst zu, dass er nicht...«. Im ersten Fall wäre gemeint, dass die Pharisäer dem Mann nicht erlauben würden, sein Gelübde rückgängig zu machen, um doch noch seinen Eltern zu helfen (EÜ, NGÜ, LUT, ELB, MEN; die meisten Kommentare). Im zweiten Fall wäre gemeint, dass sie den Mann damit davonkommen lassen, nicht mehr für seine Eltern zu sorgen (BB, B/N, KAM, NL, ZÜR; Thüsing 2011). GN kombiniert beide Möglichkeiten: »dann braucht er für seine Eltern nichts mehr zu tun. Ja, ihr erlaubt es ihm dann nicht einmal mehr.« Die gewählte Übersetzung scheint vom Griechischen her etwas wahrscheinlicher zu sein.
- nicht mehr, etwas W. »nicht mehr, nichts«, eine doppelte Verneinung, die den Effekt der Aussage (s. die vorige Fußnote) verstärkt.
- [für seinen] Vater oder [seine] Mutter Instr. Dat. (2x).
13 So (indem) hebt (macht nichtig) ihr Gottes Wort (Aussage) 1 auf 2 durch eure Überlieferung, die ihr weitergegeben (überliefert) habt, und ihr tut viele vergleichbare (ähnliche) solche [Dinge] (vergleichbare solche [Dinge] tut ihr häufig).“
- Gottes Wort steht nicht für die Heilige Schrift, wie man aus der beliebten christlichen Wendung schließen könnte. Im NT ist sie noch nicht üblich. Jesus bezieht sich also auf eine bestimmte Aussage der Schrift. Dabei dürfte es sich um das zuvor zitierte 5. Gebot und die andere Stelle handeln, aus denen hervorgeht, wie Vater und Mutter zu behandeln sind (France 2002, 288).
- so hebt ihr auf bzw. indem ihr aufhebt Modales Ptz. conj., hier als separater Hauptsatz mit so aufgelöst. Dieser Satz dient wohl als zusammenfassende Wiederholung der nun begründeten Behauptung (so, »damit« o.ä.): »Dieses Beispiel zeigt, dass...« (so die meisten Übersetzungen). Die Aussage könnte auch angeben, auf welche Weise die Pharisäer den Mann nichts mehr für seine Eltern tun lassen (»indem«; so ELB).
14 Und (Dann) er rief die Menschenmenge wieder (noch einmal) zu sich und 1 sprach nun 2 zu ihnen: „Hört mir alle zu und versteht 3!
- er rief ... und Ptz. conj. Aor., temporal-modal, beigeordnet übersetzt.
- sprach nun übersetzt das Imperfekt ἔλεγεν. Der durative Aspekt zeigt hier wohl an, dass Jesus weiterspricht, und zwar jetzt an die Menge gewandt. Vgl. die ähnliche Übersetzung des Imperfekts in V. 9 und 20.
- und versteht Möglich wäre eine finale Übersetzung des zweiten Imperativs wie NGÜ: »damit ihr versteht, [was ich sage]« Der Übersetzer hat das vielleicht als eine aus dem Semitischen entlehnte Formulierung verstanden. MEN übersetzt ebenso sinngemäß »und versucht zu verstehen«.
15 Nichts, was (wenn, indem) von außerhalb des Menschen in ihn hineingelangt, kann ihn verunreinigen (Es gibt nichts, was … hineingelangt, das … kann). 1 Es ist vielmehr, was aus dem Menschen herauskommt, das den Menschen verunreinigt 2.
- Nichts, was … hineingelangt Subst. oder umschreibendes Partizip, hier als umschr. Ptz. verstanden (wie die meisten Übersetzungen). Als subst. Ptz. übersetzt und folglich als Relativsatz aufgelöst (vgl. LUT, ELB), würde der Satz lauten: »Es gibt nichts, was von außerhalb des Menschen in ihn hineingelangt, das ihn verunreinigen kann.« bzw. »Außerhalb des Menschen gibt es nichts, was...« (für den zweiten Versteil s. die folgende Fußnote). Von der Syntax her ist es auch möglich, das Ptz. wie die meisten englischen Übersetzungen als Ptz. conj. zu übersetzen. Das temporal-konditionale (wenn) oder modale (indem) Ptz. conj. wäre als Nebensatz aufzulösen: »Außerhalb des Menschen gibt es nichts, was ihn verunreinigen kann, wenn (indem) es in ihn hineingelangt« bzw. »Es gibt nichts, was …, wenn es von außen...« (vgl. z.B. ESV, NASB, ähnlich wohl SLT). (Vgl. NSS.)
- was herauskommt und das verunreinigt Subst. Ptz. (2x), als Relativsatz aufgelöst. Man könnte das zweite Partizip auch als umschreibendes Partizip übersetzen (dazu s. die vorige Fußnote): »Vielmehr verunreinigt den Menschen das, was aus dem Menschen herauskommt.«
16 Wer Ohren hat [zum] Hören, soll hören (höre)! “ 1
- Textkritik: Dieser Vers fehlt in den frühesten bekannten Handschriften; genaueres im Kommentar
17 Und als er ein Haus betrat, abseits der Menschenmenge, erkundigten sich seine Jünger bei ihm nach dem Gleichnis.
18 Und er sagte 1 zu ihnen: „Seid auch ihr so schwer von Begriff (unverständig)? Versteht (Merkt) ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen gelangt, ihn nicht verunreinigen kann,
- sagte Historisches Präsens.
19 weil es nicht in sein Herz gelangt, sondern in seinen Magen (Bauch), und [dann] in den Abtritt (Senkgrube, Latrine) 1 ausgeschieden wird (hinausgelangt)?“ So erklärte [Jesus] alle Speisen für rein. 2
- Abtritt (Senkgrube, Latrine) Dieser Begriff bezeichnet die Vorläufer heutiger Toiletten. Einige Übersetzungen gehen sehr delikat vor und glätten die Ausdrucksweise: »wird wieder ausgeschieden« (EÜ, GNB, NGÜ), MEN, SLT »auf dem natürlichen Wege«. ELB »in den Abort«, LUT, ZÜR »in die Grube«.
- So erklärte [Jesus] alle Speisen für rein Alternativ „...ausgeschieden wird, was alle Speisen rein macht.“ Dieser abhängige Satz hat keinen offensichtlichen Bezug zum Kontext. Am wahrscheinlichsten ist, dass sich das modale Ptz. conj. auf λέγει „er sagte“ (V. 18) bezieht (so alle herangezogenen Ausleger und die meisten Übersetzungen). Es ist dann ein Kommentar des Evangelisten. Nach dem alternativen Verständnis handelt es sich um eine syntaktisch schwierige Ergänzung zu dem Vergleich des Essens, das den Körper durchläuft und so rein wird. Allerdings würde Jesus dann vom Neutrum Plural in den Nominativ Plural wechseln (France 2002, 291f.). Diese Deutung findet sich in der Interpunktion von NA28 sowie bei SLT und MEN. Diese Übersetzungen beziehen das Partizip offenbar attributiv auf „Abtritt“ und geben dieses Wort dann sehr frei wieder. MEN: „...und auf dem natürlichen Wege, der alle Speisen reinigt, wieder ausgeschieden wird?“
20 {und} Er fuhr fort (sagte) : „Was aus dem Menschen herauskommt, 1 ''das'' verunreinigt den Menschen.
- Was … herauskommt Subst. Ptz., als Relativsatz aufgelöst.
21 Denn von innen her, aus dem Herzen der Menschen, kommen die üblen Vorsätze (Gedanken, Absichten): sexuelle Eskapaden (Unzüchtigkeiten), 1 Diebstähle, Morde,
- sexuelle Eskapaden (Unzüchtigkeiten), Diebstähle, Morde, V. 22 Seitensprünge (Ehebrüche), Begehrlichkeiten (Gelüste, Machthunger), Bosheiten Diese ersten sechs Begriffe stehen im Plural. Der Plural von abstrakten Begriffen bezeichnet im Griechischen oft deren konkrete Erscheinungsformen (BDR §142; ad loc. Grosvenor/Zerwick); sehr gut Dschulnigg 2007: »Hurereien, Diebereien, Morde, Ehebrüche, Habgierigkeiten, Schlechtigkeiten...« Auf diese Weise folgen hier in Vv. 21f aufeinander sechs konkrete Ausprägungen der Schlechtigkeit und sechs »moralische Defekte« (vgl. Cranfield 1959, S. 241).
22 Seitensprünge (Ehebrüche), Begehrlichkeiten (Gelüste, Machthunger) 1, Bosheiten, Arglist (Hinterlist), Zügellosigkeit (Ausschweifung), ein böses Auge 2, Verleumdung (Gotteslästerung, Beleidigung), Überheblichkeit [und] Unvernunft –
- Begehrlichkeiten (Gelüste, Machthunger) »Habgier/Gier« oder neutraler »Begehren« oder »Ehrgeiz« ist die normale Bedeutung dieses Worts. Im Markusevangelium bezeichnet es vielleicht gerade (negativ konnotierten) Ehrgeiz, also Machthunger (Collins 2007, 358f.).
- ein böses Auge Oder »ein schlimmes (d.h. erkranktes) Auge« (Collins 2007, 361). Meist: Neid, neidische Blicke, Missgunst (LN 88.165); alternativ Geiz (LN 57.108). Collins glaubt, aus Mk 15,10 könne man schließen, dass die erste Deutung im Blick ist (Collins 2007, 361). Dem wird man sich anschließen müssen; das »böse Auge« i.S.v. »Missgunst« ist im Rabbinischen ein häufiges Idiom (Stellen: B/S S. 14
23 all diese bösen (schlechten) [Auswüchse] (All dieses Böse) kommen von innen her und verunreinigen den Menschen.“
24 Und von dort brach (stand) er auf und ging weg in das Gebiet von Tyrus 1. Und er begab sich in ein Haus und 2 wollte, dass niemand [davon] erfuhr, und er schaffte es nicht, [seine Anwesenheit] verborgen zu halten.
- Tyrus war ein Stadtstaat, der im Norden an Galiläa angrenzte. Die Bewohner der Region waren Nichtjuden. Ein zeitgenössischer jüdischer Autor beschreibt sie sinngemäß als „unsere Intimfeinde“ (France 2002, 297).
- brach er auf und sowie er begab sich … und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
25 Stattdessen kam gleich, als sie von ihm hörte, eine Frau zu ihm, deren kleine Tochter von einem unreinen Geist besessen war 1, und 2 warf sich vor seine Füße.
- von einem unreinen Geist besessen war W. „einen unreinen Geist hatte“
- kam … und Ptz. conj., temporal, beigeordnet aufgelöst.
26 {aber} – Die Frau war Nichtjüdin (Griechin), der Herkunft [nach] eine Syrophönizierin. 1 – Und sie bat ihn hartnäckig (immer wieder) 2 darum, den Dämon aus ihrer Tochter auszutreiben.
- Nichtjüdin (Griechin), der Herkunft [nach] eine Syrophönizierin Im Griechischen steht zwar Griechin, aber das ist hier gemeint als Abgrenzung von den Juden (vgl. Guelich 1989, 385). Das zeigt auch die weitere Einordnung in die Gegend Syrophönizien. Das war damals die Bezeichnung für Südsyrien (Collins 2007, 366) und meint hier „einheimisch“ (Gnilka 1989, S. 291f; Theißen 1990, S. 130). Der Herkunft [nach]: Dat. respectus.
- sie bat ihn hartnäckig (immer wieder) Das Verb steht im Imperfekt und wird deshalb hier entweder durativ („bat ihn fortwährend“; d.h. „hartnäckig“) oder iterativ („bat ihn immer wieder“) verwendet. Es steht häufig bei (zunächst) erfolglosen Bitten oder Forderungen (Siebenthal 2001, §195g). Etwas freier könnte man die Funktion des Imperfekts auch mit „sie ließ nicht locker“ oder „sie drängte auf ihn ein“ ausdrücken.
27 Aber (Und) er sagte zu ihr: „Lass zunächst die Kinder satt werden, denn es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.“
28 Doch sie entgegnete {und sagte zu ihm}: „Ja, Herr (Herr), auch die Hunde unter dem Tisch fressen die Krümel 1 (Reste) der Kinder.“
- die Krümel W. »von den Krümeln«, eine Präpositionalphrase, die den partitiven Genitiv ersetzt (NSS).
29 Und er sagte zu ihr: „Weil du das gesagt hast 1, geh 2! Der Dämon hat deine Tochter verlassen.“
- Weil du das gesagt hast W. »Aufgrund dieses Wortes/dieser Äußerung bzw. Antwort«
- geh D.h. »Du kannst gehen« (NGÜ) oder »Geh nach Hause« (EÜ, GNB). Vgl. 10,52.
30 Und sie ging zurück in ihr Haus und 1 stellte fest, dass das Kind im Bett lag und der Dämon weg (ausgefahren) war.
- ging zurück … und W. „ging weg“. Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
31 Und (Später) er verließ das Gebiet von Tyrus wieder und 1 reiste (kam) durch Sidon ans Meer (See) von Galiläa, mitten durch (in) das Gebiet der Dekapolis (Zehnstädtegebiet) 2.
- reiste … und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- Die beschriebene Route ist sehr merkwürdig. Blickt man einmal auf diese Karte, reist Jesus von Tyrus („Tyre“; sehr weit im Nordwesten am Meeresufer) über Sidon (ganz im Norden) an den See Gennesareth („Sea of Galilee“); ein gewaltiger Umweg also. Noch dazu liegt laut dem Text entweder (1) der See Gennesaret „mitten im“ Gebiet der Dekapolis (Zentrum der Karte) - was geographisch falsch wäre - oder Jesus zieht (2) „mitten durch das Gebiet der Dekapolis“ an den See, macht also einen noch gewaltigerer Umweg. Am wahrscheinlichsten ist daher (3), dass Markus mit „Gebiet der Dekapolis“ vage auf die (überwiegend heidnische) Ostseite des Sees Bezug nimmt und daher Jesus also „an den See Gennesaret, mitten in das Gebiet der Dekapolis“ ziehen lässt, also „an die Ostseite des Sees Gennesaret“ (Reuber 2007, S. 112; Schenke 2005, S. 190 u.a.). Die Route bleibt dennoch merkwürdig; es ist häufig vorgeschlagen worden, dass dies ein Indiz für Markus' mangelhafte Ortskenntnis sei.
32 Und [die Leute] brachten einen Taubstummen 1 zu ihm und baten (forderten auf) ihn, ihm die Hand aufzulegen 2.3
- einen Taubstummen W. „einen Tauben/Taubstummen und Sprachgestörten/Stummen“. Der Mann war wohl taub geboren. Für Menschen mit dieser Behinderung ist es kaum möglich, normal sprechen zu lernen. Das Wort μογιλάλος „sprachgestört, stumm“ ist sehr selten. Da der Mann nach der Heilung in V. 35 „richtig zu sprechen“ beginnt, heißt es hier „sprachgestört“. Dieser Begriff kommt in der Bibel nur noch in Jes 35,6 LXX vor. Diese Prophezeiung wird auch in V. 37 wieder in den Blick kommen. Markus spielt mit diesem Heilungsbericht also darauf an, dass diese Prophetie mit Jesus in Erfüllung gehen könnte (vgl. Guelich 1989, 394; Collins 2007, 370).
- ihm die Hand aufzulegen bedeutet offenbar, ihn dadurch zu heilen (Collins 2007, 370).
- Jesaja 35,6; Markus 8,22
33 Und er nahm ihn beiseite, abseits der Menschenmenge, [wo sie] unter sich [waren], und steckte ihm seine Finger in die Ohren. Dann (und) spuckte er und 1 berührte seine Zunge.2
- nahm beiseite … und sowie spuckte er und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst. Markus überliefert nicht, wozu Jesus spuckte. Die Vorstellung vom Speichel als Heilmittel ist in der Antike aber sehr weit verbreitet (einige schöne Beispiele aus der arabischen Welt gibt Reinfried 1915, S. 39.60. Für die römische Welt vgl. Sueton, Vesp. VII und Tacitus, Hist. IV,81; für das NT vergleiche Mk 8,22-26 und Joh 9,1-7). In Israel war der Brauch verbreitet, dass man, wenn man eine Wunde heilen wollte, zuerst (a) eine Schriftstelle oder einen Zauberspruch rezitierte, manchmal zusätzlich (b) den Gottesnamen aussprach und dann (c) direkt auf den kranken Körperteil ausspie (s. B/S S. 15-17). Hier liegt wohl eine Variante dieses Brauchs vor: Jesus speit sich (c) auf den Finger, berührt damit den kranken Körperteil, blickt dann zum Himmel (Gnilka 1978, S. 297: „Der Aufblick zum Himmel [...] ist in einer Wundergeschichte stilgemäßer Ausdruck für das Einholen von übermenschlicher Kraft, ebenso das Seufzen des Thaumaturgen.“; ebenso Pesch 1976; vgl. auch Marcus 2008) und (a) rezitiert dann noch einen Spruch (Theißen 1990, S. 252: „Machtwort“). Das Ptz. conj. hat dann modale Sinnrichtung (NSS).
- Markus 8,23
34 Schließlich (und) blickte er zum Himmel auf und 1 seufzte (stöhnte), dann (und) sagte er zu ihm: „Effata!“ 2, das heißt: „Öffne dich!“
- blickte er ... auf und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- „Effata!“ Das ist wahrscheinlich eine nicht 100% genau überlieferte aramäische Form (France 2002, 304; Guelich 1989, 395f.).
35 Und sofort öffneten sich seine Ohren (Hörgänge), und die Hemmung (Fessel) 1 seiner Zunge löste sich, und er konnte richtig sprechen 2.3
- Hemmung W. „Fessel“ (so die meisten Übersetzungen), MEN: „Gebundenheit“. Es handelt sich um eine übertragene Bedeutungserweiterung von „Fessel“, die hier die Einschränkung der Sprachfertigkeit bezeichnet (LN 23.156).
- konnte richtig sprechen (Imperfekt) Das Verb bezeichnet hier die Fähigkeit, sprechen zu können (BA λαλέω, 2aα; NSS).
- Markus 8,25
36 Und er schärfte [den Leuten] ein (ordnete an, verbot), mit niemandem zu sprechen. Aber je mehr er es ihnen einschärfte (verbot, darauf bestand), desto mehr machten (predigten, verkündeten) sie [es] bekannt.
37 Und sie waren zutiefst (maßlos) erstaunt (überwältigt, beeindruckt) und sagten 1: „Er hat alles gut gemacht, und er befähigt (macht, [dass]) die Tauben zu hören und die Stummen zu sprechen!“
- und sagten Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
Chapter 8
1 1 Als in jenen Tagen wieder einmal eine große Menschenmenge [bei Jesus] war und [sie] nichts zu essen hatten, da rief er die Jünger zu sich und 2 sagte zu ihnen:
- [Status: Zuverlässig]
- rief er zu sich und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
2 „Ich bedauere (habe Mitleid mit) die Menschenmenge (den Leuten), weil sie schon drei Tage lang bei mir sind und nichts zu essen haben.
3 Und wenn ich sie ohne zu essen (hungrig) nach Hause gehen lasse (schicke), dann werden sie unterwegs zusammenbrechen (sehr schwach werden). Und manche von ihnen sind von weit her (von so weit her) 1 gekommen.“
- von weit her (von so weit her) W.: »von von fern«; ἀπὸ von ist vor μακρόθεν von fern grammatisch überflüssig. Solche »Redundanzen« sind typisch für Markus' Stil (vgl. v.a. Neirynck 1988; gut z.B. auch Dschulnigg 1986, S. 46-59) und müssen in vielen Fällen als bedeutungslose Stileigentümlichkeit aufgefasst werden; gelegentlich lassen sie sich aber auch als besonders emphatische Konstruktionen (-> Emphase) erklären (z.B. in Mk 9,2.3.8.21; s. FNn g.l.y.bh). Welche von beiden Deutungen jeweils vorzuziehen ist, ist oft nicht entscheidbar. Auch in unserem Vers lässt sich die Bedeutung der Konstruktion gleichermaßen wahrscheinlich aufzufassen als »{von} von fern« (bedeutungslose Stileigentümlichkeit) oder als »von [so] weit her« (emphatisch). In der LF sollte man sich wegen der Argumentationsstruktur der Vv. 2-3 vielleicht doch eher für die erste Deutung entscheiden: (1) Wenn Jesus die Menschen ohne Essen nach Hause schickt, werden sie vor Hunger unterwegs zusammenbrechen; (2) erschwerend kommt hinzu, dass einige dieser Menschen auch noch von weit her kommen, was dieses Zusammenbrechen gleich noch mal so wahrscheinlich macht. – Im Deutschen würde man eine solche Argumentation wohl eher nicht mit einer emphatischen Konstruktion beschweren.
4 Und seine Jünger antworteten ihm: „Woher 1 soll man [all] diese [Leute] ''hier'' in [dieser] Einöde (unbewohnten Gegend) mit Broten (Nahrung) satt machen können?“
- Woher LUT, ZÜR übersetzen »Wie«, doch gemeint ist, woher die Jünger das Brot (pars pro toto für Nahrung) nehmen sollen (Pesch 1976, 403; vgl. GNB, NGÜ, EÜ).
5 Und er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“ Sie {aber} sagten: „Sieben.“1
- Markus 6,38
6 Daraufhin (Und) gab er der Menschenmenge die Anweisung, auf dem Boden Platz zu nehmen; und nachdem er die sieben Brote genommen (erhalten) und ein Dankgebet gesprochen hatte, 1 brach er sie durch und gab sie seinen Jüngern, um sie auszuteilen, und sie teilten sie an die Menschenmenge (Leute) aus.2
- nachdem er ... genommen und ein Dankgebet gesprochen hatte Temporal-modales Ptz. conj. Aor., hier als vorzeitiger temporaler Nebensatz aufgelöst. ein Dankgebet gesprochen W. „gedankt“. Gemeint ist hier jedoch ein Dankgebet.
- Markus 6,41
7 Und sie hatten ein paar Fische (kleine Fische) 1 dabei; und er segnete sie und ließ auch sie verteilen.2
- Fische (kleine Fische) Hier steht zwar die Diminutivform „Fischlein“, aber es ist unklar, ob Markus damit auch kleine Fische meint. Er benutzt den Diminutiv nämlich gerne – allein in Kap. 7 in V. 25 (Töchterlein) und 27f. (Hündlein)(vgl. Collins 2007, 380). Für kleine Fische entscheiden sich ELB, MEN, NGÜ, GNB.
- Markus 6,41
8 Und [die Menschen] aßen und wurden satt, und sie hoben die übrig gebliebenen Brocken 1 auf, sieben Körbe.2
- die übrig gebliebenen Brocken W. „die Reste der Brocken“ (Gen. part.; NSS)
- Markus 6,42
9 Es waren {aber} etwa viertausend [Menschen]. Danach (Und) verabschiedete (ließ gehen, schickte weg) er sie,1
- Markus 6,44
10 und gleich darauf stieg er mit seinen Jüngern in das Boot und 1 gelangte (kam) in das Gebiet von Dalmanuta 2.
- stieg er … und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- Dalmanuta Der Ort wird nur hier erwähnt und ist sonst unbekannt. Die Parallelstelle Mt 15,39 spricht stattdessen vom ebenfalls unbekannten Ort Magadan. In der Textüberlieferung wurde daraus in einigen Handschriften „Magdala“. Dalmanuta ist jedoch zweifellos die ursprünglichste Version des Namens. Sowohl bei Dalmanuta als auch bei Magadan könnte es sich gut um alternative Namen der Ortschaft Magdala handeln (Blomberg 1992, 247).
11 Da (Und) kamen die Pharisäer zusammen (heraus)1 und begannen mit ihm zu streiten, wobei sie von ihm ein Zeichen vom Himmel verlangten, 2 um (wobei sie) ihm eine Falle zu stellen (ihn auf die Probe zu stellen; zu testen). 3
- kamen zusammen (heraus) Entweder soll das „herauskommen“ ausdrücken, dass es sich hier um die ortsansässigen Pharisäer handelt, die auf Jesu Ankunft hin ihre Häuser verlassen (France 2002, S. 311). Oder aber ἐξέρχομαι wird hier im Sinne von „zusammenkommen, auftauchen“ verwendet (so BDAG; s. schön ALB, CEB: „Da tauchten die Pharisäer auf“); im Fokus stünde dann nicht, dass es sich um die ortsansässigen Pharisäer handelt, sondern dass überhaupt eine Gruppe von Pharisäern sich zusammenfindet, um Jesus einmal mehr zu einem Streitgespräch herauszufordern. Keine der beiden Möglichkeiten ist wahrscheinlicher als die andere; allein wegen dem besseren Deutsch sollte man in der LF vielleicht besser der Deutung von BDAG folgen.
- wobei sie … verlangten Modales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. Könnte z.B. auch als separater Hauptsatz übersetzt werden. Zeichen vom Himmel Anders als bei Johannes bezieht Zeichen sich hier nicht auf ein Wunder, sondern irgendeine Art von übernatürlichem Zeichen, das beweisen würde, dass Jesus mit Gottes Unterstützung wirkt. vom Himmel, d.h. von Gott sollte das Zeichen kommen. Die Juden erwarteten solche Zeichen der Echtheit. Auch Mose (u.a. Ex 4,1–9; 29–31; 7,8–22) und Elija (1Kön 18,38) bestätigten ihre Sendung auf diese Weise (France 2002, 311f.; Guelich 1989, 413f.).
- um ihm eine Falle zu stellen Finales (oder modales) Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. Oder wie MEN: „weil sie ihm eine Falle stellen wollten“. Das Verb heißt „testen, erproben“ im weitesten Sinn. Hier erproben die Pharisäer Jesus so, dass er möglichst geschädigt werden soll (vgl. LN 27.31): Sie stellen ihm eine Falle, indem sie hoffen, dass er sich auf ihre Forderung einlässt, jedoch auf Kommando kein entsprechendes Zeichen hervorrufen kann. Vgl. Mk 10,2; 12,15; Joh 8,6. Jesus wurde zuvor schon in Mk 1,13 vom Satan auf die Probe gestellt, was die Pharisäer wie ihn zu Jesu Gegenspielern macht (vgl. Collins 2007, 384).
12 Und er stöhnte (seufzte tief) aus dem Innersten (innerlich)1 auf und 2 sagte: „Wie!? 3 Diese Generation (Dieses Pack) 4 verlangt ein Zeichen? (Warum verlangt diese Generation ein Zeichen?) Amen (Ja, Wahrlich), ich sage euch: Wenn dieser Generation (diesem Pack) ein Zeichen gegeben werden wird... (Nie und nimmer wird dieser Generation ein Zeichen gegeben werden)!“
- aus dem Innersten bzw. innerlich W. „in seinem Geist“. D.h. heißt gewöhnlich „innerlich“ und könnte bedeuten, dass der Seufzer ein stummer blieb (France 2002, 312; NSS). Für Gundry modifiziert das Stöhnen dagegen die folgende Aussage und ist in Kombination mit „in seinem Geist“ so zu verstehen, dass Jesus die Aussage mit Macht machte (Gundry 2000, 402). Der Kontext spricht jedoch eher für ein hörbares Stöhnen. Ansonsten müsste man diesen innerlichen Seufzer (den ja nur Jesus selbst mitbekommen haben kann) der lebhaften Fantasie des Evangelisten (oder der seiner Quelle) zuschreiben. Aus linguistischer Sicht stellt sich die Frage, warum Markus eine unhörbare Gemütserregung mit einem Wort beschreiben sollte, das sich auf einen hörbaren Laut bezieht. EÜ und NGÜ übersetzen „seufzte tief“, GNB lässt „in seinem Geist“ ganz weg. Viele andere Übersetzungen übersetzen wörtlich.
- stöhnte (seufzte) … auf und Modales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- Wie!? (Warum) + Amen (Ja, Wahrlich), ich sage euch + Wenn dieser Generation ein Zeichen gegeben werden wird... (Nie und nimmer wird dieser Generation ein Zeichen gegeben werden) In V. 12b kommen drei Konstruktionen zusammen, die sämtlich zum selben Charakter der Aussage beitragen: (1) Τί ἡ γενεὰ αὕτη ζητεῖ σημεῖον ist keine wirkliche, sondern eine rhetorische Frage; das Τί sollte daher besser mit Camacho/Mateos 1994 und Black 1967 als exklamatives Τί gedeutet werden (also nicht: »Warum verlangt...?«, sondern »Wie!? Diese Generation verlangt...!?«): Die Forderung der Pharisäer wird als völlig absurd zurückgewiesen. (2) Die Formel »Amen, ich sage euch« kennzeichnet das Folgende als mit Vollmacht geäußerte Aussage (-> °Amen°): Die Zurückweisung wird noch mal als definitiv geltend hervorgehoben. (3) »Wenn dieser Generation ein Zeichen gegeben werden wird... !« ist eine abgebrochene Schwurformel, sinngemäß also »Wenn dieser Generation ein Zeichen gegeben wird, [soll mir dies und jenes zustoßen]«. Diese Konstruktion dient als eine besonders starke Verneinung, war v.a im Hebräischen gebräuchlich und hat über die Septuaginta Eingang in das Griechische gefunden. Eine ähnlich unvollständige Schwurformel als Verneinung findet sich z.B. in Ps 94,11 LXX; nach Gerstenberger 2001 und Stevens 1895 auch in Ps 131,2 (s. FN i); eine in Gänze explizierte Schwurformel findet sich z.B. in 2Kön 6,31 (Collins 2007, 385; France 2002, 313). Alle drei Konstruktionen dienen also dazu, die Abschlägigkeit von Jesu Zurückweisung der Zeichenforderung besonders emphatisch (-> Emphase) zu unterstreichen, was auch noch zusammenstimmt mit der Redeeinleitung V. 12 (s. vorige FN) und dem Begriff »diese Generation« (s. nächste FN). Stilistisch sehr viel treffender als die übliche Übersetzung des Verses ist daher etwas wie: »Da fuhr sie Jesus an: 'Was!? Ein Zeichen will dieses Pack sehen!? Nie und nimmer wird diesem Pack ein Zeichen gegeben werden, das sage ich euch!«
- Diese Generation (dieses Pack) ist in Mk beinahe ein Schimpfwort, vgl. deutlich noch Mk 8,38; 9,19 (dazu auch FN ba); ad loc. z.B. van Iersel 1998, S. 262; allgemein EWNT I, S. 294; TWNT I, S. 661 u.ö. Sehr gut daher B/N: »Dieses Pack«.
13 Und er ließ sie [stehen] (verließ sie), 1 stieg wieder ein und fuhr zum anderen Ufer.
- er ließ sie [stehen] Temporales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
14 {Und} Sie 1 hatten vergessen (vergaßen), 2 Brote mitzunehmen, sodass (und) sie bis auf eines kein Brot im Boot dabei hatten.
- Sie Die meisten Übersetzungen übersetzen sinngemäß „die Jünger“, nicht „sie“, aber es gibt keinen direkten Anhaltspunkt dafür, dass Jesus davon auszunehmen ist.
- sie hatten vergessen (vergaßen) Der Aorist wird hier wohl mit vorzeitiger Bedeutung benutzt.
15 Und er schärfte ihnen ein (warnte sie) {sagend}: 1 „Passt auf (Seht zu), hütet euch vor dem Sauerteig 2 der Pharisäer und vor dem Sauerteig von Herodes!“
- schärfte ihnen ein Das Verb steht im Imperfekt, was wohl impliziert, dass diese Aussage einen etwas längeren Diskurs zusammenfasst (oder eine häufige Aussage Jesu darstellt) (France 2002, 315). {sagend} Pleonastisches Partizip.
- Sauerteig wird in der Bibel immer wieder und in verschiedenen Bildern als Metapher für einen Einfluss gebraucht, der sich wie ansteckend und mit bedrohlicher Unaufhaltsamkeit verbreitet. So wie die Beigabe von Sauerteig den ganzen Teig gären und aufgehen lässt, kann sich eine Glaubenslehre (z.B. Gal 5,9) oder eine Gesinnung (so hier?) unerwartet schnell ausbreiten und wahlweise einen guten oder einen verheerenden Einfluss nehmen. In 1Kor 5,8 ist von bösem Sauerteig die Rede, in Mt 13,33 benutzt ihn Jesus als Bild für das Wachstum von Gottes Reich. Mt 16,12 versteht den Sauerteig als die Lehre der Pharisäer und Sadduzäer, Lk 12,1 als deren Heuchelei. Was Jesus hier meint, ist jedoch nicht ersichtlich. Die Pharisäer haben sich unmittelbar zuvor wieder einmal als Jesu ungläubige Gegenspieler herausgestellt. Herodes wurde bisher nur als Verantwortlicher für Johannes' Tod dargestellt, doch in Mk 9,12-13 verbindet Jesus Johannes' Schicksal mit seinem eigenen. Anhänger von Herodes hatten sich zudem mit den Pharisäern zusammengetan, um Jesu Beseitigung in die Wege zu leiten (3,6) (France 2002, 315f.). Daher spielt Jesus vielleicht einfach auf diese feindselige Gesinnung (ebd. 316) oder ihren Unglauben (Guelich 1989, 423f.) an. Jesus scheint im Folgenden nicht weiter auf diese Aussage einzugehen (France 2002, 316).
16 Und sie diskutierten weiter (begannen zu diskutieren) 1 miteinander (machten sich Gedanken) [darüber], dass (weil) sie keine Brote hatten.
- diskutierten weiter (begannen zu diskutieren) bzw. machten sich Gedanken „Diskutieren“ (so die wahrscheinlich gemeinte Bedeutung) steht im Imperfekt. Das Wort bedeutet hier entweder, dass die Jünger einfach weiterdiskutierten und Jesu Kommentar überhörten oder im Eifer der Diskussion ignorierten (so Guelich 1989, 424; France 2002, 317). Dass darüber geredet wurde, war dann schon in V. 14 impliziert und könnte Jesu Bemerkungen über den Sauerteig ausgelöst haben. Oder es signalisiert, dass nun eine Diskussion einsetzte, die sich wegen des fehlenden Brotes (V. 14) anbahnte (so Collins 2007, 386). Eine dritte Möglichkeit (nach MEN) versteht das Imperfekt als missverstehende Reaktion: „Da erwogen sie im Gespräch miteinander: »(Das sagt er deshalb) weil wir keine Brote haben.«“ (Es ist möglich, dass MEN dabei einer alternativen Lesart folgt, die „und sagten“ ergänzt.) Die erste Möglichkeit ist häufiger Funktion des Imperfekts als die zweite und ist tendenziell vorzuziehen; die dritte käme wohl auch ohne Imperfekt aus (vgl. France 2002, 317). Die meisten deutschen Übersetzungen verstehen das gr. Wort διαλογίζομαι jedoch im Sinn von „sich Gedanken machen“ – wohl weil sie etwas besser zu V. 17 passt. So EÜ: „Sie aber machten sich Gedanken, weil sie kein Brot bei sich hatten.“ Doch welche Funktion hätte in diesem Fall πρὸς ἀλλήλους „zu-/miteinander“ (bei EÜ unübersetzt)? NGÜ liest sich schon fast absurd: „Da machten sie sich untereinander Gedanken...“ Das Wort scheint hier sicher die Bedeutung „diskutieren“ zu haben (so die bisher zitierten Kommentare sowie NSS; Pesch 1976, 412f.; LN 33.158; GNB, MEN und englische Übersetzungen).
17 Und Jesus, der (als er, weil er) Bescheid wusste ([das] bemerkte), 1 sagte zu ihnen: „Warum diskutiert ihr (macht ihr euch Gedanken) [darüber] 2, dass ihr keine Brote habt? Begreift und versteht ihr [denn immer] noch nicht? 3 Habt ihr ein (euer) verstocktes (verhärtetes) Herz?4 5
- der (als er, weil er) Bescheid wusste ([das] bemerkte) Modal-temporales Ptz. conj. (oder attr. Ptz.), hier als Relativsatz aufgelöst.
- diskutiert ihr (macht ihr euch Gedanken) Zur Abwägung zwischen den beiden Alternativen s. die Fußnote im vorigen Vers.
- und … [denn immer] noch nicht W. »Begreift ihr noch nicht und versteht ihr nicht?« - Die doppelte Verneinung mit »noch nicht« und »und nicht« verstärkt im Griechischen die rhetorische Frage. Um deren rhetorische Kraft einzufangen, wurde sie in der Übersetzung sinngemäß mit »denn« und »immer« verstärkt.
- Habt ihr ein (euer) verstocktes (verhärtetes) Herz? Überraschend starker Vorwurf; wohl aus diesem Grund wird die Frage in der Parallelstelle Mt 16,8 auch ausgespart. Anders, als die wörtliche Übersetzung vermuten lassen muss, geht die Frage nicht auf die Hartherzigkeit der Jünger, sondern auf ihren Unverstand: Nach dem semitischen Menschenbild ist das Herz nicht primär Sitz der Gefühle, sondern des Verstandes. Ein Mensch, der »kein Herz« oder ein »verstocktes Herz« hat, ist daher kein Unmensch, sondern ein Dummkopf; vgl. z.B. Krüger 2009, S. 104. Sinngemäß müsste man daher statt »Habt ihr ein verstocktes Herz« eher übersetzen: »Habt ihr Stroh im Kopf?«
- Markus 6,52; Markus 7,18
18 Ihr habt zwar Augen, aber seht nicht?Und ihr habt zwar Ohren, aber hört nicht?12 Und erinnert ihr euch nicht? (Und denkt daran:) 3
- Habt ihr zwar Augen, aber seht nicht? Und habt ihr zwar Ohren, aber hört nicht? Die beiden Ptz. conj. habt ihr sind dabei konzessiv aufgelöst, was wohl dem Sinn von Jer 5,21 entspricht. Vgl. NGÜ: »Ihr habt doch Augen – könnt ihr nicht sehen? Ihr habt doch Ohren – könnt ihr nicht hören?« Oder einfach »Habt ihr Augen und seht nicht? Und habt ihr Ohren und hört nicht?« Es handelt sich um eine recht freie Wiedergabe von Jer 5,21, die aber inhaltlich und im Zusammenhang mit der Kritik aus V. 17 eher an den in Mk 4,12 zitierten Abschnitt aus Jes 6,9-10 erinnert (Watts 2007, 172). Doch passen thematisch alle drei angespielten Abschnitte (ebd. 174).
- Jeremia 5,21; Ezechiel 12,2; Psalm 115,5; Jesaja 6,9; Markus 4,12
- Und erinnert ihr euch nicht? (Und denkt daran:) Man kann diesen Satz sowohl als eigenständige Frage wie auch als Einleitung zu V. 19 auffassen. Nach France (2002, 317) handelt es sich eher um eine weitere rhetorische Frage, aber NA28, SBLGNT und viele deutsche Übersetzungen folgen der zweiten Deutung. ZÜR und viele englische Übersetzungen folgen der ersten. Diese Übersetzung hat den Vorteil, dass sie zu kürzeren Sätzen führt und die Parallelität zwischen den beiden Fragen in V. 19 und 20 nicht aufbricht.
19 Als ich die fünf Brote für die fünftausend [Menschen] zerbrochen habe, 1 wie viele große Körbe voller Brocken habt ihr aufgehoben?“ Sie antworteten (sagten) ihm: „Zwölf.“
- Brote … zerbrochen habe »Brote zerbrechen« steht hier als metonymisches Idiom dafür, dass Jesus sie mit Nahrung versorgt hat (vgl. LN 23.20).
20 „Und als [ich] die sieben [Brote] für die viertausend [Menschen] [zerbrochen habe], wie viele Körbe voller Brocken habt ihr aufgehoben?“ Und sie antworteten (sagten) ihm: „Sieben.“
21 Da (und) sagte er (fuhr fort) 1 zu ihnen: „Versteht ihr immer noch nicht?“
- sagte er (fuhr fort) Das Imperfekt zeigt hier wohl einfach an, dass Jesus weitersprach oder fortfuhr.
22 Als sie nach Betsaida kamen, ({Und} sie kamen nach Betsaida. {Und es}) 1 brachten [die Leute] einen Blinden zu ihm und baten (forderten auf) [Jesus], ihn zu berühren.2
- Als, ({Und} ... {und}) W. „und … und“, hier als temporales Satzgefüge verstanden (vgl. Reiser 1983, 119).
- Markus 7,32
23 Und er nahm die Hand des Blinden und 1 führte ihn aus dem Dorf hinaus, und nachdem er ihm in die Augen gespuckt 2 und ihm die Hände aufgelegt hatte, 3 fragte er ihn: „Siehst du etwas?“45
- er nahm … und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- gespuckt Zur Funktion von Spucke in Wunderheilungen vgl. FN bf zu Mk 7,33. Ähnlich wie dort wird auch hier der Brauch des Ausspeiens durch das Motiv des Auflegens der Hände erweitert, das eine für Jesus typische „Medikation“ bei Wunderheilungen gewesen zu sein scheint (s. noch Mk 1,41; 5,23).
- nachdem er … gespuckt und … aufgelegt hatte Temp. Ptz. conj. (2x), als Nebensatz aufgelöst.
- Siehst du etwas? W. „Ob du etwas siehst?“; die Frage wird gleich einer abhängigen Frage durch εἰ „ob“ eingeleitet. Vermutlich ein Semitismus (France 2002, S. 324f; Grosvenor/Zerwick; NSS; Siebenthal 2011, §269b); übersetze wie vorgeschlagen.
- Markus 7,33
24 Und nachdem [der Mann] wieder sehen konnte ([der Mann] blickte auf und), 1 sagte er: „Ich sehe die Leute (Menschen) – {dass} 2 wie Bäume, ich sehe sie umhergehen.“ 3
- nachdem [der Mann] wieder sehen konnte Ptz. conj. als temporaler Nebensatz aufgelöst. Der Blinde war offenbar nicht von Geburt an blind, wie sich aus dem Verb und seiner Beschreibung der Umgebung ableiten lässt. Die Alternative blickte auf und löst das Ptz. beigeordnet auf. Das Verb kann sowohl „aufblicken“ als auch „wieder sehen können“ bedeuten. Im Zusammenhang mit der Rede von „Blindheit“ (s. noch Mt 11,5; 20,34; Mk 10,51; Lk 7,22; 18,41–43 (3x); Joh 9,11.15.18; Apg 9,12.17f; 22,13) liegt natürlich letztere Bedeutung wesentlich näher (so auch France 2002, S. 325; Collins 2007, S. 394, nach Johnson 1979). Dennoch übersetzen viele Üss. an unserer Stelle mit „er blickte auf“ (vgl. NSS; LN 24.10; s. jedoch die Alternativübersetzung der NGÜ; NET; Guelich 1989, 428. Vgl. MEN: „Jener schlug die Augen auf“). Vielleicht liegt das daran, dass „aufblicken“ ebenfalls sehr gut in den Kontext passt. Wahrscheinlich liefert Markus dem Leser ein Wortspiel, indem er absichtlich beide Bedeutungen zulässt (France 2002, 325). Dass der Mann wieder sehen könnte, scheint jedoch im Vordergrund zu stehen.
- {dass} Welche Funktion ὅτι »dass« (oder »weil«) hier hat, ist nicht restlos geklärt. Es ist möglich, dass es hier wie das aramäische Relativpronomen דּיִ verwendet wird (das auch »dass« heißen kann) oder es (falsch) übersetzt. Dann wäre zu übersetzen: »Ich sehe die Leute, die wie Bäume [sind]...« (Guelich 1989, 433; vgl. Siebenthal 2011, §252a). NSS empfiehlt, ὅτι am besten als Doppelpunkt (wie ein ὅτι recitativum) zu übersetzen.
- Ich sehe die Leute – wie Bäume, ich sehe sie umhergehen Falsch wäre die Übersetzung „ich sehe sie wie Bäume umhergehen“ (LUT, ELB, GNB?). Bäume ist Neutrum Plural, das Partizip umhergehen (ein AcP) Maskulinum Plural. Das Partizip bezieht sich auf die Leute (France 2002, 325). Die Übersetzung versucht das zu berücksichtigen. Sehr schön fängt das NGÜ ein: „Ich sehe Menschen; sie gehen umher, aber sie sehen aus wie Bäume.“
25 Daraufhin legte [Jesus] erneut die Hände auf seine Augen, und [der Mann] hatte klare Sicht (sah klar) und war wieder gesund (wiederhergestellt), und er konnte nun alles deutlich (scharf) erkennen. 12
- er konnte nun alles deutlich erkennen Das Verb steht im Unterschied zu den beiden vorigen (Aorist) im Imperfekt, das hier zum Ausdruck bringt, dass der Mann nun (sinngemäß eingefügt) dauerhaft deutlich sehen konnte (ebenfalls ergänzt, um den Sinn richtig zu vermitteln) (vgl. France 2002, 325). MEN legt etwas kreativ aus: „so daß er auch in der Ferne alles scharf sah“
- Markus 7,35
26 Da (Und) schickte [Jesus] ihn nach Hause (in sein Haus), wobei er ihm auftrug (sagte): 1 „Geh auch (aber) nicht ins Dorf! 2“
- wobei er ihm auftrug (sagte) Modales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. Eine andere Möglichkeit wäre „mit den (folgenden) Worten“.
- »Geh auch nicht ins Dorf!« Das ist offenbar so zu verstehen, dass der Mann nicht direkt in Betsaida (=dem Dorf) lebte. Vgl. GNB: »Geh nicht erst nach Betsaida hinein, sondern geh gleich nach Hause!«
27 Und Jesus und seine Jünger zogen weiter (gingen fort, machten sich auf) in die Dörfer von Cäsarea Philippi 1; und auf dem Weg befragte er seine Jünger {und sagte zu ihnen} 2: „Für wen halten mich die Leute?“ 3
- Die Dörfer von Cäsarea Philippi meint die kleinen Ansiedlungen, die in der Nähe von Cäsarea Philippi liegen und zum Verwaltungsbereich dieser Stadt gehören (Cranfield 1959, S. 267). Gemeint ist also die ländliche Gegend um Cäsarea Philippi, was gut damit zusammen stimmt, dass Jesus offenbar überwiegend nicht in Großstädten, sondern kleineren Dörfern gewirkt hat (vgl. z.B. Theißen/Merz 2011, S. 163f.).
- {und sagte} Pleonastisches Partizip.
- „Für wen halten mich die Leute?“ Oder „Was sagen die Leute (Menschen), wer ich bin?“ W. etwa „Wen sagen/halten die Leute mich zu sein?“ (AcI)
28 Da sagten sie zu ihm {sagend} 1: „[Einige für] Johannes den Täufer und andere [für] Elija, wieder andere [meinen], dass [du] einer von den Propheten [bist].“2
- {sagend} Pleonastisches Partizip.
- Markus 6,14
29 Und er fragte sie: „Und ihr - für wen haltet ihr mich?“ 1 Und {antwortend} 2 sagte Petrus zu ihm: „Du bist der Messias (Gesalbte; Christus)!“ 3
- Für wen haltet ihr mich? W. etwa „Ihr aber, wen sagt/haltet ihr mich zu sein?“ (AcI. Vgl. die Frage in V. 27)
- {antwortend} Pleonastisches Partizip; übersetze schlicht: „Petrus antwortete:...“
- Messias Gr. χριστός „der Gesalbte“ oder formelhaft „Christus“. Das griechische Wort ist eine Übersetzung von hebr. מָשִׁיחַ maschiach. Der Messias war in den Prophetien des AT ein König nach dem Muster des Königs David, der Israel in eine neue Zeit führen und als gerechter König regieren sollte (z.B. Jer 23,5). Zwischentestamentliche Autoren erwarteten einen militärischen Anführer, der Israel von der Fremdherrschaft der Griechen und später der Römer befreien und zu alter Größe zurückführen würde (vgl. Evans 2001, 15).
30 Und er schärfte (befahl) ihnen ein, {damit} mit niemandem über ihn sprechen.
31 Und er begann sie darüber aufzuklären (zu lehren), dass der Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) 1 viel leiden, und von den Ältesten und den obersten (führenden, Hohen) Priestern 2 und den Schriftgelehrten (Schreibern) abgelehnt (verworfen, zurückgewiesen) werden, und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen müsse 3.4
- Menschensohn ist ein eschatologischer Terminus. Außer in Mk 2,10.28 verwendet Jesus dieses „biographische Ich-Idiom“ (Schenk 1997) ausschließlich, wenn er von seiner Rolle in Gottes Heilsplan spricht, also der, dass er - der Menschensohn - von den Menschen verworfen, ausgeliefert und getötet werden müsse, dann aber in großer Macht und Herrlichkeit wiederkehren werde. Vgl. besonders gut Danove 2003, S. 23-25.
- oberste Priester Auf Griechisch „Hohe Priester“. Damit waren ehemalige Hohe Priester gemeint, die weiter im Hohen Rat vertreten waren, aber wahrscheinlich auch Mitglieder der wichtigen Priesterfamilien (France 2002, 335 Fn 51).
- müsse, gr. δεῖ, wird im NT häufig dazu verwendet, um auszudrücken, dass es sich bei dem, was da sein „muss“, um ein von Gott vorherbestimmtes und daher notwendig eintretendes Geschehnis handelt (vgl. EWNT I, S. 669; ad loc. z.B. Cranfield 1959; Doudna 2002; Lohmeyer 1967); s. z.B. Mk 13,7.10. Das passt sehr gut zusammen mit Vokabel „Menschensohn“ (s. vorletzte FN): Jesus gibt seinen Jüngern hier Einblick in die göttliche Vorhersehung.
- Psalm 118,22; Hosea 6,2; Markus 9,31; Markus 10,33
32 Und er sagte das ganz offen. 1 Da (Und) nahm Petrus ihn beiseite und begann, missbilligend auf ihn einzureden (ihn zu rüffeln/zurechtzuweisen). 2
- er sagte das ganz offen W. „Diese Aussage machte er mit Offenheit“ (instr. Dat.); gut MEN, ZÜR: „und er sprach das ganz offen aus“, EÜ (vgl. NGÜ): „er redete ganz offen darüber“. Markus bezieht sich hier speziell auf die Lehre aus V. 31 (France 2002, 337).
- begann, missbilligend auf ihn einzureden W. „tadeln, zurechtweisen“. Gemeint ist, dass Petrus Jesus solche düsteren Vorhersagen ausreden und ihn zur Vernunft bringen möchte. GNB: „wollte ihm das ausreden“, MEN: „begann auf ihn einzureden“.
33 Der drehte sich um und – indem (und) er seine Jünger ansah (nachdem … angesehen hatte) – 1 wies Petrus zurecht (herrschte ihn an) {und sagte}: „Geh hinter mich (Geh weg von mir) 2, Satan (Widersacher) 3! denn Du hast nicht die [Vorstellungen (Interessen)] Gottes im Sinn, sondern die der Menschen.“ 4
- Der drehte sich um und, indem (und) er seine Jünger ansah (nachdem … angesehen hatte) Beide Verben sind Ptz. conj., hier temporal und modal (bzw. in der Klammer temporal-vorzeitig) aufgelöst. Man könnte auch einfacher formulieren: „Der drehte sich um, {und} sah seine Jünger an [und] wies Petrus zurecht“ oder „drehte sich um und … wies zurecht, wobei er … ansah.“ ansah W. „sah“. Wahrscheinlich meint Markus: Petrus ist nicht der Mann, von dem Jesus sich beiseite nehmen lässt. Gibt es ein Problem mit einer so essenziellen Frage wie der für Jesus unausweichlich von Gott geplanten Zukunft, so betrifft das alle. Besonders, wenn zu erwarten ist, dass die anderen Jünger ähnliche menschliche Vorstellungen vom Messias haben (vgl. die Fußnote bei „Messias“ in V. 29) (France 2002, 338, gegen Collins 2007, 406f., die nicht begründet, warum Jesus seine Antwort nur an Petrus, aber nicht an die anderen Jünger richtet).
- »Geh hinter mich (Geh weg von mir), Satan!« Der Ausruf ist doppeldeutig. Jesus fordert Petrus gleichzeitig auf, im aus den Augen zu gehen, und sich wieder in der Nachfolge bei den Jüngern hinter ihm einzureihen (vgl. W. »hinter mir nachzufolgen« in V. 34!). Der nächste Satz zeigt, was Jesus meint: Petrus (aber auch keiner der anderen Jünger) sollte sich nicht Gottes Plänen in den Weg stellen oder in irgendeiner Form verweigern. Denn damit, auch wenn es aus den besten Absichten geschieht, würde er zum Widersacher Gottes (vgl. Collins 2007, 407).
- Satan ist die Umschrift des hebräischen Worts שָׂטָן. Nirgendwo sonst wird ein Mensch als Satan bezeichnet. Jesus meint jedoch kaum, dass Petrus besessen ist (Collins 2007, 407). Petrus' Vorstellungen stehen Gottes Plänen so weit entgegen, dass sie von Satan kommen müssen (France 2002, 338). Er könnte Petrus' Einwände als einen weiteren Versuch des Teufels auffassen, ihn in Versuchung zu führen (Collins 2007, 407). Eine andere Möglichkeit ist, dass Jesus das Wort adjektivisch benutzt und Petrus so als einen Widersacher bzw. jemanden, der sich ihm in den Weg stellt, bezeichnet. Schließlich spricht Jesus gleich darauf ja von »menschlichen« Vorstellungen, nicht von denen des Teufels (Evans 2001, 19). Doch signalisiert die scharfe Formulierung unter Beibehaltung des semitischen Begriffs auch im Griechischen, dass Jesus seinen Jünger wirklich als Satan anspricht (France 2002, 338 Fn 61).
- denn Du hast nicht die [Vorstellungen (Interessen)] Gottes im Sinn, sondern die der Menschen. NGÜ: „Denn was du denkst, kommt nicht von Gott, sondern ist menschlich.“ MEN: „Deine Gedanken sind nicht die Gedanken Gottes, sondern sind Menschengedanken.“ ZÜR: „Denn nicht Göttliches, sondern Menschliches hast du im Sinn.“
34 Dann (Und) rief er die Menschenmenge samt seinen Jüngern zu sich und 1 sagte zu ihnen: „Wenn jemand mir nachfolgen 2 will, dann muss (soll) 3 er sich selbst verleugnen, {und} sein Kreuz tragen (auf sich nehmen, aufheben, mitnehmen) 4 und mir nachfolgen!
- rief zu sich … und Temporales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- mir nachfolgen W. »hinter mir gehen« (vgl. Mk 1,17; 2,14). Manche Übersetzungen: »Wer mein Jünger sein will...« (EÜ, NGÜ) Genau das hat Jesus hier im Blick (France 2002, 339; Pryke 1978, S. 41).
- dann muss (soll) … verleugnen … auf sich nehmen … nachfolgen Die drei Verben stehen in der dritten Person des Imperativs, den man am besten mit Hilfsverb (»soll«, »muss« oder »möge«) oder einem Konjunktiv umschreibt. Hier beschreibt Jesus die Anforderungen, die er an seine Nachfolger stellt. In diesem Kontext ist »muss« am passendsten (vgl. Collins 2007, 408).
- sein Kreuz tragen (auf sich nehmen, aufheben, mitnehmen) Das Verb αἴρω heißt bei Gegenständen »aufheben«, aber auch »(mit sich) tragen« oder »mitführen« (BA 1a/2). Die klassische Übersetzung seit Luther ist »sein Kreuz auf sich nehmen«, gemeint ist aber wohl eher der bildliche Ausdruck »sein Kreuz mit sich herumtragen« (vgl. BA 2). Konkret geht es dabei um den Querbalken des Kreuzes, den man zu seiner eigenen Hinrichtung tragen musste (Collins 2007, 408). Kreuzigung war auch in Palästina eine übliche Form der Todesstrafe. Das Bild der Verurteilten, die den Balken durch die Stadt trugen, war den Leuten geläufig (Evans 2001, 25). Diese Wendung war möglicherweise als Sprichwort bekannt. Lukas macht deutlich, dass dies übertragen gemeint ist, indem er »täglich« ergänzt (Lk 9,23). Doch Jesus hat hier gerade seinen Tod vorhergesagt. Mit diesen Worten macht er also deutlich, dass die Gefahr für seine Nachfolger, sein Schicksal zu teilen, sehr real ist (Collins 2007, 408; France 2002, 339f.). Der Leser erhält den Eindruck, dass Jesus genau weiß, was auf ihn zukommt (Evans 2001, 25). Dieses Schicksal bewusst in Kauf zu nehmen und Jesus trotz allem nachzufolgen, das gehört für Jesus sicherlich auch dazu, sich selbst zu verleugnen (France 2002, 340).
35 Denn jeder, der (wer) sein Leben (Seele) retten will, wird es verlieren; aber jeder, der (wer) wegen mir und dem Evangelium (der Heilsbotschaft, um meinet- und des Evangeliums willen) sein Leben (Seele) verliert, wird es retten.
36 Denn was nützt es einem Menschen, die gesamte Welt zu gewinnen, 1 aber (und [dabei]) sein Leben (Seele) zu verlieren? 23
- die gesamte Welt zu gewinnen Das heißt im übertragenen Sinn, (im diesseitigen Leben) den größtmöglichen Erfolg zu erzielen (France 2002, 341).
- sein Leben (Seele) zu verlieren Einige Übersetzungen geben das Prädikat nicht mit verlieren, sondern mit »Schaden nehmen (an)« wieder. LUT: »nähme an seiner Seele Schaden«, NGÜ: »wenn er selbst dabei unheilbar Schaden nimmt«, ähnlich ZÜR, wohl nach BA ζημιόω. LN 57.69 listet die Passivform dagegen in einem separaten Eintrag als »Verlust erleiden, verlieren, einbüßen«. Als Gegensatz zu »(etw.) gewinnen« ist »(etw.) verlieren« allerdings die angemessenere Übersetzung (vgl. France 2002, 341). Wenn Jesus sich so stark ausdrückt, sollte die Übersetzung das nicht abschwächen.
- Kohelet 1,3; Psalm 49,8
37 Denn was könnte (sollte) man (ein Mensch) als Gegenwert für sein Leben (Seele) geben?
38 Denn jeder, der (wer immer) sich in dieser untreuen (ehebrecherischen) und sündigen Generation (jeder dieses untreuen und sündigen Packs, der sich) 1 über (wegen) mich und meine Worte schämt, 2 über den wird sich auch der Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) schämen, sobald er in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln kommt.“3
- Generation (Pack) - zu diesem Ausdruck s. FN o zu V. 12.
- Jeder, der sich … über mich und meine Worte schämt usw. Für heutige Leser ist NGÜ recht passend: »Wer ... nicht zu mir und meinen Worten steht«. Jesus benutzt jetzt das Bild von Scham und Ehre, die in den meisten Kulturen weitaus wichtiger sind als im Westen. Wer sich hier über Jesus schämt, der kann auch bei Jesu Rückkehr keine Ehrung erwarten. Das Hier und Jetzt wird als »untreu« - bzw. w. »ehebrecherisch« - und »sündig« charakterisiert. Der erste ist ein Begriff, der schon im AT Israels (im übertragenen Sinn eheliche) Untreue gegenüber Gott und seinem Bund bezeichnet hat. »Sündig« verstärkt den Eindruck noch, dass diese Generation sich von Gott abgewandt hat und auch seinen Abgesandten Jesus verschmäht. Die neue Zeit, die mit dem Kommen des Menschensohns (Dan 7,13-14; Sach 14,5) - d.h. Jesu Rückkehr - anbricht, ist für Jesus die entscheidende (vgl. France 2002, 341ff.; Collins 2007, 410f.).
- Daniel 7,13; Daniel 7,9; Sacharja 14,5
Chapter 9
1 1 Und weiter 2 sagte er zu ihnen: „Amen (Wahrlich, Ja), ich sage euch: 3 Es gibt einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken (nicht sterben)4 werden, bis (bevor, ehe) sie gesehen haben, wie Gottes Reich (Herrschaft)5 mit Macht (Kraft) gekommen ist. 6“ 7
- [Status: Zuverlässig]
- weiter sagte er - W. Und er sagte. Das καὶ schließt direkt an den vorangehenden Abschnitt an; das Impf. drückt die Fortsetzung der Rede aus; „sechs Tage später“ in V. 2 markiert einen Einschnitt zw. Vv. 1.2. V. 1 wird daher auch von nahezu allen Exegeten noch dem Abschnitt 8,34-38 zugeordnet; auch einige alte Manuskripte begannen das neue Kapitel erst bei V. 2. Zur Zuordnung vgl. bes. gut van Iersel 1998, S. 291f. Weiter soll diesen Zusammenhang zum Ausdruck bringen. So auch R-S; ähnlich CSB, NCV. Gut auch ALB, CEB, CJB, GN, GNT, MEN, NeÜ, NGÜ, NL, NLT, WNT: „Und er fuhr fort“ / „Und er fügte hinzu“.
- Amen, ich sage euch - nicht-responsorisches °Amen°: Jesus spricht als einer, der bevollmächtigt ist, Aussagen über das »Kommen des Reiches Gottes« zu machen und auch über das nötige Wissen verfügt. Zusammen mit der Konstruktion οὐ μὴ + Aorist Konjunktiv - der stärkstmöglichen Verneinung zukünftiger Geschehnisse im Griechischen (Wallace, S. 468) - in οὐ μὴ γεύσωνται sie werden garantiert nicht schmecken wird so das folgende als absolut sichere Aussage markiert.
- den Tod nicht schmecken - hebräisches Idiom für »sterben«; auch in Joh 8,52; Heb 2,9 und häufiger in der frühjüdischen Literatur (Stellen bei B/S I, S. 751f; vgl. auch BDAG 195). Verwandt ist vielleicht der Ausdruck »(bitterer) Kelch des Todes« für den Tod in TestAb 16,12; TgN zu Dtn 32,1 und TgN, TgJ, TgF zu Gen 40,23. BB, Camacho/Mateos 1994, CEB, GNT, GW, HfA, NCV, NGÜ, NIRV, NL, NLT, Pesch 1977, S. 66 einfach: »nicht sterben« - das ist wohl die einfachste Lösung.
- zu Reich Gottes vgl. Terminologie/Reich Gottes.
- gekommen ist - W. bis sie gesehen haben das Reich Gottes gekommen in Macht. Das Perfekt ἐληλυθυῖαν gekommen drückt hier aus, dass die Genannten das schon jetzt nahe Reich Gottes vollständig realisiert sehen werden, bevor sie sterben (vgl. Collins 2007, 413).
- Markus 13,26; Lukas 2,26; Johannes 8,52; Apostelgeschichte 1,6; Hebräer 2,9
2 Sechs Tage später nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes (die Brüder Jakobus und Johannes?), und führte sie 1 für sich, allein, 2 auf einen hohen Berg, und er wurde vor ihnen (vor ihren Augen) 3 verwandelt (verwandelte sich): 45
- nahm mit und führte sie - Typisch markinische Redundanz (daher auch Lk 9,28: „Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich und stieg auf den Berg.“); hier aber zweckmäßig eingesetzt: Zusammen mit dem folgenden, ebenfalls gedoppelten für sich, allein wird so das häufige Motiv der Privatoffenbarung an ausgewählte Jünger besonders betont. Sehr gut WIL: „er führte sie - nur sie allein - auf einen hohen Berg.“
- s. letzte FN
- vor ihnen - viele Üss. stilistisch gut: „vor ihren Augen“, aber Mk verwendet wohl bewusst „ihnen“: Die Geschehnisse der Perikope Mk 9,2-8 sind kein Selbstzweck, sondern für die Jünger bestimmt: Vor ihnen wird Jesus verwandelt; ihnen erscheinen Elija mit Mose, und ihnen („aus der Wolke“) deutet die „Stimme“ aus, was sie da eben gesehen haben.
- wurde verwandelt (verwandelte sich) - Entweder Passivum divinum wurde verwandelt, also sinngemäß „wurde von Gott verwandelt“ (so z.B. Dschulnigg 2007, S. 245; Kmiecik 1997, S. 134; Pesch 1977, S. 72; Wördemann 2008, S. 44) oder reflexives Passiv verwandelte sich (so z.B. Haenchen 1966, S. 308; Kleist 1937, S. 214). Die erste Variante ist wahrscheinlicher: In Mk 9,2-8 wurde vermutlich die Textsorte „Epiphanie“ (=Erscheinung Gottes) mit der hellenistischen Textsorte „Metamorphose“ (=Verwandlung) verschmolzen (vgl. gut Wördemann 2008, S. 37f), um die Epiphanie als Christophanie darstellen zu können: Christus offenbart sich auf dem Berg in seiner göttlichen Herrlichkeit. In der hellenistischen Textsorte Metamorphose ist es aber üblich(er), dass die Verwandelten von Göttern verwandelt werden. Auch ist es ja in V. 7 Gott, der den Jüngern die Geschehnisse ausdeutet.
- Exodus 24,13; 2 Petrus 1,16; 2 Korinther 3,18
3 {und} Seine Obergewänder {wurden} strahlten 1 [so] sehr (blendend) weiß 2 , wie sie kein Walker3 auf der [ganzen] Erde 4 {derart} 5 weiß färben könnte. 6
- V. 3: wurden strahlten, V. 4: sprachen waren im Gespräch, V. 6: waren in Furcht geraten fürchteten sich, V. 7: Und eine Wolke entstand und überschattete sie - nicht: „wurden strahlend“ oder „begannen zu strahlend“, „waren im Gespräch“, „war in Furcht geraten“ und „es entstand eine Wolke und überschattete sie“: periphrastisches Tempus (vgl. Pryke 1978, S. 36). Hier höchst passend, da diese Konstruktion wohl expressiver ist als ein gewöhnlicher Aorist.
- strahlten so sehr weiß - W. strahlten, sehr weiß: Wieder: typisch markinische Redundanz (so auch Marcus 2009); auch hier wieder zweckmäßig verwendet zur Steigerung „Strahlend-heit“ und „Weiß-heit“. Im Deutschen zum Glück leicht übertragbar durch adverbiale Wiedergabe von „sehr weiß“: „Sie strahlten blendend weiß / erstrahlten in blendendem Weiß“. Übersetze: „und seine Kleider erstrahlen in einem solch blendendem Weiß, dass auf der ganzen Erde kein einziger Tuchfärber sie derart weiß hätte machen können.“ Weiße Kleider und Lichtherrlichkeit sind im neuen Testament und auch häufig in der altjüdischen und frühchristlichen Literatur Kennzeichen himmlischer Wesen (vgl. gut Gnilka 1979, S. 33; Lo 2012, S. 175). Das Motiv ist ähnlich aber auch im außerjüdischen und außerchristlichen Bereich verbreitet; vgl. Frenschkowski 1997, S. 185.
- zu Walker gut Dschulnigg 2007, S. 245: „Walker oder Tuchscherer krempelten Wolle, kratzten Tücher auf und reinigten schmutzige Gewänder. Der Vergleich verdeutlicht, dass die Kleider Jesu in himmlischem Glanz versetzt werden.“
- auf der [ganzen] Erde - eigentlich unnötig; natürlich geht es um irdische Walker. Der Sinn ist emphatisch (Cranfield 1959, S. 290), daher [ganzen].
- derart (οὕτως) - redundant nach οἷα so (Kleist 1937, S. 214). Kein Semitismus (gegen Grosvenor/Zerwick ad loc.); auch hier wieder zweckmäßige Redundanz zur Unterstreichung der „so unglaublichen Weißheit“.
- Exodus 34,29; Psalm 104,1; Daniel 7,9; Daniel 12,3; Maleachi 3,2; Johannes 1,14; Matthäus 28,3; Philipper 3,21; Offenbarung 3,5; Offenbarung 4,4; Offenbarung 7,9
4 Und es erschien ihnen Elija zusammen mit Mose1 , und sie sprachen ({waren im Gespräch}) mit Jesus.
- Elija zusammen mit Mose - Der Ausdruck wird in der Exegese heftig diskutiert, weil doch Mose der wichtigere von beiden und daher die Reihenfolge von „Elija mit Mose“ merkwürdig sei (Kmiecik 1997, S. 138 glaubt sogar, dass die „falsche“ Reihenfolge der Nennung signalisieren soll, dass die Jünger nichts von dem verstehen, was sie sehen). In diesem Zhg. hat Heil 1999 den Vorschlag gemacht, dass durch die Konstruktion „X zusammen mit Y“ nicht X, sondern Y als das wichtigere Glied von beiden markiert würde. Folgte man dem, müsste man im Deutschen besser übersetzen: „Mose und Elija“. Allerdings sehe ich das Problem nicht. Man weiß schon lange, dass Mk sich stark am Elija-Elischa-Zyklus bedient hat, um sein Evangelium zu komponieren (vgl. z.B. van Iersel 1998, S. 64f): Elija ist schon im Mk-Ev. ein „Typos“ Christi; dass er daher auch als eine der beiden Figuren - selbst als die erstgenannte - in der Verklärungserzählung auftauchen sollte, scheint mir ganz natürlich. Ich sehe nicht, was gegen „Elija mit Mose“ spräche. Hier ist übrigens Mose ebenso wie Elija Typos Christi: Mose war deutlich das Vorbild für die Komposition der Perikope Mk 9,2-8; vgl. Ex 24; 34 (bes. auch die Interpretation dieser Stellen in Philo, VitMos II 66-76, bes. 69f.; dazu auch Wypadlo 2013, S. 393ff). Vermutlich ist dieses doppelte Typos-Verhältnis auch der Grund, warum es gerade Elija und Mose sind, die bei der Verklärung erscheinen. Das Auftreten von Elija und Mose macht aus V. 4 eine „Synkrisis“ (=Vergleich einer Person mit gleichrangigen historischen Größen und Vorläufern). Auch dies ist eine hellenistische Textsorte; auch sie ist hier integraler Bestandteil der Christophanie, die die Importanz Jesu - der sich gerade als Sohn Gottes offenbart - durch Vergleich mit Elija und Moses noch zusätzlich unterstreicht. Gut Berger 1984, S. 1175: „In den Evangelien halte ich den Teil der sogenannten 'Verklärung' (Mk 9) für eine σύνκρισις, in dem sich Jesus mit Elia und Mose unterhält, die erscheinen (Mk 9,4). Jesus wird damit als einer gekennzeichnet, der in diese Größenordnung von Menschen gehört: Er ist ihr Genosse, weil sie mit ihm reden. Was sonst durch Typologie erreicht wird (vgl. die Darstellung Jesu nach Art von Elia und Elisa), geschieht hier mit Hilfe einer Erscheinung.“
5 Da {antwortete und} 1 sprach Petrus zu Jesus: „Meister (Rabbi) 2 , es ist gut, dass wir hier sind! Und lass uns (so lass uns denn) 3 drei Hütten (Zelte) bauen - dir eine, Mose eine und Elija eine!“ 4
- V. 5.19: antwortete und, V. 6: wie er reagieren (was er antworten) - Biblizismus: ἀποκρίνομαι antworten bedeutet in der Bibel häufiger nicht nur „erwiedern auf ein Angesprochen-sein“, sondern auch „reagieren auf einen Umstand“; vgl. Kleist 1937, S. 163; Wördemann 2008, S. 46. Denn Sinn treffen Camacho/Mateos 1994, CEB mit reagieren; im Deutschen aber besser schlicht: Vv. 5.19: „Da sprach Petrus/Jesus“; V. 5: „wie er reagieren sollte“.
- Meister (Rabbi) - »Rabbi« wurde in nachbiblischer Zeit v.a. als Ehrentitel für Torah-Lehrer verwendet. Zur Verfassungszeit des NT hatte sich der Begriff aber vermutlich noch nicht als dieser terminus technicus etabliert und es war bloß eine allgemeine Ehrenbezeichnung; Marcus 2009 schlägt daher vor: »Sir«. »Meister« nach ALB, BBE, HfA, H-R, HER, KAM, KAR, KJV, PAT, RSV, Taylor 1979, TMB, TYN, WBT, WYC
- Und lass uns (so lass uns denn) - konsekutives καὶ; »So lass uns denn...« gut nach Reiser 1983, S. 117.
- Von vielen Exegeten wird V. 5 theologisiert: Entweder heißt es dann, Petrus wolle unangemessenerweise den himmlischen Zustand dauerhaft festhalten (sozusagen: indem er die himmlischen Wesen an irdische Hütten bindet), oder er glaube, die Endzeit, in der die himmlischen Wesen mit den Erwählten zusammen wohnen werden (vgl. z.B. äthHen 39,1.4.7f*), sei nun da. V. 6 macht aber klar, dass alles andere als theologische Reflexion hinter Petrus Ausruf in V. 5 steckt: Sein Vorschlag wird von Mk als völliger Nonsens abqualifiziert, den er nur geäußert habe, weil er vor Angst nicht wusste, was er redete. Vv. 5f verdichten gemeinsam den Topos der „Epiphanie-Furcht, de[s] Gottesschrecken[s]“ (Pesch 1977, S. 76). Den Sinn trifft VOLX: „Petrus war völlig high. Er meinte nur: ... / Er war aber nicht klar in der Birne und hatte wohl einen Adrenalinkick, weil er so eine Angst hatte.“ * Weil äthHen nicht leicht zugänglich ist, will ich obige Stelle noch eben wörtlich wiedergeben: <poem>„In diesen Tagen werden auserwählte und heilige Kinder vom hohen Himmel herabsteigen und ihr Stamm wird sich mit den Menschenkindern vereinigen. [...] Hier sah ich ein anderes Gesicht: Die Wohnungen der Gerechten und die Ruhestätten der Heiligen. [...] Ich sah seine [=des Auserwählten] Wohnstätte unter den Fittichen des Herrn der Geister. Alle Gerechten und Auserwählten glänzen vor ihm wie Feuerschein; ihr Mund ist voll von Segensworten; ihre Lippen preisen den Namen des Herrn der Geister und Gerechtigkeit hört nicht mehr vor ihm auf. Hier wünschte ich zu wohnen und meine Seele trug nach jener Wohnstätte Verlangen. [...]“ (Üs.: Rießler)</poem>
6 Er wusste nämlich nicht, wie er reagieren (was er antworten) sollte; denn (so sehr) sie fürchteten sich (waren in Furcht geraten) . 1
- Markus 14,40
7 Und eine Wolke {entstand und} hüllte (verbarg, überschattete) 1 sie 2 ein, und eine Stimme kam aus der Wolke: „Dies ist mein geliebter (einziger) 3 Sohn, [darum] 4 hört auf ihn!“ 5
- hüllte ein (verbarg, überschattete) - s. nächste Fußnote
- sie - Das „sie“ scheint sich hier auf die Jünger zu beziehen, da diese die letztmöglichen Referenten sind. („So sehr fürchteten sie sich. Und eine Wolke hüllte sie ein...“). So deshalb z.B. Ernst 1963, S. 258, Pesch 1977, S. 76; Kmiecik 1997, S. 139. Pronomina wie αὐτός müssen sich im Griechischen aber nicht notwendigerweise auf den letztmöglichen Referenten beziehen, sondern können auch auf die salientesten (->Salienz) Referenten verweisen (vgl. z.B. Dana/Mantey § 136; Wallace, S. 325f.; Zerwick § 214) - und die sind hier ohne Zweifel Jesus, Mose und Elija. Dass im folgenden Teilvers eine Stimme aus der Wolke spricht, impliziert, dass die Jünger sich außerhalb der Wolke befinden, und also bezieht das sie sich höchstwahrscheinlich auf Jesus, Mose und Elija. So z.B. auch Gnilka 1979; Marcus 2009. Richtig Cranfield 1959, S. 292: „Oepke hat wahrscheinlich recht damit, wenn er denkt, dass die Bedeutung von ἐπισκιάζω hier nicht »überschatten«, sondern »einhüllen«, »verbergen« ist [so auch Marcus 2009] und dass αὐτοῖς sich auf Jesus, Moses und Elija bezieht, die Jünger dagegen darin nicht inbegriffen sind.“ Das Einhüllen der Wolke entzieht das himmlische Erlebnis den Augen der Jünger, und als sie sich wieder verzieht, sind sie „plötzlich“ (V. 9) wieder allein mit Jesus.
- geliebter - ἀγαπητός meint hier wie z.B. auch Gen 22,2.16 LXX und Mk 1,11 wohl nicht (allein) »geliebt«, sondern »einzig«; vgl. z.B. Kleist 1937, S. 184; Kmiecik 1997, S. 139; Turner 1926b; Wördemann 2008, S. 47. Seine Bedeutung ist aber dennoch »geliebt«, gut daher Camacho/Mateos 1994: »Dieser ist mein Sohn, der Geliebte« (ähnlich Dschulnigg 2007, GREB, KAR, NIV, NRS, Pesch 1977, Stier, TNIV, WNT, YLT); GN: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe« (ähnlich CEB, CJB, GW, NCV, Taylor 1979, S. 462, WIL); BB: »Das ist mein Sohn, ihn hab ich lieb« (ähnlich NIRV).
- [darum] - »[darum]« gut nach Reiser 1983, S. 145.
- Exodus 16,10; Exodus 23,21; Exodus 24,15; Exodus 33,9; Exodus 40,34; Deuteronomium 5,22; Deuteronomium 18,15; 1 Könige 8,10; Psalm 2,7; Psalm 99,7; Jesaja 42,1; 2 Chronik 5,13; 2 Makkabäer 2,8; Markus 1,11; Markus 13,26; Markus 14,62; Apostelgeschichte 1,9; 2 Petrus 1,17
8 Und plötzlich, als sie sich umblickten, sahen sie niemanden {nicht} 1 mehr bei sich 2 als Jesus allein.
- niemanden nicht - typisch markinische doppelte Verneinung; vgl. Marcus 2009. Hier wieder gepaart mit weiterer Redundanz: μόνον allein in „außer Jesus allein“ ist überflüssig. Es wird so betont, dass das plötzliche Verschwinden von Elija und Moses genau so wunderbar ist wie ihr Erscheinen.
- bei sich - warum „bei sich“? Recht wahrscheinlich gehört dies zum in FN i beschriebenen Muster und unterstreicht noch einmal die Perikope abschließend, dass all das in Vv. 2-8 Geschehene ihnen, den Jüngern, gegolten hat. Es klingt aber etwas merkwürdig und wird daher auch von vielen kommunikativen Üss. ausgespart (z.B. BB, B/N, HfA, KAM). Vielleicht sollte man in der LF daher nach einem anderen Weg suchen, dieses Muster auszudrücken; gut vielleicht GN, GNT, NGÜ, NL, NLT: „...sahen sie niemanden mehr. Nur Jesus war noch bei ihnen“.
9 Während sie vom (aus dem) 1 Berg herabstiegen, befahl er ihnen {damit}, 2 niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten - erst (außer) 3 , wenn der Menschensohn 4 von den Toten 5 auferstanden sei. 6
- V. 9: vom (aus dem) - ἐκ verwendet wie ἀπό; vielleicht Semitismus - s. Turner 1929a, S. 282f. Daher auch Textvarianten.
- V. 9: dass,; V. 12.18.30: dass (damit) - ἵνα zur Einleitung von Objektsätzen (klassisch eigtl. nur zur Einleitung von Final- und Konsekutivsätzen). Entweder Latinismus (verwendet wie lat. ut (so Turner 1929b, S. 356f; van Iersel 1998, S. 34f.)) oder Semitismus (verwendet wie hebr. כִּי). Typisch für Mk; insgesamt 31x im Ev.
- erst (außer) - Exzeptivsatz temporal verwendet, wohl Semitismus; vgl. Beyer 1968, S. 132-34; Marcus 2009
- Menschensohn ist ein eschatologischer Terminus. Außer in Mk 2,10.28 verwendet Jesus dieses „biographische Ich-Idiom“ (Schenk 1997) ausschließlich, wenn er von seiner Rolle in Gottes Heilsplan spricht, also der, dass er - der Menschensohn - von den Menschen verworfen, ausgeliefert und getötet werden müsse, dann aber in großer Macht und Herrlichkeit wiederkehren werde. Vgl. besonders gut Danove 2003, S. 23-25.
- von den Toten - gemeint ist nicht das „Reich der Toten“, sondern die toten Menschen; vgl. BDAG 668; ad loc. Marcus 2009. Vor allen anderen Toten und als (vorerst) einziger unter den Toten wird der Menschensohn auferstehen.
- Matthäus 8,4; Markus 5,43; Markus 8,30; Markus 10,32; Lukas 24,46
10 Und sie behielten das Wort bei sich ({bei sich}), diskutierten (miteinander) 1 aber, was dies sei - „von den Toten Auferstehen“. 2 3
- behielten das Wort bei sich (bei sich), diskutierten (miteinander) - πρὸς ἑαυτοὺς bei sich/miteinander lässt sich entweder ziehen zu τὸν λόγον ἐκράτησανsie hielten das Wort oder zu συζητοῦντες sie diskutierten; abhängig davon lässt der Satz sich auf zwei Weisen auflösen: (1) „Sie behielten das Wort bei sich [i.e., folgten Jesu Schweigegebot], diskutierten aber darüber“ - so z.B. Camacho/Mateos 1994, S. 172; Cranfield 1959, S. 297; Kleist 1937, S. 214 - oder (2) „Sie hielten das Wort [i.e. sie merkten es sich (so gut B/N)] und diskutierten miteinander“, so die meisten Üss. Rein syntaktisch gesehen sind beide Auflösungen gleich gut möglich, aber im aktuellen Kontext (s. V.9) macht Auflösung (1) mehr Sinn.
- „von den Toten Auferstehen“ - rätselhaft ist den Jüngern vermutlich nicht das Konzept „vom Tod auferstehen“ - das war in der nachexilischen Zeit in Israel sogar recht verbreitet -, sondern exakt das „als erster und vorerst einziger der Toten auferstehen“, vgl. FN ag; so gut Marcus 2009 ad loc..
- Johannes 12,16
11 Dann fragten sie ihn {und sagten}: „Warum sagen [dann] die Schriftgelehrten (fragten sie ihn, warum die Schriftgelehrten sagten), 1 dass zuerst Elija kommen müsse?“ 2
- Warum sagen [dann] die Schriftgelehrten (fragten sie ihn, warum die Schriftgelehrten sagten) - im klassischen Griechisch leitet Ὅτι dass meist indirekte Fragen ein. Bes. im Mk-Ev. wird es aber dann auch gern als »reine« Interrogativpartikel verwendet; vgl. BDR §300.2; Turner 1925d, S. 59f.
- Maleachi 3,23
12 Und er sagte zu ihnen: „In der Tat (zwar) 1 kommt 2 Elija zuerst und stellt alles wieder her. 3 Aber [gleichzeitig] steht (und wie/warum steht) über den Menschensohn geschrieben(?), dass (damit) er vieles leiden und verachtet werden müsse.(?) 4
- Schwieriger Vers. Der Zhg. von V. 12bc mit mit 12a ist nicht völlig klar. V. 12a wird eingeleitet von μέν, das meist vorkommt im Zhg. mit δὲ, dann: Zwar... aber. Fehlt dies δὲ, heißt μέν meist tatsächlich, in der Tat.... Hier folgt kein δὲ, sondern καὶ πῶς und wie...?, und warum...?; einige (z.B. Cranfield 1959, S. 298; Gundry 1993, S. 464; NSS) denken aber, dass dies καὶ πῶς hier als Ersatz für δὲ verwendet wird. Möglich ist also jede der folgenden Kombinationen: * (1) »[Zwar/in der Tat] kommt zuerst Elija, um alles wieder herzustellen[. Und wieso/, aber es] steht über den Menschensohn geschrieben, dass er leiden und verachtet werden müsse [?/.]« Problem bei diesen Varianten: Alle implizieren, dass irgendein Gegensatz besteht zwischen der Tatsache, dass zuerst - d.h., vor dem Ende - Elija wiederkommen müsse und der Tatsache, dass über den Menschensohn geschrieben stehe, dass er leiden und verachtet werden müsse. Ein solcher Gegensatz ist aber nicht erkennbar. Gnilka 1979 und Marcus 2009 verstehen 12a als Frage: * (2) »Kommt Elija zuerst, um alles wiederherzustellen? Wieso steht dann über den Menschensohn geschrieben...« (Gnilka) * (3) »Ist das wirklich so, dass Elija, wenn er zuerst wiederkommt, alles wiederherstellt?« (Marcus) Für drei weitere (verzweifelte) Lösungen vgl. Oke 1953; für eine alte textkritische (und textkritisch nicht haltbare) Linder 1862, S. 558f.. (2) ist unwahrscheinlich, weil in V. 13 die Wiederkunft Elija's ja sogar als bereits geschehen ausgesagt wird. Bei (3) bin ich nicht einmal sicher, ob diese Deutung von μέν überhaupt grammatisch möglich ist, aber selbst wenn, macht sie keinen Sinn: Die Jünger haben nicht danach gefragt, warum die Schriftgelehrten sagen, dass Elija alles wiederherstellt, sondern warum sie sagen, dass er zuerst kommen muss; Jesu Rückfrage wäre so also unsinnig (»Warum sagen die Schriftgelehrten, dass Elija zuerst kommen muss?« - »Ist das wirklich so, dass Elija alles wiederherstellt?«). Bleiben also wieder die Varianten in (1) und das Problem des nicht erkennbaren Widerspruchs. Vermutlich muss man die Verse so verstehen, dass dieser von uns nicht wahrnehmbare Widerspruch zwischen den Geschehnissen an Elija und denen am Menschensohn nur in der Wahrnehmung der Jünger bestand: Die Jünger haben Jesu Prophezeiung so aufgefasst, als würde sie bedeuten, dass der Menschensohn und nicht Elija vor dem Ende wiederkommen werde. Und Jesus antwortet darauf sinngemäß: »Nein nein, die Schriftgelehrten haben schon recht damit, wenn sie sagen, dass vor dem Ende der Welt Elija wiederkommen müsse. Aber gleichzeitig steht ja in der Schrift, dass der Menschensohn - ebenfalls noch vor dem Ende! - leiden und verachtet werden müsse. Das muss einfach beides geschehen. Und jetzt sage ich euch noch etwas: Was die Wiederkunft Elija's angeht: Der war schon da [- und nun steht nur noch das Leiden und Verachtet-Werden des Menschensohns aus].«
- kommt + stellt wieder her - Wenn wir Vv. 12f richtig gedeutet haben (vgl. FN ai, FN al), werden die Verbformen in V. 12 klug verwendet: ἐλθὼν kommt ist Partizip Aorist, ἀποκαθιστάνει stellt wieder her ist Indikativ Präsens. Partizip Aorist hat meist vorzeitige Bedeutung und wird so zeitlich relativ vor das Indikativ Präsens er stellt wieder her eingeordnet. Und Indikativ Präsens kann (1) gnomische Bedeutung haben; Jesus würde dann etwas über die überzeitliche Wahrheit dessen, was geschrieben steht, aussagen, ohne auf den exakten Zeitpunkt zu achten(»In der Tat: Das mit dem zuerst-Kommen und dem folgenden alles-Wiederherstellen Elija's stimmt«), es kann aber (2) auch effektive Bedeutung haben und so aussagen, dass es bereits geschehen ist und nun die Effekte dieses eingetreten-Seins in Kraft sind, also »er ist gekommen, hat alles wiederhergestellt und nun ist alles wiederhergestellt.« In V. 12 sind - wieder: wenn wir Vv. 12f richtig gedeutet haben - beide Bedeutungen aktiv: (1) macht V. 12 zu einer sinnvollen Antwort auf die Anfrage der Jünger in V. 11, (2) deckt sich mit der folgenden Richtigstellung in V. 13.
- stellt alles wieder her - Wieso stellt Elija »alles wieder her?« Elija war nach altjüdischem Glauben zwar der Vorläufer des Messias (wahrscheinlich jedenfalls - Faierstein 1981 und Fitzmyer 1985 haben gegen diesen exegetischen Konsens angeschrieben), aber davon, dass er »alles wiederherstellt« war nie die Rede. Zudem ist der wiedergekommene Elija im Mk-Ev. Johannes der Täufer (s. FNn zu Mk 1), und es ist nicht einzusehen, wie Johannes »alles wiederhergestellt« haben sollte. van Iersel 1998 und Black 2012 denken an Mk 1,4, wo steht, dass ganz Judäa und ganz Jerusalem sich bei Johannes taufen gelassen habe. Das scheint mir etwas weit hergeholt, aber es ist dennoch die bei Weitem sinnvollste Erklärung, die ich gefunden habe.
- Jesus Sirach 48,10; Maleachi 3,24; Lukas 1,16; Lukas 1,76; Apostelgeschichte 1,6
13 Aber ich sage euch (Ja, mehr noch:), 1 Elija ist auch (sogar) 2 [bereits] gekommen, und sie haben mit ihm gemacht, was sie wollten - wie über ihn geschrieben steht.“ 3
- Aber ich sage euch (Ja, mehr noch:) - »ich sage euch« fungiert im NT genauso wie nicht-responsorisches °Amen°: Das Folgende wird als definitiv wahr markiert. V. 13 schließt an V. 12 mit ἀλλά an, das meist adversative Bedeutung hat (aber, stattdessen, nichtsdestotrotz,...). Wenn unsere Deutung von Vv. 12f (vgl. FN ai, FN al) richtig ist, wird mit V. 13 V. 12 aber nicht kontrastiert, sondern spezifiziert (vgl. auch Brannan 2008, S. 14f.): Die Position der Schriftgelehrten wird in V. 12 prinzipiell angenommen, in V. 13 aber durch die definitive Wahrheit genauer ausgeführt: Nicht nur muss Elija kommen - er ist sogar bereits gekommen. Vgl. auch WIL: »Elia ist schon gekommen.« Daher statt aber ich sage euch besser: Ja, mehr noch (so gut auch CJB: »There's more to it:...«). Das καὶ und, auch in V. 13 markiert noch zusätzlich, dass die beiden Verse keinen Kontrast bilden, sondern dass V. 12 mit V. 13 überstiegen wird, daher besser sogar. Nach Joüon wird von einigen Exegeten das ἀλλά auch mit »Eh bien!...«, »Well!...«, »Wohlan!...« übersetzt (z.B. Grosvenor/Zerwick; Kleist 1937; Pesch 1977); auch PAT, KAR: »Nun denn,...«. Ich bin nicht sicher, welche Diskursfunktion das haben soll (Joüon war mir noch nicht zugänglich), aber vermutlich soll auch dies markieren, dass im folgenden Satz V. 12 nicht kontrastiert, sondern weitergeführt wird.
- auch (sogar) - s. FN an
- Matthäus 11,14; Matthäus 17,13
14 Und als sie (er) zu den Jüngern kamen (kam), sahen sie (sah er), dass eine große Menschenmenge um sie [war] und Schriftgelehrte mit ihnen diskutierten. 1
- Lukas 11,53
15 Und sofort, als die ganze Menschenmenge ihn sah, erschrak sie (staunte sie, geriet sie in Ehrfurcht), 1 rannte auf ihn zu und begrüßte ihn [freudig] 2. 3
- erschrak sie (staunte sie) - ἐκθαμβέομαι im NT nur in Mk. (hier; Mk 14,33; 16,5.16). In Mk 9,15 differieren Lexika und Üss deutlich. In dt. Üss meist „wurde ganz aufgeregt“ (aber wohl nur, weil dies die bedeutungsoffenste Üs. ist); danach „erschrak sie“; auch „war überrascht“ (H-R; so auch die meisten englischen Üss); „waren außer sich vor Freude“ (B/N, ähnlich ALB, MEN); „sie erschauderten“ (Pesch 1977; Stier); „erfaßte alle ein großes Erstaunen“ (KAR); „überkam die gesamte Volksmenge heilige Scheu“ (KNO). Es handelt sich hier um ein „vorgezogenes Admirationsmotiv“ (so z.B. Dschulnigg 2007, S. 253; Pesch 1977, S. 87; Theißen 1990, S. 80): Für gewöhnlich am Ende von Wundergeschichten (am Anfang nur hier und Mk 1,22) reagieren die Zuschauer angemessen auf dieses Wunder; es handelt sich also wohl um eine Mischung aus Bewunderung, Erstaunen und tatsächlich „heiliger Scheu“ (KNO). Gut daher van Iersel 1998, Marcus 2009, NLT, NRS: „were overcome with awe“; sehr gut WNT: „astonished and awe-struck“. Ich würde empfehlen: „Kaum hatte die ganze Menge ihn erblickt, lief sie ehrfürchtig staunend zu ihm hin und begrüßte ihn freudig.“
- begrüßte ihn [freudig] - [freudig] nach EWNT I, S. 416: ἀσπάζομαι „als Ausdruck der Zuneigung, der freudigen Aufnahme“.
- Exodus 34,30
16 Da fragte er sie: 1 „Worüber (warum) diskutiert ihr mit ihnen ?“
- sie + ihr + mit ihnen - Das αὐτούς sie wirkt, als würde es sich auf die Volksmenge beziehen: Sie ist der letztmögliche Referent und es ist auch einer aus der Volksmenge, der antwortet. So klar ist die Sache aber nicht (vgl. wieder FN x): Die „sie“ werden gefragt, warum „sie“ mit „ihnen“ diskutieren. Weil - so der übliche Argumentationsgang - von den drei Parteien Jünger, Volksmenge und Schriftgelehrte die Volksmenge die einzige Partei ist, die in V. 14 nicht als diskutierend dargestellt wird, muss sich das sie entweder auf die Jünger (z.B. Gnilka 1979) oder auf die Schriftgelehrten (z.B. Lührmann 1987) beziehen. Ich glaube, das ist falsch gesehen - V. 14 schildert nicht drei Parteien, sondern zwei: 14c schildert das Setting - da sind (a) die Jünger und (b) die Volksmenge -, 14d das Geschehen: Schriftgelehrte und Jünger diskutieren miteinander. Die Schriftgelehrten sind also in 14c in die Volksmenge inkludiert, und also ist es auch kein Problem, wenn Jesus seine Frage an die Volksmenge richtet. Sinngemäß also: „Jesus fragte in die Menge: Worüber diskutiert ihr mit meinen Jüngern?“
17 Einer 1 aus (aus heraus) 2 der Menschenmenge antwortete ihm: „Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht (wollte ihn zu dir bringen), 3 weil 4 er einen stummen Geist (einen Geist, der ihn stumm macht) 5 hat (von einem stummen Geist besessen ist). 6
- einer Das Zahlwort εἷς eins, einer steht hier für das Indefinitpronomen τις jemand, irgendeiner; vgl. Grosvenor/Zerwick 1993. Das ist kein Semitismus; diese Verwendung findet sich z.B. auch bei Aristoteles; vgl. Pape, S. 738.
- aus (aus heraus) - vgl. FN ac: ἐκ verwendet wie ἀπό; vielleicht Semitismus - s. Turner 1929a, S. 282f.
- habe zu dir gebracht (wollte zu dir bringen) offensichtlich hat er ihn ja nicht zu Jesus gebracht - denn der war nicht da. Es war nur seine Intention, ihn zu Jesus zu bringen; vgl. Cranfield 1959, S. 301 - daher besser modal zu übersetzen: »Ich wollte meinen Sohn zu dir bringen«.
- weil - adv. Ptc., kausal aufgelöst.
- einen stummen Geist (einen Geist, der ihn stumm macht) - welches von beidem gemeint ist, ist nicht ganz klar. Natürlich heißt es wörtlich »stummer Geist«, aber es ist auffällig, dass der Geist gerade im Zhg. mit der Schilderung der Krankheitssymptome als »stumm« bezeichnet wird, und selbst wenn es wirklich auf den Geist zu beziehen ist, könnte das ja auch gerade deshalb auf den Geist zu beziehen sein, weil er den Jungen stumm macht. Was zum Krankheitsbild passt; eine steife Zunge gehört zum Krankheitsbild der Epilepsie. Deshalb »ein Geist, der ihn stumm macht« z.B. bei BB, BBE, Camacho/Mateos 1994, CEB, CJB, CSB, ESV, GN, GNT, GW, HfA, KAM, LEB, NAS, NCV, NeÜ, NIRV, NIV, NL, NLT, NRS, TNIV. Ohne das ausschließen zu wollen, würde ich dennoch »stummer Geist« empfehlen - allein schon, weil in V. 25 »Du Geist, der stumm und taub macht« unglücklich klingen würde.
- Matthäus 12,22; Markus 7,26; Lukas 11,14
18 Und wo auch immer [er ist, wenn] 1 er ihn anfällt (packt), 2 zerrt er ihn hin und her (wirft er ihn zu Boden) 3 und ihm tritt Schaum vor den Mund (er schäumt) 4 er knirscht mit den Zähnen und er wird [ganz] starr. Und ich sagte zu deinen Jüngern, dass (damit) sie ihn vertreiben sollen (bat deine Jünger, ihn auszutreiben), und (aber) 5 sie konnten es nicht (sie waren zu schwach dafür). 6“ 7
- wo auch immer [er ist, wenn] - das »wo auch immer« bezieht sich nicht auf den Körperteil, an dem der Geist den Jungen jeweils packt (so z.B. B/N: »Wo immer er ihn an seinem Leib zu packen kriegt«) - obwohl bei Epileptikern bei sogenannten »fokalen Anfällen« in der Tat nur einzelne Körperteile betroffen sein können -, sondern auf den Ort, an dem der Junge sich jeweils bei einem seiner epileptischen Anfälle befindet (so z.B. Marcus 2009: »Wo immer er ist, wenn es ihn packt«; ähnlich GW, GNT, MSG, NAS, NIV, NLT, NRS, TNIV, TYN: »Wann immer der Geist ihn packt«)
- anfällt (packt) - meist »packt«. καταλαμβάνω kommt von der selben Wurzel wie ἐπιλαμβάνομαι, das gleichzeitig terminus technicus für Besessenheit und für den epileptischen Anfall ist (und sogar das Etymon des deutschen »Epilepsie« ist). In »anfallen« kommt dieser Zhg. auch im Deutschen zum Ausdruck.
- zerrt er ihn hin und her (wirft er ihn zu Boden) - W.: reißt er ihn. Nicht: »Wirft er ihn zu Boden«; ῥήσσω hin und her zerren (EWNT III, S. 508) steht hier für die epileptischen Konvulsionen des Knaben.
- er hat Schaum vor dem Mund (er schäumt) + er knirscht mit den Zähnen + er wird [ganz] starr stehen für diverse Symptome der Epilepsie; in den Klammern steht die wörtliche Übersetzung. Mit dem »Schäumen« ist schaumiger Speichelfluss gemeint, mit dem Zähneknirschen das Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur, das so stark sein kann, dass Epileptiker sich dabei sogar selbst den Kiefer brechen können. Starr werden gut nach Louw/Nida 23.172.; gemeint ist der Ganzkörperkrampf. Treffender: »Er hat Schaum vor dem Mund, sein Gesicht verzerrt sich und er krampft am ganzen Körper«.
- und (aber) - »und« zur Verknüpfung von Gegensätzen. So z.B. auch in Platon, Lach 183 - kein Semitismus. Hier deshalb gesetzt, weil die καὶ-Häufung die lebendige, dramatische Rede nachbilden sollen (»καὶ wo auch immer [er ist, wenn] er ihn anfällt, zerrt er ihn hin und her καὶ ihm tritt Schaum vor den Mund καὶ sein Kiefer verkrampft sich καὶ er wird ganz starr. καὶ ich sagte zu deinen Jüngern, dass sie ihn vertreiben sollen καὶ sie konnten es nicht.«); vgl. Reiser 1983, S. 103.114.
- sie konnten es nicht (sie waren zu schwach dafür) - besser nicht »sie konnten es nicht« - ἰσχύω hat die Grundbedeutung stark sein, wird im ntl häufiger als nicht theologisch verwendet und steht öfter z.B. für die Kraft/Macht, die einem Christus/der Glaube/das Gebet verleiht (vgl. EWNT II, S. 512f). Das ist auch hier im Blick; vgl. V. 29. Gut daher EÜ; GW, Marcus 2009, R-S, WNT: »sie hatten nicht die Kraft/Macht dazu«.
- Markus 5,3
19 Da {antwortete und} sagte er ihnen (fuhr er sie an): 1 „Oh, [du] ungläubiges Geschlecht (Pack)! Bis wann (wie lange) werde (muss) 2 ich [denn noch] bei euch sein? Bis wann werde (muss) ich euch [denn noch] ertragen? Bringt ihn zu mir!“ 3
- sagte er ihnen (fuhr er sie an) + Oh, [du] ungläubiges Geschlecht (Pack)! - überraschend starkes Scheltwort. Das „Geschlecht“ ist in Mk fast ausnahmslos negativ konnotiert und damit beinahe ein Schimpfwort; „ungläubig“ ebenso, da diese Ungläubigkeit geradezu ein moralischer Mangel ist (vgl. die Erweiterung von V. 19 in Mt 17,17; Lk 9,41: „ungläubiges und verkehrtes Geschlecht!“; auch EWNT I, S. 294). Diese Schärfe wird durch die Hinzufügung der Interjektion „Oh!...“ sogar noch zusätzlich verstärkt (vgl. Zerwick §35: „Tatsächlich wird ὦ im neuen Testament - außer in Apg - nur in Kontexten verwendet, die eine starke Emotion des Sprechers nahelegen.“). Dieses starke Scheltwort richtet sich hier deutlich (mindestens: auch) an die Jünger, deshalb gab es in der Exegese einige Versuche, das Wort in seiner Referenz „umzubiegen“. Z.B. ist für Pesch 197, S. 90 diese überraschende Schärfe „das sicherste Indiz dafür, daß in der Erzählung ursprünglich vom exorzistischen Unvermögen der Schriftgelehrten und nicht der Jünger Jesu die Rede war.“ - aber dafür gibt es keine Indizien. So schockierend das auch sein mag: Im Text, wie er uns vorliegt, beschimpft Jesus seine Jünger als „ungläubiges Pack“ (so sehr gut B/N). Wegen der Schärfe auch besser fuhr sie an als sagte zu ihnen.
- werde (muss) - sicher modales Futur
- Numeri 14,11; Numeri 14,27; Psalm 4,3; Sprichwörter 1,22; Jeremia 4,21; Jeremia 23,26; Markus 16,14; Lukas 24,25
20 Sie brachten ihn zu ihm. Und als ihn der Geist sah (Kaum hatte der Geist ihn gesehen - da...), 1 schüttelte er ihn sofort in [heftigen] Krämpfen, 2 und die Erde gefallen wälzte er sich schäumend (so dass der Knabe sich mit Schaum vor dem Mund auf der Erde wälzte). 3
- Und als der Geist ihn sah, sofort (Kaum hatte der Geist in gesehen - da) - Das Adverb εὐθύς sofort in „zerrte er ihn sofort in Krämpfen hin und her“ hat im Griechischen die Funktion, Spannung zu erzeugen (vgl. Pryke 1987, S. 87). Daher treffender die in der Klammer angegebene Übersetzung.
- schüttelte er ihn in [heftigen] Krämpfen ist unsere Wiedergabe des einen Wortes συνεσπάραξεν; „in Krämpfen schütteln“ gut nach EWNT III, S. 748. συσπαράσσω steht ebenso wie das obige ῥήσσω (V. 18) für die epileptischen Konvulsionen des Knaben (Lukas kombiniert die beiden Worte in Lk 9,42); es ist eine Steigerungsform des gleichbedeutenden σπαράσσω (V. 26): Angesichts Jesu bäumt der Geist sich auf und ruft einen besonders heftigen Anfall hervor.
- und auf die Erde gefallen wälzte er sich schäumend (so dass der Knabe sich mit Schaum vor dem Mund auf der Erde wälzte) - Der Satz drückt die Folgen der heftigen Konvulsionen aus; besser daher konsekutives καί: so dass. „Auf die Erde gefallen“ ist Partizip Aorist und drückt so das dem „Wälzen“ zeitlich relativ Vorangehende aus; schöner effektiv zu übersetzen: auf der Erde (liegend).
21 Da fragte er dessen Vater: „Wieviel Zeit ist es, seit [der] ihm dies passiert? (Wie lange geht das schon so mit ihm?)“ Und er sagte: „[Schon] von [frühester] Kindheit an. 1 2
- [Schon] von [frühester] Kindheit an; w. von von Kindheit an (kein Schreibfehler): παιδιόθεν meint schon selbst von Kindheit an; ἐκ seit ist damit redundant; vgl. Grosvenor/Zerwick; Marcus 2009. Diese typisch markinische Redundanz hat Mk in diesem Kapitel bisher immer zu Zwecken der Emphase angewendet (s. FNn g.l.y) - wie ja pleonastische Konstruktionen ganz allgemein häufig auf den »Wunsch des Sprechenden, sich kräftiger auszudrücken« (Hillen 1989, S. 4) zurückführbar sind; daher auch hier besser »schon von frühester Kindheit an« (ähnlich WNT). Das passt zum Text: Wundererzählungen heben häufig die Dauer der Krankheit hervor, da besonders »veraltete Fälle von vornherein als unheilbar galten« (Pesch 1977, S. 91) und so das Wunder in seiner Wunderbarkeit noch zusätzlich unterstrichen wird; so ad loc. auch Marcus 2009; vgl. die Parallelstellen. Es passt auch zum folgenden Vers, der durch die Hervorhebung der Gefährlichkeit der Krankheit das selbe leistet.
- Markus 5,25; Lukas 8,43; Johannes 5,6; Johannes 9,1; Apostelgeschichte 3,2; Apostelgeschichte 9,33; Apostelgeschichte 14,8
22 Ja (und), 1 mehrfach hat er ihn sogar (sowohl) ins Feuer oder (als auch) ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Ich flehe dich an (aber),2 wenn du etwas vermagst (wenn etwas in deiner Macht steht), 3 dann hilf uns und hab Mitleid mit uns (erbarme dich unser)! 4“ 5
- sogar (und) + sogar (sowohl) - sicher emphatisches καὶ; hierzu gut Dana/Mantey §221.3; zur Funktion im Text siehe bl
- Ich flehe dich an (aber) - kohortatives ἀλλά (Pesch 1977, S. 92). BDAG und EWNT empfehlen bei dieser Verwendung (»Bei Aufforderungen [...] zur Verstärkung«, EWNT I, S. 147) die Übersetzung mit »nun denn« oder »wohl an«, aber ich sehe nicht, wie das eine Aufforderung verstärken sollte. Besser frei: »Ich flehe dich an!«
- wenn du etwas vermagst (wenn etwas in deiner Macht steht) kontrastiert hier Jesus mit den Jüngern, die »zu schwach« waren, um den Knaben zu heilen. Jesus wird es in V. 23 umdeuten: »Wer glaubt, vermag alles!« Er greift dort des Vaters εἴ τι δύνῃ »wenn du etwas vermagst« auf und übersteigert das »etwas« zu »alles«. Nicht weniger ist hier ausgesagt, als dies: »Die Glaubenden partizipieren an Gottes Allmacht, dem allein das πάντα δυνατὰ (alles [vermag]) eigentlich zusteht (Mk 10,27; 14,36).« (Dschulnigg 2007, S. 253). Man könnte V. 23 beinahe übersetzen mit »Wer glaubt, ist allmächtig«; vgl. Theißen 1990, S. 140: »πάντα δυνατὰ ist göttliches Attribut im strengsten Sinn«. Vielleicht sollte man daher wirklich zu den vorgeschlagenen Alternativübersetzungen greifen; ich bin aber nicht ganz sicher, ob das nicht doch etwas zu weit geht.
- hilf uns und hab Mitleid mit uns (erbarme dich unser)! - W. hilf uns, dich unser erbarmend. Dass Jesus sich der beiden erbarmt, ist natürlich die Bedingung dafür, dass er ihnen auch hilft; und es ist durch Partizip Aorist auch so markiert (dich [zuvor] unser erbarmend); vgl. Grosvenor/Zerwick. Dennoch steht es hier in der Reihenfolge helfen -> erbarmen. Vielleicht soll diese durcheinandergeratene Reihenfolge die Verzweiflung des Vaters unterstreichen; immerhin ist dies sicher auch die Funktion der καὶ-Häufung in der Rede des Vaters (wie bereits in V. 18, s. FN ba): »καὶ mehrfach καὶ hat er ihn ins Feuer geworfen καὶ ins Wasser, um ihn zu töten.«
- Matthäus 8,2; Matthäus 15,22
23 Jesus antwortete ihm: {Das} 1 „'Wenn du es vermagst (Wenn es in deiner Macht steht)'... - Wer glaubt, vermag ''alles'' (ist allmächtig)! 2“ 3
- Das „wenn du vermagst“ - Τὸ das macht aus der Phrase „wenn du vermagst“ ein Nomen (Cranfield 1959, S. 302); auf diese Weise wird es als ein Zitat markiert (Grosvenor/Zerwick). Gut B/N: „Was das >Wenn du kannst...< betrifft“; noch besser BB: „Was heißt hier: 'Wenn du kannst'?“
- vermag Alles (ist allmächtig) - s. FN bk.
- Matthäus 17,20; Matthäus 21,22; Markus 11,23; Lukas 17,6
24 Sofort (Da) 1 schrie (schluchzte) 2 der Vater des Jungen und sagte: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ 3
- Sofort (Da) - εὐθύς sofort meint oft auch einfach „dann“, „danach“ (vgl. Taylor 1979, S. 172; daher ad loc.: „Entonces el padre del muchacho gritó“). Hier ist das εὐθύς als sofort aber sinnvoll; es unterstreicht das dramatische Hervorbrechen des verzweifelten Schreis (B/N: „Kaum hatte Jesus das gesagt, da schrie...“). Wirkungstreuer aber daher eine Üs. mit „Da schrie/schluchzte...“; so z.B. BB, EÜ, GN, KAR, NGÜ, NeÜ, Schenke 2005.
- schrie (schluchzte) - W. Sofort sagte der Vater des Jungen schreiend. Viele Manuskripte ergänzen: „unter Tränen schreiend“. Das ist zweifellos ein späterer Zusatz, dient hier aber wohl nicht nur der „Steigerung der Dramatik“ (z.B. Pesch 1977, S. 85), sondern ist eine Erläuterung des „schreiend“ - die Erweiterung des „sagte“ durch „schreiend“ dient dem Ausdruck der Verzweiflung des Vaters (Partizip Aorist hier nicht vorzeitig, sondern pleonastisch: Ausdruck der selben Handlung durch zwei Worte; vgl. Zerwick §262; Grosvenor/Zerwick ad loc.); die Ergänzung „unter Tränen“ macht das nur noch expliziter. Einige Üss. haben es daher sogar dennoch beibehalten, z.B. HNV, TMB, WEB. Sehr gut daher KAR: „Da schluchzte der Vater des Knaben laut auf:...“
- Lukas 17,5; Hebräer 12,2
25 Als Jesus sah, dass eine Menschenmenge zusammenlief (herandrängte) 1, 2 gebot er dem unreinen Geist {und sagte zu ihm}: „Du stummer und tauber Geist, 3 ich befehle dir, komm aus ihm heraus (fahre aus ihm aus) und geh nie mehr in ihn hinein (fahre nie mehr in ihn hinein)!“ 4
- zusammenlief (herandrängte) - ἐπισυντρέχω ist ein Hapax Legomenon im gesamten Griechisch; Wortbildung: τρέχω laufen -> συν-τρέχω zusammen-laufen -> ἐπι-συντρέχω heran-zusammenlaufen; gut Louw/Nida 15.134: „eilig an einen Ort zusammenlaufen“. Redundante Wortbildung („an einen Ort“ ist in „zusammenlaufen“ bereits enthalten); besser daher gesteigert: „herandrängen“.
- Als Jesus sah, dass eine Menschenmenge zusammenlief - Der Satz wirkt merkwürdig - als wäre Jesus ein „Showoff“. Jesus handelt aber nicht, weil sein Publikum nun groß genug ist, sondern es handelt sich hier um ein Geheimhaltungsmotiv: Jesus möchte im Gegenteil ein möglichst kleines Publikum (so Cranfield 1959, S. 303; Dschulnigg 2007, S. 255; Pesch 1977, S. 93). Vielleicht steht aber auch dies im Hintergrund: In der Antike (und noch bis ins 19. Jh.) war der Glaube verbreitet, Epilepsie sei hochansteckend. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass der Junge in V. 14-19 nicht anwesend ist und dass die Menschenmenge nach dem Herbeibringen des Jungen erst von Neuem zusammenlaufen muss. Vielleicht beeilt sich Jesus also angesichts der zusammenlaufenden Menge deshalb so mit dem Exorzismus, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren.
- Du stummer und tauber Geist - W. der stumme und taube Geist; Nominativ für Vokativ (Grosvenor/Zerwick). Kein Semitismus; vgl. Doudna 1961, S. 78.
- Markus 1,25; Markus 5,8; Lukas 4,35
26 Und schreiend und [den Jungen] in heftigen Krämpfen schüttelnd 1 kam er heraus (fuhr der Geist aus). Und er wurde (war) 2 wie tot, daher (sodass) 3 die Meisten (die Menge) 4 sagten, er sei gestorben. 5
- schreiend und [den Jungen] in heftigen Krämpfen schüttelnd - W. „schreiend und heftig schüttelnd“. Vielleicht dienen die beiden Partizipien hier als Vollverbersatz; so zumindest Pryke 1978, S. 119f.123; daher BB, B/N, GN, Gnilka 1979, HER, HfA, KAM, LUT, MEN, NeÜ, NGÜ, NL, R-S, SLT , TAF: „Und er schrie, schüttelte ihn heftig hin und her und fuhr aus“. Hier auch dadurch erklärlich, dass durch den Einsatz von Partizipien ein Gleichklang entsteht: kraxas kai sparaxas. Aber vermutlich ist die Stelle so zu erklären: Beim Exorzismus ist der Moment der Ausfahrt des Dämons einer der gefährlichsten, da der Dämon dem Besessenen hier noch ein letztes Mal großen Schaden zufügen kann. Vgl. Theißen 1990, S. 96: „Der Exorzismus ist so oft das Gegenteil einer Heilung: eine Gefährdung, die eine folgende Heilung notwendig macht (Mk 9,27).“ Das ist es wohl, dass die Modifikation des „er fuhr aus“ durch „schreiend und heftig schüttelnd“ hier ausdrücken soll. Vielleicht sollte man daher besser frei übersetzen: „Da schüttelten den Jungen so heftige Krämpfe wie nie zuvor und mit einem schrecklichen Schrei fuhr der Geist aus.“
- wurde (war) - Nicht: „er wurde wie tot“; γίνομαι als Ersatz von εἶναι - vgl. Louw/Nida 13.3: „to possess certain characteristics, with the implication of their having been acquired“. Übersetze: „... fuhr der Geist aus. Und der Junge lag da wie tot.“
- daher (sodass) - resultatives ὥστε (Pryke 1978, S. 115) -> „sodass“
- die Meisten (die Menge) - „die Meisten“ i.S.v. „die Menge“; vgl. Pape 671, Bed. 3
- Markus 1,26; Lukas 4,41
27 Doch Jesus ergriff seine Hand und hieß ihn aufstehen (richtete ihn auf, weckte ihn auf, heilte ihn) 1 - und er stand auf. 2
- hieß ihn aufstehen nach Louw/Nida 17.10 („to cause to stand up“); in Anbetracht des Folgesatzes sinnvoller als „weckte ihn auf“ oder gar „erweckte ihn“. Das häufige „richtete ihn auf“ oder „zog ihn hoch“ ist gut; wäre aber eine Doppelung mit dem Folgesatz.
- Matthäus 8,15; Apostelgeschichte 9,41
28 Und nachdem er ins Haus gegangen war, fragten ihn seine Jünger für sich: 1 „Dass wir ihn nicht austreiben konnten (Warum konnten wir ihn nicht austreiben)?“ 2 3
- für sich - versprachlicht hier das Motiv der Sonderbelehrung (siehe Parallelstellen); besser: „Und nachdem er ins Haus gegangen war und sie unter sich waren, fragten ihn seine Jünger“.
- Dass (warum) - ὅτι zur Einleitung von Warum-Fragen; vgl. Turner 1925d, S. 58. So auch fast alle Üss.
- Matthäus 13,36; Markus 4,10; Markus 4,34; Markus 9,33; Markus 10,10
29 Da sagte er zu ihnen: „Diese Art kann durch nichts ausfahren (ausgetrieben werden) 1 außer durch Gebet.“ 2
- ausfahren (ausgetrieben werden) - ἐξέρχομαι ausfahren verwendet als Äquivalent des Passivs ἐκβάλλω austreiben; vgl. Symth §1752; ad loc. Cranfield 1959, S. 304; Kleist 1937, S. 214. So auch die meisten Üss.
- Daniel 9,3; Jakobus 5,15
30 Von dort aus (gingen sie fort und) 1 reisten sie durch Galiläa, und er wollte nicht, dass (damit) jemand es erführe,
- aus (gingen sie fort und) - W. „Von dort fortgegangen seiend“
31 denn er lehrte (wollte lehren) 1 seine Jünger und sagte zu ihnen: „Der Menschensohn ist in die Hände der Menschen 2 ausgeliefert (wird ausgeliefert werden), 3 und sie werden ihn töten, und nachdem (obwohl) 4 er getötet worden ist, wird er nach drei Tagen auferstehen.“ 5
- lehrte (wollte belehren) - W. „lehren“, aber dies Lehren ist die Intention, die hinter dem nicht-Wollen v. V. 30 steht, daher im Dt. besser „denn er wollte seine Jünger belehren. Er sagte ihnen:...“ Schön KAR: „Denn er dachte seine Jünger zu unterweisen. / So sprach er zu ihnen:...“.
- in die Hände der Menschen - Biblizismus, »in die Hand von X« entspricht »an X«, »in die Gewalt von X«.
- ist ausgeliefert (wird ausgeliefert werden) - futurisches Präsens, um zu betonen, dass das hier Prophezeite sicher feststeht (vgl. Smyth §1879; ad loc. Cranfield 1959; Kleist 1937; Marcus 2009). Zudem passivum divinum; sinngemäß also »wird [von Gott] in die Hände der Menschen ausgeliefert werden«; vgl. Dschulnigg 2007; Pesch 1977; Schenke 2005.
- nachdem (obwohl) - beide Deutungen des Partizips sind möglich; »nachdem« z.B. Gnilka 1979; Marcus 2009; Schenke 2005; »obwohl« Camacho/Mateos 1994; Kleist 1937. Beides trifft die gern gewählte Übersetzung »drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen«
- Matthäus 16,21; Matthäus 20,18; Markus 8,31; Markus 10,33; Markus 14,21; Markus 14,41; Lukas 18,31; Johannes 3,14
32 Sie verstanden das Wort (diesen Ausspruch) jedoch nicht, und 1 sie fürchteten sich, ihn zu fragen. 2
- und - vielleicht besser: Deutung als καὶ zur Markierung schwacher Gegensätzlichkeit (so auch Reiser 1983, S. 115); dann: „Sie verstanden diesen Ausspruch nicht, fürchteten sich aber,...“
- Markus 7,18; Markus 8,17; Markus 9,10; Lukas 2,50; Lukas 9,45; Johannes 16,18
33 Sie kamen nach Kafarnaum. Als er im Haus war (ankam), 1 fragte er sie: „Worüber (Was) habt ihr auf dem Weg (unterwegs) diskutiert (überlegt)?“
- war - nicht: „ankam“; γίνομαι als Ersatz von εἶναι - vgl. Louw/Nida 85.6: „to be in a place, with the possible implecation of having come to be in such a place“. Auch hier dient die Erwähnung des nicht näher spezifischen Hauses nur der Verdichtung des Motivs der Privatoffenbarung an die Jünger (wie oft in Mk).
34 Sie aber schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg (unterwegs) miteinander [darüber] diskutiert, wer der Größte (größer) 1 [sei]. 2
- der Größte (größer) - Komparativ als Superlativ; vgl. Cranfield 1959, S. 307.
- Matthäus 18,1
35 Da setzte er sich, rief (wandte sich an) die Zwölf und sagte zu ihnen: 1 „Wenn jemand der Erste sein will, wird (muss) 2 er der Letzte von Allen und der Diener von Allen sein.“ 3
- rief (wandte sich an) die Zwölf und sagte zu ihnen - Offensichtlich sind die Zwölf bereits bei ihm; eine Übersetzung mit „rufen“ macht daher keinen Sinn. ἐφώνησεν meint hier „sich wenden an“; s. Pape 1322; Thayer; ad loc. auch Cranfield 1959, S. 307f. Daher: „Da setzte er sich und wandte sich an die Zwölf und sagte:...“
- wird (soll) - modales Futur; vgl. Smyth 1910a; Zerwick §94; ad loc. auch Grosvenor/Zerwick; Kleist 1937; Marcus 2009. So fast alle Üss. Theoretisch wäre die futurische Übersetzung aber genau so möglich; »Wenn jemand der Erste sein will, wird er der Letzte von Allen und der Diener von Allen sein« hieße dann etwa »Wer hoch hinaus will, wird tief fallen«. Zur modalen Deutung vgl. die Parallelstellen, zur futurischen Spr 29,23; Mt 23,11f; Lk 14,11; 18,14
- Matthäus 11,11; Matthäus 20,26; Markus 10,43; Römer 12,10; Philipper 2,3
36 Und er nahm 1 ein Kind, stellte es in ihre Mitte, umarmte es und sagte zu ihnen: 2
- Er nahm ein Kind, stelltes es in ihre Mitte, nahm es in die Arme - Was macht Jesus hier mit dem Kind? Wörtlich übersetzt klingt der Text so, als stünde im Haus irgendwo ein Kind herum. Das „nimmt“ Jesus, „stellt es“ in der Mitte der Jünger wieder „ab“' nur, um es direkt darauf wieder zu sich heranzuziehen, um es „in die Arme zu schließen“. „Das arme Kind“, möchte man beinahe sagen - fast schon eine kleine Achterbahnfahrt, die es da mitmacht. Vermutlich darf man dies nahm und umarmte aber nicht (nur) wörtlich verstehen, sondern es ist dies eine „Handlungsmetapher“: Jemanden „nehmen und umarmen“ sind symbolische Handlungen, mit der (quasi-)verwandschaftliche Verhältnisse bestätigt oder sogar geschaffen werden (z.B. als Adoptionsvorgang); vgl. Derrett 1983; Grassi 1992; Marcus 2009. Zu „nehmen“ vgl. z.B. Ex 2,9 (auch: LXX); zu „umarmen“ Gen 29,13; 33,4. Diese Adoptionssymbolik ist wohl auch hier im Blick; s. den nächsten Vers.
- Markus 10,16
37 „Wer eines von solchen Kindern (ein solches Kind) in meinem Namen (mir zuliebe, um meinetwillen) 1 aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt nicht mich auf, sondern (vielmehr) 2 den, der mich gesandt hat.“ 3
- in meinem Namen (mir zuliebe, um meinetwillen) - vgl. dazu Heitmüller 1903, S. 50, der Beispiele für dieses Idiom in Demosthenes, Isaeus, Josephus, Lukian, Demosthenes und Dio Cassius bringt und kommentiert mit: »An diesen Stellen giebt unsere Formel den Titel, die Kategorie, den Grund bzw. Vorwand an, unter dem, mit Bezug auf den dies oder das geschieht.« Viel besser als die wörtliche Übersetzung daher B/N, NGÜ, NL: »um meinetwillen«; HfA, KAM: »Mir zuliebe«. Vgl. auch Grosvenor/Zerwick: »for my sake, out of devotion to me«.
- nicht mich, sondern (vielmehr) den - vgl. dazu Zerwick §445; ad loc. Grosvenor/Zerwick: »nicht A, sondern B« ist nach Zerwick ein Idiom, das die Betonung auf B legt: »viel mehr B als A«. Ich denke aber, dass dieses Idiom hier nicht zur Anwendung kommt; es ist hier ja keine Frage von »X mehr als Y«, sondern »X statt Y« oder genauer »X gleichzeitig mit Y«. Den Sinn trifft eher: »Wer ein solches Kind aufnimmt, nimmt damit gleichzeitig mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt damit gleichzeitig Gott auf.« - aber in der wörtlichen Übersetzung im Fließtext ist das wohl erkennbar genug.
- Matthäus 10,40; Matthäus 25,40; Lukas 9,48; Lukas 10,16; Johannes 5,23; Johannes 12,44; 1 Thessalonicher 4,8
38 Johannes sagte zu ihm: „Lehrer, wir haben gesehen, wie jemand Dämonen austrieb mit deinem Namen (und dabei deinen Namen verwendete). 1 Wir hinderten ihn daran (haben versucht, ihn daran hindern), 2 weil er uns nicht folgt (nicht zu uns gehört). 3“ 4
- mit deinem Namen (und dabei deinen Namen verwendete) - Hier sicher instrumentales ἐν; die Alternativübersetzung soll das deutlicher machen. Im antiken Israel war es üblich, den Namen von Göttern, Dämonen und Personen, denen eine enge Bindung zu Gott nachgesagt wurde, für Exorzismen zu verwenden. Besonders häufig wurde der Name Salomo gewählt, aber auch von Jesu Namen ist uns mehrfach überliefert, dass er in Exorzismen benutzt wurde (vgl. z.B. Apg 4,7-11.30). Daraus folgte nicht, dass diese Exorzisten auch Anhänger Jesu waren; vgl. z.B. Mt 7,22; Apg 19,13-17; auch in einigen heidnischen magischen Texten findet sich Jesu Name derart verwendet, s. PGM 3.420; 4.1233; 4.3020; 12.192; vgl. Marcus 2009 ad loc.. Dass der fremde Exorzist kein Jesusjünger ist, wird schon aus diesem Vers klar; dass er ihm ggü. nicht einmal wohlwollend eingestellt sein musste, V. 39; vgl. ebd.
- Wir hinderten ihn daran (haben versucht, ihn daran zu hindern; wollten ihn daran hindern) - hier sicher konatives Imperfekt, sonst machte Jesu Aufforderung in V. 39 nicht viel Sinn - der Schaden wäre schon angerichtet. Zum konativen Imperfekt vgl. BDR §326, Dana §177; ad loc. Cranfield 1959, S. 310, Grosvenor/Zerwick, Taylor 1979, S. 485; ähnlich Kleist 1937, S. 215; so auch viele Üss.
- weil er uns nicht folgt (nicht zu uns gehört) - sicher wollen die Jünger dem Exorzisten das nicht verbietet, weil er kein Anhänger der Jünger ist. ἀκολουθέω meint hier - wie schon Mk 8,34 (s. dort FN ba) - »zugehörig sein«; vgl. Pryke 1978, S. 41. Vielleicht hier gewählt wegen dem Gleichklang von wir wollten ihn daran hindern und [zu uns] gehört: ekolüomen - äkoluthei.
- Numeri 11,27
39 Jesus aber sagte: „Hindert ihn nicht [daran], denn es gibt niemanden, der Wunder mit meinem Namen 1 wirkt und schnell 2 schlecht von mir zu sprechen vermag (von mir sprechen kann). 3
- mit meinem Namen - ἐπὶ τῷ ὀνόματί verwendet wie oben ἐν τῷ ὀνόματί (s. FN cp); vgl. BDAG: »der Machttaten vollbringt, indem er meinen Namen nennt«. So auch viele Üss.
- schnell - Abwandlung eines jüdischen Sprichwortes; vgl. B/S I, S. 19; Dschulnigg 2007, S. 262; Pesch 197, S. 109. Eine Variante dieses Sprichworts lautet etwa: »Wem man Übles getan, dem tut man nicht so schnell Gutes; und wem man Gutes getan, dem tut man nicht so schnell Übles«. Hier entspricht ihm ungefähr das dänische Sprichwort »Man kann nicht gleichzeitig pusten und Mehl im Mund haben«: Wem die positive Nennung des Namens Jesu nutzt, wird ihn so bald nicht negativ verwenden. Übersetze vielleicht: »Hindert ihn nicht daran - wer mit meinem Namen Wunder tut, wird ihn nicht gleichzeitig schmähen.« Wenn der Sentenzen-charakter dieses abgewandelten Sprichworts in der LF noch besser herauskommen könnte, wäre das aber noch besser.
- schlecht von mir zu sprechen vermag (von mir sprechen kann) - δύναμαι vermögen verwendet als Hilfsverb, besser einfach »verfluchen kann«. Vgl. Turner 1927a, S. 355.
40 Denn wer nicht gegen uns ist, ist für uns 1 (steht über uns).“ 2
- Wer nicht gegen uns ist, ist für uns - auch dies ist ein Sprichwort; s. Cicero, Lig 11 (vgl. Cranfield 1959, S. 310).
- Matthäus 12,30; Lukas 11,23
41 1 „{Denn} 2 Wer euch [auch nur] 3 einen Becher Wasser zu trinken gibt, 4 weil (im Namen, dass) 5 ihr zu Christus gehört - Amen, ich sage euch 6 - der wird seinen Lohn nicht verlieren (wird ihn bekommen). 7
- Zur Strukturellen Zuordnung von Vv. 41f siehe Kommentar.
- Denn - γάρ denn muss nicht immer eine Begründung für vorangehende Textteile einleiten, sondern kann auch einfach einen neuen Textabschnitt markieren (vgl. z.B. Smyth §2808; Kleist 1932, S. 164f.; ad loc. Kleist 1937, S. 215). Von dieser zweiten Verwendung ist schon länger der Spezialfall bekannt, dass Mk γάρ gelegentlich auch nur verwendet, um in einer Spruchsammlung einzelne Sprüche voneinander abzugrenzen (also exakt das, was wir in Mk 9 vermutlich vor uns haben, s. den Kommentar); vgl. Pryke 1978, S. 128.
- [auch nur] - »einen Becher Wasser zu trinken geben« ist das geringste Werk der Gastfreundschaft (Pesch 1977, S. 110); es wird hier für die sprichwörtlich kleinstmögliche gute Tat verwendet - daher »[auch nur]«.
- einen Becher Wasser zu trinken gibt - im Griechischen figura etymologica: ποτίσῃ ποτήριον [Wer euch] tränkt mit einem Trunk (»Trunk« aber w. »Becher«).
- weil (im Namen, dass) - W. »im Namen, dass«, aber gr. Idiom für »weil«; vgl. BDAG, Heitmüller 1903, S. 48.50; ad loc. Cranfield 1959, S. 312; Grosvenor/Zerwick; Taylor 1979, S. 486. So auch viele Üss. Allerdings seltenes Idiom; daher die Varianten.
- Amen, ich sage euch - nicht-responsives °Amen°. Zusammen mit der Konstruktion οὐ μὴ + Partizip Aorist - der stärkstmöglichen Verneinung zukünftiger Geschehnisse im Griechischen (Wallace, S. 468) - in »wird nicht verlieren« markiert dies den hierigen Spruch als autoritativ ausgesprochene, absolut gültige Heilszusage.
- wird seinen Lohn nicht verlieren (wird ihn bekommen) - ἀπόλλυμι meint nicht nur »verlieren«, sondern auch »nicht bekommen« (vgl. Louw/Nida 57.67). Das ist hier - in einer Heilszusage - sinnvoller, denn »der wird seinen Lohn nicht verlieren« würde implizieren, dass er den Lohn bereits erhalten hat. »Nicht nicht-bekommen« ist damit eine Art doppelte Verneinung, die stärker ist als eine bloße Bejahung und so zusammenwirkt mit dem »Amen, ich sage euch« und der Konstruktion οὐ μὴ + Partizip Aorist (s. letzte Fußnote).
42 Wer aber (und) 1 [auch nur] einen dieser Kleinen (einen der Geringen), 2 die an mich ({an mich}) glauben, ärgert (vom Glauben abbringt) 3 - für den ist (wäre) 4 es gut (besser), 5 wenn ein Eselsmühlstein um seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde. 6“ 7
- aber (und) - »und« zur Verknüpfung von Gegensätzen.
- einen dieser Kleinen (einen der Geringen) - Auf wen »diese Kleinen« verweist, ist in der Exegese umstritten. Einige denken, dass es sich bei »diesen Kleinen« um eine Ehrenbezeichnung Jesu für die Jünger handle (s. z.B. Jeremias 1971, S. 113 zu dieser Stelle; Mt 10,42; 18,10.14; 25,40.45). Das ist mindestens schwierig. Mt 18,10.14 verweist es zweifellos auf Kinder; vgl. Mt 18,5f (also die Parallelstelle von Mk 9,42). Und Mt 25,40.45 ist nicht von »einem dieser Kleinen« die Rede, sondern von »einem meiner kleinsten Brüder« und die Referenz wird weiter dadurch aufgeklärt, dass diese als hungernde, dürstende, obdachlose, nackte, kranke und gefangene Menschen näher bestimmt werden - man kann diese Stelle also nicht ohne Weiteres mit Mk 9,42 par. parallelisieren. Bleiben Mt 10,42 und Mk 9,42. Auch an unserer Stelle deckt sich ἕνα τῶν μικρῶν einer dieser Kleinen nicht mit ὑμᾶς euch (3. Pers. vs. 2. Pers., außerdem werden die beiden Gruppen »diese Kleinen« und »ihr« hier ja offensichtlich miteinander kontrastiert). Zudem kann das Demonstrativpronomen »dies« in »dieser Kleinen« nur meinen »solche Kinder wie das, von dem ich in Vv. 33-37 geredet habe« - wenn man es nicht (wie z.B. Pesch 1977, S. 92) als (bedeutungsloses) redundantes Pronomen deutet (ein Aramäismus; vgl. Dalman 1905, S. 113f; Torrey 1933, S. 290 zu Mt 5,19 - mit dieser Verwendung dürfte man vielleicht auch die Textvarianten erklären können, in denen das Demonstrativpronomen fehlt). Man wird daher hier besser davon ausgehen müssen, dass »diese Kleinen« wieder die Kinder meint (so z.B. auch Collins 2007, S. 450, Evans 2001, S. 70; Gundry 1993, S. 512.524, van Iersel 1998, S. 312f; gut auch Loader 2012, S. 121f.), was noch wahrscheinlicher wird, wenn man (wie viele) davon ausgeht, dass entweder Vv. 41f oder nur Vv. 42 ursprünglich direkt an V. 37 angeschlossen haben.
- ärgert (vom Glauben abbringt) - σκανδαλίζω kann sowohl »vom Glauben abbringen« meinen als auch »ärgern« (außerdem »zur Sünde verführen«, aber das ist hier sehr wahrscheinlich nicht im Blick). Liest man - wie wir, vgl. wieder den Kommentar - Vv.41-42 als zusammenhängend und berücksichtigt die parallele Struktur der beiden Verse, erkennt man, dass ὃς ἂν σκανδαλίσῃ Wer [auch nur einen dieser Kleinen] ärgert/vom Glauben abbringt parallel ist zu ὃς ἂν ποτίσῃ ὑμᾶς ποτήριον ὕδατος Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt. σκανδαλίζω wird also mit der »sprichwörtlich kleinstmöglichen guten Tat« parallelisiert. Entweder, man geht davon aus, dass dies nichts bedeutet, lässt sich deshalb in der Deutung von σκανδαλίζω leiten von dem »die Kleinen, die glauben« und übersetzt daher »vom Glauben abbringt«. So z.B. BB, GN, HfA, KAM, LUT, NL. Oder aber man hält Vv. 41f für eine Art »verdrehtes argumentum a maiore ad minus«: Kinder werden in der Antike allgemein - und auch im NT - eher mit Niedrigkeit und Schwachheit konnotiert (vgl. z.B. Aasgaard 2006; Grassi 1992). Erst recht solche, die »aufgenommen« werden müssen, also Waisenkinder: Sie gehören zu den schwächsten Gliedern der Gesellschaft und stehen so sozial weit unter den Jüngern. In den Vv. 33-37 nimmt aber Jesus eine seiner häufigen »Umwertungen der Werte« vor: Wer von den Jüngern der Erste sein will, soll der Diener aller sein - selbst »solchen Kindern« sollen sie dienen (Vv. 36f). In Vv. 41f wird diese Umwertung wieder aufgegriffen: Wer den Jüngern eine kleine Wohltat erweist, wird seinen Lohn erhalten (V. 41). Wer aber ein solches Kind »ärgert« - d.h., ihm eine kleine Übeltat erweist - für den wäre es besser..., und es folgt die Beschreibung einer der grausamstmöglichen Strafen der Antike (s.u.). Heißt: Handlungen an christusgläubigen Kindern wiegen schwerer als an den christusgläubigen Jüngern: Wenn schon denen, die an den Jüngern handeln, vergolten wird - um wieviel mehr wird dann erst denen vergolten werden, die an Kindern handeln (ähnlich analysiert Stein 2008, S. 447). Dieses argumentum a maiore ad minus funktioniert gerade deshalb - ist gerade deshalb so überraschend und radikal - weil in der opinio communis die Verhältnisse eigentlich umgekehrt sind. Lässt man sich von dieser Deutung leiten, sollte man übersetzen mit »ärgern«; so z.B. BEN, ELB, FREE, Gnilka 1979, H-R, KNO, Marcus 2009, MEISTER, MEN, MNT, PAT, TAF, TEXT. Seit Deming 1990 glauben außerdem einige, dass sich das σκανδαλίζω auf sexuelle Vergehen gegenüber Kindern bezieht, und es ist dies vermutlich auch möglich, wenn man V. 42 isoliert liest - im aktuellen Kontext macht es aber nicht viel Sinn. Ich persönlich würde durchaus Deutung 2 den Vorzug geben und habe sie daher auch als Primärübersetzung angegeben, weil sie den Text kohärenter sein lässt; davon abgesehen spricht aber nicht viel gegen Deutung 1.
- ist (wäre) - modales Indikativ; vgl. Kleist 1937, S. 216. So fast alle Üss.
- gut (besser) - sicher Positiv als Komparativ; vgl. Zerwick §145. So auch alle Üss. Kein Semitismus; vgl. z.B. Herodot IX.26.7; auch BDR §245.
- wenn ein Eselsmühlstein um seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde - Die Hinrichtungsart, die hier beschrieben wird, nennt sich »Katapontismus«; sie ist in der Antike v.a. deshalb gefürchtet, weil sie dem Toten die Bestattung verwehren sollte (vgl. Pauly X,2, Sp. 2480-2482; ad loc. gut Pesch 1977, S. 114). Derrett 1985 denkt hier an ein Wortspiel: Nicht nur die durch Katapontismos hingerichteten wurden im Alten Israel nicht begraben, sondern auch Esel (vgl. z.B. TDOT IV, S. 469 - daher in Jer 22,19 auch die Rede vom »Eselsbegräbnis« i.S.v. »gar kein Begräbnis«). Wenn also jemand gerade mit einem Eselsmühlstein um den Hals ins Meer geworfen wird, unterstreicht das noch mal den »Eselsbegräbnis-charakter« des Katapontismos. Dem folgend hält es auch Henderson 2001, S. 49 für eine weitere - diesmal aber missglückte - Abwandlung einer jüdischen Redensart.
- Matthäus 25,40; Matthäus 26,24
43 „{Und} Wenn deine Hand dich zur Sünde verführen will (zur Sünde verführt, ärgert, vom Glauben abbringt), 1 hau sie ab! [Denn] 2 es ist gut (besser), dass du verstümmelt in das Leben 3 eingehst, als die zwei Hände habend (mit beiden Händen) in die Gehenna (Hölle) 4 einzugehen (geworfen zu werden): 5 in das unauslöschliche Feuer, 6 7
- zur Sünde verführen will (zur Sünde verführt, ärgert, vom Glauben abbringt) - auch die Deutung von Vv. 43.45.47 hängt davon ab, wie man Vv. 42 zuordnet. Geht man davon aus, dass die Verse mit V. 42 zusammengehören, ist wahrscheinlich, dass σκανδαλίζω in allen vier Versen das selbe meint; dann wäre in allen vier Versen am Wahrscheinlichsten: »vom Glauben abbringt«. Die drei Verse sind aber ws. unabhängig von V. 42 zu lesen (s. den Kommentar). Dann ist unser wichtigstes Indiz für die Deutung von σκανδαλίζω, dass es dasjenige ist, wegen dem man »in die Gehenna geworfen wird«, also sehr wahrscheinlich »zur Sünde verführt«. Deutung als konatives Präsens (»verführen will«) gut nach Grosvenor/Zerwick: Das Abhauen soll gerade verhindern, dass der Plan der Hand/des Fußes/des Auges gelingt, das zur-Sünde-verführt-Werden ist also noch nicht Realität. Wegen den Subjekten Hand, Fuß und Auge aber wohl besser »zur Sünde zu verführen droht«.
- [Denn] - Asyndese zum Ausdruck kausaler Verhältnisse, so gut Reiser 1983, S. 143.
- Leben wird hier als Wechselbegriff für das »Reich Gottes« verwendet; so eigtl. alle. »Reich Gottes« steht ja denn auch statt »Leben« in V. 47.
- Gehenna (Hölle) - »Gehenna « war ursprünglich eine griechische Ortsbezeichnung für das Hinnomtal (גֵּי הִנּׂם gê hinnom) im Süden Jerusalems. Wohl, weil (s. 2Kön 16,3; 21,6) dort unter Ahas und Manasse Kinder geopfert wurden, wurde es nach und nach mythisiert, bis »Gehenna« als Wechselbegriff für die Feuerhölle verwendet werden konnte.
- einzugehen (geworfen zu werden) - ähnlich wie in V. 29 fungiert hier das Aktiv ἀπελθεῖν wie das Passiv βληθῆναι geworfen werden (s. V. 46; vgl. Smyth §1752; ad loc. Grosvenor/Zerwick; Kleist 1937, S. 216). Hier deshalb, weil so das Eingehen ins Leben (εἰσελθεῖν) sprachlich parallel laufen kann mit dem Geworfen-Werden in die Gehenna (ἀπελθεῖν). In V. 45 dagegen steht merkwürdigerweise überall βληθῆναι, und, noch verrückter, auch in fast allen Mss. in V. 47; einige wenige aber ändern hier (nicht aber in V. 45!) wieder zu ἀπελθεῖν.
- in die Gehenna, in das unauslöschliche Feuer - wahrscheinlich: deskriptive Apposition (vgl. Smyth §987; Wallace, S. 48): »ins unauslöschliche Feuer der Gehenna«. Ähnlich Kleist 1937, S. 216; so gut auch HfA, KAM, NL. Hier würde diese Übersetzung aber den Parallelismus von Vv. 43.45.47 zerstören, so dass man wohl bei der (etwas unschönen?) appositiven Übersetzung bleiben muss.
- Jesaja 33,14; Matthäus 3,12; Matthäus 25,41; Offenbarung 14,10; Offenbarung 20,15; Offenbarung 21,8
44 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. 1
- Textkritik: Vv. 44.46 sind eine Doppelung von V. 48 und fehlen in einigen wichtigen Mss.; daher werden sie heute fast einheitlich als sekundär erklärt.
45 Und wenn dein Fuß dich zur Sünde verführen will (zur Sünde verführt, ärgert, vom Glauben abbringt), dann hau ihn ab! [Denn] es ist gut (besser), dass du lahm in das Leben eingehst, als die zwei Füße habend (mit beiden Füßen) in die Gehenna (Hölle) geworfen zu werden,
46 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.
47 Und wenn dein Auge dich zur Sünde verführen will (zur Sünde verführt, ärgert, vom Glauben abbringt), reiß es aus! [Denn] es ist gut (besser), dass du einäugig in das Reich Gottes eingehst, als zwei Augen habend (mit zwei Augen) in die Gehenna (Hölle) geworfen zu werden,
48 'wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt'. 1 2
- wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. - Mit diesem Zitat von Jes 66,24 endet die Spruchtrias Vv. 43.45.47. Jes 66,24 lautet: »Sie werden hinausgehen und auf die Leichen der mir untreuen/gegen mich sündigenden Menschen sehen, denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht verlöschen [...].« In vielen Kommentaren wird auch dies ins Hinnomtal lokalisiert, weil der Ort, von dem »sie« »hinausgehen« werden, Jerusalem ist; »ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht verlöschen« dient also bereits dort zur Charakterisierung der Strafe, die Apostaten/Sünder in der Feuerhölle Gehenna zu ertragen haben werden. Ähnlich Sir 7,17 LXX: »Die Strafe des Gottfernen ist Feuer und Wurm.«; Jdth 16,17 »Am Tag des Gerichts straft sie der allmächtige Herr, er schickt Feuer und Würmer in ihr Gebein; in Ewigkeit sollen sie heulen vor Schmerzen« (EÜ). Der Wurm symbolisiert dabei vermutlich die ewigwährende Verwesung (so z.B. Gnilka 1979, S. 65; Pesch 1977, S. 115). Marcus 2009 fühlt sich dabei mit Dale Allison an Prometheus erinnert, dem Tag auf Tag bei lebendigen Leibe ein Adler die Leber aus dem Leib frisst, die über Nacht stets wieder nachwächst. Das ist natürlich Eisegese, aber ich finde sie hier ziemlich passend.
- Römer 8,13; 1 Korinther 9,27; Galater 5,24; Kolosser 3,5; Titus 2,12
49 {Denn} (Denn) 1 Jeder wird mit Feuer gesalzen werden. 2
- Denn (Denn) - Vv. 49f gehören sehr sicher nicht mit dem vorangehenden Abschnitt zusammen; gemeinsam ist ihnen nur das ominöse »Feuer«, dass hier aber nicht das obige Höllenfeuer meint, sondern etwas Gutes, das zum »Gesalzen-sein« führt. Zu denn siehe FN cx.
- Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden - einer der schwierigsten Verse im ganzen NT. Weil er »völliger Nonsens« (Torrey 1933, S. 302) ist, konnten Bratcher/Nida 1961, S. 304 schon 1961 über 15 verschiedene Deutungen dieses Verses zusammengetragen; mittlerweile sind noch mehr hinzugekommen. Selbst den alten Schreibern war der Sinn des Verses schon nicht mehr klar (vgl. Metzgers Referat der verschiedenen Textvarianten in Metzger 1994, S. 87). Ernst 1963, S. 284 denkt sogar, dass der Vers überhaupt keinen Sinn machen soll, sondern als »als schillernde[s] und vieldeutige[s] Rätselwort nur zum Nachdenken« anregen will. Heute sind vor allem zwei Erklärungsansätze verbreitet: (1) Der erste versucht, den Vers in der Form zu erklären, in der er überliefert ist. Am verbreitetsten ist die Variante dieses Ansatzes, den Vers mit Lev 2,13 (vielleicht besser: Ez 43,24) zusammenzulesen und in Zusammenhang zu bringen mit Feueropfern, die vor dem Entzündet-Werden gesalzen werden müssen. Das aber funktioniert nicht; die Crux am Vers ist ja gerade, dass (a) Menschen (b) mit Feuer gesalzen werden. In Lev 2 und Ez 43,24 ist zwar von Feuer und Salz die Rede, aber weder werden dort »Menschen« gesalzen, noch wird »mit Feuer« gesalzen. (2) Der zweite versucht, den Sinn des Verses durch eine Rückübersetzung ins Hebräische/Aramäische zu klären. Man rekonstruiert dabei entweder כִּי כָל אִיש בָּאֵש יָמְלָח denn jeder Mensch wird/muss im/mit Feuer gesalzen werden oder כִּי כָל בָּאֵש יָמְלָח denn jeder/alles wird/muss im/mit Feuer gesalzen werden. Zu den bekannteren Vorschlägen zählt dann (ich ordne an nach steigender Plausibilität): * Statt אִיש Mensch habe im Urtext ursprünglich אֵש Feuer gestanden: Jedes Feuer wird durch Feuer gesalzen werden (Chajes 1899, S. 53f.) - aber das ist ja noch sinnloser als der griechische Text. Trotzdem ist das offenbar der bekannteste Vorschlag dieser Art - wohl, weil er auch der erste dieser Art war. * Hebr. מלח salzen habe auch die Bedeutung zerstören - das ist allerdings mindestens zweifelhaft -: Alles wird durch Feuer zerstört werden. (Fields 1985, S. 302f.). Ähnlich Carmignac 1967, der מלח nicht als מלח II salzen, sd. מלח I auflösen (wie Rauch) deutet: Alles wird sich im Feuer auflösen (wie Rauch) (so kürzlich auch wieder Manns 1998, S. 130). * Baarda 1959 denkt bei der Rekonstruktion nicht an hebr. מלח salzen, sondern an aram תבל salzen, und schlägt vor, im ursprünglichen Text habe aber nicht תבל, sondern טבל taufen gestanden: Jeder wird im Feuer getauft werden (so auch kürzlich wieder Frayer-Griggs 2009). * Statt איש באש Mensch im/mit Feuer habe ursprünglich אשר יבאש gestanden: Alles, was verfault, wird gesalzen (Bergmann 1904, nach einem ähnlichen Vorschlag von Halévy 1903). Ähnlich schlägt Torrey 1933, S. 300 vor, בָּאֵש im/mit Feuer als das Partizip von aram באש verderben zu deuten: Alles Verderbliche wird gesalzen. Von diesen vier Vorschlägen ist der Beste zweifellos der von Torrey. Im Unterschied zur Standard-Deutung macht er außerdem Sinn, aber er ist in dem Maße Sondermeinung, dass wir uns dieser Deutung in der LF recht sicher nicht anschließen können. Wir werden daher wohl bei der rätselhaften Standard-übersetzung bleiben müssen.
50 Gut [ist] das Salz. 1 Aber wenn das Salz unsalzig (salzlos, geschmacklos) geworden ist - womit werdet (wollt) 2 ihr es würzen? Habt (teilt) Salz unter (in) 3 euch, und haltet [so] 4 untereinander Frieden!“ 5
- Gut [ist] das Salz - Adjektiv in Prädikatsstellung. Diese Konstruktion legt ein wenig mehr Betonung auf das Adjektiv als die häufigere »Das Salz [ist]/ist gut« (vgl. Smyth §1168a; Wallace, S. 307), ist aber dennoch oft - und wohl auch hier - einfach zu übersetzen mit »Salz ist gut« (so auch Wallace, S. 308).
- werdet (wollt) - wahrscheinlich deliberatives Futur, um die Frage als rhetorische Frage zu markieren (vgl. Dana/Mantey §178.4; Wallace, S. 570 u.ö.). »wollt« auch in vielen Üss.
- Habt (teilt) Salz unter (in) - Fast einheitlich: »Habt Salz in euch«, als sollte man Salz »in seinem Körper« haben. Wie merkwürdig der Satz ist, wird erst deutlich, wenn man es in einer etwas verfremdeten Form sieht: KAR: »In euch selber sollt ihr 'Salz' haben«. Kürzlich aber Lattke 1984, S. 54: »Habt (=teilt) unter euch Salz«. Das macht wesentlich mehr Sinn; vielleicht darf man hierbei sogar an eine Abwandlung des alten Sprichwortes (das schon bei Aristoteles, NE VIII.4 und Cicero, Laelius 19 (67) überliefert ist) denken, man kenne einander erst, wenn man einen Scheffel Salz miteinander gegessen habe. Ein Ausdruck gegenseitiger Liebe ist das gemeinsame Essen von Salz auch in Pseudo-Clemens Brief an Jakobus: »Denn ich weiß, dass ihr diese Dinge tun werdet, wenn ihr die Liebe in eurem Geist verfestigt, und als Einstieg gibt es da nur einen sinnvollen Weg: Das gemeinsame Essen von Salz.« (Ps.Clem., Ep.Jac. 9,1f)
- und haltet [so] - [so] gut nach Cranfield 1959, S. 317, der den ersten Imperativ als Bedingung für den zweiten liest.
- Römer 12,18; 2 Korinther 13,11; Kolosser 4,6; Hebräer 12,14
Chapter 10
1 1 Und von dort brach (stand) er auf und 2 zog (kam) in das Gebiet von Judäa und (und zwar) das [Land] jenseits des Jordans, und wieder einmal (erneut) liefen Menschenmengen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie auch diesmal (wieder).
- [Status: Zuverlässig]
- brach auf und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
2 Daraufhin (Und) kamen einige Pharisäer herbei und wollten von ihm wissen (erkundigten sich), ob es einem Mann erlaubt sei, sich von [seiner] Frau zu scheiden (wegzuschicken), um (wobei sie) ihm eine Falle zu stellen (ihn auf die Probe zu stellen; zu testen). 1
- um ihm eine Falle zu stellen Finales (oder modales) Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst. Oder wie MEN: „weil sie ihm eine Falle stellen wollten“. Das Verb heißt „testen, erproben“ im weitesten Sinn. Hier erproben die Pharisäer Jesus so, dass er möglichst geschädigt werden soll (vgl. LN 27.31): Die Pharisäer wissen vermutlich, dass Jesus Johannes nahe stand, der am Ende wegen seiner Position zur Scheidung und Wiederheirat des Tetrarchen Herodes Antipas umgekommen war (Mk 6,14-29). Dessen Scheidung hatte einen Krieg provoziert und Herodes um ein Haar um sein Land gebracht. Die Pharisäer hoffen vermutlich, dass Jesus sich als politisch gefährlich herausstellt (Evans 2001, 82) oder zumindest bei seinen Anhängern unbeliebt macht. Die meisten Juden zu seiner Zeit glaubten nämlich, dass Scheidung erlaubt war. Im besten Fall hätten sie nachweisen können, dass Jesu Position dem Gesetz (Dtn 24,1-4) widersprach (France 2002, 390). Für ähnliche Versuche der Pharisäer vgl. Mk 8,11; 12,15; Joh 8,6. Jesus wurde zuvor schon in Mk 1,13 vom Satan auf die Probe gestellt, was die Pharisäer wie ihn zu Jesu Gegenspielern macht (vgl. Collins 2007, 384).
3 Er jedoch erwiderte {und sagte zu ihnen}: 1 „Was hat euch Mose vorgeschrieben (geboten)?“
- Er jedoch erwiderte {und sagte zu ihnen} Die pleonastische Formulierung kann in der Übersetzung gekürzt werden. erwiderte Modales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
4 Und sie sagten: „Mose hat es zugelassen, [der Frau] einen Scheidungsbrief zu schreiben und [sich dann von ihr] zu scheiden (wegzuschicken).“1
- Deuteronomium 24,1
5 Aber Jesus sagte zu ihnen: „Angesichts (wegen, mit Rücksicht auf) eurer Sturheit (Herzenshärte) 1 hat er euch dieses Gebot (Vorschrift) aufgeschrieben (gegeben).
- Angesichts (wegen, mit Rücksicht auf) eurer Sturheit (Herzenshärte) Diese Sturheit, »Verstockung« oder, etwas wörtlicher, Herzenshärte signalisiert nicht Kaltherzigkeit gegenüber dem Partner, sondern die Unfähigkeit oder den Unwillen, Gottes Geboten zu gehorchen – hier gerade, seiner eigentlichen Absicht für die Ehe zu folgen. Jesus argumentiert also, dass letztlich nur die menschliche Sünde zu diesem Gebot geführt hat. (Evans 2001, 84; France 2002, 391). Angesichts Gr. πρός wird an dieser Stelle häufig mit dem kausalen Sinn von »aufgrund«, wegen übersetzt, steht aber eher i.Sv. mit Rücksicht auf (MEN, BA III5a) für die weise Vorsichtsmaßnahme, die eben diese menschliche Schwäche berücksichtigt (vgl. France, NSS).
6 Aber seit [dem] Beginn der Schöpfung »hat er sie männlich und weiblich gemacht.«1
- Genesis 1,27; Genesis 5,2
7 »Aus diesem Grund wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und er wird sich mit seiner Frau vereinen (zusammenschließen)
8 und die beiden (zwei) werden zu einem Fleisch (Körper) 1 sein (werden)«,2 daher sind sie nicht länger zwei, sondern ein Fleisch (Körper).
- Fleisch steht hier im übertragenen Sinn für den Körper. Es handelt sich hier um ein wörtliches Zitat aus der LXX, sodass hinter dem griechischen σάρξ das atl. בָּשָׂר »Fleisch« mit dieser übertragenen Bedeutung steht (TDNT B1b).
- Genesis 2,24
9 Was Gott verbunden (vereinigt, zusammengefügt) hat, das soll (darf) 1 darum ein ([der]) Mensch nicht trennen.“
- das soll (darf) ein ([der]) Mensch nicht trennen Das Verb steht in der dritten Person des Imperativs, den man am besten mit Hilfsverb (»soll«, »muss« bzw. negativ »darf« oder »möge«) oder einem Konjunktiv umschreibt. Hier beschreibt Jesus eine ethische Maxime aufgrund eines Schöpfungsprinzips, daher ist soll am passendsten. ein ([der]) Mensch Gemeint ist entweder »(irgend)ein Mensch« oder »der Mensch« (Synonym zu »Menschheit«), wobei die meisten Übersetzungen sich für die letzte Variante entscheiden.
10 Als (Und) 1 sich die Jünger im Haus (zu Hause) bei ihm noch einmal (wieder) danach erkundigten (fragten),
- Als … da W. „Und … und“, hier als temporales Verhältnis verstanden und übersetzt.
11 da (und) sagte er zu ihnen: „Jeder, der (Wer immer) sich von seiner Frau scheidet und eine andere heiratet, bricht an ihr die Ehe, 1
- bricht an ihr die Ehe D.h. »bricht so die Ehe, die mit der ersten Frau bestand« (vgl. Collins 2007, 469).
12 und wenn sie sich von ihrem Mann geschieden hat und 1 einen anderen heiratet, bricht sie die Ehe.“
- sie sich ... geschieden hat und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
13 Und [die Leute] versuchten, Kinder zu ihm zu bringen (brachten), um {er} sie zu berühren, 1 aber die Jünger wiesen sie unfreundlich ab (schimpften sie)2.
- versuchten, Kinder zu ihm zu bringen Das konative Imperfekt drückt aus, dass die Leute es versuchten (Evans 2001, 93). um sie zu berühren Wahrscheinlich stand dahinter eine abgergläubische Vorstellung. So wie die Menschen immer wieder versuchten, geheilt zu werden, indem sie Jesus berührten (z.B. Mk 5,28), so hoffen die Eltern offenbar, dass irgendeine Kraft oder ein Segen (vgl. V. 16) von Jesus auf ihre Kinder übergehen wird (Collins 2007, 471f.).
- die Jünger wiesen sie unfreundlich ab (schimpften sie) Es wird nicht klar, ob die Jünger die Eltern der Kinder in unfreundlicher Weise zurückwiesen oder ob sie die Kinder schimpften. Es könnte sein, dass sie einfach eine Belästigung von Jesus fernhalten wollten, oder dass sie etwas dagegen hatten, dass Jesus die Kinder berühren sollte (s. die vorige Fußnote) (Evans 2001, 84). Die Jünger schienen Jesu Lehre aus 9,37 schon wieder vergessen zu haben (France 2002, 397).
14 Doch als Jesus [das] sah, 1 wurde er ärgerlich (ungehalten) und sagte zu ihnen: „Lasst die Kinder zu mir kommen! Haltet sie nicht auf, denn solchen [wie ihnen] gehört Gottes Reich (Herrschaft).
- als Jesus [das] sah Temporales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst.
15 Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch: 1 Jeder, der (Wer immer) Gottes Reich (Herrschaft) nicht wie ein Kind annimmt, 2 kommt bestimmt nicht hinein.“
- Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch D.h. »Ich versichere euch«. Ja (Amen, Wahrlich) Das Wort Amen stammt aus dem Hebräischen und bildet im AT häufig den bekräftigenden Abschluss von Doxologien. Die griechische Übersetzung lautet meist »So sei/geschehe es!« Aus dem zeitgenössischen Judentum wie aus dem frühen Christentum ist es dann als liturgische Bekräftigungsformel bekannt, wie es auch heute in Gebrauch ist. Jesus ist der einzige, der es benutzt, um die zu bekräftigende Aussage einzuleiten. Mit ähnlicher Autorität wie bei Gottes Worten im Alten Testament will auch er keinen Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Aussage aufkommen lassen (France 2002, 174f.313; Guelich 1989, 177f.). Die Übersetzung ist schwierig. Luther machte daraus das bekannte »Wahrlich (ich sage euch)«, dem bis heute etliche Übersetzungen folgen. EÜ, ZÜR einfach »Amen«; kommunikative Übersetzungen übersetzen die Phrase für gewöhnlich sinngemäß, etwa »Ich versichere euch...«.
- nicht wie ein Kind annimmt Das kann zwei Bedeutungen haben: 1. Die Annahme von Gottes Reich, wie ein Kind (Kind als Nominativ) es tun würde oder 2. Die Annahme von Gottes Reich, wie man ein Kind (Kind als Akkusativ) aufnehmen würde. Dass Mk 9,37 ebenfalls davon spricht, »Geringe« (oder Kinder) aufzunehmen, könnte für 2. sprechen, aber logischer in den Kontext passt die erste Deutung. V. 14B (»Gottes Reich gehört solchen wie ihnen«) spricht ebenfalls für 1. Das würde zudem gut zu Mt 18,3 passen (France 2002, 397f.; Collins 2007, 473).
16 Und er nahm sie in die Arme und 1 segnete sie, indem er ihnen die Hände auflegte. 2
- er nahm sie in die Arme und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- indem er … auflegte Modales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst.
17 Und als er nach draußen auf die Straße kam (sich auf den Weg machte), kam einer angerannt und kniete sich vor ihm hin. 1 Er fragte ihn: „Guter Lehrer, was muss (soll) ich tun, um {ich} ewiges Leben zu bekommen (Anteil am … zu erhalten; erben)?“
- kam angerannt und kniete sich hin Temp. Ptz. conj. (2x), hier als separater Hauptsatz wiedergeben.
18 Jesus aber sagte zu ihm: „Warum nennst du ''mich'' gut? Niemand ist gut außer einem: Gott.
19 Du kennst die Gebote: »Töte (morde) nicht, brich die Ehe nicht, stiehl nicht, mache keine Falschaussage;1 unterschlage (betrüge, enthalte vor, raube) nicht; 2 ehre deinen Vater und deine Mutter.«3
- Exodus 20,13
- unterschlagen Dabei geht es um die betrügerische Vorenthaltung, beispielsweise eines verdienten Lohns, oder das Unterschlagen von anvertrauten Gütern (LN 57.248; 57.47; NSS; Collins 2007, 478). Als einziges zitiertes Gebot gehört dieses nicht zu den Zehn Geboten. Der Unterschied zu »stehlen« ist nicht groß. Vielleicht soll das Wort das Zehnte Gebot zusammenfassen (France 2002, 402). Eine andere Quelle für diesen Punkt der Liste könnte Mal 3,5 LXX sein. Oder Jesus ergänzt ihn sinngemäß, weil sein Gegenüber reich ist – daher ist es wahrscheinlicher, dass er etwas unterschlägt als andere beneidet (Evans 2001, 96; Collins 2007, 478f.). Viele Übersetzungen geben das Wort mit »(be)rauben« wieder.
- Exodus 20,12
20 Der [Mann] {aber} entgegnete (sagte) {ihm}: »Lehrer, das alles habe ich seit meiner Jugend befolgt (beachtet) 1.«
- beachtet (bewahrt) Oder »vor all dem habe ich mich in Acht genommen«. Das Verb steht im Medium, ist aber wohl wie ein Aktiv zu übersetzen (NSS). Die andere Möglichkeit wäre, dass der Mann so ausdrückt, er habe sich davor in Acht genommen, die erwähnten Verbote zu verletzen (France 2002, 402f.).
21 Jesus {aber} sah ihn an und 1 gewann ihn lieb 2, und er sagte zu ihm: »Eins fehlt dir [noch]: Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib [den Erlös] den Armen, dann (und) wirst du einen Schatz im Himmel haben. Und [dann] komm, folge mir nach!«
- sah ihn an und Beigeordnet aufgelöstes Ptz. conj..
- gewann ihn lieb Oder: »zeigte seine Liebe (mit einer Geste)« Die vielleicht sinnvollste Übersetzung von »liebte« ist als ingressives Aorist (wie OfBi), das den Beginn von etwas in den Fokus nimmt. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Jesus seine Zuneigung mit einer Geste bekundet (Evans 2001, 98; beispielsweise einer Umarmung, wie NSS vorschlägt), aber keine Übersetzung folgt dem. EÜ: »Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er«, NGÜ: »Jesus sah ihn voller Liebe an«, NET, NASB: »he felt love for him«.
22 Doch der [Mann] war erschüttert (getroffen; enttäuscht) 1 über diese Forderung (das Gesagte; Wort) und 2 ging traurig davon, denn er besaß 3 viele Güter.
- erschüttert (getroffen; enttäuscht) Einige Übersetzungen: »entsetzt« oder, wie Luther, »unmutig«. Sicher ist, dass der Mann von der Forderung überrascht und enttäuscht war, weil er sie nicht erfüllen wollte oder für unerfüllbar hielt. Unklar ist, wie stark der Schock oder die Betroffenheit ist, die das Wort ausdrücken soll.
- war erschüttert … und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- er besaß Pleonastisches Ptz.
23 Und Jesus schaute sich um und 1 sagte zu seinen Jüngern (Schülern): »Wie schwer werden [es] die Wohlhabenden 2 [haben], in Gottes Reich (Königsherrschaft) zu kommen!«
- schaute sich um und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst. Eine weitere mögliche Auflösung wäre z.B. »mit/nach einem Blick in die Runde«
- die Wohlhabenden W. etwa »diejenigen, welche {die} Güter/Reichtümer haben« (subst. Ptz.), oder wie NGÜ: »Menschen, die viel besitzen«
24 Die Jünger {aber} waren von seinen Worten überrascht (bestürzt, entgeistert)1. Doch Jesus sagte noch einmal zu ihnen 2: »Kinder 3, wie schwer ist es, in Gottes Reich (Königsherrschaft) zu kommen!
- überrascht (bestürzt, entgeistert) D.h. sie hatten so eine Aussage von Jesus nicht erwartet.
- sagte noch einmal zu ihnen W. »antwortete und sagte noch einmal zu ihnen«. Jesus »antwortet« (d.h. reagiert) hier auf die Situation (DBL Greek 646; vgl. V. 51). Im Kontext vielleicht »ergriff das Wort« (NSS, der aber so übersetzt wie wir). MEN: »Jesus aber wiederholte seinen Ausspruch nochmals mit den Worten«
- Kinder D.h. etwa »Leute«, eine freundliche Anrede an die Jüngergruppe (vgl. France 2002, 404). Vgl. Joh 21,5, wo die Wiedergabe mit »Männer« etwas angemessener ist und den Vorzug erhielt.
25 Es ist leichter [für] ein Kamel 1, durch das Nadelöhr 2 zu kommen, als [für] einen Reichen, in Gottes Reich (Königsherrschaft) zu kommen.«
- Kamel Nach manchen Handschriften: »Schiffstau« (s.u.). Eine verbreitete Erklärung identifiziert das Nadelöhr mit einem kleineren Stadttor für Passanten, das ein Kamel vielleicht irgendwie hätte durchqueren können. Es gibt jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass solche Tore jemals so bezeichnet wurden (France 2002, 405). Ein entsprechendes historisches Tor in Jerusalem stammt aus dem Mittelalter (Evans 2001, 101). Jesus will mit diesem originellen Bild zeigen, dass es für Reiche unmöglich ist, in Gottes Reich zu kommen (s. die nächsten Verse), nicht dass es für sie besonders schwierig ist (France 2002, 405). Jesus setzt dem kleinstmöglichen Loch eines der größten in Palästina bekannten Tiere entgegen (Pesch 1977, 141). Textkritik: Einige eher unwichtige Zeugen lesen καμιλον »Schiffstau« statt καμηλον Kamel (f13, 28, 124, 579, arm, geo). Bemerkenswert daran ist, dass das Schiffstau (als übergroßes Gegenstück zum Nähgarn) thematisch näher mit dem Nadelöhr verbunden ist als das Kamel (Evans 2001, 90). In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wurden die beiden Wörter teils praktisch gleich ausgesprochen (Willker 2013, 420f.). Neben der stabilen externen Überlieferung spricht für das Kamel, dass es in anderen antiken Texten ähnliche Redewendungen gibt (wie etwa der Elefant durch das Nadelöhr in rabbinischen Texten; Gnilka 1979, 88). So ist das »Schiffstau« ein recht offensichtlicher Versuch, Jesu bizarren Vergleich verständlicher zu machen.
- Nadelöhr W. »das Öhr der Nadel« Textkritik: Die bestimmten Artikel sind zwar textkritisch umstritten (sie fehlen in etlichen wichtigen Zeugen; NA28 setzt sie in eckige Klammern), aber ihr Fehlen ist sehr wahrscheinlich eine Angleichung an Mt 19,24 par Lk 18,25. Die bestimmten Artikel zeigen dem Leser die Bekanntheit des Nadelöhrs als das bekanntermaßen kleinste Loch an (Willker 2013, 422).
26 Da waren sie völlig entgeistert (außer sich, erstaunt, überwältigt) und sagten 1 zu einander: »Wer kann dann gerettet werden?!?«
- und sagten Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
27 Jesus sah sie an und 1 sagte: »Bei Menschen [ist es] unmöglich, aber nicht bei Gott: Denn bei Gott [ist] alles möglich.«
- sah an und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
28 Petrus sagte 1 zu ihm: »Du weißt (Siehe), 2 wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt (haben uns dir angeschlossen)!«
- sagte W. »fing an zu sagen«, eine bei Markus typische Wendung, wo »anfangen« sehr schwache Bedeutung hat.
- Du weißt W. »Siehe«. Das Wort hat im Griechischen die Funktion, die Aufmerksamkeit auf das Folgende zu lenken. Diese Funktion kann man nicht mit dem deutschen »siehe«, sondern nur mit einer sinngemäßen Wiedergabe erreichen (Runge, Discourse Grammar, 5.4.2). Unsere Wiedergabe vgl. EÜ, GNB, NGÜ.
29 Jesus sagte: »Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch: 1 Es gibt niemanden, der Haus (Haushalt), {oder} Brüder oder Schwestern, {oder} Mutter, {oder} Vater oder Kinder oder Felder wegen mir und wegen des Evangeliums (der Heilsbotschaft) zurückgelassen (verlassen) hat,
- Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch D.h. »Ich versichere euch«. Ja (Amen, Wahrlich) Das Wort Amen stammt aus dem Hebräischen und bildet im AT häufig den bekräftigenden Abschluss von Doxologien. Die griechische Übersetzung lautet meist »So sei/geschehe es!« Aus dem zeitgenössischen Judentum wie aus dem frühen Christentum ist es dann als liturgische Bekräftigungsformel bekannt, wie es auch heute in Gebrauch ist. Jesus ist der einzige, der es benutzt, um die zu bekräftigende Aussage einzuleiten. Mit ähnlicher Autorität wie bei Gottes Worten im Alten Testament will auch er keinen Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Aussage aufkommen lassen (France 2002, 174f.313; Guelich 1989, 177f.). Die Übersetzung ist schwierig. Luther machte daraus das bekannte »Wahrlich (ich sage euch)«, dem bis heute etliche Übersetzungen folgen. EÜ, ZÜR einfach »Amen«; kommunikative Übersetzungen übersetzen die Phrase für gewöhnlich sinngemäß, etwa »Ich versichere euch...«.
30 der nicht 1 [das] Hundertfache [dafür] bekommen wird (bekommt): jetzt, in dieser Zeit, Häuser und Brüder, {und} Schwestern, {und} Mütter, {und} Kinder und Felder, [wenn auch] unter Verfolgungen, 2 und im kommenden Zeitalter (Welt) ewiges Leben.
- der nicht W. »(Es gibt niemanden (V. 29)...,) wenn er nicht«
- [wenn auch] unter Verfolgungen bezieht sich auf Begleitumstände (BA μετά, III.2.). [wenn auch] wurde daher sinngemäß eingefügt, weil »unter Verfolgungen« eine Einschränkung bezeichnet, die man im Deutschen auf diese Weise einleitet.
31 Und (Aber) viele Erste werden Letzte sein und die Letzten Erste.«1
- Markus 10,44
32 Sie {aber} waren auf dem Weg nach Jerusalem, und Jesus ging ihnen voran, 1 und (da) [die Jünger (Leute)] wunderten sich darüber (wurden von Beklommenheit erfasst; erschraken), 2 und (aber) die, die hinter ihm gingen (die ihm Folgenden, seine Nachfolger), 3 bekamen Angst. Da (und) nahm er die Zwölf noch einmal beiseite und teilte ihnen mit 4, was mit ihm geschehen würde:
- Sie waren auf dem Weg nach Jerusalem, und Jesus ging ihnen voran Es handelt sich um zwei umschriebene Imperfekte, die sinngemäß wiedergegeben sind. Sie heben den durativen Aspekt stärker hervor und beschreiben so die Ausgangslage dieses neuen Abschnitts. waren auf dem Weg nach Jerusalem lässt sich auch anders wiedergeben: »waren unterwegs und gingen dabei (hinauf) nach Jerusalem« oder, wie es an anderen Stellen häufig zu finden ist, einfach »gingen (hinauf) nach Jerusalem«. Der Übersetzer hat das Ptz. »gingen (hinauf)« nicht zusätzlich übersetzt, weil waren auf dem Weg schon dieselben Informationen enthält (vgl. NSS; GNB, NGÜ, EÜ, MEN). Die Juden sprachen im Zusammenhang mit der Reise nach Jerusalem grundsätzlich von einem »Hinaufgehen« (auch weil Jerusalem erhöht und der Tempel auf einem Hügel lag). Vgl. Mk 3,22, wo die Schriftgelehrten aus Jerusalem herabgekommen sind. Nach 10,1 ist Jesu Reisegruppe bereits nach Judäa gekommen, hat aber die Stadt Jericho noch nicht erreicht (V. 46), an der jeder vorbeikam, der im Jordantal nach Süden reiste. Von dort aus führte eine Straße nach Westen gen Jerusalem.
- [die Jünger (Leute)] wunderten sich darüber (wurden von Beklommenheit erfasst; erschraken) und bekamen Angst Impliziertes Subjekt nach dem Verlauf der Erzählung sind die Jünger (France 2002, 412). Zum zweiten Subjekt s. die nächste Fußnote. Die Verwunderung (oder die Beklommenheit, das Unbehagen) der Jünger ist eine Reaktion auf Jesu Verhalten, den der Evangelist uns als entschlossen auf sein Schicksal zumarschierend darstellt (ebd.). Das Imperfekt drückt dann die wachsenden oder anhaltenden Gefühle der Jünger aus (daher bekamen statt »hatten Angst«) (Evans 2001, 108; France). Viele Übersetzungen versuchen leider nicht in ausreichendem Maß, die einzelnen Satzteile in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. NGÜ macht die Vorgänge am besten verständlich: »Unruhe hatte die Jünger ergriffen, und auch die anderen, die mitgingen, hatten Angst.« MEN: »Jesus ging ihnen (dabei) voran, und sie waren darüber erstaunt; die ihm Nachfolgenden aber waren voll Furcht.«
- die hinter ihm hergingen (die ihm Folgenden, seine Nachfolger) (Subst. Ptz.) Da Jesus vorausgeht, heißt »nachfolgen« hier wohl einfach »hinterhergehen« und bezeichnet im weiteren Sinn seine Nachfolger, die Jesus in diesem Moment hinterhergingen (France 2002, 412). Die Gruppe der Zwölf ist nur ein Teil von ihnen, die Jesus gleich noch einmal besonders auf das Bevorstehende vorbereitet. Das Bild des vorangehenden Jesus und der folgenden Jünger steht wohl auch symbolisch für die Nachfolge (Collins 2007, 484).
- nahm beiseite und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst. teilte ihnen mit W. »begann ihnen zu sagen«
33 »Wir gehen jetzt 1 {hinauf} nach Jerusalem, dann wird der Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) an die obersten (führenden, Hohen) Priester 2 und die Schriftgelehrten (Schreibern) ausgeliefert werden, und sie werden ihn [zum] Tod verurteilen und ihn an die Heiden (Nichtjuden) ausliefern,
- jetzt W. »Siehe«. Das Wort hat im Griechischen die Funktion, die Aufmerksamkeit auf das Folgende zu lenken. Diese Funktion kann man nicht mit dem deutschen »siehe«, sondern nur mit einer sinngemäßen Wiedergabe erreichen (Runge, Discourse Grammar, 5.4.2). GNB: »Hört zu!«, NGÜ, EÜ wie OfBi.
- oberste Priester Auf Griechisch »Hohe Priester«. Damit waren ehemalige Hohe Priester gemeint, die weiter im Hohen Rat vertreten waren, aber wahrscheinlich auch Mitglieder der wichtigen Priesterfamilien (France 2002, 335 Fn 51).
34 und sie werden ihn verspotten, und sie werden ihn anspucken, und sie werden ihn auspeitschen und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.«
35 Und Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, kamen auf ihn zu und sagten zu ihm: »Lehrer, wir wollen, dass du [für] uns 1 tust, worum wir dich auch bitten werden.«
- [für] uns Dat. commodi.
36 Da sagte er zu ihnen: »Was wollt ihr, dass ich [für] euch 1 tun soll?«
- [für] euch Dat. commodi.
37 Sie sagten zu ihm: »Gewähre uns 1, {dass wir} in deiner Herrlichkeit (Herrschaft, Ehre) 2 einer an deiner rechten und einer an deiner linken [Seite] zu sitzen!«
- Gestatte uns W. »Gib uns«, was wohl eine respektvolle Formulierung ist.
- in deiner Herrlichkeit (Herrschaft, Ehre) bezieht sich auf die Zeit, in der Jesus seine Herrschaft als Messias in vollem Umfang angetreten hat (vgl. Mt 19,28; Mk 12,36), als Menschensohn, der von Gott ewige Macht erhält (Dan 7,13f.) (Evans 2001, 116; Pesch 1977, 155). Sehr passend paraphrasiert GNB: »wenn du deine Herrschaft angetreten hast«. EÜ: »in deinem Reich«
38 Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr wisst nicht, um was ihr [da] bittet! Könnt ihr den Becher (Kelch) trinken, den ''ich'' trinke,1 oder [mit] der Taufe getauft werden 2, mit der ''ich'' getauft werde?«
- Becher (Kelch) trinken, den ich trinke - Metapher, die sich auch in Mk 14,36 findet. Diese Stelle, MartPol 14,2 (»Ich danke dir, dass ich zu deinen Märtyrern gehören und am Kelch Christi teilhaben darf«), MartJes 5,13 (Jesaja bei seinem gewaltsamen Tod: »Nur für mich hat Gott diesen Kelch gemischt«) und der Ausdruck »(bitterer) Kelch des Todes« für den Tod in TestAb 16,12; TgN zu Dtn 32,1 und TgN, TgJ, TgF zu Gen 40,23 legen nahe, dass die Rede vom »Kelch«, den jemand trinken muss, metaphorisch für den (gewaltsamen?) Tod (eines Gerechten?) steht. Verwandt ist vielleicht der Ausdruck »den Tod schmecken« für »sterben« in Mk 9,1; Joh 8,52; Heb 2,9 und häufiger in der frühjüdischen Literatur.In der Tat ist Johannes der einzige der Zwölf, von dem kein Märtyrertod überliefert ist; er musste Jesu Becher nicht trinken.
- [mit] der Taufe getauft werden Bei [mit] der Taufe handelt es sich um einen »Akkusativ des inneren Objekts«, einen Akkusativ, der hinsichtlich Stamm oder Sinn mit dem dazugehörigen Verb übereinstimmt und so eine figura etymologica bildet (Siebenthal 2011, §151a). Jesus prägt hier scheinbar eine neue Metapher, indem er gleichzeitig die Taufe von Johannes dem Täufer (mit der er getauft wurde) und den verbreiteten übertragenen Gebrauch des gr. βαπτίζομαι »überwältigt sein« ins Bewusstsein ruft und so zu einem Bild für das Martyrium verbindet (France 2002, 416f.; vgl. BA 3c). (Vergleichbare Wendungen im Deutschen sind »das Wasser steht mir bis zum Hals« oder »ins kalte Wasser geworfen werden«.) Zusammen mit dem Kelch, der nach atl. Prophezeiungen den Zorn Gottes symbolisiert, und der Johannestaufe, die die Vergebung der Sünden anzeigte, weist Jesus so auf seinen stellvertretenden Tod für die Menschheit hin (Collins 2007, 496f.).
39 Sie aber sagten zu ihm: »[Das] können wir!« Jesus aber sprach zu ihnen: »Den Becher (Kelch), den ich trinke, werdet ihr trinken, und [mit] der Taufe, mit der ich getauft werde, werdet ihr getauft werden ,
40 aber es ist nicht meine Sache (steht mir nicht zu), [euch] das Sitzen an meiner rechten oder linken [Seite] zu gewähren, 1, sondern [das Sitzen steht denjenigen zu], [für] die es vorgesehen (bestimmt, bereitet) ist.« 2
- gewähren W. »geben« (vgl. V. 37)
- sondern [das Sitzen steht denjenigen zu], [für] die es vorgesehen (bestimmt, bereitet) ist D.h. »Auf diesen Plätzen werden diejenigen Sitzen, die dafür vorgesehen sind«, und zwar (wie das Passiv anzeigt) von Gott (France 2002, 417). [für] die Dat. commodi.
41 Und als die zehn [anderen Jünger das] hörten, 1 waren sie wütend (ärgerten sie sich) 2 auf Jakobus und Johannes.
- als ... hörten Ptz. conj., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- waren sie wütend W. »begannen sie, wütend zu sein«
42 Und (da) Jesus rief sie zu sich und sagte zu ihnen: »Ihr wisst, dass diejenigen, die als Regierende der Völker (nichtjüdischen Völker, Nichtjuden) angesehen sind (gelten), 1 die Menschen 2 beherrschen (unterdrücken), und [dass] ihre Großen (Mächtigen) die Menschen ihre Macht spüren lassen (ihre Macht über sie missbrauchen).
- die als Regierende … angesehen sind (gelten) W. »die zu regieren/herrschen (Inf.) über die Völker (Gen.) angesehen sind« Die meisten Übersetzungen formulieren »gelten«. angesehen sind gibt jedoch noch besser die öffentlich sichtbare Rolle dieser Regierenden wieder (vgl. France 2002, 418). über die Völker (Genitivobjekt, Siebenthal 2011, §167h)
- die Menschen W. »sie«, d.h. ihre Völker oder Untertanen.
43 Aber so ist es bei euch nicht! Wer (Jeder, der) bei (unter) euch groß sein (werden) möchte, soll vielmehr euer Diener sein,
44 und wer (jeder, der) bei (unter) euch bedeutend (Erster) sein (werden) möchte, soll Sklave aller [anderen] sein.1
- Markus 9,35; Markus 10,31
45 Denn auch der Menschensohn (Sohn des Menschen; Mensch) ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld anstelle (für) vieler zu geben.«1
- Markus 14,24; Jesaja 53,10; Daniel 7,13; Philipper 2,6; 1 Timotheus 2,5; Jesaja 43,3
46 Und sie kamen nach Jericho. Und als er von Jericho aufbrach, [er] 1 und seine Jünger und eine beachtliche (ansehnliche) Menschenmenge, saß der Sohn von Timäus, Bartimäus, 2 ein blinder Bettler, am Straßenrand 3,
- als er von Jericho aufbrach, [er] und seine Jünger und eine beachtliche Menschenmenge Diese Temporalangabe (Gen. abs.) ist für unsere Begriffe umständlich formuliert. Stünde das Partizip im Plural, würde es die ganze Gruppe einschließen. Die Formulierung könnte ein Überbleibsel mündlicher Überlieferung sein (Collins 2007, 508). Durch die Einfügung von [er] ist glücklicherweise eine sehr wörtliche Wiedergabe (jedoch als Parenthese) möglich.
- der Sohn von Timäus, Bartimäus Der Name »Bartimäus« bedeutet auf Aramäisch eben das – Sohn von Timäus/Timai (בר טמאי bar ṭimʾay). Es könnte auch sein, dass ein anderer aramäische Name hinter der griechischen Form steht. Verknüpfungen mit aramäischen Wörtern für »blind« oder »unrein« wären möglich, sind aber sehr unsicher (Collins 2007, 508f.; vgl. Evans 2001, 131).
- am Straßenrand W. »bei/neben der Straße/Weg«, Gr. παρὰ τὴν ὁδόν. Die genaue Ortsangabe, die im Griechischen die Präposition παρὰ ausdrückt, lässt sich im Deutschen nur mittels einer Abwandlung des Substantivs von »Straße« zu »Straßenrand« erreichen (vgl. Mk 4,4.15). Die Position des Bettlers am Straßenrand am Ortsausgang war gut gewählt, weil so der gesamte Reiseverkehr nach Jerusalem an ihm vorbeikommen musste. Nicht nur wohlhabende Reisende, sondern auch Pilger wie Jesus und seine Jünger wären vermutlich zu einem Almosen bereit gewesen (Evans 2001, 131).
47 Und als er hörte, 1 dass es Jesus der Nazarener war, fing er an zu schreien {und zu sagen}: »Sohn Davids, 2 Jesus, hab Erbarmen mit mir!«
- als er hörte Ptz. conj., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- Sohn Davids »Sohn Davids« ist eine Bezeichnung für den Messias (vgl. 12,35). In Mt 1,20 spricht ein Engel Jesu Adoptivvater Josef mit diesem Titel an. Der jüdischen Erwartung nach war der Messias nicht nur ein Nachfahre des Königs David, sondern auch ein König wie er. Es ist das erste Mal, dass ein Außenstehender Jesus damit in Verbindung bringt (vgl. France 2002, 423).
48 Und viele herrschten ihn an, {damit} still zu sein. Aber er schrie umso lauter (mehr): »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
49 Da (und) blieb Jesus stehen (stand auf) und sagte: »Ruft ihn!« Und sie riefen den Blinden und sagten 1 zu ihm: »Keine Angst! (Hab nur Mut!) Steh auf, er ruft dich!«
- blieb stehen sowie und sagten Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst. blieb stehen (stand auf) Das griechische Wort heißt einfach »er stand«, kann aber für »aufstehen« oder »stehen bleiben« benutzt werden. Stand Jesus auf, dann hatte er sich vielleicht vorher zum Lehren niedergelassen (Evans 2001, 133).
50 Da warf er seinen Mantel (Obergewand) ab, sprang auf und 1 kam zu Jesus.
- warf er … ab, sprang auf und Ptz. conj. (2x), beigeordnet aufgelöst.
51 Und Jesus fragte ihn 1: »Was willst du, dass ich für dich tue?« Da sagte der Blinde zu ihm: »Rabbuni 2, dass ich sehen kann!«
- fragte ihn W. »antwortete ihm und sagte« Jesus »antwortet« (d.h. reagiert) hier auf die Situation, vielleicht auf die Zurufe des Bettlers (DBL Greek 646), allerdings mit einer eigenen Frage (vgl. V. 24).
- Rabbuni Das ist eine respektvolle Anrede für einen Höhergestellten und wird von dem Blinden hier (wie bei den späteren Rabbinen) wohl speziell für Jesus als »Lehrer« benutzt (Collins 2007, 511). Nur in Joh 20,16 wird Jesus sonst noch so genannt, und zwar von Maria Magdalena in einem sehr emotionalen Moment. Offenbar gibt es abgesehen von der etwas stärkeren Betonung keinen Unterschied zu »Rabbi« (=Lehrer) (France 2002, 424).
52 Und Jesus sagte zu ihm: »Geh 1, dein Glaube hat dich geheilt (gerettet)!«, und er konnte augenblicklich sehen, und er folgte (schloss sich an) ihm auf dem Weg. 2 “
- Geh D.h. »Geh nur!« (GNB, NGÜ). Vgl. 7,29. Gemeint ist einfach, dass er geheilt ist und gehen kann, wenn er möchte. Markus stellt Bartimäus also nicht als ungehorsam dar, wenn er sich Jesus im nächsten Vers anschließt (France 2002, 425).
- er folgte ihm auf dem Weg D.h. wohl, dass Bartimäus sein Jünger wurde. »Folgen« oder »nachfolgen« geschieht bei Markus sonst häufig im Kontext der Jüngerschaft. auf dem Weg könnte auch symbolisch den Weg der Nachfolge bezeichnen (vgl. V. 32). In den vergangenen zwei Kapiteln (seit dem Wendepunkt in Mk 8,29) kam diese Wendung vermehrt vor – einerseits, weil Jesus und die Jünger vom Norden Palästinas nach Jerusalem reisten, andererseits, weil Jesus ihnen in dieser Zeit viel über Nachfolge beigebracht hat (vgl. France 2002, 425; Collins 2007, 511). MEN (vgl. NGÜ): »und schloß sich an Jesus auf der Wanderung an«
Chapter 11
1 1 Und als sie in die Nähe von Jerusalem kamen (näherten), nach Betfage und Betanien beim Ölberg 2, schickte er zwei seiner Jünger los.3
- [Status: Zuverlässig]
- Ölberg W. „Berg der Ölbäume“ in die Nähe von Jerusalem ..., nach Betfage und Betanien beim Ölberg Die Gruppe erreichte Jerusalem von Osten, von Jericho her (10,46). Der Ölberg liegt östlich von Jerusalem, dem Tempelberg gegenüber, dazwischen liegt das Kidrontal. Die Straße von Jericho nach Jerusalem führt an der Südseite des Ölbergs vorbei. Betfage und Betanien lagen beide etwas südlich dieser Straße am Hang des Ölbergs. Betanien, wo Jesus später seine Unterkunft hatte (V. 11-12; 14,3), lag etwa 3km vor Jerusalem, das kleinere Betfage etwas näher. Bei dem Dorf in V. 2 handelt es sich wohl um Betfage (Collins 2007, 516; France 2002, 430).
- Sacharja 14,4
2 Er sagte zu ihnen 1 „Geht in das Dorf, das vor euch [liegt], und gleich, wenn ihr hineingeht, 2 werdet ihr ein Eselsfohlen (Fohlen) 3 angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch 4 gesessen hat. Bindet es los und bringt es her!
- Er sagte Modales Ptz. conj., als eigenständiger Hauptsatz aufgelöst.
- wenn ihr hineingeht Temporales Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst.
- Eselsfohlen (Fohlen) Markus spricht wie Lukas nur von einem Fohlen, während Matthäus und Johannes von einem Eselsfohlen berichten. Zwar ist ein Fohlen gewöhnlich ein junges Pferd, in Jesu paläsitinischem Kontext ist mit einem Fohlen i.d.R. jedoch ein Eselsfohlen gemeint (France 2002, 431). Weiter wäre im Kontext eines kleinen Dorfes ein Pferd unwahrscheinlich (Collins 2007, 517). Vgl. Mt 21,2; Joh 12,15, wo von jungen Eseln die Rede ist. Mit »Fohlen« ist Markus zudem näher am griechischen Text von Sach 9,9, wo vom Fohlen eines Lasttiers (=Esels) die Rede ist (France).
- noch nie ein Mensch W. »niemand der Menschen«
3 Und falls euch jemand fragt: »Was macht ihr da (Warum macht ihr das)?«, [dann] sagt: »Der Herr braucht es und schickt es [später] wieder zurück (hierher).«“ 1
- Für detaillierte Textkritik vgl. den Exkurs im Kommentar.
4 Daraufhin (Und) gingen sie los und fanden das Eselsfohlen (Fohlen), das draußen auf der Straße an eine Tür (Tor) gebunden war, und (als) sie banden es los.
5 Und (da) einige von den [Leuten], die dort herumstanden, fragten sie: „Was macht ihr [da], dass ihr das Eselsfohlen (Fohlen) losbindet 1?“
- macht ihr … dass ihr losbindet Prädikatives Partizip, als Nebensatz aufgelöst. EÜ: »Wie kommt ihr dazu, den Esel loszubinden?«
6 Da sagten sie ihnen genau [das, was] Jesus gesagt hatte, und [die Leute] ließen sie machen.
7 Und sie führten das Eselsfohlen (Fohlen) zu Jesus und legten ihre Kleider (Mäntel, Obergewänder) über [das Tier], und er setzte sich darauf.
8 Und viele breiteten ihre Kleider (Mäntel, Obergewänder) auf dem Weg aus, andere {aber} Zweige (lange Gräser, Laubbüschel), die sie auf den Feldern abgeschnitten (abgerissen) hatten. 1
- die sie … abgeschnitten (abgerissen) hatten Temp. Ptz. conj., als Relativsatz aufgelöst.
9 Und die [Menschen], die vor [ihm] hergingen und [ihm] folgten, riefen immer wieder 1: „Hosanna! 2 Gepriesen (Gesegnet) [sei], der im Namen des Herrn kommt!3
- riefen immer wieder Das Impferfekt drückt das, dass die Menschen diese Worte in Sprechchören riefen (oder sangen).
- Hosanna Aus Ps 118,25, Hebr. הוֹשִׁיעָה נָּא »Rette doch/bitte!«, hier offenbar die auf griechische wiedergegebene aramäische Version הושע נא. Obwohl Mk 11,9 den griechischen Text von Ps 118,26 zitiert, gibt er hier das unübersetzte Wort wieder. Vielleicht war der Ruf unter Markus' Lesern hinreichend bekannt (Collins 2007, 519). Von der Wurzel für »retten« stammt auch Jesu zu dieser Zeit sehr häufiger hebräischer Name Jeschua. In Ps 118 gilt der Ruf Gott, die versprochene Rettung einzuleiten. Gleich im Anschluss an das Zitat wird in Ps 118 der Tempel erwähnt – den Jesus bald betreten wird (Evans 2001, 145). Psalm 118 war der letzte Psalm, der an Festtagen von Pilgern gesungen wurde. Die pilgernde Menge, die mit Jesus zum Passafest nach Jerusalem kam, scheint den Psalm jedoch nun über Jesus zu singen (vgl. France 2002, 433f.).
- Psalm 118,25
10 Gepriesen (Gesegnet) [sei] das kommende Reich (Herrschaft) unseres Vaters (Vorfahren) David! Hosanna in den höchsten [Höhen]!“1
- Psalm 148,1
11 So (Danach, Und) zog (ging) er hinein nach Jerusalem, in den Tempel (Tempelbezirk). Dann (Und), nachdem er sich alles angesehen hatte, begab sich mit den Zwölf nach Betanien, weil (als) die Stunde schon spät war. 1
- weil (als) die Stunde schon spät war D.h. einfach „Es war schon spät“ oder „eine fortgeschrittene Tageszeit“. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um die gewöhnliche Zeit zum Abendessen am Spätnachmittag (France 2002, 265). Vgl. 6,35 sowie 15,33 für ähnliche Zeitangaben.
12 {Und} Als sie am folgenden Tag Betanien verließen, wurde er hungrig 1.
- wurde er hungrig Als ingressives Aorist übersetzt.
13 Und als er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern sah, 1 er ging hin, [um zu sehen], ob er vielleicht etwas daran fände. Doch (Und) als er hinkam, fand er nur (nichts außer) Blätter, es war nämlich nicht die Zeit für Feigen.2
- als er … sah Ptz. conj., als temporaler Nebensatz aufgelöst.
- Micha 7,1
14 Da (Und) sagte er zu [dem Baum]: 1 „Nie mehr, bis in Ewigkeit, soll jemand 2 von dir Frucht essen!“ Und seine Jünger hörten das.
- Da (Und) sagte er zu [dem Baum] W. „antwortete und sagte er zu ihm“. Jesus „antwortet“ (d.h. reagiert) hier auf die Situation (DBL Greek 646; vgl. V. 51).
- Nie mehr, bis in Ewigkeit soll jemand W. »nie mehr, bis in Ewigkeit, soll niemand«. Die doppelte Verneinung verstärkt den Schwur.
15 Als (Und) sie nach Jerusalem kamen, {und} 1 ging er in den Tempel (Tempelbezirk) und 2 fing an, [alle], die im Tempel verkauften und kauften, hinauszutreiben. {und} Er warf die Tische der Geldwechsler und die Stände (Sitze) der Taubenverkäufer 3 um4
- Als (Und) ... {und} W. „und … und“, hier als temporale Verknüpfung wiedergegeben.
- ging er … und Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- Taubenverkäufer W. „die Tauben verkauften“ (Subst. Ptz.). Jesus ist gegen Kommerz im Tempelhof, der der Anbetung Gottes vorbehalten sein sollte (vgl. V. 17) (Evans 2001, 169-171).
- Hosea 9,15; Johannes 2,15
16 und ließ nicht zu, dass irgendjemand einen Gegenstand (etwas) 1 durch den Tempelhof (Tempel) trug.2
- einen Gegenstand (etwas) Offenbar diente der Tempelhof als Abkürzung für den Warenverkehr (France 2002, 444f.; Collins 2007, 530). Sach 14,21 stellte für den zukünftigen Tempel in Aussicht, dass keinerlei Händler mehr darin verkehren würden. Ein jüdischer Schriftsteller berichtet, dass im (Priestern vorbehaltenen) Heiligtum weder Speisen noch ungeweihte Gegenstände erlaubt waren (Josephus, Gegen Apion 2.8 §§106, 109). Eine spätere jüdische Schriftauslegung verbot den Zutritt zum Tempelberg mit Stab, Sandalen, Geldbörse, staubigen Füßen oder als Abkürzung, aber auch das Spucken auf dem Gelände (m. Ber. 9:5) (Evans 2001, 173).
- Sacharja 14,21
17 Dabei lehrte er sie: 1 „Heißt es nicht (Steht nicht geschrieben): »Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker2 (Nichtjuden) genannt werden«?3 Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht!“4 5
- Dabei lehrte er sie Imperfekt, das etwas Fortdauerndes beschreibt und hier vielleicht anzeigt, dass Jesu Vorwurf die kondensierte Form einer längeren Rede ist. Oder inchoativ „er fing an, sie zu lehren“ (so Evans 2001, 173). W. „Und er lehrte und sagte zu ihnen“
- Haus des Gebets [für] alle Völker (Dat. commodi). Der griechische Text folgt in diesem Zitat wörtlich der LXX und dem hebräischen.
- Jesaja 56,7
- Jeremia 7,11
- Räuberhöhle W. „Höhle der Räuber“ Das Bild stammt aus Jer 7,11. Jesus vergleicht den Idealzustand des Tempelgottesdiensts in dem für die Zukunft verheißenen Tempel (Jes 56,7) mit einem Zustand, den der Prophet Jeremia zum Anlass genommen hat, dem Tempel und den Priestern ein Strafgericht anzudrohen (Jer 7,11). Eigentlich sollte der Tempel für alle ein Ort des Gebets an Gott sein, die Priester sollten ein Beispiel in vorbildlicher Erfüllung der Gebote geben. Doch Jeremias Zeitgenossen waren Heuchler, die die zehn Gebote (und damit den Bund) brachen und sogar andere Götter verehrten. Indem sie sich beim Tempel (und der so zugesicherten Gegenwart Gottes) sicher wähnten, machten sie das Gotteshaus also gewissermaßen zur Räuberhöhle. Gott drohte darum durch Jeremias Protest im Tempel mit der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung aus dem Gelobten Land, wenn sie sich nicht ändern. Jesu Vorwurf könnte also kaum schwerer wiegen. Offenbar nimmt er die Entweihung des Tempels durch Kommerz (und andere Vorgänge?) als ähnlich großen Verstoß gegen den Bund wahr, der das Eintreffen der Jesaja-Prophetie effektiv verhindert (Evans 2001, 174-79; France 2002, 445f.; Collins 2007, 530ff.). Nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. war den Lesern des Evangeliums sicherlich bewusst, dass auch darin ein Zusammenhang vorlag.
18 Als (Und) die obersten (führenden, Hohen) Priester 1 und die Schriftgelehrten (Schreiber) [davon (das)] hörten, {und} suchten sie [nach einer Möglichkeit] 2, wie sie ihn aus dem Weg räumen (umbringen, beseitigen, loswerden) [könnten]. Sie fürchteten ihn nämlich, denn das ganze Volk 3 war von seiner Lehre fasziniert (beeindruckt).
- oberste Priester Auf Griechisch „Hohe Priester“. Damit waren ehemalige Hohe Priester gemeint, die weiter im Hohen Rat vertreten waren, aber wahrscheinlich auch Mitglieder der wichtigen Priesterfamilien (France 2002, 335 Fn 51).
- suchten ... fürchteten … war fasziniert Die letzten beiden Imperfekte erklären die Situation. Der erste könnte auch linear „suchten weiter/ständig [nach einer Möglichkeit]“ oder inchoativ „begannen (erneut) zu suchen“ wiedergegeben werden. Zu suchten oder inchoativ „begannen zu suchen“ vgl. die parallelen Formulierungen in Mk 12,12; 14,1 und 11.
- das ganze Volk D.h. nicht das Volk der Juden, sondern das Straßenvolk (gr. ὄχλος „Menschenmenge“), die Leute, die Jesus zuhörten.
19 Und als es Abend (spät) wurde, gingen 1 sie aus der Stadt hinaus.
- verließen Das Imperfekt könnte zum Ausdruck bringen, dass sie dies jeden Abend taten (France 2002, 447). Im Deutschen wäre diese Information teil der Zeitangabe, nicht des Verbs, etwa: „Jeden Abend gingen...“ oder „Abends gingen sie immer...“ Vgl. ELB: „Und wenn es Abend wurde, gingen sie...“ (ähnlich MEN u. einige engl. Übers.).
20 Und als sie morgens [daran] vorbeikamen, 1 sahen sie, dass der Feigenbaum von den Wurzeln her verdorrt war.2
- als sie … vorbeikamen Ptz. conj., temporal aufgelöst.
- Ijob 18,16
21 Und Petrus erinnerte sich und sagte (rief) zu ihm: „Rabbi, schau, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt!“
22 Und Jesus entgegnete {und sagte zu ihnen}: „Habt Glauben (Vertrauen) [an] Gott 1!
- Glauben (Vertrauen) [an] Gott Objektiver Genitiv (Evans 2001, 186).
23 Ja, (Amen, Wahrlich) ich sage euch: 1 »Jeder, der (Wer) zu diesem Berg hier sagt: »Erhebe dich und stürze dich ins Meer!«, und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt (vertraut), dass geschieht, was er sagt, für den wird es eintreffen! 2
- Ja (Amen, Wahrlich), ich sage euch D.h. »Ich versichere euch«. Ja (Amen, Wahrlich) Das Wort Amen stammt aus dem Hebräischen und bildet im AT häufig den bekräftigenden Abschluss von Doxologien. Die griechische Übersetzung lautet meist »So sei/geschehe es!« Aus dem zeitgenössischen Judentum wie aus dem frühen Christentum ist es dann als liturgische Bekräftigungsformel bekannt, wie es auch heute in Gebrauch ist. Jesus ist der einzige, der es benutzt, um die zu bekräftigende Aussage einzuleiten. Mit ähnlicher Autorität wie bei Gottes Worten im Alten Testament will auch er keinen Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Aussage aufkommen lassen (France 2002, 174f.313; Guelich 1989, 177f.). Hier kommt es nach Mk 3,28 zum zweiten Mal im Markusevangelium vor. Matthäus benutzt es gerne doppelt. Die Übersetzung ist schwierig. Luther machte daraus das bekannte »Wahrlich (ich sage euch)«, dem bis heute etliche Übersetzungen folgen. EÜ, ZÜR einfach »Amen«; kommunikative Übersetzungen übersetzen die Phrase für gewöhnlich sinngemäß, etwa »Ich versichere euch...«.
- für den wird es eintreffen W. »dem wird es zuteil werden« (vgl. NSS)
24 Daher sage ich euch: Glaubt (Vertraut) 1 [bei] allen [Dingen], für die ihr betet und bittet, dass ihr [sie schon] erhalten habt, 2 dann werden sie {für euch} eintreffen. 3
- Glaubt [bei] allen [Dingen], für die... W. »Alle [Dinge], für die ihr betet und bittet: glaubt, dass ihr...«
- dass ihr [sie schon] erhalten habt Die Erfüllung steht wie die Bedingung (das Beten) in der Zukunft. Gemeint ist also: Wer im Moment des Gebets darauf vertraut, dass seine Bitte schon sicher erfüllt ist, dessen Bitte wird erfüllt werden (vgl. BDR §333.2; NSS).
- dann werden sie {für euch} eintreffen W. »dann wird es euch zuteil werden« (vgl. NSS)
25 Und immer wenn ihr dasteht und betet (zum Beten steht) 1, [dann] vergebt [den betreffenden Menschen], wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.
- wenn ihr dasteht und betet bzw. zum Beten steht Das Stehen war eine normale Gebetshaltung (Evans 2001, 192). Der Vers umschreibt also: »Immer wenn ihr beten wollt« (EÜ, NGÜ, MEN) »euch zum Gebet vorbereitet« oder einfach »wenn ihr betet« (GNB). und betet Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst. Alternativ zum Beten Ptz. conj., als finale Präpositionalphrase aufgelöst.
26 Doch wenn ihr nicht vergebt, dann wird auch euer Vater im Himmel eure Verfehlungen nicht vergeben. 1«
- Textkritik: In einigen der besten Zeugen fehlt V. 26.
27 Und sie kamen wieder nach Jerusalem. Und während er sich im Tempel aufhielt (durch den Tempel ging), kamen die obersten (führenden, Hohen) Priester , {und} die Schriftgelehrten (Schreiber) und die Ältesten auf ihn zu
28 und fragen ihn: »Mit welchem Recht (Befugnis, Vollmacht, Autorität) tust du so etwas (diese [Dinge])? Oder wer hat dir dieses Recht (Befugnis, Vollmacht, Autorität) dazu gegeben, so etwas (solche [Dinge]) zu tun?« 1
- Recht (Befugnis, Vollmacht, Autorität) Diese Frage richtet sich gegen Jesu Protest im Tempel. Die religiösen Führer hatten im Tempel die alleinige Verfügungsgewalt. Sie waren diejenigen, die hier das Sagen hatten, und niemand sonst – und Jesus hat sich eingemischt. Da Jesus ohne ihre Genehmigung gehandelt hatte, hätten sie mit jeder denkbaren Antwort rechtliche Schritte gegen ihn einleiten können. Sowohl das Eingeständnis, keine Befugnis zu haben, als auch der Anspruch, eine höhere Vollmacht zu haben als die Priester und Schriftgelehrten, hätten sie zu seinem Schaden benutzen können (Evans 2001, 200f.; vgl. France 2002, 454).
29 Doch Jesus sagte zu ihnen: »Eines möchte ich von euch wissen. 1 {und} Antwortet mir, 2 dann (und) werde ich euch sagen, mit welchem Recht (Befugnis, Vollmacht, Autorität) ich so handle (so etwas; diese [Dinge] tue).
- Eines möchte ich von euch wissen Oder »Ich werde euch nur eine Frage stellen« (vgl. ZÜR). Die zweite Übersetzung kann zwar das Futur direkt übertragen, betont jedoch eines nicht so direkt wie die vorgezogene Formulierung. LUT: »Ich will euch auch eine Sache fragen«, GNB: »Ich habe nur eine Frage an euch«
- {und} Antwortet mir Oder »Wenn ihr mir antwortet...« Der Imperativ steht hier wie in einem semitischen Bedingungssatz für die Bedingung (Evans 2001, 204). GNB: »Die beantwortet mir, dann...«
30 Die Taufe von Johannes – stammte (war) sie vom Himmel oder von Menschen? Sagt es (Antwortet) mir!«
31 Da (Und) besprachen sie sich (dachten bei sich) {und sagten}: 1 »Wenn wir sagen: »vom Himmel«, wird er sagen: »Weshalb habt ihr ihm dann nicht geglaubt?«
- {und sagten} Das pleonatische Partizip leitet die zitierte Rede ein, ist im Deutschen aber unnötig.
32 Sagen wir aber (Sollen wir stattdessen sagen): 1 »von Menschen«...?« Sie fürchteten das Volk (die Menschenmenge), denn alle waren der Meinung, dass Johannes tatsächlich ein Prophet gewesen war.
- Sagen wir aber bzw. Sollen wir stattdessen sagen Beide Übersetzungen sind möglich, weil die Satzzeichen im griechischen Neuen Testament aus dem Sinn erschlossen werden müssen. Die erste folgt der Interpunktion von NA28 und geht davon aus, dass die Erwägung unvollständig abbricht. Der Konjunktiv verknüpft den Satz dann mit der Bedingung »Wenn wir sagen« aus V. 31, wo ebenfalls der Konjunktiv stand, und »wenn« ist aus V. 31 zu ergänzen (so ZÜR; NSS). Die zweite versteht den Konjunktiv als deliberativen Konjunktiv, die abgebrochene Überlegung endet in einer unbeantworteten Frage (so die meisten Übersetzungen). Als dritte theoretisch mögliche Übersetzung kommt auch eine zwischenzeitliche Entscheidung »Sagen wir doch ‚von Menschen‘« infrage (vgl. France 2002, 455). NGÜ formuliert den weiteren Gedankengang passend: »Doch ´das wagten sie nicht,` weil sie vor dem Volk Angst hatten«.
33 Also (Und) antworteten sie Jesus {und sagten}: »Wir wissen [es] nicht.« Da (Und) erwiderte (sagte) Jesus {zu ihnen}: »Dann sage ich euch auch nicht, mit welchem Recht (Befugnis, Vollmacht, Autorität) ich so handle (so etwas; diese [Dinge] tue).« “
Chapter 12
1 1 2 Und er begann, mithilfe von (in) Gleichnissen (bildhaften Vergleichen) mit ihnen 3 zu reden: „Ein Mann legte (pflanzte) einen Weinberg an, {und} er errichtete eine Mauer 4 um ihn herum, {und} hob ein Auffangbecken (Keltertrog) [für die Weinpresse] 5 aus und baute einen Wachtturm 6. Dann (und) verpachtete er ihn an Weingärtner (Bauern) und verreiste.7
- [Status: Zuverlässig]
- In dem folgenden allegorischen Gleichnis (Verse 1-11) sind starke Parallelen zu einem ähnlichen Gleichnis in Jes 5,1-7 zu finden, die Jesus mit seiner Einleitung, die die Anlage des Weinbergs beschreibt (vgl. Jes 5,1-2), bewusst hervorruft. In dem alttestamentlichen Gleichnis erklärt Gott durch den Propheten, wie er mit einem sorgfältig angelegten und gepflegten, doch fruchtlosen Weinstock verfahren wird. Jes 5,7 identifiziert den Weinberg mit dem Haus Israel und die Pflanzen mit den Männern Judas. Er will den Weinberg komplett verwüsten, von Dornen überwachsen und keinen Regen mehr darauf fallen lassen. Auch in Jesu Gleichnis steht der Weinberg für Israel (wie Kennern von Jes 5,7 bekannt wäre), der Erbauer und Besitzer ist Gott (ebenfalls aus Jes 5 und dem Kontext (vgl. V. 9) abzuleiten). Die Winzer repräsentieren die religiösen Führer des Volkes (vgl. V. 12). Der geliebte Sohn muss Jesus sein, der mit dem Gleichnis die in 11,27 gestellte Frage nach seiner Autorität oder Bevollmächtigung beantwortet (Evans 2001, 230). Zudem wurde Jesus schon zweimal in Mk als „geliebter Sohn“ bezeichnet (1,11; 9,7)(France 2002, 458; vgl. die Fn in V. 6). Die abgewiesenen und getöteten Sklaven sind die von Israel verschmähten Propheten, die das Volk immer wieder erfolglos zur Umkehr aufriefen.
- mit ihnen D.h. die Vertreter der jüdischen Führung aus dem vorigen Kapitel, die wegen der Tempelreinigung Streit mit Jesus gesucht hatten (vgl. V. 12) (vgl. France 2002, 458; Collins 2007, 544).
- Mauer Alle Übersetzungen: »Zaun«. Doch bestand ein solcher Grenz- und Schutzwall eines Weinbergs aus Feldsteinen, die beim Anlegen des Weinbergs entfernt und zu einem Wall aufgeschüttet wurden. Im holzarmen Palästina wäre ein Zaun nach europäischem Verständnis undenkbar, und er hätte auch tierische oder menschliche Eindringlingen nicht so gut vom Weinberg fernhalten können wie ein Steinwall. Diese Mauern können bis zu 2m hoch und mit vertrockneten Dornen bewehrt sein, um Schakale und andere Tiere von den leckeren Trauben abzuschirmen (Dalman 1935, 316, 309, 334f.).
- Auffangbecken (Keltertrog) [für die Weinpresse] In diese Grube floss der in der Kelter aus den Trauben getretene Traubensaft ab. Ihre Größe hing von den Dimensionen der Kelter ab. ELB und NGÜ sachlich korrekt »Keltertrog« bzw. »Grube zum Keltern des Weins« (Dalman nennt diesen Behälter »Kufe«, BA »Keltertrog«). Viele Übersetzungen schreiben vereinfachend, aber etwas ungenau »Kelter« (bezeichnet die gesamte Weingewinnungsanlage) oder wie GNB »Weinpresse«. Diese Auffanggrube galt als Hauptbestandteil der Kelter. Zu der Anlage gehörten aber auch ein abgeflachter, oft ebenfalls ausgegrabener Tretplatz und je nach Beschaffenheit verschiedene andere durch Graben angelegte Bereiche. Sie alle waren i.d.R. mit Holz, Ton oder Steinen eingefasst und häufig mit Pech abgedichtet. Vom Tretplatz liefen oft Rinnen zu mehreren Keltertrögen (Dalman 1935, 356f., 359-63).
- Wachtturm und Schutzmauer waren nötig, um die reifenden Trauben vor Eindringlingen zu schützen. Der Turm konnte eine erhöhte Aussichtsplattform, ein einfaches Häuschen oder, recht häufig, ein gemauerter Steinturm sein, der dazu diente, den gesamten Weinberg zu überblicken (Dalman 1935, 333, 316-19). Es musste ständig ein Wächter da sein, der in Hsl 8,11 ein Fünftel des Ertrags bekommt. Der Wächter sollte natürlich Diebstähle verhindern, aber in erster Linie Vögel und andere Tiere von den Trauben fernhalten. Zu den Schädlingen gehörten vor allem Schakale, Füchse, Vögel und Insekten (ebd. 297). Als Waffen dienten ihm dabei Stab, Bogen, Schleuder und wohl auch Falle und Netz (ebd. 332).
- Jesaja 5,1
2 Und zur [vereinbarten] Zeit 1 sandte er einen Sklaven (Knecht) zu den Weingärtnern (Bauern), um von den Weingärtnern (Bauern) [seinen Anteil] an den Erträgen (Früchten) 2 des Weinbergs zu erhalten (abzuholen),
- zur [vereinbarten] Zeit Temporaler Dativ. Gemeint ist die in der Pachtvereinbarung abgesprochene Zeit (Evans 2001, 233). Bei einem neuen Weinberg wären bis zur ersten Ernte wenigstens 4 Jahre vergangen (France 2002, 459).
- [seinen Anteil] an den Erträgen (Früchten) Der partitive Genitiv macht im Deutschen die Ergänzung von [seinen Anteil] nötig. Der Ertrag bezeichnet wohl eher einen Geldwert aus dem Erlös der Ernte als einen tatsächlichen Anteil der Ernte (Evans 2001, 233).
3 doch sie packten und schlugen (misshandelten, drangsalierten) ihn und schickten ihn mit leeren Händen [fort].
4 Da (Und) sandte er noch einen Sklaven (Knecht) zu ihnen. Auch den schlugen sie auf den Kopf (schändeten/verwundeten sie am Kopf) 1 und entehrten ihn (behandelten ihn verächtlich).2
- schlugen sie auf den Kopf (schändeten sie am Kopf) Die genaue Bedeutung dieses Verbs, das sich direkt von dem Wort für »Kopf« ableitet (wie dt. »köpfen«), ist unbekannt. Es wird häufig als eine Anspielung auf Johannes dem Täufer gesehen, der zu den Propheten zählte und enthauptet worden war. Da der Sklave jedoch offensichtlich überlebt, heißt das Wort vermutlich entweder »auf den Kopf schlagen« (BA) bzw. »am Kopf verletzen« oder »am Kopf entehren«, wie es zwei von David gesandten Sklaven in 2Sam 10,2b-5 erging. Den beiden wurden die Bärte abrasiert. Vielleicht entblößen die Weingärtner auch das Haupt des Boten, indem sie seinen Turban wegnehmen (Evans 2001, 233f.). Jede Art von Schändung oder Gewalt gegen den Kopf wäre wohl höchst entehrend gewesen, wie auch aus dem zweiten Verb hervorgeht.
- entehrten ihn (behandelten ihn verächtlich) - Vermutlich in Form von Beschimpfungen; viele Üss. daher sinnvoll: »beschimpften ihn« (z.B. BB, EÜ, GN, HER05, HfA).
5 Da (Und) sandte er einen weiteren, und den brachten sie um, und viele andere 1 – manche verprügelten sie, andere brachten sie um2.
- und viele andere D.h. wohl »und er schickte noch viele andere«. NGÜ (vgl. EÜ, GNB) formuliert etwas freier, aber elegant und treffend »So ging es noch vielen anderen«. Auf der übertragenen Ebene sind damit die von Israel missachteten Propheten des Alten Testaments gemeint (vgl. die Fn zu V. 1).
- verprügelten sie ... brachten sie um Modales Ptz. conj. (2x), hier als Indikative aufgelöst.
6 Er hatte noch einen: [seinen] (noch [seinen] einzigen) geliebten Sohn 1. Er sandte ihn als letzten zu ihnen, weil er glaubte (dachte, sich sagte): 2 »Meinen Sohn werden sie respektieren (achten).«
- noch einen: [seinen] geliebten Sohn bzw. noch [seinen] einzigen geliebten Sohn Der geliebte Sohn ist Jesus, der in Mk schon zweimal als »geliebter Sohn« bezeichnet worden ist (1,11; 9,7)(France 2002, 458). Das Wort geliebt lässt sprachlich auch Abrahams Bereitschaft aus Gen 22,2 LXX anklingen, seinen geliebten Sohn Isaak Gottes Willen zu opfern. In der einflussreichen griechischen Übersetzung des AT übersetzt das gr. Wort »geliebt« interessanterweise häufig das hebr. Wort für »einzig«, sodass man hier durchaus die Konnotation eines »einzigen geliebten Sohnes« sehen kann, die durch das schon vorhandene einen/einzigen noch verstärkt wird (vgl. Evans 2001, 234f.). Daher übersetzt NET treffend: »He had one left, his one dear son.«
- weil er glaubte (dachte, sich sagte) Kausales (oder modales) Ptz. conj., als Nebensatz aufgelöst.
7 Aber jene Weingärtner (Bauern) sagten zueinander: »Das ist der Erbe! Kommt, wir bringen ihn um,1 dann wird das Erbe uns gehören 2!«3
- Genesis 37,20
- uns gehören W. »unser sein«.
- 1 Könige 21,2
8 Und sie packten ihn und 1 brachten ihn um, danach (und) warfen sie ihn hinaus vor den Weinberg.2
- sie packten ihn und Modales Ptz. conj., beigeordnet aufgelöst.
- 1 Könige 21,16
9 Was wird nun der Besitzer (Herr) des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner (Bauern) ausmerzen (töten, vernichten), und den Weinberg wird er anderen geben.1
- Jesaja 5,5
10 Habt ihr nicht auch (nicht einmal) diese Schriftstelle 1 gelesen? »[Der] Stein2, den die Bauleute abgelehnt (verworfen, zurückgewiesen) haben,''der''3 ist zum Schlussstein (Kopfstein, Eckstein)4 geworden;
- diese Schriftstelle W. »diese Schrift«, d.h. »den folgenden Abschnitt der Schrift«. Viele Übersetzungen geben das Wort nach LUT mit »Schriftwort« wieder, GNB: »die Stelle in den Heiligen Schriften, wo es heißt«
- [Der] Stein Obwohl im Griechischen kein Artikel steht, ist das Substantiv bestimmt. Das ist auf eine Eigenart der (hier auf Griechisch zitierten) hebräischen Poesie zurückzuführen (NSS). Das Zitat in Vv. 10-11 stammt aus der griechischen Übersetzung von Ps 118,22f.
- [Der] Stein, … , der ist zum Eckstein geworden Die Konstruktion legt Gewicht auf den angesprochenen Gegensatz. Man könnte auch formulieren: »Gerade [der] Stein … ist geworden«. W. »[der] Stein … dieser ist geworden.«
- Schlussstein, Kopfstein oder Eckstein, Gr. κεφαλὴ γωνίας, w. »Haupt [der] Ecke«. Traditionell hat man das Wort als Eckstein übersetzt, auch aufgrund von 1Petr 2,6-8, wo dieser »Kopfstein« Menschen in übertragener Hinsicht zu Fall bringt. Dieser Deutung, genauer, als »Grundstein«, folgt heute noch Collins 2007, 548. Allerdings wäre das eine ungewöhnliche Verwendung des hebräischen und griechischen Wortes »Haupt/Kopf« – man sollte meinen, ein Kopf wäre (auch im übertragenen Sinn) tendenziell oben am fraglichen Objekt zu finden. Die Bezeichnung »Haupt [der] Ecke« ließe eher auf einen Schlussstein schließen, der eine Ecke, aber auch einen Bogen, Dachgiebel oder eine Säule abschließt (Evans 2001, 238). Ein solcher Schlussstein könnte den Bau eines Gebäudes vollenden und durch Form und Verzierungen besonders ins Auge fallen (France 2002, 463). Das Argument aus 1Petr 2,6-8 für die Deutung als Eckstein lässt sich mit der Beobachtung entkräften, dass der Verfasser vermutlich mehrere Metaphern vermischt, wie er das schon in V. 5 tut (France 2002, 463 Fn 24). Die Übersetzung Kopfstein gibt zwar die zugrunde liegende Metapher wieder, könnte im Deutschen wegen der Assoziation mit »Kopfsteinpflaster« zu Missverständnissen führen. Daher ist Schlussstein besser geeignet. Mit dem abgelehnten Stein, der zum Schlussstein wird, bezieht Jesus sich auf sich selbst – gerade vor dem Hintergrund des gewissermaßen unvollendet, ja unbeachtet gebliebenen Einritts in Jerusalem (Mk 11,1-11) und der fehlenden Anerkennung durch die religiösen Führer der Juden. Diese sind mit den Bauleuten gemeint. In der zeitgenössischen jüdischen Auslegung hatte man Ps 118,22f. noch auf den – zunächst als Königskandidaten ja »übersehenen« – König David bezogen (Evans 2001, 238). Mit dem Zitat gibt Jesus gleichzeitig auch zu verstehen, dass er diese Ereignisse als Erfüllung seiner Vorhersage aus Mk 8,31 versteht. Dort hatte Jesus zum ersten Mal vorausgesagt, von den religiösen Führern abgelehnt zu werden.
11 Das kommt vom Herrn,1und es ist wunderbar (erstaunlich, verwunderlich) in unseren Augen.«“2
- Das kommt vom Herrn Oder etwas freier, aber schöner: »Das geht auf das Wirken des Herrn zurück«. W. etwa »Dies ist vom/durch den Herrn entstanden/gekommen«. GNB: »Der Herr hat dieses Wunder vollbracht«, NGÜ schlicht »Das hat der Herr getan«. Das (Nom. Sg. fem.) könnte sich innerhalb des griechischen Satzes auch auf »Haupt/Kopf« (V. 10) beziehen. Mehrere Übersetzungen weichen deshalb etwas von unserer Wiedergabe ab: »vom Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen« (ELB, vgl. ZÜR, MEN). Wahrscheinlicher ist, dass das ungewöhnliche feminine Demonstrativpronomen einfach eine wörtliche Übersetzung des hebr. זֹּאת »dies« darstellt (France 2002, 462 Fn 18). Das Zitat in Vv. 10-11 stammt aus der griechischen Übersetzung von Ps 118,22f.
- Psalm 118,22
12 Da (Und) wollten sie ihn gerne (suchten sie [nach einer Möglichkeit], 1 ihn...) festnehmen (verhaften), aber sie fürchteten die Menschenmenge, denn sie wussten (merkten) 2, dass er das Gleichnis gegen sie gesprochen hatte 3. Daher (und) sie ließen ihn zurück (ihn unbehelligt; von ihm ab) und gingen davon.
- Da wollten sie ihn gerne bzw. suchten sie [nach einer Möglichkeit], auch als inchoatives Imperfekt vorstellbar: „begannen [nach einer Möglichkeit zu suchen], ihn zu ergreifen“ (vgl. Collins 2007, 549). Vgl. dazu die parallele Formulierung Mk 11,18 und Fußnote, sowie 14,1 und 11. Anstatt mit „[nach einer Möglichkeit] suchen“ haben wir Gr. ζητέω etwas passender i.S.v. „(gerne) wollen, wünschen“ übersetzt. EÜ (vgl. GNB, NGÜ, MEN, ZÜR) formuliert elegant: „Daraufhin hätten sie Jesus gern verhaften lassen“.
- sie wussten Diese Begründung fällt wegen der prägnanten Ausdrucksweise sehr schwammig aus. Wir erfahren nicht, ob mit sie die religiösen Führer oder das Publikum gemeint sind, oder warum die Führer gerade deshalb Angst vor dem Volk hatten, weil sie (oder das Volk) die wahre Bedeutung von Jesu Geschichte verstanden hatten. Das wahrscheinlichere Subjekt sind die Priester und Schriftgelehrten, von denen ja unmittelbar zuvor die Rede war, doch werden die meisten Zuschauer verstanden haben, was gemeint war (France 2002, 464). Nach France wäre die folgende sinngemäße Formulierung möglich: „Da suchten sie [nach einer Möglichkeit] ihn zu ergreifen, (konnten es aber noch nicht, weil) sie die Menschenmenge fürchteten, denn sie wussten (und waren sich bewusst, dass auch das Volk wusste), dass er das Gleichnis zu ihnen gesagt hatte (sodass die Menge sich womöglich auf seine Seite geschlagen hätte).“
- gegen sie gesprochen hatte Etwas freier formuliert, würde man in heutigem Deutsch sagen: „dass sie mit dem Gleichnis gemeint waren“ (vgl. NGÜ, EÜ). MEN: „gegen sie gerichtet hatte“, GNB: „dass das Gleichnis auf sie gemünzt war “.
13 Und (danach) sie schickten einige Pharisäer und Herodianer (Anhänger von Herodes) zu ihm, um {sie} ihn [in] einer Äußerung ([mit] einer Frage) 1 zu fangen (ertappen).
- Die Anhänger des Herodes Antipas waren zwar politisch an sich nicht mit den Pharisäern gleicher Meinung, taten sich hier aber gegen den äußeren Feind zusammen. (Hans F. Bayer, Das Evangelium des Markus, S. 421) [in] einer Äußerung oder [mit] einer Frage W. etwa „[durch/anhand] eine Aussage/Wort“, wobei Markus nicht auflöst, ob λόγος „Wort/Aussage“ sich auf die Fangfrage oder auf die erhoffte unbedachte Äußerung bezieht. Die Präposition (hier in eckigen Klammern) ist im Deutschen zu ergänzen, im Griechischen übernimmt der instrumentale Dativ deren Funktion (vgl. NSS).
14 Und als sie ankamen, 1 sagten sie zu ihm: „Lehrer, wir wissen, dass du objektiv (aufrichtig) bist und auf niemanden besondere Rücksicht nimmst 2: Du schaust {eben} nicht auf [das] Äußere 3 [der] Menschen, sondern lehrst wirklich 4 den Weg Gottes 5. Darf man 6 [dem] Kaiser (Cäsar) Steuern 7 zahlen oder nicht? Sollen wir [sie] zahlen oder nicht zahlen?“
- als sie ankamen Temporal-modales Ptz. conj., mit temporalem Nebensatz übersetzt.
- auf niemanden besondere Rücksicht nimmst Gemeint ist, dass sich Jesus weder von den Meinungen anderer beeinflussen lässt noch auf menschliche Zustimmung aus ist. Übersetzungen wie »Du kümmerst dich um niemanden« (ELB) oder, ähnlich OfBi, »Du nimmst auf niemanden Rücksicht« (EÜ, MEN) sind insofern irreführend. Die doppelte Verneinung (W. »nimmst nicht auf niemanden...«) gibt der Verneinung besondere Ausdruckskraft (NSS), lässt sich aber nicht direkt übersetzen.
- das Äußere W. »das Gesicht« (Hebraismus). Bezeichnet hier als Metonymie (Konkretes für Abstraktes) die Person, insbesondere Ansehen und Stellung, so ähnlich wie in der deutschen Wendung »das Gesicht wahren«. Die Tugend der Unparteilichkeit war schon im Gesetz angemahnt (Lev 19,15). Ähnliche Wendungen in Gal 2,6; Jud 16 (vgl. France 2002, 467f.).
- wirklich W. »in Wahrheit«. Die wörtliche Übersetzung hätte auf Deutsch jedoch nicht die gleiche Bedeutung. Es ist als Beteuerung zu verstehen wie »wahrlich, amen«, das Jesus häufig benutzt (TLNT I, 2; LN 70.4). Am besten daher wirklich (EÜ, NEÜ). NLB: »was du sagst, ist wahr«, LUT: »recht«, NGÜ: »lässt du dich allein von der Wahrheit leiten«.
- Weg Gottes bezeichnet Gottes Willen für das menschliche Leben (vgl. France 2002, 468; NSS). Die gleiche Wendung findet sich in Apg 18,26 sowie Bar 3,13. Vgl. Apg 16,17; 18,25, aber auch Joh 14,6.
- Darf man Oder »Ist es richtig« (NGÜ, NLB, NEÜ). Dem Kontext gemäß könnte man auch übersetzen: »Ist es nach Gottes Gesetz erlaubt« (GNB, viele engl. Übers.; Bratcher 1993, 372) oder »ist es Gottes Wille« (NSS, HfA). Diese Wendung hat im Markusevangelium jedes Mal wenigstens implizit mit dem Gesetz oder jüdischen Vorschriften zu tun (Mk 2,24.26; 3,4; 6,18; 10,2).
- Steuer Eine Pauschalabgabe, die jede Person im römischen Herrschaftsgebiet als Kopf- und Eigentumssteuer entrichten musste. Als Galiläer war Jesus nicht betroffen. Anders als Judäa stand Galiläa nicht unter direkter römischer Verwaltung (France 2002, 465).
15 Doch er erkannte ihre Heuchelei und 1 sagte zu ihnen: „Warum stellt ihr mir eine Falle (versucht ihr mich)? 2 Bringt mir einen Denar 3, damit ich [ihn] mir anschauen [kann].“
- er erkannte … und Temporal-modales Ptz. conj., mit „und“-Kombination aufgelöst. Auch die kausale Sinnrichtung wäre denkbar.
- Warum stellt ihr mir eine Falle? Die Pharisäer haben sich schon zweimal vorher an Fangfragen versucht (Mk 8,11; 10,2; vgl. Joh 8,6). Jetzt spricht Jesus den Vorwurf zum ersten Mal aus. Vorher benutzte nur Markus den Begriff.
- Bringt mir einen Denar Eine römische Silbermünze. Nach Mt 20,2 konnte ein Denar Lohn für die Arbeit eines Tages sein. Auf den Denaren, die hier im Mittelpunkt stehen und in denen die Kopfsteuer zu entrichten war, wurde der Kaiser als »Sohn des göttlichen Augustus« und »Hoher Priester« bezeichnet. Für die Juden wäre das eine Provokation gewesen. Das war zu dieser Zeit Tiberius (France 2002, 466.68). Bringt ist wörtlich übersetzt. Das Verb deutet vielleicht darauf hin, dass keiner der Anwesenden eine so wertvolle Münze einfach aus der Tasche ziehen konnte. Ansonsten hätte man das Verb »geben« erwarten können.
16 Da brachten sie [ihm einen]. Und er sagte zu ihnen: „Wessen Bild und Aufschrift [ist das hier]?“ Sie {aber} antworteten (sagten) {ihm}: „[Des] Kaisers (Cäsars).“
17 Da sagte Jesus zu ihnen: „Was [dem] Kaiser (Cäsar) gehört, 1 gebt [dem] Kaiser (Cäsar) zurück, und was Gott [gehört], [gebt] Gott!“ Da (Und) waren sie sehr erstaunt 2 über ihn.
- Was [dem] Kaiser (Cäsar) gehört... Oder »Des Kaisers [Eigentum] gebt [dem] Kaiser«. W. etwa »was des Kaisers [ist], gebt...«. Ebenso bei was Gott gehört...
- waren sie sehr erstaunt Die Gute Nachricht trifft den Sinn am besten: „Solch eine Antwort hatten sie nicht von ihm erwartet.“
18 {Und} es kamen zu ihm Sadduzäer, welche sagen (der Meinung sind), dass es keine Auferstehung gibt, und fragten ihn {sagend}:
19 „Lehrer, Mose hat uns geschrieben1: »Wenn jemandes Bruder stirbt, und eine Frau zurücklässt2 und kein Kind hinterlässt, dass dann sein Bruder dessen Frau nehmen und er für seinen Bruder Nachkommen (Samen) zeugen (aufrichten) soll«3. 4
- geschrieben gemeint ist in der Torah als Gesetz aufgeschrieben
- und eine Frau zurücklässt ist eine Ergänzung des Markus zu diesem Zitat aus dem Dtn.
- Der zweite Teil des Zitats stammt aus Gen
- Deuteronomium 25,5; Genesis 38,8
20 Es waren [einmal] sieben Brüder. Und der erste nahm eine Frau, und als er starb, hinterließ er keinen Nachkommen (Samen).
21 Und der zweite nahm sie, und er starb und hinterließ keinen Nachkommen (Samen). Und der dritte ebenso.
22 {Und} die Sieben hinterließen [also alle] keinen Nachkommen. [Als] Letzte von allen starb auch die Frau.
23 Bei der Auferstehung, wenn sie auferstehen:1Wessen Frau von diesen wird sie sein? Denn die sieben hatten sie [alle] zur Frau.“
- Textkritik:»Wenn sie auferstehen« fehlt in vielen Handschriften - Der schwierigren (doppelten) Lesart wird der Vorzug gegeben, weil es wahrscheinicher scheint, dass eine solche von den Schreibern gestrichen wurde, als dass sie ergänzt wurde (siehe TCNT, S.93)
24 Jesus sagte zu ihnen: „Täuscht ihr euch nicht deshalb, weil ihr die Schriften nicht kennt und nicht Gottes Kraft?
25 Denn wenn sie von den Toten auferstehen, werden sie weder heiraten noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel im Himmel (in den Himmeln).
26 Hinsichtlich der Toten aber, dass sie auferweckt werden – habt ihr nicht im Buch des Mose über den Dornbusch gelesen, wie Gott [da] zu ihm sprach {sagend}: »Ich [bin] der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«? 1 2
- Abrahams, Isaaks und Jakobs - Die Erzväter galten als bei Gott lebend (Dschulnigg 2007, 320) und dienen Jesus so gleichzeitig als Beleg aus der Schrift für die Auferstehung.
- Exodus 3,6
27 Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Ihr täuscht euch sehr.“
28 Und es kam einer von den Schriftgelehrten zu ihnen, der gehört hatte, wie sie diskutierten (ihre Diskussion, ihr Streiten). Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: „Was ist das höchste (erste) Gebot von allen?“
29 Jesus antwortete: „Das höchste (erste) Gebot ist: »Höre Israel: Der Herr, unser Gott, ist Herr allein,
30 und liebe (du sollst lieben) den Herrn, deinen Gott, aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand (Vernunft, Gesinnung) und aus deiner ganzen Kraft (Macht, Stärke).«1
- Deuteronomium 6,4; Josua 22,5
31 Das zweite (andere) ist dieses: »Liebe (und du sollst lieben) deinen Mitmenschen (Nächsten, Nahestehenden, Nachbarn) wie dich selbst!«1 Größer als diese ist kein anderes Gebot.“
- Levitikus 19,18
32 Und der Schriftgelehrte sagte zu ihm: „Gut, Lehrer, hast du von der Wahrheit geredet: »Er nur einer ist und kein (nicht ein) anderer außer ihm.«
33 Und »ihn zu lieben aus ganzem Herzen und aus ganzer Auffassungsgabe1 und aus ganzer Kraft und den Mitmenschen (Nächsten, Nahestehenden, Nachbarn) zu lieben wie sich selbst«, ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“
- gr. συνέσεως
34 Als Jesus sah, dass er verständig antwortete, sagte er zu ihm: „Du bist nicht weit [entfernt] vom Reich Gottes (von der Gottesherrschaft).“ Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
35 {Und} Jesus sprach (antwortete) {und redete}, als er im Tempel lehrte: „Wie [können] die Schriftgelehrten sagen, dass der Gesalbte der Sohn Davids ist?
36 David selbst sagte im heiligen Geist: »Der Herr sagte zu meinem Herrn. Setze [dich] zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße setze.«1
- Ps 110,1
37 David selbst nennt ihn Herrn, und wie soll er [dann] Sohn sein?“ Und die große Menschenmenge hörte ihn gern.
38 Und er sagte in seiner Lehre: „Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die in Roben umhergehen wollen und Begrüßungen auf den Marktplätzen
39 und Vorsitze in den Synagogen und erste Plätze bei den Festmählern [begehren].
40 Diejenigen, die die Häuser der Witwen verschlingen und für den Anschein lange beten, sie werden ein umfangreicheres Urteil erhalten.“
41 Und er setzte sich gegenüber dem Opferkasten und beobachtete, wie die Menschenmenge Geld in den Opferkasten warf; und viele Reiche warfen viel ein.
42 Da kam eine einzige arme Witwe und warf zwei Lepta ein, das entspricht einem Quadrans.
43 Und nachdem er seine Jünger zu sich gerufen hatte, sagte er zu ihnen: „Amen, ich sage euch:1 Diese arme Witwe hat mehr als alle [anderen] eingeworfen, die [etwas] in den Opferkasten eingeworfen haben.
- Amen, ich sage euch - Durch »Amen, ich sage euch« eingeleitete Sätze finden sich in der Bibel ausschließlich bei Jesus und dienen v.a. dazu, den folgenden Satz zu markieren als ein(e) mit Vollmacht geäußerte(s) Voraussage / Urteil (BB: »Damit verbürgt er sich dafür, dass seine Worte wahr sind und Gültigkeit haben.«). Sehr sinnvoll übersetzt daher Zink: »Was ich sage, ist wahr: ...«
44 Denn alle haben [etwas] aus ihrem Überfluss eingeworfen, sie aber hat aus ihrem Mangel alles, was sie hatte, eingeworfen – ihr ganzes Leben (ihren ganzen Lebensunterhalt).“1
- ihr ganzes Leben (ihren ganzen Lebensunterhalt) - bios, das gr. Wort für „Leben“, hat oft die Bedeutung „Lebensunterhalt“; eine Üs. mit „Leben“ wäre daher nicht einmal überwörtlich, sondern falsch. Dennoch muss „Leben“ hier mindestens mitgehört werden: Die Witwe gibt ihren ganzen Lebensunterhalt und damit auch ihr ganzes Leben für Gott hin.
Chapter 13
1 1 {Und} (Und)2 als er aus dem Tempel hinausging (hinausgeht)3, sagte (sagt)4 einer5 seiner Jünger zu ihm: „Lehrer! {Sieh nur!} (Sieh nur!)6 Was für Steine und was für Gebäude!7“
- [Status: Zuverlässig]
- und - καὶ und hat hier die Funktion, Kap. 13 mit der vorangehenden Szene zu verbinden; vgl. Mateos 1987, S. 80. Im Deutschen setzte man in solchen Fällen keine Konjunktion, daher ist sie in der LF besser auszusparen.
- als er hinausging - Da das Präsens λέγει er sagt(e), zu dem der temporale Genitivus absolutus ἐκπορευομένου als er hinausgeht/hinausging in gleichzeitiger Relation steht, historisches Präsens ist (s. nächste Fußnote), ist die präsentische Wiedergabe überwörtlich und sollte vermieden werden.
- sagte - Historisches Präsens, vgl. Kmiecik 1997, S. 36; Mateos 1987, S. 81
- einer Das Zahlwort εἷς eins, einer steht hier für das Indefinitpronomen τις jemand, irgendeiner; vgl. Grosvenor/Zerwick 1993, S. 150. Das ist kein Semitismus; diese Verwendung findet sich z.B. auch bei Aristoteles; vgl. Pape, S. 738.
- Sieh nur - Der Ausruf insgesamt und das ἴδε sieh nur speziell sind an dieser Stelle merkwürdig, denn sie kommen aus dem Mund eines Jüngers, der schon mindestens drei Tagen in Jerusalem weilt und nicht etwa gerade zum ersten Mal den Tempel sieht, sondern einen Tempelbesuch beendet (Lohmeyer 1967, S. 268). Da ἴδε als Redeeinleitung ein stehender Begriff zum Ausdruck von Verwunderung ist (ad loc z.B. Bailey 2009, S. 346; ähnlich Pesch 1977, S. 270), sollte man ihn hier besser als bloße Fokuspartikel interpretieren und unübersetzt lassen oder zu einem deutschen Äquivalent greifen (Bailey z.B. schlägt vor: »such (wonderful) stones!« (S. 357)). So ja auch in vielen Üss. in V. 23.
- Der Tempel war Teil einer größeren Tempelanlage (für ein Modell vgl. z.B. Reidinger 2004, S. 13; daher Plural.
2 Da (Und) sagte Jesus zu ihm: „Du achtest auf diese großen Gebäude? (Diese Gebäude da?, Siehst/bewunderst du diese großen Gebäude?, Du siehst/bewunderst diese großen Gebäude.)1 Nicht (Keinesfalls)2 wird [hier] gelassen werden Stein auf Stein, der nicht {sicher} (sicher) zerstört (herausgebrochen) werden wird.3“4
- βλέπω sehen ist in Mk 13 ein Leitwort und wird verwendet in Vv. 2.5.9.23.33. V. 2 wird in der Exegese merkwürdigerweise oft separat von den anderen vier Verwendungen abgehandelt (für eine Übersicht und zu den obigen Alternativübersetzungen vgl. gut Cranfield 1959, S. 391f), aber besser ist dies: Gleich, wie genau Jesu du siehst diese großen Gebäude exakt zu verstehen ist; zusammen mit dem folgenden Kein Stein [des Tempels] wird hier auf dem anderen bleiben steht es auf jeden Fall dem begeisterten Ausruf des Jüngers entgegen. In Vv. 5.9 lenkt Jesus dann die Aufmerksamkeit der Jünger auf andere Dinge als den Tempel: »Seht darauf, dass euch niemand irreführt« resp. »Seht auf euch selbst [, denn man wird euch anfeinden]«; in V. 33 wird es außerdem in direktem Zusammenhang mit ἀγρυπνέω wachsam sein verwendet. Folgt man der Logik des Textes, sollte man daher besser deuten: V. 2: Achte nicht auf den Tempel, denn kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben (oder, näher am Text: Was achtest du auf diese großen Gebäude?); V. 5: Habt Acht, dass euch niemand irreführt!, V. 9: Nehmt euch in Acht!; V. 23: Seid achtsam!; V. 33: Seid achtsam! Seid wachsam!.
- οὐ μὴ (sicher) nicht ist eine besonders starke Verneinung, sie dient hier aber nur der Intensivierung, um Jesu Äußerung sprachlich zu markieren als (sichere) Prophezeiung. Das Deutsche verwendet hierfür andere Konstruktionen.
- der nicht zerstört (herausgebrochen) werden wird - Dieser Relativsatz wirkt sprachlich etwas merkwürdig (Pesch 1977, S. 271: »überschießend«, »holprig«); seine Deutung hängt ab von der Übersetzung von καταλύω lösen, herauslösen, zerstören: (i) Von einer großen Mehrheit wird καταλύω gedeutet und übersetzt als »zerstören«. In diesem Fall wäre die Konstruktion in etwa vergleichbar mit einer deutschen Konstruktion à la »Er setzt Stein auf Stein, der groß ist« - normalerweise würde man nicht erwarten, dass »Stein« auch noch durch einen Relativsatz erweitert wird. Der Sinn wäre trotzdem klar: Die Aussage, dass kein Stein auf dem anderen gelassen werden würde, wird zusätzlich noch durch die Aussage gesteigert, dass jeder Stein zerstört werden würde. In der LF sollte man dann wohl besser mit zwei Sätzen arbeiten, etwa: »Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben: jeder noch so kleine Stein wird zerstört werden.« (ii) EWNT II, S. 651 schlägt aber ad loc. vor: »herausbrechen«. In diesem Fall machte der Satz grammatisch mehr Sinn (- ist aber auch dann grammatisch immer noch etwas ungewöhnlich -), denn dann würden sich Hauptsatz und Relativsatz auf den selben Sachverhalt beziehen: »Hier wird keinesfalls gelassen werden Stein auf Stein, der nicht herausgebrochen werden wird«. Es läge dann ein Fall von redundantem Relativsatz vor - eine Konstruktion, die man sonst eher aus dem klassischen Griechisch als der Koine kennt (Kleist 1937, S. 143) und die typisch ist für den markinischen Stil (s. allein in diesem Kapitel noch Vv. 19.20) - der ebenso wie wie οὐ μὴ (s.o.) nur der Intensivierung der Aussage dient, also einfach »Kein einziger Stein wird hier auf dem anderen bleiben!«. Ich persönlich (S.W.) würde Möglichkeit (ii) den Vorzug geben, aber da sie meines Wissens noch nicht vorgeschlagen wurde, wird man sich in der LF doch besser für Möglichkeit (i) entscheiden müssen.
- 1 Könige 9,8; Jeremia 26,18; Micha 3,12; Markus 14,58
3 Als er dann saß (sich setzte) auf dem (den)1 Ölberg gegenüber dem Tempel, fragte[n] ihn Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas alleine2:
- als er auf dem Ölberg saß vs. Als er sich auf den Ölberg setzte - εἰς wird hier verwendet wie ἔν; daher ist es nicht direktional, sondern lokativisch zu übersetzen. Auch dies ist typisch für den markinischen Stil (vgl. ad loc. Turner 1924b, S. 19), aber kein „markinischer Semitismus“, da es sich auch sonst häufiger in der Koine findet (Kleist 1937, S. 225).
- allein übersetzt κατ’ ἰδίαν. Dieser Ausdruck versprachlicht hier das Motiv der Privatoffenbarung / Sonderoffenbarung Jesu an seine Jünger (Witherington 2001, S. 439); in der LF sollte man zu etwas greifen wie „als sie allein/für sich waren“.
4 „{Sag uns:}1 Wann wird dies2 sein? Und was [wird sein] das Zeichen [dafür], wann dies alles bestimmt ist (im Begriff ist)3, zu geschehen (vollendet zu werden, zu enden)4?“5
- Die Redeeinleitung Εἰπὸν ἡμῖν sage uns dient im NT häufiger nur als Bitte um eine Antwort (z.B. Mt 22,17; Lk 20,2; 22,67 u.ö.); im Deutschen entspricht dem funktional eher eine uneingeleitete Frage.
- Die Referenz der Demonstrativpronomen ταῦτα dies und ταῦτα πάντα all dies sind in der Exegese umstritten; vgl. dazu den Kommentar
- μέλλῃ bedeutet sowohl »im Begriff sein« (als Ausdruck für die nahe Zukunft) als auch »vorherbestimmt sein« (EWNT II, S. 994: »Schließlich kann μ. die im göttlichen Ratschluß begründete Notwendigkeit eines Geschehens und damit dessen sicheres Eintreten ausdrücken.«). Die Übersetzungen variieren daher; z.B. Jantzen: »wann das alles im Begriff ist, vollendet zu werden« vs. SLT: »wann dies alles vollendet werden soll.« Weil »dies alles« vermutlich auf eschatologische Geschehnisse verweist (s. den Kommentar), ist hier die zweite Bedeutung wahrscheinlicher.
- συντελέω vollenden wird meist apokalyptisch gedeutet; s. z.B. EWNT III, S. 742. Matthäus macht dies explizit: Mt 24,3 τί τὸ σημεῖον τῆς σῆς παρουσίας καὶ συντελείας τοῦ αἰῶνος Was [wird sein] das Zeichen für deine Wiederkunft (παρουσία, =Parusie) und für das Ende (συντελεία) der Welt{zeit}?. Aus stilistischen Gründen sollte es dennoch nicht mit »enden« oder »vollenden« übersetzt werden. Gleich, worauf man »dies alles« beziehen muss: Weder von der »Zerstörung des Tempels« noch vom »Ende der Welt« (so die beiden geläufigsten Interpretationen des »dies alles«) noch vom »Auftreten des Antichristen« (s. im Kommentar) würde man im Deutschen sagen, sie würden »enden« oder »sich vollenden«, sondern: sie werden »geschehen« - und auch dies gehört zur Grundbedeutung von συντελέω; vgl. z.B. Thayer
- Daniel 8,13; Daniel 12,6
5 Und Jesus sagte zu ihnen ({begann}, zu ihnen zu sagen)1: „Habt acht (seht zu), dass euch niemand irreführt!
- Höchstwahrscheinlich pleonastisches ἄρχομαι - eine Stileigentümlichkeit des Mk (vgl. Doudna 1961, S. 51ff.; Kleist 1937, S. 205; Pryke 1978, S. 79ff.; Reiser 1983, S. 45): Beginnen wird redundant gesetzt und kann in der Übersetzung ausgespart werden, indem der Infinitiv stilistisch besser als Vollverb übersetzt wird. Vgl. ad loc. Gaston 1970, S. 13; dagegen Dschulnigg 2007, S. 338; allerdings ohne Begründung.
6 [Denn] es werden viele unter meinem Namen1 kommen und sagen: »Ich bin [es]!«, und sie werden viele irreführen.
- Auch diese beiden strittigen Sätzchen werden von Cranfield 1959, S. 395 gut in ihre möglichen Bedeutungen aufgedröselt: »ἐπὶ τῷ ὀνόματί μου [unter meinem Namen] ist am natürlichsten zu deuten als (i) 'sie berufen sich auf mich als Autorität', aber es kann auch bedeuten (ii) 'Sie schreiben sich selbst den Messias-titel zu, der rechtmäßig mir gebührt.' [...] Die Worte λέγοντες ὅτι Ἐγώ εἰμι [die sagen: Ich bin [es]] sind ähnlich mehrdeutig. Sie könnten bedeuten (a) 'die sagen »Ich bin«' - d.h. sie behaupten, der Messias zu sein (vgl. Joh 4,26 und Matthäus' hierige Ergänzung von ὁ χριστός [=der Christus], Mt 24,5) [...], (b) 'die sagen »Ich bin es«', also ganz ähnlich wie (a), aber mit Fokus auf der Idee der Gegenwart des Messias; (c) 'die sagen, dass ich es sei' - d.h., die sagen, dass ich (Jesus) gekommen wäre [...], (d) 'die sagen, dass ich (Jesus) (der Christus) bin' - das aber kann man ausschließen, denn das wäre ja keine Irreführung; (e) 'die sagen, dass sie ich seien' - in dem Sinne, dass Betrüger behaupten, Jesus zu sein.« Mit Abstand am wahrscheinlichsten (und auch die Mehrheitsmeinung) ist die Kombination von (ii) und (a), denn die beiden Sätze interpretieren sich gegenseitig: die zweite Aussage ist eine Identitätsproklamation (»Ich bin X«), und dieses »X« ist zu füllen durch ἐπὶ τῷ ὀνόματί μου unter meinem Namen, also »unter Inanspruchnahme des Messiastitels, der rechtmäßig mir gebührt« (vgl. gut Kmiecik 1997, S. 42; Pesch 1977, S. 279). Sinngemäß bedeutet der Vers also: »Denn es werden viele kommen und behaupten, der Messias zu sein - dabei bin das doch in Wirklichkeit ich!«, oder einfach »Viele Messiasprätendenten werden auftreten«.
7 Wenn ihr {aber} (Ihr dagegen: Wenn ihr)1 von Kriegen und Kriegsgerüchten hört, erschreckt nicht, [denn] es muss geschehen, doch [es ist] noch nicht das Ende.
- Eigentümlich für den markinischen Stil - dennoch aber gut Griechisch (die Konstruktion findet sich z.B. auch bei Plutarch und Thukydides) - ist, dass gelegentlich Konjunktionen nicht in ihrer Konjunktions-bedeutung verwendet werden, sondern bloß als Trennungszeichen von Sätzen und Textabschnitten fungieren (vgl. z.B. Reiser 1983, S. 99f.160f). Diese Konjunktionen und Partikeln sind im Deutschen oft besser auszusparen. Dazu gehören in Kap. 13: * V. 7: δέ aber - denn V. 7 ist integraler Bestandteil des Abschnitts Vv.5-8, vgl. Kommentar (gegen Mateos 1987, S. 201f., der denkt, δέ würde hier die vielen, die sich täuschen lassen (V. 6) mit den Jüngern, die sich eben nicht täuschen lassen sollen (V. 7), konstrastieren (daher obige Alternative »ihr dagegen: wenn ihr«). Die kontrastierende Funktion wäre dann wahrscheinlich (und in der Tat eine schöne Deutung), wenn auch ihr in V. 7 durch ein Pronomen ausgedrückt wäre; bei bloßer 2.Person Plural aber nicht). * V. 9: δέ aber - Zum Textabschnitte einleitenden δέ vgl. Thrall 1962, S. 59 * V. 17: δέ aber - V. 17 ist ein apokalyptischer Klageruf, der gattungstypisch semantisch nicht mit dem umliegenden Text zusammenhängt. * V. 23: δέ aber - vgl. Fußnote bd. * V. 24: ἀλλά - V. 24 wird gern kommentiert mit: »Mit »aber« [...] wird die große Wende eingeleitet« (Gnilka 1978, S. 200) o.Ä. Es sollte hier aber nicht zu viel von ἀλλά abgeleitet werden - zwar beginnt hier in der Tat ein neuer Textabschnitt (s. Kommentar), aber die Kontinuität mit dem vorangehenden Abschnitt ist doch gewährleistet durch ἐν ἐκείναις ταῖς ἡμέραις in jenen Tagen (schon V. 17) und μετὰ τὴν θλῖψιν nach jener Drangsal (vgl. V. 19). vgl. auch Mateos 1987, S. 331. Ebenso wie δέ in Vv. 14.28 fungiert hier ἀλλά als Abschnittstrenner. * V. 28: δέ aber; denn es gibt nichts vorangehendes, womit durch δέ kontrastiert werden könnte. vgl. auch Mateos 1987, S. 374; Thrall 1962, S. 59 * V. 37: δέ aber hebt den letzten Vers als abschließendes Fazit vom vorangehenden Textteil ab. Zu ἀλλά vgl. noch Pape 100; zu δέ Muraoka, S. 140.
8 Erheben wird sich1 nämlich (denn)2 Volk gegen Volk und Reich gegen Reich, Erdbeben werden sein stellenweise (mancherorts), geben wird es Hungersnöte. [Der] Anfang der Wehen3 [ist] dies. 4
- Verb in Satzspitzenstellung als eine für Prophezeiungen typische emphatische Ausdrucksstellung; vgl. Reiser 1983, S. 94. Dieses Stilmittel parallelisiert Vv. 8.12.19.22, die ohnehin strukturell parallel fungieren (vgl. Kommentar, FN b). Im Deutschen sollte dies nicht nachgeahmt, sondern zu einem stilistischen Äquivalent gegriffen werden.
- Meist: denn erheben wird sich...; besser aber: es wird sich nämlich erheben... - das γὰρ denn ist besser als explikatives γὰρ nämlich zu interpretieren; vgl. Kommentar.
- Anfang der Wehen - apokalyptische Formel, die v.a. in der rabbinischen Literatur gebräuchlich ist. Die (Geburts-)wehen stehen für die Zeit der Not, die vor dem Einbruch der schönen Endzeit ertragen werden müssen (so fast alle Kommentare)
- 2 Chronik 15,6; Jesaja 13,13; Jesaja 19,2; Jesaja 26,17; Joel 2,10; Johannes 16,21
9 Nehmt euch in Acht (Blickt auf euch selbst)! Man wird euch (sie werden)1 ausliefern2 an Synhedrien3 und Synagogen4, ihr werdet geprügelt werden und ihr werdet meinetwegen vor Statthalter und Könige gestellt werden, ihnen zum Zeugnis5 -6
- impersonaler Plural; vgl. ad loc. Turner 1924a, S. 382. Pryke 1978, S. 107 hält es hier für ein Passivsubstitut, aber das ist angesichts der direkt folgenden Passivformen nicht sehr wahrscheinlich.
- παραδίδωμι ausliefern wird im Mk neben den Vorkommen in Mk 13 nur zweimal nicht von der Passion Jesu gesagt; es ist also eine Vokabel aus der Passionstheologie - die Überlieferung der Jünger Jesu wird parallelisiert mit der »eschatologisch[en] Preisgabe des Menschensohns an die Menschen« (EWNT III, S. 46; vgl. ad loc. auch Thüsing 2011, S. 111).
- Das Wort συνέδριον kennt man sonst v.a. aus der Passionserzählung; er bezieht sich dort in der Einzahl auf den Sanhedrin, den jüdischen Hohen Rat. Die hierige Mehrzahl συνέδρια dagegen legt nahe, dass von kleineren jüdischen Lokalgerichten die Rede ist; vgl. ThW VII, S. 864f. - es folgen also auf die zwei jüdischen Instanzen »Synhedrien« und »Synagogen« die zwei nicht-jüdische Instanzen »Statthalter« und »Könige«.
- εἰς kann in der Koine verwendet werden wie ἔν und umgekehrt; abhängig davon ließe sich der Satz auflösen als (i) »Man wird euch ausliefern, in Synhedrien und Synagogen werdet ihr geprügelt werden« (so z.B. Cranfield 1959, S. 397; Pesch 1977, S. 183; Turner 1924b, S. 19), (ii) »Man wird euch an Synhedrien und Synagogen ausliefern, ihr werdet geprügelt werden« (so Mateos 1987, S. 236) oder (iii) »Man wird euch ausliefern an Synhedrien, in Synagogen werdet ihr geprügelt werden« (so die Mehrheit). Angesichts der parallelen Konstruktion von εἰς συνέδρια und εἰς συναγωγὰς mit εἰς wird man wohl Mateos (=ii) zustimmen müssen. Dies erleichtert auch das Verständnis vom »Prügeln«, denn obwohl die Prügelstrafe u.a. auch von Lokalgerichten und Synagogen verhängt werden durfte, wäre ein Prügeln in Synagogen doch eher ungewöhnlich.
- Die Bedeutung dieses Nachsatzes ist etwas unklar. (1) ist nicht klar, ob αὐτοῖς ihnen sich auf die Statthalter und Könige bezieht oder auf die Auslieferer, Prügler, Statthalter und Könige, (2) lässt sich aus V. 9 allein nicht erkennen, worauf das ihnen zum Zeugnis sich eigentlich beziehen soll. Die Mehrheitsmeinung bei der Interpretation von V. 10 ist aber, dass er parenthetisch das ihnen zum Zeugnis auslegt und Zeugnis also auf die »Verkündigung« zu beziehen ist; und da man durch Ausgeliefert-werden und Geprügelt-werden keinen direkten Beitrag zur Verkündigung leistet, bedeuten Vv. 9c.10 wohl sinngemäß: »Ihr werdet meinetwegen vor Statthalter und Könige gestellt werden, um ihnen zu verkündigen; denn erst muss auf der ganzen Welt das Evangelium verkündigt werden.«
- Markus 1,44; Markus 6,11
10 denn (und, aber)1 zuerst2 muss das Evangelium bei ({bei})3 allen Völkern verkündigt werden.
- Kausales καὶ; vgl. Reiser 1983, S. 127; Wilckens.
- recht sicher i.S.v. »vor dem Ende«
- εἰς wird hier verwendet wie ἔν; vgl Cranfield 1959, S. 199; Turner 1924b, S. 20
11 Und wenn man euch abführt (sie euch abführen), um euch auszuliefern1, sorgt euch nicht im Voraus, was ihr sagen sollt, sondern das, was (was auch immer) euch in jener Stunde eingegeben (gegeben)2 werden wird, das sagt! Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der heilige Geist.
- final aufgelöstes adverbiales Partizip, so auch Schenke 2005, S. 290 (»zur Auslieferung vorführen«); vgl. auch Mateos 1987, S. 237. Auch Jantzen u.a. Üss. Die Jünger sollen sich im Vorfeld ihres Ausgeliefert-werdens keine Sorgen machen. So stimmt es ja auch zusammen mit προμεριμνᾶτε sorgt euch nicht im Voraus.
- theologischer Passiv, eigentlich also besser »das, was Gott euch in jener Stunde eingeben wird«. Vgl. Grosvenor/Zerwick 1993, S. 151
12 {Und} Ausliefern wird ein Bruder [seinen] Bruder in den Tod und ein Vater [sein] Kind, und erheben werden sich Kinder gegen [ihre] Eltern und töten werden sie sie.1
- Micha 7,2; Micha 7,6; Sacharja 13,3; Matthäus 10,35; Lukas 12,52
13 Und ihr werdet von allen gehasst werden wegen meines Namens (um meinetwillen, wegen mir)1. Der aber, der bis zum Ende2 standhaft bleibt (dies erduldet)3, wird gerettet werden.4
- wie im Hebräischen dient auch in der Koine Name als Wechselbegriff für den Namensträger, also wegen meinem Namen = wegen mir.
- (i) Die Mehrheitsmeinung - der auch hier zuzustimmen ist - ist, dass das Ende sich auf das Eschaton, das Ende der Zeit, bezieht. Daneben hat (ii) Cranfield 1959, S. 401 die Bedeutung völlig, komplett vorgeschlagen; (iii) Ernst 1963, S. 377f. hält es für doppelsinnig und bezieht es neben dem Eschaton auch auf das Lebensende jedes einzelnen Jüngers. (ii) ist sehr unwahrscheinlich - die Wiederholung der in V.7 deutlich eschatologisch verwendeten Vokabel ist zu auffällig für diese Interpretation. (iii) ist möglich, aber aus dem selben Grund nicht sehr wahrscheinlich.
- ὑπομένω steht nicht nur für ausharren i.S.v. warten, sondern - bes. hier - für das Ertragen und Erdulden von Leiden; vgl. EWNT III, S. 968
- Daniel 12,12
14 Wenn ihr dann aber den Gräuel der Verwüstung1 stehen seht, wo er nicht [stehen] soll – der Leser sei aufmerksam!2 –, dann sollen die in Judäa in die Berge fliehen3;4
- Vers 14 ist völlig rätselhaft. Rätselhaft ist (1) der Ausdruck βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως, der standardmäßig übertragen wird mit Gräuel der Verwüstung; etwas rätselhaft ist (2) der Wechsel vom Neutrum βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως zum Maskulinum ἑστηκότα , der steht und rätselhaft ist außerdem (3) die Ortsangabe ὅπου οὐ δεῖ, die standardmäßig übertragen wird mit wo er nicht darf. (i) Die Standard-Interpretation ist diese: (1) βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως ist ein Verweis auf Dan 9,27; 11,31; Dan 12,11 LXX; 1Makk 1,54. In den alttestamentlichen Texten ist die Entsprechung שִׁקּוּץ שֹׁמֵם. Das hebräische שִׁקּוּץ ist eine verächtliche Bezeichnung für Götzen und Götzenkulte (Ges18, S. 1381f) und שֹׁמֵם ist ein Verbaladjektiv mit der Bedeutung verwüstend (Ges18, S. 1380) - also rein lexikalisch der verwüstende Götze oder der verwüstende Götzenkult. Historisch macht diese Übersetzung Sinn, denn in den besagten Texten ist wohl die Rede von der Statue des Zeus, die Antiochus Epiphanes 168 v.Chr. im Tempel aufstellen ließ. Das griechische βδέλυγμα dagegen bezeichnet meist allgemein das, was Gott ein Gräuel ist (EWNT I, S. 502) und das griechische τῆς ἐρημώσεως wäre entsprechend dem Hebräischen zu deuten als Genitiv des Produkts, also das Gräuel, das Verwüstung hervorbringt. (2) Weil diese von Daniel übernommene Neutrum-Phrase modifiziert wird vom maskulinischen Partizip ἑστηκότα der steht, heißt es meist, dass V. 14a ad sensum konstruiert sei und man deshalb bei βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως an eine Person denken müsse, nämlich den Antichristen - was gut mit der Konnotation »Götze« des Hebräischen zusammenstimmt. (3) ὅπου οὐ δεῖ wo er nicht darf weiterhin wird meist mit Mt 24,15 bezogen auf den Tempel, also sinngemäß: »Wenn der Antichrist im Tempel auftaucht«, was außerdem zusammenstimmt mit 2Thess 2,3ff: »Zuerst muss der Abfall von Gott kommen und der Mensch der Gesetzwidrigkeit erscheinen, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt.« (EÜ) (ii) Exegeten wie Pesch 1977, Schenke 2005 und Thüsing 2011 denken bei βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως nicht an den Antichristen, sondern an zeitgeschichtliche Geschehnisse zur Zeit des jüdischen Krieges. Pesch lässt die genaue Referenz offen, da sie nicht genau bestimmt werden könne; Schenke denkt an die Schreckensherrschaft der Zeloten im Tempel ab 65/66 n.Chr. und Thüsing an die römischen Feldzeichen, die die Römer nach der Eroberung Jerusalems im Tempel aufstellten und auf denen Götzenbilder abgebildet seien. Diese Interpretation hat aber die grammatische Schwierigkeit die ad-sensum-Konstruktion (s.o. unter (2)); v.a. aber fügt sie sich schlecht in den Kontext des Abschnitts, denn spätestens V. 19 macht ja deutlich, dass hier eben nicht an »zeitgeschichtliche Ereignisse gedacht wird« (Pesch), sondern an apokalyptische Geschehnisse (vgl. auch Kommentar). Weil Interpretation (ii) außerdem noch eine Minderheitenmeinung ist, wird man durchaus Interpretation (i) den Vorzug geben müssen.
- Die Bedeutung dieser Parenthese ist in der Exegese umstritten. Die unterschiedlichen Interpretationen hängen v.a. daran, auf wen Leser bezogen wird. Vorgeschlagen wurden, dass es sich beziehe # auf den Leser eines hypothetischen apokalyptischen Flugblattes, das als (eine der) Vorlage(n) von Mk 13 angenommen wird - diese Position ist sehr verbreitet, dennoch sehr unwahrscheinlich. Denn es ist schwer vorstellbar, dass es dem Redaktor des Mk nicht aufgefallen sein sollte, dass sich die Parenthese - die sich an einen Leser und nicht an mehrere Hörer richtet - so überhaupt nicht in die Kommunikationssituation der eschatologischen Mahnrede Jesu fügt und sie daher mitübernommen habe. # auf den Hörer bei der öffentlichen Verlesung des Markusevangeliums, dem die Wichtigkeit des Gräuels der Verwüstung noch einmal unterstrichen werden soll - aber dieser Hörer ist ja dann kein »Leser«. # auf den Vorleser des Markusevangeliums bei der öffentlichen Verlesung; die Parenthese sei dann nicht dazu gedacht, laut vorgelesen zu werden, sondern sei eine Notiz für den Vorleser, die eben beschriebene ad-sensum-Konstruktion richtig vorzulesen (vgl. Best 1989, S. 128-30, der die Parenthese dann auch konsequent in seiner Übersetzung ausspart. Dagegen aber gut Collins 2009, S. 545f.) # auf die vier Jünger, die die von Dan 9,27; 11,31; 12,11 übernommene Prophezeiung richtig - d.h. im Lichte der Prophezeiung Jesu (Perkins 2006, S. 104) - verstehen sollen, wenn sie sie lesen. (4) ist am Wahrscheinlichsten, daher noch einige Worte dazu. Zunächst: »Leser des Danielbuches« als Bedeutung von »Leser« liegt schon deshalb nahe, da ἀναγινώσκω im Mk ausschließlich für das Lesen im AT verwendet wird (vgl. z.B. Pryke 1978, S. 57f). Vgl. außerdem die Parallelstelle Mt 24,15, wo der Verweis auf das Danielbuch expliziert wird. Dann: Vergleichbare Aufforderungen finden sich auch in anderen Prophezeiungen; vgl. bes. Dan 9,23.25 (also dem direkten Kontext von Dan 9,27, von wo Jesus mutmaßlich die Prophezeiung des »Gräuels der Verwüstung« übernommen hat); auch Offb 13,9.18; 17,9 (Stellen nach Pesch 1977, S. 292). Auch ist es nicht (sehr) problematisch, dass die Jünger hier in der 3. Person (der Leser statt ihr Leser) angesprochen werden; es finden sich im Mk häufiger Anreden an Zuhörer, die Jesus in 3. Person angespricht (s. Mk 4,9.23; 8,34; vgl. Perkins 2006, S. 101f). Sinngemäß wäre dann also zu übersetzen: »Ihr Leser, gebt gut acht« oder »Beim Lesen seid verständig«.
- Das Motiv der Flucht ins Gebirge ist ein häufigeres Motiv; vgl. z.B. 1Makk 2,28 (s. z.B. Gnilka 1978, S. 195f); umgekehrt kennt man auch das Motiv der Flucht aus dem Umland in die Hauptstadt, vgl. z.B. Jer 4,1ff. (s. z.B. Pesch 1977, S. 292).
- Genesis 19,17; Jeremia 4,29; Daniel 9,27; Daniel 11,31; Daniel 12,11; 1 Makkabäer 1,54; 1 Makkabäer 2,28; 2 Thessalonicher 2,4
15 wer auf dem Dach [ist],1 soll nicht ({weder})2 hinabsteigen, um ({noch}) hineinzugehen (hineingehen), um etwas aus seinem Haus zu holen;3
- Das altjüdische Haus hatte ein von außen begehbares Dach (eine schöne Darstellung findet sich im Kregel Pictorial Guide to Everyday Life in Bible Times), das man vor allem in der Freizeit benutzte (z.B. um zu schlafen). Für die LF würde ich »Dachterrasse« vorschlagen (so auch NeÜ; ähnlich KAM: »Terrasse«. Gut auch KNO: »Flachdach«)
- nicht hinabsteigen, um hineinzugehen vs. weder herabsteigen noch hineingehen - Natürlich muss der auf dem Dach hinabsteigen, um in die Berge fliehen können; μηδὲ hat daher hier negative finale Bedeutung (vgl. Smyth 2193b). Die Satzstruktur lässt sich nicht in die LF übernehmen, man muss zu etwas greifen wie »Wer auf dem Dach ist, soll sich nicht erst noch hinuntersteigen, um ins Haus gehen, um sich etwas zu holen«
- Ezechiel 7,15
16 und wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren1, um sein Obergewand zu holen.
- W. soll sich nicht zurückwenden nach zurück; gemeint ist sicher »nach Hause zurückkehren«.
17 {Aber} Wehe denen1, die in jenen Tagen2 schwanger sind oder stillen!3
- Wehe denen: Gattungstypische Einleitung eines apokalyptischen Klagerufs (vgl. z.B. Offb 18,16.19); das Schicksal der »schwächsten Glieder der Fluchtgeneration« (Ernst 1963, S. 381) - der Schwangeren und Stillenden - wird in Form einer Weheruf-parenthese beklagt. Das beste Äquivalent wäre eine Übertragung ähnlich der von BB (»Wie schrecklich wird diese Zeit für die Frauen sein, die gerade ein Kind erwarten oder stillen!«) und NGÜ (»Wie schwer werden es die Frauen haben, ...!«).
- in jenen Tagen: Stereotype alttestamentliche Phrase, die häufig in eschatologischen Kontexten verwendet wird; s. z.B. Jer 3,16.18; 31,29; 33,15f.; Joel 3,1; Sach 8,23 u.ö.
- Lukas 23,29
18 {Aber} (Darum)1 Betet, dass es nicht während des Winters geschieht!
- Der Verweis auf den Winter wird meist darauf bezogen, dass der Winter in Palästina die Regenzeit ist und starke Regenfälle die Flucht erschweren. Vielleicht liegt aber wirklich (auch) die Kälte im Fokus: Israel liegt zwar hauptsächlich in einer subtropischen Klimazone, aber in höher gelegenen Regionen - zu denen auch Jerusalem und natürlich erst recht die Berge gehören - kann es winters durchaus so kalt werden, dass es zu Schneefällen kommen kann. Das würde auch erklären, warum V. 16 die Rede vom Mantel ist; vielleicht sollte man daher das δὲ besser als kausales δὲ deuten: Darum betet, dass es nicht winters geschieht!
19 Denn es werden sein jene Tage eine derartige Bedrängnis, wie sie seit Beginn der Schöpfung, die Gott geschaffen hat,1 bis jetzt nicht geschehen ist und niemals geschehen wird2.3
- redundanter Relativsatz. Kein Semitismus oder Septuagintismus (gegen Cranfield 1959, S. 404); die Konstruktion kennt man auch sonst im Griechischen (vgl. z.B. Chariton, Chaireas und Kallirhoe 7,2,4 τῆς Ἀθηναίων δυστυχίας, ἣν ἐδυστύχησαν ἐν τῷ πολέμῳ τῷ Σικελικῷ das Leid der Athener, an dem sie litten im sizilischen Krieg); vgl. auch Kleist 1937, S. 143f. »Redundant« ist eigentlich ungenau; die Konstruktion dient dazu, das durch den Relativsatz modifizierte Satzglied zu spezifizieren; bei Chariton also etwa Der Athener Leid während dem sizilischen Krieg; Mk 13,19 seit Beginn von Gottes Schöpfung; Mk 13,20 um seiner/der von ihm Auserwählten willen.
- οὐ μὴ + Aorist Konjunktiv: stärkstmögliche griechische Konstruktion zur Negierung eines zukünftigen Geschehnisses; vgl. Wallace, S. 468. Der Vers verdichtet den Topos des Nochniedagewesenen (Pesch 1977, S. 293); vielleicht sollte man in der LF statt zu einer wörtlichen Üs. besser zu einem Äquivalent greifen wie »eine solche Drangsal, wie sie noch nie geschehen ist - früher nicht, heute nicht und nimmermehr!« oder einfach »eine Drangsal, wie sie die Welt noch nie gesehen hat.«
- Exodus 11,6; Joel 2,2; Daniel 12,1; Offenbarung 16,18
20 {Und} Wenn der Herr nicht die Tage verkürzt hätte,1 würde absolut niemand2 gerettet werden, doch um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er die Tage verkürzt.
- zum Motiv der verkürzten Zeit vgl. Ernst 1963, S. 381f.: »Die Verkürzung der Zeit ist ein bekanntes Motiv (vgl. 4Esra 4,26; 2Bar 20,1; 1Hen 80,2; Barn 4,3), dessen Wurzeln im Geschichtsverständnis der Apokalyptik liegen. Der Herr hat den Ablauf in einem Plan festgelegt. Auch die Drangsale der Endzeit unterliegen dem unausweichlichen »es muß geschehen«; der Geschichtsdeterminismus ist freilich durch die Rückführung auf den Willen Gottes, der aus Barmherzigkeit die Drangsale verkürzen kann, relativiert.«
- W.: nicht ... jedes Fleisch; Kombination zweier Septuagintismen; vgl. Cranfield 1959, S. 404; Doudna 1961, S. 105f: nicht jeder = keiner; jedes Fleisch = jeder, also »absolut keiner«. In Mk 13 ist dies die einzige Stelle, die ich für einen eventuellen Semitismus halten würde. Dahin weist auch, dass κύριος im NT nur in AT-Zitaten oder Nachahmungen des Septuaginta-Stils ohne Artikel verwendet wird; vgl. Mateos 1987, S. 287.
21 {Und} Sagt dann einer zu euch: »{Siehe} Hier [ist] der Christus!«1 oder {Siehe} dort [ist er]! - glaubt [es] nicht,
- Bailey 2009, S. 360 hat die beiden Ausrufe sehr gut analysiert: Fokalisiert ist in beiden jeweils der Lokativ (Hier + dort); sie sind also konstruiert wie eine Antwort auf die unausgedrückte Frage »Wo ist der Christus?«. ἴδε fungiert dabei als bloßer Fokuspartikel und sollte im Deutschen ausgespart werden. So jedenfalls wäre der Satz grammatisch zu analysieren. V. 22 macht aber deutlich, dass dieses Hier! und dort! auf die verschiedenen Pseudo-christusse verweisen soll; also sinngemäß eher »Dieser hier ist der Christus!« und »jener dort ist der Christus!«. Ich denke aber, dass das auch bei wörtlicher Übersetzung klar herauskommt.
22 denn aufstehen werden falsche Christusse und falsche Propheten, und darbieten1 werden sie Zeichen und Wunder,2 um – wenn möglich – die Auserwählten zu verführen (irrezuführen)3.4
- Zur Bedeutung »darbieten« für δίδωμι vgl. Mateos 1987, S. 288. Einige Hss haben ποιήσουσιν statt δώσουσιν, aber die Kombination von σημεῖον mit ποιέω findet sich sonst nirgends in den synoptischen Evangelien (dafür häufiger in Joh); daher und wegen der weit besseren Bezeugung ist δώσουσιν der Vorzug zu geben.
- Zeichen und Wunder: pleonastischer formelhafter Ausdruck. Das Wort τέρας Wunder wird von den Synoptikern einzig hier und in der Parallelstelle Mt 24,24 verwendet. Auffällig ist, dass es auch im Joh nur einmal (Joh 4,48), ebenfalls in Verbindung mit σημεῖον und scheinbar ebenfalls in abwertender Weise, verwendet wird - »»Wunder« sind genau das, was man von Gott nicht erwarten darf. Die heidnischen Griechen verstanden unter τέρας meist ein Staunen und Schrecken erregendes, exorbitantes Wunderzeichen, vor allem kosmischer Art [...].« (Fuller 1969, S. 23). Vielleicht kann man diese Konnotation des Exorbitanten und des Abwertenden besser übertragen durch etwas wie »Mirakel und Wunderwerke«; vielleicht sogar »Mirakel und Spektakel«, aber das geht vielleicht einen Schritt zu weit.
- Das Verb ἀποπλανάω hat hier »die Bedeutung eschatologischer Verführung« (EWNT III, S. 236)
- Deuteronomium 13,2; Jeremia 6,13; Daniel 11,35; Offenbarung 13,13
23 {Ihr aber} (Ihr dagegen)1 seid achtsam! Ich habe euch alles vorausgesagt.2
- Auch in V. 23 scheint δὲ nur den Beginn eines neuen Satzes zu markieren. Möglich wäre aber auch dies: Der Einschub εἰ δυνατὸν wenn möglich in V. 22 könnte theoretisch auch bedeuten wo/bei wem immer das möglich ist (=ihnen das gelingt); in diesem Fall würde das δὲ in V. 23 die Jünger mit den Erwählten, bei denen das Irreführen gelingt, kontrastieren. Dann wäre außerdem das πρὸς in V. 22 resultativ zu deuten, also etwa »falsche Christen und Propheten werden Mirakel und Spektakel veranstalten und so all jene Erwählten verführen, bei denen es ihnen gelingt. Ihr dagegen: Achtet auf euch selbst...« - So aber m.W. niemand und es ist diese Verwendung von εἰ auch eher selten, daher können wir getrost bei der angegebenen Standard-übersetzung bleiben.
- Die Bedeutung von πάντα ist in der Exegese umstritten; vgl. dazu den Kommentar.
24 {Aber} in jenen Tagen, nach jener Bedrängnis, wird die Sonne verdunkelt werden (sich verfinstern), {und} der Mond wird seinen Schein nicht geben,1
- Jesaja 13,10; Jesaja 24,23; Jesaja 34,4; Ezechiel 32,7; Joel 2,2; Joel 2,10; Joel 3,4; Joel 4,15; Amos 8,9
25 {und} die Stern werden vom Himmel fallen und die Kräfte1 in den Himmeln (am Himmel) werden erschüttert werden.2
- Die δυνάμεις sind in der Bibel mythische kosmische Mächte. Wahrscheinlich ist diese Vorstellung noch ein Reflex aus der Zeit, als die Himmelskörper auch in Israel als göttlich angesehen wurden. In der nachbiblischen Zeit wurden sie als »Engel« interpretiert (bes. wichtig: Dionysius Areopagita: CH 8,1); heute stellen sie in der Engellehre sozusagen »ganz offiziell« einen der Neun Englischen Chöre: die virtutes, die dafür verantwortlich sind, in Gottes Auftrag Wunder zu wirken. Vermutlich stammt das Bild noch aus der Apokalypse-Schilderung in Jes 34,4.
- Jesaja 34,4; Joel 2,2; Offenbarung 6,13
26 Und dann wird erscheinen (wird man sehen, werden sie sehen)1 den in den Wolken kommenden Menschensohn2, mit großer Macht3 und Herrlichkeit4.5
- W. werden sie sehen, aber impersonaler Plural (vgl. z.B. Martin 2009, S. 477), daher besser wird man sehen. Noch besser aber: ὁράω im Medium ist ein formelhafter Offenbarungsterminus, der v.a. im Zhg. mit Christi Auferstehung verwendet wird; daher wird erscheinen. Ähnlich ist ἐρχόμενον in der hierigen Verwendung ein eschatologischer Terminus (s. Mk 11,9f; 12,9; 13,35; 14,62; vgl. Kleist 1937, S. 183). Beide beziehen sich also auf die heilbringende Ankunft des Menschensohnes am Ende der Zeit; sehr gut wäre es daher, wenn das Zusammenspiel dieser beiden Vokabeln sich auch lexikalisch in der LF erkennen ließe.
- Auch Menschensohn ist ein eschatologischer Terminus. Außer in Mk 2,10.28 verwendet Jesus dieses »biographische Ich-Idiom« (Schenk 1997) ausschließlich, wenn er von seiner Rolle in Gottes Heilsplan spricht, also der, dass er - der Menschensohn - von den Menschen verworfen, ausgeliefert und getötet werden müsse, dann aber in großer Macht und Herrlichkeit wiederkehren werde. Vgl. besonders gut Danove 2003, S. 23-25. Sohn in V. 32 ist sehr wahrscheinlich nur eine Kurzform von Menschensohn; vgl. z.B. Schenk 1997, S. 84
- Im Singular (anders als im Plural, V. 25) ist die δύναμις ein Attribut Gottes/Christi und bezeichnet deren (All)Macht.
- δόξα ist ein Begriff aus den Theophanietraditionen; es handelt sich um ein sichtbares Attribut des sich offenbarenden Gottes. Wo die Texte Rückschlüsse auf das Wesen der δόξα zulassen, scheint man sich diese Herrlichkeit als eine Art »Lichtglanz«, »Glorie« vorstellen zu müssen (vgl. ähnlich EWNT I, S. 836). Mt 24,27 und Lk 17,24 explizieren das, indem sie die Parusie des Menschensohnes mit einem Wetterleuchten vergleichen: »Wie der Blitz [...] leuchtet, so wird es mit dem Menschensohn/der Ankunft des Menschensohns sein [...].« In V. 26 bildet es so einen Gegensatz mit der Schilderung der Finsternis in V. 25 und sollte in der LF daher besser mit etwas wie »herrlicher Lichtglanz« o.Ä. übersetzt werden.
- Daniel 7,13; Matthäus 16,27
27 Und dann wird er die Engel aussenden und die Auserwählten aus den vier Himmelsrichtungen (Winden)1 vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels2 sammeln.3
- Himmelsrichtungen - W. »Winde«; zur Bedeutung »Himmelsrichtungen« vgl. EWNT I, S. 231. Im Hintergrund steht die im Alten Orient häufigere Verortung der (Personifikationen der) vier Winde an die vier Enden der Erde (s. in der Bibel noch Offb 7,1; auch Ez 37,9; für ein Bsp. in der ägyptischen Ikonographie s. z.B. hier oder hier, S. 328; jeweils dargestellt durch vier geflügelte Tiere). Damit und dadurch stehen die Winde gleichzeitig für die Himmelsrichtungen.
- Eine schwierige Stelle. (i) Die Übersetzung im Fließtext ist die Standard-Deutung. Daneben hat (ii) Kleist 1937, S. 226 vorgeschlagen, dass es sich hier um die Konstruktion der »parallelen Orientierung« handeln könnte: Zwei zusammenhängende Ortsangaben werden mit der selben Präposition versehen, obwohl sie rein semantisch unterschiedlicher Präpositionen bedürften, also z.B. im Deutschen Ich gehe auf die Stadt auf dem Berg statt Ich gehe zur Stadt auf dem Berg und im Falle von Mk 13,27 Er wird die Auserwählten aus den vier Himmelsrichtungen am Ende der Erde sammeln zum Saum des Himmels. Diese Konstruktion gibt es wohl wirklich, obwohl ws. nicht alle von Kleist gelisteten Stellen derart zu analysieren sind (neben Mk 13,27 nennt er: Mk 1,28.38.39; 5,1.19; 6,45.51.56; 9,43; 11,1.11; 12,2; 14,3.9), aber in diesem Fall sollte man besser Schweizer folgen: (iii) Schweizer 1998, S. 150f erklärt die Formulierung vom Rand der Erde bis zum Rand des Himmels als »eine etwas unlogische Vermischung der beiden Bilder »von einem Rand des Himmels bis zum andern« (Dtn 30,4 LXX, wo vom Sammeln der versprengten Israeliten die Rede ist) und »von einem Rand der Erde bis zum anderen« (Dtn 13,8).«; sie ist dann als ein etwas schräger Ausdruck für »auf der ganzen Erde« aufzufassen. Mt 24,31 hat das geglättet; bei ihm heißt es nur noch wie in Dtn 30,4 »von einem Ende des Himmels bis zum andern«. V. 27 ist dann pleonastisch; aus den vier Himmelsrichtungen und auf der ganzen Erde beziehen sich beide darauf, dass der Menschensohn seine Auserwählten von überall her zusammensammeln wird. Zur Vorstellung vgl. noch Tg Ps-Jon Dt 30,4: »Wenn eure Zerstreuten wären an den Enden des Himmels, so wird euch von dort der Memra Jahves eures Gottes zusammenbringen durch Elias, den Hohenpriester, und euch von dort heranholen durch den König, den Messias.« (vgl. B/S IV/2. S. 797)
- Deuteronomium 30,3; Jeremia 32,37; Ezechiel 34,13; Ezechiel 36,24
28 Über1 den Feigenbaum {aber} lernt (erfahrt) ein Gleichnis: Sobald2 seine Zweige3 weich werden 4 und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe [ist].
- zu Ἀπὸ i.S.v. über vgl. LSJ (Bed. A7)
- zu ὅταν ἤδη i.S.v. sobald vgl. ad loc. Grosvenor/Zerwick.
- W. sein Zweig; kollektiver Singular
- sicher i.S.v. Wenn der Saft in die Zweige steigt (so z.B. GN, NGÜ). Sehr schön BB: Wenn seine Zweige frisch austreiben und Blätter bekommen.
29 So auch ihr:1 wenn ihr dies geschehen seht, erkennt, dass er (es) nahe vor den Toren (vor der Tür)2 ist!3
- Zum Gleichnis vgl. den Kommentar
- θύραις Dativ Plural kann auch für die einzelne Tür verwendet werden. Wer sich für »die Tür« entscheidet lässt den Hörer/Leser eher an die Tür eines Hauses denken. Wird der Plural verwendet, wird das Bild von »Stadttoren« wachgerufen. Deshalb dann besser »vor den Toren«.
- Philemon 4,5; Offenbarung 3,20
30 Amen1, ich sage euch: Nicht (Keinesfalls) wird diese Generation (Geschlecht) vergehen, bis dies alles2 geschehen sein wird.
- Dieses Geschlecht wird nicht vergehen heißt höchstwahrscheinlich, dass noch zu Lebzeiten der Zeitgenossen Jesu das Eschaton eintreten wird (s. den Kommentar). Diese mit diesem Begriff bezeichneten Zeitgenossen werden im Mk stets negativ beurteilt (so auch Dschulnigg 2007, S. 348; Gnilka 1978, S. 206; Schenke 2005, S. 299); wahrscheinlich wird man daher V. 30 als Drohwort auffassen müssen (vgl. bes. Mk 8,38). Das Amen, ich sage euch (->°Amen°) hätte dann hier eine ähnliche Funktion wie im Deutschen ein Drohungen einleitendes »Ich verspreche dir,...«, »ich sag's dir,...«.
- Die Bedeutung von ταῦτα πάντα dies alles ist in der Exegese umstritten; vgl. dazu den Kommentar
31 Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.12
- Kleist 1937, S. 226 kommentiert wunderbar diesen Vers, indem er seiner Unsicherheit sehr ehrlich Ausdruck verleiht: »Werden oder würden vergehen? Werden Himmel und Erde tatsächlich vergehen? Oder vielleicht in diesem Sinn: »Selbst wenn Himmel und Erde (von denen man ja eigentlich meinen würde, dass sie unzerstörbar sind) vergehen würde, würden meine Worte nicht vergehen; d.h. sich nicht als falsch erweisen«?«Das ist eine schöne Deutung, aber nicht nötig: Die Vorstellung, dass am Ende der Zeit Himmel und Erde vergehen würden, ist ein häufigerer Topos in der Bibel; vg. TRE 30, S. 290: »Die alttestamentlich-apokalyptische Tradition des Untergangs von Sonne, Mond, Sternen, Himmel und Erde fand in den Gerichtsszenen im Neuen Testament (vgl. Mk 13,24-26; Apg 6,12-17; Heb 12,26f. [...]) Wiederhall. [...] Am Tag des Herrn vergehen Himmel, Erde und Grundelemente in einem kosmischen Weltenbrand (vgl. 2Pet 3,10-13). Obwohl die Schöpfung, Himmel und Erde (vgl. Lk 16,17 [Q]; Mk 13,31), diese Welt (vgl. 1Kor 7,31b; 1Joh 2,17) vergehen werden, wäre das aber nicht das Ende.«
- Psalm 89,37; Jesaja 40,8; Jesaja 51,6; Jesaja 54,10; Matthäus 5,18; 1 Petrus 1,24
32 Von dem Tag und der Stunde weiß niemand,1 weder die Engel (Boten)2 im Himmel, noch der Sohn, allein der Vater.
- Die Formulierung Περὶ τῆς ἡμέρας ἐκείνης über jenen Tag (περί + Genitiv = über) klingt so, als wollte Jesus sagen, dass niemand etwas über die Geschehnisse am Ende der Zeit weiß - was aber keinen Sinn macht, da er ja selbst gerade lang und breit die Geschehnisse am Ende der Zeit referiert hat. Es muss daher gedeutet werden als Den Tag oder die Stunde kennt niemand, also den genauen Zeitpunkt allerdings kennt niemand. Vgl. ähnlich Schenke 2005, S. 299: »Antithetisch schließt 13,32 die Terminfrage ab: Über das hinaus, was Jesus angekündigt hat, kann niemand etwas zum Termin der Vollendung sagen. Sie wird sicher und noch vor dem Vergehen dieser Generation kommen, doch den genauen Tag oder gar die Stunde kennt außer Gott niemand, und Gott bewahrt ihn bei sich.« Das Motiv der Unbekanntheit des genauen Zeitpunktes findet sich auch in 2Bar 21,8 (»[Gott], der du [...] ganz allein der Zeiten Schluß vor seiner Ankunft kennst [...]« (Rießler)) (vgl. Gnilka 1978, S. 207). Vgl. noch V. 33.
- Sowohl das hebräische מַלְאָך als auch das griechische ἄγγελος heißt ursprünglich nur »Bote«, wird aber in der Bibel eher selten von menschlichen Boten verwendet, sondern meist von himmlischen Geistwesen, für die sich im Deutschen die Bezeichnung »Engel« eingebürgert hat. Da sie hier durch »im Himmel« spezifiziert werden, ist klar, dass dass es sich um letztere handelt. Auch das Motiv des Nichtwissens der Engel findet sich häufiger; vgl. 1Pet 1,12; Eph 3,10; 4Esra 4,52 (»Er (=der Engel) sprach zu mir: / Zum Teil kann ich die Zeichen dir vermelden, / wonach du fragst. / Doch ward ich nicht gesandt, / von deiner Lebensdauer etwas dir zu sagen. / Ich weiß es selber nicht.« (Rießler)); vgl. Gnilka 1978, S. 207.
33 Seid achtsam! Seid wachsam! - denn ihr wisst nicht, wann der Zeitpunkt (da) ist.1
- Matthäus 24,42; Lukas 12,40
34 [Es ist]1 wie bei einem Mensch auf Reisen, der, als er das Haus verließ und seinen Knechten die Vollmacht gab (ihre Verantwortungen übertrug)23 - jedem seine [eigene] Aufgabe - {dabei}4 dem Torhüter gebot, dass er wachsam sei (Wache halte).5
- vgl. Kleist 1937, S. 226: »ὡς ἄνθρωπος: brachylogical; »it is as when...««. Vielleicht aber besser: Vv. 34f. sind ein °Gleichnis°; V. 34 ist dabei die Bild-, V. 35 die Sachhälfte. Vielleicht könnte man daher das ὡς ... οὖν auch deuten als Versprachlichung der Relation von Bild- und Sachhälfte: So wie..., so (vgl. Louw/Nida 89.50 zu οὖν: »Resultats-marker; impliziert häufig die Konklusion einer Argumentation« (meine Übersetzung)). Dann also: Ebenso, wie wenn ein Mann auf Reisen geht ... und dem Torhüter aufträgt, wachsam zu sein, so sollt auch ihr wachsam sein .... Bisher habe ich aber kein gute Beispiel für ein derart verwendetes οὖν gefunden, daher wird man wohl der Lösung von Kleist den Vorzug geben müssen.
- meist: »Vollmacht«; es ist aber zweifellos gemeint, dass jedem Knecht eine bestimmte Tätigkeit zugewiesen wird (so wird es ja im nächsten Teilvers auch näher spezifiziert). Verantwortung nach Muraoka, S.255 (»authoritative responsibility«); so gut auch BB, EÜ, GN, NeÜ, NGÜ, Zink: »Verantwortung übertragen«
- adverbiale Partizipien aufgelöst als temporale Nebensätze. So löst auch Kleist 1937 auf und so ist es viel sinnvoller; denn der Fokus liegt bei dem Gleichnis ja nicht darauf, dass der Hausherr seinen Dienern Tätigkeiten zuweist und unter anderem auch dem Torhüter die Tätigkeit des Wachehaltens; sondern allein die Tätigkeit des Wachehaltens steht im Fokus. Diese Auflösung entbindet auch von der Notwendigkeit, das Gleichnis für eine nicht gelungene Verschmelzung zweier verschiedener Quellen zu erklären, wie z.B. Weder 1978, S. 163 das tut.
- partikularisierendes καὶ: Der Torhüter ist bereits in seinen Knechten inkludiert; nun wird noch einmal gesondert auf den Torhüter Bezug genommen
- Das altjüdische Haus gehörte i.d.R. zu einem ummauerten Häuserverbund mit gemeinschaftlichen Innenhof, dessen vorderer Teil an die Straße reichte. Viele solcher Häuserverbünde hatten hier einen Torhüter postiert; größere und vornehmere Häuserverbünde sogar ein extra Torhäuschen. vgl. z.B. B/S ad loc.
35 Seid also wachsam, denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt1 - ob am Abend, zur Mitternacht, zum Hahnenschrei oder im Morgengrauen2 -3
- Der Satz ist spannend, denn er steht sowohl auf der Bildseite als auch auf der Sachseite des Gleichnisses (->°Gleichnis°) und bezieht sich sowohl auf die Rückkehr des Hausherrn als auch als die eschatologisch zu verstehende (vgl. Fußnote bg) Wiederkunft des Herrn, also des Menschensohnes.
- Abend, Mitternacht, Hahnenschrei und Morgengrauen sind die vier Nachtwachenzeiten der Römer (vgl. Thüsing 2011, S. 115); die Zeitangaben passen also ausgesprochen gut zur Aufgabe des Wache-haltens eines Torwächters.
- Lukas 12,38
36 damit er, wenn er plötzlich kommt, euch nicht schlafend vorfindet.1
- Matthäus 25,5
37 Was ich {aber} euch sage, sage ich1 allen: Seid wachsam!2“
- sehr gut GN: »Was ich euch gesagt habe, gilt für alle«.
- Apostelgeschichte 20,31; 1 Korinther 16,13; 1 Petrus 5,8
Chapter 14
1 1 Das Pascha-Fest und [das Fest der] ungesäuerten Brote waren {aber} in zwei Tagen.2 Da suchten die Hohepriester und die Schriftgelehrten3 [einen Weg], wie sie ihn mit einer List ergreifen und töten könnten,
- [Status: Zuverlässig]
- Zu den Zeitangaben s. den Exkurs zur Zeitrechnung. Das „Pascha“ war die jährliche jüdische Feier des Auszugs aus Ägypten (vgl. näher Passa (AT) (WiBiLex), zur heutigen Gestalt des Paschafestes gut Böckler 2006: Das Geburtstagsfest des Volkes), das „Fest der ungesäuerten Brote“ ursprünglich ein Frühlingsfest, das direkt an das Paschafest anschloss, eine Woche dauerte und für das charakteristisch war, dass man während dieser Zeit nur Brot ohne Sauerteig (eine Art Hefe) essen durfte (vgl. näher Mazzen / Mazzotfest (WiBiLex).
- die Hohepriester und die Schriftgelehrten - „Die Hohepriester“ sind die Priester unter den Mitgliedern des Sanhedrins (=die höchste jüdische Gerichtsinstanz). Die Bezeichnung „die Hohepriester“ fungiert daher im NT oft als Wechselbegriff für den Jerusalemer Sanhedrin selbst; v.a., wenn sie – wie hier – zusammen mit den „Schriftgelehrten“ oder auch den „Ältesten“ oder den „Pharisäern“ genannt werden.
2 denn sie sagten (sagten sich): „Nicht während des Festes,1 sonst wird es einen Aufruhr der Volksgemeinde geben.“2
- oder: vor den Festgängern – so Jeremias 1960, S. 65-67; dagegen aber z.B. gut Marcus 2009, S. 933.
- Da das Pascha-Lamm zu Jesu Zeit nur im Tempel geschlachtet werden und das Pascha-Fest nur in Jerusalem gefeiert werden durfte, war Jerusalem um diese Zeit von gläubigen Juden überfüllt. Es sind einige Tumulte überliefert, die während der Festzeit wegen dieser Pilgermassen ausgebrochen sind; die Sorge der Hohepriester ist also erklärlich.
3 Und als er in Bethanien im Haus Simons des Leprakranken1 war – als er [bei Tisch] lag2 – kam eine Frau,3 die ein Alabastergefäß voll kostbaren, reinem Nardenparfums4 [bei sich] hatte. Nachdem sie das Alabastergefäß zerbrochen hatte,5 goss sie [das Öl] herab auf seinen Kopf.
- Simons des Leprakranken - Die Identität dieses Simon ist ungeklärt. Das biblische „Lepra“ meint nicht die selbe Krankheit wie unser heutiges Wort „Lepra“. Ob eine bestimmte andere Krankheit damit gemeint war oder ob der Begriff eine Sammelbezeichnung für verschiedene Hautkrankheiten war, ist ebenfalls noch unklar. Entscheidend ist aber ohnehin nicht, welche Krankheit genau gemeint ist, sondern die Tatsache, dass derartige Hautkrankheiten den Kranken „unrein“ machten und der Aufenthalt Jesu in seinem Haus klar den Normen seiner Zeit widerspricht (vgl. z.B. van Iersel 1998, S. 416; Marcus 2009, S. 933). Jesu Feiern im Haus von Leprösen liegt also auf einer Linie mit seinem Feiern mit Zöllnern und Sündern.
- [bei Tisch] lag – in besonders wohlhabenden Haushalten pflegte man zur Zeit Jesu zu speisen, indem man sich um einen niedrigen Tisch herum auf Liegen niederlegte, mit einem Arm abstützte und mit dem anderen aß.
- Keiner der drei Synoptiker identifiziert diese Frau. Johannes dagegen berichtet, es sei Maria, die Schwester Marthas, gewesen, verortet aber auch die ganze Szene in das Haus der beiden Schwestern. Ephräm der Syrer war es, der die namenlose Frau im 4. Jh. mit Maria Magdalena und gleichzeitig mit Maria, der Schwester Marthas, gleichgesetzt hat. Papst Gregor I baut das 591 noch weiter aus und identifiziert auch ihre Sünde: Sie ist eine Prostituierte. Für keines von beidem gibt es einen Anhaltspunkt in den biblischen Texten; dennoch ist es diese Vorstellung – die von der Prostituierten Maria Magdalena, die Jesus reuig mit Öl einreibt – die den meisten Christen beim Lesen der Szene so präsent ist, dass die katholische Kirche es 1969 anlässlich einer Kalenderreform für nötig hielt, sie offiziell für falsch zu erklären.
- Alabastergefäß voll kostbarem, reinem Nardenparfums - W.: „Ein Alabastergefäß des Parfums der Narde der pistikäs des Werts“; die Reihung von vier Genitiven soll auch stilistisch die exorbitante Kostbarkeit des Parfums zum Ausdruck bringen (France 2002, S. 551).Die Bedeutung von pistikäs ist umstritten. Am verbreitetsten sind die Deutungen, (1) dass „Narde der pistikäs“ der Ausdruck für die Behennuß/Pistazie sei (so schon Lightfoot 1859, S. 446; z.B. auch Black 1967, S. 224; Cranfield 1959, S. 45; Gnilka 1979, S. 221) -> „Pistazienparfum“, und (2), dass das Wort pistikäs von pistis („Treue“) abzuleiten sei (so schon Theophylakt, vgl. Lücking 1993, S. 50; z.B. auch Evans 2001, S. 360; Gundry 2000, S. 812; Spicq 1978b, S. 696) -> „Parfum aus echter Narde / echtes/reines Nardenparfum“. Daneben lassen sich noch viele weitere Deutungen finden; weil eine Lösung der Frage nicht in Aussicht liegt, wählen wir Deutung (2), da sie häufiger in Üss. gewählt wird.
- zerbrochen hatte - Häufig liest man in der Exegese, Alabastergefäße wären so hergestellt worden, dass man sie aufbrechen musste, um an den Inhalt zu kommen. Das ist nicht sehr wahrscheinlich; erstens musste der Inhalt ja auch irgendwie in die Gefäße gelangen (so auch France 2002, S. 552); zweitens war Alabaster nicht billig, so dass eine solche Verfertigungsweise recht merkwürdig gewesen wäre, drittens weisen die archäologischen Funde von Alabastergefäßen nicht in die Richtung, dass sie so verfertigt worden wären (so auch Marcus 2009, S. 934; einige Beispiele lassen sich hier betrachten). Vermutlich soll also auch das Zerbrechen nur noch zusätzlich die Verschwendung der Frau unterstreichen: Nicht nur braucht sie die ganze Menge ihres sehr teuren Parfums auf, sondern auch das ebenfalls teure Gefäß macht sie damit unbrauchbar (vgl. Klostermann 1950, S. 142f: „Wenn das Zerbrechen des Flaschenhalses bei der Vewendung nicht einfach das Übliche ist (Billerbeck II 48 f.), so will die Frau in überschwenglicher Verehrung von dem Salböl nichts zurückbehalten, vielleicht auch eine weiter Verwendung des Fläschchens nach diesem Gebrauch unmöglich machen.“).
4 Einige aber waren {untereinander} verärgert (voller Empörung) [und sagten] zueinander: „Für was ist diese Verschwendung des Parfums geschehen?
5 Man hätte nämlich dieses Parfum für mehr als 300 Denare1 (teurer als für 300 Denare) verkaufen und [den Erlös] den Armen geben können.“2 Und sie machten ihr Vorwürfe.
- 300 Denare - Mehr als das Jahreseinkommen eines durchschnittlichen Arbeiters. M. Pea 8,8 nennt 200 Denare als jährliches Existenzminimum (vgl. Dschulnigg 2007, S. 357; s. die Üs. bei Open Mishnah); umgerechnet auf heutige Verhältnisse hätte das Parfum also (laut dt. Steuersystem) einen Wert von fast 13.000 €.
- Man hätte dieses Parfum verkaufen können - W. „Dieses Salböl konnte verkauft werden.“
6 Jesus aber sprach: „Lasst sie! Was macht ihr ihr Beschwerden?1 Sie hat ein gutes Werk2 an mir getan –
- Was macht ihr ihr Beschwerden? – Gr. Idiom, die Bed. ist etwa »Was lasst ihr sie nicht in Frieden?« (s. noch Lk 11,7; 18,5; Gal 6,17).
- gutes Werk - kalon ergon, wie im Dt. ein Terminus technicus für Wohltätigkeit. Im Judentum wurden auch gute Taten an Toten zu solchen »guten Werken« gerechnet; schon hier wird also auf V. 8 vorausverwiesen (vgl. z.B. Dschulnigg 2007, S. 357).
7 und1 die Armen habt ihr immer bei euch und sooft (falls) ihr wollt, könnt ihr ihnen (immer)2 wohltun (Gutes tun); mich aber habt ihr nicht immer.
- und - W. »denn«; der Satz ist die Rechtfertigung dafür, warum es in Ordnung ist, etwas Gutes an Jesus zu tun, wenn dies gleichzeitig verhindert, etwas Gutes für die Armen zu tun.
- Textkritik: (immer) - so viele Handschriften. Ob dies dritte immer aus stilistischen Gründen zum Urtext hinzugefügt wurde (=> Symmetrie) oder aus dem Urtext gestrichen wurde (=> redundante Wortwdh.), lässt sich nicht entscheiden. Die überwältigende Mehrheit übersetzt es nicht. Sinnvoll wäre es im Kontext allemal: Das Entscheidende an dieser Aussage Jesu ist, dass der aktuelle Zeitpunkt eine absolute Ausnahmesituation ist (s. Anmerkungen).
8 Was sie [tun] konnte (was sie hatte),1 hat sie getan: Sie hat es vorweggenommen, meinen Leib für das Begräbnis einzubalsamieren2.
- konnte (hatte) - W. »Was sie hatte«, hier (wie auch sonst manchmal) i.S.v. »vermögen, können«. Mit dieser Wortwahl soll vermutlich angespielt werden auf Jesu Aussage über das letzte Scherflein der Witwe in Mk 12,44: Mk 13 – die Markus-apokalypse – wird gerahmt von zwei Erzählungen von Frauen, die paradigmatisch für den richtigen Gebrauch von Geld (am Ende der Zeit) sind (vgl. z.B. van Iersel 1998, S. 417; Marcus 2009, S. 941).
- einzubalsamieren - Hier wird das Verb myrizo statt chrio (»salben«) verwendet. Viele denken, die Parfumierung der Frau habe auf einer zweiten Bedeutungsebene den Sinn, dass Jesus hier zum Messias gesalbt werden sollte (wie z.B. David in 1 Sam 16,13; so z.B. Guijarro/Rodriguez 2011; Park 2012). Doch dafür wäre sehr wahrscheinlich eben chrio statt katacheo (»herabgießen«) und murizo (»einbalsamieren«) verwendet worden (Marcus 2009, S. 396; vgl. ähnlich Lücking 1993, S. 110) und außerdem wohl elaion (»Öl«) statt muron (»Parfum«). Aus diesem Grund muss man die Salbung zunächst wohl doch »nur« als »schlichte Wohltat beim Mahl« verstehen (vgl. Ps 23,5; Jos.Ant 19,239: »[...Er] erschien [...] dort mit gesalbtem Haar, als käme er von einem Trinkgelage [...].«) – und was sie auf der tieferen Ebene bedeutet, sagt Jesus in diesem Vers ja selbst.
9 Amen, ich sage euch,1 wo auch immer diese Freuden-Botschaft (dieses Evangelium)2 auf der ganzen Welt verkündet wird, wird auch von dem, was diese getan hat, gesprochen werden – zur Erinnerung an sie.“
- Amen, ich sage euch - ein sog. »nicht-responsorisches Amen«: Durch »Amen, ich sage euch« eingeleitete Sätze finden sich in der Bibel ausschließlich bei Jesus und dienen v.a. dazu, den folgenden Satz zu markieren als ein(e) mit Vollmacht geäußerte(s) Voraussage / Urteil (BB: »Damit verbürgt er sich dafür, dass seine Worte wahr sind und Gültigkeit haben.«). In V. 25 außerdem verstärkt durch die Konstruktion ou me + Aorist; die stärkstmögliche Verneinung zukünftiger Geschehnisse im Griechischen. Am sinnvollsten übersetzt daher Zink: »Was ich sage, ist wahr: ...«
- dieses Evangelium – »Evangelium« ist hier noch keine Gattungsbezeichnung für eine Textsorte, sondern ein stehender Begriff für die frohe (!) Botschaft über Leiden und Tod Jesu, die die Kirche in der ganzen Welt verkündigen muss (zur Stelle vgl. gut Schillebeeckx 1975, S. 97). »Dieses Evangelium« bezieht sich also zurück auf das, was durch das »Sie hat es vorweggenommen, mich für mein Begräbnis einzubalsamieren« angesprochen ist, nämlich den Tod Jesu – und dieser ist eine »frohe Botschaft«.Richtig daher die Paraphrase von Zink: »Wo immer Menschen einander sagen werden, daß ich starb, um der Welt das Leben zu schenken, da wird man erwähnen, was sie eben getan hat.«
10 Und Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern, um ihn an sie auszuliefern.
11 Und sie freuten sich, als sie [das] hörten, und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte [einen Weg], wie er ihn zur rechten Zeit1 ausliefern könnte.
- zur rechten Zeit - sehr oft: „bei günstiger Gelegenheit“. Im Gr. steht hier aber eukairos, die „gute rechte-Zeit“, und da sowohl in Vv. 1f. als auch Vv. 3-9 die Zeit das Thema ist, liegt eine andere Übersetzung als „zur rechten Zeit“ sehr fern. Richtig daher MSG: „He started looking for just the right moment to hand im over“.
12 Und am ersten Tag [des Festes] der ungesäuerten [Brote],1 als sie das Pascha[lamm] opferten (an dem man das Pascha[lamm] zu opfern pflegte),2 fragten3 ihn seine Jünger: „Wo willst du, [dass] wir {fortgehend} vorbereiten, damit du das Pascha essen kann?“
- Zur Zeitangabe s. den Exkurs zur Zeitrechnung.
- als sie das Pascha[lamm] opferten (an dem man das Pascha[lamm] zu opfern pflegte) (V. 12) + Geht in die Stadt - Weil das Verb ethuon sich sowohl personal („als sie (sc. die Jünger) opferten“) als auch impersonal („an welchem man zu opfern pflegte“) deuten lässt, lassen sich zwei mögliche Situationen der Perikope rekonstruieren: (1) Jesus und seine Jünger sind gerade im Tempelbezirk, wo nach Vorschrift Jesus als der Vorsteher des Paschamahls das Lamm schlachtet, das dann am Abend verspeist werden wird. In dieser Situation fragen die Jünger Jesus, wo sie das Mahl vorbereiten sollen, und er gibt ihnen daher die Anweisung, [aus dem Tempelbezirk hinaus] in die Stadt zu gehen. (2) Jesus und seine Jünger befinden sich zum Zeitpunkt, zu dem „man“ üblicherweise das Paschalamm schlachtet, noch in Bethanien oder auf dem Weg von Bethanien nach Jerusalem, als die Jünger Jesus ihre Frage stellen, und also weist er sie an, [von Bethanien/vom Weg aus] in die Stadt zu gehen.Nach V. 15 ist der Speisesaal bereits vorbereitet, weshalb der größte Teil der noch zu leistenden Vorbereitungen im Braten des Lammes besteht. Weil nach Sitte Jesus es war, der dieses Lamm zu schlachten hatte, würde Rekonstruktion (2) bedeuten, dass Jesus die Jünger ohne ein Lamm zum Kochen schickt. Das macht nicht viel Sinn; wahrscheinlicher ist daher Rekonstruktion (1). So z.B. auch Casey 2004, S. 203f.; Evans 2001, S. 373. Für Rekonstuktion (2) dagegen z.B. France 2002, S. 564; Gundry 2000, S. 820; Marcus 2009, S. 944.
- Historisches Präsens.
13 Und er sandte zwei seiner Jünger1 und sagte zu ihnen: „Geht in die Stadt, und es wird ein Mann auf euch zutreten,2 der einen Krug Wasser trägt. Folgt ihm,
- zwei seiner Jünger - Offenbar keine Mitglieder des Zwölferkreises, s. V. 17. Für das Abendmahl muss dann die Anwesenheit von noch mehr Gästen als nur Jesus und dem Zwölferkreis vorausgesetzt werden (so auch Casey 2004, S. 227f.; Evans 2001, S. 374), und aus diesem Grund muss in V. 15 die Größe des Oberzimmers betont werden. Auch in Vv. 51f. ist wohl von einem Jünger die Rede, der nicht zum Zwölferkreis gehört, dennoch aber mindestens auf dem Ölberg anwesend ist und daher wohl auch im Abendmahlssaal anwesend war. Casey und Evans setzen außerdem die Anwesenheit von Frauen als Selbstverständlichkeit voraus – der Text selbst jedenfalls schweigt sich darüber aus. Vgl. auch Heininger 2005, S. 12 zu Mk 15,40f: Wo sonst blieben die „vielen Frauen“, die Jesus nach Jerusalem gefolgt waren?
- auf euch zutreten - nicht: »Ihr werdet treffen« (so viele Üss.), LSJ S. 178: »move from a place to meet a person« - die Initiative liegt beim Wasserträger. S. die Anmerkungen.
14 und wo auch immer er hineingeht, sagt zu dem Hausherrn {dass}: »Der Lehrer sagt: »Wo ist mein Gästezimmer, wo ich das Pascha[mahl] mit meinen Jüngern essen kann?««!1
- Da man zu Jesu Zeit das Paschamahl in Jerusalem zu sich nehmen sollte (s. FN d), war es üblich, die Gastfreundlichkeit von Einheimischen in Anspruch zu nehmen und das Paschamahl in deren Haus zu sich zu nehmen.
15 Und dieser wird euch ein großes Zimmer im Obergeschoss zeigen, möbliert und vorbereitet. Dort bereitet für uns vor!“1
- vorbereitet ... dort bereitet vor - nämlich Möblierung etc. ist vorbereitet, das Essen aber noch nicht (vgl. z.B. Evans 2001, S. 375).
16 Und die Jünger gingen hinaus und kamen in die Stadt, und sie fanden [alles so] vor, wie er [es] ihnen gesagt hatte, und sie bereiteten das Pascha[mahl] vor.
17 Und als [es] Abend geworden war (wurde), kam er mit den Zwölf.
18 Und während (als)1 sie zum Essen lagen,2 sagte Jesus: „Amen, ich sage euch: Einer von euch, der mit mir isst,3 wird mich ausliefern4.“
- Und während (als) sie zum Essen lagen (V. 18) + Und als er bei (nach) ihrem Essen (V. 22) – Zu Jesu Zeit liefen ein griechisches Gastmahl, ein jüdisches Festmahl und später auch ein Passamahl alle nach dem selben Muster ab: Nach einer im Sitzen eingenommenen Vorspeise ging man in den Speisesaal, um dort im Liegen den Hauptgang einzunehmen, an den sich danach noch ein längerer Umtrunk anschloss. Das Gebet über dem Brot und das Brotbrechen leitete den Hauptgang ein, das Gebet über dem Kelch war die Brücke zwischen Hauptgang und Umtrunk. Diese Abfolge müssen wir uns auch für das Letzte Abendmahl denken (Lk 22,20; 1 Kor 11,25: „Der Becher nach dem Essen“).Bei Mk und Mt aber wirkt es wegen der Zeitangaben in Vv. 18.22.23 so, als würde sowohl die Brot- als auch die Becherhandlung nach Beginn des Essens stattfinden. Mögliche Erklärungen sind: 1. Die Gemeinde des Markus hat die Feier des Abendmahls vielleicht in einer anderen als der üblichen Abfolge gefeiert und die Brothandlung zur Kelchhandlung ans Ende der Feier verschoben. Markus hätte das dann auch in den Bericht vom Abendmahl „hineingeschrieben“: Während des Hauptgangs macht Jesus seine Judas-Prophezeiung und erst nach dem Hauptgang folgen Brot- und Becherhandlung. Dann wäre V. 22 zu deuten als: „Als er am Ende ihres Essens ...“ 2. Die beiden Präsenspartizipien in V. 18 könnte man unter Umständen auch als „volitive Partizipien“ auffassen (vgl. z.B. Mt 27,40: „Der du den Tempel einreißen und aufrichten willst...“; Heb 11,6: „Dem, der Gott nahen will...“ ): „Und als sie lagen und essen wollten“, d.h., direkt vor dem Hauptgang und dem Umzug ins Speisezimmer. 3. Vielleicht erzählt Markus die Begebenheiten aus dem letzten Abendmahl (Ankündigung des Verrats und Einsetzungsworte) auch einfach unabhängig voneinander, ohne die Erzählung streng chronologisch zu verstehen.
- lagen - S. FN f: Jesus feiert sein Letztes Abendmahl nach dem Muster eines Abendmahls wohlhabender Menschen. Das Liegen ist nicht auf das Datum zurückzuführen, s. die Anmerkungen.
- der mit mir isst - Vermutlich ein Zitat von Ps 41,9, wo ein unschuldig Leidender sich darüber beklagt, dass seine Feinde ihn töten wollten und auch sein Freund, dem er vertraute und der mit ihm Brot aß, ihn verderben wolle. Das Präsens ist daher besser gnomisch zu verstehen: Nicht »einer, der aktuell mit uns am Tisch sitzt«, sondern »einer meiner üblichen Tischgenossen«.Miteinander zu essen, Tisch und Schüssel zu teilen (s. V. 20), ist ein Symbol für Freundschaft und Verbundenheit; dass es »einer von euch« ist, »einer der Zwölf«, »einer, der mit mir isst« und »einer, der mit mir in die selbe Schüssel tunkt«, macht den Verrat noch verwerflicher, als er ohnehin schon ist.Zur Verwendung des Artikels vgl. Zerwick §192.
- ausliefern - Leitwort im Mk-Evangelium; stets im Sinne von »feindlichen Institutionen ausliefern« verwendet (s. Mk 9,31; 10,33; 13,9.11f; 14,11.21.42.44; 15,1.10.15). Vermutlich auf die Verfolgungssituation der ursprünglichen Leser des Markus zurückzuführen, in der Jesusanhänger dazu gezwungen wurden, andere Christen an die Behörden auszuliefern – die Botschaft ist dann die: Auch Jesus und seine Jünger haben schon dieses Schicksal mit euch geteilt.
19 Das machte sie bestürzt (traurig) und einer nach dem anderen sagte zu ihm: „Doch nicht etwa ich?“
20 Da sagte er zu ihnen: „Einer der Zwölf, der [das Brot] mit mir in die (eine)1 Schüssel tunkt.2
- Textkritik: die (eine) - Einige Handschriften haben hier ein zusätzliches »eine«. Ob die Handschriften damit den Ausdruck verschärfen (»in die selbe Schüssel«) und an die vorigen »eins, eine« (»einer von euch...«, »einer nach dem anderen...«, »einer der Zwölf...«) anpassen oder aus stilistischen Gründen wegen derselben »eins, eine« dieses vierte »eine« streichen wollten, lässt sich nicht entscheiden (so auch Wilckens 2014). Tendenziell für den längeren Text sprechen sich z.B. Cranfield 1959, S. 424; Gundry 2000, S. 837 und Marcus 2009, S. 950 aus; so auch H-R; EÜ. Die meisten Üs. aber übersetzen den kürzeren Text, so daher auch wir.
- in die Schüssel tunkt - der Satz meint das selbe wie das vorige »der mit mir isst«: »Einer meiner (üblichen) Tischgenossen«. Zum Eintunken von Speißen in eine Schüssel s. z.B. Rut 2,14; nicht gemeint ist hier Charoset (das Fruchtmus, das zu den vorgeschriebenen Speißen eines Passaseders gehört); auch dieses wurde vermutlich erst einige Jahrzehnte nach Jesu Tod eingeführt (s. Anmerkungen und vgl. Kulp 2005, S. 113).
21 Denn der Menschensohn1 geht2 zwar, wie über ihn geschrieben steht,3 aber wehe jenem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! [Es wäre] besser für ihn, wenn jener Mensch nicht geboren worden wäre.“
- Menschensohn - Ein weiteres Leitwort bei Markus. Außer in Mk 2,10.28 verwendet Jesus dieses »biographische Ich-Idiom« (Schenk 1997) ausschließlich, wenn er von seiner Rolle in Gottes Heilsplan spricht, also der, dass er – der Menschensohn – von den Menschen verworfen, ausgeliefert und getötet werden müsse, dann aber in großer Macht und Herrlichkeit wiederkehren werde. Vgl. besonders gut Danove 2003, S. 23-25.
- geht - In jüd. Schriften verbreiteter Euphemismus für »Sterben« (vgl. gut z.B. Marcus 2009, S. 951). Bes. häufig bei Joh zu finden, s. z.B. Joh 7,33; 8,21f; 13,3.
- wie geschrieben steht - Übliche Formel, um auszudrücken, dass etwas den Prophezeiungen des AT und damit dem Willen Gottes, der sich aus diesen Prophezeiungen herauslesen lässt, entspricht (vgl. z.B. Donner 1994); bei Mk s.. z.B. noch Mk 1,2; 9,12f; 11,17; 14,27. Auf welche Stelle unser Vers sich bezieht, ist aber (wie öfters) ungewiss.
22 Und als er bei (nach) ihrem Essen ein Brot genommen und [Gott] gedankt hatte,1 hatte, brach er [es],2 gab [es] ihnen und sagte: „Nehmt, dies3 ist mein Leib!“4
- [Gott] gedankt - Nicht: „[das Brot] gesegnet“. Nach späteren rabbinischen Texten betete man vor dem Hauptgang über dem Brot und nach dem Hauptgang über dem Wein eine sogenannte Berakah; über dem Brot z.B.: „[Gepriesen bist du, Herr unser Gott, König des Alls], der du das Brot der Erde hervorbringst“ (m.Ber. 6,1). Ein ähnliches Gebet müssen wir uns auch bei Jesus denken; die Didache z.B. empfiehlt daher als Eucharistiegebet eine „christianisierte“ Form einer solchen Berakah: „Wir danken dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die du uns kundgetan hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit!“ (Did 9,3). Dass Lk 22,19 und 1 Kor 11,24 statt hier „danken“ statt „segnen“ stehen haben, ist nicht bedeutsam; eine Berakah ist ein Dankgebet und „Gepriesen bist du, der du / denn du...“ meint nur „Danke dafür, dass...“.
- nachdem er [Gott] gepriesen hatte, brach er [es] - Die üblichen jüdischen Gesten zur Eröffnung einer Hauptmahlzeit (vgl. z.B. gut Hofius 1988, S. 379). Markus scheint diese Handlung ans Ende der Hauptmahlzeit verschoben zu haben (s. dazu FN ab).
- tFN: dies - Immer wieder wiederholt worden ist in letzter Zeit die Analyse von Luz, das Neutrum »dies« könne sich nicht auf das Maskulinum »Brot« beziehen und müsse daher die Handlung des Brotbrechens und -verteilens meinen (so z.B. Heininger 2005, S. 44; Niemand 2002, S. 97; Luz 2002, S. 4f; Schröter 2006, S. 128; Trummer 2001, S. 136f). Das ist falsch. Im Griechischen richten sich Demonstrativpronomen sogar häufiger im Genus nach der Subjektsergänzung (hier also das Neutrum »Leib«) als nicht (vgl. HvS §263e; z.St. auch Söding 2002, S. 55; Weidemann 2013, S. 84f). Dass mit »dies« also nicht das Brot, sondern die Handlung bezeichnet wird, ist grammatisch möglich, aber keinesfalls notwendig und auch nicht sehr wahrscheinlich.
- Hierzu s. die Anmerkungen.
23 Und als er einen Becher (Kelch)1 genommen und [Gott] gedankt2 hatte, gab er [ihn] ihnen und sie alle tranken aus diesem.3
- Becher (Kelch) - Eher „Becher“ als „Kelch“. Das Wort ist bis vor Kurzem intensiver im anglophonen Sprachraum diskutiert worden, da dort in der kath. Kirche bis zur Revision des Römischen Messbuchs die Übersetzung „cup“ („Becher“) in Gebrauch war, nach der Revision aber durch „chalice“ („Kelch“) abgelöst wurde. Im Griechischen steht hier poterion, womit allgemein Trinkgefäße bezeichnet wurden; die Entsprechung von „Kelch“ wäre tendenziell eher kylix. Das Missale übersetzt dennoch „Kelch“, um so der Übersetzungsentscheidung von Hieronymus in der Vulgata zu folgen (calix). Calix aber wurde zu Hieronymus Zeit allgemein für Trinkgefäße verwendet (daher übersetzt er z.B. auch in Mt 10,42 poterion mit calix, wo klar ein Becher gemeint ist), weshalb auch in der VUL beide Deutungen möglich sind. In den dt. Üss. sind beide Varianten gebräuchlich.
- [Gott] gedankt - hierzu s. FN aj. m.Ber 6,1 empfiehlt als Berakah über dem Weinbecher „[Gepriesen bist du, Herr unser Gott, König des Alls], der du die Frucht des Weinstocks geschaffen hast“; die christianisierte Berakah der Didache lautet „Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen Weinstocks Davids, deines Knechtes, den du uns kundgetan hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit!“ (Did 9,2).
- Hierzu und zum nächsten Vers s. die Anmerkungen
24 Und er sagte zu ihnen: „Dies ist mein Blut des (neuen)1 Bundes, für viele2 vergossen.3
- Textkritik: neuen - Nicht wenige Handschriften haben hier ein zusätzliches »neue« – zweifellos eine Angleichung an Lk 22,20; 1 Kor 11,25 und damit sekundär (so z.B. auch TCNT).
- viele - dient vermutlich zum Ausdruck des Zahlenverhältnisses: Einer vergießt sein Blut für viele. S. genauer unten.Auch dieses Wort wird aktuell sehr heftig diskutiert, daher auch hierzu eine etwas längere Erklärung der Diskussion und zur Rechtfertigung der Übersetzung. Hintergrund der Diskussion ist der, dass in der kath. Liturgie in Deutschland lange Zeit die Formulierung »das für euch und für alle vergossen wird« gebräuchlich war. In einem Brief der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung von 2006 wurde stattdessen die Übersetzung »für viele« vorgeschrieben, und vor allem infolge eines Folgebriefes von Benedikt XVI. an die deutschen Bischöfe entbrannte ein heftiger und leider seltenst sachlich geführter Streit, der mittlerweile nur noch oberflächlich etwas mit der Übersetzung selbst zu tun hat. Beide Parteien berufen sich auf Jes 53,12. Weil auch dort von jemandem die Rede sei, der für die Sünden anderer stirbt und wegen den gemeinsamen Vokabeln »vergossen« und eben »viele« sei klar, dass Mk hier die Jes-Stelle zitiert. Die einen leiten daraus ab, dass das »viele« in Jesaja wie oft im Hebräischen als »alle« verstanden werden müsse und dass dies demnach auch die Bedeutung des »viele« bei Mk sei; die anderen erkennen zwar die Bedeutung »alle« in Jesaja (und meistens auch Markus!) an, fordern aber dennoch eine »wörtliche« Übersetzung in Mk, damit der Bezug zu Jes erkennbar sei und keine Deutung in die Mk-Übersetzung eingetragen werde. Beide Argumentationen sind sehr problematisch. Zunächst wurde zu ntl Zeiten nicht der heb. Jes-Text verwendet, sondern entweder die LXX-Übersetzung oder ein Targum. Die LXX-Übersetzung lautet aber nicht »Weil er sein Leben in den Tod ausgegossen hat«, sondern »weil er seine Seele in den Tod auslieferte«, die von TgJ »Weil er sein Leben dem Tod übergab«. Der einzige Bezug im Vokabular ist damit das »viele«, und auf dieser Basis von einem »Zitat« zu sprechen, geht durchaus nicht an (so z.B. richtig Chilton 1994, S. 87; Dunn 2003, S. 815f.; Schröter 2006, S. 129; übrigens sogar Benedikt, obwohl er im Folgenden dann doch mit dem Jes-Text argumentiert). Sodann motivisch: Der Gottesknecht im Jes-Text wurde im frühen 1. Jahrhundert überhaupt nicht als Paradigma eines Menschen aufgefasst, der die Sünden anderer Menschen auf sich nimmt – weder in jüdischen noch in christlichen Texten. Im NT z.B. wird Jes 52,13-53,12 insgesamt sieben Mal zitiert – und nur im spätesten Text, 1 Pet 2,22-25, ist er Paradigma dieses Motivs (vgl. z.B. Zager 1996, S. 180f). Aus diesem Grund kommen heute immer mehr Wissenschaftler von der Vorstellung ab, dass das Gottesknechtslied ein Vorbild für die ntl Texte gewesen sei (vgl. z.B. Versnel 2005, S. 215 und die dort zusammengetragene Literatur). Und weiter: Gerade, wenn wir dennoch davon ausgingen, dass hier ein Jes-Zitat vorläge, gingen beide Argumentationen am Text vorbei, denn der Zweck des »Viele« wäre dann wie in Jes nicht die Identifikation einer Zielgruppe der »Leistung« von Gottesknecht und Jesus, sondern der Ausdruck eines Zahlenverhältnisses: Einer nimmt die Verfehlungen von Vielen auf sich / legt für viele Fürsprache ein / vergießt sein Blut für viele; s. ähnlich z.B. 1 Kor 10,17: »Weil es ein Brot ist, sind wir – wir viele – ein Leib.« So ist das »viele« hier wahrscheinlich auch unabhängig von der Jes-Stelle zu verstehen. Und schließlich: Selbst dann, wenn die Übersetzung »alle« sich hier ebenso gut rechtfertigen ließe wie »viele«: Nur von den wenigsten Üss. wird sie gewählt (z.B. GN, KAM); daher nach Kriterium 1b auch von uns nicht. Welche Übersetzung die sinnvollste für eine Messliturgie ist, ist natürlich eine andere Frage.
- Zum Gesamtsinn des Verses s. die Anmerkungen. Die Formulierung lässt sich am leichtesten genetisch erklären. Die Vorstellung, dass ein Mensch »für andere« sterben könne, stammt ursprünglich aus dem hellenistischen Kulturraum und ist dort gerade in der ntl. Zeit außerordentlich populär (s. bes. das von Versnel 2005 auf S. 230-244 zusammengetragene Material): Zürnte eine Gottheit einer Person/einem Volk/ ..., konnte ein Mensch ersatzweise für diese Person/dieses Volk/... sterben und so die Gottheit beschwichtigen (vgl. gut z.B. Breytenbach 2003). Relativ rein lässt sich dieser Gedanke z.B. auch in den johanneischen Schriften betrachten (s. z.B. Joh 10,11.15; 15,13; 1 Joh 3,16. Bei unserer Stelle ist diese Vorstellung aber verschmolzen mit einer weiteren Vorstellung; diesmal aus dem jüdischen Kulturraum: Wenn Gott einer Person zürnt, liegt das nach jüd. Vorstellung an den Sünden dieser Person, die wie eine Trennwand zwischen die Person und Gott treten. Eingerissen werden muss diese Trennwand durch en Opfer – durch die Darbringung von Opferblut -, dessen Effekt die Errichtung eines »Bundes« zwischen Gott und dem Opfernden ist (s. Ex 24,8; Sach 9,11; vgl. z.B. Willi-Plein 1993, S. 97f. S. bes. die Variante von Ex 24,8 im etwa zeitgleich zum Mk entstandenen TgO: »Da nahm Mose das Blut und sprengte es auf den Altar, um für das Volk Sühnung zu schaffen...«). Kombiniert lauten die beiden Vorstellungen dann: Jemand, der für jemanden stirbt, wird so zum »Opfer« für diesen zum Zwecke der Sühnung seiner Sünden (vgl. gut Merklein 1986, S. 71). Diese »Vorstellungskombination« wird z.B. auch in Joh 1,29; Röm 3,25f und Heb 9,13-15 auf Jesus übertragen; außerhalb des NT findet sich die Vorstellung z.B. auch in 4 Makk 17,21f. und j.Sanh. 11,5.
25 Amen, ich sage euch: Ich werde nicht wieder vom Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, an dem ich [von] ihm erneut (ihn als neuen)1 im Reich Gottes trinken werde.“
- [von] ihm erneut (ihn als neuen) - Beide Positionen werden in der Forschung vertreten; für die erste z.B. Gundry 2000, S. 834; Marcus 2009, S. 959; für die zweite z.B. France 2002, S. 572; NSS. »Ihn als neuen« soll dann vom »neuen [Wein]« sprechen und dieser widerum ein Symbol für das »messianische Bankett« sein, das nach dem endgültigen Anbruch des Reiches Gottes stattfinden wird. tirosh, »neuer Wein«, ist im AT aber meist als durchaus innerweltliches, aktuell vorhandenes Getränk gedacht und daher schlicht als »Most« zu übersetzen, und auch syntaktisch ist diese Auflösung ganz unwahrscheinlich. Der Satz ist vielmehr als Todesprophetie aufzufassen: Hiermit trinkt Jesus seinen letzten Becher Wein, doch schon bald – nämlich im Reich Gottes, das Jesus für die näheste Zukunft erwartete – wird er von Neuem mit dem Trinken beginnen.
26 Und nachdem sie [Loblieder] gesungen hatten,1 gingen sie hinaus zum Ölberg.2 3
- [Loblieder] gesungen - W. „gelobliedet“; gemeint sind vielleicht die Psalmen 115-118, die man evt. schon zu dieser Zeit, sicher aber später üblicherweise am Ende des Pesachmahls sang (vgl. z.B. France 2002, S. 573). B/N daher: „Jesus und die Jünger sangen den Hymnus, den man nach dem Passahmahl singt...“ Ohnehin wurden aber bei jedem griechischen Symposium religiöse Lieder gesungen; u.a. z.B. ein die abschließende Becherhandlung (s. u.) begleitender „Paian“. Wenn zu Jesu Zeit die Psalmen 115-118 noch nicht der übliche Abschlussgesang des Paschamahl waren, könnte hier gut auch ein solcher gemeint sein.
- Ölberg - Ein Ort bei Jerusalem, zu dem Jesus nach Lk 21,37 häufiger zum Beten ging und wo er sich schon öfter mit seinen Jüngern versammelt hatte (vgl. Joh 18,2).
- 2 Samuel 15,30
27 Da sagt[e] Jesus zu ihnen: „Ihr werdet alle zu Fall kommen (ärgern),1,weil geschrieben steht:2 »Ich werde den Hirten schlagen (erschlagen), und die Schafe werden zerstreut werden.«34
- zu Fall kommen (ärgern) – Beide Üss. sind möglich; letztere dann i.S.v. »an mir Anstoß nehmen« (so die meisten Üss.). Wegen V. 30 ist die primäre Üs. aber die wahrscheinlichere: »die Jünger werden die Glaubensprobe, die ihnen mit dem Leiden Jesu aufgegeben ist, nicht bestehen« (Gnilka 1979, S. 252). So z.B. auch H-R, KAR, WIL, ZÜR.
- Weil geschrieben steht - Wie in Mk 9,11; 14,21 zeigt sich hier, dass nach Markus Jesus schon längst aus dem Alten Testament die dort vorgezeichneten Geschehnisse um seine Passion weiß (vgl. auch Mk 9,31; 10,34) und und um die Notwendigkeit, mit der diese ablaufen werden.
- Deutliches, aber freies Zitat aus Sach 13,7. Dort aber fordert Gott andere auf, den Hirten zu schlagen – hier dagegen führt er selbst das Schwert.
- Sacharja 13,7
28 Doch nachdem ich auferweckt worden sein werde, werde ich euch nach Galiläa vorausgehen (in Galiläa anführen).“ 1
- Markus 16,7
29 Petrus aber sagte zu ihm: „Und wenn alle zu Fall kommen (sich ärgern) werden – ich aber nicht!“
30 Und Jesus sagt[e] zu ihm: „Amen, ich sage dir: Du wirst mich heute, in dieser Nacht, vor dem zweimaligen Krähen des Hahns,1 dreimal verleugnen.“
- zweimaligen Krähen des Hahns - der zweite Hahnenschrei markiert in der griechisch-römischen Literatur den Anbruch des Morgens (vgl. Brown 1994, S. 137; Gnilka 1979, S. 254; Klostermann 1950, S. 149); die dritte Zeitangabe meint also das selbe wie die Vorangegangene.
31 Er aber sagte [überaus] vehement:1 „Wenn ich zusammen sterben müsste mit dir, werde ich dich keinesfalls verleugnen!“ Und genauso redeten auch alle [anderen].
- [überaus] vehement - Gr. ekperissos; sonst unbelegtes Wort, dass perissos („überaus“) wohl noch einmal steigert; vgl. Brown 1994, S. 138.
32 Und sie kommen (kamen) zu einem Grundstück (Landstück), dessen Name „Getsemani“1 [war], und er sagt[e] seinen Jüngern: „Setzt euch (sitzt) hier, bis ich gebetet habe!“
- miniatur|rechts|Ölpresse in Kafarnaum. By Abraham [CC BY-SA 4.0], from Wikimedia Commons Getsemani - Der Name kommt vom Aramäischen gat schemane („Ölpresse“). Nach Joh 18,1 war das Grundstück ein „Garten“, und in der Tat dürfte eine Ölpresse mindestens in der Nähe der Olivengärten auf dem Ölberg gestanden haben. Seit dem frühen 4. Jh. wird daher als dieser Ort eine Höhle verehrt, in der eine solche Platz gehabt hätte; ob dies wirklich Jesu „Getsemani“ war und wo das Grundstück sonst gewesen sein könnte, lässt sich aber nicht mehr mit Sicherheit sagen.
33 Dann nimmt (nahm) er Petrus und Jakobus und Johannes mit sich und begann, erschreckt (erstaunt) und verängstigt zu sein (war erschreckt und verängstigt),1 2
- begann, erschreckt und verängstigt zu sein - Hendiadyoin: Die Beschreibung von Jesu Empfindungen mit zwei Wörtern mit verwandter Bedeutung soll die Beschreibung noch intensivieren. Sinnvoll daher NeÜ: „Er wurde von schrecklicher Angst und von Grauen gepackt“, JJ: „Er fing an, sehr bestürzt und geängstigt zu sein“; schön auch B/N, H-R, LUT17, MEN, PAT, R-S, ZÜR: „Er begann, zu zittern und zu zagen.“
- Psalm 42,6
34 und er sagt[e] ihnen: „Meine Seele ist (ich bin) zu Tode betrübt1; bleibt hier und wacht (bleibt wach)!“
- Meine Seele ist zu Tode betrübt – d.h. entweder »so traurig, dass es sich wie Sterben anfühlt« (Pfäfflin: »Sterbenstraurig ists mir zumute«) oder »so traurig, dass ich davon bald umkomme« (HfA: »Ich zerbreche beinahe unter der Last, die ich zu tragen habe«; NeÜ: »Die Qualen meiner Seele bringen mich fast um«). Theoretisch möglich, aber sicher falsch ist BB, die sich wohl an Jon 4,9 LXX orientieren: »Ich bin ganz verzweifelt. Am liebsten wäre ich tot.« – Jesus will ja gerade nicht sterben.
35 Und nachdem er ein wenig weitergegangen war, warf er sich (fiel er) auf die Erde1 und betete, dass – wenn es möglich sei – die Stunde an ihm vorüberginge,2
- warf er sich (fiel er) auf die Erde - Im Judentum der Antike betete man für gewöhnlich stehend (vgl. Mk 6,41; Lk 18,11 u.ö.). Das kniende Beten mit zu Boden geneigtem Haupt (Mt 26,39: Er „fiel auf sein Gesicht“) ist daher ungewöhnlich, wenn auch nicht ohne Parallelen (vgl. Offb 5,14; TestJob 1,13; 9,14; JosAs 14,3; auch Lk 5,12), und drückt besondere Unterwürfigkeit (oder, weniger wahrscheinlich, große Panik (so Gundry 2000, S. 855)) aus.
- die Stunde vorüberginge - gemeint ist, wie V. 41 klar macht, die Stunde, da er verraten würde.
36 und er sagte: „Abba, Vater,1 alles [ist] dir möglich. Trag diesen Becher (Kelch)2 an mir vorüber! Doch nicht, wie ich will, sondern wie du [willst]!“
- Abba, Vater - Gr. abba ho pater; wie in Röm 8,15 und Gal 4,6 folgt hier auf den aramäischen Vokativ »Oh Vater« der griechische gleichbedeutende Vokativ »Oh Vater«; daraus und aus den beiden parallelen Stellen dürfen wir wohl ableiten, dass es sich hier um eine im Urchristentum verbreitete Anrede Gottes zur Einleitung eines Gebets handelt (vgl. z.B. Brown 1994, S. 175), die vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass Jesus selbst seinen Anhängern empfohlen hat, im Gebet Gott genau so anzusprechen: abba, »Vater!« (vgl. das in FN q zu Mt 6,9 zu »Vater« vs. »Vater unser im Himmel« Gesagte).
- Becher (Kelch) - Metapher, die sich auch in Mk 10,38 findet. Der »Becher« an sich ist eine unspezifische Metapher für das Schicksal eines Menschen; s. Ps 11,6; 16,5; Ez 23,31-33; Hab 2,16; wohl auch Ps 23,5. Ps 16,5 und 23,5 zeigen, dass das durch dieses Bild bestimmte Schicksal auch positiv sein kann, meist wird die Metapher aber negativ gefüllt: Besonders verbreitet ist (1) das speziellere Bild vom »Zornesbecher« (JHWH gibt jmdm den Becher seines Zorns zu trinken = JHWH verdammt jmdn zu Leid und/oder Tod; s. Ps 75,9; Jes 51,17.22; Jer 25,15-18; 49,12; 51,7; Klg 4,21; Klg 4,21; Ez 23,31-34; Sach 12,2; Offb 14,10; 16,19); bes. um die Abfassungszeit des Mk verbreitet ist (2) außerdem das Bild vom Becher als dem »Schicksal des Märtyrertodes«, s. MartPol 14,2 (»Ich danke dir, dass ich zu deinen Märtyrern gehören und am Becher Christi teilhaben darf«), MartJes 5,13 (Jesaja bei seinem gewaltsamen Tod: »Nur für mich hat Gott diesen Becher gemischt«) und der Ausdruck »(bitterer) Becher des Todes« in TestAb 16,12; TgN zu Dtn 32,1 und TgN, TgJ, TgF zu Gen 40,23. Verwandt ist vielleicht auch der Ausdruck »den Tod schmecken« für »sterben« in Mk 9,1; Joh 8,52; Heb 2,9 und häufiger in der frühjüdischen Literatur. (2) ist sicher auch hier gemeint; so aber einzig GN, die in einer FN auf das »frühjüdische Bild vom Becher des Märtyrertodes« verweisen.Die meisten anderen Üss. - wenn sie nicht bloß wörtlich übersetzen - deuten den Becher als Metapher für Leid: CEB, GNB, HfA, God's Word, NCV, NeÜ, NGÜ, NIRV, NL, NLB, Weymouth u.a. ergänzen entweder »bitterer Kelch« oder häufiger »Kelch des Leidens«. Hilfreicher B/S: »Mach, daß ich diesen Leidensbecher nicht austrinken muss.«; KAM: »Erspare mir diese schwere Stunde und bewahre mich vor diesem Leiden!«; T4T: »Rescue me so that I do not have to suffer now!«. Auch BB erläutert in einer FN, der Becher stehe »für das Leiden, das Jesus bevorsteht« (ebenso die Easy-to-Read Version).
37 Und er kommt (kam) und findet (fand) sie schlafend [vor] und er sagt[e] zu Petrus: „Simon, du schläfst!? (Schläfst du?) Vermochtest du nicht eine einzige Stunde zu wachen!?
38 Seid wach (wachsam) und betet darum, dass (damit)1 ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist2 [ist] zwar willig, aber das Fleisch [ist] schwach.“
- darum, dass (damit) - das entsprechende gr. Wort könnte sich sowohl nur auf »betet« als auch auf beide Verben beziehen: Entweder ist das nicht-in-Versuchung-Geraten dasjenige, worum gebeten werden soll, oder der Effekt des Wachens und Betens.
- Geist – Fleisch - Gemeint ist nicht der Hl. Geist im Gegensatz zum Menschen, wie z.B. B/S deuten (»Der Heilige Geist macht mutig, aber als bloße Menschen sind wir feige«), sondern etwas wie in Röm 7,14-24 und Gal 5,16-25: Auch im gut gesinnten Menschen liegen stets diese seine gute Gesinnung und seine menschliche Schwäche miteinander im Streit; um mit der guten Gesinnung daher die menschliche Schwäche zu überkommen, bedarf es des Gebets. Sinngemäß daher richtig HfA (ähnlich KAM): »Ich weiß, ihr wollt das Beste, aber aus eigener Kraft könnt ihr es nicht erreichen«; auch God's Word und Names of God: »You want to do what's right, but you're weak«; T4T: »You want to do what I say, but you are not strong enough to actually do it«; Worldwide English: »A person's heart can want to do it, but his body is weak.«
39 Und nachdem er erneut weggegangen war, betete und sprach dasselbe Gebet (Wort).
40 Und nachdem er zurückkehrte, fand er sie erneut schlafend [vor],1 denn ihre Augen waren schwer. Und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.2
- Textkritik: Viele wichtige Handschriften auch: „Und nachdem er erneut gekommen war, fand er sie schlafend [vor]“. Schwierige Entscheidung; EÜ16 folgt z.B. der Variante im Fließtext, LUT17 dagegen der alternativen Variante. Diese ist aber eher zu erklären als eine Angleichung sowohl an V. 39 als auch an die fast gleichlautende Parallelstelle Mt 26,43, als dass man unsere Primär-variante als eine Abwandlung der Sekundär-variante zur Herstellung stilistisch besserer Varianz werten sollte (denn warum sollte dann das palin („erneut“) nur drei Wörter nach hinten verschoben worden sein, anstatt es zu streichen?).
- Vorausgesetzt, aber nicht ausgeführt ist hier eine erneute Aufforderung Jesu an die Jünger.
41 Und er kommt (kam) das dritte Mal1 und sagt[e] ihnen: „Von nun an könnt ihr schlafen und euch ausruhen, es langt.2 Die Stunde ist gekommen, siehe!, ausgeliefert wird der Menschensohn in die Hände der Sünder.
- Vorausgesetzt, aber nicht ausgeführt, ist, dass Jesus ein drittes Mal fortgeht und betet. Es ist sehr deutlich: Zunehmend gerät hier nicht in den Fokus, was Jesus tut und wie er empfindet, sondern die Schwäche der Jünger.
- Von nun an könnt ihr schlafen und euch ausruhen, es langt. - Sehr schwieriger Vers; besondere Schwierigkeiten macht das allein stehende apechei (»es langt«), das daher von einigen Handschriften gestrichen, von anderen um to telos ergänzt worden ist: »Das Ziel ist erlangt«. Jedes der Worte macht hier Schwierigkeiten: # Von nun an (a) wird von fast allen übersetzt mit »immer noch« oder »schon wieder«; diese Bedeutung ist aber unbelegt. (b) Seine gewöhnliche Bed. ist »von jetzt an«; (c) einige haben außerdem vorgeschlagen, es stehe hier für »den Rest« (nämlich der Nacht: »Wollt ihr den Rest [der Nacht] schlafen?« (z.B. Marcus 2009, S. 980) (d) oder könne auch als bloßes Funktionswort (»dann also«) gebraucht werden: »Dann schlaft also!« (z.B. Brown 1994, S. 208). # Ihr könnt schlafen und euch ausruhen: Die beiden Verben könnten von ihrer Form her sowohl Imperativ als auch Indikativ und der Satz sowohl ein Frage- als auch ein Aussagesatz sein, möglich ist daher jede der folgenden Versionen:(a) Eine Erlaubnis (permissiver Imperativ): »Ihr dürft schlafen und euch ausruhen.«(b) Ein sarkastischer Befehl: »Dann schlaft doch! Ruht euch nur aus!«(c) Eine Feststellung, die wohl als Vorwurf verstanden werden muss: »Ihr schlaft und ruht euch aus!«(d) Eine Frage, die dann ebenfalls als Vorwurf verstanden werden müsste: »Ihr schlaft und ruht euch aus!?« # Es langt: (a) »Es langt,« ihr könnt aufhören, euch darum zu bemühen, wach zu bleiben (unsere Deutung).(b) »Es langt [mit eurem Schlafen]!« (viele Üss.; z.B. B/S, KAM, T4T, The Passion Translation, The Voice, WIL)(c) »Er (nämlich Judas) hat's erlangt«, nämlich das Geld für seinen Verrat (Brown 1994, S. 201: »The money is paid«).(d) »Sie ist erlangt«, also erreicht – nämlich die Zeit, da Jesu verraten wird (BB, MSG, NGÜ, NLT, R-S: »Es ist so weit!)«(e) »Das Ziel ist erlangt« / »Es ist erlangt« / »Das Ziel ist erlangt? [Nein:] ...« / »Es ist erlangt? [Nein:] ...« Vier Varianten der selben Deutung, die sich an der Hinzufügung von to telos (»das Ziel«) in einigen Handschriften orientieren. Einige halten to telos für ursprünglich; andere gauben, to telos sei sekundär und sei für diese Deutung auch nicht notwendig. So JJ: »Das Erwartete ist da!«; auch Evans 2001, S. 416; Marcus 2009, S. 980.(f) »Er (nämlich Judas) ist fern«; so Gundry 2000, S. 857, der davon ausgeht, das zwischen dieser Äußerung und dem direkt nachfolgenden Satz eine längere Zeitspanne vergeht und dass Jesus den Jüngern deshalb für diese Zeit das Schlafen erlaubt. Besser dann aber »Er ist fern? [Nein,] ...«
42 Erhebt euch, lasst uns aufbrechen! Siehe!, der mich ausliefert, ist genaht.“
43 Und sogleich, noch während er redete, kommt (kam) Judas, einer der Zwölf, und mit ihm eine Menge1 mit Schwertern und Keulen (Schlagstöcken)2 von den Hohepriestern und den Schriftgelehrten und den Ältesten.3
- Menge - unspezifische Bezeichnung, die sich sowohl auf eine „Zivilistenmenge“ – einen „Mob“ (CEB) – beziehen könnte als auch auf ein großes Kommando aus Tempelwächtern und Polizeitruppen. Die Bewaffnung ist nicht aussagekräftig: Auch Zivilisten konnten Schwerter tragen, auch Soldaten Keulen. Dass sie „von den Hohepriestern usw.“ kommen, macht letzteres etwas wahrscheinlicher; letztlich lässt es sich aber nicht mit Sicherheit sagen, wie die „Menge“ zusammengesetzt war und sowohl eine Übersetzung mit „Mob“ als auch eine Übersetzung der Keulen mit „Schlagstöcken“, um die Träger eindeutig als Polizisten zu identifizieren (so schön Lohfink 2011, S. 385), wäre eine Überinterpretation.
- Schwertern und Keulen - auffälliger, als es auf den ersten Blick scheint. Die Geschehnisse tragen sich zu in der Nacht vom 14. auf den 15. Nisan, der Pascha-Nacht. Für diese Festnacht galten aber die gleichen Vorschriften wie für den Sabbat (s. Ex 12,16; Lev 23,7; Num 28,18) und zu diesen gehörte auch das Verbot, Lasten – und also auch Waffen – zu tragen (vgl. Dalman 1922, S. 89). Außer Kraft gesetzt war dieses Gebot nur in Fällen der Todesgefahr (s. t.Sab 15,11; b.Yom 84b), in denen man also z.B. Waffen benötigte, um sein Leben zu retten. Übertrat man wissentlich dieses Verbot, war die angemessene Strafe der Tod (s. Num 15,30-36). Aus der Perspektive des Lesers, der weiß, dass von Jesus natürlich keine Todesgefahr ausgeht, wird also klar: Die Bewaffneten versündigen sich hier sehr schwer.
- Hohepriestern und Schriftgelehrten und Ältesten - Wie in Mk 8,31 die drei Gruppen, die an der Spitze der jüd. Religion standen.
44 Aber der ihn auslieferte, hatte ihnen ein Signal gegeben (ein Signal mit ihnen vereinbart){, sagend}: „Den, welchen ich küssen (lieben) werde,1 der ist es. Ergreift ihn und führt ihn gesichert (unter Bewachung, sicher) ab!“
- küssen (V. 44), küsste (V. 45) - Die Handlung an sich ist nicht bedeutsam; der Kuss (meist auf die Stirn, die Wange oder die Hand) war eine gewöhnliche Form der Begrüßung (s. Ex 4,27; Apg 20,37; Röm 16,16; 1 Kor 16,20; 1 Thess 5,26; 1 Pet 5,14), besonders zwischen Lehrern und ihren Schülern (s. 1 Esra 4,47; t.Hag 2,1; b.Hag 14b; b.Sot 13a). Wie hier aber der Kuss zu bewerten ist, ist klar gesagt: Er ist ein Signal zur Verhaftung Jesu. Mk 14,44 greift damit das verbreitete Motiv des heuchlerischen Kusses auf; s. noch in Gen 27,26f.; 2 Sam 15,5; 20,9; Spr 7,13; 27,6; Sir 29,5. Unterstrichen wird dies noch damit, dass der Kuss als Signal ja gar nicht nötig wäre; schon durch das »Rabbi!« in V. 45 wird ja Jesus identifizierbar.In V. 45 wird ein leicht anderes Wort für »küssen« verwendet als in V. 44: kataphileo (vs. phileo). Das Präfix kata- kann theoretisch das Verb intensivieren (daher z.B. Ernst 1981, S. 433: »küsste ihn innig«), ist aber hier wohl eher wie auch sonst oft im ntl. Griechisch bedeutungslos (auch in Gen 31,28.55 LXX, Ex 4,27 LXX wird kataphileo statt phileo für den normalen Begrüßungskuss verwendet; Marcus 2009, S. 991.). Ganz unwahrscheinlich ist daher auch, dass das Präfix hier ausdrücken soll, dass Judas Jesus wie in Lk 7,45 auf einen tiefer liegenden Körperteil wie die Füße küsst, wie das z.B. Gundry 2000, S. 859 will.
45 Und als er kam [und] sogleich zu ihm kam, sagt[e] er: „Rabbi! (Rabbi, Rabbi!)“,,1 und er küsste ihn.
- Textkritik: Rabbi, Rabbi! - In wenigen Handschriften findet sich auch ein doppeltes „Rabbi“; so daher auch z.B. bei JJ, SLT, TAF. Welche Version die ursprüngliche ist, ist schwer entscheidbar, die Bezeugung des doppelten „Rabbi“ ist aber so schlecht, dass man sich deshalb guten Gewissens mit den meisten Üss. für unsere Primärvariante entscheiden kann.
46 Da legten sie (sie aber legten) die Hände an ihn und ergriffen ihn (nahmen ihn fest).
47 Ein Gewisser aber von den Dabeistehenden1 zog das Schwert, schlug den Diener des Hohepriesters und trennte dessen Ohr (Ohrläppchen?) ab.2
- Ein Gewisser von den Dabeistehenden - Doppelt unspezifischer Ausdruck. Nach Mt und Lk war es einer der Jünger, nach Joh Petrus. Gundry 2000, S. 860 glaubt dagegen, die Rede sei hier von einem der Soldaten, da nur von diesen gesagt sei, dass sie Schwerter hätten. Beides sagt Mk aber gerade nicht; hier ist der Handelnde (wie in Mk 14,69f.; 15,35.39 „einer der Dabeistehenden“; Inhaber einer so unbedeutenden Nebenrolle, dass es nicht nötig ist, ihn näher zu charakterisieren. Richtig daher wohl Brown 1994, S. 266; Evans 2001, S. 424: Die Rede ist von einem, der zu keiner der beiden Parteiungen gehört, sondern zufällig zugegen ist. Gerade nicht also: „One of the disciples“ (T4T), „Einer von den Männern, die bei Jesus standen“ (HfA, NeÜ, NGÜ, NLT) oder gar „Einer von den Männern, die bei Jesus waren, wollte das verhindern. Er zog sein Schwert...“ (KAM).
- In JosAnt XIV,366 und t.Par 3,8 findet sich jeweils eine Erzählung, in der einem Hohepriester das Ohr abgeschnitten wird, wodurch dieser aufgrund dieses körperlichen Makels fortan nicht mehr dazu geeignet ist, Hohepriester zu sein (s. Lev 21,16-23; in V. 18 fügt LXX gar noch explizit hinzu: „Keiner, dessen Ohr abgeschnitten ist [darf den Dienst am Allerheiligsten versehen]“). So verstehen auch unsere Stelle Daube 1960; Lampe 1984; Lohmeyer 1951, S. 322; Rostovtzeff 1934 und Viviano 1989: Der Angriff auf den Diener des Hohepriesters ist als symbolische Handlung zu verstehen, mit der dem Hohepriester über diese Handlung an seinem Repräsentanten die Eignung zum Hohepriestertum abgesprochen wird.
48 Und Jesus antwortete1 {und sagte zu} ihnen: „Wie gegen einen Räuber (Rebellen, Aufwiegler)2 seid ihr mit Schwertern und Keulen ausgezogen, um mich festzunehmen!?
- antwortete - markinisches apokrinomai (dazu vgl. Kleist 1937, S. 162f.): „Antworten“ hier nicht als Reaktion auf eine Anrede oder Frage, sondern auf einen Sachverhalt oder Tatbestand: Jesus ergreift das Wort und nimmt Bezug auf die Tatsache, dass seine Häscher mit Schwertern und Keulen gegen ihn ausgezogen sind.
- Räuber (Rebellen, Aufwiegler) - Gr. lästäs. Etwa zeitgleich zur Abfassung des Mk ist dieser Begriff bei Josephus beinahe terminus technicus für Aufwiegler, für »präpolitische Rebellen«, die auf der Seite der jüdischen Landbevölkerung gegen die römische Macht im Land kämpften (vgl. z.B. Horsley/Hanson 1985, S. 48). So wollen das Wort auch hier einige Exegeten verstehen, weil Jesus doch nie wie ein »Räuber« eines Gewaltverbrechens bezichtigt worden sei (z.B. Evans 2001, S. 424; auch CJB, PAT). Gemeint sind hier aber wohl doch Räuber: Der Gebrauch von Waffen in dieser Festnacht wäre nur in Lebensgefahr zulässig gewesen (s.o.); Jesu Häscher sind also ausgezogen wie gegen einen, von dem Lebensgefahr ausgeht. Die häufige allgemeine Üs. »Verbrecher« verfehlt dies.
49 Tag für Tag (Tagsüber)1 war ich bei euch im Tempel2 und lehrte (Tag für Tag lehrte ich bei euch im Tempel) und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber [es sei], dass die Schriften erfüllt werden!3 (Aber [all dies geschieht], damit die Schriften erfüllt werden.)“
- Tag für Tag (Tagsüber) - Beide Üss. sind möglich, die primäre Üs. findet sich in fast allen Üss. und ist auch sonst stets die Bed. des Ausdrucks im Mk. Die Schwierigkeit bei dieser Üs. ist aber, dass Jesus nach der Logik des Mk durchaus nicht »Tag für Tag« im Tempel war; von seinem Wirken dort wird ausschließlich in Mk 11,17; Mk 11,27-12,44 berichtet, wo er sich zwei Tage lang im Tempel aufhielt. Einige wollen daher sattdessen mit »Tagsüber« übersetzen (z.B. Marcus 2009, S. 993): »Tagsüber war ich doch im Tempel, ihr aber wollt mich nachts ergreifen!« Doch für diesen Aufenthalt tagsüber wird von keiner Lehrtätigkeit Jesu berichtet, so dass dies eher unwahrscheinlich ist.
- im Tempel - gemeint ist der öffentlich zugängliche Vorhof des Tempels.
- [Es sei], dass die Schriften erfüllt werden! - D.h.: »Nun wohl, die Schriften müssen erfüllt werden!«, imperativisches hina: Das »dass«/»damit« markiert hier, dass das Folgende erfüllt werden muss. An konkrete Schriftstellen ist hier wohl nicht gedacht; die »Schriften« sind hier eher ein Ausdruck für »Gottes Wille, der sich (auch) aus den heiligen Schriften herauslesen lässt«: Gottes Heilsplan muss erfüllt werden, nämlich der, dass Jesus unter die Verbrecher gerechnet und hingerichtet wird. Jesus fügt sich mit diesem Ausruf in sein Schicksal, was dann Anlass für die Flucht seiner Anhänger im nächsten Vers ist.
50 Und indem sie ihn verließen, flohen alle.
51 Und ein gewisser junger Mann folgte ihm1 (wollte ihm folgen), bekleidet mit einem Leinentuch2 über [seinem] nackten [Körper], und sie ergreifen (ergriffen) ihn,
- folgte ihm - wohl nicht: „folgte ihm [im Gegensatz zu den anderen, die flohen]“: Imperfekt (statt Aorist wie „fliehen“); gesagt wird, dass auch der junge Mann „ein Nachfolger Jesu war“. Daher nicht „Ein junger Mann allerdings folgte Jesus“ (HfA, NeÜ, NGÜ) o.Ä. Auch er flieht, aber auf bes. schmachvolle Weise; s. die Anmerkungen.
- Leinentuch - hierzu s. die Anmerkungen.
52 aber er ließ das Leinentuch zurück und floh nackt.1
- V. 53 gehört entgegen der üblichen Aufteilung wohl noch zur vorigen Perikope: Das Mk ist häufig strukturiert nach dem Strukturprinzip des sog. „markinischen Sandwich“: Eine Perikope wird in zwei Perikopen aufgeteilt und eine dritte Perikope zwischen die beiden Teile geschoben. Hier gehört V. 54 deutlich Vv. 66-72, aufzuteilen ist also wohl: Vv. 43-53 - V. 54 - Vv. 55-65 - Vv. 66-72.
53 Und sie führten Jesus zum Hohepriester ab und alle obersten (führenden, Hohe-) Priester1 und die Ältesten und die Schriftgelehrten kommen (kamen) zusammen (versammelten sich).
- oberste Priester Auf Griechisch ebenfalls „Hohepriester“.
54 Und Petrus war ihm in einiger Entfernung bis nach drinnen (hinein) in den Innenhof (Palast) des Hohepriesters gefolgt, und [dort] saß er (setzte er sich)1 bei den Dienern (Wächtern)2 und wärmte sich am Licht (Feuer).3
- saß er (setzte er sich) - Aufgelöstes „war“+attr. Ptz., das wohl so verstanden werden muss, dass Petrus schon saß – und sich nicht eben erst setzte. Es scheint ein Zeitsprung stattgefunden zu haben. Darum wird der Aor. im ersten Satzteil gelegentlich als Plqpf. übersetzt.
- Dienern (Wächtern) - Das griechische Wort kann sowohl auf Diener meinen (so Gnilka 1979 2 1989; Collins 2007) als auch hochgestellte Untergebene oder Wächter (so NET Fußnote 78 zu Mk 14,54)
- Licht (Feuer) - Da man sich an Licht nicht wärmen kann, steht es hier metonymisch für Feuer (vgl. Louw/Nida 2,5; a.dt.Ü.).
55 Die obersten (führenden, Hohen) Priester {aber} und der ganze Hohe Rat (Sanhedrin) suchten nach einer Zeugenaussage gegen Jesus, um ihn zu töten, aber sie fanden keine,
56 denn viele machten Falschaussagen gegen ihn, aber ihre Aussagen waren nicht übereinstimmend (gleich).
57 Und einige standen auf und machten gegen ihn Falschaussagen, {sagend}:
58 „Wir haben gehört, wie (dass) er sagte: Ich werde diesen von Hand erbauten1 Tempel abreißen und innerhalb von drei Tagen einen anderen, nicht von Hand erbauten, errichten!“23
- von Hand erbauten - D.h. »von Menschen/menschlichen Händen«.
- Zumindest in der uns überlieferten fraglichen Situation in Joh 2,19 sagt Jesus aber nicht, dass er den Tempel abreißen würde, sondern er fordert die jüdischen Führer dazu auf, spielt aber in Wirklichkeit auf seinen eigenen Körper an (2,21-22). Vielleicht stellt diese Verdrehung die gemachte Falschaussage dar.
- Johannes 2,19; Apostelgeschichte 6,14
59 Aber (und) nicht einmal (auch nicht) darin (so) war ihre Aussage (ihr Zeugnis) übereinstimmend (gleich).
60 Da (und) stand der Hohe Priester auf, [trat]1 in die Mitte und2 fragte (befragte, verhörte) Jesus, {indem er sagte}: „Entgegnest (antwortest) du gar nichts [auf das], was diese gegen dich als Aussage machen?“ („Entgegnest du nichts? Was sagen diese gegen dich aus?“)
- [trat] - So NSS nach BA. Vgl. a.dt.Ü.
- trat in die Mitte und - Attr. Ptz. mit Und-Kombination aufgelöst.
61 Er aber schwieg [weiter]1 und antwortete gar nichts. Wieder fragte (befragte, verhörte) ihn der Hohepriester und sagt[e] [zu] ihm: „Bist du der Messias (Gesalbte, Christus, versprochene Retter), der Sohn des Gepriesenen (Hochgelobten, zu Preisenden)?“
- schwieg [weiter] - Das hier verwendete Imperfekt drückt eine wiederholte oder fortgesetzte Handlung aus.
62 Da (aber) sagte Jesus: „Ich bin [es], und ihr werdet den Menschensohn (Sohn des Menschen) sehen, wie er an der rechten [Seite] des Allmächtigen (der Macht)1 sitzt2 und mit den Wolken des Himmels kommt.“34 5
- Allmächtiger - Eine jüdische Bezeichnung Gottes, um das Aussprechen eines Gottesnamens oder -titels zu vermeiden (TWNT δύναμις C.I.c). Der Platz an der rechten Seite des Gastgebers gilt im Orient als Ehrenplatz.
- wie er an der rechten [Seite] des Allmächtigen sitzt - ein Zitat von Ps 110,1
- Das Reiten auf Wolken war eine Handlung, die im vorderen Orient nur Göttern zugeschrieben wurde.
- AcP. Oder: „werdet ihn sitzen und kommen sehen“. Beide beschriebenen Handlungen stellen Jesus nicht nur als den versprochenen Retter (Messias), sondern auch als göttlich dar. Durch dieses Bekenntnis hat Jesus die falschen Zeugenaussagen unnötig gemacht und den jüdischen Führern einen Beweis gegeben, um ihn wegen Blasphemie anzuklagen, worauf nach dem Gesetz die Todesstrafe stand.
- Daniel 7,13
63 Da (aber) zerriss der Hohe Priester seine Kleider1 [und] sagt[e]: „Wozu (was) bedürfen wir noch Zeugen?
- zerriss seine Kleider - Als Zeichen des Entsetzens riss man bei Gotteslästerung seine Kleider mit einem Ruck am Kragen ein (s. m.San vii 5; vgl. NSS). In Levitikus 21#s10 Lev 21,10 wird aber dem Hohepriester explizit unteragt, seine hohepriesterliche Kleidung zu zerreißen; einmal mehr erweist sich der Hohepriester so als seines Amtes nicht würdig.
64 Ihr habt die Gotteslästerung gehört.1 Was ist eurer Urteil (eure Meinung)?“ Und (aber) sie alle verurteilten ihn, des Todes schuldig zu sein. 2
- Gotteslästerung - Als »gotteslästerlich« erachtet wird wohl hier Jesu Anspruch, dereinst an der rechten Seite Gottes zu sitzen (was sonst nur von besonderen legendarischen Figuren wie Abraham, Moses und David gesagt werden konnte) und auf den Wolken des Himmels wiederzukommen (was sonst nur von Göttern gesagt wird, z.B. in Ps 104,3): Jesus stellt sich hier auf eine Ebene mit Gott. Nach R. Abbahu etwa wird es daher ein Mensch bereuen, wenn er behauptet, Gott zu sein, der Menschensohn zu sein oder in den Himmel aufzufahren (j.Ta'an 2,1). Vgl. zur Gotteslästerung v.a. Bock 2007.
- D.h. „schuldig zu sein und den Tod zu verdienen“ (LN 88.313). Anders aufgelöst: „Und sie alle urteilten, dass er des Todes schuldig war.“
65 Dann spuckten ihn einige an und verhüllten sein Gesicht und prügelten ihn und sagten ihm:1 „Prophezeie!“,2 und [auch] die Diener nahmen sich seiner mit Ohrfeigen an.3
- spuckten ... verhüllten ... prügelten ... sagten - W. „begannen zu spucken und ...“; ein sog. „markinisches archomai“ („beginnen“, vgl. dazu Kleist 1937, S. 154f.), das nicht ins Dt. zu übersetzen ist (so auch Kleist 1937, S. 229). Viele Üss. (z.B. GN, LUT17, NeÜ, NGÜ) übersetzen es doch.
- Textkritik - Nicht wenige Handschriften haben mit Mt 26,68 „Prophezeie uns, Christus: Wer ists, der dich schlägt?“; fast ebenso Lk 22,64: „Prophezeie: Wer ists, der dich schlägt?“. Gleichzeitig findet es sich in so vielen Handschriften nicht, dass es klar sekundär ist und wohl aus Mt in diese Handschriften eingetragen wurde. Textkritisch ist dies für unsere Stelle nicht sehr problematisch, an sich aber höchst interessant, da Mt und Lk ihre Evv. von Mk abgeschrieben haben, ohne einander zu kennen – und sich dieser Zusatz dennoch in beiden Evv. findet, nicht aber im Mk (ein sog. „Minor Agreement“). Vermutlich ist es zu erklären als eine Schöpfung des Lukas, die von Schreibern dann ins Mt eingetragen und von dort dann auch in einige Handschriften des Mk übernommen wurde (vgl. bes. Neirynck 1991; Streeter 1930, S. 325-8).
- nahmen sich seiner mit Ohrfeigen an - W. „sie nahmen ihn mit Ohrfeigen“, wohl dir. Übersetzung einer lat. Redewendung (verberibus eum acceperunt, BDR §5,4) mit der obigen Bed. Einige Üs. geben dagegen „nehmen“ die Bed. „in Empfang nehmen“, was evt. auch möglich ist: „sie nahmen ihn mit Schlägen in Empfang“ (z.B. MEN, MNT, PAT, ZÜR; wohl auch Grosvenor/Zerwick).
66 Und während Petrus unten im Hof1 war, kommt (kam) eine der Mägde des Hohepriesters,
- unten im Hof (V. 66), in den Vorhof (V. 68) - Das Haus des Hohepriesters müssen wir uns also wohl vorstellen als ein zweistöckiges Gebäude, zu dem auch erstens ein nach außen hin offener, aber wohl von einem Tor abgetrennter (s. Mt 26,71) Innenhof und zweitens ein davor gelegener Außen- oder Vorhof gehörte. Jesus wird im Obergeschoss vernommen, Petrus hält sich mit Tempelwächtern und einigen Hausbediensteten im Innenhof auf. Um 1970 wurde in Jerusalem das sogenannte „Burnt House“ gefunden, ein (nur!) etwa 13x15m großes (und damit!) vergleichsweise luxuriöses Gebäude der Familie Qathros aus der Priesteraristokratie. Auch dieses war zweistöckig und hatte einen entsprechenden Innenhof; die Beschreibung ist also realistisch. Der Innenhof dieses Hauses hat die Maße von nur etwa 2,5x2m, säße man in einem solchen Innenhof also um ein Feuer, säße man sehr dicht gedrängt.
67 und als sie sah, dass Petrus sich wärmte, blickte sie ihn an und sagt[e]: „Auch du warst mit1 dem Nazarener Jesus!“
- mit - Vgl. Mk 3|14: »Er bestimmt zwölf, damit sie mit ihm seien«; ausgesagt wird also hier wohl, dass Petrus einer der Anhänger Jesus sei (HfA: »Du gehörst doch auch zu diesem Jesus aus Nazareth!«).
68 Aber er leugnete1 und sagte: „Weder weiß ich noch verstehe ich, was du sagst.“2 Und er ging hinaus nach draußen in den Vorhof,3 {und ein Hahn krähte}.4
- leugnete - Nicht: „leugnete es“. Zur Abfassungszeit des Mk war arneomai („leugnen“) ein beladener Begriff, mit dem Christen, mit dem man auch bezeichnete, wenn Christen, die ob ihres Christseins verfolgt und verhört wurden, sich von Jesus lossagten. Petrus wird hier schon anfanghaft zum Apostat (vgl. Lampe 1973, S. 353; Marcus 2009, S. 1023). S. die Anmerkungen.In V. 70 steht „leugnen“ anders als in V. 68 nicht im Aorist, sondern im Imperfekt; ebenso wie das palin („erneut“) unterstreicht hier also die Wortform, dass Petrus hier schon zum zweiten Mal leugnet.
- Oder: „Weder weiß ich noch verstehe ich. Was sagst du?“, aber vgl. m.Sheb viii 3.6, wo ein Befragter sich „dumm stellt“: „Ich weiß nicht, was du sagst“. So deutet Mk klar auch Mt 26,70. Vielleicht auch: „Weder kenne ich [ihn] noch verstehe ich, was du sagst“; so könnte Lk 22,57 Mk verstanden haben: „Ich kenne ihn nicht, Weib!“Das „weder ... noch“ ist beim Hendyadioin „wissen und verstehen“ eigentlich ungrammatisch und unterstreicht so die Entschiedenheit, mit der Petrus die Unterstellung der Magd von sich weist (vgl. Brown 1994, S. 600; Gundry 2000, S. 888).
- er ging hinaus nach draußen in den Vorhof - im Gr. drei Ausdrücke, deren jedes bedeutet, dass Petrus sich vom Hof und damit auch von Jesus entfernt: exälthen („erging hinaus“) exo („nach draußen“) eis to proaulion („in den Vorhof“); im Gr. 'proaulion („Vorhof“) kommt ebenso wie im Dt. schon sprachlich zum Ausdruck, dass es nicht mehr der „Hof“ (aulä) ist. Petrus distanziert sich.
- Textkritik: {und ein Hahn krähte} (V. 68), zum zweiten Mal ({zum zweiten Mal}) (V. 72) - Schwierige textkritische Frage; in vielen wichtigen Handschriften finden sich diese Worte, in vielen wichtigen Handschriften fehlen sie. Entweder wurden die in V. 68 gestrichen, um Mk an Mt und Lk anzugleichen, oder sie wurden hinzugefügt, um Jesu Prophezeiung in V. 30 sich deutlicher erfüllen zu lassen (vgl. TCGNT, S. 115f.), und entweder wurden die in V. 72 gestrichen, weil nur von einem Hahnenschrei die Rede ist, oder auch sie wurden aus dem selben Grund hinzugefügt. In einigen Handschriften finden sich die Worte aus V. 72, nicht aber die aus V. 68. Wären beide ursprünglich, gäbe es keinen guten Grund, die in V. 68 zu streichen, wenn doch in V. 72 von einem zweiten Hahnenschrei die Rede wäre; dass V. 68 sekundär und V. 72 ursprünglich ist, ist daher etwas wahrscheinlicher. Das würde dann auch erklären, warum in Mt und Lk nur von einem Hahnenschrei die Rede ist: Auch bei Mk würde dann nur von einem Hahnenschrei berichtet, obwohl dieser als der „zweite Hahnenschrei“ bezeichnet wird (so richtig Willker). So z.B. auch EÜ; anders z.B LUT.
69 Und als die Magd ihn sah, sagte1 sie erneut zu den Dabeistehenden: „Dieser gehört zu2 ihnen!“
- sagte - W. „begann sie zu sagen“; ein sog. „markinisches archomai“ („beginnen“, vgl. dazu Kleist 1937, S. 154f.), das nicht ins Dt. zu übersetzen ist (so auch Kleist 1937, S. 229). Einige Üss. übersetzen es aber doch (z.B. LUT17).
- gehör(s)t zu - W. »ist von«.
70 Aber er leugnete wieder. Und kurz danach sagten diejenigen, die dabeistanden, erneut zu Petrus: „Wahrhaftig, du gehörst zu ihnen, denn du bist auch ein Galiläer!“1
- Textkritik: Einige Handschriften fügen hinzu: „... und deine Sprache ist ähnlich“ (nämlich der von Jesus); so auch JJ, SLT, TAF. Dies könnte gut auch ursprünglich sein (so z.B. Cranfield 1959, S. 447; die Version von Mt („deine Sprache verrät dich“) wäre dann eine kontextgemäßere Paraphrase), wird aber von fast allen Üss. als sekundär angesehen. Einzig deshalb auch hier; letztlich ist diese Frage aber nicht entscheidbar.Dass Galiläer eine leicht andere Aussprache hatten als der Rest Israels, ist recht gut bezeugt; s. b.Ber 32a; b.Meg 24b; b.Erub 53b.
71 Er aber verfluchte1 und zu schwor: „Ich kenne diesen Menschen nicht, [von] den ihr sprecht!“
- verfluchte - W. „begann zu verfluchen“; ein sog. „markinisches archomai“ („beginnen“, vgl. dazu Kleist 1937, S. 154f.), das nicht ins Dt. zu übersetzen ist (so auch Kleist 1937, S. 229). Viele Üss. übersetzen es aber doch.Die Üs. „verfluchen“ ist treffender als das intransitive „fluchen“, das sich in den meisten Üss. findet, da auch das Gr. anathematizo stets ein Objekt hat (s. z.B. Num 21,2f. LXX; Dtn 13,5; 20,17 LXX; Ri 1,17; 21,11 LXX u.ö.). Petrus „stößt“ also keine „Flüche aus“, sondern er „verflucht jemanden“. Dieser „Jemand“ könnte Petrus selbst sein – im Alten Israel konnte man etwas durch eine Selbstverfluchung schwören, nach dem Muster „Ich schwöre X, und wenn es unwahr ist, soll mir Y wiederfahren“; s. z.B. 1 Sam 20,12f.; 2 Sam 3,9; Ijob 31; Ps 7,4-6; so z.B. schön B/N („Petrus aber schwor heilige Eide und sagte: ‚Ich will verflucht sein, wenn ich den Mann kenne...‘“), JJ, MEN („Er aber fing an, sich zu verfluchen...“), SLT, Stier, TAF –, viele Exegeten denken aber, dass Petrus wahrscheinlicher hier Jesus verflucht (z.B. Brown 1994, S. 605; Gundry 2000, S. 890; Lampe 1973, S. 354; Marcus 2009, S. 1019f.), was Leser zur Zeit der Christenverfolgung sicher mindestens mitgelesen hätten (s. die Anmerkungen). So übersetzt leider nur WIL: „Er aber begann nun, ihn zu verfluchen und zu schwören: ‚Ich kenne diesen Menschen nicht...!‘“
72 Und sogleich krähte zum zweiten Mal ({zum zweiten Mal}) ein Hahn. Da erinnerte sich Petrus an das Wort, wie1 Jesus zu ihm gesagt hatte: „Bevor dem zweimaligen Krähen des Hahns wirst du mich dreimal verleugnen.“ Und er brach in Tränen aus.2
- das Wort, wie - redundanter Ausdruck (gewöhnlicher: „erinnerte sich an das Wort, das Jesus gesagt hatte“ oder „erinnerte sich an das Wort, wie Jesus gesagt hatte“); sowohl „das Wort“ als auch „wie“ verweist den Leser zurück auf den Ausspruch Jesu in V. 30.
- brach in Tränen aus - sehr schwieriger Ausdruck im Gr.; Bed. unsicher. W. „Und überworfen/draufgeworfen habend, weinte er“. Vorgeschlagen wurde: # „[Sich] hineingeworfen habend [nämlich ins Weinen], weinte er“, also „Er fing an zu weinen/brach in Tränen aus“ (so wird das Wort mit Infinitiv (nicht aber als Partizip mit finitem Verb!) auch verwendet von Diogenes Laertius, Vit 6.27 und Plutarch, De Phyt Orac 402B (wohl nicht PTebt 50,12); so auch VUL, Syr, Theophylakt; einige Handschriften haben stattdessen auch „fing an zu weinen“; so daher z.B. auch BDR §308, EWNT, LN; Cranfield 1959, Ernst 1981; auch die meisten dt. Üss. # „[Seinen Geist darauf] geworfen habend, weinte er“, also „Als er daran dachte, ...“. So z.B. LSJ; auch Dschulnigg 2007; auch viele engl. Üss. Dann wäre der Satz aber merkwürdig redundant mit dem „Da erinnerte sich Petrus...“ (so richtig Gundry 2000, S. 891). # „[Sich hinaus]geworfen habend, weinte er“, also „Hinausgestürmt seiend, ...“; so z.B. Brown 1994; Marcus 2009. Doch für diese Verwendung fehlen die Parallelen. # „[Sich etwas] übergeworfen habend, weinte er“, nämlich ein Kleidungsstück über den Kopf, wie häufiger ein Ausdrck der Trauer. So schon Theophylakt, Field 1899, S. 41-43; auch ZÜR1931. Doch hier fehlte ein Objekt des Verbs. # „[Sich] auf [den Boden] geworfen habend, weinte er“; so z.B. B/N, MNT, viele engl. Üss. Aber auch hier fehlen die Parallelen.
Chapter 15
1 1 Und dann frühmorgens, nachdem die Oberpriester mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem gesamten Synedrium Rat gehalten hatten (einen Plan gefasst hatten) [und] nachdem sie Jesus gefesselt hatten, führten sie ihn ab und lieferten ihn an Pilatus aus.
- [Status: Zuverlässig]
2 Und Pilatus fragte ihn: „Bist ''du'' der König der Juden (Judäer)?“ Er {aber} antwortete ihm {und sagt}: „Du sagst [es].“
3 {Und} [da] klagten ihn die Oberpriester vieler [Dinge] an.
4 Und Pilatus fragte ihn erneut {und sagte}: „Antwortest du nichts? Siehe, wie viel sie dich beschuldigen!“
5 Jesus aber antwortete nicht länger, sodass Pilatus sich wunderte.
6 Nun ließ er ihnen zum Fest ''einen'' Gefangenen frei, den sie erbaten.
7 Es war aber einer, der Barabbas genannt wurde [und] mit den Aufständischen gefangen, worden war, welche während des Aufstandes einen Mord begangen hatten.
8 Und die Menschenmenge stieg hinauf und begann zu bitten, [zu tun] was er für sie zu tun pflegte.
9 Und Pilatus antwortete ihnen {und sagte}: „Wollt ihr, dass ich euch den »König der Juden (Judäer)« freilasse?“
10 Denn er wusste, dass die Oberpriester ihn aus Neid übergeben hatten.
11 Die Oberpriester aber hetzten die Menschenmenge auf, dass er ihnen vielmehr Barabbas freilassen solle.
12 Und Pilatus antwortete ihnen erneut [und sagte]: „Was nun wollt ihr, dass ich [mit dem] mache, den ihr den »König der Juden (Judäer)« nennt?“1
- wollt ihr und den ihr nennt nicht in allen Zeugen vorhanden. Es könnte sich um eine Anpassung an Mt 27,21.22 handeln oder einem Versuch den Hohepriestern den Titel König der Juden in den Mund zu legen. Wir folgen hier der Entscheidung NA27/28 (TCNT, S.99) Alternative Leseart: Was nun tue ich mit dem König der Juden?
13 Sie aber schrien erneut: „Kreuzige ihn!“
14 Und Pilatus sagte zu ihnen: „Was hat er denn Schlechtes getan?“ Sie aber schrien maßlos: „Kreuzige ihn!“
15 Da aber Pilatus der Menschenmenge gefallen wollte, ließ er ihnen Barabbas frei, und übergab Jesus, nachdem er ihn gegeißelt hatte, damit er gekreuzigt werde.
16 Und die Soldaten führten ihn in den Hof – das heißt: das Prätorium – und {sie} riefen1 die gesamte Truppe zusammen.
- Historisches Präsens
17 Und sie ziehen ihm einen Purpurmantel an, und sie flochten eine Krone aus Dornen und setzen sie ihm auf.
18 Und sie begannen, ihn zu grüßen: „Sei gegrüßt, König der Juden (Judäer)!“
19 Und sie schlugen seinen Kopf mit einem Rohr und bespuckten ihn, und sie gingen auf die Knie und beteten ihn an.1
- προσκυνεο wird im Kontext des NT immer nur in Hinblick auf die Verehrung eines Gottes verwendet.
20 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus, und sie zogen ihm seine Kleider an. Dann führen sie ihn ab, um ihn zu kreuzigen.
21 Und sie zwangen1 einen Passanten, einen gewissen Simon Kyrene, der vom Feld kam, von Vater von Alexander und Rufus, damit er sein (dessen) Kreuz träge.
- Historisches Präsens
22 Und sie bringen ihn zu dem Ort Golgata – das heißt übersetzt: Ort des Schädels.
23 Und sie gaben ihm mit Myrrhe vermischten Wein, er aber nahm [den Wein] nicht.
24 Und sie kreuzigen ihn und ''{sie} teilten seine Kleider, indem sie ein Los über {sie} [die Kleider] warfen''1, wer was nähme. 2
- Historisches Präsens
- Psalm 22,19
25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
26 Und als Inschrift seiner Schuld stand über [ihm] geschrieben: Der König der Juden (Judäer).
27 Und zusammen mit ihm kreuzigen sie zwei Räuber, einen zur seiner Rechten und einen zur seiner Linken.
28 {Und erfüllt wurde die Schrift[, die sagt]: Mit den Ungerechten wurde er [zusammengetan] {angerechnet}}1
- Sollte in Lesefassug entfallen. Vers 28 fehlt in den wichtigsten und frühsten Zeugen. Eine nachträgliches Hinzufügen aufgrund von Lk 22,37 scheint wahrscheinlicher als eine nachträgliche Streichung (TCNT, S.99).
29 Und die Vobeilaufenden lästerten {über} ihn, schüttelten ihre Köpfe und sagten: „Aha! Der [du] den Tempel niederreißt und in drei Tagen aufbaust,
30 rette dich selbst, [indem du] von dem Kreuz herabsteigst!“
31 Genauso spotteten auch die Oberpriester zueinander mit den Schriftgelehrten{ und sagten}: „Andere hat er gerettet, sich selbst vermag er nicht zu retten.
32 Der Gesalbte (Christus), der König Israels, er soll jetzt von dem Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben!“ Und die Mitgekreuzigten {mit ihm} beleidigten ihn [auch].
33 Und zur sechsten Stunde, geschah eine Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde.
34 Und zur neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: „Eloi, eloi, lema sabachthani?“1 Das heißt übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
- Die Form ελωι ist zum einen besser bezeugt und steht der aramäischen Fassung von Ps 22,2 אֱלָהִי näher. Dies gilt auch für den letzten Teil des Psalmzitats: λεμα σαβαχθανι. Die hebräische Fassung von Psalm 22,2 lautet: אֵלִי אֵלִי לָמָה עֲזַבְתָּנִי.
35 Und als einige der Beistehenden [dies] hörten, sprachen sie: „Siehe, er ruft Elia.“
36 Jemand aber lief [und] füllte einen Schwamm [mit] Essig und steckte [ihn] auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: „Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn herabzunehmen!“
37 Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und tat seinen letzten Atem.
38 Und der Vorhang des Tempels wurde entzwei zerrissen von oben nach unten.
39 Als nun der Centurio, der ihm gegenüber dabeistand, sah, dass er auf diese Weise schrie [und] seinen letzten Atem tat, sagte er: „Wahrlich, dieser Mensch war[und bleibt]1 Gottes Sohn!“
- Imperfekt consecutivum
40 Es waren aber auch Frauen [anwesend], die von Weitem zuschauten, unter ihnen auch Maria Magdalena und Maria, die Mutter von Jakobus dem Jüngeren (Kleineren) und Joses, und Salome,
41 {und} die ihm, als er in Galiläa war, nachgefolgt waren und ihm gedient hatten und viele andere [Frauen], die mit ihm nach Jerusalem hinaufgestiegen1 waren.
- Ptz. fem. - Daher Frauen ergänzt.
42 Und als es Abend wurde, weil es der Tag der Vorbereitung war, das heißt: der Tag vor dem Sabbat,
43 kam Josef von Arimatäa, ein angesehenes Mitglied des Rates, der auch selbst das Reich Gottes angenommen hatte, wagte [es] und ging hinein zu Pilatus, und {er} bat um den Leichnam (Leib) von Jesus.
44 Pilatus aber wunderte sich, dass er schon gestorben sei, und er rief den Centurion herbei und fragte ihn, ob er lange gestorben sei.
45 Und als er [es] von dem Centurion erfuhr, gab er Josef den Leichnam.
46 Und er kaufte ein Leinentuch und nahm ihn herab, wickelte [ihn] in das Leinentuch, und {er} legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war, und er rollte einen Stein vor den Eingang (Tür) des Grabes.
47 Aber Maria Magdalena und Maria, die [Mutter] von Joses, sahen, wo er hingelegt worden war.
Chapter 16
1 1 Und als der Sabbat vorüber war2, kauften Maria [von, aus] Magdala und Maria, [die Mutter] des Jakobus3 und Salome Spezereien (wohlriechende Kräuter, Gewürze)4, um [zum Grab] zu gehen [und] ihn zu salben.
- [Status: Zuverlässig]
- Gen. abs., temporal aufgelöst
- Bezeichnung der Mutter nach dem Sohn: BDR § 162,3
- Die Salbung der Toten geschah mit Öl; Aromata wurden nur für die Salbung von Königen verwendet. Bei den Aromata handelt es sich um seltene, wohlriechende pflanzliche Essenzen. Ziel der Salbung ist die Erhaltung des Leichnams - diese Absicht bildet an dieser Stelle einen (gewollten) Kontrast. „Es scheint die Frauen nicht zu stören, dass die Salbung einer bereits eingewickelten Leiche ‚ein kühner Gedanke‘ (Wellhausen) ist“ (Gnilka 1979, 340).
2 Und sehr (ganz) früh am ersten [Tag] der Woche (am Sonntag) 1 gingen sie zum Grab, während (als) die Sonne aufging2.
- μιᾴ zur Angabe eines bestimmten Tages steht der einfache Dativ, BDR § 200, Anm. 4. Der erste Tag der Woche wird durch μιᾷ bezeichnet; μιᾷ τῶν σαββάτων = am Sonntag. Vorbild war das Hebräische, das die Wochentage durch Kardinalzahlen statt durch Ordinalzahlen bezeichnet, BDR § 247,1; B/S I, S. 1052-1054; Markus kannte aber noch keinen „Sonntag“, (Gnilka 1979, 341), daher als Übersetzung am besten „am ersten Tag der Woche“. Gemeint ist aber natürlich der Sonntag.
- Gen. abs., temporal aufgelöst
3 Und sie sprachen zu einander: Wer wälzt {für} uns den Stein aus der Tür des Grabes (von der Tür des Grabes ab)?
4 Und als sie aufblickten1, nehmen sie wahr (merken sie), dass der Stein abgewälzt (weggewälzt) war; er war nämlich sehr groß.
- Ptz. coni., temporal aufgelöst
5 Und nachdem sie hineingegangen waren1 in das Grab, sahen2 sie einen Jüngling zur Rechten (auf der rechten Seite)3 sitzen, der ein weißes Gewand an(gezogen)4 hatte, und sie entsetzten sich (waren sehr erstaunt).
- Ptz. coni., temporal aufgelöst
- Historisches Präsens.
- Die rechte Seite war die glückverheißende Seite (Gnilka 1979, 341).
- Die Stola, eine lange Stoffbahn, wurde nicht angezogen, sondern umgeworfen. Aber im dt. Sprachgebrauch werfen wir keine Kleidung um, sd. eine Jacke oder ein Tuch; das ist hier aber nicht gemeint: die Stola ist die normale Bekleidung
6 Er aber spricht1 zu ihnen: Entsetzt euch nicht (Seid nicht erstaunt)! Ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden (er wurde auferweckt) 2, er ist nicht hier. Hier [ist] (Siehe) der Ort (die Stelle), wo sie ihn hingelegt haben.
- Die Botschaft des Engels wird präsentisch eingeführt, um darauf hinzuweisen, dass sie das Zentrum dieser Perikope ist(Gnilka 1979, 340).
- Das Passiv von ἐγείρω bedeutet auferstehen; man kann es aber auch passiv übersetzen: wurde auferweckt, um das Handeln Gottes zu betonen, so Gnilka 1979, 342.
7 Aber los! (Auf!, Geht fort, Doch geht), sagt [es] seinen Jüngern und Petrus, dass er1 euch vorangeht nach Galiläa2. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch sagte.
- Also Jesus.
- Man kann das ὅτι auch als Ὅτι recitativum auffassen, das eine wörtliche Rede einleitet und dann nicht übersetzt wird: Er geht euch voran nach Galiläa
8 Und sie gingen hinaus1 und flohen von dem Grab, sie waren nämlich ergriffen von (hatten) Angst (Zittern) und Entsetzen (Bestürzung)2. Und sie sagten keinem (niemandem) etwas; denn3 sie fürchteten sich. 4
- Ptz. coni., beiordnend aufgelöst
- Vgl. auch Markus 4,41; 5,15.33.42
- oder: nämlich (dann am Schluss des Satzes: sie fürchteten sich nämlich)
- Mit Vers 8 endet das Markusevangelium in den ältesten Quellen (4. Jh.: א und B). Vermutlich ist das abrupte Ende Absicht, um die verstörende Unbegreiflichkeit der Auferstehung zu betonen (Collins 2007, 800) oder um den Leser durch das offene Ende in die erzählte Geschichte hineinzuziehen (Fußnote der NET-Übersetzung zu Mk 16,8). Man kann es außerdem als Aufforderung an die Leser verstehen, von Jesu Auferstehung zu erzählen. Die anderen, später geschriebenen Evangelien enthalten am Ende noch zusätzliche Erscheinungsberichte, was das Markus-Ende im Vergleich hierzu noch abrupter wirken lässt (Collins 2007, 800–801). Es entstanden darum verschiedene Fortsetzungen, die das vermeintlich fehlende Ende des Markus-Evangeliums ergänzen sollten (Fußnote der NET-Übersetzung zu Mk 16,8). Die kürzere Ergänzung lautet: „All diese Nachrichten verkündeten sie sogleich denen, die bei Petrus weilten. Sodann sandte auch Jesus selbst von Osten bis Westen durch sie die heilige und unvergängliche Botschaft der ewigen Rettung aus. Amen“. Sie findet sich in einer sehr frühen lateinische Übersetzung (4./5. Jh.: k). Ansonsten ist sie in wenigen Handschriften zusammen mit dem längeren Ende belegt. Das längere Ende, das später die Versnummern 9 bis 16 erhielt, fasst Passagen anderer Evangelien summarisch zusammen und unterscheidet sich dabei sprachlich vom Rest der Evangeliums (Fußnote der NET-Übersetzung zu Mk 16,8). Es ist ab dem 5. Jh. (A, C und D) sowie in den meisten späten Handschriften belegt. Oft ist es durch einen kurzen Hinweistext oder durch textkritische Zeichen als unsicher markiert. Dass die sehr frühen Handschriften fast alle nach Vers 8 aufhörten, lässt sich auch durch Aussagen von Eusebius (3./4. Jh.) und Hieronymus (4./5. Jh.) belegen. Es wird in der wissenschaftlichen Literatur gelegentlich überlegt, ob nach Vers 8 vielleicht ursprünglich ein anderes Ende folgte, dass bereits sehr früh verloren ging. Dagegen spricht, dass das Evangelium im 1. Jh. wohl auf einer Schriftrolle und nicht auf Einzelblättern geschrieben wurde (Fußnote der NET-Übersetzung zu Mk 16,8).
9 Nachdem (als, weil)1 er auferstanden war am frühen Morgen (im Morgengrauen) des ersten Tags der Woche (des Sabbats), erschien er als erstes Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 2 3
- Partizip aufgelöst
- Lukas 8,2
- Johannes 20,14
10 Als sie ging, es denen zu bekanntzumachen (zu verkündigen), die bei ihm gewesen waren, trauerten sie weinten sie.
11 Und eben diese – obwohl (als, nachdem) sie hörten, dass [Jesus] lebte und von ihr gesehen worden war, da glaubten sie [es ihr] nicht.
12 Danach {aber} erschien er zwei von ihnen, als (während) sie unterwegs waren, in anderer Gestalt, als (während) sie aufs Land [hinaus] gingen. 1
- Lukas 24,13
13 Auch diese gingen und berichteten es den anderen. Die glaubten es jenen [ebenfalls] nicht.1
- Lukas 24,33
14 Später wiederum (aber), als sie gerade [zu Tische] lagen (gemeinsam aßen)1 erschien er den elf [Jüngern], und er tadelte ihren Unglauben (ihr Mißtrauen, ihre Treulosigkeit) und ihre Hartherzigkeit, dass sie denen, die ihn auferstanden gesehen hatten, nicht geglaubt (vertraut) hatten.2 3
- Nach griechischer Tischsitte war es üblich, beim Essen zu liegen.
- Lukas 24,36
- Johannes 20,26
15 Und er sagte zu ihnen: „Geht in die ganze Welt hinaus und macht meine Freuden-Botschaft bekannt (verkündet mein Evangelium) der ganzen Schöpfung.1
- Matthäus 28,19
16 Wer 1 glaubt (vertraut, treu ist) und sich taufen lässt, wird gerettet werden. Wer dagegen nicht glaubt (nicht vertraut, treulos ist), wird gerichtet werden.
- Generisches Maskulinum
17 Diese Wunder (Zeichen) {aber} werden die Glaubenden begleiten: In meinem Namen werden sie Dämonen (Geister, übernatürliche Wesen) austreiben; in neuen (d.h. unbekannten) Sprachen (Zungen) werden sie reden; 1 2
- Markus 11,22
- Apostelgeschichte 2,4
18 sie werden Schlangen aufheben1; und wenn sie etwas Tödliches tranken, werden sie keinesfalls sterben; bei Kranken werden sie Hände auflegen und es wird {ihnen} [diesen wieder] gut gehen.“ 2 3
- Viele Handschriften haben zusätzlich die Worte »Und mit ihren Händen …«.
- Markus 6,5
- Markus 6,13
19 Der Herr, Jesus, wurde {nun zwar} nach diesem Reden in den Himmel aufgenommen und setzte sich zu Gottes rechter Seite,1
- Lukas 24,51
20 jene aber gingen hinaus [in die Welt] und verkündeten (predigten) überall , wobei1 der Herr mitwirkte und [ihre] Rede (das Wort) dadurch bekräftigte, dass sich Wunder einstellten (durch nachfolgende Zeichen stärkte/bestätigte).
- Absoluter Genitiv