reltext

Chapter 1

1 Heil dem, der nicht einhergeht nach der Frevler Weise,1 / Der sich nicht einläßt auf den Weg der Sünder2 / Noch in der Spötter Kreis sich mischt,3

  1. Der die Grundsätze der Gottlosen nicht teilt und von ihrer Gesinnung frei ist. Rö 12:2
  2. Der sich von dem Lasterleben der Sünder fernhält. Eph 4:17, 5:11, 15-17
  3. Hier scheint an bestimmte Kreise und Gesellschaften gedacht zu sein, in denen der Glaube verspottet wird.

2 Der vielmehr am Gesetze Jahwes sich ergötzt1 / Und Tag und Nacht darüber forschend sinnt!

  1. Gemeint ist das mosaische Gesetz als die heilige Lebensordnung Israels. Jos 1:8

3 So gleicht er einem Baum, gepflanzt an Wasserbächen,1 / Der seine Früchte bringt zu rechter Zeit / Und dessen Blätterschmuck nicht welkt:2 / Sein ganzes Tun gerät ihm3 wohl.

  1. Vgl. Jer 17:8. — Der Baum, der durch mehrere Bäche von verschiedenen Seiten her mit nährender und erfrischender Feuchtigkeit versorgt wird, ist so fest eingepflanzt, daß ihn auch die heftigsten Winde nicht zu Fall bringen können.
  2. In dem Blätterschmuck des frischen Laubes können wir vielleicht ein Bild des Glaubens und in den Früchten ein Bild der Gott-wohlgefälligen Werke erkennen.
  3. Dem Frommen.

4 Ganz anders ist es mit den Frevlern! / Sie werden wie die Spreu vom Wind verweht.1

  1. So sind sie das gerade Gegenteil eines an Wasserbächen festgewurzelten Baumes; ohne Lebenskraft und Lebensfrische, sind sie ganz nichtig und haltlos.

5 Drum können auch die Frevler im Gericht nicht bestehn / Noch Sünder bleiben unter den Gerechten.1

  1. Wörtlich: "in der Gemeinde der Gerechten." Am Tag des Gerichts wird Gott die Frevler und Sünder endgültig aus der Gemeinde der Gerechten ausschließen. Wie oft wird das auch im Neuen Testament bezeugt!

6 Denn Jahwe kennt der Gerechten Weg,1 / Der Weg der Frevler aber endet im Verderben!2

  1. 2Ti 2:19, 1Kor 13:12b.
  2. Off 20:15, 22:15.

Chapter 2

1 Warum sind die Heiden so wild erregt? / Warum sinnen die Völker, was nichtig ist?1

  1. Was ohne Verstand und Bestand ist.

2 Der Erde Könige lehnen sich auf, / Und die Würdenträger beraten sich / Wider Jahwe und seinen Gesalbten:

3 "Auf, laßt uns sprengen ihre Bande / Und von uns werfen ihre Seile!"

4 Der in den Himmeln thronet, lacht, / Adonái spottet ihrer.

5 Dann aber1 redet er sie an im Zorn / Und wird sie schrecken in seinem Grimm:

  1. Wenn die Zeit seiner Langmut und Geduld zu Ende ist.

6 "Ich habe meinen König eingesetzt / auf Zion, meinem heilgen Berg!"1

  1. Ihr wollt euch auflehnen? Ich habe meinen König eingesetzt! Wie könnt ihr also Jahwes Machtwillen widerstehen?

7 "Ich will verkünden Jahwes Spruch:1 / Er hat mir gesagt: 'Mein Sohn bist du, / Ich habe dich heute gezeugt!2

  1. Jetzt ergreift der gesalbte König selbst das Wort und verkündigt, was er kraft göttlichen Verheißungsspruches ist und kann.
  2. D.h. ich habe dich durch die Salbung in das Königtum eingesetzt.

8 Fordre von mir, so geb ich dir Völker zum Erbe / Und die Enden der Erde zum Eigentum.

9 Du sollst sie zerschmettern mit eisernem Stab, / Wie Töpfergeschirr sie zerschlagen!'"1

  1. Vgl. Off 2:27, 12:5, 19:15.

10 Nun denn, ihr Könige, seid verständig!1 / Lasset euch warnen, ihr Richter auf Erden!

  1. Die Ermahnung richtet sich an die Könige insgemein.

11 Dienet Jahwe mit Ehrfurcht / Und jubelt ihm zu mit Zittern!1

  1. Das Jubeln soll verbunden sein mit Zittern der Ehrfurcht, denn Gott ist ein verzehrendes Feuer. Heb 12:28

12 Küsset1 den Sohn, damit er2 nicht zürne / Und ihr umkommet auf euerm Weg! / Denn bald wird sein Zorn entbrennen. / Heil allen, die bei ihm Zuflucht suchen!3

  1. Küssen bedeutet huldigen. Samuel küßte den Saul, 1Sa 10:1 und damit huldigte er ihm als König.
  2. Jahwe.
  3. Ps. 1 beginnt mit einem Heilruf, Ps. 2 endigt damit. / Ps. 2 hat keine Überschrift mit dem Namen des Verfassers. Apg 4:25 wird er David zugeschrieben. Es ist aber unmöglich, seinen Verfasser und die Zeit seiner Abfassung näher zu bestimmen. Der Psalm zerfällt in vier Strophen, jede Strophe hat drei Verse. In der ersten Strophe (V1-3) sieht der Psalmist die Völker der Erde in offenem Aufruhr gegen Jahwe und den von ihm gesalbten König. In der zweiten Strophe (V4-6) schaut der Dichter über diesem wilden Kriegsgetümmel Jahwe in ruhiger Erhabenheit auf seinem Thron und hört sein Zorneswort an die Empörer. In der 3. Strophe (V7-9) ergreift dann der von Jahwe gesalbte König das Wort und redet auf Grund eines göttlichen Verheißungsspruchs von seiner Königsweihe und seinem Anrecht auf die Weltherrschaft. In der 4. Strophe (V10-12) wendet sich der Psalmist an die Könige der Erde und rät ihnen mit dem Hinweis auf Gottes künftiges Zorngericht, Jahwe und seinem Gesalbten in Demut zu huldigen. — Die Worte des 2. Psalms passen in ihrem Vollsinn auf keinen König aus Davids Hause. Sie weisen vielmehr prophetisch hin auf den, der nicht nur Davids Sohn ist, sondern auch Davids Herr. Ps 110:1 Jesus ist der Christus, der Gesalbte, der Sohn Gottes. Das "Heute" im 7. Vers des 2. Psalms ist der Tag seiner Auferstehung und Himmelfahrt, wodurch er, der seinem Wesen nach der ewige Sohn des Vaters ist, auch als wahrhaftiger Mensch zu der Machtfülle des Sohnes Gottes erhoben und in das himmlische Hohepriestertum eingesetzt worden ist, so daß er nun einen Namen zum Erbe empfangen hat, der keinem Engel je zuteil geworden ist. Apg 13:33, Rö 1:3, Heb 5:5, 1:5 Als wahrhaftiger Mensch besitzt der Sohn alle Macht im Himmel und auf Erden. Mt 28:18 In dieser Königsmacht und Königsherrlichkeit wird er dereinst erscheinen, um an dem großen Tag des "Zornes" des Lammes (Off 6:17) alle seine Feinde zu vernichten. — Nach Apg 4:25-28 haben sich die ersten beiden Verse unseres Psalms schon zum Teil erfüllt in der Feindschaft Israels und der Heiden gegen Jesus, Gottes heiligen Knecht, und gegen seine Bekenner. Aber erst am Schluß der christlichen Welt- und Völkergeschichte, in dem großen Endkampf zwischen Christus und Antichristus samt seinen Verbündeten wird sich dieser wunderbare prophetische 2. Psalm in vollem Maße erfüllen (Off 19:11-21, bes. V15; 17,12-14; 2Th 2:8). — Möchte das ernste Wort der Mahnung und Warnung in der 4. Strophe des Psalms von allen christlichen Machthabern beherzigt werden, solange noch die Zeit der Gnade währt!

Chapter 3

1 Ein Psalm1 Davids, als er vor seinem Sohne Absalom floh.2

  1. Hebr. Mizmôr; das Wort bedeutet ein Lied, das für musikalische Begleitung bestimmt ist. Es kommt in den Überschriften von 57 Psalmen vor.
  2. 2Sam. 15-18.

2 Jahwe, wie sind meiner Dränger so viel! / Viele erheben sich wider mich.

3 Gar manche sagen von mir: / "Er findet keine Hilfe bei Gott."1 Sela.2

  1. Im Hebr. steht "bei Elohim".
  2. Über "Sela" siehe die Einleitung.

4 Du aber, Jahwe, bist mir ein Schild,1 / Du, mein Ruhm, du erhebst mein Haupt.2

  1. Stündlich hat David einen Überfall von seinem empörerischen Sohn zu befürchten; aber Gott ist gleichsam der Schild, der ihn vor aller Gefahr schützt. vgl. 1Mo 15:1
  2. Das Königtum hat David durch Absaloms Aufruhr verloren, aber er rühmt sich auch ferner seines Gottes. Verhüllten Hauptes ist David auf der Flucht vor Absalom den Ölberg hinangestiegen; 2Sa 15:30 aber Gott erhebt sein Haupt, indem er ihm Mut und Zuversicht schenkt.

5 Zu Jahwe rufe ich laut, / Und er erhöret mich von seinem heiligen Berge.1 Sela.

  1. Gemeint ist der Berg Zion, auf dem die Bundeslade als das Sinnbild der heiligen Gegenwart Gottes stand.

6 Ich legte mich nieder und schlummerte ein; / Nun bin ich erwacht, weil Jahwe mich stützt.1

  1. Es steht für David fest, daß Gott ihn schützen wird, weil er ihn auch in der vergangenen Nacht bewahrt hat. Gott "stützt" ihn, d.h. Gottes allmächtige Hand ist gleichsam sein Kopfkissen.

7 Vor viel Scharen Kriegsvolk fürcht ich mich nicht, / Die sich ringsum wider mich lagern.1

  1. Mögen dem Empörer Absalom auch Zehntausende zugefallen sein, von Gottes Hand beschirmt, ist David dennoch ohne Furcht.

8 Auf, Jahwe!1 Hilf mir, mein Gott! / Du hast ja stets all meine Feinde ins Antlitz geschlagen, / Du hast der Frevler Zähne zerschmettert.2 Bei Jahwe ist Hilfe. / Dein Segen komme über dein Volk!3 Sela.

  1. Vgl. 4Mo 10:35.
  2. Der Gedanke an die frühere Hilfe Gottes macht David auch im Blick auf die Gegenwart und Zukunft getrost und zuversichtlich.
  3. Als rechter Landesvater betet David auch für das ganze Volk.

Chapter 4

1 Dem Sangmeister,1 mit Saitenspielbegleitung.2 Ein Psalm Davids.

  1. Das hebräische Wort Menazzéach bedeutet vielleicht den Sangmeister, der den Psalm mit den levitischen Tempelchören einzuüben hatte. Diese Bezeichnung weist also den betreffenden Psalm der liturgischen Musikaufführung zu. Der Ausdruck kommt 55mal in den Psalmen vor und außerdem in Hab 3:19.
  2. Dieser Zusatz weist wohl darauf hin, daß der Psalm mit alleiniger Begleitung von Saitenspiel gesungen werden sollte.

2 Wenn ich rufe, erhöre mich, Gott meines Heils! / Du hast mich ja schon aus Drangsal errettet; / So sei mir nun gnädig und hör mein Gebet!1

  1. Die frühere Erfahrung der göttlichen Hilfe macht David freudig, sich auch jetzt an Gott zu wenden.

3 Ihr Männer von Ansehn,1 wie lange wollt ihr meine Ehre schänden, / Indem ihr das Nichtige liebt und auf Lügen sinnt?2 Sela.

  1. Anrede an die Vornehmen in Israel, die auf Absaloms Seite standen.
  2. Die Anhänger Absaloms haben für ihre Empörung keinen Grund; sie stützen sich dabei nur auf nichtigen, leeren Schein und suchen nach lügnerischen Vorwänden, um Davids Ehre in den Staub zu ziehen.

4 Wisset, daß Jahwe mich reich begnadet: Jahwe hört, wenn ich zu ihm rufe.1

  1. Die Anschläge der Feinde Davids müssen scheitern, weil David von Gott besonders begnadigt ist.

5 Wollt ihr zürnen, so sündigt doch nicht!1 / Prüft euer Herz im stillen2 und schweigt! Sela.

  1. David will sagen: Seid ihr auch mit mir unzufrieden, so laßt euch wenigstens nicht zu Verleumdung und Aufruhr hinreißen. Vgl. Eph 4:26.
  2. Wörtlich: "Sprecht in euern Herzen auf euern Lagern." Davids Widersacher sollen ruhiger Überlegung Raum geben. Durch solche Selbstprüfung werden sie dann auch zur Besinnung kommen und schweigen, d.h. von aller Empörung ablassen.

6 Bringt rechte Opfer1 und traut auf Jahwe!

  1. Rechte Opfer oder Gerechtigkeitsopfer sind solche Opfer, die in rechter, Gott wohlgefälliger Gesinnung dargebracht werden. Zu solchem Opferdienst ermahnt David seine Feinde. Dabei sollen sie auch allem Vertrauen auf ihre Macht und List entsagen und sich vertrauensvoll Gott ergeben. Dann wird auch ihr empörerischer Sinn gegen David von selbst verschwinden.

7 Viele sagen: "Wer läßt uns Gutes schaun?"1 / O, erheb über uns das Licht deines Angesichts, Jahwe!

  1. Hier handelt es sich um eine Frage bangen Zweifels aus den Reihen der Anhänger Davids. Im Blick auf die Verzagtheit seiner Getreuen wendet sich David in V7b in gläubigem Gebet an Gott.

8 Du hast mir Freude ins Herz gegeben; / Das ist ein besserer Schatz als all ihr Korn und Most.1 Nun will ich in Frieden mich niederlegen zum Schlaf; / Denn du, o Jahwe, lässest mich ungestört und sicher wohnen.2

  1. Absaloms Empörerheer hatte Lebensmittel genug, während David und seine Schar nur auf die Unterstützung einiger Getreuen angewiesen waren. 2Sa 17:26-29 Aber die Freude des Herrn, die in Davids Herzen wohnt, ist ihm viel mehr wert als alle äußeren Schätze.
  2. So kann sich denn David ruhig schlafen legen. Er braucht keine Wächter, denn Gott selbst schirmt ihn mit seiner allmächtigen Hand. — So folgt auf das Morgenlied Davids in Ps. 3 ein liebliches Abendlied in Ps. 4.

Chapter 5

1 Dem Sangmeister, auf Flöten(?).1 Ein Psalm Davids.2

  1. Die Bedeutung des hier gebrauchten hebräischen Wortes ist unsicher, wenn auch der Gebrauch der Flöte im Gottesdienst durch Jes 30:29 bezeugt wird.
  2. Halten wir an der Abfassung dieses Psalms durch David fest, so betrachten wir ihn wohl am besten als ein Morgengebet des Königs, ehe er Gottes Heiligtum auf dem Berg Zion aufsuchte. Nun ist ja freilich in V8 von einem "Hause" Gottes und einem "Tempel" die Rede. Deshalb könnte man meinen, der Psalm passe nur in eine Zeit, wo der salomonische Tempel schon bestand. Aber auch das Zelt, das David auf dem Berg Zion für die Bundeslade errichten ließ, kann sehr wohl "Haus" Gottes genannt werden, wie denn auch die Wohnung der Erzväter, obwohl sie gewöhnlich kein festes Gebäude war, dennoch als "Haus" bezeichnet wird. 1Mo 27:15 Auch das hebräische Wort hékâl (Tempel) bedeutet nicht notwendig ein großes, steinernes Gebäude. Sogar der Himmel heißt Jahwes hékâl. Ps 18:7, 29:9 Außerdem wissen wir gar nicht, wie das von David für die Bundeslade hergerichtete Zelt im einzelnen beschaffen war. Jedenfalls war es die heilige Wohnung Jahwes; und in den Vorhof dieser Wohnung will David nach seinem Morgengebet eintreten, um sich dort, dem Allerheiligsten ("dem heiligen Tempel") zugewandt, in heiliger Ehrfurcht vor Gott niederzuwerfen.

2 Höre, Jahwe, meine Worte, / Merke auf mein Seufzen!

3 Horch auf mein Hilferufen, / Mein König und mein Gott, / Denn ich will zu dir beten!

4 Am Morgen höre, Jahwe, meine Stimme! / Am Morgen richt ich (mein Gebet) zu dir / Und schaue (nach Erhörung) aus.

5 Denn nicht ein Gott, dem Böses wohlgefällt, bist du; / Der Frevler darf nicht bei dir weilen.

6 Nicht dürfen Prahler vor dein Auge treten, / Du hassest alle Übeltäter.

7 Du bringst die Lügenredner um; / Wer mit Mord und Tücke umgeht, den verabscheut Jahwe.

8 Ich aber darf ob deiner reichen Gnade in dein Haus eingehn, / Ich darf vor deinem heilgen Tempel niederknien in deiner Frucht.

9 Jahwe, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen; / Ebne deinen Weg vor mir!

10 Denn in ihrem Munde ist keine Wahrheit, / Ihr Herz ist voller Frevel. / Ein offenes Grab ist ihre Kehle, / Mit ihrer Zunge schmeicheln sie.1

  1. Rö 3:13.

11 Laß sie büßen, Elohim, / Daß sie in ihren Plänen scheitern! / Ob ihrer Sünden Menge stoße sie hinweg, / Denn sie sind widerspenstig gegen dich!

12 Doch freuen laß sich alle, die bei dir Zuflucht suchen; / Auf ewig laß sie jauchzen, da du sie beschirmst! / Frohlocken werden in dir alle, / Die deinen Namen lieben. Denn du, o Jahwe, segnest den Gerechten. / Gleich einem Schild umgibst du ihn mit Huld.

Chapter 6

1 Dem Sangmeister mit Saitenspielbegleitung, in der achten Tonart(?).1 / Ein Psalm Davids.

  1. Dieser Ausdruck, der sich auch noch in Ps 12:1, 1Ch 15:20-21. findet, ist dunkel. Vielleicht bedeutet er "in der tiefen Oktave," im Baßton. Dazu paßt auch der Inhalt von Ps. 6 und 12, die beide Klagelieder sind.

2 Jahwe, nicht in deinem Zorne strafe mich, / Und nicht in deinem Grimme züchtige mich!

3 Sei mir, o Jahwe, gnädig; denn ich bin verschmachtet! / Heile mich, o Jahwe, denn meine Glieder beben!1

  1. Wörtlich: "meine Gebeine sind erschrocken".

4 Ja, meine Seele ist gar sehr erschrocken;1 / Du aber, Jahwe, — wie so lange!?2

  1. Seine Seele bebt noch viel mehr als sein Leib. Denn er seufzt unter Gottes Zorngericht wegen seiner Sünde.
  2. Wie lange verziehst du noch mit deiner Hilfe und Vergebung?

5 Wende dich doch wieder zu mir, Jahwe, rette meine Seele, / Hilf mir um deiner Gnade willen!

6 Denn im Totenreich gedenket man dein nicht,1 / Wer könnte in der Unterwelt2 dich preisen?

  1. Das Totenreich erscheint hier wie auch anderwärts in den Psalmen (und ähnlich im Buch Hiob) als eine trübe Stätte. Dort kann man Gott nicht mehr preisen; Ps 6:6, 30:10, 115:17 dort vergißt man der Wunder und Wohltaten Gottes; Ps 88:11-13 aber auch dort ist Gott gegenwärtig, Ps 139:8 und die Bewohner des Totenreiches erbeben vor ihm. Hio 26:5-6 Vor dem Kommen des Todesüberwinders und seinem Erlösungswerk mußte der Zustand im Totenreich auch für die Frommen etwas Düsteres und Freudloses haben. Erst Christus hat des Todes Macht vernichtet und Leben und Unsterblichkeit ans Licht gebracht durch seine Frohe Botschaft. 2Ti 1:10 Er hat das Totenreich für alle, die im Glauben an ihn von dieser Erde scheiden, zu einem Paradies gemacht, d.h. zu einer Stätte, wo die Geister der Entschlafenen in Frieden, Ruhe und Seligkeit bis zum Tag der Auferstehung wohnen dürfen.
  2. Hebr. Scheôl, das bekannte Wort für Totenreich im Alten Testament. Die Herkunft dieses den Israeliten eigentümlichen Wortes für "Totenreich" ist jedoch unbekannt.

7 Erschöpft bin ich von meinem Seufzen, / Ich schwemme jede Nacht mein Bett (mit Tränen), / Mit meinen Zähren netze ich mein Lager.

8 Verdunkelt ist vor Gram mein Auge, / Gealtert wegen aller meiner Dränger.

9 Hinweg von mir, ihr Übeltäter alle! / Denn Jahwe hat gehört mein lautes Weinen.

10 Hören wird Jahwe auf mein Flehn, / Jahwe wird mein Gebet annehmen. Zuschanden werden und gar sehr erschrecken müssen alle meine Feinde, / Sie weichen vor Scham gar plötzlich.1

  1. V9-11. Mitten in seiner Klage öffnet sich das Herz des Psalmisten für Gottes Trost und Licht. Die Feinde spotten sein, als wäre er von Gott verlassen. Aber Gottes allmächtige Hand wirft die Widersacher zurück. Das Geschick, das sie dem Psalmisten bereiten wollten, trifft sie selbst. / Ist David der Verfasser des 6. Psalms, so müssen wir wohl seinen Ehebruch mit Batseba voraussetzen (2Sam. 11). Diese schwere Sünde brachte David unter Gottes Zorngericht, das nun furchtbar auf ihm liegt. Dazu kommt dann noch die äußere Not durch Absaloms Empörung. Aber David weiß: wenn er sich unter Gottes züchtigende Hand bußfertig beugt, so wird er innerlich und äußerlich errettet werden. Seine Sünde wird ihm vergeben, und seine Feinde müssen zuschanden werden.

Chapter 7

1 Ein Gedicht(?) Davids, das er Jahwe sang wegen der Reden des Benjaminiten Kusch.1

  1. Diese Überschrift ist sehr dunkel. Manche übersetzen das hier gebrauchte hebräische Wort schiggajôn mit "Irrgedicht," weil der Psalm in heftigster Bewegung und im schnellen Wechsel der Gefühle die mannigfachsten Versarten durchläuft. "Angstvolle Unruhe, Trotz bietendes Selbstvertrauen, triumphierender Aufschwung, getrostes Vertrauen, prophetische Gewißheit — alle diese Stimmungen kommen in der unregelmäßigen Strophenfolge dieses davidischen Dithyrambus, dem altherkömmlichen Purimpsalm, zum Ausdruck" (Franz Delitzsch). Über den Benjaminiten Kusch wissen wir nichts. Vielleicht gehörte er zu denen, die den König Saul durch ihre verleumderischen Reden gegen David aufhetzten.

2 Jahwe, mein Gott, bei dir such ich Schutz, / Hilf mir von all meinen Drängern und rette mich,

3 Daß sie mich nicht wie Löwen zerfleischen, / Mich nicht zermalmen, weil niemand mich rettet!

4 Jahwe, mein Gott, hab ich solches verübt,1 / Findet sich Unrecht an meinen Händen;

  1. Was die Verleumder und namentlich der Benjaminit Kusch David schuld geben.

5 Hab ich meinem Freunde Böses getan, / Und meinen Gegner grundlos geplündert:

6 So verfolge der Feind mich und hole mich ein, / Er trete mein Leben zu Boden / Und leg in den Staub meine Ehre!1 Sela.

  1. Die "Ehre" ist die Seele, das Leben. Ps 16:9, 30:12, 57:9, 108:2, 1Mo 49:6 In den Staub legen heißt: töten.

7 Jahwe steh auf in deinem Zorn, / Steh auf wider meiner Dränger Grimm, / Wach auf, mir zur Hilfe, du hast ja Gericht verordnet!

8 Die Schar der Völker laß dich umringen, / Und über ihr kehre zur Höhe zurück!1

  1. Die Schar der Völker soll einen Kreis um Jahwe bilden, inmitten dessen er Gericht hält. Ist das Gericht vollendet, so kehrt er über sie hinweg wieder zur Himmelshöhe zurück.

9 Jahwe richtet die Völker: / Schaffe mir Recht, o Jahwe, / Nach meiner Gerechtigkeit und Unschuld!1

  1. Der Völker- und Weltenrichter wird auch dem Psalmisten Recht verschaffen gegen seine Widersacher. Dies erwartet David glaubenskühn, weil er sich seiner Unschuld und Gerechtigkeit bewußt ist.

10 Laß doch enden der Frevler Bosheit / Und stärke die Frommen! / Du prüfest ja Herzen und Nieren,1 / Gerechter Gott!

  1. Vgl. Off 2:23.

11 Meinen Schild hält Gott,1 / Der den redlichen Herzen hilft.

  1. D.h. mein Vertrauen ruht auf Gott.

12 Ein gerechter Richter ist Elohim / Und ein Gott, der täglich zürnt.1

  1. Nämlich: den Gottlosen. Indem er Herz und Nieren prüft, schützt er den Frommen und straft er den Gottlosen.

13 Bekehrt sich der Sünder nicht, so schärft er1 sein Schwert, / Hält seinen Bogen gespannt und zielt;

  1. Gott.

14 Er richtet gegen ihn1 Todesgeschosse, / Seine Pfeile macht er zu Feuerbränden.2

  1. Den Frevler.
  2. Der Psalmist schildert hier Gott als einen gewaltigen Kriegsmann, der im Kampf gegen seine Feinde mit seinen Waffen tödlich verwundet.

15 Sieh, Frevel empfängt der Böse: / Dann geht er schwanger mit Unheil1 und wird Trug gebären.2

  1. Das er anderen bereiten will.
  2. Seine feindseligen Anschläge gehen nicht in Erfüllung.

16 Er hat eine Grube gegraben und ausgehöhlt / Und sinkt in den Abgrund, den er gemacht.

17 Das Unheil, das er geplant, fällt auf sein Haupt zurück, / Und auf seinen Scheitel stürzt sein Frevel.1 Danken will ich Jahwe für sein gerechtes Walten / Und lobsingen dem Namen Jahwes, des Höchsten.

  1. So wird Gottes Gerechtigkeit an dem Sünder durch Zorngericht und Verderben, an dem Gerechten durch Hilfe und Rettung offenbar.

Chapter 8

1 Dem Sangmeister, auf der Gittit.1 Ein Psalm Davids.

  1. Dies Wort kommt noch vor in Ps 81:1, 84:1. Alle drei Psalmen enthalten Lobpreis. Die Gittit bezeichnet vielleicht eine musikalische Tonart oder ein musikalisches Instrument: eine fröhliche Sangweise oder ein Instrument fröhlichen Klanges. Man hat Gittit abgeleitet von der Philisterstadt Gat und gemeint, es handle sich hier um eine Zither, die David aus Gat mitgebracht habe, oder um eine fröhliche Marschweise der gittäischen Söldnerschar. 2Sa 15:18

2 Jahwe, unser Herrscher, / Wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde! / Deine Hoheit zeigst du droben im Himmel.1

  1. In der Sternenwelt.

3 Aus Kinder- und Säuglingsmund hast du ein Bollwerk gegründet / Deinen Widersachern zum Trutz, / Um Feind und Empörer zum Schweigen zu bringen.1

  1. Auch auf Erden ist Jahwes Name herrlich. Hier preisen ihn schon Kinder und Säuglinge mit ihrem Munde. Diese Schar der Kleinen und Unmündigen, die sich zu Gott bekennen, ist eine Schutz- und Trutzmacht Gottes gegen seine Widersacher. So will Gott durch geringe, ohnmächtige Werkzeuge seinen Namen verherrlichen. vgl. Mt 21:16

4 So oft ich die Himmel betrachte, deiner Hände Werk, / Den Mond und die Sterne, die du bereitet:

5 Was ist da der Mensch, daß du sein gedenkst, / Und der Menschensohn,1 daß du für ihn so liebreich sorgst?2

  1. Der Ausdruck "Menschensohn" soll die Ohnmacht des Menschen und seine Abhängigkeit von Gott noch stärker hervorheben als das einfache Wort "Mensch".
  2. Der strahlende Glanz des Himmels und der Sternenwelt verkündigt nicht nur laut die Größe des allmächtigen Schöpfers, sondern auch die Kleinheit des winzigen Menschen.

6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als die himmlischen Wesen,1 / Mit Ehre und Würde hast du ihn gekrönt.2

  1. Wörtlich: "als Elohim." Hier ist das Wort (s. Einleitung) wahrscheinlich von den Engeln zu verstehen. Die LXX übersetzt auch "Elohim" geradezu so an unserer Stelle und ebenso in Ps 97:7, 138:1 (vgl. auch Heb 2:7). Es wird also nicht gesagt, Gott habe den Menschen nur ein wenig geringer gemacht, als sich selbst, sondern an der Herrlichkeit der himmlischen Wesen, die stets vor Gottes Thron stehen, fehle dem Menschen nur ein Geringes. Der Mensch ist ja, was von den Engeln nicht gilt, ein Gott ebenbildliches Wesen. 1Mo 1:27 Nur weil er sterblich ist, steht er den Engeln nach.
  2. Dem winzigen Menschen hat Gott eine Krone aufs Haupt gesetzt: die Krone der Königsherrschaft über die ganze Erde. 1Mo 1:26-28

7 Du hast ihn zum Herrscher gemacht über deiner Hände Werke, / Alles hast du ihm unter die Füße gelegt:

8 Schafe und Rinder insgesamt, / Dazu auch die Tiere der Felder,

9 Die Vögel des Himmels und die Fische im Meer. / Auch durchzieht er1 die Bahnen der Meere. Jahwe, unser Herrscher, / Wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!

  1. Auch darin zeigt sich die Königsherrschaft des Menschen, daß er nicht nur die Länder, sondern auch die Meere durchziehen kann.

Chapter 9

1 Dem Sangmeister, nach (der Melodie des Liedes:) "Stirb für den Sohn"1 (?). Ein Psalm Davids.

  1. Der hier gebrauchte hebräische Ausdruck Mût-Labbên ist dunkel. Vielleicht bedeutet er: "Stirb für den Sohn!" Dann sind diese Worte wohl der Anfang eines Liedes, nach dessen Weise dieser Psalm gesungen werden sollte. — Ps. 9 ist der erste von den 9 alphabetisch angelegten Psalmen (s. Einleitung).

2 Anbetend preisen will ich Jahwe von ganzem Herzen, / All deine Wunder will ich erzählen;

3 Auch will ich mich freuen und jauchzen in dir; / Aufspielen deinem Namen, du Höchster!

4 Bedenk ich doch: meine Feinde sind rückwärts gewichen, / Sie sind gestrauchelt und umgekommen vor dir.

5 Denn du hast mein Recht geführt und meine Sache, / Du sitzest auf dem Thron als ein gerechter Richter.

6 Grimmig schaltest du Völker, verderbtest den Frevler, / Ihren Namen hast du vertilgt auf immer und ewig.

7 Ha die Feinde! Dahin sind sie, vernichtet für immer; / Ihre Städte hast du zerstört, vertilgt ihr1 Gedächtnis:

  1. Der Feinde.

8 Während Jahwe auf ewig thront;1 / Er hat zum Gericht seinen Stuhl gestellt.

  1. Und zwar als Richter, wie V8b zeigt.

9 Er richtet den Erdkreis recht, / Er spricht den Völkern ein gerades Urteil.1

  1. Ein gerechtes, ihren bösen Werken entsprechendes Urteil.

10 Werden wird Jahwe ein Hort dem Bedrückten, / Ein Hort in Zeiten der Not.

11 Drum trauen dir, die deinen Namen kennen; / Denn du verlässest nicht, die dich, o Jahwe, suchen.

12 Singt Jahwe, der auf Zion wohnt, / Verkündet inmitten der Völker sein Tun!

13 Denn als Rächer des Bluts hat er ihrer1 gedacht, / Nicht vergessen des Schreiens der Dulder.

  1. Der Elenden und Bedrückten.

14 Gnädig1 sei mir, o Jahwe! Sieh an das Leid, / Das mir meine Hasser bereiten, — / Du, der mich erhebt aus des Todes Toren!2

  1. Mit Ch können wir im Deutschen kein Wort beginnen; ich habe deshalb das G gewählt.
  2. Gemeint sind die Tore des Totenreichs. Wer aus ihnen emporgehoben wird, der entgeht dem Tod.

15 Dann will ich erzählen all deinen Ruhm; / In den Toren der Tochter Zion / Will ich ob deiner Hilfe jubeln.1

  1. Die Tochter Zion ist die heilige Gemeinde Jahwes. Den unterirdischen Todestoren stehen die oberirdischen Tore der Tochter Zion entgegen.

16 Tief sind versunken die Völker / In der Grube, die sie gegraben;1 / In dem Netz, das sie heimlich gelegt, / Hat sich ihr Fuß gefangen.

  1. Die Gottes Volk mit dem Tod bedrohten, sind nun selbst dem Tod verfallen.

17 Kund geworden ist Jahwe:1 er hat Gericht geübt; / In seiner Hände Werk / Hat sich der Böse verstrickt. (Higgajôn,2 Sela.)

  1. Jahwe hat seine Macht und Herrlichkeit durch die Vollziehung seines Gerichtes kundgemacht.
  2. Dieses dunkle hebräische Wort bedeutet vielleicht "Nachsinnen." Wie das folgende Sela möglicherweise auf eine Pause im Psalmengesang hinweist, so soll auch der Leser der Psalmen hier eine Pause machen, um über das bisher Gelesene nachzusinnen.

18 Ja, müssen die Frevler zur Hölle1 fahren, / Alle Heiden, die Gottes vergessen.2

  1. Wörtlich: "in die Scheôl".
  2. Auch den Heiden hat sich Gott nicht unbezeugt gelassen. Ihre Gottvergessenheit ist deshalb selbstverschuldet.

19 Kann denn des Armen auf immer vergessen werden? / Ist's mit der Elenden Hoffnung aus für ewig?1

  1. Die Armen und Elenden sind die Frommen, die stillen Dulder in Israel.

20 Komm, Jahwe, daß der Mensch nicht trotze, / Laß die Heiden vor dir gerichtet werden! Schick ihnen, Jahwe, Schreckenswarnung! / Dann erkennen die Heiden, daß sie nur sterbliche Menschen sind.1 Sela.

  1. Vielleicht stammt Ps. 9 aus einer Zeit, wo David schon als König auf dem Zion thronte, aber noch von manchen Feinden bedroht wurde.

Chapter 10

1 Lang schon, Jahwe, stehst du fern! / Warum verbirgst du dich zur Zeit der Not?

2 Beim Übermut der Frevler muß sich der Dulder ängsten: / Möchten sie1 gefangen werden in den Ränken, die sie ausgedacht!

  1. Die Frevler.

3 Denn der Frevler rühmt sich des, was sein Herz begehrt, / Der Ungerechte schmäht und höhnet Jahwe.

4 Der Böse denkt in seinem Stolz: "Er1 strafet nicht; / Es ist kein Gott!" Dahin geht all sein Denken.

  1. Gott.

5 Was er sich vornimmt, das gelingt ihm stets; / Es bleiben deine Strafgerichte himmelweit entfernt von ihm.1 / All seine Widersacher schnaubt er zornig an.

  1. Gottes Strafgerichte sind dem Gesichtskreis des Frevlers weit entrückt, sie machen ihm keine Gewissensunruhe.

6 Er denkt: "Ich wanke nimmer, / Für alle Zukunft komm ich nicht in Not."

7 Sein Mund ist voll Verwünschung, Lug und Trug; / An seiner Zunge kleben Unheil und Verderben.1

  1. Vgl. Rö 3:14.

8 Er liegt im Hinterhalt in den Gehöften,1 / Er mordet insgeheim Unschuldige; / Es spähen seine Augen nach den Schwachen.2

  1. Der Gottlose wird hier als Räuber und Wegelagerer geschildert.
  2. Die nicht imstande, sind, sich gegen ihn zu schützen.

9 Er lauert im Versteck gleich einem Löwen, der im Dickicht liegt, / Er lauert, um den Armen zu erhaschen, / Er hascht den Armen, schleift ihn weg in seinem Netz.

10 Er duckt sich, kauert nieder,1 / In seine Klauen fallen die Wehrlosen.

  1. Damit wird das heimliche Lauern des Räubers beschrieben.

11 Er denkt in seinem Herzen: "Gott vergißt es, / Verbirgt sein Antlitz, sieht es nimmer."1

  1. Er meint: Gott kümmert sich um die armen Wehrlosen nicht.

12 Komm, stehe auf, o Jahwe El!,1 erhebe deine Hand! / Vergiß nicht der Gebeugten!

  1. S. über den Gottesnamen El die Einleitung zu den Psalmen.

13 Warum darf denn der Frevler lästern Elohim, / In seinem Herzen denken: "Nun, du strafst doch nicht?"

14 Richtend aber siehst du es, du schauest Müh und Herzeleid,1 / Um sie (den Frevlern) zu vergelten! / Auf dich verlässet sich der Schwache, / Und dem Verwaisten zeigst du dich als Helfer.

  1. Die die Gottlosen den Gerechten bereiten.

15 Schmettre doch des Frevlers Arm zu Boden! / Des Bösen Unrecht strafe, daß er vor dir schwinde!

16 Jahwe ist König auf immer und ewig, / Die Heiden verschwinden aus seinem Land.

17 Treulich hörst du, o Jahwe, den Wunsch der Dulder, / Du stärkest ihr Herz, du neigest ihnen dein Ohr.

18 Schaffst du den Waisen, den Bedrückten Recht, / So wird der Mensch, der Erdenwurm, nicht länger trotzen.1

  1. Die griechische LXX und die lateinische Vulgata ziehen Ps. 9 und 10 in einen Psalm zusammen. Aber beide Psalmen sind sehr verschieden. Ps. 9 ist ein Dankpsalm, Ps. 10 dagegen ein Bittpsalm. Während in Ps. 9 an auswärtige Feinde gedacht wird, stehen im 10. Psalm einheimische Bedrücker und Verfolger im Vordergrund, während die Heiden, also auswärtige Feinde, nur am Schluß erwähnt werden. Über die Zeit der Entstehung des Psalms und seinen Verfasser läßt sich nichts Bestimmtes sagen.

Chapter 11

1 Dem Sangmeister. Von David. / Auf Jahwe trau ich! / wie könnt ihr mir da raten: / Flieh wie ein Vogel ins Gebirge!1

  1. Davids Leben ist bedroht, wahrscheinlich weil die Verschwörung Absaloms ihrem Ausbruch nahe war. Da raten dem König seine Getreuen, er möge ins Gebirge fliehen, wo er schon früher vor Sauls Verfolgung Schutz gefunden hatte.

2 Denn sieh, die Frevler spannen den Bogen, / sie haben den Pfeil auf die Sehne gelegt, / Im Dunkeln zu schießen auf solche, die redlichen Herzens sind.

3 Wenn die Grundpfeiler niederstürzen,1 / Was vermöchte da der Gerechte?"2

  1. Es ist wohl an die Grundpfeiler des Staates zu denken, die durch Absaloms Empörung ins Wanken gerieten.
  2. Er kann nichts ausrichten.

4 Jahwe wohnt in seinem heiligen Tempel,1 / Jahwes Thron ist im Himmel: / Seine Augen schauen, / Seine Blicke prüfen die Menschenkinder.

  1. Gemeint ist der himmlische Tempel. — Von V4 ab weist David den Rat seiner zaghaften Getreuen zurück.

5 Jahwe prüft den Gerechten;1 / Die Frevler und alle, die Unrecht lieben, die hasset er.

  1. Er kennt ihn in seinem innersten Wesen und weiß, daß er rechtschaffen ist.

6 Er läßt auf die Frevler Feuerkohlen und Schwefel regnen,1 / Versengender Glutwind ist ihr Teil.2

  1. Wie einst über Sodom und Gomorra. 1Mo 19:24
  2. Wörtlich: "ist ihr Becherteil." — Was Feuer und Schwefel übriglassen, das soll der glühende Wüstenwind verzehren.

7 Denn Jahwe ist gerecht, er liebt Gerechtigkeit. / Die Frommen schauen sein Angesicht!

Chapter 12

1 Dem Sangmeister, in der achten Tonart (?).1 Ein Psalm Davids.

  1. Vgl. Ps 6:1.

2 Hilf, Jahwe, denn die Frommen sind dahin! / Die Treue schwindet bei den Menschenkindern.

3 Sie reden miteinander Lüge, / Doppelzüngig reden sie mit schmeichlerischen Lippen.

4 Es rotte Jahwe alle Schmeichellippen aus / Und jede prahlerische Zunge.

5 Sie sprechen: "Wir sind stark durch unsre Zunge; / Wenn unsre Lippen mit uns sind, wer ist dann unser Herr?"1

  1. Sie fühlen sich über alle erhaben; mit ihren frechen, stolzen Reden wollen sie alle zu Boden schlagen.

6 "Weil die Dulder leiden müssen, weil die Armen seufzen, / Will ich mich nun erheben", so spricht Jahwe, / "Will Hilfe senden dem, der danach schmachtet."

7 Jahwes Worte sind lautre Worte: / Silber, das in der Werkstatt gereinigt zur Erde fließt,1 / Geläutert siebenfach.

  1. Aus dem Schmelzofen, wo sich das Erz befindet, fließt unten das ausgeschmolzene reine Silber ab.

8 Du, Jahwe, wirst sie1 schirmen, / Wirst sie vor diesen Menschen für immer bewahren. Es schreiten ringsum Frevler stolz einher, / Weil niedrige Gemeinheit hochkommt bei den Menschenkindern.2

  1. Die Armen und Elenden.
  2. In V9 werden die Menschen des bösen, entarteten Geschlechts, von denen in V8 die Rede ist, näher beschrieben. Vielleicht bezieht sich auch dieser Psalm auf Absaloms Empörung.

Chapter 13

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.1

  1. Vielleicht stammt dieser Psalm aus jener Zeit, wo David von Saul unablässig verfolgt wurde, so daß er nirgends Ruhe und Sicherheit fand. Der Psalm beginnt mit einer schmerzlichen Klage. Aber die Stimmung wird immer ruhiger und klingt schließlich in die zuversichtliche Hoffnung auf Errettung aus.

2 Wie lange, Jahwe, willst du mein so ganz vergessen, / Wie lange noch dein Angesicht vor mir verbergen?

3 Wie lange soll ich mich mit Sorgen quälen / Und Kummer in mir nähren Tag für Tag? / Wie lange soll mein Feind sich noch erheben über mich?

4 Schau her, erhöre mich, Jahwe, mein Gott! / Mach meine Augen hell,1 damit ich nicht in Todesschlaf versinke!

  1. Die Augen des Psalmisten sind durch Kummer und Leid getrübt und nahezu gebrochen. Werden sie nun wieder hell, so beweist dies, daß er neue Lebenskraft empfangen hat.

5 Sonst könnte ja mein Feind sich rühmen: / "Ich hab ihn bezwungen", / Und meine Dränger könnten jubeln, daß ich wanke.

6 Doch ich vertrau auf deine Gnade; / Jauchzen soll mein Herz ob deines Heils. / Preisen will ich Jahwe: er hat mir wohlgetan!

Chapter 14

1 Dem Sangmeister. Von David. / Die Toren1 denken bei sich: "Es ist kein Gott." / Verderbt, abscheulich handeln sie; / Da ist keiner, der Gutes tut.

  1. Die Toren sind die Gottlosen. Der Gottesleugner ist ein innerlich hohler, ja wahnwitziger Mensch.

2 Jahwe schaut vom Himmel herab auf die Menschenkinder, / Daß er sehe, ob jemand Einsicht habe / Und frage nach Gott.

3 Aber sie alle sind abgefallen, alle entartet; / Da ist keiner, der Gutes tut, / Auch nicht ein einziger.1

  1. Rö 3:10-12.

4 "Sind denn so unvernünftig alle Übeltäter, / Die mein Volk verzehren, wie man Brot verzehrt, / Die nicht zu Jahwe beten?"1

  1. V4 ist ein Wort Gottes an die Oberen in Israel, die ebenso böse sind wie die heidnische Menschheit. Sie saugen das Volk aus bis aufs Blut und halten das für so selbstverständlich, als wenn sie Brot äßen. vgl. Mic 3:1-3 Sie handeln wie Raubtiere, weil sie nicht beten.

5 Dann1 beben sie schaudernd, / Denn Gott weilt bei dem gerechten Volk.2

  1. Wenn Gott so zu ihnen reden wird.
  2. Er ist unter ihm mit seiner Hilfe gegenwärtig.

6 Mögt ihr auch vereiteln der Dulder Wunsch — / Jahwe bleibt doch ihre Zuflucht.1

  1. Was die Frommen, die zugleich die stillen Dulder sind, im Dienst Gottes zu wirken suchen, das wollen die Gottlosen vereiteln. Aber das hilft ihnen nichts, denn Gott ist und bleibt doch immer die Zuflucht und Hilfe der Gerechten.

7 Ach, käme aus Zion für Israel Heil! / Wendet Jahwe das Los seines Volks, / So wird Jakob sich freun und Israel jauchzen.1

  1. Das gerechte Volk befindet sich in einem Zustand der Unterdrückung und Gebundenheit. Das war schon damals so, als Absaloms Empörung ausbrach. Wenn aber Gott diesen Zustand beseitigt, dann können sich alle treuen Glieder des Bundesvolkes freuen. Heil und Rettung werden kommen aus Zion, von der Stätte, wo Jahwe unter seinem Volk wohnt.

Chapter 15

1 Ein Psalm Davids.1 / Wer darf in deinem Zelte weilen, Jahwe, / Wer darf auf deinem heilgen Berge wohnen?

  1. In Ps 14:5 ist die Rede von "dem gerechten Volk," das mitten unter den Gottlosen lebt. Wer gehört nun zu diesem gerechten Volk? Darauf antwortet Ps. 15. Der Psalmist beantwortet sich seine Frage, die er in V1 an Gott richtet, von V2 ab im Sinne Gottes.

2 Er, der unsträflich wandelt und das Rechte tut, / Der Wahres denkt in seinem Herzen.

3 Er verleumdet nicht mit seiner Zunge, / Fügt einem andern nichts Böses zu / Und bringt nicht Schimpf auf seinen Nächsten.

4 Gering ist er in seinen eignen Augen und verachtet;1 / Doch ehrt er die, die Jahwe fürchten. / Wenn er auch schwört zu seinem eignen Schaden — / Er ändert es doch nicht.2

  1. Er ist also von Herzen demütig und arm im Geist. Mt 5:3 Während er sich selbst aber aller Ehre für unwert hält, erweist er fort und fort solchen Ehre, die Gott fürchten (V4b).
  2. Er hält seinen Eid auch dann, wenn er davon Schaden hat.

5 Sein Geld leiht er nicht aus auf Zins,1 / Er läßt sich2 nicht bestechen zum Schaden von Unschuldigen.3 / Wer so handelt, der wird in Ewigkeit nicht wanken.4

  1. Vgl. 2Mo 22:25, 3Mo 25:37, 5Mo 23:19, Hes 18:8.
  2. Als Richter.
  3. So daß er die Unschuldigen verurteilte. vgl. 5Mo 27:25
  4. Der steht fest in Gottes Gemeinschaft, und nichts kann ihn zu Fall bringen.

Chapter 16

1 Ein Gedicht (?)1 von David. / Behüte mich, Gott, denn ich fliehe zu dir!

  1. Das hier gebrauchte hebräische Wort miktâm, das außerdem noch in den Überschriften von Ps. 56-60 vorkommt, ist dunkel. Franz Delitzsch hält die Bedeutung "Inschrift, Inschriftgedicht" oder "Stichwortgedicht" für möglich, weil in den Psalmen dieser Art ein sinnreicher Spruch durch besondere Einführung oder durch kehrversartige Wiederholung sich inschrift- und denksteinartig heraushebe.

2 Ich spreche zu Jahwe: "Mein Herr bist du, / Du bist mein höchstes Gut."

3 Und zu den Heiligen, die im Lande sind, (sag ich): / "Das sind die Herrlichen, an ihnen hab ich meine Lust."1

  1. Bei dem Psalmisten ist die Liebe zu Gott verbunden mit der Liebe zu den Heiligen, d.h. zu denen, die Gottes Willen tun. Die Heiligen sind ihm zugleich die Herrlichen, die Edlen, die Erlauchten.

4 Viel Qualen warten derer, die andern Göttern dienen. / Nicht will ich ihre Blut-Trankopfer spenden1 / Noch ihre Namen2 auf meine Lippen nehmen.

  1. Wie der Psalmist die Heiligen liebt, so verabscheut er die Götzendiener. Ihrer wartet eine qualvolle Zukunft. Er will von ihren Opferspenden nichts wissen. Wenn er diese Opferspenden "Blut-Trankopfer" nennt, so ist vielleicht daran zu denken, daß die Heiden ihren Opferwein nicht selten mit Blut zu mischen pflegten. vgl. Jes 57:3-7
  2. Die Namen der Götzen. 2Mo 23:13

5 Jahwe ist mein Erbteil und mein Becher,1 / Du bewahrst mein Los.2

  1. Wie jeder Israelit seinen Anteil am Land erhält, wie jeder Gast beim Mahl seinen Teil an Speise und Trank bekommt, so ist Jahwe selbst des Psalmisten Erbe und Eigentum; und er bleibt es auch für immer.
  2. Das Lebenslos und Schicksal des Gerechten hält Jahwe mit seiner starken Hand fest.

6 Ich empfing mein Teil in lieblichem Lande, / Ein solches Erbe gefällt mir wohl.1

  1. Mein Lebenslos ist herrlich, sagt der Psalmist, da Jahwe selbst mein Teil ist. Darum wohne ich auch gleichsam in einem lieblichen Paradies.

7 Ich preise Jahwe, der mich beraten,1 / Auch des Nachts mahnt mich dazu2 mein Gewissen.3

  1. Das beste Teil zu erwählen, d.h. ihm treu zu dienen.
  2. Gott zu preisen und zu danken.
  3. Wörtlich: "mahnen mich meine Nieren".

8 Ich halte mir Jahwe beständig vor Augen. / Ist er mir zur Rechten, so wanke ich nicht.

9 Drum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele, / Auch mein Leib ist sicher geborgen.1

  1. Nicht nur sein Herz (sein Geist) und seine Seele, sondern auch sein Leib ist unter Gottes Schutz sicher geborgen.

10 Denn du gibst meine Seele dem Tode1 nicht preis. / Du läßt deinen Frommen2 das Grab nicht schaun.

  1. Wörtlich: der Scheôl, der Unterwelt.
  2. Damit meint der Psalmist sich selbst.

11 Du wirst mir zeigen den Lebenspfad: / Vor deinem Antlitz ist Fülle an Freuden, / In deiner rechten sind ewige Wonnen.1

  1. Die Wonnen, die Gott in seiner Rechten hält, teilt er den Seinen mit. — Weil von Gott, der Quelle des Lebens, alles Leben und alle Seligkeit ausgeht, darum kann auch der "Fromme" (V10) nicht im Tode bleiben, sondern er wird in ewigen Wonnen vor Gott leben. Diese Worte haben ihre volle Erfüllung erst in Christus gefunden. Apg 2:25-27, 13:35-37 So hat David in diesem Psalm einen prophetischen Blick getan, dessen volle Bedeutung seinem Geist gewiß noch nicht enthüllt war. vgl. 1Pe 1:10-11

Chapter 17

1 Ein Gebet Davids. / Höre, Jahwe, meine gerechte Bitte,1 vernimm mein Flehen! / Merk auf mein Gebet, das nicht von falschen Lippen kommt!2

  1. Der Psalmist ist sich im Glauben dessen bewußt, daß er Gott und Menschen gegenüber gerecht, d.h. ohne Schuld dasteht.
  2. Damit wird die Redlichkeit und Aufrichtigkeit des Betenden bezeichnet.

2 Von deinem Antlitz geh mein Urteil aus, / Denn deine Augen sehen recht!1

  1. Sie sehen alles im rechten Licht.

3 Prüfst du mein Herz, durchforschest du mich des Nachts / Und läuterst mich1 — so findest du nichts Böses: / Denk ich Arges — es kommt nicht über meinen Mund.2

  1. Wie das Gold geläutert wird.
  2. Der Psalmist unterdrückt seine bösen Gedanken, so daß sie nicht in bösen Worten oder bösen Taten hervortreten.

4 Seh ich der Menschen Tun und Treiben, so hüt ich mich, treu deinem Wort, / Vor der Schadenstifter Pfaden.

5 Meine Schritte wandeln fest in deinen Wegen, / Meine Tritte wanken nicht.

6 So ruf ich zu dir, denn du erhörest mich, Gott. / Neig mir dein Ohr, vernimm mein Wort!

7 Erzeig mir deine wunderbare Gnade, du Retter derer, / Die sich vor ihren Widersachern / Bei deiner starken Hand zu bergen suchen.

8 Bewahre du mich wie den Augenstern! / Birg mich im Schatten deiner Flügel

9 Vor den Frevlern, die mich vergewaltigen, / Vor meinen grimmen Feinden, die sich um mich scharen!

10 Ihr stolzes Herz verschließen sie,1 / Mit ihrem Munde reden sie voll Übermut.

  1. Sie sind ohne Mitgefühl und Edelsinn.

11 Auf Schritt und Tritt umringen sie uns1 jetzt, / Es spähen ihre Augen, wie sie uns zu Boden werfen.

  1. David denkt hier nicht nur an sich, sondern auch an seine Getreuen, die von Saul und seiner Schar immer mehr in die Enge getrieben werden.

12 Sie gleichen einem Löwen, der nach Beute giert, / Und einem jungen Leu, der im Verstecke lauert.

13 Auf, Jahwe! Tritt ihnen entgegen, strecke sie nieder! / Vor den Frevlern rette mich durch dein Schwert!

14 Rette mich von den Menschen durch deine Hand, o Jahwe, / Rette mich von den Leuten dieser Welt!1 / Sie haben ihr Teil in diesem Leben, / Und du füllst ihren Bauch mit deinen Schätzen.2 / Sie haben Söhne die Menge / Und lassen ihren Kindern großen Reichtum.

  1. Die in irdischer Gesinnung nur für diese Welt leben, die aber auch zugleich arme, ohnmächtige Erdensöhne sind.
  2. Das Irdische, worauf ihr Sinn allein gerichtet ist, wird ihnen auch reichlich zuteil.

15 Ich aber will dein Antlitz schauen in Gerechtigkeit, / Ich werde mich sättigen, wenn ich erwache, an deinem Anblick.1

  1. Das Erwachen kann hier nur das Erwachen aus dem Todesschlaf sein. Hier bricht also die Hoffnung der Auferstehung durch, ähnlich wie am Schluß des 16. Psalms. — Der Psalm stammt wohl aus der Zeit, wo David unter Sauls Verfolgung besonders schwer zu leiden hatte.

Chapter 18

1 Dem Sangmeister. Vom Knechte Jahwes, von David, der vor Jahwe die Worte dieses Liedes redete, als ihn Jahwe errettet hatte aus der Hand aller seiner Feinde, auch aus der Hand Sauls.1

  1. Vgl. 2Sam. 22. Dieser Psalm scheint entstanden zu sein, als David die Verheißungen in 2Sam. 7 empfangen hatte (vgl. V51).

2 Er sprach: Von Herzen lieb ich dich, Jahwe, meine Stärke!

3 Jahwe, mein Fels, meine Burg, mein Retter bist du! / Mein Gott ist mein Hort, zu dem ich fliehe. / Mein Schild,1 das Horn meines Heils,2 meine Feste ist er.

  1. Vgl. 1Mo 15:1.
  2. D.h. die Macht, die meiner Ohnmacht aufhilft.

4 Preiswürdig, ruf ich, ist Jahwe, / Ich ward errettet von meinen Feinden!

5 Des Todes Stricke umfingen mich, / Verderbliche Bäche schreckten mich;

6 Der Unterwelt Bande umringten mich, / Es ergriffen mich Schlingen des Todes.1

  1. In V5 und 6 schildert David in kurzen, treffenden Worten alle Not und alle Schrecken der Verfolgung, die er durch Saul zu erdulden hatte.

7 In meiner Angst rief ich Jahwe an / Und schrie zu meinem Gott. / Da vernahm er mein Beten aus seinem Palast,1 / Mein Schreien drang in seine Ohren.

  1. Gemeint ist der himmlische Palast oder Tempel Gottes.

8 Es wankte und schwankte die Erde, / Der Berge Grundfesten bebten / Und zitterten, weil er zornig war.

9 In seiner Nase stieg Rauch empor, / Aus seinem Munde fraß Feuer, / Glühende Kohlen flammten aus ihm.1

  1. V8 und 9 beschreiben, wie Gott unter großen äußeren Naturereignissen David zu Hilfe kommt. In V9c ist an Wetterleuchten zu denken.

10 Er neigte den Himmel und fuhr herab, / Unter seinen Füßen war Wolkennacht.1

  1. Schwarze Wolkenmassen senken sich bei der Entladung des Gewitters (V10 bis 16) auf die Erde hinab.

11 Er fuhr auf dem Kerub und flog einher, / Schwebte auf den Schwingen des Windes.1

  1. Ein Sturm verkündet das herannahende Gewitter. Der Kerub ist der Träger der Gegenwart Gottes. vgl. Ps 80:2, 99:1, Hes 1 In 1Mo 3:24 werden die Kerube als Paradieseshüter erwähnt. Die Bedeutung des Wortes ist unklar. Vielleicht hängt es mit dem assyrischen Wort karâbu = segnen, beten zusammen.

12 Er machte Dunkel zu seiner Hülle, / Zu seinem Gezelte ringsumher; / Es umgab ihn Wasserflut und dickes Gewölk.1

  1. Gott wird von den dicken, regenreichen Gewitterwolken verhüllt.

13 Vom Glanz vor ihm her durchzuckten die Wolken / Hagel und feurige Kohlen.1

  1. Die Gewitterwolken gehen von dem Licht aus, in dem Gott wohnt. Aus dem Glanz vor ihm her entzünden sich Feuerkohlen.

14 Es donnerte Jahwe vom Himmel her, / Der Höchste ließ seine Stimme1 schallen / (Mit Hagel und feurigen Kohlen).

  1. Den Donner.

15 Er schoß seine Pfeile,1 zerstreute sie.2

  1. Die Blitze.
  2. Davids Feinde.

16 Da wurden sichtbar die Betten des Meeres, / Bloßgelegt des Erdrunds Gründe / Vor deinem Schelten, Jahwe, / Vor deines Zornhauchs Schnauben.1

  1. Sogar das Meer und die Erde kommen in Aufruhr.

17 Er griff aus der Höhe, erfaßte mich / Und zog mich aus tiefen Wassern.1

  1. Jahwe streckte seine Hand aus der Höhe und zog den Schwerbedrängten aus den Wassern, d.h. aus der Macht seiner Feinde zu sich empor.

18 Von meinem Todfeind befreite er mich, / Von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren.

19 An meinem Unglückstag überfielen sie mich, / Aber Jahwe ward meine Stütze.

20 Er führte mich ins Freie hinaus;1 / Er rettete mich, weil er mich liebte.

  1. Er führte ihn aus Not und Todesgefahr in die Morgenluft der Freiheit.

21 Jahwe vergalt mir nach meiner Gerechtigkeit,1 / Nach meiner Hände Reinheit lohnte er mir.

  1. Gott half David, weil dieser "der Mann nach seinem Herzen" war (V21-25).

22 Denn Jahwes Wege bin ich gewandelt, / Nicht abgefallen von meinem Gott.

23 Nein, all seine Rechte befolgte ich treu, / Von seinen Satzungen wich ich nicht.

24 Ich war ohne Tadel vor ihm / Und hütete mich vor Missetat.

25 Drum vergalt mir Jahwe nach meiner Gerechtigkeit, / Nach meiner Lauterkeit, die ihm bekannt.

26 Dem Guten erzeigst du dich gütig, / Mit dem redlichen Manne verfährst du redlich;

27 Dem Reinen zeigst du dich rein, / Dem Falschen vergiltst du nach seinem Verhalten.1

  1. Gottes Verhalten zum Menschen entspricht dem Verhalten des Menschen zu Gott (V26-27).

28 Denn du hilfst den bedrückten Leuten,1 / Doch stolze Augen erniedrigst du.

  1. Den Frommen und Redlichen (V26-27a).

29 Du machst meine Leuchte licht; / Jahwe, mein Gott, erhellet mein Dunkel.1

  1. Gott erhält David und sein Haus. Das Dunkel, das über den König hereinbricht, wird von Gott immer wieder gelichtet.

30 Denn im Vertrauen auf dich greif ich Heerhaufen an, / Und mit meinem Gott überspringe ich Mauern.

31 Gottes Wege sind makellos, / Jahwes Wort ist bewährt;1 / Ein Schild ist er allen, die zu ihm fliehn.

  1. Es ist lauteres, gediegenes Gold.

32 Denn wer ist Eloah als Jahwe allein?1 / Und wer ist ein Hort außer unserem Gott?

  1. Über den Gottesnamen Eloah s. Einleitung.

33 Gott ist's, der mich mit Kraft gegürtet, / Der meinen Weg ohn Anstoß machte.1

  1. So daß ich ohne Hindernis dem Ziel entgegeneilen konnte.

34 Er gab mir der Hindin Schnelligkeit1 / Und stellte mich auf die Höhen.2

  1. Vgl. 2Sa 2:18.
  2. Wörtlich: "auf meine Höhen." Gemeint sind hier wohl die Höhen des Landes Kanaan, die David als König "seine" Höhen nennen kann.

35 Er übte meine Hände zum Kampf, / Daß meine Arme den ehernen Bogen spannten.

36 Du gabst mir den Schild deines Heils, / Deine Rechte stützte mich, / Und deine Milde1 machte mich groß.

  1. Oder: "deine Herablassung." Gott hat den einfachen Hirtenknaben David zum König seines Volkes erhöht.

37 Du ließest mich frei meines Weges gehn,1 / Und meine Knöchel wankten nicht.

  1. Gott räumte alle Hindernisse hinweg, die ihm im Weg standen.

38 Ich verfolgte die Feinde und holte sie ein; / Ich kehrte nicht um, bis ich sie vernichtet.1

  1. David vernichtete seine inneren und äußeren Feinde.

39 Ich zerschellte sie, daß sie nimmer aufstanden, / Zu meinen Füßen sanken sie hin.

40 Du gürtetest mich mit Kraft zum Streit, / Du beugtest meine Gegner unter mich.

41 Meine Feinde ließest du vor mir fliehn, / Und meine Hasser zerschellte ich.

42 Sie schrien, aber kein Helfer war da; / Sie schrien zu Jahwe — er hörte sie nicht.1

  1. Das Gebet der Feinde um Errettung fand keine Erhörung.

43 Ich zerrieb sie wie Staub1 vor dem Winde, / Wie Gassenkot zertrat ich sie.

  1. Daß sie wie Staub wurden.

44 Du halfst mir aus Volkesfehden,1 / Setztest mich ein zum Herrscher der Heiden: / Leute, mir unbekannt, wurden mir dienstbar.

  1. Wahrscheinlich ein Hinweis auf Absaloms und Sebas Empörung (2Sam. 15-20). V44b-46 reden von Davids Siegen über auswärtige heidnische Völker.

45 Schon als sie hörten (von meinen Siegen), gehorchten sie mir,1 / Des Auslands Bewohner schmeichelten mir.

  1. Schon auf die bloße Kunde von Davids Siegen unterwarfen sich ihm manche. 2Sa 8:9-10

46 Des Auslands Bewohner welkten dahin1 / Und kamen zitternd aus ihren Burgen.2

  1. Sie konnten David nicht standhalten.
  2. Um sich David zu unterwerfen.

47 Jahwe lebt, mein Hort sei gepriesen, / Erhoben der Gott meines Heils,

48 Der Gott, der mir Rache verliehn / Und Völker mir unterworfen,

49 Der mich gerettet von meinen Feinden! / Über meine Gegner erhebst du mich. / Entreißt mich dem Mann der Gewalttat.

50 Drum preis ich dich, Jahwe, unter den Völkern, / Deinem Namen will ich lobsingen.1 Denn Jahwe schenkt seinem Könige Heil / Und erweiset Gnade seinem Gesalbten: / David und seinem Samen auf ewig!

  1. Vgl. Rö 15:9. Hier führt Paulus zum Beweis, daß das messianische Heil nach Gottes Barmherzigkeit auch den Heiden zuteil werden soll, neben 5Mo 32:43 und Ps 117:1 auch den 50. Vers unseres Psalms an.

Chapter 19

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.

2 Die Himmel erzählen Gottes Herrlichkeit. / Und seiner Hände Werk verkündiget die Feste.1

  1. D.h. der gewölbte Himmel.

3 Ein Tag meldet dem andern das Wort, / Eine Nacht bringt der andern die Kunde.1

  1. Das Wort und die Kunde von Gottes Herrlichkeit.

4 Dies ist keine Sprache, dies ist keine Rede, / Deren Stimme man nicht verstünde.1

  1. Die Sprache des Sternenhimmels ist für die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten verständlich: sie verkündet Gottes Größe und Herrlichkeit.

5 In alle Lande geht aus ihr Klang, / Ihr Ruf bis ans Ende der Erde.1 / Dort2 hat er3 der Sonne ein Zelt gesetzt.4

  1. Gemeint sind Klang und Ruf der Himmel. Diese Sprache, die der Himmel in seiner Schönheit redet, ergeht über die ganze Erde; sie preist mit lauter Stimme Gott, den allmächtigen Schöpfer.
  2. D.h. am Ende der Erde, dort, wo sich der Himmel scheinbar mit der Erde berührt und wo die Sonne jeden Abend untergeht.
  3. Gott.
  4. Im fernen Westen hat Gott der Sonne gleichsam ein Prachtgezelt bereitet, wo sie nach ihrem Untergang sich ausruht, um dann am anderen Morgen neu gestärkt ihren Lauf wieder zu beginnen. — Die Worte in V5 gebraucht der Apostel Rö 10:18, indem er von der Ausbreitung der Predigt des Evangeliums über die ganze Erde redet. Er sieht in dem überallhin erschallenden Heroldsruf der Himmel ein Bild des überallhin erschallenden Heroldsrufes der frohen Botschaft Christi.

6 Sie ist dem Bräutigam gleich, der hervortritt aus seinem Gemach,1 / Freut sich, wie ein Held zu laufen die Bahn.2

  1. So freudig und strahlend beginnt die Sonne jeden Morgen, indem sie ihr Zelt verläßt, von neuem ihre Fahrt.
  2. Auf ihrem Lauf durchmißt sie, heldenhaft alle Finsternis überwindend, von Osten nach Westen ihre Bahn.

7 Vom Ende des Himmels1 geht sie aus / Und läuft bis ans andere Ende.2 / Nichts bleibt verborgen vor ihrer Glut.3

  1. Von Osten.
  2. Nach Westen.
  3. Sie schaut wie eine glühende Leuchte in die verborgensten Winkel der Erde hinein.

8 Jahwes Gesetz ist makellos, / Es erquicket die Seele.1 / Jahwes Zeugnis ist zuverlässig, / Es macht den Toren weise.

  1. Der zweite Teil des Psalms (V8-15) folgt dem ersten ganz unvermittelt. An die Lobpreisung des Schöpfers schließt sich die Lobpreisung des Gesetzgebers. Wie die Sonne das Licht in der natürlichen Welt ist, so ist das Gesetz für den frommen Israeliten das Licht in der geistlichen Welt. In der Schöpfung redet El; dieser Gottesname kommt V2 vor (vgl. Einleitung). Im Gesetz aber redet Jahwe. Der Name El weist hin auf Gottes Machtverhältnis zur Welt, der Name Jahwe ist der heilsgeschichtliche Name Gottes auf Grund der Offenbarung, die er seinem auserwählten Volk hat zuteil werden lassen. Jahwes Gesetz wird in 12 Sprüchen gepriesen, von denen sich immer je zwei wie Voraussetzung und Folge zueinander verhalten.

9 Jahwes Befehle sind richtig, / Sie erfreuen das Herz. / Jahwes Gebot ist lauter, / Es erleuchtet die Augen.

10 Jahwes Verehrung ist rein, / Sie bestehet für immer. / Jahwes Sprüche1 sind wahr, / Rechtschaffen zumal.

  1. Richterliche Urteilssprüche; alles, was nach Gottes Entscheidung recht ist und zu Recht besteht.

11 Köstlicher sind sie1 als Gold / Und viel gediegenes Gold. / Ja süßer sind sie als Honig / Und aus den Waben fließender Seim.

  1. Gottes Offenbarungsworte.

12 Auch wird dein Knecht durch sie belehrt; / Wer sie hält, hat großen Gewinn.

13 Wer ist sich aller Vergehen bewußt?1 / Von verborgenen Sünden sprich mich los!

  1. Gemeint sind hier Vergehen aus Unwissenheit und Übereilung.

14 Auch vor Frechen1 beschirme deinen Knecht, / Daß sie mich nicht beherrschen!2 / Dann bin ich unsträflich / Und frei von schwerer Schuld. So nimm denn gnädig auf die Worte meines Mundes / Und meines Herzens Sinnen, / Jahwe, / Mein Fels und mein Erlöser!3

  1. Vor frechen Sündern, die vorsätzlich und mutwillig sündigen.
  2. Daß ich nicht unter ihren bösen Einfluß gerate.
  3. Der Psalm schließt in V13 bis 15 mit einer Bitte um Rechtfertigung und Heiligung.

Chapter 20

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.

2 (Der levitische Sängerchor:) / Es erhöre dich Jahwe am Tage der Not, / Der Name des Gottes Jakobs schütze dich!

3 Er sende dir Hilfe vom Heiligtum / Und stütze dich von Zion her!1

  1. Wo Gott in seinem Heiligtum wohnt.

4 Er gedenke all deiner Speisopfer, / Und dein Brandopfer sei ihm wert!1 Sela.

  1. Während des Gesanges von V2 bis 6 bringt der König das Opfer dar, wie dies vor Beginn des Kampfes üblich war. 1Sa 13:9-12

5 Er gebe dir, was dein Herz begehrt, / Und all deine Wünsche erfülle er!

6 Dann wollen wir jauchzen ob deiner Hilfe1 / Und im Namen unsers Gottes das Banner schwingen. / Jahwe gewähre dir all dein Bitten!

  1. Ob des Sieges, den du, o Gott, dem König schenkst.

7 (Eine Einzelstimme:) / Nun weiß ich, daß Jahwe seinem Gesalbten1 hilft, / Aus seinem heiligen Himmel erhört er ihn / Durch gewaltige Taten seiner Rechten.

  1. Seinem gesalbten König.

8 Diese vertrauen auf Wagen1 und jene auf Rosse, / Wir aber rufen an den Namen Jahwes, unsers Gottes.

  1. Hier sind Kriegswagen gemeint.

9 Sie sinken nieder und fallen, / Wir aber stehen und halten uns aufrecht. (Schlußruf des ganzen Sängerchors:) / Jahwe, rette den König! / Erhör uns heut, da wir zu dir flehn!1

  1. In diesem Psalm bittet das Volk für seinen König, der vor dem Auszug in den Kampf auf dem Zionsberg opfert. David legt diesen Psalm zur Ehre Gottes dem Volk in den Mund. Vor welchem Krieg der Psalm entstanden ist, darauf fehlt jeder Hinweis.

Chapter 21

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.

2 (Der levitische Sängerchor:) / Ob deiner Macht, o Jahwe, freut sich der König / Und ob deiner Hilfe — wie jauchzt er so sehr!

3 Seines Herzens Verlangen hast du ihm erfüllt, / Seiner Lippen Begehren ihm nicht versagt.1 Sela.

  1. D.h. du hast ihm den gewünschten und erbetenen Sieg über seine Feinde geschenkt.

4 Ja, reichsten Segen hast du ihm geschenkt,1 / Ihm aufs Haupt gesetzt eine Krone von Gold.2

  1. Wörtlich: "Mit Segnungen an Gutem kommst du ihm zuvor," noch ehe er dich darum bittet.
  2. Ist hier vielleicht an 2Sa 12:30 zu denken?

5 Um Leben bat er — du gabst es ihm, / Langes Leben für immer und ewig.

6 Durch deine Hilfe ist groß sein Ruhm, / Glanz und Hoheit legst du auf ihn.

7 Ja, du machst ihn zum Segen auf ewig, / Erfüllest ihn mit Freude vor dir.

8 (Eine Einzelstimme:) / Denn der König vertrauet auf Jahwe, / Durch des Höchsten Gnade wanket er nicht.

9 Deine Hand wird treffen all deine Feinde, / Deine Rechte erreichen, die dich hassen.

10 Du machst sie gleich einem Feuerofen, wenn du erscheinst.1 / Jahwe verderbt sie in seinem Zorn, / Und Feuer wird sie verzehren.2

  1. D.h. du wirst sie vertilgen; vgl. Mt 25:41.
  2. Vgl. Off 19:20, 20:15.

11 Ihre Kinder wirst du von der Erde vertilgen, / Ihr Geschlecht von den Menschen ausrotten.

12 Sinnen sie Böses wider dich, / Erdenken sie Tücke — es ist umsonst!

13 Denn du schlägst sie in die Flucht, / Deine Pfeile richtest du gegen sie. (Schlußruf des ganzen Sängerchors:) / Erheb dich, Jahwe, in deiner Macht! / Dann preisen wir singend deine Kraft.1

  1. Schon die Juden haben den 21. Psalm auf den König Messias gedeutet. Und in der Tat, erst in ihm, der nicht nur Davids Sohn, sondern auch Davids Herr ist, finden die Worte dieses Psalms ihre volle Erfüllung: er spendet Gottes Heil, aber er vollzieht auch Gottes Gericht.

Chapter 22

Fußnoten

1 Dem Sangmeister, nach (der Melodie von:) "Hindin der Morgenröte" (?).1 / Ein Psalm Davids.

  1. Der Ausdruck ist dunkel. Vielleicht ist damit die Melodie eines alten, mit diesen Worten beginnenden Liedes gemeint, nach der Ps. 22 gesungen werden sollte.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?! / Ohne Hilfe zu finden, muß ich zu dir schrein.

3 Mein Gott, ich rufe am Tage, doch du hörest mich nicht; / Auch (ruf ich) des Nachts, / Aber mein Klagen wird nicht gestillt.

4 Und dennoch bist du der Heilige, / Über Israels Lobliedern1 thronend.

  1. Die Gott in seinem Heiligtum dargebracht werden.

5 Dir haben unsre Väter vertraut, / sie haben vertraut: du hast sie errettet.

6 Sie schrien zu dir und wurden frei, / Sie vertrauten dir und sind nicht zuschanden geworden.

7 Ich aber bin ein Wurm1 und kein Mensch, / Von den Leuten verhöhnt und verachtet vom Volk.

  1. So hilflos und verachtet. vgl. Jes 41:14, 52:14

8 Alle, die mich sehen, spotten mein, / Verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:1

  1. Eine Gebärde des Staunens, des Spottes und der Schadenfreude. V9. folgen dann die Worte der Spötter.

9 "Befiehl dich Jahwe — der rette ihn, / Er reiß ihn heraus, hat er Freude an ihm!"

10 Ja,1 du hast mich gezogen aus Mutterschoß, / Mit Vertrauen2 mich erfüllt an der Mutter Brust.

  1. Ja, du, o Gott, hast wirklich Wohlgefallen und Freude an mir; "denn du hast" usw.
  2. Auf Gott.

11 Auf dich bin ich gewiesen von Anfang an,1 / Seit meiner Geburt bist du mein Gott.

  1. Wörtlich: "Auf dich bin ich geworfen von Mutterleibe an."

12 Sei nicht fern von mir, denn Not ist nah — / Ich habe ja sonst keinen Helfer!

13 Viele Stiere haben mich umringt, / Die Starken Basans umgeben mich.1

  1. Basan ist das Land jenseits des Jordans. Es war berühmt wegen seiner fetten Weiden und waldigen Berggegenden, wo es die stärksten, wildesten Stiere gab. "Starke Basans" bedeutet "Stiere".

14 Ihren Rachen öffnen sie wider mich / Wie ein reißender, brüllender Löwe.

15 Wie Wasser bin ich hingegossen, / All meine Gebeine sind auseinandergereckt.1 / Es ist mein Herz wie Wachs, / Zerschmolzen in meinem Innern.

  1. Der Psalmist beschreibt nun, wie er mitten unter seinen grimmigen Feinden fast tot ist.

16 Vertrocknet wie eine Scherbe ist meine Kraft, / Die Zunge klebt mir am Gaumen, / Und du lagerst mich in den Todesstaub.

17 Ja, es haben mich Hunde umringt, / Eine Bösewichterrotte hat mich umkreist, / Sie durchbohren mir Hände und Füße.1

  1. Nach LXX

18 Zählen könnt ich all meine Gebeine; / Sie aber freuen sich meiner Qual.1

  1. Während der Leidende auf seinen ausgespannten, todmüden Leib blickt, an dem alle Knochen hervortreten, weiden sich seine Feinde schadenfroh an seiner Qual.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich / Und werfen das Los über mein Gewand.

20 Du aber, Jahwe, bleib nicht fern! / Meine Stärke, eil mir zu Hilfe!

21 Rette mein Leben vom Schwert, / Aus der Hunde Gewalt reiß meine Seele.1

  1. Wörtlich: "meine Einzige" und darum Unersetzliche. Die Seele, das Leben, ist das einzige, das verlorengehen kann.

22 Hilf mir doch aus des Löwen Rachen, / Aus der Büffel Hörnern mache mich frei!

23 Dann will ich meinen Brüdern deinen Namen künden, / Inmitten der Gemeinde dir lobsingen:1

  1. Der Psalmist weiß, daß sein Leiden für die ganze Gemeinde Bedeutung hat. Sie soll darum die Botschaft seiner Rettung vernehmen. V24 folgt nun seine Heilsverkündigung, die sich an das ganze Israel richtet.

24 "Die ihr Jahwe fürchtet, preist ihn, / Alle Nachkommen Jakobs, ehret ihn / Und scheut euch vor ihm, alle Israelsöhne!

25 Denn nicht verachtet, nicht verschmäht er des Armen Qual, / Nicht hat er sein Antlitz vor ihm verborgen, / Und als er schrie, hat er ihn erhört."

26 Dir gilt mein Lobpreis in großer Gemeinde. / Meine Gelübde bezahl ich vor allen Frommen.

27 Essen sollen Demütige und satt werden; / Preisen werden Jahwe, die ihn suchen: / "Euer Herz soll sich laben auf ewig!"1

  1. Der aus seinem Todesleiden Errettete bringt nach seinem Danklied (V24-25) auch ein Dankopfer dar, wozu er die Demütigen, die irdisch und geistlich Armen, einlädt. V27c ist gleichsam der Segenswunsch des Gastgebers an seine und Jahwes Gäste, und der Wunsch will sagen: dieses Mahl schenke euch eine ewig währende Erquickung.

28 Des gedenkend1 werden sich wenden zu Jahwe / Alle Enden der Erde; / Und niederfallen werden vor dir / Alle Geschlechter der Heiden.2

  1. An alles gedenkend, was den großen Gegenstand des Psalms bildet.
  2. Der Psalmist erwartet als Frucht der Verkündigung dessen, was Gott an ihm getan hat, die Bekehrung aller Völker. Wie weit reicht das über Davids Zeit und Geschichte hinaus!

29 Denn Jahwes ist das Königtum, / Er ist aller Völker Herrscher.

30 Niederfallen werden vor ihm alle Großen1 der Erde, / Wenn sie gegessen haben.2 / Vor ihm werden auch alle knien. / Die hinabfahren in des Grabes Staub3 / Und die ihr Leben nicht fristen können.

  1. Wörtlich: "alle Fetten".
  2. Wenn sie die Segnungen des aus allen seinen Leiden erretteten Gerechten empfangen haben.
  3. D.h. die vor Kummer und Elend fast schon gestorben sind.

31 Die Nachwelt soll ihm dienen, / Man wird vom Herrn erzählen dem künftigen Geschlecht. Sie1 werden kommen und seine Treue verkünden / Dem spätern Volk, daß er es vollbracht!

  1. Die zum Herrn Bekehrten.

Chapter 23

1 Ein Psalm Davids.

2 Jahwe ist mein Hirt: mir mangelt nichts. / Auf grünen Auen läßt er mich ruhn, / Zu stillen Wassern1 führt er mich.

  1. Wo der Müde den lieblichsten Ruheplatz findet und zugleich sich erfrischen kann.

3 Er labet meine Seele, / Er leitet mich auf rechten Pfaden1 / Um seines Namens willen.

  1. Die keine Gefahr bringen und die zum rechten Ziel führen.

4 Auch wenn ich wandre durch ein Tal des Todesschattens,1 / Fürcht ich kein Leid. / Denn du bist bei mir; dein Hirtenstab und Stecken, / Die trösten mich.

  1. Auf einem Weg, wo feindliche Überfälle und Unglück aller Art drohen.

5 Du deckest mir den Tisch / Vor meiner Dränger Augen.1 / Du salbst mein Haupt mit Öl, / Mein Becher fließt über.

  1. Versetzt uns dieser Psalm in die Zeit der Empörung Absaloms, so ließe sich hier passend denken an 2Sa 17:27-29.

6 Nur Glück und Gnade folgen mir1 / Mein Leben lang, / Und wieder weilen werde ich in Jahwes Haus2 / Bis an das Ende meiner Tage.

  1. Selbst wenn die Feinde mir auf den Fersen sitzen.
  2. Wenn ich nach Jerusalem zurückgekehrt bin (vgl. Anm. [b] zu Ps 5:1). — In neutestamentlicher Erfüllung ist Jesus der gute Hirte. Joh 10:12-15 Er deckt den Seinen den Tisch vor allem im heiligen Abendmahl und salbt sie mit dem Öl seines Geistes.

Chapter 24

1 Ein Psalm Davids.1 / (Der Festchor, während er mit der Bundeslade den Berg Zion hinaufsteigt:) / Jahwe ist die Erde und was sie erfüllt, / Der Erdkreis mit seinen Bewohnern.2

  1. David scheint Ps. 24 als Festlied gedichtet zu haben, als er die Bundeslade von Kirjat-Jearim in feierlichem Zuge nach dem Zionsberg brachte (2Sa 6). Der Psalm besteht aus zwei Teilen: V1-6 scheint gesungen worden zu sein, während der Festzug mit der Bundeslade den Berg Zion hinaufzog. V7-10 scheint dann nach der Ankunft des Festzuges oben auf dem Berg Zion vor den Toren der alten Burg gesungen worden zu sein.
  2. 1Kor 10:26.

2 Denn er hat sie1 auf Meere gegründet / Und über Ströme sie aufgerichtet.2

  1. Die Erde.
  2. Weil das Meer eher da war als das Festland, 1Mo 1:9-10 so ruht das Festland gleichsam auf dem Meer und wird über diesem durch Gottes Allmacht aufrechterhalten.

3 (Eine Einzelstimme:) / Wer darf Jahwes Berg besteigen, / Wer darf treten an seine heilige Stätte?

4 (Der Festchor:) / Wer schuldlose Hände hat1 und reines Herzens ist, / Wer nicht auf Lüge sinnt / Und nicht betrügerisch schwört —

  1. D.h. wer sich nicht bestechen läßt.

5 Der wird Segen empfangen von Jahwe / Und Hilfe vom Gott seines Heils.

6 So sind, die nach ihm fragen: / Die dein Antlitz suchen, sind Jakob.1 Sela.

  1. Sie sind Jakob, nicht nur dem Fleisch nach, sondern in voller Wahrheit. Jes 44:2, Rö 9:6

7 (Der Festchor oben vor den Toren der Zionsburg:) / Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, / Ja, reckt euch empor, uralte Pforten,1 / Damit der König der Ehren einziehe!

  1. Die schon in der Zeit Melchisedeks 1Mo 14:18 und der Jebusiter 2Sa 5:6 bestanden. Die Tore der Burg sollen sich erweitern und gleichsam emporrecken, weil sie für den einziehenden König der Herrlichkeit zu klein und niedrig sind.

8 (Eine Einzelstimme drinnen, die gleichsam eine Antwort der Tore ist:) / Wer ist denn der König der Ehren? / (Der Festchor:) / Jahwe ist's, ein Starker, ein Held, / Jahwe, ein Held im Streit!

9 Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, / Ja reckt euch empor, uralte Pforten, / Damit der König der Ehren einziehe!

10 (Wieder die Einzelstimme drinnen:) / Wer ist denn der König der Ehren? / (Der Festchor draußen:) / Jahwe (der Herr) der Heerscharen,1 er ist der König der Ehren. / Sela.

  1. Die Heerscharen sind die Engel und die Sterne.

Chapter 25

1 Von David.1 / Auf dich, o Jahwe, ist mein Herz gerichtet.

  1. Ps. 25 ist der dritte in der Reihe der neun alphabetischen Psalmen.

2 Bei dir, mein Gott, fühl ich mich sicher; / Laß mich nicht zuschanden werden! / Laß meine Feinde nicht über mich frohlocken!

3 Gar niemand, der dein harret, wird zuschanden. / Zuschanden werden, die ohn Ursach treulos sind.1

  1. Die unter nichtigen Vorwänden gewissenlos von Gott abfallen.

4 Deine Wege, Jahwe, tu mir kund, / Deine Steige lehre mich!

5 Halt mich auf dem Pfade deiner Wahrheit, lehre mich! / Denn der Gott, der mir hilft, bist du. / Dein harr ich allezeit.

6 Sei eingedenk, o Jahwe, deiner Huld und Gnade, / Denn sie sind von Ewigkeit.

7 Gedenke1 nicht der Sünden meiner Jugend / noch meiner Missetaten! / Gedenk du mein nach deiner Gnade / Um deiner Güte willen, Jahwe!

  1. Da im Deutschen kein Wort mit Ch beginnt, so habe ich das G gewählt.

8 Treugesinnt ist Jahwe und voll Güte; / Drum zeigt er Sündern auch den rechten Weg.1

  1. Den Weg, der zum Leben führt.

9 Im Rechte1 leitet er Demütige / Und lehret die Elenden seinen Weg.2

  1. Auf der Bahn dessen, was Gottes Gesetz entspricht.
  2. Die Demütigen oder Elenden, die geistlich Armen Mt 5:3 sind willig, Gottes Wege zu lernen, während die Selbstgerechten und Hochmütigen nichts davon wissen wollen.

10 Kann's anders sein, als daß die Wege Jahwes / alle Gnade sind und Wahrheit1 / Für die, die da bewahren seinen Bund und seine Zeugnisse?

  1. Gottes Wege sind Gnade, weil sie die Menschen ohne ihr Verdienst zum Heil führen; sie sind Wahrheit, weil alle, die diese Wege wandeln, die Zuverlässigkeit der göttlichen Verheißungen erfahren.

11 Laß, Jahwe, doch um deines Namens willen / Vergebung werden meiner Schuld, denn sie ist groß.

12 Mit Jahwes Furcht erfülltem Mann / Zeigt Gott den Weg, den er erwählen soll.

13 Nicht nur ihm selber1 wird es wohl ergehn, / Nein, auch sein Same wird das Land besitzen.2

  1. Wenn er Gottes Weg erwählt.
  2. Vgl. Ps 37:11, Mt 5:5, Off 5:10.

14 Sein Wohlgefallen1 schenkt Jahwe denen, die ihn fürchten, / Und seinen Bund läßt er sie wissen.

  1. Oder: "Seine Freundschaft".

15 Auf Jahwe richten sich beständig meine Augen; / Denn er wird aus dem Netze ziehen meinen Fuß.

16 Prüfend wende dich zu mir und sei mir gnädig! / Denn einsam bin ich und elend.

17 Zermalmend trifft die Angst mein Herz; / Aus meinen Nöten rette mich!

18 Ruhn laß dein Aug auf meinem Leid und Ungemach, / Vergib mir alle meine Sünden!

19 Richte deinen Blick auf meine Feinde, wie sie zahlreich sind / Und wie sie ohne Grund mich hassen.

20 Schütze meine Seele und errette mich! / Laß mich nicht zuschanden werden, denn dir vertraue ich.

21 Treue und Aufrichtigkeit mögen mich behüten, / Denn ich harre dein!

22 Elohim, erlöse Israel aus allen seinen Nöten!1

  1. V22 ist über die alphabetische Reihe hinaus dem Psalm angehängt.

Chapter 26

1 Von David. / Hilf mir zu meinem Recht, o Jahwe; / denn in Unschuld bin ich gewandelt, / Und auf Jahwe hab ich vertrauet, ohne zu wanken.

2 Prüfe mich, Jahwe, erprobe mich, / Erforsche1 meine Nieren und mein Herz!2

  1. Wörtlich: "Erprobe durch Schmelzen".
  2. Die Nieren sind der Sitz der Empfindungen, auch der Gedanken und des Gewissens; das Herz ist der Mittelpunkt des Geisteslebens.

3 Denn deine Gnade ist mir stets vor Augen, / Und in deiner Wahrheit wandle ich.

4 Ich sitze nicht bei falschen Leuten, / Mit Hinterlistigen verkehre ich nicht.

5 Ich hasse der Bösen Versammlung, / Und bei den Gottlosen sitze ich nicht.

6 Ich will meine Hände in Unschuld waschen1 / Und möchte wandeln, o Jahwe, um deinen Altar,2

  1. Man denke an die Vorschrift, daß sich die Priester vor ihrem Dienst Hände und Füße waschen mußten.
  2. Die andächtige Menge bewegt sich in feierlichem Zuge um den Brandopferaltar des Vorhofs.

7 Laut anzustimmen den Lobgesang / Und zu erzählen all deine Wunder.

8 Lieb hab ich, Jahwe, deines Hauses Stätte / Und den Ort, da deine Herrlichkeit wohnt.

9 Raffe meine Seele nicht hin mit Sündern / Noch mit Blutmenschen mein Leben:

10 An ihren Händen klebt Schandtat, / Ihre Rechte ist voll Bestechung.

11 Ich aber will in meiner Unschuld wandeln; / Errette mich und sei mir gnädig!

12 Mein Fuß steht auf ebenem Weg; / In der Gemeinde will ich Jahwe preisen.1

  1. Stammt dieser Psalm von David, so könnte er während der Empörung Absaloms entstanden sein. Damals war David in großer Not. Er war fern von Jerusalem und dem Heiligtum Gottes. Aber er vertraut auf die Hilfe Gottes, dem er nach seiner Rückkehr auf Zion Lob und Dank darbringen will.

Chapter 27

1 Von David. / Jahwe ist mein Licht und mein Heil! / Vor wem sollt ich mich fürchten? / Jahwe ist meines Lebens Schutz! / Vor wem sollt ich zagen?

2 Dringen Frevler auf mich ein, / Mein Fleisch zu fressen; / Kommen meine Dränger und Feinde heran: / Sie müssen straucheln und fallen.

3 Lagert sich auch ein Heer wider mich — / Mein Herz ist ohne Furcht. / Erhebt sich Krieg gegen mich — / Auch dann bin ich getrost.

4 Eins nur erbitt ich von Jahwe, / Dies wäre mein Wunsch: / Daß ich in Jahwes Hause bleiben darf / Mein Leben lang, / Um Jahwes Huld zu schauen / Und immer seinen Tempel zu besuchen.

5 Denn er bringt mich in seine Hütte1 / Am Unglückstage, / Schirmt mich in seines Zeltes Schirm, / Auf einen Fels erhöht er mich.

  1. Die Hütte oder das "Zelt" ist Gottes Heiligtum auf dem Zionsberg. Dort fühlt sich David vor aller Gefahr geborgen, dort hat er gleichsam Feldengrund unter seinen Füßen.

6 So erhebt sich mein Haupt über meine Feinde ringsum. / Opfer des Jubels1 will ich opfern in seinem Zelt, / Will Jahwe singen und spielen.

  1. Gemeint sind Opfer jubelnden Dankes.

7 Höre, Jahwe, ich rufe laut! / Sei mir denn gnädig, erhöre mich!

8 Zu dir spricht mein Herz: (da du geboten:) 'Suchet mein Antlitz!' / "Dein Antlitz, Jahwe, such ich auch."

9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir! / Weise nicht ab im Zorn deinen Knecht! / Meine Hilfe bist du. So verwirf mich nicht / Und verlaß mich nicht, Gott meines Heils!

10 Wenn mich Vater und Mutter verlassen, / Nimmt Jahwe mich auf.

11 Zeige mir, Jahwe, deinen Weg, / Leit mich auf ebner Bahn1 / Um meiner Feinde willen.

  1. Auf der Bahn der Gerechtigkeit.

12 Gib mich nicht preis meiner Dränger Wut; / Denn es erheben sich gegen mich falsche Zeugen, / Leute, die Frevel schnauben.

13 Glaubte ich nicht, noch Jahwes Güte zu schauen / In der Lebendigen Land — (ich wäre vergangen in meinem Elend.)1

  1. In V13 fehlt der Nachsatz, der durch die eingeklammerten Worte ergänzt ist.

14 Hoff auf Jahwe! Sei getrost und unverzagt! / Ja, hoff auf Jahwe!1

  1. Ps. 27 besteht aus zwei ungleichen Hälften. Die erste Hälfte (V1-6) ließe sich David zuschreiben, und wir könnten hier auch an die absalomische Verfolgungszeit denken. In der zweiten Hälfte aber (V7-14) ist die Lage und die Stimmung des Dichters ganz anders als in der ersten. Freilich kommt in beiden Hälften gleichmäßig das starke Gottvertrauen zum Ausdruck, und deshalb mögen auch beide Teile später zu einem Psalm verbunden worden sein.

Chapter 28

1 Von David.1 / Zu dir, o Jahwe, rufe ich, / Mein Fels, gib mir doch Antwort! / Denn hörst du mich nicht, / So gleiche ich denen, die in die Grube fahren.2

  1. Auch dieser Psalm wird gut verständlich im Blick auf Absaloms Empörung. Vielleicht ist der Psalm zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Bitte V1-5 scheint während der Empörung gedichtet zu sein. Da ist David mit seinem Volk in großer Not. Frevler haben sich gegen ihn erhoben, falsche Freunde haben ihn verraten. Der Dank V6-9 paßt besser für die Zeit nach der Empörung. Am Schluß (V8-9) bittet der König für sich und sein Volk.
  2. D.h. den Sterbenden oder Gestorbenen.

2 Höre mein lautes Flehn, wenn ich zu dir schreie, / Wenn ich meine Hände erhebe / Zu deinem Allerheiligsten.1

  1. Im Allerheiligsten der Stiftshütte und des Tempels stand die Bundeslade mit den Cherubim, die Gottes Gegenwart abbildeten und verbürgten.

3 Raff mich nicht weg mit Frevlern und Übeltätern, / Die freundlich reden mit ihren Nächsten, / Während sie Böses im Sinne haben.

4 Vergilt du ihnen nach ihrem Tun und ihren bösen Werken! / Nach ihrer Hände Tat gib ihnen, / Vergilt du ihnen, was sie verdient!

5 Wenn sie nicht achten auf Jahwes Tun und seiner Hände Werk, / So reiß er sie nieder und baue sie nicht!1

  1. D.h. schenke ihnen nicht Glück und Segen.

6 Gelobt sei Jahwe! / Denn er hat mein lautes Flehen gehört.

7 Jahwe ist mein Schutz und mein Schild. / Auf ihn hat mein Herz vertraut, / Und ich hab Hilfe gefunden! / Drum jubelt mein Herz, / Und mit meinem Liede will ich ihm danken.

8 Jahwe schütze sein Volk! / Ein Heilsort ist er seinem Gesalbten.1

  1. Für seinen gesalbten König.

9 O hilf deinem Volk und segne dein Erbe, / Weide und trage sie ewiglich!1

  1. 5Mo 1:31, 2Mo 19:4.

Chapter 29

1 Ein Psalm Davids. / Bringet Jahwe, ihr Gottessöhne,1 / Bringet Jahwe Ehre und Preis!

  1. Die Gottessöhne sind die Engel. Ps 89:7, 1Mo 6:2,4, Hio 1:6, 2:1, 38:7, Da 3:25

2 Bringt Jahwe seines Namens Ehre!1 / Huldigt Jahwe in heiligem Schmuck!2

  1. Bringt ihm die Ehre dar, die seinem Namen gebührt.
  2. Gleichsam in priesterlichem Schmuck, in reinen, himmlischen Lichtgewändern sollen sich die Engel anbetend vor Gott niederwerfen.

3 Jahwes Stimme1 schallt über den Wassern:2 / Der Gott der Ehre donnert, / Jahwe thront über mächtigen Wassern.

  1. Der Donner.
  2. Über den Wassern des Mittelländischen Meeres; dorther kommt das Gewitter.

4 Jahwes Stimme erschallt mit Macht, / Jahwes Stimme erschallt mit Pracht.1

  1. Sie ist in ihrer Macht und Gewalt auch schön. Unendliche Kraft und vollendete Schönheit vereinen sich in allen Werken Gottes.

5 Jahwes Stimme1 zerschmettert Zedern, / Jahwe zerschmettert des Libanons Zedern.

  1. Der unter Donnergedröhn niederfahrende Blitz.

6 Er läßt hüpfen wie Kälber,1 / Libanon und Sirjon2 wie junge Büffel.

  1. Die Zedern hüpfen, indem sie sich im Gewittersturm biegen und dann wieder emporschnellen.
  2. Sirjon ist der Berg Hermon. 5Mo 3:9

7 Jahwes Stimme sprüht Feuerflammen.1

  1. Blitze. Donner und Blitz sind ja eng verbunden.

8 Jahwes Stimme läßt beben die Wüste, / Beben läßt Jahwe die Wüste von Kades.1

  1. Gemeint ist wohl Kades Barnea. 4Mo 32:8, Jos 10:41 Das Gewitter, das vom Mittelmeer kommt, entlädt sich über dem Libanon und zieht von da nach der Arabischen Wüste.

9 Jahwes Stimme läßt Hinden gebären,1 / Entblättert die Wälder.2 / In seinem Tempel ruft alles: "Ehre!"3

  1. Die Hirschkühe gebären in dem Gewittersturm vor Schreck frühzeitig.
  2. Der Sturm reißt Blätter und Zweige ab.
  3. Während so auf Erden Angst und Zittern herrschen, herrscht droben im himmlischen Tempel heilige Ruhe. Nach wie vor bringen alle Engelchöre Gott Ehre und Anbetung dar.

10 Jahwe thronte einst über der Sintflut,1 / Jahwe wird thronen als König auf ewig.

  1. 1Mo 7.

11 Jahwe verleiht seinem Volke Macht, / Jahwe segnet sein Volk mit Frieden!1

  1. Franz Delitzsch sagt sehr schön: "Der Anfang des Psalms zeigt uns den Himmel offen und den Thron Gottes inmitten der Lobgesänge der Engel, und der Schluß des Psalms zeigt uns auf der Erde inmitten des alles erschütternden Zornrufs Jahwes sein sieghaftes und mit Frieden gesegnetes Volk. Gloria in excelsis (Ehre sei Gott in der Höhe) ist der Anfang und pax in terris (Friede auf Erden) das Ende."

Chapter 30

1 Ein Psalm. Nach dem Liede der Hausweihe (?).1 Von David.2

  1. Es gab vielleicht ein Lied, das bei der Einweihung der Häuser gesungen wurde und dessen Melodie dieser Psalm folgen sollte.
  2. Daß David einmal in eine tödliche Krankheit gefallen ist, von der er durch Gottes Hilfe wunderbar geheilt wurde (man denke an Hiskia Jes 38 2Kö 20:1-11), daran braucht nicht gezweifelt zu werden, obwohl uns sonst über diese Krankheit nichts bekannt ist.

2 Ich erhebe dich, Jahwe: Du hast mich errettet,1 / Daß meine Feinde nicht über mich jauchzten.

  1. Aus Todesgefahr.

3 Jahwe, mein Gott, ich schrie zu dir: / Du hast mich geheilt.

4 Jahwe, du hast mich dem Tode entrissen,1 / Mich neubelebt, daß ich nicht in die Grube sank.

  1. Wörtlich: "Du hast heraufgeführt aus der Scheôl (Unterwelt) meine Seele."

5 Lobsinget Jahwe, ihr, seine Frommen, / Und dankt seinem heiligen Namen!

6 Denn nur einen Augenblick währet sein Zorn, / Doch lebenslang seine Huld.1 / Am Abend kehret Weinen ein, / Des Morgens aber ist Jubel.

  1. "Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit."

7 Ich dachte in meinem Glück: / "Ich werde nimmermehr wanken!"1

  1. Das war die Sprache der fleischlichen Sicherheit. Man denke an Davids Hochmut bei der Volkszählung 2Sam. 24.

8 Jahwe, in deiner Huld / Hattest du meinem Berge Macht verliehn.1 / Dann aber verbargst du dein Antlitz — / Da war ich bestürzt.

  1. Gemeint ist hier wohl der Berg Zion als Bild des Reiches Davids. Gott hatte dem Reich Davids Kraft verliehen.

9 Zu dir, o Jahwe, rief ich, / Zu Jahwe hab ich gefleht:

10 "Was nützt dir's, daß du mein Blut vergießt, / Daß ich niederfahre zur Grube? / Kann denn der Staub dich preisen? / Kann er deine Treue verkünden?1

  1. Nach alttestamentlicher Anschauung erklingt im Totenreich kein Lobpreis Gottes (vgl. die Anm. zu Ps 6:6).

11 O höre, Jahwe, sei mir doch gnädig! / Jahwe, sei mir ein Helfer!"

12 Du hast mir ja stets schon mein Klagen in Reigen1 verwandelt, / Meinen Sack gelöst,2 mich mit Freude gegürtet, Damit ich dir singe3 und nimmer verstumme. / Jahwe, mein Gott, immerdar will ich dich preisen!

  1. In einen Reigentanz.
  2. Mir das Trauergewand ausgezogen.
  3. Wörtlich: "Damit die Ehre (d.h. die Seele) dir lobsinge."

Chapter 31

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.

2 Bei dir, o Jahwe, suche ich Zuflucht: / Mög ich nimmer zuschanden werden! / Nach deiner Treue errette mich!

3 Neige dein Ohr zu mir, befreie mich eilends! / Sei mir ein schützender Fels, / Eine feste Burg, mir zu helfen!

4 Ja, mein Fels, meine Burg bist du, / Ob deines Namens wirst du mich führen und leiten.

5 Herausziehn wirst du mich aus dem Netz, / Das man mir heimlich gelegt; / Denn du bist mein Schutz.

6 In deine Hand befehl ich meinen Geist!1 / Du erlösest mich, Jahwe, du treuer Gott.

  1. Dies war das letzte Wort des gekreuzigten Erlösers. Lu 23:46

7 Verhaßt sind mir, die nichtigen Götzen dienen; / Ich traue auf Jahwe.

8 Jubeln will ich und fröhlich sein ob deiner Gnade; / Denn du siehest mein Elend an, / Du merkst auf die Not meiner Seele.

9 Du gibst mich nicht in des Feindes Hand, / Du stellst meine Füße auf freien Raum.

10 Sei mir gnädig, Jahwe, denn mir ist angst! / Mir schwindet in Gram Aug, Seele und Leib.

11 In Kummer vergehet mein Leben, / Meine Jahre entrinnen in Seufzen. / Ob meiner Sünde wankt meine Kraft, / Und meine Gebeine verfallen.

12 Durch all meine Dränger bin ich ein Schimpf geworden, / Eine Last meinen Nachbarn, meinen Freunden ein Schreck; / Die mich draußen erblicken, fliehen vor mir.1

  1. Unter der Annahme, daß David während seiner Verfolgung durch Saul diesen Psalm verfaßt hat, weist Franz Delitzsch darauf hin, daß selbst die, bei denen David in seiner Not freundnachbarliche Zuflucht fand, sich allmählich aus Furcht vor Saul durch ihn gefährdet und belästigt fühlen konnten, ja Grund hatten, den Verkehr mit ihm zu fliehen, als Saul dem Ahimelech und den anderen Priestern in Nob ein so trauriges Geschick bereitet hatte. 1Sa 21:12

13 Wie ein Toter bin ich vergessen, entschwunden dem Sinn, / Ich bin wie ein zerbrochen Gefäß.

14 Ja ich höre vieler Verleumdung, / Grauen umgibt mich ringsum. / Beraten sie zusammen wider mich, / So sinnen sie drauf, mir das Leben zu rauben.

15 Ich aber, Jahwe, traue auf dich, / Ich spreche: "Du bist mein Gott."

16 In deiner Hand liegt mein Geschick. / Meiner Feinde Gewalt und meinen Verfolgern entreiße mich!

17 Laß deinem Knechte dein Antlitz leuchten, / Hilf mir durch deine Gnade!

18 Jahwe, nicht werd ich beschämt, denn ich rufe dich an. / Zuschanden mögen die Frevler werden, / Mögen sie fahren zur Unterwelt!

19 Verstummen sollen die Lügenlippen, / Die frech den Gerechten schmähn / In Übermut und Hohn!

20 Wie groß ist deine Güte, / Die du denen bereit hältst, die dich fürchten, / Erweisest denen, die dir vertraun, / Vor allen Menschenkindern.

21 Du schirmst sie im Schirm deines Angesichts / Vor den Rotten der Menschen, / Birgst sie in einer Hütte / Vor dem Hader der Zungen.

22 Gepriesen sei Jahwe! / Er hat seine Gnade mir wunderbar / Erzeigt in einer festen Stadt.1

  1. Hier denkt Franz Delitzsch an die Philisterstadt Ziklag, wo David schützende Aufnahme fand (1Sam. 27).

23 Ich aber dachte in meiner Angst, / Ich wäre von dir verstoßen. / Doch du vernahmest mein lautes Flehn, / Als ich zu dir schrie.

24 Liebt Jahwe, all seine Frommen! / Die Treuen behütet Jahwe, / Aber die Stolzen straft er streng. Seid stark und mutigen Herzens / Alle, die ihr auf Jahwe harrt!

Chapter 32

1 Von David. Eine Betrachtung (?).1 / Heil dem, des Missetat vergeben, des Sünde erlassen ist!

  1. Hebräisch: "maskil." Bezeichnung einer Psalmart nach Ps 47:8 und in der Überschrift von Psalm 32, 42, 44, 45, 52 — 55. 74. 78. 88. 89. 142. Die Bedeutung des Wortes ist unbekannt. Gewöhnlich übersetzt man: Lehrgedicht. Aber die Überschrift findet sich auch bei solchen Psalmen, die keine Lehrgedichte sind. Andere fassen das Wort als "fromme Betrachtung." — Ps. 32 ist der zweite unter den sieben kirchlichen Bußpsalmen. Er war der Lieblingspsalm des bekannten Kirchenvaters Augustin.

2 Heil dem Menschen, dem Jahwe die Schuld nicht anrechnet, / Und in des Geist kein Trug ist.1

  1. Der vielmehr seine Sünde offen bekennt. Vgl. Rö 4:6-8.

3 Als ich schwieg,1 schwand mein Gebein dahin, / Weil ich unaufhörlich seufzen mußte.2

  1. Als ich meine Sünde nicht rückhaltlos vor Gott kundmachen wollte.
  2. Unter den Qualen des bösen Gewissens.

4 Denn deine Hand lag schwer auf mir bei Tag und Nacht,1 / Mein Lebenssaft vertrocknete wie in der Sommerglut. Sela.

  1. Das Gefühl des göttlichen Zornes ließ ihm keine Ruhe.

5 Da tat ich dir meine Sünde kund, / und meine Schuld verdeckte ich nicht. / Ich sprach: "Bekennen will ich Jahwe meine Missetat." / Da hast du meine Sündenschuld weggenommen. Sela.

6 Drum bete jeder Fromme zu dir,1 solange du noch zu finden bist.2 / Fluten auch mächtige Wasser einher,3 / ihn4 werden sie sicher nicht treffen.

  1. In reumütigem Flehen.
  2. Es könnte auch die Zeit kommen, wo es zu spät ist. Jes 55:6
  3. Die Wasser der Trübsal und Anfechtung.
  4. Den Frommen, der Gott in aufrichtigem Gebet sucht.

7 Du bist mein Schirm, vor Drangsal bewahrest du mich, / Umringst mich mit Rettungsjubeln.1 Sela.

  1. D.h.: Ihm begegnet, wohin er sich auch wenden mag, Ursache zum dankbaren Jubel.

8 Ich1 will dich belehren, dir zeigen den Weg, den du gehen mußt; / Fest will ich auf dich mein Auge richten.

  1. In V8 und 9 redet der Psalmist solche an, die von Sündenschuld bedrückt sind.

9 Seid nicht wie das Roß, wie das unverständige Maultier! / Mit Zaum und Halfter, ihrem Geschirr, muß man sie zügeln; / Sonst nahen sie nicht zu dir.1

  1. Angeredet wird der Mensch, der das Tier nur durch harte Zwangsmittel zähmen kann. Im Unterschied von dem unvernünftigen Tier ziemt aber dem Menschen kein erzwungener, sondern ein freiwilliger Gehorsam.

10 Der Gottlose hat viel Schmerzen.1 / Wer aber auf Jahwe traut, den umgibt er2 mit Gnade.

  1. Durch die Qualen des bösen Gewissens.
  2. Jahwe.

11 Freut euch in Jahwe, frohlockt, ihr Gerechten, / Und jauchzet, ihr Redlichen alle!

Chapter 33

1 Jubelt, Gerechte, in Jahwe! / Den Redlichen ziemet Lobgesang.

2 Dankt Jahwe auf der Zither, / Auf zehnsaitiger Harfe spielet ihm!

3 Singt ihm ein neues Lied, / Spielt schön und kräftig mit Jubelgetön!

4 Denn Jahwes Wort ist wahrhaftig, / Und all sein Tun vollzieht sich in Treue.

5 Er liebet Gerechtigkeit und Recht, / Jahwes Güte erfüllt die Erde.

6 Durch Jahwes Wort sind die Himmel gemacht, / Durch den Hauch seines Mundes ihr ganzes Heer.1

  1. Die Sternenwelt.

7 Er sammelt als Haufen des Meeres Wasser,1 / Er legt die Fluten in Vorratskammern.2

  1. Gleich einem aufgetürmten Haufen ragen die Wasser des Meeres, fest zusammengehalten, über das niedrigere Festland empor.
  2. Das Bett des Meeres und der Ströme sind solche Vorratskammern.

8 Vor Jahwe fürchte sich alle Welt, / Alle Erdbewohner erbeben vor ihm!

9 Denn er hat gesprochen — da ward es; / Er hat geboten — und es stand da.

10 Jahwe vernichtet der Heiden Plan, / Vereitelt der Völker Gedanken.

11 Jahwes Plan bleibt ewig bestehn, / Seines Herzens Gedanken für alle Geschlechter.

12 Heil dem Volke, des Gott ist Jahwe, / Dem Volk, das er sich zum Erbe erwählt!

13 Vom Himmel blicket Jahwe herab, / Er sieht alle Menschenkinder.

14 Von seiner Wohnstatt schauet er / Auf alle Bewohner der Erde.

15 Er bildet allen ihr Herz,1 / Er achtet auf all ihr Tun.

  1. Nicht nur, was die Menschen auf Erden tun, sieht Gott (V14), sondern er, der die Herzen, das Innere des Menschen, den Geist, schafft, weiß auch, was in den Herzen der einzelnen vorgeht.

16 Nicht siegt ein König durch große Macht,1 / Nicht rettet ein Held sich durch große Kraft.

  1. Heeresmacht.

17 Nichts nützen Rosse zum Siege,1 / Ihre große Stärke hilft nicht entrinnen.2

  1. Spr. Sal. 21,31.
  2. Hilft den Reitern nicht, daß sie entrinnen.

18 Auf die, die ihn fürchten, blickt Jahwes Auge, / Auf die, die harren auf seine Huld,

19 Daß er ihr Leben vom Tode errette / Und sie erhalte in Hungersnot.

20 Unsre Seele wartet auf Jahwe, / Er ist uns Hilfe und Schild.

21 Ja, in ihm freuet sich unser Herz. / Seinem heiligen Namen vertrauen wir.

22 Deine Gnade, Jahwe, sei über uns, / Gleichwie wir auf dich harren!1

  1. Dieser Psalm scheint nach einer Befreiung Israels aus der Hand mächtiger Feinde gedichtet worden zu sein. Manche denken hier an die Errettung Jerusalems vor dem assyrischen König Sanherib zur Zeit Hiskias (Jes 36:17, 2Kö 18:13-19:37). Der Inhalt des Psalms ist kurz folgender: Die Gemeinde Israels hat allen Grund, Gott zu danken, und der Tempel soll widerhallen vom Jubel der aus der Not Erlösten. Ein neues Lied soll erschallen, wie es hier noch nicht gehört ward. Denn was Gott an Israel getan hat, ist ein neuer Beweis seiner Bundestreue und zugleich eine neue Glaubensstärkung für sein Volk (V1-5). Der Gott Israels ist aber der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde. Vor ihm müssen alle Völker erzittern; denn dem Wort seiner Allmacht kann nichts widerstehen (V6-9). Mögen deshalb auch die Heiden Pläne schmieden gegen Gottes erwähltes Volk, Gott, dessen Plan auf ewig besteht, er wird sie vereiteln. Wie glücklich ist darum Israel, daß es von diesem Gott erwählt worden ist! Gottes Allmacht ist aber auch verbunden mit Allwissenheit: er weiß sogar, was in den Herzen der einzelnen Menschen vorgeht (V10-15). Wer kann einem solchen Gott widerstehen? Heeresmacht und Heldenkraft, Streitrosse und Kriegswagen sind ohnmächtig gegen ihn. Wer aber im Glauben auf ihn harrt, der wird seine Hilfe herrlich erfahren (V16-22).

Chapter 34

1 Von David, als er sich vor Abimelech wahnsinnig stellte, / so daß dieser ihn von sich trieb und er wegging.1

  1. 1Sa 21:10 — 22,1. Der Philisterkönig, zu dem David floh, heißt an dieser Stelle Achis. Abimelech ist der Würdename der Philisterkönige, wie alle ägyptischen Könige den Namen Pharao führten. Ps. 34 ist der vierte der neun alphabetischen Psalmen.

2 Allzeit will ich Jahwe preisen, / Sein Lob sei stets in meinem Mund.

3 Bei Jahwe soll mein Herz sich rühmen, / Daß Dulder es hören und sich freun.

4 Groß achtet mit mir Jahwe, / Laßt uns zusammen seinen Namen erhöhn!

5 Dringend suchte ich Jahwe, er gab mir Antwort: / Aus all meinen Ängsten befreite er mich.

6 Hell leuchtet das Aug, wenn man auf ihn blickt, / Und das Antlitz wird nicht erblassen.1

  1. Wegen getäuschter Hoffnung.

7 Solch ein Dulder ist hier:1 der rief — / da erhörte ihn Jahwe / Und half ihm aus all seinen Nöten.

  1. Der Psalmist zeigt dabei auf sich selbst.

8 Ganz nah ist Jahwes Engel den Frommen allen / Und reißt sie aus jeder Gefahr.

9 Tastet1 und seht: wie gütig ist Jahwe! / Heil dem Manne, der zu ihm flieht!2

  1. Oder: Fühlet, empfindet, schmecket.
  2. 1Pe 2:3.

10 Jahwe fürchtet, ihr Heiligen sein! / Denn die ihn fürchten, die trifft kein Mangel.

11 Karg leben und hungern wohl junge Leun; / Die aber Jahwe suchen, entbehren kein Gut.1

  1. Eher müssen junge Löwen verhungern, weil sie keine Beute finden, als daß die Mangel leiden, die Gott vertrauen. Vgl. Lu 1:53.

12 Liebe Kinder,1 kommet, höret mir zu! / Jahwe zu fürchten, will ich euch lehren.

  1. Zärtliche Anrede des Psalmisten an alle, die seinen Worten folgen wollen.

13 Möchtest du haben langdauerndes Leben, / Zahlreiche Tage, um Glück zu schaun?

14 Nun, dann bewahr deine Zunge vor Bösem / Und deine Lippen vor falschem Wort.

15 Sei fern vom Bösen und tue das Gute, / Suche Frieden und jage ihm nach!

16 Auf Gerechte schauen die Augen Jahwes, / Und seine Ohren hören ihr Schrein.

17 Pein bringt den Frevlern der Zornblick Jahwes: / Von der Erde vertilget er ihr Gedächtnis.1

  1. Vgl. 1Pe 3:10-12.

18 Zagend schreien die Frommen,1 und Jahwe hört: / Aus all ihren Leiden rettet er sie.

  1. Es ist hier das Schreien einer an sich selbst verzagenden Seele gemeint.

19 Kommt Jahwe denen nicht nah, / die zerbrochenen Herzens sind?1 / Und allen hilft er, deren Geist zerschlagen ist.2

  1. Deren eigenes Ich gebrochen ist.
  2. Die von ihrem Hochmut geheilt und zu demütiger Buße gekommen sind.

20 Reichlich muß der Gerechte leiden, / Aber aus allem befreit ihn Jahwe.

21 Schützend bewahrt er all seine Gebeine, / Daß ihrer nicht eins zerbrochen wird.

22 Töten wird den Frevler das Unheil, / Büßen müssen die Hasser des Frommen. Jahwe erlöst seiner Knechte Seele, / Und schuldlos bleiben, die zu ihm flehn.1

  1. Ps. 34 will an Davids Beispiel zeigen, wie Gott die Seinen bewahrt und errettet und wie selig sie sind in seinem Dienst. Stammt der Psalm von David, so hat er ihn jedenfalls nicht sofort nach seinem Weggang von Achis verfaßt, sondern in einer späteren, ruhigen Zeit, indem er die ernsten Erfahrungen, die er damals machte, und die freudigen Gefühle, die ihn nach seiner Errettung beseelten, in diesem Lehrgedicht zum Ausdruck brachte, damit auch andere dadurch im Vertrauen auf Gott befestigt würden (V12).

Chapter 35

1 Von David.1 / Bestreite, Jahwe, meine Bestreiter, / Bekriege, die mich bekriegen!

  1. Hat David den 35. Psalm gedichtet, so führt er darin nur weiter aus, was er 1Sa 14:16 Saul gegenüber ausspricht. Auch bei diesem Psalm läßt sich nicht sagen, ob ihn David unter dem Eindruck der Verfolgungszeit verfaßt hat oder ob er auf Grund seiner damaligen Erfahrungen die Angst und Not des Gerechten in einem Lied für die Gemeinde schildern will. In drei Teilen (V1-10; 11-18; 19-28) kehren Klage, Gebet und Dankgelübde wieder, doch so, daß im Einklang die Klage nicht unmittelbar hervortritt, sondern eingekleidet wird in eine Aufforderung an Gott, dem Bedrängten zu Hilfe zu eilen.

2 Ergreife Schild und Tartsche,1 / Steh auf, um mir zu helfen!

  1. Mit dem (kleinen) Schild werden die feindlichen Hiebe abgewehrt; die Tartsche, ein großer Schild, deckt den ganzen Körper.

3 Zücke den Speer und die Axt wider meine Verfolger, / Sprich zu meiner Seele: "Ich helfe dir!"

4 Schande und Schmach mögen ernten, / Die mir nach dem Leben trachten; / Zurückweichen und erröten müssen, / Die auf mein Unglück sinnen!

5 Sie seien wie Spreu vor dem Winde, / Und Jahwes Engel stoße sie weg!1

  1. Vgl. 2Mo 14:19-25.

6 Ihr Weg sei finster und schlüpfrig, / Und Jahwes Engel verfolge sie!

7 Denn sie haben ihr Netz mir ohn Ursach gelegt, / Ohn Ursach mir eine Grube gegraben.

8 Verderben treffe ihn,1 eh er's meint, / Ihn fange das Netz, das er heimlich gestellt! / Er falle hinein und verderbe!

  1. Unter der Mehrzahl seiner Feinde denkt der Psalmist nun an einen besonders.

9 Dann wird meine Seele in Jahwe sich freun, / Ob seiner Hilfe frohlocken.

10 Es sagen all meine Gebeine: "Wer gleicht dir, o Jahwe? / Du rettest den Armen aus des Stärkern Hand, / Den Armen und Dürftigen von seinem Räuber."

11 Falsche Zeugen erheben sich, / Sie fragen nach Dingen, die ich nicht weiß;1

  1. Sie verlangen, daß ich Vergehen bekennen soll, deren ich mich gar nicht schuldig gemacht habe.

12 Sie vergelten mir Böses für Gutes.1 / Wie bin ich allein und verlassen!2

  1. Man denke hier an die Worte Sauls in 1Sa 24:18.
  2. Und wie aufrichtig und teilnehmend hat er sich früher gezeigt (V13f.)!

13 Ich aber, waren sie krank, trug Trauerkleider, / Machte mich müde mit Fasten / Und betete gesenkten Haupts.

14 Als wär er mein Freund, mein Bruder, so (leidvoll) ging ich einher; / Wie um meine Mutter trauernd, so war ich gebeugt von Schmerz.1

  1. Der Psalmist verließ die, die ihm jetzt undankbar und feindlich entgegentreten, früher nicht in ihrer Not, sondern er nahm wie ein liebevoller Freund und Bruder an ihrem Ergehen teil.

15 Nun aber bei meinem Sturze1 freuen sie sich und treten zusammen, / Es rotten sich wider mich Wichte,2 die ich nicht kannte; / Sie lästern und hören damit nicht auf.

  1. Über Davids Sturz vgl. 1Sam. 19.
  2. Elende Wichte, Menschen aus der Hefe des Volkes, denen er früher gar keine Beachtung schenkte. Solche Leute gesellen sich nun zu seinen undankbaren Freunden.

16 Wie Ruchlose Possenreißer1 / Fletschen sie wider mich ihre Zähne.

  1. Wie Leute, die um einen guten Leckerbissen höhnische Possen reißen und denen die Ehre ihres Nächsten um einen schmackhaften Kuchen feil ist. (Die Stelle ist dunkel.)

17 O Herr, wie lange noch willst du es ansehn? / Schütze mein Leben vor ihrem Verderben, / Entreiß meine Seele1 den jungen Löwen!

  1. Wörtlich: "meine Einzige." Ps 22:21

18 Ich will dich preisen in großer Gemeinde, / Unter zahlreichem Volke dich rühmen.

19 Laß sich nicht über mich freun, die mir grundlos feind sind, / Laß nicht, die mich ohn Ursach hassen,1 mein hämisch spotten!2

  1. Vgl. Ps 69:5, Joh 15:25.
  2. Wörtlich: "mit dem Auge blinzeln oder zwinkern".

20 Denn sie reden nicht, was zum Frieden dient, / Nein, gegen die Stillen im Lande ersinnen sie Trug.

21 Sie reißen den Mund weit auf wider mich, / Sie rufen: "Ei, ei, nun sehen wir's ja!"1

  1. Wir sehen jetzt, was wir wünschten.

22 Du siehst es, Jahwe, drum schweige nicht! / O Herr, sei nicht ferne von mir!

23 Wach auf, wach auf und schaffe mir Recht! / Mein Gott, mein Herr, tritt du für mich ein!

24 Schaff Recht mir nach deiner Gerechtigkeit, o Jahwe, mein Gott! / Sie sollen ja nicht über mich frohlocken.

25 Sie sollen nicht denken: "Ei, nun ist's erreicht!" / Nicht glauben: "Jetzt haben wir ihn vernichtet."

26 Beschämt und enttäuscht müssen alle werden, / Die sich meines Unglücks freun. / Es müssen sich hüllen in Schande und Schmach, / Die sich stolz wider mich erheben.

27 Laß jubeln und jauchzen, die mir gönnen mein Recht!1 / Laß sie allzeit sprechen: "Jahwe ist groß, / Der das Heil seines Knechtes begehret!"

  1. Die wünschen, daß meine Gerechtigkeit, meine Unschuld an den Tag komme.

28 Meine Zunge soll deine Gerechtigkeit preisen, / Fort und fort deinen Ruhm verkünden.

Chapter 36

1 Dem Sangmeister. Von dem Knechte Jahwes, von David.

2 Wie die Sünde zum Frevler redet,1 / daran muß ich denken in meinem Herzen. / Es fehlt ihm2 ja alle Scheu vor Gott.3

  1. Wie die Sünde dem Frevler, dem Gottlosen ihren Willen aufzuzwingen sucht. Die Stelle ist dunkel.
  2. Dem Frevler.
  3. Rö 3:18.

3 Denn sie1 umgarnt ihn mit Schmeichelreden, / Damit sie erreiche, daß er sich verschulde und hasse.

  1. Die Sünde. Sie tritt gleichsam als wohlmeinende Freundin an den Frevler heran, sie betört ihn schließlich und bringt ihn dahin, daß er Gott und Menschen haßt.

4 Was er1 spricht, ist Unheil und Tücke; / Er steht davon ab, verständig zu handeln und gut.

  1. Der Frevler, der Gottlose.

5 Unheil sinnt er auf seinem Lager, / Betritt einen bösen Weg, / Schlechtes verwirft er nicht.

6 Jahwe, bis an den Himmel reicht deine Gnade, / Deine Treue bis zu den Wolken.1

  1. Die Bildrede drückt die Unermeßlichkeit der Gnade und Treue Gottes aus.

7 Deine Gerechtigkeit gleicht Gottes Bergen,1 / Deine Gerichte der Meerestiefe;2 / Menschen und Tieren hilfst du, o Jahwe.

  1. Sie steht so unwandelbar fest wie die mächtigen, zum Himmel ragenden Berge, die Gottes Größe und Allmacht verkünden. Darum heißen sie auch "Berge Gottes." Ps 68:16 Vgl. auch "die Zedern Gottes." Ps 80:11
  2. Gottes Gerichte sind so unergründlich wie die Meerestiefe. Rö 11:33

8 Wie köstlich, Elohim, ist deine Gnade! / Die Menschen dürfen sich bergen in deiner Fittiche Schatten.

9 Sie laben sich an deines Hauses Fülle,1 / Und mit dem Strom deiner Wonne tränkest du sie.

  1. Wörtlich: "an dem Fett deines Hauses." Damit sind zunächst die Opfermahlzeiten gemeint. Aber diese sind ein Bild der geistlichen Segnungen und Gnadengaben Gottes.

10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,1 / In deinem Lichte schauen wir das Licht.2

  1. Wo Gottes Gnade waltet, da ist das wahre Leben.
  2. Von Gott erleuchtet, empfangen wir wahre Erkenntnis. Vgl. "Leben und Licht" im Evangelium nach Johannes (z.B. 1,4).

11 Erhalt deine Gnade denen, die dich erkennen, / Und deine Gerechtigkeit den redlichen Herzen!

12 Nicht treffe mich der Hoffart Fuß, / Und der Frevler Hand verscheuche mich nicht!1 Dann2 fallen die Übeltäter, / Sie stürzen und kommen nicht wieder empor.3

  1. Verscheuche mich nicht aus der Heimat in die Fremde.
  2. Wenn Gottes Gerichte hereinbrechen. Im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit (V7) sieht der Psalmist schon im Geiste die Frevler fallen.
  3. Scharf treten in diesem Psalm einander gegenüber das finstere Reich des Bösen (V1-5) und das lichte Reich Gottes (V6-10).

Chapter 37

1 Von David.1 / Arge laß nicht zum Eifer dich reizen, / Alle die Frevler beneide nicht!

  1. Dies ist der fünfte der neun alphabetischen Psalmen.

2 Denn wie Gras verschwinden sie eilend / Und verwelken wie grünes Kraut.

3 Baue auf Jahwe und handle gut, / Bleibe im Lande1 und pflege Treue!

  1. Verlaß das Land Kanaan nicht, denn es ist das Land der Verheißung.

4 So wirst du Wonne an Jahwe haben, / Der dir gewährt deines Herzens Wunsch.

5 Gründe auf Jahwe dein Lebenslos,1 / Traue auf ihn, denn er macht's wohl!

  1. Wörtlich: "Wälze auf Jahwe deinen Weg." Luther: "Befiehl dem Herrn deine Wege." Vgl. Paul Gerhardts schönes Lied: "Befiehl du deine Wege."

6 Er läßt deine Unschuld1 wie Morgenlicht leuchten / Und dein Recht wie die Mittagshelle.

  1. Deine verkannte Gerechtigkeit.

7 Duldergleich sei stille zu Jahwe und harre sein! / Entrüste dich nicht über den, der Glück hat, / Über den Mann, der Ränke verübt!1

  1. Wer seinen Willen ganz in Gottes Willen ergibt, der verzichtet auch auf alle Selbsthilfe.

8 Halt dich vom Zorne zurück, laß fahren den Grimm! / Erhitze dich nicht, es führt nur zum Bösen!

9 Denn Frevler werden ausgerottet; / Die aber Jahwes harren, die erben das Land.

10 Wartest du nur ein Weilchen, so ist der Frevler nicht mehr. / Nach seiner Stätte siehst du dich um: er ist dahin!

11 Die Dulder werden das Land ererben1 / Und sich erfreuen der Fülle des Heils.

  1. Vgl. Mt 5:5.

12 Saat des Unheils sinnet der Böse, / Fletscht seine Zähne gegen den Frommen.

13 Doch Adonái lachet sein, / Denn er siehet: es kommt sein Tag.1

  1. Der Tag, an dem der Frevler Gottes Gericht erfahren wird.

14 Gottlose zücken das Schwert und spannen den Bogen, / Um den Armen und Dürftigen zu fällen, / Um hinzumorden, die redlich wandeln.

15 Doch ihnen ins Herz wird dringen ihr Schwert, / Und ihre Bogen werden zerbrochen.

16 Trägt der Gerechte auch wenig davon,1 / Besser ist's immer als vieler Frevler Güterfülle.

  1. Hat der Gerechte auch nur ein geringes Teil an irdischen Gütern.

17 Denn der Frevler Arm wird zerbrochen, / Aber die Frommen stützt Jahwe.

18 Jahwe kennt der Redlichen Tage,1 / Und ihr Besitz wird ewig bestehn.

  1. Er leitet in liebender Fürsorge das Schicksal derer, die ihm von ganzem Herzen dienen wollen.

19 Nicht leiden sie Mangel in böser Zeit, / In den Tagen des Hungers werden sie satt.

20 Kläglich kommen die Frevler um; / Wie der Auen Pracht sind Jahwes Feinde: / Sie schwinden dahin wie der Rauch, sie schwinden.

21 Lehnt der Frevler, so zahlt er nicht,1 / Der Gerechte aber tut wohl und gibt.

  1. Der Frevler oder Gottlose kommt im Irdischen immer mehr herunter. Er muß von anderen stets von neuem lehnen oder borgen, um durchzukommen; aber er kann das Entliehene nie zurückzahlen, weil ihm die Mittel fehlen. Dem Gerechten dagegen fehlt es nie an den nötigen Mitteln, Gutes zu tun. Schon dadurch kündigen sich Gottes Segen und Fluch an, die sich einst in dem Endschicksal beider offenbaren werden (V22).

22 Denn seine Gesegneten1 erben das Land, / Doch seine Verfluchten werden zunichte.

  1. Die von Gott Gesegneten.

23 Menschen tun feste Schritte mit Jahwes Hilfe, / Wenn ihr Wandel ihm wohlgefällt.

24 Mögen sie wanken — sie stürzen nicht, / Denn Jahwe stützt ihre Hände.

25 Nie hab ich als Knabe noch später im Alter / Den Frommen verlassen gesehn / Und seine Kinder betteln um Brot.

26 Allezeit tut er wohl und leihet, / Und seine Nachkommen werden zum Segen.

27 Sei fern vom Bösen und tue das Gute, / So wirst du immerdar wohnen bleiben.1

  1. Im Land der Verheißung.

28 Jahwe liebt ja das Recht / Und verläßt seine Frommen nicht; er schützt sie auf immer. / Doch der Frevler Geschlecht wird ausgerottet.

29 Die Gerechten erben das Land / Und wohnen darin auf ewig.

30 Preis der Weisheit verkündet der Fromme,1 / Und seine Zunge redet, was recht.

  1. Wörtlich: "Der Mund des Frommen (Gerechten) redet Weisheit."

31 Seines Gottes Gesetz ruht ihm im Herzen, / Und seine Schritte wanken nicht.

32 Zu verderben den Frommen, lauert der Frevler: / Er sucht ihn zu töten.

33 Doch Jahwe gibt ihn seiner Hand nicht preis, / Er spricht ihn nicht schuldig, wenn Menschen ihn richten.1

  1. Frei übersetzt. Der Kirchenvater Tertullian sprach in den Tagen der Christenverfolgungen zu den Gläubigen: "Wenn die Welt uns verurteilt, Gott spricht uns frei."

34 Klammre dich an Jahwe, halt ein seinen Weg: / Er wird dich erhöhn, daß du erbest das Land. / Der Frevler Vernichtung siehst du mit an.

35 Reckenhaft kühn sah ich einen Frevler; / Er spreizte sich stolz wie ein grünender Baum.1

  1. Hier ist ein Baum gemeint, der unverpflanzt seit langer Zeit in seinem heimischen Boden wurzelt und so einen Stamm von gewaltigem Umfang und eine weitragende Krone erlangt hat. Dieser Baum ist ein Bild großen irdischen Glücks.

36 Man ging vorüber: er war nicht mehr. / Als ich ihn suchte — er fand sich nicht.

37 Schau auf den Frommen, sieh den Redlichen an: / Nachkommen empfängt der Friedensmann.1

  1. Das Los des Friedfertigen ist ganz verschieden von dem des streit- und verfolgungssüchtigen Gottlosen. Der Friedfertige empfängt als Lohn seiner Friedensliebe Nachkommen, in denen er fortlebt; der Gottlose dagegen fällt dem Untergang anheim, und keine Nachkommen pflanzen sein Geschlecht fort.

38 Die Frevler jedoch werden alle vertilgt, / Der Bösen Geschlecht wird ausgerottet.

39 Treu schirmt Jahwe die Gerechten; / Er ist ihre Schutzwehr zur Zeit der Not.

40 Es hilft ihnen Jahwe und rettet sie; / Er rettet sie von den Frevlern und steht ihnen bei; / Denn sie trauen auf ihn.

Chapter 38

1 Ein Psalm Davids. Zum Bekennen (der Sünde) (?).1

  1. Der hier im Hebräischen gebrauchte Ausdruck ist dunkel.

2 Jahwe, strafe mich nicht in deinem Zorn / Und züchtige mich nicht in deinem Grimm!

3 Denn deine Pfeile haben mich getroffen, / Und deine Hand liegt schwer auf mir.

4 Nichts Gesundes ist an meinem Leib ob deines Grolls, / Nichts Heiles in meinem Gebein ob meiner Sünde.

5 Denn meine Schuld geht über mein Haupt, / Wie schwere Last ist sie mir zu schwer.

6 Es stinken, es eitern meine Wunden / Um meiner Torheit willen.1

  1. Torheit bedeutet hier Sünde.

7 Ich bin gekrümmt, bin sehr gebeugt, / Den ganzen Tag geh ich traurig einher.

8 Denn meine Lenden sind voll Brand,1 / Nichts Heiles ist an meinem Leib.

  1. Voll brandiger Entzündung. Aber diese Bedeutung ist unsicher.

9 Ohnmächtig bin ich, ganz zerschlagen, / Ich schrei vor dem Schmerz, der in mir tobt.1

  1. Gemeint sind jedenfalls die Qualen des bösen Gewissens.

10 O Herr, du kennst all mein Verlangen, / Mein Seufzen ist dir nicht verborgen.

11 Mein Herz pocht laut, meine Kraft ist weg, / Und das Licht meiner Augen, auch das ist dahin!

12 Meine Lieben und Freunde stehn fern meiner Pein, / Weit weg treten meine Verwandten.

13 Es legen Schlingen, die mir nach dem Leben trachten; / Die mein Unglück wünschen, beschließen Verderben / Und haben allzeit Tücke im Sinn.

14 Ich aber höre es nicht, als wäre ich taub, / Ich bin wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnet.1

  1. Im Bewußtsein seiner Schuld muß er verstummen, und indem er an aller Selbsthilfe verzagt, stellt er seine Sache ganz Gott anheim.

15 Ich bin wie ein Mann, der nicht hören kann, / In dessen Mund keine Widerrede.

16 Denn auf dich, o Jahwe, harr ich, / Du wirst mich erhören, o Herr, mein Gott.

17 Denn ich spreche: "Laß sie mein sich nicht freun, / Wenn mein Fuß wankt, nicht wider mich großtun."

18 Ich bin ja nahe dem Fallen, / Und mein Kummer verläßt mich nie.

19 Denn meine Missetat mache ich kund, / Ich härme mich ob meiner Sünde.

20 Meine Feinde aber strotzen von Lebenskraft, / Und zahlreich sind, die mich grundlos hassen.

21 Sie vergelten mir Gutes mit Bösem, / Sie feinden mich an, weil ich Gutes erstrebe.

22 Verlaß mich nicht, o Jahwe! / Mein Gott, sei nicht ferne von mir! Eile, mir beizustehn, / Herr, meine Hilfe!1

  1. Dieser Psalm ist das Gebet eines Gerechten, der schwer an Seele und Leib zu leiden hat. Er weiß aber, daß sein Leiden die Folge seiner Sünde ist. Und er fühlt sich in seinem Elend allein: seine Freunde sind ohne Teilnahme, und seine Feinde möchten ihm den Todesstoß versetzen. Aber in seinem tiefen Elend ist er von dem festen Vertrauen erfüllt, daß Gott ihm helfen wird. Ein Krankheitszustand, wie er in diesem Psalm geschildert wird, ist uns nun zwar in Davids Leben nicht bekannt. Doch es ist möglich, daß David auf Grund seiner Erfahrungen das Bild des leidenden Gerechten ganz allgemein in einem Lied schildern wollte, das zur Erbauung der Gemeinde bestimmt war.

Chapter 39

1 Dem Sangmeister, nämlich Jedutun.1 Ein Psalm Davids.

  1. Jedutun, derselbe wie Etan, 1Ch 15:19 war ein Sangmeister Davids, der dritte neben Asaf und Heman. 1Ch 16:37, 41-42, 25:1-4, 2Ch 5:12, 35:15 Ihm wurde wahrscheinlich der Psalm zum Vortrag übergeben.

2 Ich sprach: "Ich will meinen Wandel hüten, / Daß ich nicht sündige mit meiner Zunge. / Ich will meinem Mund einen Zaum anlegen, / Solange der Frevler vor mir ist."1

  1. Der Psalmist, der selbst schwer leiden muß, wird innerlich angefochten durch das häufige Glück der Gottlosen (vgl. Ps. 73). Wo bleibt da Gottes Gerechtigkeit, wenn der Frevler gute Tage hat, während der Fromme Unglück erfährt? Aber der Psalmist will bei diesem Widerspruch nicht klagen, denn wie leicht könnte er sich dann gegen Gott versündigen! Er will vielmehr sein Leid in seiner Brust verschließen. Aber dies gelingt ihm doch nicht. Das Feuer in seinem Inneren brennt so stark, daß er es nicht löschen kann. Er muß deshalb seinem gequälten Herzen in Worten Luft machen. Das geschieht in der Rede V5-7. Danach wird er ruhig, indem er die Nichtigkeit des irdischen Lebens bedenkt. So ergibt er sich im zweiten Teil des Psalms (von V8 ab) glaubend und hoffend der Gnade Gottes, die die Sünde vergibt und mit der Vergebung auch Frieden spendet.

3 Ich verstummte in stiller Ergebung; / Ich schwieg, obwohl alles Glückes bar. / Doch es wühlte mein Schmerz in mir.

4 Es glühte mein Herz in meiner Brust, / Ein inneres Feuer verzehrte mich, / Da mußte ich reden mit meiner Zunge:

5 "Tu mir, Jahwe, mein Ende1 kund, / Und wie lang meine Tage währen, / Daß ich seh, wie vergänglich ich bin.

  1. Lebensende.

6 Nur handbreit1 machtest du meine Tage, / Meine Lebenszeit ist wie nichts vor dir. / Ein Hauch nur ist jeder Mensch, wie fest er auch steht! / Sela.

  1. Nur sehr kurz.|

7 Als Schattenbild nur wandelt der Mensch. / Um ein Nichts erregt er sich wild: / Er sammelt1 und weiß nicht, wer es errafft."2

  1. Reichtum.
  2. Wer das Gesammelte schließlich einheimsen wird. vgl. Lu 12:18-20

8 Nun, Herr, wes soll ich denn harren?1 / Ich hoffe allein auf dich!

  1. Worauf soll ich denn bei dieser Nichtigkeit des menschlichen Lebens meine Hoffnung setzen?

9 Von meinen Sünden errette mich, / Zum Spott des Gottlosen mache mich nicht!

10 Ich schweige, tue den Mund nicht auf; / Denn du, du hast es getan.1

  1. Du hast mir das Leiden auferlegt. Aber ich darf doch um Gnade bitten (V11).

11 Nimm deine Plage weg von mir! / Deiner mächtigen Hand erliege ich.

12 Du züchtigst den Menschen, du strafst ihn ob seiner Schuld, / Daß seine Schönheit zergeht wie ein mottenfräßiges Kleid. Ein Hauch nur ist jeder Mensch! Sela.

13 Höre, o Jahwe, mein Gebet, vernimm mein Flehn! / Zu meinen Tränen schweige nicht! / Denn ein Gast1 nur bin ich bei dir, / Ein Pilgrim2 wie all meine Väter. Schau weg von mir,3 daß ich fröhlich werde, / Eh ich hinfahre4 und nicht mehr bin.

  1. Ein Fremdling, dessen wahre Heimat nicht die Erde ist, ja auch nicht Kanaan, das Land des Volkes Gottes.
  2. Ein Beisaß, der in dem Land, wo er weilt, kein Bürgerrecht hat. Vgl. 1Mo 23:4, 3Mo 25:23, 1Ch 29:15; auch 1Pe 2:11, Heb 11:13.
  3. Wende deinen Zornblick ab von mir.
  4. Ehe ich sterbe.

Chapter 40

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.

2 Voll Sehnsucht hab ich auf Jahwe geharrt: / Er neigte sich zu mir und hörte mein Schrein.

3 Er zog mich aus der verderblichen Grube, / Aus tiefem Schlamm / Und stellte meine Füße auf einen Fels,1 / Machte meine Schritte sicher.

  1. Grube und Schlamm sind ein Bild der Gefahr, der Fels dagegen ist ein Bild der Sicherheit.

4 Er legte mir ein neues Lied in den Mund,1 / Einen Lobgesang für unsern Gott. / Viele schauen's und schauern / Und trauen auf Jahwe.2

  1. S. V10.
  2. Viele, die sehen, wie Gott die Seinen rettet, werden dadurch zum Vertrauen auf ihn gebracht und sprechen dann die Worte in V5.

5 "Heil dem, der sein Vertrauen auf Jahwe setzt / Und sich nicht wendet zu Stolzen und Lügenhaften!"

6 Viel hast du getan, o Jahwe, mein Gott, / An Wundern und Plänen1 zu unserm Heil / Dir ist nichts gleich! / Ich möchte sie2 kundtun, davon reden, / Aber sie sind unzählbar.3

  1. Heilsgedanken.
  2. Deine Wunder und Heilsgedanken.
  3. Gott ist in der Fülle seiner Wunder und Heilsgedanken unvergleichbar und unbegreiflich.

7 Schlachtopfer und Speisopfer willst du nicht, / Doch Ohren hast du mir gegraben.1 / Brandopfer und Sündopfer forderst du nicht.

  1. Du hast mir Ohren zum Hören gegeben und verlangst deshalb auch willigen Gehorsam, der besser ist als Opfer. 1Sa 15:22

8 Da sprach ich: "Sieh, ich komme / Mit der Rolle des Buchs, mir zur Weisung geschrieben.1

  1. Weil Gott willigen Gehorsam fordert und nicht Opfer, darum kommt der Psalmist mit der heiligen Urkunde des göttlichen Willens, der Buchrolle des Gesetzes.

9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, begehr ich, / In meinem Herzen ist dein Gesetz."1

  1. Der Psalmist trägt das Gesetz nicht nur als Buchrolle in seiner Hand, sondern es ist eingeschrieben in sein Herz.

10 Die Freudenbotschaft deines Heils verkünd ich in großer Gemeinde. / Sieh, meine Lippen verschließ ich nicht: / Jahwe, du weißt es.

11 Deine Gerechtigkeit verberg ich nicht in meinem Herzen, / Von deiner Wahrhaftigkeit und Hilfe rede ich, / Deine Huld und Treue1 verhehl ich nicht in der großen Gemeinde.

  1. Vgl. 2Mo 34:6.

12 Du, Jahwe, wirst dein Erbarmen mir nicht entziehn, / Deine Huld und Treue werden mich allzeit schirmen.

13 Denn es umringen mich Leiden ohne Zahl, / Meine Sünden erfassen mich unübersehbar, / Zahlreicher als meines Hauptes Haar,1 / Und mein Mut entfällt mir.

  1. Ich muß die Folgen meiner Sünden, deren Zahl für mich unübersehbar ist, in den Leiden tragen, die über mich gekommen sind.

14 Willige, Jahwe, mich zu retten, / Eile mir, Jahwe, zu Hilfe!

15 Beschämt und enttäuscht laß alle werden, / Die mir nach dem Leben trachten, es wegzuraffen! / Mit Schimpf laß alle entweichen, / Die da mein Unglück wollen!

16 Erstarren mögen ob ihrer Schande, / Die (schadenfroh) über mich rufen: "Ha, ha!"

17 Frohlocken laß aber und dein sich freun / Alle, die nach dir fragen. / Laß immerdar rufen: "Groß ist Jahwe!" / Alle, die dein Heil lieben! Bin ich auch elend und arm:1 / Adonái sorget für mich. / Mein Beistand und Retter bist du. / Mein Gott, verzieh deine Hilfe nicht!

  1. Es mag hier am Platze sein, einige Worte über die "Armen" und "Elenden" einzuschalten, die so oft in den Psalmen und auch anderswo im Alten Testament erwähnt werden. / "Arm" (hebräisch ebjôn) ist zunächst der Mittellose und Dürftige im Gegensatz zu dem Vermögenden und Reichen. Aber das Wort bezieht sich dann später auch auf das innere Leben. Das tritt erst ganz klar in der Bergpredigt Jesu hervor. Die "Armen im Geist," von denen er dort redet, Mt 5:3 sind solche, die einen zerschlagenen Geist und ein zerbrochenes Herz haben, Jes 57:15, 61:1, 66:2, Ps 51:19 die in dem Bewußtsein ihrer geistlichen Leere, in der Überzeugung, daß sie in ihrem Geiste, d.h. in ihrem inneren Menschen arm sind an allem, was Gott gefallen könnte, und durchdrungen von dem Gefühl ihrer Unwürdigkeit und Sündenschuld als "Bettler" vor Gottes Angesicht dastehen; denn dies ist die eigentliche Bedeutung des griechischen Ausdrucks in der Bergpredigt (ptochoi to pneúmati). Arm im Geist waren der Zöllner im Gleichnis Lu 18:13 und der Apostel Paulus. 1Kor 15:9, Eph 3:8, 1Ti 1:15 — / "Elend" (hebräisch ani, das von dem Wort anâh "niedergedrückt oder gebeugt sein" herkommt), wird im Gesetz Moses der genannt, der keinen eigenen Grundbesitz hat. 2Mo 22:25, 3Mo 19:10, 23:22, 5Mo 15:11 Da diese Elenden von den Reichen und Mächtigen in Israel oft bedrückt und vergewaltigt wurden, so nahmen sich die Propheten ihrer ganz besonders an. Am 8:4-6, Jes 3:14-15, 10:2, 14:32, 32:7, Hes 22:29, Sac 7:10 Aber das Wort "elend" (ani) gewann schon früh eine religiöse Bedeutung. In manchen Psalmstellen sind die "Elenden" ebenso wie die "Armen" zugleich die Frommen, die Gottesfürchtigen. z.B. Ps 9:19, 10:2,9, 14:6, 22:25, 68:19 Die Elenden fühlen sich ohnmächtig und hilfsbedürftig, sie verlassen sich ganz auf Gottes Barmherzigkeit und bilden so einen Gegensatz zu den hochmütigen Gottlosen, die ihre Gewalt mißbrauchen. Ps 25:16-22, 69:30, 70:5, 74:21 Die "Elenden" haben ebenso wie die "Armen" einen zerschlagenen Geist und ein zerbrochenes Herz. Ps 34:19 — / Neben ani (elend) kommt dann noch das sinnverwandte Wort anav vor. Dieses Wort bezeichnet den, der sich ganz unter Gottes Willen beugt und der in Sanftmut alles über sich ergehen läßt, ohne in Zorn zu geraten. So sind die anavim die "Demütigen" und die stillen "Dulder;" Ps 9:13, 10:12,17, 22:27, 25:9, 34:3, 37:11, 69:33, 147:6, 149:4 es sind dieselben, die der Herr in der Bergpredigt Mt 5:4 selig preist. — / Die "Elenden" und "Armen" werden öfter in den Psalmen zusammen genannt. Ps 40:17, 70:5, 86:1, 109:22 Sie sind der treue, gläubige Kern und Überrest in Israel. / Ps. 40 besteht aus zwei Teilen: aus Dank (V2-11) und Bitte (V13-18). Und zwar entwickelt sich aus dem Dank die Bitte. V12 leitet von dem ersten Teil über zum zweiten. — / Nach Heb 10:5-10 stellt der in die Welt eintretende Christus sein ganzes irdisches Leben unter die Worte in V7-9, die aber nach der griechischen Übersetzung der LXX angeführt werden. In dieser Übersetzung lauten sie: / V7 — Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gefordert; / Einen Leib aber hast du mir zubereitet. / Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht. / V8 — Da sprach ich: Sieh, ich bin gekommen — / Im Buche ist von mir geschrieben —, / V9 — Um deinen Willen, Gott, zu tun." / Wenn es im hebräischen Wortlaut heißt: "Ohren hast du mir gegraben" und im griechischen: "Einen Leib hast du mir zubereitet," so kommt es in beiden Texten an auf den Gehorsam als das von Gott verlangte Opfer: mit den Ohren wird Gottes Wille vernommen, mit den Gliedern des Leibes wird er ausgeführt. Die Buchrolle ist im griechischen Text das ganze Alte Testament als das Buch der Weissagung von dem Messias. Statt äußere Opfer zu bringen, ist Christus bereit, durch das Opfer seines Leibes Gottes Willen zu tun. Dies wird dann in Heb 10:8-10 weiter ausgeführt.

Chapter 41

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.1

  1. Franz Delitzsch setzt Ps. 41 unmittelbar vor die Empörung Absaloms. Absalom benutzte vielleicht eine längere Krankheit seines Vaters dazu, sich in Israel beliebt zu machen und das Ansehen Davids zu untergraben. 2Sa 15:1-5 Dabei half ihm Ahitofel, Davids treuloser Freund. Ps 41:10, 2Sa 16:23 Wenn nun auch David die drohende Gefahr heraufziehen sah, so fand er doch nicht den Mut und die Kraft, die Empörung im Keim zu ersticken. Daran hinderten ihn wohl vor allem seine Liebe zu Absalom und sein böses Gewissen wegen der Bluttat an Uria, die jedenfalls im Volk ruchbar geworden war, Ps 41:5 so daß er nun in seinem Handeln gelähmt wurde.

2 Heil dem, der des Armen sich annimmt,1 / Am Tage des Unglücks wird Jahwe ihn retten.

  1. In V2-4 wird das Los dessen gepriesen, der sich des Armen und Leidenden annimmt. Dann klagt aber der Psalmist von V5 ab, daß man sich gegen ihn in seiner äußeren und inneren Not ganz anders benimmt.

3 Jahwe schirmt ihn, erhält ihn am Leben, / Daß man im Lande ihn glücklich preist. / Nicht gibst du ihn hin seiner Feinde Wut.

4 Jahwe wird ihn auf dem Siechbett stützen; / Seine Krankheit wandelst du zur Genesung.1

  1. Wörtlich: "Sein ganzes Lager wandelst du bei seiner Krankheit."

5 Ich spreche: "Jahwe, sei mir gnädig, / Heile mich: ich habe gesündigt an dir!"

6 Meine Feinde wünschen mir Böses an: / "Wann stirbt er? Wann wird sein Name vergehn?"1

  1. Während der Psalmist Gott reuig um Hilfe bittet, wünschen ihm seine Feinde den Tod.

7 Besucht mich einer,1 so redet er Lüge. / Sein Herz sammelt Bosheit an; / Dann geht er hinaus und macht es kund.2

  1. In meiner Krankheit.
  2. Er macht den Verleumdungsstoff, den er angesammelt hat, nach seinem Besuch draußen auf der Straße und in der Stadt weiter bekannt.

8 All meine Hasser zischeln gemeinsam wider mich,1 / Sie sinnen Unheil gegen mich aus:2

  1. Alle, die ihm gehässig gegenüberstehen, verbreiten die von den übelwollenden Besuchern mitgeteilten Nachrichten über seinen bedenklichen Gesundheitszustand; aber man spricht vorläufig nur ganz vorsichtig im Flüsterton davon, weil man sich vor David fürchtet.
  2. Sie malen die Krankheitsberichte noch schlimmer aus.

9 "Verderben ist über ihn ausgegossen;1 / Er hat sich gelegt, steht nicht wieder auf."

  1. "Tödliche Krankheit hat ihn ergriffen, so lauten die übertreibenden Berichte der Feinde.

10 Selbst mein Freund, auf den ich vertraute, mein Tischgenosse1 / Hebt nun seine Ferse gegen mich.2

  1. Wörtlich: "der mein Brot aß".
  2. Um mir einen Fußtritt zu versetzen. — Nach den Worten Jesu in Joh 13:18 ist der Verrat des Judas in diesem Vers geweissagt. Ahitofel, Davids treuloser Freund, ist also ein Vorbild des Judas, der Davids Sohn und Herrn verraten hat.

11 Du aber, Jahwe, sei mir gnädig und richte mich auf, / Damit ich es ihnen vergelte!1

  1. Als von Gott eingesetzter König hatte David die Pflicht, an den Empörern die von ihnen verdiente Vergeltung zu vollziehen.

12 So erkenne ich dann, daß du mich liebst, / Wenn mein Feind nicht über mich jubeln darf.

13 Mich aber hältst du aufrecht ob meiner Unschuld / Und stellst mich vor dein Antlitz auf ewig.1 Gepriesen sei Jahwe, Israels Gott, / Von Ewigkeit zu Ewigkeit! / Amen, Amen.2

  1. Die David geschenkte messianische Verheißung hat eine Bedeutung für die Ewigkeit. 2Sa 7:16
  2. Mit dieser Lobpreisung schließt das erste Buch des Psalters.

Chapter 42

1 Dem Sangmeister. Eine Betrachtung(?)1 der Söhne Korahs.2

  1. Vgl. die Überschrift des 32. Psalms.
  2. Korah, ein Urenkel Levis und ein Enkel Kahats, kam durch ein göttliches Strafgericht wegen seiner Empörung gegen Mose und Aaron ums Leben, während seine Söhne nicht mitbetroffen wurden. 4Mo 16, 26:11 In der Familie Korahs fand David treue Anhänger. Aus ihrer Mitte kamen einige zu ihm nach Ziklag, um ihm in seinem Kampf für sein Königsrecht zu helfen. 1Ch 12:7 Nachkommen Korahs dienten nicht nur als Torhüter des Heiligtums auf Zion, 1Ch 26:1-19 sondern auch als Sangmeister und Musiker. Der Sangmeister Heman stammte aus der Familie Kahats; er war also ein Korahit, 1Ch 6:18 und Hemans 14 Söhne waren unter der Leitung ihres Vaters beim Gesang im Heiligtum tätig mit Zimbeln, Harfen und Zithern. 1Ch 25:5-6 Die Psalmen der Söhne Korahs preisen Gott als den in Jerusalem thronenden König und sprechen eine innige Freude an den Gottesdiensten des Heiligtums aus. — Der Dichter des 42./43. Psalms ist fern von dem Heiligtum auf Zion und umgeben von solchen, die sein als eines von Gott Verlassenen spotten. Nach der ansprechenden Vermutung von Franz Delitzsch kommt hier ein Levit in Frage, der sich im Gefolge Davids befand, als dieser auf der Flucht vor Absalom jenseits des Jordans in Mahanaim weilte. 2Sa 17:24

2 Wie eine Hindin lechzt nach Wasserbächen, / So lechzt meine Seele, Elohim, nach dir.1

  1. Während nach einer Bemerkung von Franz Delitzsch im ersten Buch des Psalters der Gottesname Jahwe 272mal und der Name Elohim nur 15mal vorkommt, findet sich im zweiten Buch des Psalters der Name Elohim 164mal, Jahwe dagegen nur 30mal.

3 Meine Seele dürstet nach Elohim, dem lebendigen Gott. / Wann werd ich kommen und vor Elohim erscheinen?1

  1. Nämlich: in seinem Heiligtum auf Zion. Erwähnt sei hier das schöne Wort Jung-Stillings: "Selig sind, die da Heimweh haben; denn sie sollen nach Hause kommen."

4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, / Weil man mich immer höhnisch fragt: / "Wo ist denn nun dein Gott?"

5 Voll Wehmut denk ich jetzt daran,1 / Wie ich einst wallte mit des Volkes Menge, / Wie ich sie leitete zum Hause Elohims:2 / Die Festversammlung, die laut jubelte und dankte.

  1. Wörtlich: "Daran will ich gedenken und ausschütten in mir meine Seele."
  2. Als Levit oder Priester war er der Führer des festlichen Zuges.

6 Was bist du, meine Seele, denn so tief betrübt? / Was bist du so erregt in mir? / Harr nur auf Elohim! denn noch werd ich ihm danken: / Er ist ja meine Hilfe.

7 Mein Gott, in mir ist meine Seele tief betrübt. / Drum1 denk ich dein im Land des Jordans / und der Hermongipfel bei dem Mizarberge.2

  1. In seiner Betrübnis denkt der Dichter fort und fort seines Gottes, von dessen Heiligtum er in der Fremde geschieden ist.
  2. Dieser Berg ist unbekannt, doch s. G. Dalman, Orte und Wege Jesu, 1924, S.218, V7b versetzt uns in das Ostjordanland, wo Mahanaim lag.

8 Eine Flut ruft der andern zu1 beim Rauschen der Wasserfälle.2 / All deine Wellen und Wogen fahren über mich!3

  1. Ein Wasserschwall folgt dem anderen, wie von ihm gerufen.
  2. Hier läßt sich denken an die mächtigen Wasserfälle des Jordans bei der Stadt Paneas, dem späteren Cäsarea Philippi. "Deiner" Wasserfälle, so sagt der Dichter. Es sind Gottes Wasserfälle, weil sie von Gottes Schöpfermacht zeugen.
  3. Dem Psalmisten ist zumute, als gingen all die gewaltigen Wassermengen als Unglückswogen über sein Haupt.

9 Es schenkte mir Jahwe tagsüber seine Gnade, / Und in der Nachtzeit sang ich ihm mein Lied, / Ich betete zum Gott meines Lebens.

10 So sprech ich nun zu Gott, der mir ein Fels: / Warum hast du denn mein vergessen? / Warum soll ich betrübt einhergehen, / Wenn der Feind mich drängt?"1

  1. Die Erfahrung in der Vergangenheit (V9) gibt dem Dichter in seiner traurigen Lage den Mut zu der vertrauensvollen Bitte in V10.

11 Es trifft mich wie ein Mordstoß, / wenn mich meine Dränger schmähen, / Wenn sie mich täglich höhnisch fragen: / "Wo ist nun dein Gott?" Was bist du, meine Seele, denn so tief betrübt? / Was bist du so erregt in mir? / Harr nur auf Elohim; denn noch werd ich ihm danken: / Er ist ja meine Hilfe und mein Gott.

Chapter 43

1 Schaffe mir Recht, Elohim, und führe meine Sache gegen ein lieblos Volk,1 / Von falschen, frevelhaften Leuten rette mich!

  1. Das Volk Israel war lieblos und undankbar, weil es sich unter Absalom gegen den ihm väterlich gesinnten König David empörte.

2 Du bist ja Gott, mein Hort. Warum verwirfst du mich? / Warum soll ich betrübt einhergehn, / Wenn der Feind mich drängt?

3 O sende dein Licht und deine Wahrheit! Die sollen mich leiten / Und mich bringen zu deinem heilgen Berge1 und deinem Zelt.2

  1. Zion.
  2. Dem Zelt des Heiligtums auf Zion, wo die Bundeslade ist als Sinnbild und Unterpfand der Gegenwart Gottes.

4 Dann will ich eingehn zum Altar Elohims, zum Gott meiner Jubelfreude / Und auf der Zither dich preisen, Elohim, mein Gott.

5 Was bist du, meine Seele, denn so tief betrübt? / Was bist du so erregt in mir? / Harr nur auf Elohim; denn noch werd ich ihm danken: / Er ist ja meine Hilfe und mein Gott.

Chapter 44

1 Dem Sangmeister. Eine Betrachtung (?) der Söhne Korahs.1

  1. Vgl. die Anmerkung zu der Überschrift des 42. Psalms.

2 Elohim, mit unsern Ohren haben wir gehört, / Unsre Väter haben uns erzählt, / Was du in ihren Tagen getan, / In den Tagen der Vorzeit:1

  1. In V3 und 4 ist die Rede von der Eroberung Kanaans unter Josua.

3 Du hast mit deiner Hand die Heiden vertrieben und sie gepflanzt;1 / Du hast Völker zerschlagen, sie2 ausgebreitet.

  1. D.h. du hast unseren Vorfahren einen festen Wohnsitz in Kanaan gegeben.
  2. Unsere Vorfahren.

4 Denn nicht durch ihr Schwert ward ihnen das Land, / Und nicht ihr Arm half ihnen zum Sieg, / Nein, deine Rechte, dein Arm, das Licht deines Angesichts.1 / Denn du hattest sie lieb.2

  1. Die rechte Hand ist ein Bild des tatkräftig eingreifenden Handelns, der Arm ein Bild der durchgreifenden, das Geplante durchsetzenden Macht, das Licht des Angesichts ein Bild der göttlichen Gnade, die alles Dunkel lichtet (nach Franz Delitzsch).
  2. Der letzte Grund der Hilfe, die Israel erfuhr, war die in Gottes Liebesratschluß wurzelnde Erwählung des Volkes.

5 Du, Elohim, du bist mein König, / Entbiete Hilfe für Jakob.

6 Mit dir zerstoßen wir unsre Dränger, / Zertreten die Feinde in deinem Namen.

7 Denn nicht vertrau ich auf meinen Bogen, / Mein Schwert verschafft mir nicht Hilfe.

8 Nein, du hilfst uns von unsern Drängern, / Und unsre Hasser verstörest du.

9 Allzeit rühmen wir uns Elohims, / Deinen Namen preisen wir ewig. Sela.

10 Und doch1 verwirfst du uns, bringst uns in Schmach, / Ziehst nicht mehr aus mit unsern Heeren.

  1. Trotz deiner liebevollen Erwählung.

11 Du lässest uns fliehn vor unserm Feind, / Und unsre Hasser plündern uns aus.

12 Du lässest uns wie Schafe verschlingen, / Und unter die Heiden zerstreuest du uns.1

  1. Indem wir als Gefangene weggeführt werden.

13 Um ein Spottgeld verkaufst du dein Volk1 / Und forderst für sie nicht hohen Preis.

  1. Hier ist zu denken an die Israeliten, die von den siegreichen Feinden als Sklaven verkauft wurden. vgl. Am 1:6

14 Unsern Nachbarn machest du uns zur Schmach, / Zum Hohn und Gelächter ringsumher.

15 Du machst uns zum Spottlied unter den Heiden, / Und die Völker schütteln den Kopf über uns.1

  1. In schadenfrohem Erstaunen.

16 Allzeit denk ich an meine Schmach, / Und Scham bedeckt mein Angesicht,

17 Weil ich die Schmäher und Lästerer hören, / Die Feinde und Rachgierigen sehen muß.1

  1. V14-17: Zu der Niederlage durch die Feinde kommt auch noch die daraus erwachsende Schande, in die Israel bei den umwohnenden Völkern geraten ist. Es kann (nach V17) die Lästerer nicht strafen und dem Feind nicht ausweichen.

18 All dies hat uns getroffen, obwohl wir dein nicht vergessen / Noch deinen Bund gebrochen haben.

19 Es ist unser Herz nicht abgefallen, / Unser Schritt nicht gewichen von deinem Pfad,

20 Daß du uns (nun zur Strafe) zerschlägst an der Schakalstätte1 / Und uns umhüllest mit Todesschatten.

  1. An der Stätte, wo Schakale hausen, d.h. an einer wüsten Stätte. Der Sinn ist: das Land ist so durch die Feinde verheert worden, daß wir jetzt gleichsam in einer Wüste leben.

21 Hätten wir des Namens unsers Gottes vergessen, / Unsre Hände gebreitet1 zum fremden Gott:

  1. Betend ausgestreckt.

22 Würde Elohim das nicht durchschaun? / Er kennt ja des Herzens Geheimnis.1

  1. V18-22: Israel ist von seinem traurigen Schicksal betroffen worden, obwohl es als Volk nicht von Gott abgefallen ist.

23 Nein, deinetwegen werden wir täglich gemordet, / Wie Schafe der Schlachtbank achtet man uns.1

  1. Das Volk leidet um seiner Glaubenstreue willen. Sein Leiden ist ähnlich dem Hiobs ein Zeugnisleiden. Rö 8:36 überträgt dieses Psalmwort auf das Zeugenleiden der Gemeinde des Neuen Bundes.

24 Wach auf! Warum schläfst du, Herr? / Erwache, verwirf nicht auf immer!

25 Warum verbirgst du dein Angesicht, / Denkst nicht unsers Elends und Druckes?

26 Denn in den Staub gebeugt ist unsre Seele, / Es klebt unser Leib am Boden. Auf! Hilf uns! / Errett uns um deiner Gnade willen!1

  1. Nicht wegen unserer Verdienste und unserer Frömmigkeit. — Die Entstehungszeit des 44. Psalms ist unsicher. Vielleicht setzt man ihn am richtigsten in die Leidenszeit der Juden unter dem syrischen König Antiochus Epiphanes.

Chapter 45

1 Dem Sangmeister, nach (der Weise von:) "Lilien".1 Von den Söhnen Korahs. Eine Betrachtung(?).2 Ein liebliches Lied.

  1. Mit dem Wort "Lilien" begann wohl ein bekanntes Volkslied, nach dessen Weise der 45. Psalm gesungen werden sollte.
  2. Vgl. die Überschrift des 32. und 42. Psalms.

2 Es wallet mein Herz von lieblicher Rede. / Ich spreche: "Einem Könige gilt mein Lied!" / Meine Zunge gleicht eines Schnellschreibers Griffel.1

  1. In feierlichem Zuge begibt sich der königliche Bräutigam aus Davids Haus mit seiner Braut zu der Burg auf dem Zionsberg. Da tritt aus der Menge des Volkes der Sänger hervor und redet das Brautpaar mit seinem Lied an. Er entschuldigt sich gleichsam, daß er es wagt, dem fürstlichen Paar zu nahen. Aber sein Herz ist zu voll von all dem Herrlichen, dessen er Zeuge ist. Darum geht ihm auch der Mund über. Ja, schnell und unaufhaltsam, wie einem Geschwindigkeitsschreiber die Buchstaben in die Feder fließen, so entströmen seiner Zunge die Worte.

3 Du bist der Schönste der Menschensöhne, / Anmut wohnet auf deinen Lippen.1 / Drum hat Elohim dich auf ewig gesegnet.2

  1. Wörtlich: "Hingegossen ist Anmut auf deine Lippen."
  2. Man sieht es dem König schon äußerlich an, daß er auf ewig ein von Gott Gesegneter ist.

4 Gürte dein Schwert um die Hüfte, du Held, / Dazu deinen Glanz und Schmuck!1

  1. V4-6 schildern den König als Krieger.

5 Ja, deinen Schmuck! Fahr siegreich einher1 / Zum Schutze der Wahrheit und leidenden Unschuld: / So läßt deine Rechte dich Wunder schaun.2

  1. Auf deinem königlichen Streitwagen.
  2. So wirst du Wunder der Kraft, große, gewaltige Taten ausführen.

6 Deine Pfeile sind scharf — Völker fallen vor dir zu Boden —, / Sie1 dringen den Feinden des Königs ins Herz.

  1. Die Pfeile.

7 Dein Thron, Elohim,1 währt immer und ewig, / Dein Königszepter, es ist gerecht.

  1. Elohim ist Anrede an den König. So wird er als der irdische Stellvertreter Gottes genannt. Auch sonst führen die irdischen Obrigkeiten den Namen Elohim. 2Mo 21:6, 22:8, Ps 82:6 In V7 und 8 wird der König als Herrscher geschildert.

8 Du liebest das Recht und hassest den Frevel; / Drum hat Elohim, dein Gott, dich gesalbt / Mit Freudenöl1 vor deinen Genossen.2

  1. Er hat dich mit dem Geist der Freude erfüllt.
  2. Mehr als andere Herrscher.

9 Myrrhe, Aloe und Kassia1 sind alle deine Kleider;2 / Aus Elfenbeinpalästen erfreut dich Saitenspiel.3

  1. Drei wohlriechende Spezereien. Die Myrrhe ist ein kostbares Harz, das in Arabien aus einem der Akazie ähnlichen Baum träufelt; es wurde als Räucherwerk benutzt. Aloeholz ist ein wohlriechendes, wertvolles Holz. Die Kassia ist eine zimmetähnliche Rinde.
  2. Die Kleider des Königs scheinen aus diesen herrlichen Balsamdüften gleichsam gewebt zu sein.
  3. Die Wände der Prunkgemächer in den Palästen wurden reich mit eingelegtem Elfenbein verziert. 1Kö 22:39, Am 3:15 Vor dem König stehend hört der Sänger gleichsam schon im Geiste, wie den König aus seinem eigenen Palast auf Zion und aus den Palästen seiner Großen Gesang und Saitenspiel grüßen.

10 In deinem Prachtzug sind Königstöchter.1 / Die Gattin steht dir zur Rechten in Ofirgold.2

  1. Gespielinnen der Braut, die sie aus der Heimat nach Jerusalem begleitet haben.
  2. Das Gewand der Braut strotzt von dem feinsten Gold.

11 Höre, Tochter, sieh her und neige dein Ohr!1 / Vergiß dein Volk und dein Vaterhaus!2

  1. V11-16 redet der Sänger von der Braut des Königs. Der Sänger, jedenfalls ein alter Mann, dessen Stand dem Volk ehrwürdig war, redet die jugendliche Königsbraut mit "Tochter" an.
  2. Sie soll aus ihren früheren Verhältnissen ausscheiden vgl. Ru 1:16 und ihrem königlichen Gatten gegenüber ehrfurchtsvolle Ergebenheit beweisen (V12).

12 Und begehrt deiner Schönheit der König / — Er ist ja der Herr —, so huldige ihm!

13 Du Tochter aus Tyrus,1 die Reichsten im Volk2 / Werden dir schmeicheln mit ihren Geschenken.

  1. Kann so übersetzt werden, dann ist die Braut als eine Fürstentochter aus Tyrus anzusehen.
  2. Im Volk Israel, dessen König sie ehelicht. Hat die Königin ganz das Herz ihres Gatten gewonnen (V12), so ist ihr auch die Liebe des Volkes sicher, das ihr seine Gaben willig zu Füßen legen wird (V13).

14 Ganz Pracht ist die Königstochter in ihrem Gemach,1 / Mit Gold durchwirkt ist ihr Gewand.

  1. V14-16 preist der Sänger die Schönheit der Braut. In ihrem von der strahlenden Sonne beleuchteten Gewand ist sie "ganz Pracht." Fürstenkinder aus den Adelsgeschlechtern ihres Volkes, ihre früheren Gespielinnen, die sie nach Jerusalem begleitet haben, sind mit in dem Festzug. Unter jauchzenden Hochzeitsgesängen geleiten diese edlen Jungfrauen ihre Herrin in das Brautgemach des Königspalastes.

15 In bunten Kleidern wird sie zum König geleitet. / Ihr folgen Jungfraun, die ihr befreundet — / Sie werden dir1 zugebracht.

  1. Dem König.

16 Man führt sie herbei mit Jubel und Jauchzen, / Sie ziehen ein in des Königs Palast.

17 An deiner Väter Statt werden deine Söhne treten;1 / Die wirst du zu Fürsten setzen im ganzen Land. Deines Namens will ich gedenken in jedem Geschlecht. / Drum werden dich Völker preisen immer und ewig.

  1. In V17 und 18 wendet sich der Sänger wieder an den König. Er sieht im Geiste eine Reihe von Söhnen der Ehe entsprießen, die zu den höchsten Ehrenstellen im Land kommen (V17). Ja, noch in ferner Zukunft wird man des Königs Ruhm singen, und viele Völker werden für alle Zeiten in sein Lob einstimmen (V18). / Auf welchen König aus Davids Haus sich der 45. Psalm zunächst bezieht, darüber wissen wir nichts. Zu beachten ist aber, daß in Heb 1:8-9 die Worte in V7 und 8 unseres Psalms auf Christus, den Sohn Gottes, bezogen werden. Und in der Tat: Wie der gewaltige Sieger und Herrscher des 2. Psalms, so ist auch der König und Bräutigam des 45. Psalms in der ganzen Geschichte Israels nicht zu finden. Auf keinen König aus Davids Geschlecht passen diese Schilderungen. Auch bei den Juden ist schon seit alter Zeit der 45. Psalm messianisch gedeutet worden. Im Licht des Neuen Testaments sehen wir in diesem Psalm eine Weissagung auf die Zeit, wo der himmlische König und Bräutigam jene Hochzeit feiern wird, die Off 19:7 die Hochzeit des Lammes heißt. Diese Hochzeit ist nichts anderes als die Aufnahme der vollendeten Kirche in die Herrlichkeit Christi. Joh 17:24

Chapter 46

Fußnoten

1 Dem Sangmeister. Von den Söhnen Korahs. Ein Lied von Alamot.1

  1. Die Bedeutung dieses Wortes ist unsicher. Man erklärt: "nach Mädchenweise," d.h. mit Mädchenstimmen, mit hoher Stimme, im Sopran. Andere Erklärungen sind: mit Instrumenten mit hohen Tönen oder: mit elamitischen Instrumenten.

2 Elohim ist uns Zuflucht und Schutz, / Ein Beistand in Nöten, reichlich bewährt.

3 Drum fürchten wir nichts, ob auch wanket die Erde, / Ob Berge stürzen mitten ins Meer,

4 Ob seine Wasser tosen und schäumen, / Von seinem Brausen die Berge erbeben. Sela.

5 Ein Strom ist da:1 seine Bäche erfreun die Stadt Elohims,2 / Des Höchsten heilige Wohnung.

  1. Der Strom der göttlichen Gnade.
  2. Jerusalem.

6 Elohim weilt dort,1 sie2 wanket nicht / Elohim hilft ihr, wenn der Morgen naht.3

  1. In Jerusalem.
  2. Die Stadt Jerusalem.
  3. S. Jes 37:36.

7 Es toben Völker, es wanken Reiche. / Erschallt sein Donner, so zittert die Erde.

8 Jahwe der Heerscharen1 ist mit uns, / Unsre Burg ist der Gott Jakobs. Sela.

  1. Vgl. Ps 24:10.

9 Kommt, schauet die Taten Jahwes: / Er flößt der Erde Entsetzen ein.1

  1. Wörtlich: "Er wirkt schauererregende Taten auf Erden."

10 Er steuert dem Krieg bis ans Ende der Welt, / Zerbricht den Bogen, zerschlägt den Spieß, / Verbrennt die Wagen1 mit Feuer.2

  1. Die Kriegswagen.
  2. Vgl. Jes 2:4, 9:4.

11 "Laßt ab und erkennt: ich bin Elohim, / Groß unter den Völkern und groß auf Erden."1 Jahwe der Heerscharen ist mit uns, / Unsre Burg ist der Gott Jakobs. Sela.

  1. V11 enthält Worte Gottes an die Völker der Erde.

Chapter 47

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm der Söhne Korahs.1

  1. Ps. 47 läßt sich sehr wohl denken als ein Dank- und Siegeslied der Juden nach jenem wunderbaren Ereignis, das 2Ch 20:1-30 erzählt wird.

2 Ihr Völker alle, klatscht in die Hände,1 / Jauchzt Elohim mit Jubelschall!

  1. Zum Zeichen der Freude.

3 Denn Jahwe ist hoch, ist furchtbar, / Ein großer König in aller Welt.

4 Er beugte Völker unter uns / Und legte uns Leute zu Füßen.1

  1. Durch den kurz vorher erfochtenen Sieg.

5 Er wählte uns unser Erbe aus,1 / Die Herrlichkeit Jakobs, den er liebt.2 Sela.

  1. Das Land Kanaan, das Gott seinem Volk nach jedem Sieg über die Feinde gleichsam aufs neue schenkte.
  2. Kanaan heißt die Herrlichkeit, der Stolz Jakobs, d.h. des Volkes Israel.

6 Elohim steigt unter Jauchzen empor,1 / Jahwe beim Klange des Widderhorns.2

  1. Gott ist gleichsam von seinem himmlischen Thron herabgestiegen, um für sein Volk zu streiten. Jetzt, nach erfochtenem Sieg, kehrt er unter dem Jauchzen seines Volkes wieder in den Himmel zurück. Dieser V6b ist die Ursache, daß Ps. 47 der Himmelfahrtspsalm der Kirche geworden ist. Denn hat nicht auch Christus durch seine Auffahrt den himmlischen Königsthron bestiegen, als er durch seinen Tod die Macht der Finsternis gebrochen hatte?
  2. Das Schofar oder Widderhorn sollte u.a. beim Beginn des Jobeljahres geblasen werden: 3Mo 25:8-19 auch Christus bringt den Seinen das große Jahr der Befreiung.

7 Lobsingt Elohim, lobsinget! / Lobsingt unserm König, lobsinget!

8 Denn aller Welt König ist Elohim. / Singt ihm ein Huldigungslied!

9 Königlich herrscht Elohim über Völker, / Elohim sitzt auf seinem heiligen Thron. Der Völker Fürsten versammeln sich / Als Volk des Gottes Abrahams.1 / Denn der Erde Schilde2 sind Elohims.3 / Er ist gewaltig erhaben!

  1. D.h. sie treten in die Gemeinschaft des Bundesvolkes ein und empfangen so Anteil an dem Abrahamssegen.
  2. D.h. wohl die Mächtigen und Gewaltigen der Erde.
  3. Sind Gottes Eigentum und ergeben sich seinem Dienst.

Chapter 48

1 Ein Lied. Ein Psalm der Söhne Korahs.

2 Groß ist Jahwe und hoch zu preisen / In unsers Gottes Stadt, auf seinem heiligen Berge.

3 Lieblich erhebt sich1 der Zionsberg, die Wonne der ganzen Erde.2 / Ein Gottessitz3 ist da des großen Königs Stadt.4

  1. Über die Stadt Jerusalem.
  2. Denn von Zion aus herrscht Gott gleichsam als König über die ganze Erde. Zion ist dann vor allem auch der Mittelpunkt des wahren Gottesdienstes, an dem einst im messianischen Reich alle Völker teilnehmen werden. z.B. Jes 2:2-6
  3. Wörtlich: "Der äußerste Norden." Das heidnische Altertum glaubte aber, der äußerste Norden am Himmel sei "der Sitz der Götter." vgl. Jes 14:13 Was so die Heiden fälschlich von einem Berg im äußersten Norden dachten, das ist Zion und Jerusalem in Wirklichkeit: der Wohnsitz Gottes, des großen Königs.
  4. Nämlich: Jerusalem.

4 An ihren Palästen hat Elohim / Als sichre Schutzwehr sich kundgetan.1

  1. Denn er hat Jerusalem mit seinen Palästen vor den Feinden bewahrt.

5 Denn sieh, die Könige fanden sich ein,1 / Sie zogen verbündet heran.2

  1. Vielleicht sind die Könige gemeint, die sich unter Josafats Regierung gegen Juda verbündeten. 2Ch 20:1-5
  2. Gegen Jerusalem.

6 Doch als sie schauten,1 da staunten sie. / Sie wurden bestürzt und flohen voll Angst.

  1. Als sie die Stadt Jerusalem von fern sahen.

7 Beben ergriff sie daselbst, / Zittern gleich einer Gebärerin.

8 Wie Tarsisschiffe1 der Oststurm zerschellt, / (So wurden die Feinde vernichtet).2

  1. Tarsisschiffe sind große Schiffe, die sogar eine weite Fahrt nach Tarsis oder Tartessus in Spanien machen konnten. Jes 2:16
  2. Vgl. 2Ch 20:13-24. V8 ist frei übersetzt.

9 Was wir gehört,1 wir haben's nun selbst / In Jahwes Heerscharen Stadt2 erlebt, / In unsers Gottes Stadt: / Elohim erhält sie auf ewig! Sela.

  1. Was wir von unseren Vorfahren über die großen Taten Gottes in der Vergangenheit gehört haben.
  2. In Jerusalem.

10 Wir haben, Elohim, deiner Gnade geharrt / Inmitten deines Tempels.1

  1. Wir haben dich in deinem Heiligtum um deinen gnädigen Beistand gegen die Feinde angefleht, und nun hast du uns geholfen. 2Ch 20:3-10

11 Wie dein Name, Elohim, so reicht auch dein Ruhm / Bis an die Enden der Erde.1 / Deine Rechte ist voller Gerechtigkeit.2

  1. 2Ch 20:29.
  2. Deine rechte Hand waltet stets gerecht.

12 So freuet sich denn der Zionsberg,1 / Laut jubeln die Töchter Judas2 / Um deiner Gerichte willen.3

  1. Die ganze Stadt Jerusalem.
  2. Die Landstädte im Reich Juda.
  3. Die Israels Feinde erfahren haben.

13 Geht rings um Zion, umwandelt es, / Zählt seine Türme!1

  1. Die Aufforderung in V13 und 14 ergeht an die Bewohner Jerusalems. Während der feindlichen Gefahr haben sie die Stadt nicht verlassen können. Jetzt aber nach dem Sieg sollen sie getrost hinausgehen, die Stadt in Ruhe umwandeln und sich davon überzeugen, daß sie in ihren Festungswerken und Palästen völlig unversehrt geblieben ist.

14 Gebt acht auf seine Mauer,1 / Durchschreitet seine Paläste, / Damit ihr dem künftigen Geschlecht erzählt: "Dieser Gott2 ist unser Gott auf immer und ewig! / Er führt uns auch über den Tod hinaus."3

  1. Gemeint ist die kleinere Vormauer vor der eigentlichen Festungsmauer.
  2. Der uns so wunderbar geholfen hat.
  3. Er kann uns auch aus den größten Gefahren erretten. Die beiden letzten hebräischen Worte in V15 (al mût) sind dunkel.

Chapter 49

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm der Söhne Korahs.

2 Höret dies, all ihr Völker, / Merket auf, all ihr Bewohner der Welt,

3 Leutesöhne wie Herrensöhne,1 / Reich und arm miteinander!

  1. D.h. Geringe und Vornehme.

4 Mein Mund soll Weisheit reden, / Meines Herzens Sinnen1 ist Einsicht.

  1. Das, was ich wohl durchdacht habe.

5 Ich will mein Ohr einem Lehrspruch1 neigen, / Mein Rätsel erschließen bei Zitherklang.2

  1. Den er von Gott empfängt und dann anderen mitteilt.
  2. Der göttliche Lehrspruch ist zwar ein verschlungenes Rätsel, aber der Psalmist macht den Sinn und die Bedeutung dieses Rätsels kund und spielt dazu die Zither.

6 Was soll ich mich fürchten in schlimmen Tagen, / Wenn mich meiner Feinde Frevel umringt?1

  1. Der Psalmist fürchtet sich nicht vor dem, was reiche Sünder ihm zuleide tun können; denn ihr Reichtum nimmt ja mit ihrem Tod ein Ende. Die "Feinde," die ihm Frevel zufügen, sind genauer solche, die seine Ferse festhalten, um ihn zu Fall zu bringen.

7 Sie1 vertrauen auf ihr Vermögen, / Ihres großen Reichtums rühmen sie sich.

  1. Die Feinde.

8 Und doch kann keiner1 den andern erlösen2 / Noch Gott ein Sühngeld für ihn zahlen.3

  1. Keiner der Reichen.
  2. Ihn vom Tod loskaufen; denn alle Menschen sind dem Tod unterworfen.
  3. Der reiche Gottlose kann mit allen seinen Schätzen nicht einmal einen anderen, geschweige denn sich selbst vom Tod loskaufen. V8ff. sind schwierig. Ich habe hier frei übersetzt.

9 Der Seele Sühngeld ist nicht zu erschwingen; / Es zu erlegen, bleibt ewig unmöglich.

10 So wird denn niemand für immer leben / noch dem Schicksal entgehn, die Gruft zu schaun.

11 Nein, der Reiche muß sehn: selbst Weise sterben, / Nicht minder als Toren und Narren vergehn. / Ihre Schätze müssen sie andern lassen.1

  1. Wenn sie sterben.

12 Die Reichen, sie denken: ihre Häuser sind ewig, / Ihre Wohnungen währen für und für; / Drum nennen sie Länder mit ihrem Namen.1

  1. Man denke hier an die Reichen und Großen der Erde, die Städte und Landstriche nach ihrem Namen benannten, als wären sie selbst unsterblich.

13 Doch wer in Reichtum prangt, bleibt nicht; / Er gleicht den Tieren, die man vertilgt.

14 So1 geht es den Leuten voll Selbstvertraun2 / Und allen, die ihnen Beifall zollen.3 Sela.

  1. Wie V13 es sagt.
  2. Denen, die sich auf ihren Reichtum und ihre Macht etwas einbilden, wie in V8-12 ausgeführt worden ist.
  3. Die an den vermessenen Reden dieser mit hochmütigem Selbstvertrauen Erfüllten Gefallen finden.

15 Wie Schafe sinken sie in die Gruft: sie weidet der Tod.1 / Doch ein Morgen kommt,2 wo die Frommen über sie herrschen.3 / Ihr Fels zerreißt ja das Totenreich:4 / Es bleibt ihre Wohnstatt nicht.5

  1. Der König der Schrecken, Hio 18:14 nicht der gute Hirte. Ps 23:1
  2. Sollte hier der Auferstehungsmorgen gemeint sein?
  3. Vgl. 1Kor 6:2, Da 7:22.
  4. Der Frommen Fels ist Gott. Hat er nicht durch Christi Auferstehung die Macht des Totenreiches gebrochen?
  5. Denn Gott führt die Seinen zu dem neuen Leben der Auferstehung. Jes 26:19, Da 12:2

16 Fürwahr, Elohim wird meine Seele erlösen / Aus der Macht der Scheôl;1 denn er entrückt mich.2 Sela.

  1. Die Scheôl ist das Totenreich.
  2. Hier wird im Hebräischen dasselbe Wort gebraucht (lakach) wie 1Mo 5:24 und 2. Kön. 2,3ff. von der Entrückung Henochs und Elias, die ja, ohne zu sterben, von der Erde hinweggenommen wurden. Sollte hier dem Psalmisten in seinem Geist eine schwache Vorahnung von dem "Geheimnis" gegeben worden sein, das Paulus in 1Kor. 15,51ff. in voller Klarheit kundgemacht hat und das in Verbindung mit 1Th 4:17 zu betrachten ist?

17 Fürchte dich nicht, wenn einer reich wird,1 / Wenn seines Hauses Glanz sich mehrt.

  1. Fürchte dich nicht, du Frommer, wenn dein Bedrücker reich und mächtig ist.

18 Denn beim Sterben nimmt er das alles nicht mit, / Nicht fährt ihm nach1 seine Herrlichkeit.2

  1. In das Totenreich.
  2. Sein Reichtum und seine Macht.

19 Wenn er sich im Leben auch glücklich preist,1 / Wenn man dich2 ob guter Tage auch rühmt3

  1. Vgl. Lu 12:19.
  2. Du Reicher.
  3. Wenn man dich auch rühmt, daß du dir gute Tage machen und dir gütlich tun kannst. vgl. Lu 16:19

20 Du gehest doch ein in der Väter Haus,1 / Die nimmer das Licht erblicken.2 Wer in Reichtum prangt und ist ohne Verstand,3 / Der gleicht den Tieren, die man vertilgt.

  1. In das Totenreich.
  2. Denn im Totenreich herrschen Finsternis und Dunkel. Hio 10:21-22, 17:13, Ps 88:13
  3. Wer in fleischlichem Sinn nur an das Irdische denkt.

Chapter 50

1 1 Ein Psalm Asafs.2 / El Elohim Jahwe: Er redet3 / Und ruft der Erde d vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang.

  1. Über Asaf s. 1Ch 25:1-7, 15:19, 16:5, 2Ch 29:30, Ne 12:46.
  2. Hier stehen drei Gottesnamen eng zusammen. Das kommt nur noch einmal im Alten Testament vor: Jos 22:2, wo die drei Namen sogar verdoppelt sind. Über ihre Bedeutung siehe den Schluß der Einleitung. Die drei Gottesnamen scheinen hier übrigens eine Steigerung zu enthalten: El ist Gott als der Starke und Gewaltige, Elohim als der Allmächtige in der herrlichen Fülle seiner göttlichen Eigenschaften, Jahwe als der in seinem Wesen unveränderliche, treue Bundesgott seines auserwählten Volkes.
  3. Er ruft die Erdbewohner auf.

2 Aus Zion, der Schönheit Krone,1 / Strahlt Elohim hervor.2

  1. Zion stellt die vollkommenste Schönheit dar, weil dort der Tempel Gottes, die Stätte seiner herrlichen Gegenwart ist.
  2. Wie die aufgehende Sonne.

3 Unser Gott, er kommt1 und schweiget nicht. / Verzehrend Feuer geht vor ihm her, / Rings um ihn stürmt es gewaltig.2

  1. Zum Gericht.
  2. Gott offenbart seine Herrlichkeit ähnlich wie einst am Sinai bei der Gesetzgebung. 2Mo 19:16-19

4 Er ruft die Himmel droben herbei.1 / Und die Erde, sein Volk zu richten:2

  1. Gemeint sind hier wohl die Himmelsbewohner: die heiligen Engel.
  2. Engel und Menschen sollen gleichsam als Gottes Boten das Volk Israel vor Gottes Richtstuhl laden.

5 "Versammelt mir die Frommen,1 / Die den Bund mit mir im Opfer geschlossen!"2

  1. Die Israeliten sind Gottes Fromme oder Begnadete; aber ihre Werke entsprechen nicht ihrem hohen Beruf.
  2. Und zwar am Sinai. 2Mo 24:1-8

6 Die Himmel künden seine Gerechtigkeit;1 / Denn Elohim — er ist's, der richtet! Sela.

  1. Sie bezeugen feierlich, daß Gott der gerechte Richter ist.

7 "Höre, mein Volk, o laß mich reden! / Israel, laß mich dich warnen! / Elohim, dein Gott, bin ich.1

  1. V7c gibt den Grund dafür an, daß Gott Israel so gegenübertreten muß. vgl. 2Mo 20:2

8 Nicht deiner Schlachtopfer wegen1 rüge ich dich — / Sind doch deine Brandopfer immer vor mir.2

  1. Nicht wegen einer Vernachlässigung des Opferdienstes.
  2. Sie werden immer dargebracht, an dem äußeren Opferdienst fehlt nichts.

9 Nicht brauche ich Stiere aus deinem Hause / Noch Böcke aus deinen Hürden.1

  1. Gott hat die Tieropfer nicht nötig; denn erstlich: es gehört ihm ja alles, was geopfert wird (V10f.), und sodann: er ist ein Geist, der der irdischen Dinge nicht bedarf (V12f.).

10 Denn mein ist alles Wild des Waldes, / Das viele Getier auf den Bergen.1

  1. Wörtlich: "Die Tiere auf den Bergen der Tausend," was vielleicht bedeutet: die Tiere auf den Bergen, wo sie zu Tausenden leben.

11 Ich kenne jeden Vogel der Berge, / Und was auf den Feldern sich regt, ist mein.

12 Sollte mich hungern, dir sagte ich's nicht. / Denn mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt.

13 Esse ich etwa der Stiere Fleisch / Und trink ich der Böcke Blut?

14 Opfere Elohim Dank1 / Und bezahle dem Höchsten deine Gelübde!2

  1. Nicht mit äußern Opfern, sondern in der rechten Gesinnung des Herzens.
  2. Erfülle Gott gegenüber deine guten Vorsätze, indem du deinen Wandel besserst.

15 "Rufe mich an am Tage der Not: / Dann will ich dich retten, daß du mich ehrest."1

  1. Aus dankbarer Gesinnung heraus kannst du dann Gott auch in jeder Not vertrauensvoll anrufen. Gott wird dich dann erretten und dir dadurch Anlaß geben, ihn mit neuem Dank zu ehren.

16 Aber zum Frevler spricht Elohim:1 / Wie? du zählst meine Satzungen auf / Und redest von meinem Bund?

  1. Mit V16 wendet sich Gottes Strafwort an Frevler, die trotz offenbarer Sünden dennoch Gottes Namen und Wort im Munde führen. Diese Leute sind also verschieden von jenen Werkheiligen in V7ff., die da meinen, die äußere Erfüllung der göttlichen Gebote, namentlich der Opfervorschriften, genüge schon, Gottes Wohlgefallen zu erlangen.

17 Das wagst du und hasset doch Zucht1 / Und wirfst meine Worte hinter dich?2

  1. Du denkst nicht daran, dich der heilsamen Zucht des Gesetzes zu unterwerfen.
  2. Du siehst meine Worte mit dem Rücken an, statt sie als Regel und Richtschnur deines Wandels allezeit vor Augen zu haben.

18 Siehst du einen Dieb, so gesellst du dich ihm, / Und mit Ehebrechern gehest du um.

19 Du lässest deinen Mund zum Bösen los, / Und deine Zunge spinnet Trug.1

  1. Oder: Falschheit. Verleumderische Gespräche sind ein Gewebe, woran jeder, der daran teilnimmt, mitarbeitet. Vgl. zu V16ff. Rö 2:21-23.

20 Mit andern verleumdest du deinen Bruder, / Deiner Mutter Sohn hängst du Schande an.

21 Das hast du getan, und ich schwieg dazu.1 / Da dachtest du denn: ich wäre wie du.2 / Aber ich will dich zur Rechenschaft ziehn, / Dir's unter die Augen stellen."3

  1. Ich strafte dich nicht sofort.
  2. Der Frevler dachte, Gott sei gleichgültig gegen die Sünde.
  3. Gott will dem Sünder seine Übertretungen der Reihe nach vorlegen, damit er sie erkenne, vor seinem Zustand erschrecke und sich bekehre.

22 Merkt das wohl, die ihr Gottes1 vergeßt;2 / Sonst werd ich zerreißen,3 und niemand rettet.

  1. Im Hebräischen steht hier der Gottesname Eloah.
  2. Die Gottvergessenen sind sowohl die selbstgerechten Werkheiligen in V7-15 als auch die offenbaren Sünder in V16-21.
  3. Das Strafurteil vollziehen.

23 Wer Dank opfert, der ehret mich recht, / Und er bahnet den Weg, / Auf dem ich ihm zeige das Heil Elohims.1

  1. Der Dankbare bahnt sich durch seine Dankbarkeit einen Weg, auf dem ihn Gott sein Heil in ganzer Fülle schauen lassen kann. — Psalm 50 ist ein ernstes, gewaltiges Zeugnis in der Sprache der Propheten gegen alle, die da meinten, die äußeren Opfer und überhaupt die äußere Erfüllung der göttlichen Gebote sei schon genügend. Demgegenüber bezeugt der Psalmist, daß der Mensch ohne Frömmigkeit des Herzens und ohne einen reinen Wandel Gott nicht wohlgefällig sein könne. Der äußere Opferdienst ist ohne die rechten geistlichen Opfer wertlos vor Gott.

Chapter 51

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.

2 Als der Prophet Nathan zu ihm kam, / nachdem er zu Batseba eingegangen war.1

  1. Vgl. 2Sam. Kap. 11 und 12.

3 Sei mir gnädig, Elohim, nach deiner Huld, / In großer Erbarmung tilg meine Frevel!

4 Wasche mich völlig von meiner Schuld / Und von meiner Sünde mache mich rein!

5 Denn meine Frevel sind mir bewußt, / Und meine Sünde ist stets vor mir.

6 An dir allein habe ich gesündigt, / Und was dir mißfällt, hab ich verübt. / Denn du sollst recht behalten mit deinem Spruch, / Rein erscheinen mit deinem Urteil.1

  1. Der Psalmist erkennt hier als reuiger Sünder die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichtsspruches an. V6c und d führt der Apostel Paulus in Rö 3:4 nach LXX an.

7 Ich bin ja in Schuld geboren, / In Sünde hat mich meine Mutter empfangen.

8 Doch da du Wahrheit im Herzen liebst, / So mach mir im Innern Weisheit kund!1

  1. Die Weisheit ist der Weg zur Wahrheit. Wenn Gott dem Psalmisten in der Verborgenheit seines Gemüts Weisheit kundtut, so kann er, obwohl in Sünde empfangen und geboren, also dahin gelangen, daß die Wahrheit oder das rechtschaffene, Gott wohlgefällige Wesen sein Herz ganz durchdringt. "Herz" heißt vielleicht wörtlich "Nieren," eine Bezeichnung des geheimsten Innenlebens.

9 Entsündige mich mit Ysop, so werd ich rein,1 / Wasche mich, so werd ich weißer als Schnee.2

  1. Eine Anspielung auf die Weise, wie die Aussätzigen gereinigt wurden: man besprengte sie mit einem Ysopbüschel, der in das Blut eines reinen Vogels getaucht war. 3Mo 14:1-9
  2. Jes 1:18. V9b erinnert an die Waschungen, die alle levitisch Verunreinigten an sich vollziehen lassen mußten.

10 Sprich mir Wonne und Freude zu, / Daß deine Gebeine frohlocken, die du zerschlagen.

11 Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,1 / Und all meine Frevel tilge aus!

  1. Sieh meine Sünden nicht zornig und strafend an.

12 Ein reines Herz schaff mir, Elohim, / Einen festen Geist erneure in mir!1

  1. Ein fester Geist ist der Gnade Gottes gewiß.

13 Wirf mich nicht weg von deinem Antlitz, / Deinen Heiligen Geist nimm nicht von mir!

14 Erfreue mich wieder mit deinem Heil, / Mit willigem Geiste stütze mich!1

  1. Mache meinen durch deinen Heiligen Geist gereinigten menschlichen Geist allezeit willig und stark, deinen Willen zu tun.

15 Dann lehre ich Frevler deine Wege, / Und Sünder sollen sich zu dir kehren.1

  1. Wenn sie zu ihrem Trost hören, wie gnädig sich Gott an dem Psalmisten bewiesen hat.

16 Von Blutschuld rette mich, Elohim, du Gott meines Heils!1 / So jauchzt meine Zunge ob deiner Gnade.

  1. David denkt hier an die Blutschuld, die er durch Urias Tod auf sich geladen hatte.

17 Adonái, tu mir die Lippen auf; / Dann wird mein Mund deinen Ruhm verkünden.

18 Schlachtopfer begehrst du ja nicht — sonst gäbe ich sie —; / Brandopfer gefallen dir nicht.

19 Elohims Schlachtopfer1 sind ein zerbrochener Geist. / Ein zerbrochen, zerschlagen Herz, Elohim, verschmähest du nicht!2 Tu wohl an Zion in deiner Gnade, / Baue die Mauern Jerusalems! Dann werden dir rechte Opfer gefallen:3 / Brandopfer, Ganzopfer,4 / Dann wird man Stiere opfern auf deinem Altar.5

  1. D.h. die Gott wahrhaft wohlgefälligen Schlachtopfer.
  2. In einem zerbrochenen Geist und einem zerschlagenen Herzen ist aller Hochmut des eigenen Ich ertötet; da wohnt Demut und aufrichtige Bußgesinnung, da offenbart sich die Armut im Geist. Jes 57:15, Mt 5:3
  3. Rechte Opfer sind solche, wie Gott sie haben will.
  4. Vgl. 3Mo 6:15-16.
  5. V20 und 21 sind wohl ein späterer Zusatz, der in der babylonischen Gefangenschaft entstanden ist. Da sehnten sich alle treuen Juden nach dem Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels sowie nach dem Wiederbeginn des Opferdienstes. — Ps. 51 ist der vierte der sieben kirchlichen Bußpsalmen. Und in der Tat: in diesem ergreifenden Psalm finden die reumütigen Sünder aller Zeiten und Geschlechter ihren wahren Seelenzustand bloßgelegt.

Chapter 52

1 Dem Sangmeister. Eine Betrachtung (?) Davids.1

  1. In bezug auf das mit "Betrachtung" übersetzte hebräische Wort "Maskil," das nun zunächst in den Psalmen 52-55 vorkommt, vgl. Ps 32:1.

2 Als der Edomiter Doeg kam und Saul meldete: "David hat sich ins Haus Ahimelechs begeben."1

  1. Hier ist nachzulesen 1Sam. Kap. 21 und 22.

3 Was rühmst du dich der Bosheit, du Held?!1 / Gottes Gnade währt für und für.2

  1. So wird Doeg spöttisch genannt.
  2. Trotz der Bosheit Doegs ist Davids Sache doch nicht verloren, denn Gottes Gnade ist mit ihm.

4 Verderben sinnt seine Zunge / Gleich scharfem Messer, du Unheilstifter!1

  1. Wiederum Anrede an Doeg wie auch V6b.

5 Böses liebst du mehr als Gutes, / Lüge redest du lieber als Wahrheit. Sela.

6 Du liebst nur verderbliche Reden, / Du Zunge voll Trug!

7 So wird denn auch Gott dich zertrümmern auf immer, / Er wird dich ergreifen, wegreißen aus deinem Gezelt,1 / Aus der Lebenden Land dich entwurzeln. Sela.

  1. Aus deinem Haus.

8 Die Gerechten werden das schauen und schauern, / Sie werden sein lachen und sprechen:

9 "Seht doch den Mann! Er wählte sich nicht Elohim zum Schutz; / Auf des Reichtums Fülle verließ er sich, / Dünkte sich sicher in seinem Frevel." Ich aber bin wie ein grünender Ölbaum (gepflanzt) in Elohims Haus.1 / Ich traue der Gnade Elohims auf immer und ewig. Preisen will ich dich immerdar, weil du es vollbracht.2 / Harren will ich auf deinen Namen,3 / Denn er ist köstlich vor deinen Frommen.4

  1. Und stehe deshalb auch unter Gottes besonderem Schutz.
  2. Weil du mir deine Gnade bewiesen und deine Verheißungen mir erfüllt hast.
  3. Der Name Gottes ist sein in Taten des Heils offenbar gewordenes Wesen.
  4. Es ist erklärlich, daß die Ermordung der 85 Priester in Nob, die eine Folge der Verräterei Doegs war, David tief erschütterte. In dieser Gemütsverfassung wird er dann den 52. Psalm gedichtet haben.

Chapter 53

1 Dem Sangmeister, nach Machalát.1 Eine Betrachtung (?) Davids.

  1. Das Wort "Machalát" ist dunkel. Einige übersetzen: "nach schwermütiger Weise." Andere denken an eine bestimmte Liedart, an eine Melodieangabe nach dem Anfang eines Liedes oder an ein Musikinstrument.

2 Die Toren denken bei sich: "Es ist kein Gott." / Verderbt und abscheulich treiben sie Frevel; / Da ist keiner, der Gutes tut.

3 Elohim schaut vom Himmel herab auf die Menschenkinder, / Daß er sehe, ob jemand Einsicht habe / Und frage nach Gott.

4 Aber allesamt sind sie abgewichen, alle entartet; / Da ist keiner, der Gutes tut, / Auch nicht ein einziger.

5 "Sind denn so unvernünftig die Übeltäter, / Die mein Volk verzehren, wie man Brot verzehrt, / Die nicht zu Elohim beten?"

6 Dann beben sie schaudernd, obwohl kein Grund zum Schaudern vorhanden ist.1 / Denn Elohim zerstreut deiner Feinde Gebeine.2 / Du3 machst sie zuschanden,4 denn Elohim hat sie5 verworfen. Ach, käme aus Zion für Israel Heil! / Wendet Elohim seines Volkes Los, / So wird Jakob sich freun und Israel jauchzen.

  1. D.h. obwohl kein äußerer Grund zum Erschrecken vorliegt. Man denke hier an den assyrischen König Sanherib, der plötzlich von Jerusalem abzog. Jes 37:7,9
  2. Wörtlich: "die Gebeine deines Belagerers." vgl. Jes 37:36
  3. Israel.
  4. Vereitelst die Anschläge der Feinde.
  5. Deine Feinde.

Chapter 54

1 Dem Sangmeister, mit Saitenspielbegleitung.1 Eine Betrachtung (?) Davids.

  1. S. die Überschrift von Ps. 4.

2 Als die Sifiter gekommen waren und Saul gemeldet hatten: "David hält sich bei uns verborgen."1

  1. 1Sa 23:19, 26:1.

3 Elohim, hilf mir durch deinen Namen,1 / Durch seine Stärke schaffe mir Recht!

  1. Der Name Gottes ist die Offenbarung seines Wesens, besonders seiner Gnade, Huld und Treue.

4 Elohim, höre doch mein Gebet, / Horch auf die Worte meines Mundes!

5 Denn Fremde erheben sich wider mich,1 / Und Grausame trachten mir nach dem Leben,2 / Sie haben Gott nicht vor Augen. Sela.

  1. Obwohl die Sifiter Davids Volksgenossen waren, so werden sie doch "Fremde" genannt, weil sie sich gleich Fremden feindselig gegen ihn stellten.
  2. Grausam heißen die Sifiter, weil sie bereit waren, David an Saul auszuliefern.

6 Wahrlich, mein Helfer ist Elohim, / Adonái ist meines Lebens Halt.

7 Das Böse muß fallen auf meine Feinde — / Nach deiner Treue vernichte sie!1 Dann bring ich dir freiwillige Opfer,2 / Deinem Namen, o Jahwe, dank ich, daß er so hold. Denn er3 hat mich errettet aus aller Not,4 / Und an meinen Feinden erfreut sich mein Auge.5

  1. Weil Gott seinem Knecht David Treue hält, darum wird er auch Davids Feinde vernichten.
  2. Das freiwillige Opfer steht im Gegensatz zu einem solchen, wozu man sich durch ein Gelübde verpflichtet hat. 3Mo 22:23
  3. Nämlich: "der Name Gottes." In der nachbiblischen Sprache heißt Gott geradezu "der Name".
  4. Davids Not war groß. Nach dem Verrat der Sifiter wäre er sicher in Sauls Hände gefallen, wenn dieser nicht wider Erwarten durch einen Einfall der Philister sich genötigt gesehen hätte, Davids Verfolgung aufzugeben. 1Sa 23:26-28
  5. Wenn das Herz von Haß und Rachgier frei ist, so kann sich das Auge daran erfreuen, wenn Gott seine strafende Gerechtigkeit durch besondere Taten offenbart (vgl. Off 18:20).

Chapter 55

1 Dem Sangmeister, mit Saitenspielbegleitung. Eine Betrachtung (?) Davids.1

  1. Ist der Psalm von David, so scheint manches darin auf die Empörung Absaloms hinzuweisen. — Der Psalm will solche, die in Not und Bedrängnis sind, in ihrer Trübsal trösten und sie zu festem Vertrauen auf Gottes Hilfe ermuntern.

2 Vernimm, Elohim, mein Gebet, / Entzieh dich nicht meinem Flehn!

3 Horch auf mich und erhöre mich, / Ich sinne ruhlos und seufze.

4 Denn ich muß hören des Feindes Stimme und empfinde des Frevlers Druck. / Sie wälzen Unheil auf mich und stellen mir grimmig nach.

5 Mein Herz bebt mir in der Brust, / Und Schrecken des Todes fallen auf mich.

6 Furcht und Zittern dringt auf mich ein, / Entsetzen hat mich bedeckt.

7 Drum sag ich: "O, hätt ich doch Schwingen wie Tauben! / Weg wollt ich fliegen, einen Ruhplatz suchen.1

  1. Der Psalmist möchte fliehen wie eine Taube, die sich in schnellem Flug vor einem Unwetter oder den Krallen eines Raubvogels in eine Felsspalte flüchtet.

8 Ja, weithin möcht ich flüchten / Und in der Wüste rasten. Sela.

9 Eine Freistatt würd ich mir suchen / Vor dem Toben des Sturms, vor dem Wetter.

10 Verwirr ihre Zungen, Adonái, zerteile sie!1 / Denn ich schaue Gewalttat und Streit in der Stadt.2

  1. Wie bei der babylonischen Sprachenverwirrung. 1Mo 11:1-9 "Mache sie uneins untereinander!" Hier könnte man an die Beratungen der Feinde Davids kurz vor dem Ausbruch der Empörung Absaloms denken.
  2. Auch diese Worte lassen sich auf das Treiben der Anhänger Absaloms in Jerusalem deuten.

11 Tag und Nacht gehn sie auf den Mauern umher,1 / Unheil und Elend ist drinnen.2

  1. Dies bezieht Franz Delitzsch auf die Spione Absaloms.
  2. In Jerusalem.

12 Ja, Verderben ist drinnen; / Von ihrem Markte1 weicht nicht Bedrückung und Trug.

  1. Von dem Markt der Stadt.

13 Denn nicht ein Feind schmäht mich: / Das würd ich ertragen; / Auch nicht mein Hasser tut groß wider mich: / Dann würd ich mich vor ihm verbergen.

14 Nein, du bist's, den ich mir gleichgeschätzt, / Mein Freund und mein Vertrauter.1

  1. Diese Worte könnte man sehr gut von Ahitofel, dem verräterischen Freund Davids, verstehen. 2Sa 15:12, 16:23, Ps 41:10

15 Wie pflegten wir traute Gemeinschaft, / Gingen einträchtig1 ins Haus Elohims!

  1. Nach LXX

16 Der Tod überrasche sie, / Mögen sie lebend zur Unterwelt fahren!1 / Denn in ihrer Wohnstatt, in ihrem Herzen ist Bosheit.

  1. Wie Korah und seine Rotte (4Mos. 31-35).

17 Ich aber rufe zu Elohim, / Und Jahwe wird mich erretten.

18 Des Abends, Morgens und Mittags klag ich und seufze: / So hört er mein Flehn.

19 Er wird mich erretten, in Frieden mich leiten, daß keiner mir beikommt; / Denn ihrer1 sind viele wider mich.

  1. Der Feinde.

20 Gott wird hören und Antwort geben1 — / Er, der da thronet seit Urbeginn. Sela. / Denn sie2 besinnen sich nicht eines Bessern, / Elohim fürchten sie nicht.

  1. Gott wird die Reden der Feinde Davids, die sich gegen den König verschwören, hören und ihnen als strafender Richter Antwort geben, indem er sie zuschanden macht.
  2. Die Feinde.

21 Er1 legt seine Hand an seine Freunde, / Entweiht seinen Bund.2

  1. Der in V14f. genannte falsche Freund.
  2. Den Bund der Treue, den er mit dem Freund geschlossen hat.

22 Glatt wie Butter sind seine Worte, / Aber in seinem Herzen ist Krieg. / Seine Reden sind linder als Öl, / Und doch sind's gezückte Schwerter.

23 Wirf deine Bürde auf Jahwe!1 / Er wird dich versorgen; / Nimmer läßt er den Gerechten wanken. Doch du, Elohim, wirst sie in die unterste Grube stürzen. / Die da mit Mord und Trug umgehn, / Sollen nicht ihres Lebens Hälfte erreichen. / Ich aber traue auf dich!

  1. 1Pe 5:7 nach LXX

Chapter 56

1 Dem Sangmeister. Nach (der Melodie des Liedes:) "O stumme Taube in der Ferne"(?).1 Ein Gedicht(?)2 Davids. / Als ihn die Philister in Gat ergriffen.3

  1. Die Worte sind dunkel.
  2. Vgl. Ps 16:1. Das Wort miktâm kommt außerdem noch vor in den Überschriften der Ps. 57-60.
  3. 1Sa 21:11-15. Von allen Seiten durch Saul bedrängt, floh David zu dem Philisterkönig Achis. Aber kaum war er dort angekommen, so nahmen ihn die Philister als den Überwinder ihres Landsmanns Goliat fest. In dieser gefährlichen Lage stellte sich David wahnsinnig, um den Händen seiner Feinde zu entgehen.

2 Sei mir gnädig, Elohim, denn Menschen treten mich nieder; / Allzeit befehden und drängen sie mich.

3 Meine Laurer quälen mich fort und fort, / Denn in Stolz befehden mich viele.

4 Will Furcht mich befallen, / So trau ich auf dich.

5 Elohim stärkt mich, sein Wort1 zu rühmen. / Elohim vertrau ich, ich fürchte mich nicht. / Was kann mir ein Sterblicher tun?

  1. Das Wort der göttlichen Verheißung, das ihn mutig und getrost macht.

6 Meine Worte verdrehen sie immerfort,1 / Nur Böses denken sie wider mich.

  1. Sie wollen ihm nicht glauben, sondern beschuldigen ihn der Lüge.

7 Sie rotten sich, senden Laurer aus: / Die spüren mir nach auf Schritt und Tritt; / Denn sie trachten mir nach dem Leben.

8 Doch umsonst! Ich entrinne —.1 / Im Zorn, Elohim, wirf Leute danieder!2

  1. Alle Bemühungen der Laurer sind vergeblich.
  2. Alle, die sich gegen dich und deine Auserwählten in Feindschaft erheben.

9 Meine Flüchtlingstage hast du gezählt. / Sammle meine Tränen in deinen Schlauch! / Stehen sie nicht in deinem Buch?1

  1. V9 weist deutlich auf die Zeit, da David von Saul verfolgt wurde.

10 Einst weichen meine Feinde zurück; / Denn es kommt ein Tag, da ich rufe.1 / Dies weiß ich, daß Elohim hilft.

  1. Mit dem Rufen zu Gott ist dann auch die Erhörung verbunden: die Feinde werden zuschanden.

11 Elohim stärkt mich, das Wort1 zu rühmen, / Jahwe stärkt mich, das Wort zu rühmen.

  1. Das göttliche Verheißungswort.

12 Elohim vertrau ich, ich fürchte mich nicht. / Was können mir Menschen tun?

13 Dir, Elohim, erfüll ich meine Gelübde, / Dankopfer will ich dir bringen. Denn du hast mein Leben vom Tode errettet, / Ja, meine Füße vom Gleiten,1 / Damit ich wandeln kann vor Elohim / Im Lichte der Lebendigen.2

  1. Vgl. Ps 116:8.
  2. Statt in die Finsternis des Totenreiches einzugehen.

Chapter 57

1 Dem Sangmeister, nach (der Melodie des Liedes:) "Verderbe nicht!"1 / Ein Gedicht (?) Davids. Als er vor Saul in die Höhle floh.2

  1. Die Worte "Verderbe nicht!" sind wohl als Anfang eines Liedes zu fassen, nach dessen Melodie der Psalm gesungen werden sollte. vgl. Psalm 58, 59, 75
  2. Gemeint ist wohl die Höhle von Adullam 1Sa 22:1-2 oder von Engedi. 1Sa 24:1-5

2 Sei mir gnädig, Elohim, sei mir gnädig! / Denn meine Seele sucht Zuflucht bei dir. / In deiner Flügel Schatten bin ich geborgen, / Bis das Verderben vorüber ist.

3 Ich rufe zu Elohim, dem Höchsten, / Zu El, der's für mich hinausführt.

4 Er sendet vom Himmel (sein Heil) und hilft mir. / Wenn mich mein Verfolger zum Kampf reizt, — Sela — / Dann sendet Elohim seine Huld und Treu.

5 Ich muß unter Löwen weilen, / Unter Leuten ruhn, die Flammen sprühn,1 / Ihre Zähne sind Spieß und Pfeile, / Ihre Zungen ein scharfes Schwert.

  1. Die Verderben bringen.

6 Elohim, erheb dich über die Himmel, / Deine Herrlichkeit über alle Welt!1

  1. Die Herrlichkeit Gottes, der sich über alle Himmel hin als der Erhabene und Gewaltige erweist, soll auch von der ganzen Welt anerkannt werden, wenn sich diese Herrlichkeit in ihrem Glanz offenbart.

7 Sie hatten meinen Füßen ein Netz gestellt, / So daß meine Seele in Angst sich wand. / Sie höhlten vor mir eine Grube aus — / Und fallen nun selbst hinein. Sela.

8 Mein Herz ist getrost, Elohim, mein Herz ist getrost; / Ich will singen und spielen.

9 Wach auf, mein Herz!1 / Wach auf, du Harfe und Zither! / Wecken will ich das Morgenrot.2

  1. Wörtlich: "meine Ehre," d.h. meine Seele.
  2. Der Psalmist will mit seinem zur Ehre Gottes ertönenden Saitenspiel und Gesang die noch in ihrem Zelt schlafende Sonne Ps 19:5 wecken.

10 Unter Völkern, Adonái, will ich dich preisen, / Dir singen unter den Leuten.1

  1. Der Psalmist will auch als Verkünder der großen Taten Gottes in der Völkerwelt auftreten.

11 Denn groß bis zum Himmel ist deine Gnade, / Bis zu den Wolken reicht deine Treu.1 Elohim, erheb dich über die Himmel, / Deine Herrlichkeit über alle Welt!

  1. V11 wird der Grundton seiner Predigt sein: er will den Menschen Gottes Gnade und Treue (oder Wahrheit) kundmachen. Vgl. Ps 36:6.

Chapter 58

1 Dem Sangmeister, nach (der Melodie des Liedes:) "Verderbe nicht!" (?). / Ein Gedicht (?) Davids.

2 Redet ihr wirklich Gerechtigkeit, / Richtet ihr redlich, ihr Menschenkinder?1

  1. So übersetze ich in Anlehnung an LXX Angeredet werden hier nicht die Menschen im allgemeinen, sondern zunächst die Richter.

3 Nein, im Herzen sinnet ihr Frevel, / Für eurer Hände Gewalttat macht ihr im Lande Bahn.1

  1. Durch eure ungerechten Urteile bahnt ihr euch den Weg, Gewalttat im Lande zu euerm Nutzen zu üben.

4 Von Geburt an weichen die Frevler ab, / Die Lügenredner irren von Kindheit an?1

  1. Ihre Bosheit ist deshalb so groß, weil sie von Kindheit an für die Einwirkungen der göttlichen Gnade unzugänglich geblieben sind.

5 Gift haben sie wie Schlangengift, / Wie eine taube Natter, die ihr Ohr verstopft,1

  1. Sie haben Gift "wie eine taube Natter" usw. Das Gift ist ein Bild der Sünde und Bosheit.

6 Die nicht hört auf der Zauberer Stimme, / Auf die Stimme der klugen Beschwörer.1

  1. Wenn die Schlangenbeschwörer durch ihre Künste auch die giftigsten Schlangen zähmen können, so vermögen sie doch nichts bei den tauben Schlangen. Ebenso sind die geistlich tauben oder verstockten Menschen unzugänglich gegen alle Ermahnungen anderer und ihres eigenen Gewissens.

7 Elohim, zerbrich ihre Zähne in ihrem Mund, / Reiß aus, o Jahwe, der Löwen Gebiß!1

  1. Mache alle Feinde und Frevler unschädlich! Sie gleichen ja wilden Tieren.

8 Sie sollen zerfließen, wie Wasser verläuft. / Schießt er1 seine Pfeile, so seien sie stumpf.2

  1. Der Gottlose, besonders der ungerechte Richter.
  2. Laß alle seine Anschläge wirkungslos bleiben!

9 Sie sollen der Schnecke gleichen, die kriechend zerfließt,1 / Eines Weibes Fehlgeburt,2 die die Sonne nicht sieht.3

  1. Wie die Schnecke beim Kriechen ihren Schleim zurückläßt und sich auflöst, so sollen die Gottlosen in ihren Unternehmungen zuschanden werden.
  2. Sollen die Gottlosen gleichen.
  3. Die Fehlgeburt ist ein Bild von etwas durchaus Nichtigem und Wertlosem. vgl. Hio 3:16, Pre 6:3

10 Eh eure Töpfe die Dornen merken1 — / Sei roh oder gar das Fleisch: der Sturm treibt's weg.2

  1. D.h. ehe die Töpfe erhitzt werden durch das Feuer der Dornen, die als Brennstoff für das Kochen gesammelt sind.
  2. Es ist hier an eine Schar von Reisenden zu denken, die sich in der Wüste ihr Essen kochen wollen. Da werden sie plötzlich von einem Sturm überrascht. Der reißt die Töpfe mit dem teils noch rohen, teils schon gekochten Fleisch mit sich fort. Das Bild will jedenfalls sagen: Das Vorhaben der Frevler wird noch vor seiner Ausführung vereitelt; ihre Pläne scheitern, mögen sie reif geworden oder ganz unreif geblieben sein, wie das Fleisch in den Töpfen teils gar, teils noch roh ist.

11 Der Gerechte frohlockt, wenn er Rache geschaut, / Er badet den Fuß in der Frevler Blut.1 Dann sagt man: "Ja wahrlich, der Fromme hat Frucht;2 / Ja, es gibt einen Gott, der da richtet auf Erden!"3

  1. Der Fromme freut sich, wenn Gott seine Gerichte kommen läßt, — aber nicht, weil er schadenfroh wäre, sondern weil Gottes Gericht nötig ist, damit sich sein Ratschluß erfülle und sein Reich auf Erden offenbar werde.
  2. D.h. er wird von Gott belohnt.
  3. Bezieht sich Ps. 58 auf die Zustände unmittelbar vor der Empörung Absaloms, so könnte man dran denken, wie Absalom mit seinem Anhang gerade die Rechtspflege als Mittel benutzte, seinem Vater David das Herz des Volkes zu stehlen. 2Sa 15:1-6

Chapter 59

1 Dem Sangmeister, nach (der Weise des Liedes:) "Verderbe nicht!" (?). / Ein Gedicht (?) Davids, als Saul hinsandte und sie das Haus bewachten,1 um ihn zu töten.2

  1. Diese Abgesandten Sauls.
  2. S. 1Sa 19:11-18. Es ist möglich, daß Saul schon vor dem in diesem Abschnitt geschilderten Ereignis heimlich Meuchelmörder aussandte, die David in einem günstigen Augenblick umbringen sollten. Besonders abends schweiften diese Leute umher in der Hoffnung, daß ihnen David in die Hände fallen könne. Vielleicht hat David, als er nach seiner Flucht bei Samuel in Rama weilte, diesen Psalm gedichtet.

2 Errette mich, mein Gott, von meinen Feinden, / Vor meinen Widersachern schütze mich!

3 Rette mich von den Übeltätern / Und hilf mir gegen die Mörder!

4 Denn fürwahr, sie lauern mir auf. / Es rotten sich Grausame wider mich, / doch bin ich, o Jahwe, schuldlos daran.1

  1. Der Psalmist ist unschuldig daran, daß man so feindselig gegen ihn handelt.

5 Aber trotz meiner Unschuld stürmen sie an und rüsten sich.1 / Auf, hilf mir, sieh drein!

  1. Mich anzugreifen und zu töten.

6 Du, Jahwe Elohim der Heerscharen (Herr), Gott Israels, / Wach auf, alle Heiden zu strafen!1 / Verschone keinen der freveln Verräter! Sela.

  1. Gott, der alle Heiden richtend strafen wird, lohnt um so mehr den Frevlern inmitten seines Bundesvolkes nach ihren Werken.

7 Jeden Abend kehren sie wieder, knurren wie Hunde, / Durchstreifen die Stadt.1

  1. Noch heute laufen in den großen Städten des Morgenlandes bissige Hunde in großen Scharen herrenlos umher, um sich ihr Futter zu suchen. Unter diesem Bild werden die Meuchelmörder beschrieben, die nach ihrem Opfer fahnden. Bei Tage wagen sie sich nicht hervor.

8 Fürwahr, sie geifern mit ihrem Munde, / Auf ihren Lippen sind Schwerter. / Denn (sie denken:) "Wer hört es?"1

  1. Der Mund der Meuchelmörder fließt über von Lästerungen Davids, und in ihrer Bosheit bilden sie sich ein, Gott höre nichts davon.

9 Du aber, Jahwe, lachest ihrer,1 / Du spottest aller Heiden.

  1. Vgl. Ps 2:4. Gott sind die Anschläge der Feinde des Psalmisten offenbar.

10 Mein Hort, dein will ich harren; / Denn Elohim ist mein Schutz.

11 Mein Gott kommt mir mit seiner Gnade entgegen, / An meinen Laurern läßt Elohim meine Lust mich sehn.

12 Töte sie nicht, damit es mein Volk nicht vergesse;1 / Treib sie umher durch deine Macht und stürze sie nieder, / Du, unser Schild, Adonái!

  1. Töte sie nicht plötzlich und sofort, sondern laß sie durch Elend und Verbannung, womit du sie heimsuchst, dem Volk zur Warnung dienen!

13 Es sündigt ihr Mund in jedem Wort ihrer Lippen / — Sie sollen sich fangen in ihrem Hochmut! —, / Ihr Reden ist nichts als Fluchen und Lügen.

14 Vertilg sie im Grimm, vertilge sie, daß sie nicht mehr seien! / Dann wird man erkennen, daß Elohim in Jakob herrscht1 / Bis an die Enden der Erde. Sela.

  1. Und von dort seine Herrschaft ausbreitet bis an die Enden der Erde.

15 Jeden Abend kehren sie wieder, knurren wie Hunde, / Durchstreifen die Stadt.

16 Sie irren umher und suchen nach Speise. / Wenn sie nicht satt werden, murren sie.1

  1. Nach LXX

17 Ich aber will singen von deiner Macht / Und jauchzen am Morgen ob deiner Huld. / Denn du bist mein Schutz, / Eine Zuflucht am Tage der Not. Mein Hort, dir will ich singen. / Denn Elohim ist mein Schutz, mein gnädiger Gott.

Chapter 60

1 Dem Sangmeister, nach (der Weise des Liedes:) "Eine Lilie ist das Zeugnis",1 ein Gedicht (?) Davids, zum Lehren.

  1. Hatte das Lied, nach dessen Melodie dieser Psalm gesungen werden sollte, vielleicht eine Verherrlichung des göttlichen Zeugnisses oder Gesetzes zum Gegenstand? Vgl. Ps. 19,8ff.

2 Als er mit den Syrern Mesopothamiens und den Syrern von Zoba1 stritt, / und als Joab zurückkehrte und 12000 Edomiter im Salztal schlug.2

  1. Wahrscheinlich nordwestlich von Damaskus.
  2. Vgl. 2Sa 8:3-13, 1Ch 18:3-13. Es scheint, daß die immer feindlich gegen Israel gesinnten Edomiter in Kanaan einfielen und Davids Heere schlugen, als David im Norden gegen die Syrer kämpfte. Schon in drei Tagemärschen konnte ein Edomiterheer vor Jerusalem stehen. Vielleicht kam das ganze Land durch die Bedrohung der Hauptstadt in die größte Gefahr, bis Joab im Salztal, an der Südspitze des Toten Meeres, die Edomiter gänzlich vernichtete und ihrer Selbständigkeit ein Ende machte. Die Zahl der Edomiter wird übrigens in den geschichtlichen Büchern des Alten Testaments auf 18000 angegeben. Auch wird 2Sa 8:13 der Sieg im Salztal nicht Joab, sondern David zugeschrieben, während 1Ch 18:13 Abisai, Joabs Bruder, als Sieger genannt wird. Diese verschiedenen Angaben sind vielleicht so zu verstehen: Davids Heer stand unter Joabs Oberbefehl, und Abisai lieferte unter seinem Bruder Joab die Schlacht im Salztal.

3 Elohim, du hast uns verworfen, zersprengt; / Du hast uns gezürnt: erheb uns nun wieder!

4 Erschüttert hast du das Land, es zerrissen; / Heile seine Brüche, denn es wankt!

5 Du ließest dein Volk gar Schweres erleben, / Du hast uns getränkt mit Taumelwein.1

  1. Der Taumelwein ist ein Bild der göttlichen Strafe. — V3-5 reden von der schweren Niederlage, die die Edomiter den Israeliten beibrachten, und von den tiefen Wunden, die sie dem Lande schlugen. — Ps. 60 wird übrigens vielfach in die Makkabäerzeit verlegt.

6 Nun hast du deinen Frommen ein Panier geschenkt, / Um das sie sich scharen sollen / Für die gerechte Sache. Sela.

7 Damit deine Lieben gerettet werden, / So hilf denn mit deiner Rechten und hör uns!

8 Elohim hat mir verheißen bei seinem heiligen Namen:1 / Frohlocken soll ich, austeilen Sichem2 / Und vermessen das Tal Sukkot.3

  1. David denkt hier an die mancherlei göttlichen Verheißungen, die ihm zuteil geworden sind, z.B. 2Sa 3:18, 7:9-10. Vielleicht empfing er die Verheißung in V8-10 auch durch eine besondere göttliche Offenbarung.
  2. Sichem lag im Herzen des Westjordanlandes.
  3. Gemeint ist das Jordantal in der Nähe von Sukkot, einer Stadt im Stamme Gad 1Mo 33:17, Jos 13:27, Ri 8:5-9 im Ostjordanland.

9 Mein ist Gilead und mein Manasse,1 / Efraim schützt mein Haupt als Helm, / Juda ist mein Herrscherstab.2

  1. Gilead und Manasse lagen im Ostjordanland. In V8-9a wird David die freie Herrschaft in dem Land westlich und östlich vom Jordan zugesprochen.
  2. Efraim und Juda sind die beiden Hauptstämme. Efraim ist der kriegstüchtige Verteidiger und deshalb für David die Schutzwehr seines Hauptes, Juda als der königliche Stamm ist sein Herrscherstab. 1Mo 49:10

10 Moab ist mein Waschbecken,1 / Auf Edom werf ich meinen Schuh.2 / Schrei laut über mich o Philisterstadt!"3

  1. Es ist wie ein zu niedrigem Gebrauch dienendes Gefäß.
  2. Den Schuh auf etwas werfen bedeutet: "von etwas Besitz nehmen".
  3. "Schrei laut in Klage und Unmut, daß du mir dienen mußt!" Moab, Edom und Philistäa sollen David unterworfen bleiben.

11 Wer bringt mich hinein in die feste Stadt?1 / Wer führt mich hin nach Edom?2

  1. Gemeint ist wohl die Edomiterhauptstadt Sela, das spätere Petra.
  2. Der Psalm ist vielleicht entstanden vor dem entscheidenden Sieg Joabs im Salztal. Den König David drängt es in den Kampf; aber er weiß, daß der Sieg nur von Gott kommt.

12 Du, Elohim, du hast uns verworfen; / Du zogst nicht aus, Elohim, mit unsern Heeren.1 O schaff uns Beistand gegen den Feind! / Denn nichtig ist Menschenhilfe. Mit Elohim verrichten wir Heldentaten. / Er wird unsre Feinde zertreten.

  1. Gott hat ja bisher seinem Volk den Sieg versagt und den Edomitern erlaubt, das Land zu verwüsten. Aber Israels Geschick wird sich wenden, Gott wird sein Volk nun zum Sieg führen (V13 u. 14).

Chapter 61

1 Dem Sangmeister, auf Saitenspiel. Von David.

2 Hör, Elohim, mein lautes Flehn, / Merke auf mein Gebet!

3 Vom Ende des Landes ruf ich zu dir in meines Herzens Schmachten.1 / Auf einen Fels, der mir zu hoch ist, leite mich!2

  1. Alte Erklärer meinen, David habe Ps. 61 in Mahanaim, jenseits des Jordans an der Grenze Palästinas, gedichtet, als er vor seinem Sohn Absalom floh.
  2. Gott wird David auf einem schützenden Fels, den er aus eigener Kraft nicht erreichen kann, vor allen Gefahren beschirmen: ein Ausdruck des zuversichtlichen Vertrauens auf Gottes Hilfe.

4 Du bist ja stets meine Zuflucht gewesen, / Ein starker Turm vor dem Feinde.

5 Laß mich ewig weilen in deinem Gezelt,1 / Im Schutz deiner Flügel Bergung finden! Sela.

  1. In der Fremde sehnt sich David nach dem heiligen Zelt auf Zion.

6 Denn du, Elohim, hast meine Gelübde gehört, / Du hast den Frommen1 ihr Erbe gegeben.2

  1. Wörtlich: "denen, die deinen Namen fürchten".
  2. Gott hat sich zu David bekannt. Das Land ist den Empörern wieder entrissen worden. Auf diese Tatsache gründet nun David die Bitte in V7.

7 Den König laß lange leben, / Laß seine Jahre für immer währen!

8 Er throne ewig vor Elohim! / Deine Huld und Treue laß ihn behüten!1 Dann will ich stets deinen Namen preisen, / Dir meine Gelübde täglich bezahlen.2

  1. In V7 und 8 ist nicht von David allein die Rede, sondern von seinem Hause, besonders von dem kommenden Davidssohn und —herrn.
  2. Für die Erfüllung der Bitten in V7 und 8 will der Psalmist sein Leben lang dankbar sein.

Chapter 62

1 Dem Sangmeister Jedutun zum Vortrag übergeben.1 Ein Psalm Davids.

  1. Vgl. die Überschrift von Ps. 39.

2 Ja, Elohims harrt still meine Seele, / Von ihm kommt mein Heil.

3 Ja, er ist mein Fels und mein Heil, / Meine Burg — ich werde nicht wanken!

4 Wie lange stürmt ihr noch ein auf einen einzelnen Mann, / Sucht alle ihn niederzuwerfen? Aber ihr seid / Wie eine sinkende Wand, eine stürzende Mauer!1

  1. Die Feinde stürmen auf David ein, um ihn vom Thron zu stoßen. Aber sie sind selbst dem Sturz nahe und werden vom Verderben übereilt werden.

5 Ja, von seiner Höhe beschließen sie ihn zu stürzen. / Drum haben sie Lust an der Lüge. / Sie segnen mit ihrem Munde, / Aber im Herzen fluchen sie.1 Sela.

  1. Davids Feinde heucheln, um ihr Ziel zu erreichen und ihn zu stürzen.

6 Ja, Elohims harr ich still, meine Seele, / Denn meine Hoffnung kommt von ihm.1

  1. Der Psalmist verzichtet auf alle Selbsthilfe; er gibt sich still und vertrauensvoll in Gottes Hand.

7 Ja, er ist mein Fels und mein Heil, / Meine Burg — ich werde nicht wanken!

8 Auf Elohim ruhn meine Hilfe und Ehre; / Mein starker Fels, meine Zuflucht ist in Elohim.

9 Traut ihm, ihr Leute, zu aller Zeit! / Schüttet vor ihm eure Herzen aus! / Elohim ist unsre Zuflucht. Sela.

10 Nur ein Hauch sind Leutesöhne.1 / Lüge sind Herrensöhne;2 / Auf der Waage schnellten sie sicher empor.3 / Allzumal sind sie ein Hauch.4

  1. Vgl. Ps 49:3. Die geringen Menschen sind allesamt nichts.
  2. Die Vornehmen sind Lüge, weil sie nur den Schein haben, als wären sie etwas.
  3. So leicht sind die Herrensöhne, die Vornehmen.
  4. Alle Menschen ohne Unterschied, vornehm oder gering, sind nichts.

11 Vertraut nicht auf erpreßtes Gut,1 / Laßt euch nicht blenden durch Raub!2 / Wächst das Vermögen, so achtet nicht drauf!3

  1. Das ihr durch ungerechten Erwerb gewonnen habt.
  2. Meint nicht, das durch unlautere Mittel Erworbene habe Bestand.
  3. Denkt nicht, ein großes Vermögen sei euch ein großes Glück und man müsse Achtung davor haben.

12 Einmal, zweimal1 hat Elohim geredet, was ich gehört: / Elohims ist die Macht. "Aber bei dir, Adonái, ist auch die Gnade."2 / Denn du vergiltst einem jeden nach seinem Tun.3

  1. D.h. mehr als einmal, schon oft.
  2. Es sind zwei wichtige Wahrheiten, die Gott durch sein Walten dem Psalmisten eingeprägt hat: 1. Gott ist allmächtig, seinem Willen kann niemand widerstehen, und 2. Gott ist gnädig; das erfährt jeder, der sich seinem Willen ergibt.
  3. Vgl. Rö 2:6. Gottes strafende Macht und seine heilende Gnade erfährt der Mensch je nach seinem Verhalten.

Chapter 63

1 Ein Psalm Davids, als er in der Wüste Juda war.1

  1. Auf seiner Flucht vor Absalom weilte David, ehe er den Jordan überschritt, etwa zwei Tage in der Wüste Juda, jener traurigen Einöde, die sich an der Westseite des Toten Meeres hinzieht. 2Sa 15:23,28, 16:2, 17:16 Die Wüste, die David umgibt, wird ihm ein Bild seines inneren Zustandes. Die angeführten Schriftstellen zeigen uns, wie er leiblich ermattet war. Aber auch geistlich fühlte er sich schwach und elend, weil er fern von dem Heiligtum auf Zion war. Diese Stimmung spricht sich aus in unserem Psalm, der in der alten Kirche in dem sonntäglichen Morgengottesdienst gesungen wurde.

2 Elohim, mein Gott bist du; dich suche ich. / Es dürstet nach dir meine Seele; / es schmachtet nach dir mein Leib / Im dürren Lande — da ist er ermattet aus Wassermangel.

3 So1 hab ich einst nach dir im Heiligtum geschaut,2 / Um deine Macht und Herrlichkeit zu sehn.3

  1. In solch sehnlichem Verlangen.
  2. Wenn ich dort in Andacht weilte und zu dir betete.
  3. Er wollte in seiner Andacht einen Einblick in Gottes Wesen, namentlich in seine Macht und Herrlichkeit, gewinnen.

4 Denn deine Gnade ist besser als Leben;1 / Meine Lippen sollen dich loben.

  1. Der Besitz der göttlichen Gnade ist besser als das leibliche Leben; ja, dieser Besitz ist das höchste Gut, das wahre Leben.

5 So1 will ich dich preisen mein Leben lang, / In deinem Namen2 die Hände erheben.

  1. In sehnlichem Verlangen nach dir.
  2. Indem ich deinen Namen in gläubigem Gebet anrufe.

6 Dann bin ich satt wie von Mark und Fett.1 / Und mit jubelnden Lippen lobsingt mein Mund,

  1. In diesem Gebetsverkehr findet der Psalmist die vollkommenste Sättigung, wenn er auch jetzt in der Wüste darben muß.

7 Wenn ich dein gedenke auf meinem Lager, / In den Nachtwachen über dich sinne.1

  1. Und an Stoff zum Nachsinnen fehlt es ihm nicht; davon redet V8.

8 Denn du bist mein Beistand gewesen, / Im Schatten deiner Flügel juble ich.

9 Meine Seel bleibt treu bei dir, / Mich hält deine Rechte fest.1

  1. Er hält fest an Gott, und Gott hält ihn fest.

10 Doch sie, die mein Leben mir rauben wollen — / In die Tiefen der Erde sollen sie fahren!1

  1. Es wird ihnen gehen wie der Rotte Korah.

11 Man wird sie dem Schwert übergeben, / Sie müssen der Schakale Beute sein.1 Doch der König wird in Elohim sich freun. / Es rühmt sich jeder, der bei ihm2 schwört. / Denn der Lügner Mund muß verstummen.

  1. Ihre Leichname sollen unbegraben bleiben.
  2. Bei Elohim. 5Mo 6:13

Chapter 64

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.1

  1. In der uns bekannten Lebensgeschichte Davids läßt sich kein Zeitpunkt bestimmen, für den dieser Psalm paßte.

2 Hör, Elohim, mein klagendes Rufen, / Vor dem schrecklichen Feinde bewahre mein Leben!

3 Schütze mich vor der Frevler Rotte, / Vor dem lärmenden Haufen der Übeltäter!

4 Sie schärfen ihre Zunge wie Schwerter, / Spannen als Pfeile verwundende Reden.

5 Sie schießen heimlich den Frommen, / Treffen ihn plötzlich ohne Scheu.1

  1. Ohne Scheu vor Gott und Menschen.

6 Sie nehmen sich fest das Böse vor; / Sie beschließen, Schlingen zu legen, / Und fragen: "Wer wird sie1 sehn?"

  1. Die Schlingen oder Fallstricke.

7 Sie erdenken Frevel: "Wir haben's vollendet, der Plan ist ersonnen!" / Eines jeden1 Herz ist ein Abgrund.

  1. Gemeint ist jeder der vorhin genannten Frevler.

8 Aber da trifft sie Gott mit dem Pfeil: / Plötzlich sind ihre Wunden da!

9 Ihre eigne Zunge bringt sie zu Fall.1 / Die auf sie sehen, schütteln den Kopf.2

  1. Mit ihrer verleumderischen Zunge wollten sie andere vernichten; nun kommt über sie selbst das Verderben, das sie andern bereiten wollten.
  2. Vor Staunen und Verwunderung über das Schicksal, das die Frevler trifft.

10 Da fürchten sich alle, / Verkünden das Tun Elohims / Und betrachten sein Werk.1 Der Gerechte freut sich in Jahwe und fliehet zu ihm.2 / Sein3 rühmen sich alle redlichen Herzen.

  1. Das Gericht über die Frevler erfüllt alle, die des Zeugen sind, mit heilsamer Furcht vor Gott.
  2. Für die Gerechten ist Gottes Gericht über die Frevler und die Errettung seines von ihnen bedrohten treuen Knechtes tröstlich und glaubenstärkend.
  3. Gottes.

Chapter 65

1 Dem Sangmeister, ein Psalm Davids. Ein Lied.1

  1. Kurzer Inhalt des 65. Psalms: V2-5: Dank für Gottes geistliche Segnungen, V6-9: Dank für Gottes Wirken zum Heil Israels inmitten der Völkerwelt, V10-14: Dank für den Erntesegen.

2 Dir gebührt,1 Elohim, in Zion ein Lobgesang, / Dir soll man Gelübde bezahlen.

  1. Nach LXX

3 Du erhörest Gebete; / Drum kommen alle Menschen zu dir.

4 Sind meine Sünden mir unerträglich — / Du wirst unsre Frevel vergeben.

5 Heil dem, den du erwählst und nahen lässest, / Daß er weile in deinen Höfen!1 / Laß uns deines Hauses Segen genießen, / Deines heiligen Tempels Segen!

  1. In den Vorhöfen deines Tempels.

6 In Huld erhörst du uns furchtbar,1 Gott unsers Heils. / Dir vertraun alle Enden der Erde und fernen Meere.

  1. "In furchtbaren, gewaltigen Taten." Man denke hier nur an die Taten Gottes bei dem Auszug der Israeliten aus Ägypten.

7 Er1 festigt die Berge durch seine Kraft, / Er ist umgürtet mit Stärke.

  1. Gott. Die Rede geht von der zweiten (V6) in die dritte Person über.

8 Er stillet das Brausen des Meeres, seiner Wellen Gedröhn / Und das Tosen der Völker.1

  1. Die Völker gleichen dem wild brausenden Meer.

9 Drum zittern die fernsten Erdbewohner vor deinen Zeichen. / Ost und West erfüllst du mit Jubel.1

  1. Indem er dem Kriegsgetöse Ruhe gebietet und Frieden auf Erden walten läßt.

10 Du hast des Landes gedacht,1 ihm Fülle verliehn, / Es mit Reichtum begabt. / Der Bach Elohims war mit Wasser gefüllt.2 / Du hast den Menschen Getreide geschenkt, / Hast das Land so3 fruchtbar gemacht.

  1. Gemeint ist Kanaan, das Land Israels.
  2. D.h. der Regen floß reichlich auf die Felder herab.
  3. Indem du reichlich Regen gegeben hast.

11 Des Erdreichs Furchen hast du getränkt, seine Schollen erweicht,1 / Es durch Regen gelockert / Und sein Gewächs gesegnet.

  1. Durch ergiebigen Regen.

12 Du hast das Jahr deiner Güte gekrönt,1 / Und deine Geleise triefen von Fett.2

  1. Das Jahr selbst ist schon ein Jahr der göttlichen Güte, weil es Gott in seiner Güte beschert hat. Aber der Erntesegen ist nun die Krone, die Gott dem Jahr aufgesetzt hat.
  2. Gott fährt gleichsam auf einem von Segen überströmenden Wagen durch das Land. Wo der Wagen Geleise zurückläßt, da ist der Boden fruchtbar.

13 Es triefen die Auen der Steppe,1 / Mit Jubel die Hügel sich gürten.2 Es sind die Fluren mit Herden bedeckt, / Die Täler mit Korn gehüllt — / Alles jauchzet und singt!

  1. Wo die Herden weiden.
  2. Die Hügel haben ein fröhliches Aussehen.

Chapter 66

1 Dem Sangmeister. Ein Lied. Ein Psalm. / Jauchzt Elohim, alle Lande,

2 Besingt seines Namens Ehre, / Preiset ihn herrlich!

3 Sprecht zu Elohim: "Wie hehr sind deine Werke!1 / Ob deiner großen Macht schmeicheln dir deine Feinde.2

  1. D.h. sie erfüllen mit Scheu und Ehrfurcht.
  2. Vgl. Ps 18:45. Die Feinde drücken ihre Unterwerfung nur in demütig klingenden Worten aus, während sie im Herzen ganz anders denken.

4 Alle Welt muß dir sich beugen und lobsingen, / Lobsingen deinem Namen!" Sela.

5 Kommt, schauet die Taten Elohims! / Hehr waltet er unter den Menschenkindern.

6 Er wandelte Meer in trocknes Land, / Daß man den Strom zu Fuß durchzog.1 / Drum wollen wir uns sein freun.2

  1. Ein Hinweis auf den Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer und den Jordan, 2Mo 14:21-22, Jos 3:14-17, 4:22-23 doch so, daß diese Taten Gottes als Sinnbilder fortwährender ähnlicher Gnadenerweisungen an sein Volk aufgefaßt werden.
  2. Noch heute freut sich Israel über diese großen Taten Gottes in der Vergangenheit.

7 Ewig herrscht er in seiner Macht. / Seine Augen schauen die Völker an: / Die Empörer dürfen sich nicht erheben.1 Sela.

  1. Man denke hier nur an die Gott widerstrebenden Ägypter, die mit schweren Plagen heimgesucht wurden.

8 Preiset, ihr Völker, unsern Gott, / Laßt laut sein Lob erschallen!

9 Er hat uns am Leben erhalten / Und unsern Fuß nicht wanken lassen.

10 Denn du hast uns geprüft, Elohim, / Hast uns wie Silber geläutert:1

  1. Gott hat sein Volk in dem Schmelzofen des Leidens reinigen und bewähren wollen, ein Bild, das namentlich bei Jesaja und Jeremia vorkommt.

11 Du hast uns ins Gefängnis geführt,1 / Auf unsre Lenden Last gelegt.2

  1. Läßt sich das hier gebrauchte hebräische Wort richtig mit "Gefängnis" übersetzen, so liegt an dieser Stelle vielleicht ein Hinweis auf die babylonische Gefangenschaft vor. Dazu paßt auch V11b und 12a und b.
  2. Das mit "Last" übersetzte hebräische Wort ist unsicher.

12 Du hast uns Menschen zu Herren gesetzt;1 / Wir sind in Feuer und Wasser geraten —2 / Aber du hast uns hinausgeführt, / Daß wir reiche Fülle genießen.3

  1. Wörtlich: "Du hast Menschen auf unserem Haupt reiten lassen."
  2. Das Verbrennen und Ertrinken sind ein Bild der Todesgefahr und des Untergangs.
  3. Du hast uns nicht nur aus der äußersten Not errettet, sondern uns auch Glück und Überfluß beschert.

13 Drum komm ich mit Brandopfern in dein Haus,1 / Will dir meine Gelübde bezahlen,

  1. Von V13 ab redet der Dichter von einer besonderen Errettung, die ihm persönlich zuteil geworden ist.

14 Die1 meine Lippen kundgetan, / Die mein Mund geredet in meiner Not.

  1. Nämlich: "meine Gelübde".

15 Als Brandopfer bring ich dir feiste Schafe / Zugleich mit der Widder Opferrauch, / Ich opfre Rinder samt Böcken. Sela.

16 Kommt her, hört zu, ihr Gottesfürchtigen alle! / Erzählen will ich, was er mir getan.

17 Zu ihm rief ich mit meinem Munde — / Und Lobpreis war auf meiner Zunge.1

  1. Kaum hatte der Psalmist den Mund zur Bitte geöffnet, da konnte er auch schon für die gewährte Hilfe danken.

18 Hegte ich Böses in meinem Herzen, / Adonái würde nicht hören.1

  1. Warum wird der Psalmist so bald erhört, wie er es in V17 ausspricht? Weil er in rechter Aufrichtigkeit des Herzens gebetet hat.

19 Aber Elohim hat mich erhört, / Er hat gemerkt auf mein lautes Flehn.

20 Gepriesen sei Elohim! Er hat mein Gebet nicht abgewiesen, / Seine Gnade mir nicht entzogen.

Chapter 67

1 Dem Sangmeister, mit Saitenspielbegleitung. Ein Psalm, ein Lied.

2 Elohim sei uns gnädig und segne uns, / Lasse bei uns sein Antlitz leuchten!1 Sela.

  1. Dieser Segenswunsch schließt sich an den aaronischen Segen 4Mo 6:24-25.

3 So erkennt man auf Erden deinen Weg,1 / Dein Heil unter allen Völkern.2

  1. Dein heilvolles Walten in der Hinausführung deines Ratschlusses.
  2. Je gnadenreicher sich Gott seinem erwählten Bundesvolk bezeugt, desto mehr verbreitet sich von Israel aus Gottes Erkenntnis über die ganze Erde.

4 Völker sollen dich preisen, Elohim, / Es sollen dich preisen die Völker alle.

5 Die Leute freun sich und frohlocken, / Daß du die Völker recht regierst / Und die Leute auf Erden leitest. Sela.

6 Völker sollen dich preisen, Elohim, / Es sollen dich preisen die Völker alle.

7 Das Land hat seinen Ertrag geschenkt, / Elohim, unser Gott — er hat uns gesegnet. Elohim wird uns auch ferner segnen, / Und fürchten werden ihn alle Enden der Erde.1

  1. Jedes Erntefest soll für Israel ein neuer Beweis sein, daß Gott mit ihm ist, und ein Unterpfand, daß Gott von Israel aus sein Heil auch zu allen Völkern der Erde kommen lassen wird.

Chapter 68

1 Dem Sangmeister. Von David. Ein Psalm. Ein Lied.

2 Elohim steht auf: seine Feinde zerstieben, / Und seine Hasser fliehen vor ihm.

3 Wie Rauch verweht, verwehest du sie. / Wie Wachs vor Feuer zerschmilzt, / So müssen die Frevler vor Gott vergehn.

4 Doch die Gerechten sollen sich freun, sie sollen frohlocken vor Elohim / Und sich ergötzen in Wonne.

5 Singt Elohim, spielt seinem Namen, / Preist ihn, der auf Wolken einherfährt! / Jah ist sein Name: jauchzet vor ihm!

6 Ein Vater der Waisen und Anwalt der Witwen / Ist Elohim in seiner heiligen Wohnstatt.

7 Verlassen gibt Elohim ein Heim, / Er führt Gefangene aus zum Glück. / Doch die Abtrünnigen bleiben im dürren Land.

8 Elohim, als du vor deinem Volk herzogst, / Als du durch die Wüste schrittst, — Sela. —

9 Da bebte die Erde, / Auch die Himmel troffen vor Elohim; / Der Sinai da — (er bebte) vor Elohim, / Israels Gott.

10 Mit reichlichem Segen besprengst du, Elohim, dein Erbe; / Und war es ermattet, hast du es erquickt.

11 Deine Schar fand Wohnung darin.1 / Gütig hast du den Armen2 versorgt, Elohim.

  1. In der Wüste.
  2. Dein armes, in sich selbst ohnmächtiges und elendes Volk.

12 Adonái ließ mächtigen Ruf erschallen.1 / Siegkünderinnen gab es in großer Zahl.2

  1. Die Kämpfe Israels mit den Königen Kanaans in den Tagen Josuas und der Richter werden nicht einfach nacheinander aufgezählt, sondern in kurzen Zügen, in wenigen, aber treffenden Worten, die bei einer oberflächlichen Betrachtung keinen rechten Zusammenhang zu haben scheinen, werden uns jene großen Ereignisse vor die Augen geführt. Mit V12a werden wir sofort mitten in die Handlung hineinversetzt. Gewaltige Kämpfe werden geführt, und herrliche Siege werden durch Gottes Hilfe errungen. Nun läßt Gott "mächtigen Ruf erschallen," indem er die Kunde von diesen Siegen dem ganzen Volk mitteilen läßt.
  2. Weil die Siege so zahlreich sind, darum gibt es auch eine große Zahl Siegesbotinnen. Das waren besonders die Frauen und Jungfrauen Israels, die mit Gesang und Pauken den Sieg unter dem Volk feierten.

13 Mit ihren Scharen flohen die Könige, flohen, / Und die Hausfrau verteilte die Beute.1

  1. Brachten die Männer aus den Kämpfen reiche Beute nach Hause, so wurden deren einzelne Stücke, wie es scheint, den Hausfrauen gegeben, die sie weiter verteilten. vgl. Ri 5:30, 2Sa 1:24

14 Wenn ihr zwischen den Hürden lagt, / Waren der Taube Flügel mit Silber bezogen / Und ihre Schwingen mit gelblichem Gold.1

  1. Nach den vielen, schweren Kämpfen konnte Israel endlich friedlich und sicher im Land Kanaan wohnen, wie eine Herde lagert in ihrer Hürde. Da sah es aus, als ob ein Flug Tauben sich niedergelassen hätte, in deren schönem Gefieder die Sonne spielte.

15 Als der Allmächtige Könige dort1 zerstreute, / Fiel Schnee auf Zalmon.2

  1. Im Land Kanaan.
  2. Auch diese Worte sind wie die unmittelbar vorangehenden bildlich zu verstehen. Dem Bewohner Kanaans ist ein mit Schnee bedeckter Berggipfel ein herzerquickender Anblick, und das schneegekrönte Haupt des Berges Zalmon in Efraim Ri 9:48 scheint für David ein besonders erfreuliches Bild gewesen zu sein. Ein schneebedeckter Berg spendet Kühlung und Erfrischung. So kam für Israel, als der Allmächtige die Könige Kanaans zerstreut hatte, eine wohltuende Ruhe, "eine Zeit der Erquickung nach der Hitze des Streits," wie es in der Übersicht kurz ausgedrückt ist.

16 Ein Berg Elohims ist Basans Gebirge,1 / Reich an Gipfeln ist Basans Gebirge.

  1. Das Gebirge Basans heißt "ein Berg Elohims," weil es sich unter den anderen Bergen des Landes als eine majestätische Schöpfung Gottes hervorhebt, die durch ihre kühnen Felsmassen den Eindruck finsterer Hoheit und stolzer Unbezwingbarkeit macht.

17 Was blickt ihr so scheel, ihr Berge, ihr Gipfel, / Auf jenen Berg, den sich Elohim zum Wohnsitz erkoren? / Ja, Jahwe wird ewig dort thronen.

18 Der Wagen Elohims sind Zehntausende, tausend und abertausend,1 / Adonái weilt unter ihnen, / Der Sinai ist im Heiligtum.2

  1. Der gehäufte Ausdruck bezeichnet eine unzählbare Menge. Feuerwagen und Feuerrosse erscheinen 2. Kön. 2,11; 6,17 als Bild der Engelmächte. vgl. Da 7:10
  2. Gott will sich auf Zion ebenso mächtig und herrlich erweisen wie einst bei der Gesetzgebung am Sinai.

19 Du bist zur Höhe emporgestiegen, du hast Gefangne weggeführt, / Hast Gaben an Menschen empfangen, / Auch Widerspenstige sollen wohnen bei Jah Elohim.1

  1. Zur Höhe Zions vgl. Jer 31:12, Hes 17:23 stieg Gott empor an dem Tage, da die Bundeslade feierlich von David dorthin gebracht wurde. Gefangene führte Gott weg, als er David Gnade gab, die Burg Zion aus der Hand der Jebusiter zu gewinnen, 2Sa 5:6-10 wodurch Gott sich gleichsam den Weg bahnte, zum Berg Zion emporzusteigen. Endlich "Gaben an Menschen" empfing Gott insofern, als David Priester und Leviten zum besonderen Dienst Gottes und seines Heiligtums auf Zion bestellte. 1Ch 15:2-5, 16:4-8, 37, 38 Und nicht nur seinen Getreuen wollte Gott von Zion aus seinen Segen spenden, sondern auch auf "Widerspenstige," wenn sie sich von ihrem Ungehorsam bekehrten, sollte sich Gottes Gnade erbarmend niederlassen. / In Eph 4:8 deutet Paulus V19, den Kernvers des 68. Psalms, auf die Himmelfahrt Christi und die Sendung des Heiligen Geistes. Aber er führt den Vers nicht wörtlich an. Während David von Gott sagt: "Du hast Gaben an Menschen empfangen," schreibt der Apostel Paulus von dem erhöhten Christus: "Er hat den Menschen Gaben gegeben." — Bevor Gott seinen Wohnsitz auf Zion nahm, überwand er durch David die seinem Volk feindlichen Scharen der Philister, Amalekiter und Jebusiter. 1Sa 23:29, 2Sa 5:6-10 So hat auch Christus, ehe er zur Höhe seines himmlischen Königsthrons emporstieg, mächtige Feinde besiegt: Sünde, Tod und Teufel. Aber er hat auch "Gaben an Menschen" empfangen; denn der Vater hat dem Sohn eine Auswahl aus der Menschheit, nämlich die Kirche, zum besonderen Eigentum geschenkt. Joh 17:6 Und diesen Menschen, die Christus vom Vater empfangen hat, hat er nun seinerseits Gaben gegeben. Diese Gaben sind jedoch nicht unpersönliche Kräfte oder Einflüsse, sondern lebendige Personen: "Er hat einige gegeben als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer." Eph 4:11 In der Einen großen Gabe des Heiligen Geistes, der am Pfingsttag ausgegossen wurde, waren also auch diese vier Gaben des erhöhten Christus: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer mit enthalten. So zeigt uns der Apostel Paulus, daß der 68. Psalm eine prophetische Bedeutung für die christliche Kirche hat. Er ist das erhabene Siegeslied, worin die Erhöhung Christi und die Ausgießung des Heiligen Geistes mit der wunderbaren Fülle ihrer gnadenreichen Wirkungen prophetisch verherrlicht wird. Ja, vielleicht läßt uns dieser Psalm einen Blick tun in die Geschichte der Kirche vom Pfingstfest an bis zu der Wiederkunft Christi und der Aufrichtung seines Reiches.

20 Gepriesen sei Adonái! / Er trägt uns Tag für Tag; / Er, Gott, ist unsre Hilfe. Sela.

21 Er, Gott, ist uns ein Gott, der rettet: / Jahwe Adonái hat Ausgangswege auch für den Tod.

22 Ja, Elohim zerschellt seiner Feinde Haupt. / Den Haarscheitel des, der stolz einhergeht in seiner Sündenschuld.1

  1. "Das Haupt der Feinde" des Herrn, "das Haupt über weites Land," Ps 110:6 der Mann, der mit erhobenem Haarscheitel, in gewaltiger Kraft und unbußfertigem Übermut stolz in seiner Sündenschuld einherschreitet, dies ist der Mensch der Sünde, der Widerchrist. 2Th 2:3

23 Gesprochen hat Adonái: "Aus Basan bring ich (dich) heim,1 / Bring (dich) heim aus Meerestiefen,2

  1. Gott will Israel am Ende der Tage aus Basan, d.h. aus allen Ländern, wohin es zertreut worden ist, nach Kanaan zurückführen.
  2. Die Meerestiefen sind wohl ein Bild des Totenreiches; dann wäre hier ein Hinweis auf die Auferstehung.

24 Damit dein Fuß sich bade in Blut, / Deiner Hunde Zunge ihr Teil an den Feinden habe."1

  1. Vgl. Off 19:17-21.

25 Man wird deinen Prachtzug sehn, Elohim, / Meines Gottes, meines Königs Zug ins Heiligtum hinein:1

  1. "Was nun V25-28 geschildert wird, ist nicht Freude über einen in nächster Vergangenheit errungenen Sieg, nicht die Freude über die vorzeitige Erlösung am Schilfmeer, sondern die Freudenfeier Israels, wenn es die Gerichts- und Erlösungstat seines Gottes erlebt haben wird" (Franz Delitzsch).

26 Sänger schreiten voran, dann folgen Saitenspieler / Inmitten Pauken schlagender Jungfraun:1

  1. Sie schlagen mit Handpauken den Takt des Festreigens.

27 "In Chören preist Elohim,1 / Preist Adonái, ihr aus Israels Born!"2

  1. V27 ist der Anfang des Gesanges.
  2. Israel ist hier der Erzvater Jakob, von dem das Volk wie aus seinem Quellbrunnen stammt. vgl. Jes 48:1, 51:1

28 Da ist Benjamin der Kleine mit ihrem Herrscher:1 / Den Fürsten Judas in ihrem Purpur.2 / Da sind Sebulons Fürsten, Naftalis Fürsten.3

  1. In der Festversammlung sind alle Stämme Israels mit ihren Fürsten vertreten. Es werden je zwei der südlichen (Benjamin und Juda) und der nördlichen Stämme (Sebulon und Naftali) genannt. Benjamin heißt "der Kleine" oder "der Jüngste:" er war ja Jakobs jüngster Sohn, und der Stamm war klein nach dem Umfang seines Gebiets und der Zahl seiner Bewohner. Der hebräische Text ist in V28a dunkel. Die englische Bibelübersetzung hat "mit ihrem Herrscher," als lauteten die Worte: zair im rodem. Der "Herrscher" sind dann wohl die im folgenden genannten Fürsten Judas; denn Juda war der königliche Stamm.
  2. So übersetzt der Kirchenvater Hieronymus.
  3. Sebulon und Naftali werden in dem Siegeslied der Debora Ri 4:6, 5:18 wegen ihrer todesmutigen Vaterlandsliebe besonders gefeiert.

29 Verordnet hat dein Gott, daß du so mächtig seist.1 / Stärke drum, Elohim, was du uns bereitet!

  1. In V29-36 beschreibt der Psalmist, welche Folgen die künftige Erlösungstat Gottes an Israel inmitten der Völkerwelt haben wird.

30 Von deinem Tempel aus (walte du) über Jerusalem:1 / Dir sollen Könige Gaben bringen.

  1. Jerusalem mit seinem Tempel soll für die Völker der Erde der geistliche Mittelpunkt in dem künftigen messianischen Reich sein (z.B. Jes 2:2-5, 61:8-10, 66:23, Sac 14:16-18.

31 Bedrohe das Tier des Schilfs,1 der Stiere Schar mit den Völkerkälbern,2 / Damit sie sich niederwerfen mit Silberstücken!3 / Zerstreue die Völker, die Kriege lieben!

  1. Wahrscheinlich ist das Nilpferd gemeint, der Behemoth, Hio 40:21 ein Bild Ägyptens (vgl. Jes 30:6 nach richtiger Übersetzung "Der Behemoth des Mittagslandes").
  2. Die Stiere bedeuten die Herrscher und Gewaltigen; die Kälber sind die Völker, über die diese Stiere herrschen.
  3. Zum Zeichen der Huldigung.

32 Aus Ägypten werden Gesandte1 kommen, / Kusch2 eilt her und bringt Elohim seine Gaben.

  1. So nach LXX
  2. Äthiopien. vgl. Apg 8:26-39

33 Ihr Reiche der Erde, singt Elohim, / Preist Adonái mit Saitenspiel! Sela.

34 Preist ihn, der da fährt durch die Himmel, die Himmel der Urzeit! / Er läßt seine Stimme erschallen, seine mächtige Stimme.1

  1. Vgl. Off 21:5a.

35 Gebt Elohim die Ehre! / Über Israel thront seine Hoheit, / In den Wolken ist seine Macht! Hehr bist du, Elohim, von deinen Heiligtümern aus. / Israels Gott — er gibt seinem Volke Macht und Kraft.1 / Gepriesen sei Elohim!

  1. Ja, hehr und herrlich wird Gott sich einst offenbaren von seinen "Heiligtümern" aus, nämlich aus dem himmlischen und dem irdischen Jerusalem, wenn die "Macht" des Auferstandenen die "Kräfte" der zukünftigen Welt in ihrer ganzen Fülle erscheinen.

Chapter 69

1 Dem Sangmeister, nach (der Weise von:) "Lilien".1 Von David.

  1. Vgl. Ps 45:1.

2 Hilf mir, Elohim, / Denn die Wasser bedrohen mein Leben!

3 Versunken bin ich in tiefen Morast und kann nicht stehn; / Ich bin geraten in Wasserstrudel, es hat mich die Flut überströmt.

4 Ich bin müde vom Schrein, meine Kehle ist heiser; / Erloschen sind meine Augen, während ich harre auf meinen Gott.

5 Zahlreicher als meines Hauptes Haare sind, die mich grundlos hassen. / Mächtig sind, die mich zu vernichten suchen, / Die mich mit Unrecht befeinden. / Was ich nicht geraubt, das soll ich erstatten!

6 Elohim, du kennst meine Torheit, / Und mein Verschulden ist dir nicht verborgen.1

  1. Ehe der Psalmist sein Leiden beschreibt, bekennt er bußfertig, daß er es verdient hat.

7 Laß nicht in mir zuschanden werden, die auf dich harren, / Adonái Jahwe der Heerscharen (Herr)!1 / Laß nicht um meinetwillen in Schimpf geraten, / Die dich, Gott Israels, suchen!

  1. D.h. laß durch meinen Untergang nicht den Glauben aller derer zuschanden werden, die ebenso wie ich ihr Vertrauen auf deine Hilfe und Gnade gesetzt haben. Der Psalmist fürchtet also, der Glaube der Frommen könne leiden, wenn er selbst keine Erhörung finde.

8 Denn meinetwegen habe ich Schmach ertragen, / Hat Schande mein Antlitz bedeckt.1

  1. Der Psalmist leidet also im Dienst Gottes und zur Ehre seines Namens.

9 Fremd bin ich meinen Brüdern geworden / Und unbekannt meiner Mutter Söhnen.1

  1. Selbst seine leiblichen Brüder wollen nichts mehr von ihm wissen.

10 Denn der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt, / Und die Lästerungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.1

  1. Der Eifer um den Tempel ist die Ursache seines Leidens, und sein treues Festhalten an dem Gesetz erregt den Spott der Weltmenschen.

11 Wenn ich weinte bei meinem Fasten, / So ward ich deshalb verhöhnt.1

  1. Er fastet und trauert wegen der Sünde seines Volkes, aber deshalb wird er desto mehr verspottet.

12 Und zog ich an ein härenes Kleid,1 / So trieben sie ihren Spott mit mir.

  1. Zum Zeichen der Trauer.

13 Die im Tore sitzen, schwatzen von mir, / Die Lieder der Zecher verhöhnen mich.1

  1. Überall, im Tore, wo nicht nur die Gerichtsverhandlungen stattfanden und Geschäfte erledigt wurden, sondern wo man sich auch gesellig versammelte, und bei Zechgelagen wird der Psalmist durchgehechelt und verspottet.

14 Ich aber, Jahwe, bete zu dir; nimm du es gnädig auf!1 / Antworte mir, Elohim, nach deiner großen Güte, / Nach deiner Treue, die Hilfe schenkt!

  1. Dem Hohn und Haß seiner Feinde setzt der Psalmist sein anhaltendes Gebet entgegen.

15 Entreiß mich dem Schlamm, daß ich nicht versinke! / Von meinen Feinden errette mich, / Zieh mich aus den Wassertiefen!

16 Laß mich die Fluten nicht überströmen, / Laß den Strudel mich nicht verschlingen, / Nicht schließe der Brunnen sich über mir!

17 Erhöre mich, Jahwe; denn deine Huld ist köstlich; / Nach deinem großen Erbarmen kehr dich zu mir!

18 Verbirg dein Antlitz nicht vor deinem Knechte! / Denn mir ist angst; antworte mir eilends!

19 O nahe du meiner Seele, erlöse sie, / Um meiner Feinde willen mache mich frei!1

  1. Gottes Ehre wird es nicht zulassen, daß der Gerechte von seinen Feinden vernichtet wird.

20 Du weißt ja, daß Schmach und Schande und Schimpf mein Teil gewesen; / All meine Dränger sind dir bekannt.

21 Die Schmach hat mein Herz gebrochen: ich sieche dahin. / Ich dachte, Mitleid zu finden, doch nein! / Ich hoffte auf Tröster und fand sie nicht.

22 Vielmehr ward mir Gift in die Speise gemischt, / Mit Essig tränkte man mich in meinem Durst.

23 Ihr Tisch soll ihnen zur Schlinge werden, / Zum Fallstrick, während sie sorglos sind.1

  1. Der in der Wüste übliche Tisch ist eine auf den Boden hingebreitete Lederdecke; so versteht man den Übergang des Tisches in eine Schlinge (Franz Delitzsch). Das Bild sagt: Laß sie mitten in ihrem Glück und Überfluß, während sie sicher und sorglos dahinleben, vom Verderben übereilt werden!

24 Ihre Augen sollen finster werden und nicht mehr sehn. / Ihre Hüften laß immerdar wanken!

25 Gieß deinen Grimm auf sie aus, / Und deine Zornglut treffe sie!

26 Ihr Lager soll wüste werden,1 / In ihren Zelten sei kein Bewohner!

  1. Gemeint ist das Zeltlager der Nomaden, das von einem Zaun aus aufgeschichteten Steinen umgeben ist.

27 Denn den du geschlagen, verfolgen sie1 / Und erzählen von deiner Durchbohrten Schmerz.2

  1. Über den du, o Gott, zu seiner Züchtigung und Läuterung Leiden hast kommen lassen, den verfolgen sie noch mehr.
  2. Ist hier vielleicht an solche zu denken, die wegen ihres Eintretens für Gottes Wahrheit von den Feinden "durchbohrt" sind, die also den Märtyrertod erlitten haben und über die nun die Gottlosen noch höhnen und spotten?

28 Mehre du ihre Sündenschuld1 / Und laß sie dein Heil nicht erlangen!

  1. Damit auch ihre Strafe um so größer werde.

29 Tilge sie aus dem Lebensbuch / Und mit den Frommen schreib sie nicht auf!1

  1. Trage ihre Namen nicht in das Buch des Lebens ein!

30 Doch ich bin gebeugt und schmerzbeladen, / Deine Hilfe, Elohim, sie wird mich schützen.

31 Dann will ich den Namen Gottes im Liede rühmen / Und ihn mit Danken erheben.

32 Das wird Jahwe besser gefallen als Rinder, / Als Stiere mit Hörnern und Klauen.1

  1. Die Opfer der Lippen in Lobpreis und Gebet sind Gott wohlgefälliger als die Opfer von Tieren.

33 Sehen das Dulder,1 so freuen sie sich. / Die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!2

  1. Wie der Psalmist sein Dankopfer darbringt.
  2. Durch die Errettung des gerechten Dulders sollen die Frommen in ihrem Glauben und Gottvertrauen gestärkt werden.

34 Denn Jahwe merkt auf die Armen, / Seine Gefangnen1 verachtet er nicht.

  1. Die um Gottes willen Gefängnis und Elend erdulden müssen.

35 Es sollen ihn loben Himmel und Erde, / Die Meere und alles, was drinnen sich regt.

36 Denn Elohim wird Zion helfen / Und bauen die Städte Judas, / Daß man dort wohne und sie besitze. Seiner Knechte Nachkommen werden sie1 erben; / Und die seinen Namen lieben, / Sollen darin ihre Wohnung haben.

  1. Die Städte Judas.

Chapter 70

1 Dem Sangmeister, von David. Zum Bekennen (?).1

  1. Vgl. Ps 38:1. — Ps. 70, der mit ganz geringen Veränderungen eine Wiederholung von Ps 40:13-17 ist, wurde vielleicht von diesem Psalm losgetrennt, um als besonderes Gebet gebraucht zu werden. Man schrieb ihn dann ohne weiteres David zu.

2 Eile, Elohim, mich zu retten, / Eile mir, Jahwe, zu Hilfe!

3 Beschämt und enttäuscht laß alle werden, / Die mir nach dem Leben trachten. / Mit Schimpf laß alle entweichen, / Die da mein Unglück wollen.

4 Zurückwenden sollen sich ob ihrer Schande, / Die (schadenfroh) über mich rufen: "Ha, ha!"

5 Frohlocken laß aber und dein sich freun / Alle, die nach dir fragen. / Laß immerdar rufen: "Groß ist Elohim!" / Alle, die dein Heil lieben! Bin ich auch elend und arm — / Elohim, eile zu mir! / Mein Helfer und Retter bist du. / Jahwe, verzieh deine Hilfe nicht!

Chapter 71

1 Bei dir, o Jahwe, hab ich Zuflucht gesucht, / Laß mich nimmer zuschanden werden!

2 In deiner Treue rette mich und mache mich frei, / Neige dein Ohr zu mir und schaffe mir Heil!

3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich beständig fliehen kann! / Du hast ja beschlossen, mir Heil zu erweisen; / Denn mein Fels, meine Burg bist du.

4 Mein Gott, errette mich aus des Frevlers Hand, / Aus der Faust des Schurken und Drängers!

5 Du bist ja meine Hoffnung, Adonái Jahwe, / Auf den ich vertraue von Kindheit an.

6 Du bist meine Stütze seit meiner Geburt, / Aus dem Mutterschoß hast du mich gelöst. / Dir gilt mein Loblied beständig.

7 Ein Wunder bin ich für viele,1 / Meine starke Zuflucht aber bist du.

  1. Sie begreifen nicht, wie jemand in so vielen ungewöhnlichen Leiden erhalten bleiben kann. Auf Gott, der ihm bisher geholfen hat, setzt er auch ferner sein Vertrauen (V7b).

8 Mein Mund soll sich füllen mit deinem Lob, / Dich soll er immerdar rühmen.

9 Verwirf mich nicht, wenn das Alter kommt; / Schwindet die Kraft mir, verlaß mich nicht!

10 Schon reden ja meine Feinde von mir, / Und die mein Leben belauern beraten zusammen.

11 Sie sprechen: "Gott hat ihn verlassen, / Verfolgt und greift ihn! Es rettet ihn keiner."

12 Elohim, sei du nicht ferne von mir; / Mein Gott, eile mir zu Hilfe!

13 Zuschanden werden, hinschwinden laß meine Widersacher! / In Schimpf und Schande laß alle sich hüllen, / Die da mein Unglück suchen!

14 Ich aber will (dein) beständig harren / Und all dein Lob vermehren.

15 Mein Mund soll deine Gerechtigkeit künden, / Allzeit dein Heil; denn ich kann sie1 nicht zählen.

  1. Die Erweisungen deiner segnenden Gerechtigkeit und deines gnadenspendenden Heils.

16 Kundmachen will ich die mächtigen Taten Adonái Jahwes, / Will preisen deine Gerechtigkeit allein.

17 Elohim, du hast mich gelehrt von Jugend auf,1 / Und deine Wunder verkünd ich bis jetzt.

  1. Nämlich: deine wunderbaren Wege und Werke.

18 So verlaß mich auch nicht, Elohim, wenn das Alter kommt mit dem Silberhaar, / Bis ich deinen Namen1 der Nachwelt verkünde / Und allen Kommenden die Kraft!

  1. D.h. dein mächtiges Eingreifen in die Geschichte und Geschicke der Menschen.

19 Deine Gerechtigkeit, Elohim, reicht bis zur Wolkenhöhe, / Der du so Großes getan. / Elohim, wer ist dir gleich?

20 Du hast uns erleben lassen viel Not und Leid, / Aber du wirst uns auch wieder erfreuen mit Lebensglück / Und aus der Erde Tiefen1 uns wieder erheben.

  1. Aus den Tiefen des größten Elends, da Tod und Untergang unvermeidlich schienen.

21 Du wirst meine Hoheit mehren1 / Und mich wiederum trösten.

  1. Du wirst mich herrlicher machen als vor meinem Elend.

22 Auch ich will dich preisen mit Harfenklang / Für deine Treue, mein Gott; / Auf der Zither will ich dir spielen, / Du Heiliger Israels.

23 Meine Lippen jauchzen, wenn ich dir spiele, / Und meine Seele, die du erlöst.

24 Auch meine Zunge soll allzeit künden deine Gerechtigkeit; / Denn beschämt, enttäuscht sind sie, die mein Unglück suchen.

Chapter 72

1 Von Salomo.1 / Elohim, gib dem Könige Macht zu richten / Und laß den Königssohn sie üben in deiner Gerechtigkeit!

  1. Die LXX hat hier: "Auf Salomo." Nach diesem Wortlaut ist also Salomo nicht der Verfasser, sondern der Gegenstand des 72. Psalms. Und das wird wohl auch richtig sein. Aber damit ist die Bedeutung des Psalms keineswegs erschöpft. Denn manches darin kann sich nicht auf Salomo beziehen (s. V5.11.17). Salomo und sein Friedensreich sind ein Vorbild von dem Messias und seinem Königreich, in dem Friede und Gerechtigkeit in vollem Maße herrschen werden. Mit Ps. 72 sind deshalb zu vergleichen Stellen wie Jes 9:1-6, 11:1-10.

2 Mög er dein Volk gerecht regieren / Und deine Armen,1 wie sich's gebührt!

  1. Damit sind die wirtschaftlich Schwachen gemeint, die von den Reichen bedrückt und ausgesogen wurden. z.B. Am 8:4, Jes 3:14-15, 10:2, 14:32, Hes 22:29

3 Laß Frieden tragen die Berge dem Volk,1 / Und Gerechtigkeit kleide deine Hügel!

  1. Friede oder Heil sei die Frucht, die auf den Bergen zum Segen des ganzen Volkes reift.

4 Er1 schaffe Recht den Armen im Volk, / Er helfe den dürftigen Leuten / Und zermalme alle Bedrücker!

  1. Der von Gott gesalbte König.

5 Er bleibe,1 solange die Sonne scheint, / Solange der Mond zu sehn, von Geschlecht zu Geschlecht.

  1. Frei nach LXX

6 Er sei wie Regen, der Wiesen benetzt, / Wie reiche Güsse, die Felder befeuchten.1

  1. Das Bild soll veranschaulichen, wie wohltätig und segensreich die Herrschaft des Königs sein wird.

7 In seinen Tagen soll blühen das Recht1 / Und Friede in Fülle, bis nimmer der Mond.

  1. Hier lese ich mit Kittel zédek.

8 Er herrsche von Meer zu Meer,1 / Vom Strom bis ans Ende der Erde.2

  1. Vom Mittelmeer bis zum Toten Meer.
  2. Vom Euphratstrom bis zu den fernsten Gegenden des Westens. Beim Antritt seiner Regierung herrschte Salomo vom Euphrat bis zur Grenze Ägyptens.

9 Die Wüstenbewohner knien vor ihm, / Seine Feinde werden den Boden küssen.1

  1. Wörtlich: "werden Staub lecken;" sie werden sich dem König demütig unterwerfen.

10 Von Tarsis1 und von den Inseln2 entrichten die Könige Gaben, / Von Scheba3 und Seba4 bringen die Könige Zins herbei.

  1. Tartessus in Südspanien; das war damals der fernste Westen.
  2. Des Mittelmeeres.
  3. In Südarabien (1. Kön. 10).
  4. D.h. Meroe in Äthiopien.

11 Huldigen sollen ihm alle Könige, / Alle Völker ihm dienen.

12 Denn er rettet den Armen, der Hilfe erfleht, / Den Dürftigen, der keinen Beistand hat.

13 Er erbarmt sich des Schwachen und Armen, / Und der Elenden Leben errettet er.

14 Von Druck und Gewalttat macht er sie frei, / Ihr Blut ist teuer in seinen Augen.

15 So leben sie denn;1 ja, er2 wird sie mit Gold aus Scheba beschenken. / Drum werden sie3 stetig auch für ihn4 beten / Und allzeit ihm Segen wünschen.

  1. Die Armen und mit dem Tod Bedrohten bleiben durch den Willen des Königs am Leben.
  2. Der König.
  3. Die von ihm erretteten Armen.
  4. Den König.

16 Getreide in Fülle sei im Land, sogar auf den Gipfeln der Berge; / Wie der Libanon woge und rausche die Frucht.1 / Wie der Erde Kräuter so zahlreich / Mögen die Städtebewohner erblühn.2

  1. Das Getreide möge so hoch und dicht stehen, daß es, vom Wind bewegt, wie der Zedernwald des Libanons rauscht.
  2. Nicht nur das Land soll Früchte in Fülle tragen, sondern auch die Bevölkerung soll sich erstaunlich mehren.

17 Sein Name bleibe auf ewig! / Solange die Sonne scheint, möge sein Name bestehn!1 / Es mögen sich alle segnen mit ihm,2 / Alle Völker ihn glücklich preisen!

  1. Frei nach LXX
  2. Mit dem Namen des Königs. vgl. 1Mo 22:18, 26:4 Die Segensfülle des von Gott gesalbten Königs ist das Höchste, was sich die Untertanen wünschen.

18 Gepriesen sei Jahwe Elohim, Israels Gott, / Der Wunder vollbringt allein!

19 Und gepriesen sei ewig sein herrlicher Name! / Sein Ruhm erfülle die ganze Erde! / Amen. Amen.1

  1. V18 und 19 gehören nicht zum 72. Psalm. Sie bilden die Lobpreisung, womit das zweite Buch des Psalters schließt. vgl. Ps 41:13

Chapter 73

1 Ein Psalm Asafs. / Ja, gütig ist Gott gegen Israel, / Gegen die, die reines Herzens sind.

2 Doch meine Füße wären beinah gestrauchelt, / Meine Tritte fast ausgeglitten.

3 Denn ich ward neidisch auf die Prahler, / Als ich das Glück der Frevler sah.

4 Sie kennen ja keine Schmerzen, / Und von Gesundheit strotzt ihr Leib.1

  1. Ich folge hier der Lesart lâmo tâm.

5 Nicht sind sie in Unglück wie Sterbliche sonst, / Sie leiden nicht Plage wie andre Leute.

6 Drum ist auch Hoffart ihr Halsschmuck, / Unrecht umhüllt sie als ihr Gewand.

7 Ihr Auge tritt mühsam hervor aus dem Fett, / Ihr Herz ist voll stolzer Gedanken.

8 Sie höhnen und sprechen boshaft von Gewalt,1 / Sie reden von oben herab.2

  1. Wie sie andre gewalttätig unterdrücken können.
  2. Stolz, gebieterisch.

9 In den Himmel setzen sie ihren Mund,1 / Ihre Zunge ergeht sich auf Erden.2

  1. Auch das Höchste und Heiligste lästern sie.
  2. Sie setzt alles auf Erden Bestehende hochmütig herab. Diese Frevler lassen keine abweichende Meinung aufkommen.

10 Drum fallen ihnen die Leute zu, / Die schlürfen Wasser in Fülle ein.1

  1. Die Gottesleugner gewinnen einen zahlreichen Anhang, der ihre verderblichen Grundsätze wie Wasser in sich einschlürft.

11 Sie1 sprechen: "Wie sollte Gott etwas wissen? / Wohnt denn bei dem Höchsten Kenntnis?2

  1. Die Leute, die sich um die Gottlosen gesammelt haben und nun ihre Gedanken teilen. Ihre Reden reichen bis V14.
  2. Sie leugnen Gottes Allwissenheit.

12 Diese Leute leben zwar ohne Gott, / Doch haben sie, ewig ungestört, / Reichtum und Macht erlangt.1

  1. Die Leute (in V10) sagen: Wenn Gott wirklich die Welt regierte, so müßte er die, die ohne ihn leben (V12a), strafen; aber es geht ihnen ja im Gegenteil von Tag zu Tag besser.

13 Umsonst ist's, daß ich mein Herz hab reingehalten1 / Und meine Hände in Unschuld gewaschen.2

  1. Aus dem Kreis der "Leute" in V10 nimmt jetzt ein einzelner das Wort. Er sagt: Es ist ganz nutzlos für mich gewesen, daß ich früher Gott mit reinem Herzen gedient habe.
  2. Einen makellosen Wandel geführt habe.

14 Ich war doch geplagt den ganzen Tag / Und ward alle Morgen aufs neue gestraft."1

  1. Nämlich: von Gott. Meine frühere Frömmigkeit — so sagt der, der von V13 ab redet — hat mir nichts geholfen, es ging mir doch schlecht; darum habe ich mich nun auf die Seite derer geschlagen, die nichts nach Gott fragen und ohne ihn dahinleben.

15 Hätt ich gedacht:1 So will ich auch reden,2 / Ich hätte verleugnet deiner Kinder Geschlecht.3

  1. So spricht nun der Psalmist.
  2. Wie die Leute in V10-14.
  3. Ich hätte damit die Gemeinschaft der Kinder Gottes treulos verlassen.

16 So sann ich denn nach, dies Rätsel zu lösen; / Doch allzu schwierig war es für mich;1

  1. "Das Denken allein gibt weder das rechte Licht noch die wahre Seligkeit. Beides wird nur im Glauben gefunden. Der Psalmist hat deshalb auch den Glaubensweg eingeschlagen und dadurch Licht und Ruhe gefunden."

17 Bis ich in Gottes Heiligtum ging1 / Und auf ihr (trauriges) Ende merkte.

  1. Er blieb in Dunkel und in Ungewißheit, bis er sich in die Stille des Tempels zurückzog. Da wurde ihm bei seinem gläubigen Gebet Licht in seinem Dunkel geschenkt, so daß er Gottes Wege und Walten erkannte. V17-20 sagt dann der Psalmist, welches Licht er über das traurige Ende der Gottlosen empfangen hat.

18 Ja, auf schlüpfrigen Boden1 stellst du sie, / Du stürzest sie ins Verderben.

  1. Wo sie leicht ausgleiten und fallen.

19 Wie sind sie im Nu zunichte geworden, / Geschwunden, vergangen durch Schreckensgerichte!

20 Wie ein Traum verfliegt, sobald man erwacht: / So wirst du, Adonái, ihr Bild verschmähn,1 / Wenn du dich aufmachst2 (zu richten).

  1. Du wirst ihr wesenloses Schattenbild von dir stoßen.
  2. Nachdem du in Langmut und Geduld auf die Bekehrung der Gottlosen gewartet hast.

21 Würde (nun wieder) mein Herz erbittert,1 / Und fühlt ich es stechen in meinen Nieren:2

  1. Indem ich aufs neue in eine Anfechtung, wie sie in V15-17 beschrieben ist, zurückfiele.
  2. Würde ich empfindlich und leidenschaftlich zu Zweifel und Kleinglauben gereizt.

22 Dann wär ich ein Narr und wüßte nichts, / Ich wäre sogar wie ein Tier vor dir.1

  1. So unvernünftig.

23 Aber ich bleibe nun stets bei dir,1 / Du hast ja erfaßt meine rechte Hand.

  1. So tief wie ein Tier erniedrige ich mich aber nicht. Sondern nachdem ich so trostreiche und lichtvolle Aufschlüsse von dir empfangen habe, wanke ich nicht mehr im Glauben; ich bleibe fest in dem Frieden deiner Gemeinschaft, in die du selbst mich aufgenommen hast.

24 Nach deinem Ratschluß wirst du mich leiten / Und nimmst mich endlich mit Ehren auf.

25 Wen hätt ich im Himmel (ohne dich)?1 / Und bist du mein, so begehr ich nichts weiter auf Erden.2

  1. Der Himmel mit all seiner Herrlichkeit wäre öde und leer für mich, wenn ich dich nicht dort fände!
  2. Dein Besitz ist mir köstlicher als alle Lust und Pracht dieser Erde.

26 Ist auch mein Leib geschwunden, und schlägt mein Herz nicht mehr: / Meines Herzens Hort und mein Besitz / Bleibt doch Elohim auf ewig!1

  1. Welches gewaltige Gottvertrauen spricht sich in diesen Worten aus, noch dazu aus dem Mund eines alttestamentlichen Frommen, der noch nichts von dem Lichte Christi wußte! Der Psalmist weiß: Das Band, das ihn mit seinem Gott verknüpft, kann auch der Tod nicht lösen. Selbst nach dem leiblichen Tod bleibt er in Gottes Gemeinschaft — ein ahnender Ausblick auf das Leben der zukünftigen Welt. vgl. Rö 8:38-39, 14:8

27 Denn die von dir weichen, die kommen um; / Du vertilgst, die dich treulos verlassen.

28 Mir aber ist köstlich die Nähe Elohims. / Auf Adonái Jahwe ruht mein Vertraun: / So will ich verkündigen all dein Tun.

Chapter 74

1 Eine Betrachtung (?) Asafs.1 / Warum, Elohim, hast du uns für immer verworfen? / Warum raucht denn dein Zorn / Gegen die Schafe, die du weidest?

  1. Dieser Psalm versetzt uns in eine Zeit, wo es mit Israel aus zu sein schien. Das kann aber unmöglich die Zeit Davids sein. Darum ist auch Asaf, ein Zeitgenosse Davids, nicht der Verfasser des 74. Psalms. Die Verbrennung des Tempels (V7) könnte auf die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahre 586 v.Chr. hindeuten. Doch andere Stellen des Psalms verbieten das. Namentlich die Erwähnung der Synagogen in V8 steht der Annahme entgegen, an jenen Untergang Jerusalems zu denken. Denn Synagogen gab es im jüdischen Lande erst nach der babylonischen Gefangenschaft. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß unser Psalm während der schweren Verfolgungszeit entstanden ist, die die Juden unter dem syrischen König Antiochus Epiphanes durchzumachen hatten und die in den Makkabäerbüchern geschildert wird. Um jene Zeit (etwa 168 Mt. 1:Chr.) konnten übrigens noch Mitglieder der Sängerfamilie Asafs am Leben sein, die noch in Esr 2:41 ausdrücklich erwähnt wird. So wäre doch vielleicht die Überschrift des 74. Psalms nicht ohne jede Berechtigung, wenn man den Namen "Asaf" allgemein von der Sängerfamilie Asafs verstehen darf.

2 Gedenke doch deiner Gemeinde, die du vor alters erworben, / Die du dir erlöst zum Besitzesstamm! / Des Zionsberges gedenke, auf dem du wohnst!

3 Tritt heran zu den ewigen Trümmern!1 / Der Feind hat alles zerstört im Heiligtum.

  1. Komm doch eilig zu deiner in Trümmern liegenden Wohnstätte, deren Wiederaufbau hoffnungslos erscheint, damit sie durch deine Hilfe neu erstehe.

4 Deine Gegner haben gebrüllt an deiner Versammlungsstätte;1 / Sie stellten ihre Zeichen als Zeichen auf.2

  1. Im Tempel, wo sich das Volk zum Gottesdienst versammelte und wo Gott mit seinem Volk verkehrte.
  2. Vgl. 1. Makk. 1,45-68. Hier ist wohl vor allem an das Bild des olympischen Zeus, den "Greuel der Verwüstung" (V57), zu denken, der auf dem Brandopferaltar errichtet wurde und fortan geopfert werden sollte.

5 Es war, als schwängen Holzhauer die Äxte / Hoch in dem Dickicht des Waldes.

6 Und dann: auf sein1 Schnitzwerk insgesamt / Hieben sie ein mit Beil und Barten.2

  1. Des Tempels.
  2. 1. Makk. 4,38.

7 Sie steckten dein Heiligtum in Brand;1 / Deines Namens Wohnung entweihten sie / Und machten dem Boden sie gleich.

  1. Vgl. 2. Makk. 8,33.

8 Sie dachten: "Wir wollen sie alle bezwingen." / Sie verbrannten alle Gottesstätten1 im Lande.

  1. Alle Synagogen.

9 Unsre Zeichen1 sehn wir nimmer; es ist kein Prophet mehr da, / Und niemand ist bei uns, der wüßte, / Wie lange dies Elend noch währen wird.2

  1. Gemeint sind hier wohl die von Gott eingesetzten Bundeszeichen: Beschneidung, Sabbat, Festtage, Beobachtung der Speisegesetze, was alles durch Antiochus Epiphanes verboten wurde.
  2. Vgl. 1. Makk. 4,46; 9,27; 14,41.

10 Bis wann, Elohim, soll der Dränger noch höhnen? / Soll der Feind deinen Namen auf immer schmähn?

11 Warum ziehst du zurück deine Hand, deine Rechte?1 / Zieh sie aus dem Busen — vertilge!2

  1. Warum hilfst du uns nicht durch deine Allmacht?
  2. Die Feinde.

12 Gott ist doch mein König von alters her, / Der Rettungstaten auf Erden vollbracht.1

  1. Diese werden nun im folgenden in kurzen Worten in Erinnerung gebracht.

13 Du hast das Meer gespalten durch deine Macht,1 / Hast der Drachen Köpfe im Wasser zerschellt.2

  1. Ein Hinweis auf den Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer.
  2. Die Drachen oder Seeungeheuer sind ein Bild Ägyptens.

14 Leviatans Häupter hast du zerschmettert,1 / Du gabst sie zum Fraße den Wüstentieren.2

  1. Der Leviatan, das Krokodil, bedeutet ebenfalls Ägypten, genauer das ägyptische Heer, das die Israeliten verfolgte und im Roten Meer umkam.
  2. Gott hat die Häupter, die Führer des ägyptischen Heeres, nicht nur in den Fluten des Roten Meeres umkommen lassen, sondern auch ihre an das Ufer geworfenen Leichen 2Mo 14:30 den Wüstentieren zum Fraß gegeben. Manche Psalmenerklärer wollen in V13 und 14 eine Anspielung auf den Kampf finden, den Gott bei der Erschaffung der Welt mit vorzeitlichen Ungetümen zu führen hatte und mit dem Israel durch babylonische Einflüsse bekannt geworden sein soll. Diese Meinung weise ich entschieden zurück.

15 Du ließest sprudeln Quelle und Bach,1 / Du ließest versiegen beständige Ströme.2

  1. Vgl. die Wasserspende aus dem Felsen. 2Mo 17:1-7, 4Mo 20:8
  2. Gemeint sind die beständig und reichlich strömenden Wasser des Jordans, die Gott wunderbar austrocknen ließ. Jos 3:14-17

16 Dein ist der Tag, dein auch die Nacht.1 / Leuchte2 und Sonne hast du bereitet.

  1. Ist hier vielleicht an die Wolken- und Feuersäule in 2Mo 13:21 zu denken?
  2. Den Mond.

17 Du hast alle Grenzen der Erde gesetzt,1 / Sommer und Winter hast du gebildet.

  1. Nicht nur die Grenzen des Festlandes gegen das Meer hin, Hio 38:8, Jer 5:22 sondern auch die Grenzen des Binnenlandes und der einzelnen Völker. Apg 17:26

18 Gedenke:1 der Feind hat Jahwe geschmäht, / Ein gottloses Volk2 deinen Namen gehöhnt.

  1. Anrede an Gott.
  2. Die heidnischen Syrer, die die Juden verfolgten.

19 Gib nicht dem Tiere1 preis deiner Turteltaube Seele,2 / Deiner Armen Leben vergiß nicht für immer!3

  1. Der heidnischen Weltmacht.
  2. Die Turteltaube ist ein Bild Israels, das hilflos und schuldlos der Gewalt seiner Feinde preisgegeben ist.
  3. Die Armen und Elenden sind die treuen, an Gott festhaltenden Glieder des Bundesvolkes.

20 Schau auf den Bund!1 / Denn des Landes Verstecke sind angefüllt,2 / Und dort3 wird Gewalttat getrieben.4

  1. Gedenke des Bundes, den du mit Israel am Sinai geschlossen hast!
  2. Mit Flüchtlingen, die sich vor dem Feind verbergen wollen.
  3. In den Verstecken.
  4. Denn die Feinde spürten die Flüchtlinge auf und machten sie nieder (1. Makk. 2,31-38; 2. Makk. 6,11).

21 Nicht unerhört1 laß Niedergeschlagene gehn, / Laß deinen Namen Arme und Dürftige preisen!

  1. Wörtlich: "beschämt".

22 Auf, Elohim! Ficht aus deinen Streit!1 / Gedenke des: die Gottlosen höhnen dich fort und fort!

  1. Der Kampf gegen die Feinde Israels ist ein Kampf Gottes, den er um seines Namens Ehre willen führt.

23 Vergiß der Feinde Schmährufe nicht, / Deiner Gegner Toben, das stetig steigt!

Chapter 75

1 Dem Sangmeister, nach (der Weise von:) "Verderbe nicht!"1 / Ein Psalm Asafs; ein Lied.2

  1. Vgl. Ps 57:1.
  2. Ps. 75 ist ein Danklied des Alten Bundesvolkes, das von mächtigen Feinden umringt ist, aber im Glauben Gottes Gericht über seine Widersacher erwartet. Vielleicht fällt der Psalm in die Zeit, da Jesaja das Scheitern der assyrischen Weltmacht gegen Juda geweissagt hatte. Jes 37:21-23

2 Wir danken dir, Elohim, wir danken;1 / Denn deine Hilfe2 ist nahe, und deine Wunder3 erzählt man.

  1. Die Gemeinde dankt Gott schon im voraus für die Hilfe, die er ihr durch den Propheten verheißen hat.
  2. Wörtlich: "dein Name".
  3. Die du schon früher zum Heil deines Volkes getan hast.

3 Denn "Ich nehme die rechte Stunde wahr / Dann will ich in Gerechtigkeit richten.1

  1. In V3-6 redet Gott, um die Erwartung des Volkes (V2b) zu begründen und seinen Glauben zu stärken.

4 Mag auch die Erde vor Furcht erbeben1 mit allen, die darauf wohnen: / Ich halte doch selbst ihre Säulen fest.2 Sela.

  1. Unter dem Druck der Weltmächte und ihrer Gewalttaten.
  2. Die Säulen sind wohl die auf Erden bestehenden göttlichen Ordnungen.

5 Den Törichten sag ich: 'Seid nicht töricht!'1 / Den Frevlern: 'Hebt euer Horn nicht hoch!'2

  1. Die Törichten sind die, die von einem Gericht Gottes nichts wissen wollen.
  2. Das Horn ist ein Bild der Kraft. Der Sinn der Worte ist: Geht nicht stolz einher in eurer eigenen Kraft; denkt nicht, euch könne nichts geschehen!

6 Hebt nicht euer Horn zur Himmelshöhe,1 / Redet nicht stolz mit gerecktem Haupt!"

  1. Denkt nicht in euerm Stolz, ihr könntet in den Himmel emporsteigen. 1Mo 11:4-5, Jes 14:13-14

7 Denn nicht von Osten, nicht von Westen, / Nicht von der Wüste her kommt Hilfe1

  1. Wörtlich: "Erhebung." — Nicht von irdischen Bundesgenossen, die von Osten, Westen oder von der Wüste her, von Süden (aus Ägypten), kommen könnten, ist Hilfe zu erwarten. Der Norden wird nicht genannt, weil von dorther die Assyrer ins Land eingefallen sind. Nur Gott allein kann helfen.

8 Nein, nur Elohim schafft Recht: / Diesen erniedrigt, jenen erhöht er.

9 Ein Becher ist ja in Jahwes Hand:1 / Er schäumt von Wein, ist reichlich gemischt.2 / Draus schenkt er ein; ja selbst seine Hefen / Müssen schlürfen und trinken alle Frevler auf Erden.3

  1. Der Becher ist ein Bild der göttlichen Strafgerichte. Ps 60:5, Jes 51:17, Jer 25:15, Hes 23:33
  2. Und zwar mit berauschendem Würztrank.
  3. Bis zur Neige sollen die Gottlosen den Becher leeren, so daß er ihnen tödlich wird.

10 Ich aber will ewiglich jauchzen,1 / Dem Gott Jakobs will ich lobsingen. "Alle Hörner der Frevler will ich zerbrechen2 — / Hoch raget das Horn der Gerechten."

  1. Nach LXX
  2. D.h. die Macht der Frevler will ich vernichten. Der Psalm schließt in V11 mit einer Rede Gottes, der gleichsam als Antwort auf das Danklied in V10 aufs neue verheißt, daß er alle Feinde seines Volkes vertilgen will.

Chapter 76

1 Dem Sangmeister, mit Saitenspielbegleitung.1 / Ein Psalm Asafs; ein Lied.2

  1. Vgl. Ps 4:1.
  2. Die LXX fügt hier hinzu: "gegen die Assyrer." Der Assyrer kann hier kein anderer sein als der Assyrerkönig Sanherib. Dann bezöge sich Psalm 76 ebenso wie Psalm 75 auf die Errettung Jerusalems vor diesem gefährlichen Feind (2. Kön. 19,35ff.). Und das ist auch wahrscheinlich.

2 Wohlbekannt in Juda ist Elohim, / In Israel ist sein Name groß.

3 Ist doch in Salem1 sein Zelt / Und seine Wohnung in Zion.

  1. Der alte Name für Jerusalem. 1Mo 14:18

4 Dort zerbrach er des Bogens Blitze,1 / Schild und Schwert und alle Waffen.2 Sela.

  1. D.h. die blitzschnell von dem Bogen ausgehenden Pfeile.
  2. Gott hat die gegen Juda gerichteten Waffen der Weltmacht zuschanden gemacht. So begründete er "Salem," eine Stätte des Friedens, denn das bedeutet der Name.

5 Von Licht umflossen bist du, herrlich kommst du / Von den Bergen der Beute her:1

  1. Die "Berge der Beute" sind vielleicht die nach Beute und Raub gierigen Weltreiche. Gott kommt herrlich von diesen Bergen her, wenn er die Weltmächte vernichtet hat. Dieses Gericht wird nun in V6 und 7 näher beschrieben, die wohl auf den Untergang des assyrischen Heeres vor Jerusalem hinweisen. Jes 37:36-37

6 Entwaffnet wurden die Tapfern,1 sie sanken in Todesschlaf, / Und allen Helden versagte der Arm.2

  1. Wörtlich: "die Starkherzigen".
  2. Wörtlich: "sie fanden ihre Hände nicht mehr," d.h. sie wurden so von Schrecken gelähmt, daß sie ihre Hände nicht gebrauchen konnten.

7 Vor deinem Drohen, Gott Jakobs, / Wurden Roß und Reiter1 betäubt.

  1. Wörtlich: "Wagen (Kriegswagen) und Roß." Jes 43:17

8 Du bist furchtbar, ja du! / Wer besteht vor dir, wenn dein Zorn sich erhebt?

9 Vom Himmel herab hast du Gericht verkündet:1 / Die Erde erschrak und wurde still,

  1. Gott rief vom Himmel aus sein richterliches Wort in den Kriegslärm hinein: sofort trat Ruhe ein.

10 Als sich Elohim zum Gericht erhob, / Um allen Duldern des Landes zu helfen. Sela.

11 Die mit Wut Verfolgten1 werden dich preisen; / Die von der Wut2 Verschonten werden dir Feste feiern.3

  1. Die Glieder des Bundesvolkes, die von der heidnischen Weltmacht verfolgt wurden, die "Dulder des Landes" (V10), die von Assur zu leiden hatten.
  2. Der feindlichen Weltmacht.
  3. Die letzten Worte nach LXX in V11 ist der Text sehr dunkel und deshalb auch die Übersetzung zweifelhaft.

12 Tut Jahwe, eurem Gott, Gelübde und tragt sie ab! / Ihr alle ringsum,1 bringt dem Erhabnen2 Geschenke dar! Er bricht der Gewaltigen Trotz,3 / Flößt der Erde Königen Schrecken ein.

  1. Alle um Israel wohnenden Völker.
  2. Dem erhabenen Gott, der Furcht einflößt.
  3. Wörtlich: "Er schneidet den Geist der Gewaltigen (oder: der Fürsten) ab;" der Ausdruck erinnert an das Abschneiden der Trauben bei der Weinlese (vgl. Off 14:17-20).

Chapter 77

1 Dem Sangmeister Jedutun zum Vortrag übergeben.1 Ein Psalm Asafs.2

  1. Vgl. Ps 62:1.
  2. Der Psalm versetzt uns in eine Zeit, wo sich Israel in großer Not befand. Vielleicht ist hier an die letzte Zeit des Reiches Juda oder an die babylonische Gefangenschaft zu denken. Der Dichter ruft Gott um Hilfe an, aber trotzdem findet er nicht den rechten Trost (V1-4). Er gedenkt der unruhig durchwachten Nächte, in denen er seine Gedanken aus der traurigen Gegenwart Israels in dessen glückliche Vergangenheit richtete (V5-7), und er fragt sich nun: "Sollte denn Gott sein Volk für immer verstoßen haben?" (V8-10). Ja, so scheint es tatsächlich. Alles Leid der Gegenwart kommt nur daher, daß sich Gott in seinem Verhalten Israel gegenüber geändert hat, daß er sein Volk nicht mehr mit seiner starken Helferhand schützt (V11). Aber der Dichter verzagt doch nicht. Er blickt zurück auf die großen Taten Gottes in der Vergangenheit, besonders auf die Befreiung Israels aus Ägypten und den Durchzug durch das Rote Meer. So hoffnungslos Israel damals vor dem Schilfmeer stand, so mag auch jetzt dem menschlichen Auge die Lage des Volkes verzweifelt erscheinen. Aber der allmächtige, wunderbare Gott kann dennoch über Erwarten herrlich helfen (V12-21).

2 Laut will ich schrein zu Elohim; / Laut ruf ich zu Elohim, daß er mich höre.

3 Zur Zeit meiner Not sucht ich Adonái. / Meine Hand hat sich zu ihm ausgestreckt / Und ist nicht erschlafft; / Meine Seele will sich nicht trösten lassen.

4 Gedenk ich Elohims, so muß ich seufzen;1 / Sinne ich nach,2 so verzagt mein Geist.3 Sela.

  1. Er muß seufzen, weil Gott, der ihm früher geholfen hat, ihn jetzt nicht mehr hört.
  2. Um Gott wiederzufinden.
  3. Er findet keinen Trost und Halt.

5 Du hast meine Augen wach gehalten; / Ich war zerschlagen und konnte nicht reden.1

  1. D.h. laut mit Worten beten. Deshalb versetzt er sich nun in seinen Gedanken in die alte Zeit.

6 Da gedachte ich denn der alten Zeit, / Der längst entschwundenen Jahre.

7 Dacht ich des Nachts an mein Saitenspiel,1 / So klagte ich tief, / Und grübelnd fragte mein Geist:

  1. Wie ich einst mein Saitenspiel zum Lob Gottes erklingen ließ.

8 "Wird denn Adonái auf ewig verstoßen / Und nimmer wieder gnädig sein?

9 Ist denn seine Huld auf immer dahin, / Ist's mit der Verheißung für allzeit aus?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, / Oder sein Erbarmen in Zorn verschlossen?" Sela.

11 Da dacht ich denn: "Mein Leiden ist dies, / Daß die Rechte des Höchsten sich hat geändert."1

  1. Er spricht aber nicht davon, daß sich das Verhalten Israels seinem Gott gegenüber geändert hat, weil das Volk Gott nicht treu geblieben ist.

12 Ich gedenke der Taten Jahs, / Ja, ich gedenke, wie du / So wunderbar seit der Vorzeit gewaltet.

13 Ich will sinnen über all dein Tun / Und dein herrliches Wirken erwägen.

14 Elohim, dein Weg ist erhaben! / Wo ist ein Gott, groß wie Elohim?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut, / Unter den Völkern hast du deine Macht offenbart.

16 Du hast mit Kraft1 dein Volk erlöst, / Die Söhne Jakobs und Josefs. Sela.

  1. Wörtlich: "mit (starkem) Arm".

17 Die Wasser1 sahen dich, Elohim, / Die Wasser sahen dich und bebten, / Auch die Tiefen2 erzitterten.

  1. Des Roten Meeres (des Schilfmeeres).
  2. Des Schilfmeeres. — Unter mächtigem Aufruhr in der Natur schritt Gott durchs Rote Meer und bahnte seinem Volk den Weg darin. Der Psalmist malt die Errettung des Volkes bei dem Durchzug durch das Rote Meer in V17-19 ähnlich aus wie David seine Errettung aus der Hand Sauls in Ps. 18,14ff.

18 Die Wolken ergossen Wasser, / Der Donner krachte aus dem Gewölk, / Und deine Pfeile1 flogen umher.

  1. Deine Blitze.

19 Dein Donner dröhnte im Wirbelwind; / Blitze erhellten das Erdenrund, / Es wankte und bebte die Erde.

20 Im Meer ging dein Weg dahin / Und dein Pfad durch mächtige Wasser. / Doch deine Spuren sah man nicht.1 Wie Schafe hast du dein Volk geleitet / Durch Moses und Aarons Hand.2

  1. Gott selbst blieb unsichtbar. Seine Fußspuren waren nachher im Wasser nicht zu erkennen; nur sein Wirken wurde offenbar.
  2. Die Errettung Israels in alter Zeit verbürgt dem Psalmisten auch die göttliche Hilfe für die Zukunft.

Chapter 78

1 Eine Betrachtung(?)1 Asafs.2 / Vernimm, mein Volk, meine Lehre, / Neigt euer Ohr meines Mundes Reden!

  1. Vgl. Ps 32:1.
  2. Asaf schließt den Psalm mit der Zeit Davids (V70-72); aber er dichtete ihn wahrscheinlich erst unter Salomo, weil er in V69 den erst von diesem König erbauten Tempel erwähnt. Der Psalm warnt ernstlich, durch einen Rückblick auf die Geschichte Israels, vor der Eifersucht Efraims oder der nördlichen Stämme auf Juda. Wie wichtig diese Warnung war, das zeigte sich sofort nach Salomos Tod. Da trat der alte Gegensatz zwischen Efraim und Juda durch den Abfall der zehn Stämme vom Hause Davids furchtbar zutage.

2 Meinen Mund will ich öffnen zu Sprüchen, / Will aus der Vorzeit Rätsel verkünden.1

  1. Der Dichter will die Geschichte der Väter als "Sprüche" und "Rätsel" vortragen, indem er die Tatsachen der Vergangenheit zu einem Spiegel für seine Zeitgenossen macht. — Nach Mt 13:34-35 ist Ps 78:2 eine Weissagung auf Christus, und Asaf wird dort wie auch in 2Ch 29:30 ein Prophet oder Seher genannt.

3 Was wir gehört und erfahren, / Was uns unsre Väter erzählt:1

  1. 2Mo 13:14, 5Mo 4:9-10.

4 Wollen wir unsern Kindern nicht verhehlen, / Indem wir der Nachwelt erzählen / Jahwes Ruhmestaten und Macht / Und seine Wunder, die er getan.

5 Er stellte ein Zeugnis in Jakob auf / Und gab ein Gesetz in Israel. / Unsern Vätern befahl er's an, / Daß sie ihre Kinder es lehrten.

6 Denn die Nachkommen sollen es kennenlernen: / Kinder, die noch sollen geboren werden, / Die sollen auch selbst auftreten / Und ihren Kindern davon erzählen,

7 Damit sie auf Gott ihr Vertrauen setzen, / Nicht vergessen der Taten Gottes / Und seine Gebote halten.

8 Denn sie sollen nicht werden wie ihre Väter, / Ein störrig, widerspenstig Geschlecht, / Ein Geschlecht mit schwankendem Sinn, / Das nicht treu hielt an seinem Gott.1

  1. Wörtlich: "Dessen Geist nicht zuverlässig gegen Gott war." Vgl. 5Mo 32:5-6.

9 Efraims Söhne, gerüstete Bogenschützen, / Kehrten um am Tage der Schlacht.1

  1. Es ist unsicher, ob hier an ein bestimmtes Ereignis zu denken ist. Vielleicht will der Dichter in V9-11 nur sagen, daß Efraim die Sache Gottes kampfscheu im Stich gelassen hat.

10 Sie hielten nicht den Bund Elohims / Und wollten nicht wandeln nach seinem Gesetz.

11 Sie vergaßen seiner großen Taten, / Seiner Wunder, die sie geschaut.

12 Vor ihren Vätern hatte er Wunder getan1 / In Ägyptenland, in Zoans Gefild.2

  1. In V12 kehrt der Dichter wieder zu dem ganzen Israel zurück und schildert die großen Taten Gottes, die das Volk bei dem Auszug aus Ägypten und während der Wüstenwanderung erfahren durfte.
  2. Zoan, von den Griechen Tanis genannt, war die alte Residenz der ägyptischen Könige. Dort tat Mose seine Wunder vor Pharao.

13 Er teilte das Meer und führte sie durch / Und türmte die Wasser wie einen Damm.1

  1. 2Mo 14:21-22.

14 Er leitete sie durch die Wolke bei Tag / Und die ganze Nacht mit feurigem Licht.1

  1. 2Mo 13:21.

15 Er spaltete Felsen in der Wüste / Und tränkte sie reich mit Meeresflut.1

  1. 2Mo 17:6, 4Mo 20:7-11.

16 Er brachte Bäche hervor aus dem Fels, / Ließ Wasser wie Ströme fließen.

17 Doch sündigten sie weiter gegen ihn, / Widerstrebten dem Höchsten im dürren Lande.1

  1. V17-29: Fortgesetzter Ungehorsam Israels gegen Gott, der aber dennoch seinem Volk gnädig hilft.

18 In ihrem Herzen versuchten sie Gott / Und forderten Speise für ihr Gelüst.1

  1. 2Mo 16:3, 4Mo 11:4.

19 Sie redeten so wider Elohim: / Kann Gott einen Tisch in der Wüste decken?

20 Er hat wohl den Fels geschlagen, daß Wasser floß / Und Bäche ergiebig strömten: / Doch vermag er auch Brot zu geben / Oder Fleisch zu verschaffen seinem Volk?"

21 Als Jahwe das hörte, ergrimmte er, / Und Feuer entbrannte in Jakob, / Auch Zorn stieg auf wider Israel.1

  1. 4Mo 11:1-3.

22 Denn sie glaubten nicht an Elohim, / Auf seine Hilfe vertrauten sie nicht.

23 Dennoch gebot er den Wolken droben, / Und des Himmels Türen öffnete er:

24 Er ließ Man auf sie regnen zur Speise / Und gab ihnen Himmelsbrot.1

  1. 2Mo 16:4,14,15.

25 Engelspeise1 aßen sie alle, / Zehrung sandte er ihnen in Fülle.

  1. Weish. Sal. 16,20. Das Manna heißt Engelspeise, weil es aus dem Himmel, der Wohnung der Engel, stammte oder weil es den Israeliten durch Vermittlung der Engel zuteil wurde.

26 Er ließ den Ostwind am Himmel wehn, / Führte durch seine Macht den Südwind herbei.

27 Er ließ Fleisch auf sie regnen wie Staub / Und beschwingte Vögel wie Sand am Meer.

28 In ihr Lager ließ er sie fallen, / Rings um ihre Gezelte her.1

  1. 2Mo 16:13, 4Mo 11:31.

29 Da aßen sie, wurden übersatt / Und ihr Gelüst befriedigte er.

30 Aber noch war ihre Lust nicht gestillt, / Noch war die Speise in ihrem Mund:1

  1. V30-39: Gottes Strafgericht wegen der Unmäßigkeit des Volkes, das aber trotzdem in seinem Ungehorsam fortfährt.

31 Da stieg Elohims Zorn wider sie auf — / Er streckte ihre Starken zu Boden, / Schlug nieder die Jünglinge Israels.1

  1. 4Mo 11:33.

32 Trotz alledem sündigten sie aber fort / Und glaubten an seine Wunder nicht.

33 Drum ließ er ihre Tage schwinden in Nichts / Und ihre Jahre in jäher Hast.1

  1. V33 bezieht sich darauf, daß alle Israeliten, die aus Ägypten gezogen waren, vom 20. Lebensjahr an, in der Wüste sterben sollten. Nur Josua und Kaleb blieben verschont. Vgl. 4Mo 14:28-34.

34 Wenn er sie tötete, suchten sie ihn, / Kehrten um und fragten nach Gott,

35 Gedachten, wie Elohim ihr Fels / Und Gott der Höchste ihr Retter sei.

36 Doch heuchelten sie ihm mit ihrem Mund, / Mit ihrer Zunge logen sie ihm.1

  1. Indem sie sich Gott menschlich vorstellten, suchten sie ihn mit schönen Reden für sich zu gewinnen.

37 Ihr Herz war ihm nicht treu, / Sie hielten nicht fest an seinem Bund.

38 Doch er war barmherzig, vergab die Schuld / Und vertilgte sie nicht. / Oft hielt er seinen Zorn zurück, / Ließ nicht seinen ganzen Grimm ergehn,

39 Sondern dachte daran: sie sind nur Fleisch,1 / Ein Hauch, der vergeht und nicht wiederkehrt.2

  1. Nach Leib und Seele schwach und ohnmächtig.
  2. Nach einem kurzen Leben verfällt der Mensch dem Tod.

40 Wie oft widerstrebten sie ihm in der Wüste, / Betrübten sie ihn in der Öde!1

  1. 4Mo 14:22. V40-55: Eine erneuerte Klage über den Ungehorsam der Israeliten gegen Gott, der sie wunderbar aus Ägypten führte und ihnen den Sieg über die Kanaaniter schenkte.

41 Immer wieder versuchten sie Gott, / Den Heiligen Israels kränkten sie.

42 Sie gedachten nicht seiner Hand,1 / Auch nicht des Tages, da er sie erlöste von ihrem Dränger:2

  1. Seiner Allmacht.
  2. Dem Pharao.

43 Als er in Ägypten Zeichen tat, / Seine Wunder in Zoans Gefild.

44 Er wandelte ihre Ströme in Blut, / Daß sie ihr Wasser nicht trinken konnten.1

  1. 2Mo 7:19-20. In V44ff. ist die Geschichte der zehn ägyptischen Plagen kurz zusammengefaßt, doch nicht ängstlich genau, sondern mehr aus dem Gedächtnis.

45 Er sandte ihnen Bremsen,1 die sie fraßen, / Und Frösche, die sie verderbten.2

  1. Oder Hundsfliegen, die besonders dem Vieh blutige Beulen verursachen.
  2. 2Mo 8:2,20.

46 Er gab ihr Gewächs den Nagern1 preis, / Den Heuschrecken2 ihrer Felder Ertrag.

  1. Den Freßheuschrecken.
  2. Den Zugheuschrecken. Vgl. 2Mo 10:13.

47 Ihre Weinstöcke schlug er mit Hagel, / Ihre Maulbeerbäume mit Schlossen.1

  1. 2Mo 9:25.

48 Dem Hagel lieferte er aus ihr Vieh / Und ihre Herden den Blitzen.

49 Er sandte gegen sie seines Zornes Glut / Mit Ingrimm, Wüten und Angst: / Eine Schar verderbender Engel.

50 Er ließ seinem Zorne freien Lauf, / Bewahrte sie nicht vor dem Tode, / Sondern gab der Pest ihr Leben preis.1

  1. 2Mo 9:15.

51 Er schlug alle Erstgeburt in Ägypten, / Die erste Manneskraft1 in Hams Gezelt.2

  1. Was der Manneskraft zuerst entsprossen ist, nämlich: die erstgeborenen Söhne.
  2. Hams Gezelt bedeutet Ägypten; vgl. 1Mo 10:6, Ps 105:23, 106:22.

52 Sein Volk aber ließ er wie Schafe ziehn / Und leitete sie in der Wüste wie eine Herde.

53 Er führte sie sicher, daß sie nicht zagten; / Ihre Feinde aber bedeckte das Meer.1

  1. Das Rote Meer oder das Schilfmeer. 2Mo 14:19,22,27

54 Er brachte sie in sein heilig Gebiet, / Auf den Berg, den seine Rechte erworben.1

  1. Vgl. 2Mo 15:17.

55 Völker1 trieb er vor ihnen aus, / Gab ihnen ihr Land zum Erbbesitz, / Und in ihren Zelten ließ er Israels Stämme wohnen.

  1. Die Völker Kanaans.

56 Doch sie versuchten und reizten Elohim den Höchsten, / Und seine Gebote hielten sie nicht.1

  1. In V56-64 wird Israels Undankbarkeit gegen Gott während der Richterzeit geschildert.

57 Sondern wie ihre Väter wichen sie treulos ab, / Versagten wie ein trüglicher Bogen.1

  1. Der das rechte Ziel verfehlt.

58 Sie erzürnten ihn durch ihre Höhn,1 / Durch ihre Bilder2 reizten sie ihn.

  1. Durch den Götzendienst auf den Höhen der Hügel und Berge (vgl. 1. Kön. 11,7; 12,31).
  2. Götzenbilder.

59 Das hörte Elohim1 und zürnte: / Er verwarf Israel ganz und gar.

  1. Wie die Israeliten zu den Götzen beteten.

60 Er verließ die Wohnung in Silo, / Das Zelt, das er unter Menschen errichtet.1

  1. 1Sa 1:3, 4:11. In der Richterzeit befand sich die Stiftshütte in Silo. Jos 18:1 In den Tagen Elis und Samuels war in Silo sogar ein fester Tempel (1Sam. 1-3), der aber später, vielleicht nach dem Sieg der Philister bei Afek (1Sam. 4), zerstört wurde. Jer 7:12

61 Er ließ seine Macht gefangennehmen / Und gab seinen Ruhm in des Feindes Hand.1

  1. Gottes "Macht" und "Ruhm" ist die Bundeslade, die in der Schlacht bei Afek in die Hände der Philister fiel. 1Sa 4:4-11

62 Er gab sein Volk dem Schwerte preis, / Und über sein Erbe zürnte er.

63 Ihre Jünglinge1 fraß das Feuer,2 / Ihren Jungfraun ward kein Hochzeitslied.3

  1. Die Jünglinge der Israeliten.
  2. Das Kriegsfeuer: sie fielen im Kampf, bei Afek 30000. 1Sa 4:10
  3. Sie mußten unvermählt bleiben, weil es an Jünglingen fehlte, die sie zur Ehe nehmen konnten.

64 Ihre Priester fielen durchs Schwert,1 / Und ihre Witwen weinten nicht.2

  1. Hier ist wohl besonders an Hofni und Pinehas zu denken.
  2. Sie konnten den gefallenen Männern zu Ehren keine Totenklage halten. vgl. 1Sa 4:17-22

65 Da erwachte Adonái wie vom Schlaf,1 / Wie ein Held, dessen Mut der Wein gestärkt.

  1. Israel meinte, Gott schlafe, solange es unter der Herrschaft der Heiden schmachtete. — Mit V65 nimmt der Psalm eine neue Wendung. Nachdem Israel durch das Strafgericht gesichtet und geläutert worden ist, erbarmt sich Gott seines Volkes aufs neue: er verwirft zwar Efraim, aber er erwählt nun Juda, indem er aus diesem Stamm David zum König erhebt (V65-72).

66 Er schlug seine Feinde1 zurück, / Tat ihnen ewige Schande an.2

  1. Zunächst die Philister, dann aber auch alle Feinde, die später unter Saul und David besiegt wurden.
  2. Das galt namentlich von den Philistern insofern, als sie ihre Macht und Selbständigkeit für immer einbüßten.

67 Josefs Zelt1 verwarf er zwar, / Und Efraims Stamm erwählte er nicht.

  1. Das Stiftszelt in Silo.

68 Sondern Judas Stamm erkor er, / Den Zionsberg, den er liebgewonnen.1

  1. Vgl. 2Ch 6:6.

69 Er baute hochragend sein Heiligtum,1 / Wie die Erde,2 die er auf ewig gegründet.

  1. Den Tempel.
  2. Fest und dauernd wie die Erde.

70 Er erwählte sich David, seinen Knecht, / Nahm ihn von den Hürden der Schafe.1

  1. 1Sa 16:11-12.

71 Von den säugenden Schafen holte er ihn, / Daß er weide Jakob, sein Volk, / Und sein Erbteil Israel.1

  1. 2Sa 7:8.

72 Er weidete sie auch mit lauterm Sinn / Und führte sie klug mit seiner Hand.

Chapter 79

1 Ein Psalm Asafs. / Elohim, es sind Heiden in dein Erbe gedrungen, / Die haben deinen heiligen Tempel entweiht, / In Trümmer verwandelt Jerusalem.

2 Sie haben deiner Knechte Leichen / Des Himmels Vögeln zum Fraß gegeben. / Deiner Frommen Fleisch des Landes Getier.

3 Sie haben ihr Blut1 vergossen wie Wasser / Rings um Jerusalem her, und niemand begrub (die Toten).

  1. Das Blut deiner Frommen.

4 Wir sind unsern Nachbarn zur Schmach geworden, / Ein Spott und Gelächter für unsre Umgebung.

5 Wie lange, Jahwe, wirst du noch zürnen, / Wird dein Eifer wie Feuer brennen?

6 Gieß deine Zornglut über die Heiden, die dich nicht erkannt, / Über die Reiche, die deinen Namen nicht angerufen.

7 Denn sie haben Jakob verzehrt / Und seinen Wohnsitz verwüstet.

8 Rechne uns nicht der Vorfahren Sünden zu! / Eilends komm uns dein Erbarmen entgegen! / Denn wir sind sehr gebeugt.

9 Hilf uns, Gott, du Quell unsers Heils. / Um deines Namens Ehre willen! / Rett uns, bedeck unsre Missetaten / Um deines Namens willen!

10 Warum sollen die Heiden sagen: / "Wo ist nun ihr Gott?" / Kund werde an den Heiden vor unsern Augen / Die Rache für deiner Knechte Blut, das sie vergossen!1

  1. Der Psalmist möchte mit Augenzeuge davon sein, wie Gott an den Heiden Rache nimmt.

11 Der Gefangenen Seufzen komme vor dich! / Mit deinem starken Arm / Erhalte die Kinder des Todes1 am Leben!

  1. Die dem Tod Geweihten.

12 Und vergilt unsern Nachbarn siebenfach1 in ihren Busen2 / Ihr Schmähn, womit sie dich, Adonái, geschmäht!

  1. D.h. völlig und erschöpfend.
  2. In dem Busen oder Kleiderbausch wurden Gegenstände herumgetragen.

13 Wir aber, dein Volk, deiner Weide Schafe, / Wir wollen dir ewig danken, / Von Geschlecht zu Geschlecht deinen Ruhm verkünden.1

  1. Ist Ps. 79 ebenso wie Psalm 74 in die Verfolgungszeit zu setzen, die die Juden unter dem syrischen König Antiochus Epiphanes (175-164) durchzumachen hatten? Lesen wir 1. Makk. 1,30-42; 3,45; 2. Makk. 8,2-4, dann könnte es so scheinen. Aber 1. Makk. 7,16-17 spricht doch dagegen, denn dort wird Ps 79:2-3 als eine Weissagung der Schrift angeführt, die sich in der syrischen Verfolgungszeit erfüllt habe. Deshalb muß der Psalm bedeutend früher entstanden sein. Es ist sehr wohl möglich, daß er sich auf die Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahre 586 v.Chr. bezieht. Wenn man dagegen geltend machen will, die in V2 erwähnten "Frommen" wiesen deutlich auf die Makkabäerzeit hin, so ist daran zu erinnern, daß es auch "Fromme" in Jerusalem gab, als die Stadt von Nebukadnezars Heer zerstört wurde; ja, viele von diesen Frommen wurden damals getötet. Kla 1:20, 2:20 Auf die babylonische Gefangenschaft könnte auch sehr wohl V11 in Ps. 79 gedeutet werden. Es gibt aber in der Geschichte des jüdischen Volkes sicher auch später noch Leidenszeiten, auf die unser Psalm passen könnte. Denn zwischen der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft und den Makkabäerkämpfen liegen Jahrhunderte, in denen uns vieles unbekannt ist. Der Psalm könnte sich z.B. auf eine Zerstörung Jerusalems beziehen, die in Ne 1:1-3 vorausgesetzt wird.

Chapter 80

1 Dem Sangmeister, nach (der Weise von:) "(Wie) Lilien ist das Zeugnis."1 / Ein Psalm Asafs.2

  1. Der Psalm soll nach der Melodie eines Liedes gesungen werden, das ein Lob des Zeugnisses, d.h. des göttlichen Gesetzes enthält. vgl. Ps 60:1, 45:1
  2. Die LXX hat hier in V1 am Schluß der Überschrift noch die Worte: "Ein Psalm in betreff des Assyrers." Das scheint ein richtiger Fingerzeig für die Entstehungszeit des Psalms zu sein. Er bezieht sich dann wahrscheinlich auf die Zeit, wo das Reich der zehn Stämme (Efraim, Manasse, Josef) von der assyrischen Weltmacht in seinem Bestand bedroht wurde, bis es dann schließlich im Jahre 722 v.Chr. mit der Eroberung Samarias ein Ende nahm. Wenn Benjamin in V3 neben den beiden Josefstämmen Efraim und Manasse genannt wird, so geschieht das vielleicht deshalb, weil Benjamin ebenso wie Josef dieselbe Mutter (Rahel) hatte und weil Benjamin auch in bezug auf die staatlichen Verhältnisse mehr zu den nördlichen Stämmen als zu Juda gehörte. Die große Bedrängnis, in die das Nordreich durch Assyrien geriet, war auch für die treuen Glieder des Bundesvolkes in dem Reich Juda, die ein lebendiges Bewußtsein von der Einheit Israels und seiner zwölf Stämme hatten, Anlaß genug, sich, wie es in Ps. 80 zum Ausdruck kommt, fürbittend an Gott zu wenden und für die Brüder im Norden des Landes seine Hilfe gegen die feindliche Weltmacht zu erflehen. Daß ein Glied der Sängerfamilie Asafs den Psalm gedichtet hat, dagegen läßt sich schwerlich ein triftiges Bedenken geltend machen.

2 Israels Hirt, horch auf, / Der du Josef1 führtest wie Schafe! / Der du thronest auf den Keruben,2 / Erscheine im Lichtglanz!3

  1. Josef bedeutet das ganze Zehnstämmereich.
  2. Die Kerube sind nach Hes. 1 die Träger des göttlichen Thronwagens.
  3. Der Psalmist bittet, Gott möge sein gleichsam umdunkeltes Antlitz leuchten lassen, Josef zum Segen, den Feinden zum Schrecken.

3 Efraim, Benjamin und Manasse siegreich führend1 / Biete auf deine Macht / Und komm uns zu Hilfe!

  1. Nach 4Mo 2:18-24 sollten Efraim, Manasse und Benjamin auch ungetrennt im Westen der Stiftshütte lagern. Bei der Abfassung des 80. Psalms waren die drei Stämme wohl noch im Land, während, die nördlichen Bewohner vielleicht schon in die assyrische Gefangenschaft geführt waren (2. Kön. 15,29).

4 Elohim, stell uns wieder her!1 / Laß leuchten dein Antlitz, so wird uns geholfen!

  1. In der früheren Macht und Herrlichkeit.

5 Jahwe Elohim Zebaôt,1 / Wie lange währet dein Zorn / Trotz des Gebetes deines Volks?!

  1. S. Ps 59:6.

6 Du hast es mit Tränenbrot gespeist / Und es mit Tränen reichlich1 getränkt.

  1. Wörtlich: "drittelmaßweise" (einfacher: eimerweise). Franz Delitzsch weist darauf hin, daß dieser Ausdruck von einem jüdischen Zahlenspiel auf die 70 Jahre der babylonischen Gefangenschaft gedeutet werde, deren Dauer ein Drittel der ägyptischen betrage (70 Jahre = 1/3 von 210 Jahren, die für den Aufenthalt in Ägypten angenommen werden).

7 Unsre Nachbarn streiten sich unsertwegen,1 / Und unsre Feinde verspotten uns.2

  1. Wörtlich: "Du setztest uns zur Fehde (zum Zankapfel) unsern Nachbarn." Dies weist darauf hin, daß Assyrien (später auch Babylonien) und Ägypten Israel in ihre Gewalt zu bekommen suchten.
  2. Nach LXX

8 Elohim Zebaôt, stell uns wieder her! / Laß leuchten dein Antlitz, so wird uns geholfen!

9 Einen Weinstock1 hast du aus Ägypten geholt,2 / Hast Völker3 vertrieben und ihn gepflanzt.4

  1. Nämlich: das Volk Israel.
  2. Als Gott durch Mose das Volk aus Ägypten führen ließ.
  3. Die Völker Kanaans.
  4. Indem Israel das Land Kanaan in Besitz nahm.

10 Du hast vor ihm Raum geschafft:1 / So schlug er Wurzeln und füllte das Land.2

  1. Gott gab dem Volk Israel die Möglichkeit, sich weit in Kanaan auszubreiten.
  2. Kanaan wurde von den Israeliten eingenommen.

11 Es deckten sich Berge mit seinem Schatten, / Mit seinen Reben die Zedern Gottes.

12 Seine Ranken sandte er1 bis ans Meer / Und seine Zweige bis an den Strom.2

  1. Der Weinstock.
  2. In V11 und 12 werden die Grenzen des Reiches Israel beschrieben, wie sie unter David und Salomo auch tatsächlich bestanden haben: im Süden die "Berge" Palästinas, im Norden der Libanon mit seinen "Zedern," die ein Bild der Schöpfermacht "Gottes" waren, im Westen das Mittelländische "Meer" und im Osten der "Strom," d.h. der Euphrat.

13 Warum hast du denn seinen Zaun1 zerbrochen, / Daß ihn jeder zerpflückt, der vorübergeht?2

  1. Den Zaun, der den Weinstock schützend umgab.
  2. Alle umliegenden Völker berauben Israel.

14 Der Eber des Waldes frißt ihn ab, / Das Getier des Feldes macht ihn kahl.1

  1. "Der Eber des Waldes" und "das Getier des Feldes" sind ein Bild der Feinde Israels, und zwar bezieht eine jüdische Auslegung den Eber auf Edom, das Getier des Feldes aber auf die Araber.

15 Elohim Zebaôt, o schau doch wieder vom Himmel und sieh — / Sorge für diesen Weinstock:

16 Für den Sprößling, den deine Rechte gepflanzt, / Für den Sohn, den du dir erzogen!1

  1. Der "Weinstock," der "Sprößling" und der "Sohn" bedeuten das Volk Israel.

17 Wie ist er1 mit Feuer verbrannt. / Vor deinem Zornblick laß sie2 vergehn!

  1. Der Weinstock.
  2. Die Feinde Israels.

18 Deine Hand sei über dem Mann deiner Rechten, / Dem Menschensohn, den du dir erzogen:1

  1. Der Mann, der zur Rechten Gottes sitzt und als solcher auch an Gottes königlicher Herrschaft teilnehmen soll, und "der Menschensohn" sind das Volk Israel in seinen treuen Gliedern. vgl. Da 7:27 Wenn Jesus sich als den Menschensohn bezeichnet und als den Mann, der zur Rechten Gottes sitzt, z.B. Mt 26:64 so hat das mit seine Wurzel in diesem Psalmwort (s. auch Ps 110:1).

19 So werden wir nimmer von dir weichen. / Laß uns am Leben, so rufen wir an deinen Namen. Jahwe Elohim Zebaôt, stell uns wieder her! / Laß leuchten dein Antlitz, so wird uns geholfen!

Chapter 81

1 Dem Sangmeister, auf der Gittit.1 Von Asaf.2

  1. S. Ps 8:1.
  2. Daß ein Glied der asafischen Sängerfamilie, die ja, wie schon früher bemerkt, Jahrhunderte hindurch bestanden hat, der Verfasser des 81. Psalms ist, läßt sich schwerlich bestreiten, wenn auch über die Zeit der Entstehung des Psalms nichts Näheres gesagt werden kann. Der Psalm ist offenbar ein für das Passafest bestimmtes Lied. Das geht hervor aus der Erwähnung des Vollmonds und aus dem Hinweis auf die Tötung der Erstgeburt in Ägypten, die ja in der Passanacht stattfand (s. V4 und 6). Es ist eine ansprechende Vermutung von Prof. Kittel, daß V2-6b vom Priesterchor, dagegen V6c-12 von einer Einzelstimme gesungen worden ist.

2 (Der levitische Sängerchor:) / Laßt Jubel erschallen Elohim, unserm Hort, / Jauchzet dem Gotte Jakobs!

3 Stimmt an Gesang, laßt tönen die Pauke, / Die liebliche Zither und Harfe!

4 Blaset am Neumond das Widderhorn, / Beim Vollmond,1 für unsern Feiertag!2

  1. Mit dem Vollmond des Monats Nisan beginnt das Passafest.
  2. Unserm Feiertag zu Ehren.

5 Denn so ist es Satzung für Israel, / Eine Vorschrift des Gottes Jakobs.

6 Als Gebot hat er's für Josef1 bestimmt, / Da er2 auszog wider Ägyptenland.3 / (Eine Einzelstimme:) / Eine Sprache, mir fremd, vernehm ich:4

  1. Josef bezeichnet hier das ganze Volk Israel.
  2. Gott.
  3. Gott zog wider Ägypten aus, als er dort in der Passanacht die Erstgeburt schlug. 2Mo 11:4-5, 12:12
  4. Diese Worte sollen die folgende Rede Gottes einführen. Der Psalmist vernimmt diese Rede plötzlich in seinem Geist. Es ist eine Sprache, die ihm vorher fremd und unbekannt war.

7 "Seinen Nacken hab ich von der Bürde befreit, / Seine Hände wurden des Lastkorbs1 ledig.

  1. Der Fronarbeit in Ägypten. 2Mo 1:14

8 Du riefst in der Not, ich riß dich heraus, / Erhörte dich aus Gewittergewölk,1 / Prüfte dich an Meribas Wassern.2 Sela.

  1. D.h. aus der Wolkensäule heraus; 2Mo 14:19-21
  2. 2Mo 17:1-7, 4Mo 20:13.

9 Höre, mein Volk, ich will dich warnen! / Israel, möchtest du mir gehorchen!

10 Nicht sei unter dir ein fremder Gott;1 / Bete nicht an einen Gott des Auslands!2

  1. Ein fremder Gott oder Götze steht im Gegensatz zu dem wahren Gott.
  2. Der Gott eines ausländischen Volkes steht im Gegensatz zu dem Gott Israels, der allein der wahre Gott ist.

11 Ich, Jahwe, bin dein Gott, / Der dich geführt aus Ägyptenland: / Tu deinen Mund weit auf, / Damit ich ihn fülle!1

  1. Hier ist nicht nur an irdischen Segen, sondern wohl vor allem an geistliche Wohltaten zu denken.

12 Aber mein Volk gehorchte mir nicht, / Israel war mir nicht zu Willen.1

  1. Von V12 bis 17 wird der Psalm zur Bußpredigt. Ist auch das Passa ein Fest der Freude und des Dankes zur Erinnerung an Israels Befreiung aus Ägypten, so soll doch das Andenken an Gottes wunderbare Hilfe zugleich die rechte Bußgesinnung wirken im Blick auf die vielfache Untreue des Volkes und in dem Herzen eines jeden treuen Israeliten den ernsten Vorsatz der Besserung wachrufen.

13 Da stieß ich sie weg, weil ihr Herz so verstockt, / Daß sie folgten den eignen Gedanken.

14 O daß doch mein Volk mir gehorchte, / Daß Israel ginge auf meinen Wegen!

15 Wie leicht könnt ich da ihre Feinde beugen, / Meine Hand gegen ihre Dränger kehren.1

  1. Wie herrlich würde sich Israels Lage gestalten, wenn es gehorsam auf Gottes Stimme hörte und treu in seinen Wegen wandelte!

16 Ihnen müßten schmeicheln, die Jahwe hassen,1 / Und ewig würde währen ihr Glück.2 Mit dem besten Weizen würd ich sie speisen, / Mit Honig aus Felsen dich3 sättigen."4

  1. Sie müßten sich Israel unterwerfen, wenn auch schmeichelnd, also nicht in lauterer Absicht und freiwillig.
  2. Das Glück der treuen Glieder Israels.
  3. Anrede an das Volk Israel.
  4. Gott würde sein Volk, wenn es ihm in Gehorsam folgte, ebenso wunderbar segnen wie zur Zeit der Wüstenwanderung. 5Mo 32:7,12,13

Chapter 82

1 Ein Psalm Asafs.1 / Elohim tritt auf in der Gottesgemeinde, / Unter den "Göttern" hält er Gericht:2

  1. Das kann auch hier bedeuten: ein Psalm, der aus Asafs Jahrhunderte hindurch bestehenden Sängerfamilie hervorgegangen ist.
  2. Der Dichter sieht im Geist Gott in der Gottesgemeinde Israels ehrfurchtgebietend auftreten, um Gericht zu halten. Und wen will er richten? Die "Götter" (hebräisch: Elohim). Mit diesen Elohim oder Göttern sind aber nicht Engel oder Götter der Heiden gemeint, wie neuere Theologen wunderlich erklären, sondern Menschen, und zwar Menschen inmitten des Volkes Israel, auf die Gott (Elohim) etwas von seiner Macht- und Herrscherwürde gelegt hat, so daß sie auch gleichsam als Elohim auf Erden dastehen. Kurz, die "Götter" sind die Richter und Obrigkeiten in Israel (vgl. 2Mo 21:6, 22:7,28, wo die Richter auch Elohim oder "Götter" genannt werden). Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin; aber deshalb muß sie ihr Amt auch im Sinne Gottes ausrichten. Gott hält nun nach Ps 82:1 inmitten der von ihm selbst bestellten Machthaber Gericht und rügt sie wegen der Ungerechtigkeit in der Ausübung ihres Amtes.

2 "Wie lange wollt ihr ungerecht richten / Und Partei für die Frevler nehmen? Sela.

3 Des Geringen, der Waise nehmt euch an, / Dem Gedrückten und Dürftigen schaffet Recht!

4 Befreit den Geringen und Armen, / Aus der Frevler Händen errettet ihn!1

  1. In V3 und 4 wird den Machthabern Gerechtigkeit gerade gegen die eingeschärft, die sich nicht, wie die Großen und Angesehenen, selbst Recht schaffen können.

5 Doch sie erkennen's nicht, sehen's nicht ein,1 / Sie gehen verblendet dahin — / Drum wanken auch alle Grundfesten des Landes.2

  1. In V5 setzt sich die Rede Gottes fort, und zwar als eine Art Selbstgespräch: Die Machthaber verkennen in ihrer Blindheit ihre Stellung und die Pflichten ihres Amtes.
  2. Die göttlichen Gebote sind die Grundfesten des Landes. Werden Gottes Gebote von den ungerechten Richtern mit Füßen getreten, so müssen diese Grundfesten ins Wanken geraten.

6 Ich hab zwar gesagt: 'Götter seid ihr / Und Söhne des Höchsten ihr alle.'

7 Doch wahrlich, wie Menschen werdet ihr sterben, / Fallen wie einer der Fürsten."1

  1. Gottes Rede wendet sich in V6 und 7 wieder an die ungerechten Richter. Ich habe euch (so spricht Gott zu ihnen) zwar dadurch hoch gestellt, daß ihr in meinem Namen als meine Stellvertreter Recht sprechen sollt. Aber weil ihr euch der Ehrennamen "Götter" und "Söhne des Höchsten" unwürdig gezeigt habt, so sollen euch diese Namen genommen werden, und ihr sollt wieder heißen, was ihr in Wirklichkeit seid: "Menschen;" und als Menschen wird euch das Strafgericht eines plötzlichen, gewaltsamen Todes treffen, wie es auch früher schon so manchem Fürsten und Machthaber des Volkes widerfahren ist. — Mit dem Hinweis auf Ps 82:6 beweist Jesus in Joh 10:34-36 den Juden, daß er nicht Gott lästere, indem er sich Gottes Sohn nenne. Die Juden sprachen zu ihm: "Obwohl du ein Mensch bist, willst du doch Gott sein." / Darauf antwortete ihnen Jesus: "Steht nicht in eurem Gesetz (d.h. im Alten Testament, und zwar in Ps 82:6) geschrieben: Ich habe gesagt: 'Ihr seid Götter'? Das Gesetz hat also die Männer, an die dieser Gottesspruch in Ps 82:6 ergangen ist, Götter genannt, und die Schrift muß doch gültig bleiben —: wollt ihr nun den, den der Vater geweiht (für seinen Beruf ausgesondert und durch die Gabe des Heiligen Geistes dazu ausgerüstet) und in die Welt gesandt hat, der Lästerung beschuldigen, weil ich gesagt habe: 'Ich bin Gottes Sohn'?" Der Sinn dieser Worte ist: Wenn in dem unverbrüchlichen Gotteswort in Ps 82:6 schon die obrigkeitlichen Personen Israels, die noch dazu ihre Macht in Ungerechtigkeit mißbrauchten, als Stellvertreter Gottes für sein Volk "Götter" und "Söhne des Höchsten" genannt werden: wie kann man da Jesus, den höchsten und vollkommensten Gesandten und Stellvertreter Gottes, der Lästerung beschuldigen, wenn er sich Gottes Sohn nennt!

8 Auf, Elohim, richte die Erde! / Denn alle Völker sind dein Besitz.1

  1. Die besondere Bitte, Gott möge die gottlosen Richter in Israel richten, treibt den Psalmisten in V8 zu der allgemeinen Bitte, Gott möge auch zum Gericht über die ganze Erde erscheinen.

Chapter 83

1 Ein Lied. Ein Psalm Asafs.

2 Elohim, schaue nicht ruhig zu, / Schweige doch nicht und raste nicht, Gott!1

  1. Sondern greife ein!

3 Denn sieh, deine Feinde toben, / Und deine Hasser erheben das Haupt.

4 Wider dein Volk ersinnen sie listigen Anschlag, / Beraten sich gegen die, die du bewahrst.1

  1. Gemeint sind die Israeliten.

5 "Auf", sagen sie, "laßt uns als Volk sie vernichten, / Daß Israels Name für immer verschwinde!"

6 Denn einmütig haben sie sich beraten, / Wider dich1 einen Bund geschlossen:2

  1. Die Anrede richtet sich an Israel.
  2. Im folgenden werden nun die Feinde aufgezählt, die sich zum Kampf gegen Israel verbündet haben.

7 Edoms Zelte,1 die Ismaeliter,2 / Moab und die Hagriter,3

  1. Die Zelte bewohnenden Edomiter.
  2. Ein arabischer Stamm.
  3. Name eines arabischen Stammes, der jenseits des Jordans im Osten Gileads wohnte.

8 Gebâl1 und Ammon und Amalek,2 / Die Philister samt denen zu Tyrus.

  1. Name einer Gebirgsgegend im Süden des Toten Meeres.
  2. Auf der Sinaihalbinsel.

9 Auch Assur hat sich zu ihnen gesellt, / Es leiht seinen Arm den Söhnen Lots.1 Sela.

  1. Die Söhne Lots sind Moab und Ammon. 1Mo 19:36-38

10 Tu ihnen so wie Midian,1 / Wie Sisera, wie Jabin am Bache Kison!2

  1. Hinweis auf Gideons Sieg über die Midianiter (Richt. 7 und 8; vgl. Jes 9:3, Hab 3:7).
  2. Sisera, der Heerführer des Kanaaniterkönigs Jabin von Hazor, wurde von Barak besiegt (Ri 4).

11 Sie wurden bei Endor vertilgt,1 / Wurden Dünger auf Ackerland.

  1. Endor, nicht weit von Tanaach und Megiddo, gehörte zum Schlachtfeld. Ri 5:19

12 Ihre Edlen mache wie Oreb und Seeb,1 / wie Sébach und Zalmúnna all ihre Fürsten,2

  1. Ri 7:25.
  2. Ri 8:5-21.

13 Weil sie gesprochen: "Wir wollen für uns / Einnehmen die Auen Gottes."1

  1. Gemeint ist das Land Kanaan.

14 Mein Gott, mache sie wie Laub,1 / Wie Stoppeln, die der Wind wegtreibt,

  1. Hebräisch gálgal (Rad). Dieses Wort bedeutet wohl genau die kugelförmig zusammengerollten Stengel der wilden Artischocke, die in großer Menge als rollende Räder vom Wind über die Erde dahingetrieben werden.

15 Wie Feuer, das einen Wald verbrennt, / Wie die Flamme, die Berge1 entzündet!

  1. Das Gras der Berge.

16 Verfolge sie so mit deinem Sturm, / Und mit deiner Windsbraut schrecke sie!

17 Mach ihr Antlitz voll Schmach, / Damit sie nach deinem Namen fragen, o Jahwe!

18 Sie sollen zuschanden werden, erschrecken für immer, / Erröten vor Scham und vergehen! Dann laß sie erkennen, daß du, des Name Jahwe heißt, / Allein der Höchste bist auf der ganzen Erde.1

  1. V17-19: Die Völker müssen erst tief gedemütigt werden, ehe sie dahin kommen, Gott die Ehre zu geben und seine Hilfe zu suchen. — Ps. 83 schildert, wie sich zahlreiche heidnische Völker zur Vernichtung Israels verbündet haben (V2-9), und er bittet Gott, er möge das Vorhaben der Feinde vereiteln und seinem Volk Hilfe senden wie zur Richterzeit in den Kämpfen der Israeliten gegen die nördliche

Chapter 84

1 Dem Sangmeister, auf der Gittit.1 Ein Psalm der Söhne Korahs.

  1. Vgl. Ps 8:1.

2 Wie lieblich ist deine Wohnung, / Jahwe, der Heerscharen Herr!

3 Meine Seele hat sich schon immer gesehnt, ja geschmachtet / Nach den Vorhöfen Jahwes. / Mein Herz und mein Leib / Jubeln entgegen dem lebendigen Gott.

4 Auch der Sperling findet ein Haus / Und die Schwalbe ein Nest, wo sie ihre Jungen birgt: / Deine Altäre, Jahwe, der Heerscharen Herr, / Mein König und mein Gott.1

  1. Der Sinn von V4 ist: Sperling und Schwalbe sind glücklicher als der Psalmist, der fern von Gottes Heiligtum sein muß. Sie dürfen im Heiligtum nisten (was übrigens auch die Mohammedaner den Vögeln bei der Kaaba in Mekka und bei anderen Moscheen erlauben), während er nicht an Gottes Gnadenstätte weilen kann.

5 Heil den Bewohnern deines Hauses: / Sie loben dich immerdar! Sela.

6 Heil denen, die in dir ihre Stärke finden, / Während sie Pläne im Herzen bewegen!1

  1. V6-8 reden nicht nur von den Festpilgern, die nach Jerusalem ziehen, um dort das Heiligtum zu besuchen, sondern sie sprechen überhaupt von allen Frommen und ihrer Lebensführung im Dienst Gottes. V6b will sagen: Auf allen ihren Lebenswegen blicken die Frommen vertrauensvoll auf Gott und schöpfen bei allen ihren Unternehmungen aus ihm Kraft und Stärke.

7 Wandern sie durch ein dürres Tal:1 / Sie machen es zum Quell;2 / Auch hüllt es Frühregen in Segen.3

  1. Wörtlich: "durch das Baka-Tal." Baka ist der Name eines der Balsamstaude ähnlichen Baumes. Es ist möglich, daß dieser Baum einem dürren Tal den Namen gegeben hat. Die alten Übersetzungen haben: "Tränental".
  2. Müssen die Frommen auch schwere Wege gehen, im Blick auf Gott werden es für sie doch immer Wege des Heils. vgl. Ps 23:4
  3. Der Regen der göttlichen Gnade, den der wichtige Herbstregen abbildet, läßt für alle, die Gott liebhaben, auch in der Dürre, in Zeiten der Not und Trübsal, Segen sprießen. So empfangen sie stets neue Kraft. vgl. Jes 40:31 mit V8

8 Sie schreiten von Kraft zu Kraft: / So zeigt sich El Elohim,1 / Der da wohnet in Zion.2

  1. S. zu diesen Gottesnamen Ps 50:1. In der immer wieder sich erneuernden Kraft der Frommen zeigt oder offenbart sich Gott in seiner Gnade: der Gott, der in dem Heiligtum auf Zion wohnt.
  2. In V6-8 folge ich im wesentlichen Ed. König.

9 Jahwe Elohim Zebaôt, / Erhöre doch mein Gebet, / Merke darauf, Gott Jakobs! Sela.

10 Du, unser Schild, sieh drein, Elohim, / Schau gnädig an das Antlitz deines Gesalbten!1

  1. D.h. des Königs Israels, der vertrauensvoll zu dir aufblickt und der sich auch in seiner Verbannung nach deinem Heiligtum zurücksehnt.

11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als tausend andre. / Lieber will ich in meines Gottes Haus an der Schwelle stehn / Als in den Zelten des Frevlers wohnen.1

  1. Ich will lieber die niedrigste Stelle einnehmen in der Gemeinde und im Dienst Gottes als eine sichere, behagliche Stellung in der ungläubigen Welt haben.

12 Denn Zinne1 und Schild ist Jahwe Elohim. / Gunst und Ehre wird Jahwe geben; / Nicht läßt er Gutes mangeln / Denen, die schuldlos wandeln. Jahwe, der Heerscharen Herr, / Heil dem Menschen, der dir vertraut!2

  1. Eine Mauerzinne auf einer Festung, die Schutz gewährt. vgl. Jes 54:12
  2. Ps. 84 scheint der Zeit anzugehören, als David vor seinem Sohn Absalom fliehen mußte und er nun fern von Jerusalem und dem Heiligtum auf Zion war. In seinem Gefolge befindet sich auch ein Getreuer aus Korahs Sängerfamilie. Der will durch diesen Psalm seinem vertriebenen König Trost einflößen. Seine und des Königs Sehnsucht nach dem Heiligtum auf Zion gibt ihnen beiden auch die Gewißheit, daß sie wieder dorthin zurückkehren werden. Diese Glaubenszuversicht treibt dann den Psalmisten zu einer Fürbitte für den König (in V10), die Gott gnädig erhören wird. / Wenige Psalmen klingen so häufig wieder in den schönsten christlichen Liedern wie dieser köstliche 84. Psalm.

Chapter 85

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm der Söhne Korahs.1

  1. S. Ps 42:1.

2 Du hast zwar, Jahwe, dein Land begnadigt, / Jakobs Gefangne zurückgeführt;

3 Du hast deines Volkes Schuld vergeben, / All seine Sünde zugedeckt; Sela.

4 Hast all deinen Grimm zurückgezogen, / Von deiner Zornglut abgelassen:

5 So stell uns nun aber auch wieder her, du Gott unsers Heils, / Gib auf deinen Unmut gegen uns!

6 Willst du denn ewig über uns zürnen, / Deinen Grimm hinziehn von Geschlecht zu Geschlecht?

7 Willst du uns denn nicht wieder beleben, / Daß sich dein Volk erfreue an dir?

8 Laß, Jahwe, uns deine Gnade schaun, / Und deine Hilfe schenke uns!

9 Ich will lauschen auf das, was El Jahwe1 nun reden wird!2 — / Wahrlich, Frieden verheißt er seinem Volk und seinen Getreuen / Und warnt sie, nicht wieder in Torheit zu fallen.

  1. S. die Gottesnamen in Ps 50:1.
  2. Der Psalm versetzt uns wahrscheinlich in die Zeit, da die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind (V2-4). Aber sie haben noch mit mancher Not zu kämpfen, so daß ihre völlige Wiederherstellung noch fehlt. Darum bittet der Psalmist, Gott möge seinen Zorn nun ganz schwinden lassen und seinem Volk willkommenes Heil verleihen (V5-8). Auf dieses Gebet folgt in V9-14 eine göttliche Antwort, die der Dichter in seinem Geist vernimmt: Gott verheißt seinem Volk Glück und Heil, wenn es nicht wieder in seine früheren Sünden zurückfällt.

10 Gewiß, nah ist den Frommen1 sein Heil, / Daß Herrlichkeit2 wohne in unserm Land,

  1. Wörtlich: "denen, die ihn fürchten".
  2. Statt der früheren Demütigung durch die Feinde.

11 Daß Huld und Treue einander begegnen, / Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

12 Treue wird aus der Erde sprossen, / Und Gerechtigkeit schaut vom Himmel herab.

13 Jahwe wird auch das Gute spenden, / Und unser Land gibt seinen Ertrag. Gerechtigkeit wird vor ihm1 schreiten / Und ihn begleiten auf seinen Tritten.

  1. Vor Gott, der in dem Land seines Volkes gegenwärtig ist.

Chapter 86

1 Ein Gebet Davids. / Neige, Jahwe, dein Ohr, erhöre mich, / Denn ich bin elend und arm!

2 Behüte mein Leben, denn ich bin fromm. / Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, / Der sich auf dich verläßt!

3 Sei du, Adonái, mir gnädig, / Denn zu dir ruf ich den ganzen Tag!

4 Deines Knechtes Seele erfreue, / Denn zu dir, Adonái, erheb ich mein Herz.

5 Denn du, Adonái, bist gütig, verzeihest gern, / Bist reich an Gnade für alle, die zu dir rufen.

6 Vernimm doch, Jahwe, mein Beten; / Horch auf mein lautes Flehn!

7 Bin ich in Not, so ruf ich dich an, / Weil du mich erhörst.

8 Dir, Adonái, gleicht keiner unter den Göttern, / Und deinen Werken kommt nichts gleich,

9 Alle Völker, die du gemacht,1 sie müssen kommen, / Vor dir, Adonái, sich bücken / Und deinen Namen ehren.2

  1. Die du als Völker ins Dasein gerufen und im Bestehen erhalten hast.
  2. V9 ist ein Zeugnis dafür, wie lebendig die Hoffnung auf die künftige Ausbreitung des Reiches Gottes über die ganze Welt in den Herzen der alttestamentlichen Frommen war.

10 Denn du bist groß und wundertätig, / du, du allein bist Gott.

11 Lehre mich, Jahwe, deinen Weg!1 / Dir treu und ergeben: so möchte ich wandeln. / Richte mein Herz auf das Eine: / Deinen Namen zu fürchten.

  1. Den Weg, der dir wohlgefällt.

12 Danken will ich dir, Adonái, mein Gott, von ganzem Herzen — / Und deinen Namen für immer ehren.

13 Denn deine Huld gegen mich war reich: / Aus größter Todesgefahr hast du mich errettet.1

  1. In V14 wird nun diese Todesgefahr geschildert.

14 Elohim, es haben sich Frevler erhoben wider mich, / Und eine Rotte von Schreckensmännern trachtet mir nach dem Leben; / Sie haben dich nicht vor Augen.

15 Aber du, Adonái, bist ein barmherziger, gnädiger Gott, / Langmütig und reich an Huld und Treu.

16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig, / Verleih deinen Schutz deinem Knecht / Und hilf doch dem Sohn deiner Magd!

17 Tu ein Zeichen an mir zum Guten,1 / Daß meine Hasser voll Scham es sehn, / Weil du mir geholfen, o Jahwe, und mich getröstet.2

  1. Gib mir einen tatsächlichen Beweis deiner Hilfe, daß meine Feinde, wenn sie sehen, wie du mir beistehst, beschämt werden und ich dadurch reichen Trost empfange.
  2. Der Psalm läßt sich wohl nur insofern in der Überschrift "ein Gebet Davids" nennen, weil er aus manchen Stellen davidischer Psalmen erwachsen ist. Der Psalm enthält siebenmal den Gottesnamen Adonái.

Chapter 87

1 Ein Psalmlied der Söhne Korahs.1 / Er2 hat es3 gegründet auf heiligen Bergen.4

  1. Vgl. Ps 42:1.
  2. Gott.
  3. Zion.
  4. Die "Berge" sind die verschiedenen Hügel, in die der Berg Zion sich teilt.

2 Zions Tore liebt Jahwe mehr / Als alle Wohnungen Jakobs.1

  1. Zion ist Gott die liebste Stätte in ganz Israel; da will er wohnen, von dort will er sein Volk segnen.

3 Herrliches ist über dich verheißen, / O du Stadt Elohims.1 Sela.

  1. Die Stadt Elohims ist Jerusalem. Bei den Verheißungen ist z.B. zu denken an Jes 2:2-4, 28:16:60:1-10; Mic 4:1-2.

4 "Ich1 nenne Rahab2 und Babel als meine Bekenner.3 / Ja, von Philistäa und Tyrus samt Kusch4 sag ich: / ['Diese5 sind dort6 geborn.'"7

  1. In V4 nimmt Gott selbst das Wort.
  2. Rahab (Toben, Ungestüm) ist ein Name Ägyptens. (Franz Delitzsch übersetzt in Jes 30:7 Rahab als Namen Ägyptens sehr passend mit "Großmaul." Ägypten verspricht Juda Hilfe, aber tut nichts, obwohl es den Mund vollnimmt.)
  3. Vgl. Ps 68:32, Jes 19:19-21,24,25.
  4. Äthiopien. Ps 68:32
  5. Wörtlich: "dieser" oder "dieses." Gemeint ist jedes einzelne der drei genannten Völker, von denen jedes gleichsam wie ein Mann erscheint.
  6. In Zion.
  7. Gott spricht in V4 von dem hohen Beruf Zions und Jerusalems: dort sollen die Auserwählten aus den Heiden, unter denen fünf Völker besonders genannt werden, gleichsam eine Neugeburt erleben, indem sie Gott erkennen, an den Segnungen seines Reiches Anteil empfangen und so mit Israel Heimatrecht erlangen. In der Tat gehören die in V4 genannten Völker zu denen, die in der apostolischen Zeit dem neuen geistlichen Zion, der Kirche, die ersten Kinder schenkten. In Ägypten z.B. gründete der Evangelist Markus nach der Überlieferung die Kirche in Alexandria. In Asdod im alten Philisterland wirkte der Evangelist Philippus aus Jerusalem. Apg 8:40 Durch ihn kam auch der Erstling Äthiopiens, der Großschatzmeister der dortigen Königin Kandaze, zum Glauben an Christus und zur Taufe. Apg 8:26-29 Zu Tyrus in Phönizien fand Paulus eine christliche Gemeinde. Apg 21:3-6 Vgl. noch die Stellen Ga 4:26, Heb 12:22, Eph 2:11-22, Ga 3:27-29, Kol 3:11, in denen von der Aufnahme der Heiden in das Zion und Jerusalem des Neuen Bundes die Rede ist.]

5 Aber von Zion wird's heißen:1 / "Jeder ist da2 geboren,3 / Und er selbst, der Höchste, erhält es."4

  1. V5 sind Worte des Dichters.
  2. In Zion.
  3. Jeder einzelne erfährt in Zion eine innere Umwandlung, die einer Neugeburt gleichkommt. Das gilt von Zions eigenen Kindern und auch von den fremden Kindern aus der Heidenwelt, deren geistliche Mutter sie sind.
  4. Zion wird durch den beständigen Zuwachs, den es erfährt, immer größer und herrlicher: Gott erhält es in dauerndem Bestand.

6 Jahwe wird verzeichnen die Völker:1 / "Diese sind dort2 geboren!" Sela.

  1. Gott wird hier dargestellt als ein König, der eine Zählung aller einzelnen Glieder seines großen Volkes vornimmt und sie in ein Verzeichnis eintragen läßt.
  2. In Zion.

7 Und singend und tanzend1 ruft man laut:2 / "All meine Quellen sind in dir!"

  1. Gemeint ist ein Tanzen in geistlicher Freude. vgl. 2Sa 6:14-15
  2. V7 deutet wohl auf ein Dankfest, das die bekehrten Heiden in Zion feiern. Der Inhalt ihres Festgesanges ist: "All meine Quellen sind in dir, o Zion, und Jerusalem, du Gottesstadt." Gemeint sind die Heilsquellen der göttlichen Gnade, aus denen jeder einzelne Bürger Zions und Jerusalems schöpfen darf. — In welche Zeit fällt Ps. 87? Vielleicht gehört er zu den Dankliedern, die unter Hiskia nach der wunderbaren Errettung Jerusalems vor dem Heer des Assyrerkönigs Sanherib entstanden sind. Dieses Ereignis machte auf die anderen von Assur bedrohten Völker tiefen Eindruck, so daß manche von ihnen dem König Hiskia Geschenke nach Jerusalem sandten und er in den Augen aller Völker hoch dastand. 2Ch 32:23 So konnte der Blick der Gläubigen in Juda auf jene Zeit des künftigen messianischen Reiches gerichtet werden, wo Jerusalem wirklich der geistliche Mittelpunkt für alle Völker werden soll. Und gerade dies kommt ja in unserem Psalm zum Ausdruck.

Chapter 88

1 Ein Psalm der Söhne Korahs. Dem Sangmeister, nach schwermütiger Weise1 mit gedämpfter Stimme vorzutragen (?): eine Betrachtung (?) Hemans, des Esrahiters.2

  1. Hebräisch: "nach Machalát. s. Ps 53:1
  2. Das sind zwei verschiedene Überschriften. Während die Söhne Korahs dem Stamm Levi angehörten, war Heman als Esrahit, d.h. als Sohn Serahs, ein Glied des Stammes Juda. vgl. 1Kön 5:11, 1Ch 2:3-6 Vielleicht ist die zweite Überschrift richtig.

2 Jahwe, du Gott meines Heils, / Tagsüber hab ich schon immer geschrien, / Des Nachts liege ich vor dir.

3 Mein Gebet möge vor dich kommen! / Neige dein Ohr meinem lauten Flehn!

4 Denn mit Leiden bin ich gesättigt, / Und mein Leben ist nahe dem Totenreich.

5 Man zählt mich schon denen zu, die in die Grube hinunterfahren; / Ich bin wie ein Mann ohne Lebenskraft.

6 Unter den Toten ist mein Lager; / Ich gleiche Erschlagnen, die im Grabe ruhn, / Deren du nicht mehr gedenkst — / Sie sind ja getrennt von deiner Hand.1

  1. Von deiner helfenden und segnenden Hand. vgl. Ps 6:6

7 Du hast mich gelegt in die unterste Grube, / In dichte Finsternis und in die Tiefen.1

  1. Bildliche Bezeichnungen des Totenreiches.

8 Auf mir lastet dein Grimm; / All deine Wogen drücken mich nieder. Sela.

9 Meine Freunde hast du von mir entfernt, / Du hast mich ihnen zum Abscheu gemacht. / Ich bin eingeschlossen, kann nicht hinaus.1

  1. Das lautet wie die Klage eines Aussätzigen (vgl. 3Mo 13).

10 Mein Auge verschmachtet vor Elend. / Ich rufe dich, Jahwe, tagtäglich an, / Breite zu dir meine Hände aus:1

  1. Indem ich spreche, da ich ja immer dem Tod näherkomme: V11-13.

11 Tust du denn für die Toten Wunder? / Erheben sich Schatten, um dir zu danken?1 Sela.

  1. Stehen denn die Schatten der Unterwelt, d.h. die Verstorbenen wieder auf aus ihren Gräbern? Daran ist doch nicht zu denken! Der Psalmist kennt also noch nicht die Auferstehungshoffnung.

12 Erzählt man im Grabe von deiner Güte, / Von deiner Treue im Totenreich?

13 Wird in der Finsternis dein Wunderwalten kund / Und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?"1

  1. D.h. im Totenreich, wo es kein Denken und Handeln mehr gibt. vgl. Pre 9:5,6,10 Man denke hier an Lethe (die Vergessenheit), den Fluß in der Unterwelt, aus dem nach der Meinung der alten Griechen und Römer die Schatten der Toten tranken und das Vergangene vergaßen.

14 Ich aber1 schreie, o Jahwe, zu dir, / Schon morgens begrüßt dich mein Gebet:2

  1. Im Gegensatz zu den Toten in der Unterwelt.
  2. Der Inhalt des Gebets wird in V15 kurz angegeben.

15 "Warum denn, Jahwe, verwirfst du mich, / Verhüllest vor mir dein Angesicht?"

16 Ich bin ja so elend: hinsterbend von Jugend auf. / Das schreckliche Los, das du mir bestimmt, / Ich hab es ertragen — nun bin ich erschöpft!

17 Deine Zornesgluten gehn über mich; / Es vernichten mich deine Schrecken.

18 Wie Wasser umgeben sie mich allezeit, / Umringen mich allzumal. Du hast alle Lieben von mir entfernt, / Mir bleibt als Freund nur — die Finsternis!1

  1. Die Finsternis des Totenreichs ist der einzige Freund, der dem Psalmisten geblieben ist. vgl. Hio 17:14 / Der Dichter des 88. Psalms leidet an einer Krankheit, bei der er den sicheren Tod vor Augen sieht (V4-6). Nach V9 scheint es sich um den Aussatz zu handeln, und aus V16 würde dann hervorgehen, daß der Psalmist mit diesem entsetzlichen Leiden schon von Jugend auf behaftet gewesen ist. Er wäre, wenn dies alles zutrifft, ein Dulder wie Hiob. Aber in seinem furchtbaren Leiden, ja in seiner Hoffnungslosigkeit ruft er doch unaufhörlich zu Gott (V14). Je höher seine Not steigt, desto inniger schließt er sich an Gott. Und kann er auch keine Hilfe erwarten, so will er doch in seinem tiefen Weh sein Herz vor Gott ausschütten und ihm schweigend sein Los überlassen.

Chapter 89

1 Eine Betrachtung (?) Etans, des Esrahiters.1

  1. Vgl. Ps 89:1. — Die Verfasserschaft Etans, des Esrahiters, eines Zeitgenossen Davids und Salomos, läßt sich bei diesem Psalm schwerlich festhalten. Denn aus seinem Inhalt geht hervor, daß er erst nach dem Untergang des Reiches Juda im Jahr 586 v.Chr. und der Entthronung des Hauses Davids entstanden ist. Der Psalm geht davon aus, daß Gott dem David die herrlichsten Verheißungen gegeben hat. Aber im schärfsten Gegensatz dazu steht das traurige Geschick, das über Davids Thron und Reich hereingebrochen ist. Doch der Dichter baut auf die Treue Gottes, der sein Wort an seinem Gesalbten und seinem ganzen Volk sicher erfüllen wird. Im Licht des Neuen Testaments wissen wir, daß Christus den Thron seines Ahnherrn David empfangen hat und daß sein Reich kein Ende nehmen wird. Lu 1:31-33

2 Jahwes Gnaden1 will ich ewig besingen, / Für und für deine Treue verkünden.

  1. D.h. Gottes gnädige Verheißungen.

3 Denn ich sage: Der Gnadenbau währet für immer,1 / Am Himmel befestigst du deine Treu.2

  1. D.h. Gottes Gnade währet ewig.
  2. So daß sie fest wie die Sonne über der Erde steht.

4 "Ich schloß einen Bund mit meinem Erwählten,1 / Hab meinem Knechte David geschworen:

  1. Nämlich: mit David. — In V4 und 5 folgen Worte Gottes; sie bilden den Hauptinhalt der David und seinen Nachkommen gegebenen Verheißungen, auf die der Psalmist dann von V20 an näher eingeht.

5 Auf ewig laß ich deinen Samen bestehn, / Deinen Thron will ich baun für alle Geschlechter." Sela.

6 Da priesen die Himmel, o Jahwe, dein Wunder,1 / Deine Treu in der Heilgen Versammlung.2

  1. Die Bundschließung Gottes mit David wurde im Himmel von den Engeln als ein Wunder der göttlichen Gnade laut gepriesen.
  2. Die Heiligen sind die Engel.

7 Denn wer in den Wolken ist Jahwe ähnlich, / Wer gleicht ihm unter den Gottessöhnen?1

  1. Die Söhne Gottes sind die Engel.

8 Man fürchtet Gott sehr in der Heiligen Rat;1 / Es scheuen ihn alle, die um ihn sind.2

  1. In der Ratsversammlung der Engel.
  2. Die Engel; vgl. Jes 6:2-3, 1Kön 22:19, Da 7:10.

9 Jahwe, der Heerscharen Gott, wer ist wie du? / Jah,1 du bist stark, / Und deine Treue ist um dich her.2

  1. Über den Gottesnamen "Jah" s. den Schluß der Einleitung.
  2. Gottes Herrlichkeit würde nur schrecken; aber seine Treue, die gleichsam seine stete Begleiterin ist, erweckt Vertrauen zu ihm trotz seiner überwältigenden Majestät.

10 Du bändigst des Meeres Stolz;1 / Wenn sich seine Wogen türmen — du stillest sie.

  1. Das stolze Brausen des Meeres.

11 Du hast ja Rahab1 zermalmt wie einen Durchbohrten,2 / Mit deinem starken Arm hast du deine Feinde zerstreut.3

  1. Ägypten. vgl. Ps 87:4
  2. So daß das stolze Ägypten wie ein tödlich Getroffener dahinsank.
  3. Wahrscheinlich eine Anspielung auf die Vernichtung der Ägypter bei dem Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer.

12 Dein ist der Himmel, dein auch die Erde; / Die Welt und was sie füllet — du hast sie gegründet.

13 Norden und Süden — du hast sie geschaffen. / Tabor und Hermon jauchzen ob deines Namens.1

  1. Diese beiden Berge, der liebliche Tabor im Westen und der hochragende Hermon im Osten des Landes Kanaan, machen den Eindruck, als freuten sie sich über Gottes herrliche Schöpfermacht.

14 Dein ist ein Arm mit Heldenkraft. / Mächtig ist deine Hand, deine Rechte erhaben.

15 Gerechtigkeit und Recht sind deines Thrones Stützen, / Gnade und Treue gehn vor dir her.

16 Heil dem Volke, das Jubel kennt,1 / Das im Licht deines Angesichts wandelt, o Jahwe!

  1. Gemeint ist der Jubel darüber, daß Gott der König Israels ist.

17 Ob deines Namens werden sie allzeit jubeln, / Und durch deine Treue stehen sie aufrecht da.1

  1. So daß sie keine Not und Gefahr niederbeugen kann.

18 Denn du gibst die Kraft, die sie schmückt, / Durch deine Huld machst du uns mächtig.

19 Denn von Jahwe kommt unser Schutz, / Und der Heilige Israels schirmt unsern König.1

  1. So daß Davids Thron nicht für immer umgestoßen bleibt.

20 Damals1 hast du im Gesicht2 gesprochen zu deinen Vertrauten:3 / Ich habe einem Helden Beistand geliehn, / Einen Jüngling4 erhöht aus dem Volk.

  1. Als Gott die Verheißung in V4 gab.
  2. Im nächtlichen Traumgesicht. 2Sa 7:4, 1Ch 17:3
  3. Dem Propheten Natan. 2Sa 7:4-7; 1Ch 17:3-6
  4. Nämlich: David, den jüngsten Sohn Isais.

21 Meinen Knecht David hab ich gefunden, / Mit meinem heilgen Öl ihn gesalbt.

22 Meine Hand soll ihn stützen, / Auch mein Arm ihn stärken.

23 Kein Feind darf ihn unversehns überfallen, / Kein Frevler ihn drücken.

24 Seine Dränger will ich vor ihm zerschmettern, / Und, die ihn hassen, schlagen.

25 Ihn aber soll meine Treue und Gnade begleiten, / Und durch meinen Namen wird groß seine Macht.

26 Seine Hand will ich legen aufs Meer / Und auf die Ströme seine Rechte.1

  1. Damit er davon Besitz ergreife. In V26 wird dem König die Weltherrschaft verheißen.

27 Er wird zu mir sprechen: 'Mein Vater bist du, / Mein Gott und der Hort, der mir hilft.'1

  1. Vgl. 2Sa 7:14-16.

28 Und ich will ihn machen zum Erstgebornen, / Zum höchsten der Könige auf Erden.

29 Auf ewig will ich ihm meine Huld bewahren, / Und es bleibt mein Bund ihm getreu.

30 Seine Nachkommen will ich für immer erhalten, / Seinen Thron, solange der Himmel währt.

31 Verlassen seine Söhne mein Gesetz, / Und wandeln sie nicht nach meinen Rechten,

32 Entweihen sie meine Satzungen, / Und halten sie meine Gebote nicht:

33 So straf ich zwar mit dem Stab1 ihre Vergehn / Und ihre Verschuldung mit Schlägen;

  1. Mit der züchtigenden Rute.

34 Meine Huld aber werd ich ihm1 nicht entziehn / Und meine Treue nicht brechen.

  1. David.

35 Ich will meinen Bund nicht entweihn / Und meiner Lippen Versprechen nicht ändern.

36 Eins hab ich geschworen bei meiner Heiligkeit: / David werd ich wahrlich nicht lügen.

37 Seine Nachkommen sollen ewig bleiben, / Sein Thron vor mir stehn so lang wie die Sonne,

38 Wie der Mond, der für immer bleibt / Als ein dauernder Zeuge1 in dem Gewölk." Sela.

  1. Für den Fortbestand des Davidischen Geschlechts.

39 Und dennoch hast du verschmäht und verworfen!1 / Du hast über deinen Gesalbten2 gezürnt,

  1. Nämlich: König und Volk.
  2. Den gesalbten König aus Davids Haus.

40 Hast aufgehoben den Bund mit deinem Knecht,1 / Seine Krone entweiht und zu Boden geworfen.

  1. Der König ist der König.

41 Du hast all seine Mauern zerrissen,1 / Seine Festen in Trümmer gelegt.

  1. Vgl. Ps 80:13, Jes 5:5. — Von V41-46 scheint der Psalmist außer dem König auch an das Volk zu denken, und zwar mehrfach unter dem Bild des Weinbergs.

42 Alle, die des Weges zogen, haben ihn geplündert, / Er ist seinen Nachbarn zum Hohn geworden.

43 Seiner Dränger Macht hast du erhöht, / Hast all seine Feinde mit Freude erfüllt.

44 Auch hast du zurückgedrängt sein scharfes Schwert1 / Und ihm im Kriege nicht Sieg verliehn.

  1. Da die Feinde ihn besiegt haben.

45 Du hast seinen Glanz zerstört / Und seinen Thron zu Boden gestürzt.

46 Du hast die Zeit seiner Jugend verkürzt,1 / Ihn mit Schande bedeckt.2 Sela.

  1. Du hast den König durch das Elend, in das er geraten ist, vor der Zeit alt werden lassen. Dürfen wir hier an Zedekia, den letzten König Judas, denken? Er bestieg im Alter von 21 Jahren den Thron und regierte 11 Jahre. Nach seiner Gefangennahme wurde er auf Nebukadnezars Befehl geblendet und nach Babel gebracht (2. Kön. 24,18; 25,6-7).
  2. Auch diese Worte passen sehr gut auf Zedekia.

47 Wie lange, Jahwe, willst du dich verbergen? Etwa für immer?1 / Soll denn dein Grimm wie Feuer brennen?

  1. Vgl. Ps 79:5.

48 Gedenke, wie kurz mein Leben ist, / Wie vergänglich du schufst alle Menschenkinder!

49 Wer bliebe am Leben und stürbe nicht, / Wer könnte entrinnen des Todes Macht? Sela.

50 Wo sind, Adonái, deine frühern Gnaden,1 / Die du David geschworen in deiner Treu?

  1. Gnadenverheißungen.

51 Gedenk, Adonái, deiner Knechte Schmach! / Gedenke, daß ich in meinem Busen / Trage die vielen Völker alle!1

  1. Der Psalmist klagt im Namen des ganzen Volkes, daß er die Feinde Israels, die an dem Lebensmark des Volkes nagen, gleichsam stets mit sich herumträgt, ohne sich ihrer erwehren zu können.

52 Gedenke, Jahwe, wie deine Feinde gelästert haben, / Wie sie gelästert / Deines Gesalbten Fersen!1 Gepriesen sei Jahwe in Ewigkeit! / Amen. Amen.2

  1. Der Ausdruck "Fersen" ist dunkel. Weist er vielleicht auf die vergebliche Flucht Zedekias, des letzten Königs von Juda? (2. Kön. 25,4-7.) Wahrscheinlich wurde er wegen dieser Flucht und wegen des schlimmen Loses, das ihn nach seiner Gefangennahme traf, von den Feinden verhöhnt und verspottet. Vielleicht ist Ps. 89 unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems entstanden, als das traurige Schicksal Zedekias noch in frischer Erinnerung war.
  2. V53 gehört nicht zum 89. Psalm. Er bildet die Lobpreisung, womit das dritte Buch des Psalters schließt. vgl. Ps 72:20

Chapter 90

1 Ein Gebet Moses, des Mannes Gottes.1 / Adonái, du bist uns Zuflucht gewesen in allen Geschlechtern.

  1. Es liegt kein Grund vor, Mose diesen Psalm abzusprechen. Mose scheint ihn am Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung Israels, also kurz vor seinem Tod, gedichtet zu haben. Mose, nun ein Greis im höchsten Lebensalter — er starb 120jährig —, hat fast alle dahinsterben sehen müssen, die mit ihm aus Ägypten ausgezogen waren. Er weiß: Die Ursache all des Elends, von dem Israel betroffen worden ist, ist Gottes Zorn über des Volkes Sünde. Aber er blickt durch die dunklen Wolken, die den Himmel für Israel verhüllen, vertrauensvoll in das helle Morgenlicht einer neuen Gnadenzeit.

2 Eh Berge entstanden, / Eh Erd und Weltkreis geschaffen wurden, / Warst du schon da, o Gott;1 / Ja, von Ewigkeit bist du und bleibst in Ewigkeit.

  1. Hebräisch: "El" (s. über diesen Gottesnamen den Schluß der Einleitung).

3 Du wandeltest die Sterblichen in Staub / Und sprachst: "Kehrt wieder,1 ihr Menschenkinder!"

  1. Zurück zum Staub der Erde.

4 Denn in deinen Augen sind tausend Jahre / Wie der gestrige Tag, wenn er entschwindet,1 / Wie eine Wache in der Nacht.2

  1. Und der Eindruck seiner Kürze und Nichtigkeit am stärksten ist.
  2. Die noch kürzer sind als der Tag. Die Juden teilten die Nacht in drei Nachtwachen. — Mit V4 vgl. 2Pe 3:8.

5 Du hast sie weggeschwemmt1 wie Morgenschlaf.2 / Sie glichen dem sprossenden Gras:

  1. Während der vierzigjährigen Wüstenwanderung.
  2. Der dem Schläfer schnell vergeht.

6 Am Morgen blüht es und sprosset neu, / Am Abend schneidet man's, und es verdorrt.1

  1. Die Ursache dieser Nichtigkeit und Flüchtigkeit des menschlichen Lebens ist die Sünde (s. V7ff.).

7 Denn geschwunden sind wir1 durch deinen Zorn, / Hinweggeschreckt durch deinen Grimm.

  1. Mose schließt sich mit ein. Das ganze ältere Geschlecht der Israeliten mußte in der Wüste sterben; auch Mose und Aaron kamen nicht in das Gelobte Land.

8 Du hast unsre Sünde vor dich gestellt, / Unser heimlich Tun1 in das helle Licht, / Das von deinem Antlitz strahlet.

  1. Heimliche sündige Gedanken: Gedanken des Zweifels, des Unglaubens usw., die z.B. zu der Abgötterei mit dem goldenen Kalb führten (2Mo 32).

9 So sind all unsre Tage dahingefahren1 durch deinen Zorn, / Unsre Jahre haben wir zugebracht / Wie einen flüchtigen Gedanken.2

  1. Während der Wüstenwanderung.
  2. Der ja schnell entschwindet.

10 Unsre Lebenszeit1 — bei ihnen währet sie siebzig Jahr, / Und haben sie starke Lebenskraft, so sind es achtzig Jahr.2 / Und was sie mit Stolz erfüllte,3 das war nur Mühsal und Unglück. / Denn schnell ist's enteilt4 — wir flogen!5

  1. Hier unterbricht Mose, weil er damals schon in rüstiger Kraft ein sehr hohes Lebensalter erreicht hatte. vgl. 5Mo 34:7 Er geht deshalb von der ersten Person auf die dritte über: "bei ihnen," d.h. bei seinen Zeitgenossen, die in der Wüste starben (nach Ed. König).
  2. 70, höchstens 80 Jahre erreichte das Geschlecht, das in der Wüste starb.
  3. Und worauf sie sich deshalb verließen. Hier ist vielleicht mit Ed. König an den Überfluß von Wachteln und Manna zu denken, der aber vielen wegen ihrer Unmäßigkeit nur zum Unglück wurde. 4Mo 11:31-35
  4. Worauf sie stolz waren und sich verließen.
  5. Gleichsam auf den Flügeln der Vergänglichkeit.

11 Doch wer erkennt deines Zornes Gewalt / Und deinen Grimm, indem man dich fürchtet?1

  1. Genauer: "gemäß der Furcht, die dir gebührt." Die Erkenntnis des göttlichen Zorns soll aus der Ehrfurcht vor Gott hervorgehen.

12 So lehr uns denn unsre Tage zählen,1 / Damit wir gewinnen2 ein weises Herz!

  1. Im Rückblick auf die Erfahrungen während der Wüstenwanderung.
  2. Wörtlich: "einbringen" in die Scheuer als Ernteertrag.

13 Wende dich, Jahwe (von deinem Zorn)! / Wie lange noch (soll er währen)? / Erbarme dich deiner Knechte!

14 Füll uns1 am Morgen2 mit deiner Gnade, / So wollen wir all unsre Lebenstage / Jubeln und fröhlich sein!

  1. Wörtlich: "Sättige uns."
  2. "Am Morgen" nach der Nacht der Trübsal. Der Morgen ist also der Anfang einer neuen Gnadenzeit, und sie beginnt, nachdem das frühere, ungehorsame Geschlecht in der Wüste umgekommen ist.

15 Erfreu uns so lange, wie du uns gebeugt, / So viel Jahre wir Unglück geschaut!1

  1. Gib uns für die 40 Jahre der Trübsal in der Wüste als Ersatz eine Zeit der Erquickung.

16 Deinen Knechten erscheine dein herrliches Tun / Und deine Hoheit ihren Kindern!1

  1. Laß uns und unsere Kinder in Zukunft bei der Einnahme Kanaans, des Landes der Verheißung, dein herrliches Tun und dein hoheitsvolles Wirken so schauen, wie wir es in den vergangenen Tagen bei dem Auszug aus Ägypten und bei der Errettung am Roten Meer gesehen haben.

17 Jahwes, unsers Gottes, Huld1 walte über uns, / Ja, fördre das Werk unsrer Hände!

  1. Oder "Freundlichkeit".

Chapter 91

1 Erste Stimme:1 / Unter dem Schutze des Höchsten wohnend, / In des Allmächtigen Schatten weilend —

  1. Bei der Einteilung des Psalms folge ich in der Hauptsache Franz Delitzsch.

2 Sprech ich zu Jahwe: "Meine Zuflucht und Burg, / Mein Gott, auf den ich vertraue!"

3 Zweite Stimme:1 / Denn er wird dich erretten von des Voglers Strick, / Von der verderblichen Pest.

  1. V3-8 geben die Antwort auf das Bekenntnis des unerschütterlichen Gottvertrauens in V1 und 2.

4 Mit seiner Schwinge decket er dich, / Unter seinen Flügeln bist du geborgen. / Schild und Panzer ist seine Treu.

5 Du hast nicht zu fürchten die Schrecken1 der Nacht, / Den Pfeil, der am Tage daherfliegt,

  1. Die Gefahren und Unfälle.

6 Auch nicht die Pest, die im Dunkeln schleicht, / Noch die Seuche, die wütet am Mittag.

7 Wenn tausend an deiner Seite fallen1 / Und zehntausend zu deiner Rechten: / Du wirst nicht getroffen.

  1. Im Kampf.

8 Nur mit deinen Augen schauest du hin1 / Und wirst sehn die Vergeltung der Frevler.2

  1. Du wirst nur bloßer Zuschauer sein, ohne selbst vom Unglück betroffen zu werden.
  2. Die gerechte Vergeltung, die die Frevler trifft.

9 Erste Stimme: / Ja, du, o Jahwe, bist meine Zuversicht. / Zweite Stimme: / Den Höchsten hast du zur Zuflucht erwählt.

10 Nicht wird dir ein Unglück begegnen, / Keine Plage wird deinem Zelte nahn.

11 Denn seine Engel wird er dir entbieten, / Dich zu behüten auf all deinen Wegen.1

  1. Vgl. 1Mo 32:1-2, 2Kön 6:16-17.

12 Sie werden dich auf den Händen tragen,1 / Damit sich dein Fuß nicht stoße am Stein.2

  1. Wenn du auf einem gefährlichen Weg gehst.
  2. Vgl. Mt 4:6.

13 Über Löwen und Ottern wirst du schreiten,1 / Zertreten Jungleuen und Schlangen.2

  1. Ohne Schaden zu nehmen.
  2. Vgl. Lu 10:18, Mr 16:18.

14 Dritte Stimme (die im Namen Gottes redet): / Weil er mich liebt, will ich ihn befrein. / Ich will ihn schützen, weil er meinen Namen kennt.

15 Er ruft mich an, ich erhör ihn. / Ich werde mit ihm in Drangsal sein; / Ich reiß ihn heraus und bring ihn zu Ehren.

16 Mit langem Leben sättige ich ihn / Und will ihn schauen lassen mein Heil.

Chapter 92

1 Ein Psalm. Ein Lied für den Sabbattag.1

  1. Wie Ps. 92 für den Sabbat verordnet war, so gab es später auch für die anderen Wochentage bestimmte Psalmen: "für den ersten Tag nach dem Sabbat," wie es bei Ps. 24 auch in einem Zusatz in der LXX heißt, also für unseren Sonntag, für Montag Ps. 48, für Dienstag Ps. 82, für Mittwoch oder Donnerstag Ps. 81, für Freitag oder nach dem Zusatz der LXX "auf den Tag des Vorsabbats" Ps. 93. Der betreffende Psalm wurde gesungen, während der Priester das Weinopfer darbrachte, das mit dem Morgenopfer verbunden war.

2 Köstlich ist es, Jahwe zu danken / Und deinem Namen, o Höchster, zu spielen,

3 Am Morgen1 deine Huld zu verkünden / Und deine Treu in den Nächten,2

  1. Also gleich nach dem Erwachen.
  2. Spät abends.

4 Zum Zehnsait1 und zur Harfe, / Zum rauschenden Spiel auf der Zither.

  1. Gemeint ist ein Musikinstrument mit 10 Saiten.

5 Denn du, Jahwe, hast mich erfreut durch dein Walten, / Deiner Hände Werke lassen mich jauchzen.

6 Wie herrlich, Jahwe, sind deine Taten, / Wie tief sind deine Gedanken!

7 Nur ein geistloser Mensch1 erkennt das nicht, / Nur ein Törichter sieht es nicht ein.

  1. Wörtlich: "Nur einer, der ein Tier ist," der sich nicht über den Standpunkt eines Tieres erhebt.

8 Sprießen die Frevler auch auf wie Gras, / Blühen auch alle die Übeltäter — / Vernichtet werden sie doch auf immer!

9 Du aber, Jahwe, bist ewig erhaben!

10 Denn sieh, deine Feinde, Jahwe, / Sieh, deine Feinde müssen vergehn, / Sich zerstreun alle Übeltäter.

11 Mir aber hast du die Kraft des Büffels gegeben,1 / Ich bin übergossen mit frischem Öl.2

  1. Wörtlich: "Mein Horn hast du wie das des Büffels (die Bedeutung dieses Wortes ist übrigens unsicher) hoch sein lassen."
  2. Das Öl ist ein Bild der Freude. — Der Sinn von V11 ist also: Durch deine Gnade stehe ich stark und freudig da.

12 Mit Lust hat mein Aug meine Laurer geschaut,1 / Meiner Feinde Vernichtung vernahm mit Freude mein Ohr.

  1. Während sein Auge früher furchtsam auf die Laurer und Verfolger blickte, die nun vertilgt worden sind. Aus der Tatsache, daß seine Feinde zuschanden geworden sind, leitet der Psalmist dann den allgemeinen Satz in V13 ab.

13 Der Gerechte wird sprossen wie eine Palme,1 / Wie eine Zeder des Libanons wachsen.2

  1. Der Palmbaum ist ein Bild des langen Lebens, der Fruchtbarkeit, des Sieges und des Friedens.
  2. Die Zeder ist durch ihren hohen, stattlichen Wuchs die Königin der Bäume.

14 Gepflanzt im Hause Jahwes, / Blühn sie1 in unsers Gottes Höfen.2

  1. Die Gerechten.
  2. Die Gerechten haben ihre Wurzel im Hause, d.h. im Tempel Gottes, sie leben in der Gemeinschaft mit ihm, und unter seinem Schutz finden sie Kraft und Gedeihen.

15 Sie tragen noch Frucht im Greisenalter, / Saftvoll werden sie sein und frisch, Um zu verkünden: Gerecht ist Jahwe, / Mein Fels, an dem sich kein Tadel findet.1

  1. Die Gerechten leben lange in ungebrochener Kraft, und im Rückblick auf ein an Gottes Segnungen reiches Leben können sie in das Bekenntnis 5Mo 32:4 einstimmen.

Chapter 93

1 Jahwe herrscht nun als König, er hat sich mit Hoheit umkleidet, / Jahwe hat sich umkleidet, mit Macht sich gegürtet. / So steht nun der Erdkreis fest und wanket nicht.

2 Fest steht dein Thron von alters her, / Seit Ewigkeit bist du!

3 Zwar haben Ströme, Jahwe, erhoben, / Ströme haben erhoben ihr Brausen; / Auch ferner noch werden Ströme ihr Tosen erheben:

4 Doch größer als vieler mächtiger Wasser Gebraus, / Als des Meeres brandende Wogen / Ist Jahwe droben in Himmelshöhn!1

  1. Gott überragt unendlich alles irdische Wesen, und alle Gewalten der Welt können seinen Königsthron nicht erschüttern.

5 Was du verordnet, ist unverbrüchlich. / Deinem Hause ziemt Heiligkeit, / Jahwe, für ewige Zeiten.1

  1. Der gewaltige, majestätische Gott hat Israel Verordnungen und Verheißungen geschenkt, die unverbrüchlich sind; er hat auch seinem Volk einen Tempel gegeben, der heilig ist und immer heilig bleiben muß.

Chapter 94

1 Gott, der du Vergeltung übst,1 o Jahwe, / Gott, der du Vergeltung übst, erscheine im Lichtglanz!2

  1. In deiner strafenden Gerechtigkeit.
  2. Deiner Herrlichkeit. — Der Psalmist ruft zu Gott, er möge der Ungerechtigkeit im Land ein Ende machen und die ungerechten Richter strafen (V1-4). Er schildert ihr Treiben (V5-7), beleuchtet ihre Torheit, in der sie Gottes Allwissenheit leugnen (V8-11), preist Gottes Treue und Gerechtigkeit (V12-15) und begründet dies durch seine eigne Erfahrung (V16-23). Über die Entstehungszeit und den Verfasser des Psalms läßt sich nichts Näheres sagen.

2 Erhebe dich, Richter der Erde, / Vergilt den Stolzen nach ihrem Tun!

3 Wie lange, Jahwe, sollen die Frevler, / Wie lange sollen die Frevler jauchzen?

4 Sie stoßen trotzige Reden aus, / Alle Übeltäter prahlen.

5 Dein Volk, o Jahwe, zertreten sie, / Und sie bedrücken dein Erbe.

6 Witwen und Fremdlinge würgen sie, / Und sie morden die Waisen.

7 Dabei denken sie noch: "Jah1 siehet es nicht." / Und: "Der Gott Jakobs beachtet es nicht."

  1. Über den Gottesnamen Jah s. den Schluß der Einleitung.

8 Merkt doch auf, ihr Toren im Volk, / Und ihr Narren — wann werdet ihr klug?

9 Der das Ohr gepflanzt — er sollte nicht hören? / Oder der das Auge gebildet, sollte nicht sehn?1

  1. Gott sieht und hört alles.

10 Der Völker erziehet, sollte nicht strafen — / Er, der die Menschen Erkenntnis lehrt?1

  1. Sollte der nicht selbst hören, sehen und vor allem richterlich strafen?

11 Jahwe kennt der Menschen Gedanken, / Er weiß: Sie sind nichts als leerer Wahn.1

  1. 1Kor 3:20.

12 Heil dem, den du zurechtweist, Jah, / Den du aus deinem Gesetze belehrst,

13 Daß er ruhig1 bleibe in Unglückstagen,2 / Wenn3 dem Frevler die Grube gegraben wird.4

  1. Innerlich unangefochten.
  2. In den Tagen, wo Gott die Frevler straft.
  3. Oder "während".
  4. Wenn das göttliche Gericht über ihn hereinbricht.

14 Denn nicht verstoßen wird Jahwe sein Volk / Und sein Erbe nimmer verlassen.

15 Denn das Recht wird zuletzt doch gerecht gehandhabt, / Und alle Redlichen werden das freudig begrüßen.1

  1. Der Sinn von V15 ist: Gott wird nicht zulassen, daß die Ordnungen des Rechts, die er selbst gegeben hat, für immer mißbraucht werden, sondern sie sollen zur Freude aller Redlichen und Aufrichtigen endlich doch ihre wahre Bestimmung erfüllen.

16 Wer wird mir beistehn gegen die Frevler, / Wer tritt für mich ein wider Übeltäter?1

  1. V16-19: In der Gemeinschaft mit Gott hat der Psalmist Ruhe, Trost und Frieden mitten in allem Leid und aller Ungerechtigkeit der Welt.

17 Wäre nicht Jahwe mein Helfer gewesen — / Ich läge beinahe in Todesstille.1

  1. In der Stille des Totenreiches.

18 Wenn ich dachte: "Es wankt mein Fuß", / So sützte mich, Jahwe, deine Hand.

19 Wenn die Sorgen sich türmten in meinem Herzen, / Hast du mich mit deinem Troste erquickt.

20 Hat Gemeinschaft mit dir der verderbliche Stuhl, / Der Unheil schmiedet "nach dem Gesetz"?1

  1. Durch die vielen ungerechten Urteile, die aber scheinbar nach dem Buchstaben des Gesetzes ergehen, wird der Stuhl, d.h. der Richterstuhl, von dem Segen für das Volk ausgehen sollte, sehr oft zu einem Stuhl, der Unheil und Verderben bringt. Der Psalmist fragt nun: Sollte es denn möglich sein, daß du, Gott, mit dieser Ungerechtigkeit im Bunde stündest? Das ist doch ganz undenkbar!

21 Sie1 bedrohten schon oft des Gerechten Leben / Und sprachen Unschuldige schuldig.

  1. Die ungerechten Richter.

22 Doch Jahwe ward mir zur festen Burg, / Mein Gott zum schützenden Fels.

23 Ihren Frevel hast du ihnen heimgezahlt. / Ob ihrer Bosheit vernichtet er sie, / Es vernichtet sie Jahwe, unser Gott.1

  1. V20-23: Das Treiben der Menschen kann den Psalmisten nicht mehr in seinem Gottvertrauen erschüttern.

Chapter 95

1 Auf, laßt uns Jahwe frohlocken, / Entgegenjauchzen dem Fels unsers Heils!1

  1. Ps. 95, dessen Entstehungszeit und Verfasser unbekannt sind (die LXX schreibt ihn David zu), enthält einen Aufruf zum Lobe Gottes (V1-2). Denn er ist der Schöpfer und Herr der Welt (V3-6) und zugleich Israels Hirt (V7). Dann folgt eine Mahnung zum Gehorsam gegen Gott, indem auf den Ungehorsam der Israeliten während der Wüstenwanderung hingewiesen wird und auf die Strafe, die sie dafür getroffen hat (V8-11).

2 Laßt uns mit Dank vor sein Antlitz treten, / In Lobgesängen ihm jubeln!

3 Denn ein großer Gott ist Jahwe, / Ein großer König über alle Götter.1

  1. "Götter" sind die Mächte der Natur- und Menschenwelt, die von den Heiden verehrt werden.

4 In seiner Hand sind der Erde Tiefen, / Und sein sind die Gipfel der Berge.

5 Sein ist das Meer, er hat es geschaffen, / Auch das Festland haben seine Hände gebildet.

6 Kommt, laßt uns anbeten und niederfallen, / Knien vor Jahwe, der uns erschaffen!1

  1. "Erschaffen" nicht allgemein als Menschen, sondern "der uns als Volk hat erstehen lassen," und zwar als ein Volk, das der Träger der göttlichen Offenbarung sein sollte.

7 Denn er ist unser Gott, / Und wir sind das Volk, das er weidet, / Die Herde, die er leitet mit seiner Hand, / Wenn ihr heut seiner Stimme gehorcht.1

  1. Gehorsam gegen Gottes Stimme — das ist die Bedingung, die Israel erfüllen muß, wenn es wirklich Gottes Volk und Herde sein will. Eine ähnliche Bedingung wird dem Volk in 2Mo 19:5 gestellt. Wenigstens heute soll Israel nach so häufigem Ungehorsam auf Gottes Stimme hören. In V8-11 redet nun diese Stimme Gottes zu dem Volk.

8 "Verstockt doch nicht euer Herz, wie bei Merîba, / Wie am Tage von Massa in der Wüste,1

  1. 2Mo 17:1-7.

9 Wo eure Väter mich versuchten, / Mich prüften, obwohl sie mein Tun gesehn.1

  1. Das hier gemeinte "Tun" Gottes ist die Befreiung der Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens und ihr wunderbarer Durchzug durch das Rote Meer. Aber trotz dieser Taten Gottes waren sie ungläubig und ungehorsam.

10 Vierzig Jahre war mir dies Geschlecht1 zuwider. / Ich sprach: 'Ein irrendes Volk sind sie, / Das meine Wege nicht erkannt.'

  1. Das aus Ägypten befreite Geschlecht der Israeliten.

11 Drum schwur ich in meinem Zorn:1 / 'Wahrlich, sie sollen nicht kommen / Zu der Ruhstatt,2 die ich ihnen verheißen.'"3

  1. 4Mo 14:22,23,28,29.
  2. In Kanaan.
  3. Mit V8-11 vgl. Heb 3:7-4:13 in meiner Übersetzung und Erläuterung des Neuen Testaments.

Chapter 96

1 Singet Jahwe ein neues Lied,1 / Singt Jahwe, all ihr Erdbewohner!

  1. Das Neue, das hier verkündigt wird, ist die Wahrheit, daß Gott durch Israel sein Heil auch den Heiden kundmachen will (V3). So wird eine neue Gemeinde gesammelt aus Israeliten und Heiden. Alle Völker werden einst in dem Tempel Gottes zu Jerusalem erscheinen und ihn mit ihren Opfergaben ehren (V7-9). Ja noch mehr: Die ganze Schöpfung wird dem Weltenkönig zujauchzen, wenn er als Weltenrichter erscheint (V11-13b). Denn alle wissen: Er richtet gerecht und wird nach seiner Verheißungstreue die Herrschaft üben (V13c-d). — In LXX hat Ps. 96 die Überschrift: "Als der Tempel erbaut war nach der (babylonischen) Gefangenschaft. Ein Lied von David." Wenn nun aber auch nach 1Ch 16:23-33 unser Psalm an dem Tag gesungen wurde, als David die Bundeslade auf den Berg Zion brachte, so ist doch damit noch nicht gesagt, daß er auch von David gedichtet worden ist. Denn der Verfasser der Chronik hat aus den damals bekannten und gebräuchlichen Psalmen solche ausgewählt, die ihm für den Tag der Heimholung der Bundeslade besonders passend erschienen. Wenn deshalb der zweite Teil in der Überschrift der LXX auch wertlos ist, so verdient der erste Teil doch Beachtung. Denn es ist ganz wahrscheinlich, daß der Psalm entstanden ist, als nach der Rückkehr der Juden aus Babel der Tempel in Jerusalem wiedererbaut war. Der Psalm berührt sich auch mit dem zweiten Teil des Buches Jesaja (Kap. 40-66), worin ja auch der hohe Beruf Israels, des Knechtes Gottes, für die ganze Völkerwelt verkündigt wird.

2 Singt Jahwe, preist seinen Namen, / Verkündet1 tagtäglich sein Heil!

  1. Das hier mit "verkünden" übersetzte Wort heißt genau: "Frohe Botschaft (also Evangelium) verkünden".

3 Erzählt auch unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, / Unter allen Völkern von seinen Wundertaten!1

  1. Vgl. Jes 40:5.

4 Denn groß ist Jahwe und hoch zu preisen, / Mehr zu fürchten als alle Götter.

5 Denn alle Götter der Völker sind nichtig,1 / Aber Jahwe hat die Himmel geschaffen.

  1. Deshalb vermögen sie auch nichts; vgl. Jes 41:22-24. Die heidnischen Götter sind nach der Lehre der Schrift zwar keine wirklichen Wesen, sondern Menschengebilde, aber anderseits stehen hinter ihnen böse Geister, in deren Gemeinschaft die Heiden durch den Götzendienst treten. vgl. 1Kor 8:4-7, 10:19-22

6 Glanz und Pracht gehn vor ihm her, / Macht und Schmuck erfüllen sein Heiligtum.1

  1. Vgl. Jes 6:1-4.

7 Bringt Jahwe, ihr Völkergeschlechter, / Bringt Jahwe Ehre und Preis!1

  1. Ehre und Preis bringen heißt: Gottes Ehre anerkennen oder zugestehen, daß er sie hat und daß sie ihm gebührt.

8 Bringt Jahwe dar seines Namens Ruhm, / Nehmt Opfergaben1 und kommt in seine Vorhöfe!

  1. Ps 68:30, Jes 60:6-11.

9 Werft euch nieder vor Jahwe in heiligem Schmuck,1 / Erbebt vor ihm,2 alle Lande!

  1. In priesterlicher Kleidung.
  2. In heiliger Scheu und Ehrfurcht.

10 Ruft unter den Heiden: "Jahwe herrscht nun als König! / Auch wird der Erdkreis feststehn ohne Wanken; / Er wird die Völker gerecht regieren."

11 Drum mögen sich freuen die Himmel, / Die Erde frohlocke, / Es brause das Meer und was darin wohnt!

12 Das Gefilde jauchze und was darauf lebt! / Dann sollen auch jubeln alle Bäume im Wald

13 Vor der Nähe Jahwes, wenn er nun kommt, / Wenn er kommt, um die Erde zu richten. / Richten wird er die Welt gerecht / Und die Völker nach seiner Treue.

Chapter 97

1 Jahwe herrscht nun als König: drob jauchze die Erde, / Es mögen sich auch viele Inseln freun!

2 Gewölk und Dunkel sind um ihn her, / Recht und Gerechtigkeit sind seines Thrones Stützen.1

  1. Ps 89:15.

3 Feuer geht vor ihm her / Und verzehrt ringsum seine Feinde.1

  1. Ps 50:3

4 Seine Blitze erhellen den Erdkreis,1 / Die Erde sieht es und bebt vor Angst.

  1. Ps 77:19.

5 Wie Wachs sind Berge vor Jahwe zerschmolzen, / Vor dem Herrn der ganzen Erde.

6 Die Himmel haben sein Recht verkündet,1 / Seine Herrlichkeit schauen die Völker alle.2

  1. Ps 50:6.
  2. In V1-6 schildert der Dichter Gottes Erhabenheit, indem er seine Bilder von Gewitter und Erdbeben nimmt. Dann zeigt er in V7-9, wie die Gegner dieses über alle Heidengötter erhabenen Gottes in seinem Gericht zuschanden werden müssen, während alle, die ihn lieben und ihm dienen, Licht, Segen und Freude erlangen (V10-12). Die wahre Gotteserkenntnis und die Gerechtigkeit werden siegen.

7 Beschämt sollen stehn alle Bilderdiener, / Die sich der nichtigen Götzen rühmen: / Ihm1 haben ja alle Götter gehuldigt.2

  1. Dem wahren Gott.
  2. Gott und seine Wahrheit siegen über alle Lüge und allen Irrtum.

8 Mit Freunden hat es Zion vernommen, / Und Judas Töchter1 haben frohlockt / Ob deiner Gerichte, o Jahwe.2

  1. Judas Töchter sind die Landstädte in Juda.
  2. Vgl. Ps 48:12. — Wenn Zion (Jerusalem) und die anderen Städte im jüdischen Land gehört haben, daß Jahwe erschienen ist und daß alle Welt und alle Gewalten sich ihm unterworfen haben, dann sind sie mit großer Freude erfüllt.

9 Denn du, o Jahwe, bist der Höchste in aller Welt, / Bist hoch erhaben über alle Götter.

10 Die Jahwe lieben, hassen das Böse. / Er, der seiner Frommen Seelen behütet, / Wird sie aus der Frevler Hand erretten.

11 Licht erstrahlt dem Gerechten1 / Und Freude den Redlichgesinnten.

  1. Wörtlich: "Licht ist gesät dem Gerechten," ist auf seinen Weg gestreut, so daß er Schritt für Schritt im Licht Gottes wandeln kann.

12 Drum freuet euch Jahwes, ihr Gerechten, / Und preiset sein heilig Gedächtnis!1

  1. D.h. preist sein Tun, das heilig und denkwürdig ist.

Chapter 98

1 Ein Psalm. / Singet Jahwe ein neues Lied,1 / Denn Wunderbares hat er vollbracht: / Seine Rechte hat ihm geholfen / Und sein heiliger Arm.2

  1. S. Ps 96:1.
  2. Vgl. Jes 40:10, 52:10, 59:16, 63:5.

2 So hat Jahwe gezeigt, daß er rettet, / Vor den Augen der Völker hat er sein Heil1 enthüllt.

  1. Oder: seine (helfende) Gerechtigkeit.

3 Er hat gedacht seiner Huld und Treu gegen Israels Haus; / Alle Enden der Erde / Haben unsers Gottes Hilfe geschaut.

4 Jauchzt Jahwe zu, alle Lande, / Freut euch, jubelt und spielt!

5 Spielt mit der Zither Jahwe zu Ehren, / Mit der Zither und lautem Gesang!

6 Mit Trompeten und Schofarklang1 / Jauchzet vor Jahwe, dem König!

  1. Schofar ist das Widderhorn, das besonders beim Beginn des Jobeljahres geblasen wurde. 3Mo 25:9

7 Es tose das Meer mit allem, was drinnen, / Der Erdkreis mit seinen Bewohnern!

8 Die Ströme sollen frohlocken,1 / Jauchzen sollen die Berge alle

  1. Wörtlich: "sollen (vor Freude) in die Hände klatschen." Die Ströme werfen hohe Wellen empor, die wie klatschende Hände aneinanderschlagen.

9 Vor Jahwes Nähe, wenn er nun kommt, / Um die Erde zu richten. / Richten wird er die Welt gerecht / Und die Völker, wie sich's gebührt.1

  1. Mit V7-9 vgl. Ps 96:11-13. — Vielleicht gehört auch Ps. 98 ebenso wie die beiden vorangehenden in die Zeit, wo die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft nach Kanaan zurückgekehrt waren. Denn in V1-3 wird ja besonders auf Gottes wunderbares Tun in der gnädigen Wiederannahme seines Volkes verwiesen. Aber dieser Psalm hat ebenso wie Ps. 96 und 97 eine endgeschichtliche Bedeutung: Auch die Heiden sollen an dem Heil teilnehmen, das Israel empfangen hat. Auch sie werden Gott preisen, und mit ihrem Lobpreis wird sich der freudige Jubel der ganzen Schöpfung vereinen.

Chapter 99

1 Jahwe herrscht nun als König: da zittern die Völker, / Er thront auf Keruben:1 da wanket die Welt.2

  1. Vgl. Ps 80:2.
  2. Aus Ehrfurcht vor Gottes Macht.

2 Jahwe ist groß in Zion, / Erhaben ist er über alle Völker.

3 Preisen soll man deinen Namen:1 / "Groß und ehrfurchtgebietend, / Ja, heilig2 ist er!"

  1. V3b und c gibt dann den Hauptinhalt des Lobpreises an.
  2. D.h. hoch erhaben über alles Unreine und abgesondert von allem Bösen.

4 Ein König ist stark, wenn er liebt das Recht:1 / Du hast nun bestimmt, was sich gebührt; / Du hast in Jakob verordnet / Recht und Gerechtigkeit.

  1. Eine Haupttugend des Königs ist die Gerechtigkeit. Vollkommene Gerechtigkeit findet sich bei Gott (V4b).

5 Preiset Jahwe, unsern Gott, / Fallt nieder vor seinem Fußschemel:1 / "Heilig ist er!"2

  1. Gottes Fußschemel ist die Erde Jes 66:1 und auf der Erde der Tempel oder "sein heiliger Berg" (V9) Zion; auch die Bundeslade wird in 1Ch 28:2 so genannt. (vgl. auch Ps 132:7).
  2. Dies Bekenntnis legen alle ab, die vor Gott anbetend niederfallen.

6 Mose und Aaron zählten zu seinen Priestern,1 / Und Samuel war unter seinen Betern:2 / Sie riefen zu Jahwe — er hörte sie.

  1. Mose war nicht nur Prophet, 5Mo 18:15,19 sondern auch ein Glied des späteren priesterlichen Stammes Levi. Ja, Mose hat das Priestertum in Israel begründet, indem er in Gottes Auftrag seinen Bruder Aaron zum Hohenpriester und dessen Söhne zu Priestern weihte (3Mo 8).
  2. Wörtlich: "unter den Anrufern seines Namens." Welch gewaltiger Beter Samuel war, zeigen z.B. 1Sa 7:7-9, 12:16-18.

7 In der Wolkensäule sprach er zu ihnen;1 / Seine Gebote bewahrten sie2 / Und jedes Gesetz, das er ihnen gegeben.

  1. Zunächst zu Mose, dann durch ihn zu dem ganzen Volk. 2Mo 19:9, 33:9
  2. Mose, Aaron und Samuel.

8 Jahwe, unser Gott, du hast sie erhört. / Ein verzeihender Gott bist du ihnen gewesen, / Doch ihr Vergehen hast du gestraft.1

  1. Das gilt von Mose und Aaron, die wegen des in 4Mo 20:1-10, 27:12-14, 5Mo 3:23-26 erwähnten Vergehens nicht in das Land Kanaan eingehen durften.

9 Preiset Jahwe, unsern Gott! / Fallt nieder vor seinem heiligen Berg, / Denn heilig ist Jahwe, unser Gott!1

  1. Der bekannte Theologe J.A. Bengel (gest. 1752) sagt: "Der 99. Psalm hat drei Teile, in welchen der Herr als der da kommt, als der da ist und als der da war, gerühmt wird, und jeder Teil wird mit dem Lobspruch geschlossen: 'Er ist heilig!'"

Chapter 100

1 Ein Psalm zum Dankopfer.1 / (Der Chor der Festgemeinde:) / Jauchzt Jahwe zu, alle Erdbewohner!

  1. Der Psalm sollte bei der Darbringung des Dankopfers gesungen werden. Von dem Dankopfer ist in 3Mo 7:12-15 die Rede. Der Psalm wurde vielleicht beim Eintritt in das Tor des Vorhofs gesungen. Der Hauptgedanke liegt in V3: Alle Völker müssen Jahwe als den wahren Gott anerkennen; aber Israel ist sein besonderes Eigentum, und Gott weidet es als der gute Hirt (vgl. Ps. 23).

2 Dienet Jahwe mit Freuden, / Erscheint vor ihm mit Jubel!

3 Erkennet: Jahwe ist Gott! / Er hat uns gemacht, und wir sind sein: / Sein Volk, das er weidet als Herde.

4 (Der Chor der levitischen Sänger:) / Zieht in seine Tore mit Danken ein, / In seine Vorhöfe mit Lobgesang! / Dankt ihm, preist seinen Namen!

5 Denn gütig ist Jahwe, ewig währt seine Gnade / Und seine Treu von Geschlecht zu Geschlecht.

Chapter 101

1 Ein Psalm Davids.1 / Von Huld und Recht will ich singen, / Dir, Jahwe, will ich spielen.

  1. Als David nach dem göttlichen Gericht über Usa die Bundeslade im Hause Obed-Edoms ließ, weil er nicht wagte, sie nach Jerusalem zu bringen, da sprach er: "Wie sollte die Lade Jahwes zu mir (dem Unheiligen) kommen?" 2Sa 6:10 Da aber Gott Obed-Edom wegen des Aufenthalts der Bundeslade in seinem Hause sichtlich segnete, 2Sa 6:11-12 fragte David voll Sehnsucht in unserm Psalm: "Wann, o Gott, wirst du zu mir kommen?" (V2.) Damit nun Gott mit der Bundeslade Wohnung auf Zion nehmen kann, gelobt David in Ps. 101, sein Verhalten als Mensch und Fürst ganz nach Gottes Sinn und Wohlgefallen zu gestalten.

2 Achten will ich auf frommen Wandel — / Wann wirst du zu mir kommen? / Einhergehn will ich in meines Herzens Unschuld / In meinem Hause.

3 Nicht will ich sinnen / Auf ruchlos Tun. / Der Abtrünnigen Werke hasse ich: / Nicht sollen sie mir ankleben.

4 Ein falsches Herz soll mir fernbleiben, / Von Frevlern will ich nichts wissen.

5 Wer seinen Nächsten heimlich verleumdet, / Den will ich zum Schweigen bringen.1

  1. Verleumdungen hatte David selbst an Sauls Hof reichlich erfahren. Vielleicht dachte er ganz besonders an Doegs Verräterei. 1Sa 22:9-12

6 Meine Augen suchen die Treuen im Lande:1 / Die sollen bei mir wohnen. / Wer auf frommem Wege wandelt, / Der soll mein Diener sein.

  1. David will sie ausfindig machen, um sie als Räte und Diener an seinen Hof zu ziehen.

7 Nicht soll in meinem Hause einer weilen, / Der Trug verübt. / Wer Lügen redet, / Der kann vor meinen Augen nicht bestehn.

8 Jeden Morgen will ich unschädlich machen1 / Alle Frevler des Landes, / Um aus Jahwes Stadt2 zu vertilgen / Alle Übeltäter.3

  1. Beim Rechtsprechen.
  2. Aus Jerusalem.
  3. Denn Gott kann nur in einer Stadt wohnen, in der alles nach seinen Geboten zugeht.

Chapter 102

1 Das Gebet eines Elenden, wenn er verzagt ist / und seine Klage vor Jahwe ergießt.

2 Jahwe, höre doch mein Gebet, / Laß meinen Notschrei zu dir dringen!

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, / Wenn ich in Bedrängnis bin! / O neige dein Ohr zu mir, / Wenn ich zu dir rufe. / Erhöre mich eilend!

4 Denn meine Tage sind wie ein Rauch vergangen,1 / Mein Gebein ist durchglüht wie ein Herd.2

  1. So flüchtig und schnell.
  2. In seinen Gebeinen wütet die Fieberglut.

5 Mein Herz ist wie Gras, vom Glutwind getroffen: es ist verdorrt; / Denn ich habe sogar vergessen, mein Brot zu genießen.

6 Vor lautem Jammern / Klebt mein Gebein mir am Fleisch.

7 Ich gleiche dem Pelikan in der Wüste, / Ich bin wie ein Käuzlein in Trümmerstätten.1

  1. Wie die beiden Tiere den Aufenthalt in der Wüste und an Trümmerstätten lieben, so muß der Dichter fern von der Heimat auch gleichsam in der Wüste weilen.

8 Nachts bin ich schlaflos wie ein Vogel, / Der einsam sitzt auf dem Dach.1

  1. Während in den Häusern alle schlafen.

9 Allzeit schmähen mich meine Feinde;1 / Die wider mich rasen, schwören bei mir.2

  1. Zu den körperlichen Leiden des Psalmisten kommen noch seelische: er hat Feinde, die ihn verhöhnen, indem sie sagen, Gott habe ihn verlassen.
  2. D.h. wenn die Feinde fluchen wollen, so sprechen sie: "Es möge dir ergehen wie diesem!" Den Grund für ihre Meinung, Gott habe den Psalmisten verstoßen, nehmen sie aus seinem traurigen Zustand; sie gleichen darin Hiobs Freunden. Der Psalmist redet nun in V10-12 von seinem Elend.

10 Denn Asche hab ich als Brot gegessen1 / Und mein Getränk mit Tränen gemischt.

  1. Trauernde setzten sich in Aschenhaufen. Hio 2:8, Hes 27:30

11 Dein Grimm und Zorn hat das bewirkt: / Du hast mich vom Boden gehoben, dann niedergeschleudert.

12 Meine Tage sind wie ein langer Schatten,1 / Und ich selbst verdorre wie Gras.

  1. Je mehr der Tag zu Ende geht, desto länger werden die Schatten.

13 Du aber, Jahwe, wirst ewig thronen, / Dein Gedächtnis währt in allen Geschlechtern.

14 Du wirst dich erheben, dich Zions erbarmen. / Denn Zeit ist's, ihm Gnade zu schenken: die Stunde ist da.1

  1. In seiner Not hat aber der Psalmist den gewissen Trost, daß Gott sich nach der langen Gefangenschaft des Volkes in Babylonien doch endlich, ja bald über Zion und Jerusalem erbarmen wird.

15 Denn deine Knechte lieben seine1 Steine, / Und sein Schutt erfüllt sie mit Jammer.2

  1. Zions.
  2. Sie trauern darüber, daß Jerusalem in Trümmern liegt.

16 Dann werden die Heiden Jahwes Namen fürchten / Und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit,1

  1. Die Könige der Erde "fürchten" Gottes Herrlichkeit, d.h. sie sind mit Scheu und Ehrfurcht davor erfüllt.

17 Wenn Jahwe Zion hat neugebaut, / In seinem Glanze erschienen ist.

18 Er hat ja der Heimatlosen Gebet1 erhört / Und nicht verachtet ihr Flehen.2

  1. Die Heimatlosen sind die in der Gefangenschaft Babels lebenden Juden.
  2. V18 zeigt, daß die Rückkehr der Juden aus Babel nach Jerusalem schon begonnen hat; Ps. 102 fällt demnach vielleicht in die Zeit zwischen 535 und 515 v.Chr.

19 Dies1 soll verzeichnet werden für spätre Geschlechter. / Ein Volk, das erst noch ins Dasein tritt,2 / Soll Jah3 lobpreisen.

  1. Die Gnade Gottes, die sich durch die Befreiung seines Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft kundgetan hat.
  2. Gemeint ist die jüdische Gemeinde, die sich nach der Rückkehr aus Babel in Jerusalem bildete.
  3. Über den Gottesnamen Jah vgl. den Schluß der Einleitung.

20 Denn er hat herabgeschaut von seiner heiligen Höhe, / Jahwe hat vom Himmel zur Erde geblickt,

21 Um der Gefangnen Seufzen zu hören, / Die dem Tode Verfallnen freizumachen,1

  1. Auch aus V20 und 21 geht hervor, daß die Befreiung der Juden aus Babel durch den Perserkönig Cyrus schon stattgefunden und ihre Rückkehr nach Jerusalem bereits begonnen hat.

22 Damit man in Zion von Jahwes Namen erzähle, / Von seinem Ruhm in Jerusalem,

23 Wenn die Völker alle zusammenkommen / Und die Königreiche, um Jahwe zu dienen.1

  1. Die Wiederherstellung des von Gott erwählten Bundesvolkes wird auch die Bekehrung der Heiden zur Folge haben (s. auch V16 und 17 dieses Psalms).

24 Auf dem Wege1 hat er2 meine Kraft gebrochen, / Er hat meine Tage verkürzt.

  1. Mit Ed. König verstehe ich dies: "auf dem Wege von Babylon nach Jerusalem:" der Dichter ist auf der beschwerlichen Reise zusammengebrochen und in den traurigen Zustand geraten, den er in V2-12 geschildert hat. Aber in seinem Elend hält ihn die Hoffnung aufrecht, daß Gott die schon begonnene Wiederherstellung Zions und Jerusalems auch zum Heil der Heiden herrlich vollenden wird. Davon möchte er auch noch etwas schauen. Deshalb läßt er die Bitte in V25 folgen.
  2. Gott.

25 Nun ruf ich: "Mein Gott, raffe mich nicht weg / In der Hälfte meiner Tage!"1 / Deine Jahre währen ja / Bis in die fernsten Geschlechter.2

  1. Laß mich nicht vorzeitig sterben!
  2. Für Gott, den Ewigbleibenden und Unveränderlichen, den Schöpfer aller Dinge, ist es ein kleines, das Leben des Psalmisten zu verlängern (V25c-28).

26 Vorzeiten hast du die Erde gegründet, / Und die Himmel sind deiner Hände Werk.

27 Sie werden vergehn, du aber bleibst. / Sie alle veralten wie ein Kleid. / Du wirst sie wechseln wie ein Gewand, / Und sie werden verschwinden.

28 Du aber bleibst immer derselbe, / Und deine Jahre werden nicht enden.1 Deiner Knechte Kinder werden in Ruhe wohnen, / Und ihre Nachkommen werden vor dir bestehn.2

  1. V26-28 werden in Heb 1:10-12 auf Christus bezogen: er ist ewig und unwandelbar.
  2. Wenn auch der Dichter selbst, nachdem er auf dem Weg von Babylon nach Jerusalem krank zusammengebrochen ist (V24), nicht nach Kanaan gelangen sollte, so werden doch die Nachkommen derer, die sich jetzt nach der Heimkehr sehnen, nicht nur das Land der Väter sehen, sondern unter Gottes Schutz auch immer dort wohnen.

Chapter 103

1 Von David. / Preise Jahwe, o meine Seele, / Und all mein Innres1 seinen heiligen Namen!

  1. Damit sind gemeint das Herz, die Nieren usw., die nach biblischer Anschauung nicht nur dem leiblichen, sondern auch dem seelisch-geistigen Leben dienen.

2 Preise Jahwe, o meine Seele, / Und vergiß nicht all seiner Segenstaten!

3 Er vergibt dir all deine Missetat,1 / Schafft all deiner Krankheit Heilung.

  1. Die sündenvergebende Gnade ist dem Dichter die höchste aller göttlichen Segenswohltaten.

4 Er erlöset dein Leben vom Tode, / Krönt dich mit Huld und Erbarmen.1

  1. Gottes Huld und Erbarmen schmücken den Frommen wie eine Krone.

5 Er sättigt dein Alter1 mit Gutem, / So daß deine Jugend sich wieder erneut / Wie eines Adlers Gefieder.2

  1. Die Bedeutung des hier gebrauchten hebräischen Wortes ist unsicher.
  2. Bei dem Adler erneuert sich das Gefieder alljährlich.

6 Heilstaten vollführet Jahwe, / Recht schafft er allen Bedrückten.

7 Mose tat er seine Wege1 kund, / Israels Söhnen sein herrliches Tun.2

  1. Seine Gesetze.
  2. Vor allem während der Wüstenwanderung. — Was in diesem herrlichen Tun Gottes leuchtend hervortritt, das wird in V8 nach 2Mo 34:6 ausgesprochen.

8 Barmherzig und gnädig ist Jahwe, / Langmütig und reich an Huld.1

  1. Was in V8 von Gott gerühmt wird, das ist auch immer in der Geschichte Israels deutlich zutage getreten (s. V9-13).

9 Er hat nicht für immer gehadert / Und nicht auf ewig gezürnt.

10 Nicht nach unsern Sünden hat er uns gelohnt, / Uns nicht vergolten nach unsern Vergehn.

11 Sondern so hoch der Himmel ist über der Erde, / So mächtig war seine Huld bei den Frommen.1

  1. Wörtlich: "über die, die ihn fürchten".

12 So weit der Osten vom Westen ist, / Hat er unsre Frevel von uns entfernt.

13 Wie sich ein Vater der Kinder erbarmt, / Hat Jahwe sich stets erbarmt seiner Frommen.1

  1. Wörtlich: "derer, die ihn fürchten".

14 Er weiß ja, wie schwach wir sind, / Er gedenket daran: wir sind Staub.

15 Eines Sterblichen Tage sind wie Gras, / Wie des Feldes Blume, so1 blüht er.

  1. So kurze Zeit nur.

16 Fährt über sie ein Windstoß, so ist sie dahin, / Und es kennt sie nicht mehr ihre Stätte.

17 Doch Jahwes Gnade erzeigt sich auf ewig an seinen Frommen,1 / Seine Treue erfahren in jedem Geschlecht

  1. Wörtlich: "ist von Ewigkeit bis in Ewigkeit über denen, die ihn fürchten".

18 Alle, die seinen Bund bewahren / Und seiner Gebote gedenken, sie zu erfüllen.

19 Jahwe hat seinen Thron im Himmel errichtet, / Sein Königtum herrscht über alles.1

  1. Weil Gott der König des ganzen Weltalls ist, darum werden nun auch die Geschöpfe im Himmel und auf Erden zu seinem Lobpreis aufgefordert.

20 Preist Jahwe, ihr seine Engel, / Ihr Helden an Kraft, die ihr sein Gebot vollführt, / Indem ihr dem Ruf seines Wortes gehorcht!1

  1. Indem die Engel Gottes Befehl vernehmen, führen sie ihn auch sofort aus.

21 Preist Jahwe, ihr seine Heere alle,1 / Seine Diener, die ihr seinen Willen vollstreckt!

  1. Hier sind wohl nicht die Engel gemeint, sondern die Gestirne, die ja auch Gott nach seinem Willen in bestimmter Ordnung dienen. vgl. 1Mo 1:16-18, Ps 136:7-9, 19:2,6

22 Preist Jahwe, ihr seine Werke all, / An jedem Ort seines Herrschaftsgebiets! / Preise Jahwe auch meine Seele!1

  1. Der letzte Ton dieses Lobgesanges stimmt mit dem ersten überein (V1). — Ps. 103 verkündet die Vaterliebe Gottes; so enthält er schon etwas von der beseligenden Wahrheit: "Gott ist die Liebe," die uns erst im Neuen Bund so überwältigend entgegentritt. Der Dichter — sei es nun David oder ein anderer — erhebt sich im festen Vertrauen auf Gottes Gnade und Erbarmung freudig über alle Leiden dieser Zeit, und sein Lied erinnert an den Siegesruf des Apostels Paulus in Rö 8:38-39.

Chapter 104

1 Preise Jahwe, o meine Seele! / Jahwe, mein Gott, du bist sehr groß: / Mit Hoheit und Pracht hast du dich gekleidet,

2 In Licht dich gehüllt wie in ein Gewand. / Wie ein Zelttuch hat er die Himmel gespannt.1

  1. Er hat sie über die Erde hin ausgespannt.

3 Im Wasser hat er seine Söller gewölbt.1 / Wolken macht er zu seinem Wagen. / Auf des Windes Flügeln fährt er einher.

  1. Gottes Königspalast ist das Himmelsgewölbe, das einem mächtigen Söller oder Obergemach vergleichbar über der Erde und den oberen Wassern ruht.

4 Winde macht er zu seinen Boten,1 / Zu seinen Dienern Feuerflammen.2

  1. Vgl. 2Mo 14:21.
  2. Vgl. 2Mo 3:2. S. Heb 1:7.

5 Die Erde hat er auf Pfeiler gegründet,1 / So daß sie nicht wanket immer und ewig.

  1. Die gleichsam frei schwebende Erde hat feste innere Stützen.

6 Die Urflut hat er darüber1 gedeckt wie ein Kleid, / Selbst über den Bergen standen Wasser.

  1. Über die Erde.

7 Vor deinem Machtruf entflohen sie,1 / Vor deinem gewaltigen Donner eilten sie ängstlich hinweg

  1. Die Gewässer der Urflut. Das Machtwort findet sich in 1Mo 1:11.

8 - Während Berge sich hoben und Täler sich senkten — / An den Ort, den du ihnen bestimmt.1

  1. V8a ist eine Zwischenbemerkung, die angibt, wie das Festland aus der Urflut hervortrat. V8b schließt sich an V7b.

9 Eine Grenze hast du ihnen1 gesetzt,2 die dürfen sie nicht überschreiten. / Sie dürfen nicht wiederkehren, daß sie die Erde bedecken.

  1. Den Gewässern.
  2. Nach der Sintflut. vgl. Hio 38:8-11

10 Du sendest Quellen in Bäche aus, / Die zwischen den Bergen fließen.

11 Sie1 tränken alles Getier des Gefilds; / Auch Wildesel stillen ihren Durst.

  1. Die Bäche.

12 An den Bächen wohnen des Himmels Vögel, / Und aus den Zweigen ertönt ihr Lied.

13 Er tränkt die Berge aus seinen Söllern.1 / Von dem, was dein Regen wachsen läßt,2 wird das Erdreich gesättigt.

  1. S. V3.
  2. Wörtlich: "Von der Frucht deiner Werke." Die "Werke" Gottes sind der Regen und überhaupt die Feuchtigkeit, die aus den "Söllern" (V13) hervorgehen und als deren "Frucht" oder Erzeugnis die Pflanzen als Nahrung für Menschen und Vieh hervorwachsen.

14 Gras lässest du sprossen für das Vieh / Und Kraut1 zum Nutzen des Menschen: / So bringst du Brot2 aus der Erde hervor.

  1. Dazu gehören nicht nur die Futterkräuter, sondern auch das Getreide und das Gemüse.
  2. D.h. Nahrung im allgemeinen.

15 Und der Wein soll erfreun des Sterblichen Herz, / Sein Antlitz soll glänzen vom Öl,1 / Und das Brot soll erquicken des Sterblichen Herz.

  1. Indem es mit Öl gesalbt wird. In dem heißen Klima des Morgenlandes wird die Haut, wenn man sie nicht mit Fett einreibt, leicht grob und rauh.

16 Jahwes Bäume1 trinken sich satt:2 / Libanons Zedern, die er gepflanzt.

  1. Jahwes Bäume sind solche Bäume, die ohne die Pflege des Menschen wachsen, die also ganz unter Gottes Obhut stehen; unter diesen Bäumen werden in V16b besonders die Zedern des Libanon genannt.
  2. Vom Regen.

17 Dort nisten Vögel, / Vor allen der Storch, der sein Nest auf Zypressen hat.

18 Die Berge dagegen, die hohen, sind der Steinböcke Sitz. / In den Felsen finden die Klippdachse Schutz.

19 Er schuf den Mond, die Zeiten zu messen,1 / Dazu auch die Sonne, die ihren Untergang kennt.2

  1. Nach den Mondphasen kann der Mensch die Monate abgrenzen und überhaupt das Jahr einteilen.
  2. Die Sonne weiß, wann sie untergehen soll, so daß der Wechsel von Tag und Nacht stets regelmäßig ist.

20 Läßt du Finsternis kommen, so wird es Nacht. / Da regt sich alles Getier des Waldes:

21 Die jungen Löwen vor allen, die da brüllen nach Raub / Und von Gott ihre Nahrung fordern.

22 Die Sonne geht auf: da schleichen sie weg / Und legen sich nieder in ihren Höhlen.

23 Der Mensch geht an sein Tagewerk, / An seine Arbeit bis auf den Abend.

24 Jahwe, wie sind deiner Werke so viel! / Sie alle hast du mit Weisheit vollbracht. / Voll ist die Erde von deinen Gütern.

25 Da ist das Meer — so groß und so weit! / Drin ist ein zahllos Gewimmel: / Kleine Tiere und große.

26 Dort ziehen auch Schiffe dahin. / Und der Leviatan ist da, den du geschaffen, / Daß er sich tummle in den Fluten.1

  1. Der Leviatan ist hier offenbar ein Seeungeheuer; im Buch Hiob (40,25) dagegen ist er das Krokodil.

27 Sie alle1 schauen zu dir empor, / Daß du ihnen Speise gebest zu rechter Zeit.

  1. Alle Geschöpfe.

28 Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie ein; / Öffnest du deine Hand, so werden sie satt von Gutem.

29 Verbirgst du dein Antlitz, so erschrecken sie; / Nimmst du weg ihren Odem: sie müssen verscheiden / Und kehren zurück in ihren Staub.1

  1. Aus dem sie durch das Wort des Allmächtigen hervorgegangen sind. 1Mo 1:24

30 Deinen Lebensodem sendest du aus, und sie werden geschaffen: / So erneust du das Antlitz1 der Erde.2

  1. Die Oberfläche.
  2. Indem Gott jeden Tag und jedes Jahr Leben schwinden und Leben kommen läßt, erneuert er das Antlitz der Erde. Das geschieht namentlich auch im Frühling nach der Erstarrung des Winters.

31 Jahwes Herrlichkeit währe auf ewig! / Es freue sich Jahwe seiner Werke!1

  1. Wie er sich ja auch nach vollbrachtem Schöpfungswerk freuen konnte, als er alles "sehr gut" fand. 1Mo 1:31 Macht ihm die Erde keine Freude, so ist es ihm ein Leichtes, sie zu vertilgen (V32).

32 Blickt er die Erde an, so erzittert sie; / Berührt er die Berge, so rauchen sie.1

  1. Dieser Vers weist hin auf Erdbeben und vulkanische Ausbrüche.

33 Ich will Jahwe singen mein Leben lang, / Meinem Gotte spielen, solange ich bin.

34 Mög ihm auch mein Sinnen1 gefallen! / Ich will mich Jahwes freun.

  1. Das Sinnen oder die Gedanken meines Herzens. vgl. Ps 19:14

35 Mögen die Sünder vom Erdboden schwinden / Und die Gottlosen nicht mehr sein!1 / Meine Seele, preise du Jahwe!2 / Lobet Jah!3

  1. Denn sie hindern Gottes Freude an seinen Werken und auch die Freude der Frommen. Auf der neuen Erde wird keine Sünde und Gottlosigkeit mehr zu finden sein.
  2. Der letzte Ton dieses Psalms ist derselbe wie der erste, ebenso wie in Ps. 103. — Alexander von Humboldt sagt von Ps 104 "In dem einzigen Psalm 104 ist, möchte man sagen, das Bild des ganzen Kosmos dargelegt. Man erstaunt, in einer Lehrdichtung von so geringem Umfang mit wenig Zügen das Universum geschildert zu sehen" (nach Ed. König, "Die Psalmen," S.44).
  3. Hebräisch: "Hallelûjah" — ein Aufruf an alle Geschöpfe. Dieser Aufruf "Hallelûjah" kommt im Psalter hier zum erstenmal vor; außerhalb des Psalters findet er sich nicht.

Chapter 105

1 Danket Jahwe, ruft seinen Namen an, / Macht seine großen Taten inmitten der Völker kund!

2 Singt ihm, spielt ihm, / Redet von all seinen Wundern!

3 Rühmt euch seines heiligen Namens! / Es freue sich deren Herz, die Jahwe suchen.

4 Fraget nach Jahwe und seiner Macht, / Suchet sein Antlitz beständig!

5 Gedenkt seiner Wunder, die er getan, / Seiner Zeichen und der Urteile seines Munds,1

  1. Gemeint sind die richterlichen Strafurteile Gottes, wie sie z.B. an Pharao und den Ägyptern offenbar wurden.

6 Ihr Nachkommen Abrahams, seines Knechts, / Ihr Söhne Jakobs, seine Erwählten!

7 Er, Jahwe, ist unser Gott; / Er waltet gerecht über alle Lande.

8 Er gedenkt seines Bundes auf ewig, / Des Wortes, das er geboten für tausend Geschlechter,1

  1. Das "Wort" bezieht sich wohl auf die Forderungen, die Gottes Bund dem Volk Israel auferlegte. vgl. 2Mo 19:5-8

9 Des Bundes, den er geschlossen mit Abraham, / Seines Eides an Isaak.1

  1. 1Mo 22:16-18, 26:1-5.

10 Er hat ihn1 für Jakob verheißend bestätigt, / Für Israel2 als ewigen Bund.

  1. Den Bund.
  2. Israel ist der bekannte Ehrenname Jakobs. 1Mo 32:28-29

11 Indem er sagte: "Dir will ich geben Kanaans Land / Als euer erblich Besitztum."

12 Damals waren sie klein an Zahl, / Ein Häuflein nur, und Gäste im Land.1

  1. Sie hatten keine feste Wohnung im Land Kanaan.

13 So wanderten sie1 von Volk zu Volk, / Von einem Reiche zum andern Volk.

  1. Die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob.

14 Er1 ließ sie dabei von niemand bedrücken, / Ja, Könige strafte er ihretwegen:2

  1. Gott.
  2. Vgl. 1Mo 12:10-20, besonders V17; 20,1ff.; 26,6-11.

15 "Tastet meine Gesalbten nicht an, / Und meinen Propheten tut kein Leid!"1

  1. Worte Gottes an die Könige (V14). Die Erzväter werden als Gottes Auserwählte auch Gottes Gesalbte genannt. Gott selbst erklärt den Abraham für einen Propheten in 1Mo 20:7.

16 Dann rief er Hungersnot gegen das Land,1 / Nahm jegliche Nahrung hinweg.2

  1. Gegen Kanaan, das Land der Erzväter. 1Mo 41:53-42:2
  2. Wörtlich: "Er zerbrach jede Stütze von Brot."

17 Er sandte vor ihnen her1 einen Mann: / Josef ward als Sklave verkauft.2

  1. Vor Jakob und seinen Söhnen her; er sandte Josef nach Ägypten; wie? das sagt V17b.
  2. 1Mo 37:12-28.

18 Seine Füße wurden gefesselt, / In Eisen legte man ihn,1

  1. 1Mo 39:19-20.

19 Bis sich sein Wort1 erfüllte, / Jahwes Spruch ihn geläutert hatte.

  1. Gemeint ist hier wohl Josefs "Wort" von seinen prophetischen Träumen. 1Mo 37:5-11 Diese Träume erfüllten sich, als Josef in Ägypten zu so hohen Ehren kam. Diese Träume bewährten sich auch als "Jahwes Spruch." Aber auf Grund dieses Spruches sollte Josef erst in tiefer Erniedrigung geläutert werden, ehe er zu fast königlichem Ansehen emporstieg.

20 Da sandte der König1 und ließ ihn los, / Der Völkerbeherrscher gab ihn frei.

  1. Pharao.

21 Er setzte ihn seinem Hause zum Herrn, / Zum Gebieter über all seinen Besitz;1

  1. 1Mo 41:38-46.

22 Er sollte seine Fürsten an sich fesseln,1 / Seine Ältesten2 sollte er Weisheit lehren.

  1. D.h. die Fürsten Pharaos sollten Josef gehorchen.
  2. D.h. die hohen Hofbeamten Pharaos.

23 Dann kam Israel1 nach Ägypten, / Und Jakob ward Gast im Lande Hams.2

  1. Jakob mit seiner Familie. 1Mo 46:1-7
  2. Vgl. Ps 78:51. Das Land Hams ist Ägypten; in 1Mo 10:6 wird Mizraim (Ägypten) ein Sohn Hams genannt.

24 Gott ließ sein Volk sehr zahlreich werden / Und machte es stärker als seine Bedränger.1

  1. Die Ägypter; vgl. 2Mo 1:6-7.

25 Es wandelte sich nämlich ihr Herz,1 sein Volk zu hassen, / Arglist zu üben an seinen Knechten.2

  1. Das Herz der Ägypter; V25 begründet das Wort "Bedränger" V24.
  2. 2Mo 1:8-13.

26 Da sandte Gott Mose, seinen Knecht, / Und Aaron, den er sich erkoren.

27 Die taten Zeichen bei ihnen1 durch seine Macht / Und Wunderdinge im Lande Hams.

  1. Unter den Ägyptern.

28 Er sandte Finsternis — es ward dunkel;1 / Denn widerstrebten sie2 nicht seinen Worten?

  1. 2Mo 10:21-26.
  2. Die Ägypter. Wegen des Widerstrebens Pharaos gegen Gottes Befehl kamen ja die Plagen über Ägypten.

29 Er verwandelte ihre Gewässer in Blut / Und ließ dadurch ihre Fische sterben.1

  1. 2Mo 7:19-24.

30 Es wimmelte auch ihr Land von Fröschen: / Die drangen sogar in der Könige Kammern.1

  1. 2Mo 8:1-6.

31 Er sprach, da kamen Bremsen, / Stechmücken in all ihr Gebiet.1

  1. 2Mo 8:12-17.

32 Er gab ihnen Hagel als Regen, / Ließ Feuer1 lohen in ihrem Land.

  1. Blitze.

33 Er schlug ihren Weinstock und Feigenbaum, / Zerbrach alle Bäume ihres Gebiets.1

  1. 2Mo 9:18-25.

34 Er sprach, da kamen Heuschrecken / Und Hüpfer1 ohne Zahl.

  1. Heuschrecken vor der letzten ihrer vier Häutungen, wo sich die Flügel noch in einer hornartigen Scheide befinden und das Tier mehr hüpft als fliegt.

35 Die fraßen alles Kraut in ihrem Land, / Sie verzehrten die Frucht ihrer Felder.1

  1. 2Mo 10:4-9.

36 Alle Erstgeburt schlug er in ihrem Land, / Die Erstlinge all ihrer Manneskraft.1

  1. 2Mo 12:29.

37 Da ließ er1 sein Volk mit Silber und Gold ausziehn,2 / Und es strauchelte keiner in seinen Stämmen.3

  1. Gott.
  2. 2Mo 3:21-22, 11:2, 12:35-36.
  3. "Es strauchelte keiner," d.h. es war kein Schwacher und Gebrechlicher unter ihnen; alle waren "kampfgerüstet." s. 2Mo 13:18 In "seinen" Stämmen, d.h. in den Stämmen "Gottes" oder "Israels".

38 Die Ägypter freuten sich ihres Auszugs, / Denn Graun vor ihnen war auf sie gefallen.

39 Er spannte Gewölk als Decke aus, / Und Feuer gab ihnen zur Nachtzeit Licht.1

  1. Ein Hinweis auf die Wolken- und Feuersäule. 2Mo 13:21

40 Er1 bat: da ließ Gott Wachteln kommen / Und sättigte sie mit Himmelsbrot.2

  1. Mose.
  2. 2Mo 16.

41 Einen Fels tat er auf: da floß Wasser heraus; / Es rann wie ein Strom durch die Steppe.1

  1. 2Mo 17:6.

42 Denn er dachte seines heiligen Worts / Und Abrahams, seines Knechts.

43 Drum ließ er sein Volk mit Freuden ausziehn, / Seine Auserwählten mit Jubel.

44 Er gab ihnen Länder der Heiden; / Was Völker erworben, das erbten sie.

45 Denn sie sollten seine Gesetze befolgen / Und seinen Lehren gehorsam sein. / Lobt Jah!1

  1. Mit Ps. 105 ist zu vergleichen Ps 78:1-15 und 1Ch 16:8-22. In bezug auf den letzten Abschnitt s. d. Anm. zu Ps 96:1. — Übersicht über Psalm 105: 1) V1-6: Aufruf zum Lobpreis Gottes. 2) V7-12: Gottes Bundestreue ist unveränderlich; er hält seine Verheißung fest: Kanaan ist Israels Erbland. 3) V13-15: Die Wanderungen der Erzväter in Kanaan. 4) V16-25: Die Geschichte Josefs und die Übersiedlung des Hauses Jakobs nach Ägypten. 5) V26-36: Israel in Ägypten und die ägyptischen Plagen. 6) V37-41: Der Auszug Israels aus Ägypten und die Wüstenwanderung. 7) V42-45: Erinnerung an Gottes Bundestreue und eine Mahnung an Israel, Gott treu zu dienen.

Chapter 106

1 Lobet Jah! / Danket Jahwe, denn er ist gütig; / Ewig währet ja seine Huld.

2 Wer kann gebührend von Jahwes Taten reden / Und all seinen Ruhm erschöpfend verkünden?

3 Heil denen, die das Gesetz befolgen, / Die Gerechtigkeit üben zu jeder Zeit!

4 Gedenke mein, o Jahwe! / Auch mir schenk die Huld, die dein Volk erfährt! / Auch mich sieh an, wenn du ihm hilfst!

5 Dann schau ich mit Lust deiner Erwählten Glück, / Dann teil ich die Freude deines Volks / Und darf mich rühmen mit deinem Erbe.1

  1. D.h. mit deinem auserwählten Volk Israel. — In V4 und 5 bittet der Dichter für sich selbst; er sehnt sich danach, als Glied des Volkes Gottes auch Anteil an dem Segen zu empfangen, den Gott seinem Volk schenkt.

6 Wir haben gesündigt gleich unsern Vätern, / Haben gottlos gehandelt, gefrevelt.1

  1. Vgl. Da 9:4-7; Ne 9:16-21.

7 Unsre Väter in Ägypten achteten nicht deiner Wunder, / Gedachten nicht deiner Gnadenfülle, / Sondern waren widerspenstig am Meer, am Schilfmeer.1

  1. 2Mo 14:10-15.

8 Er aber rettete sie um seines Namens willen, / Um seine Macht zu beweisen.

9 Er schalt das Schilfmeer, da ward es trocken. / In den Fluten ließ er sie ziehn wie auf blachem Feld.

10 So befreite er sie aus des Hassers Hand / Und erlöste sie aus des Feindes Gewalt.

11 Die Wasser bedeckten ihre Bedränger: / Nicht einer von ihnen blieb übrig.

12 Da vertrauten sie auf seine Worte, / Sie sangen seinen Ruhm.1

  1. 2Mo 15.

13 Doch schnell vergaßen sie seine Taten, / Warteten nicht, daß sein Rat sich erfülle.1

  1. Sie warteten nicht geduldig auf das, was Gott mit ihnen vorhatte, sondern sie griffen Gottes gnädigem Rat mit ihrer Lüsternheit vor (V14).

14 Sondern lüstern wurden sie in der Wüste / Und versuchten Gott in der Öde.1

  1. 4Mo 11:4-6.

15 Da erfüllte er wohl ihr Verlangen, / Aber dann sandte er ihnen Krankheit zu.1

  1. 4Mo 11:30-35.

16 Sie waren auch neidisch auf Mose im Lager, / Auf Aaron, Jahwes Geweihten.1

  1. 4Mo 16.

17 Da tat sich die Erde auf: sie verschlang Datan / Und bedeckte die Rotte Abirams.

18 Feuer ergriff ihre Rotte, / Die Flamme verzehrte die Frevler.

19 Sie machten ein Kalb am Horeb / Und beteten dann dies Gußbild an.1

  1. 2Mo 32.

20 Ihres Gottes Herrlichkeit gaben sie hin / Für das Bild eines Stieres, der Gras frißt.

21 Sie hatten Gott, ihren Retter, vergessen, / Der Großes getan in Ägypten,

22 Wunder im Lande Hams,1 / Erstaunliche Dinge am Schilfmeer.

  1. Ps 105:23.

23 Er wollte sie schon vertilgen: / Doch da trat Mose, sein Auserwählter, vor ihm in den Riß,1 / Um seine Zornglut abzuwenden, / Daß er sie nicht verderbe.

  1. Mose deckte gleichsam die Bresche, indem er sich hinstellte, um sein eigenes Leben zum Opfer zu bringen. 2Mo 32:30-34; 5Mo 9:18-19, 10:10.

24 Sie verschmähten das köstliche Land,1 / Sie trauten seiner Verheißung nicht,2

  1. Kanaan.
  2. 4Mo 14:2-4.

25 Sondern murrten in ihren Zelten, / Gehorchten nicht Jahwes Stimme.

26 Da hub er auf seine Hand und schwur,1 / Sie niederzuschlagen in der Wüste,

  1. 4Mo 14:21-26.

27 Ihre Nachkommen unter die Völker zu werfen, / Sie zu zerstreuen in die Länder.

28 Sie hängten sich an den Baal Peôr1 / Und aßen Opfer für Tote.2

  1. 4Mo 25:3.
  2. Die Götzenopfer heißen Totenopfer, weil die Götzen tot sind im Gegensatz zu dem lebendigen Gott.

29 So reizten sie ihn mit ihrem Tun. / Da riß unter ihnen ein Sterben ein.

30 Nun aber trat Pinehas auf und hielt Gericht: / Da ward der Plage Einhalt getan.1

  1. 4Mo 25:5-11.

31 Das ward ihm gerechnet zur Gerechtigkeit / Für alle Geschlechter, für immer.1

  1. 4Mo 25:12-13. Vgl. 1Mo 15:6.

32 Sie erzürnten ihn weiter am Haderwasser, / Und übel ging's Mose um ihretwillen.1

  1. 4Mo 20:2-13.

33 Denn sie1 hatten seinem Geist2 widerstrebt, / So daß ihm unbedachte Worte entfuhren.3

  1. Die Israeliten.
  2. Gottes Geist.
  3. 4Mo 20:10-12, 5Mo 1:37.

34 Sie vertilgten auch nicht die Völker, / Wie ihnen Jahwe geboten hatte.1

  1. 2Mo 34:11-13, 5Mo 7:1-2, 12:2-3, Ri 1:28.

35 Sondern sie ließen sich ein mit den Heiden / Und nahmen an ihrem Treiben teil:

36 Sie dienten ihren Götzen, / Die wurden ihnen zum Fallstrick.

37 Sie opferten ihre Söhne / Und ihre Töchter den bösen Geistern.1

  1. 5Mo 32:17.

38 So vergossen sie schuldlos Blut, / Das Blut ihrer Söhne und Töchter, / Die sie opferten Kanaans Götzen, / Daß das Land durch Blutschuld entweiht ward.1

  1. 5Mo 12:31, 18:10.

39 So wurden sie unrein durch ihr Tun / Und fielen von Gott durch ihr Treiben ab.1

  1. 2Mo 34:15-16.

40 Da entbrannte Jahwes Zorn wider sein Volk, / Er fühlte Abscheu gegen sein Erbe.

41 Drum gab er sie in der Heiden Hand, / Daß ihre Hasser über sie herrschten.1

  1. Ri 2:14.

42 Ihre Feinde bedrängten sie, / Sie mußten sich beugen ihrer Gewalt.

43 Oftmals zwar befreite er sie, / Doch in Eigensinn lehnten sie sich auf: / Drum gingen sie unter in ihrer Schuld.

44 Er aber sah gnädig auf ihre Not, / Als er ihr lautes Schrein vernahm.

45 Da gedachte er ihnen1 an seinen Bund / Und hatte Mitleid in großer Huld.

  1. Zu ihrem Heil.

46 Er ließ sie Erbarmen finden / Bei allen, die sie ins Elend1 geführt.2

  1. In die Gefangenschaft.
  2. Dieser Vers weist auf eine Zeit, wo die Weltmacht den Juden schon günstiger gesinnt war. Wir haben hier wohl an die Zeit des Perserkönigs Cyrus zu denken, der die Rückkehr der Juden nach Kanaan veranlaßte (Esra 1).

47 Hilf uns, Jahwe, unser Gott, / Und sammle uns aus den Heiden!1 / Dann wollen wir danken deinem heiligen Namen, / Uns glücklich preisen, dich zu loben.2

  1. Eine Bitte um die Heimkehr aller noch unter den Heiden zerstreuten Juden nach Kanaan.
  2. Mit Ps. 106 beginnt die Reihe der Hallelujah-Psalmen, d.h. der Psalmen, die die Aufforderung "Hallelûjah" (Lobet Jah) als Anfang und Überschrift haben. Es sind außer Ps. 106 noch die Psalmen 111-113 117 135 146-150. — Mit Ps 106:47-48 vgl. 1Ch 16:34-36 und den zweiten Teil der Anm. zu Ps 96:1, Psalm 106 beschäftigt sich ebenso wie die Psalmen 78 und 105 mit der Geschichte der israelitischen Vorzeit. Aber dabei besteht zwischen den drei Psalmen ein Unterschied: in Ps. 78 herrscht dabei die Belehrung vor, in Ps. 105 die Danksagung und in Ps. 106 die Bußgesinnung. Ps. 106 ist ein gottesdienstliches Bußgebet, das vielleicht noch in der babylonischen Gefangenschaft entstanden ist.

48 Gepriesen sei Jahwe, Israels Gott, / Von Ewigkeit zu Ewigkeit! / Und alles Volk spreche: / "Ja wahrlich! Lobt Jah!"1

  1. V48 gehört nicht mehr zu Ps. 106. Er schließt vielmehr als Lobpreisung das vierte Buch des Psalters.

Chapter 107

1 "Danket Jahwe, denn er ist gütig; / Ewig währt ja seine Huld!"

2 So sollen sprechen Jahwes Erlöste, / Die er erlöst hat aus Feindeshand,

3 Und die er gesammelt aus vielen Landen: / Von Ost und West, von Nord und Süd.

4 Sie irrten vom Weg in der Wüste und Öde, / Eine Stadt als Wohnsitz fanden sie nicht.

5 Sie litten Hunger und Durst: / Ihre Seele verzagte in ihnen.

6 Da schrien sie zu Jahwe in ihrer Not: / Der riß sie heraus aus ihren Ängsten.

7 Er führte sie auf ebnem Weg, / Daß sie kamen in eine wohnliche Stadt.

8 Nun sollen sie Jahwe danken für seine Huld / Und für seine Wunder zum Segen der Menschen.

9 Er hat ja die lechzende Seele gesättigt / Und die hungrige Seele mit Gutem gefüllt.

10 Sie wohnten in Dunkel und Todesschatten, / Gefangen in Elend und Eisenbanden.1

  1. Vgl. Hio 36:8. — Die Verbannung in Babel glich einem großen Gefängnis.

11 Denn sie hatten Jahwes Worten getrotzt / Und den Rat des Höchsten verachtet.

12 Drum beugte er auch durch Mühsal ihr Herz: / Nun sanken sie hin ohne Helfer.

13 Da schrien sie zu Jahwe in ihrer Not: / Der machte sie frei aus ihren Ängsten.

14 Er ließ sie aus Dunkel und Todesschatten, / Und ihre Fesseln zersprengte er.

15 Nun sollen sie Jahwe danken für seine Huld / Und für seine Wunder zum Segen der Menschen.

16 Denn er hat zerbrochen Türen von Erz / Und eiserne Riegel zerschlagen.

17 Gottlose mußten ob sündigen Wandels / Und ob Übertretungen leiden:

18 Jegliche Speise verabscheuten sie,1 / Und sie waren schon nahe den Pforten des Todes.

  1. Sie waren so krank, daß ihnen keine Speise mehr schmeckte.

19 Da schrien sie zu Jahwe in ihrer Not / Der machte sie frei aus ihren Ängsten.

20 Er sandte sein Wort und heilte sie1 / Und ließ sie entrinnen aus ihren Gruben.2

  1. Das Wort Gottes erscheint hier gleichsam persönlich, als Bringer des göttlichen Segens: ein Hinweis auf das Wort, das in der Zeiten Fülle Fleisch wurde. Joh 1:14
  2. Aus den tiefen Leiden, in die sie versenkt waren.

21 Nun sollen sie Jahwe danken für seine Huld / Und für seine Wunder zum Segen der Menschen.

22 Sie sollen bringen Opfer des Danks, / Seine Taten erzählen mit Jubel.

23 Die mit Schiffen das Meer befuhren, / Ihren Handel trieben in großen Gewässern,

24 Sie1 haben Jahwes Werk geschaut / Und seine Wunder im Meeresstrudel.

  1. Sie hauptsächlich, sie vor allem.

25 Auf sein Wort brauste ein Sturmwind daher, / Der türmte empor die Wogen des Meers.

26 Sie1 stiegen himmelan, bald fuhren sie in die Tiefe: / Ihre Seel verging in Weh.

  1. Die Seeleute.

27 Sie schwankten und wankten wie Trunkne, / Und all ihre Weisheit war dahin.1

  1. In V26 und 27 wird die Seekrankheit geschildert.

28 Da schrien sie zu Jahwe in ihrer Not, / Der führte sie aus ihren Ängsten.

29 Er dämpfte den Sturm zum Säuseln, / Und stille schwiegen des Meeres Wogen.

30 Da wurden sie froh, daß es ruhig geworden;1 / Er führte sie dann zum ersehnten Hafen.

  1. Daß die Meereswogen sich besänftigt hatten.

31 Nun sollen sie Jahwe danken für seine Huld / Und für seine Wunder zum Segen der Menschen.

32 Ja sie sollen ihn preisen in der Gemeinde1 / Und im Ältestenrate2 ihn loben.

  1. Wohl im Tempel.
  2. Wohl auf dem Platz der öffentlichen Versammlung am Tor. Ru 4:1-2

33 Er1 machte auch Ströme zur Wüste / Und Wasserquellen zu dürrem Land,

  1. Gott.

34 Fruchtbares Feld zur salzigen Steppe / Wegen der Bosheit seiner Bewohner.1

  1. Hier kann man an Sodom und Gomorra denken. 1Mo 19:24-25

35 Er wandelte Wüsten in Wasserteiche / Und dürres Land in Wasserquellen.

36 Dort machte er Hungrige seßhaft: / Sie bauten sich eine Wohnstadt.

37 Sie besäten Äcker, pflanzten Weingärten / Und gewannen Ertrag an Frucht.

38 Gott segnete sie: sie mehrten sich sehr, / Auch ihr Vieh ließ sich nicht vermindern.

39 Doch manchmal nahmen sie ab und sanken dahin / Durch den Druck von Unglück und Kummer.

40 Aber er, "der auf Fürsten Verachtung gießt / Und in wegloser Öde sie irren läßt" —1

  1. V40 stammt aus Hiob 12,21a und 24b.

41 Er hob die Armen aus Elend hervor / Und mehrte ihre Sippen wie Herden.1

  1. Machte sie so zahlreich wie Herden. Gott brachte sein Volk nach Zeiten des Unglücks und Niedergangs immer wieder zu Glück und Aufstieg. Das zeigte sich auch besonders nach der babylonischen Gefangenschaft.

42 Redliche sollen das sehn mit Freuden, / Doch alle Frevler müssen verstummen.

43 Wer weise ist, der beachte dies / Und verstehe die Gnaden Jahwes!1

  1. Ps. 107 scheint nach der Rückkehr der Juden aus Babel entstanden zu sein. Er ist wahrscheinlich bei einem großen Dankfest gesungen worden. In dem Psalm wird geschildert, wie Gott die Menschen aus mancherlei Nöten und Gefahren errettet: aus drückender Gefangenschaft, wohl im Andenken an die Verbannung in Babel (V10-16), aus lebensgefährlicher Krankheit (V17-22), aus den Schrecken einer Seefahrt (V23-32). Darauf wird ausgeführt, wie Gott ein verwüstetes Land wiederherstellt, während er die Mächtigen der Erde demütigt. Hier ist jedenfalls zu denken an die Wiederbesiedlung Palästinas nach der Rückkehr der Juden aus Babel, als das babylonische Weltreich durch den Perserkönig Cyrus vernichtet worden war. Anderseits aber ist der ganze Psalm so allgemein gehalten, daß er als ein Danklied des Volkes zu allen Zeiten benutzt werden konnte.

Chapter 108

1 Ein Psalmlied Davids.1

  1. Ps. 108 ist, vielleicht zum gottesdienstlichen Gebrauch, mit kleinen Veränderungen aus zwei ganz verschiedenen Stücken zusammengesetzt: V2-6 ist entnommen aus Ps 57:7-11, und V7-14 aus Ps 60:5-12. Der Psalm wird David zugeschrieben, weil er aus zwei davidischen Dichtungen stammt. Daß aber David selbst aus zweien seiner Lieder ein drittes gebildet habe, ist schwerlich anzunehmen. Die Erläuterungen zu Ps. 108 wolle man unter Ps. 57 und 60 nachlesen.

2 Mein Herz ist getrost, Elohim. / Ich will singen und spielen, / Ja, das soll meine Seele!

3 Wach auf, du Harfe und Zither! / Wecken will ich das Morgenrot.

4 Unter Völkern, Adonái, will ich dich preisen, / Dir singen unter den Leuten.

5 Denn groß bis über die Himmel hinaus ist deine Gnade, / Bis zu den Wolken reicht deine Treu.

6 Elohim, erheb dich über die Himmel, / Deine Herrlichkeit über alle Welt!

7 Damit deine Lieben gerettet werden, / So hilf denn mit deiner Rechten und hör uns!

8 Elohim hat mir verheißen bei seinem heiligen Namen: / Frohlocken soll ich, austeilen Sichem / Und vermessen das Tal Sukkot.

9 Mein ist Gilead und mein Manasse, / Efraim schützt mein Haupt als Helm, / Juda ist mein Herrscherstab.

10 Moab ist mein Waschbecken, / Auf Edom werf ich meinen Schuh. / Über Philistäa werd ich (als Sieger) jauchzen."

11 Wer bringt mich hinein in die feste Stadt? / Wer führt mich hin nach Edom?

12 Du, Elohim, du hast uns verworfen; / Du zogst nicht aus, Elohim, mit unsern Heeren.

13 O schaff uns Beistand gegen den Feind! / Denn nichtig ist Menschenhilfe. Mit Elohim verrichten wir Heldentaten. / Er wird unsre Feinde zertreten.

Chapter 109

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids. / Gott, dem mein Loblied gilt, schweige doch nicht!

2 Denn der Frevler und Lügner Mund / Hat sich wider mich aufgetan, / Zu mir geredet mit falscher Zunge.

3 Mich haben Worte des Hasses umschwirrt / Und grundlos gegen mich Krieg geführt:

4 Mit Feindschaft lohnten sie meine Liebe — / Doch ich habe stets für sie gebetet.1

  1. Wörtlich: "Ich aber war Gebet."

5 Sie haben mir Böses für Gutes erwiesen / Und für meine Liebe Haß.

6 Bestell einen Frevler wider ihn,1 / Ein Verkläger steh ihm zur Rechten!2

  1. Hier hat der Psalmist unter seinen Feinden einen besonders im Auge, jedenfalls seinen Hauptwidersacher. Er bittet Gott, er möge gegen diesen seinen größten Feind einen anderen Frevler oder Gottlosen als Feind erwecken, so daß der eine Frevler den anderen verderbe.
  2. Der Verkläger stand zur Rechten des Angeklagten. Sac 3:1

7 Kommt er vor Gericht, so werd er als schuldig verurteilt, / Sein Gebet sogar — es werde zur Sünde!1

  1. Wenn der Verurteilte mit unbußfertigem Herzen betet, so kommt er dadurch aufs neue unter Gottes Gericht.

8 Seiner Tage sollen nur wenig sein,1 / Sein Amt soll ein andrer empfangen.2

  1. Er soll frühzeitig sterben und dadurch auch aus seinem Amt gerissen werden.
  2. Gemeint ist das Amt eines Aufsichtsführenden, eines Vorstehers. Dieser Hauptfeind des Psalmisten muß also eine wichtige Stelle bekleidet haben.

9 Seine Kinder sollen Waisen werden / Und sein Weib eine Witwe.

10 Seine Kinder sollen als Bettler unstet wandern, / (Brot) suchen fern von den Trümmern (des Vaterhauses).

11 Sein Gläubiger lege auf seinen Besitz Beschlag, / Und Fremde sollen ihm seine Habe rauben.

12 Nicht einer bewahre ihm Liebe, / Niemand erbarme sich seiner Waisen!

13 Sein Nachwuchs sei zum Vertilgen bestimmt, / Schon im andern Geschlecht erlösche sein Name!

14 Seiner Väter Schuld möge Jahwe gedenken, / Ungetilgt bleibe seiner Mutter Sünde!1

  1. Vgl. 2Mo 20:5.

15 Sondern immer seien sie1 Jahwe vor Augen; / Der tilg ihr Gedächtnis aus dem Lande,

  1. Die Väter oder Vorfahren des Hauptfeindes des Psalmisten.

16 Weil er1 nicht gedachte, Erbarmen zu üben, / Sondern den verfolgte, der elend und arm, / Ja den Verzagten zu morden suchte.

  1. Des Psalmisten Hauptfeind.

17 So hat er den Fluch geliebt: der treffe ihn nun! / Den Segen begehrte er nicht: der bleibe ihm fern!

18 Drum zog er den Fluch an wie sein Kleid: / Der dringe nun wie ein Wasser in ihn / Und gehe wie Öl in seine Gebeine!1

  1. Mit Öl wird eingerieben; der Fluch soll also tief eindringen.

19 Wie ein Kleid sei er1 ihm, in das er sich hüllt, / Wie ein Gurt, mit dem er sich ständig gürtet.

  1. Der Fluch.

20 So lohne Jahwe meinen Verklägern / Und denen, die Böses wider mich reden.

21 Du aber, Jahwe Adonái, / Wirke mit mir1 um deines Namens willen! / Rette du mich, weil deine Huld so herrlich ist!

  1. D.h. wirke in Gemeinschaft mit mir, gleichsam als mein Bundesgenosse (so mit Ed. König).

22 Denn ich bin elend und arm, / Und mein Herz ist in mir verwundet.

23 Wie ein Schatten, wenn er sich dehnt,1 so bin ich vergangen,2 / Gleich Heuschrecken bin ich hinweggescheucht.3

  1. Am Ende des Tages dehnen sich die Schatten, d.h. sie werden länger.
  2. So schwindet mein Leben dahin.
  3. Die Heuschrecken werden durch den Wind hinweggetrieben und ins Meer geworfen. Joe 2:20

24 Meine Knie schlottern vom Fasten, / Mein Fleisch ist verfallen und mager.

25 Den Leuten bin ich zum Hohn geworden, / Sie schütteln den Kopf,1 sooft sie mich sehn.

  1. Zum Zeichen des Spottes.

26 Hilf du mir, Jahwe, mein Gott, / Rette du mich nach deiner Huld!

27 Dann werden die Leute erkennen, daß dies deine Hand, / Daß du, o Jahwe, es hast getan.1

  1. Gottes "Hand" oder Wirken steht im Gegensatz zu allem sogenannten Zufall oder Menschenwerk. Die Leute in der Umgebung des Psalmisten werden endlich klar erkennen, daß Gott ihm wie einst dem Hiob sein Leiden nur für eine Zeitlang zu seiner Prüfung und Läuterung auferlegt hat. Den Fluch und die Feindschaft der Menschen wird Gott für den Psalmisten schließlich in Segen und Freude wandeln.

28 Fluchen sie, so wollest du segnen. / Erheben sie sich, so laß sie zuschanden werden, / Während dein Knecht sich freuen darf.

29 Laß meine Verkläger sich kleiden in Schmach / Und Schande anziehn wie ein Gewand!

30 Ich will Jahwe laut danken mit meinem Munde, / Inmitten vieler ihn loben.

31 Denn er tritt dem Armen zur Rechten,1 / Um ihn zu retten vor denen, / Die ihn verurteilen wollen.2

  1. Zur Rechten des Armen und Leidenden steht ja auch der Verkläger, der Satan (V6). Indem nun aber auch Gott zur Rechten des Verfolgten tritt, entreißt er ihn den Händen seiner Peiniger.
  2. Es folge hier noch ein kurzes Schlußwort über Ps. 109. Wir sehen: der Psalmist wird heftig verfolgt. Man sucht ihn durch Lüge und Verleumdung mit Hilfe ungerechter Richter zu verurteilen, ja zu töten. Unter seinen Feinden tritt einer besonders hervor. Ist dieser Feind, wenn der Psalm von David stammt, vielleicht der Verräter Doeg oder der andere Verräter Ahitofel? 1Sa 22:6-9; 2Sa 15:12.31, 16:20-23, 17:23 Bestimmtes läßt sich nicht sagen. In seiner traurigen Lage bittet nun der Psalmist, Gott möge seinen Feinden, namentlich dem einen Hauptwidersacher, nach ihren Missetaten vergelten. Der Geist, in dem der Dichter hier redet, ist der Geist vom Sinai, der Geist Elias, der in den Genossen des Neuen Bundes nicht mehr walten soll. Lu 9:55; s. auch das in der Einleitung über die sogenannten Rachepsalmen Gesagte Anderseits aber ist festzuhalten, daß bei den Frommen des Alten Bundes die Bitte um Wiedervergeltung des ihnen zugefügten Bösen und um die Bestrafung der Gottlosen aus dem Eifer für Gottes Ehre hervorgeht. So sind auch die Drohungen in unserem Psalm kein Ausfluß fleischlicher Rachsucht, sondern sie weisen prophetisch hin auf das schreckliche Los, das alle unbußfertigen Feinde Gottes endlich treffen wird. In diesem Sinne hat sich auch das in Ps. 109 angekündigte Verderben an einem Verräter erfüllt, dessen Tat ungleich furchtbarer war als die der beiden Verräter Doeg und Ahitofel: es hat sich erfüllt an Judas, dem Verräter Jesu, auf den deshalb auch in Apg 1:20 der 8. Vers unseres Psalms durch Petrus gedeutet wird. Judas wurde durch seine entsetzliche Sünde der "Verlorne," der Sohn des Verderbers, der Unglückselige, der dem ewigen Verderben verfallen ist. Joh 17:12 "Der Verlorne" wird außer Judas im Neuen Testament nur noch einer genannt: der Antichrist. 2Th 2:3 An ihm, dem größten Feind Christi, wird sich der Ps. 109 ausgesprochene prophetische Fluch auch am furchtbarsten erfüllen (vgl. Off 19:20).

Chapter 110

1 Ein Psalm Davids.1 / Gesprochen hat Jahwe zu meinem Herrn:2 / Setz dich zu meiner Rechten, / bis ich deine Feinde gemacht / Zum Schemel für deine Füße.3

  1. Aus Mt 22:41-46, Mr 12:35-37 und Lu 20:41-44 geht mit aller Klarheit ein Zweifaches hervor: 1. Jesus erkennt Ps. 110 als davidisch an und deutet ihn auf den Messias. 2. Auch die Pharisäer stimmen diesen beiden Behauptungen Jesu zu; denn andernfalls hätten sie sicher Widerspruch dagegen erhoben und sich nicht in Schweigen gehüllt.
  2. David macht hier einen göttlichen Ausspruch kund, der entweder unmittelbar durch den Heiligen Geist oder mittelbar, vielleicht durch den Propheten Natan, an ihn ergangen war. Es ist ein Ausspruch, den Gott an Davids "Herrn" gerichtet hat. Davids Herr ist kein anderer als der Messias. Der Messias ist Davids Sohn, weil er seiner Menschheit nach aus Davids Geschlecht stammt; er ist Davids Herr, weil er nach seiner Gottheit himmelhoch über David steht, so daß ihm David anbetend huldigen muß.
  3. Wie Jesus selbst Ps 110:1 auf sich gedeutet hat, so bezieht auch Petrus in seiner Pfingstpredigt diese Worte auf den Messias und weist darauf hin, daß Jesus von Nazaret durch seine Himmelfahrt auf den Thron Gottes erhöht worden ist. Apg 2:32-35 Ebenso wird in Heb 1:13, 10:12-13 dieser erste Vers in Ps. 110 auf Christus gedeutet, der sich nach vollbrachtem Versöhnungsopfer für immer zur Rechten Gottes gesetzt hat und seitdem darauf wartet, daß seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt werden. Wenn endlich Paulus 1Kor 15:25 schreibt, daß Christus so lange als König herrschen muß, bis er seinen Fuß auf den Nacken aller seiner Feinde gesetzt hat, so ist dies ein unzweideutiger Hinweis auf Ps 110:1. Es mögen nun zu diesem Vers noch einige Bemerkungen für die Worterklärungen folgen. Wer zur Rechten Gottes sitzt, der hat teil an Gottes Macht und Herrlichkeit. So ist Christus durch seine Auferstehung und Himmelfahrt als wahrhaftiger Mensch zu der Fülle der göttlichen Macht und Herrlichkeit erhoben worden (vgl. Mt 28:18, Rö 1:4, Eph 1:20-21, Php 2:9-11, 1Pe 3:22, Off 5:12-14). Die Feinde zum Schemel für jemandes Füße machen heißt: die Feinde ihm völlig unterwerfen. Dem besiegten Feind setzte der Sieger zum Zeichen seiner Oberhoheit den Fuß auf den Nacken. Jos 10:24 In den Tell Amarna-Briefen schreibt ein Statthalter an seinen Oberherrn, den König von Ägypten, um 1400 v. Chr. "Siehe, ich bin der Schemel der Füße des Königs, meines Herrn." Das Wort "Bis" ("bis ich deine Feinde... gemacht habe") schließt die Zeit nach dem erlangten Sieg mit ein (vgl. zu dem Ausdruck 1Mo 49:10). Mit Ps 110:1 ist zu vergleichen Ps 2:7 mit meinen Bemerkungen am Schluß des 2. Psalm.

2 Den Herrscherstab deiner Macht wird Jahwe drum / Ausstrecken von Zion her: / Herrsche nun unter deinen Feinden!"1

  1. Aus dem göttlichen Spruch in V1 folgt nun das in V2 Gesagte. Zion ist der Herrschersitz des messianischen Königs. Ps 2:6 Das Zepter, der "Herrscherstab," ist das Sinnbild der ihm von Gott verliehenen "Macht." Diesen Herrscherstab wird Gott von Zion her weithin ausstrecken; wie weit, das sagen z.B. Ps 72:8-11, Sac 9:10. Die Worte am Schluß von V2 richtet Gott an den messianischen König. Wenn ihm Gott auch alle seine Feinde unterwerfen wird, so soll er doch unter ihnen und über sie die Herrschaft führen. Ps 2:8-9 Um aber inmitten seiner Feinde siegreich zu herrschen, bedarf der König eines opferwilligen Volkes und Heeres. Davon spricht nun V3.

3 Dein Volk wird auch opferwillig dir folgen / An dem Tage, da du dein Heer zum Kampfe rufst.1 / In heiligem Schmuck / Strömt dir deine junge Mannschaft zu / Wie Tau aus dem Schoße des Frührots.2

  1. Das Volk folgt seinem König opferwillig; wörtlich: "es ist Freiwilligkeiten," d.h. es ist ganz und gar freudige Willigkeit; es stellt alles, was es ist und hat, in des Königs Dienst. Es ist also kein Söldnerheer, das der König zum Kampf aufbietet, sondern ein Heer von freiwilligen Streitern, die ihm Treue halten bis in den Tod.
  2. In der zweiten Hälfte von V3 wird nun das Heer des Königs noch näher beschrieben. Es ist eine jugendliche Streiterschar, die sich dem König freiwillig zur Verfügung stellt. Sie wird mit dem Tau verglichen wegen ihrer Jugendfrische und großen Zahl. Sie erscheint auch "in heiligem Schmuck." Hier ist ein priesterlicher Schmuck gemeint. Denn der König, dem das Heer folgt, ist auch zugleich Priester, wie in V4 gesagt wird, und seine Streiter nehmen teil an seiner priesterlichen Würde wie an seiner königlichen (vgl. 1Pe 2:9, Off 1:6, 5:10, 20:6).

4 Geschworen hat Jahwe, nicht wird es ihn reun: / "Du sollst ein Priester auf ewig sein / Nach Melchisedeks Weise."1

  1. Melchisedek, der König von Salem, d.h. Jerusalem, war zugleich ein Priester Gottes. 1Mo 14:18-20 Ebenso ist Christus, der himmlische König, zugleich auch der ewige Hohepriester. Gott hat ihn nach Heb 5:5-10 bei seiner Himmelfahrt als Hohepriester nach der Weise Melchisedeks feierlich eingesetzt, und darüber wird dann von Heb 7:1 ab ausführlich geredet. Ps. 110 ist also für den ganzen Hebräerbrief von entscheidender Bedeutung. Die ganze wichtige Belehrung über Christi himmlisches Hohepriestertum gründet sich auf diesen Psalm. — Christus allein ist würdig, die Königskrone und die Priesterkrone vgl. Sac 6:9-13 zugleich zu tragen. In der christlichen Kirche widerspricht es aber dem Willen Gottes, wenn ein Priester das Königtum, d.h. weltliche Macht, oder ein König das Priestertum, d.h. geistliche Macht, an sich reißt. Die beiden Gewalten sollen getrennt bleiben. Christus und kein anderer ist der wahre Melchisedek. Er gibt seiner Kirche zwar jetzt schon Anteil an seinem Priestertum (s. z.B. 1Pe 2:9), aber Anteil an seiner königlichen Herrschaft schenkt er ihr erst in der zukünftigen Welt (s. z.B. Off 5:10, 20:6).

5 Adonái, der dir helfend zur Rechten steht,1 / Wird Könige niederwerfen / Am Tage seines Zorns.2

  1. Vgl. Ps 109:31.
  2. Vgl. Ps 2:10-12, Off 6:15-17, 16:12-16, 17:12-14.

6 Er richtet einst inmitten der Völker:1 / Er wird von Leichen umgeben sein,2 / Zerschmettern wird er das Haupt über weites Land.3

  1. Er wird unter den Völkern seine Königsmacht beweisen, indem er das Strafgericht an seinen Feinden übt. Was dabei geschehen wird, sagen dann die folgenden Worte.
  2. Vgl. Jes 63:1-6.
  3. Das Haupt (Oberhaupt) oder der Herrscher über ein weites Land oder großes Gebiet ist in der endgeschichtlichen Erfüllung dieser Worte der Antichrist, der letzte und furchtbarste Weltherrscher. Über den Endkampf zwischen Christus und Antichristus s. Off 19:11-21, 2Th 2:3-8.

7 Aus dem Bache am Wege wird er trinken. / Drum hebt er (siegreich) das Haupt empor.1

  1. Der König wird bei der Verfolgung seiner Feinde nicht ermatten. Er gleicht jenen Helden Gideons, die sich in ihrem Kampfeseifer gar nicht erst zum Trinken bückten, sondern das Wasser aus einem vorbeifließenden Bach mit der Hand zum Trinken schöpften. Ri 7:4-6 — Weil der messianische König so rastlos sein Werk verrichtet, kann er auch endlich als Sieger sein Haupt erheben und die ihm verheißene Herrschaft empfangen (vgl. z.B. Php 2:8-11).

Chapter 111

1 Lobet Jah!1 / Auf! Jahwe will ich preisen mit ganzem Herzen / Beisammen mit Redlichen und der Gemeinde.2

  1. In diesem sechsten der neun alphabetischen Psalmen beginnt jede Zeile mit einem aufeinanderfolgenden Buchstaben des hebräischen Alphabets. Um dies im Deutschen wiederzugeben, mußte ich verschiedene Stellen des Psalms frei übersetzen; dabei blieb jedoch der Sinn des Grundtextes gewahrt.
  2. Im Tempel.

2 Groß sind die Werke Jahwes, / Durchforschenswert für alle, die daran Gefallen finden.

3 Hoheit und Glanz offenbart sein Tun. / Währt seine Gerechtigkeit nicht ewig?

4 Seiner Wunder Gedächtnis hat er gestiftet.1 / Gnädig2 und voll Erbarmen ist Jahwe.

  1. Namentlich durch die Einsetzung des Passafestes zum Andenken an die wunderbare Errettung aus Ägypten.
  2. Im Deutschen gibt es kein Ch im Anlaut; ich setze dafür das G.

5 Treu hat er Speise den Seinen1 gegeben;2 / Ja, immer gedachte er seines Bunds.

  1. Wörtlich: "denen, die ihn fürchten".
  2. Vielleicht ein Hinweis auf die wunderbare Spendung von Speise und Trank während der Wüstenwanderung.

6 Kraftvolle Werke tat er seinem Volke kund,1 / Ließ sie besitzen der Heiden Erbe.2

  1. Besonders bei dem Auszug aus Ägypten, in der Wüste und bei der Einnahme Kanaans.
  2. Ein Hinweis auf die Eroberung Kanaans.

7 Machttaten seiner Hände sind Treue und Recht,1 / Nimmer täuschen all seine Befehle.2

  1. Gott führt Treue (Wahrheit) und Recht zum Sieg.
  2. Sie sind durchaus zuverlässig.

8 Sie1 bleiben fest für immer und ewig, / Auf Treue und Geradheit sind sie gegründet.2

  1. Gottes Befehle.
  2. Gott hält seinen Bund in aufrichtiger Treue fest.

9 Freiheit sandte er seinem Volk;1 / Zu seinem Bund rief er es für immer.2 / Kann sein Name wohl anders als heilig sein und ehrfurchtgebietend?

  1. Indem er es aus Ägypten führte.
  2. Bei der Gesetzgebung am Sinai.

10 Rechter Weisheit Anfang1 ist Furcht vor Jahwe. / Sie, die sie üben,2 zeigen treffliche Einsicht, / Tragen dauerndes Lob davon.3

  1. D.h. die Quelle aller wahren Weisheit.
  2. Die die Gottesfurcht durch Gehorsam betätigen.
  3. Diese Zeile wird auch übersetzt: "Sein (d.h. Gottes) Lob (oder Ruhm) besteht dauernd."

Chapter 112

1 Auf den kommt Heil, der Jahwe fürchtet,1 / Bei seinen Geboten mit Freuden beharrt.

  1. Von diesem alphabetischen Psalm gilt dasselbe wie von dem vorangehenden, s. d. Anm. zu Ps 111:1.

2 Gewaltig1 im Lande wird sein sein Geschlecht: / Die Redlichen sollen gesegnet werden.

  1. Dasselbe Wort wird im Hebräischen 1Mo 10:8 von Nimrod gebraucht.

3 Habe in Fülle, ja Reichtum wird bergen sein Haus,1 / Währt seine Gerechtigkeit nicht ewig?2

  1. Das Haus dessen, der in Redlichkeit Gott fürchtet.
  2. Er wird stets zu der Gemeinde der Gerechten gehören.

4 Stets strahlt den Frommen im Dunkel Licht,1 / Gnädig, barmherzig, gerecht ist er.2

  1. D.h. Glück, Heil und Segen von Gott.
  2. Der Fromme und Gerechte. Der Fromme soll auf Erden gleichsam Gottes Eigenschaften offenbaren.

5 Trefflich der Mann, der spendet und leiht, / Ja, der seine Sache nur stützt auf Recht.1

  1. Der also vor Gericht nichts mit ungerechten Mitteln erreichen will.

6 Kann dessen Glück wohl jemals wanken? / Lebt nicht auf immer des Gerechten Gedächtnis?1

  1. Spr. Sal. 10,7.

7 Mitnichten fürchtet er1 Unglückskunde; / Nie wankt ja sein Herz, weil er Jahwe vertraut.2

  1. Der Gerechte.
  2. Deshalb macht ihn auch keine Unglücksbotschaft mutlos.

8 Sicher gestützt ist sein Herz,1 er fürchtet sich nicht: / Auf seine Bedränger sieht er mit Ruhe.

  1. Weil er mit festem Gottvertrauen erfüllt ist.

9 Freudig und reichlich gibt er den Armen; / Zu aller Zeit steht seine Gerechtigkeit fest.1 / Kraftvoll wird er dastehn und geehrt.2

  1. Vgl. V3b. Siehe auch 2Kor 9:9.
  2. Wörtlich: "Sein Horn (das Horn ist ein Bild der Kraft) wird in Ehren emporragen."

10 Recht mit Unmut wird das der Frevler sehn, / Scheelsüchtig mit seinen Zähnen knirschend wird er vor Neid vergehn.1 / Traun, was die Gottlosen wünschen, erfüllt sich nimmer.

  1. Weil es ihm nicht gelungen ist, den Frommen zu vernichten, sondern er nun im Gegenteil noch sehen muß, wie es diesem wohl geht.

Chapter 113

1 Lobet Jah! / Lobet, ihr Knechte Jahwes. / Lobet den Namen Jahwes!

2 Jahwes Name sei gepriesen / Von nun an bis in Ewigkeit!

3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang / Sei Jahwes Name gelobt!

4 Erhaben über alle Völker ist Jahwe, / Über den Himmeln thront seine Herrlichkeit.

5 Wer gleicht Jahwe, unserm Gott, / Der sich die Höhe zur Wohnung bereitet,

6 Aber auch alles tief durchforscht / Im Himmel und auf Erden?1

  1. Und gerade auf die Geringsten richtet Gott besonders sein Augenmerk (s. V7).

7 Er richtet den Schwachen empor aus dem Staub, / Aus dem Aschenhaufen erhebt er den Armen.1

  1. Staub und Aschenhaufen sind ein Bild der tiefsten Armut und Verlassenheit. In dem Aschenhaufen liegt in Syrien und Palästina der von der Gesellschaft Ausgeschlossene. Am Tag fleht er die Vorübergehenden um Almosen an, und des Nachts legt er sich in die von der Sonne durchwärmte Asche (nach Franz Delitzsch).

8 Dann setzt er ihn neben den Edlen, / Neben die Edlen seines Volks.

9 Der Unfruchtbaren gibt er im Haus einen festen Platz, / Daß sie sich freut als Mutter inmitten der Kinderschar.1 / Lobet Jah!

  1. Kinderlosigkeit war in Israel eine Schmach. 1Sa 2:1-10 Erst dann, wenn die Ehefrau Kinder hatte, war ihr Platz im Haus des Gatten fest und gesichert.

Chapter 114

1 Als Israel aus Ägypten zog, / Jakobs Haus aus fremdem Volk:1

  1. Wörtlich: "aus einem Volk, das eine fremde (für Israel unverständliche) Sprache redete".

2 Da ward Juda sein Heiligtum,1 / Israel sein Herrschaftsgebiet.2

  1. Juda wird wohl deshalb Gottes Heiligtum genannt, weil dort der Tempel lag.
  2. Wörtlich: "seine Herrschaften," im Blick auf die einzelnen Stämme des Volkes. vgl. 2Mo 19:5-6

3 Das Meer sah es und floh,1 / Der Jordan wandte sich rückwärts.2

  1. Gemeint ist der Durchzug durch das Rote Meer. 2Mo 14:21 "Das Meer sah es," wie Gott sein Volk aus Ägypten befreite.
  2. Jos 3:14-17.

4 Die Berge hüpften wie Widder, / Die Hügel wie junge Schafe.1

  1. V4 schildert das Erdbeben bei der Gesetzgebung am Sinai (2Mo 19:16-18; vgl. 68,9).

5 Was war dir, o Meer, daß du flohest, / Dir, Jordan, daß du dich rückwärts wandtest?

6 Was war euch, ihr Berge, daß ihr hüpftet wie Widder, / Ihr Hügel, wie junge Schafe?1

  1. Auf diese Anrede gibt der Dichter in V7 und 8 selbst die Antwort: Ihr hattet recht, euch so zu verhalten. Denn vor dem allmächtigen Gott muß die ganze Schöpfung ehrfurchtsvoll zittern und ihm freiwillig huldigen. Dies gibt nun dem Dichter Anlaß, in V8 noch an eine andere Wundertat Gottes aus jener alten Zeit zu erinnern: an die Spendung des Wassers aus dem Felsen.

7 Vor dem Herrn erbebe, du Erde, / Vor dem Antlitz des Gottes Jakobs!

8 Er wandelte Felsen in Wasserteich, / Kieselstein in sprudelnde Quellen.1

  1. 2Mo 17:3-6.

Chapter 115

1 (Der Chor der Tempelsänger:)1 / Nicht uns, Jahwe, nicht uns, / Nein, deinem Namen schaff Ehre, / Ob deiner Huld, ob deiner Treu!2

  1. Wohl mit Recht ist vermutet worden, Ps. 115 habe als Wechselgesang bei einem feierlichen Opfer gedient, und es hätten verschiedene Chöre mitgewirkt.
  2. Israel hat kein Verdienst vor Gott. Es hätte vielmehr um seiner Sünden willen schon längst Gottes Zorngericht verdient. Aber dann würden die Heiden denken, Gottes Macht habe nicht ausgereicht, sein Volk zu bewahren. Darum möge Gott um seiner Bundestreue willen Israel helfen und dadurch seinen Namen verherrlichen.

2 Warum sollen die Heiden sagen: / "Wo ist denn nun ihr Gott?"1

  1. Wodurch beweist ihr Gott, daß er wirklich da ist, wenn er nichts für sein Volk tut?

3 Und doch: Unser Gott, der im Himmel thront, / Hat stets hinausgeführt, woran er Gefallen fand.

4 Aber ihre1 Götzen sind2 Silber und Gold, / Das Gebilde von Menschenhand.

  1. Der Heiden.
  2. Dem Stoff nach, woraus man sie bildet.

5 Sie haben einen Mund und können nicht reden. / Sie haben Augen und sehen doch nicht.

6 Ohren haben sie und hören nicht, / Sie haben eine Nase und riechen nicht.

7 Ihre Hände — damit tasten sie nicht, / Ihre Füße — damit gehen sie nicht; / Nicht können sie reden mit ihrer Kehle.

8 Ihnen gleich sind, die sie bilden — / Jeder, der ihnen vertraut.1

  1. Die Götzendiener sind ohnmächtig wie die Götzen selbst und werden zunichte wie diese.

9 (Erster Priesterchor:) / Israel, trau auf Jahwe! / (Zweiter Priesterchor:) / Ihr1 Helfer und Schild ist er.

  1. Aller Israeliten.

10 (Erster Priesterchor:) / Haus Aarons, trau auf Jahwe! / (Zweiter Priesterchor:) / Ihr1 Helfer und Schild ist er.

  1. Der Glieder des Hauses Aarons.

11 (Beide Priesterchöre:) / Die ihr Jahwe fürchtet,1 traut auch ihr Jahwe! / (Der Chor der Tempelsänger:) / Ihr Helfer und Schild ist er.

  1. Damit sind wohl die jüdischen Proselyten gemeint. Diese werden in der Apostelgeschichte auch "die Gottesfürchtigen" genannt (z.B. 13,16; 18,7). Zu ihnen gehörten der äthiopische Würdenträger (Apg. 8) und der römische Hauptmann Kornelius (Apg. 10).

12 (Der opfernde Priester am Altar:) / Jahwe hat unser gedacht: er wird auch segnen. / Er wird segnen Israels Haus, / Er wird segnen Aarons Haus.

13 Er wird segnen, die Jahwe fürchten / Beide: Kleine und Große.

14 Jahwe wolle euch mehren,1 / Euch selbst und eure Kinder!

  1. Durch reichen Kindersegen.

15 Gesegnet seid ihr von Jahwe, / Der Himmel und Erde geschaffen!

16 (Erster Priesterchor:) / Der Himmel ist Jahwes Himmel,1 / Die Erde aber hat er den Menschenkindern gegeben.

  1. Den Himmel hat sich Gott vorbehalten. Drei Reiche werden in V16 und 17 genannt: der Himmel, die Erde und das Totenreich.

17 (Zweiter Priesterchor:) / Die Toten, sie werden Jah nicht loben, / Sie alle nicht, die in die Stille1 hinabgestiegen.2

  1. In die Stille des Totenreiches.
  2. Vgl. Ps 6:6, 30:10, 88:6-7,11-13.

18 (Alle Chöre zusammen:) / Wir aber, wir preisen Jah / Von nun an bis in Ewigkeit. / Lobt Jah!

Chapter 116

1 Jahwe hab ich lieb, / Denn er hat meine Stimme, mein Flehn erhört.

2 Ja, er hat mir sein Ohr zugeneigt; / Drum werd ich ihn auch, solang ich lebe, anrufen.

3 Mich hatten des Todes Bande umringt, / Ich fürchtete schon, ins Grab zu sinken, / Angst und Kummer erfuhr ich.

4 Da rief ich Jahwes Namen an: / "Ach, Jahwe, rette mein Leben!"

5 Jahwe war auch gnädig und treu, / Und es erbarmte sich unser Gott.

6 Schutzlose behütet Jahwe: / Drum half er mir auch, als ich elend war.

7 "Kehr nun ein, meine Seele, in deine Ruh,1 / Denn Jahwe hat dir wohlgetan!"2

  1. In die Ruhe des Friedens, wie sie nur in Gott zu finden ist.
  2. V7 enthält ein Selbstgespräch des Dichters.

8 Ja, du hast meine Seele dem Tode entrissen, / Meinen Augen die Tränen getrocknet, / Meinen Fuß vor Gleiten bewahrt.

9 So darf ich vor Jahwe noch wandeln / In der Lebendigen Landen.

10 Ich sprach die Wahrheit, als ich sagte:1 / "Ich bin sehr niedergedrückt."

  1. V10a wird von dem Apostel Paulus in 2Kor 4:13 nach der Übersetzung der LXX verwendet.

11 Ich habe sogar in meiner Angst gesagt: / "Alle Menschen sind Lügner."1

  1. D.h. das Vertrauen auf die Hilfe der Menschen erweist sich als trügerisch; Gott allein ist der zuverlässige Retter. Vgl. mit V11b Rö 3:4.

12 Wie soll ich nun aber Jahwe vergelten / All seine Wohltaten, die ich erfahren?1

  1. Aber, obwohl von Menschen verlassen, hat der Dichter doch Gottes Hilfe reichlich erfahren. Dafür will er nun Gott von Herzen danken. Er, der wunderbar aus Todesnot Errettete, bringt nun im Tempel vor der ganzen Gemeinde sein Gott gelobtes Dankopfer dar. Aber vor dem Dankopfer, so scheint es, bringt er noch ein Trankopfer dar: er hebt dabei "den Becher des Heils oder der Rettungen" empor und gießt ihn dann am Altar aus.

13 Den Becher des Heils werd ich erheben / Und Jahwes Namen anrufen.

14 Meine Gelübde werd ich Jahwe erfüllen / Frei und offen vor all seinem Volk.1

  1. Aus dem, was der Dichter erlebt hat, erkennt er deutlich, daß die Frommen unter Gottes besonderem Schutz stehen; darum laßt sich Gott auch die Seinen nicht durch einen frühen Tod entreißen (V15).

15 Selten nur läßt Jahwe / Seine Frommen (frühzeitig) sterben.

16 Ach Jahwe, (erhalte darum mein Leben auch ferner)! / Ich bin ja dein Knecht. / Ich bin dein Knecht, der Sohn deiner Magd.1 / Du hat meine Fesseln gelöst.2

  1. Diese Worte deuten wohl darauf hin, daß auch die Mutter des Dichters fromm und gottesfürchtig war.
  2. Durch die Errettung vom Tod.

17 Dir will ich Dankopfer bringen / Und Jahwes Namen anrufen.

18 Meine Gelübde will ich Jahwe erfüllen / Frei und offen vor all seinem Volk.

19 In den Vorhöfen des Hauses Jahwes, / In der Mitte, Jerusalem! / Lobt Jah!1

  1. Die LXX teilt Ps. 116 in zwei Psalmen (Ps 116:1-9 = Ps. 114 der LXX, Ps 116:10-19 = Ps. 115 der LXX), während Ps. 114 und 115 in der LXX zu einem Psalm (113) verbunden werden.

Chapter 117

1 Lobt Jahwe, alle Heiden, / Preist ihn, all ihr Völker!

2 Denn seine Huld waltet mächtig über uns, / Und Jahwes Treue währt ewig!1 / Lobt Jah!

  1. Dieser kleinste der 150 Psalmen hat dennoch eine besondere Bedeutung: Der Apostel Paulus erwähnt in Rö 15:11, Ps 117:1, um zu beweisen, daß auch die Heiden, die Gott für seine unverdiente Barmherzigkeit zu preisen haben, an dem Heil Christi teilnehmen sollen.

Chapter 118

1 (Gesang der Festgemeinde auf dem Wege zum Tempelberg:) / (1. Chor:) / Danket Jahwe, denn er ist gütig, / (2. Chor:) / Ja, ewig währet seine Huld.1

  1. Ps. 118 zeigt uns, wie ein siegreicher Feldherr mit einer großen Festgemeinde auf den Tempelberg in Jerusalem zieht, um dort Gott für seine wunderbare Hilfe zu danken. Wer ist dieser Feldherr? Mir scheint, wir dürfen an Judas Makkabäus denken, der nach seinen Siegen über die Syrer im Dezember 165 v. Chr. in Jerusalem unter großer Freude des ganzen Volkes den Tempel von allem heidnischen Wesen reinigte und ihn wieder dem Dienst Gottes weihte (s. 1. Makk. 4,36-59; 2. Makk. 10,1-8). Zum Andenken an dieses Ereignis wurde von den Juden alljährlich vom 25. Kislev an (Mitte Dezember) acht Tage lang das Fest der Tempelweihe gefeiert, an dem auch Jesus teilgenommen hat. Joh 10:22 Bei der Wichtigkeit dieses Festes wäre es ganz erklärlich, wenn die ursprüngliche Ordnung des Festes im Psalter Aufnahme gefunden hätte. Anderseits aber zeigt sich, daß Ps. 118 auch ältere gottesdienstliche Lieder enthält; Anfang und Schluß des Psalms weisen deutlich hin auf Lieder, die bei der Grundsteinlegung des zweiten Tempels nach der Rückkehr der Juden aus Babylon gesungen worden sind. Esr 3:10-11 — Wie andere Psalmenerklärer so habe auch ich versucht, die einzelnen Teile des 118. Psalms verschiedenen Sängern und Chören zuzuweisen.

2 (1. Chor:) / Es spreche Israel: / (2. Chor:) / "Ja, ewig währet seine Huld."

3 (1. Chor:) / Es spreche Aarons Haus: / (2. Chor:) / "Ja, ewig währet seine Huld."

4 (1. Chor:) / Es mögen alle sprechen, die Jahwe fürchten:1 / (2. Chor:) / "Ja, ewig währet seine Huld."

  1. Vgl. Ps 115:11.

5 (Der Chorführer allein im Namen der ganzen Festgemeinde:) / Als ich aus der Bedrängnis Jahwe anrief, / Da erhörte mich Jah und machte mich frei.

6 Ist Jahwe mit mir, so fürchte ich nichts: / Was können mir Menschen tun?1

  1. Heb 13:6.

7 Tritt Jahwe für mich als Helfer auf, / So schau ich siegreich auf meine Hasser.

8 (Eine Einzelstimme des Festchors:) / Es ist besser, bei Jahwe Zuflucht zu suchen / (Der ganze Chor:) / Als zu vertrauen auf Menschen.

9 (Eine Einzelstimme des Festchors:) / Es ist besser, bei Jahwe Zuflucht zu suchen / (Der ganze Chor:) / Als zu vertrauen auf Fürsten.1

  1. Das hat auch Judas Makkabäus erfahren. Denn bei den Fürsten oder den Vornehmen und Edlen seines Volkes fand er keinen Beistand.

10 (Der siegreiche Feldherr allein:) / Es haben mich alle Heiden umringt, / Doch in Jahwes Namen1 zerhieb ich sie.

  1. Indem ich Jahwes Namen gläubig anrief (s. 1. Makk. 4,7-14).

11 Sie haben mich umringt, ja immer wieder umringt; / Doch in Jahwes Namen zerhieb ich sie.

12 Sie haben mich sogar wie Bienen umringt,1 / Doch wie ein Dornenfeuer sind sie erloschen:2 / In Jahwes Namen zerhieb ich sie.

  1. Vgl. 5Mo 1:44.
  2. So schnell wie ein Dornenfeuer erlischt, sind die Feinde vernichtet worden.

13 Man hat mich zwar heftig gestoßen, damit ich käme zu Fall, / Doch Jahwe hat mir geholfen.

14 Mein Sieg und mein Sang war Jah, / Er ward meine Rettung.

15 (Eine Einzelstimme des Festchors:) / Ein Jubel- und Siegesruf schallt in den Zelten der Frommen: / (Der ganze Festchor:) / "Jahwes Rechte tut mächtige Taten.

16 Jahwes Recht ist hoch erhoben, / Jahwes Rechte tut mächtige Taten."

17 (Eine Einzelstimme des Festchors:) / Ich werde nicht sterben,1 sondern leben / Und verkünden die Werke Jahs.

  1. Nicht im Kampf fallen.

18 (Der siegreiche Feldherr allein nach der Ankunft des Festzuges vor den Tempeltoren:) / Hart zwar hat Jah mich gezüchtigt,1 / Aber dem Tod mich nicht preisgegeben.

  1. So konnte Judas Makkabäus in Wahrheit sprechen im Andenken an seine harten Kämpfe mit den Syrern.

19 Tut mir die Tore auf, durch die nur Gerechte ziehn;1 / Eingehn will ich in sie, ich will Jah danken!

  1. Vgl. Jes 26:7.

20 Dies ist das Tor, das zu Jahwe führt:1 / Gerechte dürfen hier eingehn.

  1. Das Tor, das zum Tempel führt, führt auch zu Gott, der im Tempel wohnt und von dort aus sein Volk segnet.

21 (Der siegreiche Feldherr allein:) / Dir dank ich, daß du mich erhört / Und mir Errettung gebracht hast.

22 (Der Chor der Priester vom Tempel aus:) / Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / Der ist zum Eckstein geworden.1

  1. Judas Makkabäus hatte zwar bei den Bauleuten, d.h. bei den Oberen und Vornehmen seines Volkes, keine Hilfe und Unterstützung gefunden. Aber er, der verschmähte Stein, wurde durch Gottes mächtigen Beistand zum Eckstein, indem er seinem Volk Heil und Errettung brachte. So ist Judas Makkabäus ein Vorbild Christi, an dem sich V22f. vollkommen erfüllt hat (Mt 21:42-44, Mr 12:10-12, Apg 4:11, 1Pe 2:7, vgl. auch Jes 28:16).

23 (Der ganze Festchor:) / Von Jahwe ist dies geschehn: / Wunderbar ist es in unsern Augen.

24 (Der Chor der Priester:) / Dies ist der Tag, den Jahwe gemacht. / Laßt uns jubeln und sein uns freun!

25 (Der ganze Festchor:) / Ach, Jahwe, gewähre doch Hilfe!1 / Ach, Jahwe, gib doch Gedeihn!2

  1. Hebr. Hoschiah na (Hosianna); s. Mt 21:9, Mr 11:9-10, Joh 12:13.
  2. Ein flehentlicher Ruf zu Gott mit der Bitte um seinen ferneren Beistand im Blick auf die schweren Kämpfe, die noch bevorstehen.

26 (Der Chor der Priester antwortet darauf:) / Gesegnet sei er, der da kommt, mit Jahwes Namen!1 / Wir haben euch gesegnet von Jahwes Tempel aus.

  1. Jahwes Name wird durch die Priester segnend auf den durch das Tempeltor einziehenden siegreichen Feldherrn gelegt. vgl. 4Mo 6:27 Mit ihm wird aber auch zugleich die ganze Festgemeinde gesegnet (V26b). Mit den Worten in V26a wurde Jesus in Verbindung mit dem Hosiannaruf bei seinem Einzug in Jerusalem vom Volk begrüßt. Mt 21:9, Mr 11:9, Lu 19:38 Er erschien ja als der vollkommene Befreier, der durch seinen Tod den größten Sieg für die ganze Menschheit erringen wollte.

27 (Der ganze Festchor:) / Ein starker Gott1 ist Jahwe: er hat uns Licht gespendet.2 / (Der Chor der Priester:) / Bindet die Opfertiere so zahlreich an mit Stricken, / (Daß sie den Vorhof füllen) / Bis an die Hörner des Altars!3

  1. Hebräisch "El".
  2. Das Licht der Freiheit und Freude.
  3. Später waren in dem von Herodes d.Gr. erbauten Tempel an der Nordseite des Brandopferaltars kupferne Ringe angebracht, an denen die Opfertiere festgebunden wurden, ehe man sie zur Opferung an den Altar führte (nach Franz Delitzsch). Die "Hörner des Altars" waren hervorragende Spitzen an den vier Ecken des Brandopferaltars (und auch des Räucheraltars). Sie wurden mit dem Blut des Opfertieres bestrichen 2Mo 29:12, 30:10, 3Mo 4:7,18,25, 8:15 und dienten auch als Zufluchtsstätte für solche, die den Tod zu fürchten hatten (1Kön 1:50-51, 2:28).

28 (Der siegreiche Feldherr allein:) / Mein starker Gott bist du: ich will dir danken. / Du bist mein Gott: dich will ich rühmen.

29 (Der ganze Festchor und der Chor der Priester, also die ganze Festversammlung mit einem Munde:) / Danket Jahwe, denn er ist gütig; / Ja, ewig währet seine Huld!

Chapter 119

1 Alle sind glücklich zu preisen, die da untadelig wandeln, / Die einhergehn nach Jahwes Gesetz.

2 Alle sind glücklich zu preisen, die seine Zeugnisse halten, / Die ihn suchen von ganzem Herzen.

3 Auch keine Frevel verüben, / Sondern in seinen Wegen gehn.

4 Aufgestellt hast du deine Befehle, / Daß man sie treu erfüllen soll.

5 Ach, stünde doch mein Wandel fest, / Indem ich deine Gesetze hielte!

6 Alsdann werd ich nicht zuschanden, / Wenn ich auf all deine Gebote blicke.

7 Aufrichtigen Herzens dank ich dir, / Wenn ich deine gerechten Befehle lerne.

8 Auf deine Satzungen achte ich: / Verlaß mich nicht völlig!

9 Bei einem Jüngling bleibt sein Wandel rein, / Wenn er ihn führt nach deinem Wort.

10 Begehrt hab ich dein Wort von ganzem Herzen, / Laß mich nicht irren von deinen Geboten!

11 Bewahret hab ich dein Wort in meinem Herzen, / Damit ich nicht sündige wider dich.

12 Besungen mit Lobpreis seiest du, Jahwe, / Lehre mich deine Satzungen!

13 Bekundet hab ich mit meinen Lippen / Alle Ordnungen deines Mundes.

14 Betracht ich den Wandel, den deine Zeugnisse fordern, / So freu ich mich stets wie über allerlei Reichtum.

15 Bei deinen Befehlen soll mein Sinnen verweilen, / Und blicken will ich auf deine Pfade.1

  1. Auf die Pfade, die du zeigst.

16 Bei deinen Satzungen will ich mich ergötzen, / Will nicht vergessen deine Worte.

17 Gewähre deinem Knechte Gutes, daß ich leben bleibe, / So will ich deine Worte halten.

18 Gib mir offne Augen, / Damit ich erkenne die Wunder1 in deinem Gesetz.

  1. Das Übernatürliche und Geheimnisvolle, das dem menschlichen Verstand unfaßbar ist und das nur im Glauben erkannt werden kann.

19 Gast1 nur bin ich auf Erden: / Verbirg vor mir nicht deine Gebote!2

  1. Ein Fremdling, der auf Erden nicht seine wahre Heimat hat. Ps 39:13, 1Ch 29:15, 1Pe 2:1
  2. Damit er sich nun als Fremdling auf Erden recht verhalte, bittet er Gott, er möge ihn seine Gebote klar erkennen lassen.

20 Ganz verzehrt hat sich meine Seele vor Sehnsucht / Nach deinen Rechten1 zu jeder Zeit.

  1. Nach immer tieferer Erkenntnis deiner Rechte oder Gerichtsurteile, die sich schon vielfach offenbart haben (V21).

21 Gescholten hast du Frevelhafte. / Fluch treff alle, die deine Gebote verlassen!

22 Gespött und Schande, die ich erfahre, nimm weg! / Denn deine Zeugnisse halte ich.

23 Gingen auch Fürsten wider mich an mit feindlicher Rede:1 / Dein Knecht sinnt doch über deine Satzungen nach.

  1. Um mich unschädlich zu machen.

24 Gar meine Lust sind deine Zeugnisse, / Sie sind meine Berater.

25 Dem Staub klebt meine Seele an; / Belebe mich wieder nach deinem Wort!1

  1. Der Dichter kann sich in seiner Trübsal nicht aus eigener Kraft erheben. Darum bittet er Gott um neue Lebenskraft und Lebensfreudigkeit.

26 Dir hab ich mein Los geschildert:1 da erhörtest du mich. / Lehre mich deine Satzungen!

  1. Ähnlich wie Hiskia Jes 38:12.

27 Den Weg, den deine Befehle gebieten, laß mich verstehn! / Denn über deine Wunder will ich sinnen.

28 Durch Kummer zerfließt meine Seele: / Richte mich auf nach deinen Verheißungsworten!

29 Den Weg der Lüge halte mir fern, / Begnade mich aber mit deiner Lehre!1

  1. D.h. schenke mir das rechte Verständnis deiner Lehre.

30 Den Weg der Treue hab ich erwählt, / Deine Rechte mir vorgesetzt.

31 Deine Zeugnisse, Jahwe, halt ich fest; / Laß mich nicht zuschanden werden!

32 Den Weg, den deine Gebote weisen, will ich laufen, / Denn du erfüllst mich mit Einsicht.1

  1. Wörtlich: "Du machst mein Herz weit."

33 Helle mir auf, o Jahwe, deiner Satzungen Weg, / Damit ich ihn immer beachte!

34 Hilf mir zur rechten Erkenntnis, daß ich deine Lehre bewahre / Und sie von ganzem Herzen befolge!

35 Hinführen wollest du mich auf deiner Gebote Pfad, / Denn ich habe Gefallen daran.

36 Hinlenken wollest du mein Herz zu deinen Gesetzen / Und nicht zu ungerechtem Gewinn.

37 Hinweg zieh meine Augen, daß sie nicht nach dem Eitlen1 schaun, / Auf deinen Wegen belebe mich!

  1. D.h. nach dem, was innerlich leer und haltlos ist.

38 Halt deinem Knechte deine Verheißung, / Damit ich wachse in Ehrfurcht vor dir!

39 Halt fern von mir die Schmach, vor der mir graut! / Denn deine Urteilssprüche sind gut.1

  1. Darum darf ich auch erwarten, daß du mich gerecht beurteilst und meine Bitte erfüllst.

40 Hat mich nicht stets verlangt nach deinen Befehlen? / Durch deine Gerechtigkeit belebe mich!

41 Und1 laß, o Jahwe, deine Huld mich reich erfahren. / Dein Heil nach deiner Verheißung!

  1. Die acht Verse mit Waw beginnen überall mit we, d.h. "und." Das habe ich nun auch in der Übersetzung nachgebildet.

42 Und dann will ich auch Rede stehn dem, der mich lästert; / Denn ich vertraue auf dein Wort.

43 Und entzieh doch meinem Munde das Wort der Wahrheit nicht,1 / Denn auf deine Rechte2 hoffe ich.

  1. Gib mir Gnade, meinen Lästerern stets im Einklang mit deiner Wahrheit zu antworten.
  2. Auf deine gerechten Urteile.

44 Und deine Weisung will ich stets beachten, / Immer und ewiglich.

45 Und so werd ich dann auch getrost und unbefangen1 wandeln, / Denn in deinen Geboten hab ich Rat gesucht.

  1. Ohne mich einschüchtern zu lassen. Wörtlich: ich werde wandeln "auf breitem Raum".

46 Und von deinen Zeugnissen will ich reden vor Königen / Furchtlos und ohne Scheu.1

  1. Vgl. Mt 10:18.

47 Und ich erfreue mich an deinen Geboten, / Die ich liebgewonnen habe.

48 Und ich will meine Hände erheben zu deinen Geboten,1 (die ich liebgewonnen habe,) / Nachsinnen will ich über deine Satzungen.

  1. D.h. ich bin bereit, sie zu befolgen.

49 Sei eingedenk des Worts, das du zu deinem Knecht geredet, / Weil du (auf einen guten Ausgang) mich hast hoffen lassen.

50 So fand ich Trost in meinem Elend, (als ich inneward) / Daß dein Verheißungswort mich neubelebte.

51 Stolze haben mich gar sehr verspottet, / Dennoch bin ich von deinem Gesetz nicht abgewichen.

52 Sooft ich daran denke, wie du von altersher gerichtet hast, / Werd ich, o Jahwe, auch getröstet.

53 Starker Zorn hat mich erfaßt den Frevlern gegenüber, / Die dein Gesetz verlassen haben.

54 Siegeslieder sind mir deine Satzungen / Im Hause meiner Fremdlingschaft.1

  1. D.h. in diesem sterblichen Leib hier auf Erden; vgl. Hio 4:19; Weish. Sal. 9,15 2Kor 5:1-5; 2Pe 1:13.

55 Sogar des Nachts hab ich gedacht, o Jahwe, deines Namens, / Und darum hab ich deine Weisung auch befolgt.

56 Solches1 ist mir zuteil geworden: / Daß ich deine Befehle halte.

  1. Nämlich das in V56b Gesagte.

57 Geschenkt1 — so habe ich gesagt — ist mir, o Jahwe, deine Gnade, / Daß ich deine Worte befolgen darf.

  1. Da im Deutschen kein Wort mit Ch beginnt, so habe ich statt des Ch das ähnlich lautende G gewählt.

58 Gesucht hab ich von ganzem Herzen deine Huld: / Sei mir denn gnädig nach deiner Verheißung!

59 Gedacht hab ich an meine Wege / Und habe meine Füße dann gelenkt zu deinen Zeugnissen.

60 Geeilt bin ich dabei und habe nicht gezaudert, / Deine Gebote zu halten.

61 Gottlose haben mich mit Stricken1 umringt: / Aber dein Gesetz hab ich nicht vergessen.

  1. Mit ihren Nachstellungen.

62 Gegen Mitternacht steh ich auf, um dir zu danken / Für deine gerechten Gerichtsurteile.

63 Genosse1 bin ich allen, die dich fürchten / Und deine Befehle befolgen.

  1. Ein treuer Freund.

64 Gefüllt mit deiner Güte, Jahwe, ist die Erde: / Lehre mich nun deine Satzungen!1

  1. Aus der Fülle der Güte Gottes erbittet sich der Psalmist Belehrung über Gottes Gesetz.

65 Tröstliches hast du deinem Knechte erwiesen, / Jahwe, nach deinen Worten.

66 Treffliche Klugheit und Einsicht lehre mich! / Denn deinen Geboten vertrau ich.1

  1. Weil er gläubig auf Gottes Gebote vertraut, darum ist er auch sicher, daß er aus ihnen Klugheit und Weisheit lernen kann.

67 Trugwege bin ich gewandelt, eh ich ins Elend geriet; / Nun aber acht ich auf dein Gebot.1

  1. Denn es zeigt mir, wie ich nach deinem Sinn und Wohlgefallen wandeln soll.

68 Treusorgend bist du und voller Güte: / Lehre mich deine Satzungen!

69 Trugvoll haben Frevler mir Lügen angedichtet: / Ich aber halte dennoch mit ganzem Herzen deine Befehle.

70 Töricht und fühllos ist ihr Herz;1 / Doch mein Entzücken ist dein Gesetz.

  1. Wörtlich: "Unempfindlich wie Fett ist ihr Herz." Gottes Wort macht nicht den mindesten Eindruck auf den Frevler (V69).

71 Traun, heilsam war mir des Leidens Schule, / Damit ich deine Satzungen lernte.

72 Teurer ist mir deines Mundes Gesetz / Als reiche Schätze an Silber und Gold.

73 Ja, deine Hände haben mich geschaffen und bereitet: / Gib mir nun auch Einsicht, daß ich deine Gebote lerne!

74 Jeder, der dich fürchtet, wird freudig auf mich blicken; / Denn ich habe darauf geharrt, daß sich dein Verheißungswort erfülle.

75 Ich weiß, o Jahwe: gerecht sind deine Gerichte, / Und weil du es treu mit mir meinst, hast du mich in Trübsal geführt.1

  1. Gerade in Leid und Trübsal wird der Segen und Trost des göttlichen Wortes besonders erfahren.

76 In deiner Gnade laß mich nun aber auch Trost erfahren, / Wie du es deinem Knechte verheißen!

77 In dein Erbarmen hülle mich ein, damit ich lebe! / Denn dein Gesetz ist meine Lust.

78 In Schande laß fallen die Frevelhaften, weil sie mich mit Lügen ins Elend gebracht! / Ich aber will über deine Befehle sinnen.

79 Ja, mögen sich zu mir wenden, die dich fürchten / Und die deine Zeugnisse anerkennen!

80 In deinen Satzungen soll mein Herz beständig leben, / Damit ich nicht zuschanden werde.

81 Klagend hat meine Seele nach deiner Hilfe geschmachtet: / Auf dein Wort1 hab ich geharrt.

  1. Auf die Erfüllung deines Verheißungswortes.

82 Konnten nicht meine Augen vergehn, als ich nach deinem Wort ausschaute1 / Und (ängstlich) fragte: "Wann wirst du mich trösten?"

  1. Wie in V81: nach der Erfüllung des Verheißungswortes.

83 Kann man auch von mir sagen: / "Der ist wie ein Schlauch im Rauch"1 — / Deine Satzungen hab ich doch nimmer vergessen.

  1. Frische Schläuche hängte man im Rauchfang auf, um sie zu härten; dabei wurden sie aber zugleich auch schwarz und runzelig. So ist auch der Dichter in seinem Gefängnis zusammengeschrumpft und verfallen.

84 Kurz sind die Lebenstage deines Knechts. / Wann wirst du nun das Gericht vollstrecken an meinen Verfolgern?1

  1. So fragt der Dichter, weil ja sein Leben nur kurz ist.

85 Kerkergruben haben mir Gottvergeßne gegraben, / Sie, die nicht handeln nach deinem Gesetz.

86 Können doch all deine Gebote nichts als ein Ausfluß deiner Treue sein!1 / Sie aber2 haben mich mit Lügen3 verfolgt: hilf du mir!

  1. Darum verlangen Gottes Gebote auch Treue von allen Frommen. Aber gerade seiner Treue wegen wird nun der Dichter tödlich verfolgt.
  2. Die Gottvergessenen in V85.
  3. Vielleicht: mit falschen Anklagen.

87 Kümmerlich hätten sie mich beinah in der Grube1 sterben lassen, / Aber trotzdem hab ich deine Befehle nicht verlassen.

  1. Wörtlich: "in der Erde." Das deutet wohl hin auf unterirdische Kerker (s. V85).

88 Könnt ich doch wieder aufleben durch deine Güte! / Dann will ich auch das Zeugnis deines Mundes halten.

89 Lebt, o Jahwe, nicht in Ewigkeit / Dein Wort im Himmel fort?1

  1. Gottes Wort, das im Himmel ist, hat auch des Himmels Eigenschaft, vor allem himmelgleiche Festigkeit und Beständigkeit.

90 Lang bis ins fernste Geschlecht währt deine Treu; / Du hast die Erde gegründet, und sie bleibt.1

  1. Sie bleibt als Zeichen und Schauplatz der unveränderlichen Treue Gottes.

91 Laut deiner Ordnung stehn sie1 noch heute; / Denn alles ist dir untertan.

  1. Himmel und Erde.

92 Ließe mich dein Gesetz nicht immer wieder Freude empfinden: / Ich wäre vergangen in meinem Elend.

93 Lebenslang werd ich deine Befehle nicht vergessen, / Denn durch sie hast du mich im Dasein erhalten.

94 Liebend bin ich dein: drum rette mich! / Deine Befehle suche ich ja.

95 Listig haben mir Frevler nachgestellt, um mich zu töten; / Dennoch werd ich auf deine Zeugnisse merken.

96 Läßt sich auch sehn, daß alles Vollkommne begrenzt ist:1 / Dein Gebot reicht über die Maßen weit.2

  1. Alle irdische Vollkommenheit kann eine bestimmte Grenze nicht überschreiten; sie ist eben endlich.
  2. Es hat keine Grenze: Gottes Gesetz ist nicht zu erschöpfen, es ist vollkommen im wahren Sinne des Wortes.

97 Mit ganzer Seele lieb ich dein Gesetz; / Den ganzen Tag sinn ich darüber nach.

98 Mich werden deine Gebote weiser machen, als meine Feinde sind; / Denn sie sind mein für immer.

99 Meine Lehrer alle übertreffe ich an Einsicht, / Denn über deine Zeugnisse sinne ich.

100 Mehr als Alte werd ich mir Verstand erwerben, / Wenn ich deinen Befehlen folge.

101 Mit allen bösen Pfaden haben meine Füße nichts gemein, / Damit ich deine Gebote mit der Tat erfülle.

102 Mitnichten bin ich von deinen Rechten gewichen; / Du hast mich ja belehrt.

103 Meinem Geschmack1 sind deine Worte lieber / Als Honig meinem Mund.

  1. Wörtlich: "Meinem Gaumen."

104 Mit Einsicht erfüllen mich deine Befehle; / Drum haß ich jeden Lügenpfad.

105 Nur dein Wort ist eine Leuchte meinem Fuß / Und ein Licht für meinen Weg.

106 Nimmer werd ich brechen, was ich eidlich gelobt: / "Deine gerechten Vorschriften will ich befolgen."

107 Niedergebeugt bin ich gar sehr; / Jahwe, belebe mich wieder nach deinem Wort!

108 Nimm wohlgefällig an, o Jahwe, die willigen Opfer meines Mundes1 / Und lehre mich deine Gebote!

  1. D.h. meine aus innerstem Herzensgrund kommenden Gebete.

109 Nicht einen Augenblick bin ich des Lebens sicher:1 / Dennoch hab ich dein Gesetz nicht vergessen.

  1. Wörtlich: "Meine Seele ist stets in meiner Hand."

110 Nichtswürdige haben mir Schlingen gelegt; / Aber von deinen Befehlen bin ich nicht abgeirrt.

111 Nie werd ich deine Zeugnisse fahren lassen, / Denn sie sind meines Herzens Wonne.

112 Neigen lassen hab ich mein Herz, deine Satzungen zu erfüllen: / Das bringt ewigen Lohn.

113 Solche, die sich absondern,1 hasse ich; / Doch dein Gesetz hab ich lieb.

  1. Nämlich: von den Gesetzestreuen, die also ihre eigenen Wege gehen.

114 Sichrer Schutz und Schild bist du für mich; / Auf dein Wort hab ich geharrt.

115 Sondert euch ab von mir, ihr Übeltäter, / Damit ich meines Gottes Gebote halte!

116 Sei du meine Stütze nach deiner Verheißung, damit ich am Leben bleibe, / Und laß mich nicht zuschanden werden mit meiner Hoffnung!

117 Sei du mein sichrer Halt, damit ich gerettet werde! / Dann will ich stets mit Vertraun auf deine Satzungen schaun.

118 Sie, die von deinen Satzungen irren, hast du immer verworfen; / Denn nichts als Lüge ist ihr verführerisch Tun.

119 So wie Schlacken hast du alle Frevler des Landes hinweggeräumt; / Drum lieb ich deine Zeugnisse.

120 Sieh, ich schaudre in Angst vor dir; / Denn vor deinen Gerichten fürcht ich mich.

121 Ausgeübt hab ich Recht und Gerechtigkeit: / So gib mich denn nicht meinen Drängern preis!

122 Auf deines Knechtes Wohl sei du bedacht, / Daß Frevler mich nicht vergewaltigen!

123 Ausgeschaut hab ich voll Sehnsucht, daß mir Hilfe komme / Und deine Verheißung sich erfülle.

124 An deinem Knechte handle du nach deiner Huld / Und lehre mich deine Satzungen!

125 Ach, sieh, ich bin dein Knecht: unterweise mich, / Daß ich deine Zeugnisse erkenne!

126 An der Zeit ist's für Jahwe, zu handeln:1 / Sie haben ja dein Gesetz gebrochen.

  1. D.h. richterlich einzugreifen.

127 Aus diesem Grunde1 lieb ich deine Gebote / Mehr als Gold und gediegen Gold.

  1. Weil so viele das Gesetz übertreten und deshalb die Gefahr besteht, daß es dahinfalle.

128 Aus diesem Grunde hab ich auch stets all deine Befehle aufrechtgehalten / Und jeglichen Lügenpfad gehaßt.

129 Fürwahr, deine Zeugnisse sind wunderbar; / Darum bewahrt sie auch meine Seele.

130 Führst du in deine Gebote ein, so wird es licht: / Einfältige werden verständig.

131 Frei hab ich meinen Mund geöffnet voll Verlangen; / Denn nach deinen Geboten sehnte ich mich.

132 Führ mir deine Gnade zu: / Das dürfen ja auch erwarten, die deinen Namen lieben.1

  1. Die Frommen dürfen auch im Glauben der Gnade Gottes gewiß sein.

133 Fest mach meine Schritte durch dein Wort / Und laß mich nichts Böses beherrschen!

134 Frei laß mich sein von der Menschen Druck, / Damit ich deine Befehle erfülle!

135 Für deinen Knecht laß du dein Antlitz leuchten1 / Und lehre mich deine Satzungen!

  1. Mitten in dem Dunkel, das mich umgibt.

136 Flossen nicht aus meinen Augen Wasserbäche / Über die, die dein Gesetz nicht halten?1

  1. Der Dichter weint bittere Tränen des Schmerzes über die Gesetzesverächter.

137 Zeigst du nicht, Jahwe, dich gerecht? / Drum ist auch all dein Walten richtig.

138 Zugeteilt hast du deine Zeugnisse1 / In Treue und großer Wahrhaftigkeit.2

  1. D.h. du hast sie deinen Knechten zur Kundmachung übertragen.
  2. So daß Gottes Gesetz ein Segen für die Menschen werden konnte.

139 Zehrender Eifer1 hat mich vernichtet; / Denn meine Feinde haben deine Worte vergessen.2

  1. Für deine Zeugnisse.
  2. Und deshalb verfolgen sie den Dichter bis zur Vernichtung.

140 Zerschmolzen gleichsam in Feuer, ganz echt und bewährt ist dein Wort, / Und dein Knecht hat es lieb.

141 Zwar bin ich jung und verachtet; / Doch deine Befehle hab ich nicht vergessen.

142 Zuverlässig gerecht bleibt deine Gerechtigkeit auf ewig, / Und dein Gesetz bleibt Wahrheit.

143 Zwang und Drangsal haben mich getroffen; / Doch deine Gebote sind meine Lust.

144 Zu aller Zeit sind deine Zeugnisse gerecht: / Laß mich sie verstehn, damit ich lebe!

145 Kraftvoll1 hab ich dich angerufen: / "Erhöre mich, Jahwe, deine Satzungen will ich halten!"

  1. Wörtlich: "Von ganzem Herzen".

146 Komm mir zu Hilfe, wenn ich dich rufe: / So will ich auf deine Zeugnisse achten.

147 Kaum graute der Morgen, da flehte ich schon: / "Ich habe geharrt, daß du dein Wort erfüllest."

148 Konnte doch keine Nachtwache beginnen, ohne daß ich meine Augen schon offen hatte, / Um nachzusinnen über dein Wort.

149 Klagend ruf ich: hör mich in deiner Huld! / Nach deiner Treue, o Jahwe, belebe mich wieder!

150 Kommen mir nahe, die Schandtaten verüben wollen, / Menschen, die fern sind von deinem Gesetz:

151 Kommst du mir auch nahe, o Jahwe — / All deine Gebote aber sind Wahrheit.1

  1. Sie sind und bleiben Wahrheit, obwohl sie von den Gottlosen schändlich übertreten werden (vgl. V150).

152 Kann ich doch längst schon aus deinen Zeugnissen sehn, / Daß du sie für immer verordnet hast.

153 Richte den Blick auf mein Elend und reiß mich heraus, / Denn dein Gesetz hab ich nimmer vergessen.

154 Recht schaffe du mir und erlöse mich, / Nach deiner Verheißung belebe mich wieder!

155 Rettung bleibt den Frevlern fern, / Denn deine Satzungen haben sie nicht gesucht.

156 Reich, o Jahwe, ist dein Erbarmen; / Nach deinem Urteil belebe mich wieder!

157 Reichlich bin ich verfolgt und bedrängt, / Aber doch nicht gewichen von deinen Geboten.

158 Recht von Ekel ward ich erfaßt, wenn ich Treulose sah, / Weil sie dein Wort nicht hielten.

159 Rechne mir zu, daß ich deine Befehle liebe; / Jahwe, belebe mich wieder nach deiner Huld!

160 Richtig ist's: deines Wortes Inhalt ist Wahrheit, / Und ewig währt all dein gerechtes Walten.

161 Sonder Ursach haben mich Fürsten verfolgt, / Doch nur vor deinem Worte1 hat mein Herz gezittert.

  1. Das Strafen und Gerichte droht.

162 So froh bin ich ob deiner Verheißung / Wie einer, der viel Beute findet.

163 Schändliche Lüge hab ich stets gehaßt und verabscheut, / Dein Gesetz aber hab ich lieb.

164 Siebenmal täglich hab ich dich stets gepriesen1 / Ob deiner gerechten Gerichtsurteile.

  1. D.h. immer wieder, wenn ich mich zum Gebet getrieben fühlte.

165 Schönen Frieden genießen alle, die deine Lehre lieben, / Und sie straucheln nimmer.

166 Sehnend hab ich, Jahwe, deiner Hilfe geharrt, / Und deine Gebote erfülle ich stets.

167 Scheu befolg ich deine Befehle, / Und ich liebe sie sehr.

168 Scheu halt ich stets deine Ordnungen und Befehle, / Weil du ja1 all meine Wege kennst.

  1. In deiner Allwissenheit.

169 Tu auf meinem Ruf den Weg zu dir, o Jahwe, / In deinem Wort mach mich verständig!

170 Tu auf meinem innigen Flehn den Weg zu dir, / Nach deiner Verheißung rette mich!

171 Triefen sollen meine Lippen von Lobgesang, / Wenn du mich deine Satzungen lehrst.

172 Tönen soll von meiner Zunge das Loblied auf deine Verheißung; / Denn deine Gebote sind alle gerecht.

173 Tritt du mir als Helfer zur Seite! / Denn deine Befehle hab ich zu Führern erkoren.

174 Tiefes Sehnen nach deinem Heil erfüllt mich, o Jahwe, / Und dein Gesetz ist meine Lust.

175 Teile mir Leben zu, damit ich dich lobe! / Und deine Rechte mögen mir helfen.

176 Tret ich auf einen Irrweg wie ein verloren Schaf, / Dann suche du deinen Knecht; denn deine Gebote vergesse ich nicht.

Chapter 120

1 Ein Stufenlied. / Zu Jahwe hab ich gerufen in meiner Not, / Und er hat mich erhört.

2 Jahwe, so rette mich auch jetzt von der Lügenlippe, / Von arglistiger Zunge!

3 Was wird er1 dir geben, was dir zufügen, / Du arglistige Zunge?

  1. Nämlich: Gott.

4 Scharfe Pfeile eines Starken1 / Mit glühenden Kohlen aus Ginstersträuchern.

  1. Der Starke ist Gott. Gott vergilt der bösen Zunge, d.h. dem Verleumder ganz nach seinen Werken. Der Verleumder, der mit seiner Zunge scharfe Pfeile auf seinen Nächsten geschossen s. Ps 57:5 und ihm feurige Angstglut bereitet hat (vgl. Spr. Sal. 16,27), soll nun dafür durch Gottes Gericht Schmerzen erfahren, als würde er von scharfen Pfeilen getroffen und von den glühenden Kohlen des in der Wüste wachsenden Ginsterstrauches versengt.

5 Weh mir, daß ich ein Fremdling bin in Meschech,1 / Bei Kedars Zelten2 wohnen muß!

  1. Meschech bedeutet das Volk der Moscher, die zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer wohnten. 1Mo 10:2, Hes 27:13, 38:2
  2. Kedar oder die Kedarener waren ein räuberischer Nomadenstamm Arabiens. 1Mo 25:13 Beide Namen stehen hier bildlich für rohe, streitsüchtige Völker. Wegen seiner verleumderischen und händelsüchtigen Umgebung war dem Psalmisten zumute, als lebte er unter jenen barbarischen Völkern. Während er selbst sich nach Frieden sehnt, wollen seine tückischen und arglistigen Feinde immer wieder Krieg und Streit mit ihm anfangen.

6 Zu lange schon hab ich weilen müssen / Bei denen, die Frieden hassen.

7 Ich will Frieden; doch wenn ich nur rede, / So beginnen sie Krieg.

Chapter 121

1 Ein Stufenlied. / Ich hebe meine Augen zu den Bergen:1 / Woher wird mir Hilfe kommen?

  1. Die Berge waren vielfach die Stätten, wo Gott den Seinen erschien. 1Mo 22:2, 2Mo 3:1-2

2 Meine Hilfe kommt von Jahwe, / Der Himmel und Erde geschaffen hat.

3 Wird er deinen Fuß wohl wanken lassen? / Wird etwa dein Hüter schlummern?

4 Sieh, nicht wird schlummern oder gar schlafen / Israels Hüter.

5 Jahwe ist dein Hüter, / Jahwe ist dein Schatten über deiner rechten Hand.1

  1. Schatten bedeutet hier "Beschützer," der als der Stärkere an der rechten Seite steht.

6 Tagsüber wird dich die Sonne nicht stechen / Und der Mond nicht des Nachts.1

  1. Während des heißen Tages droht oft der Sonnenstich, während der Nacht der im Morgenland gefürchtete Mondstich.

7 Jahwe wird dich behüten vor allem Übel, / Er wird deine Seele behüten.1

  1. Gott schützt nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.

8 Jahwe wird deinen Ausgang und Eingang behüten1 / Von nun an bis in Ewigkeit.

  1. Er behütet dich auf Schritt und Tritt.

Chapter 122

1 Ein Stufenlied von David.1 / Ich hab mich gefreut über die, die zu mir sagten: / "Zu Jahwes Hause wollen wir wallen."

  1. Die Worte "von David" haben keine Bedeutung; sie fehlen auch in der LXX

2 Dann standen endlich unsre Füße / In deinen Toren, Jerusalem.1

  1. Der Dichter, der als Festpilger wieder auf der Heimreise begriffen ist, gedenkt der Freude, mit der er nach Jerusalem hinaufgezogen und die ihn bei dem Anblick der heiligen Stadt erfüllte.

3 Jerusalem, du wiedererbaute,1 / Als eine Stadt, die eng in sich verbunden!2

  1. Nach der Rückkehr der Juden aus Babel.
  2. Es steht wieder Haus an Haus, und die Spuren der früheren Zerstörung sind nun ganz verschwunden.

4 Dorthin zogen die Stämme hinauf,1 / Die Stämme Jahs — / Wie es Israel vorgeschrieben —, / Um Jahwes Namen zu preisen.

  1. Die zwölf Stämme zogen nach Jerusalem hinauf vor der Teilung des Reichs, die nach Salomos Tod stattfand.

5 Dort standen einst die Stühle für die Gerichtsverhandlung,1 / Stühle für Davids Haus.

  1. Die Könige hielten Gericht und sprachen Recht (1Kön 3:16-20).

6 Erbittet Jerusalem Frieden! / Wohl geh es denen, die dich lieben!

7 Friede walte in deinen Mauern, / Sicherheit in deinen Palästen!

8 Um meiner Brüder und Freunde willen1 / Will ich doch sagen: "Friede walte in dir!"

  1. Um seiner Volksgenossen willen, die in Jerusalem wohnen, also von Liebe zu ihnen erfüllt, wünscht der Dichter der heiligen Stadt Segen und Frieden.

9 Aus Liebe zum Hause Jahwes, unsers Gottes, / Will ich dein1 Bestes suchen.2

  1. Jerusalem.
  2. Der Psalm stammt aus der Zeit, als Jerusalem nach der Rückkehr aus Babel wiederaufgebaut und mit einer Mauer umgeben war und als Nehemia durch seine Wirksamkeit Eintracht und Frieden in der jüdischen Volksgemeinde hergestellt hatte.

Chapter 123

1 Ein Stufenlied. / Zu dir hab ich meine Augen erhoben, / Der du im Himmel thronst.

2 Sieh, wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn, / Wie die Augen der Magd auf ihrer Gebieterin Hand: / So schaun unsre Augen auf Jahwe, unsern Gott, / Bis er sich uns gnädig erzeigt.

3 Sei uns gnädig, o Jahwe, sei uns gnädig, / Denn wir sind reichlich mit Schmähung gesättigt!

4 Reichlich hat unsre Seele satt / Den Hohn der Sichern,1 die Schmähung der Stolzen.2

  1. Die Sichern sind solche, die leichtsinnig ohne Gott dahinleben.
  2. Der Dichter blickt in einer Zeit, wo die Juden von den Heiden mit Hohn und Spott behandelt wurden, in gläubigem Vertrauen auf Gott und seine gnädige Hilfe. Vielleicht ist der Psalm in der makkabäischen Zeit entstanden.

Chapter 124

1 Ein Stufenlied von David.1 / "Wäre Jahwe nicht für uns gewesen", / So möge Israel sprechen,

  1. Auch hier fehlen die Worte "von David" in der LXX

2 "Wäre Jahwe nicht für uns gewesen, / Als Menschen sich wider uns stellten,

3 Dann hätten sie uns lebendig verschlungen, / Als ihr Zorn gegen uns entflammte;

4 Dann hätten die Wasser uns überflutet, / Ein Strom wäre über uns hingerauscht;

5 Dann wären über uns hingerauscht / Die wildbrausenden Wasser."

6 Gepriesen sei Jahwe, der uns nicht hingegeben / Ihren Zähnen als einen Raub!

7 Unsre Seele gleicht einem Vöglein, / Das des Voglers Netz entronnen. / Das Netz ist zerrissen, und wir sind frei!

8 Unsre Hilfe liegt im Namen Jahwes, / Der Himmel und Erde geschaffen hat.1

  1. Dieser Psalm zeigt uns Israel in größter Gefahr. Es war vom Untergang bedroht. Aber Gott hat es wunderbar errettet. Wann der Psalm entstanden ist, läßt sich nicht bestimmen. Israel hat ja im Laufe der Geschichte oftmals Gottes außerordentliche Hilfe erfahren.

Chapter 125

1 Ein Stufenlied. / Die auf Jahwe vertraun, die gleichen dem Zionsberg, / Der nicht wankt, der in Ewigkeit bleibt.

2 Rings um Jerusalem her sind Berge.1 / So ist Jahwe rings um sein Volk / Von nun an bis in Ewigkeit.

  1. Die die Stadt vor feindlichen Überfällen schützen.

3 Denn des Frevlers Zepter1 soll nicht bleiben / Auf der Gerechten Erbe,2 / Damit nicht etwa die Gerechten / Zum Frevel ausstrecken ihre Hände.3

  1. Die Herrschaft der Heiden.
  2. Auf dem heiligen Land Kanaan, das Israels Erbe ist.
  3. Damit nicht auch die Gerechten, durch den heidnischen Druck mürbe gemacht, sich dazu verleiten lassen, an dem heidnischen Götzendienst und andern Freveln teilzunehmen.

4 Tu wohl, o Jahwe, den Guten / Und denen, die redlichen Herzens sind!

5 Die aber auf ihre krummen Pfade abbiegen, / Die lasse Jahwe hinfahren samt den Übeltätern! / Friede sei über Israel!1

  1. Vgl. Ga 6:16.

Chapter 126

1 Als Jahwe Zions Wandrer1 in die Heimat führte, / Waren wir wie Träumende.

  1. Die aus der babylonischen Verbannung nach Jerusalem zurückkehrten.

2 Damals war unser Mund voll Lachens / Und unsre Zunge voll Jubels. / Damals sagte man unter den Heiden: / "Großes hat Jahwe an ihnen getan!"

3 Ja, Großes hat Jahwe an uns getan: / Darüber waren wir fröhlich.

4 Wende nun, Jahwe, auch unser Geschick1 / Gleich Regenbächen im Mittagsland.2

  1. So seufzte die nach Kanaan aus Babel zurückgekehrte jüdische Gemeinde. Denn die erste Zeit nach der Rückkehr brachte viele Enttäuschungen und Widerwärtigkeiten.
  2. Wie die Regenbäche das dürre Südland Kanaans erquicken, so möge — das ist die Bitte — Gottes Gnade das hilfsbedürftige Volk beleben.

5 Die mit Tränen säen, / Werden mit Jubel ernten.

6 Wohl geht man jetzt mit Weinen dahin, / Indem man den Samen zur Aussaat trägt. / Aber man kommt mit Jubel an, / Indem man trägt seine Garben.1

  1. Tränen flossen bei der Grundlegung des Tempels nach der Rückkehr aus Babel, aber lauter Jubel herrschte später bei der Einweihung des Tempels. Esr 3:13, 6:16,22

Chapter 127

1 Ein Stufenlied von Salomo.1 / Wenn Jahwe das Haus nicht baut, / So mühen sich vergeblich ab, die daran bauen. / Wenn Jahwe die Stadt nicht behütet, / So wachen die Wächter vergeblich.

  1. Die Worte "von Salomo" fehlen in der LXX

2 Vergeblich ist's, daß ihr früh aufsteht / Und spät bei der Arbeit sitzt, / Die ihr esset mühsam erworbnes Brot. / Seinen Freunden gibt er genug im Schlaf.1

  1. Ohne daß sie sich in harter Arbeit und quälender Sorge abmühn (vgl. Spr. Sal. 10,22).

3 Sieh, Jahwes Gabe sind Kinder, / Lohn1 ist Leibesfrucht.2

  1. Den Gott den Seinen gibt.
  2. Unter den mannigfaltigen Gaben Gottes wird die Gabe des Kindersegens als besonders wertvoll gepriesen.

4 Wie Pfeile in eines Helden Hand, / So sind die Kinder der Jugend.1

  1. Die einem Mann geboren werden, wenn er noch in seiner Jugendkraft steht, und die ihm deshalb, wenn er altert, eine starke Stütze sein können.

5 Heil dem Manne, / Des Köcher mit ihnen gefüllt ist!1 / Sie2 werden nicht zuschanden, / Wenn sie mit Feinden reden im Tor.3

  1. Eine stattliche Schar von Kindern, besonders von Söhnen, ist ein großer Schutz gegen Widersacher.
  2. Der Vater und seine starken zahlreichen Söhne.
  3. Das Stadttor war der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens und besonders die Stätte der Gerichtsverhandlungen. Wer im Tor einen Rechtshandel zu erledigen hatte, der brachte seine Familienglieder mit. Waren sie zahlreich, so hatte er einen starken Beistand. Vgl. 2. Kön. 4,13: die Frau war Glied einer stattlichen Sippe, und deshalb bedurfte sie keiner fremden Hilfe.

Chapter 128

1 Ein Stufenlied. / Heil dem, der Jahwe fürchtet, / Der da wandelt auf seinen Wegen!

2 Deiner Hände Erwerb — fürwahr, du wirst ihn genießen: / Heil dir! es wird dir wohl ergehn.

3 Dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock / Drinnen in deinem Hause; / Deine Kinder sind wie Ölbaumpflänzchen1 / Rings um deinen Tisch.

  1. So frisch und vielverheißend.

4 Ja wahrlich, so wird gesegnet der Mann, / Der Jahwe fürchtet.

5 Es segne dich Jahwe von Zion her, / Daß du schauest Jerusalems Glück / Dein ganzes Leben lang,1

  1. Aller Segen, der den einzelnen Frommen zuteil wird, kommt von dem Gott des Heils, dessen Wohnung auf Zion ist, und dieser Segen vollendet sich in dem Glück der ganzen Volksgemeinde.

6 Und schauest Kindeskinder! / Friede sei über Israel!

Chapter 129

1 Ein Stufenlied. / "Oft haben sie mich bedrängt von meiner Jugend an",1 / So möge Israel sprechen,

  1. Rückblick auf die Knechtschaft Israels in Ägypten; denn der Aufenthalt in Ägypten war Israels Jugendzeit. Hos 2:17, Jer 2:2

2 "Oft haben sie mich bedrängt von meiner Jugend an, / Doch sie haben mich nicht überwältigt.

3 Auf meinem Rücken haben Pflüger gepflügt / Und ihre Furchen lang gezogen.1

  1. Der mit langen Striemen bedeckte Rücken ist ein Bild der langen und schmachvollen Leiden Israels.

4 Doch Jahwe, der Gerechte, / Er hat zerhaun der Frevler Strick."1

  1. Er hat Israel von dem Joch seiner Feinde befreit.

5 Zuschanden werden und rückwärtsweichen / Sollen alle, die Zion hassen.

6 Sie sollen dem Gras auf den Dächern gleichen:1 / Das ist schon dürr, noch ehe man's ausrauft.

  1. Die flachen Dächer im Morgenland werden nicht selten mit einer dünnen Erdschicht bedeckt. Darauf wächst dann leicht etwas Gras, aber das wird bald welk.

7 Damit füllt der Schnitter nicht seine Hand / Noch seinen Arm der Garbenbinder.

8 Die vorübergehen sagen auch nicht: / "Jahwes Segen sei über euch!"1 / Wir aber haben euch in Jahwes Namen gesegnet.2

  1. Die Vorübergehenden wünschen kein Glück zur Ernte. Ru 2:4
  2. So grüßen vielleicht die Priester die Sänger dieses Psalms.

Chapter 130

1 Ein Stufenlied. / Aus Tiefen1 hab ich, Jahwe, zu dir gerufen.

  1. Innerer und äußerer Not.

2 Adonái, hör meine Stimme! / Laß doch deine Ohren merken / Auf mein lautes Flehn!

3 Wenn du Sünden anrechnest,1 Jah, / Adonái, wer kann dann bestehn?

  1. Ohne sie zu vergeben.

4 Ja, du vergibst, / Damit man dich fürchte.1

  1. Damit man dir in wahrer Ehrfurcht diene.

5 Jahwes habe ich stets geharrt; / Es hat meine Seele geharrt, / Schon immer hoffte ich auf sein Wort.1

  1. Auf das Wort von der Erlösung.

6 Meine Seele harrt Adonáis, / Mehr, als Wächter des Morgens harren, / Ja, Wächter des Morgens.

7 Israel, harr auf Jahwe! / Denn bei Jahwe ist die Gnade, / Und reichlich ist bei ihm Erlösung.

8 Ja, er wird Israel erlösen / Von allen seinen Sünden.1

  1. Aus der Tiefe seiner Not erhebt sich der Dichter zu der Höhe des freudigen Gottvertrauens und der Sehnsucht nach Gottes Frieden. Vgl. Luthers Lied: "Aus tiefer Not schrei ich zu dir."

Chapter 131

1 Ein Stufenlied von David. / Jahwe, mein Herz ist nicht hochmütig, / Und meine Augen erheben sich nicht stolz. / Auch geh ich nicht um mit Dingen, / Die zu groß und schwer für mich sind.

2 Ich habe vielmehr meine Seele gestillt und beruhigt. / Wie ein entwöhntes Kind an der Brust seiner Mutter liegt, / So ruht meine Seele entwöhnt in mir.1

  1. Wie ein entwöhntes Kind ruhig bei der Mutter weilt, ohne ungeduldig schreiend nach der Mutterbrust zu verlangen, sondern damit zufrieden ist, daß es die Mutter hat: so hat auch der Dichter seine von Natur unruhige und begehrliche Seele beschwichtigt. Sie ist nun wunschlos und ruhig in Gott ergeben, auf dessen liebende Fürsorge sie völlig vertraut. Diese Gesinnung des Dichters sollen nun auch seine Volksgenossen beweisen (V3). Was der Dichter hier ausspricht, das hat sich wirklich bei David gefunden. Obwohl von Samuel zum König gesalbt, riß er doch die Königswürde nicht vorzeitig und eigenmächtig an sich, sondern er wartete still und geduldig, bis nach Gottes Rat die Stunde für ihn gekommen war. So kann dieser kleine, schöne Psalm sehr wohl David zum Verfasser haben.

3 Israel, harre auf Jahwe / Von nun an bis in Ewigkeit!

Chapter 132

1 Ein Stufenlied.1 / Gedenke, Jahwe, dem David / All die Opfer, die er gebracht.2

  1. Vielleicht ist dieses Lied für die Einweihung des Tempels unter Salomo gedichtet worden (s. 1Kön 8 2Ch 5 und 6. Vgl. namentlich Ps 132:8-10 mit 2Ch 6:41-42). Der Dichter beginnt mit der Bitte, Gott möge all der Mühen und Opfer gedenken, die David auf sich genommen habe, um der Lade Gottes eine feste Wohnstatt zu bereiten (V1-5). Nun ist diese feste Wohnung endlich auf Zion da (V6 und 7). Gott möge sie einnehmen und von ihr aus den Priestern und Frommen seinen Segen spenden (V8 und 9). Ferner wird Gott gebeten, um Davids willen auch dessen gesalbten Nachfolger zu segnen (V10). Dies hat Gott ja auch David eidlich verheißen (V11 und 12). Denn er hat Zion, wo Davids Thron steht, zu seinem Wohnsitz erkoren. Von dort will er nun seinen Segen spenden und Davids Haus mächtig werden lassen (V13-18).
  2. Indem du seinem Hause deinen Segen schenkst.

2 Er leistete Jahwe einen Schwur, / Gelobte dem starken Gott Jakobs:1

  1. Es schmerzte David tief, daß die Bundeslade, als er sie hatte nach Zion bringen lassen, dort ohne festes Haus war. Er wollte sich keine Ruhe gönnen, bis er Gott ein Heiligtum gebaut habe. vgl. 2Sa 7, 1Ch 17

3 "Wahrlich, nicht geh ich ins Zelt meines Hauses,1 / Nicht besteig ich das Bett meines Lagers,

  1. David nennt sein Haus "Zelt," weil auch die Lade Gottes bis dahin nur ein "Zelt" hatte.

4 Nicht gönne ich Schlaf meinen Augen / Noch meinen Wimpern Schlummer:

5 Bis ich eine Stätte für Jahwe gefunden, / Eine Wohnung für Jakobs starken Gott."

6 Sieh, wir1 hörten, sie2 sei in Efrâta,3 / Wir haben sie dann in Jaars4 Gefilden gefunden.5

  1. Hier mit V6 beginnt die Rede der Gemeinde, die in V1-5 Gott an seine Verheißung erinnert hat.
  2. Die Bundeslade.
  3. Efrâta ist der Name des Gebiets, in dem Kirjat-Jearim lag. Dort war die Bundeslade, 1Sa 7:1, 2Sa 6:3 nachdem sie zuerst in Silo gewesen war. 1Sa 1:3
  4. Jaar ist die Abkürzung von Kirjat-Jearim.
  5. Der Ort, wo die Bundeslade in Kirjat-Jearim stand, war ihrer so unwürdig, daß es fast war, als hätte man sie auf freiem Feld gefunden.

7 So laßt uns denn in seine Wohnung gehn,1 / Uns niederwerfen vor seiner Füße Schemel.2

  1. Die "Wohnung" ist der für die Bundeslade von David auf Zion errichtete Zelttempel. 2Sa 7:2
  2. So wird die Bundeslade genannt.

8 Auf, Jahwe, begib dich zu deiner Ruhstatt,1 / Du und die Lade, das Bild deiner Macht!2

  1. Diese Worte beziehen sich auf die Überführung der Bundeslade von Kirjat-Jearim nach Zion.
  2. Man denke hier an die Tatsachen, die die Israeliten in bezug auf die Macht oder die Unantastbarkeit der Bundeslade erlebt hatten. 1Sa 5$ 6:19-22; 2Sa 6:6-9

9 Deine Priester werden dir dienen in Treue,1 / Und deine Frommen werden sich freun.

  1. Während die Priester in Silo, Hofni und Pinehas, Elis Söhne, untreu und gottlos gewesen waren. 1Sa 2:12-17,22

10 Um Davids, deines Knechtes, willen / Versage nicht deines Gesalbten Bitte!1

  1. Der Gesalbte ist kein anderer als der gesalbte König aus Davids Haus. Salomo ist gemeint, wenn der Psalm wirklich für die von ihm vollzogene Einweihung des Tempels gedichtet worden ist.

11 Jahwe hat David geschworen / — Wahr ist's, nicht nimmt er's zurück —: / Von der Frucht deines Leibes / Will ich einen Mann auf den Thron dir setzen.

12 Halten deine Söhne den Bund mit mir / Und mein Zeugnis, das ich sie lehre: / So sollen auch ihre Söhne für immer / Dir auf dem Throne sitzen."

13 Denn Jahwe hat Zion erwählt, / Hat es zu seinem Wohnsitz begehrt:1

  1. In V14-16 redet Gott selbst darüber, wie er Zion und Jerusalem erwählt hat.

14 "Dies ist meine Ruhstatt für immer; / Hier will ich bleiben, weil ich es1 begehrt.

  1. Zion.

15 Seine1 Nahrung will ich reichlich segnen, / Seine Armen sättigen mit Brot.

  1. Zions.

16 Seine Priester will ich kleiden in Heil, / Und seine Frommen sollen laut jauchzen.

17 Dort laß ich ein Horn1 für David2 sprossen: / Meinem Gesalbten hab ich eine Leuchte bereitet.3

  1. Das Horn ist ein Bild der Macht und Herrschaft. Vgl. Lu 1:69.
  2. D.h. für Davids ganzes Geschlecht.
  3. Die Leuchte bedeutet den Fortbestand des Hauses. 1Kön 11:36, 15:4, 2Sa 21:17

18 Seine Feinde will ich in Schande kleiden, / Aber auf ihm soll glänzen seine Krone."

Chapter 133

1 Ein Stufenlied von David.1 / Sieh, wie schön und wie lieblich ist's, / Wenn Brüder2 auch3 (friedlich) beisammen wohnen.

  1. Die Abfassung des Psalms durch David ist sehr zweifelhaft. Der Psalm scheint sich auf die Feier der hohen Feste zu beziehen, bei denen sich die Israeliten in Jerusalem versammelten.
  2. Die Glieder des Bundesvolkes, die Gott alle zu seinen Kindern erwählt hat. Jes 1:2
  3. Ihrer gemeinsamen Abstammung entsprechend.

2 Das gleicht dem köstlichen Öl auf dem Haupt, / Das herabfloß auf den Bart, / Auf Aarons Bart,1 der niederwallte / Auf seiner Gewänder Rand.2

  1. Während Mose dem Aaron das Salböl aufs Haupt goß, wurden Aarons Söhne nur damit besprengt. 3Mo 8:12,30
  2. Gemeint ist der obere Schlitz, die Öffnung des Kleides für den Kopf.

3 Es gleicht auch dem Hermontau, / Der auf Zions Berg niederfällt.1 / Denn dorthin2 hat Jahwe den Segen entboten,3 / Leben für immer.

  1. Der Tau fällt aus den Wolken des Hermonberges, der Palästina von Norden her überragt, lieblich und erfrischend auf Zions Berg herab.
  2. Nach Zion.
  3. Denn von dem Heiligtum auf Zion sollte Gottes Segen über ganz Israel ausgehen.

Chapter 134

1 Ein Stufenlied.1 / (Ein Ruf der Gemeinde an die Tempelwächter:) / Wohlan, preist Jahwe, all ihr Knechte Jahwes Haus!

  1. Ein Teil der Priester und Leviten mußte des Nachts im Tempel bleiben, um das Heiligtum zu bewachen und dafür zu sorgen, daß nichts für den Frühdienst fehlte.

2 Hebt auf eure Hände zum Heiligtum1 / Und preist Jahwe!

  1. Zum Allerheiligsten.

3 (Die Antwort der Tempelwächter an die Gemeinde:) / Es segne dich Jahwe von Zion her, / Der Schöpfer von Himmel und Erde!

Chapter 135

1 Lobet Jah! / Lobt den Namen Jahwes, / Lobt ihn, ihr Knechte Jahwes,

2 Die ihr steht in Jahwes Haus,1 / In den Höfen des Hauses unsers Gottes!

  1. Um ihm dort priesterlich zu dienen.

3 Lobt Jah, denn Jahwe ist gütig, / Spielt seinem Namen, denn lieblich ist er!1

  1. Der Name Jahwes.

4 Denn Jah hat Jakob erkoren, / Israel sich zum Eigentum erwählt.1

  1. 2Mo 19:5-6.

5 Denn ich weiß wohl,1 daß Jahwe groß ist / Und unser Herr alle Götter überragt.

  1. Der Dichter weiß von sich, daß er besonders tiefe Blicke in Gottes Größe und Herrlichkeit getan hat.

6 Alles, was Jahwe gefiel, das hat er gemacht / Im Himmel und auf Erden, / In den Meeren und allen Tiefen.

7 Er führt Wolken herauf vom Ende der Erde, / Läßt künden durch Blitze Gewitterregen, / Holt Wind aus seinen Speichern hervor.

8 Er schlug Ägyptens Erstgeburten / Von Menschen bis zum Vieh.1

  1. 2Mo 12:29.

9 Er sandte Zeichen und Wunder / Wider dich, Ägyptenland, / Wider Pharao und all seine Knechte.1

  1. Vgl. Ps 78:43-52.

10 Er schlug viele Völker / Und tötete mächtige Könige.

11 Sihon, der Amoriter König, / Und Og, den König von Basan, / Ja, machte zunichte alle Reiche Kanaans.1

  1. 4Mo 21:21-35.

12 Er gab ihr Land als Erbe, / Als Erbe Israel, seinem Volk.

13 Jahwe, dein Name währt ewig; / Dein Gedächtnis, Jahwe, bleibt für und für.1

  1. Ps 102:13.

14 Denn Jahwe wird seinem Volk Recht schaffen / Und mit seinen Knechten Erbarmen haben.1

  1. 5Mo 32:36,43.

15 Der Heiden Götzen sind Silber und Gold, / Das Gebilde von Menschenhand.1

  1. Mit V15-20 vgl. Ps 115:4-11.

16 Sie haben einen Mund und können nicht reden, / Sie haben Augen und sehen doch nicht.

17 Ohren haben sie und hören nicht, / Noch haben sie Odem in ihrem Mund.

18 Ihnen gleich sind, die sie bilden — / Jeder, der ihnen vertraut.

19 Ihr von Israels Haus, preist Jahwe! / Ihr von Aarons Haus, preist Jahwe!

20 Ihr von Levis Haus, preist Jahwe! / Die ihr Jahwe fürchtet,1 preist Jahwe!

  1. S. die Anm. zu Ps 115:11.

21 Gepriesen sei Jahwe von Zion aus, / Er, der in Jerusalem wohnt. / Lobt Jah!

Chapter 136

1 (Der Chor der Priester:) / — (Der Chor der Gemeinde:) / Dankt Jahwe, denn er ist gütig. / — Denn ewig währet seine Huld!

2 Dankt dem Gott der Götter. / — Denn ewig währet seine Huld!

3 Dankt dem Herrn der Herren. / — Denn ewig währet seine Huld!

4 (Dankt) dem, der allein große Wunder tut. / — Denn ewig währet seine Huld!

5 (Dankt) dem, der die Himmel mit Weisheit erschaffen. / — Denn ewig währet seine Huld!

6 (Dankt) dem, der die Erde über die Wasser ausgebreitet. / — Denn ewig währet seine Huld!

7 (Dankt) dem, der große Lichter erschaffen: / — Denn ewig währet seine Huld!

8 Die Sonne, um den Tag zu beherrschen, / — Denn ewig währet seine Huld!

9 Den Mond und die Sterne, um die Nacht zu beherrschen. / — Denn ewig währet seine Huld!

10 (Dankt) dem, der die Ägypter schlug an ihren Erstgebornen / — Denn ewig währet seine Huld!

11 Und Israel aus dem Lande führte / — Denn ewig währet seine Huld!

12 Mit starker Hand und ausgerecktem Arm. / — Denn ewig währet seine Huld!

13 (Dankt) dem, der das Schilfmeer in zwei Teile spaltete / — Denn ewig währet seine Huld!

14 Und Israel hindurchziehen ließ, / — Denn ewig währet seine Huld!

15 Doch Pharao und sein Heer ins Schilfmeer trieb. / — Denn ewig währet seine Huld!

16 (Dankt) dem, der sein Volk in der Wüste führte. / — Denn ewig währet seine Huld!

17 (Dankt) dem, der mächtige Könige schlug / — Denn ewig währet seine Huld!

18 Und stolze Könige tötete: / — Denn ewig währet seine Huld!

19 Sihon, der Amoriter König, / — Denn ewig währet seine Huld!

20 Und Og, den König von Basan, / — Denn ewig währet seine Huld!

21 Und ihr Land zum Erbe gab, / — Denn ewig währet seine Huld!

22 Zum Erbe Israel, seinem Knecht. / — Denn ewig währet seine Huld!

23 (Dankt dem), der in unsrer Niedrigkeit an uns gedachte / — Denn ewig währet seine Huld!

24 Und uns von unsern Drängern befreite; / — Denn ewig währet seine Huld!

25 Der allen Lebewesen Speise gibt. / — Denn ewig währet seine Huld!

26 Dankt dem Gott des Himmels. / — Denn ewig währet seine Huld!

Chapter 137

1 An den Flüssen Babels,1 daß saßen wir und weinten, / Wenn wir an Zion gedachten.

  1. Die Flüsse Babels sind der Euphrat und der Tigris. Außerdem ist aber auch an die vielen Kanäle und Wasserläufe zu denken, von denen Babylon der Bewässerung wegen durchzogen war. Die Juden sammelten sich wohl deshalb gern an fließendem Wasser, weil sie dort am einfachsten die durch das Gesetz vorgeschriebenen Waschungen und Reinigungen vollziehen konnten. vgl. Apg 16:31

2 An den Weiden,1 die dort standen, / Hingen wir unsre Zithern auf.2

  1. Die Weiden sind genauer die sog. Euphratpappeln, deren junge Bäume den Weiden ähnlich sehen.
  2. Sie hatten, fern von der Heimat und vom Tempel, keine Freudigkeit, auf den Zithern zu spielen.

3 Denn da wollten unsre Sieger von uns Lieder hören / Und unsre Quäler Freudengesang. / "Singt uns", so riefen sie (höhnisch), / "eins von den Zionsliedern!"1

  1. Dies war ein übermütiger Scherz, den sich die Sieger mit den Besiegten machten. So mußte ja auch der gefangene Simson den Philistern aufspielen. Ri 16:25

4 Wie sollten wir Jahwes Lieder singen / In einem fremden Lande?1

  1. Die Gefangenen wollten ihr Heiligstes nicht dem Hohn der Feinde preisgeben. Deshalb halfen sie sich mit der Ausrede, Jahwes Lieder könnten nur in Jahwes Land gesungen werden.

5 Vergeß ich dein Jerusalem, / So sterbe mir ab meine rechte Hand!1

  1. Alle Juden, die in der Verbannung das Andenken an Jerusalem verloren, gingen im Heidentum unter.

6 Meine Zunge klebe an meinem Gaumen,1 / Wenn ich nicht dein2 gedenke, / Wenn mir nicht Jerusalem / Meine höchste Freude ist.

  1. D.h. sie versage mir den Dienst.
  2. O Jerusalem.

7 Gedenke, o Jahwe, Edoms Söhnen / Den Tag Jerusalems,1 / Die da riefen: "Nieder, nieder mit ihr / Bis auf den Grund!"

  1. D.h. den Tag der Zerstörung Jerusalems.

8 O Tochter Babels,1 du Zwingherrin, wohl dem, der dir vergelten wird / All das, was du an uns verübt!

  1. Die Tochter Babels ist die Einwohnerschaft Babels.

9 Wohl dem, der deine jungen Kinder ergreift / Und sie am Felsen zerschmettert!1

  1. Daß dies geschehen werde, war schon in Jes 13:16 geweissagt worden. Der Dichter wünscht also, daß das bereits verkündigte göttliche Strafgericht über Babel völlig hereinbrechen möge. Es spricht sich daher in seinen Worten kein gehässiger Rachegeist aus, sondern nur das Verlangen, daß Gottes Ehre und Herrlichkeit durch die Vernichtung der feindlichen Weltmacht offenbar werde. Ähnliches lesen wir ja auch von dem geistlichen Babel in Off 18; Off 19:1-6. — Der Dichter des 137. Psalms gedenkt des tiefen Schmerzes, der die treuen Juden in der babylonischen Verbannung erfüllte (V1-6), und wünscht, daß Babel und sein Bundesgenosse Edom wegen der Zerstörung Jerusalems das göttliche Strafgericht erfahren möchten (V7-9). Der Psalm ist jedenfalls nach der Rückkehr aus Babel entstanden und soll wohl auch in den Juden, die noch in Babel zurückgeblieben waren, die Sehnsucht nach der Heimat lebendig machen.

Chapter 138

1 Von David.1 / Ich will dir danken von ganzem Herzen, / Sogar vor "Göttern"2 will ich dir lobsingen.

  1. In der LXX wird der Psalm nicht nur David, sondern auch den Propheten Haggai und Sacharja zugeschrieben. Vielleicht dürfen wir sagen, daß der Psalm aus der Seele Davids gedichtet worden ist.
  2. Die Götter sind weltliche Obrigkeiten und Herrscher (vgl. Ps 82).

2 Zu deinem heiligen Tempel hin1 will ich anbeten / Und deinen Namen preisen ob deiner Huld und Treu. / Denn deine Verheißung hast du verherrlicht / Über all deinen Namen hinaus.2

  1. Zu ihm mich hinwendend.
  2. D.h. Gottes Verheißungswort überragt bei weitem alle die herrlichen Eigenschaften, die den Frommen in bezug auf Gottes Namen bekannt sind.

3 Als ich rief, hast du mich erhört / Und mich mit Kraft und Mut erfüllt.

4 Danken werden dir, Jahwe, alle Könige der Erde / Wenn sie deines Mundes Worte vernommen.1

  1. Wenn die Könige der Erde vernommen haben, wie herrlich Gott seinem Volk seine Verheißungsworte erfüllt hat, so werden sie dadurch bewogen werden, auch seine Macht und Herrlichkeit anzuerkennen.

5 Sie werden Jahwes Walten besingen, / Denn groß ist Jahwes Herrlichkeit.

6 Ja, erhaben ist Jahwe; aber er sieht den Niedrigen an, / Und den Stolzen kennet er schon von fern.

7 Käm ich auch mitten in Drangsal hinein, / Du erhieltest mich trotz des Zorns meiner Feinde am Leben; / Du würdest deine Hand ausstrecken, / Und deine Rechte würde mich retten.

8 Jahwe wird's mir zum Heil vollführen.1 / Jahwe, ewig währt deine Huld. / Deiner Hände Werk2 — o, laß es nicht unvollendet!

  1. Er wird vollführen, was er in seiner Gnade mit dem Psalmisten begonnen hat.
  2. D.h. alles, was Gott bisher für den Psalmisten getan hat.

Chapter 139

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.1 / Jahwe, du hast mich durchforscht und erkannt:

  1. Diese Überschrift soll wohl nur andeuten, daß der Psalm nach davidischem Muster gedichtet worden ist.

2 Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe; / Mein Denken und Streben kennst du sogar, / Noch eh es mir klar geworden.

3 Du siehst, wann ich wandre und wann ich mich niederlege, / Mit all meinen Wegen bist du vertraut.

4 Denn es ist kein Wort auf meiner Zunge — / Sieh, o Jahwe, du weißt es ganz.

5 Von allen Seiten hältst du mich umschlossen, / Du hast deine Hand auf mich gelegt.1

  1. Der Dichter kann Gottes Macht nicht entgehen, und er kann auch nichts tun, wenn ihm Gott nicht die nötige Bewegungsfreiheit dazu gibt.

6 Dies Wissen ist mir zu wunderbar, / Zu hoch: ich kann mich ihm nicht entziehn.1

  1. Hier ist die Rede von dem Wissen Gottes um den Psalmisten, wie es im vorangehenden (V1-5) geschildert worden ist. Darauf geht nun der Psalmist von V7 ab näher ein.

7 Wohin soll ich gehn vor deinem Geist, / Wohin vor deinem Antlitz fliehn?

8 Wenn ich in den Himmel stiege — du wärest da; / Und wollt ich mir im Totenreich ein Lager bereiten — / Dort wärest du auch.1

  1. Vgl. Am 9:2.

9 Flög ich auf Flügeln der Morgenröte, / Wollt ich weilen am Ende des Meers:1

  1. Der Sinn von V9 ist: Könnte ich mit der Schnelligkeit der Morgenröte vom Osten bis zum fernsten Westen eilen. vgl. Jon 1:3

10 Auch da würde deine Hand mich leiten / Und deine Rechte mich fassen.

11 Spräche ich: "Dunkel umhülle mich ganz, / Das Licht um mich her: es werde zur Nacht!" —

12 Auch Dunkel ist dir nicht zu dunkel;1 / Die Nacht vielmehr — sie leuchtet sogar wie der Tag, / Das Dunkel ist ebenso wie das Licht.2

  1. Du siehst doch alles.
  2. Für Gott gibt es keinen Unterschied zwischen Licht und Finsternis.

13 Denn du hast meine Nieren gebildet, / Du hast mich gewoben im Mutterleib.1

  1. Daß Gott den Menschen völlig und allenthalben kennt (V1-12), wird nun aus der Tatsache begründet, daß Gott den Menschen geschaffen hat (V13-18). Die Nieren werden als der Sitz der zartesten und geheimsten Gefühlsregungen besonders hervorgehoben (nach Franz Delitzsch).

14 Ich danke dir, daß ich so erstaunlich wunderbar entstanden bin: / Wunderbar sind ja auch sonst deine Werke, / Und meine Seele erkennt es wohl.

15 Nicht war dir mein Wesen unbekannt, / Als ich im Verborgnen bereitet ward, / Gewirkt in den Tiefen der Erde.1

  1. Die Tiefen der Erde sind ein Bild des dunklen Mutterschoßes. Aber dieses Bild ist jedenfalls gewählt im Blick darauf, daß der Leib des ersten Menschen aus der Erde gebildet worden ist. Hiob sagt (1,21): "Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib hervorgegangen, und nackt werde ich dahin zurückkehren," nämlich: "in die Erde, die Mutter aller." (Sir 40:1)

16 Schon meinen Fruchtkeim1 haben deine Augen gesehn; / Und auf dein Buch wurden alle geschrieben: / Die Tage, die mir bestimmt, / Eh noch einer von ihnen erschienen war.

  1. Gemeint ist das im Mutterleib entstehende Kind in seinen ersten Anfängen.

17 Wie sind mir so köstlich, Gott,1 deine Gedanken, / Wie ist ihre Zahl so gewaltig!2

  1. Im Hebräischen steht hier der Gottesname El.
  2. Vgl. Rö 11:33.

18 Wollt ich sie zählen — sie wären mehr als Sand: / Ich bin erwacht und bin noch bei dir.1

  1. Der Sinn ist: "Wenn ich auch bei der Betrachtung des unerforschlichen Wesens und Wirkens Gottes ermattet in Schlaf versinke, so bin ich doch beim Erwachen sofort wieder mit solchen Gedanken beschäftigt." Der Dichter ist also immer "bei Gott." Ergriffen von der Herrlichkeit Gottes, spricht er nun von V19 ab seinen Abscheu aus gegen alle Gottesverächter.

19 Möchtest du doch, Eloah, die Frevler töten! / Und "ihr Blutmenschen,1 weicht von mir!"

  1. Blutmenschen ("Männer der Blutschuld") sind die Gottlosen, die in ihrer Habsucht die Frommen grausam bedrücken und sie sogar zu Tode bringen.

20 Sie reden in Arglist von dir, / Mißbrauchen zu Lug deinen Namen — sie, die Feinde!1

  1. Sie mißbrauchen Gottes Namen durch falschen Schwur.

21 Sollt ich nicht hassen, Jahwe, die dich hassen, / Nicht Abscheu empfinden vor denen, die dir widerstreben?

22 Ich hasse sie mit dem größten Haß: / Sie gelten mir als Feinde.1

  1. Hier redet der Dichter nicht in fleischlicher Rachgier, sondern im Eifer für Gottes Ehre, womit die Trauer über die noch vorhandene Gottlosigkeit verbunden ist.

23 Erforsche mich, Gott,1 und erkenne mein Herz, / Prüf mich, erkenne meine Gedanken!2

  1. Auch hier steht im Hebräischen, wie in V17, der Gottesname El.
  2. Der Schluß des Psalms kehrt zu seinem Anfang zurück.

24 Sieh, ob ich neige zu unheilvollem Wandel, / Und leite mich auf den Ewigkeitsweg!1

  1. Der Ewigkeitsweg ist der Weg der Gerechten, der niemand täuscht, der nicht in Jammer und Unheil, sondern in Freude und Seligkeit endet.

Chapter 140

1 Dem Sangmeister. Ein Psalm Davids.1

  1. Ps. 140 ist ein Lied, das in Inhalt und Gedankengang manchen Psalmen Davids ähnlich ist. Es kann sich beziehen auf die Verfolgungen Sauls sowie auch auf Absaloms und Sebas Empörung. Der Dichter vertraut auf Gott, der alle Anschläge seiner Feinde vereiteln und sie mit seinen Gerichten strafen werde.

2 Rette mich, Jahwe, von bösen Menschen, / Bewahre mich vor den Gewalttätigen,

3 Die im Herzen Böses sinnen, / Die täglich Streit erregen!

4 Sie schärfen ihre Zunge wie eine Schlange, / Unter ihren Lippen ist Otterngift. Sela.

5 Behüte mich, Jahwe, vor Frevlerhänden, / Bewahre mich vor den Gewalttätigen, / Die da sinnen auf meinen Sturz!

6 Stolze haben mir heimlich Schlingen und Seile gelegt, / Ein Netz gebreitet meinen Pfad entlang, / Sie haben mir Fallen gestellt. Sela.

7 Ich aber habe zu Jahwe gesagt: "Mein Gott bist du, / Vernimm doch, Jahwe, mein lautes Flehn!

8 Jahwe Adonái, du meine mächtige Hilfe, / Der du mein Haupt am Tage des Kampfes beschirmst,

9 Erfülle nicht, Jahwe, der Frevler Begehren, / Ihren Anschlag laß nicht gelingen! / Sie würden sich sonst überheben." Sela.

10 Das Haupt derer, die mich umlauern, / Möge das Unheil bedecken, das sie wider mich geredet!1

  1. Das deutet auf Verleumdungen, wodurch sie dem Dichter große Gefahren bereitet haben.

11 Mögen glühende Kohlen auf sie fallen! / Ins Feuer stürze er1 sie, / In Fluten, draus sie nicht wieder auftauchen können!

  1. Gott.

12 Ein Verleumder wird nicht im Lande bestehn; / Der Gewaltmensch werde vom Unglück gejagt ins Verderben!1

  1. Nach LXX

13 Ich weiß, daß Jahwe des Elenden Sache führen, / Den Armen zum Rechte verhelfen wird. Fürwahr, die Gerechten werden deinem Namen danken, / Die Redlichen bleiben vor deinem Antlitz.

Chapter 141

1 Ein Psalm Davids. / Jahwe, ich habe dich angerufen: eile zu mir, / Horch auf mein Flehn, wenn ich zu dir rufe!

2 Nimm mein Gebet als Rauchopfer an, / Meiner Hände Aufheben als Abendopfer.1

  1. Vgl. 2Mo 30:1-8. Die Hände wurden beim Gebet erhoben.

3 Stell eine Wache, Jahwe, vor meinen Mund, / Bewahre die Tür meiner Lippen!1

  1. D.h. bewahre mich vor Zungensünden! Der Dichter konnte sich seinen Feinden gegenüber leicht zu Gott mißfälligen Reden hinreißen lassen.

4 Laß mein Herz sich nicht neigen zum Bösen, / Untat zu üben in Frevlermut / Im Bunde mit Männern, die übeltun; / Und von ihren Leckerbissen laß mich nicht essen!1

  1. D.h. laß es nicht dahin kommen, daß ich, verlockt durch das äußere Glück der Gottlosen, zu ihrem bösen Wandel mich verleiten lasse.

5 Rügt mich ein Gerechter in Liebe und tadelt er mich, / So soll mein Haupt dies köstliche Öl nicht verschmähn;1 / Denn noch begegne ich nur mit Gebet ihren bösen Tücken.2

  1. Ein Tadel, in Liebe gesprochen, gleicht einem köstlichen Balsam.
  2. Der Dichter betet für seine Verfolger.

6 Werden ihre Richter vom Felsen gestürzt, / Dann heißt man meine Worte als lieblich willkommen.1

  1. Der Sinn von V6 ist wohl: Wenn die, die sich jetzt als Richter und Machthaber gebärden, von dem verdienten Strafgericht getroffen werden, dann wird man auch meine Worte, die jetzt verachtet sind, wieder mit Freuden anhören.

7 Wie einer das Erdreich mit Furchen durchzieht und lockert, / So sind unsre Gebeine dem Rachen des Grabes hingestreut.1

  1. Unsere Verfolger (das bedeuten diese Worte vielleicht) würgen uns hin in so großer Zahl, wie man Samenkörner auf den Acker streut. Aber wie der in die Erde ausgestreute Same Frucht bringt, so wird auch aus dem Blut der hingemordeten Frommen eine reiche Ernte erstehen.

8 Denn auf dich, Jahwe Adonái, sehn meine Augen, / Bei dir such ich Schutz: gib mich nicht hin in den Tod!

9 Bewahre mich vor der Schlinge, die man mir gelegt, / Vor den Nachstellungen der Übeltäter!

10 Laß die Frevler fallen ins eigene Netz! / Zugleich werd ich für immer daran vorübergehn.1

  1. Nämlich: an dem mir gestellten Netz, d.h. ich werde aus aller Gefahr errettet werden. — Der schwer angefochtene Sänger des 141. Psalms trachtet danach, in seinen Leiden immer vertrauensvoller zu werden, immer vorsichtiger zu wandeln und immer zuversichtlicher gerade aus seiner Trübsal Segen für sich zu erwarten. Sollte, was freilich sehr zweifelhaft ist, der Psalm von David stammen, dann fiele er wahrscheinlich in die Zeit der Empörung Absaloms.

Chapter 142

1 Eine Betrachtung (?) Davids, als er in der Höhle war.1 Ein Gebet.

  1. 1Sa 22:1; vgl. Ps 57:1. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß David diesen Psalm auf seiner Flucht vor Saul gedichtet hat.

2 Laut schrei ich zu Jahwe, / Laut fleh ich zu Jahwe.

3 Vor ihm ergieß ich meine Klage, / Ihm mach ich meine Bedrängnis kund.

4 Ist mein Geist in mir verzagt: / Du kennst doch meinen Lebenspfad.1 / Auf dem Wege, den ich gehen will, / Hat man mir heimlich ein Netz gespannt.

  1. Du kennst auch die Gefahren, die mir auf meinem Weg drohen, und wirst mir helfen.

5 Schau ich zur Rechten1 und blicke aus: / Niemand ist da, der mich kennen will. / Jede Zuflucht ist mir genommen, / Niemand frage nach mir.

  1. Dorthin, wo der Helfer zu stehen pflegt.

6 Ich habe zu dir, o Jahwe, geschrien, / Ich habe gesagt: "Meine Zuflucht bist du, / Mein Teil in der Lebendigen Land!"

7 O merke doch auf mein lautes Flehn, / Denn ich bin elend und matt! / Von meinen Verfolgern errette mich, / Denn sie sind stärker als ich! Führe mich aus dem Kerker, / Daß ich deinen Namen preise! / Glück wünschend werden mich Fromme umringen, / Wenn du mir wohlgetan.

Chapter 143

1 Ein Psalm Davids.1 / Jahwe, höre mein Gebet, / Vernimm mein Flehn um deiner Treue willen, / Antworte mir um deiner Gerechtigkeit willen!

  1. In manchen Handschriften der LXX hat dieser Psalm die Überschrift: "Ein Psalm Davids, als ihn sein Sohn Absalom verfolgte." Dieser Psalm ist zugleich der letzte der sieben kirchlichen Bußpsalmen. In ihm verbindet sich die Trauer des vom Thron Gestoßenen mit der Trauer des von seiner Sünde Niedergebeugten.

2 Und geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, / Denn kein Lebendiger ist gerecht vor dir!

3 Denn der Feind hat mir nach dem Leben getrachtet, / Er hat mein Leben zu Boden geschlagen, / Mich in tiefes Dunkel versetzt wie die auf ewig Toten.

4 Nun ist mein Geist verschmachtet in mir, / Mein Herz ist mir in der Brust erstarrt.

5 Ich habe der Tage der Vorzeit gedacht, / Habe nachgesonnen über all dein Tun, / Das Werk deiner Hände erwogen.

6 Meine Hände hab ich zu dir gebreitet, / Wie nach Regen lechzendes Land lag meine Seele vor dir.1 Sela.

  1. Meine Seele lechzte nach deiner Hilfe, wie das dürre Erdreich nach Tau und Regen lechzt.

7 Eilends erhöre mich, Jahwe, es schmachtet mein Geist! / Verbirg nicht dein Antlitz vor mir! / Sonst gleich ich ins Grab Gesunknen.

8 Laß mich deine Huld schon früh am Morgen erfahren, / Denn ich vertraue auf dich! / Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll, / Denn zu dir hab ich meine Seele erhoben!

9 Rette mich, Jahwe, von meinen Feinden! / Bei dir hab ich Zuflucht gesucht.

10 Lehre mich tun, was dir gefällt; / Du bist ja mein Gott: / Dein guter Geist führ mich auf ebner Bahn!

11 Um deines Namens willen, Jahwe, erhalt mich am Leben, / In deiner Treue reiß mich aus der Bedrängnis!

12 In deiner Huld1 vertilge du meine Feinde, / Vernichte alle, die meine Seele bedrängen! / Ich bin ja dein Knecht.

  1. Gegen mich.

Chapter 144

1 Von David.1 / Gepriesen sein Jahwe, mein Fels: / Er hat meine Hände zum Kampf, / Meine Finger zum Kriege geschickt gemacht.2

  1. In der LXX lautet die Überschrift des 144. Psalms: "Von David in bezug auf Goliat." Im Blick auf 1Sa 17:45-47 könnte der Psalm, wenn er auch nicht von David selbst verfaßt ist, an einigen Stellen doch die Gefühle zum Ausdruck bringen wollen, die David bei dem Eintritt in den Zweikampf mit Goliat erfüllten.
  2. Ps 18:35.

2 Er schenkt mir Huld, er ist meine Burg, meine Feste, mein Retter, / Mein Schild: in ihm war ich immer geborgen;1 / Völker hat er mir unterworfen.

  1. Ps 18:3.

3 Jahwe, was ist doch der Mensch, daß du sein gedenkst, / Des Sterblichen Kind, daß du ihn beachtest?1

  1. Ps 8:5.

4 Der Mensch ist ja nur wie ein Hauch, / Seine Tage sind wie ein schwindender Schatten.

5 Jahwe, neig deine Himmel, fahre herab, / Rühre die Berge an, daß sie rauchen!

6 Schleudre Blitze: zerstreue sie,1 / Schieß deine Pfeile:2 verstöre sie!

  1. Meine Feinde.
  2. Die Pfeile sind außer den Blitzen vielleicht auch tödliche Krankheit und allerlei Plagen.

7 Streck aus deine Hand von der Himmelshöh! / Reiß mich heraus, befrei mich aus großen Wassern:1 / Aus der Hand der Söhne der Fremde,2

  1. Ps 18:17.
  2. Vgl. Ps 18:45-46.

8 Deren Mund Falsches zu reden pflegt, / Deren Rechte eine Rechte der Lüge ist!1

  1. Sie geben wohl die rechte Hand, um ein Versprechen zu bekräftigen; aber sie halten ihr Wort nicht.

9 Elohim, ich will dir singen ein neues Lied, / Auf zehnsaitiger Harfe dir spielen:1

  1. Ps 33:2.

10 Dir, der den Königen Sieg verleiht, / Der David, seinen Knecht, aus der Not gerissen.

11 Dem mordenden Schwerte entreiße mich!1 / Rette mich aus der Hand der Söhne der Fremde, / Deren Mund Falsches zu reden pflegt, / Deren Rechte eine Rechte der Lüge ist!

  1. Wie du mir früher geholfen hast (V10b), so hilf mir auch jetzt in meiner Not.

12 Dann1 werden unsre Söhne in ihrer Jugendfrische / Wie kräftig wachsende Pflanzen sein, / Unsre Töchter gleichen Ecksäulen, / Die man meißelt zum Bau von Palästen.2

  1. Dann, wenn nach der Besiegung der Feinde voller Friede herrscht. Die Segnungen des Friedens werden nun in V12-14 geschildert.
  2. Die zierlichen, schlanken Töchter werden mit schönen Säulenfiguren verglichen.

13 Unsre Speicher sind dann gefüllt / Und spenden allerlei Frucht. / Unsre Schafe gehen tausend-, ja zehntausendweis / Auf unsern Triften.

14 Unsre Rinder tragen ohn Unfall und Fehlgeburt. / Auf unsern Straßen ist kein Klagegeschrei.

15 Heil dem Volk, dem es so ergeht, / Heil dem Volk, des Gott ist Jahwe!

Chapter 145

1 Ein Loblied Davids.1 / Ah, dich will ich rühmen, mein Gott, du König, / Und deinen Namen preisen immer und ewig.

  1. Dieser Psalm ist der letzte der neun alphabetischen Psalmen. Seine Abfassung durch David ist schwerlich anzunehmen. — Es mag noch bemerkt werden, daß dieser Psalm wegen V15 der Mittagsmahlzeitpsalm der alten Kirche war; auch beim Abendmahl war V15 gebräuchlich (nach Franz Delitzsch).

2 Beharrlich1 will ich dich preisen / Und deinen Namen loben immer und ewig.

  1. Wörtlich: "An jedem Tage."

3 Groß ist Jahwe und sehr preiswürdig, / Seine Größe ist unergründlich.

4 Das eine Geschlecht rühmt deine Werke dem andern, / Man macht deine großen Taten kund.

5 Hoheitsvoll ist deine herrliche Pracht, / Deine Wunder will ich besingen.

6 Wie soll man reden von deinem gewaltig erhabnen Tun! / Von deiner Größe will ich erzählen.

7 So soll man auch deiner Güte gedenken / Und ob deiner Gerechtigkeit jauchzen.

8 Gnädig ist Jahwe und barmherzig, / Langmütig und sehr gütig.

9 Tiefhuldreich erweist sich Jahwe allen / Und erbarmt sich all seiner Werke.

10 Jauchzen sollen dir, Jahwe, all deine Werke, / Deine Frommen sollen dich preisen.

11 Kundmachen sollen sie deines Königtums Herrlichkeit / Und reden von deiner Macht.

12 Loben sollen sie seine großen Taten vor den Menschenkindern / Und seines Königtums rühmliche Pracht.

13 Mit ewiger Dauer besteht dein Königreich, / Deine Herrschaft währet für und für.1

  1. Der Buchstabe Nun fehlt.

14 Stützt nicht Jahwe alle, die fallen, / Hilft er nicht allen Gebeugten auf?

15 Aller Augen schaun empor zu dir: / Du gibst ihnen Nahrung zur rechten Zeit.

16 Freundlich öffnest du deine Hand / Und sättigst alles Lebendge mit dem, was ihm gefällt.

17 Zeigt sich nicht Jahwe gerecht in seinem Walten / Und gütig in all seinem Tun?

18 Kommt Jahwe nicht nahe allen, die ihn anrufen, / Allen, die ihn anrufen in Treue?1

  1. Treue ist bei ihnen zu finden, wenn die Worte ihrer Lippen der Gesinnung ihres Herzens entsprechen.

19 Recht erfüllen wird er, was seine Frommen begehren; / Er hört ihr Schrein und wird ihnen helfen.

20 Schützt Jahwe doch alle, die ihn lieben; / Alle Frevler aber wird er vertilgen.

21 Tönen soll mein Mund von Jahwes Lob, / Und alles Fleisch preise seinen heiligen Namen immer und ewig!

Chapter 146

1 Lobet Jah!1 / Lobe Jahwe, o meine Seele!

  1. Die fünf letzten Psalmen (146-150) sind "Hallelû-jah"-Psalmen; denn "Hallelû-jah" (lobt Jah) steht bei ihnen zu Anfang und am Ende. Die LXX überschreibt die Psalmen 146-148 (oder, wie sie zählt, 145-148) gleichmäßig mit: "Halleluja. Von Haggai und Sacharja." — In Psalm 146 ist eigenartig die Verwendung des Reims, und zwar in V6b c.7.8.9b c. Nach dem Vorgang von R. Kittel habe auch ich dies in meiner Übersetzung nachzubilden gesucht.

2 Loben will ich Jahwe, solang ich lebe, / Meinem Gott will ich spielen, solange ich bin.

3 Vertraut nicht auf Fürsten, / Nicht auf Menschen, da sie nicht helfen können!

4 Fährt ihr Odem aus, so kehren sie wieder zum Staube zurück. / Dann hat es ein Ende mit ihren Plänen.

5 Heil dem, der Jakobs Gott zum Helfer hat, / Der auf Jahwe hofft als seinen Gott!

6 Er hat ja Himmel und Erde geschaffen, / Das Meer und alles, was weit und breit, / Er hält Treue in Ewigkeit.

7 Er schafft den Bedrückten Recht; / Er, Jahwe, gibt den Hungernden Brot, / Befreit die Gefangnen aus ihrer Not.

8 Jahwe öffnet die Augen der Blinden, / Gebeugte läßt Jahwe Erquickung finden, / Jahwe hat die Gerechten lieb.

9 Jahwe gibt den Fremdlingen Schutz,1 / Witwen und Waisen hilft er auf, / Aber er hemmt der Frevler Lauf.2

  1. Vgl. z.B. 2Mo 22:20, 23:9, 3Mo 19:33, 24:22, 5Mo 1:16, 10:18-19, 24:17, Jer 22:3, Sac 7:10.
  2. So daß sie von dem rechten Weg abkommen und ins Verderben geraten.

10 Herrschen wird Jahwe in Ewigkeit, / Dein Gott, o Zion, in allen Geschlechtern. / Lobet Jah!

Chapter 147

1 Lobet Jah! / Denn köstlich ist's, unsern Gott zu preisen; / Ja, lieblich ist's, es ziemt sich Lobgesang.

2 Jahwe bauet Jerusalem, / Die Vertriebnen Israels1 sammelt er wieder.

  1. Die in die Gefangenschaft Weggeführten.

3 Er heilt die zerbrochnen Herzen, / Und ihre Wunden verbindet er.1

  1. Menschliches Leid und Weh kann der recht stillen, der das gewaltige Heer der Sterne geschaffen und jeden einzelnen Stern mit Namen genannt hat (V4).

4 Er bestimmt den Sternen ihre Zahl, / Sie alle ruft er bei Namen.

5 Groß ist unser Herr und reich an Kraft, / Seine Einsicht ist unermeßlich.

6 Den Duldern hilft Jahwe auf, / Aber Frevler erniedrigt er tief zu Boden.

7 Stimmt für Jahwe ein Danklied an, / Spielt unserm Gott auf der Zither!

8 Er bedeckt den Himmel mit Wolken, / Er spendet Regen der Erde, / Läßt Gras auf den Bergen sprossen.

9 Er gibt dem Vieh sein Futter, / Den jungen Raben, wenn sie schrein.

10 Nicht an des Rosses Stärke hat er Gefallen, / Er hat nicht Lust an des Mannes Beinen.1

  1. Die Stärke des Rosses im Kriege, die Schnelligkeit der Beine (wörtlich: der Schenkel) des Menschen bringen nicht den Sieg; den verleiht Gott allein.

11 Lust hat Jahwe an seinen Frommen, / Die da harren auf seine Huld.

12 Preise, Jerusalem, Jahwe, / Lobe, Zion, deinen Gott!

13 Denn er hat deiner Tore Riegel gestärkt,1 / Hat deine Kinder gesegnet in dir.

  1. Er hat dich oft vor Feinden geschützt.

14 Er hat deinem Lande Frieden geschenkt, / Dich mit dem besten Weizen gesättigt.

15 Er sendet sein Machtwort nieder zur Erde,1 / Eilend läuft sein Gebot.2

  1. Damit sich z.B. sein Ausspruch in 1Mo 8:22 erfülle.
  2. Um auszurichten, wozu Gott es gesandt hat.

16 Er gibt Schnee wie Wolle, / Streut Reif wie Asche aus.

17 Er wirft seinen Hagel herab in Stücken: / Wer hält vor seiner Kälte stand?

18 Sendet er aber sein Wort, so zerschmelzt er sie.1 / Er läßt seinen Tauwind wehn, so rinnen Gewässer.

  1. Nämlich: Schnee, Reif und Hagel.

19 Er hat für Jakob sein Wort verkündet, / Seine Satzungen und Rechte für Israel.

20 So hat er sonst keinem Volke getan; / Drum kennen sie auch seine Rechte nicht.1 / Lobt Jah!

  1. Ps. 147 preist Gott als den Wiederhersteller des zerstörten Jerusalems (V2 und 3) als den allmächtigen Herrn der Welt (V4-8), als den Ernährer aller Geschöpfe und als den Beschützer Israels (V9-20). Eine Reihe von Stellen spielt auf frühere Psalmen an. Die Verbindung der göttlichen Segnungen in der Schöpfung mit denen in der Offenbarung gehört zu den besonderen Schönheiten dieses Psalms. Er ist wahrscheinlich bald nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft gedichtet worden. Franz Delitzsch meint, er sei unter Nehemia im Blick auf die Einweihung der Ringmauer Jerusalems entstanden. Ne 12:27-43

Chapter 148

1 Lobet Jah! / Lobet Jah vom Himmel her,1 / Lobet ihn in der Höhe!

  1. Vom Himmel her soll der Lobgesang der himmlischen Wesen erschallen.

2 Lobt ihn, all seine Engel, / Lobet ihn, all sein Heer!1

  1. Das Heer Gottes sind die Engel und auch die Sterne. Jos 5:14-15; 1Kön 22:19, 5Mo 4:19, Hio 38:7

3 Lobt ihn, Sonne und Mond, / Lobet ihn, all ihr lichten Sterne!

4 Lobt ihn, ihr höchsten Himmel, / Und ihr Wasser über dem Himmel!1

  1. Vgl. Ps. 104,3a.

5 Loben sollen sie Jahwes Namen; / Denn er gebot, und sie wurden geschaffen.

6 Er stellte sie hin für immer und ewig; / Er gab ein Gesetz, das sie nicht übertreten.1

  1. Kein einziges der vorher genannten Geschöpfe überschreitet die ihm gesetzte Stellung und Grenze.

7 Lobt Jahwe von der Erde her, / Ihr Seeungeheuer und all ihr Meerestiefen,

8 Ihr, Feuer und Hagel, Schnee und Rauch,1 / Du Sturmwind, der sein Wort vollstreckt.2

  1. Der Berge. 2Mo 19:18
  2. Vgl. 2Mo 14:21.

9 Ihr Berge und alle Hügel, / Ihr Fruchtbäume und alle Zedern.

10 Ihr wilden und zahmen Tiere, / Ihr Gewürm und gefiederten Vögel,

11 Ihr Erdenkönige und Völker alle, / Ihr Fürsten und alle Richter auf Erden,

12 Ihr Jünglinge und ihr Jungfraun auch, / Ihr Alten mit den Jungen!

13 Sie alle sollen Jahwes Namen loben; / Denn sein Name allein ist erhaben, / Seine Hoheit geht über Erde und Himmel.

14 Er hat seinem Volk wieder Macht verliehn:1 / Das ist ein Ruhm für all seine Frommen, / Für Israels Söhne — das Volk, das ihm am nächsten steht.2 / Lobt Jah!

  1. Wörtlich: "Er hat erhöht ein Horn seinem Volk," d.h. er hat Israel nach der babylonischen Gefangenschaft wieder aufgeholfen.
  2. Der Dichter fordert in diesem Psalm die Geschöpfe Gottes: Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, zum Lobpreis Gottes auf; sie sollen Gott loben und anbeten, anstatt daß ihnen von den Heiden Ehre und Anbetung dargebracht wird. Warum aber soll die ganze Schöpfung Gott verherrlichen? Weil er seinem Volk Israel so gnädig geholfen hat (V14). Dieses Volk steht ihm ja am nächsten (V14c), und durch Israel will er alle Völker segnen. Ja das Heil, das Israel zuteil wird, soll schließlich auf die ganze Schöpfung überfließen.

Chapter 149

1 Lobet Jah! / Singet Jahwe ein neues Lied, / Singt sein Lob in der Frommen Versammlung!1

  1. Im Tempel.

2 Israel freue sich seines Schöpfers, / Zions Söhne mögen über ihren König jubeln!

3 Sie mögen seinen Namen preisen im Reigentanz,1 / Mit Pauke und Zither ihm spielen!

  1. Vgl. 2Mo 32:19, Ri 11:34, 2Sa 6:5,14.

4 Denn Gefallen hat Jahwe an seinem Volk, / Er schmückt die Dulder mit Heil.

5 Frohlocken mögen die Frommen in ihrer Seele,1 / Jubeln auf ihren Lagern!

  1. So nach Ed. König.

6 Ihr Mund sei voll von Gottes Lobpreis, / Ihre Hand aber führe ein zweischneidig Schwert!1

  1. Um für den Glauben zu kämpfen, wie es besonders in der Makkabäerzeit geschah. So heißt es 2. Makk. 15,27 von Judas und seiner Streiterschar: "Mit den Händen kämpften sie, aber mit den Herzen beteten sie zu Gott."

7 So sollen sie Rache üben an den Heiden, / Strafe an den Völkern.

8 Deren Könige sollen sie binden mit Ketten, / Ihre Edlen mit eisernen Fesseln,

9 Und so an ihnen vollziehn das geschriebne Recht:1 / Das ist ein Ruhm für all seine Frommen. / Lobt Jah!

  1. Indem sie sich die Völker unterwerfen (vgl. z.B. Jes 45:14). Hier verweise ich auf 1Kor 6,2-3 "Wißt ihr nicht, daß die Heiligen einst die Welt richten werden?... Wißt ihr nicht, daß wir sogar über Engel richten werden?" (S. auch Mt 19:28, Lu 22:30, Off 3:21, 20:4.)

Chapter 150

1 Lobet Jah! / Lobt El in seinem Heiligtum,1 / Lobt ihn an seiner mächtigen Feste!2

  1. Gemeint ist das himmlische Heiligtum. Jes 6:1-5
  2. An dieser Feste sind Sonne, Mond und Sterne.

2 Lobt ihn ob seiner gewaltigen Taten, / Lobt ihn, wie es seiner überschwenglichen Größe geziemt!

3 Lobt ihn mit dem Blasen des Widderhorns, / Lobt ihn mit Harfe und Zither!1

  1. Das Loblied der Menschen soll durch die Musik verstärkt werden.

4 Lobt ihn mit Pauke und Reigen,1 / Lobt ihn mit Saitenspiel und Flöte!

  1. Vgl. Ps 149:3a. Der Festreigen fand nach dem Takt der Pauke statt.

5 Lobt ihn mit klingenden Zimbeln, / Lobt ihn mit schallenden Zimbeln!1

  1. Die hellklingenden Zimbeln waren die kleineren, die schallenden oder tieftönenden Zimbeln die größeren.

6 Alles, was Oden hat, lobe Jah!1 / Lobet Jah!

  1. Der ganze Psalter schließt mit einem allgemeinen Halleluja. "Alle Klagen wie alle Kämpfe enden in einem jubelnden Lobe des Herrn, der alles wohlgemacht." — Ps. 150 ist zugleich die Schlußlobpreisung des fünften Psalterbuches.