reltext

Chapter 1

1 1 [Wie] glücklich (gesegnet)2 [ist] der Mensch (Mann)3, der nicht dem Rat (den Plänen)4 der Gottlosen (Übeltäter)5 folgt (gefolgt ist)6, {und} nicht auf (mit) dem Weg der Sünder steht (betritt; gestanden hat) und nicht an dem Ort (auf dem Sitz, im Kreis7) der Spötter sitzt (saß)8,

  1. [Status: Sehr gut]
  2. Das hier verwendete Wort אַשְׁרֵי־ drückt nicht einen konkreten Segen, sondern erstrebenswertes, gesegnetes Glück in einer Beziehung mit Gott durch Bundesgehorsam aus (Waltke 2010, 133). Ähnlich auch die Seligpreisungen (Mt 5,1-12). Psalm 1 kann als Definition dafür gelten, welche Art von Mensch sich auf diese Weise glücklich nennen darf (vgl. Kraus 41972, 3): der „Gerechte“ (צַדִּיק), der falsche Wege meidet (1) und sich stattdessen der Torah, der Weisung Gottes zuwendet (2)(Kraus 41972, 9).
  3. Die männliche Form steht hier stellvertretend für jeden Menschen, auf den das Beschriebene zutrifft (Generisches Maskulinum; vgl. Waltke 2010, 128).
  4. Das Wort kann sich auch auf die Pläne und Ziele einer Person beziehen, umfasst also mehr als einen einmaligen Ratschlag.
  5. „Gottlose“ (רְשָׁעִים) sind solche, die vor dem Gesetz Gottes schuldig sind und sich Gott bewusst widersetzen (Kraus 41972, 4). Der Gottlose ist das genaue Gegenstück zum Gerechten (Waltke 2010, 133).
  6. Wörtlich: „im Rat der Gottlosen geht/gegangen ist“; Übs. vgl. NGÜ, REB, NET.
  7. im Kreis So EÜ. Gemeint ist mit dem „Sitz der Spötter“ ihr Versammlungsort (TWOT 922d), wo die Spötter (לֵצִים) sich gegenseitig zum Spott über Gott herausfordern (Kraus 41972, 4).
  8. V. 1 ließe sich auf zwei Weisen lesen: Entweder handelt es sich bei „dem Rat der Gottlosen folgen“, „auf dem Weg Weg der Sünder stehen“ und „am Ort der Spötter sitzen“ um eine Synonymreihung, die sämtlich für das „sich-Vergehen“ stehen, oder es wird hier durch die Entwicklung von „folgen“-„stehen“-„sitzen“ eine Entwicklung von dynamisch zu statisch ausgedrückt: Der betreffende Mensch verdirbt immer mehr, indem er sich immer mehr an den Kreis der Sünder annähert, bis er sich schließlich ganz bei ihnen niederlässt. Vgl. hierzu die Diskussionsseite.

2 sondern am Gesetz (Weisung, Tora) JHWH s {seine} Freude (Verlangen, Lust) [hat] und über sein Gesetz Tag und Nacht nachdenkt (grübelt; leise liest oder rezitiert; nachdenken wird)1.

  1. Freude und Andacht gegenüber dem Gesetz sind Metonymien der Ursache für ein Leben, das sich an der Schrift orientiert. Da Psalm 1 den gesamten Psalter einleitet, nennt er mit dieser Aussage eine Schlüsselqualifikation für das richtige Verständnis der Psalmen (Waltke 2010, 139).

3 {Und (Dann)} Er ist (wird sein) wie ein Baum, gepflanzt an Wasserkanälen (Wasserbächen)1,2 der seine Frucht bringt (gibt; bringen wird) zu seiner Zeit3 und dessen Blätter nicht welken. Und alles, was er tut, gedeiht (gelingt; wird gedeihen)4.56

  1. Gemeint sind künstliche Bewässerungskanäle.
  2. Psalm 92,13; Jeremia 11,19; Ezechiel 17,5
  3. Also: regelmäßig, wegen der steten Wasserversorgung, die ohne solche Bewässerungskanäle nicht möglich wäre (Kraus 41972, 6). Dieser Vergleich beschreibt zusammen mit dem Aspekt der nicht verwelkenden Blätter das ewige Leben, das der Gottesfürchtige als „Frucht“ bekommen wird (Waltke 2010, 140).
  4. Auch möglich: „Und er bringt alles, was er tut, zum Gedeihen“ („two-place“ Hiphil nach Waltke 2010, 128).
  5. Ps 1 enthält als Torah- bzw. Weisheitspsalm ein typisches Motiv der Weisheitsliteratur, den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“: Wie man handelt, so ergeht es einem. Gutes Handeln - das Beschreiten des „gerechten Weges“ - zieht in der Regel positive Folgen für den Handelnden nach sich, der Weg des Gottlosen dagegen führt ins Verderben (vgl. z.B. Oeming 2000, S. 50 f.). Der Gerechte speist sich hier aus den von Gott verfügbar gemachten Bewässerungskanälen der Tora. Soweit er der Tora folgt, wird ihm alles gelingen, er wird zu seiner Zeit Frucht bringen.
  6. Josua 1,8

4 Nicht so die Gottlosen (Übeltäter)! {sondern (vielmehr)} [Sie sind] wie Spreu1, die [der] Wind wegbläst (wegblasen wird).2

  1. Spreu sind die Schalen von Getreidekörnern, die früher durch Dreschen von diesen gelöst und dann durch Worfeln von ihnen getrennt wurden. Dabei warf man beide Teile in den Wind, der die leichten Spelzen wegblies, während die Körner wieder auf den Boden fielen (Douglas, Chaff, in: NBD 1996). Die nutzlose Spreu steht im Gegensatz zu dem lebendigen, fruchtbaren Baum (3) (Waltke 2010, 141). Gottlose und Spreu teilen für den Psalmisten dasselbe Schicksal: Sie sind wertlos und bestehen nicht, sie werden im entscheidenden Moment vergehen (vgl. den Beginn von V. 5: „deshalb“
  2. Lukas 3,17

5 Deshalb bestehen (stehen auf; werden bestehen) Gottlose nicht vor dem (nicht im) Gericht1 und Sünder [nicht] in der Versammlung der Gerechten2.

  1. Unklar ist, ob das Endgericht oder ein irdisches Gericht gemeint ist. Möglichkeiten: Gericht, Gerichtsverhandlung (Gesenius18, ~ 5), Gerichtshof (DCH, ~ §1d), gesamtes Gerichtsverfahren (TWAT, ~ II.2.a; NIDOTTE, ~ 2), Zeitpunkt des (End-?)Gerichts (TWOT, ~ 6), Urteilsvollzug (im Endgericht?) (DCH, ~ §1e, in 1d in Betracht gezogen)? Kraus 41972, 8 glaubt in Anlehnung an Ps 24,3, es wäre hier stattdessen vom Betreten der heiligen Stätte die Rede. Gut möglich, dass ganz einfach eine allgemeine Wahrheit ausgedrückt werden soll: die Gottlosen bestehen ganz grundsätzlich vor keinem Gericht bzw. in keinem Verfahren. Die parallele Entsprechung „Versammlung der Gerechten“ in 5b ist dann vielleicht die Instanz, die das Urteil fällt (Waltke 2010, 142).
  2. Zum Gebrauch des Begriffs „Gerechter“ s. die Fußnote in V. 1.

6 Denn (ja) JHWH kennt (wacht über) den Weg der Gerechten, aber (und) der Weg der Gottlosen (Übeltäter) führt ins Verderben (vergeht)1.

  1. führt ins Verderben (vgl. SLT, NGÜ, NLB) übersetzt das Verb אָבַד, das häufig etwas altertümlich als „zugrunde gehen, umkommen“ übersetzt wird.

Chapter 2

1 1 Warum (wozu) verschwören sich (befinden sich in Unruhe, murren; haben sich verschworen)23 [die] (heidnischen) Völker (Nationen), und [warum] schmieden (werden schmieden) [die] Völker (Volksgruppen) vergeblich Pläne4 (Vergebliches, Nichtiges) (knurren, grummeln sie)?5

  1. [Status: Sehr gut]
  2. Dieses Verb ist ein nur selten erkannter Aramaismus (in 9.12 sind weitere). In Dan 6,7.12.16 hat das aramäische Verb jeweils die Bedeutung „gemeinsam/als Gruppe [an einen Ort] gehen“, wobei immer eine heimliche/intrigante Absprache Teil der Konnotation ist (DBL Aramaic). Die konkrete Übersetzung „verschwören“ ergibt sich aus dem Kontext (vgl. Waltke 2010, S. 157): Das parallele Verb aus der zweiten Vershälfte bedeutet etwa, „Pläne zu schmieden“ (vgl. Fußnote dort); ein ähnliches Bedeutungsfeld ergeben die Verben in 2, der mit 1 (und 3) eine klimaktische Sinneinheit bildet. Dennoch findet sich in deutschen Übersetzungen i.d.R. eine Übersetzung nach dem Sinn von „sich in Unruhe befinden“ (vgl. aber NET, Waltke 2010, Hunter 1999).
  3. Die Verbformen in V. 1 sind auffällig: Qatal (1a) - X-Yiqtol (1b) - Yiqtol (2a) - X-Qatal (2b). Auf den ersten Blick wirken sie so, als müsste man übersetzen: # „Warum haben die Nationen gewütet? / Und die Völker - warum schmieden sie vergebliche Pläne? / Die Könige der Erde setzen sich zusammen, / und die Herrscher haben sich bereits beraten“ (so z.B. Carrier 1900, S. 58) # Viele Exegeten gehen aber davon aus, dass in der biblischen Lyrik die hebräischen Verbformen mehr oder weniger nach Belieben gesetzt werden können und übersetzen daher alle vier Verben präsentisch: „Warum wüten die Nationen, / warum schmieden die Völker vergebliche Pläne? / Die Könige der Erde setzen sich zusammen / und die Herrscher beraten sich.“ (so z.B. Buth 1992, S. 103; unsere Lösung, da Mehrheitsmeinung). # Vielleicht sinnvoller: Der Wechsel von Qatal nach Yiqtol und von Yiqtol nach Qatal wird verstanden als (bedeutungsloser) T-Shift; der Wechsel von VERB-X nach X-VERB drückt jeweils nur die Gegenüberstellung der jeweiligen Subjekte aus („Nationen“ und „Völker“ einerseits, „Könige der Erde“ und „Herrscher“ andererseits): „Warum wüten die Nationen / warum schmieden die Völker vergebliche Pläne? / [Warum] wollen die Könige der Erde sich zusammensetzen / und die Herrscher sich beraten?“ # Niccacci 2006, S. 9 interpretiert (1b) und (2b) als Umstandssätze: „Warum haben sich die Nationen verschworen / während die Völker vergeblich Pläne schmiedeten? / [Warum] stellten die Könige der Erde sich zum Kampf / während die Herrscher sich gegen JHWH und seinen Gesalbten verbündeten?“
  4. „Pläne schmieden“ ist hier Übersetzung lediglich des Verbs (vgl. GNB). רִיק (vergeblich) ist meist ein Substantiv, bei vielen Wörtern im AT ist der Übergang zum Adjektiv aber fließend. Die Übersetzung könnte also sowohl „Vergebliches“ (Substantiv) als auch „vergeblich“ lauten. Allerdings ist das Verb „Pläne schmieden“ (הָגָה) intransitiv (Clines, Dictionary of Classical Hebrew), deshalb ist רִיק hier als Adverb zu verstehen.
  5. Apostelgeschichte 4,25

2 [Warum]1 stellen die Könige der Erde (des Landes; irdischen Könige)2 sich [zum Kampf]3 auf (lehnen sich auf, leisten Widerstand; stellen sich [gerade] auf, werden sich aufstellen) und [warum] verbünden (stellen) sich (haben sich verbündet)4 die Herrscher gegen JHWH und gegen seinen Gesalbten5:6

  1. Wahrscheinlich double duty-Präposition aus V. 1a; so z.B. Niccacci 2006, S. 8; auch schon Carrier 1900, S. 58.
  2. Der Genitiv „der Erde“ kann auch als „des Landes“ (lokal begrenzt) oder als adjektivischer Genitiv („irdische Könige“) verstanden werden. Stärker signalisiert wird hier nicht der Gegensatz zwischen den anderen Ländern und Israel, sondern der zwischen den irdischen Herrschern einerseits und JHWH und seinem gesalbten König andererseits. Jener „ist 'göttlicher König' und deswegen auch Weltherrscher.“ (Kraus 1960, S. 15)
  3. Vgl. Kraus 1960, S. 11.
  4. Die Grundbedeutung ist, „sich unverrückbar [gg. jmdn.] zu positionieren“ (BDB, TWOT), die Denotation ergibt sich daraus. Das Verb heißt im Qal „gründen, grundlegen“ und kommt im Nifal sonst nur in Ps 31,14 vor. HALAT sieht dagegen zwei unabhängige Wurzeln. Kraus (1960, S. 11): „schließen sich zusammen“.
  5. Der Gesalbte bezeichnet hier wie meist im AT den von Gott eingesetzten König (TWOT, NBD u.a.; vgl. V. 6). In Prophetien wird auch der angekündigte Retter Israels so genannt, was im NT dann auf Jesus bezogen wird. Die ungewöhnliche Wiederholung der Präposition sorgt für eine klare Unterscheidung zwischen JHWH und König (Waltke 2010, S. 158).
  6. Psalm 2,10; Apostelgeschichte 4,26

3 1„Wir wollen (lasst uns, zerreißen wir doch) ihre Fesseln (Bande) zerreißen und ihre Stricke (Bande) von uns abwerfen!“

  1. Hier sprechen die erwähnten Könige (V. 2).

4 Der im Himmel thront (sitzt, wohnt)1, lacht (wird lachen) [über sie]2, [der] {mein} Herr (Adonai) spottet (verhöhnt; wird spotten) über sie.

  1. Subst., nicht adv./präd. Ptz., wie aus dem Parallelismus (entspricht „Herr“ in Teil 4b) deutlich wird. Vernachlässigt man diesen, könnte die Übersetzung auch lauten: „im Himmel wohnend, lacht er, Adonai...“ Die Hauptbedeutung von יָשַׁה ist „sitzen“, auf JHWH bezogen „thronen“ (vgl. REB, SLT).
  2. Das Objekt am Satzende bezieht sich auf beide Verben (vgl. Luther).

5 Dann (daraufhin) spricht er (wird er sprechen)1 zu ihnen in seinem Zorn und mit (in) seinem Zornesbrennen (brennenden Zorn, seiner Zornesglut, Heftigkeit)2 erschreckt (wird erschrecken) er sie:

  1. Von einer allgemeinen, zu jeder Zeit vorstellbaren Beschreibung wechselt der Psalmist nun zu einer konkreten Beschreibung von JHWHs Handeln („dann“). Die Handlung entfaltet sich vor den Augen des Erzählers (Waltke 2010, S. 158; NET Ps 2,4, Fußnote 15). Im Gegensatz dazu interpretiert Kraus 1960 das Folgende als zukünftige Rede (S. 12; Übers. „Einst redet er sie an...“), die folgenden Verse sind dann dem nachgeschobene Erklärung.
  2. Dieses Wort kommt gewöhnlich in Verbindung mit dem vorhergehenden Wort „Zorn“ (אַף) vor und bezeichnet dann „das Brennen/die Heftigkeit seines Zornes“. Hier wird diese gewohnte Verbindung durch den Parallelismus (als Stilmittel) bewusst aufgebrochen (Waltke 2010, S. 158). Die beiden Begriffe sind hier referenzidentisch.

6 {und} Ich selbst (ich aber)1 habe meinen König auf Zion, meinem heiligen Berg2, eingesetzt (geweiht; setze ein)3.“

  1. Das Waw markiert hier die lose Anknüpfung der direkten Rede an vorher (nicht) Gesagtes und bleibt unübersetzt (Gesenius-Kautzsch §154b) - so ähnlich, wie man auch im Deutschen in Erregung einen Satz mit »und« beginnt. Alternativ ist es adversativ zu verstehen; dann »aber« (Davidson, Hebrew Syntax, §155); es ist aber kein wirklicher Gegensatz vorhanden.
  2. Zion ist ein poetischer Name für Jerusalem, den Sitz des Königs. Wörtlich »dem Berg meiner Heiligkeit«. Der Genitiv beschreibt eine Eigenschaft; aufgrund dessen wird die Constructus-Verbindung zu einer einzigen grammatischen Einheit zusammengezogen. Das Pronominal-Suffix rutscht nur aufgrund dieser Tatsache an ihr Ende zu »Heiligkeit«, gehört semantisch aber zu »Berg« (Gesenius/Kautzsch, §135n, 128o; Davidson, Hebrew Syntax, §24.2).
  3. LXX: »ich wurde von ihm ... eingesetzt«, das begradigt den unmarkierten Wechsel der sprechenden Person in 6-7. Waltke (2010, S. 158) interpretiert als Vollzugsperfekt: »Hiermit setze ich ein«

7 1Ich will (Lass mich) bezüglich (über, in Hinsicht auf, bezüglich)2 der Anordnung (Einsetzungsurkunde, Königsprotokoll, Gesetz)3 JHWH s bekannt machen (rezitieren, berichten, Rechenschaft ablegen, erzählen): Er hat4 zu mir gesagt: Du [bist] mein Sohn. „Ich selbst habe (zeuge) dich heute (an diesem Tag) gezeugt5.6

  1. Jetzt (7-9) spricht der Gesalbte JHWHs (V. 2).
  2. Die Deutung dieser ungewöhnlich verwendeten Präposition ist schwierig. Die meisten Übersetzungen lassen sie wie die LXX weg (mit Bezug auf die Valenz des Verbs?). Sie drückt besondere Förmlichkeitbezieht aus (Waltke 2010, S. 170) und bezeichnet entweder die Wiedergabe gemäß der Quelle oder ein Teilzitat. Andere Verständnismöglichkeiten: „berichten über, bekannt machen bezüglich, erzählen von“.
  3. Der Begriff entstammt dem sakralen Königsrecht (Kraus 1960, S. 18) und bezieht sich hier auf einen bestimmten Abschnitt des Davidbundes, nämlich Gottes Zusage, Vater des davidischen Königs zu sein und ihn als Sohn zu betrachten (2. Sam 7,14). Das wird in 7b klar. Vielleicht zitiert der König dabei ein daran angelehntes Krönungsprotokoll (Kraus 1960, S. 18, Wallace 2009, S. 17).
  4. Nach den masoretischen Kantillationszeichen, die keine Constructus-Verbindung zwischen „Anordnung“ und „JHWH“ sehen: „...Anordnung berichten. JHWH hat...“ (vgl. Waltke 2010, S. 159; NET Ps 2,7, Fußnote 23)
  5. Das ist zu verstehen i.S.v. »ich bin dein Vater geworden«. Der König wurde gemäß Gottes Zusage (2. Sam 7,14) als Teil des Davidbundes von ihm formal als Sohn angenommen. Der Brauch spiegelt sich in altvorderorientalischen Sitten wieder, wonach Herren einen treuen Untertanen formal adoptieren und so auf die Stufe eines leiblichen Kindes erheben konnten (NET Ps 2,7, Fußnote 23). Auch andere Könige wurden als Gottessöhne betrachtet, etwa der ägyptische (der den Göttern aber gleichwertig war) oder der assyrische (der eher göttlich bestellter und bevollmächtigter Diener war; Kraus 1960, S. 18f.). Doch der dort vorhandene Zeugungsmythos entspricht hier lediglich der Adoption (Terrien 2003, S. 85; Kraus 1960, S. 19f.). S.a. Biberger, Sohn/Tochter (AT), 4.2.3 Ps 2,7 (Wibilex). Waltke 2010 Waltke (2010, S. 159) interpretiert als präsentisch zu übersetzendes Vollzugsperfekt.
  6. 2 Samuel 7,14; Apostelgeschichte 13,33; Hebräer 1,5; Hebräer 5,5

8 Bitte mich darum (verlange/fordere [es] von mir)1,dann (und) gebe (werde geben) ich dir ([die]) (heidnischen) Völker (Nationen) [als] deinen Erbbesitz2 und [als] dein Eigentum (Besitz) die Enden der Erde (die ganze Welt)!

  1. Eine Bitte passt besser in das dargestellte vertrauensvolle Verhältnis als eine Forderung.
  2. D.h. Permanenter, erblicher Besitz (TWOT 1342a נַחֲלָה).

9 Du wirst (sollst, kannst; zerschmettere)1 sie mit einem eisernen Zepter (Stab) (Zepter aus Eisen)2 zerschmettern (weiden)3,wie Töpferware4 wirst (sollst, kannst; zerschlage) du sie zerschlagen (zerschmeißen).“5

  1. Es bleibt hier unklar, ob es sich um eine Prophezeiung oder um die Vollmacht zur Kriegführung handelt (Vgl. Wallace 2009, S. 18).
  2. Kann auch einen Hirtenstab bezeichnen. Der Genitiv beschreibt eine Eigenschaft; wörtlich »Stab des Eisens«. Vgl. Fußnote V. 6.
  3. So die LXX (vgl. NIV84), die durchaus die ursprüngliche Lesart bezeugen könnte (Vgl. Wilhelmi, Der Hirt mit dem eisernen Szepter, VT 27.2, 1977). Gründe für den Vorzug des MT bei Waltke 2010, S. 173.
  4. Wörtlich: »Gefäß(e) eines Töpfers«
  5. Offenbarung 2,27; Offenbarung 19,15

10 Darum (und nun), [ihr] Könige, handelt verständig (kommt zur Einsicht); lasst euch warnen (zurechtweisen), [ihr] Herrscher (Richter) der Erde (des Landes)!1

  1. Psalm 2,2

11 Dient JHWH mit (in) Furcht (Ehrfurcht)und fürchtet euch (jauchzt, zittert, heult, kehrt um?)1 mit (in) Zittern!

  1. Die Crux interpretum in 11b.12a scheint auf den ersten Blick zu bedeuten: „Jauchzt mit Zittern / Küsst den Sohn“, was offensichtlich keinen Sinn ergibt. Daher sind verschiedene Lösungsvorschläge gemacht worden: * 11b.12a: Häufig wird der Text nach einem Vorschlag von Bertholet 1908 von וגילו ברעדה נשקו בר Jauchzt mit Zittern / Küsst den Sohn nach ונשקו ברגליו ברעדה Küsst seine Füße mit Zittern emendiert. Solche Emendierungen sind aber nur Notlösungen, vorzuziehen ist daher: * 11b: גיל jauchzen wird abweichend verstanden, nämlich als ** „heulen, sich fürchten“: גיל dient nicht nur als Ausdruck der Euphorie, sondern auch im Gegenteil als Ausdruck des Entsetzens (vgl. KBL3 zu Hos 10,5: „kreischen, heulen“; DCH zu Hos 10,5 und unserer Stelle: „sich fürchten“). Ebenso schon Saadja („Fürchtet ihn mit Zittern!“ (Üs. nach Margulies 1884, S. 4)) und Ben Eli (vgl. Eissler 2002, S. 103); so auch wir. ** „umkehren“: Von der Bedeutung in KBL3 geht auch die NET aus: Sie deutet das Wort als „klagt“ und biegt von dort die Wortbedeutung weiter um zum wesentlich kontextgemäßeren „kehrt um“. Dieser Umweg über „klagt“ ist aber wohl gar nicht nötig: Unter anderem hängt גיל zusammen mit dem arabischen ğwl „sich drehen“, was daher z.B. Kön und Ges18 als Grundbedeutung des Wortes annehmen; vgl. ad loc. auch Levesque 1900, S. 89. Daraus ließe sich ein „umkehren“ durchaus ableiten. ** „Zittern“: Außerdem hängt גיל zusammen mit dem ugaritischen gwl / gjl, das auch für das „Zittern“ z.B. der Zähne (also für Zähneklappern) stehen kann; vgl. Halayka 2008, S. 140. Mit „zittern“ übertragen denn auch in Hos 10,5 SLT2000, MEN, H-R, TAF, LUT1912, TEXT, FREE, van Ess u.a; BDB schlägt es zudem für unsere Stelle vor. * 12a: Für V. 12 hat kürzlich Sabottka 2006, S. 98 eine simple Lösung ohne Emendierungen vorgelegt: Er versteht das Wort נַשְקוּ nach der Bedeutung נשק II „sich wappnen“ (vgl. KBL3, S. 690); interpretiert das Piel als privatives Piel und übersetzt: „Rüstet ab!“. Weiterhin בַר interpretiert er nach der Bedeutung בַר II „rein, lauter“ (vgl. KBL3, S. 146; so auch Hieronymus, Iuxta Hebraicum; Davidson 1888, S. 158; B-R) - was ohnehin naheliegt, da hier in V. 12 ein anderes Wort für „Sohn“ verwendet würde als in V. 7 - und kommt so zu der sehr sinnvollen Übersetzung „Rüstet lauter ab!“. Fast ebenso schon Raschi („Rüstet euch mit Reinheit“) und Saadja („Waffnet euch mit Reinheit“ (Üs. nach Margulies 1884, S. 4)).

12 Rüstet ehrlich ab (Küsst [den] Sohn), damit er nicht (sonst) zornig wird und ihr [auf eurem] Weg1 umkommt,denn leicht (schnell, bald) entflammt (entbrennt) sein Zorn (Gesicht, Nase).Glücklich (gesegnet) [sind] alle, die sich bei (in) ihm bergen (Zuflucht suchen)!2

  1. Gemeint ist keine Straße, sondern der im übertragenen Sinn eingeschlagene Weg, JHWH zu gehorchen – oder auch nicht (vgl. NET Ps 2,12, Fußnote 36; Anm. zu Ps 67,3).
  2. Psalm 1,1

Chapter 3

1 1 ''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.'' ''Während (Als) er floh vor Absalom, seinem Sohn.''2

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Während er floh vor Absalom, seinem Sohn - Die Begebenheit, auf die hier angespielt wird, wird berichtet in 2 Sam 16.

2 JHWH! Wie zahlreich (wie sehr vermehrt) [sind] meine Feinde! [Wie]1 zahlreich (wie sehr vermehrt) [sind] meine Gegner (die, die sich gegen mich erheben)2!

  1. tFN: [Wie] - Brachylogie aus V. 2a (so z.B. Craigie 1983; Dahood 1965, S. 15; Ehrlich 1905, S. 5; Kissane 1953, S. 10; Kselman 1987, S. 574; auch GRAIL; MÜN).
  2. meine Gegner (die, die sich gegen mich erheben) - Der verwendete Begriff ist ein stehender Ausdruck für „Gegner“ (vgl. KBL3, S. 1016 und s. Ex 15,7; Dtn 28,7; 2 Sam 18,31; Ps 44,6). W. bedeutet er „die sich gegen mich erhebenden“, so deshalb wohl etwas zu wörtlich viele Üss.

3 [Wie] zahlreich (wie sehr vermehrt) [sind], die über meine Seele (über mich)1 sagen: „Nicht [ist] (Es gibt keine) Rettung (Hilfe, Sieg)23 für ihn durch (trotz) Gott!“ {Sela}4

  1. über meine Seele (über mich) - Heb. nephesch. Die häufige Übersetzung „Seele“ ist fast nie zu empfehlen, weil es im heb. Menschenbild einen Gegensatz von Körper und Seele so nicht gab; nephesch meint hier wie meist den ganzen Menschen und wird daher hier wie häufig als Wechselbegriff für „Ich“ verwendet.
  2. Rettung (Hilfe, Sieg) - I.d.R. übersetzt mit dem etwas blassen »Hilfe«. Der Psalm stellt aber den Beter ganz deutlich als von Feinden bedrängt dar; kontextuell angemessener ist daher »Rettung«. So gut auch Alter 2007, MÜN u.a. Die ebenfalls häufiger Übersetzung mit »Heil« oder gar »Erlösung« ist kontextuell unpassend.
  3. tFN: Das Suffix תְה- ist in der hebr. Poesie häufig bedeutungslos und dient nur der »poetischen Emphase«; vgl. GKC §90g; ad loc. auch Schmidt 1934, S. 6; Kraus 1961, S. 23.
  4. {Sela} - Die Bedeutung von „Sela“ ist unklar; vgl. Lexikon/Lemma סֶלַה. In der Lesefassung sollte es daher besser gestrichen werden, da es sonst nur ein unverständlicher Fremdkörper im dt. Text wäre.

4 Doch du, oh JHWH, [bist] ein Schild um mich (bist Schutz für mich, schützt mich)1, [du bist] mein Mächtiger (mein Herrlicher, mein Ansehen, meine Herrlichkeit)2 und der, der meinen Kopf (mich) erhebt (erhöht)3.

  1. ein Schild um mich (bist Schutz für mich, schützt mich) - W. ein Schild um mich. Weil ein Schild aber ja nicht rundherum schützt (vgl. z.B. Gunkel 1968, S. 14: „Ein gewöhnlicher Schild deckt nur von einer, Jahve aber von allen Seiten.“), besser so: Schild wird in der heb. Poesie des Öfteren auch rein metaphorisch für „Schutz“ verwendet (vgl. z.B. Creach 1996, S. 29f.; KBL3, S. 517) und das Heb. ba`ad (meist: „um...herum“) kann auch nur die Relation des Schutz-für-jmdn-Seins angeben (vgl. z.B. KBL3, S. 135): „JHWH ist ein Schild um mich“ = „JHWH ist Schutz für mich“. Der Sinn der beiden Teilverse ist daher: Viele sagen, es gäbe keine Rettung für den Beter von Gott - aber Gott schützt ihn eben doch.
  2. mein Mächtiger (mein Herrlicher, mein Ansehen, meine Herrlichkeit) - W. auf den ersten Blick „meine Herrlichkeit“. Das macht aber nicht viel Sinn (=> *Max ist Moritz' Herrlichkeit). Sinnvoller daher folgende Deutung: (1) kabod („Herrlichkeit“) ist hier wie öfter eine Bezeichnung für Gott, den „Herrlichen“, so dass alle drei aufeinanderfolgenden Aussagen Bezeichnungen für Gott enthalten: „mein Schild/Schutz“, „mein Herrlicher“, „der, der meinen Kopf erhebt“ (so z.B. Christensen 2005.3, S. 1; Dahood 1965, S. 15; Krašovec 1984, S. 60). (2) Brettler weist darauf hin, dass dies kabod im Heb. auch häufig eine Qualität eines Kriegers bezeichne - „Thus, כבוד should probably be translated with a word from the semantic field of strength, possible as »power«.“ (Brettler 1993, S. 140). Beide Aspekte kombiniert ergibt „mein Mächtiger“.
  3. meinen Kopf (mich) erhebt (erhöht) - W.: „Der, der meinen Kopf erhöht“. „Mein Kopf“ ist im Heb. (ähnlich wie die „Seele“ in V. 3) ein Wechselbegriff für „Ich“ (vgl. z.B. Ryken 1998, S. 185.359f.; Schroer/Stäubli 2001, S. 83); „jmds Kopf erhöhen“ heißt daher hier „jemanden erhöhen“, „jemanden auszeichnen“ (vgl. KBL3, S. 1124).

5 [Sooft (Wann immer)] ich [mit] meiner Stimme1 JHWH anrufe (anrief), antwortet (antwortete, erhörte2)3 er mir von seinem heiligen Berg (vom Berg seiner Heiligkeit).4 {Selah}

  1. tFN: ich [mit] meiner Stimme - Oft analysiert als adverbialer Akkusativ der Art und Weise (vgl. z.B. Ex 24,3); was dann aber zwingen würde, entweder „laut“ zu ergänzen oder gar „Mit meiner Stimme“ als Ausdruck für „laut“ zu lesen; beides ist recht gezwungen. Andere Analysen: Innerer Akkusativ (Houston/Waltke 2010, S. 192: „Ich rufe meine Stimme“) oder doppeltes Subjekt (Baethgen 1892, S. 8; Duhm 1899, S. 12; Gunkel 1968, S. 14: „Meine Stimme [und] ich rufe[n]“); was aber ebenso gezwungen ist. Guten Sinn macht die Analyse als Accusativus instumenti (Ehrlich 1905, S. 5; Kraus 1961, S. 27: „Mit meiner Stimme rufe ich“); dies allerdings ergäbe eine merkwürdig redundante Konstruktion. Man wird sich wohl für die letzte Möglichkeit entscheiden müssen; letztendlich bleibt die Stelle aber etwas rätselhaft.
  2. antwortet - Das auf einen Flehruf folgende „Antworten“ Gottes steht in der Bibel fast ausnahmslos für eine Gebetserhörung; so auch hier.
  3. tFN: Die folgenden Verbtempora sind schwierig zu deuten: V. 5: Ich rufe (Yiqtol) - er antwortet (Wayyiqtol) - V. 6: Ich lege mich nieder (Qatal) - ich schlafe (ein) (Wayyiqtol) - Ich erwache (Qatal) - er hilft mir (Yiqtol). Von der Verbfolge Yiqtol - Wayyiqtol in V. 5 heißt es gelegentlich, dass in diesem Kontext Wayyiqtol auch die regelmäßige Folge eines regelmäßigen Geschehens angeben könne (vgl. z.B. GKC §111.4; zur Stelle z.B. auch Beyerlin 1970, S. 79; Kissane 1953, S. 11). Das ist wohl nicht so, deswegen sollte das Wayyiqtol וַיַּנֵנִי besser mit Craigie, Gunkel, Kraus, Kselman, Zuber u.a. umpunktiert werden zum WeYiqtol וְיַּנֵנִי (=> Textkritik). V. 5 ist dann ein unmarkierter temporaler Nebensatz (=>unmarkierter Nebensatz) mit zwei durch Waw apodoseos verknüpften iterativen Yiqtol-Verben: „Wann immer ich rufe antwortet er mir.“ V. 6 wird gerne gedeutet als Bericht über ein einmaliges vergangenes Geschehen: „Ich legte mich hin und schlief / ich erwachte wieder, denn JHWH hilft mir.“ Das wäre theoretisch möglich, aber dann wäre eigentlich zu erwarten, dass auch „erwachen“ im Wayyiqtol steht. Daher ist V. 6 besser zu deuten als unmarkierter Konditionalsatz (=> unmarkierter Nebensatz): „Wenn ich mich hinlege und schlafe / erwache ich wieder: JHWH schützt mich (habituelles Yiqtol)“. Ein Weiteres: Im Hebräischen kann eine Handlung auch nach dem Muster von hinlegen und schlafen durch zwei Verben ausgedrückt werden, was häufig ausdrückt, dass mit einer Handlung begonnen wird. Zum Beispiel kann ein Mensch im Hebräischen „aufstehen und gehen“=„losgehen“; „anheben und sprechen“=„das Wort ergreifen“ etc. Entsprechend könnte man hier „sich hinlegen und schlafen“ auch nur als „einschlafen“ übersetzen.
  4. Mit dem heiligen Berg (dem Berg seiner Heiligkeit) ist der Jerusalemer Berg Zion gemeint, auf dem der Tempel Gottes erbaut war. Nach altheb. Vorstellung wohnte Gott (zumindest „teilweise“) in seinem Tempel auf dem Zion (s. näher z.B. Zion / Zionstheologie (WiBiLex)); ein Gebet musste daher zuerst zum Tempel in Zion dringen (s. z.B. Jon 2,8), um dann vom Tempel in Zion aus erhört werden zu können.

6 [Wenn] ich mich hinlege und schlafe ([wenn] ich einschlafe), erwache ich, denn JHWH hilft mir (unterstützt mich, stützt mich)!

7 Ich fürchte mich nicht vor [den]1 Myriaden von Kriegern, die sich ringsum niedergelassen haben wider mich.

  1. tFN: [den] - Auch ohne Artikel determiniert durch Relativsatz.

8 Erhebe dich, JHWH; rette mich, mein Gott!{Ja!,}1 Zerschlage2 (Schlage auf)3 all meinen Feinden den Kiefer (Backe); die Zähne der Frevler zerschmettre! Bei JHWH [ist (sei)] die Rettung (Hilfe, Sieg)4; auf deinem Volk [ist (sei)] dein Segen. {Selah}

  1. tFN: {Ja!,} - Emphatisches כִּי; in der LF besser auszusparen.
  2. tFN: Zerschlage - W. auf den ersten Blick „du zerschlägst/hast zerschlagen“, was aber dazu zwingen würde, zwischen der Äußerung von Vv. 8ab (der Bitte) und 8c (Der Erfüllung der Bitte) eine ganze Kriegshandlung vergehen lassen zu müssen (so aber dennoch z.B. Beyerlin 1970; Kraus 1961). Besser: Prekatives Qatal; das Qatal wird aus poetischen Gründen wie ein Imperativ verwendet (so z.B. Buttenwieser 1938, S. 397; Dahood 1965, S. 20; Houston/Waltke 2010, S. 193; Kselman 1987, S. 578).
  3. Zerschlage (Schlage auf) - Die Parallelität von 8c zu 8d zeigt, dass wir hier durchaus nicht an Backpfeifen und Ohrfeigen zu denken haben, wie das die Mehrzahl der Exegeten und Üss. will. Daher nicht: „Schlage meinen Feinden auf die Backe“, sondern „Zerschlage meinen Feinden den Kiefer“. Unter Umständen spielt der Psalmist mit diesem Ausdruck auf eine alte Rechtspraxis an: Im Alten Orient war v.a. für Vertragsbruch die Strafe verbreitet, dem Übeltäter die Zähne zu zerbrechen (vgl. Hackett/Huehnergard 1984).
  4. Bei JHWH ist Rettung - d.h.: „JHWH ist es, der rettet“ (ein sog. „Lamed der Zuständigkeit“: „Für die Rettung ist JHWH zuständig“).

Chapter 4

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden). Mit Saitenspiel (Flötenspiel)''2''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden) + Saitenspiel (Flötenspiel) - Wie bei den meisten Psalmen sind auch hier die Bedeutungen der Begriffe im Titel unklar; die Primärübersetzungen sind die, die sich am häufigsten in den dt. Üss. finden.

2 Wenn (weil) ich rufe antworte mir (erhöre mich)1, oh du mein wahrer Gott (mein gerechter Gott, Gott meines Heils, Gott meiner Gerechtigkeit)!2 In der Enge (Not) schaff mir (hast geschaffen)3 Weite (hilf mir in meiner Not)4 Erbarme dich meiner und höre (erhöre)5 mein Flehen (Gebet)!

  1. antworte mir (erhöre mich) - Die Rede vom „Antworten“ Gottes meint in den Psalmen häufig dessen Gebetserhörungen; so auch hier.
  2. mein wahrer Gott (gerechter Gott, Gott meines Heils, Gott meiner Gerechtigkeit - der heb. Text lässt sich entweder als Genitiv des Effekts deuten, also etwa als „du Gott, der für mich Gerechtigkeit/Heil verursacht“, oder als attributiver Genitiv, also etwa „du mein gerechter/wahrer Gott“. Da Gott in V. 3 mit anderen Götzen kontrastiert wird, haben wir der Üs. „du wahrer Gott“ den Vorzug gegeben.
  3. tFN: schaff mir (hast geschaffen) - prekatives Qatal; so z.B. auch Gerstenberger 1988; Goldingay 2006b; Houston/Waltke 2010; IBHS §30.5.4d.
  4. schaff mir Weite (hilf mir in meiner Not) - „Raum schaffen, weit machen, weiten“ ist hier sicher metaphorisch zu verstehen; vgl. z.B. Zorell 1928, S. 6: „Die Hebräer sahen Gefahr als »Enge« und die Befreiung von der Gefahr als »Erweiterung«, »Zugeständnis von weiten Räumen« an.“ Die einzige wirkliche weitere Belegstelle, die man hierfür heranziehen kann, ist Ps 25,17; aber die Parallele ist so nah und die Stoßrichtung der beiden Verse so klar, dass dies in der Tat die zu wählende Übersetzung sein sollte. So auch viele Üss.
  5. höre (erhöre) - Das „Hören“ Gottes meint in den Psalmen oft ebenso wie sein „Antworten“ Gebetserhörungen; zumal in Kombination mit dem Begriff tefillah („Flehen, Bitten, Gebet“) wie in V. 2; vgl. z.B. Schökel 1980, S. 41.

3 {Männer}1 Wie lange [ist] mein Herrlicher (Gott, meine Ehre)2 geschmäht (zum Schimpf)?3 [Wie lange] wollt ihr Nichtiges (Leeres, Abgötter)4 lieben? [Wie lange] wollt ihr Lügen (-gebilde, Götzen) anflehen (suchen)? {Sela}5

  1. {Männer} - Heb. bene ´isch („Söhne von Männern“). Häufig heißt es, dies meine entsprechend dem babylonischen mâr awilim und im Unterschied zum heb. bene ´adam („Söhne von Menschen“) höhergestellte Personen (daher z.B. Bonkamp 1949: „Söhne der Vornehmen“; Dahood 1965: „O men of rank“), aber an der einzigen Stelle, an der bene ´isch vorkommt und evt. diese Konnotation haben kann ( Ps 49,3), stammt diese Konnotation aus dem Kontext. Da hier der Kontext nicht in diese Richtung weist – und ebensowenig in Ps 62,10; Klg 3,33 – besser allgemein „Leute!/Männer!“. Ein solcher eine Rede einleitende Vokativ ist im Deutschen aber unüblich, weshalb man es für die Lesefassung besser streichen sollte.
  2. Herrlicher (Gott, meine Ehre) - W. auf den ersten Blick „meine Herrlichkeit“; kabod („Herrlichkeit“) wird hier wohl wie oft appellativisch für JHWH verwendet, wohin z.B. die folgende Kontrastierung mit den „Lügen-gebilden und Nichtsen“ (=Götzen) in V. 3b weist. So z.B. Dahood 1965, S. 22; Goldingay 2006b, S. 171; NIV.
  3. geschmäht (zum Schimpf) - W. „zum Schimpf“, Lamed des Zustands; vgl. z.B. KBL3, S. 484. Die Bedeutung ist schlicht „Wie lange soll das noch so gehen, dass ihr meinen Gott schmäht?“.
  4. Nichtiges, Leeres und andere ähnliche Substantive werden in der Bibel häufiger dysphemistisch für Götzen verwendet; so auch hier; vgl. ad loc. Dahood 1965, S. 23f.; Terrien 2003, S. 97.
  5. {Sela} - Die Bedeutung von sela ist unklar; vgl. Lexikon/Lemma סֶלַה. In der Lesefassung sollte es daher besser gestrichen werden, da es sonst nur ein unverständlicher Fremdkörper im deutschen Text wäre.

4 Wisst, dass JHWH scheidet (wirkt Wunder an, handelt wunderbar an)1 den ihm Frommen (seinem Frommen);2 JHWH wird hören (erhören), wenn ich zu ihm rufe.

  1. Textkritik: Der Vers gibt, wie er steht, im Kontext des Psalms nicht sonderlich viel Sinn: „JHWH hat sich einen Frommen ge-/unterschieden“. Viele Handschriften haben statt hiplah („er hat geschieden“) hipla´ („er hat Wunder vollbracht/wundervoll gehandelt“), was auch LXX und Hier voraussetzen. Diese Lesart ist sicher vorzuziehen; so daher z.B. auch BB, EÜ, GN, GRAIL, HER05, LUT 84. Dahood 1965, S. 23 denkt sogar, dass es sich bloß um eine alternative Schreibung handelt.
  2. den ihm Frommen (seinem Frommen) - Heb. lo („sein“/„den ihm“) lässt sich sowohl possessiv deuten („sein Frommer“) als auch „direktional“ als Angabe, wem die Frömmigkeit des Frommen gilt („der ihm Fromme“). Wg. dem Kontrast mit Götzenanbetern ist Letzteres vorzuziehen.

5 [Wenn ihr]1 unruhig seid (seid unruhig!, Zittert!):2 sündigt nicht! [Wenn ihr] in euren Betten in euren Herzen sprecht3 (Sprecht!): schweigt! {Sela}

  1. Die Syntax und Semantik dieses Verses ist schwierig. Auf den ersten Blick scheint er zu bedeuten: „Zittert und sündigt nicht! / Sprecht mit euren Herzen in euren Betten und schweigt!“. – Weil die Imperative so schlecht zueinander passen, werden die einzelnen Glieder gerne um-interpretiert; z.B. „zittert“ als „zürnt“ (z.B. Delitzsch 1894; Kittel 1914; Schmidt 1934; Zorell 1928), was schlecht zum Kontext passt; „zittert“ als „seid voll Ehrfurcht“ (z.B. Buttenwieser 1938; Kirkpatrick 1897; Terrien 2003), was wohl nicht Bestandteil der Wortbedeutung ist; oder „schweigt“ als „heult“ (nach דמם II, z.B. Dahood 1965; Kselman 1987b). Der Schlüssel zum richtigen Verständnis scheint zu sein, dass die beiden ersten Glieder der zwei Imperativketten („Seid erregt“ + „denkt nach“; s. nächste beide FNn) einen Gegensatz bilden und die beiden zweiten Glieder („sündigt nicht“ + „schweigt“) ähnliches thematisieren. Interpretiert man den jeweils ersten Imperativ der beiden Imperativketten als Pseudo-Imperativ, lässt sich die Sinnstruktur des Verses als hyperbatischer (=> Hyperbaton) Merismus deuten; der Vers bedeutete dann etwa „Ob ihr erregt seid oder nachdenkt: Sündigt nicht und schweigt!“. V. 5 schließt sich damit eng an an V. 3a. Als Pseudo-Imperative deuten schon R-S: „Wenn ihr euch keine Ruhe gönnet, dann sündiget doch nicht! Zerbrecht ihr euch den Kopf auf eurem Lager, dann schweiget wenigstens!“; NIRV: „When you are angry, do not sin. When you are in bed, look deep down inside you and be silent.“; NIV: „In your anger do not sin; when you are on your beds, search your hearts and be silent.“
  2. unruhig seid (seid unruhig!, Zittert!) - „Zittern“ steht häufig metonymisch für den Ausdruck eines starken Gefühls; um welches Gefühl es sich handelt, muss dabei aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. ThWAT VII, S. 328). Indiz für die hierige Bedeutung ist der Gegensatz des Wortes zu „Geht in euch!“ (W.: „Sprecht mit euren Herzen“) in der folgenden Zeile. Daher wohl am Besten „seid unruhig!“. Vgl. auch die letzte Fußnote.
  3. [Wenn ihr] in euren Betten in euren Herzen sprecht - Im Herzen sprechen = häufiger Ausdruck für „reflektieren“ (vgl. z.B. Kselman 1987b, S. 104). Mit dem „Reflektieren im Bett“ zitiert der Psalmist ein häufiges Motiv: Die Nachruhe wird in der Bibel noch öfter dargestellt als die charakteristische Zeit für das Nachdenken über Gott; s. z.B. Ijob 35,10; Ps 42,9; 77,7; 119,55.62; Jes 26,9 u.ö. (vgl. auch Booij 2008, S. 107).

6 Opfert Opfer dem wahren [Gott] (Opfer der Gerechtigkeit, richtige Opfer)1 Und vertraut auf JHWH!

  1. Opfer dem wahren [Gott] (Opfer der Gerechtigkeit, richtige Opfer) - Meist übersetzt als „Opfer der Gerechtigkeit“ oder „rechte Opfer“. Darüber, was das eigentlich sein soll, besteht keine Einigkeit in der Exegese. Besser daher: tsedeq ist zu verstehen als Appellativ für JHWH, wie er ja schon in V. 2 als der tsedeq Gott bezeichnet wurde und die Entsprechungen von tsedeq im Arabischen, Phönizischen und Ugaritischen häufiger verwendet werden (vgl. KBL3, S. 943). W. dann „Opfer des Wahren“; das des Wahren ist dann als Genitiv des Zwecks zu verstehen (vgl. z.B. A-C §2.2.8): „Opfer für den Wahren“. Vgl. die parallelen Formulierungen „Opfer der Götter“=„Opfer für die Götter“ (z.B. Num 25,2; Ps 51,19) und „Opfer JHWHs“=„Opfer für JHWH“ (z.B. Zef 1,8).

7 [Während]1 viele sagten: „Wer wird uns Gutes erfahren (sehen) lassen (Lass uns Gutes erfahren!2) [Wo doch]3 geflohen ist4 von über5 uns das Licht deines Angesichts6, oh JHWH!“

  1. [Während] - Die Funktion von V. 7 ist wohl, einen Gegensatz mit V. 8f zu bilden: Auf der einen Seite stehen jene, die ihr Vertrauen in Gott verloren haben und daher auch kein Heil erfahren; auf der anderen der Psalmist, der in V. 9 seinem Vertrauen in Gott Ausdruck verleiht und dem folgerichtig Gott in V. 8 auch Heil zuteil werden lässt. In der LF sollte das besser durch ein „Während“ o.Ä. ausdrücklich gemacht werden.
  2. Lass uns Gutes erfahren! - Theoretisch möglich: Deutung der rhetorischen Frage als Wunschsatz; so z.B. Goldingay 2006b, S. 167; Warren-Rothlin 2007, S. 66; Dav §135; HKL III §354g
  3. [wo doch] - V. 7b soll offenbar das Motiv hinter dem mangelnden Vertrauen der »Vielen« in Gott in 7a nennen; übersetze daher »da...«, »wo doch...« o.Ä.
  4. Textkritik: נְסָה muss emendiert werden. Meist wird es emendiert zu נְשָה (»erhebe!«, so z.B. Craigie, Houston/Waltke, einige Üss.); vorzuziehen ist aber נָסָה (»geflohen ist«, so Dahood 1965, S. 26; Driver 1951, S. 247; Schökel 1980, S. 38)
  5. tFN: von über - Zu dieser Bed. von `al vgl. z.B. Driver 1951, S. 247.
  6. Das »Licht des Angesichts« JHWHs ist eine häufige Metapher im AT. Sie geht wohl darauf zurück, dass man sich JHWH ursprünglich (auch) als einen Sonnengott vorstellte (vgl. DDD, S. 917f.; Gierlich 1940, S. 141; Taylor 1993, S. 233ff.). Wenn dieses »lichte Angesicht« Gottes auf jmdn. »herableuchtet«, bezeichnet dies den wohlwollenden Blick JHWHs, aus dem gute Wirkungen für den Angeblickten entspringen (vgl. z.B. Gierlich 1940, S. 141f.). Der Sinn des Verses ist damit: »Viele sagen: 'Wer tut uns Gutes - jetzt, wo du uns nicht mehr wohlgesonnen bist, oh JHWH!?«

8 Du hast gegeben (erfüllt, gib!) Freude in mein HerzZur Zeit (mehr als zur Zeit), als {ihr}1 Korn und {ihr} Wein zahlreich war (wurde). In Frieden kann (werde) ich mich hinlegen und sofort2 einschlafen denn du, oh JHWH, lässt mich ruhen (wohnen) allein (ungestört)3, [und] in Sicherheit (sicher).

  1. tFN: {ihr} - Vermeintliche Personalpronomen verstanden als enklitische Mems (vgl. z.B. IBHS §9.8).
  2. sofort - Vgl. CDCH, S. 151: יַחְדָּו: „(almost) contemporaneous activity, modifying two verbs [...] I both lie down and sleep Ps 4,9.“
  3. Drei Interpretationen sind möglich: # „Du allein, JHWH, lässt mich in Sicherheit wohnen“ # „Du allein bist JHWH und lässt mich in Sicherheit wohnen“ # „Du, JHWH, lässt mich allein und in Sicherheit wohnen“. Die Kombination von „allein, abseits“ und „wohnen“ dient fast immer zum Ausdruck des Motivs des „abseits-Wohnens“, was - wie ja auch hier durch die Parallelität zu „sicher“ deutlich wird - häufig auch die Konnotation des sicheren Wohnens annimmt (vgl. z.B. Num 23,9; Dtn 33,28), daher ist Variante 3 vorzuziehen.

Chapter 5

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden). Zu Flötenspiel (nach „das Erbe“).''2''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Für den Chorleiter + Zu Flötenspiel (nach „das Erbe“) - Wie bei den meisten Psalmen sind auch hier die Bedeutungen der Begriffe im Titel unklar; die Primärübersetzungen sind die, die sich am häufigsten in den dt. Üss. finden.

2 Meine Worte höre (erhöre mich),1 JHWH! achte auf (erhöre) mein Flehen (Grübeln, Murmeln)!2

  1. höre (erhöre mich) + achte auf (erhöre) + lausche auf (erhöre) - Drei Verben, die zunächst schlicht für das „Hören“ stehen, hier wie oft aber als Bitten um Gebetserhörungen verwendet werden.Trikolon mit Klimax; mit den Begriffen wird um ein immer aufmerksames Hören gebetet: „höre“ => V. 2b „achte auf“ => V. 3a „lausche (aufmerksam)“.
  2. Flehen (Grübeln, Murmeln) - Heb. hagigi; Bed. unklar. Der Kontext macht aber offensichtlich, dass es sich hier um einen Ausdruck für ein flehendes Gebet handelt. Und da sich in Vv. 2ab.3a bei den Verben eine Steigerung findet (s. vorige FN) und auch bei den Substantiven „Geschrei“ in V. 3a stärker ist als „Stimme“ in V. 2a, macht es Sinn, anzunehmen, dass auch „Stimme“ => hagigi => „Geschrei“ eine Steigerung verdichten sollen und also hagigi irgendwo zwischen „Stimme“ und „Geschrei“ liegt, also etwa „Flehen“.

3 Lausche auf (Erhöre) mein Geschrei (Rufen, Stimme) um Hilfe!Mein König und mein Gott: {Oh,} (weil) zu dir werde ich (will ich) rufen.

4 JHWH: [Schon] am Morgen (jeden Morgen, Morgen) wirst (sollst, höre!) du meine Stimme hören, [Schon] Am Morgen (jeden Morgen, Morgen) werde (will) ich zu dir beten (dir [Opfer/Gebete] bereiten, mich bereit machen für dich)1 und [auf dich]2 warten.

  1. zu dir beten (dir [Opfer/Gebete] bereiten, mich bereit machen für dich) - Heb. `arak (meist „bereiten“); auf den ersten Blick also: „Ich will dir bereiten.“ Weil nach dieser Bedeutung offensichtlich ein Objekt fehlt, das da „bereitet“ wird, sind folgende Deutungen vorgeschlagen worden: # `arak ist hier zu verstehen als „beten“ (so Seeligmann 1967, S. 278; auch Ges18, S. 1014; KBL3, S. 837). Dieser Deutung folgen auch wir. # U.U. kann `arak nicht nur „[X] bereitmachen“, sd. auch reflexiv „sich bereitmachen“ bedeuten (vgl. CDCH, S. 344; Terrien 2003, S. 104): „Am Morgen richte (ordne) ich mich an Dich“ (TAF; so wohl auch LUT 12, LUT 84, van Ess) # Das Objekt ist „ausgespart“ (Warum?) und muss ergänzt werden: „Ich will [X] bereiten“ (so die meisten Üss.)
  2. tFN: [auf dich] - Brachylogie aus dem vorigen Ausdruck („zu dir beten“).

5 {Oh!}1 (Weil) Du [bist] kein Gott, dem Böse (Böses)2 gefallen (der Böses will); es dürfen (werden) nicht wohnen bei dir Schlechte (Schlechtes);

  1. tFN: {Oh!} - Emphatisches ki; im Deutschen nicht zu übersetzen. Diese Verwendung von ki ist recht häufig gerade am Beginn einer Strophe; vgl. z.B. Muilenburg 1961, S. 148f.
  2. Böse (Böses) + Schlechte (Schlechtes) - Rein sprachlich sind beide Üss. möglich; spätestens V. 6 wird aber klar, dass hier von Menschen die Rede ist; daher ist durchaus der Primärübersetzung der Vorzug zu geben.

6 es dürfen (werden) nicht stehen Frevler (Angeber, Törichte, Preisende)1 vor deinen Augen.2(Weil) Du hasst alle Tuer von Unheil (Unholde):3

  1. Frevler (Angeber, Törichte) - Meist übersetzt als „Angeber, Lärmer“. Da das Wort aber hier im Parallelismus steht zu den „Bösen“, den „Schlechten“ und den „Übeltätern“, ist es überdeutlich, dass es hier ebenfalls als moralische Kategorie verwendet wird. Zur Üs. mit „Frevler“ vgl. ZLH, S. 193; vgl. auch LXX: „Gesetzesbrecher“; VUL: „Bösartige“; H-R: „Der Böse“; HER05: „Die Unrecht verüben“; NVul: „Ungerechte“; van Ess: „Frevler“.
  2. es dürfen (werden) nicht stehen Frevler vor deinen Augen - raffiniert gedichtete Zeile. jatsab kann bedeuten: (1) „stehen“; (2) „stehen-bleiben“ i.S.v. „verweilen“; (3) „be-stehen“ (auch (4) i.S.v.: „am Leben bleiben“) und leneged `eneka (W. „vor deinen Augen“) kann sowohl (1) schlicht „vor dir“ meinen als auch (2) „in deinem Urteil“ (vgl. z.B. ZLH, S. 591). Grundeinheit der heb. Poesie ist der sog. „Parallelismus“, eine Art „Gedanken-reim“: Eine Zeile geht in irgendeiner Weise parallel mit einer weitere Zeile. Ein Sonderfall hiervon ist das Stilmittel des „Janusparallelismus“: Durch die Mehrdeutigkeit eines Wortes oder einer syntaktischen Konstruktion geht eine Zeile mit mindestens zwei Zeilen parallel; je nachdem, wie das Wort oder die Konstruktion gedeutet wird. V. 6a geht sogar mit drei Zeilen parallel; vielleicht könnte man dies entsprechend als „Cerberus-Parallelismus“ bezeichnen: * 5a + 6b: „Sie dürfen nicht wohnen bei dir / Sie dürfen nicht bleiben vor dir.“ * 6a + 6b: „Sie bestehen nicht vor deinem Urteil / Du hasst sie.“ * 6a + 7a: „Sie dürfen nach deinem Urteil nicht bestehen (=am Leben bleiben) / Du wirst vernichten Lügner.“
  3. Tuer von Unheil (Unholde) - Häufiger Ausdruck für die Feinde eines Psalmisten. Das konkrete Unheil, das diese „Unholde“ tun, sind meist Wort-Sünden (vgl. ThWAT I, S. 155), was diesen Sticho gut zusammenstimmen lässt mit dem folgenden V. 7.

7 Du wirst vernichten Sprechende von Lügen (Lügner) Männer der Bluttat (Gewaltverbrecher) und Männer des Betrugs (Betrüger) verabscheut (verabscheust du,) JHWH.1

  1. verabscheut (verabscheust du,) JHWH - P-Shift; unübersetzbares heb. Stilmittel: In der heb. Lyrik kann aus stilistischen Gründen von einer Zeile auf die nächste von einer Person zu einer anderen gewechselt werden, ohne dass dies einen Bedeutungsunterschied macht - wie z.B. hier von der zweiten („du wirst vernichten“) zur dritten („er verabscheut“). Schon VUL übersetzt daher auch hier richtig mit 2. Pers.: „verabscheust du, JHWH“.

8 Ich dagegen darf in der Menge deiner Gnade1 (in deiner großen Gnade/Treue/Liebe) in dein Haus kommen; ich darf [dich] in (zu)2 deinem heiligen Tempel (im Tempel deiner Heiligkeit) anbeten in deiner Furcht.

  1. in deiner - V. 8ab.9a haben je eine mit be- („in“) präfigierte und mit -ka („deine“) suffigierte Angabe: 8a: „In deiner großen Gnade“, 8b: „In deiner Furcht“, 9a: „In deiner Gerechtigkeit“. Das parallelisiert die drei Stichen (=> grammatischer Parallelismus), in keiner der Zeilen ist aber eine wörtl. Übertragung gut möglich: * Das be in „in der Menge deiner Gnade“ ist ein sog. „Beth rationis impellentis“, mit dem angegeben wird, dass etwas dank etwas geschieht; hier also, dass Gottes Güte ihn zu besagter „Erlaubnis“ veranlasst; sinngemäßer also „dank der Menge deiner Gnade“ * „In deiner Furcht“ meint „in Ehrfurcht vor dir“ * „In deiner Gerechtigkeit“ fungiert als Appell: „du gerechter Gott“.
  2. tFN: in (zu) - ´él (meist: „zu, nach“) hat hier wie noch häufiger nicht direktionale, sd. lokative Bed. Hier sogar recht deutlich, da im vorangehenden Vers ja davon die Rede ist, dass der Beter den Tempel betreten darf. Vgl. auch Syr, Ehrlich 1905; NCV; Prinsloo 1998 ;TAF; van Ess: „in deinem Tempel“.

9 JHWH, führe (begleite mich schützend, schütze) mich in deiner Gerechtigkeit (Wahrhaftigkeit, Wohlwollen, du Gerechter) um meiner Feinde willen (wegen meiner Feinde)1 ebne vor mir (vor meinen Augen) deinen Weg (deine Weisung, den Weg zu dir).2

  1. um meiner Feinde willen (wegen meiner Feinde) - s. hierzu die nächste FN.
  2. V. 9 - Schwierige Stelle. Der „Weg“ ist im AT eine sehr häufige Metapher für die Lebensführung „dein Weg“ wäre dann das gottgemäße Leben, ein Leben, wie es Gott gefällt (vgl. ähnlich z.B. Ps 143,10: „Führe mich auf rechter Bahn“ = „Lehre mich handeln, wie dir das gefällt“). So wird auch dieser Vers i.d.R. verstanden, doch dann ist (wie auch bei den sehr ähnlichen Formulierungen in 27,11 und 69,9) unklar, was hier die Rede von den „Feinden“ soll. Versuchsweise sei daher die alternative Deutung vorgeschlagen, dass hier nicht um Hilfe bei der Führung eines gottgemäßen Lebens gebeten wird, sondern darum, dass Gott den Beter auf einem tatsächlichen Weg behüten möge (nämlich eben dem zu Gottes Tempel, V. 8), was nötig ist, weil ihm Feinde auflauern könnten (ein häufiges Motiv in den Psalmen, zu lauernden und fallenstellenden Feinden s. z.B. Ps 10,8; 17,11f.; 35,7f. u.ö., zur Bewahrung auf dem Weg z.B. 23,4f.; 37,23; 91,11; Spr 3,23 u.ö.; zu Ps 27,11 s. gleich).Genauer: führen hat hier wie öfter die Bed. „jmdn schützend begleiten, jmdn sicher ans Ziel führen“ (vgl. ThWAT V, S. 335). In deiner Gerechtigkeit fungiert als Appell, wie sich das noch häufiger in den Psalmen findet (s. Ps 31,2; 71,2; 119,40; 143,1.11), sinngemäß also eher „JHWH, du Gerechter, behüte mich“. lema`an (meist: „um ... willen“) bezeichnet hier und in Ps 27,11; 69,19 nicht, um wessentwillen etwas geschieht, sondern das, was Motivation für Gottes Handeln sein soll (vgl. Ges18, S. 713) – also eher „wegen meiner Feinde“, d.h. „da mir auf meinem Weg Feinde auflauern“ (hier und Ps 27,11) bzw. „da ich von Feinden bedrängt werde“ (Ps 69,19). Und schließlich das „dein“ in „dein Weg“ ist syntaktisch zu analysieren als ein sog. Genitivus directionis, also „der Weg zu dir“, nämlich zum Tempel. Zur Konstruktion vgl. z.B. 1 Sam 6,9: „Der Weg ihrer Grenze“ = „Der Weg zu ihrer Grenze“; 1 Sam 13,17f: „Der Weg Ophras ... Der Weg Beth-Horons“ = „Der Weg nach Ophra ... der Weg nach Beth-Horon“; Spr 2,19: „ihre Gehenden“ = „die zu ihr Gehenden“. Zum Sinn d. Verses s. die Anmerkungen.

10 Weil in seinem (ihrem)1 Reden (Mund) nichts Aufrichtiges ist, [Sei] ihr Inneres [ihr] Verderben (Böses, sie sind verdorben/böse2).[Ihr] (ein) offenes Grab (Tod)3 [sei (ist)] ihre Kehle, [Weil] sie ihre Zunge glätten4 (Mit ihrer Zunge sind sie heuchlerisch, sie sind Heuchler).

  1. seinem (ihrem) - N-Shift; unübersetzbares heb. Stilmittel: In der heb. Lyrik kann aus stilistischen Gründen unvermittelt von einer Zeile auf die andere von einem Numerus zum anderen gewechselt werden, ohne dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde – hier etwa vom Plural („meine Feinde)“ zum Singular („in seinem Mund“).
  2. sie sind böse - „Inneres, Eingeweide, Herz“ ist im Heb. häufiger ein Wechselbegriff für die Person selbst. Und Nomina wie „Verderben“ können im Hebräischen auch als prädikative Adjektive verwendet werden; so auch hier. Zur Bed. „böse“ vgl. CDCH, S. 87; Kön, S. 77. Das wörtliche „Ihr Inneres [ist] Verderben“ kann also sinngemäß meinen: „Sie sind (durch und durch) böse“.
  3. Grab - Lautspiel: qereb „Inneres“ (10b) - qeber „Grab“. Das „Grab“ ist im Hebräischen eine häufige Metapher für den Tod; vgl. z.B. Ryken 1998, S. 350.
  4. sie glätten ihre Zunge glätten - Stehender Ausdruck für „sie sind Heuchler“; vgl. noch Ps 12,3; 55,22; auch Röm 3,13

11 Lass sie büßen (bestrafe sie), Gott! Lass sie untergehen (sie sollen untergehen) wegen ihrer Pläne (Ränke)! Wegen der Menge ihrer Sündenschuld (Sünden; wegen ihren vielen/großen Sünden) treibe sie fort (verbanne sie)!Sie haben dir ja nicht gehorcht (haben gegen dich rebelliert, gehorchen dir nicht).

12 Alle werden (sollen) sich freuen, die bei dir Zuflucht suchen! Für immer werden (sollen) sie jubeln {und du beschützt (deckst) sie}!1 Es werden (sollen) jauchzen über dich, die deinen Namen lieben (dich lieben, dich verehren)!2 Denn du wirst segnen (bist es, der segnen wird),3 den Gerechten (die Gerechten)4 JHWH; [du bist es, der] [sie schützen wirst (decken wirst)] wie mit einem Schild; [du bist es, der] sie mit Huld krönen wird (begünstigen wird).5

  1. Textkritik: Die Metaphorik des hebräischen Textes von V. 13 ist sehr hart: „Du krönst sie mit Huld wie mit einem Schild“. Da man selten mit Schildern gekrönt wird, macht auch der Vergleich, mit Huld „wie mit einem Schild“ gekrönt zu werden, keinen Sinn. Mit BHS; Gunkel 1968, S. 20; Kissane 1953, S. 19f.; Kraus 1961, S. 36f. ist daher das „du schützt sie“ aus V. 12 nach V. 13 zu verschieben.
  2. die deinen Namen lieben - Der „Name Gottes“ steht in der Bibel fast stets für Gott selbst; man bezeichnet damit „Gott im Menschenmund“. Jene, die den „Namen Gottes lieben“ sind deshalb die Verehrer Gottes - die JHWH-Gläubigen. Vgl. z.B. Grether 1934, S. 40.
  3. tFN: du wirst segnen (bist es, der segnen wird) - Hier steht ein scheinbar „überflüssiges“ Personalpronomen („Denn du, du segnest“). Möglich wären die Deutungen, (1) dass das Pronomen die Exklusivität der Segner-Rolle JHWHs markieren soll (vgl. BHRG §36.1.1.3i; gut dannB-R: „Denn du bists, der segnet den Bewährten“; Terrien 2003, S. 103: „For it is thou, Lord, who blessest...“), oder (2), dass das Pronomen lediglich der Unterstreichung des Fokuswechsels (vgl. JM §146.a.1+2) dient: Im vorherigen Vers ging es um die bei JHWH Zuflucht Suchenden; nun dagegen geht es um JHWH selbst. In diesem Falle sollte es in der Übersetzung einfach ausgespart werden. Die beiden folgenden Zeilen führen den Satz fort.
  4. den Gerechten (die Gerechten) - Ein sog. „generalisierender Singular“, der Pl.-Bed. hat, weshalb es dann auch heißen kann, dass Gott sie schützen werde.
  5. krönen wird (begünstigen wird) - Die Rede vom „Krönen“ wird in der Bibel häufiger metaphorisch als buchstäblich verwendet; dass JHWH jemanden mit etwas „krönt“ ist eine Metapher dafür, dass er ihn mit etwas „segnet“ (vgl. z.B. Ryken 1998, S. 185). S. Ps 8,6; Ps 65,12; Ps 103,4.

Chapter 6

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden)''. ''Zum Saitenspiel (auf Saiteninstrumenten) [vorzutragen] von Basstimmen''2 ''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.''3

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Für den Chorleiter + Zum Seitenspiel + Bassstimmen - Wie bei den meisten Psalmen sind auch hier die Bedeutungen der Begriffe im Titel unklar; die Primärübersetzungen sind die, die sich am häufigsten in den dt. Üss. finden.Die heb. Entsprechung der Üs. „von Bassstimmen“ findet sich auch im Titel von Ps 12,1. Wegen 1 Chr 15,20f., wo sich das Wort neben `alamot findet, was oft als „Jungfrauenweise“=„hohe Gesangsstimme“ gedeutet wird, geht man häufig davon aus, dass er etwas mit der musikalischen Begleitung oder Vortragsweise des Psalms zu tun habe und schließt davon dann z.B. auf die Bedeutungen „Für die Bassstimme“ (so z.B. Craigie 1983), „in der achten Tonart“ (so z.B. Werner 1959, S. 384-388) oder „[zu spielen] auf der achtseitigen Harfe“ (so z.B. Kraus 1961, S. XXVIII).
  3. Psalm 12,1

2 JHWH, nicht in deinem Zorn1 strafe (züchtige) michUnd nicht in deinem Grimm züchtige mich.

  1. tFN: nicht in deinem Zorn/Grimm - die beiden Negationspartikeln nicht sind durch die Präpositionalphrasen in deinem Zorn bzw. in deinem Grimm von den Verben getrennt. Das ist sehr untypisch im Hebräischen. Vermutlich handelt es sich hier aber um eine bedeutungslose Wortstellungsvariante und das „nicht“ bezieht sich doch auf die Verben, auf denen auch der Fokus der Sätze liegt. Die Funktion der PPs ist es, den Beweggrund JHWHs für die Bestrafung des Psalmisten anzugeben: „Strafe mich nicht aus Zorn“, und dann besser: „Strafe mich nicht trotz deines Zorns“, „Auch wenn du zornig bist, JHWH - strafe mich nicht!“ (Bratcher/Reyburn 1991, S. 59; ähnlich z.B. BFC, GN, PdV).(Einige (z.B. Broyles 1989, S. 180) gehen jedoch davon aus, dass durch diese Wortstellung der Nachdruck nicht auf die Verben, sd. auf die PPs gelegt werden soll („nicht im Zorn/Grimm strafe mich, [sondern nach dem Maßstab des Rechts (d.i. »fair«)]“; s. Jer 10,24). Nach V. 3 ist aber der Gegensatz zu V. 2 („nicht im Zorn“) nicht „nach Gerechtigkeit“, sondern „[strafe mich nicht, sondern] erbarme dich meiner!“; sicher liegt der Fokus also dennoch auf den Verben (vgl. z.B. König 1927, S. 619).) Anm. d. Üs. (S.W.): Wenn wir in V. 3 עֲצָמָֽי `atsamaj („meine Knochen“) als עצְמִי `atsmi („mein Gebein“) vokalisierten, ließe sich die Wortstellungsvariante damit erklären, dass so in Vv. 2f ein Endreim herbeigeführt werden soll: tokicheni („strafe mich“), täjasreni („züchtige mich“), ani („ich“), `atsmi („mein Gebein“). „Mein Gebein“ wäre dann ein kollektiver Singular mit der Bedeutung „meine Gebeine“, das deshalb mit Pluralverb konstruiert wurde und wegen diesem Pluralverb von den Masoreten fälschlicherweise als Plural vokalisiert wurde.

3 Sei mir gnädig (erbarme dich meiner), JHWH, denn ich [bin] schwach (ermattet)1.2Rette mich (heile mich), JHWH, denn erschrocken sind (es zittern, es vergehen)3 meine Knochen (ich)

  1. schwach - Viele Üss. und Lexika: „welk“, aber das wäre überwörtlich (wenn denn „welken“ überhaupt wirklich die Primärbedeutung von amal ist). Besser trifft die Bedeutung sinngemäß wohl ein wörtlich verstandenes „todtraurig“, „so traurig, dass ich dem Tode nahe bin“; s. z.B. Jes 24,4.7: „Es trauert und verdorrt die Erde; es amal und verdorrt die Welt; es amal die Höhen der Erde. ... Es trauert die Rebe, es amal der Wein; es seufzen alle, die fröhlichen Herzens [waren].“; Hos 4,3: „Deshalb wird trauern das Land und es amal alle, die darin wohnen. Die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres werden dahingerafft.“ u.ö.
  2. Psalm 25,16; Psalm 31,10
  3. erschrocken sind (es zittern, es vergehen) meine Knochen (ich) (V. 3) + meine Seele (mein Leben) ist sehr erschrocken (vergeht sehr) (V. 4) - Das heißt wohl: „Ich bin erschrocken; / ja, sehr erschrocken!“. Ebenso wie (fast stets) „Seele“ steht im Hebräischen auch „Knochen“ öfter pars pro toto für den ganzen Menschen (vgl. z.B. Dalglish 1962, S. 143; s. z.B. Ps 35,9f: „Und meine Seele soll sich freuen wegen JHWH... All meine Knochen sollen sagen: JHWH, wer ist wie du?“).

4 Und meine Seele (mein Leben) ist sehr erschrocken (vergeht sehr). Und du, JHWH, wie lange [noch] (bis wann)...?12

  1. Und du, JHWH, wie lange [noch]...? - Beinahe bricht aus dem Psalmist hier ein verzweifelter Vorwurf hervor, den er gerade noch zurückhalten kann (Aposiopese). Das ist daran erkennbar, dass solche Vorwürfe anderswo im AT mit „Wie lange (denn noch)...?“ eingeleitet sind (Beispiele: Ps 13,2f; Ps 74,10; Ps 80,5; Ps 94,3; Hab 1,2; ebenso abgebrochen in Ps 90,13).
  2. Psalm 13,2; Psalm 90,13; Jesaja 57,16

5 Kehre um, JHWH!1 Rette2 meine Seele (mich)3!4Errette (hilf) mich um deiner Barmherzigkeit (Huld, Liebe, Güte) willen5!

  1. Kehre um, JHWH - Begegnendes Unheil führte man im Alten Israel oft darauf zurück, dass der zornige Gott sich von Betroffenen „abgewandt“ habe; entsprechend ist „Wende dich [mir wieder zu]“ hier gleichbedeutend mit „Sei mir gnädig“ in V. 3. Sinnvoll daher Buttenwieser 1938: „Cease from thine anger!“; GN: „Lass ab von deinem Zorn!“
  2. Rette + Errette (hilf) - Wortspiel im Hebräischen: Der Psalmist verwendet in Vv. 3.5 drei unterschiedliche Verben, die sich alle in der Bedeutung „retten“ treffen. Den beiden Verben in V. 5 ist zusätzlich die Bedeutung „herausziehen /-reißen“ gemeinsam. Dahinter steht Folgendes: Im Alten Israel stellte man sich die Unterwelt als den tiefsten Ort des Kosmos vor; daher sprach man von ihr z.B. als dem „Brunnen“, der „Grube“, dem „Schacht“ oder der „Zisterne“ (vgl. z.B. Oesterley 1911, S. 139f; Schorch 2000, S. 97f) und davon, dass man zu ihr „hinabstieg“ oder aus ihr wieder „emporgezogen“ wurde. Von diesem Totenreich spricht V. 6; liest man also Vv. 5 und 6 zusammen, entsteht - gelesen nach dieser zweiten Bedeutung - der Eindruck, der Psalmist habe sich sogar bereits in diesem Totenreich befunden und JHWH habe ihn nach seinem Tod wiederbelebt.
  3. meine Seele (mich) - „Seele“ im Heb. fast stets Wechselbegriff für „Ich“; übersetze: „Rette mich!“
  4. Psalm 80,15; Psalm 86,13; Psalm 90,13; Psalm 116,3; Jesaja 38,17; Maleachi 3,7
  5. um deiner Barmherzigkeit (Huld, Liebe, Güte) willen - mehrdeutig: # Das Wort für „um...willen“ hat zwar (1) meist auch im Heb. die Bed. „um...willen“, kann aber (2) auch den Beweggrund bezeichnen, aus dem jemand etwas tut (s. z.B. Ps 25,7; 44,27: „um deiner Huld/Barmherzigkeit willen“ = „aus Huld“; vgl. ad loc. Bratcher/Reyburn 1991, S.61; THAT I, S. 605f) und wird in dieser Bedeutung fast stets verwendet, um an einen Charakterzug Gottes zu appellieren; funktional entspräche dem im Dt. daher eher „Errette mich, du Barmherziger“, wie z.B. häufig Fürbitten formuliert sind. # chesed (hier: „Barmherzigkeit“) meint häufig die „Bundestreue“ und wird derart nicht nur von Gott ausgesagt, der mit den Menschen seinen Bund geschlossen hat, sondern auch von den Menschen, mit denen Gott diesen Bund geschlossen hat (s. z.B. Hos 12,7). läma`an chasdeka ließe sich daher auch übersetzen als „um [meiner] Bundestreue zu dir willen“, und V. 6 würde dann näher spezifizieren, was damit gemeint ist: Der Psalmist könnte im Totenreich seiner Bündnispflicht des JHWH-Preises nicht nachkommen - es läge also ganz im Interesse Gottes, den Psalmisten zu retten. So aber nur Broyles 1989, S. 182f; Ehrlich 1905, S. 11. Deutung (1) liegt näher, da - wie an den angeführten Stellen zu sehen ist - dieses läma`an [Charakterzug Gottes] ein häufiger Zug in Bitten ist; es könnte aber auch hier sein, dass bewusst mehrdeutig formuliert ist und auf diese kunstvolle Weise gleich zwei Gründe für JHWHs Rettungshandeln vorgebracht werden sollen.

6 Denn es ist kein (findet nicht statt) dich-Loben (Gedenken an dich) im Totenreich (Tod)1Und wer wird dich preisen im Scheol?2

  1. Totenreich + Scheol: Nicht: „Hölle“ o.Ä., die alttestamentliche Vorstellung vom Leben nach dem Tod ist eine ganz andere als die christliche und eher mit der griechischen Vorstellung des Hades zu vergleichen: Ein Schattenreich, in das fast alle Gestorbenen als Schattengestalten hinabfahren, um dann nie wieder daraus zu entkommen.
  2. Zum Argument in V. 6, JHWH möge doch den Psalmisten retten, weil er mit dessen Tod ja einen Anbeter verlöre, s. z.B. Ps 30,10; 88,11-13; Jes 38,17f) und das Argument wird in Jes 48,9-11 sogar ähnlich von JHWH selbst angewandt.

7 Ich bin ermüdet durch mein Schluchzen (Seufzen),12ich überflute (lasse schwimmen)3 jede Nacht4 [mit meinen Tränen]5 mein Bett,mit meinen Tränen weiche ich [jede Nacht]6 mein Lager auf.

  1. tFN: Schluchzen trifft es besser als das häufig gefundene „Seufzen“. Sowohl beim Verb als auch beim Nomen passt diese Bedeutung an sämtlichen Stellen wesentlich besser. So z. St. Dahood 1965; Houston/Moore/Waltke 2014; BBE, EVD, NCV, NLT.
  2. Jeremia 45,3
  3. tFN: überflute (lasse schwimmen) + weiche auf - zur Deutung der Bedeutung des ersten Verbs als „überfluten“ statt „schwimmen lassen“ vgl. Bosworth 2013, S. 39; von Soden 1991, S. 165f; zur Deutung des zweiten Verbs als „aufweichen“ von Soden 1991, S. 166.
  4. tFN: jede Nacht statt „die ganze Nacht“; diese iterative Deutung fordert die Verbform (Yiqtol).
  5. tFN: [mit meinen Tränen] - Brachylogie aus Zeile 3; vgl. auch Goldingay 2006, S. 138.
  6. tFN: [jede Nacht] - Brachylogie aus Zeile 2; vgl. auch Goldingay 2006, S. 138.

8 Schwach geworden (dunkel geworden, geeitert, angeschwollen, hochmütig?)1 vor Kummer (Gram) sind meine Augen,23Ich bin gealtert wegen (sie sind gealtert wegen)4 all meiner Feinde (wegen all meinem Leid/meiner Not).

  1. Schwach geworden (dunkel geworden, geeitert, angeschwollen, hochmütig?) - Bed. unsicher (-> Tris legomenon); sonst nur noch in Ps 31,10f. Für eine Übersicht über ältere Deutungen vgl. Zolli 1951; am sinnvollsten abzuleiten von arab. ghatha („dünn/schwach werden; eitern“; vgl. z.B. Klein 1987, S. 489); daher: „Mein Auge ist schwach geworden (ZLH 635) / geeitert (Lambert 1899, S. 1899, S. 393)“. Zum Sinn vgl. FN j zu Ps 13,5.
  2. tFN: meine Augen - W. „mein Auge“; kollektiver Singular, vgl. z.B. Houston/Moore/Waltke 2014, S. 51.
  3. Ijob 17,7; Psalm 31,10; Psalm 69,4; Psalm 88,10
  4. Textkritik: ich bin gealtert wegen (sie sind gealtert wegen) - Heb. „sie sind gealtert“; die Rede von den „gealterten Augen“ aber ist recht schwierig. Viele übersetzen daher freier als „sind schwach/matt geworden“ (vgl. auch hier zum Sinn FN j zu Ps 13,5), was aber wohl nicht in der Wortbedeutung liegen kann. LXX, Syr, Aq, Sym, Hier hatten offenbar einheitlich stattdessen den Text „ich bin gealtert“ vorliegen; diese Lesart ist sicher vorzuziehen.

9 Weicht von mir, all [ihr] Frevler1!2{Ja!,} (denn)3 gehört (erhört) hat JHWH den Klang meines Weinens4,5

  1. Frevler - stehende Wendung im Hebräischen; W.: „alle Tuenden von Frevel“. Erst in diesem Vers wird offenbar, was eigentlich genau das Leid ist, das der Beter die vorigen acht Verse hindurch beklagt hat: Er wird von frevlerischen Feinden bedrängt.
  2. Psalm 52,3; Psalm 119,115; Psalm 139,19; Matthäus 25,41; Lukas 13,27
  3. tFN: {Ja!,} (denn) - emphatisches ki, im Dt. nicht zu übersetzen.
  4. Klang meines Weinens + Bitten + Gebet (Bittgebet) - Die Aufeinanderfolge dieser drei Begriffe verdichtet eine Progression von unartikuliert nach artikuliert: qol („Klang“) bezeichnet primär das rein Akustische (das „Geräusch“) – der „Klang des Weinens“ sind also die unartikulierten Klagelaute –; tehinna („Bitten“) meint den Akt der flehenden Hinwendung im Gebet und täfilla ist eine Psalmgattung – das „Bitt-/Klagegebet“.
  5. Psalm 31,23; Psalm 56,9

10 Gehört (erhört) hat JHWH mein Bitten;JHWH wird mein Gebet (Bittgebet) annehmen1: All meine Feinde werden (sollen) sich schämen (zunichte werden)2 und sehr erschrecken (vergehen),3Sie werden (sollen) umkehren (von mir ablassen, wieder?, sterben?) [und] sich plötzlich schämen (zunichte werden).

  1. JHWH wird mein Gebet annehmen - Oder Vergangenheit: Gehört hat JHWH den Klang meines Weinens, : Gehört hat JHWH mein Bitten, : JHWH hat mein Gebet angenommen. Der Tempuswechsel in V. 10b wäre dann ein bedeutungsloser, rein stilistischer Tempuswechsel (-> T-Shift; so z.B. de Hoop 2009, S. 458f.; NET) und man müsste davon ausgehen, dass zwischen Vv. 2-8 und Vv. 9-11 eine gewisse Zeitspanne vergangen ist, in der JHWH die Bitte des Psalmisten gewähren konnte (so z.B. Schmidt 1934, S. 11). Aber wesentlich glatter ist es doch, die beiden „Gehört hat“ als Vergangenheit zu fassen und das „Annehmen wird“ als Futur: Der Psalmist hat sein Gebet gesprochen und Gott hat es gehört, und nun kann sich der Psalmist voll Zuversicht gegen seine Feinde wenden, da er sich sicher sein kann, nun auch bald von Gott erhört zu werden (so z.B. Alter 2007; Duhm 1899, S. 22; Olshausen 1853; Perowne 1880).
  2. sich schämen (zunichte werden) + erschrecken (vergehen) + umkehren (von mir ablassen, wieder?, sterben?) - Wortspiel im Hebräischen: Die Wörter für „schämen“, „erschrecken“ und evt. auch „zurückweichen“ treffen sich in der sekundären Bedeutung „sterben“; es scheint also, als habe die Erhörung des Psalmisten durch Gott die Vernichtung der Feinde zur Folge (vgl. z.B. die Üs. von Achenbach 2004, S. 584: „Zuschanden und zerstieben gar sehr werden all meine Feinde“; zu „zurückweichen“ vgl. Dahood 1965, S. 39; s. noch Ijob 1,21; 30,23; 34,15; Ps 9,18; Pred 3,20; 12,7 – doch nie (wie hier) ohne Ortsangabe)). S. dazu noch die Anmerkungen.umkehren: Gemeint ist wohl: Von mir ablassen und gleich einem geschlagenen Heer abziehen. Theoretisch ließe es sich außerdem mit „wieder“ übersetzen: „Sie werden sich plötzlich wieder schämen“ (so z.B. Duhm 1899), doch das ist unwahrscheinlich. Nicht: „beschämt umkehren“; im verbalen Hendiadyoin spezifiziert das erste das zweite Verb, nicht aber umgekehrt.
  3. Psalm 2,5; Psalm 35,26; Psalm 40,15; Psalm 83,17

Chapter 7

1 1 Ein ''Shiggajon''2 von (für, über, nach Art von) David, das er JHWH sang wegen der Reden Kuschs, des Benjaminiten.3

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Shiggajon - Bedeutung unbekannt. Das Wort findet sich sonst nur noch in Hab 3,1. Viele leiten die Bedeutung vom akkadischen schigû („Klageruf“) ab und übersetzen mit „Klagelied“, doch in Hab 3,1 passt diese Bedeutung nicht.
  3. Kuschs, des Benjaminiten - Ein Benjaminiter mit Namen Kusch ist in der Bibel unbekannt. Die Überschrift bezieht sich wohl auf eine nicht mehr erhaltene Davidslegende.

2 JHWH, mein Gott, ich suche Schutz bei dir (auf dich setze ich mein Vertrauen): Hilf mir vor all meinen Verfolgern und rette mich, 1

  1. Psalm 31,2

3 Damit er1 nicht meine Seele (mich)2 zerreißt wie ein Löwe,[Sie (mich)] zerfleischt, ohne dass jemand [sie (mich)] rettet!34

  1. er - gemeint sind die Verfolger. Das Heb. kann v.a. in Poesie unvermittelt von einem Numerus zum anderen wechseln („N-Shift“), ohne dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Im Dt. muss mit Plural übertragen werden.
  2. meine Seele (mich) - „meine Seele“ ist im Heb. fast stets ein Wechselbegriff für „ich“; so auch hier.
  3. Oder, sprachlich naheliegender, aber seltener in Üss. und Kommentaren zu finden: Damit er [mich] nicht zerreißt, wie ein Löwe meine Seele (=mich) zerfleischen würde, wenn niemand [da wäre, der] [mich] rettet. Ähnlich z.B. Houston/Moore/Waltke 2014, S. 79: „Otherwise he will tear me apart like a lion / that snatches me away with no one to rescue me.“ Bei der Primärübersetzung wäre eigentlich statt dem Partizip poreq eher das Yiqtol jiproq zu erwarten (so daher z.B. Ehrlich 1905, S. 13; Herkenne 1936, S. 61; Kraus 1961, S. 54); vermutlich sogar noch eher Weqatal.
  4. Psalm 10,9; Psalm 17,12; Psalm 22,13

4 JHWH, mein Gott, wenn ich dies getan habe,1 wenn Unrecht an meinen Händen [ist]23

  1. Wenn ich dies getan habe - Umstrittene Stelle. Drei Deutungen sind gut möglich: (1) Entweder ist für zot („dies“) mit Leveen 1966, S. 440 und ws. Wellhausen 1898, S. 5 zimmot („Böses“) zu lesen („Wenn ich Böses getan habe“), (2) oder der Dichter / ein Schreiber hat zot („dies“) stellvertretend für eine Übeltat gesetzt, die er nicht auszusprechen / zu schreiben wagte („Wenn ich du-weißt-schon-was getan habe“ / „Wenn ich X getan habe“; letzteres z.B. bei Terrien 2003, S. 116), wie sich das häufiger in der Bibel findet (vgl. Schorch 2000, S. 244; s. z.B. ganz ähnlich Ijob 31,7), oder (3) zot („dies“) meint hier „Etwas“, „Irgendetwas“ („Wenn ich Irgendetwas getan habe“ so schon Saadia; ähnlich Halévy 1894, S. 2).Die häufigste Deutung - die nämlich, dass mit „dies“ zusammenfassend die folgenden Freveltaten angedeutet werden sollen, die dann in den nächsten drei Zeilen ausgeführt werden - ist wegen V. 4b nicht gut möglich, da diese Zeile auch nicht konkreter ist als 4a.
  2. Unrecht an meinen Händen [ist] - Im Alten Israel hing die Vorstellung von Sünde eng mit der der Reinheit zusammen: Untaten beflecken die Hände (Jes 59,3), machen daher Reinigung (1 Joh 1,9) nötig (s. Jak 4,8: „Reinigt die Hände, Sünder!“). Der Unschuldige dagegen hat „reine Hände“ (Ijob 17,9). Sinnvoll daher z.B. STAD: „Wenn ich meine Hände mit Schuld befleckte“. Falls dies nicht mehr verständlich ist, wäre einfach eine Übersetzung à la NL zu empfehlen: „Wenn ich ungerecht war“.
  3. Ijob 31,7; Psalm 26,10

5 Wenn ich Böses tat dem, der1 es mir [nun] vergilt (meinem Verbündeten?),und [wenn] ich grundlos meine Gegner (die, die grundlos meine Gegner [sind]) bedrängte (rettete?),2

  1. dem, der - gemeint sind mit dem Sg. wieder die vielen Verfolger, s. die nächste Zeile und vgl. FN c
  2. Schwieriger Vers. Meist wird er gedeutet als Wenn ich meinem Freund mit Bösem vergalt / und [wenn] ich meine Gegner grundlos gerettet habe,.... Die Hauptschwierigkeiten bei dieser Deutung sind, (a) dass die Übersetzung „Freund“, „Verbündeter“ sich für das entsprechende heb. Wort nicht nachweisen lässt und (b) dass die Rettung eines Gegners schwerlich eine Schandtat ist. Schwierigkeit (a) wollen Beyerlin 1970 und Gunkel 1968 lösen, indem sie für scholmi (scheinbar: „mein Freund“) meschalmi („der, der mir's vergilt“) lesen, doch ist dies gar nicht nötig und schon scholmi kann „der, der mir's vergilt“ bedeuten (vgl. bes. Macholz 1979, S. 129; so schon Olshausen 1853, S. 49). Wg. Schwierigkeit (b) lies für ch-l-z („retten“) besser l-ch-z („bedrängen, bedrücken“); so z.B. schon Houbigant 1777, S. 4; heute z.B. BHS und Houston/Moore/Waltke 2014, S. 80.

6 dann verfolge [mein] Feind meine Seele (mich)1 und erreiche [sie]und trete meine Seele (mich) zu Boden 2und lasse meine Ehre (mich) im Staub wohnen!3 {Selah}4 5

  1. mich - „Seele“ und „Ehre“ sind in den Psalmen häufig nur Wechselbegriffe für „ich“; so auch hier.
  2. Psalm 44,5; Psalm 60,12; Jesaja 63,3
  3. Der Staub ist hier wie oft ein Synonym für die Unterwelt (vgl. z.B. Bratcher/Reyburn 1991, S. 69). Hier wirkt wohl noch das Bild des reißenden Löwen nach: Wie ein solcher soll der Feind den Sänger verfolgen und zu Boden reißen, so dass dieser fortan [tot] in der Unterwelt leben muss. Vom Sinn her daher richtig T4T: „Lass meine Feinde mich verfolgen, fangen, in den Boden trampeln und mich tot im Schmutz liegen lassen!“Vv. 4-6 insgesamt sind eine Unschuldsbeteuerung in Form einer Selbstverfluchung: „[Ich schwöre, ich habe X nicht getan!] Wenn ich X getan habe, soll mir Y widerfahren!“.
  4. Die Bedeutung von Selah ist unklar, s. Lexikon / Lemma סֶלַה. In der LF sollte es daher besser ausgespart werden.
  5. Ijob 31,5; Ijob 31,38

7 Steh auf, JHWH, in Deinem Zorn! 1Erhebe Dich gegen die Wut meiner Feinde (in [Deiner] Wut auf meine Feinde)Und erwache2, mein Gott (Und erwache zu mir hin?)3, [der] du das Recht eingesetzt hast!4 5

  1. Psalm 3,7; Psalm 44,26
  2. erwache - Hinter diesem häufigen Aufruf steht die Vorstellung, dass - da einerseits ja Gott die ganze Welt lenkt und leitet, andererseits aber offensichtlich gerade ein Unrecht geschieht - Gott aktuell „inaktiv“ sein muss (vgl. näher z.B. Schlaf (Wibilex)). Ob dies „schlafen“ wirklich nur eine Metapher für die Inaktivität Gottes ist, oder ob die Vorstellung tatsächlich wörtlich genommen werden muss, lässt sich heute nicht mehr sagen.
  3. Textkritik: Und erwache, mein Gott (Und erwache zu mir hin?) - Die Alternativübersetzung ist der eigentliche Wortlaut des heb. Textes und macht offensichtlich nicht viel Sinn. Lies nach LXX für elaj („zu mir hin“) eli („mein Gott“), wofür nur die masoretische Vokalisierung geändert werden muss (so z.B. Brueggemann/Bellinger 2014; Houston/Moore/Waltke 2014, S. 80), oder deute sogar ohne Umvokalisierung - aber unwahrscheinlicher - elaj als Pluralis majestatis „meine Götter“ (=„mein Gott“, so z.B. Dahood 1965, S. 43; Goldingay 2006, S. 143).
  4. [der] du das Recht eingesetzt hast! - Meist: „Berufe ein Gericht ein“ (gedeutet als prekatives Perfekt, so z.B. Buttenwieser 1938, S. 413; Houston/Moore/Waltke 2014, S. 80) oder „Du hast [ja schon] ein Gericht einberufen“. Das ist unwahrscheinlich; die Kombination der Wörter mischpat („Gebot, Gericht“) und tsawah („einsetzen, gebieten“) findet sich in der Bibel häufig und steht dann stets für den Akt der göttlichen Gesetzgebung (s. Num 27,11; 36,13; Dtn 4,5; 6,20; 8,11; 1 Kön 8,58; 2 Kön 17,34; 1Chr 22,13; 2 Chr 33,8; Neh 1,7; Mal 3,22) oder einmal auch der aaronitischen Gesetzgebung (1 Chr 24,19). Sehr wahrscheinlich wird hier also nicht nur an JHWH, den Weltenrichter appelliert, sondern in dieser Zeile auch noch an JHWH, die „Welt-Legislative“: „Du, von dem doch alle Gebote stammen: Halte Gericht!“
  5. Psalm 35,23; Psalm 44,23; Psalm 73,20; Psalm 76,9; Psalm 78,65; Jesaja 51,9

8 {Und} die Versammlung der Völker umgebe dichUnd über sie kehre zur Höhe zurück!1 2

  1. Und über sie kehre zur Höhe zurück - nämlich, nachdem du erwacht bist, auf deinen himmlischen „Richterthron“ (4Esr 7,33), um dein Richtamt auszuüben; s. die Parallelstellen und vgl. zur Vorstellung z.B. Tag Jahwes (AT) (Wibilex).
  2. Psalm 2,4; Psalm 9,4; Psalm 11,4; Psalm 33,14; Psalm 96,10; Psalm 98,9; Psalm 103,19; Psalm 113,5; Offenbarung 4,2; Offenbarung 20,12

9 JHWH richte die Völker1 2Schaff [auch] mir Recht3, JHWH, gemäß meiner Gerechtigkeit4 Und gemäß meiner Unschuld, [die] auf mir [ist]5! 6

  1. JHWH richte die Völker - ein sogenannter „P-Shift“: In der heb. Lyrik kann plötzlich die Rede zu Gott abwechseln mit der Rede über Gott, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde (daher wird auch in der zweiten Zeile wieder fortgefahren mit der Rede zu Gott). Im Dt. würde man auch hier schreiben: „JHWH, du richtest die Völker“.
  2. Psalm 9,8
  3. Zu Schaff mir Recht statt der häufigen Übersetzung „richte mich“ vgl. gut Liedke 1971, S. 66f: Die Bitte zielt darauf, dass die durch ein Unrecht gestörte kosmische Ordnung wieder hergestellt werden soll; nicht darauf, dass der Beter gerne als Angeklagter vor dem kosmischen Gericht stehen würde. Sinngemäß also meint die Bitte etwas wie: „JHWH, der du die Völker richtest: Richte mich her“.
  4. gemäß meiner Gerechtigkeit - d.h., wie dies meiner Gerechtigkeit angemessen wäre.
  5. [die] auf mir [ist] - vielleicht ein Wortspiel: Dass Unschuld „auf“ jemandem ist, ist auch im Heb. nicht idiomatisch. Vielleicht soll hier mit der Vorstellung von Sündigkeit und Ungerechtigkeit, die „auf“ (Ez 33,10; auch Ez 18,31: „Werft von auf euch alle Übertretungen...“) jemandem lastet (Jes 24,20) wie ein Joch (Klg 1,14), gespielt werden: Solche lasten gerade nicht auf dem Beter; auf ihm lastet nur Unschuld.
  6. Psalm 26,1; Psalm 37,23; Psalm 43,1; Psalm 96,13; Psalm 98,9

10 Ach, es möge enden Böses von Frevlern (böse Frevler, Bosheit von Frevler?)1,[Aber] Gerechte mögest du sicher stehen lassen2. Der gerechte Gott prüft Herz und Nieren3 4, 5

  1. Böses von Frevlern (böse Frevler, Bosheit von Frevler?) - Was auf den ersten Blick „Böses von Frevlern“ zu bedeuten scheint und daher häufig nach „Bosheit von Frevlern“ emendiert worden ist, heißt wohl einfach „böse Frevler“ (zur Konstruktion vgl. GKC § 132c).
  2. sicher stehen lassen - häufige Metapher, vgl. näher FN r zu Ps 30,7: Das „Wanken“ steht in der Bibel für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „sicher steht“, „nicht wankt“, ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen - hier im Gegensatz zu den Frevlern, die ob ihrer Bosheit „enden“ sollen. Sehr schön BB: „Mach ein Ende mit der Bosheit dieser Frevler. / Doch den Gerechten lass bestehen.“, auch z.B. ZÜR: „doch dem Gerechten gib Bestand!“
  3. Herz und Nieren - Das Herz ist im heb. Menschenbild Sitz der Gedanken, die Nieren Sitz der Emotionen. Dass Gott „Herz und Nieren prüft“, meint also, dass er das ganze „Innenleben“ des Menschen kennt - dass er ihm „in Herz und Hirn“ sehen kann. Vgl. z.B. ThWAT IV, S. 191 und s. z.B. Ps 26,2; Weish 1,6; Jer 11,20; 17,10.
  4. Der gerechte Gott prüft Herz und Nieren... - oder: „[Du], gerechter Gott, prüfst Herz und Nieren.“
  5. 1 Samuel 16,7; 1 Chronik 28,9; Psalm 11,4; Psalm 17,3; Psalm 44,21; Psalm 139,1; Jeremia 11,20; Jeremia 17,10; Jeremia 20,12; 1 Korinther 4,5; Offenbarung 2,23

11 [Darum] [Ist] mein Schild auf mir (auf)1 Gott, 2der Retter [derer, die] redlichen Herzens [sind]. 3

  1. Textkritik: Mein Schild auf mir (auf) - W. „Mein Schild [ist] auf Gott“; lies statt al („auf“) besser alaj („auf mir“); so z.B. BHS; Kraus 1961, S. 54; Terrien 2003, S. 121; Weiser 1959, S. 90. Erwägenswert auch Herkenne 1936, S. 63; Kissane 1953, S. 28: lies jo`il („hilfreich“), also „mein hilfreicher Schild“.
  2. Psalm 3,4; Psalm 18,3; Psalm 89,19
  3. Ijob 18,6; Psalm 18,20; Psalm 112,2; Psalm 125,4; Sprichwörter 2,21

12 Gott [ist] ein gerechter Richter,[Darum] [ist] er [auch] ein Gott, [der] jeden Tag zürnt:1 2

  1. der jeden Tag zürnt - nämlich den Frevlern, wie das der Text sicher voraussetzt und wie das schon Tg und heute z.B. GN, NGÜ, NL, T4T ergänzen.
  2. 1 Samuel 2,10; Psalm 10,15; Psalm 35,24; Sprichwörter 11,20; Sprichwörter 28,18

13 Wenn man sich nicht bekehrt, [sondern] sein Schwert wetzt,1Seinen Bogen spannt und ihn aufrichtet2 - 3

  1. Wenn man sich nicht bekehrt, [sondern] sein Schwert wetzt... - Umstrittener Vers. Nach der obigen Deutung ist das Subjekt der Sätze ab 13a der Frevler und der ganze V. 13 ist die Protasis (=der „Wenn“-Satz) für die Apodosis (=der „Dann“-Satz) V. 14 (so z.B. auch Fokkelman 2000, S. 67; EÜ, wohl auch BB). Möglich sind aber auch viele andere Deutungen:Umstritten ist nämlich genauer (a), wie im lo jaschub (hier: „wenn man sich nicht bekehrt“) gedeutet werden muss, (b), wer Subjekt dieser Sätze ist und (c), wo „wenn man sich nicht bekehrt“ einzuordnen ist.Zu (a): (a1) Die natürlichste Deutung ist die obige als „Wenn man sich nicht bekehrt“. Möglich wären aber auch (a2) „Fürwahr, schon wieder [wetzt er (=der Frevler) sein Schwert]“ (so z.B. Kraus 1961, S. 53; schon Olshausen 1853, S. 52) und (a3) „Ach, wenn doch wieder [er sein Schwert schärfen würde]“ (so m.W. nur Dahood 1965, S. 41).Zu (b): (b1) Die natürlichste Deutung wäre, dass in Vv. 13f. Gott das Subjekt ist (so z.B. Hubbard 1982, S. 269; Macintosh 1982, S. 487). Aber dann ließe sich das „für sich [selbst]“ in V. 14 nicht gut erklären. (b2) Besser ist daher die Deutung, die den „Frevler“ als Subjekt dieser Verse sieht (so z.B. Gerstenberger 1991, S. 63; Nötscher 1959, S. 26). (b3) Daneben vertreten wurde auch, dass der Frevler das Subjekt des Nebensatzes und Gott das Subjekt der restlichen Sätze wäre: „Wenn er (=der Frevler) sich nicht bekehrt, wetzt er (=Gott) sein Schwert.“ (so z.B. Bratcher/Reyburn 1991, S. 73f.; viele Üss.). Aber das ist recht unwahrscheinlich.Zu (c): (c1) Nach der masoretischen Deutung müsste der Nebensatz zum Rest von V. 13 gezogen werden: „Wenn man sich nicht bekehrt, ...“ (so fast alle). Theoretisch möglich wäre aber auch eine Deutung nach dem Muster „er ist auch ein Gott, der jeden Tag zürnt, wenn man sich nicht bekehrt. / ...“ (so z.B. Macintosh 1982, S. 485; auch Craigie 1983; Deissler 1989 und schon Schegg 1845 z.St.)
  2. ihn aufrichtet - d.h. wohl: „mit ihm zielt“.
  3. Psalm 11,2; Psalm 64,4; Psalm 64,8; Klagelieder 3,12

14 für sich [selbst] richtet man [dann] die tödlichen Waffen[Und] macht seine Pfeile zu brennenden1.

  1. zu brennenden - d.h., zu Brandpfeilen.

15 Wenn (siehe)1 man Frevel empfängt,Geht man mit Bosheit schwanger und gebiert - Trug (und gebiert Lügen).2 3

  1. tFN: Wenn (siehe) - zu hinneh mit der Bedeutung „wenn“ vgl. KBL3, S. 242 und s. z.B. 1 Sam 9,7; 2 Sam 18,11; 2 Kön 7,2.
  2. und gebiert - Trug (und gebiert Lügen) - umstrittener Satz. Entweder ist ist die Aussage eine ähnliche wie in Vv. 13f.16: Das Planen von Unheil bringt dem Planer selbst Unheil ein, also „ist man schwanger mit Unheil, hat man eine Fehlgeburt“ (so z.B. B-R; GN; Kissane 1953, S. 28; SLT; Terrien 2003, S. 117; Wellhausen 1898, S. 6; Zorell 1928, S. 9; s. Ijob 15,35; Jes 33,11). Möglich ist aber auch, dass „Trug“ hier den selben Status hat wie „Frevel“ und „Bosheit“ und dass der Beter sich in V. 15 also noch einmal über den Frevler, der Böses tut - nämlich z.B., indem er „Lügen gebiert“ (s. ähnlich Jes 59,4), beklagt. Wegen dem Kontext ist aber der ersten Deutung der Vorzug zu geben.
  3. Ijob 15,35; Jesaja 33,11; Jakobus 1,15

16 Gräbt man ein Loch und hebt es aus -Fällt man [selbst] in die Grube, [die] man machen wollte. 1

  1. Psalm 9,16; Psalm 35,7; Psalm 57,7; Psalm 141,10; Sprichwörter 5,22; Sprichwörter 26,27; Kohelet 10,8; Offenbarung 16,6

17 Jemandes Bosheit kehrt auf seinen [eigenen] Kopf zurückUnd auf seinen [eigenen] Scheitel kommt jemandes Untat hinab. 1 Ich will JHWH ob (gemäß) seiner Gerechtigkeit preisenUnd spielen dem Namen JHWH s, des Höchsten!

  1. 1 Könige 2,32; Ijob 4,8; Sprichwörter 26,27; Kohelet 10,9; Obadja 1,15; Joel 4,4; Joel 4,7

Chapter 8

1 1 Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden)2 nach der Melodie „Gittith“ (nach dem Kelterlied, auf gathitischem Instrument, auf der Gittith)3.4 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für) David.

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Genaue Bedeutung unklar. Die gewählte Übersetzung entspricht der Mehrheitsmeinung.
  3. Die Bedeutung von גִּתִּית ist unklar. # Tg, Rashi und mit ihm Herbert Bosham verstanden es als eine Bezeichnung für ein Musikinstrument, das aus dem Ort „Gath“ stammte: „Zu singen zur Harfe, die David aus Gath brachte“ (vgl. Waltke 2010, S. 251). Allerdings wäre der Fall, dass ein Psalm auf genau einem Instrument gespielt werden dürfte (nämlich gerade dem, das David aus Gath mitbrachte), völlig singulär in den Psalmen und der Bibel. # Tur-Sinai versteht die Vokabel als Bezeichnung eines Musikinstruments („Mit dem Begleitspieler auf der Gittit“). Allerdings wäre eine solche Angabe zur Instrumentierung im Text des Psalms merkwürdig fehl am Platz. # LXX, VUL, Sym lesen es als feminines Adjektiv von gath „Weinpresse“; ebenso Gregor von Nyssa („für die Weinpresse“; vgl. Miller 2010, S. 221). Allerdings ist nicht einzusehen, wie ein Lied mit einem derartigen Text als worksong dienen soll. Besser daher wie König 1927; S. 28: „nach der beim Keltern üblichen Singweise“, oder: # Einige Üss. interpretieren als Ausdruck für eine Melodie (z.B. ELB: „Nach der Gittit“).
  4. Psalm 81,1; Psalm 84,1

2 JHWH, unser Herr, wie herrlich (mächtig) [ist] dein Name (bist du)1 auf der ganzen Erde (im ganzen Land)! {welche} Deine Hoheit (Majestät, Pracht, Du)2 wird gepriesen3 im Himmel (den Himmeln, über dem Himmel)4

  1. Der „Name“ Gottes steht meist metonymisch für Gott selbst (vgl. ad loc. z.B. König 1927, S. 146); man bezeichnet damit „Gott im Menschenmund“. Daher die Alternative „bist du“. Dass Gottes „Name“ auf der Erde „herrlich“ (אַדִּיר) ist, meint dann, das Gott selbst auf Erden sehr gepriesen wird (SS z.B. gibt aus diesem Grund für für אַדִּיר in Ps 8,2.10 tatsächlich den Übersetzungsvorschlag „gepriesen“ (S. 9), was zwar die Wortbedeutung nicht vollends trifft, den Sinn unserer Stelle aber bestens erfasst).
  2. הוֹד wird hier - entsprechend vielen anderen Gottesprädikaten (z.B. כָּבוֹד „Herrlichkeit“) - metonymisch für Gott selbst verwendet.
  3. Textkritik: welche und wird gepriesen ist unsere Übersetzung des hebräischen Satzanfangs אֲשֶׁר תְּנָה. Der Urtext ergibt hier keinen Sinn, wörtlich übersetzt lautete er „welche (Rel.pr.), gib!, deine Herrlichkeit...“ - was auch im Hebräischen ungrammatisch wäre (vgl. gut Rudolph 1977, S. 389f). Im Anschluss an LXX, Alter, Childs, Fokkelman, Gunkel, Kissane, König, Morgenstern, Ridderbos, Soggin, Tur-Sinai u.a. haben wir deshalb tənāh umpunktiert zu tunāh und אֲשֶׁר gestrichen. Aus „welche, gib“ wird dann „wird gepriesen“. Vgl. dazu v.a. Soggin 1971, bes. S. 565-567, der auch viele weitere Alternativen listet; s.a. die kurze Übersicht in Kaiser 1998, S. 66 und die sehr lange in Kunjummen 1985, S. 82-91. Gegen diese Lösung vgl. aber auch Donner 1967.
  4. Psalm 19,1; Psalm 148,13

3 Aus dem Mund von (Wegen der, Wegen dem dem Klagen der)1 Babies2 und Säuglingen 3 hast du ein Bollwerk (Kraft, Macht, Schutz, Festung; Lob)4 errichtet (grundgelegt) um deiner Gegner willen5, um [dem] Feind und [dem] Rachgierigen (Rächern, Rachsüchtigen) ein Ende zu bereiten (um sie zum Schweigen zu bringen, zu vernichten).

  1. Schwierige Stelle; drei verschiedene Deutungen haben sich im Laufe der Zeit etabliert: # Der Text wird interpretiert, wie er steht; die Übersetzung lautete dann: „Aus dem Mund von Kleinkindern und Säuglingen hast du Kraft/eine Festung gegründet wegen deiner Gegner, um Feind und Rächer zu vernichten.“ - was offensichtlicher Nonsens ist. # Man lässt mit LXX עֹז nicht „Stärke, Bollwerk“, sondern „Preis, Lob“ bedeuten; die Übersetzung lautet dann: „Aus dem Mund von Kleinkindern und Säuglingen hast du Preis gegründet wegen deiner Gegner, um Feind und Rächer zu vernichten.“ - Allerdings ist nicht einzusehen, wie die Preisungen und warum die Preisungen gerade von Säuglingen Gott gegen seine Gegner helfen sollten. Zudem gehört „Preis, Lob“ wohl nicht zum Bedeutungsspektrum von עֹז. So zwar auch SS und Ges18; nicht aber BDB, DCH, KBL3, Kön; explizit dagegen ZLH und es ist dieses עֹז=„Preis“ auch eine ganz unnötige Annahme. ## Eine Variante dieser Deutung liest außerdem noch לְהַשְׁבִּית als „um sie zum Schweigen zu bringen“; die Übersetzung lautet dann „Aus dem Mund von Kleinkindern und Säuglingen hast du Preis gegründet wegen deiner Gegner, um Feind und Rächer zum Schweigen zu bringen.“ - Auch das macht nicht viel Sinn, denn was soll das schon bedeuten - dass Gott kleine Kinder zum Schreien bringt, um so seine Gegner zu übertönen? Und auch diese Bestimmung von שבת=„zum Schweigen bringen“ ist wohl verfehlt. # Eine dritte Variante wurde z.B. vertreten von Soggin und Fokkelman, die V. 3a zu 2 ziehen: „Deine Hoheit wird gepriesen im Himmel aus dem Mund von Kleinkindern und Säuglingen. Du hast ein Bollwerk/Stärke gegründet...“ - Allerdings ist hier fraglich, was Kleinkinder und Säuglinge im Himmel zu suchen haben. # Es sei daher vorsichtig folgende alternative Deutung vorgeschlagen: (a) Die Präposition מִנ ist zu deuten als min causae; (b) פֶּה bedeutet nicht nur „Mund“, sondern steht auch synekdochisch für Menschen als Redende (vgl. z.B. Gen 24,57: „ihren Mund befragen“=„sie befragen“; 45,12: „Mein Mund spricht zu euch“=„Ich spreche zu euch“; Dtn 31,21: „Euer Mund soll nicht vergessen“=„Ihr sollt immerfort wiederholen“ u.ö.); auch bezeichnet es häufig metonymisch Akte des Sprechens; hier also das Klagen von Kindern / die Gebete von Kindern (dies schon Smend 1888, S. 55f; SS 568; vgl. auch Neumann-Gorsolke 2013, S. 18). -> Aufgrund von etwas, das die Kinder von sich gegeben haben, handelt Gott, wie er handelt (so kürzlich auch Schnieringer 2004, S. 148: „Um des Schreiens der Kinder willen“; Talstra 1996, S. 3: „for reason of the children's voice“; ähnlich Goldingay 2006, S. 153).V. 3 wäre dann eine Umschreibung von V. 5, mit dem er ohnehin eng zusammenhängt, da hier wie dort „Mensch“ durch je zwei Begriffe umschrieben wird, die die Kleinheit des Menschen unterstreichen: Gott reagiert auf das Klagen von Kleinkind und Säugling = Gott achtet auf Menschlein und Menschenkind. Interessant ist dann die Parallele im Enuma Elisch: Dort bitten Tiamats Kinder Marduk darum, gegen Tiamat in den Krieg zu ziehen (IV, 26-34). Das tut er auch, besiegt sie, teilt ihren Körper in zwei Hälften und kerkert die obere Körperhälfte ein, indem er das Firmament erbaut (IV, 137-140). Aber man sollte wohl nicht zu viel aus dieser Parallele machen.
  2. Sowohl das Wort für „Kleinkinder“ als auch das für „Säuglinge“ steht für Kinder bis maximal drei Jahren. Die übliche Übersetzung „Kinder und Säuglinge“ ist also ungenau.
  3. Matthäus 21,15
  4. zu den verschiedenen Übersetzungsweisen vgl. BDB 799; Dahood 1965, S. 166; Soggin 1971, S. 568; mit dem „Bollwerk“ ist vermutlich der Himmelsbogen gemeint, der das Wasser über der Erde zurückhält und über dem Gott thront; vgl. z.B. Kinzer 1995, S. 28f. Zu „Preis“ vgl. noch FN f.
  5. zu „um deiner Gegner willen“ vgl. FN ad zu Ps 5,9: לְמַעַן dient hier wohl zur Bezeichnung der Motivation, die Gott zu einer Handlung veranlassen soll, also wohl „wegen deiner = wider deine Feinde“

4 Sooft (wenn) ich deinen Himmel sehe (betrachte, zu deinem Himmel sehe),1 [das] Werk ([die] Werke) deiner Finger (dein mächtiges Werk, dein Werk)2,3Mond und Sterne, die du bereitet (festgemacht, fertiggemacht, eingesetzt) hast,

  1. Jesaja 55,8
  2. Für den Ausdruck „Finger Gottes“ sind unterschiedlichste Deutungen vorgeschlagen worden. Craigie 1983 etwa denkt, dass das „mit dem Finger Gottes Gewirkte“ für Gott nur eine Kleinigkeit sei; Alter 2007 glaubt, dass „Finger“ hier deshalb verwendet wird, um auf die „Feinarbeit“ zu verweisen, die Gott bei der Schöpfung des Himmels verrichtet habe.Beides ist für das Deutsche und Englische zwar naheliegend; für diese Konnotation des „Fingers“ fanden wir in der Bibel aber keine Indizien. Wahrscheinlicher ist daher: Der „Finger Gottes“ wird gelegentlich im Zusammenhang mit Machttaten Gottes verwendet und bezeichnet so Gottes Macht (s. Ex 8,19; Lk 11,20; evt. auch Ex 31,18; Dtn 9,10), wie ja auch die „Hand“ im Hebräischen häufiger ein Ausdruck für die „Macht“ Gottes ist; vgl. ähnlich auch schon Cumming 1854, S. 5. Alternativ steht mit Bezug auf den Menschen der Finger auch oft einfach als poetisches Synonym im Parallelismus zur menschlichen „Hand“ (s. Ps 144,1; Hld 5,5; Jes 2,8; Jes 17,8; so ja auch hier, s. V. 6); orientierte man sich daran, wären die „Finger“ nur metonymischer Ausdruck für Gott selbst als den Wirkenden, also „Deiner Finger Werk“.
  3. Exodus 8,15; Exodus 31,18

5 [denke ich (sage ich, rufe ich):]1 Was [ist das] Menschlein (der Mensch, die Menschheit, der Sterbliche)2, dass du dich seiner erinnerst (dich um es kümmerst)34 und was [das] Menschenkind5 (der Mensch, der Sohn des Menschen, das Kind des Menschen, der Menschensohn)6, dass du es beachtest (auf es achtest, für es sorgst)?7

  1. In der biblischen Poesie werden Zitate häufig nicht durch verba dicendi eingeleitet; im Deutschen muss man diese Redeeinleitungen ergänzen. Vgl. dazu ad loc. z.B. GKC §159dd.
  2. Die Vokabel אֱנוֹשׁ Mensch bezieht sich oft auf den Menschen in seiner Schwachheit und Fehlerhaftigkeit, s. die Parallelstellen; vgl. auch TWOT 136a; Waltke 2010, S. 266.
  3. Das „Erinnern“ und „Beachten“ Gottes ist nicht wörtlich zu verstehen, sondern beides sind geprägte Wendungen für ein Handeln Gottes an dem, dessen er sich „erinnert“ oder auf den er „achtet“. Ist es nicht näher bestimmt, meint es meist ein heilsames Handeln; so auch hier. Vgl. zu „Erinnern“ Gen 8,1; 19,29; 30,22; Ex 32,13; Dtn 9,27 u.ö.; zu „Beachten“ Gen 21,1; 50,24f; Ex 3,16; 4,31; 1Sam 2,21 u.ö.
  4. Ijob 7,17; Ijob 15,14; Psalm 144,3
  5. „Menschenkind“ gut nach Ridderbos 1972, S. 136, da diese Übersetzung gut zum vorangehenden Halbvers passt.
  6. Heb. ben adam, Sohn / Kind des adam. Dass Ps 8 vielfältige Bezüge zum Schöpfungsmythos hat, wurde häufig bemerkt (bis hin zur These, mit dem konsekutiven waw schließe Ps 8 direkt an Gen 1 an); ben adam ist daher ein besonders treffender Ausdruck.
  7. Jesaja 56,2

6 [Nur] ein Stäubchen (ein bisschen, nur wenig) ließest du ihm fehlen1 zu (ließest ihn geringer sein als) Gott (Göttern, Engeln, himmlischen/übernatürliche Wesen),2 um ihn mit Herrlichkeit (Hoheit, Würde, Ehre) und Pracht3 zu krönen (segnen, hast ihn mit Herrlichkeit und Pracht gekrönt).4

  1. Die Verbformen in Vv. 6f sind interessant: Wayyiqtol (6a) - Yiqtol (6b) - Yiqtol (7a) - Qatal (7b). # Da viele Exegeten davon ausgehen, dass die Verbformen in biblischer Poesie mehr oder weniger nach Belieben gesetzt werden können, werden sie hier meist gleichzeitig übersetzt (s. z.B. EÜ: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, / hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. // Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, / hast ihm alles zu Füßen gelegt:...“).Dagegen spricht einiges. Erstens natürlich die Tatsache, dass hier unterschiedliche Verbformen verwendet werden, selbst (vgl. Zuber 1986; ebenso Craigie 1983; Talstra 1996, S. 6; ähnlich Ross 2011). Zweitens brächte die gleichzeitige Übersetzung mit sich, dass der Psalmist aus dem Überwältigtsein von der Größe Jahwes und der Einsicht in die eigene Niedrigkeit auf einmal sich selbst als den Herrn der ganzen Erde preisen würde, und dass drittens dieser „theologische Größenwahn“ eben gerade im Rahmen eines Lobpreises auf Jahwe stünde. # Sinnvoller ist daher der Vorschlag von Zuber 1986, Vv. 6b.7a als Finalsätze (->unmarkierter Nebensatz) zu lesen: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott / um ihn mit Herrlichkeit und Ehre zu krönen. Um ihn als Herrscher über das Werk deiner Hände einzusetzen / hast du ihm alles zu Füßen gelegt.“; ähnlich Craigie 1983 und Niccacci 2006, S. 254: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott / und wirst ihn mit Herrlichkeit und Ehre krönen. // Du wirst ihn als Herrscher über das Werk deiner Hände einsetzen; / alles hast du ihm zu Füßen gelegt.“ - Die „Krönung“ und „Einsetzung als Herrscher“ ist also noch nicht eingetreten, sondern wird von Gott nur intendiert.Auch die innerbiblischen Bezüge weisen in diese Richtung: In Gen 1,26-28 schafft Gott den Menschen. Das „Herrschen über die Tiere“ in 1,28 ist aber nicht Gabe, sondern Auftrag. Noch eindrücklicher 4Esra 6,59: „Wenn aber unsertwegen ward die Welt erschaffen, weswegen haben wir nicht diese unsere Welt auch im Besitz?“ (Üs. nach Rießler 1928, S. 271; meine Unterstreichung). - die menschliche Herrschaft ist also sowohl nach Gen 1,28 und 4Ezra 6,59 eben noch nicht eingetreten. Vgl. auch Guthrie / Quinn 2006, bes. S. 236f.; vgl. außerdem die eschatologische Wendung in Heb 2,5-8.
  2. Heb. אֱלֹהִים;„Gott“ ist die Mehrheitsübersetzung. Soggin hat dagegen eingewandt, dass elohim derart übersetzt im „sonst jahwistischen Psalm“ aus dem Rahmen fiele (Soggin 1971, S. 571) und deshalb wohl als „Engel, himmlische Wesen“ übersetzt werden sollte. Allerdings ist unsicher, ob die Annahme von etwas wie „jahwistischen Psalmen“ überhaupt sinnvoll ist; die Mehrzahl der biblischen Texte legt eher das Gegenteil nahe: Ein israelitischer Autor kann durchaus in der Lage gewesen sein, mehrere verschiedene Gottesnamen zu verwenden. Unter Umständen verweist der Autor mit elohim sogar zurück auf Gen 1,26, was aus der Verwendung dieses Gottesnamens eine bewusste Gestaltungsentscheidung machte (vgl. Terrien 2003, S. 131; ebenso Craigie 1983, S. 98; Kinzer 1995, S. 35; Ross 2011, S. 289; Waltke 2010, S. 267); allerdings ist das eher eine Spekulation. So und so ist hier sowohl die Übersetzung „Gott“ als auch „Götter“ oder „Engel“ möglich; von den Sinnlinien des Psalms her ist aber „Gott“ vorzuziehen (vgl. z.B. Kinzer 1995, S. 35f).
  3. „Herrlichkeit und Pracht“ sind eigentlich Prädikate, die typischerweise nur von Gott ausgesagt werden (vgl. Ps 145,5.12; Jes 35,2). Ähnlich, wie sie Ps 21,5 dann auf den König angewandt werden, werden sie hier auf den Menschen im Allgemeinen angewendet; dies unterstreicht noch die Aussage in 6a, dass dem Menschen nur wenig zu Gott fehlt.
  4. Die Rede vom „Krönen“ wird in der Bibel häufiger metaphorisch als buchstäblich verwendet; dass JHWH jemanden mit etwas „krönt“ ist eine Metapher dafür, dass er ihn mit etwas „segnet“ (vgl. z.B. Ryken 1998, S. 185: „Quite often in both the NT and OT, crowns are symbols of God's blessings on his people.“). Vgl. Ps 5,13; Ps 65,12; Ps 103,4.

7 Um ihn herrschen zu lassen (und machtest ihn zum Herrscher / Herrn, um ihn als Herrscher / Herrn einzusetzen) über das Werk deiner Hände (Macht) hast du ihm alles (alle Dinge) zu Füßen gelegt.1

  1. Genesis 1,28; 1 Korinther 15,27; Epheser 1,22; Hebräer 2,8

8 Schafe (Herden) und Rinder (Vieh, Viehzeug, Kleinvieh und Großvieh1) allesamt (alle) und auch (sogar) die Tiere des Feldes2(Feld, Land)

  1. Zu „Schafe und Rinder“ als „Kleinvieh und Großvieh“ vgl. ad loc. Craigie 1983, S. 96; Whitekettle 2006, S. 752.
  2. „Tiere des Feldes“, „Vögel des Himmels“ und „Fische des Meeres“ sind im Hebräischen geprägte Wendungen, die nicht mehr bedeuten als „wilde Tiere“ „Vögel“ und „Fische“ (vgl. z.B. ad loc. Waltke 2010, S. 271); „des Feldes/Himmels/Meeres“ könnte - und sollte - daher im Deutschen normalerweise ausgespart werden. Da dies hier aber zusammen mit dem in der Bibel ebenso gebräuchlichen Doppelmerismus Erde – Himmel – Meer verwendet wird und so dazu beiträgt, der „Globalität“ der von Gott für den Menschen intendierten Herrschaft Ausdruck zu verleihen, sollten die Glieder in der Übersetzung doch beibehalten werden; vielleicht natürlicher als „Tiere auf dem Boden“, „Vögel im Himmel“, „Fische im Meer“.

9 die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres1 und (selbst) das2, was die Pfade (Wege, Ströme?) des Meeres durchzieht (was im Meer seine Bahnen zieht3).4 JHWH, unser Herr, wie mächtig (majestätisch, glanzvoll) ist dein Name (bist du) auf der ganzen Erde (im ganzen Land)!

  1. Genesis 1,26; Genesis 9,2
  2. Der Psalmist wechselt hier vom Plural „Fische“ zum Singular „das, was durchzieht“. Das könnte zwar auch schlicht generischer Singular sein; wahrscheinlicher ist aber, dass es sich hier auf den Leviathan bezieht (Waltke 2010, S. 271); ähnlich Whitekettle 2006, S. 751f: Auf die tanninim (s. dazu FN al zu Gen 1,21). Vv. 8a.9a nennen dann jeweils im Merismus zwei Tiergattungen, für die das Beherrscht-Werden verständlich ist, Vv. 8b.9b dagegen eine Tiergattung, für die das ganz unwahrscheinlich ist: V. 8a: „Kleinvieh und Großvieh“, aber auch 8b: sogar die „wilden Tiere“. V. 9a: „Vögel und Fische“, aber auch 9b: sogar den „Leviathan“ (anders Whitekettle 2006, S. 752); der Psalmist arbeitet sich dabei rückwärts an den Tierlisten in Gen 1,21-25 ab.
  3. zu „seine Bahnen zieht“ vgl. Waltke 2010, S. 271: Die Pfade des Meeres steht für die Reiseroute des Leviathans.
  4. Psalm 104,25

Chapter 9

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden)''.2 `almut labben ''([Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual] „`almut labben“)''3 ''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter - Heb. menatseach; genaue Bedeutung unklar. Die Primärübersetzung „Chorleiter“ ist mehr oder weniger Konvention. S. noch nächste FN.
  3. `almut labben ([Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual] „`almut labben“) - rätselhafter Begriff. Auch in den alten Übersetzungen und Deutungen wird unterschiedlich damit umgegangen: Viele Handschriften korrigieren zu `al-mut labben, was auch Tg und Hieronymus vorlag; dies wird dann meist als die Angabe eines bekannten Liedes gesehen, nach dessen Melodie der Psalm zu singen sei: „[zu singen] nach [der Melodie des Liedes] ‚Sterben für den Sohn/Sterben des Sohnes‘“ (so auch viele Üss.). LXX und VUL dagegen interpretieren als tha`alumot labben („[über die] Geheimnisse des Sohnes“). Einige neuere Üss. schließlich korrigieren den Text (=> Textkritik) von `almut nach `alamot (so wohl auch Aq), was sich auch im Titel von Ps 46,1 und auch in 1 Chr 15,20f. findet und ws. soviel wie „Jungfrauenweise“=„hohe Gesangsstimme“ bedeutet („Jungfrauenweise für den Sohn“ => GN: „für hohe Knabenstimmen“). Dass in den sog. „Psalmenüberschriften“ Angaben zur Melodie der Psalmen stehen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Einen wahrscheinlicheren Vorschlag zu ihrem Verständnis hat 1970 John Sawyer gemacht (s. Sawyer 2011b): In akkadischen Ritualtexten gibt es ähnliche Angaben wie in den Psalmüberschriften; u.a. wird dort häufig spezifiziert, wer den folgenden Text vorzutragen hat und welches Ritual Anlass des jeweiligen Ritualtextes ist. Entsprechend wäre dann in den Psalmen der menatseach nicht der „Chorleiter“ und `almut labben nicht die Melodie, sondern der menatseach wäre Vorsteher über das Ritual mit dem Namen `almut labben, bei dem der Psalm vorzuträgen wäre. Doch ist auch dies nur ein „educated guess“ und „Chorleiter“ und „[nach der Melodie]“ sind in dt. Üss. so etabliert, dass die LF doch besser dieser Deutung folgen sollte: „Für den Chorleiter. [Vorzutragen] nach [der Melodie des Liedes] ‚almut labben‘“.

2 ['''A''']1 Ich will (werde) JHWH preisen (danken, bekennen)2 mit meinem ganzen HerzenIch will erzählen all' deine Wundertaten.

  1. Ps 9-10 sind das erste sog. „Akrostichon“ in der Bibel, die Anfangsbuchstaben einiger Zeilen folgen also dem heb. Alphabet (s. die Anmerkungen). Um das direkt sichtbar zu machen, haben wir die obigen Buchstaben gesetzt: Wo „A“ steht, findet sich im heb. Text der erste Buchstabe des heb. Alphabets, wo „B“ steht der zweite usw.
  2. ich will JHWH preisen - Viele Üss. nach LXX, Aq und Sym: „Ich will [dich] preisen, JHWH“. Das ist richtig: Der Dichter verwendet hier ein Stilmittel, einen sog. „P-Shift“: In heb. Lyrik kann aus poetischen Gründen von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden (also z.B. hier: Zeile 1: Rede von Gott (3. Pers.) => Zeile 2: Rede zu Gott (2. Pers.)), ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Weil dieses Stilmittel im Dt. ungebräuchlich ist, sollte besser auch in der LF so übersetzt werden.

3 Ich will mich freuen und jubeln über dich,Ich will deinen Namen (dich)1 besingen (bespielen), Höchster[, mit den Worten]:23

  1. deinen Namen (dich) - der „Name“ Gottes steht hier wie meist in den Pss. für Gott selbst, genauer: für „Gott im Menschenmund“. Näher am Sinn wäre daher die Üs. „will dich besingen“ (so z.B. auch EÜ, GN, NeÜ).
  2. [mit den Worten]: - Ps 9-10 haben eine interessante Struktur: Im ersten Teil überwiegt der Lobpreis und erst im zweiten Teil die Klage und Bitte. In der Regel ist es bei vergleichbaren Psalmen andersherum. Eshel/Strugnell 2000 z.B. haben aus diesem Grund sogar gemutmaßt, dass ursprünglich Ps 9 auf Ps 10 gefolgt sei. Eine weitere strukturelle Besonderheit: Die beiden längeren Lobpreisteile in Ps 9 folgen jeweils direkt auf eine Willensbekundung (formuliert im Kohortativ!), JHWH zu preisen: Vv. 2f.: Der Beter will JHWH preisen => Vv. 3-13: Lobpreis => Vv. 14f.: Bitte, damit der Beter JHWH peisen kann => Vv. 16-19: Lobpreis. Vorgeschlagen sei daher, dass es sich bei Vv. 3-13.16-19 um Proben des Lobpreises handelt, den der Beter im Falle seiner Errettung Gott darbringen will - wie sich das noch häufiger in den Klagepsalmen findet, s. z.B. schön deutlich Ps 22,24f.. Zu Vv. 16f. so auch Ehrlich 1905, S. 18. Das würde dann z.B. auch erklären, warum sich der Beter in V. 12 auf einmal an mehrere Hörer wenden und sie auffordern kann, in sein Lobpreis einzustimmen.
  3. In Vv. 2-3 beginnt nicht nur das erste Wort mit Alef, dem ersten Buchstaben des heb. Alphabets - wie es das in den Anmerkungen beschriebene Muster erwarten lassen würde -, sondern jede Zeile und alle fünf verwendeten Verben beginnen mit diesem Buchstaben.

4 ['''B'''] „Als meine Feinde zurückwichen,Mussten sie stolpern1 und vor dir2 zugrunde gehen,3

  1. stolpern - häufige Metapher u.a. für das Besiegt-werden; s. z.B. Lev 26,37; 2 Chr 25,8; Ps 27,2 (vgl. V. 3); 64,8; Jes 3,8; 8,15 u.ö.
  2. vor dir - W. »von vor deinem Angesicht«. »Vor jmds Angesicht« darf nicht wörtlich verstanden werden, sondern wird in der Bibel in den meisten Fällen als bloße Präposition verwendet (»vor«; vgl. z.B. THAT II, Sp. 443). In vielen Fällen wird aber gerade dann speziell diese Präposition verwendet, wenn von der Niederlage von Feinden vor/durch ihre Gegner die Rede ist (vgl. ebd., Sp. 444); gemeint ist also hier, was der Kontext ohnehin klar macht: Die Feinde des Beters werden bei ihrer Rückkehr stolpern - d.h. »besiegt werden«, s. vorige FN -, und der, der sie besiegt, ist Gott. Das »Preislied« auf Gott setzt also ein mit der Beschreibung desselben als einem für den Beter kämpfenden Streiter.
  3. tFN: Als ... mussten - W. auf den ersten Blick: »Wenn meine Feinde zurückweichen, werden/sollen sie stolpern und vor dir zugrunde gehen« (so z.B. Terrien 2003; Zuber 1986). Die folgenden Zeilen zeigen aber klar, dass die hier beschriebene Niederlage der Feinde in der Vergangenheit liegt. Vermutlich handelt es sich daher hier um sog. »prospektive Yiqtols« (dazu vgl. z.B. Joosten 2012, S. 281-283): »Als meine Feinde zurückwichen« setzt die Referenzzeit, und von dieser Referenzzeit aus gesehen liegt das »Stolpern und zugrunde gehen« in der Zukunft; daher wird für »stolpern« und »zugrunde gehen« die (futurische) Verbform Yiqtol verwendet. Wir haben versucht, dies durch eine Übersetzung mit »mussten« nachzubilden; die natürlichere dt. Übersetzung wäre aber die mit durchgehend Vergangenheit: »Als meine Feinde zurückwichen, da strauchelten sie und kamen um vor deinem Angesicht« (SLT).

5 Denn du hast mir Recht und mir Gerechtigkeit geschafft,saßest (hast dich gesetzt) auf dem Thron als gerechter Richter1 (, [hast] gerecht gerichtet).

  1. auf dem Thron als gerechter Richter - im Alten Israel galt der König als der »oberste Richter und Garant des Rechts« (König / Königtum (AT) (WiBiLex)); der Übergang von der Streitermetapher zur Metapher vom thronenden Richter ist im Heb. also nicht so hart wie im Dt. S. ähnlich den Übergang von Ps 89,9-11.14 zu 89,15 und von Ps 97,1-2 zu 97,3-5.

6 ['''C'''] Du hast Nationen1 niedergemacht (gescholten):2 Einen Schlechten (Schlechte)3 ließest du zugrunde gehen,Ihren Namen hast du ausgelöscht4 auf immer und [für alle] Zeit.

  1. Nationen - Heb. gojim, oft verwendet für Nationen qua heidnische Nationen; sinngemäßer daher »Heidenvölker« (ähnlich z.B. Bonkamp 1949; Ehrlich 1905; Weber 2001: »Heiden«).
  2. niedergemacht (gescholten) - meist übersetzt als »gescholten«. Das ist auch die w. Bed. des Wortes, von dieser Übersetzung ist dennoch entschieden abzuraten: Das »Schelten« mit Gott als Subjekt hat sehr häufig Zerstörung zur Folge: In Ps 80,17 folgt daaraus der Tod - wie es ja auch hier in Parallele zu »ließest zugrunde gehen« steht -; in Jes 17,13 und 30,17 werden Völker durch Gottes Schelte in die Flucht geschlagen, in Ps 76,7; Jes 51,20 werden Mensch und Tier durch die Schelte Gottes ohmächtig, in 2 Sam 22,16; Ps 104,7; 106,9; Jes 50,2 und Nah 1,4 trocknet das Meer aus, weil Gott es schilt. Dieses Schelten mit »zerstörender Wirkung« (THAT I, Sp. 429) kommt vielleicht am besten in der Übersetzung »niedermachen« zum Ausdruck.
  3. einen Schlechten (Schlechte) - N-Shift: Aus poetischen Gründen wechselt das Heb. vom einen Satz zum nächsten vom Pl. (»Nationen«) zum Sg. (»einen Schlechten«). Tg fühlt sich wegen diesem Shift sogar zur Explikation veranlasst: »Du hast das Volk [der Philister] gescholten und [Goliath], den Schlechten, zerstört.« Gemeint sind wahrscheinlich in beiden Sätzen mehrere Feinde, daher z.B. Alexander 1850, S. 42: »many a wicked enemy«; auch viele Üss. und schon Saadja übersetzen daher mit Pl. Für einige Bspp. für Shifts innerhalb derselben Zeile vgl. z.B. Gevirtz 1961, S. 157.
  4. Ihren Namen hast du ausgelöscht meint wohl: Du hast ihre ganze Linie ausgerottet (zu schem i.S.v. »Linie« vgl. z.B. Brichto 1973, S. 22). Die Aussage wird also immer stärker: »einen Schlechten« (6a) => »seine ganze Linie« (6b) => »ganze Städte« (7). Der N-Shift in 6a dient wohl dazu, diese Steigerung noch deutlicher zu machen.

7 Der Feind - vernichtet sind [seine] Ruinen 1auf ewig;Und Gegner (Städte)2 hast du entwurzelt (zerstört?), was an sie erinnert, ist zugrunde gegangen. {Sie}3

  1. Der Feind - [seine] Ruinen = »Die Ruinen des Feindes«. tFN: Die Syntax des Satzes ist nicht ganz einfach; vermutlich ist aber zu analysieren als Casus pendens ohne resumptives Pronomen: Im Heb. kann ein Satzglied von seiner »Stelle« im Satz an den Satzanfang gestellt werden, um es bes. hervorzuheben; meistens wird es dann an seiner »eigentlichen« Stelle durch ein Pronomen wie »seine« vertreten. Dieses kann aber auch entfallen (vgl. IBHS 4.7b; z.St. Gordis 1957, S. 110f.), und dies ist hier der Fall. Für eine weitere erwägenswerte Deutung vgl. Tsumura 1988, S. 235: »Der Feind ist vernichtet - [wie] Ruinen auf ewig / [wie (?)] Städte, die du zerstört hast - was an ihn erinnert...« Etwas schwierig ist dann nur die Zuordnung von »auf ewig«.
  2. Gegner statt der häufigen Üs. »Städte« nach Gordis 1957, S. 11; Herkenne 1936, S. 68; s. 1 Sam 28,16; Sir 37,5; vgl. Ges18, S. 1007.
  3. Sie (heb. hemmah) z.B. mit BHS, Goldingay 2006 und Kissane 1953 vom Ende von V. 7 an den Anfang von V. 8 verschoben, da es am Ende von V. 7 wenig Sinn macht und auf diese Weise mit V. 8 im Akrostichon (s. FN c) wenigstens eine He-Zeile existiert, nachdem schon die Dalet-Zeile ausgefallen ist. In der Üs. folgen wir Goldingay 2006. LXX und VUL verstehen die Konsonanten des urspr. Textes als hommeh (»lärmend«): »Was an sie erinnert, ist lärmend zugrunde gegangen«; auch im den alten Üss. vorliegenden heb. Text stand das Wort am Ende der beiden Gimel-Doppelzeilen.

8 ['''E''' (?)] [Sie!] Doch JHWH wird für immer thronen.Er hat aufgerichtet seinen Thron zum Gericht,

9 Um die Welt gerecht zu richten (und er wird die Welt gerecht richten),Gericht zu halten (Gericht halten wird er) über die Völker recht,

10 ['''F'''] Damit JHWH sei (und JHWH soll sein) eine Zuflucht für die Bedrückten,Eine Zuflucht für Zeiten der Bedrängnis,

11 Auf dass zu dir flüchten können (und zu dir werden/können/dürfen flüchten) [jene], die deinen Namen kennen,1Weil du nicht im Stich lässt, die dich suchen,2 JHWH.3

  1. [jene], die deinen Namen kennen - geläufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer: jene, die dich verehren (vgl. z.B. Ehrlich 1905, S. 18; THAT I, Sp. 694f.).
  2. Auch die dich suchen ist ein Ausdruck für JHWH-Verehrer: die, die sich zu dir halten (vgl. THAT I, Sp. 464-466).
  3. Diese Verse sind ein schönes Beispiel dafür, wie zentral das Stilprinzip der Varianz in der heb. Lyrik ist. Z.B. werden in Vv. 6-8 drei verschiedene Ausdrücke für »ewig« verwendet (um »die Ewigkeit [Gottes] als Antithese zur Sterblichkeit der Menschen nennen« zu können (Eerdmans 1947, S. 122)); z.B. werden in Vv. 9-11 drei verschiedene grammatische Konstruktionen zum Ausdruck von finalen Nebensätzen verwendet (9a: Waw-X-Yiqtol - was in 9b dann noch mal variiert wird durch Yiqtol-X -, 10a Waw-Jussiv, 11a Waw-Yiqtol). In 9a und 9b werden zwei unterschiedliche, aber synonyme Wörter für »richten« und zwei unterschiedliche, aber synonyme Ausdrücke für »gerecht« verwendet. In V. 10 wird »Zuflucht« zweimal unterschiedlich spezifiziert: 10a: »Zuflucht für die Bedrückten«, 10b: »Zuflucht für Zeiten der Bedrängnis«. Von V. 10 auf 11 findet sich wieder ein P-Shift (dazu s. FN d). Und in V. 11 finden sich zwei unterschiedliche stehende Ausdrücke für JHWH-Verehrer.Eine weitere stilistische Besonderheit: JHWH steht drei Mal in Vv. 8-11: Als erstes Wort, als letztes Wort und genau in der Mitte (vgl. Benun 2006, S. 6).

12 ['''G'''] Singt JHWH, der auf dem Zion thront,1Verkündet den Völkern seine Taten!

  1. der auf dem Zion thront - Der Zion war der Tempelberg in Jerusalem; man stellte sich vor, dass Gott - zumindest »teilweise« - dort im Tempel wohnte. S. näher z.B. Zion / Zionstheologie (WiBiLex).

13 Denn [wie ein (als)] Sucher von Blut1 (Denn er sucht Blut,) denkt er an sie,2Er vergisst nicht3 das Rufen der Elenden (Armen).“4

  1. Sucher von Blut = Bluträcher (vgl. Ges18, S. 261). Die »Blutrache« war im Alten Israel eigentlich die Aufgabe des nächsten Verwandten eines Ermordeten, der für diesen Mord dessen Mörder umzubringen hatte (s. z.B. Num 35,18f.; vgl. auch Dtn 19,5f.11f. u.ö. Gott wird als Bluträcher vorgestellt auch in Gen 9,5. Vgl. noch Blutrache (WiBiLex) und zur Stelle gut Herkenne 1936, S. 68).
  2. denkt er an sie - Ist Gott Subjekt des »an-jmdn-Denkens«, meint der Ausdruck meist die helfende Zuwendung Gottes zu dem, an den er »denkt« (vgl. THAT I, Sp. 513f.). Das »sie« bezieht sich also wohl nicht zurück auf die »Völker« in V. 12, sondern auf die, die »JHWH suchen« in V. 11, für die das selbe Verb verwendet wird wie für den »Blutsucher« Gott, und die Bed. ist dann: Gott wird für seine Verehrer das sein, was ein Bluträcher für seinen nächsten Verwandten ist: Er wird an ihnen begangenes Unrecht rächen. Als Vergleichspunkt ist wahrscheinlich gedacht, dass Gott, der »wie ein Bluträcher ist«, (1) schlechte Taten rächt und sie rächt, (2) indem er die Gegner seiner Verehrer tötet.Nicht viel Sinn macht dagegen dann die häufige Übersetzung »als ein Bluträcher denkt er an sie« - denn wenn ein Bluträcher in Aktion treten muss, ist es für den Bedürftigen schon zu spät. Doch gerade dagegen richtet sich die nächste Zeile.
  3. vergisst nicht - ganz ähnlicher Ausdruck wie »denken an« in der vorigen Zeile: Die Rede vom »Vergessen« Gottes meint meist sein aktives sich-Abwenden von jmdn (s. z.B. 1 Sam 1,11; Ps 13,2; 42,10; 44,25; Jes 49,14; Klg 5,20). Dass Gott die Armen »nicht vergisst« meint also das gleiche wie dass Gott »an sie denkt«, nämlich, dass er ihnen helfend beisteht.
  4. der Elenden (Armen) - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua hilfsbedürftige, weil bedrängte, JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.). Weil es hier im direkten Zhg. steht mit „denen, die Gott suchen“ und „denen, die seinen Namen kennen“, dürfte eine bloße Übersetzung mit „Arme“ oder „Elende“ zu wenig sein.

14 ['''H'''] Sei mir gnädig, JHWH! Sieh auf mein Elend1 von meinen Hassern,Indem du mich emporhebst ([du], der du mich emporhebst/mich emporgehoben hast/[allein] mich emporheben kann) von den Toren des Todes,2

  1. Sieh auf mein Elend - d.h. ignoriere mich in meinem Elend nicht, sd. hilf mir! Gut HfA: „Siehe doch, wie ich leide unter dem Hass meiner Feinde!“
  2. indem du mich emporhebst von den Pforten des Todes - „indem“ gut nach ELB. Im altisraelitischen Weltbild lag die Unterwelt am Fuß des Meeres oder noch darunter; man stieg durch Tore mit großen Riegeln in sie hinab. Soviel zu den „Pforten des Todes“; zum Verständnis des Satzes ist außerdem Folgendes wichtig: In den biblischen Texten sind Leben und Tod nicht immer absolute Gegensätze, sondern die beiden Pole eines Kontinuums: Geht es einem gut, hält man sich auf im Bereich des Lebens; geht es einem dagegen „elend“, gerät man schon damit in die Nähe der „Pforten der Unterwelt“ und Gott muss aktiv werden, indem er den Elenden von dort „emporhebt“ (zum Vorstellungskomplex vgl. sehr gut Campbell 1971, S. 109). Darum bittet der Beter hier; „indem du mich emporhebst von den Pforten des Todes“ meint ungefähr: „indem du etwas gegen dieses mein Elend unternimmst“. Sehr gut daher HfA: „Ich stehe am Rand des Todes! Bring mich in Sicherheit!“ Die häufige Üs. mit Imperativ ist eine freie, aber sinnvolle Übersetzungsentscheidung. Die Üs. von PAT mit Vergangenheit ist darauf zurückzuführen, dass sie den Text nach Aq und Hieronymus vom Partizip zu Vergangenheit korrigieren (so auch BHS; Herkenne 1936; Zorell 1928), was aber klar als kontextuelle Anpassung dieser beiden Übersetzer anzusehen ist.

15 Damit ich Lobpreisungen auf dich äußern kann in den Toren der Tochter Zion1 und jubeln kann über [meine] Rettung durch dich [mit den Worten]:

  1. Tore der Tocher Zion - Der „Zion“ ist der Tempelberg in Jerusalem; „Zion“ steht daher oft pars pro toto für Jerusalem selbst. Auch „Tochter Zion“ ist ein häufiger Begriff für Jerusalem; über den Begriff wird zusätzlich die Beziehung Jerusalems zu „ihrem“ „Vater“ JHWH betont (s. näher Tochter Zion (WiBiLex)) - ganz ähnlich, wie auch die Rede vom „Bluträcher JHWH“ in V. 13 eine enge familiäre Beziehung zwischen JHWH und seinen notleidenden Verehrern implizierte (dazu s. dort). „‚An den Toren der Tochter Sion‘ ist Antithese zu den ‚Pforten des Todes‘ (14b) und bezeichnet den Versammlungsplatz an den Toren der altpalästinensischen Städte, hier Jerusalems, also = in aller Öffentlichkeit, wie bei uns ‚auf dem Markt‘.“ (Herkenne 1936, S. 69).

16 ['''I'''] „Versunken sind die Nationen im Schacht, [den] sie gemacht haben;Im Netz, das sie versteckt haben, hat sich ihr [eigener] Fuß verfangen!

17 JHWH hat sich kundgetan, Gericht hat er geübt:Im Werk seiner [eigenen] Hände hat er den Schlechten (hat sich der Schlechte)1 verstrickt!“ {Higgaion Selah}2

  1. Textkritik: Der hebräische, ursprünglich vokallose Konsonantentext war sowohl lesbar als noqesch (»er - nämlich JHWH - hat verstrickt«) als auch als noqasch (»er - nämlich der Böse - hat sich [selbst] verstrickt«). MT vereindeutigt durch Vokalisierung und VUL und Saadja durch Übersetzung zur ersten Bedeutung, LXX, Syr, Aq durch Übersetzung zur zweiten Bedeutung. Fast alle Üss. und Kommentare wählen die zweite Interpretation, aber ob das so sinnvoll ist? Das Motiv des in-seine-eigene-Falle-gehenden Gegners findet sich oft in der Bibel. Auch in Ps 9, nämlich gleich zwei Mal in V. 16. Von 17b sollte man daher doch vielleicht eher nicht noch ein drittes Mal dieses Motiv erwarten, sondern eine Erklärung, inwiefern es auf JHWHs Gerichts-üben zurückzuführen sein soll (17a), dass die Gegner in ihre eigenen Falle gegangen sind - und nach der ersten Bedeutung würde das V. 17b leisten: Die Gegner sind in ihre eigene Falle getappt - so hat JHWH Gericht geübt - denn: Er war es, der sie in ihre eigene Falle tappen ließ. Aus diesem Grund folgen wir hier dem MT.
  2. {Higgaion Selah} (V. 17) + {Selah} (V. 21) - Zwei Wörter mit unklarer Bedeutung. Higgaion ist offenbar etwas Hörbares, s. Ps 19,15 und Klg 3,62, wo es in Parallele zu „Reden“ steht, und Ps 92,4, wo es offenbar das bezeichnet, was eine Harfe von sich gibt. Hier in Ps 9,17 ist die Funktion von higgaion wohl die selbe wie die von selah - und welche das ist, ist ganz unklar, s. Lexikon / Lemma סֶלַה. In der LF sollten beide Begriffe daher besser wie in vielen Üss. ausgespart werden.

18 ['''J'''] Es mögen Schlechte zur {gen}1 Scheol2 zurückkehren,3Alle Nationen, die Gott vergessen [haben].4

  1. tFN: {gen} - Die Richtung wird hier merkwürdigerweise sowohl durch le als auch durch direktionales He markiert. Wahrscheinlich ist das bedeutungslos, auffällig war es aber schon den alten Schriftgelehrten; im Midrasch etwa findet sich etwa folgende Deutung: „R. Nechemja hat gesagt: Jedes Wort, das am Anfang kein l hat, erhält am Ende ein h [...]. Da fragen sie ihn: ‚Hier heißt es doch aber: li-scheol-ah?‘ R. Abba ben Sabda hat gesagt: Damit soll ausgedrückt werden, dass die Frevler in die tiefste Tiefe der Hölle müssen.“ (Üs. nach Wünsche 1892, S. 92).
  2. Scheol - Heb. Name der Unterwelt. Mit der Hölle hat die Scheol-Vorstellung sehr wenig gemein. Vermutlich stellte man sie sich vor als eine unter der Erde gelegene Stadt, deren Bewohner in der Finsternis zur Passivität und Gottferne verdammt waren (s. näher Jenseitsvorstellungen (AT) (WiBiLex)).
  3. zurückkehren - Weil zumindest manchmal nach der Vorstellung im Alten Israel der Mensch in der Scheol entstand. S. z.B. IJob 1,21; 30,23; Ps 139,15; Sir 40,1; zur Vorstellung vgl. z.B. Balog 2012, S. 160-171; Tromp 1969, S. 122-124; zur Stelle Kissane 1953, S. 42. Die meisten Üss. übersetzen freier als „zur Scheol hinabfahren“; das ist hier wohl das Sinnvollste.
  4. Gott vergessen [haben] = die keine JHWH-Verehrer sind (vgl THAT II, Sp. 902).

19 ['''K'''] Ach!, (Denn) nicht auf immer werde vergessen (wird vergessen werden) der Arme,verderbe (wird verderben) die Hoffnung der Elenden für [alle] Zeit!1

  1. Zu vergessen vgl. FN y, zu der Elenden FN z. Der Beter bittet hier exakt um das, wofür er in V. 13 JHWH versprochen hat, ihn nach dessen Hilfe öffentlich zu preisen.

20 Erhebe dich, JHWH! Menschlein (Menschen)1 sollen nicht stark sein!2Die Nationen sollen gerichtet werden vor dir! Setze, JHWH, Furcht in sie (ihnen einen Lehrer vor, gib ihnen eine Lehre)!3Es sollen wissen Nationen, dass sie [nur] Menschlein (Menschen) sind! {Selah}

  1. Menschlein (Menschen) - Der Dichter wählt bewusst das Wort ´enosch, mit dem oft der Mensch qua schwaches Wesen bezeichnet wird (vgl. z.B. TWOT 136a). Stark daher B-R in V. 20: „Nimmer trotze das Menschlein!“ Ähnlich übrigens schon der Midrasch: „Überall wo ´adam in der Schrift steht, bedeutet es ‚wirklicher Mensch‘, wo [...] ´enosch ´adam steht, ist ein ‚Tor‘ gemeint.“ (Üs. nach Wünsche 1892, S. 92).
  2. nicht stark sein - etwas rätselhafter Ausdruck. „Nicht das Menschlein“ impliziert wohl: „sondern du, Gott!“; gedacht ist also wohl an Menschen, die glauben, sich JHWH widersetzen zu können. Sinnvoll daher GN: „Lass nicht zu, dass ein Mensch dir die Stirn bietet!“, NGÜ: „Lass nicht zu, dass Menschen sich dir widersetzen!“ Schön auch wieder WEIN: „der Mensch der Überhebung“.
  3. Textkritik: Furcht in sie (ihnen einen Lehrer vor, gib ihnen eine Lehre) - die Konsonanten des ursprünglich vokallosen heb. Textes scheinen „Lehrer“ zu bedeuten (mrh, vokalisiert: moreh); so übersetzen auch LXX, Syr und VUL. MT aber vokalisiert als morah, will das Wort also wohl als mora´ („Furcht“) verstanden wissen, was im Kontext mehr Sinn machen würde. Auch Aq, Theod, Tg, Hieronymus, Saadja und der Midrasch verstehen als/übersetzen mit „Furcht“ und einige Handschriften korrigieren auch die Konsonanten zu mr´. Bei dieser Vielzahl an Zeugen wird man wohl am sinnvollsten davon auszugehen haben, dass morah eine alternative Schreibweise für mora´ ist und die Konsonanten mr´ also sowohl als „Furcht“ als auch als „Lehrer“ verstanden werden konnten (so schon Olshausen 1853, S. 59), wie sich das öfters bei auf -ah oder -a´ endenden Wörtern findet. „Furcht“ ist dann sicher vorzuziehen. R-S und TAF („Gib ihnen eine Lehre“) folgen der Deutung von Ehrlich 1905: morah ist nicht eine falsche Vokalisierung von moreh („Lehrer“), sondern ein feminines Nomen von der selben Wurzel mit der Bedeutung „Lehre“.

Chapter 10

1 1 ['''L''']2 Warum, o JHWH, willst du fern stehen,3Willst du dich verbergen in Zeiten der Bedrängnis? -

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Ps 10 ist nicht eigentlich ein eigenständiger Psalm, sondern bildet zusammen mit Ps 9 das erste sog. „Akrostichon“ in der Bibel, die Anfangsbuchstaben einiger Zeilen folgen also dem heb. Alphabet (s. die Anmerkungen zu Psalm 9). Um das direkt sichtbar zu machen, haben wir die obigen Buchstaben gesetzt: Wo „A“ steht, findet sich im heb. Text der erste Buchstabe des heb. Alphabets, wo „B“ steht der zweite usw.
  3. fern stehen + dich verbergen - Zwei bib. Metaphern: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „verbirgt sich“ und „hält sich fern“ von ihm. Zu „fern“ s. ähnlich Ps 10,1; 35,22; 38,22; 71,12; Jes 59,9.11 u.ö. und vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770; dem entspricht die Rede vom „sich-Verbergen“ Gottes, s. noch Ps 55,2.

2 In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte den Elenden (Armen)1 (im Hochmut des Schlechten verfolgt er den Elenden, durch den Stolz des Schlechten brennt der Elende)2Sie werden gefangen durch die Ränke, die sie erdacht haben.3

  1. den Elenden (Armen) - häufiger Ausdruck für JHWH-Verehrer qua hilfsbedürftige, weil bedrängte, JHWH-Verehrer (vgl. z.B. THAT II, Sp. 345f.).
  2. tFN: In [seinem] Hochmut (Stolz) verfolgt der Schlechte (im Hochmut des Schlechten verfolgt er, durch den Hochmut des Schlechten brennt) - Jede dieser drei Deutungen ist sprachlich gleichermaßen möglich. Die Konsonanten g´wt lassen sich entweder vokalisieren als ga´awath (wie das MT gemacht hat) oder als ge´ut; der Bedeutungsunterschied der beiden Wörter ist minimal. Und ga´awath lässt sich entweder deuten als das erste Glied in einer Genitivverbindung (also „im Hochmut des Schlechten“) oder das -at ist eine Variante der Endung -ah (so z.B. Gordis 1957, S. 112; Rendsburg 1991, S. 89) und also ist wie bei der Deutung als ge´ut aufzulösen: „Im Hochmut verfolgt der Schlechte“. Außerdem möglich ist die Deutung von jidlaq nicht als dalaq II („verfolgen“), sondern als dalaq I („brennen“), also „durch den Hochmut des Schlechten brennt der Elende“. Aber das wäre nicht idiomatisch, so daher fast kein Exeget - dafür aber einige Üss: H-R, HER05, MEN: „Des Frevlers Frechheit ängstigt den Armen“; B-R, NeÜ, Herkenne 1936: „Durch den Hochmt der Gottlosen fiebert der Arme“; EÜ, R-S, Alexander 1850: „Durch den Hochmut des Schlechten leidet der Arme“, dies wohl auch HfA, NL.
  3. V. 2b lässt sich entweder verstehen als „die Schlechten fangen den Elenden durch die von ihnen erdachten Ränke“ oder wieder wie in Ps 9,16f. als „die Schlechten verfangen sich in den Ränken, die sie [selbst] erdacht haben“. In diesem Kontext - der Schilderung der Übeltaten schlechter Menschen - ist sicher erstere Deutung vorzuziehen. Der Wechsel vom Sg. („der Schlechte“ + „der Elende“) zum Pl. („sie werden gefangen“, „die sie erdacht haben“) ist als N-Shift zu erklären: aus poetischen Gründen kann in bib. Lyrik von einer Zeile auf die nächste von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. Hier ohnehin unproblematisch, da „der Schlechte“ und „der Elende“ sicher generalisierende Singularnomina mit Pluralbedeutung sind: Gemeint sind schon in der ersten Zeile mehrere Schlechte und Elende.

3 Ach!, (Denn) der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust,1Und der Abschneider2 flucht,3 verachtet4 JHWH.

  1. tFN: der Schlechte rühmt seine Seele für [ihre] Lust - schwieriger Satz. Das Verb halal fordert ein Objekt; auf den ersten Blick findet sich hier aber keines, denn was folgt, ist `al-ta´awath napscho. Die Präposition `al zeigt an, dass das Folgende nicht das Objekt des Rühmens ist, sondern das, wofür das Objekt gerühmt wird (so oft im Hitpael, für Piel s. Esra 3,11; Ps 119,164; so richtig schon Kissane 1953, S. 43). Wahrscheinlich muss man also den Satz analysieren wie folgt: `al-ta´awath ist das, wofür der Schlechte das Gerühmte rühmt, nämlich „für Lust“. ta´awath ist nicht das erste Glied in einer Genitivkonstruktion „die Lust seiner Seele“, sondern die Endung -at ist nur eine alternative Endung von ta´awah (dazu vgl. wieder Rendsburg 1991, S. 89f.), daher ist napscho nicht als Genitiv „seiner Seele“ zu analysieren, sondern als das gesuchte Objekt von halal: „Er rühmt für Lust seine Seele“. Alternativ sind viele verschiedene Textkorrekturvorschläge gemacht worden; am besten sicher Kissane 1953, S. 39: „Der Schlechte rühmt Bos[heit], / der Halsabschneider und segnet sein Verlangen.“
  2. Abschneider = Erpresser; das Verb batsa` („abschneiden“) findet sich oft in der Bed. „erpressen“ in der Bibel. Schön Herkenne 1936: „Halsabschneider“.
  3. flucht - barak hier wie oft nicht in der Bed. „segnet“, sd. „flucht“; vgl. z.B. Schorch 2000, S. 101f. So fast alle Üss.
  4. flucht, verachtet (V. 3) + bricht zusammen, sinkt nieder (V. 10) - zur Konstruktion vgl. Müller 2013b, S. 62f.: Zwei Verben werden ohne Konjunktion aneinander angeschlossen, um den Ausdruck noch stärker zu machen (vgl. S. 68).

4 Der Schlechte, im Hochmut seiner Nase (in seiner Hochnäsigkeit), [denkt:]1 „Er sucht nicht!“2„Es [gibt] keinen Gott“3 [sind] all' seine Gedanken.

  1. [denkt:] - Zu Einleitungen wörtl. Rede ohne ein verbum dicendi/sentiendi wie „sagt“ oder „denkt“ vgl. z.B. Gordis 1949, S. 174-176; zwei Bspp: Pred 8,2: „Ich [sage]:...“; Hos 14,8: „Ephraim [soll sagen:]...“
  2. Er sucht nicht = kurz für „Gott rächt schlechte Taten nicht“, s. Ps 9,13 und dazu FN w. Gut daher Bonkamp 1949: „Er wird nicht rächen“; EÜ, Gordis 1957, S. 121, HER05: „Gott straft nicht“; H-R, Weber 2001: „Er wird nicht ahnden“. In V. 4 auch möglich: „Im Hochmut seiner Nase sucht der Frevler nicht“, nämlich Gott (zu „Gott suchen“ als Ausdruck für die Verehrung JHWHs vgl. FN t zu Ps 9,11). Das Zitat unseres Verses in 10,13 zeigt aber, dass „Er sucht nicht!“ hier die Gedanken des Schlechten sind (so richtig Gordis 1957, S. 113).
  3. Es gibt keinen Gott ist keine theoretische Leugnung der Existenz Gottes an sich, die im Alten Israel schwer vorstellbar wäre, sondern eine praktische: Der Schlechte lebt, als gäbe es keinen (rächenden!) Gott. „Für den hochnäsigen Frevler ist Gott eine quantité négligeable, dem kein Recht etwas zu ahnden zusteht.“ (Herkenne 1936, S. 70).

5 Profan (stark?)1 sind seine Wege allezeit, Hoch [sind] deine Gesetze (Gerichte), fern von ihm;2All' seine Gegner, die schnaubt er an.3

  1. Profan - „Die Wege sind profan“ = „seine Wege sind nicht Gottes Weg“, d.h. er lebt nicht so, wie dies Gottes Weisung entsprechen würde. Sinnvoll Kissane 1953: „His ways are impious at all times“. tFN: Für diese Deutung hat man entweder mit Goldingay 2006, S. 164 davon auszugehen, dass zu chalal („profanieren“) eine Nebenform chul existierte, von der das Wort gebildet ist, oder mit Kissane 1953, S. 41 zu emendieren nach jechallu von chalal. stark? - Sehr viele orientieren sich an Tg („seine Wege gedeihen“) und mutmaßen, Tg habe das heb. Wort auf die aram. Wurzel chjl („stärken“) zurückgeführt, die nur hier und in Ijob 20,21 auch für das Heb. anzunehmen sei. Das ist recht zweifelhaft. Erstens übersetzt auch Tg nicht mit chjl, was ein Indiz dafür ist, dass auch im Aramäischen „starke Wege“ nicht idiomatisch sind, zweitens bedeutet das aram. chajel nicht „stark sein“, sondern nur „stärken“, drittens muss das Wort in Ijob 20,21 dann auch noch in einer anderen Bed., nämlich „Bestand haben“, genommen werden, wo es sich auch dann nur schwer in den Kontext fügt (vgl. ähnlich Goldingay 2006, S. 164). Auch mit den anderen alten Üss. lässt sich diese Deutung nicht stützen: LXX, Syr, VUL verbinden wie wir mit chalal („entweihen“) („Profan sind seine Wege“), Hieronymus, Aq, Quinta und Saadja mit chjl („kreisen, sich winden“) (H: „Seine Wege kreisen alle Zeit“, Aq+Q: „Seine Wege schmerzen“, S: „Immer von Neuem beginnen seine Pläne“). Letzterer Deutung folgt übrigens auch Eerdmans 1947: „His ways are wavering“.
  2. Hoch [sind] deine Gesetze, fern von ihm - d.h. wieder: Um Gott und seine Weisung schert sich der Schlechte nicht im Geringsten. Schön EÜ: „Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.“
  3. schnauben nur hier in dieser Bed.; gemeint ist wohl das niedergemacht-Werden Gedrückter durch ihre Unterdrücker. Vgl. das ähnliche Wort scha´ap in Ps 56,2f.; 75,4; Ez 36,3. Am besten EÜ, ZÜR: „All seine Gegner faucht/fährt er an“; sinnvoll auch HER05, NL, PAT: „er verspottet seine Feinde“, H-R, MEN, R-S: „er höhnt seine Gegner aus“.

6 Er sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Ich werde nicht wanken1 von Geschlecht zu Geschlecht,So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück.“2

  1. wanken - Das »Wanken« ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen »nicht wankt« ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; auch Ps 16,8; 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; hier dagegen wird es gerade auf die Nichtexistenz Gottes zurückgeführt.
  2. So dass (weil; [ich], der) [ich] nicht (nie) [sein werde] im Unglück. - die Üs. folgt im Großen und Ganzen Alexander 1850, versteht aber ´ascher als Einleitung eines adverbialen Nebensatzes (vgl. Ges18, S. 111f.). Alternativ hat für diese Zeile fast jeder Exeget einen eigenen Textkorrekturvorschlag vorgelegt.

7 [Von] Fluch ist sein Mund voll und [von] List und Gewalttätigkeit,Unter seiner Zunge1 [ist] Mühsal und Unheil.

  1. unter seiner Zunge - das „unter“ ist wohl nicht bedeutsam (anders Gordis 1957, S. 115: „Not ‚on his tongue,‘ but ‚under his tongue,‘ i.e., as a delicacy“): Unter seiner Zunge liegen „Mühsal und Unheil“ also gerade die (spürbaren) Effekte seiner List und Gewalttätigkeit (gut daher NGÜ: „Was sie von sich geben, bringt anderen Unheil und Schaden“). „Sein Mund ist voll von X“ und „Unter seiner Zunge ist X“ sind also wohl Synonyme: Was er auch von sich gibt, ist schlecht, gemein und schädlich.

8 Er sitzt im Hinterhalt in Dörfern,1Um insgeheim Unschuldige (Wehrlose) zu ermorden (wird ... morden).['''Q'''] Seine Augen spähen nach dem Verfolgten2

  1. Dörfer wird gern korrigiert, zum Sinn aber gut Gordis 1957, S. 116: „chtsrjm is an unwalled settlement (defined as such in Lev 25,31), a peaceful village where violence is not normally expected and hence not guarded against. nqj is its parallel, meaning ‚innocent‘ in its etymological sense, ‚doing no harm,‘ actually ‚unarmed.‘ [...] The passage emphasizes the enormity of the crime, against which no precautions have been taken.“
  2. tFN: Verfolgten (V. 8) + Verfolger (V. 10) + Verfolgte (V. 14) - unsicheres Wort, in der Bibel nur in Ps 10 zu finden. Zusätzlich verkompliziert wird die Sache dadurch, dass es in zwei verschiedenen Formen vorliegt: im Sg. chelkah in Vv. 8.14 und im dann ungewöhnlichen Pl. chelka´im in V. 10. Und noch mal verkomplizierend kommt hinzu, dass sich dieser ungewöhnliche Plural mehrere Male in den Qumran-Texten findet (s. 1QH XI 25f.; XII 25.35; 4Q432 Frg 4 II,1) und dort offensichtlich eine Bezeichnung für Übeltäter ist, während hier in Vv. 8.14 offensichtlich mit dem Sg. der Elende gemeint ist. Wir folgen der Deutung von Komlós 1957: Weil das Wort in 1QH XI 26; hier und übrigens auch in 4Q432 Frg 4 II,1 im Zhg. mit Netzen genannt wird, leitet er ab vom heb. chkh („Haken“); die chelka´im sind dann die „Hakenden“, also die Verfolger; der chelkah dagegen der „Gehakte“, also der Verfolgte. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Bonkamp 1949, S. 76 FN 16, der das Wort vom akkadischen hallku („Flüchtling“) ableiten will. Die übliche Deutung als „Unglücklicher“ nach einer Ableitung vom arabischen chalaka („schwarz sein“, so z.B. Wallenstein 1954, S. 214; Ges18, S. 355) ist vor dem Hintergrund der Qumran-Stellen nicht gut möglich, weil zwar noch einzusehen wäre, wie aus „schwarz“ die Bedeutung „Unglücklicher“ oder „Böser“ entstehen soll, aber nur schwerlich, wie daraus beide Bedeutungen gleichzeitig entstanden sein sollen. Zu einem weiteren, aber unwahrscheinlichen Vorschlag vgl. Simpson 1969.

9 Er lauert in [seinem] Versteck wie ein Löwe in einer Höhle - Er lauert, um den Elenden zu fassen,Fasst den Elenden, indem er ihn in sein (mit seinem) Netz zieht.1

  1. in sein (mit seinem) Netz zieht - ein plötzlicher Übergang von der Löwenmetapher zur Fischermetapher, nachdem von V. 8 auf V. 9 schon ebenso plötzlich von der Räubermetapher zur Löwenmetapher gewechselt wurde. Solche schnellen Metaphern-wechsel sind im Heb. normal und der Text also nicht problematisch, während sie im Dt. etwas kurios wirken - vgl. nur in Ps 9,4-13 die Darstellung Gottes als Streiter (V. 4), als königlicher Richter (Vv. 5f.), wieder als Streiter (V. 7), wieder als Richter (V. 9), als Zuflucht (Vv. 10f.) und als Bluträcher (V. 13). Auch hier wird im nächsten Vers wieder zur Löwenmetapher und in V. 11 wieder zur Fischermetapher zurückgewechselt. Zur Fischermetapher für Vernichtung s. noch Jer 16,16; Am 4,2; Hab 1,15f.; die Fischermetapher passt in der heb. „Metaphernwelt“ besser zur Löwenmetapher als im Dt.

10 Der bricht zusammen, sinkt niederUnd fällt in die Klauen (durch die Macht) [der] Verfolger.1

  1. V. 10 - Die meisten gehen davon aus, dass die chelka´im in V. 10 die selben sind wie der „Verfolgte“ in Vv. 8.14 (vgl. dazu FN u; aus diesem Grund muss dann anders übersetzt werden. Für unsere Deutung muss mit Komlós 1957, S. 246, der ursprünglich vokallose Konsonantentext ein wenig anders vokalisiert werden. Nach der anderen Deutung der chelka´im ist entweder zu übersetzen: „Der bricht zusammen, sinkt nieder / und es fallen die Unglücklichen/Verfolgten in seine (=des Schlechten) Klauen/durch seine Macht“, oder (schöner): „Er duckt sich und bückt sich [wie ein Löwe vor dem Sprung] / und der Unglückliche fällt in seine Klauen“ (so z.B. Olshausen 1853; Terrien 2003). Letzters auch schon bei Saadja: „Die[se] Worte [...] stellen das Verhalten des Löwen dar. Wenn sich derselbe nämlich zum Sprunge vorbereitet, so duckt er sich erst, um sich zu sammeln [...]. Ebenso der Frevler. Siehst du ihn sich vor dir erniedrigen und dich mit Sanftmuth anreden, so hüte dich vor ihm, denn dies ist Verstellung [...].“ (Üs. nach Margulies 1884).

11 Er spricht in seinem Herzen (zu sich): „Gott vergisst,1Verbirgt sein Gesicht,2 Sieht nicht auf immer!“3

  1. Gott vergisst (V. 11) + Vergiss (V. 12) - Die Rede vom »Vergessen« Gottes meint meist sein aktives sich-Abwenden von jmdn (s. z.B. 1 Sam 1,11; Ps 13,2; 42,10; 44,25; Jes 49,14; Klg 5,20). In V. 11 schert sich der Schlechte also wieder überhaupt nicht um die Existenz Gottes und seiner Weisung; er lebt, als würde Gott seine Freveltaten einfach ignorieren. Darum ruft der Elende, weil von dem Schlechten gedrückte, Psalmist in V. 12 Gott auf, doch nun endlich einzuschreiten: Steh auf!, d.h., werde aktiv! Heb deine Hand, d.h. mach' jetzt was! Vergiss nicht!, d.h. wende dich dem Elenden gnädig zu!
  2. Dass Gott sein Gesicht verbirgt, ist eine häufige Metapher für den Gnadenentzug JHWHs (s. FN u zu Ps 30,8); in unserem Kontext ist es aber besser nicht als Metapher zu nehmen, sondern als alternative Formulierung für den nächsten Satz: »Gott sieht nicht«. S. zu dieser Bedeutung z.B. Ex 3,6 oder ganz ähnlich wie hier Ps 51,11.
  3. Sieht nicht auf immer - d.h., schert sich nicht um das Geschehen auf der Welt, so dass man ihn in seinem Handeln getrost ignorieren kann.Man beachte die Häufung an Verben in Vv. 9b-11: Die Klage über das Verhalten der Schlechten kommt hier zu ihrer Klimax, die einzelnen Anklagen überstürzen sich regelrecht im Gebet des Psalmisten.

12 ['''S'''] Steh auf, JHWH! Mein Gott (Gott),1 heb deine Hand!Vergiss die Elenden [doch] nicht!

  1. Textkritik: Mein Gott (Gott) - Der MT hat „Gott“; Aq, Sym, Syr und (nach einigen Handschriften) auch LXX lag aber offenbar ein heb. Text vor, in dem „mein Gott“ stand. Kissane 1953, S. 40 etwa hält das für ursprünglicher, und da MT nur von VUL und Hieronymus gestützt wird, während Tg auch „Gott“ streicht, sollte man sich dem wohl besser anschließen.

13 Warum verachtet der Schlechte Gott,sagt in seinem Herzen (sagt sich): „Er sucht nicht!“?

14 ['''T''']Du siehst [doch], ach!, du!, Mühsal und Leid.Untersuche [es], um (indem, so dass) zu geben (man gibt, gegeben wird) [es (ihn)] in deine (mit deiner, aus deiner) Hand.1Auf dich kann sich verlassen (wird sich verlassen, wird sich/es dir überlassen) der Verfolgte,[Weil] der Helfer der Waise du bist.2

  1. Sehr schwieriger Satz. Am sinnvollsten ist der Deutungsvorschlag von von Lengerke 1847, S. 48: Gott soll [es, nämlich Mühsal und Leid,] in seine Hände „geben“, d.h. sammeln. Vgl. Ps 56,9: „Sammle meine Tränen in deinem Schlauch. Stehen sie nicht in deinem Buch?“ - d.h.: Gott soll über das Leid des Elenden „Buch führen“. Und vgl. Jes 49,16: „In meine Hände habe ich dich geritzt“. Gott soll Mühsal und Leid also nicht ignorieren, sondern „untersuchen“, und dann im Kopf - oder hier: in der Hand - behalten. Zu übersetzen wäre dann: „indem du [es] in deiner Hand sammelst“ oder freier etwas wie „Schließlich beachtest du Leid und verzeichnest es gar.“ Genauer: Der Satz besteht nur aus zwei Worten: latet, dem Wort natan („geben“) in der Verbform Liqtol, und bejadecha, also „deine Hand“ plus die Präposition be („in, aus, mit, durch,...“). Ein Verb im Liqtol ist „sowohl atemporal als auch apersonal“ (A-C §3.4.1); jeweils aus dem Kontext muss daher erschlossen werden, wer das Subjekt des Verbs ist, wann die mit dem Verb bezeichnete Handlung stattfindet und welche Art von Nebensatz mit dem Verb gebildet werden soll (hier am wahrscheinlichsten: Final („damit“), konsekutiv („so dass“) oder spezifikativ („indem“)). Möglich ist daher neben der obigen jede der folgenden Deutungen des Nebensatzes: Gott soll Mühsal und Leid „untersuchen“ - d.h., darauf reagieren - * „indem er [es] [dem Leidenden ab- und] in seine Hand gibt“. So z.B. NGÜ: „du nimmst das Schicksal [der Leidenden] in deine Hände.“ * „indem er [sie] (nämlich die Schlechten) in seine Hand gibt“, nämlich um sie zu bestrafen. So LXX, Sym, Syr; heute niemand mehr. * „indem er mit seiner Hand gibt“, d.h. den Leidenden sozusagen als Entschädigung für die Mühsal mit Wohltaten segnet. So z.B. TAF: „um [besser: indem] mit Deiner Hand zu geben“; so wohl auch GN: „Du siehst all das Leiden und Unheil und du kannst helfen.“ So schon Tg, auch NKJV. * oder: „indem er mit seiner Hand gibt“, d.h. dem Schlechten seine Übeltaten vergilt. So wohl NL: „Du merkst es und du bestrafst sie.“ Beides kombiniert FREE: „Du schaust auf Mühsal und Gram, um zu vergelten durch deine Hand.“ * sehr interessant, aber auch sehr unwahrscheinlich B-R und R-S, die den Nebensatz nicht zum vorigen, sondern zum nächsten Satz ziehen: B-R: „es in deine Hand zu geben [besser: indem er es in deine Hand gibt, so YLT] überläßts der Elende dir“; R-S: „indem er sich in deine Hand gibt, verlässt sich auf dich der Verfolgte.“ * auch interessant, aber nicht sehr wahrscheinlich: latet bejadeka ist gleichbedeutend mit dem dt. und engl. Idiom „etwas selbst in die Hand nehmen“: „Du schaust auf Mühsal und Leid, um [dann die Sache selbst] in die Hand zu nehmen“. So BB, Weber 2001 und einige engl. Bibeln, z.B. CEB, CJB, HCSB, wohl auch NCV, NIRV. * Vielleicht könnte man auch an Sir 2,22 denken: „Wir wollen lieber in die Hände des Herrn fallen als in die Hände der Menschen“ - und dann davon ausgehen, dass V. 14 im Kontrast zu V. 10 stehen soll, wo der Elende in die Klauen der Schlechten gefallen ist: „indem du [sie (=die Elenden)] [aus den Klauen der Schlechten] in deine Hand gibst“. Aber dafür wäre das Objekt - die Elenden - wohl zu weit weg; zuletzt wurden sie in V. 12 genannt. Oder das Objekt ist der Verfolgte in der nächsten Zeile; solche rückwirkenden Brachylogien finden sich häufiger im Heb. Diese Deutung hätte den schönen Nebeneffekt, dass die viermalige Rede von den „Händen“ in Vv. 10-15 über Kreuz läuft: Der Elende ist in die Klauen der Verfolger gefallen (V. 10), Gott soll ihn stattdessen in seine Hand geben (V. 14). Gott soll seine Hand heben, also aktiv werden (V. 12), aber die Arme der Schlechten zerbrechen, also ihre Aktivität unterbinden (V. 15).
  2. tFN - Die Verbformen in V. 14 (Qatal - Yiqtol - Yiqtol - Qatal) müssen nicht mit Zuber 1986 als (bedeutungsloser) T-Shift zu erklärt werden. V. 14a ist eine gnomische Aussage, 14b ein Wunsch. In 14c ist das Yiqtol ein abilitives Yiqtol und das Qatal in 14d mit der Wortstellung X-Qatal ist ein unmarkierter Nebensatz mit kausaler Sinnrichtung.

15 ['''U'''] Zerbrich den Arm des Schlechten und des Bösen!Suche1 sein2 Böses (Unrecht), [bis (so dass)] du [ihn (es)] nicht mehr findest (Sucht man sein Böses, sei es nicht mehr zu finden! Wenn er nach seinem Bösen greift, soll er es nicht finden)!3

  1. Suche wieder i.S.v. „räche“, vgl. wieder FN w zu Ps 9,13. Gut Bonkamp 1949: „Räche sein Unrecht!“; Terrien 2003: „Pursue his crime!“, Weber 2001: „Ahnde seinen Frevel!“
  2. sein = „ihr“, das des Schlechten und Bösen. Theoretisch könnte man alternativ auflösen: „Zerbrich den Arm des Bösen! / Und vom Schlechten suche sein Böses (=Und suche das Böse des Schlechten), bis...“. So wollten schon die Masoreten den Vers verstanden wissen, aber das ist von der Zahl der Worte, die dann auf die einzelnen Zeilen fallen würden, recht unwahrscheinlich.
  3. V. 15b ist entweder so zu verstehen, dass „finden“ der Korrespondenzbegriff von „suchen“ ist („Räche so lange, bis nichts mehr zu rächen ist (weil die Übeltaten ausgegolten sind)!“). So z.B. BB: „Verfolge das Unrecht, das er begangen hat, bis du nichts mehr davon findest.“ Oder - wegen V. 16 in der Tat wahrscheinlicher -: „Räche dich so lange an den Schlechten, bis sie überhaupt nicht mehr existieren!“. So z.B. H-R: „Ahnde bis zur Vernichtung des Bösewichts Sünde!“, STAD: „Strafe den Bösen, damit er verschwinde“. Textkritik: LXX und Syr übersetzen impersonal (=erste Übersetzungsalternative). Entweder ändern sie dafür den Text oder lesen die 2. Pers. als impersonal, wie sich das bisweilen findet (vgl. GKC §144c; so z.B. Gordis 1957, S. 118). Dem folgt auch eine ganze Reihe Üss. Die zweite Übersetzungsalternative ist als Übersetzung auch ohne Textänderungen möglich und wird so von Ehrlich 1905 und R-S vertreten. Beides ist ganz unwahrscheinlich; darasch ist in Ps 9-10 ein Leitwort, mit dem das Rächen Gottes bezeichnet wird.

16 [Weil] JHWH König auf immer und [für alle] Zeit [ist],Verderben Nationen1 aus seinem Land (seiner Erde).

  1. Nationen - Heb. gojim, oft verwendet für Nationen qua heidnische Nationen; sinngemäßer daher „Heidenvölker“ (ähnlich z.B. Bonkamp 1949; Ehrlich 1905; Weber 2001: „Heiden“).

17 ['''V'''] Du hörst das Verlangen der Elenden, JHWH.Auf die Ausrichtung ihres Herzens (richte ihr Herz aus, richte ihr Herz auf?)1 lass (du wirst, es soll/wird) horchen dein Ohr,

  1. die Bereitung ihres Herzens (bereite ihr Herz) meint wahrscheinlich das Gebet; die Zeile ist damit eine synonyme Formulierung der vorigen Zeile. S.u. So auch R-S: „ihres Herzens Sorgen neige hin Dein Ohr“. Textkritik: Heb. takin libam. takin ist ein Verb in der 2. Pers., das neben MT auch Tg, Aq und Hieronymus vorliegen hatten („du wirst/sollst bereiten/hast bereitet ihre Herzen“); LXX, Sym, Syr und VUL übersetzen aber mit einem Nomen, nämlich entweder „die Bereitung ihres Herzens“ (LXX, Syr), „die Aussage ihres Herzens“ (Sym) oder „das Begehren ihres Herzens“ (VUL). Alle vier lassen sich zurückführen auf hakin libam, „das Bereiten ihres Herzens“. Dem wird man besser folgen müssen: Fast alle Kommentare und Üss. übersetzen mit „stärke ihre Herzen“ oder „richte ihre Herzen auf“. Aber die Wendung „das Herz bereiten“ findet sich in der Bibel häufig und mit einer stabilen Bedeutung: kun meint entweder „zurichten“ oder „ausrichten“ und „das Herz zu-/ausrichten“ meint daher stets entweder, dass ein Herz zum Gebet „zugerichtet“, also vorbereitet ist (s. Ps 57,8; 108,2), oder dass ein Herz auf Gott oder seine Gebote „ausgerichtet“ ist (s. 1 Sam 7,3; 2 Chr 12,14; 19,3; 20,33; 30,19; Esra 7,10; Ps 78,8; 112,7; vom ausgerichtet-sein im Gebet: Ijob 11,13). Eine parallele Formulierung zum MT unserer Stelle findet sich in 1 Chr 29,18: „Richte ihr Herz zu dir!“. Diese Bedeutung hätte MT auch hier, es fügt sich aber in dieser Bedeutung nur schwerlich in den Kontext. Das tabin („nimm ihr Herz wahr“) in einigen Handschriften ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Schreiber das schlecht passende Wort korrigieren wollten. Besser daher als hakin: Die „Ausrichtung ihres Herzens“ meint wie in Ijob 11,13 das Gebet; „Auf die Ausrichtung ihres Herzens lass dein Ohr horchen“ und „du hörst das Verlangen der Elenden“ sind also synonyme Formulierungen. So auch der Midrasch, wo unsere Stelle kommentiert wird wie folgt: „R. Josua (Samuel) bar Nachman hat gesagt: Wenn der Mensch sein Herz auf das Gebet richtet, so kann er versichert sein, dass sein Gebet erhört wird [...].“ (Üs. nach Wünsche 1892, S. 98). Auf anderem Wege zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Gordis 1957, S. 119, der sehr unwahrscheinlich ein Substantiv takin mit der Bedeutung „Inhalt“ ansetzt („dem Inhalt ihres Herzens lausche“) und BHS und Kissane 1953, S. 41, die hegjon („Nachsinnen, Beten“) lesen wollen („dem Beten ihres Herzens lausche“), was aber die alten Übersetzungen nicht gut erklärt.

18 um Recht zu schaffen (indem du Recht schaffst) der Waise und dem Unterdrückten:Es soll nicht weiterhin so weitergehen, dass ein Menschlein aus Erde1 Schrecken verbreitet (Menschlein aus dem Land herausgeschreckt werden).

  1. Menschlein aus Erde - Die letzte Zeile ist sehr nahe an den den letzten beiden Zeilen von Ps 9. Wieder wählt der Dichter bewusst das Wort ´enosch, mit dem oft der Mensch qua schwaches Wesen bezeichnet wird (vgl. z.B. TWOT 136a). Das „aus der Erde“ soll dies noch zusätzlich unterstreichen.

Chapter 11

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden; [Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual])''.2 ''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.'' Auf JHWH vertraue ich (zu JHWH fliehe ich/bin ich geflohen).Wie [könnt] ihr3 [da] zu mir (zu meiner Seele)4 sagen:5„Flieht auf euren Berg6 [wie] ein Vogel!7 ([wie] Vögel; flieh auf euren Berg, Vogel!, flieh/flieht ins Gebirge wie ein Vogel/wie Vögel!)8

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter - Heb. menatseach; genaue Bedeutung unklar. Die Primärübersetzung „Chorleiter“ ist mehr oder weniger Konvention. Für einen guten Vorschlag zur Deutung vgl. Sawyer 2011b: In akkadischen Ritualtexten gibt es ähnliche Angaben wie in den Psalmüberschriften; u.a. wird dort häufig spezifiziert, wer den folgenden Text vorzutragen hat und welches Ritual Anlass des jeweiligen Ritualtextes ist. Entsprechend wäre dann in den Psalmen der menatseach nicht der „Chorleiter“, sondern der Vorsteher über das Ritual, bei dem der Psalm vorzuträgen war. Doch ist auch dies nur ein „educated guess“ und „Chorleiter“ ist in dt. Üss. so etabliert, dass die LF doch besser dieser Deutung folgen sollte.
  3. ihr sind vermutlich nicht verängstigte Freunde des Psalmisten (so die meisten Kommentatoren), sondern eine Gruppe von Feinden der Gruppe, die durch den Psalmisten repräsentiert wird: „Ihr sagt zu mir: Flieht auf ‚euren Berg‘.“ Umstritten ist, ob das folgende Zitat dieser Gruppe von V. 1 bis V. 3 geht, oder ob in V. 2 wieder der Sprecher wechselt und ab hier wieder der Psalmist spricht (so z.B. Gerstenberger 1991, S. 77f.). Aber in der Wendung ki hinneh („denn siehe,...“) hat ki („denn“, „Oh!“, „Ach!“) nie die selbe Funktion wie hinneh (also die eines Fokuspartikels: „Oh! Siehe!, ...“) und muss also als „denn“ verstanden werden. Würde demnach in V. 2 wieder der Psalmist sprechen, würde er ja sein Vertrauen in Gott damit begründen, dass die Frevler schon ihre Bogen spannen. Das liegt sicher fern. Die Sprecher sind also immer noch die selben und sie begründen in V. 2 ihre Aufforderung von V. 1 (für ähnliche mit ki hinneh eingeleitete Begründungen s. z.B. schön deutlich Jer 50,9 auf V. 8; Ps 59,4 auf V. 3; 83,3 auf V. 2). Ab V. 4 dagegen beginnt offenbar die Erwiderung auf 3b: „Was tut JHWH?“ - „Richten.“ (so gut Mannati 1979, S. 225). Die beiden Abschnitte des Psalms sind also sehr wahrscheinlich: Vv. 1b-3 - Vv. 4-7.
  4. zu mir (zu meiner Seele) (V. 1) + hasst er (hasst seine Seele) (V. 5) - Heb. „zu meiner nefesch“ bzw. „hasst seine nefesch (‚Seele‘)“. Eine wörtl. Üs. von nefesch ist fast nie zu empfehlen, weil es im heb. Menschenbild einen Gegensatz von Körper und Seele so nicht gab; nefesch meint hier wie meist den ganzen Menschen/Gott und wird daher hier wie häufig als Wechselbegriff für „Ich“/„Er“ verwendet.
  5. Wie [könnt] ihr [da] zu mir sagen - W. „Wie (´ek) sagt ihr zu mir...?“; das Fragewort ´ek dient hier wie häufig zur Einleitung eines ablehnenden Ausrufs: „Wie könnt ihr nur...!?“ (s. z.B. Gen 26,9; 39,9; Ri 16,15 u.ö). Die obige Übersetzung versucht, diesen Ton einzufangen. Ähnlich viele Üss.
  6. auf euren Berg - nämlich den Zion, den Berg, auf dem Gott in seinem Tempel wohnt und der daher eine sichere Zuflucht ist (vgl. z.B. Zion/Zionstheologie (WiBiLex) und s. z.B. Ps 46,1-8; 48,13-15; zum ähnlichen Motiv des Tempels als Zufluchtsort s. z.B. Ps 27,4f.; 61,4f.).
  7. [wie] ein Vogel, d.h. »wie ein Angsthase« (vgl. Spr 27,8; Hos 11,11). Sehr schön Delekat 1967, S. 154: »Flieh ins Gebirge wie ein Hasenfuss!«»Vogel« ist ein »generischer Singular« mit Pl.-Bed.; übersetze: »wie Vögel«.
  8. Textkritik: Flieht auf euren Berg [wie] ein Vogel ([wie] Vögel; flieh auf euren Berg, Vogel!, flieh/flieht ins Gebirge wie ein Vogel/wie Vögel! - Der heb. Teil der Bibel wurde ursprünglich ohne Vokale geschrieben; jüdische Schriftgelehrte trugen diese Vokale im Mittelalter nach. An dieser Stelle liegt der heb. Text daher in zwei us. Versionen vor: Der Konsonantentext bedeutet »Flieht (mask. pl.)«, die Schriftgelehrten wollten das korrigieren und haben durch die Vokale angezeigt, dass sie den Text verstanden wissen wollen als »Flieh (fem. sg.)«. Darauf folgen im Heb. die Konsonanten hrkm (»auf euren Berg«) und zpwr, das sich entweder als Sg. oder als »generischer« Sg. mit Pl.-Bed. und entweder als Vokativ (»du Vogel / ihr Vögel«) oder als adverbialer Akkusativ des Vergleichs (»[wie] ein Vogel / [wie] Vögel«) verstehen lässt. Die alten Übersetzungen übersetzen fast einheitlich: »Flieh (sg.) ins Gebirge wie ein Vogel«. Auch hier findet sich also meist die Deutung des Verbs als Sg., außerdem fehlt stets das »euer« und stets steht ein »wie«. Das könnte bedeuten, dass den alten Versionen statt den Konsonanten hrkm zpwr (»auf euren Berg [wie] ein Vogel«) die Konsonanten hr kmw zpwr (»ins Gebirge wie ein Vogel«) vorlagen. Die Unterschiede lassen sich aber auch als eine freiere, kontextuelle Übertragung erkären: Die singularische Übertragung des Verbs wäre dem »zu meiner Seele« in V. 1 geschuldet; »auf euren Berg/auf euer Gebirge« wurde als alternativer Ausdruck für »ins Gebirge« gefasst, weil das Gebirge in der Bibel oft der Ort ist, an den in Notsituationen geflohen wird, und das »wie« soll nur den adverbialen Akkusativ des Vergleichs ausdrücklich machen. Ähnlich erklärt z.B. CTAT IV, S. 42f. die Unterschiede; dieser Deutung folgen auch wir und betrachten als ursprünglich: »FliehT auf EUREN Berg [WIE] ein Vogel«. So z.B. auch B-R, MEN, SLT, STAD, TAF, TUR.

2 Denn siehe,1 die Bösen wollen den Bogen spannen,Sie wollen den Pfeil auf die Sehne legen2 Um im Dunkel3 auf die zu schießen, die aufrechten Herzens sind.

  1. Denn siehe leitet hier die Begründung der vorangehenden Aufforderung ein (s. ähnlich z.B. Jer 50,9 auf V. 8; Ps 59,4 auf V. 3; 83,3 auf V. 2); sinngemäßer daher: »Denn siehe die Bösen wollen [ja] den Bogen spannen«.
  2. tFN: wollen legen - W. »legen/haben gelegt.« Zeilen 1 und 2 von V. 2 verwenden unterschiedliche Verbformen. Nach der Logik muss man zuerst den Bogen spannen, bevor man den Pfeil auf die Sehne legen kann; laut den Verbformen von V. 2 ist es hier aber umgekehrt: »Sie werden/wollen den Bogen spannen, / sie haben den Pfeil auf die Sehne gelegt«. Das ist am besten zu erklären als T-Shift (so auch Zuber 1986, S. 26; schon von Lengerke 1847, S. 50): Aus poetischen Gründen kann in der bibl. Poesie von einer Zeile auf die nächste von einem Tempus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass das einen Bedeutungsunterschied machen würde (vgl. z.B. Berlin 1979, S. 23). Auch von den meisten Üss. wird daher richtig der Unterschied zwischen den beiden Verbformen eingeebnet.
  3. im Dunkel, also feige im Schutz der Nacht.

3 Ja, (denn) [selbst] die Fundamente1 sollen (werden) eingerissen werden - Was [also] tut der Gerechte?“2

  1. Fundamente - gemeint ist wohl, »daß die Frevler sogar Fundamente und Siedlungen vernichten« (Loretz 2002, S. 112). Genauer: »Fundamente« wird von fast allen Exegeten und z.B. auch BB, GN, HfA, NeÜ, NGÜ, NL als Metapher für die »Grundlage der Gesellschaft«, nämlich die gesellschaftliche Ordnung oder die wichtigen Bürger als die »Stützen der Gesellschaft«, gedeutet; verwiesen wird dafür auf Ps 82,5; Jes 19,10; Ez 30,4. Das ist ganz unwahrscheinlich. In Jes 19,10 ist vermutlich schetiteha (»Weber«) zu vokalisieren (vgl. BHS; Eitan 1925; heute z.B. Smith 2007, S. 357). Ez 30,4 und Ps 82,5 verwenden andere Wörter als Ps 11. Auch unabhängig davon geht es in Ez 30,4 sicher nicht um »Fundamente der Gesellschaft«, sondern um Urbizid, die vollständige Schleifung einer Stadt (dazu vgl. kürzlich Wright 2015). In Ps 82,5 schließlich ist von den mosde ´arets (»Säulen der Erde«) die Rede, die hier sicher wie sonst auch die Fundamente, auf denen nach dem bib. Weltbild entweder die Erde über der Unterwelt oder der Himmel auf der Erde ruht, meinen (s. zu dieser und ähnlichen Wendungen Dtn 32,22; 2Sam 22,8.16 und Ps 18,7.15; Spr 8,29; Jes 28,18; Jer 31,37; Mi 6,2 und vgl. z.B. Muszyński 1975, S. 105f.). Damit wäre »Fundamente« als Bild für »wichtige Bürger« oder »staatliche Ordnung« also singulär und ist daher besser mit Loretz 2002, S. 112 wörtlich zu verstehen und ebenso wie Ez 30,4 auf den Brauch des Urbizids zu beziehen: Die Bösen wollen nicht nur die Gerechten niedermähen (V. 2), sondern auch ihre gesamte Stadt schleifen (V. 3a).
  2. der Gerechte = JHWH (so schon Ehrlich 1905; z.B. auch Auffret 1981, S. 406; Mannati 1979, S. 225): V. 7 wird sicher JHWH als „der Gerechte“ bezeichnet und es ist unwahrscheinlich, dass innerhalb dieser nur sieben Verse JHWH mit einem Begriff charakterisiert wird, mit dem zuvor schon seine Verehrer charakterisiert wurden. Für Gottes Verehrer ist in Ps 11 der Begriff jaschar („aufrecht“) reserviert. Die Übersetzung „Was kann der Gerechte tun?“ ist wegen der Verbform nicht zulässig (so richtig Kissane 1953, S. 47); gefragt wird nach dem tatsächlichen Tun des „gerechten“ Gottes: Wo bleibt denn sein gerechtes Handeln?

4 JHWH, [der] in seinem heiligen Tempel (Palast) [ist], (JHWH ist in seinem heiligen Tempel; ist JHWH in seinem heiligen Tempel?)JHWH, [der] im Himmel seinen Thron [hat] (JHWH s Thron ist im Himmel; ist JHWHs Thron im Himmel?) -1Seine Augen blicken,2Seine Augen3 prüfen die Menschensöhne.4

  1. der in seinem heiligen Tempel ist + der im Himmel seinen Thron hat - erklärlich durch einen faszinierenden Aspekt des altorientalischen Götterglaubens: JHWH und andere Götter hatten nach der Vorstellung ihrer alten Verehrer klar einen Körper, waren also nicht „reiner Geist“. Sie waren aber nicht an diesen ihren eigentlichen Körper gebunden, sondern konnten sich sozusagen „aufsplitten“ und zusätzlich auch andere Orte, Kultbilder, Gebäude etc. zu „Zweit-körpern“ erwählen. „Der Psalmist glaubt in Übereinstimmung mit einem Denkschema, das sich auch anderswo im Alten Orient findet, dass Gott physisch sowohl an einem Ort auf der Erde als auch im Himmel anwesend sein konnte.“ (Sommer 2009, S. 44 zu Ps 20; zu Ps 11,4 vgl. S. 235 FN 22).
  2. Seine Augen blicken - das Objekt auch dieses Satzes sind die „Menschenkinder“. Die Aneinanderreihung zweier alternativer Ausdrücke für dieses blickende Prüfen soll die Aussage noch steigern und emphatischer machen.
  3. Augen - hier wird ein anderes Wort für „Augen“ verwendet als in Zeile c. Früher wurde es oft mit „Augenlider“ oder „Wimpern“ wiedergegeben, aber vgl. Dahood 1969, S. 351f. u.a.: Alternativer Begriff für „Auge“. Sinnvoll EÜ, LUT, MEN, PAT, R-S, SLT, TUR, van Ess, ZÜR: „Seine Blicke prüfen die Menschenkinder“.
  4. V. 4 - Ein sog. „Casus pendens“ mit einem starken rhetorischen Effekt: Im Heb. kann ein Wort oder Satzglied (hier: die ganzen Zeilen a und b) von seiner „eigentlichen Stelle“ im Satz an den Satzanfang verschoben und dann an dieser seiner eigentlichen Stelle durch ein Pronomen vertreten werden (hier: das „seine“ vor „Augen“). Eigentlich also: „Die Augen JHWHs, der im Tempel ist, prüfen...“Auf diese Weise beginnen beide Strophen mit dem Wort „JHWH“, der Psalmist kann das Wort „JHWH“ seinen Gegenrednern in V. 4 zweimal wie einen Vorwurf entgegenschmettern, bevor er zu seiner eigentlichen Aussage kommt, und Gottes Gegenwart in seinem Tempel im Zion kann noch mal gesteigert werden mit seinem himmlischen Thronen, wie auch das „blicken“ noch mal durch „prüfen“ gesteigert wurde. „Ihr Würmer wagt es, JHWH die Stirn zu bieten? Dem auf dem Zion, dem im Himmel? Ihm, der die Menschenkinder sieht, der sie prüft!?“

5 JHWH, der Gerechte, prüft. (JHWH [ist] gerecht. Er prüft.) - Und den Bösen und den Gewalt Liebenden hasst er (hasst seine Seele).1

  1. V. 5 - Möglich auch: „JHWH prüft als ein Gerechter“, d.h. „er prüft gerecht“ (so B-R). Oder: „JHWH - den Gerechten und den Bösen prüft er, / und den Gewalt Liebenden hasst seine Seele.“ (so die meisten Kommentatoren und Übersetzer; bes. Michel 1997, S. 60-65). Oder: „JHWH - den Gerechten prüft er, und den Bösen und den Gewalt Liebenden hasst seine Seele.“ Unsere Üs. folgt Alexander 1850; ähnlich auch Delekat 1967, S. 156 und Eerdmans 1947. „Gerecht“ ist in V. 7 sicher auf JHWH zu beziehen und es ist unwahrscheinlich, dass in den nur sieben Versen dieses Psalms Gott mit dem selben Wort charakterisiert wird, mit dem zuvor auch seine Anhänger charakterisiert wurden. V. 5 führt also die Aussage in V. 4 weiter und macht sie zur Drohung: „JHWHs Augen blicken, sie prüfen die Menschenkinder. JHWH prüft - und wer sich dabei als Böser oder als Gewaltliebhaber ergibt, den hasst er.“

6 Er wird (soll)1 regnen lassen auf [die] Bösen Schlingen (Kohle?):2Feuer, Schwefel3 und gewaltiger (glühender) Wind [ist] der Anteil ihres Bechers.4

  1. wird (soll) - Ein Jussiv („soll“). Unzulässig daher: „Er lässt regnen“. Der Jussiv hat hier vermutlich kommissive Sinnrichtung und wird so als Drohung verwendet; im Dt. entspricht dem: „Er wird regnen lassen.“
  2. Textkritik: Schlingen (Kohle?) - Die „Schlingen“ werden von fast allen Kommentatoren nach Sym korrigiert zu „Kohle“; so schon der Midrasch. Alle anderen alten Übersetzungen hatten aber offensichtlich das selbe Wort vorliegen, das sich auch im heb. Text findet; das „Kohle“ von Sym. ist also sicher selbst eine Korrektur. Delitzsch 1894, S. 133 und Eerdmans 1947, S. 130 wollen daher diese „Schlingen“ als einen metaphorischen Ausdruck für „Blitze“ verstehen, aber das ist sicher abzulehnen (so richtig schon Olshausen 1853, S. 71). Und CTAT IV, S. 47 will dem Wort pachim („Schlingen“) die allgemeinere Bed. „Unglück, Leid“ geben, aber auch das ist abzulehnen. Vielleicht also so: „Schlingen“ sind in Ps 124,7; Spr 7,23; Pred 9,12; Am 3,5 speziell Fanggeräte für Vögel. Wir könnten also hier das häufige Motiv der „Umkehrung der Verhältnisse“ vor uns haben: Nicht die Israeliten sollen „wie Vögel fliehen“ (V. 1), sondern JHWH wird dafür sorgen, dass im Gegenteil ihre Feinde wie Vögel werden: Wie diese durch Vogelfallen „besiegt“ werden, wird JHWH die Feinde der Israeliten besiegen, nämlich durch Feuer, Schwefel und Sturmwind.
  3. Zu Feuer und Schwefel vgl. Gen 19,24 und Ez 38,22, wo Gott seine Feinde vernichtet, indem er Feuer und Schwefel vom Himmel regnen lässt. Auch „Wind“ kommt nach bibl. Vorstellung oder nach bibl. Idiom vom Himmel herab; in Jon 1,4 z.B. kann daher Gott einen Wind auf das Meer „hinabwerfen“.
  4. der Anteil ihres Bechers, d.h. ihr Los. S. ähnlich Ps 16,5; Jer 49,12; Ez 23,31-33; Hab 2,16. „Zugrunde liegt dabei die Vorstellung vom Hausvater, der seinen Gästen beim Mahle ihre Trinkportion in den Becher eingießt.“ (Herkenne 1936, S. 73). Bes. in späteren Schriften wird dieser Becher oft explizit näher bestimmt als „Zorneskelch“: Was den Empfängern dieses „Zorneskelches“ zukommt, ist der Zorn JHWHs. Das ist auch hier gemeint.

7 Weil JHWH gerecht (der Gerechte) ist (denn JHWH ist gerecht.), Gerechtigkeit liebt (liebt er Gerechtigkeit.),Wird1 ein Aufrechter sein Gesicht sehen (wird sein Gesicht auf einen Aufrechten sehen?).2

  1. wird - Eigentlich ein Plural-Verb, da „der Aufrechte“ ein „generischer Singular“ mit Pl.-Bed. ist. Sinngemäß also: „Werden Aufrechte sein Gesicht sehen“.
  2. sein Gesicht sehen meint wohl: Von ihm gesegnet werden. Das „Sehen von Gottes Gesicht“ ist etwas innerweltlich Geschehendes (s. Ps 17,15), also nichts, was erst nach einer „Auferstehung“ o.Ä. geschehen würde. Wahrscheinlich handelt es sich also um den Korrespondenz-ausdruck von „JHWH lässt sein Gesicht über jmdn leuchten“, das gleichfalls für JHWHs Segen steht (s. z.B. Num 6,25; Ps 41,17; 67,2; 80,4.8.20; 119,135): JHWH lässt sein Angesicht über jmdm leuchten ≙ Jmd sieht das Angesicht JHWHs. Zum ersten Ausdruck vgl. bes. Smith 1988b, zum zweiten z.B. Aaronitischer Segen (WiBiLex). Gemeint ist sowohl: „Aufrechte werden sein Gesicht sehen“, d.h. „Er wird seinen Anhängern schon helfen“, als auch: „[Nur] Aufrechte werden sein Gesicht sehen“, d.h. „euch Bösen steht ein schlimmes Geschick bevor“.

Chapter 12

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden)''.2 `al-hascheminit ''([Vorzutragen] von Basstimmen; [Vorzutragen vom] Vorsteher über [das Ritual] „hascheminit“)''.3 ''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter - Heb. menatseach; genaue Bedeutung unklar. Die Primärübersetzung „Chorleiter“ ist mehr oder weniger Konvention. S. noch nächste FN.
  3. `al-hascheminit ([vorzutragen] von Bassstimmen; [Vorzutragen vom] Vorsteher über [das Ritual] „hascheminit“) - rätselhafter Begriff, der sich auch im Titel von Ps 6,1 findet. Wegen 1 Chr 15,20f., wo sich das Wort neben `alamot findet, was oft als „Jungfrauenweise“=„hohe Gesangsstimme“ gedeutet wird, geht man häufig davon aus, dass er etwas mit der musikalischen Begleitung oder Vortragsweise des Psalms zu tun habe und schließt davon dann z.B. auf die Bedeutungen „Für die Bassstimme“ (so z.B. Craigie 1983), „in der achten Tonart“ (so z.B. Werner 1959, S. 384-388) oder „[zu spielen] auf der achtseitigen Harfe“ (so z.B. Kraus 1961, S. XXVIII). Dass in den sog. „Psalmenüberschriften“ Angaben zur Vortragsweise der Psalmen stehen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Einen wahrscheinlicheren Vorschlag zu ihrem Verständnis hat 1970 John Sawyer gemacht (s. Sawyer 2011b): In akkadischen Ritualtexten gibt es ähnliche Angaben wie in den Psalmüberschriften; u.a. wird dort häufig spezifiziert, wer den folgenden Text vorzutragen hat und welches Ritual Anlass des jeweiligen Ritualtextes ist. Entsprechend wäre dann in den Psalmen der menatseach nicht der „Chorleiter“ und hascheminit nicht die Melodie, sondern der menatseach wäre Vorsteher über das Ritual mit dem Namen hascheminit, bei dem der Psalm vorzuträgen wäre. Doch ist auch dies nur ein „educated guess“ und „Chorleiter“ und die Deutung von hascheminit als Angabe zur Vortragsweise des Psalms sind in dt. Üss. so etabliert, dass die LF doch besser dieser Deutung folgen sollte: „Für den Chorleiter. [Vorzutragen] von Bassstimmen“.

2 Hilf (Rette),1 JHWH, denn [der] Fromme (Frömmigkeit) endet (ist geendet),Denn [die] Treuen (Treue) gehen zugrunde (sind zugrunde gegangen)2 unter den Menschenkindern!

  1. Hilf! - Kürzestmöglicher Hilferuf; selbst der Empfänger der Rettung Gottes wird hier nicht genannt, was so ungewöhnlich ist, dass LXX ergänzt: „Hilf mir!“. Gut daher der Vorschlag einer stiltreuen Übersetzung von Ruiz 2013, S. 129 FN 13: „Hilfe!“
  2. Textkritik: gehen zugrunde - Heb. pasu; das Wort findet sich einzig hier in der Bibel; die Bed. ist daher unklar. Tg aber hat sapu und auch die Übersetzung von LXX legt nahe, dass in dem ihr vorliegenden Text sapu stand; ein recht häufiges Wort mit der Bed. „zugrunde gehen“. Weil außerdem einige Handschriften den Text korrigieren zu patsu, muss man davon ausgehen, dass im MT ein Schreibfehler vorliegt und der urspr. Text in der Tat sapu gelautet hat; so auch BHS; Ges18, S. 877; KBL3, S. 705.

3 Erlogenes sagt jeder seinem Nächsten;1[Mit] glatter Lippe,2 mit Herz und Herz3 sprechen sie!

  1. jeder seinem Nächsten - d.h. „alle lügen einander an“; zur Konstruktion vgl. Bar-Asher Siegal 2012. Gut daher HfA, NGÜ: „Jeder belügt jeden.“
  2. Mit glatter Lippe - stehender Ausdruck für „heuchlerisch“, s. noch Ps 5,10; 55,22; Röm 3,13 und vgl. z.B. ThWAT II, S. 1012.
  3. mit Herz und Herz - Entweder zu erklären als „mit doppeltem Herzen, dem einen in der Brust und dem andern, davon verschiedenen und deshalb falschen, auf der Zunge“ (Olshausen 1853, S. 72) oder „mit doppelter, zweideutiger Gesinnung“ (Herkenne 1936, S. 74), also: „unaufrichtig“. Der Sinn ist also: „Jeder belügt jeden; spricht doppelzüngig, unaufrichtig!“

4 JHWH möge vernichten (abschneiden) alle glatten Lippen,[Die] Zunge, die Großes (Vermessenes) spricht,

5 [Sie], sie [vorher] gesagt haben: „Mit unserer Zunge sind wir stark (unserer Zunge verschaffen wir Stärke?, über unsere Zunge herrschen wir?)Unsere Lippen [sind] mit uns (gehören uns) - wer [also] [will da] Herr über uns [sein]?“

6 „Wegen der Gewalt gegen [die] Elenden, wegen dem Ächzen [der] Armen - Jetzt werde (will) ich mich erheben“,1 möge (wird) JHWH sprechen (spricht JHWH?);2„Ich werde (will) in Sicherheit bringen (ins Heil versetzen) [den, der] danach seufzt (gegen den man schnaubt, will seinen Zeugen in Sicherheit bringen, will ihm zum Heil einen Zeugen stellen).“3

  1. Ich werde ich mich erheben, d.h. werde aktiv, anstatt, wie bisher, nichts gegen die Sünden der Glattlippigen und Doppelzüngigen zu unternehmen.
  2. möge (wird) JHWH sprechen (spricht JHWH?) - Wichtige Stelle; das Verb wird leider selten kommentiert. Das Verb „sprechen“ steht in der Verbform „Yiqtol“, nicht gesagt wird also, dass JHWH etwas gesagt habe oder aktuell etwas sagt, sondern dass er etwas sagen soll (Alexander 1850)/wird (Eerdmans 1947) oder immer wieder etwas sagt (am besten Kissane 1953, S. 51: „Hier wird wahrscheinlich keine wirkliche Prophezeiung zitiert, sondern nur der traditionelle Glaube an die Rache [Gottes] in der Form einer Prophetie ausgedrückt“). S. dazu die Anmerkungen. Vgl. allerdings auch Zuber 1985, S. 131-133, der mit Jes 1,11.18; 40,1.25; 41,21 fünf weitere Stellen mit einem ähnlich schwer erklärbaren „sagen“ im Yiqtol sammelt (evt. auch Jes 33,10, wo aber 1QJesa Qatal hat und also ein Schreibfehler im MT vorliegen könnte).
  3. [den, der] danach seufzt (gegen den man schnaubt, will seinen Zeugen in Sicherheit bringen, will ihm zum Heil einen Zeugen stellen) - Die us. Alternativübersetzungen gehen alle auf Vorschläge zur Deutung derselben zwei Worte zurück. Die Primärübersetzung ist aber doch die wahrscheinlichste. Zu „gegen den man schnaubt“ s. Ps 10,5 und dazu FN o; so z.B. Koenen 1996, S. 6. In Ps 10,5 wird aber wird eine andere Präposition verwendet. Zu „seinen Zeugen in Sicherheit bringen“ vgl. v.a. Miller 1979, zu „ihm einen Zeugen stellen“ Janzen 2004; besagter „Zeuge“ würde aber in diesem Psalm auftauchen wie ein Deus ex machina. „Der danach seufzt“ dagegen lässt sich gut aus dem „ächzenden Armen“ in V. 6a erklären; vgl. dazu v.a. Hab 2,3.

7 [Und diese] Aussagen von JHWH [mögen sein (sind)] reine Aussagen,Silber, [das] geläutert [wurde] ???,1[Das] siebenfach in die Erde veredelt [wurde].

  1. ??? - Heb. ba`alil; Bed. heute und schon den alten Üss. ganz unklar. In die LF sollte daher eine verbreitete und unauffällige Üs. übernommen werden; am besten: „Silber, das veredelt wurde im Schmelztiegel, / das mit Erde siebenfach geläutert wurde.“ (ähnlich z.B. ZÜR). Gemeint ist dann Folgendes: Silber wurde im Alten Israel v.a. aus Blei-Silbererz gewonnen, indem es vom Blei getrennt wurde. Geschmolzenes Blei hat eine geringere Oberflächenspannung als Silber; schmolz man daher die Blei-Silbermischung in einer sog. „Kupelle“ - einem mit Lehm, Knochenasche oder einer anderen porösen Substanz ausgekleideten Schmelztiegel -, wurde das Blei von dieser Auskleidung aufgesogen, während das Silber als eine kleine geschmolzene Kugel am Boden der Kupelle zurückblieb. Dieser Vorgang wird in unserem Vers sieben Mal wiederholt; was übrig bleibt, ist also denkbar reines Silber. Dass Gottes „Aussagen“ mit diesem Silber verglichen werden, bringt sie in einen starken Kontrast zu den anmaßenden Lügenreden, die in Vv. 2-5 beklagt werden.

8 Du, JHWH,1 mögest (wirst) sie2 behüten (sie (=die Worte) halten?),Mögest (wirst) ihn schützen vor diesem (dem) Geschlecht auf ewig (diesem Geschlecht, das ewig [währt])! Rings (im Kreis) gehen Böse einher,Da Verachtenswertes hoch ist (wird)3 bei den Menschenkindern.4

  1. Du, JHWH findet sich häufig zur Einleitung einer Bitte, nachdem zuvor in einem anderen „Modus“ gesprochen wurde (s. Ps 22,20; 40,12; 41,11; 59,6; 109,21), und ist daher wahrscheinlich eine Art „stärkerer Vokativ“, der Gott signalisieren soll, dass der Beter sich jetzt wieder mit einer Bitte an ihn richtet. Im Dt. entspräche dem eher ein „JHWH! Behüte...“
  2. Sowohl sie als auch ihn in V. 8 bezieht sich am wahrscheinlichsten auf die Armen in V. 6. Wegen diesem Numerus-Wechsel wurde früher häufig der Text korrigiert, doch das ist unnötig: N-Shift: Aus poetischen Gründen kann in der heb. Lyrik von einer Zeile auf die andere von einem Numerus zum nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Bedeutungsunterschied machen würde. In Ps 12 findet sich noch häufiger: V. 2a: „der Fromme“ - 2b: „die Treuen“; V. 6a: „die Elenden und Armen“ - 6c: „der, der danach seufzt / auf den man schnaubt“ (vgl. gut Ruiz 2013, S. 129.130).
  3. hoch ist (wird) - d.h. „hoch im Kurs steht“ oder „immer schlimmer wird“. „Verachtenswertes“ findet sich nur hier in der Bibel; die Bed. ist also etwas unsicher, heute aber recht unumstritten.
  4. V. 9 wird gern mit einem „auch, wenn“ an V. 8 angeschlossen: „Du, JHWH, mögest sie vor diesem Geschlecht beschützen, / auch, wenn ringsum die Bösen einherschreiten.“ Das hat keine Basis im Text und ist abzulehnen (so richtig Rong 2012, S. 158). Allenfalls vielleicht möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich: „... vor diesem Geschlecht, / [die] sich ringsum als Böse ergehen.“ (so Scoralick 2013, S. 189). Ganz untypisch kehrt also der Psalm nach seiner Bitte an Gott noch einmal zur Schilderung der schlimmen Situation zurück, was durch die Wiederholung des Begriffs „Menschenkinder“ aus dem Beginn des Psalms zusätzlich unterstrichen wird. Früher hat das viele Textkorrektur-Vorschläge veranlasst; definitiv am sinnvollsten Zorell 1929, S. 100: kerum [kerom] zullut („Schneide ab/vernichte [die] Gemeinheit!“).

Chapter 13

1 1 Für den den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden).2 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Genaue Bedeutung unklar. Die gewählte Übersetzung ist mehr oder weniger Konvention, obwohl es nicht an alternativen Übersetzungsvorschlägen mangelt.

2 Bis wann (wie lange)1, JHWH, wirst (willst) du mich [so] gänzlich (für immer, fortwährend)2 vergessen3? Bis wann (Wie lange) wirst (willst) du dein Gesicht vor mir verbergen4?

  1. Bis wann (wie lange) - Einige Exegeten denken, dass mit „bis wann“ eingeleitete rhetorische Fragen sich in der Bibel besonders in „vorwurfsvoller Rede“ fänden und daher als eine ungeduldigere Variante zum üblichen „Wie lange noch“ aufzufassen sei (so z.B. Gerstenberger 1991, S. 84; Herkenne 1936, S. 75f.; Zenger 1987, S. 75). Auf einige Stellen mag das auch passen, aber vgl. zum vorwurfsvollen „Bis wann“ vs. „Wie lange“ z.B. Jos 18,3; Ijob 18,2 vs. Ps 82,2; 94,8 und zum wohl eher „vorwurfslosen“ und unserem Vers ähnlicheren „Bis wann“ vs. „Wie lange“ z.B. Jer 47,6; Hab 1,2 vs. Ps 6,4; 74,10; 80,5; 90,13; 94,3 - „Bis wann“ und „Wie lange“ sind daher wohl doch eher schlicht gleichbedeutende Ausdrucksvarianten, die beide sowohl vorwurfsvollen als auch vorwurfslosen Unterton haben können.
  2. [so] gänzlich (für immer, fortwährend) - Deutung umstritten; s. die Anmerkung zum Text a. Nach unserem Verständnis hat das Wort superlativische Funktion und soll das „vergessen“ noch zusätzlich steigern; vgl. bes. Ehrlich 1905, S. 25; Thomas 1956; so auch ALB; EÜ; H-R; HER05; Kissane 1953, S. 52; LUT; MEN; NeÜ; Nötscher 1959, S. 34; SLT; STAD; TUR; van Ess; Zenger 1987, S. 73; ZÜR.
  3. vergessen ist nicht wörtlich zu verstehen - als hätte Gott ein schlechtes Gedächtnis. Ähnlich, wie die Rede davon, dass Israel Gott oder seine Gebote „vergisst“, fast stets meint, dass es sich von Gott und seinen Geboten abgewandt hat, meint auch die Rede von Gottes „Vergessen“ ein aktives sich-Abwenden Gottes (s. noch 1Sam 1,11; Ps 10,12; 42,10; 44,25; Jes 49,14; Klg 5,20): Gott entzieht jenem, den er „vergisst“, seine Huld und lässt so zu (vielleicht sogar: sorgt dafür), dass ihm Schlimmes zustößt; vgl. gut Janowski 2001, S. 27f; Wöhrle 2011, S. 228.230.
  4. dein Gesicht vor mir verbergen - Die Rede davon, dass Gott „sein Angesicht vor jemandem verbirgt“, hat exakt die selbe Bedeutung wie die, dass er jemanden „vergisst“ (s. vorige FN): Gott verbirgt sein Gesicht vor jemandem = Gott schaut jemanden nicht mehr gnädig an (und lässt so zu, dass Unheil über ihn hereinbricht); vgl. FN u zu Ps 30,8; ad loc. gut auch Kraus 1961, S. 100; Nötscher 1959, S. 34f; Prinsloo 2013, S. 793.

3 Bis wann (Wie lange) muss (werde) ich Pläne (Auflehnung?, Schmerzen?, Kummer?, Sorgen?)1 in meine Seele2 legen, Wobei ([Bis wann (wie lange)] [wird sein/muss ich legen])3 Kummer in meinem Herzen [ist] [sogar] am Tag (täglich?, den ganzen Tag?, Tag [und Nacht]? {am Tag}?)4?Bis wann (Wie lange) wird (darf) mein Feind (meine Feinde)5 mir überlegen sein (über mich erhoben sein, über mich erhaben sein, über mich triumphieren)6?

  1. Pläne (Auflehnung?, Schmerzen?, Kummer?, Sorgen?) - Bedeutung umstritten; vgl. Anmerkung zum Text b. Am Besten ist die Zeile nach der alten Erklärung von Baethgen 1892, S. 34 zu verstehen, „der Sänger mach[e] sich Pläne, wie er den Gefahren[, die in V. 3c genannt werden,] entrinne.“Gelegentlich wurde eingewandt, dass „Pläne“ nicht zu nefesch (hier traditionell - und ungenau - übersetzt mit: „Seele“) passen würde, weil nefesch nicht den Verstand des Menschen, sondern seine Emotionen bezeichne (zu nefesch als Sitz der Emotionen vgl. z.B. Wolff 1973, S. 33). Das greift nicht: Wenn - was in der Tat richtig ist - nefesch den Menschen in seinem Streben und Sehnen beschreibt, heißt das ja nur, dass „Wie lange muss ich noch Pläne in meine nefesch legen?“ nicht nach dem rationalen Überdenken möglicher Auswege aus der Notsituation fragt, sondern nach dem Streben nach einem solchen Ausweg; sinngemäß also: „Wie lange muss ich mich noch nach einem Ausweg sehnen?“ Recht gut daher R-S („Wie lange soll ich meinen Geist mit Sinnen quälen?“); Zenger 1987, S. 73 („Bis wann muß ich mit Gedanken quälen meine Seele?“).
  2. in meine Seele - dazu s. vorige FN.
  3. Wobei Kummer in meinem Herzen ist (Wie lange wird sein/muss ich legen Kummer in meinem Herz) - Beide Auflösungen sind hier gleichermaßen möglich; die eingeklammerte erfordert allerdings die Ergänzung (->Brachylogie) von „wird sein“ und „muss ich legen“ aus der vorigen Zeile, was aber nicht problematisch ist. Dass diese Zeile die einzige in Vv. 2f ist, in der das einleitende „Bis wann“ fehlt, ist aber so auffällig, dass die primäre Übersetzung doch etwas wahrscheinlicher ist.
  4. [sogar] am Tag (täglich?, den ganzen Tag?, Tag [und Nacht]?, am Tag?) - Deutung umstritten; s. Anmerkung zum Text d. Vermutlich ist das „am Tag“ steigernd zu verstehen: Während die übliche Zeit, zu der man Kummer besonders intensiv „im Herzen“ empfindet, eigentlich die Nacht ist (so schon Olshausen 1853, S. 75), ist der Kummer des Psalmisten besonders groß - so groß ist er, dass er sogar noch am Tag seinen Kummer gar nicht verdrängen kann (Barthélemy 1982, S. 54; Janowski 2001, S. 26; mit „[sogar]“ übersetzen auch Wöhrle 2011 und Zenger 1987; vielleicht aus diesem Grund auch Deissler 1989, S. 62: „am hellen Tag“).
  5. Mein Feind (meine Feinde) + Lass meine Augen leuchten - An der Deutung dieser beiden Ausdrücke hängt die Deutung des gesamten Psalms. „Mein Feind“ - im Hebräischen Singular - ließe sich auch deuten als sog. „kollektiver Singular“ (so z.B. Anderson 1972, S. 129), müsste dann treffender als Plural „Meine Feinde“ übersetzt werden und würde dann wie „Meine Bedränger“ in V. 5 die vielen Feinde des Psalmisten meinen. Oder aber „Mein Feind“ steht bewusst im Singular und ist ein Schimpfwort für den Tod, den Erzfeind des Menschen (so Craigie 1983, S. 142; Dahood 1965, S. 76; Zenger 1987, S. 80f). Die Frage nach der Bedeutung von „Lass meine Augen leuchten“ ist etwas komplexer: Im Hebräischen gibt es zwei Idiome, die sich hier nahelegen: Die „Augen“ sind in der israelitischen Vorstellung eine Art „Barometer der Lebenskraft“ (Anderson 1972, S. 129): Ist ein Mensch alt, krank, schwach oder traurig, hören seine Augen auf, zu „leuchten“ (s. Dtn 34,7; Ijob 17,7; Ps 6,8; 38,11; Klg 5,17). Gesundet er oder erholt er sich, leuchten seine Augen dagegen wieder auf (s. 1Sam 14,27.29; Esra 9,8; Ps 19,9). Ein weiteres häufiges Idiom ist die Rede davon, dass Gott sein Gesicht „über jemandem leuchten“ lässt; eine geprägte Wendung dafür, dass er allgemein gnädig an jemandem handelt (s. Num 6,25; Ps 31,17; 67,2; 80,4.8.20; 119,135 (vgl. Vv. 134.136); Dan 9,17). - Dass wir hier Idiom (1) vor uns haben, ist ganz deutlich. Einige denken aber - geleitet davon, dass in V. 2 vom „Verbergen des Gesichts Gottes“ die Rede ist, dass auch in V. 4 das Verb „leuchten“ verwendet wird und dass auch „schau her, antworte mir!“ in V. 4 in etwa die selbe Bedeutung hat wie das zweite Idiom (dazu s. dort) -, dass diese zweite Bedeutung mindestens mitgemeint sei (so bes. Janowski 2001, S. 35f; z.B. auch Craigie 1983, S. 142; Kraus 1961, S. 101f; NIDOTTE, S. 325). - Fraglich ist also: Bedeutet „Lass meine Augen leuchten“ nur „Lass mich wieder gesunden“, meint es gleichzeitig auch allgemein „Erbarme dich meiner“ oder fragt der Psalmist mit diesem Ausdruck gar ausschließlich allgemein nach dem Erbarmen Gottes? Abhängig von der Deutung der beiden Ausdrücke lassen sich zwei Gesamtbedeutungen für den Psalm konstruieren - die Unterschiede sind im folgenden kursiviert: # Gott ist dem Psalmisten nicht mehr gnädig (V. 2), darum schwebt er in Todesgefahr: er wird von seinem Erzfeind - dem Tod - bedroht und sucht verzweifelt nach einer Rettung (V. 3). Mit letzter Kraft und zum wiederholten Male ruft er zum Herrn um Rettung (4a): Er soll ihn wieder gesunden lassen (4b), da ja sonst sein Erzfeind - der Tod - über ihn triumphiert (4c.5a). # Gott ist dem Psalmisten nicht mehr gnädig (V. 2), darum ist Unheil über ihn hereingebrochen: Seine Gegner sind ihm überlegen und er sucht verzweifelt nach einer Rettung (V. 3). Mit letzter Kraft und zum wiederholten Male ruft er zum Herrn um Rettung (4a): Er soll ihm wieder gnädig sein (4b), da sonst seine Gegner endgültig über ihn triumphieren (4c.5). Nach der ersten Deutung wäre Ps 13 also ein „allgemeines“ Gebet um die Errettung vom Tod, nach der zweiten Deutung ein Gebet um die Errettung von Feinden, die dem Psalmisten so sehr überlegen sind, dass er in Todesgefahr schwebt. Es ist recht schwierig, zu entscheiden, welche von beiden hier vorzuziehen ist. Etwas mehr in Richtung von Deutung (1) scheint aber zu weisen, dass erst dann der Singular von „mein Feind/meine Feinde“ wirklich motiviert wäre, während im Falle von Deutung (2) unerklärlich bliebe, warum der Psalmist zweimal von „den Feinden“ im Singular (Vv. 3.4) und einmal im Plural (V. 5) spricht; außerdem die Tatsache, dass in besagten beiden Idiomen das „Licht des Gesichts Gottes“ und das „Licht der Menschenaugen“ eigentlich nichts miteinander zu tun haben und nicht zuletzt natürlich, dass das zweite Idiom („Lass dein Gesicht über mir leuchten“) einfach nicht in unserem Psalm steht. Der „Feind“ ist daher wohl tatsächlich besser als Ausdruck für den Tod zu lesen und „Lass meine Augen leuchten“ als Idiom für „Lass mich wieder gesunden“, was dann darauf hindeutet, dass der Psalm in der Situation einer langen Krankheit gesprochen ist (als Gebet eines Kranken wird er z.B. auch gedeutet von Gerstenberger 1991, S. 85; Steck 1980, S. 60f.; Schmidt 1934, S. 22).
  6. überlegen sein (erhoben sein, erhaben sein, triumphieren) - „überlegen sein“ gut nach Ges18. Die Übersetzung „erhaben sein“ ist nicht sinnvoll, da der Begriff einen „sittlich-ästhetischen Wertbegriff“ bezeichnet, der hier sicher nicht gemeint ist, und dass der Feind noch nicht über den Psalmisten „triumphiert“ hat, wird in V. 5 ja deutlich gesagt. Sehr gut daher Fokkelman 2001, S. 92: „How long will my enemy have the upper hand?“. Möglich wäre außerdem die Deutung als „erhoben sein“; der Fokus läge dann nicht auf der schieren Überlegenheit des Feindes über den Psalmisten, sondern darauf, dass Gott ihm diese Überlegenheit verliehen und den Psalmisten so an ihn ausgeliefert hat.

4 Schau ([auf mich])!1, antworte mir, JHWH!2 Mein Gott, lass meine Augen leuchten,Damit ich nicht zum Tod entschlafe (im Tod schlafe, tot schlafe, den [Schlaf des] Tod[es] schlafe)!3

  1. Schau ([auf mich]) ist entweder eine sog. „phatische Äußerung“ - d.h. eine Äußerung, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf den Sprecher lenken soll (vergleichbar etwa einem gehobenerem Deutschen „Hey!,...“, „Hör mal:...“; vgl. dazu z.B. Jenni 2005, S. 242), oder man muss ein „auf mich“ aus dem folgenden „antworte mir“ ergänzen (-> Brachylogie; so auch AOAT; Barnes 1869; Buttenwieser 1938; Christensen 2005.13; Dahood 1965; Dolson-Andrew 2004; FENZ; Fokkelman 2001, S. 92; Limburg 2000; NW; Terrien 2003; Zenger 1987). Bedeutungsmäßig besteht kein großer Unterschied zwischen beiden Analysen: Im ersten Falle würde das „Schau!“ das folgende „Antworte mir!“ (dazu s. nächste FN) noch zusätzlich unterstreichen, im zweiten wäre es gleichbedeutend mit dem folgenden „Antworte mir!“ - nämlich würde in diesem Fall der Psalmist mit dem Idiom „Schau auf mich“ darum bitten, dass Gott sich des Elends des Beters annimmt (vgl. THAT II, S. 696f) - und würde auf diese Weise das folgende „antworte mir“ verstärken. In beiden Fällen wäre eine Übersetzung mit „Schau her!“ oder „Sieh auf mich!“ irreführend; im ersten Fall besser etwas wie „Sieh her [Ach,] erhöre mich [doch], JHWH!“; im zweiten etwas wie „Erbarme dich meiner! Erhöre mich, JHWH!“. Beide Analysen sind hier gleichermaßen möglich; weil aber rückwirkende Brachylogien (d.h. unvollständige Konstruktionen, die man nicht aus einer vorangegangenen Konstruktion „vervollständigen“ muss, sondern aus einer erst noch folgenden Konstruktion - wie hier dem folgenden „antworte mir“) auch im Hebräischen eher selten sind, sollte man sich vielleicht doch eher für Analyse (1) entscheiden.
  2. Die Strukturierung von Vv. 4f ist in der Exegese umstritten; s. Anmerkung zum Text f. Mit der Aufteilung von V. 4 zwischen „JHWH“ und „mein Gott“ folgen wir Fokkelman 2000, S. 87; Fokkelman 2001, S. 92; Weber 2005, S. 121 und Zenger 1987, mit der Parallelisierung von 5b mit 6a Kissane 1953, S. 53; Steck 1980, S. 62; Zenger 1987, S. 73f und Zorell 1928, S. 17.
  3. zum Tod entschlafe (im Tod schlafe, tot schlafe, den [Schlaf des] Tod[es] schlafe) - Analyse umstritten; s. Anmerkung zum Text g. Der primäre Vorschlag ist die Mehrheitsmeiung und ist auch als der einfachste vorzuziehen. „Schlaf“ wird hier - wie öfter (vgl. z.B. Lanckau 2010) - als Metapher für „Tod“ verwendet; „zum Tod entschlafen“ ist also eine Art „semantische figura etymologica“ (vgl. gut Ehrlich 1905, S. 25) und meint „des Todes sterben“ oder schlicht „sterben“ (so daher z.B. GNT, GW, HfA, NCV, NIRV, NL, NLT, STAD). Eine Nachahmung der bildl. Rede versuchen Gerstenberger 1972 („damit ich nicht in den Tod hinüberdämmere“), GN („damit ich nicht in Todesnacht versinke!“) und NeÜ („dass ich nicht in Todesnacht falle“).

5 Damit mein Feind (meine Feinde) nicht sagen kann: „Ich habe ihn übermocht (Ich habe ihn ausgetilgt?, Ich habe es geschafft?)1!“ Mögen auch meine Bedränger jubeln (Meine Bedränger jubeln), weil (wenn, dass) ich wanke (wanken werde)2 -

  1. Ich habe ihn übermocht (Ich habe ihn ausgetilgt?, Ich habe es geschafft?) - Bedeutung umstritten; s. Anmerkung zum Text h. Nach unserer Deutung ist das Wort vom Hebräischen jakal abzuleiten, das sowohl »überlegen sein« als auch »siegen« bedeuten kann; die Zeile greift damit gleichzeitig den Gedanken aus Zeile 3c (»Bis wann wird mein Feind mir überlegen sein?«) und Zeile 4c (»damit ich nicht sterbe«) wieder auf. Im Deutschen laufen beide Bedeutungen wohl am besten zusammen im Wort »übermögen«, doch ist das vielleicht schon zu alt für die LF (?) - in diesem Fall vielleicht besser: »Ich habe ihn überwältigt«.
  2. Zum Wanken vgl. FN r zu Ps 30,7: „Wanken“ ist eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen. Meist handelt es sich bei diesem nicht-Wanken um eine Gnadengabe Gottes, beim Wanken dagegen um eine direkte Folge aus einem Gnadenentzug (einer „Gesichtsverbergung“; s. V. 2; Ps 30,7f) Gottes.

6 vertraue ich dagegen (Ich dagegen vertraue)1 auf deine Gnade (Güte):Mein Herz (Ich)2 soll [dereinst] jubeln über deine Hilfe, Ich will JHWH (dich)3 [dereinst] besingen: {denn} (denn, ja!, sobald) „Er hat (Du hast) an mir [Gutes] getan!“

  1. Die Funktion der Verbformen in V. 6 (Jussiv + Kohortativ) und von V. 6 insgesamt ist umstritten; s. Anmerkung zum Text i. Nach unserer Deutung sind sie als Kommissive, also als Versprechen, zu verstehen: Wenn JHWH dem Beter hilft, wird er ihn dafür auch dereinst besingen. Das „Er hat an mir [Gutes] getan!“ ist dann ein Ausschnitt aus dem Gesang, den der Beter im Gegenzug für JHWHs Hilfe bieten wird. Solche Proben von im Falle der Erhörung abzuleistenden Dankgesängen sollen Gott zur Erhörung motivieren und finden sich häufiger in den Klagepsalmen, s. z.B. Ps 22,24f.; 59,17f.; wohl auch große Teile von Ps 9.
  2. Mein Herz (Ich) - Das „Herz“ - wie auch viele andere „Teile“ des Menschen, z.B. seine „Seele“, sein „Kopf“ etc. - werden im Hebräischen sehr häufig fast wie reine Personalpronomen verwendet. So sicher auch hier; „Mein Herz soll jubeln“ = „Ich will jubeln“.
  3. JHWH (dich) + Er hat (Du hast) - Vor allem in der biblischen Poesie kann ein hebräischer Autor ohne erkennbare Gründe von einer Zeile auf die andere von einer Person zur anderen wechseln; man bezeichnet diese stilistische Eigenart als „P-Shift“. Das Deutsche kennt solche Shifts nicht; besser sollte man hier daher auch mit direkter Anrede übersetzen; also nicht: „Ich will JHWH besingen“, sondern „Ich will dich besingen, JHWH“.

Chapter 14

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden; [Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual])''.2 ''Von (für, über, nach Art von) David.'' Es sagt (sagte) [der] Narr in seinem Herzen (es sagte sich der Narr):„Es gibt keinen Gott!“3Sie begehen, verbrechen (begingen, verbrachen) Übeltat4[Es gibt (gab)] keinen, [der] Gutes tut.

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter - Heb. menatseach; genaue Bedeutung unklar. Die Primärübersetzung „Chorleiter“ ist mehr oder weniger Konvention. Für einen guten Vorschlag zur Deutung vgl. Sawyer 2011b: In akkadischen Ritualtexten gibt es ähnliche Angaben wie in den Psalmüberschriften; u.a. wird dort häufig spezifiziert, wer den folgenden Text vorzutragen hat und welches Ritual Anlass des jeweiligen Ritualtextes ist. Entsprechend wäre dann in den Psalmen der menatseach nicht der „Chorleiter“, sondern der Vorsteher über das Ritual, bei dem der Psalm vorzuträgen war. Doch ist auch dies nur ein „educated guess“ und „Chorleiter“ ist in dt. Üss. so etabliert, dass die LF doch besser dieser Konvention folgen sollte.
  3. Es gibt keinen Gott - Gemeint ist kein theoretischer Atheismus, der im Alten Israel schwerlich vorstellbar ist. Der „Narr“ vertritt einen praktischen Atheismus: Er lebt und handelt so, als gäbe es keinen Gott, wie dann auch in den nächsten Zeilen näher ausgeführt wird.
  4. begehen, verbrechen Übeltat - Die beiden Verben benötigen eigentlich kein Objekt; das erste bedeutet schon allein „verderblich handeln“, das zweite „abscheulich handeln“. Sowohl die Aneinanderreihung der beiden fast synonymen Verben als auch die eigentlich unnötige Hinzufügung des Substantivs (das zwar auch neutral als „Tat“ verwendet werden kann, oft aber speziell die Bedeutung „Übeltat“ hat. In Ps 53,2 ist dies noch zusätzlich vereindeutigt worden zu „Untat“) sollen den Ausdruck noch intensiver machen.Sinnvoll daher NL: „Sie sind durch und durch schlecht und ihre Taten sind böse“.

2 JHWH beugte (beugt) sich (blickt?) vom Himmel herab Über [die] Menschenkinder,Um zu sehen, [ob] es gibt einen Klugen,Einen Gott-Sucher (einen Klugen, [der] Gott sucht):1

  1. : - Vv. 3-4 schildern das Ergebnis von Gottes Prüfung: Die gesamte Menschheit hat sie nicht bestanden.Dass Gott in V. 4 von sich selbst in der 3. Pers. spricht, kommt häufiger vor (vgl. dazu z.B. Malone 2009). Zu ähnlichen nicht durch ein Verb des Sagens eingeleiteten Zitaten vgl. z.B. Gordis 1949, S. 167-173.

3 „Die Gesamtheit ist (war) abgefallen,Sämtlich sind (waren) sie verdorben.Keinen [gibt (gab) es], [der] Gutes tut;Keinen. Auch nicht einen [einzigen].

4 Wissen [denn] nicht[s] alle Übel-Täter,[Die] mein Volk fressen?Sie fressen Brot,1[Doch] JHWH rufen sie nicht an.“

  1. [Die] mein Volk fressen? / Sie fressen Brot - Oft übersetzt als »Die mein Volk fressen, wie man Brot isst«, aber dann wären die beiden unterschiedlichen Verbformen (Zeile 2: Partizip, Zeile 3: Qatal) unerklärlich (richtig Eerdmans 1947, S. 135). Unsere Üs. folgt daher deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014, S. 165; Eerdmans 1947, S. 134; vgl. auch schon Olshausen 1853, S. 79. Charakterisiert werden die Übeltäter hier also erstens darüber, dass sie »mein Volk fressen« (d.h. ausbeuten, s. ähnlich Spr 30,14; Jer 10,25; Mi 3,3; Hab 3,14), obwohl sie das nicht mal nötig hätten, da sie ja Brot zu fressen haben (d.h. keine Not leiden müssen), und zweitens darüber, dass sie Brot zu essen haben - dass es ihnen also gut geht -, aber nicht einmal dafür JHWH anrufen, also danken. Sowohl in ihrem Verhalten ihren Mitmenschen als auch Gott gegenüber sind sie durch und durch schlecht. Die Üs. von EÜ (»Sie verschlingen mein Volk. Sie essen das Brot JHWHs, doch seinen Namen rufen sie nicht an«) folgt einem unnötigen Textkorrekturvorschlag von Kissane 1953 (s. auch schon Duhm, Gunkel).

5 Da erschraken sie einen Schrecken,1Weil Gott mit [dem] gerechten Geschlecht [war]:2

  1. erschraken sie einen Schrecken - Figura etymologica, die den ganzen Ausdruck noch intensiver macht: „Da erschraken sie sehr“.
  2. : - Auch V. 6 ist wahrscheinlich ein Zitat JHWHs. Erst aus diesem Vers kann ja abgeleitet werden, dass Gott mit den Armen ist, wohingegen es Vv. 3-4 noch hieß, dass die gesamte Menschheit bei Gottes Prüfung durchgefallen ist.

6 [Die] Plän[e] des Armen wollt ihr zuschanden machen,Doch JHWH [ist] sein Schutz!“

7 Möge es doch vom Zion1 Rettung für Israel geben!2Wenn JHWH das Geschick (die Gefangenschaft) seines Volkes wendet,Möge Jakob3 jubeln, Israel sich freuen!

  1. Zion - Der Berg in Jerusalem, auf dem Gott in seinem Tempel wohnt. Hilfe von Gott kommt daher „vom Zion“ (vgl. z.B. Zion/Zionstheologie (WiBiLex).
  2. Möge es doch vom Zion Rettung für Israel geben! - W.: „Wer wird geben vom Zion Rettung für Israel!?“, die heb. Wendung „Wer wird geben X“ ist ein Idiom für „Es möge sein, dass... X“, „Oh dass doch X wäre!“ (vgl. Lande 1949, S. 90f.).
  3. Jakob - Alternativer Begriff für Israel, da Jakob nach Gen 25 der Stammvater der Israeliten war.

Chapter 15

1 1 Ein Lied von (für, über, nach Art von) David. JHWH, wer darf (wird) gasten (Gast sein) in deinem Zelt (in deinen Zelten)2Und ({und})3 wer darf (wird) wohnen auf deinem heiligen Berg (auf dem Berg deiner Heiligkeit)?

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Mit dem Zelt könnte das mischkan gemeint sein, eine Art zeltförmiger transportabler Tempel, den die Israeliten mit sich durch die Wüste führten und der als „Wohnstatt“ Gottes diente (mischkan kommt von schakan, „wohnen“; zum Zelt s. z.B. Ex 25,8f.; Ex 26), oder das Zelt, das David stattdessen zum selben Zweck in Jerusalem errichtete (s. z.B. 1 Chr 15,1; 2 Chr 1,3f.). Der Tg und viele Handschriften haben wohl deshalb auch den Plural „Zelte“ statt den Singular. Später wurden diese Zelte abgelöst durch den Tempel, den Salomo auf dem „heiligen Berg“ Zion als neue Wohnstatt Gottes erbaute. Auch in Ps 27,4-6 werden „Tempel“ und „Zelt“ in einem Atemzug verwendet; vielleicht konnte „Zelt“ später also auch poetisch für den „Tempel“ stehen.
  3. Textkritik: Und ({und}) - „Und“ findet sich nicht im Codex Leningradensis, aber in vielen Handschriften, LXX, Syr, VUL und Hier und ist damit wohl urprünglich.

2 [Wer] redlich wandelt Und Gerechtes (recht) tut Und Wahres sagt (denkt) in seinem Herzen (ausspricht, [was] wahrhaft in seinem Herzen [ist]),1

  1. Wahres sagt (denkt) in seinem Herzen (ausspricht, [was] wahrhaft in seinem Herzen [ist]) - etwas schwierige Zeile, die leider nur selten kommentiert wird. Das Herz ist in der heb. Anthropologie seltener Sitz der Emotionen als des Verstandes; einfacher könnte man also schlicht schreiben: »wer Wahres denkt«. Weil der Psalm hier ethische Regeln aufstellt, würde hier also gesagt, dass Irrtümer ethisch falsch sind. Zu dieser weisheitlichen Vorstellung s. die Anmerkungen zu Ps 14; sinngemäß richtig also Saadja: »Wer die Wahrheit bekennt in seinem Herzen«.Alternativ könnte man wie in unserer Alternativübersetzung (nach Olshausen) deuten als »Wer ausspricht, [was] wahrhaft in seinem Herzen [ist]« (so schon Raschi; auch MEN: »wer die Wahrheit redet, wie's ihm ums Herz ist«); die Rede wäre dann von der Aufrichtigkeit im Gegensatz zur Verlogenheit wie z.B. in Ps 12,3. Sprachlich liegt die erste Deutung aber näher. Viele dt. Üss. übersetzen als »wer von (ganzem) Herzen die Wahrheit sagt« (z.B. ASTADLER, BB, EÜ16, LUT17, NGÜ, STAD), doch den Ausdruck »von ganzem Herzen« gibt es mit dieser Bed. nicht im Heb.

3 Nicht Verleumdung auf seiner Zunge [hatte],1 ([Und])2 Nicht tat seinem Genossen Schaden (Böses)3Und Schande nicht trug wegen seinem Nächsten (nicht lud auf seinen Nächsten?),4

  1. Verleumdung - Wortspiel im Heb.: Das Wort kommt von heb. regel (»Fuß, Bein«), bed. meistens »(als Kundschafter) laufen« und kommt damit aus dem selben Wortfeld wie das »wandeln« in V. 2.Textkritik: Verleumdung auf seiner Zunge hat - W. nach BHS »Wer verleumdet auf seiner Zunge«; lies statt dem Verb rāgal (»verleumdet«) besser das Abstraktsubstantiv rāgāl (»Verleumdung«), da die Präposition `al (»auf«) vor »seine Zunge« nicht gut mit dem Verb zusammenpasst (so auch ZLH, S. 755; ähnlich Budde 1915, S. 182). Selbst Sir 5,14, dessen Autor sich wohl an unserem Vers orientiert, ändert daher dennoch die Präposition el (s. Sir 4,28) nach b. Zur Konstruktion mit Substantiv vgl. 2 Sam 23,2; Spr 31,26; vgl. auch Jes 53,9. So wohl auch MEN, OEB, SLT, TEX.
  2. Textkritik: ([Und]) - Die Konjunktion findet sich nicht im Text der BHS, aber in wenigen Handschriften, LXX und Syr; nicht aber in VUL und Hier. Die Kolometrie des Psalms ist recht klar; in Teil 2 des Psalms wird sonst jede zweite(/dritte) Zeile eingeleitet durch eine Konjunktion – das (anders als in V. 1) nicht sehr gut bezeugte »und« lässt sich daher erklären als Angleichung an diese Struktur.
  3. seinem Genossen Schaden - Klangspiel: re`ehu ra`ah.
  4. Schande nicht trug wegen seinem Nächsten (nicht lud auf seinen Nächsten?) - Nach der Alternativübersetzung übersetzen fast alle Üss. und Kommentare, was nach den Wortbedeutungen auch möglich wäre, doch ist naßah cherpah `al ein Idiom, das sonst stets »Schande tragen wegen« bedeutet (s. Ps 69,8; Jer 15,5; 31,19; Ez 36,14; Mic 6,16; auch Ps 89,51). Richtig daher Alter 2007, S. 44: »Nor bears reproach for his kin«; Ehrlich 1905, S. 26: »und auf sich keine Schmach ladet ob seines Verwandten«; R-S: »nicht Schmach ob der Verwandten auf sich nimmt«; Sarna 1993, S. 98: »or borne reproach for [his acts toward] his neighbor«. Was gemeint ist, ist unklar; sinnvoll aber Ehrlich: »Um eines Verwandten willen Schmach auf sich laden ist so viel, als einen gottlosen Verwandten vor der verdienten Strafe schützen, statt ihn ihr preiszugeben, und sich so derselben Schmach aussetzen« (ebenso R-S in den Erläuterungen): Seine Schmach mittragen. Zeile 2 spricht von den bösen Taten, die man selbst begeht, Zeile 3 von Komplizenschaft.Vv. 2f. sind chiastisch gebaut: 2ab sprechen vom rechten Handeln, 2c vom rechten Reden (im Herzen, also denken); 3a vom falschen Reden und 3bc vom falschen Handeln.

4 Verachtet [den] in seinen Augen Verworfenen ([bei dem] verachtet [ist der] in seinen Augen Verworfene; in seinen [eigenen] Augen verachtet, verworfen [ist])1Und (aber) den JHWH-fürchtigen ehrt,Schwor dem Genossen (zu schaden, zum Schaden?)2Und nicht ändert,

  1. Also jenen, den in seinen Augen Gott vorworfen hat: den Sünder. Gut daher NGÜ: »Er wird den verachten, den Gott verworfen hat« (ähnlich GN, TEX); sinnvoll auch HER, LUT (leider nicht mehr LUT17): »der den Gottlosen verachtet«.tFN: Alternative 1 folgt dem Text der BHS (so auch die meisten Üss.); sowohl »verachtet« als auch »verworfen« sind hier Partizipien und man muss aus dem Kontext erschließen, was Subjekt und was Prädikat ist (so die meisten Üss.). Alternative 2 geht aufgrund derselben Tatsache davon aus, dass beide Wörter den selben syntaktischen Status haben, obwohl das eine am Zeilenbeginn, das andere am Zeilenende steht (ähnlich aber z.B. auch Jes 43,4), die Rede wäre hier wie in 1 Sam 15,17; 2 Sam 6,22; Ps 131; Jes 57,15; Lk 18,13f. von einer demütigen Haltung. So schon Tg und die alten jüd. Ausleger Saadja, Ibn Ezra und Kimchi; auch gerade die grammatisch sehr fähigen Kommentatoren Delitzsch 1894, S. 149; Ehrlich 1905, S. 27; Hitzig 1863, S. 77 und Zorell 1928, S. 19; auch ALB. Unsere Primärübersetzung geht mit Zuber 1986, S. 29 davon aus, dass das erste Partizip als finites Verb zu vokalisieren ist (ähnlich Dahood 1965, S. 84, der das zweite Verb, und Driver 1942, S. 152, der beide Partizipien als finite Verben vokalisieren will).
  2. dem Genossen (zu schaden, zum Schaden?) - der also einen geleisteten Schwur nicht bricht. Textkritik: dem Genossen (zu schaden, zum Schaden?) - die Konsonanten lassen beide Deutungen zu. LXX, Sym, Syr und VUL vereindeutigen durch Übersetzung zur Primärübersetzung, MT, Tg, Hier, Aq, Theod durch Vokalisierung oder Übersetzung zur Alternativübersetzung. Diese Alternativübersetzung, nach der auf den ersten Blick jemand als gut bezeichnet wird, weil er etwas Böses schwört und dann auch dabei bleibt, ist entweder zu erklären als »etwas schwören, wovon sich dann herausstellt, dass es für jmdn selbst zum Schaden war, und dennoch dem Schwur treu bleiben« (HfA: »Jeder, der hält, was er geschworen hat, auch wenn ihm daraus Nachteile entstehen«; EÜ16: »Er wird nicht ändern, was er zum eigenen Schaden geschworen hat.« u.ö.) oder, sprachlich näherliegend, »der schwört, [sich] zu schädigen« (z.B. durch Fasten oder durch das Einhalten von Sabbatgeboten) und darin hart bleibt (so b.Mak 24a; Saadja; Kimchi, Ibn Ezra, Ehrlich 1905, S. 27: »schwor, sich etwas zu entsagen«).

5 Sein Geld nicht verliehen (gegeben) hat gegen ZinsUnd Geschenke (Bestechungsgelder) gegen einen Unschuldigen nicht genommen hat.1 [Wer] dies tut, Wird auf ewig nicht wanken.“2

  1. Zum Zinsverbot s. Ex 22,24; Lev 25,37; Dtn 23,20f.; Ez 18,8, zur Bestechlichkeit Ex 23,8; Dtn 16,19; 27,25; Jes 1,23; Mi 3,11.
  2. Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; auch Ps 16,8; 30,7; 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1.

Chapter 16

1 1 ''miktam''2 von (für, über, nach Art von ) David. Schütze mich, Gott,denn ich berge mich bei dir (vertraue dir)!

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. miktam - Unbekanntes Wort, das vermutlich als Überschrift die Gattung von Ps 16 und Ps 56-60 angeben soll; daher meist mit dem Platzhalterbegriff „Lied“ übersetzt oder einfach transkribiert; für die LF ist wohl ersteres zu empfehlen.Im Talmudhebräischen bedeutet das Wort „Dokument“, im Neuhebräischen „Epigramm“; LXX hält es für ein ebensolches, in Stein Gehauenes, und übersetzt mit steleographia („Inschrift“, so auch BB und viele Kommentare). In allen drei Fällen wird das Wort aber wohl eher mit miktab („Geschriebenes“) verbunden, das sich als Psalmüberschrift in Jes 38,9 findet (Pietersma 2010, S. 524f.), was man schön an Tg sieht: Dieser hält das Wort wohl für eine Mischbildung aus miktab und tam („aufrecht“) und übersetzt „aufrechte Inschrift“. Ähnlich verfahren auch Aq, Sym, VUL, Raschi und andernorts Tg, zerlegen das Wort in die Bestandteile mk und tm und übersetzen „vom demütigen und aufrechten David“. Dass das Wort unbekannt war, sieht man noch besser an Quinta und Sexta, die bloß transkribieren: machtham. Luther leitet das Wort ab von ketem („Gold“), daher die Üs. „gülden Kleinod“ in den Lutherbibeln. Das „Sühngedicht“ von B-R und Stier2 kommt von einer Ableitung von katam („bedecken“), das auch für das „Sühnen“ von Sünden stehen kann (so z.B. auch Sawyer 2011b, S. 294).

2 Ich sage (du sagst)1 zu (über, was ... angeht) JHWH: „Mein ({Mein}) Herr [bist] du!Mein Wohlergehen (Glück) [ist] nicht außer durch dich (nicht über dir?)!“,

  1. Textkritik: Vv. 2-4 gehören zu den umstrittensten Versen im Psalmenbuch überhaupt. Teilweise liegt das daran, dass sich hier eine Reihe textkritischer Probleme finden; zu diesen s. den Kommentar / Textkritik Vv. 2-4.Zu Vv. 2-4: Weiterhin sehr erschwert wird das Verständnis dieser Verse durch viele (oben im Text angezeigte oder in den folgenden FNn angegebene) Ambiguitäten, die zusammengenommen dazu führen, dass der Text auf ganz verschiedene Weisen verstanden werden könnte. Hinzu kommt v.a. noch die Problematik, dass das Hebräische keine Anführungs- und Schlusszeichen kennt und daher auch V. 3 oder sogar noch V. 4 als wörtl. Rede vom „ich sage/du sagst“ in V. 2 abhängen könnten; außerdem die Tatsache, dass V. 3b auch als unmarkierter Relativsatz verstanden werden kann. Neben der obigen (z.B. auch von ALB und MEN) gewählten Auflösung hier nur noch die drei häufigsten Alternativauflösungen, die grammatisch auch möglich sind: * [Ich (du) sagt(e) zu JHWH: „...“]. Was die Heiligen (Götter) betrifft, die im Lande sind – diese, (und) die Herrlichen –: Mein ganzes Wohlgefallen richtet sich auf sie. (z.B. LUT17) * [Ich (du) sagt(e) zu JHWH: „...“]. Was die Heiligen (Götter) betrifft, die im Lande sind – diese, (und) die Herrlichen, auf die sich mein ganzes Wohlgefallen richtet: [V. 4]. (z.B. Ridderbos 1972, S. 157) * [Ich (du) sagt(e) zu JHWH: „...“], zu den Heiligen (Götter), die im Land sind – [zu] diesen, (und) den Herrlichen, auf die sich mein ganzes Wohlgefallen richtet: „[V. 4]“ (z.B. Weber 2001, S. 96) Ein letztes und wichtiges Beispiel für eine andere Auflösung, die den Sinn der Verse völlig verändern würde, ist die von Craigie 1983, Franken 1954, Tournay 2001 und der Jerusalemer Bibel (vgl. wichtig auch Mannati 1972), die amart in V. 2a als 2. Pers. verstehen, die „Heiligen“ als Ausdruck für Götter und 2b als gegensätzliche Aussage von 3b: „Ihr sagt zu Jahwe: ‚Mein Herr! / Du bist mein Glück, über dich geht nichts!‘; zu den ‚Heiligen‘, denen, die da auf Erden sind: / ‚Ihr Prächtigen mein! Bei euch ist mein ganzes Gefallen!‘“. Der Psalmist zitierte dann also vorwurfsvoll synkretistische Gegner, die neben JHWH auch noch irdische „Götter“ anbeten. Will man bei der textkritischen Entscheidung zu 2b nicht mitgehen, wäre diese völlig andere Deutung wohl die nächstwahrscheinlichere; will man die „Heiligen“ nicht als Götter verstehen, wieder eine andere mit sehr unterschiedlicher Bedeutung usw. – Vv. 2-4 sind und bleiben sehr unsicher.

3 Zu den (über die, was ... angeht) Heiligen,1 die im Land (auf der Erde) [sind]: „Diese,2 die (meine) Herrlichen: Mein ganzes Wohlgefallen [richtet sich] auf sie!“3

  1. Heilige + die Herrlichen - Gemeint sind wohl die JHWH-Gläubigen, vgl. Ex 19,6; Dtn 33,3; Dan 7,21.25; Ps 34,10. Dass sie „im Land“ sind, ist nicht irrelevant: Im AT sind klar die Israeliten JHWHs auserwähltes Volk; auf denselben Gedanken wird auch mehrfach in Vv. 5f. angespielt. Dem Psalmisten geht es gut, weil JHWH ihm wohl tut, und er tut dies u.a. auch, weil er ganz Israelit ist, sich in aller Entschiedenheit an die „Heiligen im Land“ hält, Gottes auserwähltes Volk. Diese sind „herrlich“; ein Begriff, mit dem man im Heb. bes. würdige und mächtige Menschen bezeichnet (s. Ri 5,13: Die „Edlen des Volkes“ (//Helden); 2 Chr 23,20: „Die Obersten und die Herrlichen und die Führenden“; Ps 136,18: „herrliche Könige“); und herrlich sind sie wohl im Gegensatz zu „weltlichen Herrlichen“ qua „Heiligkeit“: Sie sind keine irdischen Würdenträger, sondern würdig durch ihr Verhältnis zu Gott: Weil JHWH sie „würdigt“.Sehr verbreitet ist aber auch das Verständnis dieser „herrlichen Heiligen“ als pagane Götter; man orientiert sich dabei an Ps 89,6-8; auch Dtn 33,2f.; Dan 4,5f..10.14f.20; Ijob 5,1; 15,15; Sach 14,5, wo aber meist vom himmlischen Hofstaat JHWHs die Rede ist.Gut Luther: „Aber zu denen will ich mich halten, die heilig und herrlich im Geist sind, wenn auch verachtet vor der Welt un vor jenen. Zu ihnen steht mein Wille, meine Sehnsucht. [...] Heilig ist, wie wir schon früher ausgeführt haben, das, was beiseit getan, verborgen und allein vor Gottes Augen vorhanden ist. Was heutzutage an Häusern, Kleidern und Klerus von den Päpsten heilig genannt wird, ist ein Profan-heiliges, womit man die Leute betrügt. Heilig aber, d.h. durch die Salbung des heiligen Geistes geheiligt, [... ist] überhaupt kein Mensch, außer wenn er durch den Glauben Gott anhangt [...].“ (Luther 1959, S. 213f.).
  2. tFN: Diese, - W. übersetzt lauten die einzelnen Bestandteile dieser Zeile: »Zu den Heiligen (Was die Heiligen angeht) die im Land diese und die Herrlichen, ...«. Die meisten Üss. ziehen das »diese« mit der masoretischen Akzentuierung zum ersten Satz und teilen auf: »Die Heiligen, die im Land sind diese« und »und die Herrlichen«. »Diese« wäre dann ein sog. »resumptives Pronomen« (wie in Gen 9,3; Num 9,13; 35,31; Rut 4,15; Pred 4,2), das im Deutschen unübersetzt bleiben könnte. An dieser Satzposition stehen solche resumptiven Pronomen aber nur in negierten Sätzen (s. Gen 17,12; Num 17,5; Dtn 17,15; 20,15; 1 Kön 9,20; vgl. JM §158g). Allenfalls müsste man mit Peels 2000, S. 246 davon ausgehen, dass V. 3 bewusst als Gegen-Satz zu V. 2 formuliert ist und dies zusätzlich damit markiert werden soll, dass hemmah ungrammatisch gesetzt wird; andernfalls ist diese Auflösung nicht möglich – daher entgegen der masoret. Akzentuierung besser wie oben. Das Waw (»und«) vor den »Herrlichen« ist dann keine Konjunktion (»und«), sondern ein Waw explicativum (»Diese, d.h. die Herrlichen«).
  3. Man beachte, wie sowohl in der Anrede an Gott als auch in der Anrede an die Heiligen drei Worte auf den Angesprochenen verweisen: Zu JHWH: „Mein Herr bist du, / mein Wohlergehen ist nicht außer durch dich'“; zu den Heiligen: „Diese, die Herrlichen, all mein Wohgefallen richtet sich auf sie.“

4 Es sollen (werden) sich vermehren die Schmerzen1 (Götzenbilder) derer (es vermehren sich ihre Schmerzen die), die einem anderen (die anderen) nacheilen (?, umwerben?),2Nicht werde ich libieren ihre Blutlibationen (ihre Libationen mit [meiner] Hand),3Nicht werde ich heben ihre Namen auf meine Lippen!4

  1. Es sollen sich vermehren die Schmerzen - nämlich so, wie Calvin gut erklärt: „Ungläubige, die falschen Göttern Geschenke opfern, verlieren nicht nur, was sie dafür ausgegeben haben, sondern laden auch noch Leid um Leid auf sich, weil es letzten Endes schlimm und ruinös für sie ausgehen wird.“ (Calvin 1845, S. 222)
  2. nacheilen (?, umwerben?) - Textkritisch schwierige Stelle, s. den Kommentar / Textkritik Vv. 2-4. Beide häufig gewählte Alternativen sind problematisch; in die LF sollte es daher am besten unauffällig und freier übertragen werden, z.B. durch „die anderen Göttern huldigen“ (HER05), „die anderen Göttern dienen“ (ALB) o.Ä., denn dies ist hier sicher gemeint.
  3. Blutlibationen (zur Alternative s. den Kommentar / Textkritik Vv. 2-4) sind im Alten Orient zwar selten, aber sicher belegt und waren nicht per se schlecht. Gemeint ist eine Opfer-„gattung“, bei der eine Flüssigkeit (häufig: vor einem oder auf einen Altar) als Opfergabe für eine Gottheit ausgegossen wurde. Für das alte Israel vgl. Ex 29,12; Lev 4,7.18.25.30.34; Dtn 12,27; auch Jes 66,3 setzt voraus, dass man auch „gutes“ Blut opfern konnte (z.B. Lammblut), ebenso Heb 10,4.10. Auch die Hethiter kannten Blutopfer: „Vor dem Altar [...] libiert er das Blut [der Schafe]“ (KUB 10, 11, 5-7, apud Liess 2004, S. 149); ebenso die Babylonier, etwa im Etana-Mythos: „Etana flehte täglich zu Schamasch: ‚Du hast verspeist, o Schamasch, das Fett meines Schafs, die Erde trank das Blut meines Lamms! Die Götter habe ich geehrt, die Geister respektiert.‘“ (COS 1.131,131-134).
  4. Also nicht einmal ihre Namen aussprechen.

5 JHWH [ist] das Teil meiner Zuteilung und meines Bechers,Zieher meines Lossteins (Erhalter meines Loses).1

  1. Teil, Zuteilung, Becher, Losstein - Vier Begriffe, von denen jeder für sich schon für das Schicksal eines Menschen stehen kann (zur Becher-metapher s. noch Ps 11,6; Ez 23,31-33; Hab 2,16; Mk 10,38; 14,36; wohl auch Ps 23,5.). Die sehr redundante Fügung „Teil meines Anteils“ findet sich denn auch sonst nicht mehr in der Bibel. Der heb. Text ist sogar noch redundanter als der dt., weil hier einige dt. Worte nur als Suffixe realisiert sind. In Zeile 1 stehen neben „JHWH“ nur drei „schicksalhafte“ Worte: „JHWH Teil meines-Anteils meines-Bechers“; ähnlich Zeile 2: „Zieher meines-Lossteins“. Drei dieser Begriffe („Teil“, „Anteil“ und „Losstein“) stehen häufig außerdem speziell für das Land, dass nach atl. Vorstellung durch das Schicksal jmds Eigen geworden ist (vgl. Jos 13 und Jos 14,2!; z.B. auch Ri 18,1). Dies schwingt auch hier mindestens mit, wie V. 6 deutlich macht (vgl. auch die deutliche Parallele in Dtn 32,9), könnte aber auch rein metaphorisch sein, wie es z.B. NGÜ versteht: „Was du mir für mein Leben geschenkt hast, ist wie ein fruchtbares Stück Land, das mich glücklich macht.“Zieher meines Lossteins ist w. „Halter meines Lossteins“; „der, der meinen Losstein hält“ (mit fast allen Exegeten vokalisiert als tomech statt tomich). Der Losstein hat seinen Platz in der Mantik, also der Disziplin, mit diversen Hilfsmitteln das Schicksal eines Menschen oder den Willen von Göttern zu erfragen – hier also mithilfe von Steinchen. Dass JHWH das Los des Beters „hält“, meint also wohl, dass er es wirft (R-S: „Du wirfst mein Los“) – und dabei sozusagen mogelt, weil durch das Losewerfen ja ohnehin der Wille Gottes herauskommen wird –, dass er also das Geschick des Beters lenkt (ZÜR31: „Du lenkst mein Geschick“) und zugleich „erhält“, was ihm durch dieses Los beschieden wird (Houston/Waltke 2010, S. 331). Schön FENZ: „Du hältst mein Los und wirfst es recht.“

6 Schnüre fielen mir auf Liebliches (liebliches [Land]),1ja, mein Erbbesitz (der Erbbesitz)2 dünkt mich schön!3 4

  1. Schnüre fielen mir auf Liebliches - Auch V. 6a spricht noch von der Zulosung von Land (s. die vorige FN). Die „Schnüre“ sind die „Messschnüre“; bezeichnet werden also die Grenzen seines ererbten Landes (vgl. Am 7,17): Ihm wurde in der Tat liebliches [Land] beschieden (s. ähnlich noch Ps 78,55; Mi 2,5).
  2. tFN: Heb. nachlat, also auf den ersten Blick „der Erbbesitz“. LXX, Syr, VUL aber übersetzen „mein Erbbesitz“. Wie in V. 2 (s. Kommentar / Textkritik Vv. 2-4) also wohl defektive Schreibung von nachlati („mein Erbbesitz“).
  3. dünkt mich schön - W. „ist schön auf mir“; die Präp. auf wird hier wie oft verwendet, um anzuzeigen, dass etwas von jmdm empfunden wird.
  4. Jeremia 3,19

7 Ich will preisen JHWH, der mich berät,ja, [selbst] in den Nächten belehren (züchtigen) mich meine Nieren.1

  1. Nieren - In der atl. Anthropologie ist nicht das Herz Sitz der Emotionen, sondern die Nieren. Das Herz ist stattdessen Sitz des Verstandes. Geistige Qualen sind daher im AT „Nierenschmerzen“ (s. Ijob 19,27; Ps 73,21; Klg 3,13); dass Gott „Herz und Nieren prüft“ (Ps 7,10; 26,2; Jer 11,20; 17,10; 20,12), meint also im Dt., dass er „Herz und Verstand“ eines Menschen unter die Lupe nimmt. Ähnlich hier: Gott berät den Menschen, belehrt ihn also auf Verstandesebene, und selbst noch nachts „züchtigen ihn seine Nieren“, Gott belehrt ihn also z.B. durch Gewissensbisse auf emotionaler Ebene (NGÜ: „Selbst nachts weist mein Gewissen mich zurecht“; EÜ: „Auch mahnt mich mein Herz in der Nacht“).

8 Ich setze mir JHWH vor mich beständig;1Denn [ist er] zu meiner Rechten, werde ich (ja, [ich setze ihn] zu meiner Rechten, ich werde; weil er zu meiner Rechten ist. Ich werde) nicht wanken.2

  1. Ich halte ihn mir also stets bewusst. Gut Saadja: „Und mit Überzeugung halte ich Gott mir stets gegenwärtig und da er so zu meiner Rechten steht, so werde ich gewiss nicht wanken.“
  2. Das „Wanken“ ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen „nicht wankt“ ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; Psalm 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1.Schön ausgelegt hat diesen Vers auch Maimonides in seinem „Führer der Unschlüssigen“: „‚Lasst nicht zu, dass eure Geister vom Nachdenken über Gott ablassen!‘ Ebenso heißt es auch bei David, wenn er sagt: ‚Ich setze mir JHWH vor mich beständig; denn ist er zu meiner Rechten, werde ich nicht wanken‘, d.h., ich wende mein Denken nicht von Gott ab; er ist wie meine rechte Hand, die ich ja auch nicht auch nur für einen Moment vergesse, nur weil sie sich so einfach bewegen lässt, und aus diesem Grund werde ich nicht wanken, nicht fehlgehen.“ (III 51)

9 Darum freut sich mein Herz und jubelt meine Leber (Herrlichkeit),1Ja, [selbst] mein Fleisch wird wohnen (ruhen) in Sicherheit.2

  1. Textkritik: Leber (Herrlichkeit) - Beide Begriffe waren ursprünglich gleich geschrieben worden. Sehr nah verwandt ist diese Stelle mit Ps 30,13; 57,9; 108,2: An allen vier Stellen wird Gott entweder von der „Leber“ oer von der „Herrlichkeit“ des Beters besungen und die Masoreten haben sich jedes Mal für „Herrlichkeit“ entschieden. Dass es auch im Akkadischen stets entweder das Herz oder eben die „Leber“ ist, die sich freut und jubelt (vgl. Dhorme 1922, S. 509f.), spricht aber stark dafür, dass auch im Heb. md. an diesen vier Stellen „Leber“ zu lesen ist. Das Idiom der „jubelnden Leber“ gibt es auch im Gr. und Lat. nicht; LXX und VUL übersetzen daher sicher v.a. vom Verb geleitet mit „meine Zunge“. So und so würde man aber in die LF mit einer allgemeineren Formulierung übersetzen müssen, etwa „Ich kann aus tiefster Seele jubeln“ (NGÜ), „es jubelt mein Gemüt“ (PAT, R-S); „Drum bin ich voll Freude, mein Innerstes jubelt“ (STAD) o.Ä.
  2. mein Fleisch wird wohnen in Sicherheit - gemeint ist sehr wahrscheinlich nicht der Zustand des Körpers zwischen Tod und leiblicher Auferstehung nach dem Tode, wie der Vers in der Geschichte seiner Auslegung häufig verstanden worden ist (s. die Anmerkungen), sondern die Zeile bedeutet das selbe wie V. 8b: Ich werde „nicht wanken“, nicht in Gefahr geraten, sondern vielmehr wird im Leben „mein Fleisch“, also ich, „sicher“ sein. Vgl. ähnlich Dtn 33,12.28; Ri 18,7; Ps 4,9; Jer 23,6; 33,16. Besagte alternative Ausdeutung findet sich aber bereits im babylonischen Talmud, wo der Vers daraufhin gedeutet wird, dass der Körper „Davids“ nicht aufgrund von Würmern und Maden verwesen wird (b.B.B. 17a; s. auch den Midrasch: „R. Jizchak hat gesagt: Daraus geht hervor, dass Wurm und Moder über sein Fleisch keine Gewalt gehabt hat.“). Ähnlich auch noch Augustinus: LXX übersetzt statt mit „in Sicherheit“ mit „in Hoffnung“ und Augustinus erklärt: „Mein Fleisch wird nicht zur Zerstörung verderben (=verwesen), sondern in der Hoffnung auf die Auferstehung schlafen.“; ebenso Thomas von Aquin und dann endgültig Bellarmin: „Mein Fleisch schläft im Tode zufrieden und sicher, in gewisser Erwartung einer schnellen Auferstehung“.

10 Denn du wirst meine Seele (mich) nicht dem Scheol1 überlassen (im Scheol lassen),Du wirst nicht erlauben, dass2 dein Frommer (deine Frommen)3 die Grube (die Verwesung)4 sieht.

  1. Scheol - Der heb. Begriff für das Totenreich, vgl. Jenseitsvorstellungen (AT) (WiBiLex). Nicht zu übersetzen mit „Hölle“; die atl. Vorstellung des Scheols und die christliche Vorstellung der Hölle sind sehr unterschiedlich: Anders als letztere ist erstere kein Ort des Schreckens und der Schmerzen, an den nur Sünder kommen, sondern ähnlich wie der Hades ein Un-Ort des Schweigens und Vergessens, zu dem sämtliche Toten hinabsteigen.
  2. wirst nicht erlauben, dass - W. „wirst nicht geben deinen Frommen zu sehen...“; „X geben zu Y (Inf.)“ ist ein heb. Idiom mit der Bed. „X erlauben zu Y“ oder „zulassen, dass X Y“.
  3. Textkritik: dein Frommer (deine Frommen) - im urspr. Konsonantentext als Plural geschrieben. Die Masoreten zeigen in ihrer Vokalisierung an, dass Singular zu lesen sei, und so übersetzen auch LXX, VUL, Hier, Syr. So daher auch alle Üss; eine seltene Ausnahme ist z.B. Buttenwieser 1938, S. 502: „Thou wilt not suffer thy faithful servants to see the engulfing pit.“
  4. die Grube (die Verwesung) - Wegen der Auslegungsgeschichte des Psalms (s. die Anmerkungen) wurde oft recht heftig diskutiert, ob das Wort für „Grube“ auch „Verwesung“ bedeuten kann oder nicht. Das kann es, daher übersetzen hier so auch LXX, Tg, VUL, Syr, Hier. Eigentlich läuft aber ohnehin beides auf das selbe hinaus: Im atl. Totenkult wurde ein toter Körper zunächst in ein Gemeinschaftsgrab gelegt und dort verwesen gelassen. Nach der Verwesung sammelte man die Knochen ein und gab sie in eine Grube, in der sich auch die Knochen der bereits verblichenen Familienangehörigen befanden (vgl. z.B. Figueras 1984f., S. 46). Von dieser Grube ist hier wohl ursprünglich die Rede; ob mit „Grube“ oder „Verwesung“ zu übersetzen ist, ist also irrelevant: „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer verwest / die Knochen deines verwesten Frommen in die Grube gegeben werden“ ist letztlich gleichbedeutend: „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer stirbt“. Wichtig außerdem: Auch nach dem Tod hatte man nach antiker Vorstellung nicht einen bloßen Körper vor sich; erst im Verlaufe der Verwesung wanderte der Tote hinab in die Scheol (vgl. Leuenberger 2012, S. 327). 10a und 10b bedingen sich damit gegenseitig: Verwest jemand nicht, geht er auch nicht über in den Scheol. Will man auch schon 9b als Ausdruck für den Zustand eines Körpers nach dem Tod lesen, sind sogar 10a und 10b Ausfaltungen dieses Verses: „Mein Fleisch wird sicher wohnen“, also nicht zerstört werden, und das heißt dann zum einen, „du wirst meine Seele nicht dem Scheol überlassen“, und das ist möglich weil „du nicht erlauben wirst, dass dein Frommer verwest“.

11 Du wirst (sollst) mir kundtun (mich erkennen lassen) den Weg des Lebens (zum Leben):1[Die] Fülle (Sättigung) der Freuden ([ist]) bei deinem Angesicht, [Die] Lieblichkeiten (Freuden, Annehmlichkeiten) ([sind]) in deiner Rechten allezeit!2

  1. Weg des Lebens (Weg zum Leben) - gelegentlich interpretiert als „Weg zum Leben“, nämlich aus dem Tode: Die Auferstehung (so schon Kimchi). Gemeint ist mit dem „Weg des Lebens“ aber ursprünglich sicher ein innerweltlicher Weg: Wer auf dem von Gott gewiesenen Weg geht, indem er sich an seine Weisung hält, wird recht und in Sicherheit wandeln und insofern ist dieser Weg dem Tod entgegengesetzt. S. bes. Spr 12,28; auch Spr 2,18f.; 5,5f.; 15,9f.; ähnlich 10,17; Ps 1. Zeilen 2 und 3 schildern dann Charakteristika dieses „Wegs des Lebens“ (richtig Thomas von Aquin: commemorat beneficium, „er erinnert an die Vorteile“; Liess 2004, S. 91: „V. 11a formuliert mit der zentralen Wendung [Weg des Lebens] den Leitgedanken, der in den beiden folgenden Kola entfaltet wird.“); gut daher nur mit Doppelpunkt und ohne „[ist]“ in Zz. 2 und 3 in ZÜR 1931. Schön wieder FENZ: „Den Weg des Lebens zeigst du mir: / zum Fest vor deinem Angesichte, / am Quell der Freuden und der Wonnen, / zu deiner Rechten ohne Ende.“ Die meisten Üss. sehen allerdings Zz. 2.3 als eigenständige Sätze.
  2. Man beachte, wie hier V. 8 wieder aufgegriffen wird: Der Beter hält sich JHWH „beständig vor Augen“ und „hat JHWH zu seiner Rechten“. Dem korrespondieren die „Fülle der Freuden bei JHWHs Angesicht“ und die „Annehmlichkeiten in JHWHs Rechten“.

Chapter 17

1 1 ''Ein Bittgebet. Von (für, über, nach Art von) David.'' Höre, JHWH, Gerechtigkeit:2Horch mein Schreien,Lausche meinem BittgebetVon Nicht-Trug-Lippen!

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Textkritik: LXX hat „meine Gerechtigkeit“; so daher auch viele Exegeten. Doch ist dies sicher nur eine auslegende Übersetzung. Gemeint ist natürlich „meine“ Gerechtigkeit, doch hier wird JHWH allgemein aufgefordert, auf „Gerechtes“ zu lauschen. V. 1 bildet so eine kleine Inclusio mit V. 2: JHWH soll „Gerechtigkeit hören“ – und Gerechtigkeit spricht aus dem Mund des Beters, weil sein Beten geäußert wird von „Nicht-Trug-Lippen“ – und er soll „Aufrichtigkeit sehen“, nämlich wieder die des Beters, die JHWH erkennen würde, wenn er ihn denn prüfte (V. 3). „Gesehen werden“ soll gerade jene Aufrichtigkeit, die „nicht über meine Lippen kommen dürfte“ (V. 3); das „Hören“ in V. 1 bezieht sich also auf die Aufrichtigkeit des Beters im Beten, das „Schauen“ auf die unhörbare Aufrichtigkeit des Beters im Denken.

2 Von dir (von vor deinem Gesicht) möge (wird) mein Recht ausgehen (aufstrahlen),1Deine Augen mögen (werden) schauen Aufrichtigkeit{en} (richtig, unparteiisch):

  1. mein Recht ausgehen - d.h. vor deinem Richterstuhl möge mir Gerechtigkeit widerfahren. Das heb. Verb kann auch „aufgehen“, „aufstrahlen“ bedeuten und wird oft von der Sonne gesagt, was gut zur Rechtfertigung am Morgen in V. 15 passt (s. dort).

3 Testestest du (du testestest) mein Herz, Prüftest du (du prüftest) [mich (es)]1 [selbst]2 bei Nacht, probtest du (du probtest)3 mich, Würdest (wirst, könntest) du nicht finden Ränke an mir (Plan, Schandtat, ich habe geplant),4[die] nicht meinen Mund überschreiten dürfte.5

  1. [mich (es)] - Objekt der Prüfung könnte hier entweder wieder das „Herz“ sein oder allgemein „ich“. Tg und Syr übersetzen einheitlich mit „ich“, was nicht im MT steht; vielleicht ist also sogar von Schreibern wegen der Buchstabengleichheit von „ich“ und dem Beginn von „bei Nacht“ das „ich“ übersehen worden: pqdt [lj] ljlh.
  2. [selbst] - Fokuspartikeln wie „selbst“ werden im Heb. häufig auch dort nicht gesetzt, wo das Deutsche sie setzen muss. So wohl auch hier; der Gedanke ist vermutlich: Selbst Nachts, wenn ich am wenigsten auf eine Durchsuchung meiner Selbst vorbereitet bin, wirst du nichts finden (Schegg 1845, S. 166: „Denn du hast mein Herz geprüft, überrascht bei Nacht“).
  3. probtest - W. „läutertest“; der Psalmist verwendet (wie z.B. auch Ijob 23,10) das Bild der Läuterprobe aus der Metallurgie, mit der durch das Schmelzen von Edelmetallen Beimengungen von anderen Stoffen gefunden und ausgeschieden werden können (NGÜ: „Du hast mich 'wie Metall im Feuer' geläutert“; StierPs: „schmelze mich aus!“). Der Fremdkörper, der in diesem Fall nicht gefunden wird, ist die „Schandtat“.Trikolon mit Klimax: Die drei Tests in V. 3 werden immer intensiver: Testen – bei Nacht prüfen – Läuterprobe durchführen.
  4. Textkritik: Ränke an mir (Plan, Schandtat, ich habe geplant) - Beide Alternativen wären mit den selben Konsonanten geschrieben worden (zimati vs. zamoti); MT und die meisten dt. Üss. deuten als Variante 2, die meisten alten Üss. aber wie wir als Variante 1.
  5. [die] nicht meinen Mund überschreiten dürfte - so gut als Relativsatz aufgelöst von Ehrlich 1905; Zorell 1928; R-S. Im Heb. sind die beiden Zeilen ganz parallel gebaut, was sich schwer ins Dt. übertragen lässt: „Nicht findest du Schandtat von mir, / nicht durfte [sie] überschreiten den Mund von mir.“Die meisten dt. Üss. lösen auf verschiedenste Weisen anders auf. W. übersetzt lautet MT: „nicht(s) wirst/sollst du finden ich habe geplant/mein Planen nicht(s) wird/soll überschreiten mein(en) Mund V. 4 Taten von Menschen“, was sich dann konstruieren lässt als: * Du wirst nichts finden; mein Planen wird nicht meinen Mund überschreiten, d.h. selbst, wenn ich Böses denke, kommt es mir nicht über die Lippen. (Delitzsch 1894; ALB) * Du wirst nichts finden; mein Planen wird nicht mein Mund überschreiten, d.h. ich denke nicht dies, spreche aber dann das. (Vaihinger 1856; ELB, GN, NeÜ) * Du wirst nichts finden; mein Planen soll nicht mein Mund überschreiten, d.h. ich will nicht unbedacht reden (BigS) * Du wirst nichts finden. Ich habe geplant: „Nichts [Böses] soll mir über die Lippen kommen.“ (deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014; EÜ16, LUT17 u.a.) * ... Mein Mund läuft nicht über bei dem Tun der Menschen (Kraus 1961; PAT) Die Übersetzung „Nie hat sich vergangen mein Mund“ (z.B. EÜ, H-R, ZÜR) schließlich geht fälschlicherweise davon aus, dass „überschreiten“ auch das Übertreten von Gesetzen meinen könne.

4 Was die Taten (das Tun) des Menschen gegen das Wort deiner Lippen angeht:1''Ich'' habe geachtet die Wege des Gebots (Gewalttätigen),2

  1. Z. 1 aufgelöst in Anlehnung an Köster 1837 („So oft die Menschen thun wider deiner Lippen Wort“, S. 40; auch Calvin berichtet, gelegentlich auf diese Auflösung gestoßen zu sein). Obwohl sie sich so selten findet, ist sie recht wahrscheinlich richtig: Nach den Wortsünden (V. 1) und den Gedankensünden (Vv. 2-3) werden nun in Vv. 4-5 noch die Tatsünden zurückgewiesen. Der Beter ist völlig unschuldig.Die meisten Üss. und Exegeten ziehen den Beginn der Zeile entweder zu V. 3 („Mein Mund quillt nicht über beim Tun des Menschen“) oder teilen noch häufiger diese Zeile auf in zwei Gliedsätze („Was das Tun des Menschen angeht: Beim Wort deiner Lippen...“, was dann aber schwerlich „gemäß dem Wort deiner Lippen“ hieße, wofür kidbar statt bidbar verwendet würde (so korrigieren den Text daher Bonkamp 1949 und Leveen 1961, S. 48).).Theoretisch möglich wäre allerdings die Auflösung „Was die Taten ders Menschen angeht: Durch das Wort deiner Lippen habe ich die Wege des Gebots geachtet“ (so BigS). Calvin kommentiert: „Suchen wir nach einer guten Richtlinie für unser Verhalten, wenn unsere Feinde uns dazu provozieren, ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lasst uns am Beispiel des David lernen, über das Wort Gottes nachzudenken und unsere Augen darauf gerichtet zu halten! So nämlich wird unser Geist davon abgehalten, geblendet zu werden, und wir werden stets den Weg der Frevler meiden können, da Gott durch seine Gebote nicht nur unsere Affekte bändigt, sondern durch seine Versprechungen auch unsere Geduld befeuert.“ (Calvin 1845, S. 240).
  2. tFN: Gebots (Gewalttätigen) - W. auf den ersten Blick „Ich habe geachtet die Wege des Gewalttätigen“, was dann oft erläutert wird als „achten, [um nicht darauf zu geraten]“. Doch dafür würde im Heb. nicht schamar („achten“), sondern schamar min („sich in Acht nehmen vor“) verwendet. Besser sollte man daher in Orientierung an arab. faraḍa („gebieten“) davon ausgehen, dass neben parits („Gewalttätiger“, von parats „überschreiten“) ein gleichlautendes Wort parits II („Gebot“, von parats II „gebieten“, das sich wohl auch in 1 Chr 13,2 und 2 Chr 31,5 findet, vgl. Kissane 1928, S. 90) existiert. Dieses Wort ist nicht allgemein anerkannt (und findet sich daher in DCH VI, S. 769; ZLH S. 668, nicht aber in Ges18 und KBL3), wird aber an unserer Stelle von vielen Exegeten und einigen dt. Üss. (EÜ (nicht mehr EÜ16), GUAR, H-R, HER05, PAT, StierPs) vertreten.

5 Es hielten meine Schritte sich in deinen SpurenNicht wankten meine Tritte.1

  1. Wege des Gebots, meine Schritte, deine Spuren, meine Tritte - Der Psalmist greift hier zurück auf die häufige Metapher des „rechten Weges“: Indem Gott den Menschen seine Gebote gab, wies er ihnen einen „Weg“. Beschreitet man diesen, ist man auf dem „rechten Weg“ und wird dafür von Gott gesegnet sein (s. z.B. Spr 2,18f.; 5,5f.; 12,28; 15,9f.); „der Frevler Weg jedoch vergeht“ (Ps 1,6).

6 Ich rufe zu dir, damit du mich erhörst (denn du wirst mich erhören), Gott!Neige dein Ohr (dein Lauscher) zu mir, höre meine Rede!

7 Wirke wunderbar (erweise)1 deine Huld, [oh] Retter (Heiland) der sich ([zu dir])2 Flüchtenden (der ([auf dich]) Hoffenden)Vor sich Erhebenden wider deine rechte Hand!3

  1. Textkritik: MT hat hapleh („scheide/erweise“), so auch Tg. Einige MT-Handschriften aber haben haple´ („Wirke wunderbar“), was durch LXX, Syr, VUL und Hier gestützt wird. Die Fügung palah chesed findet sich sonst nicht mehr in der Bibel (allerdings das ähnliche palah chasid, „er hat geschieden seinen Frommen“ in Ps 4,4, wo aber ebenfalls pala´ zu lesen ist), pala´ chesed aber in Ps 31,22 und beide Wörter in engem Zhg. auch in Ps 106,7 und 107,8.15.21.31. Syr hat darüber hinaus offenbar sogar an Ps 4,4 gedacht und statt chesed chasid übersetzt, dennoch aber nicht palah, sondern pala´. Etwas wahrscheinlicher ist daher „wirke wunderbar“; letztlich trägt es sich aber nicht wesentlich auf die Bedeutung des Textes aus.
  2. Textkritik: [zu dir] steht nicht in MT, Tg, Hier, aber in LXX, Syr, VUL, Saadja. Houbigant 1777 und BHS erachten es daher als ursprünglich, doch ist es wohl eher Angleichung an „deine Huld“ und „deine Hand“.
  3. wider deine rechte Hand - der ungewöhnliche Ausdruck (für gewöhnlich erhebt man sich nicht gegen Hände, sondern gegen Menschen und Götter) soll wohl die Formulierung der ausgleichenden Gerechtigkeit in Vv. 13f. vorbereiten, wo Gott sich erheben und seine Hand als Waffe gegen Menschen einsetzen soll: Diese sind „sich Erhebende gegen seine rechte Hand“; sie haben es also geradezu herausgefordert.Weil der Ausdruck so ungewöhnlich ist, haben andere vorgeschlagen, dass die letzte Phrase nicht auf die „sich Erhebenden“ zu beziehen sei, sondern auf die „sich Flüchtenden“ („die sich zu deiner rechten Hand flüchten“), was noch recht ungezwungen möglich ist (z.B. HER05, EÜ 16, SLT), auf „[oh] Retter“ („oh Retter durch deine rechte Hand“; so z.B. TAF) oder gar auf „Wirke wunderbar deine Huld“ („... mit deiner rechten Hand“; so offenbar B-R). Mosca 2011 hat sogar vorgeschlagen, dass die Phrase bewusst ans Ende des Verses gestellt wurde, um sich gleichzeitig in der Tat auf all diese Phrasen beziehen zu können:„Erweise deine Huld mit,[oh] Retter durch,von sich Flüchtenden zu,vor sich Erhebenden gegendein(e) rechte(n) Hand!“

8 Behüte mich wie ein Augenmännlein (die Pupille) des Augenmädchens (, die Pupille),1Im Schatten deiner Flügel birg mich2

  1. ein Augenmännlein (die Pupille) des Augenmädchens (, die Pupille) - Zwei (auch: in vielen Sprachen, z.B. Lat: pupus und pupilla) verbreitete Umschreibungen der Pupille folgen hier aufeinander. Die erste ist w. „das Männchen“, die zweite w. „die Tochter des Auges“. Entweder steht die „Tochter des Auges“ in Apposition zum „Männchen“ (also: „das Männchen, [d.h.] die Tochter des Auges“) oder in einem Constructus-verhältnis mit ihm (also der heb. Entsprechung des Genitivs: „das Männchen der Tochter des Auges“). Alle uns zugänglichen Auslegungen deuten als Apposition, aber es ist doch zu fragen, was der Mehrwert dieser Apposition sein soll, wenn doch beide Glieder sonst stets alleine stehen („Männchen (des Auges)“: Dnt 32,15; Spr 7,2; Sir 3,25; 17,22; „Tochter des Auges“: Klg 2,18; Sach 2,12). Vielleicht findet sich hier also ein schönes Bild: Die beiden Bezeichnungen rühren wohl daher, dass man sich als kleines „Männchen“ in der Pupille des Anderen spiegelt, wenn man ihm in die Augen sieht (Kimchi: „Es heißt ´ischon, weil man darin das Bild eines Menschen sieht.“). Dies war bereits in der Antike auffällig, vgl. Platon, Alkibiades 132e-133a („Hast du beobachtet, dass von dem, der in ein Auge blickt, das Gesicht im Auge gegenüber erscheint wie in einem Spiegel – wir nennen dies Pupille...?“); Plinius, Naturalis Historia XI 53 („So sehr gleicht das Auge einem Spiegel, dass, so klein die Pupille auch ist, sie das ganze Bild eines Menschen widergibt. Dies ist der Grund, warum die meisten Vögel in den Händen von Menschen am ehesten nach den Augen picken, weil sie ihr Bild in ihnen erkennen.“; Stellen nach Hunziker-Rodewald 2009b, S. 138). Hierauf spielt wohl das „Behüten wie jmds Augenmännlein/-mädchen“ (Dtn 32,15; Spr 7,2; Sir 17,22; ähnlich Sach 2,12) an: Nicht, dass man jmdn/etw. so behüten soll wie etwas sehr Verletzliches (Thomas von Aquin: „Die Pupille des Auges wird mit Sorgfalt bewacht, weil nichts, das sie verletzten könnte, erlaubt ist, sich ihr zu nähern.“), sondern so aufmerksam, dass man ihm mit dem Gesicht so nahe ist, dass der/das Behütete sich im Auge des Hüteres widerspiegelt (ebd., S. 140: „Garde-moi comme [...] une image pupilline!“). Deuten wir, weil wie gesagt der Mehrwert der Apposition „wie ein Männchen, eine Tochter des Auges“ nicht einzusehen ist, die Fügung als Constructus-verbindung, geht diese Abwandlung des Bildes vielleicht sogar noch einen Schritt weiter: Gott soll den Beter nicht nur so sehr behüten, dass sich dessen Bild in seinen Augen widerspiegelt, sondern sogar so sehr, dass dieses Spiegelbild sozusagen der „Angetraute“ seiner Pupille ist: „Lass mich das Augenmännlein deines Augenmädchens sein!“, „Erbaue meinem Bild ein Heim in deinem Auge!“
  2. mini|x200px|rechts|Köng Chephren wird schützend von einem Horusfalken beschattet. (c) IPIAO I 120Eine weitere schöne Kompositmetapher. Sowohl der „Schatten“ als auch die „Flügel“ allein können als Metaphern für das schützende und heilsame Handeln Gottes stehen (s. Ps 121,5f und Ps 61,5; 91,4). Im Ausdruck „Schatten der Flügel“ (hier; Ps 36,8; 57,2; 63,8) werden beide Bilder kombiniert. Übrigens legt Ps 91,4 nahe, dass bei diesem Bild weniger an einen Adler oder Falken zu denken ist, der schützend über jemandem schwebt (wie öfter in Ägypten, s. rechts und vgl. entfernt Jes 31,5, wo jedoch Vögelchen fliegen und nicht Adlern beschirmen), sondern an eine Henne, die ihre Küken unter ihren Flügeln birgt (s. Mt 23,37).Eine schöne geistliche Auslegung stammt von Thomas von Aquin: „Die beiden Flügel sind die beiden Arme, die Christus am Kreuz ausbreitete, s. Dtn 32: ‚Er breitete seine Flügel aus, nahm sie auf und trug sie auf seinen Schultern‘.“

9 Vor Frevlern, die mir Gewalt antun,[Vor] meinen Feinden, die gierig (vor meinen Todfeinden, die?) mich umzingeln {wollen}!1

  1. {wollen} - T-Shift: Heb. Stilmittel, das sich nicht ins Dt. übersetzen lässt. In Z. 1 wird das „Tempus“ Qatal verwendet, in Z. 2 dagegen Yiqtol, womit für gewöhnlich die Zukunft oder Modalität markiert wird. Hier ist der Tempuswechsel aber bedeutungslos und rein stilistisch.

10 [Mit] Fett verschließen sie [ihr Herz],1[Mit] ihrem Mund2 reden sie stolz.

  1. Textkritik: [Mit] Fett verschließen sie [ihr Herz] - Heb. chlbmw sgrw, „Ihr Fett verschließen sie“, weshalb einige jüdische Ausleger den „Mund“ aus Z. 2 noch zu Z. 1 ziehen: „Mit Fett verschließen sie ihren Mund [so dass sie nur noch stolz daherreden können]“. Lies aber besser mit vielen Exegeten und allen dt. Üss. in Orientierung an Ps 119,70 (vgl. auch Jes 6,10) und an 1 Joh 3,17 chlb lbmw sgrw.Fett zu sein ist in der Bibel häufig sehr negativ konnotiert: „Fette Menschen“ glauben, Gott nicht mehr nötig zu haben, und wenden sich anderen Göttern zu (Dtn 31,20; 31,15; Ijob 15,25-27; Hos 13,6) oder sind allgemein bösartig (Ps 119,70; Jer 5,28) und hybrid (Ps 73,6-8), was auch hier aus Z. 2 spricht. Frei und sehr richtig FENZ: „Steine in der Brust statt Herzen / und den blanken Hohn im Munde...“
  2. ihrem Mund - Wortspiel: „ihr Mund“ ist im Heb. pimo und klingt damit sehr ähnlich wie das Wort für „Speck“, pimah (s. Ijob 15,27).

11 Sie verfolgen mich (unsere Schritte, sie warfen mich hinaus, sie tadelten mich),1 jetzt umgeben sie mich,Ihre Augen setzen sie [darauf], [mich] zur Erde niederzustrecken;

  1. Textkritik: Sie verfolgen mich (unsere Schritte, sie warfen mich hinaus, sie tadelten mich) - MT hat ´aschurenu („unsere Schritte“); ähnlich Tg. Eine MT-Handschrift hat aber ´aschruni; Syr, Sym („sie priesen mich“) und Hier („sie marschierten wider mich“) lasen ´ischruni, 11QPsc, LXX und VUL („sie warfen mich hinaus“) ´aschduni; dass das ursprüngliche Wort auf -uni endete, ist also recht sicher. ´aschduni wäre aramäisch; vorzuziehen ist daher klar ´ischruni (vgl. ähnlich Jes 1,17). So auch BB, GN, NL, ZÜR; die meisten Üss. folgen aber MT („Auf Schritt und Tritt haben sie mich umzingelt“).

12 Sie sinnen gegen mich (sein Aussehen ist wie das eines)1 wie ein Löwe, [der] zu reißen giert,Ein Junglöwe, [der] im Versteck sitzt (auf der Lauer liegt)! 2

  1. Textkritik: Sie sinnen gegen mich (sein Aussehen ist wie das eines) - Heb. dimjono („Sein Aussehen“). Lies wohl mit BHS; Graetz 1893, S. 28; Nötscher 1959, S. 40 und ähnlich Driver 1942, S. 152 dimmuni, „sie sinnen gegen mich“ (vgl. 2 Sam 21,5). Das Wort im MT findet sich nur noch in Sir 3,24 („Einbildung“) und 1QM 6,13 („Aussehen“); wird hier aber i.d.R. für ein Synonym von demut („Ähnlichkeit“) gehalten. Dass ein Wort bei drei Belegen drei verschiedene Bedeutungen haben soll, muss ohnehin misstrauisch machen; misstrauisch macht außerdem, dass LXX, Syr und VUL ein Verb lasen (LXX und VUL: auf -uni) und Tg nicht dimjon widergibt, sd. gerade dessen hypothetisches Synonym demut. Misstrauisch macht auch der Numeruswechsel vom Plural „sie“ und „ihre“ in V. 11 zum Sg. „sein“ in V. 12, obwohl sich dies als N-Shift erklären ließe. Misstrauisch macht schließlich, dass bei vergleichbaren „pleonastischen Ausdrücken der Vergleichbarkeit“ (Jenni 1997d) die Vergleichspartikel nicht wie hier vor dem Vergeichswort steht, sondern vor dem „Synonym“ demut (s. Gen 1,26; Ps 58,58; Dan 10,6).
  2. Psalm 10,8

13 Erhebe dich, JHWH, tritt ihm (seinem Gesicht) entgegen,Rette (befreie) meine Seele (mich) vor dem Frevler!Dein Schwert [sei]

14 von den Toten (Männern),1Deine Hand, JHWH, [sei] von den Toten(Männern), [die] ohne Dauer (Welt) [waren],Ihr Teil2 im Leben![Mit] deinem Aufgesparten3 fülle ihren MagenSättigen sollen sich [auch] ihre Kinder,Und diese (ja, sie) sollen überlassen ihren Rest ihren Säuglingen!

  1. Toten (Männern) - Zum Sinn d. Verses s. die Anmerkungen. Beide Wörter können hier gelesen werden, da sie ursprünglich gleich geschrieben wurden und nur unterschiedlich zu vokalisieren waren: mimetim vs. mimetim. Entgegen der starken Mehrheit wurde hier mit Bonkamp 1949, S. 101 die Deutung „Tote“ gewählt, weil nur so die Rede vom „Teil im Leben“ in 14c und von der „Dauer“ in 14b (was eigentlich nicht „Welt [im Ggs. zu Gott]“ bedeutet) gut erklärbar ist und der Vers so übersetzt eine sehr nahe Parallele in Ps 109,13f. hat.Entscheidet man sich für die Bedeutung „Männer“, muss man anders auflösen; am sinnvollsten: „Rette meine Seele vor dem Frevler [durch] dein Schwert, vor Männern [durch] deine Hand, vor Männern, deren Teil im Leben ohne Dauer/aus der Welt (im Gegensatz zu ‚von Gott‘) [ist].“ So fast alle dt. Üss (PAT und StierPs nehmen unnötige Änderungen am Text vor). Die Deutung als „Tote“ findet sich heute nur noch sehr selten, war früher aber sogar wesentlich geläufiger als die Deutung „Männer“. Die (mittelalterliche!) Vokalisierung des MT deutet zwar als Männer und es findet sich diese Deutung schon in einigen LXX-Handschriften und dem folgend in VUL, der wesentlich ältere heb. Text in 11QPsc „vokalisiert“ dagegen als „Tote“ und diese Deutung findet sich auch in Tg, Syr, Sym, Aq und einigen VL-Versionen. Auch Hieronymus wählt für das erste Wort die Deutung „Männer“, für das zweite aber wieder „Tote“, und für beide Wörter ist diese Deutung auch belegt in b.Ber 61b, bei Chanina ben Pappa (vgl. Bacher 1896, S. 524) und bei Raschi.
  2. Teil ist urspr. das ererbte Land, das einer Familie nach bibl. Vorstellung durch das Schicksal zugefallen ist (vgl. Jos 13 und Jos 14,2; z.B. auch Ri 18,1); übertragen dann auch vom Schicksal eines Menschen, das bes. hier als (auch) ererbtes Schicksal vorgestellt ist.
  3. [Mit] deinem Aufgesparten - Zur Vorstellung vgl. Ijob 21,17-19; Ps 31,20; Spr 2,7; 13,22; Hos 13,12; auch Ijob 20,26: Gott vergilt jedem Menschen nach seinen Werken. Doch nicht immer sogleich; manchmal spart er dieses Entgelt auch auf, um es irgendwann auf einen Schwung loszulassen. So erst recht hier: Was Gott für die Frevler aufgespart hat, sammelt sich schon seit der Zeit ihrer Eltern in seinen Schatzkammern an. Es ist also nichts Gutes, womit Gott hier die Bäuche der Frevler füllen soll, wie das einige Üss. deuten.

15 ''Ich'' [aber] will (werde) als Gerechter (Gerechtfertigter, in/durch Gerechtigkeit1) dein Gesicht schauen,Will mich sättigen beim Aufwachen2 an deinem Bild.3

  1. durch Gerechtigkeit - Auf V. 15 basiert eine der Vorschriften im Schulchan Aruch, einer sehr wichtigen jüdischen Gesetzessammlung. Im Talmud (b.B.B. 10a) wird das „als Gerechter“ gedeutet als „durch Wohltätigkeit“; darauf aufbauend führt R. Dostai aus: „Kommt und seht, dass der Heilige, gelobt sei er!, nicht aus Fleisch und Blut ist. Bringt ein Mensch [aus Fleisch und Blut] einem König ein Geschenk, ist es unsicher, ob dieser es annehmen oder abweisen wird. Und selbst, wenn er es annimmt, ist unsicher, ob er dann das Gesicht des Königs sehen wird oder nicht. Der Heilige jedoch, gelobt sei er!, handelt anders. Gibt ein Mensch einem Armen auch nur eine Peruta[, einen kleinen Geldbetrag], ist sein Gewinn der Empfang der göttlichen Gegenwart, wie es heißt in Psalm 17,15: Ich aber werde dein Gesicht durch Wohltätigkeit schauen...“, woraus dann im Schulchan Aruch abgeleitet wird: „Es ist gut, vor dem Beten Almosen zu geben, denn es heißt: ‚Ich werde durch Wohltätigkeit dein Gesicht sehen‘.“ (12,2).
  2. beim Aufwachen meint wohl „bei meinem Erwachen“; dass mit Gottes Heilshandeln die neue, heilvolle Zeit mit dem nächsten Morgen anbricht, findet sich häufig in der Bibel (s. Ps 30,6; 46,6; 90,14; 143,8; Klg 3,22f.; Zef 3,5 und vgl. z.St. Lindblom 1943, S. 12f.). Alternativ könnte aber auch von Gottes Erwachen die Rede sein: Gelegentlich ist bes. in den Psalmen davon die Rede, dass Gott „schläft“ (s. Ps 7,7; 35,23; Ps 44,24 und vgl. Schlaf (WiBiLex)), deshalb kurzzeitig untätig ist, nach dem Erwachen aber wieder heilvoll am Beter handeln wird. Gerade, weil diese Vorstellung sehr gut zur Rede vom „Aufgesparten“ in V. 14 passt, ist diese Möglichkeit durchaus erwägenswert, wird aber nur sehr selten vertreten. Sicher nicht gemeint ist eine kultische Theophanie: Wäre davon die Rede, dass der Beter im Schlaf Gott selbst geschaut hätte, wäre die Zeitangabe „beim Erwachen“ falsch und ein Götterbild hätte er ja auch beim Einschlafen gesehen, wenn denn wirklich die Möglichkeit bestanden haben sollte, sich im Tempelbezirk schlafen zu legen.Ursprünglich sehr wahrscheinlich nicht gemeint ist die „Auferstehung“, viele alte Ausleger deuten das Wort aber daraufhin aus, z.B. Saadja, Raschi, Kimchi.
  3. Zu diesem V. siehe die Anmerkungen.

Chapter 18

1 1 ''Für den Chorleiter. Vom Diener JHWH s, von David, welcher sprach zu JHWH die Worte dieses Lieds am Tag, als JHWH ihn rettete aus der Handfläche all seiner Feinde und aus der Hand2 Sauls.''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Textkritik: Der Text von Ps 18 findet sich in etwas anderer Form noch mal in 2 Sam 22. Die Textkritik beider Texte ist daher sehr komplex und wurde daher ausgelagert auf die Seite 2 Sam 22, Ps 18 und die Textkritik des Alten Testaments.

2 ''Und er sagte:'' „Ich will dich lieben, JHWH, meine Stärke!

3 JHWH [ist] mein Fels und meine Burg und mein Retter,Mein Gott [ist] (,) mein Berg, zu dem ich fliehe (auf den ich vertraue),Mein Schild, das Horn meiner Rettung, meine Klippe (Festung)!

4 Als Lobenswerten will ich anrufen JHWH Und von meinen Feinden will (werde) ich gerettet werden.

5 Es umgaben mich Wogen des Todes,Die Flüsse Belias werden mich erschrecken!1

  1. werden mich erschrecken - d.h. »erschreckten mich«, ein bedeutungsloser T-Shift.

6 Die Stricke des Scheol1 umfingen mich, Es ereilten mich die Schlingen des Todes.

  1. Scheol - Heb. Bezeichnung der Unterwelt; nicht identisch mit der christlichen »Hölle«. Die Metapher, dass der Scheol fast personal vorzustellen ist und jemanden gefangen nimmt, findet sich häufiger in der Bibel (z.B. Num 16,33f.; Ps 69,16).

7 [Ich sprach:] »In meiner Not will ich anrufen JHWH Und zu meinem Gott will ich schreien.Er soll hören in seinem Tempel meine StimmeUnd mein Schreien soll kommen in seinem Ohr!«

8 Da wankte und schwankte die ErdeUnd die Pfeiler der Berge1 bebten und wanktenDenn es loderte in ihm.

  1. Pfeiler der Berge - gemeint sind also wohl ebenso wie in Dtn 32,22 (wo von unten nach oben aufgezählt wird: Der unterste Scheol - die Erde - die Pfeiler der Berge) die Berge selbst, da nach altorientalischer Vorstellung auf diesen als Pfeilern der Himmel ruhte: »Die Pfeiler, die die Berge sind«. Die »Pfeiler der Berge« wären demnach identisch mit den »Pfeilern des Himmels« in 2 Sam 22,8.

9 Es stieg Rauch aus seiner NaseUnd Feuer fraß aus seinem Mund;Kohlen brannten aus ihm hervor (entbrannten durch es).

10 Und er öffnete (neigte) den Himmel1 und stieg herabUnd eine Wolke (Dunkelheit) [war] unter seinen Füßen.

  1. öffnete den Himmel - Der Himmel wird hier wie noch öfter vorgestellt als festes Gebilde, das sich öffnen lässt (z.B., um durch die Öffnung die Sintflut auf die Erde zu schicken, Gen 7,11).

11 Und er ritt auf einem Kerub1 und flogUnd schoß herab auf den Flügeln des Windes.

  1. Kerub - altorientalisches Fabelwesen; meist dargestellt als geflügelter Löwe. S. näher Keruben / Kerubenthroner (WiBiLex). Im Alten Orient wurden die vier Winde (die den vier Himmelsrichtungen entsprechen) häufiger identifiziert mit oder personifiziert als geflügelte Wesen (s. zu Mk 13,27). Das scheint auch hier der Fall zu sein; s. die folgende Zeile.

12 Und er setzte Dunkelheit als seine Bedeckung um sich,Seine Hütte [waren aus] Massen von Wassern in den Wolken des Himmels.

13 Aus dem Glanz vor ihm gingen ausHagel und Kohlen von Feuer.

14 Und es donnerte aus dem Himmel JHWH Und Eljon wird geben1 seine Stimme.

  1. tFN: wird geben - d.h. »gab«, ein bedeutungsloser T-Shift

15 Und er warf seine Pfeile und zerstreute diese,Einen Blitz schoß er und verwirrte er.1

  1. Einen Blitz verwirrte er - d.h. wahrscheinlich: Er gab ihm das wilde Zickzack, das für Blitze so charakteristisch ist.

16 Und es wurden gesehen die Betten der Wasser,Es werden bloßgelegt werden1 die Fundamente der Erde.2Durch dein Schelten, JHWH,Durch das Schnauben des Windes deiner Nase.

  1. tFN: werden bloßgelegt werden - d.h. »es wurden bloßgelegt«, ein bedeutungsloser T-Shift.
  2. Fundamente der Erde - die Pfeiler, auf denen nach dem altorientalischen Weltbild die Erde über dem Mehr ruhte.

17 [Ich sprach:] »Er möge (wird) senden aus der Höhe,1 mich ergreifen,Mich herausziehen aus vielen Wassern,2

  1. Er möge senden aus der Höhe - nämlich seine Hand, die er helfend herunterreichen möge. Das Objekt wird hier wie in 2 Sam 6,6 ausgespart.
  2. Wassern - Wie häufig wird hier die Not metaphorisch dargestellt als Wasserflut, in der der Beter zu ertrinken droht.

18 Es möge mich retten vor meinem Feind der Starke Und vor meinen Hassern, weil sie kräftiger sind als ich!

19 Sie werden mir entgegentreten am Tag meines Unglücks!«Da wurde JHWH zu meiner Stütze:

20 Er führte mich ins Weite. [Ich wusste:] »Er wird mich retten, weil er Gefallen hat an mir:

21 Es wird mich belohnen JHWH entsprechend meiner Gerechtigkeit,Entsprechend der Reinheit meiner Hände wird er mir zurückgeben,

22 Denn ich wahrte die Wege JHWH sUnd handelte nicht böse von1 meinem Gott,

  1. böse handeln von - das »von« ist im Heb. ebenso merkwürdig wie im Dt. Offenbar heißt das Verb hier ausnahmsweise nicht »böse handeln«, sondern speziell »durch böse Handlungen abfallen«, daher z.B. MÜN: »Ich bin nicht frevelhaft von meinem Gott gewichen«.

23 Denn all seine Gesetze [waren] vor mir1 Und seine Satzungen werde ich nicht von mir stoßen

  1. waren vor mir - d.h., ich hielt sie mir beständig vor Augen und wich daher nicht von ihnen ab.

24 Und ich verhielt mich gegen ihn perfektUnd ich hütete mich vor meinen Fehlern.

25 Und es gab JHWH mir zurück entsprechend meiner Gerechtigkeit,Entsprechend meiner Reinheit vor seinen Augen.«

26 [Dem] Bundestreuen gegenüber wirst du dich bundestreu erweisen,Und [dem] perfekten Mann gegenüber wirst du dich perfekt erweisen,

27 [Dem] Reinen gegenüber wirst du dich rein erweisen,Dem Falschen gegenüber wirst du dich verkehrt erweisen.

28 Du rettest das arme Volk,Doch die Augen Hochmütiger beugst du nieder.

29 Ja, du bist meine Lampe, JHWH,Mein Gott wird erhellen meine Dunkelheit.

30 Ja, mit dir werde (kann) ich überrennen (zerschmettern) eine TruppeUnd mit meinem Gott werde (kann) ich eine Mauer überspringen.

31 Gott - vollkommen [ist] sein Weg. Das Wort JHWH s ist erprobt, Ein Schild [ist] er für alle, die auf ihn vertrauen (die zu ihm flüchten).

32 Ja, wer ist Gott außer JHWH Und wer ein Berg außer unserem Gott –

33 Dem Gott, [der] mich stärkt [mit] KraftUnd der meinen Weg perfekt machte,

34 Der meinen Fuß einer Gazelle gleich machteUnd mich auf meine Höhen stellte,

35 Der meine Hände für den Kampf trainierte,Um zu stärken1 [wie] einen Kupferbogen meine Arme!?

  1. tFN: stärken - wenichat wurde hier nach Good 1985; Görg 1986 in Orientierung am äg. nḫt (»stark sein, jmdn stärken«, vgl. Erman/Grapow II 314f.) und einem evtl. ug. Kognat nḥt (»stark sein, jmdn stärken«, vgl. del Olmo Lete/Sanmartín 628) abgeleitet von nachat II (»stark sein, jmdn stärken«; vgl. DCH V 671; Ges18 808). So übersetzen bereits Tg und Syr; vgl. auch beide Vrs. zu Jes 30,30. Zur in diesem V. schwierigen Textkritik s. 2 Sam 22, Ps 18 und die Textkritik des Alten Testaments.

36 Und du gabst mir den Schild der Rettung Und deine rechte Hand wird mich stützenUnd deine Erhörung wird mich vergrößern.

37 Du wirst weit machen meine Schritte unter mirUnd meine Knöchel wanken nicht.

38 Ich werde nachjagen meinen Feinden und sie erreichenUnd werde nicht umkehren, bis ich sie zerstört habe.

39 Ich werde sie zerschmettern und sie werden sich nicht erheben können,Sie werden unter meine Füße fallen!

40 Und du gürtetest mich mit Kraft für den Kampf,Du wirst beugen [die], die sich [gegen] mich erheben, unter mich!

41 Und meine Feinde – du gabst mir [ihren] Rücken;1Meine Hasser werde ich vernichten.

  1. du gabst mir ihren Rücken - d.h., du machtest, dass sie vor mir flohen.

42 Sie werden schreien, doch es [wird für sie] nicht geben einen Retter,Zu JHWH,1 aber er antwortete ihnen nicht.2

  1. Sie werden schreien ... / Zu JHWH - Zwei Stilmittel in einer Doppelzeile: Hyperbaton (Umstellung der gewöhnlichen Wortfolge) + Break up (Aufteilung eines häufigen Ausdrucks wie »Sie werden zu JHWH schreien«) auf zwei Zeilen. Hier auch noch gepaart mit dem T-Shift beim folgenden Verb; schon in der Formulierung des Verses kommt das Chaos zum Ausdruck, in das die Macht des Sprechers und die Hilfeverweigerung JHWHs die Feinde stürzt.
  2. tFN: er antwortete ihnen nicht - d.h. »er wird ihnen nicht antworten«, ein bedeutungsloser T-Shift.

43 Ich werde sie zermalmen wie Staub auf dem {Gesicht des} Weg{es},Wie Kot [auf] der Straße werde ich sie ausschütten!

44 Du wirst mich retten aus den Auseinandersetzungen des Volkes,Du wirst mich einsetzen als Haupt der Heiden,Ein Volk, [das] ich nicht kenne (kannte), wird mir dienen.

45 Auf Gehörtes des Ohrs [hin] werden sie auf mich hören,{Kinder von }Ausländer{n} werden mir [Ergebung] heucheln (mir schmeicheln),

46 {Kinder von }Ausländer{n} werden vergehen Und sich [selbst] gürten mit ihren Banden.

47 [So wahr] Gott lebt: Gesegnet [sei] mein FelsUnd erhoben werden soll der Gott meiner Rettung,

48 Der Gott, [der] mir Rache gab (gibt)Und Völker unter mich unterjocht hat,

49 Der mich meinen Feinden rettet (entkommen lässt),Mich erhöhen wird über die, die sich gegen mich erheben,Der du mich von dem gewalttätigen Mann befreien wirst.

50 Darum will ich dich preisen, JHWH, [mitten] unter den Heiden,Und deinem Namen singen, Der groß macht das Heil seines KönigsUnd seinem Gesalbten Bundestreue erweist,David und seinen Nachkommen auf ewig.

Chapter 19

1 1 Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden).2 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden) - Genaue Bedeutung unklar. Die gewählte Übersetzung ist mehr oder weniger Konvention, obwohl es nicht an alternativen Übersetzungsvorschlägen mangelt. Hier ist die Bezeichnung übrigens recht glücklich: Vermutlich leitet sich das Wort her vom hebräischen netsach („glänzen, strahlen“); menatseach ist dann der „Glänzende, Strahlende“ (vgl. z.B. Delitzsch 1894, S. 83f), was sich in unserem Psalm gut zu den sonstigen Vokabeln aus dem Wortfeld „Licht“ fügt.

2 Der Himmel verkündet1 (Die Himmel verkünden)2 die Herrlichkeit (Lichtglanz, Glorie)3 Gottes„ und das Walten (Werk)4 seiner Hände (sein Walten)5 macht kund das Firmament (Himmelsgewölbe)6:“

  1. verkünden - heb. safar; v.a in den Psalmen wird dieses Verb bes. dann verwendet, wenn jemand von großen Taten Gottes berichtet (vgl. THAT II, S. 168): Der Himmel wird hier vorgestellt als ein Prediger.
  2. Himmel ist im Hebräischen ein Pluralwort; damit erklärt sich der Plural „Die Himmel“, der in vielen Übersetzungen zu finden ist. Ins Deutsche muss mit Singular übertragen werden.
  3. Zur Vorstellung der „Herrlichkeit“ s. die Anmerkungen.
  4. Walten (Werk) - meist übersetzt als: »seiner Hände Werk« i.S.v. »das, was er geschaffen hat«. Einige Exegeten (z.B. Baethgen 1892, S. 56; Dohmen 1983, S. 508; Oesch 1985, S. 71f) wenden ein: Weil Himmel und Firmament aber ja selbst zu diesem Werk von Gottes Händen zählen, würden sie nach dieser Übersetzung nicht Gott verkünden, sondern sich selbst - gemeint ist daher hier allgemein das »Walten« Gottes. Vermutlich gehört dies aber schon zu der in den Anmerkungen beschriebenen Mehrdeutigkeit: Wegen der Stichwortverknüpfung »Ihr (=der Himmel und des Firmaments) [Verkündigungs-]Klang geht aus« - »Sie (=die Sonne) ist wie ein Bräutigam, der ausgeht« - »Am einen Ende des Himmels ist ihr Ausgang« (vgl. gut Dohmen 1983, S. 505) lassen sich Vv. 5-7 so lesen, dass das, was Himmel und Firmament verkündigen, die Sonne - als Symbol für die »Herrlichkeit« Gottes - ist. Liest man unseren Vers mit den Vv. 5-7 zusammen, legte sich auch hier diese Deutung nahe: Das »Werk seiner Hände« ist die Sonne (s. auch FNn h.k) - ähnlich, wie in Ps 8,2 der »Himmel« als das »Werk seiner Finger« und in Ps 8,7 die ganze Schöpfung als das »Werk seiner Hände« bezeichnet wird. Und gleichzeitig ist eben auch möglich: »Die Himmel verkünden das Walten Gottes (=der Sonne)«, s. wieder die Anmerkungen. Außerdem theoretisch möglich: »Der Himmel verkündet die Herrlichkeit Gottes / und das Werk seiner Hände (=der Himmelsbogen) macht [sie] kund: das Firmament.«. So allerdings noch kein Exeget und es ist auch recht unwahrscheinlich: V. 2 ist sicher bewusst chiastisch gebaut: SUBJEKT: Der Himmel - VERB: verkündet - OBJEKT: Die Herrlichkeit Gottes / OBJEKT: Sein Walten - VERB: macht kund - SUBJEKT: Das Firmament.
  5. das Walten seiner Hände (sein Walten) + die Reden meines Mundes (mein Reden) + das sich-Äußern meines Herzens (mein sich-Äußern) + vor deinem Gesicht (vor dir) - Sehr oft wird im Hebräischen als »Aktant« einer Handlung nicht die handelnde Person, sondern der hauptsächlich involvierte Körperteil dieser Person genannt - ein rein stilistischer Strukturunterschied, den leider selbst viele kommunikative Übersetzungen nicht eindeutschen. Übersetze durchaus natürlicher: Im Deutschen handeln weder »Hände«, noch redet ein »Mund«, noch sinnt ein »Herz«, noch ist etwas einem »Gesicht« wohlgefällig - sondern einer Person.
  6. Firmament (Himmelsgewölbe) - In der israelitischen Kosmologie hat Gott die Welt geschaffen, indem er die Fluten, die anfangs die Erde bedeckten, hinter einen festen Himmelsbogen - vorgestellt als eine Art »metallener Deckel in Form einer Halbkugel« (Soggin 1997, S. 33) - gesperrt hat (s. Gen 1,6; dazu FN p; für eine schöne grafische Darstellung des hebräischen Weltbildes s. hier). Mit Hieronymus hat sich für dieses »Schalenförmige« die Bezeichnung »Firmament« eingebürgert (von lat. firmamentum, »Das Festgefügte«); dieses ist hier gemeint. In der Bibel wird es allerdings häufig auch nur als Wechselbegriff für »Himmel« verwendet und kann daher meist auch ohne großen Bedeutungsverlust derart ins Deutsche übertragen werden (was viele Übersetzungen auch tun); in unserem Psalm ist das wg. Vv. 5c.6a aber unglücklich.

3 Tag für Tag äußert es (strahlt es hervor, sprudelt es hervor?)1 Rede (Ein Tag äußert gegenüber [dem nächsten] Tag Rede, Tag für Tag äußert man?)2,„ Nacht für Nacht lehrt es Kenntnis (Wissen, Weisheit; eine Nacht lehrt [der nächsten] Nacht Kenntnis, Nacht für Nacht lehrt man Kenntnis?3).“

  1. äußert es (strahlt es hervor, sprudelt es hervor?, äußert man?) - Wortspiel im Hebräischen: Das hebräische nava („äußern“) meint in Sir 43,2 auch: „hervorstrahlen lassen“ (vgl. Ges18, S. 776). Auch dieser Satz lässt sich also in die Richtung auslegen, dass der Inhalt der Verkündigung von Himmel und Firmament die Sonne ist (s. FN e), obwohl er eigentlich natürlich gelesen werden müsste als „das Firmament äußert Rede“. Häufig heißt es, das Verb bedeute eigentlich „sprudeln“ und es solle so eine besonders ekstatische Redeweise bezeichnet werden (z.B. Kraus 1961, S. 154; Kruger 2002, S. 114; Vos 2004, S. 260). Das ist irreführend: Sprachgeschichtlich mag das Wort tatsächlich einmal primär „sprudeln“ gemeint haben; in der Bibel ist das aber ausschließlich in Spr 18,4 merklich (und auch hier nur im Rahmen eines Wortspiels). An den übrigen Stellen ist es stets abgeblasst zur Bedeutung „reden, äußern“. Unsere Stelle legt im Gegenteil sogar nahe, dass mit dem Wort speziell das Äußern weiser Lehren bezeichnet werden soll (nava von „weisen Reden“ noch in Ps 78,2; Spr 1,23), da im nächsten Satz das Verb chawah folgt, das oft speziell „unterweisen, lehren“ meint (s. noch Ijob 15,17; 32,6; 36,2) - erst recht, wenn es (wie hier) zusammen mit da`ath („Wissen“) verwendet wird.
  2. Tag für Tag äußert es (Ein Tag äußert gegenüber dem nächsten Tag) + Nacht für Nacht lehrt es (eine Nacht lehrt der nächsten Nacht) - Grammatisch sind beide Auflösungen möglich; nach der als Primärübersetzung angeführten Deutung ist Subjekt der Verben das Firmament, nach der als Alternativübersetzung angeführten Deutung jeweils das erste „Tag“ und „Nacht“. Die zweite Deutung findet sich häufiger in Übersetzungen, hat aber das Problem, dass sie vielen Exegeten teils recht fantasievolle Erklärungen abgenötigt hat, wie denn ein Tag mit dem nächsten Tag in Kontakt treten will, wenn doch zwischen beiden die Nacht liegt, und umgekehrt. Auch findet sich das Bild von „sprechenden Tagen“ und „lehrenden Nächten“ sonst nirgends in der Bibel; dass das Firmament aber in der Tat verkündigen kann, steht ja direkt im vorhergehenden Vers. Theoretisch außerdem möglich: Verben in der 3. Pers. sing. mask. können im Hebräischen auch als impersonale Verben verwendet werden: „Man äußert“ (vgl. GKC §144d); die Struktur von Vv. 2-3 würde dann der z.B. von Ps 8,2 entprechen: „Auf der ganzen Erde wirst du verehrt, / im Himmel, da wirst du besungen!“ <-> hier: V. 2: Die Himmel verkünden Gott, V. 3: Auch auf der ganzen Erde spricht man über ihn. So aber m.W. bisher kein Exeget.
  3. eine Nacht lehrt [der nächsten] Nacht Kenntnis, Nacht für Nacht lehrt man Kenntnis? - s. FN i; diese beiden Alternativen sind unwahrscheinlich, aber möglich.

4 Nicht [ist es eine] Rede [und] nicht [sind es] Worte,„ [deren] Klang nicht gehört würde:1

  1. (1) Nicht [ist es eine] Rede [und] nicht [sind es] Worte, deren Klang nicht gehört würde-(2) Oder: »Nicht [ist es] Rede [und] nicht [sind es] Worte; ihr Klang wird nicht gehört.« (3) Oder: »Nicht [ist es] Rede [und] nicht [sind es] Worte. Ohne, dass ihr Klang gehört würde, ...« (4) Oder: »Nicht [gibt es] eine Sprache [und] nicht [gibt es] eine Zunge, worin ihr Klang nicht gehört würde.« Entgegen gegenteiliger Beteuerungen einiger Exegeten ist jede dieser Auflösungen grammatisch möglich (gegen Gegenargumente gegen (1) und (4) vgl. gut König 1927, S. 95f). (2) und (3) haben die Schwierigkeit, dass nach diesen Deutungen ohne Not ein Widerspruch zwischen V. 4 und Vv. 3.5 aufgebaut würde: (+) Tag für Tag äußert er Rede: <-> (-) Es ist keine Rede! Ihr Klang ist unhörbar. <-> (+) Ihr Klang dringt in die ganze Welt. Duhm 1899 denkt deshalb doch ernsthaft (ähnlich Gowen 1929 und Klein 2013 (!)), dass es sich bei dem Satz um die nachträgliche Einfügung eines Gelehrten handle, der »nicht allzu scharfsinnige Leser« darüber aufklären wollte, dass es sich hier nur um bildliche Rede handle. Sinnvoller sollte man daher entweder von (1) oder (4) ausgehen. Wir geben (1) den Vorzug, da sich diese Deutung so auch in sämtlichen alten Üss. findet (LXX, Aq, Sym, Theod, VUL, Syr, Tg) und auch in einigen deutschen Üss. gebräuchlich ist (ALB, ELB, FREE, MÜN, R-S, SLT, TEX, van Ess); letztendlich spricht aber nichts gegen die ebenfalls schöne Deutung (4). Vielleicht gehört aber auch dies zur in den Anmerkungen beschriebenen Mehrdeutigkeit und der scheinbare Widerspruch zwischen Vv. 3.5 und V. 4 soll eben gerade signalisieren, dass nicht tatsächlich Worte, sondern die Sonne die »Weise« der Verkündigung von Himmel und Firmament sind (s. FNn e.h), und gleichzeitig soll der Satz auch so gelesen werden können, dass die Aussage ist: Des Himmels und des Firmaments Rühmen des Sonnengottes erschallt auf der ganzen Erde.

5 Ihr Klang (Ihre Schnur?, Ihr Ruf?)1 geht aus über die ganze Erde„ und bis ans Ende der Welt [geht aus]2 ihr Reden.“Der Sonne (dem Sonnenball)3 hat er gebaut ([ist (gehört)] dort)4 ein Zelt aus (an) ihm5.

  1. Textkritik: Der hebräische Text hat qaw (geschrieben: qw), „Schnur“. Trotz einiger Versuche, dieses „Schnur“ hier sinnvoll zu erklären (am besten wohl Herkenne 1936, S. 97: „Schnur“ = Maßeinheit („Messschnur“) = „Reichweite“) emendiere besser mit BHS, Arneth 2007, Cheyne 1904, Craigie 1983, Donner 1967, Dohmen 1983, Duhm 1899, Ehrlich 1905, Kissane 1953, Kittel 1914, Meinhold 1983, Morgenstern 1946b, Wyatt 1995 nach qol (geschrieben: qwl), „ihr Klang“ - das selbe Wort wie im vorigen Vers. Das scheinen auch LXX, Sym und VUL nahezulegen (LXX: ftogos, „Laut, Ton“; Sym: ächos „Schall, Getöse“; VUL: sonus, „Klang“). Dass LXX qol sonst nicht mit ftogos wiedergegeben habe, ist nun wirklich kein Gegenargument, weil sich ftogos insgesamt einzig hier (und Weish 19,18, dem kein heb. Urtext zugrunde liegt) in der LXX findet. Für weitere Emendationsvorschläge vgl. Grund 2004, S. 26f. Einige Exegeten haben außerdem vorgeschlagen, dass es ein zweites qaw mit der Bedeutung „Ruf, Verkündigung, Nachricht“ geben könnte (Anderson 1972, S. 169; Barth 1893 S. 29f.; Barthélemy 2005, S. 17f; Dahood 1965, S. 121f.; Kissane 1953, S. 86; Kön 403 (anders König 1927, S 97); Wagner 1999, S. 251); allerdings ist unsere Stelle die einzige, die zu dieser Annahme nötigen würde.
  2. [geht aus] - Brachylogie aus V. 5a.
  3. Der Sonne (dem Sonnenball) - Einige Üss. und Exegeten übersetzen ab 5c mit „Sonnenball“ statt „Sonne“, weil dann das grammatische Geschlecht besser zum Vergleich mit dem Bräutigam und dem Helden in V. 6 passt. BB dagegen behält „Sonne“ bei und macht aus dem Bräutigam die „Braut“ und aus dem Helden die „Heldin“. Beides wäre erwägenswert für die LF - eine Entscheidung für den LF-Übersetzer.
  4. hat er gebaut ([ist (gehört)] dort) - Wortspiel im Hebräischen. Der Masoretische Text hat hier ßam stehen: „er hat gebaut“ (geschrieben mit dem Buchstaben „Sin“: שָׂם). Im Hebräischen gibt es neben dem Buchstaben „Sin“ auch den sehr ähnlichen Buchstaben „Schin“, und schreibt man dies שָׂם ßam mit Schin statt Sin, ergibt das שָׁם scham („dort“) - der Unterschied ist nur, dass bei scham der kleine Punkt rechts statt links über dem ersten Buchstaben steht. Diese Punkte wurden erst im Mittelalter in den Bibeltext eingetragen, vorher gab es in der Schreibweise - und zur Zeit des Bibelhebräisch vermutlich auch in der Aussprache - keinen Unterschied zwischen den beiden Buchstaben. Für einen bibelhebräisch sprechenden Leser waren also ßam („er baute“) und scham („dort“) nicht auseinanderzuhalten, und also konnte er den Satz gleichzeitig lesen als Verbalsatz („Der Sonne baute er ein Zelt“) und als dativischen verblosen Satz („Der Sonne [war] dort ein Zelt“). Auch dies gehört zu der in den Anmerkungen beschriebenen Mehrdeutigkeit: Der Satz konnte also entweder so gelesen werden, dass JHWH der Sonne ihr Zelt zuwies, oder so, dass der Sonne unabhängig von einem anderen Gott dort ein Zelt gehörte.
  5. aus (an) ihm - Das „ihm“ bezieht sich auf den Himmel in V. 2. Auch dieser Satz ist wohl bewusst mehrdeutig formuliert (s. die Anmerkungen): Das hebräische bahem kann sowohl bedeuten: „an/auf ihm (=dem Himmel - als Bauplatz)“ als auch: „aus ihm (=dem Himmel - als Material)“. Nach der ersten Deutung ist an folgendes zu denken: Im Alten Orient war die Vorstellung verbreitet, der Sonnengott lebe im Himmel in einem Palast (für eine Abbildung s. hier, vorletzte Seite), und von diesem Palast würde der Dichter hier als einem „Zelt“ sprechen und also wieder die Bilderwelt der altorientalischen Sonnengott-mythologie aufgreifen. Nach der zweiten Deutung dagegen hätte man davon auszugehen, dass der Himmel selbst besagtes „Zelt“ ist, wie wir das im Deutschen ja auch im Ausdruck „Himmelszelt“ kennen und wie er auch in Ps 104,2; Jes 40,22 bezeichnet wird; der Satz wäre dann einfach metaphorisch für „Gott hat der Sonne den Himmel als den ihr eigenen Ort zugewiesen“ zu lesen (s. Gen 1,17; so z.B. NeÜ: „Und am Himmel hat er die Sonne hingestellt“; NGÜ: „Gott hat der Sonne ihren Ort am Himmel gegeben“; NL, NLT: „Die Sonne wohnt am Himmel, wo Gott sie hingestellt hat“) - und dann gehörte auch diese Zeile in die Reihe der Texte, die betonen, dass JHWH die Sonne geschaffen habe und ihr übergeordnet sei, um so die Sonne zu depotenzieren.

6 Und sie [ist] wie ein Bräutigam, [der] ausgeht1 aus seinem Brautzelt (Zelt)2,„ sie freut sich wie ein Held [darüber (sich darüber freut)],3 die Bahn zu durchlaufen.“

  1. (1) Und sie [ist] wie ein Bräutigam, [der] ausgeht - (2) Oder: „Und sie - wie ein Bräutigam geht sie aus aus ihrem Zelt.“ Beide Auflösungen sind grammatisch möglich, und auch dies gehört wieder zu der in den Anmerkungen beschriebenen Mehrdeutigkeit: Entweder ist das „Zelt“ wieder der Palast des Sonnengottes, von dem im letzten Vers die Rede gewesen sein könnte (s. vorige FN), und hinter der Bezeichnung „Bräutigam“ steht die Vorstellung, dass der Sonnengott eine Braut gehabt habe - wie z.B. der mesopotamische Sonnengott Schamasch mit seiner „Braut“ Aya liiert war (vgl. z.B. Sarna 1965, S. 171f.). Oder aber der Satz ist „nur“ metaphorisch zu lesen: Im Alten Israel war es Brauch, dass Braut und Bräutigam ihre Hochzeitsnacht in einem Brautzelt - der „Chuppa“ - vollzogen (vgl. Dalman 1939, S. 36; Homann 2002, S. 80; s. noch 2Sam 16,22; Joel 2,16 und häufig im rabbinischen Schrifttum; noch heute existiert dieser Brauch in abgewandelter Form, s. Wikipedia/Chuppa). Wenn man die Zeile nach Art der Deutung (1) auflöst, könnte man ihn also auch so lesen, dass die Sonne mit einem Bräutigam nach dessen Hochzeitsnacht verglichen wird und überhaupt keine mythologischen Bezüge hat; das tertium comparationis wäre dann wohl die Freudigkeit des Bräutigams nach der vollzogenen Hochzeitsnacht.
  2. Brautzelt (Zelt) - Hierzu s. letzte FN.
  3. freut sich wie ein Held [darüber] (freut sich, wie ein Held [sich darüber freut]) - Wortspiel im Hebräischen: Ebenso, wie in der vorigen Zeile (s. vorige FN) offen bleibt, ob die Sonne gleich einem Bräutigam ihr Zelt verlässt oder ob sie einem Bräutigam gleicht, der sein Zelt verlässt, bleibt hier offen, ob (1) die Sonne sich gleich einem Helden darüber freut, ihre Bahn - die Sonnenbahn - durchlaufen zu können, oder ob sie sich »schlechthin« freut - wie auch ein Held sich darüber freut, seine Bahn - die Rennbahn - berennen zu können. Auch das Bild der Schnelligkeit des spurtenden Sonnengottes und ebenso die Bezeichnung »Held« für den Sonnengott war in der altorientalischen Mythologie weit verbreitet (vgl. wieder bes. Sarna 1965, S. 172) und würde nach der ersten Deutung hier aufgegriffen; nach der zweiten Deutung wäre das tertium comparationis wieder »nur« die Freudigkeit des spurtenden »Helden« und das freudige Strahlen der Sonne. Speziell mit dem »Helden« würde die Sonne in diesem Fall nur verglichen, weil sportliche Wettbewerbe im Alten Israel offenbar v.a. unter Kriegern verbreitet waren (vgl. z.B. Noegel 2007, S. 521); ein funktionales Äquivalent zum »Helden« wäre deshalb heute eigentlich eher »Athlet« (so z.B. CJB, EVD, GNB, HCSB, MSG, NAB, NCV, NLT), was allerdings gerade hier wieder das Wortspiel zerstören würde.

7 Am [einen] Ende1 des Himmels (der Himmel2) [ist] ihr Ausgang„ und ihr Abgang [ist] am (ihr Wendekreis [ist (reicht)] bis zum) [anderen] Ende, nichts ist vor ihrer Glut (Hitze, seiner Sonne)3 verborgen.“

  1. Ende - der äußerste Ort der Welt, an dem der Himmel auf den „Pfeilern des Himmels“ aufruht (für eine schöne grafische Darstellung des hebräischen Weltbildes s. hier). Die Sonne beginnt ihre Reise entlang des Firmaments also am östlichen „Ende des Himmels“ und vollendet ihn am westlichen Ende.
  2. der Himmel - hierzu vgl. FN c.
  3. ihrer Glut (Hitze, seiner Sonne) - Wortspiel im Hebräischen: Das Wort chamat bedeutet sonst stets »Sonne«; man sollte also meinen, dass chamato hier »seine - d.i., JHWHs - Sonne« meint (so daher z.B. Briggs 1906, S. 167f; Taylor 1993, S. 223). Sehr viel natürlicher ist aber das Possessivpronomen auf die Sonne zu beziehen, dann müsste chamat gedeutet werden als »ihre Glut/Hitze«. Auch dies gehört zum in den Anmerkungen beschriebenen Mehrdeutigkeit; nach der ersten Deutung würde die Sonne wieder depotenziert, indem sie als sein Geschöpf JHWH zu- und untergeordnet wird; im zweiten Fall spräche der Satz von der Allgegenwart des Sonnengottes, ein weiteres häufiges Motiv aus der altorientalischen Sonnengottliteratur (vgl. Sarna 1965, S. 172).

8 Das Gesetz1 JHWH s [ist] vollkommen (makellos) -2 bringt zurück Lebenskraft (gibt neue Lebenskraft, bekehrt {die Seele})3; Die Satzung JHWH s [ist] zuverlässig (glaubwürdig) - macht den Einfältigen weise.

  1. Gesetz + Gebot + Weisungen + Satzung + Wort + Rechtssätze - In den Vv. 8-10 stehen fünf Begriffe, die alle in etwa die selbe Bedeutung haben. Programmatisch beginnt die Begriffsreihe mit torah jhwh, „Tora JHWHs“ - eine Formel für den (meist schon schriftlich, mindestens aber satzhaft) fixierten Gesamtwillen Gottes. Damit wird noch nicht der Pentateuch gemeint sein, der erst zur Zeit Esras kanonisch wurde, aber einzelne Sammlungen von Geboten existierten schon Jahrhunderte vorher. Meist wird es übersetzt mit „Weisung“, aber da dies in V. 9a die angemessenste Übersetzung ist, sollte man hier besser „Gesetz“ o.Ä. wählen. V. 8b ist die Rede vom edut JHWHs, was in der Bibel meist als terminus technicus für die 10 Gebote fungiert - die Übersetzung „Zeugnisse“, die sich häufig in Üss. findet, ist zwar möglich, hier aber unpassend. piqudim (V. 9a) als Ausdruck für die Anweisungen Gottes findet sich neben unserer Stelle nur in den späten Psalmen 103 (V. 18), Ps 111 (V. 7) und oft in Ps 119. Auffällig ist, dass das Wort oft zusammen mit derek („Weg“) steht und als etwas geschildert wird, dem man „folgen“ kann (s. Ps 119,15.27.45.104.110.128) und kontrastiert wird mit Lügen und Betrug (Ps 119,69.78.104) - die piqudim werden vorgestellt als eine Art „gute Wegbeschreibung“ (Ps 119,110.128!). Diese Vorstellung könnte auch hinter unserer Stelle stehen, denn die piqudim JHWHs sind jescharim, „richtig, eben, angenehm zu befolgen“. Will man diese Vorstellung auch in der Übersetzung herauskommen lassen, empfähle sich die Übersetzung „Weisungen“. Die „Satzung“ (9b) und die „Rechtssätze“ (10b) dürften selbsterklärend sein; erwähnenswert ist, dass auch sie meist als satzhafte Vorgaben aufzufassen sind. Zum „Wort JHWHs“ s. ad loc.
  2. Vv. 8-10 sind in einem auffällig anderem Rhythmus verfasst. Bonkamp 1949, Delitzsch 1894 und andere haben versucht, das in Schriftbild und Rythmus auch der dt. Übersetzung nachzuahmen; auch für die LF wäre das eine Überlegung wert. Ansonsten einfach: Das Gesetz JHWHs ist vollkommen, : es bringt zurück Lebenskraft. - und ähnlich in den nächsten Stichen.
  3. bringt zurück Lebenskraft (gibt neue Lebenskraft, bekehrt {die Seele}) - Wortspiel im Hebräischen: Die Wendung „die nefesch zurückbringen“ meint im Hebräischen oft „Leben(skraft) (nicht: »Seele«) zurückbringen“ (s. 1Kön 17,21f; Ijob 33,30; Ps 23,3; Spr 25,13). nefesch ist im Hebräischen aber häufiger als nicht nur ein Wechselbegriff für das Pronomen „ich“, und „zurückbringen“ kann auch „bekehren“ bedeuten, dann: „Das Gesetz JHWHs ist vollkommen: es bekehrt.“ (so z.B. VUL: „convertens animas“, „es konvertiert die Seele“; so auch CAB, Coverdale, EJ2000, Geneva-Bible, KJV, LITV, NKJV, Tyndale, Webster, Wycliffe). Die Aussage des Satzes könnte also entweder sein, dass das Gesetz JHWHs jemandem frische Lebenskraft verleiht - eine Leistung, die auch für altorientalische Sonnengötter typisch war - oder, dass es „bekehrt“ - z.B. von der sündigen Verehrung von Sonnengöttern zum rechten JHWH-Glauben, was gut zusammenstimmen würde mit dem folgenden „glaubwürdig“ und „macht den Einfältigen weise“ in V. 8b und dem „erleuchtet den Geist“ in V 9a; s. die Anmerkungen.

9 Die Weisungen JHWH s [sind] richtig (die richtigen, angenehm) - erfreuen das Herz (erfreuen {das Herz}, erhellen den Geist)1, Das Gebot JHWH s [ist] lauter (licht)2 - macht die Augen hell3.

  1. erfreuen das Herz (erhellen den Geist) - Wortspiel im Hebräischen: Die beiden Glieder der geprägten Formel „das Herz erfreuen“ - d.h. „den Menschen erfreuen“, denn „Herz“ ist im Hebräischen häufig nur Wechselbegriff für den Menschen als Ganzen - lassen sich je auch anders deuten: Das Wort für „erfreuen“ meint eigentlich „erhellen“ (vgl. Greenfield 1959, S. 147f.; Klouda 2000, S. 18; Sarna 1965, S. 174), und das „Herz“ ist in der israelitischen Anthropologie wesentlich häufiger vorgestellt als der Sitz des Verstandes als als Sitz der Emotionen (vgl. z.B. Wolff 1973, S. 77-84). Erstens ist also auch hier die in den Anmerkungen beschriebene „Solarisierung“ des Gesetzes merklich, zweitens wird auch hier - wie in V. 8a („bekehrt“) und 8b („macht den einfältigen weise“) - auf die „bekehrende“ Wirkung der Gebote JHWHs angespielt (s. FN y).
  2. lauter (licht) - Wortspiel im Hebräischen: Das Wort bar kann sowohl als gleichbedeutend aufgefasst werden mit dem „vollkommen/makellos“ in 9a und hat auch meist diese Bedeutung; gleichzeitig lässt es sich aber auch verstehen als „brilliant, hell, licht“ (vgl. Eaton 1968, S. 604f.; Dahood 1965, S. 122; Nel 2004, S 109; Vos 2004, S. 263; Wagner 1999, S. 255; auch Clines 2013, Deissler 1989 und Kissane 1953 übersetzen mit „radiant“, „bright“ und „hell“). Auch dies trägt zur in den Anmerkungen beschriebene „Solarisierung“ des Gesetzes bei.
  3. macht die Augen hell - Die „Augen“ sind in der israelitischen Vorstellung eine Art „Barometer der Lebenskraft“ (Anderson 1972, S. 129): Ist ein Mensch alt, krank, schwach oder traurig, hören seine Augen auf, zu „leuchten“ (s. Dtn 34,7; Ijob 17,7; Ps 6,8; 38,11; Klg 5,17). Gesundet er oder erholt er sich, leuchten seine Augen dagegen wieder auf (s. 1Sam 14,27.29; Esra 9,8; Ps 13,4). So verstanden ist der Ausdruck also gleichbedeutend mit dem „Lebenskraft zurückbringen“ in V. 8a und dem „das Herz erfreuen“ in V. 9a. Gleichzeitig trägt der Ausdruck aber auch zur nun schon mehrfach genannten Solarisierung der Gebote JHWHs bei (s. wieder die Anmerkungen).

10 Das Wort JHWH s (die Furcht vor JHWH, die JHWH-Religion?)1 [ist] rein (leuchtend)2 - besteht in Ewigkeit, Die Rechtssätze JHWH s [sind] Wahrheit (wahr, die wahren)3 - sind gerecht (im Recht, die rechten) allesamt (und noch dazu sind sie gerecht).

  1. Textkritik: Der hebräische Text hat hier stehen: jir´at JHWH, die „Furcht vor JHWH“. Wenn man es beibehielte, hätte diese Wendung sicher - wie meist - den Sinn von „die Ehrfurcht vor JHWH, die Verehrung JHWHs“. Hier fällt der Begriff aber deutlich aus der Reihe der sechs Begriffe heraus, in der die anderen fünf Begriffe stets für satzhafte Gebote und Anweisungen stehen; auch wäre es unter den sechs Phrasen die einzige, die als Genitivus objektivus statt Genitivus subjectivus konstruiert wäre (also nicht: „Die Furcht JHWHs“ i.S.v. „die Furcht, die JHWH empfindet“, sondern „die Furcht vor JHWH“). Emendiere daher mit BHS, Briggs 1906, Herkenne 1936, Kraus 1961 und Wyatt 1995 nach imrat JHWH, „das Wort JHWHs“ (wie z.B. in Ps 119,38). Vielleicht noch sanfter: Der Buchstabe Mem von enajim („die Augen“) ist als Haplographie zu fassen (d.h., ein Schreiber hat es versehentlich nur einmal - nämlich am Ende von enajim - geschrieben statt zweimal, d.h. am Ende von enajim und am Anfang von jir´at); dann lies mir´at JHWH, „das Gebot JHWHs“ - so aber nur Dahood 1965, S. 123 und man müsste davon ausgehen, dass mir´at ein in der Bibel sonst unbelegter Aramäismus ist; besser daher doch die erste Alternative. Exegeten, die an der Lesung jir´at („Furcht“) festhalten wollen, erklären es dann i.d.R. so, dass es tatsächlich „Verehrung JHWHs“ bedeute, dann aber nicht die subjektiv ausgeübte, sondern das objektive Gesamt von religiösen Regeln, und deshalb doch einigermaßen in die Reihe der anderen fünf Begriffe passe. Das ist schon eine sehr gezwungene Erklärung, vielleicht aber wirklich auch eine mögliche Deutung.
  2. rein (leuchtend) - Wortspiel im Hebräischen: Das hierige hebräische tahor hat in etwa den selben Bedeutungsumfang wie das hebräische bar („lauter, licht“) in V. 9b, wobei bar mehr die ethisch-moralische Reinheit, tahor mehr die kultische und die materielle Reinheit meint. Und ebenso wie bar kann auch tahor „hell, leuchtend“ meinen (s. Ex 24,10: „glänzend“; Hld 6,10: „hell“; möglicherweise auch Ex 31,8; Lev 24,4: „die hellen Leuchter“; so daher Craigie 1983, Eaton 1968, Klouda 2000 Wagner 1999) und trägt so ebenso wie jenes zur Solarisierung der Gebote JHWHs bei.
  3. Wahrheit (wahr) - Subst. verwendet als Adj. (häufig im Heb.); übersetze: „wahr“.

11 [Durch]1 sie, die begehrenswerter sind als Gold,„ ja, als (und als) reichlich Reingold,“und süßer als Honig„ ja, (und) [als] Honig des Honigs2,“

  1. Wörtlich: „11 Die Begehrenswerteren als Gold [...]. 12 Auch dein Sklave wird gewarnt durch sie.“ V. 11 ist offensichtlich kein vollständiger Satz; entweder ist also V. 11 zu V. 10 zu ziehen und so zu analysieren, dass der Artikel noch einmal das Substantiv „Rechtssätze“ aufgreift, woran sich dann ein unmarkierter Relativsatz anschließt (zur Konstruktion vgl. GKC §126b); also „Die Rechssätze JHWHs sind wahr und allesamt gerecht - sie, die begehrenswerter sind als...“ (so z.B. B-R; Baethgen 1892; Ehrlich 1905; ELB; FREE; Gunkel 1968; König 1927; Kraus 1961), oder man versteht Vv. 11f als Casus pendens-Konstruktion: Ein Nomen oder Pronomen - etwa hier: „Die Begehrenswerteren...“ wird von seiner syntaktischen „Stelle“ in einem Satz an den Anfang des Satzes verschoben und seine Stelle durch ein Pronomen - etwa hier: „durch sie“ - gefüllt (sehr schön erklärt z.B. von Harper 1886); also eigentlich „Auch dein Sklave wird belehrt durch die Begehrenswerteren als Gold...“. So m.W. nur Kissane 1953; aber da sich das „durch sie“ in V. 12 sicher wieder auf V. 11 zurückbezieht, ist diese Auflösung vorzuziehen und V. 11 entgegen der Mehrheitsmeinung zu Vv. 12-15 zu ziehen, wohin ohnehin die dreimalige Wiederholung von „reichlich“ in Vv. 11-14 weist. Vielleicht weist dahin außerdem die Tatsache, dass im folgenden V. 13 direkt noch eine Casus pendens-Konstruktion folgt.
  2. Honig des Honigs - Der Psalmist verwendet in Vv. 11cd drei verschiedene Wörter mit der Bedeutung »Honig«: »süßer als Honig 1, / ja, als Honig 2 des Honig 3´s«. Diese Konstruktion dient der Intensivierung der gesamten Aussage - ähnlich, wie im häufigen »der Himmel und der Himmel der Himmel« (Dtn 10,14; 8,27; 2Chr 2,5; 6,18) nicht neben dem »gewöhnlichen Himmel« noch zusätzlich von einem »Super-Himmel« die Rede ist, sondern die Aussage noch einmal intensiviert werden soll (»Der Himmel und der Himmel der Himmel können ihn nicht fassen« = »Der Himmel kann ihn nicht fassen - nicht ansatzweise kann er das!«). Sinngemäß wäre daher vielleicht etwas wie: »süßer als Honig - ja, unendlich viel süßer!«

12 wird auch1 dein Sklave2 gewarnt (erleuchtet)3 {durch sie}.„ In ihrer Befolgung [ist (liegt)] reichlich Lohn4.“

  1. Oder adversativ: „sie, die begehrenswerter sind als Gold... / Obwohl dein Sklave durch sie gewarnt wird [und] in ihrer Befolgung reichlich großer Lohn liegt: ‚Wer bemerkt schon Verirrungen!?‘“; so aber nur Ehrlich 1905 und Schökel 1980. Oder: „sie, die begehrenswerter sind als Gold ... / Auch wird dein Knecht...“; so viele eng. Üss.
  2. dein Sklave ist in der Bibel und v.a. in der biblischen Poesie oft nur ein höflicher Ersatz für Personalpronomen und sollte ins Deutsche besser nicht wörtlich übersetzt werden (vgl. FN g zu Lk 1,48). Auch hier meint „dein Sklave“ sehr sicher nur „ich“ (ad loc. vgl. Dahood 1965, S. 124; Gunkel 1968, S. 80; König 1927, S. 104). Hier kommt durch das „dein Sklave“ aber gleichzeitig zum Ausdruck, dass der Beter sich den Geboten JHWHs unterordnet; wenn diese Aussage in der LF bei einer Übertragung durch „ich“ nicht zum Ausdruck kommt, sollte man besser darauf verzichten und das „dein Sklave“ beibehalten.
  3. gewarnt (erleuchtet) - Wortspiel im Hebräischen: Mit „gewarnt“ ist gemeint, dass der Beter sich vorsieht, JHWHs Gebote nicht zu übertreten, wohin dann auch noch kommt, dass ihm dann großer Lohn versprochen ist, wenn ihm die Einhaltung der Gebote gelingt. Das Verb zahar meint zugleich aber erleuchten, was wieder zur in den Anmerkungen genannten Solarisierung der Gebote JHWHs gehört; so auch Craigie 1983, Dahood 1965, Dahood 1982, Eaton 1968, Meinhold 1983, Sarna 1965, Vos 2004, Wagner 1999.
  4. Oder: Die Zeile gibt den wörtlichen Inhalt der Warnung wieder: »Durch sie ... wird auch dein Sklave gewarnt: ‚In ihrer Befolgung liegt reichlich Lohn!‘«.

13 [Doch]1 Versehen (versehentliche Fehler)2 - wer bemerkt sie3?„ Von den Verborgenen (ungewollte Sünden)4 mache mich rein;“

  1. [Doch] - Der Zhg. von Vv. 12.13 ist sicher adversativ; das muss man in der LF wohl besser durch die Einfügung eines „Doch“ o.Ä. ausdrücklich machen.
  2. Versehen (versehentliche Fehler) - Bedeutung unsicher (-> Hapax legomenon); vermutlich meint es in etwa das selbe wie das folgende „Verborgene (ungewollte Sünden)“; vgl. z.B. König 1927, S. 104; Kittel 1914, S. 78; Wagner 1999, S. 258; Nel 2004, S. 113f.
  3. Versehentliche Fehler - wer bemerkt sie - d.h. „Wer bemerkt versehentliche Fehler?“: Casus pendens-Konstruktion; s. FN af. Die Konstruktion soll eine stärkere Emphase auf diese „versehentliche Fehler“ legen: Gegen bewusste Sünden kann man sich verwahren, indem man auf JHWHs Gebote achtet - versehentliche Fehler jedoch...
  4. Verborgenen (ungewollte Sünden) ist ein Begriff aus der israelitischen Rechtsterminologie; man bezeichnet damit Vergehen und Sünden, die ein Sünder unwissentlich begangen hat. Vgl. z.B. Lev 4-5.

14 Auch von Vermessenheit (vermessenen Menschen, willentlichen Sünden)1 halte zurück deinen Sklaven,2„ Lass sie mich nicht beherrschen!“Dann werde ich vollkommen (makellos) sein„ Und rein sein von reichlich [großem] Vergehen3.“ Es seien zum Gefallen die Reden meines Mundes (mein Reden)„ Und das sich-Äußern meines Herzens (meine Äußerungen) vor deinem Gesicht (vor dir)4 - JHWH, mein Fels und mein Erlöser!“

  1. Mit dem Wort für Vermessenheit werden in der Bibel sonst stets Personen bezeichnet. Meist bezeichnet das Wort die „Gattung“ von Feinden des einzelnen Beters, die sich besonders durch anmaßende Wortsünden (s. bes. Spr 21,24; auch Jes 13,11; Jer 43,2; Mal 3,15 (vgl. V. 14)) und eine prinzipielle Missachtung der Gebote Gottes (Ps 119,21.85) auszeichnen - es sind die „Vermessenen, Anmaßenden“. Das in Üss. häufig zu findende „Übermütige“ ist wohl noch ein Relikt aus der Zeit, zu der „übermütig sein“ im Dt. noch „anmaßend sein“ bedeutete. Viele Exegeten gehen aber davon aus, dass das Wort hier entgegen seinem gewöhnlichen Gebrauch nicht Menschen, sondern personifizierte Sünden meine (Barnes 1869, S. 175; Terrien 2003, S. 206; Wagner 1999, S. 258: „presumptuous sins“, Deissler 1989, S. 81: „Vermessenes“; Harrelson 1999, S. 143: „proud thoughts“; König 1927, S. 104: „Übermütigkeiten“), was dann speziell - im Gegensatz zu den unwillentlich begangenen Sünden in V. 14 - die willentlichen Sünden meinen soll (so z.B. Buttenwieser 1938, S. 853; Christensen 2005.19, S. 2: „wilful sins“; Ehrlich 1905, S. 40: „mutwillige Übertretungen“; fast alle eng. Üss.; wohl auch VUL: „ab occultis meis ... et ab alienis“: „von meinen verborgenen und von anderen“). Diese Deutung ist grammatisch auch unproblematisch und passt wirklich besser zum vorigen Vers; allerdings wohl weniger zum folgenden Teilvers; denn es ist doch fraglich, wie „anmaßende Taten“ über jemanden „herrschen“ sollen. Daher dann doch noch besser zu deuten als Abstraktplural: Der Psalmist kann sich nicht beherrschen (Spr 16,32), sondern wird beherrscht von „Anmaßung, Vermessenheit“ (vgl. HER05, NeÜ: „Hochmut“; Kissane 1953, S. 85: „pride“) - der Bereitschaft und gar dem Willen zum willentlichen Übertreten der Gebote Gottes (sehr gut daher EEB: „Stop your servant from wanting to sin“).
  2. Von ungewollten Sünden mache mich rein / Auch von Vermessenheit halte zurück deinen Sklaven - Wenn die Deutung von „Vermessenheit“ als Ausdruck von Gesinnungssünden richtig ist, sind die beiden Verse wohl ein hyperbatischer (-> Hyperbaton) Merismus zu deuten: „Von Sünden - sowohl unwillentlichen Sünden als auch Gesinnungssünden - reinige mich (wenn ich sie schon begangen habe) und halte mich zurück (damit ich sie zukünftig nicht begehe).“ - Der Psalmist bittet um Beistand Gottes beim Streben nach vollkommener Sündenfreiheit; denn dann wird er in der Tat „vollkommen sein“.
  3. reichlich [großes] Vergehen - Bed. unsicher: Entweder ist mit Dahood 1982, Moran 1959, Rabinowitz 1959 und Wagner 1999 davon auszugehen, dass der Dichter hier einen mit dem Ausruck »reichlich [große] Sünde« (Gen 20,9; Ex 32,21.30f; 2Kön 7,21) verwandten Rechtsterminus aus dem ägyptischen und ugaritischen Raum verwendet, der speziell Götzenverehrung bezeichnet, oder der Psalmist nennt in Vv. 13.14ab.14cd nacheinander die »unwillentliche Sünden«, die »Gesinnungssünden« und allgemein die »schweren Sünden« als einzelne »Sündengattungen«, wobei die ersten beiden als Vorstufen der dritten gedacht sind und derart, dass sie unweigerlich zur dritten führen müssen: Steht Gott dem Beter dabei bei, selbst diese nicht zu begehen, wird er sich automatisch auch jener nicht schuldig machen. Anm. d. Üs. (S.W.): Im zweiten Fall wäre übrigens spannenderweise schon die Vorstellung der katholischen Sündenlehre vorweggenommen, dass erst dann eine schwere Sünde vorliege, wenn sie mit voller Kenntnis und aus böser Gesinnung begangen wird; vgl. z.B. KKK 1860: »Unverschuldete Unkenntnis kann die Verantwortung für ein schweres Vergehen vermindern, wenn nicht sogar aufheben. [...] Auch Triebimpulse [und] Leidenschaften [...] können die Freiheit und die Willentlichkeit eines Vergehens vermindern. Die Sünde aus Bosheit, aus überlegter Entscheidung für das Böse, wiegt am schwersten.«
  4. Es seien zum Wohlgefallen die Reden meines Mundes / und das sich-Äußern meines Herzens vor deinem Gesicht - Hyperbaton; natürliche Wortfolge: »Es seien zum Wohlgefallen vor deinem Gesicht die Reden meines Mundes und das sich-Äußern meines Herzens« (vgl. Ex 28,38). Das Hyperbaton dient hier nur dem Zweck, die beiden parallelen Phrasen »die Reden meines Mundes« und »das sich-Äußern meines Herzens« auf zwei Stichen verteilen zu können; die Ergänzung von »möge kommen« o.Ä. in der zweiten Zeile ist unnötig. Der Sinn ist: »Mein Reden und mein Denken sei dir wohlgefällig.« V. 15 ist daher wohl auch weniger eine »abschließende Spendeformel« (Meinhold 1983, S. 133; ähnlich Bonkamp 1949, S. 117; Gerstenberger 1991, S. 100; Gese 1991, S. 145; Oesch 1985, S. 84) zu werten, sondern wiederholt noch einmal die Bitte aus Vv. 13f: Der Psalmist bittet in Strophe 3 darum, auch über die äußerliche Gesetzestreue hinaus Gott wohlgefällig zu sein - in Gedanken, Worten und Werken; ganz und gar - und bittet dafür um Gottes Beistand.

Chapter 22

1 1 ''Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden)''.2 ''Nach „Hirschkuh der Mörgenröte“ ([Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual] „Hirschkuh der Morgenröte“).''3 ''Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter - Heb. menatseach; genaue Bedeutung unklar. Die Primärübersetzung „Chorleiter“ ist mehr oder weniger Konvention. S. noch nächste FN.
  3. Nach „Hirschkuh der Morgenröte“ ([Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual] „Hirschkuh der Morgenröte“) - Ein weiterer Begriff mit unbekannter Bedeutung. Für gewöhnlich werden diese und ähnliche Angaben in anderen Psalmen so verstanden, dass damit die Melodie eines bekannten Liedes genannt werde, nach der auch dieser Psalm zu singen sei, zu übersetzen wäre also etwa: „[vorzutragen] nach [der Melodie] ‚Hirschkuh der Morgenröte‘“. Einen wahrscheinlicheren Vorschlag zum Verständnis der sog. „Psalmenüberschriften“ hat 1970 John Sawyer gemacht (s. Sawyer 2011b): In akkadischen Ritualtexten gibt es ähnliche Angaben wie in den Psalmüberschriften; u.a. wird dort häufig spezifiziert, wer den folgenden Text vorzutragen hat und welches Ritual Anlass des jeweiligen Ritualtextes ist. Entsprechend wäre dann in den Psalmen der menatseach nicht der „Chorleiter“ und die „Hirschkuh der Morgenröte“ nicht die Melodie, sondern der menatseach wäre Vorsteher über das Ritual mit dem Namen „Hirschkuh der Morgenröte“, bei dem der Psalm vorzuträgen wäre. Doch ist auch dies nur ein „educated guess“ und „Chorleiter“ und „[nach der Melodie]“ sind in dt. Üss. so etabliert, dass die LF doch besser den Primärüss. folgen sollte.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, [Warum] [bist du] fern von meiner Rettung (von meinem Schreien),1 [von den] den Worten meiner Klage ([warum] [sind] die Worte meiner Klage fern von meiner Rettung; [warum] [bist du] fern von meiner Rettung, [fern von] [meinen] Worten, oh du meine Hilfe)?

  1. fern von meiner Rettung (von meinem Schreien) - Eine häufige biblische Metapher: Not wird erfahren als Abwesenheit Gottes; Gott hilft dem Notleidenden nicht, sondern „hat ihn verlassen“ und „hält sich fern“ von ihm - ist gar zu entfernt, um seine Klageworte zu empfangen und helfend darauf zu reagieren (s. ähnlich Ps 10,1; 35,22; 38,22; 71,12; Jes 59,9.11 u.ö.; vgl. z.B. TWAT II, Sp. 770).Textkritik: Die Worte „von meiner Rettung“ (Heb. mischu`ati) werden häufig korrigiert zu „von meinem Schreien“ (Heb. mischaw`ati) (so z.B. BHS; Deissler 1981, S. 102; Kselman 1982, S. 173-5); daher erklärt sich z.B. die Übersetzung „Warum bist du fern von meinem Flehen“ von EÜ und HER05. Doch das ist ganz unnötig. In der LF muss dieser Vers wohl freier übersetzt werden; gut z.B. GN: „Warum hilfst du nicht, wenn ich schreie, warum bist du so fern?“; ähnlich NL.

3 Meine Gottheit, ich rufe Tag - doch du antwortest nicht (erhörst mich nicht) ,1 Und Nacht - doch [es gibt] nicht Ruhe für mich.2

  1. Antworten ist in Zhgg. wie diesem fast stets ein stehender Begriff für die Gebetserhörungen Gottes.
  2. doch [es gibt] nicht Ruhe für mich - dumijah („Schweigen“) bezieht sich hier wohl nicht auf das „Schweigen“ des Leids, sd. auf das Schweigen des Psalmisten: Im hierigen Sinne findet es sich nur noch in Ps 39,3, wo deutlich vom Verstummen des Psalmisten die Rede ist. S. auch R-S: „Stillschweigen ist mir nicht vergönnt“; Weiser 1959: „und ich kann doch nicht schweigen“ u.ö.Der Vers ist also als „meristisches Hyperbaton“ strukturiert (wie z.B. auch Ps 19,14 (dazu s. FN aq)): Ähnlich, wie deutlich „Ich rufe Tag“ und „und Nacht“ zusammengehören, gehören auch „du antwortest nicht“ und „es gibt keine Ruhe für mich“ zusammen, beide Paare sind aber aus poetischen Gründen in zwei Zeilen aufgeteilt worden. Die Bedeutung ist dann: „Ich rufe Tag und Nacht, aber du antwortest nicht und [also] ist es mir nicht vergönnt, mit dem Rufen aufhören zu können“. Textkritik: Syr und Äth hatten offenbar einen anderslautenden hebräischen Text vor sich, nämlich statt dumijah li („Ruhe für mich“) dimitha li („du denkst nicht an mich“); Zorell 1926, S. 311 und Kissane 1953, S. 98 wollen daher auch den hebräischen Text nach dimitha korrigieren (=> Textkritik). Doch er macht Sinn, wie er steht, und wird von den anderen alten Üss. gestützt.

4 [Auf]1 dich - den Heiligen,Der du thronst über den Lobgesängen Israels2 (Dabei thronst du doch als der Heilige / über den Lobgesängen Israels; Dabei bist du doch heilig/der Heilige, / thronst über den Lobgesängen Israels) -

  1. [Auf] - W. „Aber du, der Heilige, der du thronst über den Lobgesängen Israels - auf dich vertrauten...“. Ein sog. „Casus pendens“: Ein Satzglied (hier: „du, der Heilige, der du thronst über den Lobgesängen Israels“) wird aus seinem eigentlichen Zusammenhang im Satz herausgenommen, unverbunden vor den Satz gestellt und an seine „eigentliche“ Stelle im Satz wird als Platzhalter ein Pronomen gesetzt (hier: „auf dich“). Gut Eerdmans 1947, S. 172: „And thou, holy one, that inhabitest the praises of Israel, / our fathers trusted in thee.“
  2. den Heiligen, der du thronst über den Lobgesängen Israels! - Mit dem Ausdruck der Heilige ist hier wie z.B. auch in Jes 5,16; 5,19 (vgl. V. 20); 41,20 (vgl. V. 21); 48,17 (vgl. V. 18) die übermenschliche Gerechtigkeit Gottes bezeichnet (so gut Herkenne 1936, S. 105), aufgrund der er als „der Heilige Israels“ auch stets auf der Seite seines Volkes steht. Vv. 4-6 sind sehr wahrscheinlich keine Vertrauensäußerung, wie das z.B. Gerstenberger 1991 und Janowski 2003 sehen. V. 7 zeigt deutlich, dass der Hinweis auf die früheren Rettungstaten Gottes der Kontrastierung dient: Ihnen hat Gott geholfen, ihm aber hilft er nicht - ihm, dem „Wurm“. Vv. 4-6 meinen also nicht: „[Warum hilfst du mir nicht?] Aber du bist ja der Heilige, [also wird schon alles gut werden -] du hast ja auch unseren Vorfahren geholfen.“, sondern sie dienen der Unterstreichung der in V. 2 ausgedrückten Verständnislosigkeit: „Warum hilfst du mir nicht? ... Du bist doch der Heilige, der schon unseren Vorfahren, die dich [wie ich] verehrten, geholfen hat!“ Die Argumentation in Vv. 2-6 geht damit ganz ähnlich wie die in Hab 1,12f.: „Bist du nicht von alters her mein Heiliger? Wir werden nicht sterben, JHWH - das hast du, oh Fels, als Gesetz festgesetzt und als Gebot bestimmt (≙ Vv. 4-6)... Warum aber schaust du dann Räubern zu und schweigst, wenn ein Gesetzloser den verschlingt, der gerechter ist als er? (≙ Vv. 2f.)“ Vgl. gut Charney 2013, S. 47; Davis 1992, S. 97; Kissane 1953, S. 99.

5 Auf dich vertrauten [doch schon] unsere Vorfahren:Sie vertrauten - und du hast sie befreit.

6 Zu dir schrien sie - und wurden gerettet, Auf dich vertrauten sie - und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch (Bin ich etwa ein Wurm und kein Mensch!? / Bin ja der Leute Spott...)Der Leute Spott und verachtet vom Volk.

8 Alle, die mich sehen, verhöhnen mich, Reißen die Lippe[n] auf, schütteln den Kopf1 [und spotten:]2

  1. Reißen die Lippe[n] auf, schütteln den Kopf - Zwei Gesten der Verachtung. Zur ersten Geste s. noch Ijob 16,10; Ps 35,21; zur zweiten Ps 44,14; 64,8.
  2. [und spotten:] - das Folgende ist eine Spottrede der der „Leute“, die dem Psalmisten absprechen, dass Gott Wohlgefallen an ihm habe. Vgl. z.B. Gordis 1949, S. 167f.

9 „Wälze (Er hat gewälzt) [es (dich)]1 auf JHWH! Der wird (soll) ihn retten, Der wird (soll) ihn befreien - er hat ja Gefallen an ihm (er ist ja so gläubig)!“2

  1. Wälze (Er hat gewälzt) [es (dich)] - Ausdruck dafür, etwas jmds. Fürsorge anzuvertrauen, auf dass der sich darum kümmere; s. Ps 37,5; Spr 16,3; 1 Pet 5,7. Weil »wälzen« im Dt. unverständlich ist, folgen viele der freieren Üs. von Mt 27,43: »Vertrau auf JHWH!« Erwägenswert vielleicht BB: »Soll er doch seine Last auf den HERRN abwälzen!«, ASTADLER: »Der soll seine Sorgen auf Gott abschieben!«Textkritik: LXX, Syr, Hieronymus und Mt 27,43 lasen statt gol (»Wälz«) gal (»Er hat gewälzt«). Der urspr. heb. Text bot beide Deutungsmöglichkeiten; viele Exegeten folgen daher dieser Lesart, weil nach ihr kein Perspektivwechsel (Sprechen zum Psalmisten => Spotten über den Psalmisten) in der Rede der Leute stattfinden muss. Angesichts der beiden obigen atl. Parallelen und Ps 55,23, die alle im Imp. formuliert sind, liegt aber auch hier die Lesung als Imperativ näher (so richtig Gordis 1949, S. 167, FN 21).
  2. Er hat ja Gefallen an ihm (er ist ja so gläubig) - stark übersetzt von GN, HfA, R-S: „[Er ist] ja sein Liebling!“ Auch möglich: „Er ist ja so gläubig“, s. z.B. Ps 73,25, wo mit dem „Gefallen“ des Psalmisten an Gott seine Ganzhingabe ausgedrückt wird. Im Kontext macht das vielleicht sogar mehr Sinn, s. den dreimaligen Hinweis auf das „Vertrauen“ der Vorfahren in Vv. 5f. und die Rede vom Gottesverhältnis „von Geburt an“ des Psalmisten. Das ki („doch“) zu Beginn von V. 10 könnte dann mit „Ja!...“, „So ist es!...“ o.Ä. übersetzt werden: In der Tat ist der Psalmist schon von Geburt an tiefgläubig und ergo müsste Gott ihm daher hold sein (vgl. Ps 91,14!); völlig unverständlich ist daher jetzt Gottes plötzliche Abwesenheit. So aber nur wenige ältere Exegeten; erwogen noch z.B. von Olshausen 1853, S. 122f. Vv. 10f. sind daher besser für die LF zu verstehen wie Vv. 4-6: „Früher warst du mir doch gut - [warum also jetzt nicht mehr]?“

10 Ach! (So ists!, Denn) Du [warst] es [doch], der mich aus dem Schoß hervorbrechen ließ,1Der mir Vertrauen einflößte (dem ich vertraute)2 [schon] an der Brust meiner Mutter.

  1. aus dem Schoß hervorbrechen ließ - d.h. der bei meiner Geburt Hebammendienst leistete. V. 10 spricht davon, wie Gott sich schon von Geburt an um den Psalmisten kümmerte, V. 11 davon, wie der Psalmist dafür schon von Geburt an Gott tief verbunden war.
  2. Textkritik: der mir Vertrauen einflößte (dem ich vertraute - LXX, Syr, VUL, Hieronymus und Tg hatten offenbar statt dem Text mabtichi („der mir Vertrauen einflößte“) mibtachi („der mein Vertrauen [war]“) vorliegen, der auch in einigen Handschriften zu finden ist. Das ist eine sehr starke Bezeugung; warum dem nur Ehrlich 1905, S. 44 und Kissane 1953, S. 98 folgen, ist nicht ganz verständlich. Wir folgen MT nur, weil dies eine starke Mehrheitsmeinung ist.

11 Auf dich bin ich geworfen [schon] vom Mutterleib an,1 [Schon] von meiner Mutter Schoß an bist du mein Gott.

  1. Auf dich bin ich geworfen - Vergleichbarer Ausdruck nur noch in Ps 55,23. Da diese Stelle wiederum stark an Ps 22,9; 37,5 und Spr 16,3 gemahnt, legt sich die Annahme nahe, dass „etwas auf JHWH werfen“ und „etwas auf JHWH wälzen“ gleichbedeutend sind und also bedeuten: „Etwas unter JHWHs Hut stellen.“ Hier aber wird nicht „etwas“ unter JHWHs Hut gestellt, sondern der Psalmist selbst. Sehr gut daher HER05: „Dir bin ich zu Eigen von Anbeginn“; HfA: „Du bist mein Gott, seitdem mein Leben im Mutterleib begann“. Glückliche Fügung übrigens, wie dieser Vers vor dem Hintergrund des Existentialismus gelesen werden kann, wo die „Geworfenheit“ die schutzlose Ausgeliefertheit des Menschen an die Welt meint. Nein, sagt Psalm 22: Von Geburt an ist der Mensch auf Gott geworfen und gerade daher der Welt eben nicht schutzlos ausgeliefert.

12 Sei nicht fern von mir, Denn die Enge (Bedrängnis) [ist] nahe;1 [Denn] kein Beschützer ist da.

  1. Enge (Bedrängnis) ist nahe - dazu s. Ps 4,2 (dazu FN f); 25,17: Not wird in der Bibel des Öfteren mit der Metapher des Beengt-seins ausgedrückt. Hier gleich doppelt: „die Enge ist nahe“ - ganz im Gegensatz zum „fernen“ Gott, der den Psalmisten verlassen hat.

13 Es umgeben mich mächtige (zahlreiche) Stiere, Gewaltige Baschan[stiere]1 umringen mich.

  1. Baschan[stiere] - Baschan war eine äußerst fruchtbare Region; die „Baschanstiere“ sind daher hier noch mal als Steigerung der bloßen „Stiere“ erwähnt: als besonders gut genährte und daher besonders gefährliche Vertreter ihrer Art. Vgl. Dtn 32,14 und Ez 39,18, wo die „Baschanstiere“ als besonders nahrhafte Vertreter ihrer Art genannt werden, und Am 4,1, wo sie gar zur Metapher für trinkfreudige Bonzen werden.

14 Es sperren ihr Maul auf gegen michReißende, brüllende Löwen (Sie sperren ihr Maul gegen mich auf / [wie] ein reißender, brüllender Löwe).1

  1. reißende, brüllende Löwen ([wie] ein reißender, brüllender Löwe) steht im heb. Text im Sg. Viele denken daher, dass Subjekt des „Maul-Aufsperrens“ die (selbst schon metaphorischen) Baschanstiere wären, die danach noch einmal mit dem Vergleich „[wie] ein Löwe“ näher spezifiziert würden. Wahrscheinlicher ist, dass Löwe hier ein sog. „kollektiver Singular“ mit Pluralbedeutung ist und als ein solcher mit dem Pluralverb „sie sperren ihr Maul gegen mich auf“ konstruiert wird. Das „Maul-aufsperren“ ist hier nicht wie in V. 8 als Spottgeste zu verstehen, sondern wörtlich als Bild für die von den Löwen ausgehende Gefahr.

15 Wie Wasser bin ich ausgeschüttet,Und es sind gelöst all meine Gebeine. Es ist mein Herz wie {das}1 Wachs -Es zerschmilzt in meiner Brust.2

  1. {das} (V. 15); {der} [ein] (V. 17) - Vergleiche werden im Heb. häufig auch dort mit best. Artikel konstruiert, wo das Dt. einen unbest. Artikel verwenden würde.
  2. Eine Reihe starker Metaphern zur Beschreibung der Not: Aus lauter Furcht verflüssigt sich der Psalmist regelrecht.

16 Trocken wie eine [Ton]scherbe ist meine Kraft (Kehle),1 Meine Zunge klebt mir am Gaumen.2[Bald] wirst du mich in den Staub des Todes legen3 können (Willst du mich in den Staub des Todes legen?).

  1. Textkritik: Kraft (Kehle) - Sehr viele Exegeten wollen den Text von kochi („meine Kraft“) nach chiki („mein Gaumen, meine Kehle“) korrigieren (z.B. auch BHS), aber vgl. Ijob 30,30; Ps 32,4; 102,4f.; 119,83; Klgl 4,8: das Verbrennen bis zum Ausgetrocknet-sein eines Menschen gehört zu den Standardmetaphern heb. Lyrik zur Beschreibung von Leid, was für die Lyrik eines so heißen Landes wie Israel eigentlich nicht überraschen sollte. Und man beachte, dass in V. 15 zunächst die Flüssigkeit von einem Ganzheitsbegriff („ich“) und dann einem Teilbegriff („mein Herz“) ausgesagt wird; Entsprechendes findet sich hier von der Trockenheit: zunächst der Ganzheitsbegriff („meine Kraft“) und dann der Teilbegriff („meine Zunge“).
  2. Zwei weitere Metaphern. Man beachte, dass sie genau das Gegenteilige sagen: Fühlte der Dichter sich in V. 15 noch wie „ausgeschüttetes Wasser“ und sein Herz „zerschmolz“, ist seine Kraft in V. 16 „trocken wie eine Scherbe“ und „seine Zunge klebt ihm am Gaumen“ (W.: „an den beiden Kiefern“). Der Effekt ist der selbe wie im dt. „Vor Panik ist mir heiß und kalt zugleich“.
  3. in den Staub des Todes legen - Heb. Idiom für „tot sein“, s. ähnlich Ijob 7,21; 17,16; 20,11; 21,26; Ps 22,30; Jes 26,19; Dan 12,2. Dass hier - anders als in den obigen Stellen - davon die Rede ist, dass JHWH den Beter in den Staub legen können wird, soll unterstreichen, dass es JHWHs Schuld sein wird, wenn er stirbt.

17 Ach!, Es umgeben mich Hunde, Eine Rotte von Übeltätern umzingelt (umkreist) mich. Aufgegraben sind ([wie] {der} [ein] Löwe, gebunden sind)1 meine Hände und Füße.

  1. Aufgegraben sind ([wie] ein Löwe, gebunden sind) - zu diesen Alternativen s. die nächste FN.

18 Zählen kann ich all meine Knochen.1Und sie wollen sich weiden, sich an mir ergötzen,

  1. Vv. 17-18a: Eine der umstrittensten Stellen in der Bibel überhaupt; hier sind etwas ausführlichere Anmerkungen angebracht. Sie sind dennoch möglichst knapp gehalten; für eine sehr schön verständliche Zfsg. s. z.B. den kürzlich erschienenen Eintrag auf dem Blog Is that in the Bible von Paul Davidson. Das Wort „aufgegraben sind“ findet sich in den verschiedenen Handschriften hauptächlich in zwei Varianten: Als Substantiv ka´ari („wie ein Löwe“) im MT, als Verb ka´ru (s.u.) in anderen Handschriften, u.a. auch in der ältesten existenten Handschrift dieses Verses, XHev/Se4 (für eine Foto der entspr. Stelle s. Hopkin 2005, S. 167). Den Text von MT hatten offenbar auch Tg und Saadja vorliegen; LXX, Sym, Aq, Syr, VUL und Hieronymus dagegen ebenfalls ein Verb. Das ist Schwierigkeit (1). Schwierigkeit (2) ist, dass der Text der Variante ka´ari auf den ersten Blick keinen Sinn macht, gleichzeitig das Wort ka´ru in der zweiten Variante aber nicht zu existieren scheint und wir zu seinem Verständnis auf die alten Übersetzungen angewiesen sind. Schwierigkeit (3) ist dann aber, dass diese das Verb jeweils unterschiedlich verstanden; am wichtigsten: LXX, Syr, VUL: „Sie durchbohrten/gruben auf meine Hände und Füße“; Sym, Aq, Hieronymus: „Sie banden meine Hände und Füße“. Diese textkritische Unsicherheit wird v.a. deshalb so stark diskutiert, weil das „sie durchbohrten meine Hände und Füße“ noch heute sehr häufig als auf Jesus vorausweisender, prophetischer Vers aufgefasst wird. Die Übersetzung „sie durchbohrten/gruben auf“ lässt sich am leichtesten so erklären, dass LXX, Syr und VUL ebenfalls ka´ru vorliegen hatten und dies verstanden als karu mit einem sog. „intrusiven Alef“ (dazu vgl. z.B. Delitzsch 1920 §31; zur Stelle Barré 2004, S. 288) von der Wurzel karah I („graben, bohren“). Die Übersetzung „sie banden“ ist entweder ebenso zu erklären und auf eine sonst in der Bibel nicht verwendete, mit karah I gleichlautende Wurzel karah IV („zusammenbinden“) zurückzuführen (vgl. z.B. KBL3, S. 473; ZLH, S. 350) oder so, dass der ursprüngliche Text nicht ka´ru, sondern ´asru („sie haben gebunden“) gelautet hatte. Dies also sind die ersten drei möglichen Deutungen: * (1) „... wie ein Löwe meine Hände und Füße ...“ - auch durch eine alternative syntaktische Analyse nur schwer erklärlich, für einige Versuche s. aber Alexander 1850, S. 103; Eerdmans 1947, S. 172 nach Ross 1905 und König 1905; Rendsburg 2002b; Swenson 2004, S. 642; Weber 2001, S. 121. * (2) „... sie gruben meine Hände und Füße auf ...“ - so z.B. Gren 2005; Houston/Waltke 2010, S. 393f.; Patterson 2004, S. 223; auch schon Houbigant 1777, S. 14. * (3) „... sie banden meine Hände und Füße ...“ - nach obiger Erklärung (1) z.B. Deissler 1981, S. 103f.; Driver 1946, S. 139; Nõmmik 2014, S. 100; nach Erklärung (2) z.B. Halévy 1893b, S. 292; Vall 1997. Daneben haben einige weitere Vorschläge Schule gemacht und Eingang in dt. Üss. gefunden: * (4) „... meine Hände und Füße sind eingegangen / kurz geworden ...“: ka´ru sei abzuleiten von einer hypothetischen, sonst nicht verwendeten Wurzel karah V („eingehen, kurz werden“); so z.B. Roberts 1973; Kselman 1982, S. 178; zuletzt offenbar Brueggemann/Bellinger 2014. * (5) „... meine Hände und Füße sind aufgebraucht (=erschöpft) ...“: Im ursprünglichen Text habe weder ka´ari noch ka´ru gestanden, sondern ka´lu; so z.B. Craigie 1983, S. 196; Kissane 1953, S. 98.100f. * (6) „... meine Hände und Füße schmerzen ...“: Im ursprünglichen Text habe weder ka´ari noch ka´ru gestanden, sondern ka´abu; so z.B. Weiser 1959, S. 147. Für zwei weitere, zu Unrecht in Vergessenheit geratene Deutungsvorschläge s. Stuart 1852 und Barnes 1936, S. 386. Daneben gibt es weitere, z.T. ganz abwegige Vorschläge. Darüber, dass im ursprünglichen Text ein Verb stand, können wir uns recht sicher sein. Erstens fehlt in 17c nach der Version des MT offensichtlich ein Verb; die alten Ausleger Rashi, Ibn Ezra und Saadja etwa haben aus diesem Grund jeweils ein Verb ergänzen müssen. Zweitens würde nach der Version des MT hier für „Löwe“ eine andere Schreibweise verwendet als in Vv. 14.22, nämlich ´ari statt ´arjeh - was mindestens sehr selten wäre. Drittens werden die Gegner des Psalmisten im Verlauf des Psalms je zweimal mit dem selben Tier verglichen: a: Stiere (V. 13) => b: Löwen (V. 14) => c: Hunde (V. 17) => c': Hunde (V. 21) => b': Löwen (V. 22a) => a': Wildstiere (V. 22b). Stünde in V. 17c tatsächlich „Löwe“, wäre dieser Chiasmus zerstört und nur „Löwe“ würde dreimal genannt. Und viertens ist das Gewicht der Handschriften und vielen Übersetzungen, die hier ein Verb haben, sehr stark. Keines dieser Argumente ist zwingend; zusammen weisen sie aber doch recht deutlich darauf, dass im ursprünglichen Text ein Verb stand.Von den obigen Alternativen ist dann sicher (2) vorzuziehen, da (3) - (6) entweder keinen Rückhalt in den alten Übersetzungen und Handschriften haben oder von einem Wort ausgehen müssen, das sich nicht belegen lässt. Außerdem lässt sich nur nach dieser Variante 18a erklären: Gerade deshalb, weil die Gegner dem Psalmisten „Arme und Beine aufgegraben“ haben, kann er nun „all seine Knochen zählen“ - weil ihm das Fleisch von den Knochen gerissen wurde. Auch dieses Verb lässt sich aber nicht mit „durchbohren“ übersetzen, sondern bedeutet „graben“ und wird meist vom Ausheben eines Brunnen oder eines Grabes verwendet; in diesem Kontext vielleicht am besten „aufreißen“. Sehr überzogen die Üs. von Houston/Waltke 2010, S. 393 („Sie haben Löcher in meine Hände und Füße gebohrt“), die damit spielt, dass man im Dt. und Eng. Brunnen auch „bohren“ kann. Eine eindeutige Parallele zur Kreuzigung Jesu liegt hier also nicht vor. Sie sind aber ja auch so deutlich genug.

19 Sie wollen meine Kleider unter sich aufteilenUnd das Los um mein Gewand werfen!1

  1. Das Aufteilen der Kleidung ist wohl eine Anspielung auf eine Hinrichtungsszene, s. Mk 15,24 parr., Sanh 6,3; vgl. Deissler 1981, S. 111. Der Psalmist schwebt in unmittelbarer Todesgefahr.

20 Aber du, JHWH, sei nicht fern,1Meine Hilfe, eile zu meiner Hilfe!2

  1. Zu sei nicht fern s.o. FN c.
  2. Meine Hilfe, eile zu meiner Hilfe! - Wortspiel: Zwei us. Wörter mit der Bed. „Hilfe“ werden hier verwendet; das erste als Bezeichnung für Gott, das zweite zur Bezeichnung dessen, wozu Gott heraneilen soll. Ein Hilfeschrei in Potenz. Zum ersten Wort (´ejalut), das sich nur hier in der Bibel findet, vgl. das syr. ´ijaluta („Hilfe“). Vgl. auch das verwandte ´ejal in Ps 88,5, das dort auch von LXX, Syr und VUL mit „Hilfe“ übersetzt wird, und auch dazu das syr. Äquivalent (´ijala, „Hilfe“). LXX daher richtig: „meine Hilfe“; VUL kannte es offenbar nicht und übersetzt „meine Stärke“. Letzterem folgen leider die meisten Üss.

21 Bewahre vor dem Schwert mein Leben, Vor der Gewalt der Hunde1 mein Einziges!2

  1. der Hunde - W. „des Hundes“, kollektiver Sg. mit Pl.-Bed.
  2. Einzige - wohl poet. Wechselbegriff für „Leben“, s. ebenso Ps 35,17.

22 Rette mich aus dem Rachen der Löwen,1 Vor den Hörnern der Wildstiere mein Elendes (erhöre mich, du erhörst mich/hast mich erhört).2

  1. der Löwen - W. „des Löwen“, kollektiver Sg. mit Pl.-Bed.
  2. Textkritik: mein Elendes (erhöre mich, du erhörst mich/hast mich erhört) - Laut MT „du erhörst mich/hast mich erhört“. Viele Üss. und Kommentare wollen das ernsthaft so verstehen, dass mitten in der Zeile ein Heilsorakel, ein Heilshandeln Gottes o.Ä. anzusetzen ist und der Beter also mitten in der Zeile aus einer ganz anderen Situation heraus zu reden beginnt: „Rette mich aus dem Rachen der Löwen / und von den Hörnern der Wildstiere! ... Du hast mir geantwortet.“ Das liegt sehr fern. Entweder haben wir hier einen T-Shift (ein sog. „prekatives Qatal“) vor uns und das Verb mit vermeintlicher Vergangenheits-/Präsensbedeutung wird hier aus poet. Gründen wie ein Imperativ verwendet („antworte mir!“, so Buttenwieser 1938, S. 606; Goldingay 2006, S. 335; Houston/Waltke 2010, S. 394; viele Üss.), oder: LXX, Syr, Sym hatten offenbar in dem ihnen vorliegenden Text nicht anithani („du antwortest mir/hast mir geantwortet“) stehen, sondern anijathi („mein Elendes“), einen weiteren poet. Wechselbegriff für „mein Leben“. Vermutlich ist eher dies der ursprüngliche Text, denn das natürlichste Verständnis des MT („Von den Hörnern der Wildstiere hast du mir geantwortet“) wäre das, dass Gott sich auf den Hörnern des Wildstieres befindet und von dort dem Schreien des Psalmisten antwortet. So auch Kissane 1953, S. 98; Spieckermann 1989, S. 241; Terrien 2003, S. 233 u.a., auch EÜ, GRAIL, HER05. Schön WEIN: „Hole mich aus dem Rachen des Löwen, / mich Armen vom Gehörn der Stiere...!“ Fun Fact: Bei den „Wildstieren“ handelt es sich laut LXX um „Einhörner“; in einigen Üss. hat sich das tatsächlich durchgehalten, z.B. TAF: „Von des Einhorns Hörnern antworte mir!“

23 Ich will deinen Namen1 meinen Brüdern verkünden, In der Kultgemeinde will ich dich preisen:2

  1. deinen Namen - Der „Name“ Gottes steht in Kontexten wie diesem fast stets für „Gott im Menschenmund“: Der Psalmist verspricht, Gott vor seinen Glaubensbrüdern zu preisen, wenn er ihm hilft. Der Übergang von der Bitte zum Dankgelübde kommt hier wie oft sehr plötzlich; mitgedacht werden muss: „[Wenn du dies alles tust,] will ich dich vor meinen Brüdern preisen.“ Gut daher MEN, R-S: „Dann will ich deinen Namen meinen Brüdern kundtun“; vielleicht sogar etwas wie die Übersetzungsempfehlung der T4T: „If you save me from them, I will declare to my fellow Israelis...“
  2. Es folgt eine „Probe der Rede, ... welche der Dichter nach V. 23 zum Ruhme JHVHes im Verein seiner Gesinnungsgenossen halten will, wenn er ihn aus seiner Not gerettet hat.“ (Ehrlich 1905, S. 47)

24 „Die ihr JHWH fürchtet (verehrt), preist ihn, Alle Nachkommen Jakobs,1 ehret ihn, Erschauert2 vor ihm, alle Nachkommen Israels,

  1. Nachkommen Jakobs - Häufiger Wechselbegriff für die »Israeliten«, die Nachfahren ihres Stammvaters Jakob/Israel (vgl. Jakob (WiBiLex)). Der Psalmist verspricht, als Bindeglied zwischen der in Vv. 4-6 berichteten Verehrung der »Vorfahren« und der Verehrung der aktuellen Kultgemeinde, den »Nachkommen Jakobs«, zu fungieren: Schon diese haben Gott verehrt und auch deren Nachkommen will nun der Psalmist zur Verehrung Gottes aufrufen.
  2. Erschauert, nämlich in Ehrfurcht.

25 Denn er hat nicht verachtet und nicht verabscheut Das Elend des Elenden,Er hat nicht sein Gesicht vor ihm verborgen,1Und als er zu ihm schrie, erhörte er ihn!“

  1. Er hat nicht sein Gesicht vor ihm verborgen - Die Bedeutung dieser Redewendung ist recht eindeutig: Die Rede vom »Verbergen des Gesichtes« findet sich häufiger in der Bibel und bedeutet wörtlich »nicht hinsehen« (s. z.B. Ex 3,6; Ps 10,11; 51,11); in Bezug auf JHWHs Gesicht ist der Ausdruck dann sprichwörtlich geworden für einen Gnadenentzug JHWHs (s. Dtn 31,17f.20; Ps 13,2; 27,9; 30,8; 44,25; 69,18; 88,15; 102,3; 104,29; 143,7; Jes 8,17; 54,8; 59,2; 64,6; Jer 33,5; Ez 39,23f.29; Mic 3,4): JHWH verbirgt sein Gesicht vor jemandem = JHWH schaut jemanden nicht mehr gnädig an (und lässt so zu, dass Unheil über ihn hereinbricht). Der zur Probe gegebene Lobpreis ist suggestiv formuliert: Gott hat nicht verachtet, nicht verabscheut und nicht sein Gesicht verborgen; erst mit dem vierten Verb folgt eine positive Formulierung. Das macht Sinn: V. 25 ist immer noch Teil des Bittgebets, mit dem der Beter JHWH zur Umkehr bewegen will: Er soll doch bitte aufhören, sein Gesicht vor ihm zu verbergen.

26 Von dir [wird sein] mein Lobgesang in großer Kultgemeinde,1 Meine Gelübde werde ich vor denen erfüllen, die ihn fürchten (verehren):2

  1. Von dir [wird sein] mein Lobgesang in großer Kultgemeinde - d.h. Du wirst mir durch deine Hilfe Anlass zum Lobgesang geben (Driver 1898, S. 58 FN 2). Noch mal wird der Bestechungsversuch deutlich gemacht: JHWH muss helfen, dann wird der Psalmist im Gegenzug besagten Lobgesang anstimmen. Gut übersetzt NGÜ: „Du, Herr, gibst mir Grund dafür, dich zu loben inmitten der großen Gemeinde.“
  2. V. 27c („euer Herz“) zeigt, dass auch V. 27 eine „Probe einer später zu haltenden Rede“ ist; worin also das Gelübde besteht, lässt sich aus V. 27 erschließen: Der Psalmist gelobt ein Todah-Mahl - ein Dankopfermahl, das der Dankende im Vorhof des Tempels für bis zu 200 andere JHWH-Gläubige spendierte. Vgl. z.B. Deissler 1981, S. 116. Gut wieder WEIN: „...und vor den Augen aller, die dich fürchten, / das Opfer bringen, das ich dir gelobt.“ Textkritik: LXX und Syr haben den Text offenbar nicht als „Rede-probe“ verstanden und daher „euer Herz“ geändert nach „ihr Herz“; dem folgen auch einige Üss.

27 „Die Elenden1 sollen essen und satt werden (sollen sich satt essen),Es sollen JHWH preisen, die ihn verehren.2Aufleben soll euer Herz für immer!“3

  1. Elende - urspr. Bed. d. Wortes: »elend, arm«; in späteren bib. Texten auch ein terminus technicus für JHWH-Verehrer. Diese beiden Bedd. lassen sich oft nicht völlig trennen; auch hier ist wohl beides gemeint.
  2. die ihn verehren - W. »die ihn suchen«; in späteren Texten aber terminus technicus für den JHWH-Glauben (vgl. THAT I, Sp. 464: »sich zu Jahwe halten«). Hier auch i.S.v. »danken« (nämlich für die Teilhabe am Mahl), aber es ist auffällig, dass das selbe Verb wie in Vv. 23f. verwendet wird: Der Preis des Beters soll über den »Umweg« des Dankopfermahls an die anderen JHWH-Verehrer »überschwappen«.
  3. Aufleben soll euer Herz für immer scheint eine Art „Banquet-Toast“ (Gordis 1949, S. 171) gewesen zu sein. Die ersten beiden Zeilen sind offen in die Runde gesprochen - wohl einleitend vor Beginn des Todah-Mahls, um das „Ziel“ des Mahl zum Ausdruck zu bringen -, die letzte Zeile als Toast zur Eröffnung des Mahls selbst.

28 Es werden (sollen) [davon]1 berichten und (Sie werden [davon] berichten und dann werden) zu JHWH umkehren Alle Enden der Erde2 Und vor dir (vor ihm)3 werden (sollen) sich niederwerfen Alle Sippen der Völker [mit den Worten:]4

  1. [davon] - schwierige Stelle; der Zusammenhang von Vv. 28-32 mit vorigen Teil des Psalms ist nicht leicht zu erkennen. Häufig hält man diese Verse daher für eine spätere Hinzufügung. Wahrscheinlich lassen sie sich aber auch so erklären: So, wie der Psalmist laut Vv. 23-25 den JHWH-gläubigen Israeliten von JHWHs Heilshandeln berichtet hat, wird dieser Bericht auch an die andersgläubigen Nationen dringen und beeindruckt von Gottes Macht werden sie sich zu JHWH bekehren. S. zum Gedanken z.B. Ps 51,15f. und vgl. gut Kissane 1953, S. 102.
  2. Alle Enden der Erde = „die ganze Welt“.
  3. Textkritik: vor dir (vor ihm) - „vor dir“ nach MT; vor ihm nach einigen Handschriften, LXX, Syr, Hieronymus. Häufig wird daher in Kommentaren und Üss. davon ausgegangen, dass Letzteres die ursprüngliche Version war, und der Text zu „vor ihm“ geändert. Wohl unnötig; der unvermittelte Wechsel von einer Person zur anderen ist in der bib. Poesie ein häufiges Stilmittel („P-Shift“); die Üs. von LXX, Syr und Hieronymus lassen sich auch damit erklären, dass sie das erkannt und idiomatscher in ihre Sprachen übertragen haben.
  4. [mit den Worten] - Auch V. 29 ist wahrscheinlich ein Zitat; hier das Zitat von „allen Sippen der Völker“, die damit Gott als rechtmäßigen Herrscher über die Völker anerkennen. Das ki („Ja!“, „denn“) ist dann wohl ein sog. „ki recitativum“ und dient genau dem Zweck, das folgende als wörtliche Rede zu markieren.

29 {Ja!} (Ja!, Denn) JHWH s [ist (das)] das KönigtumUnd er [ist (sei)] Herrscher über die Völker.“

30 Ja, vor ihm werden sich niederwerfen (Es aßen und warfen sich nieder)1 alle Fetten der Erde,Vor seinem Gesicht2 sich alle beugen, die in den Staub sinken. Und [wer] seine Seele nicht am Leben erhalten konnte,

  1. Textkritik: Die alternative Üs. ist die wörtliche Üs. des MT, der offensichtlich keinen Sinn macht. Beinahe allgemein anerkannt ist daher die Textkorrektur von ´aklu wajischtachawu („Es aßen und warfen sich nieder“; Konsonanten: ´klw wjschtchw) zu ´ak lo jischtachawu („Ja, vor ihm warfen sich nieder“; Konsonanten: ´k lw jschtchw). Für eine noch schonendere Textkorrektur s. die übernächste FN.
  2. seinem Gesicht - d.h. „vor ihm“.

31 [bei dem] werden [seine] Nachkommen ihm dienen.1 Erzählen wird man vom Herrn der Generation, die noch kommen wird2 Und verkünden seine Gerechtigkeit dem Volk, das noch geboren wird:„Er hat gehandelt (hat [es] vollbracht)!“

  1. Vv. 30f. - Wir folgen hier der Deutung von Keel-Leu 1970, der auch Kselman 1982, S. 189 und Davis 1992, S. 101, FN 2 folgen: Laut mehrfachem Zeugnis der Bibel können Gestorbene JHWH gar nicht preisen (s. Ps 6,6; 30,10; 88,11f.; 115,17; Jes 38,18; Sir 17,22f.). Vv. 30c darf daher nicht zu 30b gezogen werden („Es werden sich verbeugen alle Fetten der Erde vor seinem Gesicht / und der, der seine Seele nicht am Leben erhalten konnte.“), sondern muss als Nebensatz von V. 31a gedeutet werden: „[Von dem,] der seine Seele nicht am Leben erhalten konnte, / werden [seine] Nachkommen ihm dienen“. Die „Fetten“, die, die „in den Staub sinken“ (dazu s.o. FN v) und die, die „ihre Seele nicht am Leben erhalten konnten“ bilden einen dreifachen Merismus, mit dem die Gesamtheit der andersgläubigen Völker bezeichnet werden: Die „Fetten“ sind dabei die Gesunden und Reichen unter ihnen (sicher in Abgrenzung von den „elenden“ Israeliten in V. 27); die, die „in den Staub sinken“ die Sterbenden und die, die „ihre Seele nicht am Leben erhalten konnten“ die bereits Gestorbenen. Sogar sie werden über den „Umweg“ ihrer Nachfahren in die allgemeine JHWH-Verehrung eingegliedert. tFN: Diese Deutung ist übrigens vielleicht auch mit einer noch schonenderen Textkorrektur als der in 30a möglich: Das Wayyiqtol wajischtachawu ist umzupunktieren zum Weyiqtol wejischtachawu; das we fungiert dabei als „Waw apodoseos“. ´aklu ist ein independenter asyndetischer Relativsatz wie z.B. auch in Jes 41,24, dann: Wer aß, wird sich niederwerfen, (gemeint sind die zum Mahl geladenen Armen aus V. 27) : Alle Fetten der Erde (sc. die Reichen) werden sich vor seinem Gesicht verbeugen; Und von allen, die hinabgestiegen sind in den Staub - : Von dem, der seine Seele nicht am Leben erhalten konnte - : Werden [seine] Nachkommen ihm dienen.
  2. Textkritik: W. „sie werden kommen“; das Wort gehört wie in der LXX noch zum letzten Vers („der Generation, [die noch kommen wird]“); so fast alle Exegeten; eine neuere Ausnahme z.B. Houston/Waltke 2010, S. 396.

Chapter 23

1 1 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David. JHWH ist mein Hirte.2 Nichts fehlt mir (wird mir fehlen)3.4

  1. [Status: Sehr gut]
  2. E. Zenger übersetzt in seinem Kommentar: „»Mein Hirte ist der Herr« (und niemand sonst)“ (Hossfeld/Zenger 1993, 153). Psalm 23 vergleicht Gottes Fürsorge mit der eines Hirten für seine Schafe.
  3. Freier formuliert: „Mir fehlt nie etwas“. Der Gedanke des „nie“ scheint durch die Formulierung mit Ipf. ausgedrückt zu werden (Vgl. LUT, REB, SLT, EÜ). Unter Umständen auch möglich: „Ich werde nicht fehlen“ i.S.v. „ich werde nicht verloren gehen“,vgl. 1Kön 17,14 („Das Öl soll nicht fehlen“); Jes 32,6 („Der Trank des Durstigen fehlt“); vgl. auch Dahood 1965, S. 146
  4. Ezechiel 34,11; Psalm 78,52

2 Er sorgt dafür (macht es möglich, erlaubt mir1), dass ich mich auf Weiden mit saftigem Gras (grünen/frischen Wiesen/Auen/Weiden)2 ausruhen (hinlegen, rasten) kann3.4Zu ruhigen (stillen) Gewässern (einem Gewässer, Gewässern der Rast, natürlichen Tränken, murmelnden Bächen)5 führt er mich (wird er mich führen).6 7

  1. so Waltke 2010, S. 434
  2. Die Constructus-Verbindung hier kann verschieden aufgelöst werden. Diese Übersetzung ist wörtlicher; s.a. NGÜ, GNB.
  3. „Er sorgt dafür, dass ich mich ... ausruhen kann“ Auf Hebräisch eine einzige Verbform im Hifil. Das Hifil drückt aus, dass JHWH hier dafür sorgt, dass etwas geschieht; also die Handlung ermöglicht. Wenn Schafe sich hinlegen und ausruhen, dann schlafen oder wiederkäuen sie. Das ist hier im Blick. Nur im Stehen fressen sie. vgl. Clines 2007, S. 70f.; vgl. auch NAB: „In green pastures you let me graze“
  4. Psalm 80,2; Ezechiel 34,14
  5. Gelegentlich wird dies verstanden i.S.v. „Wasser, an denen man rasten kann“ - so z.B. Deissler 1989: „Wasser der Rastplätze“; Nötscher 1959: „Wasser mit Ruheplätzen“; Zenger 1987: „Ruhe an Wassern“; Zuber 1986: „Wassern der Ruheplätze“. Dag. Ehrlich 1905, S. 60: „[... Der Ausdruck] ist weder Wasser der Erquickung [...], noch Wasser, an denen man ruhen kann, was doch alle Wasser sind. Der Ausdruck bezeichnet ruhige, nicht reissende Wasser. Denn tiefe, reissende Wasser scheuen die Tiere, namentlich Schafe, wenn sie das Maul zum Trinken oder auch nur den Fuss hineintun.“ Der Sinn von „gut trinkbarem Wasser“ legt sich auch deshalb nahe, weil der Halbvers parallel steht zu v. 2a, in dem es um schmackhaftes - d.h., „gut essbares“ - Gras geht; vgl. auch Clines 2007, S. 73. Die nächste deutsche Entsprechung ist daher vermutlich etwas wie „murmelnde Bächlein“ oder etwas Ähnliches.
  6. Psalm 105,41
  7. Matthäus 11,28

3 Meine Lebenskraft (meine Kehle, meinen Lebensatem, mein innerstes Wesen, mich selbst)1 bringt er zurück (wird er erneuern, erfrischt er)2.Er führt mich (wird mich führen) auf richtigen Pfaden (Pfaden der Gerechtigkeit)3 4zur [Wahrung] seines Namens (guten Rufs).5 6

  1. Das Wort נֶפֶשׁ bezeichnet den Atem eines Lebewesens, die Kehle, mit der man atmet, sowie die grundsätzliche Lebenskraft/Lebendigkeit/Vitalität, den Personenkern. Die traditionelle Übersetzung „Seele“ erinnert an einen vermeintlichen Körper-Seele-Gegensatz, an den im hebräischen Urtext überhaupt nicht gedacht ist. (Vgl. Wibilex.de, Art. „Leben“, und Gesenius, Art. נֶפֶשׁ). Im Kontext dieses Psalms ließe sich das Wort sowohl auf Bildebene ( „Meine Kehle erfrischt er.“) als auch auf Sachebene („Mein innerstes Wesen erneuert er.“) übersetzen. Die gewählte Formulierung („Meine Lebenskraft bringt er zurück“) ist sowohl für die Bildebene als auch für die Sachebene offen.
  2. Die Einheitsübersetzung hat: „Er stillt mein Verlangen.“ E. Zenger schlägt in seinem Kommentar als Alternative hierzu vor: „Er stellt meine Lebenskraft wieder her.“ (Hossfeld/Zenger 1993, 153)
  3. Psalm 5,9
  4. Jeremia 23,3
  5. Exodus 3,14
  6. Jesaja 48,9

4 Auch wenn ich durch (in) das Tal des Todesschattens (das von tödlicher Gefahr überschattete Tal, das extrem finstere Tal)1 gehe (gehen werde/muss/sollte, gerate2),3 4 5fürchte (werde ich fürchten) ich keine Gefahr (Unheil, Übel, Unglück, nichts Böses, das Böse nicht, den Bösen nicht6),7 8denn du [bist] bei mir.9Deine Keule (Rute, Knüppel, Stock) und dein Stab10 {sie} geben mir Zuversicht (trösten/beruhigen mich, werden mir Zuversicht geben)11.

  1. Wir folgen den meisten wissenschaftlichen Kommentaren mit der wörtlichen Übersetzung „Tal des Todesschattens“. Gemeint ist vermutlich ein Tal mit lebensgefährlich tiefem Schatten (Kraus 61989, 339) bzw. ein Tal, auf dem ein Schatten von Todesgefahr liegt (Clines 2007, 76). Eine andere etymologische Ableitung des hebräischen Textes ergäbe die Übersetzung „Tal der extremen Dunkelheit“.
  2. vgl. Ehrlich 1905, S. 60: „ילך kann nur ein Hingehen oder Hineingehen, nicht aber eine Bewegung innerhalb gegebener Grenzen bezeichnen.“
  3. Ijob 2,21
  4. Jeremia 2,6
  5. Jesaja 9,1
  6. vgl. Sabottka 1972, S. 129
  7. Jesaja 41,10
  8. Jesaja 43,1
  9. Exodus 3,14
  10. שֵבֶט und מִשעֶנֶת werden in der Regel verstanden als Keule zur Abwehr wilder Tiere und als Hirtenstab als Gehhilfe oder zur Unterstützung der Schafe bei schwierigen Wegstellen; vgl. z.B. Briggs 1906, S. 209; Deissler 1989, S. 97; Nötscher 1959, S. 44; Zenger 1987, S. 229. Vermutlich sind aber sowohl Stab als auch Keule als Waffen zu verstehen; zum Waffenpaar „Stab und Keule“ vgl. die Diskussion der Hirtenkeule in der BODO-Datenbank. Vgl. außerdem die Artikel zu שֵבֶט und מִשעֶנֶת in der כלי-database.
  11. In den Kommentaren wird als Übersetzung „Mut geben“ (Kraus 61989, 334) oder „Zuversicht geben“ (Hossfeld/Zenger 1993, 153) vorgeschlagen. Denkt man die Hirtenmetapher zu Ende, dann passt in Bezug auf Schafe (vgl. 1b) „beruhigen“ oder „beschwichtigen“ besser als der auf Menschen bezogene Begriff „trösten“ (vgl. NET Ps 23,4, Fußnote 1).

5 Du deckst (bereitest vor, wirst decken) vor mir einen Tisch (eine Matte, ein Festmahl)1,2direkt vor (gegenüber von) meinen Feinden3 (meines Feindes4).Du hast (salbst) meinen Kopf mit Öl (Olivenöl, Fett) gesalbt (erfrischt, eingefettet)56Mein Becher [ist] randvoll (fließt über)7.8

  1. zu שוּלחָנ wird häufig - ausgehend von kulturgeschichtlichen und etymologischen Erwägungen - kommentiert, dass das Wort eigentlich „Ledermatte“ bedeute und es kulturgeschichtlich auch dies bedeuten müsse (vgl. z.B. Briggs 1906, S. 212; Clines 2007, S. 77; ähnlich Terrien 2003, S. 241). Unter Umständen ist dies aber auf eine falsche Etymologie zurückzuführen (so Dahood 1965, S. 147; ähnlich Terrien 2003, S. 241) und שוּלחָנ kann durchaus (auch) „Tisch“ bedeuten, wenn auch der Kontext hier eine Ledermatte doch als die näherliegende Alternative erscheinen lässt. Unabhängig davon wird es auch gelegentlich gelesen als Metonymie für das auf dem Tisch / auf der Ledermatte bereitete Festmahl (so etwa Clines 2007, S. 77; Waltke 2010, S. 442), was zwar wohl die beste Übersetzungsweise, aber keine wörtliche Übersetzung wäre, so dass wir es hier nur als Übersetzungsalternative listen und für die Lesefassung empfehlen können.
  2. Psalm 78,19
  3. Während das Verb, von dem dieses Wort abgeleitet ist, speziell die Feindseligkeit der Gegner betont, ist das Wort צֹרֵר ein Kollektivbegriff für persönliche Feinde.
  4. pluralis maiestatis / intensitatis; so Sabottka 1972, S. 129
  5. Hier ist keine kultische Salbung gemeint, dagegen spricht schon das verwendete Verb (דָשַׁן statt sonst מָשָׁח). Die Betonung liegt eher auf seiner häufigen Grundbedeutung „erfrischen“, sonst auch „einfetten“. Dabei handelt es sich wohl um eine hebräische Sitte, nach der der Gastgeber seinem Gast den Kopf einölt (vgl. Briggs 1906, S. 210; Deissler 1989, S. 98; Zenger 1987, S. 231).
  6. Psalm 133,2
  7. „randvoll (fließt über)“ ist wörtlich eigentlich ein Substantiv: „Mein Becher [ist] Überfluss“; der Einsatz von Substantiven als Adjektiven ist aber ganz gewöhnlich im Hebräischen; s. z.B. GKC §141c.
  8. Psalm 116,13

6 Nur (ja, nichts als)1 Güte (Gutes) und Liebe (Gnade) werden mir folgen (verfolgen mich)[an] allen Tagen meines Lebens,und (und dann, und so) ich werde wohnen (halte mich auf, werde [immer wieder]2 zurückkehren)3 im (ins) Haus JHWH s für die Länge meiner Tage.4

  1. An dieser Stelle kann das Wort sowohl bekräftigend als auch einschränkend verstanden werden.
  2. nach Knauf 2001, S. 556.
  3. Die Konsonanten des hebräischen Textes lassen sich entweder deuten als „und ich werde zurückkehren“ (so die masoretischen Handschriften) oder als „und ich werde wohnen“ (ähnlich die Septuaginta: „und mein Wohnen“). Vgl. Hossfeld/Zenger 1993, 153, und Kraus 61989, 334.
  4. Psalm 5,8; Psalm 61,5

Chapter 24

1 1 Von (für, in Bezug auf) David – ein Psalm (begleitetes Lied). Dem JHWH ist die Erde und ihre Fülle, [das] Festland und die, die auf ihm wohnen.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Denn er hat sie über Wassern gegründet, und über Strömen wird er sie aufstellen.

3 Wer dürfte hinaufsteigen auf den Berg JHWH s? Und wer dürfte sich aufrichten am Ort seiner Heiligkeit?

4 Wer mit reinen Händen und lauterem Herzen nicht seine Seele erhebt nach dem Gehaltlosem, und nicht schwört dem Verrat,

5 [d]er wird Segen erhalten von dem JHWH, und Recht vom Gott seines Heils.

6 Dies ist die Generation, die nach ihm sucht, die dein Angesicht suchen, Jakob. Sela1.

  1. Lexikon: Sela

7 Hebt an ihr Tore euer Oberes, und erhebt euch ihr uralten Tore, und der König der Ehre wird einziehen.

8 Wer ist der König der Ehre? JHWH, stark und gewaltig, JHWH, gewaltig im Kampf.

9 Hebt an ihr Tore euer Oberes, und erhebt euch ihr uralten Tore, und der König der Ehre wird einziehen.

10 Wer ist [es], dieser König der Ehre? JHWH der Heerscharen (Zebaot), Er ist der König der Ehre! Sela.

Chapter 26

1 1 Von David. Verschaffe mir Recht (Richte mich, Hilf mir) JHWH, denn ich bin in meiner Vollkommenheit gewandelt (gegangen)2. Und auf JHWH habe ich vertraut und ich wanke (falle) nicht.

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Die Einheitsübersetzung übersetzt hier frei: denn ich habe ohne Schuld gelebt.

2 Prüfe (Teste) mich, JHWH, erprobe (versuche) mich, teste (verfeinere, veredele) meine Nieren und mein Herz (Inneres).1

  1. Alle drei Verben drücken das Prüfen, testen, versuchen,usw. aus, eine genauere Untersuchung wäre schön. Die Verben in der Reihenfolge: בחן - נסה - צרף

3 Denn deine Güte (Gnade) [ist] vor meinen Augen und ich gehe (wandle) in deiner Treue (Wahrheit, Standfestigkeit).

4 Ich saß nicht bei eitlen (falschen, inhaltlosen) Männern und mit etwas verheimlichenden1 ging (kam, verkehrte) ich nicht.

  1. Part. nif. m.

5 Ich hasste die Versammlung (Zusammenkunft) der Schlechten (Bösen),und bei (mit) den Frevlern (Gottlosen, Kriminellen) saß ich nicht (zusammen).

6 Ich wasche mein Handflächen (Hände) in Unschuld,und ich umschreite deinen Altar, JHWH.

7 um ein Danklied hören zu lassen in [lauter] Stimme1 und um alle deine Wunder zu erzählen (predigen, verkündigen).

  1. Oder einfacher: um dir laut Danke zu sagen/singen.

8 JHWH, ich liebe den Ort (die Stätte) deines Hauses,und den Standort (Ort) der Wohnung deiner Herrlichkeit (Ehre).

9 Raffe meine Seele (mein Leben) nicht mit den Sündern,und meine Leben (Lebendigkeit) nicht mit den Männern des Blutes (Mördern),

10 denn an ihren Händen [ist] Schandtat,ihre rechte Hand ist voll von (angefüllt mit) Bestechung (Geschenk).

11 Und ich gehe wandle (gehe) in Vollkommenheit,erlöse mich und sei mir gnädig!

12 Mein Fuß stand1 aufrichtig (auf ebenem Boden),in Versammlungen (Zusammenkünften) preise (segne, lobe) ich JHWH.

  1. ELB, LUT EIN u.a. Übersetzungen übersetzen hier präsentisch, obwohl hier ein Perfekt steht.

Chapter 27

1 1 Von David. JHWH ist mein Licht und meine Rettung (Heil, Hilfe), vor wem sollte ich mich fürchten? JHWH ist meines Lebens Schutzburg, vor wem sollte ich mich ängstigen?

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Wenn Übeltäter sich mir nähern um mein Fleisch zu fressen, meine Bedränger und meine Feinde, so sind sie es, die straucheln und fallen.

3 Wenn sich ein Heer gegen mich lagert, so fürchtet sich mein Herz nicht, wenn sich auch Krieg gegen mich erhebt, trotzdem bin ich ein Vertrauender.

4 Eins habe ich von JHWH erbeten, das suche ich: zu wohnen (bleiben) im Haus JHWH s alle Tage meines Lebens, um zu sehen die Freundlichkeit (Lieblichkeit, Schönheit) JHWH s und Prüfung (Unterscheidung)1 in seinem Tempel.

  1. baqer im AT wird als terminus technicus für die Opferschau benutzt; es ist nicht klar, wie dann in diesem Kontext zu übersetzen ist. Es wird zudem vermutet, dass es verwandt mit boqer (Morgen) sein könnte.

5 Denn er wird mich bergen in seiner Hütte am Tag des Unheils, er wird mich verbergen im Versteck seines Zeltes, auf einen Felsen wird er mich heben.1

  1. Laut Gesenius meint das etwa: „In einen Zufluchtsort wird er mich sicher stellen.“

6 Nun wird mein Haupt sich erheben über meine Feinde rings um mich her. Opfer voller Jubel will ich opfern in seinem Zelt, ich will singen und spielen für JHWH.

7 Höre, JHWH, mit meiner Stimme rufe ich: Sei mir gnädig und antworte mir!

8 Zu dir sagt mein Herz: Sucht mein Angesicht!1 Dein Angesicht, JHWH, suche ich.

  1. JHWH Zitat aus Amos 5,6.

9 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, weise deinen Knecht nicht ab vor Zorn! Du bist meine Hilfe gewesen. Gib mich nicht auf und verlass mich nicht, Gott meines Heils!

10 Selbst wenn mein Vater und meine Mutter mich verlassen, JHWH nimmt mich auf.

11 Lehre mich, JHWH, deinen Weg, und leite mich auf deinem Pfad um meiner Feinde willen.

12 Gib mich nicht preis der Gier meiner Bedränger, denn falsche Zeugen sind gegen mich aufgestanden und der, der Unrecht (Unheil, Gewalttat) schnaubt.

13 Ach, wenn ich nicht vertraut habe zu sehen das Gute JHWH s im Land der Lebendigen...

14 Hoffe auf JHWH! Sei stark, dass er dein Herz stärke, und hoffe auf JHWH!

Chapter 29

1 1 Ein Lied in Bezug auf David. Gebt Jhwh, Söhne Gottes, gebt Jhwh Ehre und Macht.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Gebt Jhwh Ehre seines Namens, betet an Jhwh in heiliger Pracht.

3 Die Stimme Jhwhs über den Wassern, der Gott der Ehre hat es donnern lassen, Jhwh über großen Wassern.

4 Die Stimme Jhwhs mit Kraft, die Stimme Jhwhs mit Pracht.

5 Die Stimme Jhwhs zerbricht Zedern und Jhwh zerschmetterte die Zedern des Libanon.

6 Und er ließ sie hüpfen wie ein Kalb, Libanon und Sirjon wie ein Kalb des Wildstieres.

7 Die Stimme Jhwhs spaltet Feuerflammen.

8 Die Stimme Jhwhs lässt die Wüste kreißen, kreißen lässt Jhwh die Wüste Kadesch1.

  1. Möglich ist auch, hier nicht den Eigennamen, sondern das Adjektiv (heilig) zu lesen. Sollte der Eigenname gemeint sein, dann ist - mit Blick auf Libanon und Sirjon (vermutlich der Hermon) eher an das nördliche Kadesch am Orontes zu denken und nicht an Kadesch-Barnea.

9 Die Stimme Jhwhs lässt große Bäume1 durcheinanderwirbeln und schälte Waldbäume ab und in seinem Tempel alle sagen „Ehre“.

  1. Der Vers bereitet dahingehend Schwierigkeiten, dass der Parallelismus nicht eindeutig ist. Übersetzt man wörtlich, lässt Jhwh Hirschkühe gebären und hat Wälder abgeschält. Da dies nicht stimmig erscheint, kann man durch Änderungen des Textbestandes zu prinzipiell zwei unterschiedlichen Lösungen kommen: Entweder verweilt man im Bereich der Fauna und lässt Jhwh Hirschkühe gebären und Gemsen vorzeitig gebären (יעלות statt יערות) oder man wählt die Flora und dann lässt Jhwh große Bäume (אילות als Einzelplural von איל) durcheinanderwirbeln und hat Waldbäume (Einzelplural) abgeschält. Letztes kommt mit geringeren Textänderungen aus und ist daher wohl wahrscheinlicher. Zu einer genaueren Betrachtung vgl. WAGNER, ANDREAS: Zum Textproblem von Ps 29,9. Überlegungen zum Plural der Nomina collectiva und der Pflanzennamen im biblischen Hebräisch und ihrer Bedeutung für das Verständnis von Ps 29,9, ZAH 10, 1997, 177-197.

10 Jhwh hat sich gesetzt auf die Flut und es setzte sich Jhwh, König für die Ewigkeit.

11 Jhwh gebe Macht seinem Volk, Jhwh segne sein Volk mit Frieden.

Chapter 30

1 1 Ein Psalm (begleitetes Lied). Ein Lied zur Tempelweihe2 (Einweihung des Hauses) von (für, über, nach Art von) David

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Die „Tempelweihe“ ist das seit 165 v. Chr. begangene Fest der Wiederherstellung des Tempels (vgl. 1Makk 4,52ff; 2Makk 10,5ff; Joh 10,22). Nach Sopherim 18,2 wurde der Psalm in der Tat zu dieser Gelegenheit gesungen.

2 Ich will dir dafür danken, JHWH, dass (dich preisen/erhöhen, denn)1 du mich herausgeschöpft (emporgezogen)23 hast4 und dass du meine Feinde (meinen Feind)5 sich nicht über mich (meine meinigen Feinde sich nicht)6 freuen (triumphieren) lassen hast.7

  1. W.: „Ich will dich erheben, denn“; doch übersetze: „Ich danke dir dafür, dass...“; ähnlich Gerstenberger 1972; Zenger 1987. - „Erheben“ ist ein üblicher hebräischer Ausdruck für „preisen“ und wurde im hebr. Text gewählt wegen dem Wortspiel „erheben“ - „emporschöpfen“; im Deutschen lässt sich das leider nicht nachahmen (BigS hat es versucht: „Ich will dich hochleben lassen“). Weiter ist „Jemanden preisen, denn X“ im Hebräischen eine formelhafte Wendung für „jemandem danken für X“ (vgl. Lande 1949, S. 106f.; ad loc. ähnlich Zenger 1987, S. 89); übersetze daher wie vorgeschlagen.
  2. herausgeschöpft (emporgezogen) - das Verb meint meist „schöpfen“; evt. kann es auch allgemein „emporziehen“ heißen. Dahinter steckt folgendes: Im Alten Israel stellte man sich die Unterwelt als den tiefsten Ort des Kosmos vor; daher musste man davon sprechen, dass man z.B. zu ihr „hinabstieg“ oder aus ihr wieder „emporgezogen“ wurde. An unserer Stelle spielt noch mehr hinein: Weil man sich weiterhin die Unterwelt oft als am oder noch unter dem Meeresgrund gelegen vorstellte, sprach man von ihr häufig auch als dem „Brunnen“, der „Grube“, dem „Schacht“ oder der „Zisterne“ (vgl. z.B. Oesterley 1911, S. 139f; Schorch 2000, S. 97f; hier s. Vv. 4.10); auf diese Metapher spielt das hierige Verb an: „Du hast mich [aus der Zisterne (=der Unterwelt)] herausgeschöpft“ meint sinngemäß „Du hast mich aus dem Totenreich gerettet“. Dass der Ort, von dem JHWH den Psalmisten emporschöpft, hier nicht genannt ist, gehört wohl zum in FN d beschriebenen Strukturprinzip. Im Deutschen muss man das wohl freier formulieren; sinnvoll z.B. ALB, FENZ, NL: „du hast mich gerettet“; noch besser vielleicht: „Du hast mich der Unterwelt entrissen“ (nach Gerstenberger 1972). „Du hast mich aus der Tiefe/dem Abgrund gezogen“ (BB, EÜ, GN, HfA, LUT84, MEN, NeÜ, NGÜ, R-S, ZÜR) macht den Sachverhalt wohl nicht klar.
  3. herausgeschöpft / meine Feinde / geheilt / heraufgeholt / erweckt sind wohl rein metaphorisch zu verstehen. Vv. 2-4 sind bestimmt vom selben Strukturprinzip: Der Psalmist dankt Gott für die Rettung von verschiedenen Unheilsarten, ohne zu berichten, dass dieses Unheil überhaupt über ihn hereingebrochen ist: (1) V. 2a.4: [Er ist gestorben und] Gott hat ihn wieder auferweckt, (2) V. 2b: [Er wurde befeindet, doch] Gott hat seinen Feinden den Triumph über ihn nicht gegönnt, (3) V. 3: [Er war krank und] Gott hat ihn geheilt. Weil eben die „Vorgeschichte des Unheils“ hier nicht expliziert wird, versucht man in der Exegese meist, diese Vorgeschichte zu rekonstruieren. Es besteht schon fast ein Konsens, dass sie in etwa so aussah: Der Psalmist war krank - so krank war er, dass es ihm geradezu vorkam, als sei er bereits gestorben. Seine Feinde sind darüber sehr glücklich. Doch dann erbarmt sich Gott seiner, heilt ihn, holt ihn so „sozusagen“ - da er sich ja bereits als gestorben sah - wieder aus der Unterwelt empor und gönnt derart den Feinden des Psalmisten nicht die Freude über seinen Tod. Diese Rekonstruktion ist nicht sonderlich rund (wg. dem Unterschied „krank sein“ <=> „tot sein“ einerseits, wegen dem plötzlichen unmotivierten Auftreten der „Feinde“ andererseits); sinnvoller ist daher darauf hinzuweisen, dass all diese Elemente in der biblischen Poesie oft nur bildliche Rede sind, die keine weitere Funktion haben, als als Chiffren für ein nicht näher bestimmtes Unheil des Psalmisten zu stehen (vgl. ad loc. ähnlich Zenger 1987, S. 90 f.; s. die Parallelstellen). Was der Psalmist dann wieder und wieder betonen würde, wäre nur: „[Unheil war über mich hereingebrochen - und] JHWH hat mich gerettet.“ M.E. liegt dieses Verständnis hier näher. Mindestens für die Fassung in Leichter Sprache wäre es dann vermutlich sinnvoller, zu jeweils anderen Metaphern zu greifen, die leichter als Metaphern für die Erlösung von einem unbestimmten Unheil erkennbar sind.
  4. Psalm 145,1
  5. meine Feinde (meinen Feind) - Dahood 1965 deutet den Plural als pluralis excellentiae und deutet als „meinen Feind [- den Tod]“. Das ist durchaus bedenkenswert, da Vv. 2-4 ja immer wieder die Rettung vom Tod thematisieren und die „Feinde“ hier ohnehin sehr überraschend und unmotiviert stehen. Die traditionelle Deutung ist aber wohl ebenso gut möglich, siehe die vorige FN.
  6. meine Feinde sich nicht über mich (meine meinigen Feinde sich nicht) - Für „über mich“ sollte man im Hebräischen eigentlich eher עָלַי statt לִי erwarten. Halévy 1895a, S. 30 hat daher vorgeschlagen, לִי nicht als „über mich“, sondern als Verstärkung des „meine“ in „meine Feinde“ zu deuten: „meine meinigen Feinde“. Im Deutschen klingt das zwar merkwürdig (und sollte daher besser einfach mit „dass du meine Feinde sich nicht freuen (triumphieren) lassen hast“ übersetzt werden), im Hebräischen ist das aber durchaus möglich. Halévy selbst ist unsicher (und übersetzt „Et de ne pas avoir fait réjuir mes enemies (à mon détriment)“), aber Alter 2007 scheint tatsächlich so zu lesen („and You gave no joy to my enemies“); ebenso NeÜ („du gabst meinen Feinden keinen Triumph“) und Schökel 1980 („y no has dado el triunfo a mis enemigos“). Das ist etwas wahrscheinlicher; in der LF sollte man aber doch der traditionellen Übersetzungsalternative den Vorzug geben, da es sich hier um eine starke Minderheitenmeinung handelt und die traditionelle Übersetzung auch nicht (sehr) problematisch ist.
  7. Psalm 13,4; Psalm 25,2; Psalm 35,34; Psalm 41,12; Psalm 89,43; Psalm 140,9

3 JHWH, mein Gott (JHWH, du bist mein Gott.), ich schrie zu dir um Hilfe (schrie zu dir, rief dich an) Und du hast mich geheilt (damit du mich heilst, als ich zu dir schrie, hast du mich geheilt). 1

  1. Psalm 6,3; Psalm 103,3; Psalm 147,3; Jesaja 6,10; Jesaja 57,18

4 JHWH, du hast mich (meine Seele)1 aus dem Scheol (aus der Unterwelt, aus der Totenwelt) heraufgeholt2,3 du hast mich erweckt (mich leben lassen) aus den zur Grube4 Hinabgefahrenen (bewahrt vom Hinabfahren)5.6

  1. W. „meine Seele“, doch im Hebräischen dient dies fast stets als Wechselbegriff für „mich“ (vgl. ad loc. Briggs 1906, S. 262; Terrien 2003, S. 282); übersetze durchaus wie vorgeschlagen.
  2. gut verständlich ALB, HfA: „du hast mich dem Tode entrissen“
  3. Ijob 33,28; Psalm 16,10; Psalm 40,3; Psalm 56,14; Psalm 71,20; Psalm 86,13; Psalm 116,8; Jesaja 38,17; Jona 2,7
  4. zu „Grube“ als Metapher für die Unterwelt vgl. FN c
  5. Textkritik: Ketiv und Qere bieten zwei unterschiedliche Textversionen: Ketiv hat das Partizip „aus den Hinabgestiegenen“; Qere verbessert zum Infinitiv „vom Hinabsteigen“. Doch ist die Version des Ketiv hier sicher vorzuziehen und wird auch von fast allen vorgezogen, da die Infinitivform des Qere zwar grammatisch korrekt, aber im Hebräischen ungebräuchlich ist (die gebräuchliche Form wird V. 10 verwendet), die Wendung יורדי בור des Ketiv sich dagegen recht häufig in der Bibel findet. Vermutlich handelt es sich beim Qere um eine spätere theologische Interpretation, vgl. Buttenwieser 1938, S. 601. Das „Aus den Hinabgestiegenen“ des Ketiv meint, dass Gott den Psalmisten als einzigen der vielen, die bereits ins Totenreich hinabgefahren sind, wieder auferweckt hat (vgl. ähnlich Mk 9,9, dazu FN ae).
  6. Psalm 28,1

5 Singt (spielt)1 JHWH, ihr seine Frommen2,3 preist den Heiligen (seinen heiligen Namen, das Gedenken seiner Heiligkeit)4!5

  1. spielt i.S.v. „musiziert auf Instrumenten“ ist unwahrscheinlich; die Instrumentalmusik im Tempelkult wurde wohl von den Priester und Leviten übernommen (vgl. Num 10,1-10; 2Chr 29,26-28). Übrigens darf man sich hier keine Himmelsmelodien vorstellen; eher muss man an einen „seltsamen, lauten und lärmenden Krach“ (Casey 2004, S. 203) denken.
  2. Die „Frommen“ sind die versammelte Kultgemeinde, die beim Vortrag des Psalms anwesend ist. Vv. 5-6 sind ein für Dankpsalmen übliches „Wort an die Kultgemeinde“, das parenthetisch in das eigentlich Vorgetragene eingeschoben ist und hier (wie oft) die Kultgemeinde zum Einstimmen in den Lobpreis auffordert.
  3. Psalm 33,1; Psalm 132,9; Psalm 149,1
  4. Zu זכר (meist: „Gedenken“) = „Name“ vgl. Kön 90; SS 173; ZLH 209; ad loc. z.B. Buttenwieser 1938; Craigie 1983; Kittel 1914; Schökel 1980; Ross 2011; Schmidt 1934. Der „Name Gottes“ dient im AT aber fast ausschließlich als Wechselbegriff für Gott selbst; man bezeichnet damit „Gott im Menschenmund“. Übersetze daher wie vorgeschlagen.
  5. Psalm 97,12

6 {Oh!,} (Denn)1 [Nur] einen Augenblick lang währt sein Zorn, ein Leben lang währt seine Huld.23 {Oh!,} (Denn) Bleibt auch das Weinen (das Weinen bleibt) über Nacht (am Abend, verbringt man die Nacht auch weinend)4 [ist] doch am Morgen (und am Morgen ist) Jauchzen.5

  1. emphatisches כי, so auch Deissler 1989; Kraus 1961. Im Deutschen nicht zu übersetzen.
  2. schwieriger Vers. W. wird er meist gedeutet als „Ein Augenblick (רֶגַע) in (ב) seinem Zorn, ein Leben in (ב) seiner Huld“. Verschiedene Vorschläge sind gemacht worden, um ihn zu erklären: # Die בs werden als als Beth existentiae gedeutet („ist“/„dauert“; vgl. Ges18 119f; KBL3 101); „Augenblick“ und „Leben“ sind adverbiale Akkusative der Zeit („einen Augenblick lang“ / „ein Leben lang“; vgl. GKC §118k): unsere Deutung: „Ein Augenblick lang dauert sein Zorn, / ein Leben lang dauert seine Huld“- so übersetzen zumindest auch Bonkamp 1949; Brueggemann/Bellinger 2014; Christensen 2005.30; Kittel 1914; Terrien 2003 und fast alle Üss. # Die בs werden als als Beth essentiae gedeutet; wörtlich etwa „ein Augenblick lang [ist er] zornig, ein Leben lang huldreich“: Delitzsch 1894; wohl auch Ehrlich 1905. Ähnlich Buttenwieser 1938; er deutet aber merkwürdigerweise „Augenblick“ und „Leben“ als Subjekte des Satzes; wörtlich also etwa „Ein Augenblick [ist] voll seines Zorns / ein Leben voll seiner Huld“ # רֶגַע wird emendiert: ## nach LXX, Syr zu רׂגֶז Unruhe, Zorn, Toben: „Toben [ist] in seinem Zorn, / Leben [ist] in seiner Huld“: BHS; vgl. auch Kissane 1953 ## zu נֶגַע Leiden, Krankheit: „Krankheit [ist] in seinem Zorn, / Leben [ist] in seiner Huld“: Gunkel 1968; Halévy 1895a; Schmidt 1934 # רֶגַע wird eine andere Bedeutung gegeben: ## Schökel 1980 glaubt wg. Ijob 26,12; Jes 51,15 und Jer 31,35, dass רֶגַע auch „Beben“ bedeuten könne: „Zittern/Beben ist in seinem Zorn...“. Diese Bed. findet sich zwar auch in einigen Wörterbüchern, ist aber wohl falsch: רֶגַע bedeutet dort nicht „erbeben machen“ (nach רגע I), sondern „beruhigen“ (nach רגע II); s. jeweils den Kontext. ## Craigie 1983 und Dahood 1965 denken, es könne auch „Tod“ bedeuten: „Tod [ist] in seinem Zorn, ...“. Auch das ist wohl nicht so. # Es wird einfach ein Verb ergänzt, z.B.: „Nur kurz [handelt er] in seinem Zorn...“: Briggs 1906; Deissler 1989; Kraus 1961; Weber 2007
  3. Psalm 103,9; Jesaja 54,7; Jesaja 57,16; 2 Korinther 4,17
  4. verbringt man die Nacht auch weinend - so sinnvoll Buttenwieser 1938. Wegen des Parallelismus ist aber doch die Standard-Deutung vorzuziehen.
  5. Psalm 46,7; Psalm 143,8; Psalm 126,5; Johannes 16,20

7 Als ich1 in meiner Sorglosigkeit sprach: „Niemals werde ich wanken2!“3

  1. Vv. 7-8 werden fast stets einander beigeordnet: „7a: Ich sagte in meiner Sorglosigkeit: »[...]«. / 8a: JHWH, du hast mich in deiner Gunst auf starke Berge gestellt. / 8b: Du verbargst dein Gesicht, / 8c: Ich war bestürzt“. Die Wortfolge ist aber 7a: X-Qatal, 8a: X-Qatal, 8b: Qatal-X, 8c: Qatal-X, daher sollte man Vv. 7a.8a besser als Umstandssätze deuten: „7a: Als ich... 8a: weil du/[und] als du... 8b: da... 8c: und da...“. Das וַאֲנִי in 7a dient nur der Bildung der Wortfolge X-Qatal und sollte keinesfalls derart betont übersetzt werden, wie es gern getan wird („Und ich, ich sagte...“).
  2. Das »Wanken« ist in der biblischen Poesie eine häufige Metapher für eine Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt. Wer dagegen »nicht wankt« ist sicher und geschützt und wird daher ewig bestehen; s. bes. gut Spr 10,30; 12,3; auch Ps 16,8; 46,6f; 62,3.7; 112,6; 125,1. Wie an den Stellen zu sehen ist, handelt es sich bei diesem nicht-Wanken meist um eine Gnadengabe Gottes; so ja auch hier, s. V. 8. Der Gnadenentzug JHWHs in V. 9 kommt dann sehr unmotiviert; man hat deshalb versucht, dem Psalmisten zu unterstellen, dass er sich ähnlich wie der Frevler in Ps 10,6 der Hybris schuldig mache (und übersetzt dann auch das obige »Sorglosigkeit« mit »Selbstsicherheit«, »Gedankenlosigkeit« (Tromp 1986), »Selbstgeruhsamkeit« (Weber 2007) oder »im Vertrauen auf mich« (HER)). Vom Text her liegt das hier recht fern; man wird sich damit bescheiden müssen, dass der plötzliche Gnadenentzug JHWHs unerklärlich ist - dass er allein der Willkür Gottes geschuldet ist.
  3. Psalm 16,8; Psalm 46,6; Psalm 62,3; Psalm 112,6; Psalm 125,1; Sprichwörter 10,30; Sprichwörter 12,3

8 weil du ([und] als du), JHWH ({JHWH})1, mich in deiner Gunst standhafter als die starken (sicheren) Berge gemacht hast,23verbargst du dein Gesicht (wandtest du dein Gesicht ab)45 [und] ich wurde vernichtet (erschrak)

  1. Textkritik: JHWH ist vielleicht metri causa zu streichen; s. BHS, Briggs 1906; Gunkel 1968; Kittel 1914; Kraus 1961; Schmidt 1934. Solche Streichungen metri causa sind zwar heute eher unbeliebt geworden; aber man sieht ja bereits an der Übersetzung, dass der Sticho untypisch lang ist. Dennoch sollte man heute davon wohl eher Abstand nehmen; vielleicht sollte man aber in der LF den Sticho als zwei Stichen setzen: „Weil du, JHWH, mich standfester gemacht hast / als die Berge standfest sind.“
  2. V. 8a könnte auch noch zum Selbstzitat in 7b gehören: „Ich werde niemals wanken, weil du, oh JHWH, mich standfester als die starken Berge gemacht hast.“ Der Text selbst ist schwierig; wörtlich scheint er auf den ersten Blick zu bedeuten: „Du hast meinem Berg Stärke hingestellt“. Früher wurde er deshalb oft so erklärt, dass der Sprechende - wie in der Überschrift angegeben - David wäre, der davon spreche, dass Gott „seinen“ Berg - den Zion - so stark gemacht habe. Diese Interpretation ist heute nicht mehr vertretbar (Gunkel 1968; Wachter 1966), weshalb man zu einer der folgenden Lösungen greifen muss: # Craigie 1983; Dahood 1965 und Tromp 1986 konstruieren הֶעֱמַדְתָּה mit einem double-duty-Suffix (-> Brachylogie) aus 8b und in der Bedeutung „standfest sein“ (also nicht „du hast gestellt“, sondern „du hast mich standfest gemacht“); לְ deuten sie als lamed comparativum („wie, als“; so offenbar auch GRAIL: „your favor had set me like a mountain stronghold“): Du machtest mich standfester als die starken Berge; s. Ps 125,1.Wir schließen uns dieser Deutung an, da sie als einzige keiner Emendation bedarf. לְהַרְרִי sollte man aber wahrscheinlich doch besser mit Craigie und gegen Dahood und Tromp zu לְהַרְרֵי umpunktieren. # Alternativ sind viele Emendationsvorschläge gemacht worden. Statt הֶעֱמַדְתָּה לְהַרְרִי עֹז du stelltest meinem Berg Stärke hin wäre zu lesen: ## הֶעֱמַדְתָּנִי לְהַרְרֵי עֹז Du hast mich auf starke Berge gestellt: Bonkamp 1949 (?); Kittel 1914; Kraus 1961; Schmidt 1934; Schökel 1980; s. Ps 40,3 ## הָעֲמַדְתִּי לְהַרְרֵי עֹז Ich war gestellt auf starke Berge: Gunkel 1968; Kraus 1961 ## הֶעֱמַדְתָּה לִי הַרְרֵי עֹז Du hast mir schützende Berge hingestellt: Wachter 1966; offenbar auch Dillmann ## הֶעֱמַדְתָּה לִי הָדָר וְעֹז Du hast mir Würde und Stärke verliehen: Bertholet 1923; Kissane 1953; FENZ; GUAR ## הֶעֱמַדְתָּה לְהֲדָרֵי עֹז Du hast meiner Würde Stärke verliehen: LXX, Spieckermann 1989
  3. Psalm 40,2; Psalm 125,1
  4. Die Bedeutung dieser Redewendung ist recht eindeutig: Die Rede vom „Verbergen des Gesichtes“ findet sich häufiger in der Bibel und bedeutet wörtlich „nicht hinsehen“ (s. z.B. Ex 3,6; Ps 10,11; 51,11); in Bezug auf JHWHs Gesicht ist der Ausdruck dann sprichwörtlich geworden für einen Gnadenentzug JHWHs (s. Dtn 31,17f.20; Ps 13,2; 22,25; 27,9; 44,25; 69,18; 88,15; 102,3; 104,29; 143,7; Jes 8,17; 54,8; 59,2; 64,6; Jer 33,5; Ez 39,23f.29; Mic 3,4): JHWH verbirgt sein Gesicht vor jemandem = JHWH schaut jemanden nicht mehr gnädig an (und lässt so zu, dass Unheil über ihn hereinbricht). Dahood 1965 leitet (wie schon Ps 10,11) הִסְתַּרְתָּ du hast verborgen von סור umkehren mit t-Infix ab (dazu vgl. Waldman 1989, S. 34-36; ebenso wird das selbe Wort in Ijob 3,10 und Ijob 13,24 von Blommerde 1969, S. 14 analysiert): „Du hast abgewandt“. Doch ist das sprachlich unwahrscheinlich und wohl unnötig; vgl. Friedman 1977.
  5. Psalm 104,29; Psalm 143,7; Jesaja 64,6; Jeremia 33,5; Ezechiel 39,23

9 [Und sprach:]1 „Ich will zu dir rufen, JHWH, und zu meinem Herrn (zu dir, meinem Herrn)2 flehen!3

  1. Darüber, dass Vv. 10f. den vergangenen Flehruf des Psalmisten zitiert, besteht heute Konsens (Kissane 1953 und Zorell 1928 nach LXX dagegen nur V. 10; Buttenwieser 1938 sogar Vv. 10-13; dafür müssen sie aber unnötigerweise mehrfach emendieren). V. 9 wird dabei meist als Redeeinleitung aufgefasst: „[Damals] rief ich zu dir, JHWH / meinen Herrn flehte ich an: ‚...‘“. Das ist sicher nicht so; die beiden Verben in V. 9 stehen im Yiqtol, und eine Wiedergabe durch Vergangenheit „widerspricht jeder Regel“ (Buttenwieser 1938, S. 575). Allenfalls möglich wäre eine iterative Deutung: „immer wieder rief ich zu dir, JHWH...“, so aber nur Weber 2007; vgl. noch Tromp 1986, S. 257. Daher sollte man V. 9 wohl besser auch zum vergangenen Flehruf rechnen, der derart hier ohne Redeeinleitung zitiert wird (Zitate stehen in der biblischen Poesie oft ohne Redeeinleitung), und selbst eine Redeeinleitung ergänzen.
  2. Textkritik: Viele Exegeten emendieren, um den Personenwechsel zu vermeiden, nach Syr und Tg וְאֶל־אֲדֹנָי und zu meinem Herrn zu וְאֵלֶיךָ אֲדֹנָי: und zu dir, meinem Herrn. Dahood 1965 will sogar emendieren: וְאֵל אֲדֹנָי: Oh El, mein Herr. Unnötig: P-Shift (ad loc. ähnlich Spieckermann 1989, S. 255). Das »zu dir, mein Herr« von Tg und Syr kann auch einfach darauf zurückgeführt werden, dass sie das richtig gesehen haben; auch in der LF sollte besser so übertragen werden, da es solche Shifts im Deutschen nicht gibt.
  3. Psalm 77,2; Psalm 130,1

10 Welcher Gewinn [ist] in meinem Blut12 [und] in meinem Hinabfahren in den Schacht3?Kann Lehm (Staub, können Tote)4 dich preisen? Kann er (können sie) deine Treue verkünden? 5

  1. zum Sinn vgl. gut Halévy 1895a, S. 32, der den Sticho als eine Kurzform von Gen 37,26 erklärt: »Welchen Gewinn hättest du, wenn du mich tötetest und mein Blut vergössest?«. Die Umpunktierung von בְּדָמִי in meinem Blut nach בְּדּמִּי wenn ich verstummte (»Was nützte es, wenn ich verstummte«; Ehrlich 1905; Tromp 1986; Zorell 1928) ist unnötig.
  2. Genesis 37,26
  3. zu »Schacht« als Metapher für die Unterwelt vgl. FN c.
  4. Meist: »Kann Staub dich preisen«, d.h. der Stoff, aus dem der Mensch nach Gen 2,7 besteht und der nach seinem Tod übrig bleibt (Allerdings »Lehm«, nicht »Staub«. Dass der Mensch aus Lehm gemacht ist und Gott ihn aus Lehm gemacht hat, geht zurück auf das altorientalische Motiv des Schöpfergottes an der Töpferscheibe).Vielleicht sinnvoller: עפר kann evt. auch für tote Menschen stehen (vgl. TLOT 1185: »Leiche«; ad loc. auch Fürst 1078: »Tote«; s. noch HfA: »Kann ein Toter dir noch danken?«; auch die Info der BB: »Gemeint sind die Verstorbenen, die unten im Totenreich in staubtrockener Erde ruhen.«); dann »Können Tote dich preisen?«. Der Vers verdichtete dann den Topos, dass gestorbene und in die Unterwelt hinabgefahrene Menschen vom Kontakt mit Gott abgeschnitten sind und ihn darum eben nicht mehr preisen können (s. Parallelstellen). Die Bedeutung »Tote« für עפר ist aber zweifelhaft, daher sollte man wohl doch bei der Standard-Übersetzung bleiben.
  5. Psalm 6,6; Psalm 88,12; Psalm 115,17; Psalm 118,17; Jesaja 38,18; Jesus Sirach 17,27

11 Höre (erhöre mich)1, JHWH, und sei mir gnädig! JHWH, sei mir Helfer!“ 2

  1. W. hören, ein häufiger term. tech. für die Gebetserhörung; so wohl auch hier.
  2. Psalm 51,3; Psalm 54,6; Psalm 118,13; Psalm 143,1; Psalm 143,7; Hebräer 13,6

12 Da hast du (du hast)1 mir mein Klagen in Tanzen verwandelt,2 hast mir die Trauerkleidung ausgezogen und mich mit Freude bekleidet (gegürtet)3.4 Darum (so dass, damit)5 will ich ([meine] Leber, [meine] Herrlichkeit, [meine] Seele)6 dich besingen und nie (nicht) verstummen (schweigen); JHWH, mein Gott, auf ewig will ich dich preisen!7

  1. Da hast du gut nach EÜ; Gerstenberger 1972; GUAR; Schmidt 1934; Zenger 1987; ZÜR: V. 12 schildert die Reaktion Gottes auf den Flehruf des Psalmisten.
  2. Kohelet 3,4; Jeremia 31,4; Jeremia 31,13; Ester 9,22
  3. meist: „gegürtet“, aber אור kann auch allgemein „Kleiden“ bedeuten, was hier sehr viel besser passt.
  4. Jesaja 61,3
  5. zu kausalem לְמַעַן vgl. Fürst 847; Ges18 713; Kön 237.
  6. Textkritik: Leber (Herrlichkeit, Seele) - „Leber“ und „Herrlichkeit“ waren ursprünglich gleich geschrieben worden. Sehr nah verwandt ist diese Stelle mit Ps 16,9; 57,9; 108,2: An allen vier Stellen wird Gott entweder von der „Leber“ oder von der „Herrlichkeit“ des Beters besungen und die Masoreten haben sich jedes Mal für „Herrlichkeit“ entschieden. Einige Hebraisten glauben deshalb, dass „Herrlichkeit“ auch „Seele“ bedeuten und als solche Gott besingen kann. Dass es auch im Akkadischen stets entweder das Herz oder eben die „Leber“ ist, die sich freut und jubelt (vgl. Dhorme 1922, S. 509f.), spricht aber stark dafür, dass auch im Heb. md. an diesen vier Stellen „Leber“ zu lesen ist.W.: „Darum will Leber dich besingen“; wohl mit double duty-Suffix (->Brachylogie) aus V. 12: „[meine] Leber“ (alternativ ergänzen fast alle Exegeten ein Suffix).
  7. Psalm 13,7; Psalm 71,23; Psalm 145,2; Psalm 146,2

Chapter 31

1 1 Für den Chormeister. Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für) David.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Bei dir, JHWH, habe ich mich geborgen; ich will nicht zuschanden werden für immer, mit ( in/ um..willen) deiner Gerechtigkeit rette mich.

3 Neige zu mir dein Ohr, eile, um mich zu befreien. Sei mir ein Fels der Zuflucht, eine feste Burg, um mich zu retten.

4 Denn mein Fels und meine Burg bist du, um deines Namens willen leite und führe mich.

5 Führe mich aus dem Netz, das sie mir heimlich legten, denn du bist meine Zuflucht.

6 In deine Hand befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöst, du treuer Gott.

7 Ich hasse, die sich an die Nichtse des Nichts1 halten, ich vetraue aber auf JHWH.

  1. od. „eitle Nichtse“ = Götzen

8 Ich will frohlocken und mich freuen an deiner Treue (Gnade), weil du mein Elend gesehen hast, erkannt hast die Nöte meiner Seele.

9 Du hast mich nicht der Hand (Gewalt) des Feindes ausgeliefert, du hast meine Füße auf weiten Raum gestellt.

10 Sei mir gnädig, JHWH, denn mir ist angst, schwach geworden vor Gram ist mein Auge, meine Seele und mein Leib.

11 Im Kummer schwindet dahin mein Leben, meine Jahre vergehen mit Seufzen. Meine Kraft ist ermattet durch mein Elend und schwach geworden sind meine Gebeine.

12 Allen meine Feinden bin ich zum Spott geworden und mehr noch meinen Nachbarn, ein Schrecken denen, die mir vertraut sind. Die mich auf der Straße sehen, fliehen vor mir.

13 Vergessen bin ich, wie ein Toter aus dem Sinn, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

14 Ich höre das Zischeln der Menge, Grauen ringsum, wenn sie sich gegen mich verschwören, darauf sinnen, mir das Leben zu nehmen.

15 Ich aber vertraue auf dich, JHWH, ich spreche: Du bist mein Gott.

16 In deiner Hand stehen meine Zeiten, rette mich aus der Hand (Gewalt) meiner Feinde und vor meinen Verfolgern.

17 Lass leuchten dein Angesicht über deinem Diener, hilf mir um deiner Treue willen.

18 JHWH, ich will nicht zuschanden werden, denn ich habe zu dir gerufen. Zuschanden werden sollten die Frevler, heulend ins Totenreich fahren.

19 Verstummen sollen die Lippen der Lüge, die frech reden gegen den Gerechten, mit Hochmut und Geringschätzung.

20 Wie groß ist deine Güte, die du aufgespart hast für die, die dich fürchten, die du gegenüber den Menschen denen erweist, die Zuflucht suchen bei dir.

21 Du beschirmst sie im Schutz deines Angesichts vor der Zusammenrottung der Menschen, du birgst sie in einer Hütte vor dem Streit der Zungen.

22 Gepriesen sei JHWH, denn wunderbar hat er mir seine Treue erwiesen in einer befestigten Stadt.

23 Ich aber sprach bei meinem Aufgeschrecktsein: Ich bin verstoßen vor deinen Augen. Doch du hast die Stimme meines Flehens gehört, als ich zu dir schrie.

24 JHWH liebt all seine Getreuen. Die Getreuen behütet JHWH, doch über den Rest vergilt er dem, der Hochmut übt. Seid stark, dass er euer Herz stärke, ihr alle, die ihr hofft auf JHWH.

Chapter 33

6 Durch das Wort JHWH s wurden die Himmel gemacht und durch den Hauch (Geist) seines Mundes ihr ganzes Heer (all ihr Heer).

Chapter 42

1 Ein Kunstlied für den Musikmeister (Lehrgedicht für den Chorleiter, Andachtslied für die Liturgie) von den Korachiten (für die Nachkommen des Korach)1.

  1. Die inhaltliche Aussage der vorangestellten Überschrift ist unklar. Die Bezeichnung „Söhne des Korach“ stellt eine Verbindung zu den sprachlich verwandten Psalmen der „Korachitenpsalmengruppen“ 42–49 und 84–85.87–88 her (Hossfeld/Zenger 32000, 520).

2 Wie eine Hirschkuh (ein Hirschbulle)1 Wasserbäche herbeisehnt (verlangt, ruft),so sehnt sich mein ganzes Wesen (verlangt meine Lebenskraft, ruft meine Kehle)2 nach dir (zu dir), Gott.

  1. Im hebräischen Text steht eine weibliche Verbform, aber das Wort für einen männlichen Hirschen.
  2. Das Wort נֶפֶשׁ bezeichnet den Atem eines Lebewesens, die Kehle, mit der man atmet, sowie die grundsätzliche Lebenskraft/Lebendigkeit/Vitalität, den Personenkern. Die traditionelle Übersetzung „Seele“ erinnert an einen vermeintlichen Körper-Seele-Gegesatz, an den im hebräischen Urtext überhaupt nicht gedacht ist. (Vgl. Wibilex.de, Art. „Leben“, und Genesius, Art. נֶפֶשׁ)

3 Alles, was in mir ist, (meine Lebenskraft, meine Kehle) durstet nach dir, Gott, nach dem lebendigen Gott:Wann werde (darf) ich [zu ihm] kommen, dass ich in Gottes Gegenwart trete?1

  1. Wörtlich: dass ich mich [vor] Gottes Angesicht sehen lasse oder dass ich Gottes Angesicht sehe (unterschiedliche Textüberlieferungen)

4 Es sind mir [nämlich] meine Tränen zur [einzigen] Speise geworden, Tag und Nacht,denn sie fragen mich (wenn man sagt) zu mir jeden Tag: „Wo ist dein Gott?“

5 Ich will mich erinnern und mit meiner ganzen Existenz trauern:1Ich gehe2 [in einer] großen3 Menschenmenge zu Gottes Haus mit Jubelruf und Lobgesang in einer feiernden Menge.

  1. Wörtlich: ich will meine Lebenskraft (meine ganze Existenz, meine Seele) in mich ausschütten (als Ausdruck der Trauer)
  2. Nach Grammatik müsste ich werde gehen oder ich will gehen übersetzen werden, aber der Textzusammenhang legt eher ich ging nahe. Die Übersetzung als Präsens soll diese Mehrdeutigkeit des poetischen Textes bewahren.
  3. Das Wort אֶדַּדֵּם ist problematisch (wörtlich: ich werde sie schreiten). Mit einer leichten Änderung des Textes kann man entweder ich führte sie oder als Adjektiv groß übersetzen (NET: „For I was once walking along with the great throng“).

Chapter 50

1 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für) Asaf. Gott, Gott,1 JHWH, hat geredet und ruft die Erde (das Land) vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang.

  1. Wörtlich steht dort: „el elohim“; eine Übersetzung mit „Gott der Götter“ wäre jedoch nicht angemessen.

Chapter 51

1 1 Für den Chormeister. Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für) David,

  1. [Status: Ungeprüft]

2 als der Prophet Natan zu ihm kam, nachdem er zu Batseba gegangen war.

3 Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Treue, nach dem Maß deiner Mutterliebe tilge meine Vergehen!

4 Wasche mich ganz (viel = rein) von meiner Schuld und fege mich rein von meiner Sünde.

5 Denn meine Vergehen kenne ich und mein Fehler ist ständig mein Gegenüber.

6 An dir allein habe ich gesündigt, und ich habe Böses in deinen Augen getan; so bist du gerecht in deinem Sprechen, rein bist du in deinem Richten.

7 Sieh, in Sünde bin ich gekreißt worden, und in Sünde hat mich meine Mutter gebrunstet.

8 Sieh, an Wahrheit hast du Gefallen, tief im Verborgenen und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

9 Entsündige mich mit Ysop und ich werde rein, wasche mich, und ich werde weißer als Schnee.

10 Lass mich Freude und Wonne hören, frohlocken werden die Gebeine, die du zerschlagen hast.

11 Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden und tilge alle meine Vergehen!

12 Schaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

13 Verstoße mich nicht von deinem Angesicht (aus deiner Gegenwart) und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir!

14 Bringe mir wieder die Freude deiner Rettung und stärke mich mit einem willigen Geist.

15 Die Abtrünnigen will ich deine Wege lehren und die Sünder kehren um zu dir.

16 Rette mich vor Blutschuld, Gott, du Gott meiner Rettung, dann (so) wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit.

17 Herr, mache (tue) meine Lippen auf, und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden.

18 Denn an Schlachtopfern hast du keinen Gefallen, und wollte ich Brandopfer bringen, dann (so) willst du sie nicht.

19 Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten. Tue Zion Gutes nach deinem Wohlgefallen, baue die Mauern Jerusalems! Dann wirst du Gefallen haben an rechten Opfern, an Brandopfern und Ganzopfern, dann wird man Stiere darbringen auf deinem Altar.

Chapter 53

1 1 ''Für den Chorleiter2 (Dirigenten, Singenden, Musizierenden; [Vorzutragen vom] Vorsteher [über das Ritual])'' `al-machalat.3 ''Ein Lehrgedicht (?) von (für, über, nach Art von) David.''

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Chorleiter - Heb. menatseach; genaue Bedeutung unklar. Die Primärübersetzung „Chorleiter“ ist mehr oder weniger Konvention. S. noch nächste FN.
  3. `al-machalat - Unklarer Begriff. Für einen guten Vorschlag zur Deutung der ersten beiden Zeilen vgl. Sawyer 2011b: In akkadischen Ritualtexten gibt es ähnliche Angaben wie in den Psalmüberschriften; u.a. wird dort häufig spezifiziert, wer den folgenden Text vorzutragen hat und welches Ritual Anlass des jeweiligen Ritualtextes ist. Entsprechend wäre dann in den Psalmen der menatseach nicht der „Chorleiter“, sondern der Vorsteher über das Ritual „machalat“, bei dem der Psalm vorzuträgen war. Doch ist auch dies nur ein „educated guess“ und „Chorleiter“ ist in dt. Üss. so etabliert, dass die LF doch besser dieser Konvention folgen sollte.

2 Es sagt (sagte) [der] Narr in seinem Herzen (es sagte sich der Narr):„Es gibt keinen Gott!“1Sie begehen und verbrechen (begingen und verbrachen) Untat2[Es gibt (gab)] keinen, [der] Gutes tut.

  1. Es gibt keinen Gott - Gemeint ist kein theoretischer Atheismus, der im Alten Israel schwerlich vorstellbar ist. Der „Narr“ vertritt einen praktischen Atheismus: Er lebt und handelt so, als gäbe es keinen Gott, wie dann auch in den nächsten Zeilen näher ausgeführt wird.
  2. begehen und verbrechen Untat - Die beiden Verben benötigen eigentlich kein Objekt; das erste bedeutet schon allein „verderblich handeln“, das zweite „abscheulich handeln“. Die eigentlich unnötige Hinzufügung des Substantivs soll den Ausdruck noch intensiver machen.Sinnvoll daher NL: „Sie sind durch und durch schlecht, und ihre Taten sind böse“.

3 Gott beugte (beugt) sich (blickt?) vom Himmel herab Über [die] Menschenkinder,Um zu sehen, [ob] es gibt einen Klugen,Einen Gott-Sucher (einen Klugen, [der] Gott sucht):1

  1. : - Vv. 3-4 schildern das Ergebnis von Gottes Prüfung: Die gesamte Menschheit hat sie nicht bestanden.Dass Gott in V. 4 von sich selbst in der 3. Pers. spricht, kommt häufiger vor (vgl. dazu z.B. Malone 2009). Zu ähnlichen nicht durch ein Verb des Sagens eingeleiteten Zitaten vgl. z.B. Gordis 1949, S. 167-173.

4 „Sie alle sind (waren) abgewichen,Sämtlich sind (waren) sie verdorben.Keinen [gibt (gab) es], [der] Gutes tut;Keinen. Auch nicht einen [einzigen].

5 Wissen [denn] nicht[s] [die] Übel-Täter,[Die] mein Volk fressen?Sie fressen Brot,1[Doch] Gott rufen sie nicht an.“

  1. [Die] mein Volk fressen? / Sie fressen Brot - Oft übersetzt als »Die mein Volk fressen, wie man Brot isst«, aber dann wären die beiden unterschiedlichen Verbformen (Zeile 2: Partizip, Zeile 3: Qatal) unerklärlich (richtig Eerdmans 1947, S. 135). Unsere Üs. folgt daher deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014, S. 165; Eerdmans 1947, S. 134; vgl. auch schon Olshausen 1853, S. 79. Charakterisiert werden die Übeltäter hier also erstens darüber, dass sie »mein Volk fressen« (d.h. ausbeuten, s. ähnlich Spr 30,14; Jer 10,25; Mi 3,3; Hab 3,14), obwohl sie das nicht mal nötig hätten, da sie ja Brot zu fressen haben (d.h. keine Not leiden müssen), und zweitens darüber, dass sie Brot zu essen haben - dass es ihnen also gut geht -, aber nicht einmal dafür JHWH anrufen, also danken. Sowohl in ihrem Verhalten ihren Mitmenschen als auch Gott gegenüber sind sie durch und durch schlecht. Die Üs. von EÜ (»Sie verschlingen mein Volk. Sie essen das Brot JHWHs, doch seinen Namen rufen sie nicht an«) folgt einem unnötigen Textkorrekturvorschlag von Kissane 1953 (s. auch schon Duhm, Gunkel).

6 Da erschraken sie einen Schrecken,[Wie es] nie [zuvor] Schrecken gab,1Denn Gott zerstreute die Knochen des bei dir Lagernden;2Du machtest [ihn] zuschanden, denn Gott verwarf sie. Möge es doch vom Zion3 Rettung für Israel geben!4Wenn Gott das Geschick (die Gefangenschaft) seines Volkes wendet,Möge Jakob5 jubeln, Israel sich freuen!

  1. Vv. 6ab - W.: „Da erschraken sie einen Schrecken / nicht war Schrecken.“ Unsere Üs. folgt Buttenwieser 1938, S. 478 (so auch Brueggemann/Bellinger 2014, S. 244; deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014, S. 465). Alternativ könnte man den zweiten Satz mit einigen alten Exegeten (z.B. Hitzig und Ewald) als eine sog. „Epanorthosis“ auffassen: als emphatische Ersetzung eines Textstücks durch ein anderes (z.B.: „Wenn du das tust, gebe ich dir hundert Euro. Ach was, hundert - tausend Euro geb ich dir!“): Da erschraken sie einen Schrecken. Doch nein, nicht nur Schrecken wars, [sondern]...So und so wäre der Sinn der zweiten Zeilen die erste Zeile noch zusätzlich zu intensivieren.
  2. des bei dir Lagernden - Sehr schwierige Stelle (Weiss 1968, S. 131: „completely meaningless“). Am besten wohl so zu verstehen: Der Psalmist wendet sich hier an die Israeliten und erinnert sie daran, wie sie mit Gottes Hilfe die Ausländer, die unrechtmäßig ihr Land okkupiert hatten (wie z.B. die Edomiter zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft), zuschanden machen konnten. Der „bei dir Lagernde“ ist also „dein Okkupant“.
  3. Zion - Der Berg in Jerusalem, auf dem Gott in seinem Tempel wohnt. Hilfe von Gott kommt daher „vom Zion“ (vgl. z.B. Zion/Zionstheologie (WiBiLex).
  4. Möge es doch vom Zion Rettung für Israel geben! - W.: „Wer wird geben vom Zion Rettung für Israel!?“, die heb. Wendung „Wer wird geben X“ ist ein Idiom für „Es möge sein, dass... X“.
  5. Jakob - Alternativer Begriff für Israel, da Jakob nach Gen 25 der Stammvater der Israeliten war.

Chapter 67

1 1 Für den obersten Musiker (Chorleiter, Dirigenten, Aufseher, vorzusingen)2. Mit Saiteninstrumenten (fröhlicher Musik, Zupfinstrumenten) 3. Ein Psalm (begleitetes Lied). Ein Lied.

  1. [Status: Sehr gut]
  2. Für den obersten Musiker Manche Übersetzungen verstehen dieses Wort als Anweisung, den Psalm vorzusingen (LUT, GNB).
  3. Mit Saiteninstrumenten (fröhlicher Musik, Zupfinstrumenten) Das Wort heißt etwa „fröhliche (in anderen Kontexten: spottende) Musik, die auf zu zupfenden Saiteninstrumenten gespielt wird“, bezeichnet in Psalmentiteln aber die Instrumente an sich (BDB 618.3; TWOT 1292.1; DBLH 5593; Kraus 21962, XXIV).

2 Gott sei uns gnädig (erbarme sich über uns, sei uns wohlgesinnt) und segne uns! Er lasse sein Gesicht bei (auf, über) uns scheinen1,23 – Sela –

  1. Er lasse sein Gesicht bei (auf, über) uns scheinen Das leuchtende Angesicht symbolisiert Gottes Wohlwollen. Der Psalmist beschreibt Gott dabei im übertragenen Sinn mit menschlichen körperlichen Eigenschaften (anthropomorphe Metonymie). Hier wird darum gebeten, dass Gott „sein wohlwollendes, heilwirkendes Angesicht »bei« Israel […] aufscheinen“ lässt, so dass diese „Gabe des gesegneten Lebens als sichtbares Zeichen der Gegenwart Gottes in dieser Welt wahrgenommen werden kann. […] Der Psalm bittet darum, dass JHWH sein gesegnetes Volk Israel zum Segens- und Friendensmittler der ganzen Welt machen soll“ (Zenger 2000, 238–239). Einige Übersetzungen interpretieren: „blicke uns freundlich an“ (GNB), „May he smile on us“ („Möge er über uns lächeln“, NET).
  2. Numeri 6,24
  3. Vers 2 ist eine freie Wiedergabe des "aaronitischen Segens" aus Num 6,24-26. Dieses bekannte Gebet wurde vermutlich beim Gottesdienst im Tempel häufig vorgetragen (Talstra/Bosma, Psalm 67. Blessing, Harvest and History, 311). Der Autor gibt hier nur die Teile des Gebets wieder, die Gottes Segen für den Betenden einfordern.

3 damit (dann) auf der Erde (im Land) dein Weg1 erkannt [wird], unter allen Völkern (Nationen)2 deine rettende Kraft (Hilfe, Rettung, dein Eingeifen, Heil)3.

  1. dein Weg Dieser „Weg“ Gottes kann Verschiedenes bedeuten. In Bezug auf Gott selbst sind es manchmal Gottes Absichten und Pläne (Ps 10,5; 18,31; 103,7), häufiger aber Gottes offenbarter Wille für den Einzelnen oder das Volk (Ex 32,8; Ps 18,22; 25,4.8.9; 27,11; 37,34, etc.; THAT, דֶּ֫רֶךְ Weg, 459). Für das Verständnis an dieser Stelle ist besonders interessant, dass V. 5 diesen „Weg Gottes“ zumindest teilweise für den Leser zu erklären scheint. V. 5 beschreibt Gottes ordnendes Wirken in der Welt. Auch die „rettende Kraft“ (V. 3b), im Parallelismus dem „Weg“ gegenüber gestellt, drückt einen Aspekt von Gottes „Weg“ aus.
  2. Völkern (Nationen) In diesem Psalm kommen alle drei hebräischen Wörter für „Volk“ vor. Der Autor bringt damit seinen Wunsch zum Ausdruck, dass die gesamte Menschheit Gott preisen und d.h. als ihren Gott anerkennen soll (TWOT, 1069a לְֹם). Das wird im letzten Vers sehr deutlich. Die drei Wörter sind עַמִּים und לְאֻ֫מִּים (V. 5a.c), die beide einfach „Völker“ bedeuten, und גּוֹיִם (V. 3b), das im Plural häufig (heidnische) Völker in Abgrenzung zu Israel bezeichnet. Hier meinen wohl alle drei dasselbe. Die ELB unterscheidet etwas künstlich „Völker“ (עַמִּים), „Völkerschaften“ (לְאֻ֫מִּים) und „Nationen“ (גּוֹיִם; SLT unterscheidet stattdessen „Völker“, „Nationen“, „Heidenvölker“). Um deutlich zu machen, welcher Begriff wann verwendet wird, wurden in V. 3 und 5 entsprechende Klammern ergänzt.
  3. deine rettende Kraft (Hilfe, Rettung, dein Eingeifen, Heil) So wie V. 5 Gottes „Weg“ (3a) genauer beschreibt, erklärt der Verfasser in V. 7-8 Aspekte von Gottes „rettender Kraft“. Sein Heilshandeln kommt einerseits in Form der ertragreichen Ernte zum Ausdruck. Sie war im Bund zwischen Gott und Israel ein konkretes Zeichen von Gottes Wohlwollen. In Lev 26,4-5.10; Dtn 28,4.11-12 ist sie Teil des Segens, den Gott für Israels Bundesgehorsam verspricht. Andererseits äußert sich Gottes Heilshandeln darin, dass auch die anderen Völker ihn erkennen werden. Israel als Folge der Segnung Israels, als der höchsten Form des geistlichen Segens.

4 [Die] Völker sollen (mögen, werden) dich preisen (bekennen, dir danken)1, Gott,[die] Völker sollen (mögen, werden) dich preisen {sie} alle!

  1. preisen (bekennen, dir danken) Die eigentliche Bedeutung der Wurzel ist „(jmdn./etw.) anerkennen“, „(etw.) bekennen“. Viele Übersetzungen geben das Wort mit „danken“ wieder. Es wird im AT allerdings an keiner Stelle für zwischenmenschlichen Dank verwendet; die Bedeutung ist viel weiter. Die am häufigsten passende, hier wohl beste Übersetzung ist „preisen“ – wobei das häufig als dankbare Reaktion auf eine Tat Gottes erfolgt (THAT ידה, TWOT 847).

5 [Die] Völker (Völkerschaften) sollen (mögen, werden) sich freuen und singen, denn du richtest (wirst richten) [die] Völker gerecht ([mit] Gerechtigkeit)1, und [die] Völker (Völkerschaften) auf der Erde (im Land) führst (geleitest, regierst; wirst führen) du {sie}.2 Sela

  1. gerecht ([mit] Gerechtigkeit) Einige Übersetzungen und Kommentare formulieren „Geradheit“ (Zenger 2000, Buber/Rosenzweig, REB, Alisa Stadler) oder „Geradlinigheit“ (BiGS), doch das erscheint „überwörtlich“. Das Substantiv/Adjektiv heißt in anderen Kontexten „Ebene“ oder „Geradheit“ und bezeichnet hier die unfehlbar aufrichtige Art und Weise, in der Urteile gefällt werden (TWOT 930). Der Begriff erinnert an Gottes Eigenschaft als gerechter Aufrechterhalter der schöpfungsbedingten Weltordnung, in der er so richtet, dass diese Ordnung wieder hergestellt wird (Zenger 2000, 238f.). S.a. Ps 9,9; 96,10; 98,9.
  2. Die zweite und dritte Zeile des Verses (5bc) stellen zwei Aspekte von Gottes „Weg“ (3a) dar – sie erklären also, warum Gott Lobpreis zusteht, nachdem die Völker seine Herrschaft erkannt haben. Dieses Anliegen durchzieht den ganzen Psalm. Vgl. Fußnote f.

6 [Die] Völker sollen (mögen, werden) dich preisen (bekennen, dir danken), Gott, [die] Völker sollen (mögen, werden) dich preisen {sie} alle!

7 [Das] Land ([die] Erde) hat (gibt) seinen Ertrag (ihre Frucht) gegeben.1 Es segne uns (segnet uns; wird, möge uns segnen) Gott, unser Gott!23 Es segne uns (möge, wird uns segnen, segnet uns) Gott, so dass (damit, und) alle Enden der Erde (die ganze Welt) ihn fürchten4!

  1. Levitikus 26,4
  2. [Das] Land hat seinen Ertrag gegeben. Es segne uns Gott, unser Gott! An den Klammern im Fließtext ist zu erkennen, dass sich die beiden Verben auf viele verschiedene Weisen übersetzen lassen. Manche Übersetzungen setzen die beiden Aussagen bewusst in Beziehung, etwa: „Die Erde gab ihren Ertrag. Gott, unser Gott, segnet uns.“ (so GNB, NASB, HCSB). Die NRSV übersetzt V. 7 ganz vergangen („gab Ertrag/hat gesegnet“) und die wiederholte Segensaufforderung in V. 8a als „May God continue to bless us“ („Möge Gott uns weiterhin segnen“; TNIV ähnlich).
  3. Sacharja 8,12
  4. fürchten (Hebr. יָרֵא steht hier für religiöse Verehrung (vgl. Ps 33,8; 34,10; 47,3; 64,10 u.a.) (TWOT 907). Die Gemeinde Israels wünscht sich beim Gebet dieses Psalms, dass die gesamte Menschheit Gott anerkennt. Aus der Erkenntnis von Gottes „Weg“ (3a) sollen nach ihrem Wunsch (Ehr)Furcht vor seiner Macht und Unterordnung unter seinen Willen entstehen – und am Ende Lob (4-6). „Furcht“ vor Gott ist nur ein Aspekt seiner Anbetung in Ps 67. Der andere ist das Lob (4-6). Die zweite Zeile des Verses könnte man auch so übersetzen: „und alle Enden der Erde sollen (mögen, werden) ihn fürchten“

Chapter 68

20 Gelobt (gepriesen, gesegnet) sei der Herr Tag für Tag, er trägt für uns, Gott [ist] für uns Heil (Hilfen, Rettung)1. Sela.

  1. Im Hebräischen: Plural!

21 Gott [ist] für uns Gott zum Heil (der Rettungen)1, und bei JHWH Adonai [sind] die Auswege (Rettungen) vom Tod. 2

  1. Diese Form, das Nomen fem. pl. abs. des Verbums ׳שׁע ist im AT singulär und kommt nur an dieser Stelle vor.
  2. Ganz wörtlich könnte man vllt. auch übersetzen: „[...] bei JHWH Adonai sind für den Tod die Endpunkte.“

Chapter 73

1 1 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für) Asaf. Lauter Güte ist Gott gegen Israel, gegen die, die reinen Herzens sind.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Ich aber wäre beinahe ausgeglitten mit meinen Füßen, um ein Haar wären meine Füße ins Wanken geraten.

3 Denn ich ereiferte mich über die Prahler, als ich sah, dass es den Frevlern gut geht.

4 Sie leiden keine Qualen bis zu ihrem Tod und fett ist ihr Leib.

5 Von der Mühsal der Sterblichen sind sie frei, sie werden nicht geplagt wie andere Menschen.

6 Darum ist ihr Hochmut ihr Halsgeschmeide, Gewalttat das Gewand, das sie umhüllt.

7 Sie sehen kaum aus den Augen vor fett, ihr Herz quillt über vor bösen Plänen.

8 Bösartig höhnen und reden sie, gewalttätig reden sie von oben herab.

9 Sie reißen ihr Maul auf bis an den Himmel, und ihre Zunge hat auf der Erde freien Lauf.

10 Darum wendet sich sein Volk ihnen zu, in vollen Zügen schlürfen sie Wasser.

11 Sie sagen: Wie sollte JHWH es wissen, gibt es ein Wissen bei dem Höchsten?

12 Sieh, das sind die Frevler, immer im Glück häufen sie Reichtum.

13 Ganz umsonst hielt ich mein Herz rein, wusch ich meine Hände in Unschuld.

14 Ich war geplagt jeden Tag, Morgen für Morgen traf mich Züchtigung.

15 Hätte ich gesagt: So will ich auch reden!, dann hätte ich Generationen deiner Söhne verraten.

16 Dann dachte (sann) ich nach, um es zu verstehen, Qual war es in meinen Augen,

17 bis ich zum Heiligtum Gottes kam und acht hatte auf ihr Ende.

18 Du stellst sie auf schlüpfrigen Boden, du lässt sie ins Leere fallen.

19 Wie werden sie zum Entsetzen im Nu, sie verschwinden, nehmen ein Ende mit Schrecken.

20 Wie einen Traum nach dem Erwachen, Herr, so verachtest du, wenn du aufwachst, ihr Bild.

21 Als mein Herz verbittert war und ich stechenden Schmerz in den Nieren spürte,

22 da war ich ein Narr und hatte keine Einsicht, dumm wie ein Vieh war ich vor dir.

23 Nun aber bleibe ich stets bei dir, du hältst mich an meiner rechten Hand.

24 Nach deinem Ratschluss leitest du mich, und danach (hernach) nimmst du mich auf in Herrlichkeit.

25 Wen hätte ich im Himmel? Bin ich bei dir, so begehre ich nichts auf Erden.

26 Mögen mein Leib und mein Herz verschmachten, der Fels meines Herzens und mein Teil ist JHWH auf ewig.

27 Denn sieh, die dir fern sind, kommen um, du vernichtest jeden, der dich treulos verlässt.

28 Mein Glück aber ist es, Gott nahe zu sein; bei Gott, JHWH, habe ich meine Zuflucht. Alle deine Werke will ich verkünden.

Chapter 82

1 1 Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für) Asaf:Gott (Elohim) steht in der Versammlung Els (Gottesversammlung), inmitten der Götter hält er Gericht:

  1. [Status: Ungeprüft]

2 „Wie lange wollt ihr ungerecht richten (regieren)und die Angesichte der Frevler erheben? - Sela1.

  1. Lexikon: Sela

3 Verhelft zum Recht dem Schwachen und der Waise,dem Elenden und Bedürftigen schafft Gerechtigkeit!

4 Befreit den Schwachen und Armen,aus der Hand der Frevler rettet (ihn)!“

5 Nicht erkennen sie und nicht verstehen sie,in der Dunkelheit laufen sie hin und her.Es wanken alle Grundfesten der Erde.

6 Ich habe gesagt: „Götter seid ihr und Söhne des Höchsten, ihr alle.

7 Jedoch wie ein Mensch werdet ihr sterben und wie einer von den Obersten (Heeroberste, Fürsten) werdet ihr fallen.“

8 Erhebe dich Gott (Elohim)! Richte die Erde, denn du hast zum Erbbesitz alle Völker!

Chapter 88

1 1 Ein Gesang. Ein Lied. Von den Söhnen des Korach. Für den Musikleiter. Zu singen nach Machalat2. Ein Maskil3. Von Heman, dem Esrachiter.

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Bedeutung unklar. Vielleicht eine bestimmte Liedart oder ein Instrument.
  3. Eine Psalmenart, genauere Bedeutung ist unbekannt.

2 JHWH, Gott meiner Hilfe (Heils, Glücks), ich habe geschrien (gejammert) [am] Tag und in der Nacht vor dir.

3 Es komme vor dein Angesicht mein Gebet, neige dein Ohr zu meinem Flehen (Schreien, Jubel)!

4 Denn satt von Bosheit (Übeln)1 [ist] meine Seele, und mein Leben reicht [an] den Scheol.

  1. Das hebräische Wort ist ein Plural.

5 Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube (Grab, Zisterne)1 gestiegen sind. Ich bin wie ein Mann ohne Hilfe (Stärke)2.

  1. Hier bewusst die Übersetzung „Grube“ gewählt, da in V. 6, anders als hier, explizit die Vokabel für Grab benutzt wird. Vgl. V. 7, dort ist es das gleiche Wort wie hier.
  2. Das hebräische Wort hier ist singulär im Alten Testament, die Übersetzung deshalb nicht ganz eindeutig.

6 Unter den Toten frei[gelassen]1 wie Durchbohrte (Getötete), die im Grab liegen, derer du nicht gedenkst (um die du dich nicht kümmerst). Zudem (ferner) [sind] sie von deiner Hand getrennt (abgeschnitten).

  1. Wörtlich im Hebräischen: „frei“ (im Gegensatz zu Sklaven). An dieser Stelle sehr unsichere Übersetzung, manche Übersetzer wählen „hingestreckt“, andere „verlassen“. LXX überliefert „ἐλεὐθερος“.

7 Du hast mich gelegt (gesetzt) in die unterste Grube, in dunkle Orte (Finsternisse), in Tiefen.1

  1. „Grube“, „Finsternisse“ (vgl. V. 19) und „Tiefen“ sind hier wohl als Metaphern für die Unterwelt gemeint.

8 Auf mich stemmt sich (über mich kommt) dein Zorn (Glut) und durch alle deine [brechenden] Wellen hast du mich niedergedrückt (gedemütigt). Sela.

9 Du hast meine Vertrauten (Freunde) von mir entfernt, du hast mich hingestellt (gesetzt) als Greuel (Abscheu) für sie.[Ich bin] ein Zurückgehaltener (Verhinderter)1 und kann nicht herausgehen.

  1. Das hebräische Verb steht in im Part. Pass. m. Sg. abs.

10 Mein Auge verschmachtet vor (wegen) Elend (Leiden), ich rufe (schreie) zu dir, JHWH, den ganzen Tag. Ich breite aus vor (zu) dir meine Hand.

11 Wirst du an den Toten Wunder tun oder werden die Geister auf(er)stehen1 und dich loben?

  1. Im Hebräischen wie auch im Griechischen gibt es kein eigenes Wort für die Auferstehung oder auferstehen, sondern es wird das selbe Verb wie für „vom Boden aufstehen“ verwendet.

12 Wird man im Grab von deiner Güte erzählen?

13 Werden deine Wunder in der Dunkelheit bekannt und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?

14 Und ich rufe [um Hilfe] zu dir, JHWH, und am Morgen (in der Frühe) soll (wird) mein Gebet dir entgegentreten.

15 Warum, JHWH, verwirfst du meine Seele, verbirgst dein Angesicht vor mir?

16 Elend [bin] ich und todkrank1 von Jugend [an]. Ich ertrage deine Schrecken, ich bin ratlos.

  1. wörtlich: „ersterbend, verscheidend“

17 Die Gluten deines Zornes (Zorngluten) haben mich überströmt, deine Schrecknisse haben mich vernichtet1.

  1. Die hebräische Verbform im masoretischen Text ist hier fehlerhaft überliefert, da sie unmöglich gebildet werden kann. Übersetzung unter der Annahme, dass es sich um ein Piel Perf. 3. Pers. Pl. com. mit Suffix 1 Sg. com. handelt.

18 Sie umfließen (umgeben, umkreisen) mich wie Wasser den ganzen Tag, sie umringen mich alle zusammen (allesamt, beisammen). Du hast von mir entfernt1 [liebenden] Freund und [nahen] Verwandten (Stammesgenosse, Freund). Meine Vertrauten2 [sind] Finsternis.

  1. vgl. Vers 9.
  2. vgl. auch hier Vers 9.

Chapter 90

1 1 Ein Gebet von Mose, dem Mann Gottes: 2 Mein Herr (Herr), eine [sichere] Wohnung (Zufluchtsort) bist du für uns gewesen (bist du, warst du) von Generation (Zeitalter, Zeit, Geschlecht, Zeitspanne) zu Generation3. 4

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Deuteronomium 33,1
  3. D.h. wahrscheinlich „in allen Generationen“
  4. Deuteronomium 32,7; Deuteronomium 33,27

2 Bevor [die] Berge geboren waren (wurden) und du die Erde und die [irdische] Welt1 hervorgebracht (geboren)2 hattest3 (hervorbrachtest), {und} von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott (bist du, Gott)4.5

  1. Dieses Wort hat keinen allumfassenden Sinn wie „Kosmos“, sondern ist i.d.R. mit „Erde“ Synonym – hier klar ein Hendiadyoin.
  2. Das Verb heißt eigentlich „sich (in Schmerzen) winden“ und steht oft in Zusammenhang mit der Geburt. Hier wird es bildhaft verwendet. Die Grenzen der deutschen Sprache machen eine genauere Übersetzung nicht möglich.
  3. Nach der LXX und anderen Zeugen kein Polel, sondern Polal → Passiv: „Bevor … die Erde und die Welt hervorgebracht waren“ (NET Ps 90,2 Fußnote 3)
  4. Die LXX liest „nicht“ (אַל) statt „Gott“ (אֵל) und hängt das als Verneinung an den Beginn des nächsten Verses, dann lediglich: „Bevor..., und von Ewigkeit... bist du.“
  5. Deuteronomium 33,15

3 Du lässt [den] Menschen zum Staub zurückkehren12 und sprichst: „Kehrt zurück (kehrt um)3, ihr Kinder des Menschen (Adams Söhne, Menschenkinder)!“

  1. LXX: „Du lässt nicht zurückkehren“ (vgl. letzte Fußnote V. 5)
  2. Genesis 3,19
  3. Kehrt zurück wird meistens als Wiederholung und Verstärkung der ersten Vershälfte verstanden: Keht zurück [zu Staub]! = Werdet wieder zu Staub! (vgl. Hossfeld/Zenger 2000, S. 608). Denkbar ist aber auch die Deutung: Kehrt zurück ins Leben!

4 Denn (ja) tausend Jahre [sind] in deinen Augen wie [der] gestrige Tag, wenn er vergangen ist1, oder (und) eine Wache in der Nacht (Nachtwache)2.

  1. Eigentlich ein (zeitloses) Imperfekt. Im Kontext des gestrigen Tages als Vergangenheit übersetzt.
  2. Kann sich auf die israelitische Nachtzeiteinheit „Nachtwache“ beziehen (NET Ps 90,4 Fußnote 8).

5 Du schwemmst sie weg1, sie sind [wie] Schlaf (Du schwemmst sie weg [wie] Schlaf), am Morgen wie Gras2, [das] aufsprosst (sie sind am Morgen wie Gras, [das] aufsprosst).3

  1. Die genaue Bedeutung des Verbs ist unklar. NET: „beendest ihr Leben“
  2. Oder: „[wie] Schlaf am Morgen, wie Gras“
  3. V. 5 beinhaltet eines der schwierigsten textkritischen Probleme des Alten Testaments. Der Vers ist im masoretischen Text schwierig zu deuten, weil er wenig klar zugeordnete Elemente enthält. Dazu kommen verschiedene Lesarten in LXX und Peschitta, aus der die BHS den möglichen Ursprungstext „Du sähst sie aus Jahr für Jahr, sie sind am Morgen wie Gras, [das] aufsprosst.“ konstruiert (so EÜ, Zür1931). Die Gewichtung der Textzeugen und die lectio difficilior im masoretischen Text (die nicht aus dem Vorschlag erklärt werden kann) gibt diesem aber klar Vorrang.

6 Am Morgen blüht (grünt) es und sprosst auf (blüht), zum Abend verwelkt1 und verdorrt (vertrocknet) es.

  1. EÜ: „wird es geschnitten“

7 Denn (ja) wir vergehen durch deinen Zorn (Gesicht), und durch deine Zorneshitze (Zorn, Grimm, Hitze)1 werden wir verstört.

  1. Die beiden Wörter werden ins Deutsche häufig als „Zorn“ und „Grimm“ übersetzt. Letzteres ist jedoch heutzutage nicht mehr allgemein verständlich. Im Grunde sind beide synonym. Das häufige Wort für „Zorn“ heißt ursprünglich „Nase, Gesicht“ und enthält die Konnotation des zornigen Schnaubens. Das zweite Wort heißt eigentlich Hitze und enthält also die Konnotation der Zorneshitze.

8 Du stellst (hast gestellt) unsere Fehler (Missetaten, Ungerechtigkeiten) vor dich, unsere Geheimnisse (verborgenen [Dinge]; was wir verborgen haben) vor das Licht deiner Gegenwart (deines Gesichts).

9 Ja (denn), alle unsere Tage fahren dahin (verschwinden)(sind dahingefahren) durch deinen Zorn (Grimm), wir vollenden (haben vollendet) unsere Jahre wie einen Seufzer (Stöhnen).

10 Die Tage unserer Jahre, in ihnen [sind] siebzig Jahre, und mit Kraft (durch [deine] Kraft [unterstützt]1, wenn in Kraft) achtzig Jahre.{und} Ihr Stolz2 [ist] Mühe und Beschwerde (Unglück, Nichtigkeit, Last), denn (ja) er ist (vergeht) schnell vergangen und wir fliegen [davon] ([dahin]).

  1. So Hossfeld/Zenger 2000, S. 602. Die meisten deutschen Übersetzungen halten es hier mit Luther: „wenn es hoch kommt“
  2. D.h. der Stolz der Jahre → die Blüte des Lebens.

11 Wer erkennt die Stärke deines Zorns? {und} Wie die Furcht vor dir (deine Furcht) [ist] dein Grimm (Zorn) (und gemäß deiner Furcht deinen Grimm?).

12 Darum (also, so) lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit (dann, und) wir ein Herz der Weisheit (weises Herz) bekommen (erlangen, gewinnen).

13 Kehre doch (Wende dich doch [zu uns]) zurück, JHWH! Wie lange (bis wann)? {und} Habe Mitleid mit deinen Knechten (Sklaven, Dienern)! 1

  1. Exodus 32,12; Deuteronomium 32,26

14 Sättige uns am Morgen [mit] deiner Güte (liebenden Treue, Gnade, Liebe), dann (so dass, damit; und) werden wir jubeln und uns freuen an allen unseren Tagen!

15 Erfreue uns so [viele] Tage, [wie] du uns bedrückt hast (hast Leiden lassen, gebeugt hast), [so viele] Jahre, [wie]1 wir Unglück (Böses, Unheil) gesehen haben!

  1. Die parallele Satzstruktur weist darauf hin, dass aus der einen vergleichenden Präposition (vor „Tage“) weitere ergänzt werden müssen. In hebräischer Dichtung ist das nicht ungewöhnlich (vgl. V. 5).

16 Zeige (lass sehen)1 deinen Knechten (Sklaven, Dienern) dein Handeln und deine Herrlichkeit (Glanz, Majestät, Macht) ihren Kindern (Söhnen)! 2

  1. REB: „Lass an deinen Knechten sichtbar werden“
  2. Deuteronomium 32,18

17 Die Freundlichkeit (Gunst) des Herrn (meines Herrn), unseres Gottes [sei] über uns! {und} Das Werk unserer Hände festige1 über uns, und (ja) das Werk unserer Hände, festige es!

  1. SLT: „fördere“, EÜ: „lass gedeihen“

Chapter 91

1 Wer im Schutz des Höchsten (Eljon) sitzt (wohnt), bleibt im Schatten des Allmächtigen (Schaddai).

2 Ich sage zu JHWH: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, ich vertraue auf ihn.

Chapter 93

1 1 JHWH ist König (herrscht)!Mit Hoheit hat er sich (ist er) bekleidet;bekleidet hat sich JHWH, [mit] Macht (Stärke) hat er sich umgürtet.Ja (auch), fest [gegründet] ist (steht) die Welt (der Weltenkreis)nichts erschüttert sie (sie wird niemals/nicht wanken).

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Dein Thron steht fest1 von Anfang (damals) [an]von (seit) Ewigkeit [bist] du.

  1. Aufgelöstes attr. Ptz. passiv.

3 Es erheben (haben erhoben) (sich) ([die]) Fluten (Ströme), JHWH,es erheben (haben erhoben) ([die]) Fluten (Ströme) ihre Stimme (ihren Klang),es {werden} erheben1 ([die]) Fluten (Ströme) ihr Brausen (Tosen).

  1. {werden} erheben - T-Shift: Im dritten Sticho wechselt der Dichter von der Verbform Qatal zur Verbform Yiqtol, die normalerweise futurische Bedeutung haben würde (vgl. z.B. Nic §172; eine ganz ähnliche Stelle findet sich in Ob 7; dazu Ben Zvi 1996, S. 92). Im Deutschen gibt es solche Shifts nicht, weshalb in die LF auch hier präsentisch übertragen werden muss.

4 Mehr als die Klänge (Stimmen) von vielen (großen) Gewässern (Wassern),gewaltiger (majestätischer, mächtiger) als die Wogen (das Brechen, die Brandung, die Brecher) des Meeres[ist] gewaltig (majestätisch, mächtig) (gewaltig(er) [ist]) JHWH in der Höhe.

5 Deine Ordnungen (Gesetze, Weisungen) stehen sehr fest;lieblich ist dein Haus Heiligkeit1, JHWH,für die Länge der Tage (für alle Zeit).

  1. Denkbar wäre auch: „Deinem Haus gebührt Heiligkeit“ o.ä.

Chapter 94

1 Gott der Rache (der rächt, Vergeltung) JHWH,Gott der Rache (rächt, Vergeltung) erscheine (leuchte auf)!1

  1. Dieser Vers beschreibt durch den status constructus und das darus resultierende Gen. Obj. laut E. Zenger (Psalmen Auslegungen 4, S. 139) keinen Wesenzug Gottes, sondern die Wirkweise Gottes.

2 Erhebe dich, Richter der Erde,zahle zurück (vergelte, gib) den Stolzen ihren Lohn.1

  1. Das „Zurück“zahlen von Lohn entspringt dem israelitischen Vergeltungsprinzip (das positiv wie negativ greift).

3 Wie lange noch (Bis wann) sollen die Gottlosen, JHWH wie lange noch (bis wann) sollen die Gottlosen [noch] jubeln (prahlen)?

4 und so trotzig reden und alle Übeltäter prahlen?

5 Gott, sie zerstören (machen) dein Volk (kaputt).

6 Sie töten Witwen (Frauen) und Fremde. Sie töten (Und) auch die Kinder

7 Und sie sagen: „Gott sieht es nicht (und Gott will es nicht sehen).“

8 Aber vielleicht sieht Gott doch Alles?

9 Wenn Gott uns Ohren gemacht hat, kann er auch hören. Und wenn Gott uns Augen gemacht hat, kann er auch sehen.

10 Der die Heiden züchtigt, sollte der nicht strafen, Wenn Gott Alles gemacht hat, was wir wissen, dann weiss er das auch.

11 Gott kennt uns ganz genau.

Chapter 97

1 JHWH ist König (herrscht als König). Die Erde soll jubeln! Die großen (vielen) Inseln sollen sich freuen!

Chapter 100

1 1 Ein Psalm (begleitetes Lied) zum Dank (zum Dankopfer, zum Dankgottesdienst, Preis, Lob, Wechselgesang?2) 3. Jubelt (schreit vor Freude)4 (über) JHWH zu, du ganze Erde (du ganzes Land)5!

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Wechselgesang - so kürzlich Amzallag 2014, doch ist das eher unwahrscheinlich.
  3. לְתוֹדָה wird meist entweder verstanden als „zum Dankopfer“ (welches in früheren Zeiten in der Liturgie des Dankgottesdienstes im Tempel dargebracht wurde) oder als „zur Danksagung“ (die - in Form eines „Dankliedes“ - später das Dankopfer im Dankgottesdienst ablösen sollte; vgl. Gerstenberger 2001, S. 203). Welches der beiden hier vorzuziehen ist, ist unmöglich zu entscheiden; man wird es daher unspezifisch übersetzen müssen. Deshalb und wegen LF-Kriterium 3d (inhaltliche Offenheit) wohl am besten: „zum Dankgottesdienst“ (so Deissler 1989; HfA; Hossfeld/Zenger 2000; ähnlich BB („zur Dankfeier“)). Theoretisch möglich, da der Psalm ja einen Anlass des Dankens ganz unerwähnt lässt, wäre auch eine Übersetzung mit „Ein Lobpsalm“ und entsprechend in V. 4 „Lob“ oder „Loblied“; vgl. z.B. Kissane 1953, S. 135: „A psalm. For praise“; Terrien 2003, S. 688: „Psalm for praise“. Das machte den Psalm ein wenig kohärenter, wäre aber hier eine Minderheitenübersetzung; übersetze daher wie vorgeschlagen.
  4. Im Hebräischen Plural, da natürlich „ganze Erde“ - gleich, wie es genau zu deuten ist (s. nächste FN) - auf die Bewohner dieser Erde zu beziehen ist.
  5. Man kann bei Ps 100 grob zwei Auslegungslinien unterscheiden, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben: (1) eine universale und (2) eine nationale. Mit der Entscheidung für eine der beiden Auslegungstraditionen fallen fast automatisch auch die Entscheidungen für drei einzelne Interpretationsfragen, die daher hier gesammelt behandelt werden sollen: # Die universale Auslegungslinie versteht als Adressaten des Psalms die nicht-JHWH-gläubigen fremden Völker, an die sich die Gottesdienstgemeinde sozusagen „fiktiv“ wendet, indem sie den Psalm betet. (a) כָּל־הָאָרֶץ in V. 1 ist daher zu verstehen als „du ganze Erde“; (b) das ּּעִבְדו in V. 2 ist zu verstehen als „sich unterwerfen, dienstbar sein“ und (c) דְּעוּ in V. 3 meint (wie meist) „erkennt“, da die fremden Völker ja wirklich zu einer für sie neuen Erkenntnis kommen sollen. So v.a. Jeremias 1998 und Jeremias 2004; auch Hossfeld/Zenger 2000; Kissane 1954; Zenger 2003 (Lohfink 1990 war mir noch nicht zugänglich). # Die nationale Auslegungslinie versteht als Adressaten des Psalms die versammelte Gottesdienstgemeinde, die ja in Vv. 3.5 tatsächlich auch antwortet. (a) כָּל־הָאָרֶץ ist entweder zu übersetzen als „du ganzes Land“ (Buttenwieser 1938; Gunkel 1968; Weber 1998) - zur Vorstellung vgl. 2Chr 30 - oder es ist nur „dichterische Redefigur“ (Nötscher 1959)/„Hyperbel“ (Prinsloo 1991) - vgl. Ps 98,4 - und es sind deshalb trotz der „wörtlichen“ Bedeutung ganze Erde nur die Bewohner Israels oder gar nur die Gottesdienstgemeinde gemeint. (b) ּּעִבְדו dient bezieht sich speziell auf den Gottesdienst, also i.S.v. „feiert Gottesdienst“ (Baethgen 1892; Briggs 1907; Deissler 1989; Ehrlich 1905; Gunkel 1968, S. 432; NL; R-S); vgl. Ex 3,12; 5,1.3; Jos 22,27; 2Sam 15,8; Ps 102,23; Jes 19,21. Und (c) דְּעוּ in V. 2 meint nicht „erkennt“, sondern „bekennt“ (Ehrlich 1905; Gerstenberger 1972; R-S; vgl. BDB 394; NET zu Jer 3,13; 14,20) und ist also ebenfalls wie 1b.2b als Aufruf zum JHWH-Preis zu verstehen. Den Ausschlag für Variante (2) gibt V. 3, da die Vorstellung, die Völker würden sich JHWH dienstbar machen und ihm dabei auch noch dankbar zujubeln zwar theoretisch möglich, aber doch recht fernliegend ist.

2 Dient (feiert Gottesdienst, feiert, verehrt) JHWH in Freude (Fröhlichkeit, Lustigkeit)1 kommt (hinein) vor ihn (in seine Wohnung, in sein Heiligtum)2 in Freudengeschrei (Freudenliedern)3

  1. שִׂמחָה meint primär die lärmende Festfreude (Ges18, S. 1291). Hier kommt eine Vorstellung vom Gottesdienst zum Ausdruck, die in unserer europäischen Gottesdienstkultur wohl etwas verschüttet gegangen ist: Der Gottesdienst dient ganz entschieden auch dazu, <blockquote>„daß das ganze Volk im Angesicht Gottes fröhlich werde. Um dieser gemeinsamen Fröhlichkeit willen soll sich das ganze Volk am Jerusalemer Heiligtum zum Opfermahl versammeln: »[...] und ihr sollt daselbst vor Jahwe, eurem Gott, das Mahl halten und fröhlich sein, ihr und eure Familien. (Dtn 12,7)« Dieses »Ihr sollt fröhlich sein« ist typisch für die Kultgesetze vor allem des Deuternomiums (Dtn 12,7.18; 14,26; 16,11.14; 26,11; 27,7; Lev 23,40). Es ist eigentlich eine liturgische Anweisung. Die Freude gehört zum Gottesdienst, ohne Freude wäre der Gottesdienst kein ganzer Gottesdienst, das Fest kein ganzes Fest.“ (Haag 1978, S. 99f).</blockquote>
  2. לְפָנָיו vor ihn = vor Gott meint hier wie oft „in den Tempel“ oder „am/im Heiligtum“; wie ja auch „seine Tore“ und „seine Vorhöfe“ in V. 4 klar die Tore und Vorhöfe des Tempels sind. Vgl. ad loc. Alter 2007; Briggs 1907; Kissane 1954; Mays 1969; Nötscher 1959; auch Ehrlich 1905, S. 359; SS, S. 41. Vgl. noch Jos 24,1; Ri 21,2; 1Sam 10,3; 1Chr 13,8.10; 1Chr 16,1; Ps 138,1; 1Q20 21,3; evt. auch Ps 61,8; 84,8.
  3. רְנָנָה meint primär das laute, gellende Rufen und erst danach auch das laute Jauchzen; wie beim parallelen שִׂמחָה wird hier also der Schwerpunkt auf die Intensität der Freudenäußerungen gelegt: Der Tempel soll in geradezu überbordender Fröhlichkeit betreten werden. Übrigens reimt sich im hebräischen Text רְנָנָה Freudengeschrei auf שִׂמחָה lärmende Festfreude; beide werden häufiger im Parallelismus verwendet (vgl. Auffret 2007, S. 236).

3 Erkennt (Bekennt), dass (: Wahrlich!, denn) JHWH Gott ist1! Er hat uns erschaffen, sein sind wir (und nicht wir)2 [wir sind]3 sein Volk und die Herde seiner Weide4.5

  1. Nicht: JHWH, er [ist] Gott - הוּא verwendet als Pro-Kopula; vgl. dazu z.B. zuletzt wieder Holmstedt/Jones 2013.
  2. Ketiv liest „und nicht wir“ (ולא); so auch LXX, VUL, Syr, Sym. Dagegen Qere: „sein [sind] wir“ (ולו); so dann auch Tg, Hier, Aq, Saadia. Qere wird von fast allen vorgezogen (Ausnahmen: Auffret 2007; BB, Brueggemann 1985; Dahood 1968; ELB; FREE; JJ; LUT; Schmidt 1934; SLT; TAF); dem folgen auch wir.
  3. Zu ergänzen aus Sticho 3b (->Brachylogie).
  4. Hier wird die häufige Metapher vom JHWH als dem Hirten Israels aufgegriffen. „Die Herde seiner Weide“ o.Ä. findet sich auch in Ps 74,1; 78,71; 79,13; 95,7. Vielleicht ist diese Metapher im Deutschen nicht gut verständlich? Ps 78,71; 79,13; 95,7 legen nahe, dass „die Herde seiner Weide“ die Zugehörigkeit Israels zum Hirten JHWH ausdrücken soll und wohl nur meint „seine Herde“; also „wir sind sein Volk und seine Herde“. Ps 78,71 legt außerdem nahe, dass diese Metapher zusätzlich die Fürsorge des Hirten für diese seine Herde ausdrückt. Vielleicht wäre also eine kommunikativere Übersetzung dies: „Er hat uns erschaffen; wir sind sein Volk. / Er ist unser Hirt und wir sind seine Herde.“? - Vielleicht ist es aber auch gar nicht unverständlich?
  5. Vv. 3bc und V. 5 müssen recht wahrscheinlich gelesen werden als die Antwort der Kultgemeinde auf die jeweils vorangehenden Aufforderungen der Vorbeter (der Priester?), so dass die Struktur wäre: * Vv. 1b-3a: Aufruf zum Lob durch Vorbeter ** Vv. 3bc: Lob durch Kultgemeinde * V. 4: Aufruf zum Lob durch Vorbeter ** V. 5: Lob durch Kultgemeinde. So Gerstenberger 2001, S. 203; ähnlich Futato 2007, S. 51f.; Kraus 1961, S. 686. Hossfeld/Zenger 2000, S. 706f. und Jeremias 1998, S. 608 sehen nur V. 5 als Lob und Vv. 1b-4 als Aufruf zum Lob; das wäre wohl auch möglich, würde aber den Wechsel vom Imperativ zum Wir in Vv. 3a.b nicht erklären.

4 Kommt (hinein) durch seine Tore (die Tore seiner Wohnung/seines Heiligtums)1 mit Danklied (Dankopfer, Loblied)2! [Kommt (hinein)]3 in seine Höfe (die Höfe seiner Wohnung/seines Heiligtums) mit Lobgesang (Lobpreis)! Preist ihn, lobsingt (segnet)4 seinem Namen (ihm)5!

  1. s. zur Alternative FN f
  2. Hier wird das selbe Wort wie in der Überschrift wiederholt; zu den Übersetzungsvarianten vgl. die erste FN.
  3. Zu ergänzen aus Sticho 4a (->Brachylogie).
  4. Keinesfalls „segnet seinen Namen“ (wie die Meisten); natürlich ist auch hier vom Lobsingen die Rede. In Vv. 1b-3a und 4a-c stehen dann jeweils vier Aufrufe zum JHWH-Preis: Jubelt - feiert in Freude - kommt mit freudigen Liedern - Bekennt | Kommt mit Danklied - Kommt mit Lobgesang - Preist - Lobsingt.
  5. Besonders im Kontext von Aussagen über JHWH steht sein „Name“ meist metonymisch für JHWH selbst; man bezeichnet so JHWH „im Menschenmund“.

5 {Ja! (Denn)}1 JHWH ist gut! Für immer ist (währt) seine Huld und von Generation zu Generation ist (währt) seine Treue (Verlässlichkeit)!

  1. Emphatisches כי zur Markierung der abschließenden hymnic affirmation (so z.B. Brueggemann 1985, S. 68; Gerstenberger 2001, S. 203); im Deutschen sollte es unübersetzt bleiben.

Chapter 104

1 1 ''([Von (für, nach Art von) David])''2 Preise, meine Seele, JHWH!3 JHWH, mein Gott,4 [du bist] ([ist]) sehr groß!Du bist bekleidet (hast dich bekleidet) mit Majestät und Herrlichkeit (majestätischer Herrlichkeit/Pracht),5

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Textkritik: Die in Psalmen häufige, den angeblichen Verfasser angebende Überschrift „von David“ findet sich nicht in allen Überlieferungen des Textes – u.a. nicht Grundtext der BHS / BHQ –, dafür aber gerade in den sehr alten Textzeugen 11QPsa, LXX, Aq und evt. (vgl. Flint 1997, S. 96) in 4QPse. Das ist eine sehr starke Bezeugung; Goldingay 2008, S. 178 etwa sieht diese Überschrift daher als ursprünglich an. Die unterschiedliche Überlieferung lässt sich aber leichter erklären als Ergänzung (statt Streichung) zwecks einer Angleichung der sog. „anonymen“ Psalmen an die häufigeren Psalmen mit Autorenangabe. LXX allein hat wohl aus diesem Grund bei 13 anonymen Psalmen eine solche Angabe, wo der Codex Leningradensis sie nicht hat.
  3. Preise, meine Seele, JHWH - Eine Selbtermunterung zum Gebet; ähnliches findet sich z.B. auch in Ps 34,2; Ps 42,5.11; 43,5; 103,1.22; 116,7; 145,21. Zur wohl dahinterstehenden Vorstellung vgl. am besten Ps 77,2 („Meine Seele weigerte sich, sich trösten zu lassen“); 131,2 („Ich habe meine Seele besänftigt und beruhigt“): Wie jeder Beter weiß, hat das Herz manchmal seine eigene Dynamik und ist nicht von vornherein dazu bereit(et), beten zu können - daher muss der Beter bewusst Einfluss auf die Stimmung seines Herzens nehmen. Das selbe Motiv findet sich übrigens auch in deutschen Kirchenliedern; man vergleiche etwa Paul Gerhards Lieder „Du meine Seele, singe“ und „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden / nimm wahr, was heut geschieht“.
  4. Textkritik - Die auffällige Aneinanderreihung dreier Gottesbezeichnungen (2x JHWH, 1x mein-Gott) hat in der Textüberlieferung für etwas Verwirrung gesorgt: In einigen heb. Handschriften fehlt eines der beiden JHWH, in einer Handschrift der LXX finden sich drei davon. 11QPsa hat statt „mein Gott“ die Variante „unser Gott“, 4QPsd die Variante „Gott“. Ursprünglich ist sicher die Variante im Fließtext.
  5. Majestät und Herrlichkeit - Zwei häufigere Züge bei der Beschreibung Gottes: „Bei ihm“ ist Majestät und Herrlichkeit und er selbst ist majestätisch und herrlich (vgl. 1 Chr 16,27; 96,6; 111,3; 145,5), daher kann auch einzig er einzelnen Menschen diese Eigenschaften gewähren (vgl. Ps 21,5; 45,2f.; sarkastisch in Ijob 40,10). Das zweite Wort, hadar, kann auch konkret den Schmuck bezeichnen; entsprechend ist es auch in Ijob 40,10; Spr 31,25; Jes 63,1; Ez 16,14 (vgl. ähnlich Ps 93,1) etwas, womit man sich „kleiden“ kann.

2 [Bist] mit Licht wie mit einem Mantel umhüllt (verhüllt, ein Eingehüllter),12 3 [Oh, du]4 [bists], der den Himmel wie eine Zeltdecke ausspannte5 (bist ausspannend), 6

  1. Mit Licht umhüllt + Himmel ausgespannt - Binnenreim der beiden Partizipien: `oteh-´or + noteh schamajim.
  2. mit Licht umhüllt - Ps 104 hat viele Anklänge an die Schöpfungserzählung in Genesis 1; die Rede vom „sich mit Licht umhüllen“ spielt daher wohl auf die auch dort geschilderte Schöpfung des Lichts an.
  3. Ijob 36,30; Habakuk 3,4; Offenbarung 12,1
  4. [Oh, du] - rein funktionale Übersetzung: Die folgenden Verben stehen im Partizip und es ist nicht einmal offensichtlich, dass Gott hier tatsächlich angesprochen ist. Derartige Aneinanderreihungen von Partizipien finden sich aber häufig in hymnischen Psalmen; ihre Funktion ist es, Wesenszüge Gottes aufzuzählen, um ihn damit zu preisen (vgl. z.B. Seybold 1990, S. 114).
  5. Himmel wie eine Zeltdecke ausspannte - Nach biblischer Vorstellung ist der Himmel ein festes Gebilde (vgl. z.B. Ijob 37,18; Ez 1,22), das „ausgebreitet“ oder „ausgespannt“ (vgl. Ijob 9,8; 42,5; 44,24) wurde, um die Wasser über der Erde vom Überfluten der Erde zurückzuhalten (vgl. z.B. Ijob 37,11). Sehr häufig ist er außerdem vorgestellt als die „Wohnstatt Gottes“. Beides wird hier kombiniert zur Vorstellung des Himmels als dem „Zelt Gottes“, das nach seinem ausgespannt-Werden dann in V. 3 noch weiter ausgebaut wird.
  6. Jesaja 40,22

3 [Bist] der, der bälkte (zimmerte) im (mit) Wasser ein Obergemach1 2[Bist] der, der dort3 Wolken [als] seinen Wagen (sein Fahrzeug) [hat],4 5[Bist] der, der sich fortbewegt (bist [dich] fortbewegend) auf den Flügeln des Windes6,7 8

  1. im Wasser bälkte - D.h. JHWH hat im Himmel sein Obergemach errichtet, indem er im oder mit Wasser - nämlich dem, aus dem der Himmel besteht und das vom Firmament davon zurückgehalten wird, die Erde zu überfluten - seine Wohnung „zimmert“. Die Rede vom Himmel als „Obergemach“ ist schön und sehr treffend - impliziert sie doch, dass Gott zu diesem Obergemach auch ein „Erdgeschoss“ hat, was den Rest des Psalms vorbereitet.
  2. Amos 9,6
  3. Dort - nämlich im himmlischen Obergemach.
  4. Wolken [als] seinen Wagen - Eine alte Vorstellung; auch der altorientalische Gott Baal wird häufig als „Wolkenreiter“ bezeichnet (vgl. z.B. DDD, S. 704).
  5. Deuteronomium 33,26; 2 Samuel 22,12; Psalm 18,12; Psalm 68,5; Jesaja 19,1
  6. Wind (Vv. 3f.); Feuer (V. 4); fliehendes Wasser (Vv. 6f.) - man beachte, wie hier der Wind etwas Reitbares (s. nächste FN), das Feuer etwas Dienstbares und das Wasser etwas zur Flucht Fähiges ist - die Natur wird durchgehend personifiziert oder wenigstens „semi-personal“ (Andersen 1972, S. 720) gedacht. Von einer „Entmythisierung der Natur“ kann ins Ps 104 nicht die Rede sein.
  7. <center>miniatur</center>Flügel des Windes - Die Winde werden in vielen alten Kulturen als geflügelte Gestalten vorgestellt. Im babylonischen Adapa-mythos etwa bricht der Held Adapa die Flügel des Südwindes Šûtu. Zusammen mit einem ihrer drei Brüdern ist sie oben links zu sehen; auf dem ganzen Siegel (s. Wiggermann 2007, S. 142; hier auch weitere Darstellungen der personifizierten vier Winde im Alten Orient) sind auch die anderen beiden Brüder abgebildet. In der ägyptischen Bilderwelt sind die personifizierten Winde mal als geflügelte Humanoide, mal als geflügelte Tierwesen dargestellt; in den beiden unteren Bildausschnitten (zu finden an der Decke des Hathor-Tempels in Dendera; Foto: Olaf Tausch) etwa ist der Südwind ein geflügelter Widder und der Westwind ein widderköpfiger Sperber. Eine schöne Rekonstruktion einer weiteren ägyptischen Darstellung mit allen vier Winden lässt sich hier betrachten. Sehr bekannt sind auch die griechischen personifizierten Winde Boreas, Apheliotes, Notos und Zephyros; oben rechts z.B. ein Bronzerelief von Boreas (Grafik aus Richter 1915, S. 30).In der Bibel scheinen die Winde personifiziert durch die geflügelten Cheruben gedacht zu sein (vgl. Offb 7,1 („Danach sah ich vier Engel, die auf den vier Ecken der Erde standen und die vier Winde der Erde festhielten...“)), auf denen Gott gelegentlich auch reitet (vgl. Ps 18,11 („Er ritt auf einem Cherub und flog und schwebte auf den Flügeln des Windes“) und die anderen Parallelstellen). Die beiden Zeilen sprechen also von zwei unterschiedlichen Fortbewegungsmitteln: JHWH ist sowohl Wolken- als auch Wind-/Cherubenreiter.
  8. 2 Samuel 22,11; Psalm 18,11; Ezechiel 9,3; Ezechiel 10,4; Ezechiel 10,18; Ezechiel 11,22

4 [Bists], der macht (bist machend) zu seinen Boten Winde1 (seine Boten zu Winden),2Zu seinen Dienern (Seine Diener [sind]) flammendes Feuer (Flamme [und] Feuer),3 4

  1. Winde - Das selbe Wort findet sich in der Zeile zuvor im Sg., hier im Pl. Eine solche Sg-Pl-Variation ist ein häufigeres Stilmittel in der heb. Lyrik (ad loc. vgl. Yona 2005, S. 157).
  2. Zu seinen Boten Winde (seine Boten zu Winden) - Diese und die nächste Zeile lässt sich auf vier verschiedene Weisen verstehen; wegen V. 3 ist die wahrscheinlichste Deutung die vierte. # „Er macht seine Boten zu Winden (und Flammen)“, d.h. er lässt seine Engel unter anderem in der Gestalt dieser Elementen erscheinen. Von der Wortstellung liegt diese Auflösung am nächsten; es ist dies auch die Deutung des Verses in Heb 1,7 und es finden sich dafür auch deutliche Parallelen in der frühjüdischen Literatur; s. etwa 4 Esr 8,21f.: „[...] das Heer der Engel [...], deren dienende Schar sich in Wind und Feuer wandelt [...]“. So ist unser Vers auch klar im Midrasch Exodus Rabba verstanden worden: „[JHWH heißt] ‚Der Gott der Heerschaaren,‘ denn er thut den Willen an seinen Engeln. Wenn er will, lässt er sie sitzen, s. Ri 7,11 [...] und zuweilen lässt er sie stehen, s. Jes 6,2 [...], zuweilen lässt er sie in weiblicher Gestalt erscheinen, s. [Sach] 5,9 [...], zuweilen aber in männlicher Gestalt s. Gen 18,2 [...], zuweilen macht er sie zu Winden, wie es heisst Ps 104,4 [...], zuweilen aber auch zu Feuer, s. das. [...].“ (ExR 25,2; Üs.: Wünsche 1882, S. 188f.). So heute noch z.B. Loretz 1979, S. 105: „Der seine Boten zu Winden macht...“ # „Er macht seine Boten zu Winden (und Flammen)“ als Metapher für „schnell wie Wind“ und „gefährlich (?) wie Feuer“. So übersetzt den Vers z.B. der Targum; es ist auch die Deutung des Kirchenvaters Athanasius in seinen Expositiones in Psalmos und noch Edel 1966, S. 139 schlägt diese Deutung vor. # „Er macht zu seinen Boten Winde (und Flammen)“, d.h. er erschafft sie aus Wind und Feuer (entsprechend den arabischen Dschinn, die ebenfalls aus Feuer erschaffen sind; ähnlich vgl. z.B. ApkAbr 19,6, wo die „Feuerengel“ die höchste und über die „geistigen Engel“ gebietende Engelgattung ist.). Auch hierfür gibt es Parallelen in der frühjüdischen Literatur; vgl. z.B. 2 Hen 29,3: „Aus dem Fels schnitt ich [= Gott] ein großes Feuer, und aus dem Feuer schuf ich die Reihen der körperlosen Armeen - zehn Myriaden Engel - und ihre Waffen sind feuerig und ihre Kleider brennende Flammen.“ (Üs. nach Kaduri 2015, S. 140; ähnlich versteht unseren Vers z.B. noch Delitzsch 1894: „Machend seine Boten aus Winden...“). # „Er macht zu seinen Boten Winde (und Flammen)“, d.h.: Gott ist Herr auch über Wind und Feuer, die er daher „in seinen Dienst“ nehmen und über die er gebieten kann: Winde sind seine „Dienstboten“, Feuerflammen seine „Diener“. Das ist hier durchaus die wahrscheinlichste Deutung, denn inwiefern Gott z.B. die (Personifikationen der) Winde „in Dienst nehmen“ kann, sieht man ja exemplarisch im vorigen Vers: Als Reittiere.
  3. tFN: zu Dienern flammendes Feuer (Flamme [und] Feuer) - Etwas schwierige Stelle. Der heb. Text wirkt auf den ersten Blick so, als müsste er klar wie im Fließtext übersetzt werden. Im Heb. wäre dann aber zu erwarten, dass Diener, flammend und Feuer alle im selben Numerus und Genus stünden. Hier allerdings ist „Diener“ Maskulin Plural, „Feuer“ Feminin Singular und „flammend“ Maskulin Singular (4QPsa verändert daher das letzte Wort nach Feminin). Gunkel 1926, S. 454; Herkenne 1936, S. 334 und Kraus 1966, S. 708 wollen daher korrigieren von „flammendes Feuer“ zu „Flamme und Feuer“, so dass das vorangehende Pluralpartizip „Diener“ sich auf beide beziehen würde und damit Plural und auch Maskulin sein könnte.Vermutlich ist dies aber gar nicht nötig: ´esch findet sich bisweilen auch als maskulines Nomen und gehört damit zu jenen, die beide Genera haben können. Es könnte also auch hier als maskulines Nomen aufgefasst werden, womit sich das „flammend“ problemlos auf es beziehen könnte. In der heb. Grammatik findet sich außerdem häufig der Fall, dass ein „kollektives“ Nomen (wie z.B. „Menschenmasse“, in dessen Wortsinn es liegt, dass mehrere Menschen damit bezeichnet werden) trotz grammatischem Singular ein Pluralprädikat erhält (vgl. z.B. JM §148a), was dann hier das Plural von „Diener“ erklären würde.
  4. Ezechiel 1,13; Joel 2,3; Hebräer 1,7; Offenbarung 4,5

5 [Bists,] der gründete (bist gründend, er gründete)1 die Erde auf ihre Fundamente,2 3Damit sie nicht wanken wird auf immer und ewig. 4

  1. Textkritik: [Bists,] der gründete (er gründete) - Im MT und ähnlich bei 4QPsI<span style="color:#FFFFFF">_</span>jasad („Er gründete“) in der Verbform Qatal; in 4QPsd, nach einigen LXX-Handschriften, Hier, Tg und einigen MT-Handschriften aber als Partizip jo(w)sed („[bists,] der gründete“). Im ursprünglichen Text wären beide Varianten gleich geschrieben worden; 4QPsI hätte dann durch nicht-Einfügung des w und MT durch die Vokalisierung vereindeutigt zur Variante 1, die anderen Versionen durch Einfügung des w, durch Vokalisierung oder durch Übersetzung zu Variante 2. Der Wechsel von der zweiten Pers. in V. 2 zur dritten hier (und dann in V. 7 wieder zurück zur zweiten Pers.) ist so schwer erklärlich und so überflüssig , dass die zweite Deutung des ursprünglichen Textes viel besser passt. So auch viele Exegeten (z.B. Clifford 1981, S. 87; deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014, S. 771; Kraus 1966, S. 225; anders aber z.B. Hossfeld/Zenger 2008, S. 70 und Krüger 2010, S. 33).
  2. miniatur|Das biblische Weltbild (Grafik von www.religionsunterricht-pfalz.de)Fundamente - Gemeint sind die Säulen, auf denen nach biblischer Vorstellung die Erde über dem Urmeer aufruht; s. die Grafik rechts und vgl. z.B. noch Ijob 38,6; Ps 24,2. Dass die Erde „wankt“, ist ein häufigeres Motiv in der Bibel; vgl. z.B. Ps 46,2; 60,2; 82,5; Jes 24,19
  3. Jesaja 48,13; Jesaja 51,13; Amos 9,6; Sacharja 12,1; Ijob 38,4; Psalm 102,25
  4. 1 Chronik 16,30

6 Das Urmeer bedecktest du wie mit einem1 Gewand2.3 4 Auf (über) den Bergen sollten Wasser stehen (sich stellen):

  1. wie mit einem - W. „wie mit dem“; Vergleiche sind im Heb. oft determiniert, wo sie das im Dt. nicht wären. Vgl. ähnlich z.B. Ps 33,7; Ob 4.
  2. Das Urmeer bedecktest du wie mit einem Gewand - nämlich eben mit dem Himmel, der wie ein Zelttuch über die Welt gebreitet ist (vgl. Ijob 38,9: „Als ich Wolken zu seinem (=des Meeres) Gewand machte...“). Ganz recht B-R: „Der Urwirbel, wie mit einem Kleid bedecktest du ihn“.Textkritik: Die verschiedenen alternativen Übersetzungsvarianten, die sich in fast allen Übersetzungen und Kommentaren finden, basieren sämtlich auf Korrekturen des heb. Textes, die aber nicht nötig sind (nämlich statt kisito („du bedecktest es“) meist kisita(h) („du bedecktest sie“, also die Erde; vgl. hierzu am besten Seidl 1984, S. 46f.), kisata(h) („es (=das Urmeer) bedeckte sie (=die Erde)“) oder kesuto („es (= das Urmeer) war seine (=JHWHs) Bedeckung“). Wie in Gen 1 ist also auch hier das Urmeer anders als Himmel und Erde keine der Schöpfungen Gottes, sondern seinem Schaffen schon vorgegeben (vgl. 2 Pet 3,5).
  3. tFN: V. 6. Unsere Aufteilung von V. 6 und die Übersetzung des ersten Wortes von 6b mit „auf“ statt „über“ ist ungewöhnlich. Für gewöhnlich zieht man 6a und 6b zu einer Doppelzeile zusammen und übersetzt: „Mit dem Urmeer bedecktest du [die Erde] wie mit einem Gewand / Über den Bergen standen die Wasser“, die beiden Zeilen würden dann beide aussagen, dass Gott zu Beginn der Schöpfung die Erde und selbst die Berge komplett von Wasser bedeckt sein lassen habe. Dagegen spricht aber, dass dafür erstens eine Korrektur des heb. Textes in 6a nötig ist (s. vorige FN), dass zweitens 6a klar zu 2b-5 zu ziehen ist, da 5a.6a eine sehr deutliche Inclusio mit 2b.3a bilden: Gott spannt den Himmel wie eine Zeltdecke aus (2b) und bedeckt das Urmeer wie mit einem Gewand (6a); er bälkt den Himmel im (oberen) Wasser als sein Obergemach (3a) und gründet die Erde auf ihren Fundamenten (gemeint sind die Säulen der Erde im unteren Wasser, s. die Grafik oben). Drittens ist die nätürlichste Bedeutung von V. 8, dass die Wasser auf die Berge hinaufziehen sollen (s. dort), also in V. 6 eher nicht schon über den Bergen stehen. Viertens verwenden 6a und 6b unterschiedliche Verbformen, berichten also offenbar von unterschiedlichen zeitlichen Abschnitten im Handeln Gottes.V. 6 ist dann besser so aufzulösen: 6a ist wegen der Inclusio zu 1b-5 zu ziehen; 1b-6a berichten dann von der Errichtung der kosmischen Grundarchitektur. 6b-8 leiten dann mit Yiqtol-Verben ein, zu beschreiben, wie die Wasser, mit denen Strophe 1 schloss, dem Willen Gottes gemäß zu handeln hatten (vgl. Weber 2003, S. 182): Sie sollten auf den Bergen stehen (6b), darum sollten sie vor seinem Befehl (7) unter anderem auch dort hin (8a) fliehen, um von dort aus dann als Gebirgsbäche in die Täler fließen zu können (10).
  4. Psalm 38,9

7 Vor deinem Schelten mussten (sollten) sie fliehen,Vor dem Klang deines Donnerns (deiner donnernden Stimme) mussten (sollten) sie fortlaufen, 1

  1. Psalm 18,6; Psalm 114,3; Jesaja 50,2; Nahum 1,4; Markus 4,39

8 Mussten (sollten) hinaufziehen [auf] Berge,Mussten (sollten) hinabsteigen [in] Täler1 Zum Ort, den du ihnen gegründet hast. 2

  1. hinaufziehen [auf] Berge, hinabsteigen [in] Täler - Gott verlagert also die Wasser von der „ganzen Erde“ an zwei Orte, nämlich auf die Berge, von wo sie dann als Gebirtsbäche wieder hinabfließen, und ins in „den Tälern“ gelegene Meer (vgl. Ehrlich 1905, S. 247; Sutcliffe 1952). Dass hier von zwei verschiedenen Zielorten die Rede ist, macht die alte Handschrift 2QPs deutlich, indem sie einfügt: „zu[ jede]m Ort“.tFN: Die häufige Übersetzung „Es hoben sich Berge, es senkten sich Täler“ ist klar falsch. „Täler“ ist im Heb. feminin, das Verb „sie stiegen hinab“ / „es senkten sich“ aber maskulin. Subjekt sind also sicher die Wasser (vgl. Spieckermann 1989, S. 22 FN 5).
  2. Genesis 1,9

9 [Die] Grenze, [die] du gesetzt hast, dürfen sie nicht übertreten, Dürfen nicht zurückkehren, um die Erde zu bedecken (dürfen die Erde nicht wieder bedecken). 1

  1. Ijob 38,8; Sprichwörter 8,29; Jeremia 5,22

10 [Oh, du] [bist] der, der entsendet Quellen in Wadis – 1Sie2 sollen (müssen) zwischen [den]3 Bergen fließen (gehen), 4

  1. Psalm 78,15; Jesaja 30,25; Jesaja 41,18; Jesaja 48,21
  2. Sie - Gemeint sind die „Quellen“, wobei das Wort wie in Joel 4,18 sowohl die Quelle der Bäche als auch ihren Verlauf bezeichnet (so richtig Alexander 1856, S. 35).Textkritik: LXX hält für das Subjekt immer noch die „Wasser“ aus V. 6b (da das Wort i.d.R. eben nur die tatsächliche Quelle bezeichnet) und erwähnt daher diese Wasser (heb.: מים) hier noch einmal explizit. Ursprünglich ist eher die Version ohne „Wasser“ (anders Kissane 1954 und Loretz 1979); ein Schreibfehler ließe sich auch grafisch leicht erlären (Haplographie wg. der Doppelung von ים (jm) in הרים מים (hrjm mjm).
  3. Textkritik: + [den] nach 4QPsd, LXX: Die Rede ist von den Bergen aus V. 8.
  4. Jesaja 48,21

11 Sollen (müssen) alle wilden Tiere (alle Tiere dessen vom Berge)1 tränken,Es sollen2 [selbst]3 die Wildesel ihren Durst brechen4 können (sollen/müssen stillen). 5

  1. Textkritik / tFN: alle wilden Tiere ist w. „alles Getier des Feldes“; das letzte Wort ist geschrieben mit der selteneren Schreibweise שדי statt השדה (wie in Jes 56,9; s. auch Dtn 32,13; Ps 8,8; 50,11; 80,14; 96,12; Jer 4,17; 18,14; Klg 4,9; Hos 10,4; 12,12; Joel 2,22). In der alten Handschrift 4QPsd findet sich stattdessen „alles Getier Ws (=JHWHs)“; statt „Feldes“ haben die Schreiber dieser Handschrift das Wort also wohl wegen der selteneren Schreibweise offenbar für die ebenso geschriebene Bezeichnung Gottes schaddaj („der vom Berge“) gehalten und durch den Gottesnamen JHWH ersetzt (vgl. Nebe 1981). Angezielt war sicher die Bedeutung „alles Getier des Feldes“.
  2. sollen - Assonanz der beiden ersten Worte in 11a und 11b: jischqu und jischberu.
  3. [Selbst] - Fokuspartikel wie „nur“, „selbst“ usw. werden im Heb. oft nicht gesetzt, wo das Dt. sie setzen würde; im Dt. muss man sie sich daher dazudenken. Ähnlich z.B. Rut 1,17; Ps 9,21; Ps 13,3; Ob 5.6. Die Wildesel sind deshalb ein Sonderfall, weil diese in den 30er Jahren ausgestorbenen Tiere Einzelgänger in der israelitischen Wüste waren (s. Ijob 24,5; Jes 32,14; Jer 2,24; Hos 8,9) und im Alten Orient daher für ungezügelte Freiheit stehen konnten (Mustafa 1983, S. 64 und vgl. Krüger 2010, S. 168-70).
  4. brechen - d.h. „stillen“; das Idiom „den Durst brechen“ als „dem Durst seinen Stachel nehmen“, d.h. „ihn stillen“ findet sich auch im Lateinischen (frangere sitim) und im Arabischen (vgl. Driver 1943, S. 19). Der in der Bibel einmalige Ausdruck wird gestützt durch die Handschrift 2QPs; 4QPsd allerdings hat statt jšbrw die Konsonanten jškjrw („sie betranken sich“); Syr setzt voraus: jßb`w („sie wurden satt“; dem folgen deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014, S. 771).
  5. Psalm 145,16; Jesaja 43,20

12 Über ihnen wohnt das Gevögel des Himmels,Von zwischen den Felsen (Zweigen)1 geben sie2 [ihre]3 Stimme –, 4

  1. miniatur|Felsenbrütende Tauben in einem sog. "Columbarium"Textkritik: Felsen (Zweigen) - Heb. `opha´im (עפאים). Ursprünglich wäre dies geschrieben worden als `ophaim (עפים); Qere punktiert auch so, als stünden im Ketiv nur diese Buchstaben. LXX, Syr und VUL übersetzen alle mit „Felsen“, setzen also für den ursprünglichen Text das grafisch sehr ähnlliche kephim (כפים; s. in der Bibel noch in Ijob 30,6; Jer 4,29. Das Wort im MT dagegen findet sich in der Bibel nur noch dreimal in Dan 4 und ist damit aramäisch, nicht hebräisch, vgl. Wagner 1966, s. 92f.) voraus. Viele Vögel in Israel bauen ihre Nester nicht in Bäume, sondern sind Felsenbrüter. Rechts etwa ein Bild von Tauben, für die wegen ihres „Felsenbrütertums“ eigene Niststationen namens „Columbarien“ erbaut wurden. Die vorgestellte Szenerie ist also die, dass Gebirgsbäche auf Bergen entspringen und zwischen Felsen, in deren Klüften Vögel brüten, in die Täler hinabfließen.
  2. geben sie - Plural, da das Kollektivnomen `oph („Gevögel“) in Zeile 1 Sg. ist, aber als Kollektivnomen auch mehrere Tiere bezeichnen kann. Die Variation von Sg. mit Pl. in zwei aufeinanderfolgenden Zeilen ist ein häufiges Stilmittel in heb. Texten („N-Shift“).
  3. Textkritik: Lies mit einer MT-Handschrift und einigen alten Üss. qolam („ihre Stimme“) statt qol („Stimme“) (so z.B. Alter 2007, S. 364; König 1927, S. 159). Grafisch ist der Schreibfehler leicht erklärlich: Haplographie des Mem am Ende dieses und am Anfang des nächsten Wortes (vgl. ähnlich Dahood 1970, S. 39).
  4. Psalm 50,11

13 [Bists,] der tränkt die Berge von seinen Obergemächern: 1Von der Frucht deiner Werke (deines Arbeitens)2 soll die Erde sitt (satt) werden. 3

  1. Ijob 5,10; Jeremia 14,22; Matthäus 5,45
  2. Frucht deiner Werke - Sehr umstrittener Ausdruck; viele verschiedene Korrekturen des heb. Textes sind vorgeschlagen worden (s.u.). Vermutlich sind sie aber nicht notwendig. Die Frucht von Gottes Arbeit (s. nächster Absatz) ist wohl der Regen, der hier die Berge „tränkt“ und die Erde „sitt macht“, wie er in V. 16 die Bäume „sitt macht“ (das Wort im Heb. kann sowohl „sitt machen/werden“ als auch „satt machen/werden“ bedeuten; zu „sitt werden“ vgl. z.B. noch Sir 12,16). Der Parallelismus mit „du tränkst die Berge“ macht das sehr wahrscheinlich; alternativ müsste man als die Frucht seiner Regenmacher-Arbeit die Pflanzen betrachten, von denen im Folgenden die Rede sein wird (so z.B. Allen 1983; Delitzsch 1894; Kissane 1954; vgl. die ähnliche Parallelisierung von Regen und Sättigung der Lebewesen in PsSal 5,9 („Du sättigst die Vögel und die Fische, / indem du der Steppe Regen giebst, damit das Gras sprossen kann.“) und den Parallelstellen zu 13b). „Die Erde“ stünde dann metonymisch für alle Bewohner der Erde. Auch V. 16 lässt sich so verstehen, dass nicht die Bäume „sitt werden“, sondern „sättigen“, nämlich die Vögel in ihren Zweigen.Gottes „Arbeit“ ist wahrscheinlich mehr als ein bloßes Befehlen und Gebieten. Nach Ijob 38,37 lässt Gott es etwa regnen, indem er „die im Himmel [gelagerten Wasser-]schläuche ausleert“. Nach b.Taan 9b z.B. muss das (Salz-)Wasser des Urmeeres, das Gott wieder herabregnen lässt, in den Wolken erst noch „gesüßt“ werden. In b.Taan 2ab ist außerdem zu lesen vom „Schlüssel des Regens“, über den (mit Ausnahme Elijas, b.San 113a) einzig Gott gebietet und mit dem er die Schleusen seiner in Dtn 28,12 erwähnten himmlischen Speicher öffnen muss, um es regnen zu lassen (vgl. auch Gen 8,2; Sir 43,14). Gottes Arbeit am Regen wird also häufiger als tatsächliche Handarbeit vorgestellt.Textkritik: Weil sie sämtlich grafisch nicht sehr nahe am heb. Text sind und auch nicht von alten Handschriften oder Üss. gedeckt werden, seien die wichtigeren Korrekturvorschläge hier bloß aus Gründen der Vollständigkeit angeführt. Das zweite Wort von מפרי מעשיך wollen Nötscher 1953 nach נשאיך („von der Frucht deiner Wolken“) und Weiser 1959 nach שמיך („von der Frucht deines Himmels“) korrigieren. Als Alternativen für den ganzen Ausdruck schlägt mit Kraus 1966 מרי אסמיך („Vom Nass deiner Kammern“) vor; ähnlich Loretz 1979 mit מרי אסמיו („Vom Nass seiner Speicher“). EÜ ersetzt den ganzen Ausdruck durch מנשאיך („aus deinen Wolken“); dem folgt wohl ASTADLER. Nach jeder dieser Korrekturen wäre also auch in Zeile 2 vom Regen die Rede.
  3. Deuteronomium 11,14; Ijob 38,27; Psalm 147,8; Apostelgeschichte 14,17

14 [Bists,] der sprossen lässt das Gras für ViehUnd Pflanzen zum Nutzen (für den Ackerbau) der Menschen: 1Damit [dieser] Brot aus der Erde hervorbringe (um hervorzubringen...), 2

  1. Psalm 136,25; Psalm 145,15; Psalm 147,9
  2. Genesis 2,5; Genesis 3,17

15 Soll Menschenherzen Wein erfreuen; 1Damit ihr Gesicht von Öl glänzt (mehr glänzt als Öl), 2Soll Menschenherzen Brot (Nahrung) stärken. 3

  1. Richter 9,13; Kohelet 10,19; Jesus Sirach 31,27; Jesus Sirach 40,20
  2. Psalm 23,5; Sprichwörter 21,7; Amos 6,6; Markus 14,3
  3. Genesis 18,5; Richter 19,5; Kohelet 9,7

16 Es sollen sitt werden (sättigen)1 die Bäume des Feldes (JHWH s),2Die Libanon-zedern,3 die er gepflanzt hat. 4

  1. sitt werden (sättigen) - s. zu den beiden verschiedenen möglichen Üss. s. FN af.
  2. Textkritik: des Feldes (JHWHs) - Im MT: „JHWHs“. LXX hat hier „Bäume des Feldes“ (wie es sich z.B. auch in Lev 26,4; Dtn 20,19; Jes 55,12 u.ö. findet; zur Schreibweise s. zu V. 11). Wahrscheinlich liegt also die selbe Textgeschichte vor wie in V. 11 (s. FN y): Im ursprünglichen Text war die Rede vom „Feld“, ein alter Schreiber verwechselte dies wegen der seltenen Schreibweise שדי mit der ebenso geschriebenen Gottesbezeichnung schaddaj („der vom Berge“) und ersetzte dies durch den Gottesnamen JHWH (zur Stelle vgl. Sparks 1947, S. 57).
  3. Libanon-zedern - Bäume, sprichwörtlich für ihre Größe und Majestät. S. z.B. bes. klar Ez 31,3, auch 1 Kön 4,33; Jes 2,13; 37,24.
  4. Numeri 24,6

17 Dort (, auf denen)1 sollen Vöglein nisten,Der Habicht (Storch?, Reiher?)2 in ihren Wipfeln (auf Zypressen)3 sein Haus [haben].4

  1. Textkritik: Dort (, auf denen) - Im Heb. mit Relativpartikel ´ascher eingeleiteter Relativsatz. Diese Relativpartikel wird gestützt von Tg und Sym, nicht aber von LXX, Aq, Syr, Hier und VUL. Am einfachsten ließe sich das damit erklären, dass die Relativpartikel, die auch schon das vorletzte Wort in V. 16 ist, hier von einem Schreiber fälschlicherweise ein zweites Mal geschrieben worden ist. So z.B. EÜ, H-R, HER05, PAT, TAF.
  2. miniatur|Storch, Reiher und GleitaarHabicht (Storch?, Reiher?) - Trad. übersetzt mit „Storch“, und in der Tat können Störche trotz ihrer bis zu zwei Tonnen schwerer Horste sowohl in weniger stabilen Bäumen wie „Zypressen“ als auch auf „Wipfeln“, also den schwächsten Stellen von Bäumen, nisten; s. das linke Bild. Für die Übersetzung des Wortes mit „Storch“ gibt es aber fast keine Indizien. Syr übersetzt mit chorba´, was sowohl den Storch als auch den Reiher bezeichnen kann (so an jeder Stelle; s. noch Lev 11,19; Dtn 14,18; Ijob 39,13; Jer 8,7). Mit „Reiher“ übersetzen auch Sym, Theod und VUL bisweilen; wenn, sollte man von diesen Üss. also eher auf Reiher schließen.Sein Name (chasidah) leitet sich außerdem her von chesed („Treue“). Aristoteles berichtet in HA VIII 615b einmal davon, dass alte Störche von den jungen gefüttert würden, und deshalb (!) denken einige, dieser Name passe besonders gut zum Storch. Diese Parallele ist jedoch sehr weit hergeholt. Viel näher ist die talmudische Parallelstelle b.Chul 63a: „Die ‚chasidah‘ ist eine weiße dajjah. Warum lautet ihr Name chasidah? Weil sie Treue (‚chasidot‘) gegenüber ihren Gefährten zeigt.“ dajjah nun bezeichnet, wie Dalman in AuS VI, S. 97 richtig anmerkt, einen kleinen Greifvogel (in b.Mez 24b z.B. raubt eine dajjah Fleisch vom Marktplatz und verspeist es auf einem Baum), und entsprechend ist dies die zweite verbreitete alte Üs.: „Habicht“ (so nämlich bisweilen Tg, Hier, VUL, Sym, Sexta). Weitere Indizien sind dann die weiße Farbe (s. eben b.Chul 63a; ebenso TgO Dtn 14,18; TgPsJ Lev 11,19; TgN Lev 11,19; TgPs 104,17: „weiße dajjah“ u.Ä.), die Tatsache, dass er ein Zugvogel ist (vgl. Jer 8,7) und seine Nennung zusammen mit Taube, Schwalbe, Drossel (Jer 8,7), Wiedehopf, Fledermaus und ´anapah (TgPsJ, TgN, FTV, b.Chul 63a: „schwarze dajjah“, also wohl Mohrenweihe, Schieferfalke o.Ä.) (Lev 11,19; Dtn 14,18), sämtlich also eher kleinen Vögeln. Gemeint sein könnte also zum Beispiel der habichtartige Gleitaar, s. rechtes Bild. Dahin weist auch Folgendes: Auf diesen Vogelabschnitt folgt ein Abschnitt über Landtiere (Vv. 18-22) und einer über Meerestiere (Vv. 25f.); in beiden Abschnitten steht an zweiter Stelle ein gefährliches Tier: Auf Steinbock und Klippdachs (Vv. 18-20) folgt der Löwe (Vv. 20f.), auf die kleinen und großen Meerestiere (V. 25) der Leviathan (V. 26). Es machte Sinn, wenn auch hier auf die Vögel (tsipporim, also speziell „kleine Vögel“, statt allgemein `oph, „Vögel“!) eine für dese gefährliche Tierart folgte.
  3. Textkritik: in ihren Wipfeln (auf Zypressen) - Im Heb. beroschim („auf den Zedern“). LXX setzt aber sinnvoller voraus, dass der Urtext beroscham („auf ihrem Haupt“, d.h. „in ihren Wipfeln“) lautete. Dem folgen z.B. auch CTAT; Deissler 1989, S. 407; Kissane 1954, S. 154; Krüger 2010, S. 26: Die Einführung einer zweiten speziellen Baumart liegt poetisch nicht sehr nahe und eine Verlesung der beiden (ursprünglich wohl ohnehin gleich geschriebenen) Worte ließe sich leicht damit erklären, dass „Zedern“ und „Zypressen“ als zwei Edelhölzer häufig in Kombination erwähnt werden, s. etwa 1 Kön 5,8.10; Jes 14,8; Jes 37,24; Ez 27,5 u.ö.
  4. Jeremia 22,23; Ezechiel 17,23

18 Die hohen Berge [sollen] den Steinböcken [gehören],Die Felsen den Klippdachsen Zuflucht [sein].

19 Er machte den Mond für Festzeiten,1 2Die Sonne kennt ihren Untergang.3 4

  1. für Festzeiten - nämlich zum Anzeigen derselben: Noch heute orientiert man sich im Judentum zur Bestimmung der Festzeiten an einem Mondkalender. Zur Bed. „Festzeiten“ vgl. Rudolph 2003.
  2. Genesis 1,14; Psalm 8,3; Jesus Sirach 43,6
  3. kennt ihren Untergang - d.h. sie weiß, wann oder wo sie unterzugehen hat.
  4. Ijob 38,12; Psalm 136,7; Jeremia 31,35

20 Du willst Finsternis setzen,Es soll Nacht werden,1 2In ihr sollen alle Waldtiere schleichen (pirschen):

  1. tFN: 20ab - Häufig nach JM §167a als temporales Satzgefüge übersetzt: „Setzt du Finsternis, wird es Nacht“; „und es soll werden“ für „dann wird es“ soll eine „seltene und poetische“ Konstruktion für solche Satzgefüge sein (ebd.). Das ist aber bei keiner von Joüons Parallelen (notwendig) so: Mic 7,10; Sach 9,5 sprechen klar üble Wünsche aus; ähnlich Ps 146,4. In Ijob 19,18; Ps 40,6; Ps 139,8f. sollen die Kohortativ nur ähnlich wie ein historisches Präsens die Dramatik stärken, z.B.: „Ich will mir die Unterwelt betten - doch du bist da!“Auch das Jussiv lässt sich aber ja problemlos so verstehen wie die vorigen Yiqtols: Sie sollen anzeigen, dass auch die Nacht (ebenso wie der Tag, V. 22) und das Wimmeln von Waldtieren Gottes Willen unterliegt. Von 20a auf 20b liegt dann zusätzlich zum P-Shift also auch ein D(iathesen)-Shift vor.
  2. Psalm 74,16; Jesaja 45,7

21 Die Junglöwen brüllen nach Beute, Um zu fordern von Gott ihre Speise. 1

  1. Ijob 38,39; Psalm 34,11; Psalm 147,9; Amos 3,4; Joel 1,18

22 Die Sonne soll scheinen,Sie sollen sich sammeln und in ihre Höhlen legen.1

  1. Löwen sind in der Antike noch häufiger als nachtaktive, in (Gebirgs-)höhlen wohnende Tiere vorgestellt; vgl. für die Bibel noch Ijob 38,40; Hld 4,8; Am 3,4; Nah 2,13. Auch in einem ägyptischen Spruch zum Schutz des Horus heißt es: „Der Schutz des Horus ist der Löwe in der Nacht, der im Westgebirge umherzieht“ (TUAT II/3, S. 369). Ähnlich auch in Griechenland, z.B. bei Herodot (Hdt 7.125f: „Nachts [vom Gebirge] herabkommend und ihr Reich zurücklassend fielen sie (=die Löwen) weder Mensch noch Vieh an; nur die Kamele raubten sie).“ und in der Sage vom nemeischen Löwen, der nach Diod 4.11.3f. in einer Höhle haust. Jensen 2016, S. 79 erwägt daher gar, ob zu dieser Zeit der schon lange ausgestorbene Höhlenlöwe vielleicht noch lebte. Zur Verortung des Löwen in den Wald vgl. noch Jer 5,6; Am 3,4.

23 Der Mensch soll an sein Werk gehenUnd an seine Arbeit bis zum Abend. 1

  1. Genesis 3,19

24 Wie zahlreich (groß) [sind] deine Werke, JHWH! 1Sie alle hast du mit Weisheit gemacht! 2Voll ist die Erde mit seinem Besitz, 3

  1. Psalm 92,6
  2. Nehemia 9,6; Psalm 136,5; Sprichwörter 3,19; Jesus Sirach 43,33; Jeremia 10,12
  3. Psalm 24,1; Psalm 50,10; Jesus Sirach 16,29

25 So auch das Meer: (Dies – das Meer – [ist], dort [ist] das Meer:)1 groß und weit {die Seiten}:2 3Dort [gibt es] Gewürm4 ohne Zahl,Kleine Tiere und große. 5

  1. tFN: So auch (Dies – das, dort [ist]) - schwer erklärliche Verwendung des Demonstrativpronomens zeh. LXX, Syr, Hier, VUL und Tg übersetzen schlicht mit „Dieses Meer (ist)...“ (wofür im Heb. der Artikel ganz ausgereicht hätte), eine rein automatische Übersetzungen des Pronomens. 11QPsa streicht das Pronomen; vielleicht ein Indiz dafür, dass es dem Schreiber ebenfalls überflüssig schien.Zur Üs. mit „dort“ vgl. Ges18, S. 294; so die meisten Üss., z.B. EÜ, LUT17. Warum hier aber ein Deiktikum kommen sollte, ist ebenso wenig erklärlich. Zu „so [auch]“ vgl. HALOT, S. 264; Berlin 2005, S. 81; z.B. auch Zorell 1928, S. 181 („item mare magnum...“); ähnlich offenbar die Verwendung z.B. in Ps 24,6. Trotz der wenigen Belege für diese Verwendung wird man sich hier notgedrungen wohl hieran anschließen müssen.
  2. groß und weit {die Seiten} - d.h. „groß und weit [nach allen] Seiten“, vgl. Ges18, S. 438. Das selbe Idiom findet sich auch in Gen 34,21; Jes 22,18; Jes 33,21.
  3. Psalm 95,5
  4. Gewürm - Heb. remeß. Das Nomen und das dazugehörige Verb bezeichnen eigentlich speziell Kriechtiere und Gewürm auf der Erde; von Wassertieren aber auch in Gen 1,21; Lev 11,46; Ps 69,35. Gemeint sind hier also wohl Meerwürmer, Seeschnecken etc. und in Vv. 25f. steigert sich derart nach und nach die Größe der genannten Tiere: Gewürm - kleine Tiere - große Tiere - Leviathan.
  5. Genesis 1,20

26 Dort schwimmen Schiffe, (schwimmen dort gleich Schiffen.)1[Schwimmt der] Leviathan, den du gebildet, um mit ihm Spaß zu haben (damit er darinnen Spaß habe).2 3

  1. schwimmen Schiffe (schwimmen dort gleich Schiffen.) - die umstrittenste Stelle des Psalms. Auf den ersten Blick scheint wegen dieser Zeile in Vv. 27f. gesagt zu werden, dass Gott Schiffe füttere, und in V. 29, dass Gott nicht nur Lebewesen, sondern auch den Schiffen den Atem geben und auch nehmen könne, in welchem Falle dann die Schiffe erschrecken und sterben würden. Hinzu kommt die grammatische Schwierigkeit, dass „Schiffe“ Feminin Plural ist, das Verb „schwimmen“ aber Maskulin Plural. Die einfachste Erklärung ist die, dass die Schiffe hier metonymisch für die (vielen) Menschen auf diesen Schiffen stehen, was sich auch im Maskulinum des Verbs niederschlägt. Vermöge seiner Schiffe ist der Mensch auch ein „Wassertier“, vermöge der Größe seiner Schiffe nach dem Leviathan sogar das größte von ihnen.Alternativ ließen sich die „Schiffe“ mit Ehrlich 1905, S. 251f. als adverbialer Akkusativ des Vergleichs erklären (vgl. GKC §118r; z.B. auch Psalm 11,1; Ps 21,8; mit ähnlicher Syntax Ijob 24,4: „[Wie] Wildesel in der Wüste arbeiten [sie] in der Früh“): „Die kleinen Tiere und die großen schwimmen dort [wie] Schiffe“. Einige ältere Exegeten haben außerdem unwahrscheinliche Textkorrekturen vorgeschlagen, nämlich für onijot („Schiffe“) entweder emoth („Schrecknisse“, so z.B. Gunkel 1926; Herkenne 1936) oder taninim („Tiefe“; so z.B. Schlögl 1915; Weiser 1959), zwei Bezeichnungen für weitere Meeresungeheuer neben dem Leviathan.
  2. um mit ihm Spaß zu haben (damit er darinnen Spaß habe) - Das mythische Meeresungeheuer Leviathan (vgl. Jer 27,1) wird hier degradiert zum Schoßhündchen Gottes.Grammatisch sind beide Auflösungen möglich; nach der Parallelstelle Ijob 40,29 liegt aber die Deutung im Fließtext wesentlich näher. Vgl. auch b.AZ 3b, wo Rabbi Aricha Gottes zwölfstündiger Tagesablauf schildert: Die ersten drei Stunden studiert er die Torah, die zweiten drei Stunden beurteilt er die Welt (und weil er dabei stets erkennt, dass er sie eigentlich zerstören müsste, entscheidet er jeden Tag von Neuem, gnädig zu sein), die dritten drei Stunden ernährt er sie und die vierten drei Stunden vergnügt er sich mit dem Leviathan.Gemeint ist nicht „um ihn zu verspotten“ (Grill 1959, S. 102; so schon Athanasius); vgl. richtig Kwakkel 2017, S. 83. Ohnehin stünde dafür im Heb. das Verb im Qal statt im Piel.
  3. Ijob 40,25; Jesus Sirach 43,25

27 Sie alle warten auf dich,dass du [ihnen]1 gibst Nahrung zur rechten Zeit.2 3

  1. Textkritik: [ihnen] (wie in V. 28) findet sich zusätzlich in 11QPsa und LXX. Dass „sie“ es sind, die gesättigt werden sollen, ist aber auch so klar und das „ihnen“ aus V. 28 wirkt auch im MT zurück auf V. 27 („backward gapping“); 11QPsa und LXX explizieren also wohl nur das „ihnen“ aus V. 28 und man muss nicht von zwei unterschiedlichen Textversionen ausgehen.
  2. zur rechten Zeit - W. „zu ihrer (d.i. der Nahrung) Zeit“; ähnlich in Ps 1,3
  3. Ijob 38,41; Psalm 136,25; Psalm 145,15; Psalm 147,9

28 Du gibst ihnen (Gibst du ihnen,...) [Nahrung],1 sie sammeln [sie].Du öffnest deine Hand (Öffnest du deine Hand,...), sie werden gesättigt mit Gutem.2

  1. Nahrung / sie aus V. 27 steht hier nicht mehr explizit, ist aber klar mitgemeint. Eine ähnliche Verschränkung von backward gapping und forward gapping findet sich z.B. auch in Ob 18.
  2. sie werden gesättigt mit Gutem, wie in Vv. 13.16 die Erde von Gott „gesättigt“ wird. Eine ähnliche Gedankenverbindung findet sich explizit in PsSal 5,9f.: „Vögel und Fische sättigst du, indem du der Wüste Regen gibst, so dass grünes Gras wächst, um in der Wüste Futter für alles Lebendige zu bereiten.“

29 Du verbirgst dein Gesicht (verbirgst du dein Gesicht,...),1 sie werden vernichtet (erschrecken),Du nimmst ihren Atem (Geist), sie sterben (hauchen aus)Und zu ihrem Staub kehren sie zurück.2

  1. verbirgst dein Gesicht – Die Bedeutung dieser Redewendung ist recht eindeutig: Die Rede vom „Verbergen des Gesichtes“ findet sich häufiger in der Bibel und bedeutet wörtlich „nicht hinsehen“ (s. z.B. Ex 3,6; Ps 10,11; 51,11); in Bezug auf JHWHs Gesicht ist der Ausdruck dann sprichwörtlich geworden für einen Gnadenentzug JHWHs (s. Dtn 31,17f.20; Ps 13,2; 22,25; 27,9; 30,8; 44,25; 69,18; 88,15; 102,3; 143,7; Jes 8,17; 54,8; 59,2; 64,6; Jer 33,5; Ez 39,23f.29; Mic 3,4): JHWH verbirgt sein Gesicht vor jemandem = JHWH schaut jemanden nicht mehr gnädig an (und lässt so zu, dass Unheil über ihn hereinbricht).
  2. Zu Zeilen 2 und 3 vgl. Gen 2,7: Der Mensch ist aus Erde/Staub gebildet (Gen 3,19, 18,27; Ps 103,14) und wird erst durch die Einhauchung von Gottes Atem zum lebendigen Wesen (Pred 12,7; Jes 57,16; Jer 38,16; LXX hat daher hier wie in V. 30 „deinen Atem“ statt „ihren Atem“). Stirbt er, wird er daher nach dem Tod wieder zu „Staub“ (Gen 3,19, Ijob 10,9; 34,15; Pred 3,20), aus dem dann wieder andere Menschen entstehen können (Ijob 8,19) – der alttestamentliche „Circle of Life“, der auch in der Ringkomposition von Vv. 29f. (vgl. Renaud 1981, S. 16) zum Ausdruck kommt: „Du verbirgst dein Gesicht, sie erschrecken; : Du nimmst ihren Atem, sie sterben :: Und zu ihrem Staub kehren sie zurück. : Du sendest deinen Atem, sie werden geschaffen; Du erneuerst das Gesicht der Erde.“

30 Du sendest deinen Atem (Geist) aus, sie werden geschaffen;Du erneuerst das Gesicht (die Oberfläche) der Erde.

31 Es währe die Herrlichkeit (Pracht) JHWH s auf ewig,Es freue sich JHWH über seine Werke! 1

  1. Genesis 1,31

32 Der auf die Erde blickt, so dass sie bebt,1 2Er rührt die Berge an, sie rauchen. 3

  1. Der auf die Erde blickt, so dass sie bebt – Das Heb. hat in 32a andere Verbformen als sonst in 27-30.32b, nämlich ein Partizip („anblicken“) und ein Wayyiqtol („beben“). 32 gehört daher nicht in die Reihung in diesen Versen, wie die meisten Üss. übersetzen, sondern ist eine Umschreibung Gottes (Er ist „der, der auf die Erde blickt“) und das Wayyiqtol gibt die logische Folge dieses Blickens an („so dass sie bebt“; vgl. JM §118h). Richtig daher FREE: „Der die Erde anschaut, und sie bebt; er rührt die Berge an, und sie rauchen.“ V. 32 ist damit der exakte Gegenvers zu V. 5.
  2. Psalm 97,4; Jesaja 24,20; Jesaja 64,1; Nahum 1,5
  3. Exodus 19,18; Psalm 97,5; Psalm 144,5; Jesaja 64,2; Nahum 1,6

33 Ich will singen JHWH mein [ganzes] Leben,ich will lobsingen meinem Gott meine [ganze] Dauer, 1

  1. Psalm 145,2; Psalm 146,2

34 Möge ihm angenehm sein meine Rede (mein Sinnen),Ich will mich freuen über JHWH! 1

  1. Psalm 19,15

35 Es mögen (werden) schwinden Sünder von der ErdeUnd Frevler, von Dauer [mögen (werden)] sie nicht [sein]. Preise, meine Seele, JHWH! –Hallelujah (Preist Jah!, Preist JHWH!)!1

  1. Das bekannte Hallelujah findet sich hier das erste Mal in der Bibel und auch sonst nur im Psalter. Es kann sowohl am Ende vom Psalmen stehen (z.B. Ps 106,48) als auch am Anfang (z.B. Ps 111,1). LXX verschiebt es an den Anfang von Ps 105; dem folgen grundlos z.B. Dahood 1970; deClaissé-Walford/Jacobson/Tanner 2014; Herkenne 1936.

Chapter 109

4 Für1 meine Liebe feinden (klagen sie mich an)2 sie mich an.Aber ich [bin] Gebet (Bittgebet, Anrufung).3

  1. Auch: „Statt meiner Liebe...“ oder „Unter meiner Liebe...“
  2. Kal Impf. mit Suff. von שׂטן.
  3. Gesenius17 schlägt vor „ich bete“; vgl. S. 886. Manche schlagen wegen dieser Unsicherheit in der Überlieferung die Ergänzung לָהֶם vor: „Aber ich bete für sie.“ bzw „.Aber mein Gebet gilt ihnen.“

5 {Und} sie legen auf mich Böses statt (für) Gutes –{und} Hass (Feindschaft) statt (für) meiner Liebe:1

  1. Chiastischer Satzaufbau, der die Widersprüche in der Erfahrung des Psalms betont. In den folgenden Versen könnte es sich um die Wiedergabe der konkreten Anfeindungen handeln.

6 Übergebe ihn (bestelle für ihn)1 einem Gottlosen (Frevler)!Und ein Ankläger (Widersacher, Gegner)2 soll stehen3 auf seiner rechten Seite (zu seiner Rechten).

  1. Hif'il Imp. Sg. von פקד.
  2. Das Wort שׇׂטָן (Satan) wird hier nicht als Eigenname wiedergegeben.
  3. Kal Jussiv von עמד.

7 Während er gerichtet wird (den/einen Rechtsstreit führt)1, soll er herausgehen (hervorgehen)2 [als] ein Gottloser (Frevler),und sein Gebet (Bittgebet, Anrufung) soll werden zur Sünde.

  1. Nif'al Inf. mit Suff. von שׁפט. Da die Präposition בְּ vor Infinitiven temporal übersetzt wird, habe ich in Bezug auf Vers 6 das Präsens gewählt.
  2. Kal Jussiv, ebenso beim nächsten Verb.

Chapter 110

1 1 Von (Für; [Über den neuen]) David2. Ein Psalm (begleitetes Lied). Spruch JHWH s für meinen Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde gemacht habe zum Schemel deiner Füße.

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Das le erlaubt es zu überlegen, ob der Psalm von David geschreiben wurde oder für ihn. Wenn er von David geschrieben wurde, ist der Herr in Vers eins jemand anderes, der noch über David steht. Wenn er für David geschrieben wurde, ist er der Herr, der sich zur Rechten Gottes setzen darf. Da die im Verlauf genannten Taten dessen, der zur Rechten JHWHs sitzt, größer sind, als die eines weltlichen Königs, könnte auch der „neue David“ gemeint sein, der für die Zukunft erwartet wird (Vgl. Ez 34). In Auslegungen wird es im Christentum auf Jesus bezogen (Vgl. Credo; Mk 12,35ff parr., Hebr 7-10, 1. Kor 15,23-28)

2 Den Stab deiner Macht (deinen machtvollen Stab) wird JHWH aus Zion ausstrecken, herrsche inmitten deiner Feinde.

3 Dein Volk ist Bereitwilligkeit am Tage deiner Macht. In heiliger Pracht aus dem Schoß der Morgenröte der Tau deiner Jugend ist dein.

4 Geschworen hat JHWH und es gereut ihn nicht: Du bist Priester in Ewigkeit (für immer) nach der Weise Melchisedeks (des gerechten Königs?).

5 Der Herr/ JHWH zu deiner Rechten1 zerschmettert Könige am Tag seines Zorns.

  1. Adonai könnte auf den weltlichen Herren bezogen sein, der sich in Vers 1 zur Rechten JHWHs setzen soll. JHWH sitzt demnach zur Linken und dürfte inhaltlich nicht gemeint sein. Das Wort Adonai lässt dies aber offen.

6 Er richtet unter den Völkern, er füllt Leichen. Er zerschmettert das Haupt auf der weiten Erde.

7 Auf dem Weg trinkt er aus dem Bach, darum hebt er das Haupt.

Chapter 117

1 1 Lobt JHWH, alle Völker!Preist (ehrt) ihn, alle Stämme (Ethnien, Geschlechter),

  1. [Status: Ungeprüft]

2 denn mächtig (groß) ist uns zugunsten seine Güte (Gnade, Liebe, Gewogenheit),und JHWH s Treue (Beständigkeit, Zuverlässigkeit) hat ewig Bestand ([bleibt] für immer).Halleluja (Lobt Jah)!

Chapter 118

1 1 Preist JHWH, denn er ist gut, ewig währt seine Treue.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Es spreche Israel: Ewig währt seine Treue.

3 Es spreche das Haus Aaron: Ewig währt seine Treue.

4 Sprechen sollen, die JHWH fürchten: Ewig währt seine Treue.

5 Aus der Bedrängnis rief ich zu JHWH, JHWH erhörte mich in weitem Raum.

6 JHWH ist für mich, ich fürchte mich nicht. Was könnten die Menschen mir antun?

7 JHWH ist für mich als mein Helfer, weiden wird sich mein Blick an denen, die mich hassen.

8 Besser ist es, bei JHWH Zuflucht zu suchen, als Menschen zu vertrauen.

9 Besser ist es, bei JHWH Zuflucht zu suchen, als Fürsten zu vertrauen.

10 Alle Völker umringen mich, im Namen JHWH s aber wehre ich sie ab.

11 Sie umkreisen, sie umringen mich, im Namen JHWH s aber wehre ich sie ab.

12 Wie Bienen umkreisen sie mich; wie ein Dornenfeuer verlöschen sie, im Namen JHWH s wehre ich sie ab.

13 Du hast1 mich hart gestoßen zu fallen, JHWH aber hat mir geholfen.

  1. Unerklärlicher Subjektswechsel; LXX übersetzt Niph'al: „Ich bin gestoßen worden“

14 Meine Kraft und meine Stärke ist JHWH, und er wurde mir zur Rettung.

15 Klang des Jubels und der Rettung ist in den Zelten der Gerechten. Es macht Kraft (Heil; Gewaltiges) die Rechte (rechte Hand) JHWH s.

16 Die Rechte (rechte Hand) JHWH s erhöht, es macht Kraft (Heil; Gewaltiges) die Rechte (rechte Hand) JHWH s.

17 Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten JHWH s verkünden.

18 JHWH hat mich stark zurechtgewiesen, dem Tod aber nicht preisgegeben.

19 Macht (Tut) mir auf die Tore der Gerechtigkeit. Ich will durch sie einziehen, um JHWH zu danken.

20 Dies ist das Tor JHWH s, die Gerechten ziehen hier ein.

21 Ich will dir danken, denn du hast mir geantwortet und bist für mich zur Rettung geworden.

22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.

23 Durch JHWH ist es geschehen, wunderbar ist es in unseren Augen.

24 Dies ist der Tag, den JHWH gemacht hat, wir wollen jauchzen und uns an ihm freuen!

25 Ach JHWH, hilf! Ach JHWH, lass gelingen!

26 Gesegnet sei, wer kommt im Namen JHWH s. Wir segnen euch vom Haus JHWHs.

27 JHWH ist Gott, er gab uns Licht. Schmückt das Fest mit Zweigen bis zu den Hörnern des Altars!

28 Du bist mein Gott! Ich will dir danken, mein Gott, ich will dich erheben!

29 Preist JHWH, denn er ist gut, ewig währt seine Treue!

Chapter 120

1 1 Ein Lied der Wallfahrten (großen Aufstiege, aufsteigenden Frauen)2 Zu JHWH rief (schrie; rufe) ich in (wegen) meiner Not (Elend) und er antwortete (antwortet).

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Hier erfahren wir die Gattung des Psalms: Es handelt sich um ein Wallfahrtslied, also ein Lied, das während einer der regelmäßigen Fahrten zu den vorgeschriebenen jüdischen Festen beim „Aufstieg“ nach Jerusalem gesungen wird. Die Bibel spricht immer vom Hinaufgehen nach Jerusalem, wohl weil es auf einem Hügel liegt. Wallfahrten Bei dem Wort handelt es sich um ein Partizip fem. pl., es könnte also theoretisch „die aufsteigenden [Frauen]“ heißen. Die Bedeutung kommt aber sinngemäß der Vorstellung eines „großen Aufstiegs“ im Pl., also von „Wallfahrten“ nahe. Obwohl der Psalm als Wallfahrtslied bezeichnet wird, entspricht er in seinen Gattungsmerkmalen einem Danklied (Todah). V. 1 fasst Gottes rettendes Handeln zusammen, der Rest des Psalms beschreibt im Rückblick die Not, aus der der Verfasser gerettet wurde. Die Art der Erhörung tritt in den Hintergrund, auch erfolgt kein Aufruf zum Lob, eine Ermutigung oder ein Gelübde aus Dank (wie sonst in Dankpsalmen). Darin besteht die inhaltliche Spannung des Psalms: Der Psalmist scheint allein mit der eine Pilgerreise andeutenden Überschrift sein dankbares Gelübde auszudrücken.

2 JHWH, rette meine Person doch vor lügenden Lippen (Lippen der Lüge)1, vor einer täuschenden Zunge!

  1. lügenden Lippen Ein Constructus (Genitiv), der eine Eigenschaft ausdrückt, daher gewöhnlich als attributives Adjektiv übersetzt.

3 Was soll [man] dir geben und was soll [man] dir noch antun, [du] täuschende Zunge?

4 Die scharfen Pfeile eines Kriegers mit glühenden (brennenden) Kohlen aus Ginster1!

  1. brennende Kohlen aus Ginster Hier verstanden als Constructus (Genitiv), der das Material bezeichnet. Vielleicht sind die Reste eines verkohlten Ginsterbusches als Symbol für das Ergebnis von Gottes eingreifendem Gericht im Blick.

5 Weh mir, denn ich lebe (habe gelebt) [als Ausländer in] Meschech, ich wohne (habe gewohnt) bei den Zelten von Kedar1!

  1. Meschech und Kedar sind zwei weit auseinander liegende Regionen, Meschech liegt wohl in Kleinasien oder dem Kaukasus, Kedar in Nordarabien (so die Datenbank „Biblical Places“ in Logos Bible Software). Der Psalmist wohnt nicht an beiden Orten gleichzeitig, sondern gebraucht sie als Sinnbild der Heimatferne.

6 Lange (zu lange) hat meine Person bei (den) Friedensverächtern (Friedenshassern; Verächtern des Friedens)1 gewohnt (wohnt)!

  1. Friedensverächtern W. „Verächtern/Hassern des Friedens“, ein objektiver Constructus (Genitiv), als zusammengesetztes Nomen übersetzt.

7 Ich [liebe] Frieden (Harmonie; [bin] friedfertig), aber wenn ich spreche,1 [sind] sie für den Krieg ([bereit] zum Krieg).

  1. Man kann wohl sinngemäß ergänzen: „aber [immer wenn] ich [mit ihnen darüber (über Frieden)] spreche“. Das Verb steht im Imperfekt und ist iterativ zu verstehen, deshalb „[immer wenn]“, wohingegen der vorher erwähnte Frieden wohl als Redeinhalt gemeint ist: Die doppelte Funktion als Eigenschaftsbeschreibung und Objekt wird möglich, weil die Präposition fehlt (im Gegensatz zu „für den Krieg“). Der Psalmist ist nicht nur friedfertig gesinnt, sondern versucht auch, sich mit seinen Gegnern zu einigen.

Chapter 126

1 1 Ein Wallfahrtslied. Als zurückführte JHWH die Gefangenen Zions, waren wir wie Träumende.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Da wurde voll Lachens unser Mund und unsere Zunge [voll] Jubels. Da sagen sie in (unter) den Völkern: Große Dinge hat getan JHWH mit diesen.

3 Es hat getan JHWH große Dinge mit uns. Wir sind freudig.

4 Kehre um (wende), JHWH, unser Gefängnis1, wie die Ströme im Südland.2

  1. Ketib: שְׁבוּתֵנוּ ; Qere: שְׁבִיתֵנוּ . Lt. Gesenius ist es strittig, ob das Wort sich von שׁבה (gefangen wegführen) oder שׁוב (sich wenden, zurückkehren) herleitet. Somit heißt es entweder als Part. pass. von שׁבה „gefangen weggeführt seiend“ oder als inf. cs. von שׁוב „das Wenden, die Wendung“. Vom Kontext her würde ich für „wende JHWH unsere Wendung“ plädieren, da in diesem Psalm ja noch mehr figurae ethymologicae vorkommen.
  2. In der Lutherübersetzung von 1545 lautet dieser Vers: HErr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest!

5 Die mit Tränen Säenden - mit Jubel werden sie ernten.

6 Er geht hin1 und weinend2 trägt3 er eine Saat-Tasche. Er kommt zurück4 mit Jubel tragend seine Garben.

  1. Wörtlich: Er geht ein Gehen.
  2. Eigentlich Infinitivs absolutus.
  3. Partizip Qal maskulin Singular im Status Absolutus.
  4. Wörtlich: Er kommt ein Kommen.

Chapter 131

1 1 Ein Wallfahrtslied (Stufenlied, Reiselied)2. Von (für, über, nach Art von) David. JHWH3, mein Herz (ich)4 ist (war) nicht (nie) [mehr]5 anmaßend (hochmütig, hybrid),6 {und} meine Augen (ich)7 sind (waren) nicht (nie) [mehr] vermessen (stolz, hoffärtig, hoch erhoben) 8{und} ich gehe (ging) nicht (nie) [mehr] nach (gehe um mit, gehe in)9 [für mich zu]10 großen Zielen (Großem, großen Dingen)11 und für mich zu wunderbaren (für mich unmöglichen, zu schwierigen) Dingen. 12

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. Übersetzung unsicher. Die wahrscheinlicheren Deutungen sind diese: # מעלות wird abgeleitet von עלה gehen, reisen; ein שיר המעלות ist dann ein „Reise-“ oder „Heimkehrlied“, das die Israeliten bei ihrer Rückkehr aus dem Exil sangen. # מעלות wird abgeleitet von von מעלה Stufe; ein שיר המעלות ist dann ein Prozessionslied, das gesungen wird, während man die Stufen hinaufzieht, die zum Tempelaltar führen. # מעלות wird abgeleitet von עלה gehen, wallfahren; ein שיר המעלות ist dann ein „Wallfahrtslied“, das während der Prozession zum Jerusalemer Tempel gesungen wird. Dies ist die üblichste und wahrscheinlichste Deutung (z.B. Kraus 1961, S. XXI).
  3. Vokativ. JHWH lässt sich hier nicht mit „unser Gott/Herr“ übertragen, weil dies erstens bei einem „individuellen Vertrauenspsalm“ (Hossfeld/Zenger 2008, S. 602) nicht sehr treffend wäre, weil vor allem aber zweitens Vokative sich im Deutschen nicht mit Pronomen konstruieren lassen (so z.B. KAR zu Mt 6,9). Es ist also zu einer anderen Ersatzlösung zu greifen; s. unseren Übersetzungs-FAQ.
  4. W. „Mein Herz ist“, aber übersetze „Ich bin“ (so auch HfA, GN): das „Herz“ ist in der Bibel häufig Wechselbegriff für das Ich; bes. in Zhgg., in denen dieses Ich als „fühlende, gestimmte Person“ vorgestellt wird (s. z.B. Wolff 1973, S. 74f).
  5. In V. 1 folgt dreimal aufeinander die Folge לׂא - Verb (Qatal). Möglich wäre daher je das Verständnis (a) „Ich bin nicht X“, (b) „Ich war nicht X“, (c) „Ich war nie X“. (b) und (c) sind aber recht unwahrscheinlich: V. 2a berichtet davon, dass der Psalmist „seine Seele“ (s. dort) „beruhigt und besänftigt“ hat; und dies ist wohl darauf zu beziehen, dass er auf seine Stimmung derart Einfluss genommen hat, dass die drei Attribute in V. 1 nun nicht mehr auf ihn zutreffen (vgl. Botha 1998, S. 528; Deissler 1989, S. 515; Delitzsch 1894, S. 760; Gunkel 1968, S. 563; Schmidt 1934, S. 232 u.a.) - was gleichzeitig ja heißt, dass er früher durchaus derart war. Das sollte man hier dann auch besser mit einer Übersetzung als „nicht mehr - [Präsens]“ ausdrücklich machen (zu לׂא als „nicht mehr“ vgl. z.B. Gen 17,15 mit Gen 17,5).
  6. Deuteronomium 17,20; 2 Chronik 26,16; 2 Chronik 32,25; Psalm 101,5; Sprichwörter 30,13; Ezechiel 28,2
  7. „Augen“ sind im hebräischen Sprachgebrauch Spiegel der Empfindungen (vgl. THAT II, S. 264); die „vermessenen Augen“ stehen daher häufiger pars pro toto für den vermessenen Menschen selbst (s. z.B. Jes 2,11; Jes 10,12; Ps 18,28 u.ö.). Den Sinn trifft BB: „In meinen Augen liegt keine Überheblichkeit“. Übersetze auch hier: „Ich bin nicht mehr...“; so auch HfA, GN.
  8. Psalm 18,28; Psalm 101,5; Sprichwörter 6,17; Sprichwörter 18,12
  9. (a) W. „ich gehe nicht in Dingen...“; so listen auch die meisten Lexika. (b) Fast alle Ausleger aber deuten als „umgehen mit“ (vgl. auch KBL3, S. 237; Kön, S. 79; noch Botha 1998, S. 528). (c) Einige Exegeten und Üss. deuten außerdem als „trachten/streben nach“, was zwar genau so gut als sekundäre Bedeutung von „gehen“ denkbar wäre, dann aber überhaupt kein Fundament mehr in den gängigen Lexika hätte. So aber Alter 2007; BigS; FENZ; Gerstenberger 1972; GRAIL; HER05; Kittel 1914; Kraus 1961b; NGÜ; STAD. (a) ist keine Alternative, da sinnlos; von Sinn her passt am Besten (c); am meisten Rückhalt hat (b). Trotz des geringeren Rückhalts sollte man in der LF (c) wählen.
  10. מִמֶּֽנִּי zu ... für mich ließe sich (a) nur auf Sticho 1d beziehen, dann „Ich strebe nicht nach großen Zielen / und nach Dingen, die mir zu wunderbar sind“ oder (b) auf Sticho 1c + 1d, dann „Ich strebe nicht nach Zielen, die mir zu groß / und Dingen, die mir zu wunderbar sind.“ Beide Alternativen sind hier gleich wahrscheinlich.
  11. W. „Großem“/„großen Dingen“; doch übersetze „große Ziele“ (so Deissler 1989, S. 514; ähnlich FENZ: „unerreichbare Ziele“; Gunkel 1968, S. 563: „große Wünsche“; Kraus 1961b, S. 874; NGÜ: „hohe Ziele“; GN: „weit gesteckte Ziele“). In vielen Lexika wird das nicht gelistet; es ist aber schon dann impliziert, wenn zuvor für הלך die Übersetzung „streben“ gewählt wird (s. vorletzte FN). Vgl. außerdem Jer 45,5.
  12. Römer 12,16

2 Nein, nicht [mehr]! Sondern (Gewiss, wenn nicht)1 ich habe meine Seele (mich)2 besänftigt (beschwichtigt) und beruhigt:3Wie ein entwöhntes Kind (ein Kleinkind, das Kleinkind4) auf (auf [dem Schoß], auf [den Schultern]) seiner Mutter (mir, seiner Mutter), Wie ein solches5 entwöhntes Kind (Kleinkind, wie das Kind, das auf mir ist,) [ist] auf mir meine Seele. 6

  1. (a) Nein, nicht mehr! Sondern... übersetzt die Konstruktion אם לא (eigentlich: „vielmehr, sondern“). Die Verneinungsreihe „nicht mehr... und nicht mehr... und nicht mehr... Nein, nicht mehr!“ (לא ... ולא ... ולא ... אם לא) erreicht hier ihren Höhepunkt (vgl. Beyerlin 1982, S. 35; Goldingay 2008, s. 536; Hossfeld/Zenger 2008, S. 600); das „Nein, nicht mehr!“ soll das nachbilden. Gut auch de Boer 1966; Labuschagne 2007: „On the contrary!“; Gerstenberger 1972: „Im Gegenteil!“; Terrien 2003: „Far from this!“. (b) Einige Exegeten übersetzen auch sprachlich korrekt mit „Wahrlich, gewiß“, was aber nicht gut zur Sinnlinie des Psalm passt. Bedenkenswerter: (c) Gerstenberger 2001 und schon Stevens 1895 halten V. 2a für die Protasis einer Selbstbedrohung mit unausgedrückter Apodosis („Wenn ich meine Seele nicht beruhigt habe, [dann soll...]“). Dennoch, vorzuziehen ist deutlich (a).
  2. Ebenso wie das „Herz“ in V. 1 ist die „Seele“ in V. 2 im Hebräischen ein häufiger Wechselbegriff für den Menschen selbst; bes., wenn dieser als „begehrender Mensch“ dargestellt wird (vgl. Wolff 1973, S. 25-27 („begierige Bedürftigkeit“)). Übersetze daher auch hier durchaus „Ich habe...“; so auch NL. Die Aussage, dass der Psalmist „seine Seele besänftigt und beruhigt“ habe, meint also nicht mehr, als dass er die Oberhand über sein Begehren gelernt hat: Der Psalmist hat Demut und Bescheidenheit gelernt. Vgl. gut Schmidt 1934, S. 232: „Dieses stille Gebet hat ein heißblütiger Mensch geschrieben. Es gab einmal eine Zeit, da war sein Herz voll Unruhe, voll starker Wünsche. Da konnte er kein Glück sehen, das er nicht beneidet und begehrt, da gab es keinen Aufstieg, zu dem er sich nicht stark gefühlt hätte. Das ist nun anders. Er hat sich bescheiden gelernt. Er hat sein Herz »beruhigt«.“ Schön übersetzt Terrien 2003: „Far from this! My desires are moderate and quiet.“
  3. Psalm 42,6; Psalm 42,12; Psalm 43,5; Matthäus 11,29
  4. V. 2 wird in der Exegese stark diskutiert; häufiger als Deutungen vorgeschlagen wurden: * (a) „Wie ein Entwöhntes auf seiner Mutter, / wie das Entwöhnte ist meine Seele auf/in mir.“ (die traditionelle Deutung) * (b) „Wie ein Entwöhntes auf seiner Mutter, / wie das Entwöhnte auf mir ist meine Seele“ (die aktuelle Mehrheitsmeinung*) ** (b') „Wie ein Entwöhntes auf mir, seiner Mutter, / wie das Entwöhnte auf mir ist meine Seele“ (Knowles 2006 - mit einer leichten Umpunktierung) ** (b'') „Wie das Entwöhnte auf mir, seiner Mutter, / wie das Entwöhnte auf mir ist meine Seele“ (Strawn 2012 - mit zwei leichten Umpunktierungen) * (c) „Wie ein entwöhntes Kind auf seiner Mutter, so ist entwöhnt meine Seele“ (BHS („prp“); ALB; EÜ; Gunkel 1968; H-R; Kittel 1914; Kraus 1961b; MEN; Mowinckel 1921; MÜN; NGÜ; Nötscher 1959; PAT; Schmidt 1934; STAD; TAF; Weiser 1966; ähnlich Kissane 1954) * (d) „Wie ein entwöhntes Kind auf seiner Mutter, wie ein entwöhntes Kind auf JHWH ist meine Seele“ (Herkenne 1936; vgl. auch Zorell 1928; ähnlich Dahood 1970) Für weitere Sondermeinungen mit nicht mehr als einem oder zwei Vertretern siehe Beyerlin 1982; Briggs 1907; Buttenwieser 1938; de Boer 1966; Ehrlich 1905; Goldingay 2008; Robinson 1998. Entgegen der aktuellen Mehrheitsmeinung (b) sollte man sich hier der traditionellen Deutung (a) anschließen: Die Vorstellung hinter Deutung (b) ist diese: Der Psalmist ist eine Frau, die mit ihrem Kind auf den Schultern (für eine grafische Darstellung s. Labuschagne 2012, S. 3; noch ANEP, Nr. 49; Hossfeld/Zenger 2008, S. 607) an der Prozession nach Jerusalem teilnimmt und ihren geistigen Zustand mit dem Kind auf ihren Schultern vergleicht. Als Argumente für diese Deutung werden dann i.d.R. angeführt: (1) die parallele Wortfolge von 2c und 2d und (2) die Tatsache, dass in 2cd ein „sich steigernder Doppelvergleich“ vorliegt. Das greift nicht: (1) Die Wortfolge in 2c und 2d ist sowohl bei Deutung (a) als auch bei Deutung (b) parallel (Im Hebräischen heißt es ja nach wie vor „Wie ein Kind auf seiner Mutter, / wie das Kind auf mir meine Seele“; die Hinzufügung von „ist“ ist ja nur im Deutschen nötig und darf deshalb bei der Beurteilung der Parallelität nicht berücksichtigt werden.) Außerdem ist „exakter Parallelismus“ ein Argument, das sich spätestens seit Barr 1987 nicht mehr gut anwenden lässt (so ad loc. auch Strawn 2012, S. 423-25). (2) Ein „Doppelvergleich“ ist ebenso Deutung (a); ein „sich steigernder Doppelvergleich“ wäre es überhaupt erst nach Deutung (b) und nicht einmal dort wirklich (die Determination eines Satzgliedes ist doch wohl keine „Steigerung“); dies lässt sich also schwerlich als Argument anführen. (3) Vor allem ist schwer glaublich, dass gerade für diese Sammlung - die, egal wie „Wallfahrtslied“ nun genau gedeutet werden muss (s. FN a), auf jeden Fall von vielen Pilgern singbar sein musste - ein Psalm gedichtet worden sei, der nur für einen so geringen Bruchteil der Pilger singbar wäre - nämlich nur für Pilger, die (1) Kinder dabei haben, deren Kinder (2) gerade auf ihren Schultern sitzen und deren Kinder (3) gerade zufällig mal zufrieden sind - oder, noch seltener: gerade gestillt, oder, noch seltener: gerade entwöhnt wurden (so auch Robinson 1998, S. 189). Man sollte sich daher doch besser Deutung (a) anschließen, die durchaus nicht so problematisch ist, wie das Vertreter von Deutung (b) gern darstellen: נפש meint, wie gesagt, häufig die Empfindungen eines Menschen, bes. dessen Begehren (THAT II, S. 75-80; Wolff 1973, S. 33). Und die Präposition על gibt ja nicht nur lokative Relationen an, sondern kann z.B. (oft) auch angeben, dass solche Empfindungen „auf einem“ sind, d.h. von jemandem empfunden werden (s. z.B. Ges18, S. 963). „Wie ein entwöhntes Kind ist meine Seele auf mir“ meint also einfach „Ich fühle mich im Hinblick auf mein Begehren wie ein entwöhntes Kind“, also „Ich habe Selbstbescheidung gelernt“. So wohl auch Terrien 2003: „My desires are like those of an infant“. Das ist ja auch die Bedeutung, die Vertreter von Deutung (b) aus dem Satz herauslesen; Deutung (a) hat aber nicht die obige Schwierigkeit (3) und ist daher recht sicher vorzuziehen. Gelegentlich wurde eingewandt, dass dann aber ja die Präposition על in beiden Stichos unterschiedlich verwendet würde. Dabei steht im ersten Sticho gar nicht על, sondern עֲלֵי, eine poetische Nebenform von על - im zweiten Sticho dagegen wird „gewöhnliches“ על verwendet. Eine unterschiedliche Verwendung wäre nicht etwa problematisch, sondern würde diese beiden unterschiedlichen Formen überhaupt erst erklären. Deutung (c) basiert auf einer Emendierung: das zweite כגמל wird emendiert zu תגמל; Deutung (d) versteht das Jod in עָלַי als Abkürzung von JHWH. Beides ist unnötig. * Hossfeld/Zenger 2008, S. 599 geben diese Deutung noch als Minderheitenmeinung aus; aber mittlerweile wird sie vertreten von Allen 1983; BB; Brueggemann/Bellinger 2014; Christensen 2005.131; Crow 1996; Hossfeld/Zenger 2008; Labuschagne 2007; Labuschagne 2012.131; Limburg 2000; Miller 1993; Piras 2011; Quell 1968; Seybold 1978; Trebolle Barrera 1999; Zenger 2006 - bei dieser Vielzahl an Exegeten wird man sie wohl als die aktuelle Mehrheitsmeinung werten müssen.
  5. W. wie das entwöhnte Kind, doch übersetze „wie ein solches entwöhntes Kind“ (so auch Fokkelman 2003: „like such a weaned child is my soul upon me“): das Substantiv ist hier wohl nur determiniert, weil schon einmal auf es Bezug genommen wurde (vgl. z.B. A-C §2.6.1; ad loc. Fokkelman, S. 232).
  6. Deuteronomium 1,31; Matthäus 18,3

3 Warte (hoffe)1 [auch du]2, Israel, auf JHWH - 3 von nun an und für immer!4

  1. „auf Gott warten“ = hebräisches Idiom für „auf ein künftiges Heilshandeln Gottes hoffen/vertrauen“ (THAT I, S. 728f). Hier wirkt es zusammen mit den Verben aus V. 2; gut daher Botha 1998, S. 529: „geduldig sein“, „seine Ungeduld zügeln“; GN, GNT, GUAR, HfA: „vertraue dem Herrn“; Zink: „Verlaß dich auf den Herrn“.
  2. Der Zhg. von V. 2 und V. 3 ist wohl der, dass die demütige Selbstbescheidung des Psalmisten auch Israel anempfohlen wird (so z.B. auch Alter 2007; Botha 1998). Sehr gut daher BB: „So soll auch Israel auf den HERRN warten“; ähnlich auch schon Saadja („Ebenso soll Israel auf Gott geduldig warten“ (Üs. nach Schreier 1904, S. 19)).
  3. Psalm 43,5; Psalm 62,1; Psalm 115,9; Psalm 130,7; Jesaja 26,4; Jesaja 30,15; Klagelieder 3,26; Zefanja 3,12
  4. Psalm 113,2; Psalm 115,18; Psalm 121,8; Psalm 125,2; Jesaja 26,4

Chapter 133

1 1 Ein Lied der Wallfahrten (großen Aufstiege, aufsteigenden Frauen)2. Von (Für) David. Siehe wie gut und wie schön es ist, wenn Brüder einträchtig zusammen (beieinander) wohnen (siedeln).

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Hier erfahren wir die Gattung des Psalms: Es handelt sich um ein Wallfahrtslied, also ein Lied, das während einer der regelmäßigen Fahrten zu den vorgeschriebenen jüdischen Festen beim „Aufstieg“ nach Jerusalem gesungen wird. Die Bibel spricht immer vom Hinaufgehen nach Jerusalem, wohl weil es auf einem Hügel liegt. Wallfahrten Bei dem Wort handelt es sich um ein Partizip fem. pl., es könnte also theoretisch „die aufsteigenden [Frauen]“ heißen. Die Bedeutung kommt aber sinngemäß der Vorstellung eines „großen Aufstiegs“ im Pl., also von „Wallfahrten“ nahe.

2 Wie gutes Öl auf dem Kopf (Haupt), das auf den Bart hinunter (herunter) fällt (läuft, rinnt),auf den Bart Aarons,der herunter (hinunter) fällt (läuft, wallt) auf den Saum (Mund) seiner Gewänder

3 Wie der Tau des Hermon, der herunter (hinunter) fällt (läuft, rinnt) auf die Berge Zions.Denn dort hin befiehlt JHWH den Segen, Leben bis in Ewigkeit (für immer).

Chapter 134

1 1 Ein Lied der Wallfahrten (großen Aufstiege, aufsteigenden Frauen)2. Siehe (Wohlan, Auf), preiset (segnet, lobet) JHWH,alle Diener (Knechte, Sklaven) JHWH s,die im Haus JHWHs stehen (die Stehenden) in den Nächten.

  1. [Status: Ungeprüft]
  2. Hier erfahren wir die Gattung des Psalms: Es handelt sich um ein Wallfahrtslied, also ein Lied, das während einer der regelmäßigen Fahrten zu den vorgeschriebenen jüdischen Festen beim „Aufstieg“ nach Jerusalem gesungen wird. Die Bibel spricht immer vom Hinaufgehen nach Jerusalem, wohl weil es auf einem Hügel liegt. Wallfahrten Bei dem Wort handelt es sich um ein Partizip fem. pl., es könnte also theoretisch „die aufsteigenden [Frauen]“ heißen. Die Bedeutung kommt aber sinngemäß der Vorstellung eines „großen Aufstiegs“ im Pl., also von „Wallfahrten“ nahe.

2 Hebt eure Hände zum Heiligtum (in Heiligkeit)1und preiset (segnet, lobet) JHWH.

  1. Hier steht nur das Substantiv, das sowohl Heiligkeit, als auch Heiligtum bedeuten kann - ohne Artikel und ohne Präposition, die eine eindeutigere Übersetzung ermöglichen würde.

3 JHWH möge dich segnen (preisen, loben)1 vom (aus) Zion,der Himmel und Erde gemacht hat.

  1. Hier steht die gleiche Wurzel im gleichen Stamm, wie in den ersten zwei Versen, diesmal jedoch mit anderem Subjekt. In allen drei Versen steht ברך im Piel, in den ersten zwei Versen als Imparativ, hier nun als Imperfekt 3. Sg. m. (+Suffix 2.Sg), die gleichzeitig ein Jussiv sein kann. Ausgehend von der ersten möglichen Form könnte entsprechend auch „JHWH segnet (preist, lobt) dich...“ übersetzt werden.

Chapter 138

1 1 Von (für, über, nach Art von) David. Ich will dich mit (von) meinem ganzem Herzen preisen (preise, werde preisen), gegenüber (vor) Göttern ([der] himmlischen Versammlung, Gott; in deinem Tempel)2 will ich ich dir lobsingen (ein Lob auf dich singen, dir musizieren; singe, werde singen)!3

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. gegenüber (vor) Göttern ([der] himmlischen Versammlung, Gott) Mit dem Wort אֱלֹהִים ist hier nicht wie so oft Gott gemeint. Der ist ja schon Angesprochener, zudem wird er in Ps 138 immer JHWH genannt, und die Erwähnung der Gebetsrichtung (V. 2), der Könige der Welt (V. 4) und hier der Götter (vgl. auch Davidson 1889, S. 105) wollen als bewusst gestreute Hinweise darauf verstanden werden, dass der Beter nicht zuhause in Israel oder gar im Tempel ist. Die LXX übersetzte den oft als Gottestitel gebrauchten Plural von אֵל „Gott“ hier, streng monotheistisch, als „Engel“, aber die gebrauchte Präposition hat eine trotzige Konnotation (so Kraus 41972, 911). Auch die Wendung mit meinem ganzem Herzen, die das Sch'ma Israel, das Bekenntnis zu Gott als dem einen Gott aus Dtn 6,4-5, in Erinnerung ruft, wirkt wie eine Kampfansage. Der Kontext spricht deshalb dafür, von anderen Göttern auszugehen, denen gegenüber als Trotzhandlung der Beter gerade zum einen, zum wahren Gott Israels betet. vgl. Gerstenberger 2001, S. 397f: „The second colon of this line (v. 1c) mentions »gods,« here an indeterminate plural form, apparently as onlookers [...]. His or her sacrifice to Yahweh shall be observed by (lesser? powerless?) other gods. According to Gunkel (p. 583), ancient Near Eastern prayers employ the same concept of praising a particular god who helped while other gods witness the ritual.“ Alternativ: „in deinem Tempel“: נֶגֶד אֱלֹהִים vor Gott müsste hier verstanden werden entweder als Vokativ („vor dir, Gott“) oder als (bedeutungsloser) P-Shift, der ins Deutsche ebenfalls als „vor dir, Gott“ übertragen werden müsste. „Vor Gott“ würde sich dann (wie oft; s. Ps 100,2; FN f) auf den Tempel beziehen. Vgl. ad loc. Ehrlich 1905, S. 359; SS, S. 41.
  3. 1 Korinther 11,10

2 Ich will mich in Richtung (in1) deines heiligen Tempels niederwerfen (beten, mich verbeugen; werfe mich nieder, werde mich niederwerfen)und deinen Namen (dich)2 für deine Liebe (Güte, Gnade, liebende Treue, Bundestreue)3 und {für deine} Treue (Verlässlichkeit, Ehrlichkeit) preisen (bekennen, danken; preise, werde preisen),4 denn (dass, ja) du hast dein Wort (Versprechen) noch über all dein Ansehen (Namen) hinaus bekannt gemacht (gerühmt, groß/erhaben gemacht; machst bekannt)!5

  1. אֶל hat nicht nur direktionale, sondern auch lokale Bedeutung; vgl. z.B. CDCH, S. 18; ad loc. auch Buttenwieser 1938, S. 686; Ehrlich 1905, S. 359; Grünewalder
  2. Besonders im Kontext von Aussagen über JHWH steht sein „Name“ meist metonymisch für JHWH selbst; man bezeichnet so JHWH „im Menschenmund“.
  3. Liebe (V. 2), Güte (V. 8) Hebr. חֶסֶד bezeichnet tief verbundene Zuwendung, loyale Freundlichkeit, den wohlwollenden, durch Verbindlichkeit geprägten Ausdruck von Liebe, Wohlwollen, Gnade. Die genaue Konnotation hängt vom Kontext ab (zu Einzelstellen s. Stoebe 62004, 600-621; Harris 1980, 305-7). Stoebe übersetzt zunächst „Güte“, gebraucht anschließend jedoch meist „Freundlichkeit“. Harris hält „liebende Freundlichkeit/Treue“ (engl. „lovingkindness“) für sehr passend. In Ps 138,2 benutzen die deutschen Übersetzungen: „Güte“ (Lut, GNB, NGÜ), „Gnade“ (REB, Zür, SLT, NLB, Menge), „Liebe“ (HfA), „Huld“ (EÜ). Hossfeld übersetzt ebenfalls mit „Liebe“ (Hossfeld 2008, 707) [Beispiele fehlen hier noch] Ob dabei auch Verpflichtung gegenüber der gegenseitigen Beziehung eine Rolle spielt, ist umstritten. Besonders geht es dabei um die Frage, ob in den zahlreichen Texten, wo von Gottes חֶסֶד die Rede ist, seine Bundestreue gemeint ist (so seit N. Glueck, Das Wort hesed im atl. Sprachgebrauche als menschliche und göttliche gemeinschaftsgemäße Verhaltungsweise, 1927) – oder eher allgemein seine Güte, sein treues, wohlwollendes Handeln gegenüber den Menschen. Die zweite Deutung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt. So ist von Treue zum Bund an vergleichsweise wenigen Stellen ausdrücklich die Rede. Zudem gibt es etliche Stellen, an denen loyale Verpflichtung gegenüber einer Beziehung nicht gemeint sein kann. Auch Gluecks Beziehungskonzept wird heute als zu schematisch wahrgenommen; er vernachlässigte auch, dass eine zugewandte Haltung schon notwendig ist, um eine Beziehung überhaupt einzugehen – und nicht erst deren Folge ist (Stoebe 62004, 600-621; Harris 1980, 305-7).
  4. Exodus 34,6
  5. noch über all dein Ansehen hinaus bekannt gemacht D.h. „noch bekannter gemacht als deinen Namen/dein Ansehen“ (vgl. SLT, NIV). Das Hifil הִגְדִּיל mit der Präposition עַל־ (hier „über (hinaus)“, vgl. Ges17 B2d) funktioniert hier wie ein Komparativ. Die Stelle ist jedoch schwierig, weil nicht klar ist, was „über all deinen Namen hinaus“ bedeuten soll. Dieser Übersetzer hat den Namen metonymisch als Ansehen oder „Bekanntheitsgrad“ übersetzt (SLT, NIV: Ruhm). Der Name kann sich auch auf den Gottes Selbstoffenbarung (Ex 3) beziehen. Einige weitere Möglichkeiten ergeben sich, wenn man Wort, durchaus legitim, mit Versprechen übersetzt (s.u.) oder die Interpunktion des hebräischen Textes ändert, sodass man übersetzen kann: „deinen Namen und dein Wort über alles bekannt gemacht“ (EÜ, Lut, ESV, NRSV, HCSB). Einige übersetzen die Präposition עַל־ nicht als „über (hinaus)“ (Ges17 B2d), sondern als „um willen“ (Ges17 B1aβ, so Zür, NLB), aber das Hifil הִגְדִּיל wird mit dieser Präposition nirgendwo sonst so gebraucht. I.d.R. heißt es adversativ etwa „sich brüsten gegenüber“ oder „sich auflehnen gegen“ (Jer 48,26.42; Eze 35,13; Zef 2,8.10; Ps 41,10; 55,13). Diese Bedeutung könnte auch in Ps 35,26; 38,17; Ijob 19,5 vorliegen, aber der Parallelismus unterstützt jeweils eher „sich erheben über“ (in Ijob 19,5 sind beide Denotationen gleichermaßen möglich). Für die gängige Deutung können also wenigstens diese Stellen als Teilbelege dienen. Auch sie haben jedoch allesamt adversative Bedeutung (nicht wie hier komparative). Die englische NET emendiert ein Jod (שמך „dein(en) Name(n)“ zu שמיך „dein(en) Himmel“), dann heißt der Text etwas plausibler „über deinen ganzen Himmel“. Kraus 41972, 909 geht im hebräischen Text von einer Haplographie (versehentlichen Einfachschreibung) ausgeht und übersetzt „deinen Namen über den ganzen Himmel“ (ähnlich emendiert die BHS im Apparat). Wort (hier das seltenere אִמְרָה) bezieht sich entweder auf die Torah – das ist zumindest seine häufigste Denotation (vgl. Ps 119,11.158.162 u.a.; Dtn 33,9. So Hossfeld 2008, 707) –, oder es ist als Versprechen zu verstehen (etwa Ps 119,58.76.116.123; vgl. z.B. auch Davidson 1889, S. 105; Delitzsch 1894, S. 781; Ehrlich 1905, S. 359). Der Satz kann dann auf zweierlei Weise verstanden werden: „denn du hast deine Gebote noch bekannter gemacht, als es dein Name ist.“ oder „denn du hast mit deinem Versprechen noch weitaus Größeres in Aussicht gestellt, als du bisher offenbart hast.“

3 Als (An [dem] Tag, [an dem])1 ich gerufen habe (rufe), hast du mir geantwortet (antwortest du mir, hast du mich erhört)2, hast mich ermutigt (ermutigst) mit {meiner} Seelenkraft (hast mir in meiner Seele Kraft gegeben)3!

  1. Als W. eher An [dem] Tag, [an dem]. בּיוֹם bezieht sich meist nicht auf einen tatsächlichen „Tag“, sondern fungiert als unbestimmte Zeitangabe.
  2. Wenn von JHWH's „Antworten“ in Folge auf ein „Anrufen“ die Rede ist, hat es fast durchgehend die Bedeutung „erhören“.
  3. hast mich ermutigt mit Seelenkraft (hast mir in meiner Seele Kraft gegeben) Hossfeld: „du weckst in meiner Seele Kraft“, SLT: „du hast mir Mut verliehen, in meiner Seele Kraft“ Eine Frage bei der Übersetzung ist, ob die Präposition בְּ instrumental „mit“ oder lokal „in“ bedeutet. Eine weitere, was das Verb genau bedeuten soll, denn es wird nur hier in diesem Sinn gebraucht, deshalb lässt sich auch nicht genau beantworten, wie die Präposition gemeint ist.

4 Dich, JHWH, sollen (werden) alle Könige der Erde (des Landes) anerkennen (preisen, danken),1 wenn (weil) sie die Worte (Worte) [aus] deinem Mund2 gehört haben (hören),3

  1. Psalm 102,15
  2. Worte [aus] deinem Mund W. „(die) Worte deines Mundes“ (Cs.-Verbindung, Genitivus auctoris). Der Mund ist eine anthropomorphische Metonymie für Gottes Urheberschaft. Es ist unklar, ob die Worte bestimmt (also mit Artikel „die“) sind oder nicht. Inhaltlich scheint sich bei den Worten wie schon in V. 2 um die Torah zu handeln: Auch David will Gott in V. 2 schon für sein dort als Torah verstandenes Wort (anderer Begriff derselben Wurzel, s. Fn.) preisen (bzw. anerkennen! Es handelt sich um dasselbe Verb). Außerdem besteht eine relativ klare Verbindung zu Ps 119,13.72.88 wo sich gleich dreimal die Wendung „dein Mund“ auf JHWH bezieht, der wie hier als Genitiv der Urheberschaft mit biblischen Begriffen für das Gesetz in Verbindung steht (Hossfeld 2008, 708).
  3. Psalm 119,13; Psalm 119,72; Psalm 119,88

5 und {sie sollen (werden)} von (auf) JHWH s Walten (Wegen)1 singen. Wie (denn, ja) groß2 [ist] JHWH s Herrlichkeit!3

  1. Walten (Wegen) Dass JHWHs „Wege“ sein herrschendes Walten bezeichnen, geht nicht nur aus ähnlichen Formulierungen im AT hervor. Dahood (1970, 278) sieht diese Deutung auch aus ugaritischen Texten (einer dem Hebräischen verwandten Sprache) bestätigt, dort im Zusammenhang mit Königen.
  2. Wie (denn, ja) groß Dass כִּי in diesem Fall auch wie (groß) heißen kann, belegt Dahood 1970, 278f u.a. aus Gen 1,12. Hossfeld versteht 5b-6 als den Text des Liedes, den die Könige singen (V. 4), und übersetzt jeweils „ja“, nicht „denn“ (Hossfeld 2008, 703). Obwohl sich die Sache nicht abschließend klären lässt, erscheint es doch wahrscheinlicher, diese Aussage dem Psalmisten zuzuschreiben. Warum die Könige nämlich gerade singen sollten, was in V. 5b-6 steht (und mit den Unbedeutenden auch noch selbst gemeint wären), wird nicht ganz klar.
  3. Psalm 102,15

6 Obwohl (ja, denn), JHWH erhaben (erhöht) [ist],{und}1 nimmt er (sieht; wird wahrnehmen) den Unbedeutenden (Geringen, Niedrigen; Niedriges) wahr, doch (und, aber) den Wichtigen (Hochmütigen, Hohen; der Hohe) kennt (erkennt; wird kennen)(und [er ist] hoch, [aber] er kennt)2 er aus der Ferne (Entfernung; von fern).3

  1. Waw apodoseos, es dient nur dazu, den Hauptsatz nach einem Vordersatz zu markieren und muss im Deutschen gestrichen werden; vgl. vgl. Lexikon / Lemma וְ.
  2. Unbedeutenden und Wichtigen sowie zur Klammer: Die beiden Schlagwörter Unbedeutende und Wichtige bilden einen Merismus, der für die ganze Menschheit steht. Nach Hossfeld wäre jedoch sinngemäß „...doch er nimmt Niedriges wahr, und er ist hoch, aber kennt/erkennt von fern.“ zu lesen (nach Gunkel, ähnlich GNB). Der Vers beschreibt dann also nicht den Gegensatz zwischen Gottes Sicht auf Demütige und Hochmütige, wie es viele Übersetzungen verstehen (EÜ, SLT, Luther, Zür, NGÜ, REB), sondern stellt in einem doppelten Parallelismus Gottes Erhabenheit dar als derjenige, der das Niedrige wahrnimmt und (alles) von fern weiß oder erkennt. Als Begründung nennt er 1. die beiden Adjektive, für die dieser „armentheologische“ Gebrauch sonst ungewöhnlich wäre, 2. Die von den Masoreten markierte Teilung von 6b (die dort eine adversative Deutung stützen würde) und 3. Ps 113,4-6 als „sehr nahe verwandt[e]“ Parallelstelle. (Hossfeld 2008, 704f., auch Dahood 1970, 279) Diese Argumente haben Gewicht, aber zwingen nicht zu seiner Schlussfolgerung. 1. Zunächst hat Hossfeld mit seiner Beobachtung zu den Adjektiven im Wesentlichen recht, doch gibt es auch Stellen, wo sie ganz ähnlich wie hier gebraucht werden. So ist שָׁפָל „niedrig, gering“ auch in 2Sam 6,22; Ijob 5,11; Eze 21,31; Mal 2,9 meist auf Personen bezogen und scheint die Konnotation „unbedeutend, gering“ zu haben (wie in unserer Übersetzung). Ähnliches scheint bei Ezechiels „unbedeutendem Königreich“ (Eze 17,14; 29,14.15) der Fall zu sein (vgl. DBL Hebrew 9166). Auch für גָּבֹהַּ „hoch, hochmütig“ (das Hossfeld auf Gott bezieht) gibt es mehrere Belege als Bezeichnung von Menschen mit der möglichen Konnotation „hochmütig“ (so Ijob 41,26; Eze 21,31; Jes 5,15). Dabei ist in Eze 21,31 der Gegensatz derselbe wie hier (auch in Jes 5,15; 10,33; dort wird statt dem Adjektiv שָׁפָל „niedrig, gering“ das Verb שׁפל gleicher Wurzel gebraucht). An diesen drei Stellen und gerade in Koh 5,8 ist es aber auch plausibel, גָּבֹהַּ nicht polemisch als „hochmütig“, sondern eher als „hoch“ im Sinn von „wichtig“ zu verstehen (vgl. dazu DBL Hebrew 1469; so auch unsere Übersetzung). Beide Adjektive sind also in der üblichen vertretenen Bedeutung aus anderen Kontexten bekannt. 2. Die Masoreten lebten Jahrhunderte nach den ursprünglichen Autoren und interpretierten selbst nur (wenn auch mit uns nicht mehr zugänglicher Sachkenntnis). 3. Die verbale Schnittmenge zu Ps 113,4-6 hat alleine wenig Aussagekraft. Als Gegenargument ließen sich etwa die soeben zitierten Eze 21,31 und Jes 5,15; 10,33 anführen (so auch Allen 1983, 244). Dagegen spricht zudem, dass Hossfeld in der letzten Zeile eine sinngemäße adversative Konjunktion („doch“) ergänzen muss. Zudem hinge das Prädikatsadjektiv „und hoch“ ohne Subjekt oder Prädikat elliptisch in der Luft. Man kann das Kolon zwar so verstehen, aber die gängige Übersetzung liegt näher. Diese mehrheitlich bevorzugte Übersetzung wird deshalb zunächst beibehalten.
  3. Psalm 102,15

7 Wenn (Auch wenn, obwohl) ich mitten in (durch) Gefahr (Schwierigkeiten, Bedrängnis, Gefahr) hineinlaufe (stecke, mich befinde; hineinlaufen werde),1 bewahrst du mein (erhältst du mich am; wirst/mögest du bewahren) Leben trotz der (Gegen die) Wut meiner Feinde! Du streckst deine [linke] Hand aus (wirst/mögest ausstrecken),2 und deine rechte Hand rettet mich (hilft mir; wird/möge mich retten)!3

  1. mitten in Gefahr W. „in die/der Mitte von Schwierigkeiten“ (Cs.). צָרָה bedeutet gewöhnlich Schwierigkeiten (Hebr. Sg, Übers. Pl., früher häufig „Bedrängnis“) Der Parallelismus mit „Feinde“ zwei Zeilen weiter lässt jedoch auf die konkrete Konnotation Gefahr oder sogar „Widersacher“ schließen (Dahood 1970, 280f.). hineinlaufe (stecke) Die beiden Varianten versuchen den Unterschied zwischen „mitten in“ und „(von außerhalb) in … hinein“ wiederzugeben. Das Hebräische macht diesen Unterschied nicht. hineinlaufe/mögest, wirst hineinlaufen In den beiden Schlussversen ist es rein aus dem Redeinhalt wahrscheinlich, dass der Verfasser Gottes bewahrendes Handeln im Indikativ (durativ/Präsens oder Futur) als real beschreibt (wie in der Übersetzung), aber das benutzte Yiqtol kann auch als Bitte („möge/mögest“) verstanden werden (Weber 2003, 339). Die vorhandene Zweideutigkeit deutet dieser Übersetzer folgendermaßen: Der Beter macht an dieser (schon einmal gemachten) Erfahrung fest, dass Gott ihn unterstützt, und bittet dabei gleichzeitig für die Zukunft um eine ähnliche Erfahrung. (Dahood 1970 interpretiert den Psalm in einem militärischen Kontext und übersetzt Vv. 7-8 konsequent als Bitte).
  2. bewahrst du mein Leben trotz der Wut meiner Feinde Oder: „bewahrst du mein Leben. Gegen die Wut meiner Feinde streckst du deine Hand aus...“ Aber weil Gefahr am Zeilenende steht, darf man das auch von dem parallelen Feinde erwarten. Daran kann man erkennen, dass die Wut meiner Feinde noch zur zweiten Zeile gehört und nicht an den Anfang der dritten. V. 7 ist also Vierzeiler (Dahood 1970, 280f.; vgl. Hossfeld 2008, 703f.). [linke] Hand steht parallel zur rechten Hand in der nächsten Zeile, daher steht es insbesondere für die linke Hand. Auch in V. 8 hat Gott anthropomorphisch beide Hände zur Schöpfung gebraucht (Dahood 1970, 281).
  3. streckst deine Hand aus und deine rechte Hand rettet mich stehen metonymisch für Gottes anthropomorphisch dargestelltes Eingreifen. streckst aus W. „sendest“, das ist ein Idiom für das Ausstrecken der Hand (vgl. Esr 6,12). rettet mich Dahood 1970, 281 weist darauf hin, dass deine rechte Hand rettet mich auch als „du rettest mich [mit] deiner rechten Hand“ übersetzt werden könnte, die 3.Sg.f. Hifil von ישׁע kann man nämlich auch als 2.Sg.m. verstehen.

8 JHWH wird meine Sache führen (es für mich vollbringen, mich rächen; möge führen/führt meine Sache)!1 JHWH, deine Güte (Liebe, liebende Treue, Gnade, Bundestreue) [währt (reicht)] bis in Ewigkeit (ewig)! Die Werke (das Werk, Wirken) deiner Hände gib (Du wirst aufgeben; lass im Stich, lass ab von, lass fallen) niemals auf2!3

  1. meine Sache führen Nach Hossfeld 2008, 704. es für mich vollbringen nach SLT, mich rächen nach NET/HALAT. Dahood 1970, 282 punktiert das etwas um und übersetzt „möge mich rächen, solange ich lebe“.
  2. Gib niemals auf Hossfeld 2008, 704: lass nicht ab. SLT: Lass niemals im Stich. An dieser Stelle wäre statt der modal-imperativischen Deutung des Yiqtol auch die futurische Übersetzung du wirst niemals aufgeben sehr gut denkbar.
  3. Philipper 1,6

Chapter 145

1 1 Ein Lobgesang. Von David. Ich will dich erheben, mein Gott, der König, und ich will preisen deinen Namen bis in alle Ewigkeit.

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Den ganzen Tag über will ich dich preisen und ich will loben deinen Namen bis in alle Ewigkeit.

3 Groß ist JHWH und sehr zu loben und seine Größe ist nicht zu erforschen.

4 Generation für Generation wird deine Werke rühmen und deine Machttaten werden sie verkünden.

5 Reden sollen sie von der herrlichen Pracht deiner Majestät und deine Wunder will ich erzählen.

6 Und sie sollen sprechen von der Kraft deiner furchtbaren Taten und deine Größe will ich erzählen.

7 Das Gedächtnis deiner großen Güte sollen sie wecken und deine Gerechtigkeit werden sie jubelnd preisen.

8 Gnädig und barmherzig ist JHWH, langsam im Zorn und groß an Güte.

9 JHWH ist gut gegen alle und sein Erbarmen ist über alle seine Werke.

10 Es werden dich loben, JHWH, alle deine Werke und deine Frommen werden dich preisen.

11 Sie werden von der Herrlichkeit deines Reiches sprechen und von deinen Machttaten werden sie reden,

12 Um den Menschensöhnen seine Machttaten kundzutun und die prachtvolle Herrlichkeit seines Reiches.

13 Dein Reich ist ein Reich für alle Ewigkeit und deine Herrschaft dauert von allem Geschlecht zu Geschlecht.

14 JHWH ist ein Stützender für alle Fallenden, er ist ein Aufrichtender für alle Niedergebeugten.

15 Augen (von) allen warten auf dich und du gibst ihnen Speise zu seiner Zeit.

16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles Lebendige nach Wohlgefallen.

17 JHWH ist gerecht in allen seinen Wegen und treu in allen seinen Werken.

18 Nahe ist JHWH all denen, die ihn rufen, all denen die ihn in Wahrheit anrufen.

19 Er erfüllt das Verlangen von denen, die ihn fürchten. Ihr schreien hört er und er rettet sie.

20 JHWH bewahrt alle, die ihn lieben, aber alle Frevler vertilgt er.

21 Mein Mund soll das Lob JHWH aussprechen und alles Fleisch soll seinen heiligen Namen preisen bis in alle Ewigkeit.

Chapter 146

1 1 Halleluja! (Lobt JH!) Meine Seele, lobe JHWH!

  1. [Status: Ungeprüft]

2 Ich will JHWH in meinem Leben loben. Ich will Gott singen, solange ich bin.

3 Vertraut nicht auf Fürsten und nicht auf einen Menschensohn, bei dem keine Hilfe ist.

4 Sein Geist geht aus. Er geht zurück zu seiner Erde. An dem Tag gehen seine Gedanken verloren.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, dessen Hoffnung auf JHWH, seinem Gott, ist,

6 welcher Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was in ihnen ist; der, der ewiglich Treue hält.

7 Einer, der Recht schafft denen, die bedrückt werden; einer, der Brot gibt denen, die Hunger haben. JHWH befreit die Gefesselten.

8 JHWH lässt Blinde sehen. JHWH richtet Gebeugte auf. JHWH liebt die Gerechten.

9 JHWH beschützt Fremde. Waise und Witwe richtet er wieder auf. Aber den Weg der Gottlosen krümmt er.

10 JHWH wird ewig König sein, dein Gott, Zion, von Generation zu Generation. Halleluja! (Lobt JH!)

Chapter 149

1 1 Halleluja (Preist Jah, Preist JHWH)! Singt JHWH ein neues Lied,2 [singt]3 seinen Lob(-preis, Ruhm) in der Gemeinde (Truppe)4 der Getreuen (Frommen, Heiligen?)

  1. [Status: Zuverlässig]
  2. idiom. Ausdruck; vgl. z.B. auch Ps 33,3; 40,3; 96,1; 98,1; 144,9; Jes 42,10. # In Psalmenkommentaren wird es üblicherweise dahingehend verstanden, dass Jahwe etwas „Neues“ getan habe und daher nun auch ein „neues Lied“ erforderlich würde (so z.B. Gunkel 1911, S. 277; Hossfeld/Zenger 2008, S. 861; Waltner 2006, S. 709; Zenger 1987, S. 53. So auch Midrasch Tehillim: „Der Heilige, geb. sei er! sprach: So wie ich alle neuen Dinge geschaffen habe, so möget auch ihr mir ein neues Lied anstimmen, wie es heisst: Singet dem Ewigen ein neues Lied.“ (Übers. Wünsche 1893, S. 250)). # Anders Terrien, der entsprechend der üblichen Deutung des Psalms als „eschatologischen Hymnus“ auch den Ausdruck „ein neues Lied“ dahingehend versteht, dass er von der Zukunft handle (vgl. Terrien 2003, S. 924; ähnlich auch Tomes 2007, S. 247). # Wieder anders und wohl am sinnvollsten Gerstenberger 2001, S. 452, der den Ausdruck bezieht auf „a characteristic kind of hymnic presentation“, was sich allein schon deshalb nahelegt, weil der Ausdruck „ein neues Lied singen“ überdurchschnittlich häufig, nämlich in vier der obigen sechs Stellen (Ps 33,3; 98,1; 144,9; 149,3), im Zhg. mit expliziten Anweisungen zum musikalischen Vortrag steht (vgl. Tomes 2007, S. 238f.).
  3. תְהִלָתוֹ gelesen als zweites Objekt von שִירוּ; so schon Ewald; vgl. auch Ehrlich 1905, S. 391; Gerstenberger 2001, S. 452. Eine Ergänzung von „erschalle“ o.Ä. (so EÜ; Herder; Kraus 1961b, S. 965; Nötscher 1959, S. 290) ist ganz unnötig.
  4. vgl. Hossfeld/Zenger 2008, S. 855: „Das Wort קהל »Versammlung« hat von seiner Verwendung her sowohl militärische (der Heerbann, das Aufgebot) wie kultische (Gemeinde) Konnotationen.“; daher der sekundäre Übersetzungsvorschlag „Truppe“. Entsprechend wird dann auch das Chasidim (i.d.R.: „fromm“, auch: „loyal“) mit einem „militärischeren“ Begriff übertragen; meist eben „Getreue“ (so NeÜ, SLT, ZÜR, Deissler 1989, Hossfeld/Zenger 2008, Zenger 1987), obwohl es auch von diesen dann i.d.R. als Ausdruck für die versammelte Kultusgemeinde verstanden wird. LUT84, TAF und Goulder 1998 haben „Heilige“, warum auch immer.

2 Israel soll sich seines Schöpfers1 freuen, ob ihres Königs sollen Zion’s Söhne (Kinder) frohlocken(jubeln, jauchzen).

  1. Plural im Hebräischen; vermutl. pluralis majestatis (vgl. Dahood 1970, S. 356; Hossfeld/Zenger 2008, S. 855; Kraus 1961b, S. 965; ähnlich auch schon Paulus 1815, S. 594). Allerdings gibt es auch Exegeten, die die Existenz eines Hoheitsplural im Hebräischen ganz grundsätzlich anzweifeln.

3 Sie sollen seinen Namen (ihn)1 preisen mit (im2) Tanz (Reigen, Isisklapper?3), mit Tamburin und Zither sollen sie ihm spielen,

  1. Der „Name Gottes“ steht in der Bibel fast stets metonymisch für Gott selbst; man bezeichnet damit „Gott im Menschenmund“. Übersetze daher: „Sie sollen ihn preisen“.
  2. häufig wiedergegeben als beth locale - „im Tanz“. Allerdings ist das direkt darauf folgende בְתׁף וְכִנוֹר, ebenfalls mit der Präposition Beth, zu auffällig, als dass es hier je unterschiedlich gelesen und übersetzt werden dürfte. „Der Reigen war, wie die Musik dazu, Gottesdienst und gehörte somit zum Lobe JHVHes.“ (Ehrlich 1905, S. 392) Noch signifikanter ist es, wenn man die nächste Fußnote miteinbezieht.
  3. zu מָחוֹל als Bezeichnung für ein Instrument vgl. Greswell 1873, S. 267 („Pfeife“); TUR („Schalmei“); Zorell 1928, S. 259f („Isisklapper“) nach Syr („Zimbeln“); vgl. v.a. noch Ps 150,4. Vom Parallelismus her liegt das an beiden Stellen tatsächlich auch nah, aber s. Ps 30,12 (*„Du hast mein Klagen in Isisklappern verwandelt“); Klg 5,15 (*„Unsere Isisklappern haben sich in Klagen verwandelt“).

4 Denn (Ja!, damit?)1 JHWH hat Wohlgefallen an seinem Volk, die (seine)2 Unterdrückten (Gebeugten, Niedrigen, Demütigen, Armen, Hilflosen, Duldern) schmückt (verherrlicht, krönt?)3 er mit ([seinem])4 Sieg (Heil, Rettung).

  1. Das כִי ließe sich lesen # als kausales כִי: „denn“; V. 4 wäre dann eine „gattungstypische hymnische Begründung“, mit der der Grund für eine Doxologie angegeben wird (so etwa Hossfeld/Zenger 2008, S. 864; Kraus 1961b, S. 965 u.ö.) - allerdings dient die Formel „X preist Y, denn“ eigentlich standardmäßig als Dankesformel (=„X dankt Y für X“), nicht zur Begründung einer Doxologie (vgl. z.B. Lande 1949, S. 106f.). # Besser ist daher als emphatisches כִי zu deuten, das hier gattungstypisch die „hymnischen Affirmation“ einleitet (vgl. Gerstenberger 2001, S. 454; ein gutes Beispiel findet sich in Ps 135,14): „Ja!“, „Oh“; im Deutschen dann aber besser auszusparen. # Unter Umständen wäre außerdem möglich, das כִי hier final zu lesen. Diese Verwendung von כִי ist unsicher; vgl. aber HALOT zu 1Chr 21,18 (dagegen aber z.B. Schoors 1981, S. 255); dann auch Ps 17,6 (R-S: „So rufe ich zu Dir, daß Du mich, Gott, erhörest! / Neige Dein Ohr zu mir! Auf meine Rede höre“); 25,15 (SLT51: „Meine Augen sind stets auf den Herrn gerichtet, daß er meinen Fuß aus dem Netz ziehe.“); 86,7 (R-S: „In meiner Notzeit rufe ich zu Dir, daß Du mich hörest.“) u.ö.; so wohl auch das protosemitische Etymon k-; vgl. seine Kognate (-> Etymologie) im Altsüdarabischen und Ugaritischen; s. z.B. das arabische Ag. XIV 41,22: „ich rufe euch, damit ihr antwortet.“ (Üs.: Reckendorf §277).Bes. im Zhg. mit der Deutung in FN p machte das Sinn, da so beide Teile des Psalms makellos parallel laufen würden.
  2. evt. seine als double duty-Suffix (->Brachylogie) aus Sticho a zu ergänzen; so Ceresko 1986, S. 180. Im Fokus steht in diesem Sticho aber wohl v.a. der Gegensatz, dass Gott gerade den „Gebeugten, Unterdrückten“ den Sieg verleiht - und nicht, dass er ihn seinen Unterdrückten verleiht.
  3. „Krönen“ nach EÜ, HER, MEN, NL, Christensen 2005.149; Gunkel 1911; Kraus 1961b; Terrien 2003; ähnlich H-R + Schmidt 1934: „kränzen“. Dieses „Krönen“/„Kränzen“ kommt wohl von der Zusammenlesung von פאר II und פְאֵר, was aber zweifelhaft ist (vgl. z.B. Ges18, S. 1035).
  4. [seinem] evt. als double duty-Suffix (-> Brachylogie) von בְעַמוֹ zu ergänzen; vgl. FN t.

5 Jauchzen sollen die Getreuen (Frommen, Heiligen (?)) ob [ihrer]1 Herrlichkeit (Herrlichen, Mächtigen), jubeln sollen sie auf ihren Lagern2,(-)3

  1. W. auf den ersten Blick: „Die Getreuen sollen über Herrlichkeit jauchzen“. Was dann mit dieser „Herrlichkeit“ gemeint ist, ist unklar. Besser daher: Ergänze [ihre] als double duty-Suffix (-> Brachylogie) aus מִשְכְבוֹתָם (so Dahood 1970, S. 356); „Herrlichkeit“ ist hier (wie oft) ein Appelativ für JHWH (vgl. ebd; auch Boehmer 1903; Ceresko 1986; Taylor 1903; Zerr 1979); hier vermutlich (wg. dem Kontext; s. Vv. 7-9) in der Bedeutung „Macht“ (vgl. FN k zu Ps 3,4; Brettler 1993, S. 140). Übersetze also statt „Herrlichkeit“ besser „ihren Mächtigen“.Alternativ - aber wesentlich unwahrscheinlicher - ließe sich dieses Suffix auch textkritisch im hebräischen Text ergänzen (so Gunkel 1911, S. 338) oder das Jod des auf כָבוֹד folgenden יְרַנְנוּ als Haplographie der Abkürzung 'י für den Gottesnamen JHWH lesen, also „die Herrlichkeit JHWHs“ (so König 1903, S. 383; wohl auch Christensen 2005.149, S. 1).
  2. Die „Lager“ sind mysteriös. Am überzeugensten ist die Deutung von Ceresko 1986, S. 186f.: Wg. der Parallelität von Vv. 1.5 sind die „Lager“ mit der „Gemeinde der Getreuen“ in V. 1 zu vergleichen; beides gemeinsam konstituiert dann einen Merismus mit der ungefähren Bedeutung „öffentlich und privat“. Alternativ wurde vorgeschlagen, die Lager stünden hier für # „Privat-Ruhelager“; d.h. für den Ort, an dem man seinen intimsten Gefühlen Ausdruck gibt (so z.B. Dahood 1970; Gerstenberger 2001; Waltner 2006) # „Ruhelager von Kriegern“ (die sich des Nachts von ihrem Kampf erholen) (so z.B. Nötscher 1959; auch BB („Feldbetten“)) # „Gebetsteppiche“ bzw. allgemein „Ort, wo man sich niederwirft/liegt“ (so z.B. Allen 1983; Deissler 1989; Zenger 1987) # „Gräber“ (so z.B. Füglister 1987; Loretz 2002, S. 361). # Ebenfalls häufig vertreten wurde die Meinung, die „Lager“ stünden schlicht dafür, das etwas bis spät in die Nacht hinein / sehr lange / ohne Unterlass getan würde (so z.B. Alter 2007; Ehrlich 1905; Hossfeld/Zenger 2008; auch BB; GN; R-S; HfA; NET; NL).
  3. V. 6 ist entweder (a) eine Explikation zu V. 5 („Jubeln sollen sie auf ihren Lagern - Loblieder auf Gott in ihrem Mund und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand - ...“, d.h. „Sie sollen auf ihren Lagern jubeln und dabei Loblieder auf Gott in ihrem Mund und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand haben“) oder steht (b) als verbloser Satz auf gleicher Ebene mit V. 5; ergänze dann je eine jussive Kopula in Vv. 6a.b. (b) ist vorzuziehen, denn wahrscheinlich sind die „Lager“ - gesetzt, man interpretiert nicht als „Feldbetten“ - ein eher untypischer Ort, um dort ein Schwert zu schwingen.

6 Loblieder (-preisungen, Rühmungen) Gottes (auf Gott) [sollen sein] in ihrer Kehle (ihrem Mund, singend) Und (gleich einem, (und) das ist)1 ein zweischneidiges (scharfes) Schwert [soll sein] in ihrer Hand,(-)

  1. Das ו ließe sich auch lesen als Waw adaequationis (z.B. BB, Zenger 1987) oder Waw explicativum (z.B. Tournay 1985; dagegen aber Booij 2008, S. 105; Vanoni 1991). Beides würde bedeuten, dass hier nicht tatsächlich von einem zweischneidigen Schwert die Rede ist, sondern dass die „Loblieder in ihrem Mund“ nur mit einem zweischneidigen Schwert verglichen werden. Theoretisch wäre das möglich; beides sind aber starke Minderheitenmeinungen.

7 auf dass er Rache übe (zum Ausüben von Rache)1 an den Völkern (Nationen), und Strafgericht (Züchtigung)2 an den Nationen (Völkern);

  1. In Vv. 7-9 folgen aufeinander drei mit ל+Inf. cstr. konstruierte Zweckangaben, die stets übersetzt werden als „zum x-en“: V. 7ab: Zum Ausüben von Rache und Züchtigung; Vv. 8ab: Zum Binden; V. 9a: Zum Gericht-Halten. Gedeutet werden sie dann so, dass die im Psalm Angesprochen das in Vv. 5-6 Genannte tun sollten, damit sie dann auch Rache und Züchtigung üben, Könige und Adelige binden und ein Gericht halten könnten (dazu, wie z.B. theoretisch in der Tat selbst das „Tanzen“ zum Sieg beitragen kann, vgl. z.B. Oesterley 1923, S. 158f). Der damit geschilderte Sachverhalt - der nämlich, dass die „Getreuen“ mit dem Schwert ein Strafgericht an den Völkern und Nationen verüben würden -, wäre jedoch so singulär in der Bibel, dass etwa Leuenberger 2010 bis ins Henoch-Buch hinein suchen muss, um Parallelen für diesen hier vermeintlich geschilderten Sachverhalt zu finden. Sonst ist das die Aufgabe JHWHs; auch נְקָמָה Rache ist etwas, das in der Bibel typischerweise JHWH, dem „Gott der Rache“ (Ps 94,1) zugeordnet wird; vgl. Num 31,3; Ri 11,36; 1Sam 4,8; 2Sam 22,48; Ps 18,48; 79,10; Jer 11,20; 20,12; 46,10; 50,15.28; 51,11.36; Ez 25,14.17 (vgl. ähnlich Allen 1983).Sinnvoller daher: Der Inf. cstr. im Hebräischen ist apersonal, weshalb man sich den Aktanten der mit Inf. cstr. bezeichneten Handlung je aus dem Kontext erschließen muss. Für gewöhnlich führt er das Subjekt des vorangehenden finiten Verbs fort, kann aber ebenso gut Subjektwechsel einführen; s. z.B. Ri 3,4: „Und sie [=die anderen Länder] waren zum Versuchen Israel durch sie, zum Wissen ob sie die Gebote halten würden.“=„Die Nationen waren dazu da, damit er Israel durch sie versuchen könne, damit er wüsste, ob sie die Gebote halten würden.“; 1Kön 3,9: „So gib deinem Sklaven ein hörendes Herz zum Richten dein Volk, zum Unterscheiden von Gut und Böse...“=„Gib [du] deinem Sklaven ein hörendes Herz, damit er dein Volk richten könne und damit er unterscheiden könne zwischen Gut und Böse...“ u.ö. Einen solchen Subjektwechsel sollte man wohl auch hier annehmen (vgl. ebenso Allen 1983): Die im Psalm Angesprochenen sollen das in Vv. 5-6 genannte nicht tun, damit sie Rache und Züchtigung üben, Könige und Adelige binden und ein Gericht halten können - sondern damit JHWH das tut. Ps 149 verdichtet dann das in der Bibel häufige Motiv des JHWH-Kriegs (eindrückliche Beispiele z.B. in Ps 47,3-4; Jes 54,5b.14), das auch Hossfeld/Zenger 2008 im Psalm verdichtet sehen: <blockquote>„Die [...] Kriegsmetaphorik des Psalms muss vom Konzept des sog. Heiligen Krieges bzw. des JHWH-Krieges verstanden werden. In diesem ist entscheidend, dass JHWH allein den Sieg herbeiführt, während Israel als bewaffnete Formation nur zuschauen soll (vgl. Ex 14,13f.) bzw. das Kriegsgeschrei ertönen lässt (vgl. Ri 6,21f.). In der Spätzeit des Alten Testaments genügt es, wie 2Chr 20,15-24 zeigt, dass das Volk sogar »nur« Psalmen singt, damit die Feinde vernichtet werden. Dieses »Kriegsmodell« ist offensichtlich in Ps 149 vorausgesetzt, wenn die Getreuen JHWHs mit dem Schwert in der Hand die Jubellieder auf JHWH singen sollen, um so das Strafgericht über die Feinde auszulösen.“</blockquote> Übersetze daher je: „auf das er X tue“.
  2. Hossfeld/Zenger 2008, S. 868 bestimmen תּוֹכֵחָה als einen „Begriff aus der Erziehung“ wie er in der Tat v.a. im Buch der Sprichwörter verwendet wird („Zurechtweisung“ + „Züchtigung“, vgl. Spr 1,23.25.30; 3,11; 5,12; 6,23; 10,17; 12,1; 13,18; 15,5.10.31f; 27,5; 29,1.15). Andere Stellen zeigen aber deutlich, dass das Wort ebenso gut auch für ein „strafendes Urteil“ und das „Strafgericht“ stehen kann (vgl. Ijob 13,6; 23,4 (wohl nicht „Verteidigungsrede“ oder „Beweis“; der Begriff bezeichnet Ijob's Anmaßung: nun rechtet er mit Gott)), das selbst zum Tod führen kann (vgl. Ps 39,12; Ez 25,17 (wie hier || נְקָמָה Rache); Hos 5,9). Das ist sehr sicher auch in diesem Kontext seine Bedeutung.

8 auf dass er binde (zum Binden) ihre Könige (Herrscher) mit Fesseln (Handschellen), und ihre Fürsten (Adeligen, Edlen, Beamten) mit eisernen Ketten (Fußketten);

9 auf dass er Gericht halte (spreche, zum Gericht-Halten, zum Halten von geschriebenen Recht)1 wie geschrieben [steht]2. Er (Das)3 ist (bringt) Ehre (Herrlichkeit, Pracht, Ruhm, der Mächtige) seinen (für seine, seiner) Getreuen (Frommen). Halleluja (Preist Jah, Preist JHWH)!

  1. Übersetzungsalternativen nach Hossfeld/Zenger 2008, S. 857.
  2. W.: „um an ihnen zu vollziehen geschriebenes Recht“; „wie geschrieben steht“ ist die Standard-Übersetzung. Der Sinn dieser Phrase ist unklar; vermutlich ist sie entsprechend der Wendung כַּכָּתוּב („wie geschrieben steht“) zu verstehen - einer Hinweisformel, mit der man sich in der Bibel standardmäßig auf bereits existente, normative Stellen aus der heiligen Schrift bezieht (vgl. Donner 1994, S. 234); hier also vermutlich sinngemäß: „wie prophezeit wurde“, „gemäß der Prophezeiungen“.
  3. Drei mögliche Deutungen lässt dieser Vers zu. # Die Mehrheitsdeutung: All das zuvor geschilderte, von den „Getreuen“ erreichte, bringt ihnen oder ist ihre Ehre/Ruhm; Übersetzung: „Das bringt seinen Getreuen Ruhm.“ o.Ä.; vgl. z.B. Gerstenberger 2001, S. 455. - Das Problematische an dieser Deutung ist, dass damit gerade in einer Doxologie Gottes ein Motiv, das öfter im Zhg. mit Gott verwendet wird (vgl. z.B. Jes 2,10.19.21; s. auch THAT I, S.471f.) hier sogar mit dem selben Vokabular auf seine „Getreuen“ übertragen würde. Vorzuziehen ist daher: # „Er (=JHWH) ist ihr Mächtiger“; V. 9b greift dann noch einmal den Gedanken aus V.5a auf: JHWH ist der Mächtige seiner Getreuen. Ähnlich z.B. Bernfeld; B-R; Hossfeld/Zenger 2008, S. 855; RVmg; TUR; Zunz; Zenger 1987, S. 53. # „Er (=JHWH) ist ihre Herrlichkeit“ i.S.v. „JHWH ist herrlich und an dieser Herrlichkeit haben auch seine Getreuen teil“; vgl. die (sehr freie) Übersetzung der BB: „So zeigt sich sein Glanz in der Welt. / Alle seine Frommen haben daran teil.“ Dieses Verständnis - dass an der Herrlichkeit JHWH auch die Menschen teilhaben - ist in der Bibel recht häufig, vgl. Ps 21,6; 45,4f; Spr 14,28; Klg 1,6; Ez 16,14; Mi 2,9; dazu und ad loc. auch THAT I, S. 472.V. 9 wäre so die Wiederholung gleichzeitig der Verse 4b und 5a, was gut zur Struktur des Psalmes passt. Noch besser klänge es mit Vers 4b zusammen, wenn man auch dort (s. FN k) ein double duty-Suffix läße: Mit seinem Sieg verherrlicht JHWH (auch) seine Getreuen. Vorzuziehen ist hier aber wohl wg. dem Kontext (s. Vv. 7-9) Variante 2.