Chapter 1
1 1 Das erste Buch2 {zwar}3 habe ich (gemacht =) verfasst von allem, (o) lieber Theophilos, was Jesus {begann}4 tat und lehrte,
- [Status: Ungeprüft]
- λόγος heißt hier „Buch“; Lukas bezieht sich auf das Evangelium. πρῶτος λόγος ist der erste Teil eines mehrbändigen Werkes.
- Ein „μέν solitarium“ ohne entsprechendes δέ (Haenchen S. 107), wird hier nicht übersetzt.
- Pleonasie: ἄρχω „umschreibt das Verbum Finitum im Stil der LXX. Sie gibt damit das hebr. ענה wieder“ und wird nicht übersetzt, Haenchen S. 108, Anm. 4, vgl. BW Sp. 225.
2 bis zu dem Tag, als1 er entrückt (in die Höhe genommen, aufgenommen) wurde, nachdem2 er den Aposteln, die er ausgewählt hatte, durch den heiligen Geist Anweisungen gab (befahl).
- Ptz. coni., temporal aufgelöst.
- Ptz. coni., temporal aufgelöst.
3 Ihnen erwies er sich {auch} als lebendig (Lebender)1 nach seinem Sterben2 durch viele Beweise. Während3 vierzig Tagen erschien er ihnen und sprach zu ihnen über das (König)Reich Gottes.
- Partizip
- παθεῖν hier nicht leiden, sondern sterben, vgl. die griech. Redensart „παθεῖν ἤ ἀποθῖσαι“, „sterben oder zahlen“ (Geld oder Leben), Haenchen S. 110, Anm. 4.
- Möglich wäre auch: Nach vierzig Tagen; hier sind aber die wiederholten Erscheinungen des Auferstandenen gemeint.
4 Und während (als) er mit ihnen (zusammensaß) zusammen aß1, befahl er ihnen, nicht von Jerusalem fortzugehen, sondern die Verheißung des Vaters2 zu erwarten, „die ihr von mir gehört habt.
- Ptz. coni., temporal aufgelöst. Grundbedeutung ist "zusammenkommen mit"; Haenchen leitet σθναλίζομαι von ἅλς, Salz, ab: zusammen mit jem. Salz essen = gemeinsames Essen.
- a) Das vom Vater Verheißene = der hl. Geist, b) die Verheißung als ein Wort, daher: ἀκούετε.
5 Denn Johannes hat {zwar} mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit heiligem Geist getauft werden (nicht lange nach diesen Tagen =) in wenigen Tagen“.
6 Die {zwar} nun1 zusammengekommen waren, fragten ihn {und sprachen}: „Herr, wirst du (zu dieser Zeit =) jetzt die Königsherrschaft für2 Israel wiederherstellen3?“
- μὲν οὖν hebt das Folgende vom Vorangehenden ab, Haenchen S. 114; dort auch die übrigen Stellen in der Apostelgeschichte.
- Dativ
- Terminus Technicus der eschatologischen Sprache: Die Herstellung der rechten Ordnung durch Gott/ Jesus in der Endzeit, Haenchen S. 114, Anm. 4.
7 Er aber sprach zu ihnen: „Euch ist nicht [gegeben], die Zeiträume oder Zeitpunkte zu kennen, die der Vater in seiner (Voll)Macht festgelegt hat,
8 aber (sondern) ihr sollt (werdet) die Kraft (Macht) des heiligen Geistes empfangen, der1 über euch kommen wird, und ihr sollt (werdet) meine Zeugen sein sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samarien und bis zum fernsten Land (Ende der Erde)“.
- Ptz. coni., relativisch aufgefasst
9 Und nachdem1 er dies gesagt hatte, sahen sie, wie (dass) er aufgehoben wurde und eine Wolke ihn vor ihren Augen verbarg.
- Ptz. coni., temporal aufgefasst.
10 Und während1 sie gespannt in den Himmel blickten, wohin2 er gegangen war, da, (siehe =) plötzlich, standen zwei Männer3 bei ihnen in weißer Kleidung (weißen Gewändern),
- ἀτενῖζοντες ἦσαν ist eine Periphrase (Umschreibung), die den zeitlichen Rahmen angibt, in dem sich etwas ereignet, Haenchen S. 119, Anm. 7.
- Ptz. coni.
- angeli interpretes, Deuteengel. „Sie haben hier keine andere Aufgabe, als den Menschen zum rechten Verständnis der Situation zu verhelfen“. Haenchen, S. 120, Anm. 2.
11 die {auch}1 sprachen: „Ihr Galiläer, was steht ihr da und2 schaut zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch in den Himmel aufgenommen wurde, wird so [wieder]kommen, (auf welche Weise =) wie ihr ihn in den Himmel gehen saht“.
- Das καί darf hier nicht übersetzt werden, Haenchen a.a.O., Anm. 3.
- Ptz. coni., beigeordnet
12 Dann kehrten sie nach Jerusalem zurück vom Berg, der Ölberg genannt wird, der ist nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg1.
- Die am Sabbat zu gehen erlaubte Wegstrecke betrug 2000 Ellen = 880 m. In Lukas 24,50 fährt Jesus von Bethanien aus in den Himmel auf. „Es sieht so aus, als ob er [Lukas] von der Topographie Jerusalems keine genaue Vorstellung besessen hat“, Haenchen, S. 121, Anm. 2.
13 Und als sie hineinkamen1, stiegen sie zum Obergemach hinauf, wo sie sich gewöhnlich2 aufhielten, Petrus {und}, Johannes {und}, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus Alphaios, Simon, der Zelot (Eiferer) und Judas, [der Sohn] des Jakobus.
- Zu ergänzen ist: in die Stadt.
- Periphrase, vgl. Anm. zu Vers 10.
14 Diese alle blieben beharrlich beim Gebet mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.
15 Und in jenen Tagen stellte sich Petrus in die Mitte der Brüder [und] sprach – es war {auch} die Menge der Namen (Personen) [in der] Gemeinschaft (?, beisammen)1 ungefähr 120 –:
- [in der] Gemeinschaft (?, beisammen) - epi to auto („beisammen“, ein aus mehreren Worten bestehendes Adverb) wäre hier unproblematisch. Wegen der Verwendung der selben Wortgruppe v.a. in Apg 2,44.47, aber auch in Apg 2,1, sollte man aber besser hier wie dort die Wortgruppe als Hebraismus mit der Bedeutung „als/in der Gemeinschaft“ deuten (s. FN bm): „Zur Gemeinschaft gehörten damals ungefähr 120 Personen“.
16 Liebe Brüder1, es musste die Schrift erfüllt werden, die der Heilige Geist vorhersagte (im voraus sagte) durch den Mund Davids über Judas, der zum Führer der Häscher (Greifer) Jesu wurde,
- Anrede, vgl. ἄνδρες Ἀθηναίοι in der Apologie des Sokrates.
17 denn er gehörte zu uns und empfing den Lohn dieses Dienstes.
18 Dieser nämlich1 kaufte einen Acker vom (Lohn der Ungerechtigkeit =) ungerechten Lohn, und als er vornüber stürzte2, zerbarst er krachend in der (Leibes)Mitte, und seine Eingeweide quollen heraus (ergossen sich).
- μὲν οὖν, vgl. Anm. zu Vers 6.
- Ptz. coni., gleichzeitig aufgefasst.
19 {Und} das wurde allen Bewohnern Jerusalems bekannt, sodass jener Acker in ihrer eigenen Sprache „Akeldamach“ genannt wird, das bedeutet Blutacker.
20 Denn es steht im Psalmbuch {geschrieben}: „Sein Gehöft soll wüst werden und (es soll keiner sein, der in ihm wohnt =) keiner mehr in ihm wohnen“, und: „sein Aufsichtsamt soll ein anderer empfangen“. 1
- Psalm 29,26; Psalm 109,8
21 Es muss nun von allen den Männern, die mit uns gegangen sind in all der Zeit, in der ausging und einging bei uns der Herr Jesus,
22 angefangen von der Taufe des Johannes bis zu dem Tag als er von uns weg aufgenommen wurde, einer von diesen (muss) Zeuge seiner Auferstehung mit uns werden.
23 Und sie stellen zwei, Joseph der Barnabas genannte, der den Beinamen Justus hat, und Matthias.
24 Und nachdem sie gebetet hatten, sprachen sie: Du Herr, der Herzenskenner aller, zeige von diesen zweien einen, den du ausgewählt hast.
25 damit er in Empfang nimmt das Amt dieses Dienstes und das Apostelamt von dem Judas zur Seite getreten ist um zu seinem eigenen Ort zu gehen.
26 Und sie gaben ihnen Lose und das Los fiel auf Matthias und wurde inmitten der elf Apostel hinzugestellt.
Chapter 2
1 1 Und als sich der Tag des Wochenfests2 erfüllte (zu Ende ging),3 waren alle zusammen [als] Gemeinschaft (?, beisammen).4
- [Status: Zuverlässig]
- Tag des Wochenfests - Nicht: „Tag des Pfingstfests“ (so die meisten Üss.); das Gr. pentekoste ist der griechische Begriff für das jüdische „Wochenfest“ (s. z.B. Tob 2,1), einer Art Erntedank zum Abschluss der Weizenernte, das 50 Tage nach Pesach stattfand (s. z.B. Ex 34,22; Num 28,26). Richtig daher OEB: „the Festival at the close of the Harvest“.
- sich erfüllte (zu Ende ging) - Wörtlich: „beim Erfüllt-Werden des Tags“. Das scheint zunächst zu meinen, dass der Tag bereits „zu Ende ging“; da es aber noch früh am Tage ist (s. V. 15), ist wahrscheinlich eher „erfüllen“ in dem Sinn gemeint, dass mit dem Beginn des besagten Tages ein weiterer Abschnitt aus Gottes Heilsplan vorsehungsgemäß anbricht: Mit besagten Tag „erfüllt“ sich auch Gottes Plan, der bereits in Joel 3,1-5 angedeutet und in Lk 3,16 und Apg 1,5.8 explizit angekündigt wurde (vgl. Fitzmyer 1998, S. 237; Schreiber 2002, S. 75f.; ThWNT, s.v. συμπληρόω).
- alle zusammen [als] Gemeinschaft (?, beisammen) - W. „waren sie alle zusammen beisammen“, ein offensichtlich redundanter Ausdruck. Daher und wegen der Verwendung der Wortgruppe epi to auto („beisammen“, ein aus mehreren Worten bestehendes Adverb) in Vv. 44.47 (s. FN bm) besser wie dort zu deuten als Hebraismus mit der Bedeutung „als Gemeinschaft; gemeinschaftlich“ (s. dort). Zusammen mit dem „alle“, von dem auf den ersten Blick nicht klar ist, auf wen es zu beziehen ist, muss man daher am ehesten so auflösen: „Alle“ bezieht sich auf die 120 Jünger aus Apg 1,15, die sich in der Zwischenzeit getrennt hatten, nun aber alle wieder „als Gemeinschaft“ zusammengekommen sind.
2 Und plötzlich kam (entstand; ereignete sich) vom Himmel her ein Geräusch (Lärm) wie das Wehen eines heftigen Windes und füllte das ganze Haus, in dem sie [gerade] saßen1
- tFN: in dem sie [gerade] saßen (V. 2) + Es hielten sich [gerade] auf (V. 5) - W. „wo sie sitzend waren“ bzw. „Es waren wohnend“; periphrastisches Imperfekt, das man besser mit „gerade“ wiedergeben sollte.
3 und ihnen erschienen sich verteilende (teilende) Zungen wie [von] Feuer und sie setzten sich auf einen jeden von ihnen
4 und alle wurden mit heiligen Geist1 erfüllt und begannen, [so] [in] anderen Zungen zu sprechen, wie der Geist ihnen zu prophezeien (äußern) eingab.2
- tFN: mit heiligem Geist - „heiliger Geist“ hier unerklärlicherweise ohne Artikel.
- prophezeien (äußern) (V. 4) + prophezeite (äußerte) (V. 14) - apofthengomai kann zwar auch allgemein „äußern“ bedeuten, steht in der LXX aber meist speziell für das Weissagen (s. 1 Chr 25,1 LXX; Ez 13,9.19 LXX; Mi 5,11 LXX; Sach 10,2 LXX), wie das ja auch hier klar der Fall ist (da der Geist ihnen das Gesagte „eingibt“ und da „von Heiligem Geist erfüllt“ zu werden bei Lk (und noch häufiger; vgl Bruce 1988, S. 51f.) i.d.R. für die Befähigung zur Prophetie steht, s. Lk 1,41.67; Apg 4,8.31; 13,9f.).
5 Es hielten sich [gerade] auf (wohnten)1 {aber} Juden in Jerusalem, fromme2 Männer aus allen Völkern unter dem Himmel,
- hielten sich [gerade] auf (wohnten) - Das Wochenfest war eines der drei großen Wallfahrtsfeste im Jahr, zu dem Juden aus der ganzen Welt in Jerusalem erscheinen sollten (s. Ex 23,16f.). Entweder ist hier also die Rede von diesen ausländischen Juden, die anlässlich des Wallfahrtsfestes nach Jerusalem gereist waren (so z.B. Bruce 1988, S. 53f., z.B. auch HfA: „Zum Fest waren viele fromme Juden aus aller Welt nach Jerusalem gekommen“) oder von Diasporajuden, die schon früher wieder nach Jerusalem gezogen waren und nun dauerhaft dort lebten (so z.B. Witherington 1998, S. 135; z.B. auch GN: „Nun lebten in Jerusalem fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten“). Die Tatsache, dass gerade am Wallfahrtsfest von diesen Multikulti-Verhältnissen in Jerusalem die Rede ist, legt eher ersteres nahe, obwohl das Verb (katoikeo, „wohnen“) für sich genommen eher letzteres anzudeuten scheint.
- fromme - W. „haltende“, nämlich „[Fasten] haltende“ Männer.
6 [und] als {aber} dieses Getön1 entstand, kam die Menge zusammengelaufen und war bestürzt (verstört, verwirrt), denn ein jeder hörte sie in der eigenen Sprache sprechen.
- Getön - Könnte sich sowohl auf das Geräusch des Geistes als auch auf den Lärm der durcheinanderprophezeienden Jünger beziehen.
7 Sie (Alle)1 waren {aber} außer sich (fassungslos, erstaunt) und wunderten (erstaunten) sich, [indem sie] sagten: „Siehe! Sind nicht alle diese Sprechenden Galiläer?
- Textkritik: Viele Handschriften haben zusätzlich ein pantes, „alle“ („Alle waren fassungslos“), einige aber nicht. TCGNT, S. 252 hält das für sekundär; genauer für eine durch V. 12 beeinflusste Steigerung der Intensität der Erzählung, die auch viele Schreiber unabhängig voneinander eingefügt hätten haben können (ähnlich schon Ropes 1926, S. 13). Wir folgen dem; theoretisch könnte man dies aber auch für eine Streichung aus stilistischen Gründen halten, um nicht in Vv. 5.7 dreimal „alle“ schreiben zu müssen.
8 Und wie hören wir [sie dann] jeder in unserer eigenen Sprache, in der wir geboren wurden?
9 [Wir sind ja] Parther1 und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien, vom Judäischen2 und auch Kappadozien, von Pontus und Asien,
- Mit Parther beginnt eine Auflistung einer Vielzahl von Regionen, die anfangs scheinbar ungefähr von Ost nach West sortiert sind, dann aber immer mehr zum Durcheinander zerfasert. Von fast allen Orten weiß man heute, dass dort in der Tat Juden lebten. Mehr soll diese Liste wahrscheinlich nicht betonen: Es sind viele Juden da, es sind diese Juden aus den unterschiedlichsten Ländern und auf diese Weise wird mit der Missionierung dieser Menschenmassen der Grundstock zur Ausbreitung des Christentums unter den Juden aller Welt gelegt.
- vom Judäischen - d.h. »von Judäa«, das hier aber unerklärlicherweise keinen Artikel hat. Textkritik: Auch darüber hinaus ist das Wort schwierig, weil Judäer schwerlich ihre Anwesenheit in Jerusalem betonen müssten und auch nicht erstaunt sein sollten, Galiläer in ihrer Sprache reden zu hören. Außerdem ist die Platzierung von »Judäa« zwischen Mesopotamien und Kappadozien merkwürdig. All dies hat zu mehreren Vorschlägen zur Korrektur des Textes geführt, aber da sich das Wort in sämtlichen griechischen Handschriften findet, muss man es doch mit Ropes 1926, S. 14; TCGNT, S. 253f. u.a. für ursprünglich halten.
10 von Phrygien und auch Pamphylien, von Ägypten und den Gebieten Lybiens um Zyrene, und die sich [hier] aufhaltenden Römer,
11 Juden und auch Proselyten,1 Kreter und Araber - wir hören sie in unseren Zungen die Großtaten Gottes rühmen!“2
- Juden und auch Proselyten - könnte sich sowohl nur auf »Römer« beziehen (also »die sich hier aufhaltenden Juden und Proselyten aus Rom«) oder auf die gesamte vorangehende Liste von Regionen (also »jüdische und proselytische Parther, Meder, ...«). Naheliegender wäre Letzteres (so z.B. auch Fitzmyer 1998, S. 243). »Proselyten« sind zur Zeit des Lk Konvertiten zum Judentum (vgl. z.B. Proselyten (AT) (Wibilex)), gemeint sind also »sowohl gebürtige als auch konvertierte Juden«, was im frühen Judentum noch eine wesentlich wichtigere und umstrittenere Unterscheidung war als z.B. für heutige Christen (selbst die Modalitäten der Konversion waren noch über Jahrhunderte nach der Abfassung des NT in der Diskussion).
- rühmen - W. „reden“.
12 Alle waren {aber} außer sich (fassungslos, erstaunt) und ratlos, [indem] sie zueinander sagten: „Was mag dies sein!?“1
- Was mag dies sein? - Häufigerer Ausdruck der Ratlosigkeit, s. z.B. Apg 17,20; ähnlich Lk 15,26; 18,36; Apg 10,17. Viele Üss. daher richtig: „Was soll das bedeuten!?“
13 Andere aber sagten spottend: „Mit Traubensaft (Wein?)1 sind sie voll (angefüllt)!“
- Traubensaft (Wein?) - Das gr. Wort gleukos steht eigentlich nicht für Wein, sondern für ungegorenen Traubensaft (vgl. z.B. Bacchiocchi 2001, S. 153; Bumstead 1881, S. 81; Patton 1874, S. 93-95). In der Antike pflegte man, solchen Traubensaft des Morgens zu trinken (s. z.B. Horaz, Sat iv 2) und konnte ihn auch bereits so konservieren, dass er selbst am Wochenfest noch nicht fermentiert war (s. z.B. Cato, De Agricultura 120). An der einzigen anderen Stelle, an der sich das Wort in LXX+NT findet (Ijob 32,19) wird es allerdings erweitert durch zeon (»gärend«), steht also dort als »gärender Traubensaft« doch für »Wein«. Geleitet von dieser Stelle könnte man also auch hier von der unüblichen Bedeutung »Wein« ausgehen; da es hier aber gerade nicht durch zeon o.Ä. erweitert ist und man auch das »Traubensaft« sinnvoll verstehen kann (s. die Anmerkungen), übersetzen wir nach der üblichen Bed. des gr. Wortes.
14 Petrus jedoch stellte sich mit den [anderen] Elf hin, erhob seine Stimme1 und prophezeite (äußerte) ihnen: „[Liebe] Judäer (Juden)2 und all [ihr] euch in Jerusalem Aufhaltenden (all [ihr] Wohnenden)!3 Dies sei euch bekannt, {und} vernehmt meine Worte!
- stellte sich hin, erhob seine Stimme - d.h., bereitete sich darauf vor, eine Rede im Stil und in der Pose eines klassischen Redners zu halten. Auch für andere Reden in Apg stellt man sich derart öffentlich „hin“ (s. Apg 5,20; 17,22; 21,40; 27,21); auch das „Erheben der Stimme“ soll das Folgende als deutlich und laut geäußerte Rede kennzeichnen (s. ähnlich Lk 11,27; Apg 14,11; 22,22), ebenso die Einleitung der Rede mit direkter Ansprache der Hörer und dem förmlichen „Es sei bekannt“ (s. ähnlich Apg 4,10; 13,38; 28,28). Sinnvoll daher: „[Da] trat Petrus zusammen mit den elf anderen Aposteln vor die Menge (NGÜ) und redete laut und feierlich (Zink): Juden! Bürger von Jerusalem! (Zink) Hört mich an! (GN)“
- tFN: W. »[liebe] judäische/jüdische Männer« (V. 14) bzw. »[liebe] israelitische Männer« (V. 22); bzw. »[liebe] brüderliche Männer« (V. 29.37); »Männer« wird hier wie im klass. Gr. nur als Einleitung eines Vokativs verwendet und ist im Dt. auszusparen (vgl. BDR §242).
- ihr euch Aufhaltenden (all ihr Wohenden) - Gemeint sind wahrscheinlich wieder wie in V. 5 die ausländischen Juden, die zum Wochenfest nach Jerusalem gekommen waren; s. FN g.
15 Diese sind nämlich nicht, wie ihr annehmt, betrunken – es ist ja (nämlich) [erst] die dritte Stunde des Tages1 –,
- die dritte Stunde des Tages, also 9:00 Uhr. Gelegentlich wurde vorgeschlagen, dass diese Verteidigung Petri scherzhaft gemeint sei (z.B. von Bruce 1988, S. 60; Dormeyer/Galindo 2003, S. 50). In diesem Fall müsste man stilistisch treffender paraphrasieren à la »Leider hatten wir noch gar keine Gelegenheit, uns zu betrinken; es ist ja erst früher Morgen!« Und in der Tat: Ist die »Verteidigung« ernst gemeint, ist sie nicht sehr schlagkräftig; denn davon, dass Trunkenbolde selbstverständlich auch um 9:00 Uhr betrunken sein können, spricht z.B. schon Cicero (s. Phil. 2,41,104). Gegen die Deutung als Scherz spricht auch nicht, dass Petri Ansprache im Stil einer antiken Rede dargeboten wird; selbst in antiken Gerichtssäälen war Humor in öffentlichen Reden ein beliebtes Stilmittel. Wenn das richtig ist, ist das durchaus etwas, worüber es sich zu meditieren lohnt: Dann ist die erste Äußerung, die vom »Apostelfürsten« Petrus unter dem Einfluss des Heiligen Geistes getan und sogar als Prophetie ausgezeichnet wird – ein Scherz.
16 sondern: Dies ist1 das durch den Propheten Joel Vorhergesagte:2
- Dies ist - es folgt eine sog. »Pesher-Auslegung«: Eine alte Prophezeiung wird ausgelegt, indem sie auf aktuelle Geschehnisse bezogen wird. »Dies«, also das, was die Menge in V. 12 aus der Fassung gebracht hatte und über dessen Bedeutung sie nachdenken, ist »jenes, was vom Propheten Joel vorhergesagt wurde«: »Was hier geschieht, ist nichts anderes als die Erfüllung dessen, was Gott durch den Propheten Joel angekündigt hat« (NGÜ).
- durch den Propheten Joel Vorhergesagtes - nämlich von Gott, ein sog. »Passivum divinum«. Gut daher NGÜ: »was Gott durch den Propheten Joel angekündigt hat«.
17 »»Und es wird sein1 in den Letzten Tagen:«2 – sagt Gott3 –»Ich werde ausgießen [etwas] von meinem Geist auf alles Fleisch,4Und prophezeien werden eure Söhne und eure Töchter Und eure jungen [Menschen] werden Visionen sehenUnd eure alten [Menschen] werden durch Träume träumen.
- und es wird sein in den Letzten Tagen: Ich werde... - Übersetze: »In den letzten Tagen werde ich...«. tFN: Denn: Semitismus: »Und es wird sein« entspricht dem Heb. wehajah (»Und es wird sein«), mit dem häufig Prophezeiungen u.Ä. eingeleitet werden, das nur das Folgende als Aussage über Zukünftiges markieren soll und das daher im Dt. fast immer besser auszusparen ist.
- in den Letzten Tagen (V. 17) + Tag des Herrn (V. 20) - Zwei häufige Motive aus den Prophetenbüchern. Hinter ihnen steht die Erwartung, dass Gott dereinst am sog. »Tag JHWHs« Gericht über die Menschheit halten und die Herrschaft auf Erden völlig an sich reißen wird (vgl. z.B. Tag Jahwes (AT) (WibiLex)). Diesem besagten Tag gehen die »Letzten Tage« voraus: eine Zeit des Leids, in der sich u.a. auch kosmische Katastrophen abspielen werden (s. z.B. Mk 13,24f.: Sonne und Mond werden sich verfinstern, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte im Himmel erschüttert werden).
- sagt Gott - Ins Dt. besser zu übersetzen, indem man es an den Anfang des Zitats verschiebt; gut z.B. BB: »Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen:...« Denn: Semitismus: Ein solches eingeschobenes »sagt Gott« (aus dem Heb. wörtlicher: »Spruch JHWHs«) findet sich oft in den Prophetenbüchern und soll einer Prophezeiung zusätzliche Autorität verleihen, indem es sie noch einmal zurückbindet an Gott, ihren Auftraggeber (vgl. FN am zu Ob 8).
- alles Fleisch - d.h. »auf jedermann«.
18 Und auch (selbst) auf meine Sklaven und auf meine Sklavinnen1 werde ich in jenen Tagen [etwas] von meinem Geist ausgießenUnd sie werden prophezeien.
- meine Sklaven und Sklavinnen - Etwas merkwürdige Stelle. Das gr. kai ge (»und auch/sogar«) zeigt deutlich an, dass diese Zeile als Steigerung der vorigen Zeilen zu verstehen ist und also offenbar von einer anderen Personengruppe als »euren Söhnen, Töchtern, Jungen und Alten« die Rede ist (so richtig NSS). Im ursprünglichen Joeltext ist nicht von »meinen Sklaven und Sklavinnen« die Rede, sondern nur von »Sklaven und Sklavinnen«, hier wird also nur der Merismus weitergeführt: ([{Söhne und Töchter} + {Junge und Alte} = Freie Menschen] + [Versklavte Menschen] = Alle Menschen). Warum der Autor der Apg dagegen von »Gottes Sklaven und Sklavinnen« spricht und wer diese sein sollen, ist ganz unsicher.
19 Und ich werde darbieten1 Wunder im Himmel drobenUnd Zeichen auf der Erde drunten:Blut und Feuer und Rauchqualm.
- darbieten - W. »geben«; Semitismus: Soll betont werden, dass Wunder als Zeichen und dass Zeichen »dargeboten« werden sollen, spricht man im Heb. davon, dass sie »gegeben« werden (s. z.B. Ex 7,9; Dtn 6,22; 13,1; 1 Kön 13,3; Ez 12,6; Joel 2,30; auch Mt 24,24 = Mk 13,22; Apg 14,3.
20 Die Sonne wird verwandelt werden zu FinsternisUnd der Mond zu Blut1 Vor dem Kommen des Tags des Herrn, des großen und sichtbaren (prachtvollen).2
- Die Sonne wird verwandelt werden zu Finsternis und der Mond zu Blut - d.h. »die Sonne wird sich verfinstern und der Mond wird blutrot werden.«
- sichtbaren (prachtvollen) - Schwierige Übersetzungsfrage: Aus LXX übernommene Fehlübersetzung des heb. Textes; dort steht nora´ (»furchtbar«), LXX las offenbar nir´eh (»sichtbar«) und Lukas widerum übernimmt dies aus LXX (vgl. Fitzmyer 1998, S. 253). OEB orientiert sich am MT (»that great and awful day«); wörtlich JJ (»der große und offenbar werdende Tag«) und KAR (»der große, der Erscheinung Tag«); die meisten anderen Üss. orientieren sich an der zweiten Bed. des gr. Wortes, »prächtig, glanzvoll«, und übersetzen daher mit »leuchtender/prachtvoller Tag« o.Ä. Auf den ersten Blick macht diese dritte Alternative Sinn, ist aber klar nicht gemeint - vgl. z.B. Am 5,18-20: Der Tag JHWHs ist gerade »Finsternis und nicht Licht« und der Verweis auf den Tag JHWHs an unserer Stelle eine Drohung, keine Heilsankündigung.
21 {Und es wird sein:}1 Jeder, der den Namen des Herrn anruft,2 wird gerettet werden.«« 3
- {Und es wird sein:} - Im Dt. besser auszusparender Semitismus ähnlich dem in V. 17: »Und es wird sein« soll im Heb. nur markieren, dass nun in einem anderen Modus gesprochen wird, nämlich im Kommissiv (d.h., es wird nicht mehr nur vorhergesagt, sd. versprochen).
- den Namen des Herrn anrufen - Doppelte Antanaklasis: Im Kontext des Joelbuches ist klar, dass mit dem »Herrn« JHWH gemeint ist und »anrufen« soviel bedeutet wie »ihn verehren und ihn um Beistand anrufen«. In Apg 2 dagegen muss der Vers mit V. 38 zusammengelesen werden, und liest man ihn von diesem Vers aus, ist der »Herr« Jesus und »seinen Namen anrufen« meint »sich taufen lassen«.
- Joel 3,1
22 [Liebe] Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer,1 einen von Gott für euch beglaubigten (bestellten) Mann durch [die] Machttaten und Wunder und Zeichen, welche Gott durch ihn in eurer Mitte vollbracht hat – wie ihr [ja selbst] wisst –
- Nazoräer - Unsicheres Wort, das häufig von Jesus und auch von seinen Jüngern gesagt wird. Die meisten Exegeten halten es für eine Nebenform von »Nazarener« (vgl. Fitzmyer 1998, S. 254), also: »Jesus aus Nazaret«. Einen alternativen Vorschlag haben z.B. Berger 1996; Black 1967, S. 197-200 und Wagner 2001 gemacht, sind damit aber offenbar nicht auf viel Zustimmung gestoßen: nazoraios (»Nazoräer«) sei entweder abzuleiten vom Heb. natsar (»bewahren, befolgen«) und Jesus sollte mit dieser Bezeichnung als besonders gesetzestreuer Mensch ausgezeichnet werden (»Jesus, der Befolger [der Gebote]«, so Wagner) oder es sei vom Heb. nazar (»aussondern«) abzuleiten und es sollte damit gesagt sein, dass Jesus wie z.B. auch Samson (s. Ri 13,3-5; 16,17) ein »Nasiräer« war (Berger, Black), also eine Art asketischen Lebensstand auf Zeit hatte, zu dem es gehörte, auf Fleisch, Alkohol und Geschlechtsverkehr zu verzichten und sich nicht die Haare zu schneiden (vgl. z.B. Nasiräer (AT) (WiBiLex)).
23 diesen [euch] – wegen dem beschlossenen (festgesetzten) Plan und dem Vorauswissen Gottes!1 – Ausgelieferten habt ihr getötet, indem [ihr ihn] durch Hände Gesetzloser2 [ans Kreuz] geschlagen [habt];
- wegen dem beschlossenen (festgesetzten) Plan und dem Vorauswissen Gottes! - Eine für den Autoren der Apg sehr wichtige Präzisierung: Dass der Sohn Gottes getötet worden war, war ein Skandal; und dies umso mehr, als er mit seiner Kreuzigung den Tod eines Verbrechers starb. Aus diesem Grund betont Lukas noch häufiger, dass dieser Skandal eigentlich gerade kein Skandal ist – sondern dass all dies zurückzuführen ist auf Gottes verborgenen Heilsplan. S. ähnlich Lk 24,6f..25f..44-46; Apg 3,18; 4,28.
- Gesetzloser, nämlich die der Römer, die nicht unter dem Gesetz der Juden standen (vgl. z.B. Bruce 1988, S. 63f.; ähnlich wird das Wort z.B. verwendet in 1 Kor 9,21).
24 [ihn,] den Gott auferstehen ließ, indem er die Geburtswehen (Fesseln?)1 des Todes löste, weil es nicht möglich war, dass er unter ihm gehalten wurde.2
- Geburtswehen (Fesseln?) - ein ganz ähnliches Übersetzungsproblem wie in V. 20; s. FN ad: Petrus zitiert hier Ps 18,4f. oder 116,3, wo im Heb. von den »Stricken des Todes« die Rede ist. Dahinter steht die Vorstellung, dass man nach dem Tod eingeht in das Reich des Todes, das man sich vorstellte wie eine Stadt mit verriegelbaren Toren, hinter denen man dann gefangen war. Für dieses gefangen-Sein steht die metaphorische Rede von den »Stricken des Todes«. Die LXX übersetzt an beiden Stellen aber nicht mit »Stricke«, sondern falsch mit »Geburtswehen des Todes« und von dort übernimmt das auch der Autor von Apg. Sprachlich unmöglich ist die Deutung, dass Jesus »fürchterlich litt, als er tot war« (T4T); der Sinn des Bildes kann dann nur sein, dass der Tod in Geburtswehen lag und Gott ihm diese nahm, indem er dem Tod half, Jesus wieder »auf die Welt« zu bringen – ein »bizarres Bild« (Bratcher 1959, S. 19), bei dem wir uns sicher sein können, dass es nicht das von Lukas intendierte war und nur darauf zurückzuführen ist, dass er LXX wörtlich zitiert.Viele kommunikative Üss. lösen das Problem, indem sie sich am hebräischen Text orientieren: wörtlich (!) B/N und Stier (»er hat die Fesseln des Todes durchschnitten«); freier HfA (»indem er die Macht/Gewalt des Todes brach«; ähnlich BB, GN, KAM, NGÜ, NeÜ).
- dass er unter ihm gehalten wurde - sinngemäß gut EÜ: »denn es war unmöglich, daß er vom Tod festgehalten wurde«.
25 Denn1 David sagt über ihn: »Ich hatte den Herrn vor mir vor Augen2 durch alle [Zeit],Weil er zu meiner Rechten ist, damit ich nicht wanken3 werde.
- Denn - Auf den ersten Blick ist nicht gut zu erkennen, worauf das »denn« sich bezieht; viele Üss. lassen es daher aus und zerstören damit die Argumentationsstruktur der ganzen Rede. Zu Jesu Zeit sah man die Bibel nicht nur als Heilige Schrift an, sondern jeder Text war immer auch prophetischer Text; auch ein Psalm wie der, der gleich zitiert werden wird (vgl. gut z.B. Moffitt 2011, S. 82; in 11QPsa XXVII werden Davids Psalmen sogar explizit als »Prophetien« bezeichnet). Aus diesem Grund lässt sich auch aus solchen Texten der Heilsplan Gottes ablesen, und dies tut Petrus hier: »Es war nicht möglich, dass Jesus vom Tod festgehalten wurde, denn [Gottes Plan war ein anderer und lässt sich aus Ps 16 ablesen; dort nämlich] sagt David über Jesus:...«
- Ich hatte den Herrn vor mir vor Augen - Das Gr. prosoromen heißt selbst schon »vor Augen haben«; die Doppelung mit »vor mir« wirkt im Gr. also redundant. »JHWH vor Augen haben« meint hier natürlich »sich JHWH vor Augen halten« (gut Herkenne 1936, S. 83), also »an JHWH ausgerichtet leben«, nämlich v.a. »by honouring Him and obeying His law« (Kissane 1953, S. 65). Diese JHWH-Treue soll durch die redundante Formulierung und durch das »durch alle [Zeit]« noch zusätzlich unterstrichen werden: »Weil JHWH mir beisteht, bin ich sehr fromm, und zwar immer«. Gut KAR: »Ich halte mir immer den Herrn vor Augen«.
- wanken - Häufige bibl. Metapher die Gefährdung, aus der direkt Vernichtung und Tod folgt (s. FN r zu Ps 30,7).
26 Darum freute sich mein Herz1 Und jubelte meine ZungeUnd noch dazu wird mein Fleisch sich niederlassen (zelten) aufgrund [meiner] Zuversicht (Hoffnung),2
- mein Herz + meine Zunge + mein Fleisch (V. 26) + meine Seele (V. 27) - d.h. jeweils: »Ich«. In der bibl. Poesie wird oft eine Handlung oder eine Empfindung eines Menschen nicht von ihm ausgesagt, sondern von dem Körperteil, der hauptsächlich an dieser Handlung/Empfindung beteiligt ist; im Dt. muss man das fast stets durch »ich« o.Ä. übersetzen.
- mein Fleisch wird sich niederlassen aufgrund [meiner] Zuversicht, d.h. sehr wahrscheinlich nicht »Ich kann mich sorglos Sterben legen« oder gar »auch im Tot verliere ich nicht die Zuversicht« (so z.B. BB, GN, HfA, KAM, NGÜ, NeÜ, NSS, Zink), denn der Beter wird ja gerade nicht »wanken« (V. 25) und darum gerade nicht sterben (V. 27). Zu vergleichen ist stattdessen z.B. Ps 4,9 und die Bed. ist dann: »Weil ich mir keine Sorgen zu machen brauche, kann ich mich ruhig niederlassen«. Auf Jesus passt dieser und der nächste Vers dennoch sehr genau: »Ein alter jüdischer Glaube war der, dass der Geist einer [verstorbenen] Person drei Tage lang im Körper [dieser Person] blieb und ihn erst am vierten Tag verließ, und dass erst zu diesem Zeitpunkt die Verwesung des Fleisches wirklich einsetzte (vgl. Joh 11,17.39).« (Witherington 1998, S. 145; vgl. z.B. auch Leuenberger 2012, S. 326f.). Nach alter jüdischer Vorstellung ist Jesus also nach den drei Tagen noch gar nicht »richtig« gestorben, sondern gerade noch rechtzeitig vor dem endgültigen Hinabstieg in das Reich des Todes und vor dem Einsetzen der Verwesung von Gott auferweckt worden: Gott hat ihn nicht dem Hades überlassen.
27 Weil du meine Seele nicht dem Hades1 überlassen (im Hades zurücklassen) wirstUnd nicht zulassen wirst, dass dein Heiliger Verwesung erfährt.
- Hades - gr. Begriff für das Reich des Todes.
28 Du hast mir die Wege des Lebens1 kundgetan,Du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Gesicht.«2 3
- die Wege des Lebens sind ein häufiges Konzept aus ägyptischen und israelitischen Weisheitsliteratur. Gemeint sind nicht die »Wege, die zurück ins Leben führen« (so viele Üss.), sondern ein gottgefälliger und weisheitsgemäßer Lebenswandel, der im Unterschied zu den »Wegen der Frevler« nicht zum Tod führt, sondern ein heilvolles Leben ermöglicht. Vgl. dazu ausführlich Liess 2004, S. 223-247 und s. noch Spr 2,19; 4,11-5,14 (s. bes. 5,6); 10,16f.; 15,24; sehr verwandt in der Vorstellung auch Ps 1.
- Du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Gesicht - Auch dies spricht sehr wahrscheinlich nicht von »Auferstehung«, sd. meint ungefähr »du wirst mich dadurch mit Freude erfüllen, dass ich bei deinem Gesicht sein kann«, und Letzteres ist wohl eine Abkürzung dafür, dass der Beter »Gottes Gesicht sehen« darf; eine häufigere Metapher für die prinzipielle Erfahrung von Heil, die besonders denen verheißen ist, die Gottes Willen tun. Vgl. ganz ähnlich Ps 17,15; auch Ps 11,7. Vgl. außerdem die häufige Rede davon, dass Gott »das Licht seines Gesichts über jmdn leuchten lässt«, eine weitere Metapher für Heilserweise vonseiten JHWHs. Vgl. zu beiden Metaphern auch Smith 1988b. V. 28 meint also in etwa: »Du hast mir gezeigt, wie man leben soll, [und weil so zu leben zu einem freudvollen Leben führt,] werde ich durch deine Gnade freudvoll leben.«
- Psalm 16,8
29 [Liebe] Brüder, man kann mit Freimut (Offenheit) zu euch über den Patriarchen David sprechen – [nämlich darüber,] dass er sowohl starb als auch begraben wurde, und [dass] seine Grabstätte bis zu diesem Tage bei uns ist.1
- Zu Davids Grabstätte s. 1 Kön 2,10; Neh 3,16. Sie befand sich in Jerusalem und erst einige Jahre zuvor hatte Herodes der Große diese Grabstätte nach einem Plünderungsversuch zusätzlich ausgebaut (vgl. JosAnt XVI.7). Heute ist ihr Ort vergessen; eine neuere und verbreitete Tradition verortet sie allerdings interessanterweise ins selbe Gebäude, in das traditionellerweise auch der Abendmahlssaal verortet wird.
30 Weil er nun ein Prophet1 war und wusste, dass Gott ihm mit einem Eid geschworen hatte, [jemanden] aus der Frucht seiner Lende auf seinen Thron zu setzen, 2
- Prophet - Zur Bezeichnung Davids als »Prophet« vgl. 11QPsa XXVII 11: »All diese [seine Psalmen und Lieder] sprach er durch Prophetie, die ihm gegeben worden war vom Höchsten.«
- Psalm 132,11
31 sprach er im Vorhinein über die Auferstehung des Christus – [nämlich,] dass er weder dem Hades überlassen werden würde (im Hades zurückgelassen werden würde) noch sein Fleisch Verwesung erfahren würde. 1
- Psalm 16,10
32 Diesen Jesus hat Gott auferstehen lassen, wofür wir alle Zeugen sind.
33 Nachdem er nun zur Rechten (durch die rechte Hand) Gottes erhöht worden war und auch den verheißenen Heiligen Geist (die Verheißung des Heiligen Geistes) vom Vater empfangen hatte, goß er diesen aus, was (den) ihr sowohl seht als auch hört.
34 Denn nicht David ist in den Himmel hinaufgestiegen; stattdessen sagt er selbst: »Es sagte der Herr zu meinem Herrn: »Sitze (Setze dich) zu meiner Rechten,
35 bis ich deine Feinde zum Schemel für deine Füße mache!«« 1
- Psalm 110,1
36 Mit Sicherheit sei nun dem ganzen Haus Israel bekannt, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat – diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt!
37 Als sie {aber} [dies] hörten, wurden sie im Herz durchbohrt.1 Sie sagten auch zu Petrus und den übrigen Aposteln: »Was sollen wir tun, [liebe] Brüder?«
- wurden sie im Herz durchbohrt - d.h., »traf es sie mitten ins Herz« (gut KAR; ähnlich BB, GN, NL); »ging ihnen ein Stich durchs Herz« (ZINK); »Als die Leute das hörten, waren sie von dieser Botschaft tief betroffen« (HfA; ähnlich NeÜ, NGÜ).
38 Petrus {aber} [antwortete] ihnen: »Denkt um!«,1 {sagt[e] er,}2 »und es lasse sich taufen ein jeder von euch auf3 den Namen Jesu Christi4 zur Vergebung der Sünden von euch! Und ihr werdet empfangen das Geschenk, [das] der Heilige Geist [ist].
- Denkt um - Gr. metanoeo, ein Leitwort in Lk und Apg, das wenn möglich stets gleich übersetzt werden sollte. S. Lk 10,13; 11,32; 13,3.5; 15,7.10; 16,30; 17,3f.; Apg 3,19; 8,22; 17,30; Apg 26,30: Das »Umdenken« ist der Sinneswandel eines Menschen, der zuvor falsch gehandelt hat und von seinem »Umdenken« an – oft: nach zwischengeschalteter »Buße« – anders, nämlich gut, handeln will. Stark ZINK: »Stellt euch um, stellt euch ganz und gar um!«; gut auch ALB, GREB, KNO (»ändert euren Sinn/eure Gesinnung!«), BB (»ändert euer Leben«). Zu kurz greifen die häufigen Üss. »bekehrt euch«, »bereut« oder »tut Buße«.
- Textkritik: In sehr vielen Handschriften findet sich ein zusätzliches {sagt[e] er}, das aber sicher erst von späterer Hand eingefügt wurde (vgl. TCNT, S. 261).
- Textkritik: auf - Gr. epi; untypische Präposition statt gewöhnlichem en. Einige Handschriften ändern daher nachträglich zu en, was aber wieder sicher sekundär ist. S. nächste FN.
- auf den Namen Jesu Christi - Die untypische Präposition (s. vorige FN) ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Lukas einen wörtl. Rückbezug zu V. 21 schaffen will, wo sich im Joel-Zitat in pas ho epikalesätai to onoma kuriou (»jeder, der den Namen des Herrn anruft«) ebenfalls ein epi findet (vgl. Hartman 2011, S. 406; Labahn 2011, S. 349 FN 51): Die Taufe, bei der sicher auch der Name dessen, »auf den« man getauft wurde, angerufen wurde (s. Apg 22,16: »Lass dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du den Namen des Herrn anrufst (epikalesamenos)!«; vgl. z.B. Avemarie 2002, 41f.), wird zur Erfüllung der Prophezeiung Joels. Dies ist es dann wahrscheinlich auch, was mit der umstrittenen Formel »sich taufen lassen auf den Namen Jesu Christi« gemeint ist: »sich taufen lassen unter Nennung des Namens Jesu Christi« (so z.St. z.B. Avemarie 2002, S. 32.41f.; Bruce 1988, S. 70; Heitmüller 1903, S. 88; NSS; Witherington 1998, S. 154).
39 ''Euch'' nämlich gilt die Verheißung1 und euren Kindern, und allen, die fern2 [sind], wie viele auch hinzurufen3 mag der Herr, unser Gott.«
- Verheißung - Gemeint ist sicher die Verheißung aus V. 21: »Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.« Das ist natürlich besonders relevant für die Angesprochenen: Auch und gerade ihnen gilt die Verheißung; ihnen, die doch den Messias getötet haben!
- fern - mgl. Bedeutungen: (1) »geistliche« Entfernung, also Heiden (s. Eph 2,11.13.17f.); (2) räumliche Entfernung, also entweder Juden anderer Länder (kein guter Beleg im NT) oder Heiden anderer Länder (s. Apg 22,21); (3) zeitliche Entfernung, also künftige Geschlechter (vgl. LSJ s.v. makros II.1). Am wahrscheinlichsten sind an dieser Stelle die Juden anderer Länder gemeint, da Apg 2 noch ganz von der Missionierung der Juden handelt (so z.B. auch Witherington 1998, S. 155).
- hinzurufen + hinzufügen - nämlich zur Gemeinschaft der Christen.hinzugefügt werden ist recht sicher ein sog. »theologisches Passiv«, also eine Ausdrucksvariante zu »Gott fügte hinzu«, s. V 47.
40 Auch mit anderen weiteren1 Worten legte er Zeugnis ab und mahnte sie {indem er sagte}: »Lasst euch retten aus diesem verkehrten Geschlecht!«2
- Auch + andere + weitere - etwas überflüssig wirkende Häufung von Worten ähnlicher Bedeutung: Petrus hat noch weiter und noch mehr und noch mit anderen Worten zu ihnen geredet. Dies wird noch durch das Hendyadoin »Zeugnis ablegen und sie ermahnen« verstärkt. Gut daher OEB: »Peter spoke to them for a long time using many other arguments and pleaded with them.«
- Geschlecht meint w. eigentlich nur die »Generation«, wird im NT aber noch häufiger fast wie ein Schimpfwort verwendet; s. Mk 8,12 (dazu auch FN o; 8,38; 9,19; Lk 9,41; 11,29: Die ganze Generation ist verderbt und so verdammt, und aus dieser Masse der Verdammten sollen die Angesprochenen sich retten lassen, nämlich vor dem drohenden Endgericht. Sehr gut daher NGÜ: »Diese Generation ist auf dem Weg ins Verderben! Lasst euch retten vor dem Gericht, das über sie hereinbrechen wird!«; gut auch GN: »Lasst euch retten vor dem Strafgericht, das über diese verdorbene Generation hereinbrechen wird!«
41 Diejenigen nun, die seine Rede annahmen, ließen sich taufen und so wurden an jenem Tag etwa 3000 Seelen1 hinzugefügt.
- Seelen meint im Gr. wie im veralteten Deutsch »Personen«; s. ebenso z.B. Apg 7,14; 27,37 und vgl. z.B. Fitzmyer 1998, S. 267.
42 Sie hielten {aber} [beständig sehr] fest1 an der Lehre2 der Apostel und an der Gemeinschaft,3 (dem gemeinschaftlichen Brotbrechen)4 dem Brotbrechen5 und den Gebeten.
- Sie hielten [beständig sehr] fest - Gr. äsan proskarterountes, W. etwa »sie waren fest-festhaltend«. Das Gr. kartereo (»festhalten«) wird durch die Vorsilbe pros- (proskartereo) verstärkt zu »entschieden/unentwegt festhalten« (EWNT III, Sp. 416). Zusätzlich steht der Ausdruck im sog. »periphrastischen Imperfekt«, einer Wortform, die ebenfalls entweder noch zusätzlich Emphase auf den Ausdruck legt oder noch mehr als das bloße Imperfekt betont, dass die Handlung des Ausdrucks dauerhaft geschieht (s. Das periphrastische Partizip): Die Jünger sind fortwährend völlig unverrückbar im Festhalten an der Lehre.
- Lehre - Gr. didachä, gemeint ist hier also nicht die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu, sondern dass auf Jesus zurückgehende »Lehrsystem«, in dem die Jünger von den Aposteln unterwiesen werden (vgl. Fitzmyer 1998, S. 270).
- Gemeinschaft - Gr. koinonia, ein Schlüsselwort in den Briefen des Paulus, das sich in den Schriften des Lukas aber einzig hier findet. Entsprechend unsicher ist seine Bedeutung. Bei Paulus ist der Kern des Begriffs (1) die »Gemeinschaft« (z.B. 2 Kor 6,14; Gal 2,9; Phil 2,1), die die Christen untereinander haben. Entscheidend an dieser christlichen Gemeinschaft ist aber noch mehr, nämlich: (2) Sie ist Gemeinschaft aufgrund ihrer Teilhabe an etwas Gemeinsamen, nämlich z.B. am Evangelium (Phil 1,5), am Opfer Christi (1 Kor 10,16; Phil 3,10; Heb 2,14) oder letztlich Christus selbst (1 Kor 1,9). Und: (3) Als Gemeinschaft führt sie ineins damit zur Teilgabe an den eigenen Gütern bis dahin, dass das Wort koinonia selbst die Bedeutung »Spende, Kollekte« annehmen kann (vgl. 2 Kor 8,4; 9,13; Gal 6,6; Phil 4,14f.; Heb 13,16). Die Aspekte (2) und (3) sieht man sehr schön in Röm 15,26f.: Weil die Bürger von Makedonien und Achaja ekoinonäsan (»teilhaftig geworden sind«) an geistlichen Dingen, haben sie koinonia getan (»Teilgabe an eigenen Gütern gegeben«, also »Geld gespendet«). Da nach einer alten Tradition aber Lukas mit Paulus bekannt war (vgl. z.B. Strelan 2008, S. 161), kann man mit etwas Vorsicht das paulinische koinonia-Konzept auch hier am Werk sehen, was auch gut mit dem Text zusammenstimmt: Dank der Apostel haben die 3000 teil an Christi Lehre (V. 42a); diese gemeinsame Teilhabe äußert sich in Gemeinschaft v.a. in Kult und Gebet (V. 42b) und diese Gemeinschaft widerum äußert sich in der Anteilgabe der anderen an den eigenen Gütern (Vv. 44f.).
- Textkritik: , (dem gemeinschaftlichen Brotbrechen) - Der ursprüngliche Text ließ beide Deutungen zu, da er noch keine Satzzeichen hatte: »Gemeinschaft« und »Brotbrechen« könnten entweder als zwei Glieder in der Reihung »Lehre der Apostel, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebete« gelesen werden oder als eines (»Lehre der Apostel, Gemeinschaft im Brotbrechen und Gebete«). Letzteres ist z.B. die Deutung von VUL (communicatione fractionis panis); ersteres die Deutung einiger Schreiber, die im Text ein zusätzliches »und« zwischen »Gemeinschaft« und »Brotbrechen« einfügten, um die zweite Deutung auszuschließen. Dieses »und« ist sicher erst von diesen späteren Schreibern eingefügt worden und gehört nicht zum ursprünglichen Text (so z.B. auch Fitzmyer 1998, S. 270).
- Brotbrechen (V. 42) + Brot brachen (V. 46) - Gemeint ist sicher der Vorläufer der Eucharistiefeier, der zu Zeit von Lk und Apg noch die Form eines Sättigungsmahl hatte, bei dem in Erinnerung an die Handlung Jesu beim letzten Abendmahl auch Brot gebrochen wurde. S. ebenso Lk 24,30.35; Apg 20,7.11; 27,35.
43 [Und] es war (da entstand) {aber} Ehrfurcht (Furcht)1 in allen Seelen; es geschahen sowohl viele Wunder als auch Zeichen durch die Apostel.
- Es war Ehrfurcht - ein sog. »Admirationsmotiv«: Besonders Wundertaten rufen in den Evangelien und in Apg immer wieder »Ehrfurcht« hervor, was die Wunderbarkeit der Wundertaten noch unterstreichen soll. Der nächstliegende Anlass für diese Ehrfurcht wären also die im Rest des Verses geschilderten »Wunder und Zeichen« der Apostel (so z.B. auch Lindemann 2009, S. 218f.; Witherington 1998, S. 161) und einige Schreiber haben daher den ersten Teil des Satzes auch an das Ende des Verses verschoben; ursprünglich ist aber klar die hierige Reihenfolge: Die Ehrfurcht ist offenbar die Reaktion auf die Vorbildlichkeit der Gemeinde der Urchristen – diese ist etwas geradezu »Wunderbares«. Auch möglich wäre, dass der Vers nicht von der Reaktion der Umwelt auf die urchristliche Gemeinde berichtet, sondern von der Geisteshaltung der Christen: Sie halten sich an die Lehren der Apostel, an den christlichen Kult, das christliche Gebet und sind insgesamt ganz von Ehrfurcht durchdrungen.
44 {Aber} alle Glaubenden {waren} [als] Gemeinschaft (?, zusammen)1 {und}2 sie hatten alles gemeinsam:3
- Gemeinschaft (?, zusammen) (Vv. 44.47) - schwierige Stellen. W. V. 44: »Sie waren zusammen (epi to auto, ein aus mehreren Worten bestehendes Adverb)«. Nach dem vorangehenden Vers (und auch so) bietet der Satz in seiner wörtl. Bedeutung sehr wenig informativen Mehrwert, wenn man ihn nicht so versteht, dass die 3000 Christen über die Mahl- und Gebetsgemeinschaft hinaus auch noch eine Wohngemeinschaft hatten (daher Fitzmyer 1998: »they lived together«). Noch merkwürdiger V. 47 »Der Herr fügte die Geretteten täglich hinzu zusammen«. In Ermangelung einer besseren Lösung folgen wir einem Vorschlag von Wilcox 1965, S. 93-100: epi to auto (»zusammen«) ist tatsächlich die wörtliche Übersetzung des qumranhebräischen Adverbs jachad, das wörtl. ebenfalls »zusammen« bedeutet, aber als stehender Begriff für die »Gemeinschaft« der Sekte der Essener verwendet wird: »gemeinschaftlich, als Gemeinschaft« (S. 96). Für V. 44 vgl. ebenso z.B. Capper 1995, S. 14f.; LaVerdiere 1998, S. 85; für V. 47 zusätzlich Black 1967, S. 10 FN 4; Dupont 1969, S. 907f.; Payne 1970, S. 143; auch B/N, EÜ, NeÜ, TEXT (»ihrer Gemeinschaft/Vereinigung«); FREE, JJ, SCHÄF, SLT, WIL: (»zur Gemeinde/Versammlung«); TAF (»in der Gemeinde«). Dagegen vgl. allerdings Bauckham 2003, S. 87f.
- Textkritik: {waren} + {und} - Die beiden Worte fehlen in einigen Handschriften, was recht sicher die ursprüngliche Lesart ist (so richtig Barrett 2004, S. 167). Zurückzuführen sind die unterschiedlichen Lesarten wahrscheinlich auf die ungewöhnliche Verwendung von epi to auto (s. vorige FN und vgl. Ropes 1926, S. 24; Wilcox 1965, S. 97f.). Die Übersetzung »als Gemeinschaft« folgt LaVerdiere 1998, S. 85.
- hatten alles gemeinsam - hierzu s. die Anmerkungen.
45 {Und} [immer wieder]1 verkauften sie die Habe und die Besitztümer und verteilten sie an alle, wie jemand Bedarf hatte.
- [immer wieder] - »Das Verbtempus Imperfekt legt nahe, dass dies nicht ein einmaliges Geschehen war, sondern vielmehr eine wiederkerende Praxis, die vermutlich unternommen wurde, sobald Not auftrat« (Witherington 1998, S. 162; ebenso z.B. Lindemann 2009, S. 220).
46 Indem sie sich täglich einmütig (einträchtig) im Tempel aufhielten und im Haus1 Brot brachen, nahmen sie Speise in Jubel und Schlichtheit des Herzens (jubelnd und mit lauterem Herzen) zu sich;
- im Haus, d.h. »in den Privathäusern« im Unterschied zum Tempel.
47 sie lobten Gott und hatten Ansehen beim (waren gefällig dem) ganzen Volk. [Und] der Herr {aber} fügte täglich Gerettete1 hinzu zur Gemeinschaft (?, zusammen?). “
- Gerettete - Sicher in Anspielung an V. 21 (=Joel 3,5: »Gerettet« ist der, der »den Namen des Herrn anruft«. Dies wurde von Petrus interpretiert als Ausdruck für die Taufe (s. FN az zu V. 38); also sind die, die sich der Gemeinde der Christen anschließen, die »Geretteten« oder auch »die, die gerettet werden sollten« (was sprachlich möglich und zumindest in der LF sinnvoller ist, da die Rettung vor der Zeit des Unheils ja noch aussteht).
Chapter 4
8 Da sprach Petrus, erfüllt mit heiligem Geist, zu ihnen: Oberste des Volkes und Älteste!
9 Wenn wir heute über die Wohltat an einem kranken Menschen geprüft werden, durch welches er gerettet worden ist,
10 so sei euch allen und dem ganzen Volk Israel bekannt: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt, den Gott auferweckt hat aus den Toten - in diesem Namen steht er vor euch gesund.
11 Das ist der Stein, der, von euch, den Bauleuten, verachtet, zum Eckstein geworden ist.
12 Und es ist in gar keinem anderen das Heil, denn auch kein anderer Name ist unter dem Himmel, gegeben den Menschen, in den wir gerettet werden müssen.
13 Als sie aber die Kühnheit des Petrus und Johannes sahen und bemerkten, dass es ungelehrte Menschen seien und ungebildet, verwunderten sie sich und sie erkannten von ihnen, dass sie mit Jesus gewesen waren.
14 Und als sie den Menschen, der geheilt worden war, bei ihnen stehen sahen, hatten sie nichts dagegen zu sagen.
32 Die Menge der Glaubenden aber was ein Herz und eine Seele und nicht einer sagte, etwas von dem Verhandenen sei sein Eigen, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis der Auferstehung des Herrn Jesus ab und große Gnade war mit ihnen allen.
34 Es war nämlich nicht einer bedürftig bei ihnen. Denn es befanden sich soviele Grund- oder Hausbesitzer unter ihnen. Nahcdem sie verkauft hatten, brachten sie die Verkaufssumme des Verkauften .
Chapter 5
1 Da war ein Mann namens Hananias und seine Frau Saphira. Er verkaufte ein Grundstück
2 und behielt etwas von dem Erlös für sich und seine Frau wusste davon. Dann nahm er den [übrigen] Teil und gab ihn den Aposteln 1.
- w. legte ihn den Aposteln zu Füßen
3 Da sagte Petrus: „Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, den Heiligen Geist zu belügen und einen Teil von dem Erlös des Feldes für dich zu behalten?
4 Ist es nicht so, dass es dir gehören würde, wenn du es nicht verkauft hättest? Und [selbst] als du es verkauft hattest, stand [das Geld] nicht dir zur Verfügung? Wieso hast du dir diese Sache {in deinem Herzen} vorgenommen? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott!“
5 Als Hananias das hörte, fiel er um und starb. Alle, die davon hörten, hatten große Angst.
12 Durch aber die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter (in) dem Volk. Und einmütig waren alle [zusammen (versammelt)] in der Säulenhalle (Stoa) Salomos.
13 Von den übrigen aber wagte keiner, sich ihnen anzuschließen, aber das Volk pries sie.
14 Darüber hinaus (Mehr noch) aber(: es) wurden Gläubige dem Herrn hinzugefügt1, eine Menge von Männern und Frauen,
- Alternativ: „Es wurden immer (noch) mehr Gläubige dem Herrn hinzugefügt“. Cf. C. K. Barrett, Acts 1-14, 275.
15 so dass sie auch auf (in) die Plätze (Straßen) die Kranken hinaustrugen und sie auf Betten und Bahren (Pritschen) legten, damit, wenn Petrus kommt, wenigstens (und wenn auch [nur]) der Schatten einen von ihnen beschatte.
16 Es kam aber auch die Menge der umliegenden Städte Jerusalems (der um Jerusalem liegenden Städte) und brachte Kranke und von unreinen Geistern Bedrängte, welche alle geheilt wurden.
Chapter 6
8 Stephanus aber, angefüllt mit Gnade und Kraft, tat große Wunder und Zeichen im volk.
9 Es standen aber einige auf aus der sogenannten der Libertiner und Kyrener und Alexandiner und aus Kilikien und Asien, um mit Stephanus zu streiten (oder Beiordnung: und stritten mit Stephanus)
10 Aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen.
11 Dann stifteten sie Männer an zur Aussage: Wir haben gehört, wie du gesagt hast blasphemische (gotteslästerliche/lügenhafte) Worte gegen Mose und Gott.
12 Und sie hetzten das Volk auf und die Ältesten und die Schriftgelehrten und als sie hinzugetreten waren, packten sie ihn und führten in vor den Hohen Rat (Synhedrion).
13 Und sie stellten falsche Zeugen auf, die sagen: Dieser Mensch hört nicht auf, Worte zu sagen gegen diesen heiligen Ort und das Gesetz.
14 Wir haben nämlich gehört, wie er sagte: Dieser Jesus von Nazareth wir diesen Ort zerstören und verändern die Bräuche, die uns Mose gegeben hat.
15 Und als alle, die im Hohen rat (Synhedrion) saßen, ihn anschauten, sahen sie sein Gesicht wie das Gesicht eines Engels.
Chapter 8
26 Der (ein) Engel des Herrn aber sprach zu Philippus {folgendermaßen}: „Steh auf und geh nach Süden auf dem Weg, der herabkommt von Jerusalem nach Gaza; er ist menschenleer.“
27 Und er stand auf1 und ging [los]. {Und} sieh da!, ein äthiopischer Mann, ein Eunuch, Hofbeamter (fürstlicher Beamter) der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über alle ihre Schätze [gesetzt] war2, der nach Jerusalem gekommen war, um anzubeten34,
- Partizip Aorist
- ihr „Finanzminister“
- Partizip Aorist
- Bei den sog. „Gottesfürchtigen“ handelte es sich um Intellektuelle, die vom jüdischen Glauben, bes. vom Monotheismus und den Geboten, angezogen waren und als „Fans“ dieses Glaubens gern den Tempel in Jerusalem sehen wollten. Manche konvertierten zum Judentum. Für Eunuchen war die Mitgliedschaft in der Gemeinde und der Zutritt zum Tempel wegen Dtn 23,2 ausgeschlossen (Jesaja 56,3-5 verheißen aber den Eunuchen: „ihnen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern Denkmal und Name“ (Übersetzung: Zürcher Bibel). Man kann diese Perikope daher als Erfüllung dieser Weissagung des Jesaja lesen - zumal der Eunuch ja in diesem Prophetenbuch liest!). Möglicherweise durfte er sich nicht einmal eine Torarolle kaufen, sondern „nur“ eine Jesajarolle, vgl. Christian Möller, GPM 2006, 329.
28 {und} war auf dem Rückweg 1 und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
- Partizip Präs. Vielleicht könnte man rheinländisch sagen: „War am Umkehren“
29 Der [Heilige] Geist aber sprach zu Philippus: geh hin (trete hinzu) und hänge dich an (folge dicht) diesen Wagen.
30 Als Philippus {aber} hingegangen war1, hörte er, wie er (dass er) den Propheten Jesaja las2 und sprach: „Verstehst du denn auch, was du liest?“3
- Partizip Aorist
- Der Eunuch las nach jüdischem Brauch laut
- Im Griechischen handelt es sich um ein Wortspiel: γινωσκεις α αναγινωσκεις, weil im Griechischen „verstehen“ und „lesen“ die gleiche Wurzel haben; aus „verstehen“ wird durch die Präposition ανα (über ... hin) das „Lesen“. Im Deutschen lässt sich das nicht wiedergeben.
31 Der aber sprach (antwortete): Wie soll ich [dazu] in der Lage sein, wenn mich keiner anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
32 Der Abschnitt der Schrift, den er las, war dieser: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtung gebracht (geführt),und so, wie ein Lamm vor dem Scherer stumm [ist] (verstummt),so öffnet er seinen Mund nicht.“1
- Jesaja 53,7
33 In seiner Erniedrigung wurde das Urteil gegen ihn aufgehoben.Wer von seinem Geschlecht wird davon erzählen?Denn sein Leben ist von der Erde weggenommen.
34 Der Eunuch aber antwortete Philippus {und sprach}: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von ihm selbst, oder von einem anderen?
35 Philippus aber öffnete1 seinen Mund und begann2 von dieser Schrift[stelle] aus, ihm Jesus zu evangelisieren (verkündigen).
- Partizip Aorist
- Partizip Aorist
36 Wie sie aber den Weg entlangfuhren (weiterzogen), kamen sie an ein Wasser, und der Eunuch sprach: Sieh mal, Wasser! Was verbietet, dass du mich taufst?
38 Und er befahl den Wagen zu stoppen (anzuhalten), und beide stiegen ins Wasser, Philippus und {auch} der Eunuch, und er taufte ihn.
39 Als er aber aus dem Wasser stieg (auftauchte)1, entführte (entrückte) der Geist des Herrn den Philippus, und der Eunuch sah ihn nicht mehr. Er reiste (zog) aber seinen Weg freudig 2.
- Getauft wurde, indem der Täufling ganz untergetaucht wurde. Man muss sich wahrscheinlich vorstellen, dass Philippus verschwand, als der Eunuch noch untergetaucht war
- Partizip Präsens
40 Philippus aber wurde in Asdod gefunden. Und er zog 1 durch alle Städte und evangelisierte (verkündigte), bis er nach Cäsarea kam.
- Partizip Präsens
Chapter 16
1 Er kam aber auch nach Derbe und Lystra. {Und siehe} dort war ein Jünger (Schüler) namens Timotheus, Sohn einer gläubigen Jüdin, sein Vater aber [war] Grieche,
2 der hatte einen guten Ruf bei den Brüdern (Geschwistern) in Lystra und Ikonium.
3 Von diesem wollte Paulus, dass er mit ihm hinauszöge, und er nahm ihn mit1 und beschnitt ihn wegen der Juden, die an jenen Orten waren; denn alle wussten, dass sein Vater Grieche war.
- Pleonasmus zur Belebung der Rede.
4 Als sie {aber} die Städte durchzogen, übergaben sie ihnen zur Beachtung (= hielten sie sie an, sich zu richten nach) die Gebote, die von den Aposteln und Ältesten in Jerusalem festgelegt (beschlossen) worden waren.
5 Die Gemeinden {nun zwar} wurden fest im Glauben und nahmen täglich zu an Zahl.
6 Als1 sie aber durch das Phrygische und Galatische Gebiet zogen, wurden sie vom heiligen Geist abgehalten (daran gehindert, wurde es ihnen verboten), das Wort in der [Provinz] Asien zu predigen (aussprechen, verkündigen).
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
7 Nachdem1 sie aber in die Gegend von Mysien gekommen (gelangt, gereist) waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen, aber der Geist Jesu verwehrte ihnen das.
- Ptz.coni. temporal aufgelöst.
8 Nachdem1 sie {aber} an Mysien vorbeigezogen waren, stiegen sie hinab nach Troas.
- Ptz.coni. temporal aufgelöst.
9 Aber {und} nachts erschien Paulus eine Vision (ein Gesicht), ein makedonischer Mann stand da {und} bat ihn und sprach: Setze über nach Makedonien und hilf uns!
10 Wie er aber die Vision (das Gesicht) sah, schlossen wir1 (legten wir uns zurecht) sofort, dass Gott uns berufen hatte, ihnen das Evangelium zu verkündigen.
- Wechsel der Erzählperspektive: Bisher wurde unpersönlich in der 3. Person erzählt. Jetzt taucht zum ersten Mal die 1. Person Plural auf. Ist der Erzähler Silas Apg 15,40 oder Timotheus? Das Wir könnte hier bewusst als Stilmittel eingesetzt sein, denn mit diesem Traum setzt das Evangelium aus dem Orient nach Europa über, vgl. Haenchen, KEK S. 435.
11 Nachdem 1 wir von Troas ausgelaufen waren, fuhren wir geradewegs nach Samothrake, am folgenden Tag {aber} nach Neapolis (Neustadt)2,
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Der Name des Hafens von Philippi in Makedonien, BW Sp. 1085.
12 und von dort [gingen wir] nach Philippi, das eine Stadt des ersten1 Teils von Makedonien ist, eine Kolonie. Wir waren aber in dieser Stadt und2 verweilten (brachten zu, verbrachten) einige Tage.
- Der erste der vier von Maemilius Paullus 167 v. Chr. eingerichteten Teile, Haenchen, KEK S. 437.
- Ptz.coni., beiordnnend aufgelöst.
13 Am Sabbat aber gingen wir zum Tor hinaus zum Fluss, wo wir eine Synagoge (Gebetsstätte) vermuteten1, und nachdem wir uns gesetzt hatten2 sprachen wir mit den Frauen, die [dort] zusammengekommen waren.
- ACI, wörtl.: wo wir vermuteten, dass eine Synagoge sei. Alternativ könnte man νομίζω auch wiedergeben mit "wo herkömmlicherweise eine Synagoge war". Paulus vermutet eine Synagoge am Fluss wegen der Notwendigkeit eines Tauchbeckens (Mikwe) für die Reinigung.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
14 {Und} eine Frau namens Lydia, eine Purpurwollenhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige1, hörte zu, der öffnete der Herr das Herz, (zu hören auf =) dass sie auf das2 hörte (achtete), was Paulus sagte.
- „σεβόμενοι τὸν θεόν _Gottesfürchtige_ heißen Heiden, d. sich den ethischen Monotheismus des Judentums aneigneten, auch zur Synagoge hielten, ohne jedoch das Gesetz im ganzen Umfang anzunehmen, vor allem ohne sich beschneiden zu lassen“ BW Sp. 1492.
- Ptz.coni., relativisch aufgelöst, im Griech. Plural: die von Paulus gesprochenen (erg.:Worte).
15 Als sie aber getauft wurde und ihre Hausbewohner (ihre Familie), lud sie ein {indem sie/ und sprach}: Wenn ihr meint (überzeugt seid), dass ich an den Herrn gläubig bin, kommt in mein Haus und1 bleibt. Und sie drängte (nötigte) uns.
- Ptz.coni., beiordnnend aufgelöst.
16 Es begab sich aber, als1 wir zur Synagoge gingen, begegnete uns (ging uns entgegen) eine Sklavin2 (Magd), die3 hatte einen Wahrsagegeist4, brachte ihren Herren großen Verdienst ein, indem5 sie wahrsagte.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Da von ihren „Herren“ die Rede ist, scheint es sich hier im eine Sklavin zu handeln.
- Ptz.coni., relativisch aufgelöst.
- πνεῦμα πύθωνα. πύθων ist der Drache, der das delphische Orakel bewachte und von Apollon getötet wurde. πύθων wurde zur Bezeichnung für den Wahrsagegeist, später für Bauchredner. Die v.l. πνεῦμα πύθωνος, die z.B. Papyrus 45 und der Mehrheitstext bezeugen, bedeutet: „Geist eines Bauchredners“, also: die Bauchrednergabe.
- Ptz.coni., modal aufgelöst.
17 Die folge Paulus und uns und1 schrie {indem sie/ und sprach}: Diese Menschen sind Sklaven (Diener) des höchsten Gottes, die verkündigen euch den Weg der Rettung (den Heilsweg).
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
18 Das machte sie {aber} über viele Tage hin (viele Tage lang). Paulus aber regte [das] auf (war aufgebracht) und1 sich umdrehend sprach er zum Geist: Hiermit2 befehle ich dir im Namen Jesu Christi, von ihr zu verschwinden (auszufahren). Und er verschwand (fuhr aus) von ihr in dieser Stunde.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
- Aoristisches Präsens: Als Moment der Handlung soll der gegenwärtige Augenblick bezeichnet werden, BDR § 320.
19 Als1 aber ihre Herren sahen, dass die Aussicht auf ihren Erwerb verschwunden2 war, ergriffen sie Paulus und Silas unds3 schleppten sie zum Marktplatz (Forum) zu den Behörden
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Wie in V. 18 steht auch hier ἐξέρχομαι. M.E. liegt hier ein Wortspiel vor, das man mit „verschwinden“ (statt: ausfahren) gut wiedergeben kann.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
20 und sprachen, als1 sie sie den Prätoren2 vorführten: Diese Menschen, die Juden sind, wiegeln unsere Stadt auf
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Das griechische Wort steht für das römische Amt des Prätoren, des obersten Beamten der Kolonie. Die Bezeichnung ist eig. Duumviri, aber στρατηγός war auch üblich.
21 und verkündigen Gesetze (Riten), die wir nicht bei uns, die wir Römer sind, gelten lassen noch tun dürfen1.
- Wörtl.: die uns nicht erlaubt sind gelten zu lassen.
22 Und das Volk erhob sich mit (ebenfalls) gegen sie und die Prätoren befahlen, nachdem1 sie ihnen die Kleider {ringsum} heruntergerissen hatten, die Prügelstrafe zu verabreichen2
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Die Strafe der _verberatio_, nicht mit der Peitsche, sondern mit dem Stock verabreicht. Unter den Prügelstrafen war sie die härteste. Sie wurde nicht gegen römische Bürger angewandt (siehe Vers 37!).
23 Nachdem1 man ihnen viele Schläge versetzt hatte, warfen sie sie ins Gefängnis und2 befahlen dem Gefängniswärter, sie sicher zu verwahren (gefangen zu halten).
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
24 Der, nachdem1 er eine solche Anweisung erhalten hatte, warf sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block ein.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
25 Aber um Mitternacht beteten Paulus und Silas und1 priesen (besangen, rühmten) Gott. Die Gefangenen aber hörten ihnen zu.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
26 Plötzlich aber ereignete sich ein großes Erdbeben, sodass die Fundamente des Gefängnisses ins Wanken gerieten. Sofort aber wurden alle Türen geöffnet und die Fesseln aller gelöst.
27 Nachdem1 aber der Gefängniswärter wach geworden war und2 sah, dass die Türen des Gefängnisses geöffnet worden waren, zog er das Schwert und3 wollte sich töten, weil4 er meinte, die Gefangenen wären entflohen5.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
- Ptz.coni., kausal aufgelöst.
- ACI, wörtl.: dass die Gefangenen entflohen wären.
28 Paulus aber rief mit gewaltiger Stimme {und sprach}: Tu dir nichts Böses (Übles) an, wir sind doch alle hier.
29 Nachdem1 er Licht verlangt hatte, sprang2 er hinein und fiel Paulus und Silas zu Füßen, während3 ihn ein Zittern überfiel.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- So wörtlich. Ich stelle mir das Gefängnis als einen Kellerraum vor, in den die Gefangenen hinabgelassen wurden, was ihre Flucht zusätzlich erschwert hätte - andererseits müsste es sich bei den „Türen“ dann um Falltüren handeln; sonst: hineinlaufen.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
30 Nachdem1 er sie hinausgeführt hatte, sagte er: Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
31 Sie aber sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet und deine Familie(deine Hausbewohner).
32 Und die sagten ihm das Wort des Herrn mit allen, die in seinem Haus [waren].
33 Und er nahm sie zu sich in jener nächtlichen Stunde (Stunde der Nacht), wusch ihnen die Striemen1 und wurde sofort getauft und alle die Seinen,
- Wohl: reinigte die von der Prügelstrafe verursachten Wunden - durch die Schläöge platzt die Haut auf.
34 dann führte er sie hinauf ins Haus und1 setzte ihnen eine Mahlzeit vor und jubelte mit der ganzen Familie, dass er an Gott gläubig [geworden war].
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
35 Als1 es aber Tag geworden war, schickten die Prätoren die Liktoren2 {und sprachen}: Lasst jene Menschen frei!
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Den Prätoren von Philippi standen zwei Liktoren zu, BW Sp. 1468.
36 Der Gefängniswärter meldete diese Worte dem Paulus:1 Die Prätoren haben geschickt: ihr sollt freigelassen werden (dass ihr freigelassen werdet). Geht also jetzt hinaus und zieht hin in Frieden.
- ότι citativum, wird nicht übersetzt.
37 Aber Paulus sprach zu ihnen1: Sie haben uns öffentlich ohne Prozess verprügelt (die Prügelstrafe verabreicht), obwohl2 wir Römer sind, sie warfen uns ins Gefängnis, und jetzt entlassen sie uns heimlich? Oh nein! Vielmehr (sondern) sollen sie kommen und3 uns hinausgeleiten.
- Den Liktoren aus Vers 35.
- Ptz.coni., konzessiv aufgelöst.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
38 Die Liktoren {aber} meldeten (berichteten) den Prätoren diese Worte. Sie fürchteten sich aber, als1 sie hörten:2 Sie sind Römer,
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- ότι citativum, wird nicht übersetzt.
39 und kamen und1 redeten ihnen gut zu (gaben ihnen gute Worte, sprachen ihnen freundlich zu) und führten sie hinaus. Dabei2 baten sie sie, die Stadt zu verlassen.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
- Ptz.coni., modal aufgelöst.
40 Nachdem1 sie aber das Gefängnis verlassen hatten (weggegangen waren vom Gefängnis) besuchten sie (traten sie ein bei) Lydia. Sie sahen die Brüder und2 trösteten sie (redeten ihnen gut zu) und gingen fort.
- Ptz.coni., temporal aufgelöst.
- Ptz.coni., beiordnend aufgelöst.
Chapter 17
16 Als Paulus sie aber in Athen erwartete, geriet sein Geist in ihm in Wallung1, weil er sah, dass die Stadt voller Götterbilder war.
- Bauer, Wörterbuch Sp. 1248 übersetzt: "sein Geist wurde in ihm in Erregung versetzt" und gibt als mögliche Gründe dafür Zorn, Betrübnis oder Bekehrungseifer an
17 Also unterredete er sich in der Synagoge mit den Juden und den Sebomenoi1 und auf dem Markt täglich2 mit den zufällig Anwesenden.
- Gottesfürchtige aus dem Umkreis der Synagoge
- an vielen Tagen
18 Aber auch einige von den Epikuräern und stoischen Philosophen unterredeten sich mit ihm und einige sagten: „Was dieser Schwätzer (Klugschwätzer) wohl sagen will?“1 Andere aber: „Er scheint ein Verkünder fremder Gottheiten zu sein“, weil er Jesus und die Auferstehung2 verkündigte.
- Potentialis der Gegenwart
- Die Athener sind der Meinung, Paulus lehre eine Gottheit namens „Anastasis“ (Auferstehung). Im Hellenismus wurden häufig religiöse Begriffe personifiziert und hypostasiert, vgl. Haenchen, Apostelgeschichte S. 468. Übrigens ist dieser Vorwurf der Verehrung fremder Götter eine Anspielung des Lukas an die Anklage gegen Sokrates auf dem Areopag!
19 Und nachdem sie ihn ergriffen1 hatten, nahmen sie ihn mit zum Areopag2 und sagten: Können wir wissen, welches jene neue Lehre ist, von der du redest?
- Das Verb kann ein freundliches Anfassen meinen, aber auch eine Festnahme bezeichnen
- hier wohl mehr die Kultusbehörde als der Berg (Lukas konnte allerdings nicht damit rechnen, dass seine Leser den Areopag als Schulaufsichtsbehörde kannten: Haenchen, Apostelgeschichte S. 468). Steht Paulus auf dem Berg (der allerdings zu klein ist für eine große Zuhörerschaft), hält er eine Predigt; steht er vor der Behörde, hält er, wie Sokrates (Platon, Apologie), eine Verteidigungsrede. Lukas kommt es offensichtlich nicht auf geographische Genauigkeit an sondern darauf, bei seinen Lesern die Assoziation an die Verteidigungsrede des Sokrates zu wecken, vgl. Haenchen S. 468f
20 Denn gewisse befremdliche Dinge bringst du uns zu Ohren. Wir wollen nun wissen, was dies sein mag.
21 Alle Athener aber und die sich aufhaltenden Fremden hatten zu nicht anderem Muße, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.
22 Als1 Paulus aber in der Mitte des Areopag stand, sagte er: (Männer Athens =) Athener, ich beobachte (sehe), wie (dass) ihr durch und durch religiös seid.2
- Man kann das Partizip auch gleichzeitig auflösen: Paulus stellte sich [als Redner in Positur]
- oder: betrachte euch als durch und durch religiös
23 Während ich nämlich [in Athen] umherging und mir eure Heiligtümer genau ansah, fand ich auch einen Altar, auf dem geschrieben steht: Dem unbekannten Gott. Was1 ihr nun unbekannter Weise anbetet (verehrt), das verkündige ich euch:
- Relativpronomen neutrum Sg.
24 Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles was in ihr ist, dieser Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in von Hand gemachten Tempeln.
25 Auch wird er nicht von Menschenhänden bedient, weil er etwas bedarf; er selbst gibt allen Leben und Atem und alle Dinge (Alles).
26 Und er hat aus einem alle Völker der Menschen gemacht, dass sie die ganze Oberfläche der Erde bewohnen; er legte bestimmte Zeiten (= Jahreszeiten) fest und die Grenzen ihrer Wohnungen,
27 dass sie Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden möchten,1 denn jedenfalls nicht fern ist er von jedem von uns.
- optativus obliqus
28 Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: „Denn wir sind auch sein Geschlecht1“.
- γένος bezeichnet die Abstammung; der Begriff »Geschlecht« ist mehrdeutig. Besser: Wir stammen auch von ihm ab
29 Weil wir nun Gottes Geschlecht sind (von Gott abstammen), dürfen wir nicht meinen, dass Goldenes oder Silbernes oder Steinernes1, Gebilde menschlicher Kunst(fertigkeit) und Phantasie (Erfindungsgabe), dem Göttlichen gleich2 seien.
- gemeint sind Götterfiguren
- ὁμοίος kann auch "ähnlich" bedeuten, aber Paulus geht es um die Verehrung der Figuren als Götter, deshalb geht es ihm hier um die (Un-)Gleichheit
30 Nachdem Gott nun über diese Zeit der Unwissenheit hinweg gesehen hat, verkündigt er jetzt allen Menschen überall umzukehren,
31 weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten will, durch einen Mann, den er ausersehen hat, indem er allen einen Beweis dadurch erbrachte, dass er ihn von den Toten auferweckte.
32 Als sie aber von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, die anderen aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andernmal hören1.
- eine höfliche Art, das Gespräch zu beenden, ohne dass eine Fortsetzung beabsichtigt wäre, Haenchen S. 466
33 So ging Paulus aus ihrer Mitte weg.
34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und begannen zu glauben, unter ihnen auch Dionysios, der Areopagit, und eine Frau mit Namen Damaris, und andere mit ihnen.
Chapter 19
1 Es geschah aber, während Apollos in Korinth war1, dass Paulus die höher gelegenden Gegenden durchziehend [herab]kam nach Ephesus und einige Schüler (Jünger) fand2.
- εν τω τον απολλω ειναι εν κορινθω.
- AcI-Konstruktion: A=παυλον; I=ελθειν, ευρειν.
2 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Die aber zu ihm: Wenn wir doch aber nicht gehört haben, dass es heiligen Geist gibt?
3 Und er sprach: Auf was wurdet ihr denn getauft? Die aber sprachen: Auf die Taufe des Johannes.
4 Paulus aber sprach: Johannes taufte eine Taufe der Buße (Umkehr) dem Volk sagend, dass sie an den nach ihm Kommenden glauben sollten, dieses ist an Jesus.
5 Hörend aber (Als sie es aber aber hörten) wurden sie getauft auf den Namen des Herren Jesu.
6 Und als ihnen Paulus die Hände auflegte1, kam der heilige Geist auf sie und sie begannen zu reden in Zungen und prophetisch zu reden.
- Genitivus absolutus.
7 Es waren aber alle Männer ungefähr zwölf.
Chapter 20
16 Denn Paulus hatte es sich vorgenommen (entschieden), an Ephesus vorbei zu fahren, um keine Zeit in [der Provinz] Asien zu verlieren; denn er beeilte sich, um am Tag des Pfingstfestes in Jerusalem zu sein, wenn es [ihm] möglich ist.
17 Von Milet [aus] sandte er [eine Nachricht] nach Ephesus1, um die Ältesten der Kirche zu sich kommen zu lassen.
- Sowohl Ephesus als auch Milet sind Hafenstädte. Sie sind ca. 70 km voneinander entfernt, also etwa 2–3 Tagesreisen (Schnabel 2002, 1177). Milet wird als unbedeutende Stadt dargestellt: es scheint keine Gemeinde dort zu geben, und selbst die Wolle, für die diese Handelsstadt berühmt war, wird nicht erwähnt.
18 Als sie bei ihm angekommen waren1, sagte er ihnen: „''Ihr'' wisst, wie von dem ersten Tag an, als ich Asien betrat2, die ganze Zeit (immer) mit (bei) euch gewesen bin,
- tFN: Zeitform hier Aor. Inhaltlich macht Vorvergangenheit mehr Sinn.
- Paulus erinnert an seine Ankunft in Ephesus, die Hauptstadt der römischen Provinz Asia/Asien. Wir wissen von zwei Aufenthalten: sein erster Aufenthalt war am Ende der zweiten Missionsreise (Apg 18,19). Sein längerer Aufenthalt folgt erst in der dritten Missionsreise: in Apg 19,10 werden 2 Jahre erwähnt, nachdem er bereits 3 Monate in den Synagogen gepredigt hatte (Apg 19,8). Die Angabe drei Jahre (V. 31) könnte der inklusiven Zählung zugrunde liegen, bei der angebrochene Jahre mitgezählt werden.
19 indem ich dem Herrn diente mit aller Demut (Bescheidenheit) und [unter] Tränen und Versuchungen (Prüfungen, Anfechtungen)1, die mir entgegentraten (begegneten) in den Anschlägen der Juden.
- Die deutsche Übersetzung kann nicht wiedergeben, dass die drei Verhaltensweisen (Demut, Tränen und Versuchungen) hier grammatikalisch gleichgeordnet sind, sie sind Charakteristika für den Dienst des Paulus.
20 [Ihr wisst auch,] wie ich nichts von dem zurückhielt (vorenthielt, verschwieg), was für euch hilfreich ist1, indem ich es nicht verkündige2. [Nein, ] ich habe euch gelehrt öffentlich und in [euren] Häusern,
- Vgl. V. 27, der fast parallel aufgebaut ist.
- Die doppelte Verneinung »[es gibt] nichts, was ich euch nicht verkündigt hätte«, betont die Vollständigkeit seiner Lehre: er hat nichts verschwiegen, den ganzen Willen Gottes gepredigt, und zwar sowohl den Juden als auch den Griechen; sowohl öffentlich als auch privat, also: mit vollem Einsatz. (Zmijewski 1994, 741)
21 indem ich sowohl den Juden als auch den Griechen eindrücklich1 bezeugte, dass sie zu Gott umkehren und an unseren Herrn Jesus Christus glauben sollen.
- διαμαρτυρόμαι ist stärker als »bezeugen« (so ELB, LUT, SCHL): durch die Vorsilbe δια- hat es eine feierlichen, beschwörenden Klang (Haubeck &Siebenthal 2007, 814)
22 Und nun, siehe, [weil] ich an den Geist gebunden (gefesselt) bin1, gehe ich nach Jerusalem und weiß nicht, welche [Dinge] mir dort geschehen werden.
- tFN: Welcher Geist ist hier gemeint? Ist hier der Heilige Geist gemeint, also »gebunden durch den (Heiligen) Geist« (dat. instrumentalis, so LUT, NGÜ, NIV)? Dann ist seltsam, dass die Qualifizierung »heilig« hier fehlt, in V. 23 aber erwähnt wird. Allerdings wird »Geist« und »Heiliger Geist« in der Apostelgeschichte oft austauschbar verwendet (am deutlichsten Apg 2,4; 8,17–19). Oder handelt es sich um einen idiomatischen Superlativ der geistigen Tätigkeit des Paulus (»mit fester Entschlossenheit«, so Bullinger 1898, 832)? Dafür würde sprechen, dass bereits in Apg 19,21 von dieser Entscheidung mit dem Idiom »im Geist« gesprochen wird. In diesem Fall würde es sich hier um eine Wiederholung und Steigerung (»gebunden«) handeln. Wir schließen uns der Entscheidung von Bruce (1990, 413) an, der beide Alternativen nennt und sich für die erste Variante entscheidet für beide Stellen.
23 [Ich weiß] nur, dass der Heilige Geist mir in jeder Stadt sagt, dass mich Fesseln und Bedrängnis erwarten1.
- Erst in Apg 21,11 wird die Warnung konkreter: »fremde Nationen« werden ihn fesseln (was in Apg 21,33 geschah)
24 Aber mein Leben ist nicht der Rede wert.1 Wenn ich nur meinen Lauf (Wettlauf) vollenden (beenden)2 könnte, den Dienst, den ich durch den Herrn Jesus bekommen habe: das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen!
- Die grammatikalische Konstruktion ist hier schwierig zu deuten, weil zwei emphatische Ausdrücke kombiniert werden, inhaltlich aber ist klar: Paulus hält sein Leben »für absolut wertlos« (Dupont 1966, 67f).
- Textkritik: SCHL fügt hier hinzu, "mit Freuden". (textus receptus)
25 Und nun, siehe, ''ich'' weiß (bin mir sicher), dass keiner mehr mein Angesicht sehen wird, ihr alle, unter denen ich das Königreich [Gottes] verkündet (gepredigt) habe.
26 Darum bezeuge ich an diesem Tag, dass ich rein (unschuldig) bin von dem Blut aller.1
- Apg 18,6 zeigt, dass er mit dem Blut die fehlende Errettung meint, also »Ich bin unschuldig, wenn einer von euch verloren geht.« (vgl. Zmijewski 1994, 743). Aber ist nicht jeder für seine eigene Errettung zuständig? Hier hilft ein Verweis auf Wächteramt von Hesekiel: wenn der Prophet Gottes Gerichtswarnung verschweigt, so wird das Gericht den Gottlosen treffen, die Blutschuld aber Hesekiel (Hes 3,18;33,6).
27 Denn ich habe nicht verschwiegen, sondern euch den ganzen Willen (Absicht, Plan) Gottes verkündet.
28 Richtet euren Sinn (Gebt acht) auf euch selbst und die ganze Herde, in der euch der Heiligen Geist zu Aufseher (Bischöfe, Hirten, Pastoren)1 bestellt hat, damit ihr die Gemeinde Gottes2 weidet (für sie sorgt), die er erwählt hat durch sein eigenes Blut3.
- Bei diesen Aufsehern (ἐπισκόποι) handelt es sich um die gleiche Personengruppe wie in V. 17: Älteste (πρεσβυτέροι). Wir denken bei Ältesten und Bischöfe zuerst an Autorität und Hierarchie; dies wäre hier anachronistisch. Zu der damaligen Zeit waren beide Begriffe wohl Umschreibungen für die gleiche Aufgabe: sich um die Gemeinde fürsorglich zu kümmern. Paulus erinnert hier an die Verantwortung ihrer Leiterrolle. (vgl. Stott 2000, 473)
- Textkritik: viele Handschriften haben hier "Gemeinde des Herrn". Vgl. Metzger 1971, 425-427
- d.i. durch den Blut seines eigenes [Sohnes]. Vgl. NSS; Dupont: "Paulus an die Seelsorger (1966), S. 107-109
29 ''Ich'' weiß, dass mit meiner Abreise [immer wieder]1 gefährliche Wölfe hereinbrechen werden in eurer [Mitte]. Sie werden die Herde nicht verschonen.
- Präsens-Stamm, durativ-iterativ.
30 Und aus euch selbst (aus eurer Mitte) werden Menschen auftreten, die Verdrehtes reden, um die Jünger wegzuziehen hinter ihnen her1.
- Also: die Jünger aus der Herde zu entfernen. Stattdessen schließen sie sich diesen Irrlehrern an.
31 Darum wachet; erinnert euch daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufhörte, jeden von euch unter Tränen zu ermahnen.
32 Und nun vertraue ich euch Gott und dem Wort (Botschaft) seiner Gnade an, das1 kräftig (fähig) ist, [euch] aufzubauen und [euch] das Erbteil (Erbe) unter allen Geheiligten zu geben.
- LUT: "der" fähig ist, also Gott. Das Relativpronomen kann sich tatsächlich auf beides beziehen, denn θεός und λόγος haben den gleichen Genus. Im Kontext der Verse 20.24.27 ist es allerdings wahrscheinlicher, dass Paulus hier die Predigt meint, dessen Inhalt die Gnade ist.
33 Silber oder Gold1 oder Kleidung habe ich von niemandem verlangt (begehrt). 2
- Silber oder Gold: Paraphrastisch für "Geld". Könnte in der Lesefassung als "Münzen oder Scheine" wiedergegeben werden.
- Als Hintergrund für die nun folgende Ermahnung muss uns bewusst sein: Paulus hat die Jersualem-Kollekte dabei. Lukas erwähnt diese nicht explizit, aber Apg 20,4 deutet stark auf die anvisierte Delegation der Gemeinden (1Kor 16,3) hin (Böttrich 2013). Diese Kollekte ist eine freiwillige Gabe (2Kor 8,3.8; 9,7), die die Verbundenheit der überwiegende heidenchristlichen Gemeinden mit den Judenchristen in Jerusalem ausdrückt (Gal 2,10), und für die Armen in Jerusalem bestimmt ist (2Kor 9,7).
34 Ihr selbst wisst, dass meinen Bedürfnissen und denen, die mit mir waren, diese meine1 Hände gedient haben.2
- Betonung. Vielleicht auf deutsch: "meine eigenen Hände"
- Er hat selbst den Unterhalt für sich und seine Begleiter erarbeitet. Dass dies nicht selbstverständlich war, wird in 1Kor 9 deutlich: natürlich haben die Leviten, und damit auch die Wanderprediger (1Kor 9,14), Recht auf Unterhalt. Er verzichtet darauf, nicht weil es von Gott so befohlen ist, sondern freiwillig, um der Verbreitung des Evangeliums in keinster Weise ein Hindernis zu sein (1Kor 9,12). Als er im Gefängnis ist, nimmt er eine Gabe von den Philippern dankend an (Phil 4,10–18).
35 Alles habe ich euch gezeigt, dass während man arbeitet (sich abmüht), es1 notwendig ist, den Schwachen (Kranken) zu helfen2 und das Wort des Herrn Jesu zu erinnern, der selbst sagte: 'Geben ist seliger (macht glücklicher)3 als Nehmen.'4“
- Im Griechischen fehlt das Subjekt. Darum haben die Übersetzung hier verschiedene Formulierungen gewählt: man (soll/kann ...) (ELB, LUT, SCHL, EU, HFA), wir (NGÜ, GNB, NeÜ, NIV), ihr (NLB, KJV).
- Er begründet sein Verhalten mit dem jüdischen Wohlfahrtsgedanken: wer etwas hat, soll mit dem Teilen, der nicht genug hat (5Mo 24,19; Sach 7,9f; Lk 3,11).
- Das Wort μακάριος hat dabei sowohl einen horizontalen, als auch einen vertikalen Aspekt: es macht glücklicher, aber auch: es ist gesegneter (Becker 2000, 1642f).
- Dieses Jesus-Wort ist nicht in den Evangelien überliefert. Aber vgl. Lk 6,38
36 Und als er das gesagt hatte, kniete er sich hin und betete mit ihnen allen.
37 Danach fingen alle laut (stark, viel) an zu weinen, sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn immer wieder1.
- Impf - durativ iterativ (oder linear: sie hörten nicht auf, ihn zu küssen). Beides spricht von einem längerem Abschied.
38 Am meisten bekümmerte sie {das Wort}, dass er {ihnen} gesagt hatte, dass sie ihn nicht mehr persönlich sehen werden. Dann begleiteten1 sie ihn zum Schiff.
- w. sie statteten ihn zur Weiterreise aus. D.h. sie taten alles, was sie konnten, um Paulus ein letztes Mal Ehre zu erweisen. Antike Gastfreundschaft