Chapter 1
1 Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.1
- Dies ist die Überschrift des ganzen Buches. Matthäus will darin die Geschichte Jesu so darstellen, daß ihn die Juden erkennen als den Christus oder Messias, als den verheißenen Gesalbten Gottes, der die dem Abraham und seinen Nachkommen gegebenen Verheißungen erfüllt hat. Darum beginnt Matthäus seine Geschichte Jesu mit einem kurzen Überblick über die Geschichte Israels, indem er in V2-17 einen Stammbaum gibt, der "an Abraham seine Wurzel, an Jesus, dem Messias, seinen Wipfel hat".
2 Abraham war der Vater Isaaks. Isaak war der Vater Jakobs. Jakob war der Vater Judas und seiner Brüder.
3 Juda war — durch Thamar — der Vater des Perez und Serah.1 Perez war der Vater Hezrons. Hezron war der Vater Rams.
- 1Mo 38:29-30
4 Ram war der Vater Aminadabs. Aminadab war der Vater Nahessons. Nahesson war der Vater Salmas.
5 Salma war — durch Rahab — der Vater des Boas. Boas war — durch Ruth — der Vater Obeds. Obed war der Vater Isais.
6 Isai war der Vater des Königs David.1 David war — durch Urias Witwe2 — der Vater Salomos.
- Ru 4:18-22
- Bathseba (2Sa 11)
7 Salomo war der Vater Rehabeams. Rehabeam war der Vater Abias. Abia war der Vater Asas.
8 Asa war der Vater Josafats. Josafat war der Vater Jorams. Joram war der Vater Usias.1
- Zwischen Joram und Usia sind ausgefallen: Ahasja, Joas und Amazja (2Ch 22$ 23$ 24$ 25)
9 Usia war der Vater Jotams. Jotam war der Vater des Ahas. Ahas war der Vater Hiskias.
10 Hiskia war der Vater Manasses. Manasse war der Vater Amons. Amon war der Vater Josias.
11 Josia wurde der Vater Jechonjas und seiner Brüder zur Zeit der Wegführung nach Babylon.1
- Zu V7-11 vgl. 1Ch 3:10-16 — Asarja in 1Ch 3:12 ist derselbe wie Usia. — Zwischen Josia und Jechonja fehlt in V11 Jojakim. 1Ch 3:15-16 Von Brüdern Jechonjas (V11) sagt übrigens das Alte Testament nichts; wohl aber redet es von Brüdern Jojakims. 1Ch 3:15 Vielleicht hat Matthäus in seinem aramäischen Evangelium hier in V11 auch Jojakim geschrieben, wofür dann der griechische Übersetzer Jechonja gesetzt hat. Dadurch finden sich in V12-16 tatsächlich nur 13 Glieder, während doch in V17 ausdrücklich hervorgehoben wird, daß von der Wegführung nach Babylon bis auf Christus auch 14 Geschlechter sind. Das ist auch wirklich der Fall, wenn Jechonja nur in V12 und nicht auch in V11 genannt wird. Dann ist Jechonja ja unter den 14 Geschlechtern der dritten Reihe das erste Glied und Jesus das letzte.
12 Nach der Wegführung nach Babylon wurde Jechonja der Vater Sealthiels.1 Sealthiel war der Vater Serubabels.2
- 1Ch 3:17
- Esr 3:2, 5:2. Nach 1Ch 3:17-19 ist Serubabbel nicht ein Sohn, sondern ein Enkel Sealthiels; sein Vater heißt hier Pedaja. — Die nach Serubabel von V13 an genannten Namen (Abiud, Eljakim usw.) kommen im Alten Testament nicht vor. Matthäus hat sie jedenfalls aus einer zuverlässigen Überlieferung übernommen.
13 Serubabel war der Vater Abiuds. Abiud war der Vater Eljakims. Eljakim war der Vater Asors.
14 Asor war der Vater Zadoks. Zadoks war der Vater Achims. Achim war der Vater Eliuds.
15 Eliud war der Vater Eleasars. Eleasar war der Vater Matthans. Matthan war der Vater Jakobs.
16 Jakob war der Vater Josefs, des Mannes der Maria. Maria aber ist die Mutter jenes Jesus, der den Namen Christus trägt.1
- Hier folge ich der Lesart: Ιακωβ δε εγεννησεν τον Ιωσηφ τον ανδρα Μαριας, εξ ης εγεννηθη Ιησους ο λεγομενος Χριστος — v. Sodens Lesart in V16: Ιακωβ δε εγεννησεν τον Ιωσηφ, Ιωσηφ δε, ω εμνηστευθη παρτενος Μαριαμ, εγεννησεν Ιησουν τον λεγομενον Χριστον ist im Blick auf Mt 1:18-25 mehr als seltsam! Wie hätte Matthäus so schreiben können!
17 Alle Geschlechter von Abraham bis David betragen vierzehn. Auch von David bis zu der Wegfnhrung nach Babylon sind vierzehn Geschlechter. Ebenso sind vierzehn Geschlechter von der Wegfnhrung nach Babylon bis auf den Messias.
18 Mit Christi Geburt verhielt es sich so: Als seine Mutter Maria mit Josef verlobt war, da zeigte sich's, noch ehe sie zusammenzogen, daß sie vom Heiligen Geist empfangen hatte.
19 Josef aber, ihr Verlobter,1 der ein frommer Mann war2 und sie nicht bloßstellen wollte, ging schon damit um, sich in aller Stille von ihr zu trennen.3
- Wörtlich: "ihr Mann," wie "deine Verlobte" in V20 wörtlich "dein Weib" heißt. Die Verlobung wurde nämlich bei den Juden als der Anfang der Eheschließung angesehen und auch rechtlich so behandelt. vgl. 5Mo 22:23-24
- Weil Josef fromm und rechtschaffen war, erschien es ihm sittlich unmöglich, die Ehe mit Maria zu vollziehen; aber ebensowenig wollte er sie vor der Öffentlichkeit bloßstellen.
- Das weist auf eine rechtsgültige, aber möglichst unauffällige Art der Scheidung.
20 Als er dies erwog, da erschien ihm im Traume ein Engel des Herrn und sprach zu ihm: "Josef, du Sohn Davids, scheue dich nicht,1 Maria, deine Verlobte, zu deiner Ehefrau zu machen! Denn was in ihr erzeugt ist, das stammt von dem Heiligen Geiste.
- Aus Ehrgefühl.
21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus1 geben; denn er wird sein Volk2 erretten von ihren3 Sünden."4
- Der griechische Name Jesus ist gebildet aus dem hebräischen Jeschua, einer Verkürzung des älteren Namens Jehoschua (Josua), d.h. Jahwe ist Hilfe oder Retter.
- Israel.
- Die Mehrzahl des Fürworts wird hier gebraucht, weil das Volk aus vielen einzelnen besteht.
- Aber nicht von dem äußern Druck durch seine Feinde. vgl. Ps 130:8
22 Dies alles ist geschehen, damit sich jenes Wort erfülle, das der Herr durch den Mund des Propheten gesprochen hat:
23 Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen wird man nennen Immanuel,1 das heißt: mit uns ist Gott.
- Jes 7:13 Jes 8:8
24 Als Josef von seinem Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und führte seine Verlobte als Eheweib heim.
25 Aber er verkehrte nicht mit ihr, bis sie einen Sohn geboren hatte.1 Dem gab er2 den Namen Jesus.
- Nach anderer Lesart: vgl. Lu 2:7 "bis sie ihren ersten Sohn gebar." Weist dieser Ausdruck nicht darauf hin, daß Maria später noch andere Söhne geboren hat? vgl. Mt 13:55, Mr 6:3, Joh 7:3, 5
- Josef.
Chapter 2
1 Als Jesus in den Tagen des Königs Herodes1 zu Bethlehem2 in Judäa geboren war,3 da trafen Sterndeuter4 aus dem Morgenlande in Jerusalem ein und fragten:
- Gemeint ist Herodes der Große, der unter römischer Oberhoheit von 37 bis 4 v. Chr. als König über ganz Palästina herrschte.
- Bethlehem bedeutet: Brothausen oder nach anderer Erklärung: Haus der (babylonischen) Göttin Lachama.
- Das Geburtsjahr Jesu ist unsicher; es fällt aber 4 bis 7 Jahre vor den Beginn unserer Zeitrechnung, deren Urheber, der Abt Dionysius in Rom (532 n. Chr.) die Regierung des Königs Herodes des Großen unrichtig angesetzt hat.
- Wörtlich: "Magier." So hießen bei den Babyloniern die Priester und Gelehrten, die sich besonders mit Sternkunde und Sterndeuterei beschäftigten. Fern im Osten von Palästina, im alten Babylon, wohnten viele Juden, durch die sicher auch manche Heiden von der messianischen Hoffnung Isarels Kunde erhielten.
2 "Wo ist der König der Juden?1 Er ist geboren; denn wir haben in den Strahlen der Morgendämmerung seinen Stern erscheinen sehn und sind hierher gekommen, um ihm zu huldigen."2
- "König der Juden" ist gleichbedeutend mit Messias.
- Aus den uns erhaltenen Tafeln der alten babylonischen Sterndeuterei geht hervor, daß sie sich besonders mit dem westlich von ihnen gelegenen Palästina beschäftigten, und es finden sich Ausdrücke wie: "Wenn das und das geschieht, dann wird ein großer König im Westen auftreten, dann werden Recht und Gerechtigkeit, Friede und Freude in allen Landen herrschen und alle Völker beglücken (vgl. Th. Zahn: Das Evangelium des Matthäus, 2. Aufl., S. 92). Der Berliner Professor Oswald Gerhardt, dem ich in der Übersetzung von V2 folge, legt in seiner Schrift "Der Stern des Messias" (Leipzig 1922) dar, daß der Stern Christi der Planet Saturn sei.
3 Als dies dem König Herodes zu Ohren kam, erschrak er,1 und mit ihm entsetzte sich auch ganz Jerusalem.2
- Denn war das Kind wirklich der verheißene Messias, so glaubte er für seine Herrschaft zittern zu müssen.
- Denn die Bewohner Jerusalems wußten, daß Herodes jeden Angriff auf seinen Thron blutig zurückweisen werde.
4 Da berief er alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes1 und legte ihnen die Frage vor: "Wo2 soll der Messias geboren werden?"
- D.h. die Mitglieder des Hohen Rates. Der Hohe Rat in Jerusalem war die höchste jüdische Behörde für geistliche und weltliche Angelegenheiten. Er bestand aus 71 Mitgliedern, die als Hohepriester, Älteste und Schriftgelehrte unterschieden werden, Mr 14:53, 15:1, Lu 22:66 und dem jeweiligen Hohenpriester, der den Vorsitz führte. Zu den Hohenpriestern gehörten außer dem regierenden Hohenpriester auch seine Amtsvorgänger und die Angehörigen jener vornehmen Familien, aus denen die Hohenpriester genommen wurden. Unter den Ältesten sind wahrscheinlich die weltlichen Mitglieder der Versammlung zu verstehen. Die Schriftgelehrten bildeten die gesetzeskundigen Beisitzer. Die Todesurteile des Hohen Rates mußten von dem römischen Statthalter bestätigt werden.
- Nach der Schrift.
5 Sie antworteten ihm: "Zu Bethlehem in Judäa. Denn so steht geschrieben in den Worten des Propheten:
6 Und du, Bethlehem im Lande Juda, du bist durchaus nicht die geringste unter den Führerstädten. Denn aus dir soll mir ein Herrscher kommen, der wird als Hirte weiden mein Volk Israel."1
- Frei nach Mic 5:1.
7 Hierauf ließ Herodes die Sterndeuter in aller Stille1 zu sich rufen und sich von ihnen genau die Zeit angeben, wann der Stern zuerst erschienen sei.2
- Unter Vermeidung alles Aufsehens.
- Herodes wollte durch diese Angabe das Alter des Kindes ermitteln, um danach seine weiteren Maßregeln zu treffen (vgl. V13.16).
8 Dann wies er sie nach Bethlehem und sprach: "Zieht hin und forscht mit Sorgfalt nach dem Kinde; und habt ihr es gefunden, so gebt mir Nachricht, damit ich auch komme und ihm huldige."1
- In Wirklichkeit aber wollte er das Kind töten.
9 Als sie dies von dem Könige vernommen hatten, machten sie sich auf den Weg.1 Und sieh, der Stern, den sie im Frühaufgang gesehn, zog vor ihnen her, bis er stillstand über dem Hause, wo das Kindlein war.
- Und zwar zur Nachtzeit.
10 Bei dem Anblick des Sternes wurden sie mit großer Freude erfüllt.
11 Sie traten in das Haus und sahen das Kind bei Maria, seiner Mutter. Da fielen sie vor ihm nieder und huldigten ihm. Dann öffneten sie ihre Schatzbehälter und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen als Geschenke dar.
12 Im Traum erhielten sie1 die Weisung, nicht wieder zu Herodes zu gehn. Deshalb zogen sie auf einem andern Wege2 in ihr Heimatland zurück.
- Von Gott.
- Als über Jerusalem.
13 Als sie weggezogen waren, da erschien ein Engel des Herrn dem Josef im Träume und sprach zu ihm: "Auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleibe dort so lange, bis ich dir Nachricht gebe! Denn Herodes will das Kind in seine Gewalt bekommen, um es zu töten."
14 Da stand er auf und nahm noch in derselben Nacht das Kind und seine Mutter und machte sich auf den Weg nach Ägypten.
15 Dort blieb er bis zum Tode des Herodes. So erfüllte sich das Wort des Herrn durch den Propheten: Aus Ägypten hat ich meinen Sohn gerufen.1
- Hos 11:1. Der Wortlaut dieser Stelle redet von dem Volke Israel, das Gott gerade bei seiner Befreiung aus Ägypten seinen erstgebornen Sohn nennt. 2Mo 4:22-23, Jer 31:9 Auch an dieser Übereinstimmung der Jugendgeschichte Jesu mit seiner eignen sollte Israel erkennen, daß Jesus der verheißene Messias sei.
16 Als nun Herodes sah, daß ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, ward er sehr zornig: er sandte Henker aus und ließ in Bethlehem und dem ganzen Umkreis dieses Ortes alle Knaben in dem Alter von zwei Jahren und darunter töten, nach dem Zeitpunkt, den er von den Sterndeutern genau erforscht hatte.1
- Durch diese Erkundigung wußte er, daß das Kind etwa zwei Jahre alt sei.
17 Damals erfüllte sich das Wort des Propheten Jeremia:
18 In Rama hat man ein Geschrei gehört, lautes Weinen und Klagen: Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen; denn sie sind dahin.1
- Jer 31:15. Nach dem Wortlaut der Stelle ist Rahel, die Ahnfrau der Stämme Efraim, Manasse und Benjamin, untröstlich darüber, daß ihre Nachkommen von dem assyrischen Eroberer teils gefangen weggeführt worden sind. Rama, auf einem Ausläufer des Gebirges Efraim, lag etwa acht Kilometer nördlich von Jerusalem.
19 Als aber Herodes gestorben war, da erschien in Ägypten ein Engel des Herrn dem Josef im Traum
20 und sprach zu ihm: "Auf, nimm das Kind und seine Mutter und ziehe ins Land Israel!1 Denn die dem Kinde nach dem Leben trachteten, die sind nun tot."2
- D.i. Palästina.
- Der Ausdruck ist entlehnt aus 2Mo 4:19; die Mehrzahl umfaßt Herodes und alle Feinde des Messiaskindes.
21 Da stand er auf und nahm das Kind und seine Mutter und kam in das Land Israel.
22 Als er aber hörte, daß Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes in Judäa herrschte, trug er Bedenken, sich dort niederzulassen;1 und nach einer göttlichen Weisung, die er im Träume empfing, zog er sich in die Landschaft Galiläa zurück.2
- Denn Archelaus war grausam wie sein Vater Herodes, als dessen echter Sohn er sich zeigen wollte.
- In Galiläa herrschte Herodes Antipas, der nicht so grausam war wie sein Bruder Archelaus.
23 Dort nahm er Wohnung in einer Stadt, mit Namen Nazaret, damit die Worte der Propheten in Erfüllung gingen. Denn er1 sollte ja den Namen Nazaräer tragen.2
- Jesus.
- In dem Namen Nazaräer, den außer Jesus nachher auch seine Jünger trugen, hat die ablehnende Haltung Israels seinem Messias gegenüber den kürzesten Ausdruck gefunden. Dieser Name erinnert also treffend daran, daß Jesus, wie es die Propheten verkündigt haben, unscheinbar aufgetreten und von seinem eignen Volke verworfen ist. Vgl. auch G. Dalman: "Orte und Wege Jesu," 1924, S. 62f.
Chapter 3
1 In jenen Tagen1 trat Johannes der Täufer auf und ließ in der Wüste Judäas2 den Ruf erschallen:
- Matthäus erzählt hier im Tone der alttestamentlichen Geschichte. vgl. 2Mo 2:11
- Hier werden auch die Ufer des Jordan, die gegen das Tote Meer hin ebenfalls Wüste sind, zu der Wüste von Judäa gerechnet, die südlich von Jerusalem bei Thekoa anfing und sich bis an das Tote Meer erstreckte.
2 "Ändert euern Sinn,1 denn das Königreich der Himmel2 ist nahe herbeigekommen!"
- Die Übersetzung "Tut Buße" folgt nicht der griechischen Grundschrift, sondern der lateinischen Vulgata. Der griechische Ausdruck bezeichnet die Abwendung von dem bisherigen Zustand und Verhalten; er entspricht dem hebräischen schubu (bekehrt euch).
- Dieser Ausdruck findet sich 32- oder 33mal bei Matthäus (denn der Text in Mt 19:24 ist unsicher), sonst nirgends im N.T. Joh 3:5 ist wahrscheinlich "Königreich Gottes" nicht "Königreich der Himmel" die ursprüngliche Lesart.
3 Er ist der Mann, vom dem der Prophet Jesaja gesprochen hat: In der Wüste ruft eine Stimme: "Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Pfade!"1
- Jes 40:3
4 Johannes aber trug ein Kleid von Kamelhaaren und um seine Hüften einen Ledergurt;1 und seine Nahrung waren Heuschrecken2 und wilder Honig.3
- So erinnerte Johannes schon äußerlich an Elia. 2Kön 1:8 Johannes trug ein aus Kamelhaaren gewebtes Obergewand.
- Oder, wie einige nach einer Änderung des Textes verstehen: die Früchte des Johannisbrotbaums. Heuschrecken werden auch heute noch in Palästina sowie in Arabien und Äthiopien namentlich von armen Leuten gegessen.
- Wilder Honig ist Honig von Bienenschwärmen, die sich in Felsspalten, hohlen Baumstämmen und anderswo angebaut haben. Aber vgl. G. Dalman a.a.O., S.92f.
5 Da gingen die Leute aus Jerusalem, aus ganz Judäa und aus der ganzen Gegend um den Jordan zu ihm hinaus,
6 ließen sich im Jordanflusse taufen und bekannten ihre Sünden.1
- Vgl. die Anmerkung zu Mr 1:4.
7 Als er nun auch viele Pharisäer und Sadduzäer1 zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: "Ihr Schlangenbrut!2 Wer hat euch denn gesagt, daß ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt?
- Pharisäer heißt: die Abgesonderten. So sind sie wohl ursprünglich von ihren Gegnern genannt worden, weil sie sich, um eine besondere Reinigkeit zu erlangen, von der Masse des Volkes absonderten. Die Pharisäer, die ohne Zweifel auf die Frommen oder Chasidäer der Makkabäerzeit zurückgehen, und die sich selbst Chaberim, d.h. die Nächsten, oder noch deutlicher die wahre Gemeinde Israels nannten, sahen es als ihre Aufgabe an, außer dem Gesetze Moses auch alle Überlieferungen der Schriftgelehrten mit peinlichster Gewissenhaftigkeit zu beachten. Namentlich für die Sabbatfeier und die äußerliche Reinheit stellten sie eine geradezu verwirrende Fülle von Satzungen auf. Dadurch entstand nun allmählich eine ganz neue Frömmigkeit: man wollte mit äußeren Werken Gottes Wohlgefallen erlangen und sich durch die eignen Leistungen einen bestimmten Lohn bei ihm verdienen. Die Pharisäer hielten die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten fest und scheinen neben der göttlichen Allmacht auch die menschliche Freiheit und die damit verbundene Verantwortlichkeit betont zu haben. — Die Sadduzäer, deren Name vielleicht auf ein Parteihaupt Zadok oder Sadduk zurückgeht, waren vor allem eine politische Partei. Das judäische Gemeinwesen stand ihnen höher als das mosaische Gesetz. Sie lehrten, des Menschen Los hänge von seinem eignen Tun und Lassen ab. Gott habe dem Menschen den freien Willen geschenkt, damit er sein Schicksal selbst begründe. Der Schöpfer mische sich nicht in die irdischen Angelegenheiten, sondern jeder bestimme selbst durch sein eignes Handeln, wie sich sein Lebenslauf gestalte. Daß die Sadduzäer bei solchen Anschauungen die leibliche Auferstehung sowie das Dasein von Engeln und Geistern leugneten, ist eigentlich ganz selbstverständlich. Dabei hielten sie aber daran fest, daß die Richtschnur für alles menschliche Handeln das heilige Gesetz Gottes sei, das Gott seinem Volke Israel durch Mose gegeben habe, während sie dagegen alle Überlieferungen der Schriftgelehrten als nicht verbindlich zurückwiesen. Pharisäer und Sadduzäer standen sich daher aufs schroffste gegenüber. Die Pharisäer legten alles Gewicht auf die Religion; für die Sadduzäer, die ihre Anhänger hauptsächlich unter der vornehmen, adligen Priesterschaft hatten, war die Politik die Hauptsache. Zu Jesu Zeit waren die Pharisäer als die Feinde der römischen Fremdherrschaft die eigentliche Volkspartei, während die Adelspartei der Sadduzäer, die sich auf die Gunst der Römer und die Herodianischen Herrscherhauses stützte, ihre Macht und politische Bedeutung immer mehr einbüßte.
- "Ihr Arglistigen, die ihr wie die alte Schlange Gottes Gnadenabsicht widerstrebt."
8 So bringt den Frucht, wie sie der Sinnesänderung entspricht!
9 Und laßt euch nur nicht beikommen, zu denken: 'Wir haben ja Abraham zum Vater.'1 Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen hier dem Abraham Kinder entstehen lassen.
- Nach einem rabbinischen Ausspruch wird Abraham einst an dem Tor der Hölle sitzen und nicht zugeben, daß ein beschnittener Israelit hineinkommt.
10 Schon liegt die Axt den Bäumen an der Wurzel; und jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
11 Ich taufe euch mit Wasser, damit ihr euern Sinn ändert. Der aber nach mir kommt, hat größere Gewalt als ich, und ich bin nicht wert, ihm seine Schuhe nachzutragen:1 der wird euch mit Heiligem Geiste und mit Feuer taufen.2
- "Ich bin nicht wert, ihm den geringsten Sklavendienst zu leisten."
- Die Bußfertigen wird er mit dem Heiligen Geist begaben, die Unbußfertigen dagegen mit dem Feuer des Gerichtes strafen.
12 Er hat schon die Wurfschaufel in der Hand und wird seine Tenne1 reinigen: seinen Weizen wird er in den Speicher sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit einem Feuer, das niemand löschen kann."
- D.h. das auf der Tenne aufgehäufte gedroschene Getreide.
13 Damals kam auch Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
14 Der aber suchte ihn davon abzubringen, indem er sprach: "Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?"
15 Doch Jesus antwortete ihm: "Laß mich nur! Denn so ziemt es uns,1 jede Vorschrift2 zu erfüllen." Da gab Johannes ihm nach.
- Dir und mir.
- Durch die das Königreich der Himmel eingeführt werden soll.
16 In dem Augenblick aber, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser emporstieg, tat sich der Himmel über ihm auf, und er1 sah den Geist Gottes wie eine Taube2 niederschweben und auf sich kommen.
- Jesus.
- Das heißt wahrscheinlich: in Gestalt einer Taube.
17 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: "Dies ist mein geliebter Sohn,1 den ich erkoren habe."2
- Vgl. Ps 2:7.
- Um das Königreich der Himmel aufzurichten.
Chapter 4
1 Dann ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt,1 um von dem Teufel versucht zu werden.
- Wörtlich "hinaufgeführt," denn die Wüste liegt höher als der Jordan.
2 Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte,1 empfand er zuletzt Hunger.
- Vgl. 2Mo 34:28, 1Kön 19:8.
3 Da trat der Versucher zu ihm und sprach: "Bist du Gottes Sohn, so befiehl, daß sich diese Steine hier in Brot verwandeln."
4 Doch er antwortete: "Es steht geschrieben: Der Mensch wird nicht durch Brot allein am Leben erhalten, sondern durch alles, was ihm durch Gottes Allmachtswort bereitet wird."1
- Frei übersetzt. Der Sinn ist: Wie Gott einst die Israeliten in der Wüste durch das Manna wunderbar erhielt, so kann er auch stets durch sein Allmachtswort statt des gewöhnlichen Brotes auf wunderbare Weise Nahrung spenden. — Die Antwort des Herrn stammt aus 5Mo 8:3.
5 Dann nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt,1 stellte ihn auf das flachte Dach der Tempelhalle2
- Jerusalem.
- Aber s. G. Dalman a.a.O., S. 311f.
6 und sprach zu ihm: "Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab,1 denn es steht geschrieben:2 Er wird seinen Engeln deinetwegen Auftrag geben, und sie sollen dich auf den Händen tragen, daß du nicht mit deinem Fuß an einen Stein stoßest."
- Und beweise damit dein Gottvertrauen.
- Ps 91:11-12.
7 Jesus aber erwiderte ihm: "Anderseits steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen."1
- Du sollst ihn nicht herausfordern durch Eigenwillen und Vermessenheit. 5Mo 6:16.
8 Weiter nahm ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg. Von dort aus zeigte er ihm1 alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht
- In einem Zauberbilde.
9 und sprach zu ihm: "Dies alles will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mir huldigst."
10 Da antwortete ihm Jesus: "Mir aus den Augen, Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst dem Herrn, deinem Gott, anbetend huldigen und ihn allein verehren."1
- Frei nach 5Mo 6:13.
11 Da verließ ihn der Teufel, und nun kamen Engel herbei und brachten ihm Speise.
12 Auf die Kunde, Johannes sei verhaftet worden,1 zog sich Jesus nach Galiläa zurück.
- Johannes wurde gefangengenommen auf den Befehl des Vierfürsten Herodes Antipas, der nicht nur in Galiläa, sondern auch in dem jüdischen Teile des Ostjordanlandes herrschte.
13 Er verließ Nazaret und nahm seine Wohnung in Kapernaum1 am See2 in dem Gebiet von Sebulon und Naphtali. —
- D.h. Nahums Dorf.
- Genezaret.
14 So erfüllte sich der Ausspruch des Propheten Jesaja:1
- Jes 9:1-2.
15 Das Land Sebulon und das Land Naphtali, das Gebiet nach dem Meere1 zu, die Gegend östlich vom Jordan, das heidnische Galiläa2
- Dem Mittelländischen Meere.
- Der nördliche Teil von Galiläa, wo Heiden mit Juden vermischt wohnten. — Die fünf verschiedenen Ausdrücke in V15 beschreiben die Wohnsitze des Volkes, das im Finstern saß. — Jesus hat seine öffentliche Wirksamkeit in Galiläa von Kapernaum aus über die im Westen, Osten und Norden angrenzenden Gebiete ausgedehnt.
16 - das Volk, das im Finstern saß, hat ein großes Licht gesehn, und denen, die in des Todes Land und Schatten wohnten, hat ein Licht geleuchtet.
17 Seit der Zeit begann Jesus öffentlich zu lehren. Seine Botschaft lautete: "Ändert euern Sinn, denn das Königreich der Himmel ist nahe herbeigekommen!"1
- Vgl. Mt 3:2. Jesus verkündigt sich nicht sofort als den Messias, sondern er tritt zunächst auf als Prophet wie Johannes der Täufer und auch mit dessen Botschaft.
18 Als Jesus (eines Tages) an dem Ufer des Galiläischen Sees1 wandelte, erblickte er zwei Brüder: Simon, mit dem Beinamen Petrus,2 und seinen Bruder Andreas; die warfen ein Wurfnetz in den See, denn sie waren Fischer.3
- Des Sees Genezaret.
- In der aramäischen Landessprache lautete dieser griechische Name Petrus = Kepha, d.h. Stein, Fels, Felsenmann, ein Mann von fester, entschiedener Sinnesart. Es scheint hier so, als habe Simon diesen Namen schon in seiner Heimat geführt; ist das der Fall, dann wurde ihm dieser Name später von Jesus ausdrücklich bestätigt und in einem höhern, geistlichen Sinne zugeeignet.
- "Petrus und Andreas schritten hoch aufgeschürzt oder im kurzen Hemde im seichten Uferwasser und warfen mit geschicktem Schwunge das 3-5 m weite kreisförmige Wurfnetz, daß es ausgebreitet auf der Wasserfläche niederfiel, und haben es dann mit der von der Mitte ausgehenden Schnur wieder eingezogen, als Jesus sie berief." G. Dalman: "Orte und Wege Jesu," 1924, S.144f.
19 Und er sprach zu ihnen: "Kommt und folget mir, ich will euch zu Menschenfischern machen."
20 Da ließen sie sofort ihre Netze liegen und folgten ihm.
21 Als er dann weiterging, sah er ein anderes Brüderpaar: Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; die brachten in ihrem Boote mit ihrem Vater Zebedäus ihre Hochseenetze in Ordnung. Und er berief sie.
22 Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm.1
- Da die vier Männer Jesus auf seinen bloßen Ruf hin folgten, so ist wohl anzunehmen, daß sie ihn schon früher kannten und bis zu einem gewissen Maße von seinem Messiasberuf überzeugt waren.
23 Jesus zog umher in ganz Galiläa: er lehrte in ihren Versammlungshäusern,1 verkündigte die frohe Botschaft vom Königreiche und heilte allerlei Krankheiten und Gebrechen im Volke.2
- Gemeint sind die gottesdienstlichen Versammlungshäuser der Juden, die mit dem griechischen Namen Synagogen hießen. Dort vereinigten sich die Juden am Sabbat und bei andern Gelegenheiten. An den größern Orten gab es mehrere Synagogen, an den kleinern Plätzen mindestens eine. Überall, nicht nur in Palästina, sondern auch in der Heidenwelt, wo sich nur mindestens 10 jüdische Männer zusammenfanden, konnten religiöse Versammlungen gehalten werden. Der Synagogendienst umfaßte drei Hauptteile: Gebet, Schriftverlesung mit erbaulicher Ansprache und Segen. Weil in den Synagogen vor allem das Gesetz gehört und gelernt wurde, so waren sie die Hauptstätten für die Tätigkeit der Schriftgelehrten, die ja die eigentlichen Kenner und Erklärer des Gesetzes waren. Jede Synagoge hatte einen Vorsteher, dem die Sorge für den Gottesdienst anvertraut war. Die Leitung der Gemeindeangelegenheiten lag in den Händen der Ältesten, aus denen wohl auch in der Regel der Synagogenvorsteher genommen wurde. Drittens finden wir als Gemeindebeamte die Almoseneinnehmer und die Diener oder Chadsanim, die z.B. beim Gottesdienste die heiligen Schriften dem Vorleser überreichen und an den dazu Verurteilten die Strafe der Geißelung vollziehen mußten.
- Das Volk ist die jüdische Bevölkerung Galiläas. Aber die Kunde von Jesus drang auch zu den heidnischen Bewohnern des benachbarten Syriens (V24).
24 Die Kunde von ihm ging weiter und drang durch ganz Syrien. Da brachte man zu ihm alle, die an den verschiedenartigsten Gebrechen litten: von Schmerzen Geplagte, Besessene, Mondsüchtige, Gelähmte; und er heilte sie.
25 Es folgten ihm große Volksscharen aus Galiläa und dem Gebiete der Zehn Städte,1 aus Jerusalem und Judäa und aus der Gegend jenseits des Jordans.
- Diese zehn vorwiegend von Heiden bewohnten Städte, die einen selbständigen Verband bildeten, lagen mit Ausnahme von Skythopolis alle östlich vom Jordan und vom See Genezaret.
Chapter 5
1 Als er die Volksmenge sah, ging er auf die Bergeshöhe.1 Dort setzte er sich nieder,2 und seine Jünger3 traten zu ihm.
- Nördlich vom See Genezaret.
- Der jüdische Lehrer saß bei seinem Vortrage. Mt 13:1-2, Lu 4:20, Apg 16:13
- Vgl. Mt 4:25.
2 Da tat er seinen Mund auf und lehrte sie also:
3 "Selig sind1 die Armen im Geist!2 Denn das Königreich der Himmel ist ihr Teil.
- D.h. glücklich zu preisen sind.
- Arm im Geist (wörtl. Bettler am Geist) sind alle, die einen zerschlagenen Geist und ein zerbrochenes Herz haben, Jes 57:15, 61:1, 66:2, Ps 51:17 die im Bewußtsein ihrer geistlichen Leere, in der Überzeugung, daß sie in ihrem Geiste, d.h. in ihrem inneren Menschen, arm sind an allem, was Gott gefallen könnte, und durchdrungen von dem Gefühle ihrer Unwürdigkeit und Sündenschuld als Bettler vor Gottes Angesicht stehen. Arm im Geist waren der Zöllner Lu 18:13 und der Apostel Paulus. 1Kor 15:9, Eph 3:8, 1Ti 1:15 Diese Armut im Geiste ist der Beweis einer aufrichtigen Sinnesänderung. Mt 3:2, 4:17
4 Selig sind die Trauernden!1 Denn sie sollen getröstet werden.
- Jes 61:2, Ps 126:5. Es ist hier zu denken an die Trauer über die Sünde und ihre Macht und Folgen.
5 Selig sind die stillen Dulder! Denn ihr Erbteil soll die Erde sein.1
- Ps 37:11, Off 5:10.
6 Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit! Denn sie sollen gesättigt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen! Denn ihnen soll Erbarmen widerfahren.
8 Selig sind, die reines Herzens sind!1 Denn sie sollen Gott schauen.
- Ps 24:4.
9 Selig sind die Friedenstifter! Denn sie sollen Söhne Gottes heißen.
10 Selig sind, die um Gerechtigkeit willen Verfolgung gelitten haben!1 Denn das Königreich der Himmel ist ihr Teil.2
- 1Pe 3:14, 4:14.
- Das Königreich der Himmel, von dem in V3 und 10 die Rede ist, schließt die V4-9 genannten Verheißungen in sich.
11 Selig seid ihr, wenn man euch schmähet und verfolgt und um meinetwillen lügnerisch allerlei Böses von euch redet.
12 Freuet euch darüber und jubelt, denn euer Lohn dafür ist groß im Himmel! Ebenso hat man ja die Propheten verfolgt, die vor euch lebten.
13 Ihr seid das Salz der Erde.1 Wird aber das Salz fade, womit soll man ihm die Salzkraft wiedergeben? Es hat dann weiter keinen Wert; man muß es wegwerfen und von den Leuten zertreten lassen.2
- Die Erde ist die Menschheit. Wie das Salz die Speisen vor Fäulnis bewahrt, so sollen Jesu Jünger die Menschen vor geistlicher Verderbnis schützen.
- "Reines Kochsalz pflegt nicht schal zu werden; aber unreines Salz, wie es, aus dem Toten Meer gewonnen, in Palästina gebraucht wird, kann durch längeres Lagern am Strande oder in feuchten und dumpfen Räumen leicht seine Würzkraft verlieren." (A. Vezin: "Die Freudenbotschaft" usw., S. 331).
14 Ihr seid das Licht der Welt.1 Eine Stadt, die auf einem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben.2
- Php 2:15.
- Links am Ufer des Sees Genezaret lag auf steiler Höhe die Freistadt Hippos als "eine Stadt auf dem Berge".
15 Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie dann unter einen Scheffel;1 sondern man stellt sie auf den Leuchter;2 dann gibt sie allen Hausbewohnern Licht.
- Der Scheffel war ein in jedem Hause vorrätiges, zum Messen des Getreides dienendes Gefäß, womit die Öllampe ganz verdeckt werden konnte.
- Einen Ständer, der meist aus Metall bestand, und von dem aus die kleine Lampe einen größeren Raum erleuchten konnte.
16 Ebenso soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euern Vater im Himmel1 preisen.
- Der Ausdruck: "unser Vater im Himmel," der in nachchristlichen jüdischen Schriften häufig vorkommt, war wohl auch schon zu Jesu Zeit bei den Juden gebräuchlich.
17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten1 aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.2
- D.h. die heiligen Schriften des Alten Bundes in ihrer Gesamtheit (vgl. zu dem Ausdruck Mt 7:12, 22:40, Lu 16:29, 31, 24:27, 44, Apg 24:14, 28:23).
- D.h. um Gottes Wort im Alten Testament in seinem vollen Sinne zur Geltung zu bringen, wozu dann auch namentlich die Erfüllung der Vorbilder und Weissagungen gehört.
18 Wahrlich,1 ich sage euch: Eher können Himmel und Erde vergehn, als daß auch nur der kleinste Buchstabe2 oder ein einziger Strich3 vom Gesetz abhanden kommt, ohne daß alles erfüllt wird.
- Wahrlich: wörtl. Amen. Alles Suchen in den jüdischen Schriften hat bisher noch kein entsprechendes Beispiel zu dem von Jesus gebrauchten einfachen oder doppelten "Wahrlich" (Amen) ans Licht gebracht.
- Wörtlich: "ein Jod." Das Jod war der kleinste Buchstabe der damaligen aramäischen Schrift.
- Durch einen kleinen Strich oder Haken unterscheiden sich sonst ähnliche hebräische Buchstaben voneinander.
19 Wer darum eins von diesen Geboten, und sei es das geringste,1 aufhebt und so die Leute lehrt, der wird der Geringste heißen im Königreich der Himmel; wer es aber erfüllt und lehrt, der wird ein Großer heißen im Königreich der Himmel.2
- Wie es durch das Jod oder den kleinen Strich (V18) bezeichnet wird.
- Es gibt also Stufen im Königreiche der Himmel. Von der Treue gegen das Gesetz hängt für Jesu Jünger ihre Stellung in dem zukünftigen Reiche ab. Es ist hier aber zu beachten, daß Jesus zu Israeliten redet, die auch als seine Jünger das Gesetz nicht eigenmächtig preisgeben sollen. Und die judenchristlichen Gemeinden, für die ja Matthäus in erster Linie schreibt, haben später auch wirklich das Gesetz treu gehalten. Auf die Frage, wie sich die Gläubigen aus den Heiden zum Gesetze Moses verhalten sollen, geht Jesus hier gar nicht ein. Für alle Jünger Jesu aber, sowohl die aus den Juden als auch die aus den Heiden, ist die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Mt 7:12, Rö 13:10, Ga 5:14
20 Denn ich versichere euch: Steht es bei euch mit der Gerechtigkeit nicht viel besser als bei den Schriftgelehrten1 und Pharisäern, so werdet ihr gewiß nicht eingehn ins Königreich der Himmel.2
- Vgl. über die Schriftgelehrten meine Geschichte des Volkes Israel, 3. Teil, S. 4ff.
- Die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und der Pharisäer war auf das Äußere gerichtet. Die Gerechtigkeit der Jünger Jesu aber soll aus der Liebe fließen.
21 Ihr habt gehört, daß zu den Alten1 gesagt worden ist:2 Du sollst nicht morden!3 Wer aber einen Mord begeht, der soll dem Ortsgericht4 verfallen sein.5
- Den Israeliten der alten Zeit, die das Gesetz empfingen.
- Durch Mose.
- 2Mo 20:13.
- Wie es sich nach 5Mo 16:18 in allen jüdischen Städten fand.
- Die Zusatzbestimmung: "wer aber einen Mord begeht" usw., die sich nirgends im Gesetze wörtlich so findet, fügten die Schriftgelehrten in ihrem Unterrichte dem göttlichen Gebote bei. Dabei machten sie aber keinen Unterschied zwischen dem Wortlaute des Gesetzes und ihren Zusätzen. Sie trugen diese vielmehr so vor, als hätte sie Mose selbst ausgesprochen; und das Volk mußte denken, daß Gott so und nicht anders zu Israel geredet habe.
22 Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder zürnt, der soll dem Ortsgericht verfallen; wer aber zu seinem Bruder mit Verachtung redet,1 der soll dem Hohen Rat verfallen;2 und wer das Scheltwort Narr gebraucht, der soll der Glut des Feuers3 verfallen.
- Wörtlich: "wer aber zu seinem Bruder Raka sagt." Die Bedeutung des Wortes Raka ist unsicher. Es heißt im Syrischen "gering, verächtlich." Der Kirchenvater Chrysostomus, der die syrische Volkssprache kannte, sagt, das Wort enthalte keine schwere Beleidigung, sondern drücke eine Verachtung und Geringschätzung aus.
- Ein Ausdruck der höheren Strafwürdigkeit. Der Hohe Rat war die höchste Gerichtsbehörde der Juden, die über die schwersten Verbrechen zu entscheiden hatte.
- Wörtlich: "Der Geenna des Feuers." Geenna ist das hebräische Gehinnóm, d.h. das Tal des Gestöhns. In diesem Tale, das südlich von Jerusalem lag, opferte man unter den götzendienerischen Königen dem Moloch kleine Kinder, die in die glühend gemachten Arme des Götzenbildes gelegt wurden. Von dem Schreien der unglücklichen Opfer erhielt dann, wie es scheint, das Tal seinen Namen. Nach der babylonischen Gefangenschaft wurde das Tal als Stätte für die Leichen von Verbrechern und Tieren benutzt, zu deren Verbrennung fortwährend ein Feuer unterhalten wurde. Der Herr will also sagen: Wer das Scheltwort "Narr" gebraucht, dem geschähe recht, wenn sein Leichnam, nach vollzogener Todesstrafe, an der Stätte der Greuel, im Tale Hinnom, verbrannt würde. — Dem Buchstaben nach spricht der Herr in V21 und 22 von drei Stufen irdischer Bestrafung. Er deutet damit hin auf den Ernst Gottes und auf das Gericht, das Gott an den Lieblosen vollziehen wird.
23 Wenn du also deine Opfergabe schon zum Altar1 gebracht hast, und es fällt dir dort2 ein, daß dein Bruder gegen dich einen Grund zur Klage hat,3
- Zum Brandopferaltar.
- Bei dem Gitter, das den Vorhof der Männer von dem Vorhof der Priester und dem Brandopferaltar trennte.
- Weil du ihn beleidigt hast.
24 so laß dort deine Opfergabe vor dem Altar stehn und geh zunächst hin und söhne dich mit deinem Bruder aus; dann erst komm und bring dein Opfer dar!1
- Durch den Dienst des Priesters.
25 Zeig dich beizeiten deinem Gläubiger1 entgegenkommend,2 solange du noch mit ihm auf dem Wege bist!3 Sonst könnte dich der Gläubiger vor den Richter bringen und der Richter4 dich dem Büttel übergeben, und man könnte dich ins Schuldgefängnis werfen.
- Das Verhältnis zu dem gekränkten Bruder wird hier als Schuldverhältnis gedacht.
- Damit der Gläubiger sieht, daß er es mit keinem böswilligen Schuldner zu tun hat.
- Gemeint ist wohl der Weg zum Richter.
- Nach der Gerichtsverhandlung und Verurteilung.
26 Wahrlich, ich sage dir: Du kommst dort nicht eher heraus, als bis du den letzten Pfennig1 bezahlt hast.
- Wörtlich: "den letzten Quadrant," ein Viertel eines römischen As, etwa 0,8 Pfennige.
27 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen!1
- 2Mo 20:14. Hier fehlt ein Zusatz der Schriftgelehrten. Es ist aber hinzuzudenken, daß sie bei diesem Gebote nur die äußere Tatsünde des Ehebruchs im Auge hatten und dessen Quelle, die böse Lust, 2Mo 20:17, 5Mo 5:18 nicht beachten. Daher der Gegensatz (V28).
28 Ich aber sage euch: Wer ein Weib1 begehrlich anblickt, der hat schon in seinem Herzen Ehebruch mit ihr getrieben.
- Eines andern Eheweib.
29 Wenn dich nun dein rechtes Auge1 zur Sünde verführt, so reiß es aus und wirf es von dir!2 Denn es ist dir besser, eins von deinen Gliedern geht dir verloren, als daß dein ganzer Leib in die Hölle3 geworfen werde.4
- Das rechte Auge ist als das stärkere gedacht.
- D.h. kämpfe gegen die Sünde, auch wenn es schmerzliche Opfer kostet.
- Wörtlich: "in die Geenna" (vgl. V22). Die Geenna mit ihrem Feuer war für die Juden ein Bild des Ortes der Qual im Totenreich. Lu 16:23, 24, 28 Darum übersetze ich "Geenna" mit "Hölle;" es kommt außer Mt 5:22, 29, 30 noch vor Mt 10:28, 18:9, 23:15, 33, Mr 9:43, 45, 47, Lu 12:5, Jak 3:6.
- Damit wird deutlich ausgesprochen, daß nicht nur die Seele, sondern auch der Leib der Hölle, dem Orte der Qual anheimfällt.
30 Und wenn dich deine rechte Hand zur Sünde verführt, haue sie ab und wirf sie von dir! Denn es ist dir besser, eins von deinen Gliedern geht dir verloren, als daß dein ganzer Leib in die Hölle fahre.
31 Ferner ist gesagt worden: Wer sein Weib entläßt, der soll ihr einen Scheidebrief geben.1
- 5Mo 24:1 in freier Wiedergabe.
32 Ich aber sage euch: Wer sein Weib entläßt — abgesehn von dem Falle, daß sie Unzucht getrieben1 —, der setzt sie der Gefahr aus, daß sie Ehebruch begeht;2 und wer eine (von ihrem Mann) entlassene Frau zum Weibe nimmt, der begeht damit einen Ehebruch.3
- Die Stelle ist schwierig; vielleicht ist hier an den Fall in 5Mo 22:13-21 zu denken. vgl. Mt 19:9
- Indem sie sich mit einem andern Manne einläßt oder sich mit ihm verheiratet; denn das erste Band besteht noch fort.
- Denn die Ehe ist unauflöslich.
33 Weiterhin habt ihr gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht falsch schwören, du sollst vielmehr dem Herrn deine Eide (und Gelübde) erfüllen.1
- Dieser Ausspruch ist aus verschiedenen alttestamentlichen Stellen zusammengesetzt. vgl. 2Mo 20:7, 3Mo 19:12, 4Mo 30:2, 5Mo 23:21, Ps 50:14 Es ist hier zu beachten, daß die Schriftgelehrten willkürliche Unterschiede machten zwischen verbindlichen Eiden (bei Gott selbst) und unverbindlichen (bei dem Himmel, bei der Erde usw.); vgl. V34-36.
34 Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören:1 weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron,2
- Hier handelt es sich um das leichtfertige Schwören im täglichen Leben, nicht um den feierlichen Eid vor Gericht, den Jesus selbst geleistet hat. Mt 26:63-64 Aber auch der Eid vor Gericht wird nur durch den jetzigen unvollkommenen Zustand der Christenheit erforderlich.
- Jes 66:1.
35 noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel,1 noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt.2
- Auch Jes 66:1.
- Ps 48:2. Der große König ist Gott.
36 Du sollst auch nicht bei deinem Haupte schwören; denn du bist nicht imstande, ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.1
- Ein Ausdruck der menschlichen Ohnmacht und völligen Abhängigkeit von Gott.
37 In eurer Rede sei vielmehr das Ja ein Ja, das Nein ein Nein;1 was dem hinzugefügt wird,2 stammt von dem Bösen.3
- Eure Rede sei in jeder Hinsicht einfach und wahr. Jak 5:12, 2Kor 1:18
- Durch alle möglichen Beteuerungen, die oft nur die Unwahrheit bemänteln sollen.
- Von dem Teufel, dem Vater der Lüge. Joh 8:44
38 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn!1
- 2Mo 21:24, 3Mo 24:19-20. In diesen Stellen wird durch das Strafrecht das Gesetz der strengen Wiedervergeltung ausgesprochen.
39 Ich aber sage euch: Setzt einem bösen Menschen1 keinen Widerstand entgegen!2 Im Gegenteil: Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andre hin!
- Der euch Schaden zufügen will.
- D.h. verzichtet ihm gegenüber auf eine richterliche Klage. Hier ist 1Kor 6:1-8 zu vergleichen. Daß man aber widerstandslos alles über sich ergehen lassen solle, wir in diesen und den folgenden Worten keineswegs verlangt. Jesus selbst hat ja auch anders gehandelt und ebenso sein Apostel Paulus. Joh 18:22-23, Apg 23:1-3, 25:9-11 Der Sinn von V38-42 ist vielmehr, daß Jesu Jünger in ihrem ganzen Verhalten gegen den Nächsten nicht das strenge Recht, sondern die sanftmütige und opferwillige Liebe walten lassen sollen. Jes 50:4-7, 1Pe 2:18-21, 3:9, Rö 12:19-21
40 Und wer dir durch eine Klage vor Gericht dein Unterkleid entreißen will, dem gib freiwillig auch dein Oberkleid.1
- Das Oberkleid (der Mantel) war wertvoller als das Unterkleid (der Leibrock); es diente dem Armen auch als Decke. 2Mo 22:26-27
41 Und wer dein Geleit für eine Meile haben will, mit dem gehe zwei!1
- Ein rabbinischer Ausspruch lautet: Wer einem Reisenden nicht das Geleit (durch eine unsichere Gegend) gibt, der ist, als ober er einen Mord beginge.
42 Wer dich um etwas bittet, dem gib; und wer etwas von dir borgen will, von dem wende dich nicht ab!1
- Als Borgender ist hier der Arme gedacht. 2Mo 22:25, 3Mo 25:35-38 Sir 4,4 29,8-10
43 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen!1
- Hier handelt es sich um einen Satz der mündlichen Überlieferung zur Zeit Jesu. Der Pharisäer sollte seinen Nächsten, d.h. seinen Genossen, lieben, aber seinen Feind, d.h. den Juden, der nicht zu seiner Gemeinschaft gehörte, und der deshalb das Gesetz nicht kannte und nicht hielt, hassen. Lu 18:9, Joh 7:49
44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger!
45 Dann zeigt ihr euch als Söhne eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehn über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was für eine Belohnung habt ihr da zu erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?1
- Die Zöllner oder Steuerpächter wurden von den Pharisäern als besonders große Sünder angesehen, weil sie den Römern bei der Einziehung der Steuern dienten und sich dabei nicht selten durch Betrug bereicherten.
47 Und wenn ihr nur mit euern Volksgenossen verkehrt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?
48 Darum1 sollt ihr vollkommen sein,2 wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.3
- Weil eine solche Liebe, wie sie in V46f. geschildert wird, in Gottes Augen keinen Wert hat.
- Vollkommen in Liebe und Barmherzigkeit.
- In 5,21-48 schildert Jesus die Gerechtigkeit, die für den Eingang in das Königreich der Himmel nötig ist, im Gegensatz zu der Gesetzesauslegung der Schriftgelehrten, indem er seine Jünger in den eigentlichen Sinn des göttlichen Gesetzes einführt. Von 6,1 ab beschreibt er dann diese Gerechtigkeit in Gegensatz zu der Frömmigkeit der Pharisäer, in dem er von der Mildtätigkeit gegen die Armen (V2-4), vom Gebet (V5-15) und vom Fasten (V16-18) redet; denn gerade diese drei Stücke gehörten bei den Juden hauptsächlich zu der in 6,1 erwähnten Gerechtigkeit (vgl. Sir 3:30f,29:11-13; Tobias 12,8f.).
Chapter 6
1 Hütet euch, eure Frömmigkeit vor den Augen der Leute zu üben, um von ihnen bewundert zu werden! Sonst habt ihr keine Belohnung von euerm Vater im Himmel zu erwarten.
2 Wenn du nun Liebeswerke übst, laß es nicht vor dir ausposaunen,1 wie es die Heuchler machen in den Versammlungshäusern und auf den Straßen, um vor den Leuten gelobt zu werden.2 Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihre Belohnung schon weg.3
- D.h. mache kein Geräusch und Aufsehen dabei.
- Die Pharisäer pflegten ihre Gaben namentlich in den jüdischen Versammlungshäusern oder Synagogen und auf den Straßen auszuteilen, wo sie möglichst viele Zuschauer hatten; so ließen sie ihre Mildtätigkeit gleichsam vor sich her ausposaunen.
- Außer dem Ruhm bei den Leuten gibt es für sie weiter keine Belohnung; von Gott haben sie nichts zu erwarten.
3 Sondern, wenn du Liebeswerke übst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut,1
- Die Mildtätigkeit soll ganz ohne Aufsehen und ohne Nebenabsichten geübt werden.
4 damit dein Wohltun im Verborgenen bleibe. Dann wir dein Vater, der ins Verborgene sieht, es dir vergelten.
5 Und wenn ihr betet, macht's nicht wie die Heuchler!1 Die lieben es, in den Versammlungshäusern und an den Straßenecken zu stehen und zu beten, um den Leuten aufzufallen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihre Belohnung schon weg.
- Mit den Heuchlern sind hier wie in V2 und sonst bei Matthäus hauptsächlich die Pharisäer gemeint.
6 Sondern wenn du beten willst, so geh in deine Kammer, schließ die Tür hinter dir1 und bete dann zu deinem Vater, der im Verborgenen wohnt! Dann wird dein Vater, der ins Verborgene sieht, es dir vergelten.
- Vgl. Jes 26:20.
7 Beim Beten plappert nicht gedankenlos wie die Heiden! Die meinen, sie finden Erhörung, wenn sie viel Worte machen.
8 Gleicht ihnen nicht! Denn euer Vater weiß was ihr bedürft, noch ehe ihr ihn bittet.
9 Ihr sollt nun also beten: Unser Vater, der du bist im Himmel! Dein Name werde geheiligt!
10 Dein Königreich komme! Dein Wille geschehe, wie im Himmel,1 also auch auf Erden!2
- Von den Engeln.
- Von den Menschen. — Der Anfang des jüdischen Gebets Kaddisch lautet: "Verherrlicht und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er nach seinem Willen geschaffen hat, und er lasse sein Königtum herrschen."
11 Unser Brot für morgen1 gib uns heute!
- Das hier gebrauchte Wort epiusios kommt außer Lu 11:3 nicht weiter vor. Seine Bedeutung ist ganz unsicher. Manche übersetzen es mit "hinreichend," "notwendig." Die Vulgata hat supersubstantialis (überirdisch, himmlisch) mit Beziehung auf das Abendmahl. Nach dem Zeugnis des Kirchenvaters Hieronymus hat nun aber in dem aramäischen, d.h. also in der Sprache Jesu und er Apostel Israels geschriebenen Hebräerevangelium die vierte Bitte gelautet: "Unser Brot für morgen gib uns heute." Dieser Wortlaut, der sich übrigens auch in der Liturgie der koptischen Jakobiten findet (vgl. F.E. Brightman: Liturgies Eastern and Western, 1916. p. 182), ist deshalb vorzuziehen, weil die Judenchristen Palästinas die ursprünglichen Ausdrücke Jesu im Vaterunser treu bewahrt haben werden. Die Bedeutung "auf den folgenden Tag, von einem Tage zum anderen reichend," hat das griechische epiusios auch nach dem Handwörterbuch von Passow. — Heute um das Brot für morgen zu bitten, ist übrigens nicht im Widerspruch mit Mt 6:34; denn zwischen dem gläubigen Beten und dem ungläubigen Sorgen, wovon 6,34 redet, ist doch ein großer Unterschied, und in der 4. Bitte wird Gott gerade bei dem Wortlaut: "Unser Brot für morgen gib uns heute" ausdrücklich gebeten, seinen Kindern die Sorge für den folgenden Tag ganz abzunehmen.
12 Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.1
- Noch ehe die Kinder Gottes ihren himmlischen Vater darum bitten, er möge ihnen Vergebung schenken, haben sie ihrerseits schon denen vergeben, die sich gegen sie versündigt hatten; nur weil sie selbst schon vergeben haben, können sie es überhaupt wagen, Gott um Vergebung zu bitten.
13 Und führe uns nicht in Versuchung!1 Sondern bewahre uns vor dem Bösen!2
- Laß uns nicht in solche Lebenslagen geraten, die uns in besonderem Maße zur Sünde reizen könnten!
- Bewahre uns davor, der Macht des Bösen, d.h. des Teufels, anheimzufallen. Die Schlußworte: "Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen" fehlen in den ältesten und besten Handschriften.
14 Denn1 wenn ihr den Menschen ihre Fehltritte vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
- Grund für V12.
15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Fehltritte auch nicht vergeben.
16 Wenn ihr fastet,1 schaut nicht trübselig drein wie die Heuchler! Die entstellen ihr Gesicht,2 damit die Leute ihr Fasten sehen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihre Belohnung schon weg.
- Gemeint ist hier das freiwillige Fasten; Lu 18:12 vom Gesetze vorgeschrieben war nur das Fasten am großen Versöhnungstage. 3Mo 16:29
- Bei dem strengen Fasten wusch man sich das Gesicht nicht und unterließ das Salben des Haupthaares.
17 Wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Antlitz,1
- Wie zu einem Gastmahl. — Laß dein Fasten äußerlich in keiner Weise bemerkbar werden!
18 damit die Leute dein Fasten nicht sehen, sondern allein dein Vater, der im Verborgnen wohnt. Dann wird dein Vater, der ins Verborgne sieht, es dir vergelten.
19 Sammelt euch nicht Schätze hier auf Erden, wo Motten und Würmer Zerstörung üben, und wo Diebe einbrechen und stehlen.
20 Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo keine Motten und Würmer Zerstörung üben, und wo keine Diebe einbrechen und stehlen.
21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.1
- Wo das Gut ist, nach dem du strebst, dahin richtet sich auch alles Denken und Wünschen deines Herzens.
22 Des Leibes Leuchte ist das Auge.1 Ist dein Auge gesund, so ist dein ganzer Leib im Lichte.2
- Es zeigt dem Leibe und seinen Gliedern den Weg.
- Und du kannst dich überall sicher bewegen, ohne anzustoßen und zu fallen.
23 Ist aber dein Auge krank, so ist dein ganzer Leib in Finsternis. Wenn nun das Licht in dir1 verfinstert ist, wie groß muß dann die Finsternis sein!2
- Das Herz, das geistliches, himmlisches Licht aufnehmen soll.
- Wie dunkel ist es dann in deinem Herzen!
24 Niemand kann zwei Herren dienen.1 Denn er wird den einen hassen und den andern lieben oder doch dem einen anhangen und gering von dem andern denken. Ihr könnt nicht Gott und zugleich dem Gelde dienen.2
- Und zwar: zu gleicher Zeit.
- Geld heißt wörtlich Mammon. vgl. Lu 16:9, 11, 13 Das aramäische Wort mamona bedeutet wahrscheinlich: Vermögen, Geld, Reichtum.
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen und trinken sollt, auch nicht für euern Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr wert als die Nahrung? Und steht der Leib nicht höher als die Kleidung?1
- Hat euch Gott das Größere (Leib und Leben) geschenkt, sollte er euch da nicht auch das Geringere (Nahrung und Kleidung) geben?
26 Seht auf die Vögel, die unter dem Himmel fliegen! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nichts in Speicher; trotzdem ernährt sie euer himmlischer Vater. Steht ihr denn nicht viel höher als sie?
27 Wer von euch kann mit all seinem Sorgen sein Leben auch nur um eine kurze Spanne Zeit verlängern?1
- Unser Leben steht in Gottes Hand; ihr sollen wir uns vertrauensvoll überlassen, statt uns in Nahrungssorgen zu verzehren.
28 Betrachtet doch die wilden Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! Sie mühen sich nicht ab, sie spinnen nicht.
29 Und doch — das sage ich euch — ist selbst Salomo in all seiner (königlichen) Pracht nicht so (herrlich) gekleidet gewesen wie eine von ihnen.
30 Wenn Gott nun das Gras auf dem Felde, das heute noch in Blüte steht und morgen in den Ofen geworfen wird,1 so herrlich kleidet, wird er da nicht viel mehr euch Kleidung geben, ihr Kleingläubigen?2
- Im Morgenlande brennt man aus Mangel an Holz auch Heu und dgl.
- Kleingläubig sind alle, die nur ein kleines, geringes Vertrauen zu Gottes Allmacht und Fürsorge haben.
31 Darum sollt ihr nicht ängstlich sorgen und sagen: 'Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?'
32 Denn das sind lauter Fragen, womit sich die Heiden beschäftigen. Euer himmlischer Vater weiß ja, daß ihr dies alles nötig habt.
33 Trachtet vielmehr vor allem nach dem Königreiche Gottes und nach der Gerechtigkeit, die er1 verlangt; dann soll euch alles dies2 daneben3 auch zuteil werden.
- Gott, euer himmlischer Vater.
- Das zum irdischen Leben Nötige.
- Neben dem Königreiche Gottes und der von Gott geforderten Gerechtigkeit.
34 Seid also nicht besorgt im Blick auf morgen; denn der morgende Tag wird selber für sich sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Mühsal.1
- Ihr braucht also die Sorgen des laufenden Tages nicht unnötig zu vermehren.
Chapter 7
1 Richtet nicht (hart und lieblos), damit ihr nicht (einst ebenso) gerichtet werdet!1
- Nämlich: in dem Endgericht Gottes. Wer seinen Nächsten nicht nach dem Maß der Liebe, sondern des strengen Rechts beurteilt, der hat auch von Gott kein barmherziges, sondern ein streng gerechtes Urteil zu erwarten.
2 Denn ganz ebenso, wie ihr jetzt richtet, sollt ihr dereinst gerichtet werden; und mit dem Maß, womit ihr messet, soll euch (das Urteil) zugemessen werden.
3 Warum siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, während du den Balken in deinem Auge nicht bemerkst?1
- Der Splitter ist ein Bild kleiner, der Balken ein Bild großer Fehler.
4 Oder wie kannst du dir herausnehmen, zu deinem Bruder zu sagen: 'Laß mich den Splitter aus deinem Auge entfernen', während in deinem Auge der Balken steckt?
5 Du Heuchler, entferne zunächst den Balken aus deinem Auge! Dann erst magst du sehn, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge entfernst.
6 Gebt das Heilige nicht den Hunden preis und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor!1 Sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich dann gegen euch wenden und euch zerreißen.2
- Das Heilige und die Perlen sind ein Bild der Güter des Himmelreichs. Bei dem Heiligen könnte man an die geistliche Speise des Abendmahls denken und an das uralte Wort: "Das Heilige den Heiligen," das vor der Austeilung des Abendmahls an die Gemeinde gerichtet wurde. — Hunde und Schweine sind ein Bild solcher Menschen, die die himmlischen Güter weder in ihrer Heiligkeit zu schätzen wissen noch auch ihre Kraft in sich wirken lassen, weil es ihnen in ihrer Sünde besser gefällt. Ihnen soll man die geistlichen Güter nicht aufdrängen.
- Sie könnten die ihnen angebotenen geistlichen Güter nicht nur verächtlich behandeln, sondern sich auch voller Haß gegen ihre Spender wenden.
7 Bittet, so wird euch gegeben! Suchet, so werdet ihr finden! Klopfet an, so wird euch aufgetan!
8 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan.
9 Es wird doch niemand unter euch seinem Sohne, der ihn um Brot bittet, einen Stein geben
10 oder ihm, wenn er um einen Fisch bittet, eine Schlange reichen.
11 Wißt ihr nun, obwohl ihr1 böse seid, euern Kindern gute Gaben zu geben: wieviel mehr wird da euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn darum bitten!
- Im Vergleich mit Gott.
12 Alles nun, was ihr von den Leuten erwartet, das sollt ihr ihnen auch erweisen. Dies ist der Inhalt des Gesetzes und der Propheten.1
- D.h.: in diese kurze Forderung läßt sich der Inhalt des ganzen Alten Testaments zusammenfassen; vgl. Tobias 4,15.
13 Tretet ein1 durch das enge Tor! Denn weit und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele wählen diesen Weg.
- Ins Königreich der Himmel.
14 Wie eng dagegen ist das Tor und wie schmal der Weg, der in das Leben führt, und wie wenige sind es, die ihn finden!1
- Vgl. Ps 1:6, 5Mo 30:19. — Um durch das rechte Tor einzutreten, muß man sich an die rechten Wegweiser halten (V15).
15 Hütet euch vor den falschen Propheten! Sie kommen in Schafskleidern zu euch,1 inwendig aber sind sie reißende Wölfe.2
- Bei den Schafskleidern ist wohl an den rauhhaarigen Prophetenmantel zu denken, wie ihn in Israel nicht nur die wahren Propheten, 2Kön 1:8 sondern auch die falschen Sac 13:4 trugen.
- Apg 20:29.
16 An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Man kann doch nicht Trauben sammeln von Dornbüschen oder Feigen von Distelgestrüpp.
17 Ebenso bringt jeder edle Baum auch nützliche Früchte, ein schädlicher Baum aber bringt verderbliche Früchte.
18 Ein edler Baum kann nicht verderbliche Früchte tragen, und ein schädlicher Baum kann nicht nützliche Früchte tragen.
19 Jeder Baum, der nicht nützliche Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
20 An ihren Früchten also sollt ihr sie erkennen.
21 Nicht jeder, der zu mir sagt: 'Herr, Herr!' wird eingehen in das Königreich der Himmel, vielmehr nur der, der da erfüllt den Willen meines Vaters, der im Himmel ist.
22 An jenem Tage1 werden viele zu mir sprechen: 'Herr, Herr! Haben wir nicht kraft deines Namens geweissagt?2 Haben wir nicht kraft deines Namens böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht kraft deines Namens viele Wunder gewirkt?3
- Am Tage des Gerichts.
- Vgl. 1Kor 14:1.
- 1Kor 12:9, 28-29.
23 Dann werde ich ihnen frei und offen sagen: 'Nie habe ich euch gekannt!1 Hinweg von mir, ihr Übeltäter!2
- Ihr seid mir immer fremd geblieben, denn ich habe nie Gemeinschaft mit euch gehabt; vgl. Mt 25:12, 41.
- Vgl. 1Kor 13:1-3.
24 Wer nun diese meine Worte hört und befolgt, gleicht einem klugen Manne, der sein Haus auf Felsenboden baut.
25 Wenn dann der Regen niederströmt und Überschwemmung kommt, und wenn die Winde wehen und treffen auf das Haus, so fällt es nicht;1 denn seine Mauer ruht auf Felsengrund.
- Wolkenbruchartige, von heftigen Winden begleitete Regengüsse sind zur Winterzeit in Palästina nicht selten.
26 Wer aber diese meine Worte hört und nicht befolgt, gleicht einem törichten Manne, der sein Haus auf sandigen Boden baut.
27 Wenn dann der Regen niederströmt und Überschwemmung kommt, und wenn die Winde wehen und stoßen auf das Haus, so fällt es! Ja es wird ein großer Trümmerhaufen!"1
- Vgl. Spr 10:25. Mit Seligpreisungen hat die Bergpredigt begonnen, mit einer erschütternden Gerichtsverkündigung schließt sie.
28 Als Jesus diese Rede vollendet hatte, war die Volksmenge von seiner Lehre ergriffen und betroffen.
29 Denn er lehrte sie wie einer, der dazu (göttliche) Vollmacht hatte,1 und nicht wie ihre Schriftgelehrten.2
- Nämlich: von Gott.
- Die Bergpredigt, die sich an die Jünger, weiterhin aber auch an die zuhörenden Volksscharen richtet, soll also veranschaulichen, wie Jesus seine Lehrtätigkeit in Galiläa Mt 4:23 ausübte. Es handelt sich hier übrigens um dieselbe Rede wie Lu 6:20-49.
Chapter 8
1 Als er von der Bergeshöhe hinabging, folgten ihm große Scharen
2 Da näherte sich ihm ein Aussätziger, fiel vor ihm nieder und sprach: "Herr, wenn du willst, so kannst du mich reinigen."
3 Jesus streckte sein Hand aus, rührte ihn an1 und sprach: "Ich will es, sei gereinigt!" Sofort ward er von seinem Aussatz rein.
- Während sonst die Berührung von Aussätzigen für unrein galt und vermieden wurde.
4 Und Jesus sprach zu ihm: "Hüte dich, irgendwie davon zu reden;1 doch geh, zeige dich dem Priester2 und bring das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat,3 zum Zeugnis für die Leute!"4
- Vgl. Mt 9:30.
- 3Mo 14:2-32.
- Nämlich: 2 Lämmer oder bei Armen 1 Lamm und 2 Tauben. 3Mo 14:10, 21-32
- Daß du rein seiest.
5 Als er nach Kapernaum zurückkam, nahte ihm ein Hauptmann1 mit den Worten:
- Ein Heide, der wahrscheinlich im Dienste des galiläischen Vierfürsten Herodes Antipas stand und dem Judentum zuneigte.
6 "Herr, mein Diener1 liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen."
- Der Diener war ein Leibeigener, ein Sklave. Das bedeutet παις an dieser Stelle, nicht "Sohn".
7 Jesus sprach zu ihm: "Ich soll kommen und ihn heilen?"1
- Ich setze hinter αυτον ein Fragezeichen. "Ich, ein Jude, soll eines Heiden Haus betreten?" Um den Glauben des Hauptmanns auf die Probe zu stellen, zeigt sich Jesus zunächst ablehnend, wie später bei dem kananäischen Weibe. Mt 15:21-18
8 Der Hauptmann antwortete: "Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach trittst;1 sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Diener schon genesen.2
- Der Hauptmann gibt Jesus recht.
- Jesus braucht sich gar nicht in sein Haus zu bemühen; er kann auch aus der Ferne das Wort der Heilung sprechen.
9 Denn auch ich bin zwar einem Vorgesetzten untergeben, aber ich habe Kriegsleute unter mir. Sage ich nun zu dem einen: 'Geh!', so geht er, zu dem anderen: 'Komm!', so kommt er, und zu meinem Knechte: 'Tue das!', so tut er's1
- Wenn schon der Hauptmann, der doch selbst andern gehorchen muß, seinen Untergebenen so wirksam gebieten kann, wie groß muß da erst die Macht des Wortes Jesu sein! Der Hauptmann scheint Jesus für den unumschränkten Gebieter über Krankheit und Plagen oder über Gottes Engelheere zu halten.
10 Als Jesus das hörte, wunderte er sich und sprach zu seinen Begleitern: "Wahrlich, sich sage euch: Nirgends habe ich solchen Glauben in Israel gefunden.
11 Ich tue euch aber kund: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Königreiche der Himmel am Mahle teilnehmen.
12 Doch die geborenen Erben des Königreichs1 werden in die Finsternis, die draußen ist,2 verstoßen werden; dort wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein."3
- Gemeint sind die Juden, soweit sie Jesus und sein Heil nicht annehmen.
- Außerhalb des hell erleuchteten himmlischen Festsaals.
- Als Ausdruck der Verzweiflung.
13 Dann sagte Jesus zu dem Hauptmann: "Geh! Dir geschehe, wie du geglaubt!" Und sein Diener ward gesund in jener Stunde.
14 Dann kam Jesus in des Petrus Haus und sah dessen Schwiegermutter fieberkrank daniederliegen.
15 Da berührte er ihre Hand, und das Fieber verließ sie. Nun erhob sie sich von ihrem Lager1 und wartete ihm bei der Mahlzeit auf.2
- Ohne noch an Schwäche zu leiden.
- Gemeint ist wohl die Hauptmahlzeit am späten Nachmittag.
16 Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm; er trieb die (bösen) Geister durch sein Machtwort aus und heilte alle Leidenden.
17 So erfüllte sich der Ausspruch des Propheten Jesaja: Er hat unsre Gebrechen hinweggenommen, und unsere Krankheiten hat er beseitigt.1
- Jes 53:4 in freier Anwendung.
18 Als Jesus dann eine Menge Volks um sich sah, ließ er sich an das andere Ufer1 fahren.
- Des Sees Genezaret.
19 Da nahte ihm ein Schriftgelehrter mit den Worten: "Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst."
20 Jesus sprach zu ihm: "Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel, die unter dem Himmel fliegen, haben Nester; doch der Menschensohn hat keine Stätte, wo er sein Haupt niederlegen kann."1
- Der Ausdruck Menschensohn, wörtlich: Der Sohn des Menschen (vor beiden Hauptwörtern mit dem bestimmten Geschlechtswort), der uns hier zum ersten Mal begegnet, findet sich in allen vier Evangelien, und zwar 30mal bei Matthäus, 14mal bei Markus, 25mal bei Lukas und 11mal bei Johannes, außerdem noch in Apg 7:56. Sonst begegnen wir dem Namen nirgends im Neuen Testament; denn Off 1:13, 14:14 sowie Joh 5:27 sind nicht hierher zu rechnen, weil der Name an diesen Stellen ohne das bestimmte Geschlechtswort steht und deshalb nicht der Menschensohn, sondern nur ein Menschensohn heißt. — Es ist ferner beachtenswert, daß der Name Menschensohn in den Evangelien immer nur im Munde Jesu selbst vorkommt, abgesehen von Joh 12:34, wo ihn das Volk, ohne ihn zu verstehen, aus Jesu Rede aufgreift. Nie wird Jesus in den Evangelien mit diesem Namen von irgend jemand angeredet oder bekannt; dafür finden sich vielmehr die Ausdrücke: "Sohn Davids, Sohn Gottes, der Heilige Gottes, der Auserwählte Gottes, Christus, Herr." Abgesehen von Apg 7:56 findet sich der Name Menschensohn auch nicht in dem Sprachgebrauch der von Jesus redenden ältesten christlichen Gemeinden. — Der Ausdruck Menschensohn muß aus dem Alten Testament erklärt werden. Der Prophet Hesekiel wird von Gott mehrfach mit Menschensohn angeredet, wodurch dem Propheten die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit gegenüber der göttlichen Kraft und Herrlichkeit zum Bewußtsein gebracht werden soll. Denselben Sinn hat der Ausdruck in Hio 16:21 und Hio 25:6. Wichtig ist Ps 8:3-8; dort wird gezeigt, wie klein und gering der Menschensohn (d.h. der Mensch) in Gottes großer, erhabener Schöpfung ist; und doch hat Gott diesen Menschensohn zum Herrscher über die Werke seiner Hände gesetzt. — In Ps 80:17 wird das Volk Israel als der Menschensohn bezeichnet., den Gott sich fest zugeeignet hat. Ist Israel als der Menschensohn auch in sich selbst ohnmächtig, so hat es Gott dennoch zu dem Manne seiner Rechten bestimmt, zu einem Volke, das er vor anderen Völkern erwählt und zur Ausführung seines Ratschlusses sich gleichsam zu seiner Rechten gestellt hat. — Von hier aus läßt sich nun auch die Stelle Da 7:13 verstehen. Da wird dem Seher in des Himmels Wolken einer gezeigt wie ein Menschensohn, der nach dem Untergang der vier Weltreiche zum König des ewigen Reiches von Gott eingesetzt wird. Da 7:18, besonders aber V27 in Dan. 7 (Da 7:27 zeigt, daß der Menschensohn in V13 zunächst eine bildliche Bezeichnung des fünften Reiches ist, worin das heilige Volk des Höchsten, der Menschensohn des 80. Psalms, die Herrschaft führen soll. Während die vier Weltreiche, in denen Gewalttätigkeit und Grausamkeit herrschen, unter schrecklichen Tiergestalten auftreten, offenbart sich in dem fünften, dem ewigen Reich die wahre, vollkommene Menschheit. Und der Menschensohn ist es, der hier die Menschheit in ihrer höchsten Vollkommenheit darstellt, und der deshalb auch würdig ist, die ganze Menschheit zu beherrschen und zu segnen. So versteht man, daß der Name Menschensohn dem verheißenen Messias, dem König aus Davids Geschlecht, in ganz besonderem Sinne zukommt. Mit diesem Namen bezeichnet sich denn auch Jesus fast ausschließlich in den Evangelien, und zwar in Übereinstimmung mit dem Alten Testament sowohl im Blick auf seine Niedrigkeit wie auf seine Herrlichkeit. — Als der Menschensohn ist Jesus arm und gering; er hat keine Stätte, wohin er sein Haupt legen kann; er wird von seinem Volke verworfen und gekreuzigt (vgl. z.B. Mr 8:31, 9:12, 31, 10:33, 14:21, 41). Aber diesen verachteten Menschensohn hat Gott zu seinem Gesandten erwählt, daß er in Gottes Namen rede und handle; vgl. Mt 9:6, 12:8, 13:37, 20:28 ja Gott hat ihn zum Könige bestimmt, und als solchen will sich der Menschensohn bei seiner Wiederkunft in Herrlichkeit offenbaren (vgl. z.B. Mt 16:27-28, 24:27, 30, 25:31, 26:64). Ist der Menschensohn äußerlich auch allen anderen Menschen ähnlich, so überragt er sie doch andererseits unendlich. Denn er, der einzigartige unter allen Menschensöhnen, ist nicht ursprünglich Mensch gewesen, sondern er ist vom Himmel auf die Erde herabgestiegen Joh 3:13 und Mensch geworden. Er kehrt auch wieder in den Himmel zurück, Joh 6:62 und dorthin will er, der Menschensohn, auch die Menschen emporziehen, Joh 12:32 indem er ihnen die Speise gibt, wodurch das ewige Leben mitgeteilt wird. Joh 6:53-58 — Es sei hier daran erinnert, daß Paulus, statt den Ausdruck Menschensohn zu gebrauchen, von dem letzten Adam redet, dem zweiten Menschen, der aus dem Himmel stammt, und dessen Bild die Seinen einst tragen werden. 1Kor 15:45-49
21 Ein anderer seiner Jünger sprach zu ihm: "Herr, erlaube mir, daß ich vorher1 hingehe und meinen Vater begrabe!"
- Ehe ich dir folge.
22 Jesus aber antwortete ihm: "Folge mir und laß die Toten1 ihre Toten begraben!"
- Die geistlich Toten, die nicht für Jesus und seine Sache leben. — Jesus kann nicht dulden, daß dem Jünger der tote Vater, für dessen Bestattung seine sonstigen Angehörigen schon sorgen werden, höher stehe als der lebendige Heiland, bei dem er selbst das wahre Leben gefunden hat.
23 Dann stieg er in ein Fischerboot, und seine Jünger begleiteten ihn.
24 Plötzlich erhob sich ein heftiger Sturm auf dem See, so daß die Wogen ins Fahrzeug schlugen. Er aber schlief.
25 Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn mit dem Rufe: "Herr, hilf uns, wir ertrinken!"
26 Er aber sprach zu ihnen: "Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen?" Dann stand er auf und schalt die Winde und den See.1 Da ward eine tiefe Stille.
- Ps 106:9.
27 Die Leute aber sprachen voll Verwunderung:1 "Was ist das für ein Mann, daß ihm sogar Wind und Wogen gehorchen!"
- Gemeint sind vielleicht solche, die auf anderen Booten gleichzeitig über den See fuhren. Mr 4:36
28 Als er ans andre Ufer kam in das Gebiet der Gadarener,1 begegneten ihm zwei Besessene: die kamen aus den Felsengräbern2 und waren sehr gefährlich,3 so daß niemand jenes Weges gehen konnte.
- Das fast ausschließlich von Heiden bewohnte Land der Gadarener war der Bezirk von Gadara, der Hauptstadt Paräas.
- Es sind wohl in den Berg gehauene Grabkammern gemeint, wo die Besessenen wohnten.
- Wegen ihrer wilden Tobsucht.
29 Und sie fingen an zu schreien: "Was haben wir mit dir zu schaffen, du Gottessohn? Bist du hierhergekommen, um uns vor der Zeit1 zu quälen?"2
- Noch vor dem Endgericht.
- Durch Vertreibung von der Erde, wo die bösen Geister in lebendigen Wesen ihre verderbliche Macht ausüben.
30 Nun weidete in der Ferne eine große Schweineherde.
31 Da baten ihn die bösen Geister: "Treibst du uns aus, so laß uns in die Schweineherde fahren!"1
- Die bösen Geister, die die Menschen verlassen müssen, sind auch mit einer weit geringeren Wohnstätte zufrieden, wenn sie nur wieder in lebendigen Wesen Eingang finden.
32 Er sprach zu ihnen: "Geht!" Da fuhren sie aus1 und gingen in die Schweine. Nun stürmte die ganze Herde den Abhang hinunter in den See und kam in den Fluten um2
- Von den Menschen.
- Die bösen Geister, die jedes Geschöpf nur nach seiner Eigenart gebrauchen können, vermögen nicht zu hindern, daß die Tiere scheu werden.
33 Die Hirten aber flohen. Bei ihrer Ankunft in der Stadt erzählten sie den ganzen Vorgang, und was mit den Besessenen geschehen war.
34 Da gingen alle Einwohner hinaus, Jesus entgegen, und als sie ihn trafen, baten sie ihn, er möge ihr Gebiet verlassen.1
- Die heidnische Bevölkerung hielt Jesus wohl für einen mächtigen Zauberer, mit dem sie nichts zu tun haben wollte, den sie aber auch aus Furcht wegen des Verlustes der Herde nicht zur Rede zu stellen wagte.
Chapter 9
1 Er stieg nun in ein Fahrzeug, fuhr über den See und kam in seine Stadt.1
- Nach Kapernaum, wo er wohnte.
2 Dort brachte man auf einem Tragbett einen Gelähmten zu ihm. Als Jesus ihren Glauben1 sah, sprach er zu dem Gelähmten: "Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!"2
- Den Glauben der Träger.
- Nämlich: jetzt, in diesem Augenblick.
3 Da dachten einige Schriftgelehrte1 bei sich: "Der Mann lästert Gott."
- Die zugegen waren.
4 Jesus durchschaute ihre Gedanken und sprach: "Warum denkt ihr Böses in euern Herzen?
5 Was ist denn leichter, zu sagen: 'Deine Sünden sind dir vergeben' oder das Wort zu sprechen: 'Steh auf und wandle'?1
- Beides läßt sich wirksam nur in Gottes Auftrag und Kraft sagen.
6 Ihr sollt aber sehen, daß der Menschensohn die Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben." Nun wandte er sich zu dem Gelähmten und sprach: "Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!"
7 Da stand er auf und ging nach Hause.
8 Bei diesen Anblick wurden die Leute mit heiliger Scheu erfüllt und priesen Gott, der den Menschen solche Vollmacht gegeben.1
- Sie sahen Jesu Tun als etwas der Menschheit Verliehenes an und fühlten sich als Menschen in dem Menschensohn geehrt.
9 Als Jesus von dort1 weiterging,2 sah er einen Mann, mit Namen Matthäus, vor seinem Zollhaus sitzen,3 und er sprach zu ihm: "Folge mir!" Da stand er auf und folgte ihm.4
- Von dem Ort. wo sich das 9,2-8 Berichtete zugetragen hatte.
- Nämlich hinaus vor Kapernaum an den See.
- Der Zoll wurde wohl von Schiffen erhoben, die von dem anderen Ufer des Sees Genezaret kamen, das nicht zu dem Gebiet des Vierfürsten Herodes Antipas gehörte.
- Matthäus folgte ohne Zaudern, weil er vorher schon genug von Jesu Worten und Werken gehört hatte.
10 Während nun Jesus in des Matthäus Haus zu Gast war, fanden sich auch viele Zöllner und Sünder1 ein und nahmen mit Jesus und seinen Jüngern an dem Mahle teil.
- Die Sünder sind solche Leute, die ebenso wie die Zöllner durch ihren Wandel die Vorschriften des Gesetzes ganz offenkundig übertraten.
11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern:1 "Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?"
- Wahrscheinlich, als diese nach dem Mahl das Haus des Matthäus verließen.
12 Jesus hörte das und erwiderte: "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.1
- Die Kranken, die der Hilfe Jesu bedürfen, sind die Zöllner; die Gesunden, die äußerlich die gesetzlichen Vorschriften erfüllen, sind die Pharisäer.
13 Geht aber hin und lernt, was das Wort bedeutet: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.1 Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu berufen, sondern Sünder."
- Hos 6:6 nach LXX /LXX Hos 6:6 Jesus tadelt die Pharisäer, daß sie mehr Wert auf äußere Opfer legen als auf die barmherzige Liebe, die sie in Jesu Verhalten verkennen und mißdeuten.
14 Darauf kamen die Jünger des Johannes zu ihm1 und sprachen: "Warum fasten wir und die Pharisäer so oft, während deine Jünger nicht fasten?"2
- Obwohl Johannes der Täufer damals schon im Gefängnis war, bildeten seine Jünger doch noch eine besondere Genossenschaft und hielten an der strengen Lebensweise ihres Meisters fest.
- Der Vorgang fand an einem Tage statt, den die Johannesjünger und die Pharisäer als Fasttag hielten. Mr 2:18
15 Jesus antwortete ihnen: "Können denn die Hochzeitsgäste trauern,1 solange der Bräutigam bei ihnen ist?2 Es kommt jedoch die Zeit, wo ihnen der Bräutigam entrissen ist,3 dann werden sie fasten.4
- D.h. in einer Stimmung sein, woraus das Fasten hervorgeht.
- Jesus ist als der Messias auch der Bräutigam, und seine Jünger sind die Hochzeitsgäste.
- Und zwar auf eine gewaltsame Weise, durch den Tod.
- Vgl. Joh 16:16, 20.
16 Niemand setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleid. Sonst reißt der Einsatz noch an anderen Stellen etwas von dem Kleid weg, und der Riß wird desto ärger.1
- Wenn sich der neu eingesetzte Flicken durch Nässe zusammenzieht, so reißt der alte, mürbe Stoff auch noch größer als vorher.
17 Man gießt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche: dann fließt der Wein aus, und die Schläuche sind verloren. Man gießt vielmehr neuen Wein in neue Schläuche: so halten sich beide."1
- Der Sinn der beiden Gleichnisse ist: Das Neue, das Jesus bringt, kann nicht in die alten Gebräuche des Judentums eingezwängt werden.
18 Als er so zu ihnen redete, da kam ein Vorsteher,1 der fiel vor ihm nieder und sprach: "Meine Tochter ist soeben gestorben; aber komm und leg deine Hand auf sie, dann wird sie wieder lebendig!"
- Nämlich: der jüdischen Synagoge in Kapernaum. Nach Markus und Lukas hieß er Jairus (d.h.: "er wird aus dem Schlafe erwecken").
19 Jesus erhob sich und folgte ihm mit seinen Jüngern.
20 Und sieh, eine Frau, die schon zwölf Jahre am Blutfluß litt, trat von hinten an ihn heran und berührte die Quaste seines Mantels.1
- Nach 4Mo 15:38-39 trugen die Juden zur Erinnerung an Gottes Gesetz vier Quasten an den vier Enden ihres Obergewandes mit purpurblauen Fäden daran. — Die Berührung einer Blutflüssigen verunreinigte.
21 Denn sie dachte bei sich: wenn ich nur seinen Mantel berühre, so werde ich gesund.
22 Jesus wandte sich um, erblickte sie und sprach: "Sei getrost, meine Tochter; dein Glaube hat dich schon gesund gemacht!" Und von dem Augenblick an ward die Frau gesund.
23 Dann kam Jesus in das Haus des Vorstehers. Beim Anblick der Flötenspieler und der lärmenden Menge1 aber sprach er:
- Wohl namentlich der Klageweiber. Diese durften bei keinem jüdischen Begräbnis fehlen (vgl. schon Jer 9:17). Auch der ärmste Jude sollte bei dem Begräbnis seiner Frau mindestens zwei Flötenspieler und ein Klageweib nehmen.
24 "Geht hinaus!"1 Denn das Mädchen ist nicht tot, es schläft nur."2 Da verlachten sie ihn.
- Man bedarf euer nicht.
- Die Bezeichnung des Todes als Schlaf war bei den Juden sehr bekannt und gebräuchlich.
25 Als aber die Leute aus dem Hause geschickt waren, trat er ein1 und faßte das Mädchen bei der Hand. Da stand es auf.
- In das Gemach, wo die Tote lag.
26 Und die Kunde davon verbreitete sich in jener ganzen Gegend.
27 Als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die riefen laut: "Erbarme dich unser, Sohn Davids!"1
- Sohn Davids ist einer der Namen, die dem Messias als Nachkommen Davids beigelegt wurden. Hier wird Jesus zum ersten Mal ausdrücklich als Messias angeredet.
28 Als dann Jesus in sein Haus kam,1 traten die Blinden zu ihm. Jesus fragte sie: "Glaubt ihr, daß ich dies tun kann?" Sie antworteten: "Ja, Herr!"
- Wo er (vielleicht mit seiner Mutter und seinen Brüdern) in Kapernaum wohnte.
29 Nun berührte er ihre Augen mit den Worten: "Nach euerm Glauben geschehe euch!"
30 Da taten sich ihre Augen auf. Und Jesus befahl ihnen streng: "Gebt acht, daß es niemand erfahre!"1
- Jesus will nicht, daß seine Taten durch lärmende Kundgebungen verbreitet werden. vgl. Jes 42:2
31 Sobald sie aber das Haus verlassen hatten, machten sie ihn1 in jener ganzen Gegend bekannt.
- Als den hilfreichen Wundertäter.
32 Gerade als sie weggingen,1 brachte man einen Menschen zu ihm, der durch den Einfluß eines bösen Geistes stumm war.
- Die beiden geheilten Blinden.
33 Doch nach der Austreibung des bösen Geistes konnte der Stumme reden. Da verwunderten sich die Leute und sprachen: "So etwas hat man noch nie in Israel erlebt."
34 Die Pharisäer aber sagten: "Im Bunde mit dem obersten der bösen Geister treibt er die Geister aus."1
- V34 wird von manchen Zeugen weggelassen.
35 So durchwanderte Jesus alle Städte und Dörfer: er lehrte in ihren Versammlungshäusern, verkündigte die Frohe Botschaft vom Königreich und heilte allerlei Krankheiten und Gebrechen.1
- Vgl. Mt 4:23.
36 Beim Anblick der Volksscharen aber ward er von Mitleid erfüllt, denn sie waren abgetrieben und ermattet wie Schafe ohne Hirten.1
- Ein Bild des geistlichen Druckes und der geistlichen Verwahrlosung, worunter das jüdische Volk litt. vgl. 4Mo 27:17, 1Kön 22:17, Hes 34:1-6
37 Da sprach er zu seinen Jüngern: "Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenig.
38 Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter auf sein Erntefeld sende!"
Chapter 10
1 Dann rief er seine zwölf Jünger herbei und gab ihnen Vollmacht, unreine Geister auszutreiben und allerlei Krankheiten und Gebrechen zu heilen. Dies sind aber die Namen der zwölf Apostel:1
- Apostel heißt Gesandter, Sendbote. Matthäus setzt bei seinen Lesern als bekannt voraus, daß Jesus aus dem weiteren Kreis seiner Jünger zwölf zu einer besonderen Arbeit (V1) ausgewählt hat. Daß seine Leser aber auch die Namen aller Apostel kannten, konnte Matthäus von vornherein nicht annehmen.
2 Simon, genannt Petrus, — als erster1 — und seinen Bruder Andreas; Jakobus, des Zebedäus Sohn, und sein Bruder Johannes;
- Dem Rang nach.
3 Philippus1 und Bartholomäus;2 Thomas3 und der Zöllner Matthäus;4 Jakobus, des Alphäus Sohn, und Lebbäus mit dem Beinamen Thaddäus;5
- Er stammte aus Bethsaida. Joh 1:44
- D.h. der Sohn des Tholmai; sein eigentlicher Name war vielleicht Nathanael (d.h. von Gott gegeben), der Joh 1:46 zusammen mit Philippus genannt wird.
- Thomas = Thoma (aramäisch) oder Theom (hebräisch), in griechischer Übersetzung Didymos, d.h. Zwilling. Joh 11:16, 14:5, 20:24, 21:2
- Indem sich Matthäus hier als ein Glied der verachteten Zöllnerzunft bezeichnet, bringt er eine ähnlichen Empfindung zum Ausdruck wie Paulus in 1Kor 15:9, Eph 3:8, 1Ti 1:15.
- Lebbäus heißt nicht nur Thaddäus, Mr 3:18 sondern auch Judas; Lu 6:16, Apg 1:13 auch Josef in Apg 1:23 hatte drei Namen. Das hängt jedenfalls damit zusammen, daß in Palästina die drei Sprachen: Aramäisch, Hebräisch und Griechisch bekannt waren.
4 Simon der Eiferer1 und Judas aus Kariot,2 der ihn verraten hat.
- Wörtlich: der Kananäer. Kananäer kommt von dem aramäischen kan-an (hebr. hanna) = eifrig, Eiferer. Eiferer (griechisch Zeloten) nannten sich die Anhänger der von dem Galiläer Judas gestifteten Partei, Apg 5:37 die der römischen Fremdherrschaft mit Gewalt ein Ende machen wollte (vgl. meine Geschichte Israels, Teil 2, S. 134).
- Gemeint ist wohl die Ortschaft Kariot im südlichen Juda. Jos 15:25
5 Diese Zwölf sandte Jesus aus mit folgendem Auftrag: "Nehmt euern Weg nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter!1
- Vgl. Mt 15:24. Erst nach seiner Auferstehung hat Jesus den Aposteln einen umfassenden Auftrag für alle Völker gegeben (Mt 28:19-20; Apg 1:8).
6 Geht vielmehr zu den verirrten Schafen des Hauses Israel!
7 Geht und verkündigt: 'Das Königreich der Himmel ist nahe herbeigekommen!'
8 Heilt die Kranken, erweckt die Toten, reinigt die Aussätzigen, treibt die bösen Geister aus! Umsonst habt ihr's empfangen,1 umsonst sollt ihr's geben.
- Nämlich die Macht, Wunder zu tun.
9 Steckt euch kein Gold, kein Silber und kein Kupfergeld in eure Gürtel!1
- Der Gürtel diente zugleich als Geldtasche.
10 Nehmt keine Ranzen1 mit euch auf den Weg, auch nicht zwei Unterkleider,2 keine Schuhe, keinen Wanderstab! Denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.
- Mit dem Ranzen oder Bettelsack zogen zu Jesu Zeit Bettelpriester heidnischer Gottheiten durch das griechische Morgenland (A. Deißmann, "Licht vom Osten," S.76f.).
- Außer dem, das sie trugen, nicht noch ein zweites.
11 Kommt ihr in eine Stadt oder in ein Dorf, so erkundigt euch, wer dort (euch aufzunehmen) verdient; bleibt dann so lange da, bis ihr weiterzieht!
12 Bei euern Eintritt aber wünscht dem Hause Frieden!1
- Der bekannte Gruß war, wie noch heute im Morgenland: Friede sei mit euch!
13 Ist nun das Haus es wert, so wird der Friede, den ihr wünscht, ihm auch zuteil; verdient es ihn aber nicht, so fällt der Friedensgruß auf euch zurück.
14 Und wo man euch nicht aufnimmt noch eure Botschaft hören will, ein solches Haus und eine solche Stadt verlasset und schüttelt den Staub von euern Füßen!1
- D.h. habt nichts mehr mit ihnen zu schaffen.
15 Wahrlich, ich sage euch: Dem Lande Sodom und Gomorra wird es am Tage des Gerichts viel besser gehn als solcher Stadt.
16 Ich sende euch jetzt wie Schafe mitten unter Wölfe. So seid denn klug wie die Schlangen, aber auch ohne Falsch wie die Tauben!
17 Seid aber vor den Menschen1 auf der Hut! Denn sie werden euch den Gerichten2 überliefern, und in ihren Versammlungshäusern werden sie euch geißeln.3
- Hier ist zunächst an die Juden in Palästina zu denken.
- Vgl. Mt 5:22.
- Vgl. 2Kor 11:24.
18 Ja man wird euch vor Statthalter und Könige1 führen um meinetwillen, damit ihr ihnen und den Heiden ein Zeugnis2 gebt.
- Statthalter waren Pilatus, Felix und Festus; Könige waren Agrippa I Apg 12:1, 18-23 und Agrippa II Apg 25:13
- Von Jesus.
19 Stellt man euch nun vor ein Gericht, so macht euch keine Sorte, wie oder was ihr reden sollt! Denn in jenem Augenblick wird euch das rechte Wort gegeben werden.
20 Ihr seid es ja nicht, die dann reden, sondern es ist euers Vaters Geist, der durch euch redet.
21 Ein Bruder aber wird den andern zum Tode bringen und Väter ihre Kinder; ja Kinder werden sich erheben gegen ihre Eltern und sie töten lassen.1
- Vgl. Mic 7:6.
22 Und allgemein wird man euch hassen, weil ihr Bekenner meines Namens seid. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der soll errettet werden.1
- Oder: das Heil erlangen.
23 Verfolgen sie euch nun in einer Stadt, so flieht in eine andere! Wahrlich, ich sage euch: Vor des Menschensohnes Kommen wird eure Arbeit an den Städten Israels noch nicht vollendet sein.1
- Diese Worte sind dunkel. Mir scheint, der Herr will sagen, Israel könne als Volk nicht vor seiner Wiederkunft bekehrt werden.
24 Ein Schüler darf kein anderes Los erwarten als sein Lehrer; ein Sklave soll's nicht besser haben wollen als sein Herr.1
- Der Herr sagt damit: "Wundert euch nicht über den Haß der Menschen! Ihr dürft kein besseres Los erwarten als ich selbst."
25 Der Schüler muß zufrieden sein, wenn es ihm geht wie seinem Lehrer, der Sklave, wenn es ihm geht wie seinen Herrn. Hat man den Hausherrn1 mit dem Namen Beelzebul2 geschmäht, um wieviel mehr wird man seine Hausgenossen so schmähen.3
- Jesus.
- Beelzebul ist ein Name des Teufels. Der Name soll bedeuten: "Her der Wohnung," indem man meint, der Teufel sei so genannt worden als der Herr seines Reiches. Andere übersetzen den Namen mit "Herr der Unreinigkeit," d.h. des Götzendienstes. Die Lesart Beelzebub heißt "Fliegengott." 2Kor 1:2
- Die Jünger Jesu.
26 Fürchtet euch darum1 nicht vor ihnen! Denn nichts ist so verhüllt, daß es nicht einst enthüllt würde; und nichts ist so verborgen, daß es nicht einst gesehen würde.2
- Weil es euch nicht besser als mir selbst ergehen kann.
- Ein Sprichwort, das die Jünger zur Furchtlosigkeit mahnen soll, weil ja dereinst alle Feindschaft und Lästerung, die ihnen widerfährt, in ihrer Haltlosigkeit und Unwahrheit offenbar werden muß.
27 Was ich euch im geheimen sage,1 das verkündigt öffentlich;2 und was ich euch ins Ohr flüstere, das predigt auf den Dächern!3
- Weil Jesus bis jetzt noch Zurückhaltung üben muß.
- Wie am Pfingstfest.
- Auf den platten Dächern des Morgenlandes konnte vieles in voller Öffentlichkeit vorgenommen werden.
28 Seid dabei ohne Furcht vor denen, die wohl den Leib, doch nicht die Seele töten können! Seid aber voller Furcht vor dem, der Seele und Leib1 in der Hölle verderben kann!2
- Und zwar nach der Auferstehung.
- Die Furcht vor Gott soll alle Menschenfurcht vertreiben.
29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für fünf Pfennige?1 Trotzdem2 fällt kein einziger von ihnen zu Boden3 ohne euers Vaters Willen.
- Wörtlich: für ein As. Das römische As galt damals etwa 5 Pfennige.
- Obwohl sie so wertlos sind.
- D.h. kommt um.
30 Bei euch sind aber sogar die Haare euers Hauptes allesamt gezählt.
31 Darum habt keine Furcht! Ihr seid mehr wert als viele Sperlinge.
32 Wer sich nun zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen1 vor meinem Vater im Himmel.
- Am Tage des Gerichts.
33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.
34 Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern Krieg.
35 Denn ich bin gekommen, um zu entzweien Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Schwiegermutter und Schwiegertochter;
36 und die eignen Hausgenossen wird man zu Feinden haben.1
- Mic 7:6.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert;1 wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert.
- Der verdient nicht, mein Jünger zu sein.
38 Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt,1 und mir nachfolgt, der ist mein nicht wert.
- Die zum Kreuzestod Verurteilten mußten ihr Kreuz selbst zur Richtstätte tragen.
39 Sein Leben retten heißt: es verlieren! Sein Leben verlieren um meinetwillen heißt: es retten!1
- Wer sein irdisches Leben durch Verleugnung Jesu retten will, der wird das ewige Leben verlieren; wer dagegen aus Liebe zu Jesus und seiner Wahrheit sein irdisches Leben in den Tod gibt, der wir das ewige Leben erlangen.
40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.
41 Wer einen Propheten als solchen1 aufnimmt, der wird den Lohn empfangen, den ein Prophet empfängt;2 wer einen Gerechten als solchen aufnimmt, der wird den Lohn empfangen, den ein Gerechter empfängt.
- Weil er ein Prophet ist.
- Weil er derselben Sache dient wie der Prophet.
42 Und wer einem dieser kleinen Kinder hier1 auch nur einen Becher frischen Wassers zum Trunke reicht, weil es mein Jünger ist, der soll — das sage ich euch feierlich — gewiß nicht seines Lebens verlustig gehen!"
- Vgl. Mt 18:6. Jesus weist mit der Hand auf die anwesenden Kinder hin.
Chapter 11
1 Als Jesus seinen zwölf Jüngern diese Weisungen erteilt hatte, ging er von dort weiter, um in den Städten des Landes zu lehren und zu predigen.
2 Als Johannes im Gefängnis1 von der Wirksamkeit des Messias hörte, ließ er ihn durch seine Jünger fragen:
- In der Bergfeste Machärus östlich vom Toten Meer.
3 "Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?"1
- Frage des Zweifels. Es scheint, als habe sich Johannes in die Art der Wirksamkeit Jesu nicht finden können.
4 Jesus antwortete ihnen: "Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:
5 Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, ja Tote werden auferweckt und Armen1 wird die Heilsbotschaft verkündigt;2
- Vgl. Mt 5:3.
- Jes 35:5-6, 61:1.
6 und selig ist, wer an mir nicht irre wird!"
7 Als die Boten weggingen, begann Jesus zu den Volksscharen von Johannes zu reden:1 "Warum seid ihr einst in die Wüste hinausgegangen?2 Wolltet ihr euch ein Schilfrohr ansehen, das sich im Winde hin und her bewegte?3 Doch sicher nicht!
- Der zeitweilige Zweifel des Johannes, den das anwesende Volk aus der Frage der Johannesjünger erfahren hat, soll keinen Schatten auf den großen Propheten werfen.
- Mt 3:1, 5.
- Wolltet ihr euch weiter nichts ansehen als das Schilfrohr am Ufer des Jordan? Oder: Wolltet ihr euch nur einen unbeständigen, wankelmütigen Menschen ansehen?
8 Warum seid ihr denn hinausgegangen? Wolltet ihr einen feingekleideten Weltmann sehen?1 Solche feingekleidete Leute finden sich an den Königshöfen.
- Vgl. Mt 3:4. In V7 setze ich das Fragezeichen hinter ερημον, in V8 hinter εξηλθατε.
9 Warum seid ihr denn hinausgegangen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja ich sage euch: Dieser Mann ist noch weit mehr als ein Prophet.
10 Denn er ist es, von dem geschrieben steht: Sieh, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll1
- Mal 3:1. Johannes ist deshalb größer als alle Propheten, weil er der Wegbereiter des Messias, der Bahnbrecher seines Reiches gewesen ist.
11 Wahrlich, ich sage euch: Unter allen Weibersöhnen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Königreich der Himmel ist größer als er.
12 Aber seit dem Auftreten Johannes des Täufers1 bis jetzt wird das Königreich der Himmel gestürmt.2 Und die Stürmer3 reißen es an sich.
- Johannes ist der Bahnbrecher der messianischen Zeit.
- Es wird mit glühendem Eifer und mit Aufbietung aller Kräfte erstrebt.
- Die Gläubigen in ihrem gewaltigen Drängen, wobei sie keine Mühe und Opfer scheuen.
13 Denn alle Propheten und das Gesetz1 haben davon2 geweissagt bis auf Johannes.3
- D.h. die Schriften des Alten Bundes in ihrer Gesamtheit. vgl. Mt 5:17
- Von dem Königreich der Himmel.
- Der nicht als Prophet von dem kommenden Reich geweissagt, sondern als Gottes Bote die neue Zeit eingeleitet hat.
14 Und wollt ihr's gelten lassen: er ist der Elia, der kommen soll.1
- Nach Mal 4:5.
15 Wer Ohren hat, der höre!1
- Eine Mahnung zur Aufmerksamkeit.
16 Wem soll ich aber das Volk von heute1 vergleichen? Es gleicht Kindern, die auf der Straße sitzen und ihren Gespielen zurufen:
- Gemeint sind Jesu Zeitgenossen.
17 Wir haben euch die Flöte gespielt,1 doch ihr habt nicht getanzt; wir haben ein Klagelied gesungen,2 doch ihr habt nicht geweint.3
- Also Hochzeit gespielt.
- Also Begräbnis gespielt.
- Zum Zeichen, daß sie in das Klagelied einstimmten. — Jesus vergleicht die Juden mit launischen Kindern, denen ihre Spielgefährten nicht recht machen können.
18 Johannes ist aufgetreten und hat streng enthaltsam gelebt in Speise und Trank;1 da sagte man: 'Er ist von einem bösen Geist besessen!'
- Vgl. Mt 3:4.
19 Der Menschensohn ist aufgetreten und ißt und trinkt wie andere; da sagt man nun: 'Seht, er ist ein Fresser und Weintrinker, der Zöllner und Sünder Freund'. Aber doch ist die Weisheit (Gottes) durch ihr ganzes Tun gerechtfertigt worden."1
- Der Sinn ist wohl: Die Richtigkeit des Tuns der göttlichen Weisheit, die die Menschen zum Heile beruft, ist dem in V18 und 19 zum Ausdruck gebrachten törichten Gerede der launischen Menschen gegenüber durch die ganze Wirksamkeit Johannes des Täufers und Jesu klar erwiesen worden.
20 Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wundertaten geschehen waren, und die sich trotzdem nicht bekehrt hatten:
21 "Weh dir, Chorazin!1 Wehe dir, Bethsaida.2 Denn wären in Tyrus und Sidon3 die Wundertaten geschehen, die in euch geschehen sind, sie hätten sich schon längst, in Sack und Asche sitzend,4 bekehrt.
- Eine Stadt Galiläas, nicht weit von Kapernaum.
- Ebenfalls nicht weit von Kapernaum am Westufer des Sees Genezaret, die Vaterstadt der Apostel Petrus, Andreas und Philippus. Joh 1:44, 12:21
- Den gekannten heidnischen Städten Phöniziens.
- Jes 58:5, Da 9:3.
22 Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Sidon am Tage des Gerichts erträglicher gehen als euch.
23 Und du, Kapernaum, meinst du vielleicht, du wirst bis zum Himmel erhoben?1 In die Tiefe der Unterwelt sollst du hinabgestürzt werden!2 Denn wären in Sodom die Wundertaten geschehen, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigentags.
- Die Stadt Kapernaum soll nicht denken, sie werde als die Stätte von Jesu Wirksamkeit und Wundertaten am Tage des Gerichts die höchste Ehrenstelle empfangen.
- Du sollst wegen deiner Unbußfertigkeit aufs tiefste erniedrigt werden. vgl. Hes 31:16
24 Doch ich sage euch: Es wird dem Lande Sodom am Tage des Gerichts erträglicher gehen als dir."
25 Zu jener Zeit tat Jesus seinen Mund auf und sprach: "Ich preise dich, o Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies1 den Weisen und Verständigen verborgen und es den Einfältigen2 offenbart hast.
- Die Geheimnisse des Himmelreichs.
- Denen, die an Wissen und Verständnis kleinen Kindern gleichen.
26 Ja, Vater, so hat dir's gefallen!
27 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden.1 Und niemand kennt den Sohn vollkommen als nur der Vater; auch kennt niemand den Vater recht als nur der Sohn und der, dem der Sohn es offenbaren will.2
- Vgl. 28,18.
- V27 klingt sehr an johanneische Aussprüche Jesu an. vgl. Joh 3:35, 13:3, 17:2, 3, 7
28 Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht1 und von Last gedrückt seid!2 Ich will euch Ruhe schenken.
- Bei der Erfüllung der zahlreichen äußeren Satzungen der Schriftgelehrten.
- Gemeint ist zunächst die Last der Vorschriften der Gesetzeslehrer.
29 Nehmt mein Joch1 auf euch und lernt von mir; denn ich bin mild und voller Herzensdemut;2 dann werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.3
- Die Gesetzeslehrer nannten ihre Satzungen das Joch des Himmels oder Himmelreiches.
- Nicht hart und hochmütig wie die damaligen Gesetzeslehrer.
- Jer 6:16.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last1 ist leicht."
- Das Joch und die Last, die ich auflege. Sir 51:26
Chapter 12
1 Zu jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch Getreidefelder. Seine Jünger aber hatten Hunger; darum begannen sie, Ähren abzureißen und die Körner zu essen.1
- Das war erlaubt nach 5Mo 23:25.
2 Das sahen die Pharisäer und sprachen zu ihm: "Sieh, deine Jünger tun, was nicht erlaubt ist am Sabbat."1
- Das Ährenabreißen wurde von den strengen Gesetzeslehrern als eine Arbeit angesehen und dem Mähen gleichgestellt.
3 Er aber antwortete ihnen: "Habt ihr nicht gelesen,1 was David tat, als ihn und seine Begleiter hungerte?
- In 1Sa 21.
4 Wie er in das Haus Gottes trat und die Schaubrote aß, die doch er und seine Begleiter nicht essen durften, sondern nur die Priester?
5 Habt ihr ferner nicht gelesen im Gesetz,1 daß die Priester im Tempel auch am Sabbat tätig sind,2 ohne sich zu versündigen?
- 4Mo 28:9-10, 3Mo 24:8, 1Ch 9:32.
- Die besonderen Opfer am Sabbat und das Zurichten der Schaubrote machten vieles nötig, was als Handarbeit angesehen werden konnte.
6 Doch ich sage euch: Hier ist etwas Größeres als der Tempel.1
- Nämlich: Jesus selbst.
7 Verstündet ihr aber die Bedeutung des Wortes: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer,1 so hättet ihr die Schuldlosen2 nicht verurteilt.
- Hos 6:6, vgl. Mt 9:13.
- Die Jünger.
8 Denn1 der Menschensohn ist Herr des Sabbats."2
- Auch deshalb sind die Jünger schuldlos.
- Er hat darum auch das Recht, den Sabbat abzuschaffen und ein Neues einzuführen.
9 Als er von dort weiterging, kam er in ihr Versammlungshaus.1
- Gemeint ist hier wohl die Synagoge der Ortschaft, in deren Nähe Jesus vorher mit den Pharisäern geredet hatte.
10 Da war ein Mann mit einem abgestorbenen Arm, und sie fragten ihn: "Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?"1 Denn sie suchten einen Grund, ihn zu verklagen.2
- Die Pharisäer unterschieden 39 Hauptarbeiten, die am Sabbat verboten waren.
- Bei dem Synagogengericht.
11 Er aber antwortete ihnen: "Fiele einem von euch am Sabbat sein einziges Schaf in eine Grube, zöge er's da nicht sofort heraus?
12 Steht nun ein Mensch nicht hoch über einem Schaf? Also darf man auch am Sabbat Gutes tun."
13 Dann sprach er zu dem Mann: "Strecke deinen Arm aus!" Da streckte er ihn aus, und er ward wiederhergestellt und gesund wie der andere.
14 Als dann die Pharisäer den Gottesdienst verließen, berieten sie sich miteinander wider ihn, wie sie ihn zu Tode bringen könnten.
15 Aber Jesus erfuhr das und verließ jene Gegend. Viele begleiteten ihn, und er heilte alle.1
- Die der Heilung bedürftig waren.
16 Aber er schärfte ihnen ein, sie sollten ihn nicht öffentlich bekanntmachen,
17 damit sich der Ausspruch des Propheten Jesaja erfüllte:1
- Jes 42:1-4, teils nach der Übersetzung des Matthäus, teils nach LXX
18 Das ist mein Knecht, den ich erwählt, und mein Geliebter, den mein Herz erkoren. Ich lege meinen Geist auf ihn, und er soll den Völkern Recht1 verkünden.
- Gottes Wahrheit.
19 Er wird nicht zanken und nicht schreien,1 und seine Stimme schallt nicht auf den Straßen.2
- Darum entzieht sich auch Jesus den nutzlosen Streitigkeiten mit den Pharisäern.
- Alle Marktschreierei und alles Streben nach Ehre bei dem Volk liegt ihm fern.
20 Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, und glimmenden Docht löscht er nicht aus,1 bis er das Recht zu Sieg geführt.2
- Die reuigen Sünder, die Armen im Geiste, Mt 5:3 behandelt er mit schonender Milde.
- Gerade durch dieses stille Wirken erringt er den herrlichsten Sieg.
21 Und auf seinen Namen werden die Völker hoffen.
22 Da wurde ein Besessener zu ihm gebracht, der war blind und stumm. Und er heilte ihn, so daß der Stumme redete und sah.
23 Da waren die Leute alle außer sich und sprachen: "Ist der etwa Davids Sohn?"1
- D.h. der verheißene Messias.
24 Als aber die Pharisäer davon hörten, sagten sie: "Nur im Bunde mit Beelzebul, dem Obersten der bösen Geister, treibt er die Teufel aus."
25 Er aber durchschaute ihre Gedanken und sprach zu ihnen: "Jedes Reich, das in sich selbst uneins ist, das fällt in Trümmer; und jede Stadt oder jedes Haus, das in sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.
26 Treibt nun der Satan den Satan aus, so ist er ja mit sich selbst im Streit: wie sollte da sein Reich bestehen können?
27 Treibe ich aber im Bunde mit Beelzebul die bösen Geister aus, mit wessen Hilfe treiben sie denn eure Anhänger1 aus? Sie werden darum eure Richter sein!2
- D.h. die Glieder der pharisäischen Partei. Von jüdischen Teufelsaustreibern lesen wir Lu 9:49, Apg 19:13.
- Sie widerlegen euch mit euern falschen Anklagen.
28 Treibe ich aber durch Gottes Geist die bösen Geister aus, so ist ja Gottes Königreich zu euch gekommen.1
- In Jesus und seinem Wirken war das Königreich Gottes schon da in Israel.
29 Oder1 wie kann jemand in das Haus eines starken Kriegsmannes dringen und ihm seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet? Erst dann kann er sein Haus berauben.2
- Wenn ich meine Wunder nicht durch Gottes Geist täte.
- Den starken Satan überwindet der stärkere Christus.
30 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich;1 und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.2
- Wer in dem Kampfe gegen Satan nicht auf Jesu Seite steht, der erklärt sich damit für seinen Feind.
- Wer nicht mithilft, daß sich die zerstreute Herde Israels um Jesus als ihren Hirten sammelt, der macht ihren Zustand nur noch schlimmer.
31 Darum1 sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben, die Lästerung des Geistes aber wird nicht vergeben.
- Weil ihr mich so freventlich geschmäht habt und eure scheinbare Gleichgültigkeit gegen mich im Grunde nichts als Feindschaft ist.
32 Wer ein Wort sagt gegen den Menschensohn, dem wird vergeben. Wer aber wider den Heiligen Geist redet, der findet keine Vergebung:1 weder in dieser Weltzeit noch in der zukünftigen.2
- Wer das offenbare Wirken Jesu in der Kraft des Heiligen Geistes aus Feindschaft gegen ihn bewußt als etwas Böses lästert, für den ist keine Vergebung möglich, solange er in dieser Sünde beharrt. Denn es fehlt die Bedingung der Vergebung: Sinnesänderung und Glaube an Jesus. Heb 6:4-6, 10:26-27, 1Jo 5:16-17
- Die zukünftige Weltzeit beginnt mit Christi Wiederkunft.
33 Erklärt ihr den Baum für gut, so müßt ihr auch seine Frucht für gut halten. Erklärt ihr aber den Baum für schädlich, so müßt ihr auch seine Frucht für schädlich halten.1 Denn an der Frucht erkennt man den Baum.2
- Jesus weist die Pharisäer auf die Ungereimtheit ihres Urteils hin. Müssen sie zugeben, daß Jesu Werke gut sind, so können sie auch seine göttliche Sendung nicht leugnen.
- Mt 7:17-20.
34 Ihr Schlangenbrut!1 wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn des Mundes Worte fließen aus des Herzens Quell.
- Mt 3:7.
35 Ein guter Mensch entnimmt aus seiner guten Vorratskammer Gutes; ein böser Mensch entnimmt aus seiner bösen Vorratskammer Böses.
36 Ich versichere euch aber: Von jedem bösen Worte, das die Menschen reden, müssen sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft geben.
37 Denn nach deinen Worten sollst du freigesprochen und nach deinen Worten sollst du verurteilt werden."
38 Da redeten ihn einige Schriftgelehrte und Pharisäer an und sprachen: "Meister, wir wünschen von dir ein Zeichen zu sehen."1
- Wodurch deine göttliche Sendung deutlich beglaubigt wird.
39 Er antwortete ihnen: "Ein böses, gottvergessenes1 Geschlecht begehrt ein Zeichen. Es soll ihm aber kein anderes Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jona.2
- Von dem Bunde Gottes abgefallenes.
- Hier ist zu denken an die wunderbare Errettung des Propheten Jona aus dem Bauch des Meeresungeheuers. Ähnlich wird Jesus durch seine Auferstehung aus dem Rachen des Todes errettet werden. Und wie Jona zu den Bewohnern Ninives als ein wunderbar vom Tod erretteter Gottesbote kam, so wird auch Jesus erst nach seiner Auferstehung seinen Beruf als Gottesbote Heb 3:1 vollkommen erfüllen.
40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte in des Riesenfisches Leib gewesen ist,1 so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde2 sein.3
- Jon 1:17-2:1.
- Im Grabe oder im Totenreich.
- Für die Juden zur Zeit Jesu bestand ein Tag aus Abend und Morgen. 1Mo 1:5 Der Abend begann 12 Uhr mittags und endete 12 Uhr mitternachts. Der Morgen begann 12 Uhr mitternachts und endete 12 Uhr mittags. Die Juden konnten von drei Tagen und drei Nächten reden, auch wenn diese Zeiträume nicht voll waren (so K. Bornhäuser: Zeiten und Stunden, usw., 1921, S.6f., 46ff.).
41 Die Leute aus Ninive werden zugleich mit diesen Geschlecht1 vor Gericht erscheinen2 und es verurteilen;3 denn sie bekehrten sich bei Jonas Predigt.4 Und hier steht doch einer, der größer ist als Jona!
- Mit Jesu unbußfertigen Zeitgenossen.
- Am Tage des großen Endgerichts.
- Wodurch die heidnischen Bewohner des alten Ninive, die also von den Toten auferstehen werden, die ungläubigen jüdischen Zeitgenossen Jesu im Endgericht verurteilen, das folgt nun in dem Begründungssatz mit "denn." Die in diesem Satz ausgesprochene Tatsache, nicht etwa ein Richterspruch der Niniviten wird die Verurteilung der unbußfertigen Juden zur Folge haben.
- Jon 3:4-10.
42 Die Königin aus Süden1 wird zugleich mit diesem Geschlecht vor Gericht erscheinen und es verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und hier steht doch einer, der größer ist als Salomo!2
- Die Königin von Saba in Südarabien 1Kön 10:1-13.
- Jesus, der ungleich höher steht als Jona und Salomo, wird von seinen Zeitgenossen verworfen: so schlimm steht es mit dem unbußfertigen Volke. Aber es wird noch schlimmer mit ihm werden: das zeigt das folgende Gleichnis in V43-45.
43 Ist der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren, so wandert er durch Wüsten:1 er sucht dort eine Ruhstatt und findet keine.
- Diese sind besonders der Wohnplatz böser Geister. Tobias 8:3 Bar 4:35
44 Dann spricht er: 'Ich will zurückgehen in mein Haus,1 das ich verlassen habe.' Und kommt er dann, so findet er es leer, gefegt und wohlgeschmückt.2
- Gemeint ist der Mensch.
- Alles lädt den bösen Geist zur Rückkehr ein.
45 Nun geht er hin und holt noch sieben andere Geister, die schlimmer sind als er: die ziehen ein und wohnen dort. So wird's mit einem solchen Menschen am Ende ärger als zuvor. Ganz ebenso wird es auch gehen mit diesem bösen Geschlecht."1
- Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet, seine Landsleute seien zur Zeit der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) noch gottloser gewesen als einst die Leute von Sodom.
46 Als er noch zum dem Volke redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wünschten ihn zu sprechen.
48 Er aber antwortete dem, der ihm dies meldete: "Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?"
49 Dann wies er mit ausgestreckter Hand auf seine Jünger und sprach: "Da seht meine Mutter und meine Brüder!
50 Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter."1
- Die wahren Angehörigen Jesu sind seine treuen Jünger.
Chapter 13
1 An jenem Tage ging Jesus aus seinem Hause1 und setzte sich an den Strand des Sees.2
- In Kapernaum.
- Genezaret.
2 Da sammelte sich eine große Schar um ihn. Deshalb trat er in einen Fischerkahn und setzte sich dort nieder, während das ganze Volk am Ufer stand.
3 Und er redete zu ihnen vielerlei durch Gleichnisse1 und sprach:
- Das Gleichnis nimmt seinen Stoff aus der Natur oder dem täglichen Leben und veranschaulicht dadurch eine geistliche Wahrheit.
4 "Ein Sämann ging aus zu säen. Beim Säen fielen einige Körner an den Weg.1 Da kamen die Vögel und pickten sie auf.
- Längs des Ackerfeldes.
5 Andere Körner fielen auf steinigen Grund, wo sie nicht viel Erde hatten. Dort schossen sie schnell in den Halm, weil es der Erdschicht an Tiefe fehlte.
6 Als dann die Sonne heiß schien, litten die Halme von ihrer Glut; und weil sie nicht Wurzel hatten, verdorrten sie.
7 Andere Körner fielen dahin, wo Dornen wuchsen. Da schossen die Dornen auf und erstickten die Saat.
8 Andere Körner fielen auf guten Boden und brachten Frucht: hundertfältig, sechzigfältig, dreißigfältig.
9 Wer Ohren hat, der höre!"
10 Da traten seine Jünger zu ihm und sprachen: "Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?"
11 Er antwortete: "Weil euch die Fähigkeit verliehen ist,1 in die Geheimnisse des Königreichs der Himmel einzudringen,2 jenen aber nicht
- Von Gott.
- Und zwar auch ohne Gleichnisse.
12 Denn wer (viel) hat, der soll noch mehr empfangen, daß er die Fülle habe; doch wer nur wenig hat, dem soll sogar das wenige genommen werden.1
- V12 ist eine sprichwörtliche Redeweise. Der Sinn ist: Die Jünger, die schon viel Erkenntnis empfangen haben, dringen immer tiefer in die Geheimnisse des Gottesreiches ein; das Volk dagegen würde seine geringe Erkenntnis der göttlichen Wahrheit ganz verlieren, wenn Jesus seiner schwachen Fassungskraft nicht durch Gleichnisreden zu Hilfe käme. Dies wird dann in V13 weiter begründet.
13 Gerade deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie trotz ihrer Augen nicht sehen und trotz ihrer Ohren nicht hören und verstehen.
14 So erfüllt sich an ihnen die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr und nicht verstehen, sehen und nicht erkennen,
15 denn dieses Volkes Herz ist unempfänglich, ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen haben sie verschlossen.1 (So können sie nicht sehen mit ihren Augen, mit ihren Ohren können sie nicht hören, mit ihrem Herzen nicht verstehen und sich bekehren, daß ich sie heile.)
- Freilich auch den Augen der Jünger ist die Bedeutung der Gleichnisse ohne Erklärung verschlossen. Sie stehen also in gewissem Sinne mit dem Volk auf einer Stufe. Aber die Jünger haben Sehnsucht, in die Worte Jesu einzudringen, und sie bitten ihn deshalb um Aufschluß (V36) Bei der stumpfen, gleichgültigen Masse des Volkes dagegen findet sich solche Sehnsucht nicht. An ihr erfüllt sich darum auch die alte Weissagung des Propheten Jesaja. Jes 6:9-10 Der Text der Verse 13-15 ist sehr schwankend. Der kürzeste und vielleicht ursprünglichste Wortlaut, den auch der Kirchenvater Irenäus überliefert hat, ist in V14b und 15a: Mach dieses Volkes Herz stumpf, verschließe ihre Ohren und blende ihre Augen. Dann folgt sofort V16, was einen sehr guten Zusammenhang ergibt. Um den gewöhnlichen Text dem des Irenäus ähnlich zu gestalten, habe ich V15b eingeklammert.
16 Glückselig aber sind eure Augen, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören.
17 Denn viele Propheten und Gerechte — das versichere ich euch — haben sich gesehnt, zu schauen was ihr seht, und haben es nicht geschaut, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.1
- Sie wollten Jesus und seine Wahrheit sehen und hören.
18 Euch nun will ich das Gleichnis vom Sämann deuten:
19 Hört einer das Wort vom Königreich und hat kein Verständnis dafür, so kommt der Böse1 und nimmt den Samen weg, der in sein Herz gesät war: bei solchem fällt der Same an den Weg.
- Der Teufel.
20 Was auf steinigen Boden fällt, das bedeutet einen, der das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt;
21 es schlägt aber nicht Wurzel in ihm, sondern er hält nur eine Zeitlang aus. Kommen Trübsal und Verfolgung um des Wortes willen, so wird er bald im Glauben wankend.
22 Was dahin fällt, wo Dornen wachsen, das bedeutet einen Hörer, bei dem die Sorge um die irdischen Dinge1 und der verführerische Reiz des Reichtums das Wort zu ersticken, so daß es fruchtlos bleibt.
- Wörtlich: "um die Dinge dieser Weltzeit." — Wie die Juden einen Unterschied machten zwischen [haa oolam hadseh], der Zeit vor dem Kommen des Messias, und [haa oolam habbaa], der Zeit nach dem Kommen des Messias, so wird auch im Neuen Testament unterschieden zwischen ουτος αιων oder ο αιων ουτος, dem gegenwärtigen Äon und der gegenwärtigen Weltzeit (Mt 12:32, Lu 20:34, Eph 1:21; auch einfach ο αιων Mt 28:20, Mr 4:19, oder ο αιων ο ενεστως Ga 1:4; ο νυν αιων 1Ti 6:17, Tit 2:12), d.h. der Zeit vor Christi Wiederkunft, der Zeit des durch die Sünde hervorgerufenen Elends und Leidens, und ο αιων ο μελλων, dem zukünftigen Äon oder der zukünftigen Weltzeit (Mt 12:32, Eph 1:21; auch ο αιων ο ερχομενος Lu 18:30, Mr 10:30; ο αιων εκεινος Lu 20:35; οι αιωνες οι επερχομενοι Eph 2:7), d.h. der Zeit nach Christi Wiederkunft, wo sich sein Reich in Herrlichkeit offenbaren soll.
23 Was aber auf guten Boten fällt, dies bedeutete einen Hörer, der für das Verständnis hat: der bringt dann Frucht, der eine hundertfältig, der andere sechzigfältig, der dritte dreißigfältig.
24 Ein anderes Gleichnis trug er ihnen vor, indem er sprach: "Das Königreich der Himmel gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.
25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind: der streute Unkrautsamen mitten unter den Weizen und ging dann weg.
26 Als nun die Saat aufging und Frucht ansetzte, zeigte sich auch das Unkraut.
27 Da kamen die Knechte zum Hausherrn und sprachen: 'Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?'
28 Er antwortete ihnen: 'Das hat ein Feind getan.' Da fragten ihn seine Knechte: 'Sollen wir nun hingehen und es ausjäten?'
29 Er sagte: 'Nein; ihr würdet sonst beim Sammeln des Unkrauts auch den Weizen mit ausreißen.
30 Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte. Zur Erntezeit will ich dann den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel zum Verbrennen, den Weizen aber bringt in meinen Speicher!'"
31 Ein anderes Gleichnis trug er ihnen vor: "Das Königreich der Himmel ist einem Senfkorn gleich, das einer nimmt und auf seinen Acker sät.
32 Es ist das kleinste unter allen Samenkörnern. Ist es aber ausgewachsen, so ist es größer als die anderen Gartenkräuter und wird sogar ein Baum, so daß die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten."1
- Die Vögel sind dem Baum schädlich, denn sie fressen seine Frucht ab. Das Reich Gottes wird sich zwar äußerlich weit ausbreiten, aber es werden, wie auch das vorangehende Gleichnis vom Unkraut zeigt, schädliche und zerstörende Mächte darin Eingang finden. Off 18:2
33 Ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen: "Das Königreich der Himmel gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nimmt und ihn so lange in drei Scheffel Weizenmehl knetet, bis der ganze Teig durchsäuert ist."1
- Der Sauerteig ist überall im Neuen Testament das Bild von etwas Bösem. Mt 16:6, 11-12, Mr 8:15, Lu 12:1, Ga 5:9, 1Kor 5:6-8 Ebenso wie in den beiden vorigen Gleichnissen wird also auch hier darauf hingewiesen, wie das Böse in das sich äußerlich ausbreitende Reich Gottes eindringt und alles durchsäuert. Hier sei noch bemerkt, daß einem der vornehmsten Priester in alten heidnischen Rom, dem flamen dialis, der Gebrauch des Sauerteigs untersagt war, weil der aus dem Verderben entstanden sei und die Masse, der er beigemischt werde, verderbe. Bekannt ist, daß den Israeliten bei Todesstrafe verboten war, während der Zeit des Passahfestes gesäuertes Brot zu essen. 2Mo 12:15
34 Dies alles redete Jesus zu dem Volk in Gleichnissen, und ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen, damit sich der Ausspruch des Propheten erfülle:1 Ich will meinen Mund zu Gleichnisreden öffnen; ich will verkünden, was seit Anbeginn der Welt verhüllt gewesen ist.2
- Ps 78:2. Nach der Überschrift stammt dieser Psalm von Asaph, der auch 2Ch 29:30 ein Seher (oder Prophet) genannt wird.
- Gemeint sind die Geheimnisse des Himmelreichs, die von Anfang an schon verhüllt dagewesen sind und die Jesus offenbart hat, wenn auch nicht, wie in Ps. 78, durch lehrhafte Beispiele aus der Geschichte Israels, sondern durch Gleichnisreden, die an Vorgänge aus dem alltäglichen Leben anknüpfen.
36 Dann entließ er die Volksmenge und kehrte in sein Haus zurück.1 Da traten seine Jünger zu ihm und sprachen: "Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker!"
- Vgl. Mt 13:1.
37 Er antwortete: "Der Sämann, der den guten Samen ausstreut, ist der Menschensohn.
38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Königreichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen.1
- 1Jo 3:9-10.
39 Der Feind, der das Unkraut sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende dieser Weltzeit. Die Schnitter sind die Engel.
40 Wie man nun das Unkraut sammelt und mit Feuer verbrennt, so wird es auch am Ende dieser Weltzeit gehen.
41 Der Menschensohn wird seine Engel1 senden; die sollen aus seinem Königreich alle Verführer und Übeltäter sammeln
- Oder: Boten.
42 und sie in den Feuerofen werfen: dort wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein.1
- Mt 8:12.
43 Dann werden die Gerechten hervorleuchten wie die Sonne in ihres Vaters Königreich.1 Wer Ohren hat, der höre!
- Da 12:3.
44 Das Königreich der Himmel gleicht einem Schatz, der in einem Ackerfeld vergraben liegt. Den findet einer, deckt ihn wieder zu (mit Erde) und geht dann hin in seiner Freude, verkauft all seine Habe und kauft den Acker.1
- Um sich mit dem Acker auch den Schatz rechtmäßig aneignen zu können. Denn der Schatz, der sich in einem gekauften Gegenstand befand, gehörte dem Käufer.
45 Weiter gleicht das Königreich der Himmel einem Händler, der wertvolle Perlen sucht.
46 Hat er aber eine besonders wertvolle Perle gefunden, so geht er hin, verkauft all seine Habe und kauft die Perle.1
- Der nächste Sinn des 5. und 6. Gleichnisses ist: Man soll alles andere mit Freuden hingeben, wenn es gilt, das Himmelreich zu gewinnen.
47 Weiter gleicht das Königreich der Himmel einem Schleppnetz, das ins Meer geworfen wird und womit man allerlei Fische fängt.1
- Die verschiedenen Fische sind ein Bild der verschiedenen Menschen und Völker.
48 Ist es voll, so zieht man es ans Ufer.1 Dort setzen sich die Fischer und sammeln die guten Fische in Gefäße, die schlechten2 aber werfen sie weg.
- "Vom Ufer aus zog man das mit Hilfe eines Bootes ausgelegte Schleppnetz (σαγηνη) mit langen Seilen ans Land und las dort aus, was es mitgebracht hatte." G. Dalman: Orte und Wege Jesu, S.143.
- Die nach dem Gesetz unreinen. 3Mo 11:9-12
49 So wird es auch am Ende dieser Weltzeit sein. Die Engel werden ausgehen, sie werden die Bösen von den Gerechten scheiden
50 und sie in den Feuerofen werfen: dort wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein.
51 Hab ihr dies alles verstanden?"1
- Frage an die Jünger, zu denen Jesus allein im Haus V37 bis 50 gesprochen hat. Sie haben die fünf letzten Gleichnisse ohne Deutung verstanden.
52 Sie antworteten ihm: "Jawohl!" Dann fuhr er fort: "Darum1 gilt hier der Satz: Jeder Schriftgelehrte, der für den Dienst des Königreichs der Himmel ausgebildet worden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Vorrat Neues und Altes mitteilt."2
- Weil die Jünger in das Verständnis der Lehrweise Jesu eindringen, so daß sie selbst zu Lehrern heranreifen.
- Zwei Erfordernisse sind also für die Lehrer des Reiches Gottes nötig: 1. ein reicher geistlicher Vorrat, 2. Abwechslung, indem je nach dem Bedürfnis der Hörer bisher Unbekanntes und schon Bekanntes mitgeteilt wird.
53 Als Jesus diese Gleichnisreden vollendet hatte, zog er von dort1 weg
- Von Kapernaum.
54 und kam in seine Vaterstadt.1 Dort lehrte er die Leute in ihrem Versammlungshaus, so daß sie voller Staunen sprachen: "Woher hat der Mann solche Weisheit und Wunderkräfte?
- Nazaret.
55 Ist er nicht des Tischlers Sohn?1 Heißt nicht seine Mutter Maria? Sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder?2
- So nach G. Dalman: Orte und Wege Jesu, 1924, S. 78ff. L. Schneller Faßt das Wort τεκτων unter der Voraussetzung, daß das Bauhandwerk gemeint sei, in der Bedeutung "Maurer," weil der Häuserbau Palästinas keine andere Berufsart fordere. Vgl. dagegen Dalmans Bemerkungen auf S. 78 der erwähnten Schrift.
- Jakobus wurde der erste Bischof der Gemeinde zu Jerusalem. Judas ist der Verfasser des Judasbriefes.
56 Wohnen nicht auch seine Schwestern alle hier bei uns?1 Woher hat er denn dies alles?"
- Sie waren wohl in Nazaret verheiratet. Josef, der Nährvater Jesu, wird seit Jesu Jugendzeit zuletzt Lu 2:41-52 nie mehr genannt; er ist vielleicht schon früh gestorben.
57 Und sie wollten nichts von ihm wissen. Da sprach Jesus zu ihnen: "Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seiner Heimat und im Kreise seiner Hausgenossen."
58 Er tat dort auch nur wenig Wunder, weil sie nicht glaubten.
Chapter 14
1 Um jene Zeit hörte der Vierfürst Herodes1 von Jesus,
- Herodes, mit dem Zunamen Antipas, herrschte nach dem Tod seines Vaters Herodes d. Gr. 4, Mt 1: Chr. in Galiläa und Peräa. Er verstieß seine Gemahlin, die Tochter des Araberkönigs Aretas, 2Kor 11:32 und ging eine ehebrecherische Verbindung ein mit Herodias, der Frau seines Bruders, die er ihrem Mann abspenstig machte. Salome, die Tochter der Herodias aus erster Ehe, folgte ihrer Mutter an den Hof des Herodes Antipas. Dieser hatte den besonderen Titel Vierfürst (eigentlich: Fürst des Vierteils eines Landes); doch heißt er auch König. Mt 14:9, Mr 6:14, 22
2 und er sprach zu seinen Hofleuten: "Das ist Johannes der Täufer! Der ist von den Toten auferstanden, darum1 sind die Wunderkräfte in ihm wirksam."
- Weil er auferstanden ist.
3 Herodes hatte nämlich damals Johannes ergreifen, mit Ketten binden und gefangensetzen lassen wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philippus.1
- Nach Josephus hieß der erste Gatte der Herodias nicht Philippus, sondern Herodes. Vielleicht trug er beide Namen: Herodes Philippus.
4 Denn Johannes hatte ihm gesagt: "Du darfst sie nicht zur Frau haben."1
- 3Mo 18:16, 20:21.
5 Er hätte ihn nun gern getötet; aber er scheute sich vor dem Volke, denn das hielt ihn für einen Propheten.
6 Da geschah es bei der Geburtstagsfeier des Herodes, daß die Tochter der Herodias vor den Gästen tanzte. Das gefiel Herodes so sehr,
7 daß er ihr eidlich versprach, er wolle ihr geben, um was sie bitte.
8 Da sprach sie, von ihrer Mutter dazu angestiftet: "Gib mir hier auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers!"
9 Darüber ward der König betrübt.1 Doch um des Eides und der Tischgenossen willen2 befahl er's ihr zu geben.
- Wollte er auch nach V5 Johannes töten, so wurde es ihm doch schwer, den unerwarteten Wunsch der Salome zu erfüllen; vielleicht hatte sich auch inzwischen seine Gesinnung gegen Johannes geändert. vgl. Mr 6:20
- Um vor ihnen nicht wortbrüchig zu erscheinen, also aus verkehrter Scham und verbrecherischer Gewissenhaftigkeit.
10 So sandte er denn hin und ließ Johannes in seinem Kerker enthaupten.1
- Es scheint, daß Herodes damals in der Festung Machärus, wo Johannes gefangen lag, seinen Geburtstag gefeiert hat.
11 Sein Haupt ward dann auf einer Schüssel hergebracht und dem Mädchen gegeben; die brachte es ihrer Mutter.
12 Und seine1 Jünger kamen, holten seinen Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie hin und gaben Jesus Bericht.2
- Des Johannes.
- Von dem Tode ihres Meisters.
13 Auf diese Kunde entfernte sich Jesus von dort1 in einem Boot2 nach einer unbewohnten Gegend,3 um allein zu sein.4 Aber die Leute hörten davon und gingen ihm zu Fuß aus den Städten nach.5
- Von Kapernaum in Galiläa, wo auch er vor den Nachstellungen des Herodes nicht sicher war.
- Das ihn über den See Genezaret brachte.
- Am jenseitigen Ufer des Sees, das nicht zu dem Gebiete des Herodes gehörte.
- Hier in der Einsamkeit wollte er wohl vor allem seine Apostel, die bei ihm waren (V15) unterweisen und sie so für ihren künftigen Beruf vorbereiten.
- Sie folgten ihm auf dem Landweg das Ufer des Sees Genezaret entlang.
14 Als nun Jesus aus dem Fahrzeug stieg,1 empfand er tiefes Mitleid bei dem Anblick der großen Menge, und er heilte ihre Kranken.
- Vielleicht östlich von Bethsaida Julias. Lu 9:10
15 Am Abend traten seine Jünger zu ihm und sprachen: "Die Gegend hier ist unbewohnt, und es ist schon spät. Laß deshalb die Leute ziehen, damit sie in die nächsten Dörfer gehen und sich Lebensmittel kaufen."
16 Jesus antwortete ihnen: "Sie brauchen nicht zu gehen; gebt ihr ihnen zu essen!"
17 Sie erwiderten ihm: "Wir haben hier nichts weiter als fünf Brote und zwei Fische."
18 Er sprach: "Bringt sie mir her!"
19 Und er ließ die Leute sich auf dem Gras lagern. Nun nahm er die fünf Brote und die beiden Fische, sah auf zum Himmel und sprach den Lobpreis.1 Dann brach er die Brote und gab sie seinen Jüngern, die Jünger aber reichten sie den Leuten.
- Das Tischgebet des Hausvaters. Das jüdische Gebet vor der Mahlzeit lautet: "Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, du König der Welt, der das Brot aus der Erde bringt."
20 So aßen alle und wurden satt. Die übriggebliebenen Brocken hob man vom Boden auf: zwölf große Körbe voll.
21 Es hatten aber ungefähr fünftausend Mann gegessen, ohne die Frauen und Kinder.
22 Nun drängte er seine Jünger, sofort in das Boot zu gehen und an das andere Ufer vorauszufahren1 während er das Volk entlassen wollte.
- Wohl zurück nach Kapernaum. Joh 6:17
23 Als dies geschehen, ging er auf die Bergeshöhe, um in der Einsamkeit zu beten. Beim Eintritt der Dunkelheit war er dort allein.
24 Inzwischen war das Boot schon mitten auf dem See und mußte heftig mit den Wellen kämpfen, denn es fuhr gegen den Wind.
25 Da, in der vierten Nachtwache,1 kam er, über den See hingehend, auf sie zu.
- Zwischen 3 und 6 Uhr morgens. Die Nacht (von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens) wurde damals nach römischer Weise von den Juden in vier Teile oder Wachen eingeteilt, jede zu drei Stunden.
26 Als ihn die Jünger so auf dem See wandeln sahen, waren sie entsetzt; denn sie dachten, es wäre ein Gespenst, und sie schrien laut vor Furcht.
27 Aber alsbald rief ihnen Jesus zu: "Seid getrost, ich bin's, fürchtet euch nicht!"
28 Da antwortete ihm Petrus: "Herr, bist du es, so laß mich auf dem Wasser zu dir kommen."
29 Er sprach: "Komm!" Da stieg Petrus aus dem Boot und ging auf dem Wasser zu Jesus hin.
30 Als er aber den starken Wind spürte, ward ihm bange, und er begann zu sinken. Da schrie er auf: "Herr, hilf mir!"
31 Sofort streckte Jesus seine Hand aus, ergriff ihn und sprach zu ihm: "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?"
32 Dann stiegen sie beide in das Boot, und er Wind legte sich.
33 Die anderen aber, die im Boot waren,1 fielen vor ihm nieder und sprachen: "Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!"
- Die elf Apostel, die das Fahrzeug nicht verlassen hatten.
34 Als sie die Überfahrt vollendet hatten,1 stiegen sie ans Land und kamen nach Genezaret.2
- Und zwar in der Richtung, wohin sie der Wind getrieben.
- Diese fruchtbare Landschaft hat dem bekannten See seinen Namen gegeben.
35 Sobald ihn die Bewohner dieser Gegend erkannten, schickten sie Boten in den ganzen Umkreis.
36 Da brachte man ihm alle Kranken und bat ihn, daß sie nur die Quaste seines Mantels berühren dürften.1 Und alle, die sie berührten, wurden gesund.
- Vgl. Mt 9:21.
Chapter 15
1 Dann traten zu Jesus Schriftgelehrte und Pharisäer, die aus Jerusalem gekommen waren, und sprachen:
2 "Warum übertreten deine Jünger Vorschriften, die uns die Alten überliefert haben?1 Sie waschen sich ja vor der Mahlzeit die Hände nicht."2
- Gemeint sind die vielen, durch mündliche Überlieferung fortgepflanzten und besonders das tägliche Leben betreffende Vorschriften der alten Gesetzeslehrer.
- Gerade hierüber gab es eingehende Bestimmungen, auf deren genaue Beobachtung hoher Wert gelegt wurde. "Wer die Handwaschung geringschätzt," so heißt es im Talmud, "der wird aus der Welt ausgerottet."
3 Er antwortete ihnen: "Warum übertretet ihr denn euern Vorschriften zuliebe Gottes Gebot?
4 Gott hat doch gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter!1 und: wer Vater oder Mutter schmäht, der soll des Todes sterben.2
- 2Mo 20:12.
- 2Mo 21:17.
5 Ihr aber behauptet: Wer zum Vater oder zur Mutter spricht: 'Ich stifte für den Tempelschatz, was ich dir sonst zum Unterhalt gegeben hätte' — der braucht Vater oder Mutter nicht zu ehren.1
- Der ist also nicht verpflichtet, seine Eltern zu unterstützen.
6 So setzt ihr eurer Satzung zuliebe Gottes Gesetz außer Kraft.
7 Ihr Heuchler! Treffend hat Jesaja von euch geweissagt:
8 Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.
9 Ihr Gottesdienst ist wertlos, denn sie verkünden Lehren, die nichts als Menschensatzung sind."1
- Jes 29:13.
10 Dann rief er das Volk herbei und sprach zu ihnen: "Hört und versteht es!
11 Nicht das macht den Menschen unrein, was zum Mund eingeht;1 sondern was zum Munde ausgeht, das macht den Menschen unrein."
- Speisen, die man mit ungewaschenen Händen ißt.
12 Da traten seine Jünger zu ihm und sprachen: "Weißt du, daß die Pharisäer über dein Wort, das sie haben hören müssen, entrüstet gewesen sind?"
13 Er antwortete: "Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, soll ausgerottet werden.
14 Laß sie! Sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube."
15 Da nahm Petrus das Wort und sprach zu ihm: "Deute uns dies Gleichnis!"1
- In V11.
16 Er erwiderte: "Seid ihr denn auch noch immer so unverständig?
17 Seht ihr nicht ein, daß alles, was zum Munde eingeht, in den Magen kommt und dann durch den Darm ausgeschieden wird?
18 Was aber zum Munde ausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein.
19 Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken:1 Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis und Verleumdung.
- Die dann zu den genannten Sünden führen.
20 Hierdurch wird der Mensch verunreinigt. Aber mit ungewaschenen Händen essen, das macht den Menschen nicht unrein."
21 Dann verließ Jesus jene Gegend1 und begab sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon.
- Die Landschaft Genezaret. Mt 14:34 Jesus ging weg, um dem Volk und seinen Gegnern auszuweichen.
22 Und sieh, eine Kananiterin1 aus jener Landschaft kam zu ihm; die fing an zu rufen: "Herr, Sohn Davids, erbarme dich mein! Meine Tochter wird von einem bösen Geist arg gequält."2
- Also eine Heidin.
- Die Frau hatte von Jesu Wundern in dem benachbarten Galiläa gehört und wußte auch, daß Jesus von manchen Juden für den verheißenen Messias gehalten wurde. Sie mußte außerdem erfahren haben, daß sich Jesus in jener Gegend aufhielt.
23 Er aber erwiderte ihr kein einziges Wort. Da traten seine Jünger zu ihm mit der Bitte: "Fertige sie doch ab! Sie schreit ja hinter uns her."
24 Er aber antwortete: "Ich bin nur zu den verirrten Schafen des Hauses Israel gesandt."1
- Mt 10:6.
25 Da kam die Frau, fiel ihm zu Füßen und bat: "Herr, hilf mir!"
26 Er aber erwiderte: "Es wäre nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündchen hinzuwerfen."1
- Die Kinder sind die Juden, die Hunde sind die Heiden, die von den Juden gewöhnlich so bezeichnet wurden. — Hunde waren in Palästina keine Haustiere. Junge Hunde wurden wohl geduldet; wenn sie aber größer wurden, trieb man sie aus dem Haus.
27 Sie sprach: "Gewiß, Herr! Denn die Hündchen dürfen ja nur die Brocken fressen, die von ihrer Herren Tische fallen."1
- "Ja, du hast recht, Herr! Es ziemt sich nicht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen. Deshalb ist's ja auch üblich, daß sich die Hunde mit den Brocken begnügen müssen. Und mehr will ich ja auch nicht."
28 Da antwortete ihr Jesus: "O Weib, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst." Und zu der Stunde ward ihre Tochter gesund.
29 Dann verließ Jesus die Gegend und kam an das Ufer1 des Galiläischen Sees: er ging auf die Berghöhe2 und blieb dort.
- Wahrscheinlich an das Ostufer. Mr 7:31
- Die sich an dem See hinzog.
30 Da kamen viele Leute zu ihm; die brachten Lahme, Blinde, Stumme Krüppel und viele andere Kranke und legten sie zu seinen Füßen nieder. Und er heilte sie.
31 Da wunderten sich die Leute, als sie sahen, wie die Stummen redeten, die Krüppel genasen, die Lahmen gingen und die Blinden sahen. Und sie priesen den Gott Israels.
32 Da rief Jesus seine Jünger zu sich und sprach: "Mich jammert der Leute, denn sie sind nun schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen; und hungrig mag ich sie nicht gehen lassen, sonst könnten sie unterwegs ermattet zusammenbrechen."
33 Seine Jünger sprachen zu ihm: "Woher sollen wir in dieser unbewohnten Gegend Brot genug bekommen, um so viele Menschen zu sättigen?"
34 Jesus fragte sie: Wieviel Brote habt ihr denn?" Sie sprachen: "Sieben und ein paar kleine Fische."
35 Da ließ er die ganze Schar sich auf die Erde lagern.
36 Dann nahm er die sieben Brote und die Fische, sprach das Dankgebet, brach sie und gab sie den Jüngern, die dann die Leute speisten.
37 So aßen alle und wurden satt. Die übriggebliebenen Brocken hob man vom Boden auf: sieben kleine Körbe voll.
38 Es hatten aber etwa viertausend Mann gegessen, ohne die Frauen und Kinder.
39 Dann ließ er die Menge gehen, stieg in sein Boot und kam in das Gebiet von Magadan.1
- Die Lage von Magadan ist unbekannt; vielleicht ist es an dem Westufer des Galiläischen Sees zu suchen.
Chapter 16
1 Dort traten Pharisäer und Sadduzäer an ihn heran, um ihn auszuhorchen, und forderten ihn auf, er möge sie ein Wunderzeichen vom Himmel sehen lassen.1
- Zuerst treten die Schriftgelehrten in Galiläa gegen Jesus auf, Mt 9:3 dann die dortigen Pharisäer, Mt 9:11, 12:2, 14, 24 darauf beide zusammen. Mt 12:38 Später kommen auch Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem. Mt 15:1 Nun treten im Bunde mit den Pharisäern auch die Sadduzäer als Feinde Jesu auf.
2 Er aber erwiderte ihnen: "(Am Abend sagt ihr: 'Es wird gutes Wetter, denn der Himmel ist gerötet',
3 und frühmorgens: 'Heute wird es stürmisch, denn der Himmel ist rötlich und trübe.' Des Himmels Aussehen wißt ihr zu deuten, und die Zeichen der Zeit1 versteht ihr nicht?)2
- D.h. die bedeutsamen Zeitumstände und Zeitereignisse.
- Die eingeklammerten Worte in V2 und 3 fehlen in wichtigen alten Handschriften.
4 Ein böses, gottvergessenes Geschlecht begehrt ein Zeichen; es wird ihm aber kein anderes Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jona."1 Damit wandte er sich von ihnen und ging weg.
- Mt 12:39.
5 Als die Jünger an das andere Ufer1 kamen, entdeckten sie, daß sie vergessen hatten, Brot mitzunehmen.
- Gemeint ist wohl das Ostufer des Sees Genezaret. Mt 15:39
6 Da sprach Jesus zu ihnen: "Habt acht und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!"
7 Die Jünger dachten bei sich und sprachen es auch gegeneinander aus: "Das sagt er, weil wir kein Brot mitgenommen haben."1
- Die Jünger meinten, sie sollten wieder ans Land gehen, um Brot zu kaufen, sich aber bei dem Einkauf vor dem gesäuerten Brot der Pharisäer und der Sadduzäer hüten.
8 Jesus merkte das und sprach: "Ihr Kleingläubigen, was macht ihr euch Gedanken darüber, daß ihr kein Brot mithabt?1
- Die Jünger denken, Jesus habe sie an das Brot erinnert, weil er fürchte, sie könnten auf der Fahrt Mangel leiden. Das war Kleinglaube, denn sie hatten doch eben erst erfahren, wie wunderbar Jesus Brot verschaffen konnte.
9 Fehlt's euch denn immer noch an Einsicht?1 Denkt ihr nicht an die fünf Brote für die Fünftausend, und wieviel große Körbe voll ihr noch mitgenommen habt?
- Für die bildlichen Reden Jesu, in diesem Fall für die Worte in V11.
10 Und denkt ihr nicht an die sieben Brote für die Viertausend, und wieviel kleine Körbe voll ihr noch mitgenommen habt?
11 Seht ihr denn nicht ein, daß ich bei meinen Worten nicht an Brot gedacht habe? Hütet euch aber vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!"
12 Nun erst verstanden sie, daß er nicht gemeint hatte, sie sollten sich hüten vor dem Sauerteig der Brote, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.
13 Hierauf kam Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi.1 Dort frage er seine Jünger: "Wofür halten die Leute den Menschensohn?"
- Diese Stadt, die früher Paneas hieß und am Fuße des Libanon in der Nähe der Jordanquellen lag, war von dem Vierfürsten Philippus, dem Bruder des Herodes Antipas, neugegründet worden. Von ihm trug sie auch den Beinamen zum Unterschied von der Stadt Cäsarea am Mittelländischen Meer, dem Wohnsitz des römischen Statthalters. Cäsarea heißt "die Kaiserliche." Cäsarea am Libanon zu Ehren des Tiberius.
14 Sie sprachen: "Die einen halten dich für Johannes den Täufer, die anderen für Elia, wieder andere für Jeremia oder sonst einen der Propheten."
15 Da sprach er zu ihnen: "Für wen haltet ihr mich denn?"
16 Simon Petrus antwortete: "Du bist der Messias, der Sohn Gottes, des Lebendigen."1
- "Der Sohn Gottes, des Lebendigen" ist mehr als "Du bist der Messias." Gott der Lebendige ist Jahwe. Petrus bekennt also: Jesus ist Jahwes Sohn. Er ist der, von dem es Ps 2:7 heißt: "Jahwe hat zu mir gesagt: 'Du bist mein Sohn.'" (Vgl. auch Spr 30:4 "Wie heißt er und heißt sein Sohn?")
17 Da erwiderte ihm Jesus: "Selig bist du, Simon, Jonas Sohn;1 denn nicht ein sterblicher Mensch von Fleisch und Blut hat dir dies offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
- Jesus nennt ihn mit seinem ganzen Namen im Gegensatz zu dem neuen Namen, den er ihm geben will.
18 Und ich sage dir: Du bist Petrus,1 und im Anschluß an diesen Stein2 will ich das Haus meiner Kirche bauen,3 und des Totenreiches Tore sollen sie nicht bezwingen.4
- D.h. ein Stein oder Fels. Mt 4:18
- Oder: "Zu diesem (ersten) Stein andere Steine fügend." Die hier gebrauchte griechische Präposition epi mit Dativ bezeichnet u.a. auch den Anlehnungspunkt: an den Felsstein Petrus sollen sich andere Steine anschließen, aus denen Jesus das geistliche Haus seiner Kirche baut. Diese Bausteine der Kirche sind lebendige Menschen. Menschen, die das von Petrus in V16 abgelegte Bekenntnis auch zu dem ihren machen müssen. Petrus ist der erste Baustein des geistlichen Hauses der Kirche, weil er dieses Bekenntnis zuerst klar und bestimmt ausgesprochen hat. Aber wenn auch dem Petrus durch Gottes Gnade (V17) diese Auszeichnung zuteil geworden ist, so sind doch außer ihm alle anderen Apostel (und mit den Aposteln die Propheten) Grundsteine des geistlichen Hauses der Kirche, während Christus selbst der Eckstein dieses Grundes ist (Eph 2:20-21, Off 21:14; vgl. auch 1Kor 12:28).
- Kirche heißt griechisch ekklesia, ein Wort, das im Neuen Testament 115mal vorkommt (nicht in den Evangelien des Mark., Luk. und Joh.; 1. und 2Joh., 2Tim., Tit., Jud.). Ekklesia kommt her von ekkletos = aufgerufen, aufgeboten. Daher bedeutet ekklesia bei den Griechen die Volksversammlung, die zu gemeinsamer Beratung einberufen wurde und die aus einer "Auswahl" des ganzen Volkes bestand. Ekklesia entspricht dem hebräischen kahal im Alten Testament, das außer der allgemeinen Bedeutung "Versammlung" noch die besondere Bedeutung der gottesdienstlichen Gemeinde und Gemeinschaft Israels hat. Ähnlich dem hebräischen Ausdruck Kehal Jahweh ("die Gemeinde Jahwes") redet Paulus von der ekklesia Gottes, die als von Gott einberufene Versammlung zugleich seine, des Vaters, Familie ist, deren Glieder ohne Unterschied des Volkes, Standes und Geschlechts "in Christus" alle gleichberechtigte Brüder sind. In Mt 16:18 spricht Jesus von seiner ekklesia, wie ja auch von seinem Königreich die Rede ist.
- Im Gegensatz zu dem Hause des Lebensfürsten (der Kirche) steht ein Haus des Todes und seines Herrn und Fürsten. Heb 2:14 Die Tore sind ein Bild der Macht und Stärke. Die Macht des Totenreiches, das den Bau der Kirche Jesu zerstören möchte, soll durch die Auferstehung und die Verwandlung derer, die Christus angehören, in seiner ganzen Ohnmacht offenbar werden. 1Th 4:15-18, 1Kor 15:21-57
19 Ich will dir die Schlüssel des Königreichs der Himmel geben: Was du auf Erden binden wirst, das soll im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das soll im Himmel gelöst sein."1
- Das Königreich der Himmel ist jetzt hier auf Erden die Kirche. Zu diesem Haus, das Jesus nach V18 bauen will, soll Petrus die Schlüssel haben. Das Tragen der Schlüssel ist das Zeichen des Hausverwalters. Jes 22:22, Off 3:7 Petrus soll also die Aufsicht über Jesu Haus haben. Kraft dieses Auftrags darf er nun binden und lösen. Wie unter anderen J. Wellhausen und Th. Zahn bemerken, heißt "binden und lösen" nach dem aramäischen Sprachgebrauch soviel wie "für erlaubt und für verboten erklären." Diese Ausdrücke wurden auch gebraucht von der Tätigkeit der jüdischen Schriftgelehrten, sofern sie dem Volke gesetzliche Weisungen und Vorschriften erteilten. Petrus hat als Verwalter des Hauses Jesu zugleich die Aufgabe, die Kirche zu leiten und ihr im Namen und im Sinne seines Meisters Gebote und Verordnungen zu geben, die im Himmel gültig sind. Doch nicht Petrus allein, sondern alle Apostel haben dieselbe Vollmacht empfangen. Mt 18:18 Ja Paulus nennt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitarbeiter "Verwalter und Haushalter Gottes," 1Kor 4:1, Tit 1:7 eine Bezeichnung, die 1Pe 4:10 sogar allen Christen beigelegt wird. Petrus selbst sagt ferner ausdrücklich, daß nicht nur er, sondern auch die anderen Apostel den Gläubigen das Gebot des Herrn und Heilandes mitgeteilt haben (2Pe 3:2; vlg. auch 1Th 4:2, 2Th 3:4, 6, 1Kor 11:17, 34, Apg 2:42). So verstanden ist demnach Binden und Lösen umfassender als "Sünden vergeben und Sünden behalten" in Joh 20:23; es umfaßt das ganze Gebiet apostolischer Leitung und Lehre.
20 Dann schärfte er seinen Jüngern ein, sie sollten niemand sagen, daß er der Messias sei.1
- Vgl. Mt 12:16. Jesus weiß, daß ihn nur eine kleine Schar als Messias aufnehmen wird, während die Masse des Volkes, voran dessen Häupter und Leiter, ihn verwerfen (V21).
21 Von der Zeit an begann Jesus seinen Jüngern darzulegen: er müsse nach Jerusalem gehen und dort viel leiden von den Ältesten, Hohenpriestern und Schriftgelehrten;1 ja er müsse den Tod erdulden, aber am dritten Tag wieder auferstehen.
- D.h. dem Hohen Rat.
22 Da nahm ihn Petrus beiseite, begann ihm ernste Vorstellungen zu machen und sprach: "Gott bewahre, Herr! Das darf dir nimmermehr geschehen!"
23 Er aber wandte sich weg und sprach zu Petrus: "Mir aus den Augen, Satan!1 Du willst mich verführen!2 Denn du denkst nicht göttlich, sondern menschlich."
- D.h. Widersacher.
- Du willst mich von dem mir vorgezeichneten Weg abbringen.
24 Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: "Wer mein Nachfolger sein will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.
25 Denn wer sein Leben retten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen.1
- Vgl. Mt 10:38-39. Die Gedankenverbindung zwischen V23 und 24 ist: Nicht nur Jesus selbst muß leiden, sondern auch jeder seiner Jünger.
26 Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei sein Seelenheil verliert? Oder welchen Preis kann jemand zahlen, um sich damit sein Seelenheil zu erkaufen?1
- Und über das Heil der Seelen wird der Menschensohn im Endgericht entscheiden: "denn" V27.
27 Denn der Menschensohn wird kommen in seines Vaters Herrlichkeit und in Begleitung seiner Engel; dann wird er einem jeden nach seinem Tun vergelten. Wahrlich, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, sollen den Tod nicht schmecken, ehe sie den Menschensohn in seiner Königsherrschaft haben kommen sehen."1
- Das geschah sechs Tage später bei der Verklärung Jesu auf dem Berg, die im folgenden berichtet wird. Da sahen die drei Jünger Jesus wirklich in himmlischer Königsherrlichkeit. Vgl. Lu 23:42.
Chapter 17
1 Sechs Tage später nahm Jesus Petrus und das Brüderpaar Jakobus und Johannes mit sich und führte sie allein auf einen hohen Berg.1
- Vgl. 2Pe 1:16-18. Nach alter Überlieferung ist der Berg Tabor einige Stunden östlich von Nazaret der Berg der Verklärung.
2 Dort trat vor ihren Augen in seinem Äußeren eine Wandlung ein: sein Antlitz strahlte wie die Sonne, und seine Kleider glänzten hell wie das Licht.
3 Und siehe, Mose und Elia erschienen ihnen, die hatten ein Gespräch mit ihm.
4 Da nahm Petrus das Wort und sprach zu Jesus: "Herr, es trifft sich gut, daß wir hier sind.1 Wenn du erlaubst, so will ich hier drei Hütten bauen,2 für dich eine, für Mose eine und für Elia eine."
- Petrus bildet sich ein, er müsse mit seinen Kräften und Mitteln dahin wirken, daß Jesus mit Mose und Elia noch länger zusammenbleiben könne.
- Hütten aus Baumzweigen wie am Laubhüttenfest.
5 Während er noch redete, umhüllte sie plötzlich eine lichthelle Wolke, und aus der Wolke rief eine Stimme: "Dies ist mein geliebter Sohn, den ich erkoren;1 auf den hört!"2
- Mt 3:17.
- 5Mo 18:15.
6 Bei diesen Worten fielen die Jünger tieferschrocken auf ihr Angesicht.
7 Jesus aber trat zu ihnen rührte sie an und sprach: "Steht auf und fürchtet euch nicht!"
8 Da schlugen sie ihre Augen auf und sahen niemand als Jesus allein.
9 Als sie vom Berg hinabgingen, gebot ihnen Jesus: "Sagt niemand etwas von dem, was ihr gesehen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist."
10 Da fragten ihn die Jünger: "Warum behaupten denn die Schriftgelehrten, Elia müsse vorher1 kommen?"2
- Vor der Offenbarung des Messiasreiches.
- Die Jünger wollen vielleicht sagen: Wenn wir von der Erscheinung Elias, den wir auf dem Berg gesehen haben, nicht mitteilen sollen, dann ist eine Wirksamkeit Elias, von der Mal 4:5-6 redet, wohl überhaupt nicht zu erwarten.
11 Er antwortete: "Gewiß! Elia soll kommen und alles in Ordnung bringen.1
- D.h.: Vor der königlichen Ankunft des Messias oder vor seiner herrlichen Wiederkunft soll Maleachis Weissagung von der Sendung Elias tatsächlich in Erfüllung gehen. Aber anderseits ist Elia schon jetzt gekommen, und zwar in der Person Johannes des Täufers, der Israel zur Sinnesänderung führen und es dadurch für die Aufnahme seines Messias tüchtig machen sollte.
12 Aber ich versichere euch: Elisa ist schon gekommen; doch sie haben ihn nicht anerkannt, sondern ihren Mutwillen an ihm geübt.1 Ebenso wird auch der Menschensohn von ihnen leiden müssen."
- Ein Hinweis auf die Enthauptung Johannes des Täufers durch Herodes Antipas.
13 Da verstanden die Jünger, daß er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte.
14 Als sie1 nun zu dem Volkshaufen kamen, trat ein Mann zu ihm, der bat in fußfällig:
- Jesus und die drei Jünger.
15 "Herr, erbarme dich meines Sohnes! Er ist mondsüchtig1 und hat schwer zu leiden: er fällt oft ins Feuer und ins Wasser.
- D.h. mit der fallenden Sucht behaftet.
16 Ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht, aber sie haben ihn nicht heilen können."
17 Jesus antwortete: "Ihr ungläubige und verkehrte Art,1 wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn mir her!"
- Dies bezieht sich wohl auf die Jünger, die den Kranken wegen ihres Unglaubens (V20) nicht heilen konnten.
18 Und Jesus bedrohte den bösen Geist: da fuhr er aus von dem Knaben, so daß er von Stund an gesund wurde.
19 Darauf traten die Jünger zu Jesus, als er mit ihnen allein war, und fragten: "Warum haben wir den bösen Geist nicht austreiben können?"
20 Er antwortete ihnen: "Weil ihr so wenig Glauben habt. Denn ich versichere euch: Hättet ihr nur Glauben wie ein Senfkorn,1 so könntet ihr zu dem Berg da sprechen: 'Rücke von hier weg dorthin!' und er würde es tun;2 ja nichts wäre euch unmöglich."
- D.h. so lebendig und keimfähig, wenn auch zunächst nur so klein wie ein Senfkorn. Mt 13:31-32
- Vgl. 1Kor 13:2. Berge versetzen heißt bei den Rabbinen: Großes vollbringen.
22 Als sie1 zusammen in Galiläa wanderten, sprach Jesus zu ihnen: "Der Menschensohn wird in der Menschen Hände überliefert werden,
- Jesus und seine Apostel.
23 und sie werden ihn töten; aber am dritten Tag wird er wieder auferstehen." Da wurden sie sehr betrübt.
24 Nach ihrer Ankunft in Kapernaum traten die Einnehmer der Tempelsteuer zu Petrus und fragten ihn: "Entrichtet euer Meister die Tempelsteuer nicht?"1
- Alle Juden, die 20 Jahre alt und darüber waren, 2Mo 30:13, 38:26 hatten zur Bestreitung der Kosten des Tempeldienstes eine jährliche Abgabe von 1/2 Sekel (= 1 griechische Doppeldrachme oder etwa 1, Mr 15 Pf) zu entrichten. Die einzelnen Ortsgemeinden sammelten die Steuer in ganz Palästina in dem Monat vor dem Passahfest ein und schickten sie dann nach Jerusalem.
25 Er antwortete: "Jawohl!" Dann ging er in das Haus (wo Jesus wohnte). Dort fragte ihn Jesus, noch ehe Petrus von dem Vorfall geredet hatte: "Was meinst du, Simon? Von wem erheben die Könige dieser Erde Zoll oder Steuer? von ihren Söhnen oder von ihren Untertanen?"
26 "Von ihren Untertanen", erwiderte er. Da sprach Jesus zu ihm: "Mithin sind die Söhne steuerfrei.1
- Sämtliche Glieder des königlichen Hauses sind von allen Abgaben frei.
27 Damit wir aber den Leuten keinen1 Anstoß geben, so geh an den See2 und wirf die Angel aus! Den ersten Fisch, der anbeißt, den zieh empor und öffne ihm das Maul! Da wirst du eine Silbermünze3 finden; die nimm und gib sie ihnen4 für mich und dich!"5
- D.h. den Juden, die noch treu am Tempeldienst und Gesetz festhielten.
- Genezaret.
- Wörtlich: einen Stater. 1 Stater war = 1 Sekel und war mithin die Tempelsteuer für zwei Personen.
- Den Einnehmern der Tempelsteuer.
- Jesus, der Sohn Gottes, und alle, die durch ihn zu Söhnen Gottes angenommen werden, sind zwar frei von den äußeren Vorschriften des Gesetztes, aber das Gesetz der Liebe gilt auch für Königssöhne. Jak 2:8 Diesem Gesetz unterwirft sich auch Jesus, obwohl er ungleich höher steht als der Tempel (Mt 12:6; vgl. auch Mt 12:8): er zahlt die Tempelsteuer mit Rücksicht auf die Schwachheit seiner Volksgenossen, die sonst an seiner Handlungsweise Anstoß nehmen könnten, und in der Hoffnung, sie durch seine Ehrfurcht vor den Satzungen der Väter für die Aufnahme seiner Wahrheit empfänglicher zu machen. vgl. 1Kor 8:13, 9:19-23, Rö 14:13
Chapter 18
1 Zu jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten ihn: "Wer ist wohl der Größte im Königreich der Himmel?"1
- Diese Frage war der Ausdruck hochmütiger und ehrgeiziger Gesinnung bei den Jüngern.
2 Da rief er ein kleines Kind herbei, stellte es mitten unter sie
3 und sprach: "Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt1 und wie die kleinen Kinder werdet,2 so kommt ihr sicher nicht ins Königreich der Himmel.
- Wenn ihr nicht den Weg des Hochmuts und Ehrgeizes verlaßt.
- Und infolge dieser Umkehr den kleinen Kindern an Demut und Anspruchslosigkeit ähnlich werdet.
4 Wer sich nun erniedrigt wie dies Kind hier, der ist der Größte im Königreich der Himmel.
5 Und wer ein solches Kind aufnimmt, weil es meinen Namen bekennt, der nimmt mich auf.
6 Wer aber eins von den kleinen Kindern hier, die an mich glauben, zur Sünde verführt, für den wäre es besser gewesen, man hätte ihm vorher1 einen großen Mühlstein2 um den Hals gehängt und ihn versenkt im Meer, wo es am tiefsten ist.
- Ehe er sich durch solche Verführung verschuldete.
- Wörtlich: einen Eselsmühlstein, d.h. den Stein einer Mühle, die nicht von einer Sklavin mit der Hand, sondern von einem Esel getrieben wurde.
7 Weh der Welt, die voll Verführung ist! Verführungen sind zwar unvermeidlich;1 doch weh dem Menschen, durch den Verführung kommt!
- Wegen der Sünde, die in der Welt herrscht.
8 Wenn dich aber deine Hand oder dein Fuß zur Sünde reizt, haue sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, du gehst verstümmelt oder hinkend ins Leben ein, als daß du zwei Hände oder zwei Füße hast und ins ewige Feuer geworfen wirst.
9 Und wenn dich dein Auge zur Sünde reizt, reiß es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, du gehst einäugig ins Leben ein, als daß du zwei Augen hast und ins höllische Feuer geworfen wirst.1
- Vgl. Mt 5:29-30.
10 Nehmt euch in acht, eins dieser Kinder geringzuschätzen! Denn ich sage euch: Ihre Engel haben im Himmel allzeit freien Zutritt zu meinem himmlischen Vater.
12 Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eins davon verirrt sich: läßt er dann nicht die anderen neunundneunzig allein in den Bergen weiden und geht hin, um das verirrte zu suchen?
13 Und glückt's ihm, es zu finden, ich versichere euch: er freut sich mehr darüber als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt.
14 So will auch euer Vater im Himmel nicht, daß eins dieser Kinder verlorengehe.
15 Hat sich dein Bruder1 an dir versündigt, so geh zu ihm und stelle ihm unter vier Augen sein Unrecht vor.2 Hört er auf dich,3 so hast du deinen Bruder gewonnen.4
- Dein Mitjünger.
- Vgl. 3Mo 19:17.
- Und bittet er dich um Verzeihung.
- D.h. du hast ihn aufs neue als deinen Bruder gewonnen.
16 Hört er nicht, so geh nochmals zu ihm in Begleitung eines oder zweier Brüder, damit1 jedes Wort, das gesprochen wird, durch zwei oder drei Zeugen festgestellt werden könne.
- Nach dem Rechtsgrundsatz in 5Mo 19:15 (vgl. auch Joh 8:17, 2Kor 13:1, 1Ti 5:19).
17 Will er aber nicht auf diese Brüder hören, so bring die Sache vor die Gemeinde. Und hört er auch auf die Gemeinde nicht, dann sieh ihn an wie einen Heiden und Zöllner.1
- D.h. wie einen Menschen, mit dem man keinen Umgang mehr hat, und der außerhalb der Gemeinde steht, wie die Heiden und die abtrünnigen Israeliten, zu denen besonders die Zöllner gerechnet wurden, außerhalb der Gemeinde Israels standen.
18 Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden bindet, das soll im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden löst, das soll auch im Himmel gelöst sein.1
- Vgl. 16,19.
19 Weiter sage ich euch: Wenn hier auf Erden zwei von euch einig sind, um etwas zu bitten, so soll es ihnen von meinem Vater im Himmel zuteil werden.
20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte gegenwärtig."1
- Ähnlich sagten die Rabbinen: Wo zwei oder drei zum Gericht versammelt sind, da ist die göttliche Herrlichkeit in ihrer Mitte gegenwärtig. Hier ist zu denken an die göttliche Herrlichkeit, die sich einst in der Stiftshütte und im Tempel offenbarte. 2Mo 40:34, 1Kön 8:10-11 Die Verheißung in V20 ist verwandt mit der Verheißung z.B. Joh 14:16-18, 23, 16:7-11.
21 Darauf trat Petrus zu ihm mit der Frage: "Herr, wenn sich mein Bruder gegen mich versündigt, wie oft muß ich ihm dann vergeben? Etwa siebenmal?"1
- Im Talmud heißt es vom Vergeben: "Begeht der Mensch eine Sünde, so soll sie ihm das erste, zweite und dritte Mal, aber nicht mehr das vierte Mal vergeben werden." (A. Verzin: Die Freudenbotschaft usw., S.359.)
22 Jesus antwortete ihm: "Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.1
- D.h. immer wieder.
23 Darum1 gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Dienern2 abrechnen wollte.
- Weil alle Glieder des Reiches Gottes unbegrenzt vergeben sollen.
- Wörtlich: "Sklaven." Gemeint sind des Königs Beamte oder Statthalter, die bestimmte Erträge abzuliefern hatten.
24 Als er mit der Abrechnung begann, ward ihm einer vorgeführt, der ihm zehntausend Talente1 schuldig war.
- 42 Millionen Mark. 1 Talent = 4200 Goldmark.
25 Weil er aber nicht bezahlen konnte, ließ ihn der Herr mit Weib und Kind und all seiner Habe zur Deckung der Schuld1 verkaufen.
- Soweit der Erlös reichte.
26 Da fiel ihm der Diener zu Füßen und bat: 'Hab nur Geduld mit mir,1 ich will dir alles bezahlen!'
- Gib mir nur Frist.
27 Da hatte der Herr Erbarmen mit dem Diener: er gab ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch.
28 Beim Hinausgehen1 traf nun dieser Diener einen anderen, der ihm hundert Silberlinge2 schuldete. Den packte er an der Gurgel und rief: 'Bezahle mir, was du schuldig bist!'
- Aus dem königlichen Palast.
- Wörtlich: 100 Denare. Ein Denar ist nach unserem Geld etwa 70 Pfennig. Ich übersetze auch sonst Denar mit Silberling.
29 Da warf sich sein Mitdiener vor ihm nieder und bat ihn: 'Hab nur Geduld mit mir, ich will dir's schon bezahlen.'
30 Aber er wollte nicht, sondern nahm ihn mit sich1 und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er seine Schuld bezahlt hätte.
- Zum Richter.
31 Als das die anderen Diener sahen, wurden sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und erzählten ihm alles.
32 Da ließ der Herr den Diener rufen und sprach zu ihm: 'Du Bösewicht! Deine ganze Schuld habe ich dir auf dein Bitten erlassen.
33 Hättest du dich da nicht auch über deinen Mitknecht erbarmen müssen, wie ich mich über dich erbarmt habe?'
34 Und voll Zorn ließ ihn sein Herr den Folterknechten übergeben,1 bis er ihm die ganze Schuld bezahlt hätte.
- Die Folterung wurde im Morgenland ebenso wie der Verkauf in die Sklaverei gegen solche Statthalter angewandt, die in der Ablieferung der Steuern untreu oder saumselig waren.
35 Ebenso wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht allesamt von Herzen den Brüdern vergebt."
Chapter 19
1 Als Jesus diese Reden beendet hatte, verließ er Galiläa und zog durch das Ostjordanland in das Gebiet von Judäa.1
- Jesus reiste als nicht auf dem kürzeren und gewöhnlichen Weg durch Samaria Lu 9:51-56 nach Judäa, sondern er zog durch Peräa.
2 Eine große Volksmenge begleitete ihn, deren Kranke er dort1 heilte.
- In Peräa.
3 Da traten Pharisäer1 zu ihm; die wollten ihm eine Falle stellen und fragten ihn: "Darf jemand sein Weib aus jedem beliebigen Grund entlassen?"2
- Die in der Landschaft Peräa ansässig waren.
- Schon vor der Zeit Jesu war die Ansicht über die Gründe zu einer Ehescheidung in den Schulen der jüdischen Schriftgelehrten geteilt. In 5Mo 24:1 wurden die Worte: "Um etwa einer Unlust willen" oder richtiger: "Wenn er etwas Widerwärtiges an ihr entdeckt" in der Schule Schammais von etwas Schändlichem oder Lasterhaftem verstanden, während die Schule Hillels darunter jedes dem Mann Mißfällige verstand, so daß der Mann sein Weib schon dann entlassen könne, wenn sie ihm das Essen habe anbrennen lassen. Die Pharisäer hofften nun, Jesus werde auf ihre verfängliche Frage so antworten, daß sie eine der über die Ehescheidungsfrage zankenden Schulen Hillels oder Schammais gegen ihn aufhetzen könnten. Aber, ohne sich auf die Schulstreitigkeiten einzulassen, erklärte Jesus deutlich und bestimmt: Jede Lösung des Ehebandes ist verboten. Denn V9 erlaubt wohl eine Trennung im Fall der Unzucht, nicht aber eine Wiederverheiratung.
4 Er antwortete: "Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer im Anfang die Menschen als Mann und Weib geschaffen hat?1
- 1Mo 1:27.
5 Und er hat gesagt: Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich aufs engste mit seinem Weib verbinden, und beide werden eins sein.1
- Wörtlich: "Ein Fleisch sein." 1Mo 2:24.
6 Sie sind als nicht mehr zwei, sondern eins. Was nun Gott vereinigt hat, das soll der Mensch nicht trennen!"
7 Sie sprachen zu ihm: "Warum hat denn Mose geboten, der Mann solle1 der Frau einen Scheidebrief ausstellen und dürfe sie dann aus seinem Haus entlassen?"2
- Wenn ihm die Fortführung der Ehe unmöglich erscheine.
- 5Mo 24:1. An dieser Stelle handelt es sich übrigens um kein Gebot, sondern nur um eine Erlaubnis, wie Jesus auch in seiner Antwort hervorhebt.
8 Er antwortete ihnen: "Wegen eurer Herzenshärtigkeit1 hat euch Mose erlaubt, eure Frauen zu entlassen. Doch anfangs ist es nicht so gewesen.
- Um noch größeres Übel abzuwenden.
9 Ich sage euch aber: "Wer sein Weib aus einem anderen Grund entläßt als wegen Unzucht und eine andere heiratet, der ist ein Ehebrecher. Und wer eine (von ihrem Mann) entlassene Frau zum Weib nimmt, der ist auch ein Ehebrecher."1
- Vgl. Mt 5:31-32.
10 Da sprachen die Jünger zu ihm: "Wenn es zwischen Mann und Weib so steht, dann ist es besser, nicht zu heiraten."
11 Er antwortete ihnen: "Nicht jeder ist dazu1 fähig, sonder der allein, dem es verliehen ist.2
- Ehelos zu bleiben.
- Dem von Gott die besondere Gnadengabe zuteil geworden ist, ehelos zu bleiben. 1Kor 7:7-9
12 Es gibt Ehelose, die von Geburt an zur Ehe untüchtig sind,1 und es gibt Ehelose, denen durch Menschen die Fähigkeit zur Ehe genommen worden ist;2 aber es gibt auch Ehelose, die mit Rücksicht auf das Königreich der Himmel freiwillig auf die Ehe verzichtet haben.3 Wer dazu fähig ist,4 der tue es!"
- Weil ihnen die Zeugungsfähigkeit mangelt.
- Und zwar durch Entmannung.
- Um dem Herrn mit ungeteilter Hingebung dienen zu können. 1Kor 7:29-34
- Freiwillig auf die zu verzichten.
13 Dann brachte man kleine Kinder zu ihm, damit er ihnen unter Gebet die Hände auflege. Die Jünger aber fuhren die Leute1 mit rauhen Worten an.
- Die die Kinder brachten.
14 Doch Jesus sprach: "Laßt die kleinen Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran! Denn gerade ihnen ist das Himmelreich bestimmt."
15 Dann legte er ihnen die Hände auf und verließ den Ort.
16 Und siehe, einer trat an ihn heran und fragte: "Meister, was für ein gutes Werk muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?"
17 Er antwortete ihm: "Warum fragst du mich nach dem, was gut ist? Nur ein einziger ist gut. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote."
18 Er sprach zu ihm: "Welche?" Jesus erwiderte: "Diese: Du sollst nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis ablegen!
19 Ehre Vater und Mutter! Und: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."1
- 2Mo 20:12-16, 5Mo 5:16-20.
20 Der Jüngling sprach zu ihm: "Dies alles habe ich treu erfüllt. Was fehlt mir noch?"
21 Da antwortete ihm Jesus: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe deine Habe und gib das Geld den Armen: so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir!"1
- Der reiche Jüngling (V20.22) glaubte, sich durch gute Werke das ewige Leben verdienen zu können. Nun wollte er von Jesus wissen, welches gute Werk er ganz besonders tun müsse. Jesus zeigte ihm, daß er auf ganz verkehrtem Weg sei. Nur einer ist gut: Gott. Die Menschen hingegen sind allesamt von Natur böse und können deshalb aus eigener Kraft nichts Gutes tun. Doch hat ihnen der allein gute Gott den Weg gezeigt, auf dem sie zum Leben eingehen können; dieser Weg ist der Gehorsam gegen die von Gott dem Volk Israel gegebenen Gebote. Neuer Gebote bedarf es also nicht. In seiner Oberflächlichkeit meint nun der Jüngling, mit den alten bekannten Geboten sei er längst fertig. Darauf fordert Jesus etwas von ihm, was ihn zur wahren Selbsterkenntnis bringen sollte. Der Jüngling hielt sich schon für vollkommen gerecht. Aber er sollte einsehen, daß die Vollkommenheit nur dann für ihn zu erlangen sei, wenn er in Jesu Nachfolge alles Irdisch aufopfern könne.
22 Als der Jüngling das hörte, ging er traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen.1
- Die Betrübnis des Jünglings zeigt, daß wenigstens ein Anfang der Sinnesänderung bei ihm eingetreten war; es fehlte ihm aber die Kraft zum völligen Durchbruch, weil sein Herz an seinem Reichtum hing.
23 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: "Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher kommt nur schwer ins Königreich der Himmel.
24 Ja ich sage euch: Ein Kamel kommt leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes Königreich."1
- Ähnlich heißt es in der 7. Sure des Korans: "Siehe, denen, die unsere Zeichen der Lüge zeihen und sich hoffärtig von ihnen abwenden, sollen die Tore des Himmels nicht geöffnet werden, und sie sollen nicht eher eingehen ins Paradies, als bis ein Kamel durch ein Nadelöhr geht." Im Talmud ist öfter sprichwörtlich die Rede von dem Elefanten, der durch ein Nadelöhr geht.
25 Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sprachen: "Ja, wer kann dann überhaupt gerettet werden?"
26 Jesus aber sah sie an und erwiderte: "Mit menschlicher Kraft ist das zwar nicht möglich; mit Gottes Hilfe aber ist alles möglich."1
- Die Menschen können durch eigene Kraft die Errettung oder Seligkeit nicht erlangen, wie der reiche Jüngling meinte; aber mit Gottes Hilfe können alle, auch die Reichen, die größten Hindernisse hierbei überwinden.
27 Da nahm Petrus das Wort und sprach zu ihm: "Sieh, wir1 haben alles aufgegeben und sind dir nachgefolgt. Welcher Lohn wird uns dafür?"
- Im Gegensatz zu dem reichen Jüngling.
28 Jesus antwortete ihnen: "Wahrlich, ich sage euch: Wenn der Menschen zur Zeit der Wiedergeburt auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzt, dann sollt auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels als Herrscher leiten.1
- Das in diesem Vers mit "Wiedergeburt" übersetzte griechische Wort palingenesia kommt nur noch einmal im Neuen Testament vor und zwar Tit 3:5. Dort bedeutet es die Wiedergeburt durch die Taufe. An unserer Stelle ist aber die allgemeine Welterneuerung Apg 3:21 damit gemeint (vgl. auch 2Pe 3:13, Off 21:1). Bei den stoischen Philosophen bedeutete palingenesia das Wiedererstehen der Welt aus dem allgemeinen Weltbrand.
29 Ja jeder, der Geschwister, Eltern, Weib und Kind oder Äcker und Häuser um meines Namens willen fahren läßt, der soll reichen Ersatz dafür empfangen und das ewige Leben als Erbe bekommen.
30 Doch in vielen Fällen werden die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein.1
- Petrus und die anderen Apostel, die nach einem besonderen Lohn trachten, sollen bedenken, daß manche, die nach menschlicher Ansicht viel im Reich Gottes geleistet haben und an erster Stelle stehen, schließlich nach Gottes Urteil nur einen geringen Lohn und die letzten Plätze erhalten werden. Dies wird nun durch das folgende Gleichnis erläutert.
Chapter 20
1 Denn das Königreich der Himmel gleicht einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu mieten.1
- Auch für die Gemeinde des Alten Bundes findet sich in Jes 5:1-7, 27:2-6 das Bild des Weinbergs. — Wenn auch die größeren Güter von Sklaven bestellt wurden, so mietete man doch in der eiligen Erntezeit noch Gelegenheitsarbeiter im Tagelohn.
2 Er vereinbarte mit ihnen einen Silberling1 als Tagelohn und sandte sie in seinen Weinberg.
- Wörtlich: einen Denar, etwa 70 Pfennig.
3 Um die dritte Stunde1 ging er wieder aus und sah andere auf dem Marktplatz unbeschäftigt stehen;
- Der Tag wurde bei den Juden in 12 Stunden eingeteilt; er begann um 6 Uhr morgens und endete um 6 Uhr abends. Die dritte Stunde ist also 9 Uhr vormittags, die sechste ist 12 Uhr mittags, die neunte Stunde ist 3 Uhr nachmittags, die elfte Stunde ist 5 Uhr nachmittags.
4 zu denen sprach er: 'Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich will euch geben, was recht ist.'
5 Sie gingen hin. Wiederum ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat ebenso.
6 Als er aber um die elfte Stunde nochmals ausging, fand er andere dastehen und sprach zu ihnen: 'Warum steht ihr hier den ganzen Tag unbeschäftigt?'
7 Sie antworteten ihm: 'Es hat uns niemand in Arbeit genommen.' Er sprach zu ihnen: 'Geht auch ihr in meinen Weinberg!'
8 Am Abend aber sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: 'Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn: fang bei den letzten an und höre bei den ersten auf!'
9 Da kamen die Arbeiter der elften Stunde, und jeder empfing einen Silberling.
10 Als nun die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; doch auch sie bekamen jeder einen Silberling.
11 Als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sagten: 'Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir des ganzen Tages Last und Hitze ertragen haben.'
13 Er aber antwortete einem von ihnen: 'Mein Freund, ich tue dir nicht unrecht. Hast du nicht einen Silberling mit mir vereinbart?
14 Nimm dein Geld und geh! Ich will aber diesen letzten ebensoviel geben wie dir.
15 Darf ich etwa nicht mit meinem Geld machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?'
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein."1
- Die hier folgenden Worte: "Denn viele sind berufen (oder eingeladen), aber wenige sind auserwählt" passen nicht in den Zusammenhang; sie sind ein späterer Zusatz aus Mt 22:14. — Während sich das 19,3-20,16 Erzählte in Peräa abspielt, findet das Folgende auf der Wanderung nach Jerusalem statt.
17 Jesus zog dann weiter nach Jerusalem und hatte nur die Zwölf als besondere Begleiter bei sich. Während der Wanderung sprach er zu ihnen:
18 "Jetzt gehen wir nach Jerusalem. Dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten überliefert werden.
19 Die werden ihn zum Tod verurteilen und ihn dann den Heiden überantworten, daß er verspottet, gegeißelt und gekreuzigt werde. Aber am dritten Tag wird er wieder auferstehen."1
- Mt 16:21, 17:22-23.
20 Da trat die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen1 zu ihm und trug ihm fußfällig eine Bitte vor.2
- Die Frau hieß Salome (vgl. Mt 27:56 und Mr 15:40) und scheint die Schwester der Mutter Jesu gewesen zu sein. nach Joh 19:25 Ihre Söhne waren die Apostel Jakobus und Johannes.
- Da Jesus ihre Bitte nicht genau versteht, fragt er sie nach ihrem Begehr.
21 Er fragte sie: "Was wünschst du?" Sie sprach zu ihm: "Bestimme, daß meine beiden Söhne hier dereinst in deinem Königreich1 dir zur Rechten und zur Linken sitzen!"2
- Sie dachte an ein irdisches Reich voller Glanz und Herrlichkeit.
- Die Mutter begehrt also in ihrem Ehrgeiz für ihre beiden Söhne die beiden höchsten Ehrenplätze in Jesu Reich.
22 Jesus erwiderte: "Ihr1 versteht nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken soll?"2 Sie antworteten ihm: "Ja, das können wir."
- Die Mutter und die beiden Söhne.
- Gemeint ist der Kelch des Leidens und des Todes. Die Worte: "und die Taufe erleiden, die ich erleiden muß," die hier in einigen Handschriften folgen, sind aus Mr 10:38 eingefügt worden.
23 Da sprach er zu ihnen: "Meinen Kelch sollt ihr freilich trinken.1 Aber die Sitze zu meiner Rechten und zu meiner Linken kann ich euch nicht verleihen; die werden nur denen zuteil, für die sie mein Vater bestimmt hat."
- Die Worte: "und die Taufe, die ich erleiden muß, sollt ihr auch erleiden," stammen aus Mr 10:39. — Jakobus ist als Märtyrer gestorben, Apg 12:1-2 und Johannes hat, wenn auch nicht den Märtyrertod, so doch viel Leiden und Trübsal in Jesu Dienst erduldet. Apg 4:1-3, 5:40, Off 1:9
24 Als die anderen Zehn dies hörten, äußerten sie ihren Unwillen über die beiden Brüder.1
- Über ihren Ehrgeiz und ihre Herrschsucht, wovon sie aber selbst nicht frei waren. Mt 18:1, Lu 22:24
25 Da rief sie Jesus zu sich und sprach: "Ihr wißt, daß die Herrscher über die Völker unumschränkt gebieten, und daß die Großen ihre Untergebenen ihre Macht fühlen lassen.
26 So soll's bei euch nicht sein. Im Gegenteil: wer unter euch der groß sein will, der sei euer Diener;
27 und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.1
- Wörtlich: "euer Sklave".
28 So ist ja auch der Menschensohn nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen und sein Leben dahinzugeben als Lösegeld für viele."1
- Der Menschensohn wollte als Sklave dienen Php 2:7 und sein Leben für viele, d.h. für alle Sklaven als Lösegeld dahingeben, um sie aus der Schuldhaft der Sünde und des Todes zu befreien. Und zwar sind die Menschen Gott gegenüber Schuldner, denn sein Gebot haben sie übertreten, und seinem Strafurteil sind sie verfallen. — Hinter V28 haben verschiedene Handschriften einen Zusatz, dessen Anfang die schöne Mahnung an die Apostel enthält: "Ihr aber sollt danach trachten, aus Kleinem zu wachsen und aus Großem kleiner zu werden." Daran schließt sich dann ein kurzer Abschnitt, der dem Sinn, wenn auch nicht dem Wortlaut nach mit Lu 14:8-10 übereinstimmt.
29 Als sie Jericho verließen,1 folgte ihm viel Volk.
- Jericho, am rechten Ufer des Jordan, war etwa 20 km von Jerusalem entfernt. — Matthäus gibt keinen vollständigen Reisebericht; er schweigt ganz darüber, daß Jesus Peräa verlassen, den Jordan überschritten und Aufenthalt in Jericho genommen hat.
30 Und sieh, es saßen zwei Blinde am Weg. Als sie hörten, Jesus käme vorbei, da riefen sie: "Herr, erbarme dich unser, du Davidssohn!"
31 Die Leute aber fuhren sie mit rauhen Worten an, sie sollten schweigen. doch sie riefen nur noch lauter: "Herr, erbarme dich unser, du Davidssohn!"
32 Da blieb Jesus stehen, rief sie zu sich und fragte sie: "Was begehrt ihr von mir?"
33 Sie antworteten ihm: "Herr, laß sich unsere Augen öffnen!"
34 Da rührte Jesus voll Mitleid ihre Augen an, und sofort wurden sie wieder sehend und folgten ihm.
Chapter 21
1 Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Bethphage, an den Ölberg,1 entsandte Jesus zwei Jünger
- Bethphage heißt Feigenhausen; der Ort lag näher bei Jerusalem als Bethanien und wurde nach dem Talmud zu Jerusalem gerechnet.
2 mit dem Auftrag: "Geht in das Dorf, das vor euch liegt! Dort werdet ihr gleich am Eingang eine Eselin angebunden finden und bei ihr ein Füllen. Bindet beide Tiere los und bringt sie her zu mir!
3 Und will euch jemand dreinreden, so spracht: 'Der Herr bedarf ihrer' — dann wird er sie ohne weiteres ziehenlassen."1
- Der Besitzer der Tiere scheint ein Anhänger Jesu gewesen zu sein; er wußte ohne weiteres, wer "der Herr" war, der die Tiere für sich begehrte.
4 Dies ist geschehen, damit sich der Ausspruch des Propheten1 erfülle:
- Jes 62:11, Sac 9:9
5 Sagt der Tochter Zion:1 Sieh, dein König kommt zu dir, voll Demut und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Lasttierfüllen.2
- D.h. den Bewohnern Zions (und Jerusalems).
- Der Messias zieht als demütiger Friedenskönig, nicht hoch zu Roß als kriegerischer Eroberer in Jerusalem ein.
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus geboten hatte:
7 sie brachten die Eselin und das Füllen, legten ihre Mäntel auf der Tiere Rücken, und er setzte sich darauf.
8 Sehr viele Leute aber breiteten ihre Mäntel auf den Weg,1 andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf die Straße.
- 2Kön 9:13
9 Und alle, die mit ihm gingen — vorn im Zug und hinterdrein —, die riefen laut: Heil1 dem Sohn Davids! Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!2 Heil soll erschallen droben in der Höhe!"
- Hebräisch hoschiana, d.h. "hilf doch, gib doch Heil," ursprünglich ein Gebetsruf an Gott aus Ps 118:25, hier aber nur ein Glückwunschruf, der etwa einem Hoch auf den König entspricht.
- Ps 118:26. Gemeint ist hier der Messias.
10 Bei seinem Einzug in Jerusalem geriet die ganze Stadt in Aufregung; man fragte: "Wer ist das?"
11 Die Leute1 antworteten: "Das ist der Prophet Jesus aus Nazaret in Galiläa."2
- Die Jesus begleiteten.
- Durch seinen feierlichen Einzug macht sich Jesus öffentlich als Messias kund. Im Tempel tritt er dann als solcher auf.
12 Dann ging Jesus in den Tempel Gottes: er trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften; er stieß die Tische der Wechsler und die Bänke der Taubenhändler um1
- Im Tempelraum war in dem Vorhof der Heiden ein Platz, der den Namen "Buden" trug. Dort wurde alles, was zum Opferdienst nötig war, verkauft, darunter auch die Tauben, die die Armen opferten. 3Mo 5:7, 12:8, 14:21-22 Die Wechsler wechselten gewöhnliches Geld für den zur Tempelsteuer vorgeschriebenen halben Sekel ein. Mt 17:24
13 und sprach zu ihnen: "Es steht geschrieben:1 Mein Haus soll ein Bethaus heißen; ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht."2
- Jes 56:7.
- Jer 7:11. So spricht Jesus namentlich im Blick auf das betrügerische Treiben der Händler und Wechsler.
14 Dort im Tempel kamen Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und hörten, wie die Kinder im Tempel riefen: "Heil dem Sohn Davids!", da wurden sie unwillig
16 und sprachen zu ihm: "Hörst du nicht, was die hier rufen?" Jesus antwortete ihnen: "Jawohl! Habt ihr denn nie das Wort gelesen: Aus Kinder- und Säuglingsmund hast du dir Lob bereitet?"1
- Ps 8:2.
17 Damit ließ er sie stehen und ging aus der Stadt hinaus nach Bethanien, wo er übernachtete.
18 Frühmorgens bei der Rückkehr in die Stadt empfand er Hunger.
19 Da sah er einen einzeln stehenden Feigenbaum am Wege. Auf den ging er zu, aber er fand nur Blätter daran. Da sprach er zu dem Baum: "In Zukunft sollst du niemals wieder Frucht tragen!"1 Sofort verdorrte der Feigenbaum.
- Jeder blätterreiche Feigenbaum muß in der ersten Hälfte des April unreife Frühfeigen haben, die man in Palästina besonders gern ißt. Der Feigenbaum täuschte und heuchelte demnach. So war er ein treffendes Abbild Jerusalems und seines Tempels. Auch dort fand der Herr keine Frucht, obwohl bei der Beobachtung aller äußerlichen Vorschriften des Gesetzes ein vielverheißender Blätterschmuck weithin sichtbar war (vgl. L. Schneller: "Kennst du das Land?," S.278ff.).
20 Bei diesem Anblick waren die Jünger verwundert und fragten: "Wie hat der Feigenbaum sofort verdorren können?"
21 Jesus antwortete ihnen: "Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben hättet und nicht zweifeltet, so könntet ihr nicht nur dasselbe tun, was an dem Feigenbaum geschehen ist; sondern wenn ihr zu dem Berge dort sagtet: 'Heb dich von deiner Stelle und stürze dich ins Meer', so würde es geschehen.1
- Mt 17:20.
22 Ja alles, was ihr im Glauben im Gebet erfleht, das werdet ihr empfangen."1
- Mt 18:19.
23 Als er wieder im Tempel war und dort lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes1 zu ihm mit der Frage: "Mit welchem Recht tust du dies,2 und wer hat dir das Recht dazu gegeben?"
- Also amtliche Vertreter des Hohen Rates.
- Trittst du öffentlich im Tempel auf?
24 Jesus erwiderte ihnen: "Ich will euch auch eine Frage vorlegen; gebt ihr mir darauf Antwort, so will ich euch auch sagen, mit welchem Recht ich dies tue:
25 Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen?"1 Sie überlegten miteinander: "Sagen wir: 'vom Himmel', so wird er uns fragen: 'Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt?'
- D.h.: hatte Johannes für seine Taufe einen göttlichen Auftrag oder leiteten ihn nur menschliche Aufforderungen oder Beweggründe?
26 Antworten wir aber: 'von Menschen', so haben wir das Volk zu fürchten, denn das sieht allgemein Johannes als Propheten an."
27 Da erwiderten sie Jesus: "Wir wissen es nicht." Darauf sprach er zu ihnen: "So sage ich euch auch nicht, mit welchem Recht ich dies tue."
28 "Was meint ihr nun? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zu dem ersten und sagte: 'Mein Sohn, geh und arbeite heute in meinem Weinberg!'
29 Der erwiderte: 'Jawohl, Herr!' aber er ging nicht hin.1
- Hinweis auf die nur "Herr" sagenden Mt 7:21 Obersten des Volkes.
30 Dann wandte sich der Vater mit denselben Worten an den zweiten Sohn. Der entgegnete: 'Ich habe keine Lust.' Nachher aber tat's ihm leid, und er ging und er ging doch.1
- Hinweis auf die Zöllner und Dirnen (V32).
31 Wer von den beiden hat nun seines Vaters Willen ausgeführt?" Sie sprachen: "Der zweite." Da fuhr Jesus fort: "Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen kommen eher in Gottes Königreich als ihr.
32 Denn Johannes ist zu euch gekommen, um euch den rechten Weg zu zeigen; aber ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zöllner dagegen und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt das1 zwar gesehen, doch anderes Sinnes seid ihr trotzdem nachher nicht geworden: ihr habt ihm nicht geglaubt.
- Nämlich: die Frucht der Wirksamkeit des Johannes in der Bekehrung der Zöllner und der Dirnen.
33 Hört noch ein anderes Gleichnis: Ein Hausherr pflanzte einen Weinberg; er zog einen Zaun darum, grub eine Kelterkufe darin aus und baute einen Turm.1 Dann verpachtete er ihn an Winzer2 und ging außer Landes.
- D.h. ein turmähnliches Wachthaus für die Weinbergswächter. Vgl. mit V33 die Stelle Jes 5:1-2. Der Weinberg ist das Reich Gottes in Israel (vgl. V43). Zaun, Kelterkufe und Turm weisen auf die segensreichen und schützenden Einrichtungen, die Gott seinem Volk gab. (Der Zaun ist vielleicht das Gesetz Moses, die Kelter der Tempel mit dem Gottesdienst, der Turm das geistliche und weltliche Wächteramt: Jes 56:10, 62:6, Jer 6:17, 23:1-4, Hes 34:2-6).
- Das jüdische Volk, insonderheit seine von Gott verordneten Leiter.
34 Als sich nun die Zeit der Weinlese nahte, sandte er seine Knechte1 zu den Winzern, damit sie den Teil der Früchte abholten, der ihm2 zukam.
- Wohl die ältesten Propheten, z.B. Elia und Elisa.
- Als Pachtzins.
35 Die Winzer aber ergriffen diese Knechte: den einen mißhandelten sie, den anderen erschlugen sie, den dritten steinigten sie.
36 Dann sandte er andere Knechte, mehr als zuerst;1 doch mit diesen verfuhren sie ebenso..
- Wohl die Propheten, von denen wir Schriften haben.
37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen, denn er dachte: vor meinem Sohn werden sie doch Ehrfurcht haben.
38 Als aber die Winzer den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: 'Ha, da kommt der Erbe! Auf! laßt uns ihn töten und sein Erbgut in Besitz nehmen!'1
- Gewinnsucht, Ehrgeiz und Herrschsucht waren ja bei den Obersten des jüdischen Volkes die Hauptursachen ihrer Feindschaft gegen Jesus.
39 Und sie ergriffen ihn, stießen ihn aus dem Weinberg1 und töteten ihn.
- Indem sie ihn außerhalb Jerusalems auf Golgatha kreuzigten. Heb 13:12
40 Wenn nun der Weinbergsbesitzer kommt, was wird er diesen Winzern tun?"
41 Sie erwiderten ihm: "Er wird diese Übeltäter übel umbringen1 und seinen Weinberg anderen Winzern2 verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit abliefern."
- Ein Hinweis auf die Zerstörung Jerusalems und den Untergang des jüdischen Volkes im Jahre 70 n. Chr.
- Dem Volk des Neuen Bundes, dem geistlichen Israel, das vor allem aus Heiden besteht.
42 Jesus sprach zu ihnen: "(Allerdings!) Habt ihr denn niemals in der Schrift das Wort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Dies ist eine Tat des Herrn, und sie ist wunderbar in unseren Augen?1
- Ps 118:22-23. Apg 4:11, 1Pe 2:7
43 Darum1 sage ich euch: Gottes Königreich soll euch genommen und einem Volk gegeben werden, das auch die Früchte trägt, die diesem Reich Ehre machen."
- Weil ihr den Stein verworfen habt.
45 Als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse1 hörten, merkten sie, daß er von ihnen redete.
- In Mt 21:28-43.
46 Da sannen sie darauf, ihn festzunehmen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn das hielt ihn für einen Propheten.
Chapter 22
1 Jesus nahm von neuem das Wort zu Gleichnisreden und sprach zu ihnen:1
- Den Mitgliedern des Hohen Rates. Mt 21:23
2 "Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.
3 Er sandte seine Knechte1 aus, um die schon geladenen Gäste zur Hochzeit zu entbieten;2 aber sie hatten keine Lust zu kommen
- Johannes der Täufer und Jesus selbst.
- Die Einladung war also schon ergangen; nur die genaue Stunde des Mahles war den Gästen noch nicht mitgeteilt worden. Mt 3:2, 4:17
4 Da sandte er nochmals andere Knechte1 mit dem Auftrag: 'Sagt den geladenen Gästen: Mein Frühmahl2 ist nun fertig, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet. Alles ist bereit, kommt zur Hochzeit!'
- Die Apostel und die anderen Diener des Evangeliums, die nach dem Pfingstfest an das jüdische Volk gesandt wurden.
- Die Juden wurden früh zum Mahl berufen.
5 Doch, ohne diese Botschaft zu beachten, gingen die einen von den Gästen auf dem Acker oder beim Handel ihren täglichen Geschäften nach.
6 Die anderen aber1 ergriffen des Königs Knechte, verhöhnten sie, ja brachten sie ums Leben.2
- Die nicht nur gleichgültig, sondern auch feindselig gegen den König waren.
- Apg 4:1-22, 5:17-41, 7:56-60 Apg 12.
7 Da ward der König zornig: er sandte seine Heere aus; die brachten diese Mörder um und verbrannten ihre Stadt.1
- Hinweis auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.
8 Dann sprach er zu seinen Knechten: 'Das Hochzeitsmahl ist fertig; doch die geladenen Gäste1 waren nicht wert, daran teilzunehmen.
- Die Juden als Gottes auserwähltes Volk.
9 So geht denn vor die Stadt hinaus: dorthin, wo die Feldwege beginnen,1 und alle, die ihr findet, ladet zur Hochzeit!'
- D.h. in das Gebiet der Heidenvölker.
10 Die Knechte gingen aus auf die Landstraßen, und alle die sie fanden, führten sie herbei: Böse sowohl wie Gute.1 Und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen.
- Nicht die Knechte nehmen die Scheidung zwischen Bösen und Guten vor; das tut der König selbst.
11 Nun trat der König ein, um sich die Gäste anzusehen. Da nahm er eine wahr, der trug kein Hochzeitskleid.1
- Vornehme Gastgeber im Morgenland schenkten ihren Gästen Festkleider. Ri 14:12 Dieser Gast hatte also entweder das Festkleid verschmäht oder es durch eigene Schuld so verunstaltet, daß es nicht mehr zu erkennen war.
12 Und er sprach zu ihm: 'Mein Freund, wie hast du Einlaß finden können ohne Hochzeitskleid?' Er aber schwieg.
13 Da sprach der König zu den Dienern: 'Bindet ihn an Händen und Füßen und werft ihn in die Finsternis hinaus!' Dort wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein.1
- Mt 8:12.
14 Denn viele sind berufen,1 aber nur wenige sind auserwählt."
- Gemeint sind hier nicht die geladenen Gäste in V3 und 4 (die Juden), sondern die erst später geladenen Heiden, die durch den König selbst gesichtet werden. — Auch nach dem jüdischen Gleichnis eines jüngeren Zeitgenossen Jesu bereitet ein König ein Mahl und lädt Gäste dazu ein, denen er ausdrücklich befiehlt, in reinen Kleidern zu erscheinen. Die einen warten nun dem königlichen Befehl gemäß draußen vor dem Palast im Festgewand Auf den Augenblick, wo sie zum Mahl hereingerufen werden sollen. Die anderen aber gehen nach der Einladung achtlos wieder an ihre Tagesarbeit. Als sie nun plötzlich aufgefordert werden, sich im Palast zum Mal einzufinden, fehlt es ihnen an Zeit, sich festlich anzukleiden, und sie kommen nun in ihren unsauberen Arbeitsgewändern zur königlichen Tafel. Über diese Gäste wird aber der König zornig, weil sie seinem Befehl, sich und ihre Kleider für das Fest zu säubern, ungehorsam gewesen sind. Sie dürfen zur Strafe nicht von des Königs Mahl essen, sondern müssen von fern zusehen und werden auch noch mit Schlägen gezüchtigt (nach Th. Zahn: Das Evangelium des Matthäus, S.626).
15 Da gingen die Pharisäer hin und berieten sich, wie sie ihn in seinen eigenen Worten fangen könnten.
16 Sie sandten deshalb ihre Schüler1 zu ihm, die von Anhängern des Herodes2 begleitet waren. Die sprachen zu ihm: "Meister, wir wissen, du bist aufrichtig und lehrst in aller Wahrheit Gottes Weg;3 dabei nimmst du auf niemand Rücksicht, denn Menschengunst gilt nicht bei dir.
- Jüngere Anhänger ihrer Partei.
- Gemeint sind Juden, die dem Königshaus des Herodes und damit auch den Römern treu ergeben waren.
- Den Weg, den Gott vorschreibt und den die Menschen wandeln sollen.
17 So sag uns denn, was meinst du: Darf man dem Kaiser Steuer zahlen oder nicht?"1
- Die entschiedenen Gegner der Römerherrschaft hielten es für eine Sünde, daß ein frommer Jude dem Kaiser Steuern zahle; denn Gott allein sei der König Israels.
18 Jesus aber merkte ihre böse Absicht und sprach zu ihnen: "Was versucht ihr mich, ihr Heuchler?
19 Zeigt mir die Steuermünze!"1 Da reichten sie ihm einen Silberling.2
- Die Münze, worin die Steuer entrichtet wurde.
- Wörtlich: ein Denar (etwa 70 Pfennig).
20 Und er fragte sie: "Wessen Bild und Inschrift steht hier?"
21 Sie antworteten ihm: "Des Kaisers." Da sprach er zu ihnen: "So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt, und Gott, was Gott gebührt!"1
- Da die römische Münze das Sinnbild der römischen Herrschaft ist, so müssen sich die Juden auch dem Kaiser unterwerfen. Aber sie haben noch eine andere Pflicht zu erfüllen: den Gehorsam gegen Gott und seine Gebote. Durch diese alles in sich vereinigende Antwort machte Jesus die Arglist seiner Feinde zuschanden.
22 Über diese Antwort waren sie verwundert, und sie verließen ihn und gingen ihres Weges.
23 An demselben Tag traten Sadduzäer zu ihm, die da behaupteten, es gebe keine Auferstehung, und legten ihm auch eine Frage vor.
24 "Meister", so sprachen sie, "Mose hat gesagt: Stirbt jemand kinderlos, so soll sein Bruder die verwitwete Schwägerin zum Weib nehmen und (mit ihr) seinem (verstorbenen) Bruder Nachkommen erwecken.1
- 5Mo 25:5-6 (die sog. Leviratsehe).
25 Nun lebten unter uns sieben Brüder. Der erste freite und starb kinderlos: so hinterließ er seine Witwe seinem Bruder.
26 Ebenso ging es mit dem zweiten und dritten, ja mit allen sieben.
27 Zuletzt von allen starb auch die Frau.
28 Wem von diesen sieben wird sie nun bei der Auferstehung als Gattin angehören? Sie haben sie ja alle zur Frau gehabt."
29 Jesus antwortete ihnen: "Ihr seid im Irrtum, denn ihr kennt die Schriften nicht noch Gottes Macht.1
- Die Sadduzäer kannten die heiligen Schriften nicht, weil sie aus der Stelle 5Mo 25:5 ganz verkehrte Schlüsse zogen; sie kannten aber auch Gottes Macht nicht, weil sie meinten, er könne nur Altes und Irdisches wiederherstellen, nicht aber ein Neues schaffen.
30 Die Auferstandenen freien nicht1 und lassen sich nicht freien,2 sondern sind wie Gottes Engel im Himmel.3
- Dies gilt von den Männern.
- Dies gilt von den Frauen.
- Bei denen es keine Ehe gibt.
31 Was aber die Auferstehung der Toten betrifft, habt ihr da nicht gelesen, was Gott zu euch in dem bekannten Wort spricht:
32 Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?1 Gott ist nun aber nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen."2
- 2Mo 3:6.
- Weil Gott sich auch nach dem Tod der Erzväter noch ihren Gott nennt, darum können sie nicht tot sein, sondern sie müssen leben.
33 Das Volk, das diese Worte hörte, staunte über seine Lehre.
34 Als die Pharisäer erfuhren, er habe die Sadduzäer zum Schweigen gebracht, versammelten sie sich.
35 Einer aus ihrer Mitte, ein Gesetzeslehrer, wollte ihm eine Falle stellen und fragte ihn deshalb:
36 "Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz?"
37 Er antwortete ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allem Denken.1
- 5Mo 6:5.
38 Dies ist das wichtigste und höchste Gebot.
39 Das andere aber, das ihm gleichsteht, lautet: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.1
- 3Mo 19:18.
40 In diesen beiden Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten."1
- Ähnlich wie die Tür in den Angeln hängt.
41 Als dann die Pharisäer beisammen waren, fragte sie Jesus:
42 "Was denkt ihr über den Messias? Wessen Sohn ist er?" Sie antworteten ihm: "Davids."
43 Da sprach Jesus zu ihnen: "Wie kann ihn denn David, vom Geist erleuchtet, Herr nennen, in dem Ausspruch:
44 Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Sitze du zu meiner Rechten, bis ich dir deine Feinde zu Füßen lege.?1
- Ps 110:1.
45 Wenn ihn nun David seinen Herrn nennt, wie kann er da zugleich sein Sohn sein?"
46 Darauf konnte ihm niemand ein Wort erwidern,1 und seitdem wagte auch keiner mehr, ihm eine Frage vorzulegen.
- Denn die Pharisäer wußten nichts von der Gottheit des Messias.
Chapter 23
1 Dann wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger.
2 "Moses Lehrstuhl", so begann er, "haben jetzt die Schriftgelehrten und die Pharisäer besetzt.1
- Sie gebärden sich eigenmächtig als Lehrer und Gesetzgeber des Volkes. Ihre Lehre kann nun zwar dem Volk immerhin noch Segen bringen. Aber ihre Werke stimmen nicht mit ihren Worten.
3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet! Nach ihren Werken aber sollt ihr euch nicht richten. Denn sie lehren anders, als sie tun.
4 Sie binden Bündel schwerer Lasten1 zusammen und legen sie den Leuten auf die Schulter; sie selbst aber haben keine Lust, diese Lasten auch nur mit einer Fingerspitze zu berühren.2
- Von Menschensatzungen.
- Geschweige denn sie sich auf die Schulter zu laden.
5 Bei all ihrem Tun wollen sie die öffentliche Aufmerksamkeit erregen: Sie tragen breite Gebetsriemen1 und lange Mantelquasten.2
- Durch diese Riemen wurden die Gebetskapseln mit den auf Pergament geschriebenen Gesetzesstellen 2Mo 13:3-16, 5Mo 6:4-9, 11:13-21 zur Zeit des Gebets, namentlich morgens, an der Stirn und an dem linken Arm befestigt.
- Vgl. Mt 9:20.
6 Beim Mahl sitzen sie gern obenan, und in der gottesdienstlichen Versammlung wollen sie die Ehrenplätze haben;
7 auf den Straßen soll man sie voll Ehrfurcht grüßen, und sie lassen sich den Namen 'Meister' geben.
8 Ihr aber sollt euch nicht so1 nennen lassen; denn Einer ist euer Meister, und ihr seid alle Brüder.
- Wörtlich: Rabbi, d.h. mein Meister.
9 Ihr sollt auch niemand auf Erden euern 'Vater' nennen;1 denn Einer ist euer Vater: der Vater im Himmel.
- Bedeutende Lehrer der Vorzeit erhielten den Ehrennamen "Vater".
10 Auch sollt ihr euch nicht 'Lehrer' nennen lassen; denn Einer ist euer Lehrer: der Messias.
11 Der Größte unter euch soll allen anderen dienen.1
- Wer wirklich als Lehrer Großes leistet, soll seine Gaben voll Demut in den Dienst aller stellen.
12 Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.1
- Lu 14:11, 18:14. — Auf die Mahnung an die Jünger in V8-12 folgt nun ein siebenfaches Wehe über die Schriftgelehrten und Pharisäer.
13 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr schließt die Tür des Himmelreiches vor den Leuten zu.1 Ihr selbst geht nicht hinein und laßt auch die nicht ein, die es gern wollen.
- Das taten sie durch ihre Feindschaft und ihren Widerspruch gegen Jesus.
15 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Jünger zu gewinnen.1 Und ist euch das gelungen, so macht ihr ihn zu einem Kind der Hölle, das zweimal ärger ist als ihr!2
- Nämlich: für das Judentum. — Die Pharisäer trieben also Heidenmission.
- Die Neubekehrten überboten noch die Verkehrtheiten und üblen Eigenschaften ihrer Lehrmeister.
16 Weh euch, ihr blinden Führer! Ihr sagt: Wer bei dem Tempel schwört, des Eid gilt nichts. Wer aber bei dem Gold des Tempels1 schwört, der ist gebunden.2
- Das heißt wohl: bei dem Tempelschatz.
- Der ist verpflichtet, seinen Eid zu halten. Die Pharisäer machten die Verbindlichkeit der Eide von ganz nebensächlichen Schwurworten abhängig und beförderten dadurch die Gewissenlosigkeit.
17 Ihr Toren und ihr Blinden! Was steht denn höher: das Gold oder der Tempel, der doch dem Gold erst die Weihe gibt?
18 Wer bei dem Altar schwört — so sagt ihr ferner —, des Eid gilt nichts. Wer aber bei der Opfergabe auf dem Altar schwört, der ist gebunden.
19 Ihr Blinden! Was steht denn höher: die Opfergabe oder der Altar, der doch der Opfergabe erst die Weihe gibt?
20 Wer also bei dem Altar schwört, der schwört bei ihm und allem, was darauf ist.
21 Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und dem, der darinnen wohnt.
22 Und wer beim Himmel schwört, der schwört bei Gottes Thron und dem, der darauf sitzt.
23 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Von Minze, Dill und Kümmel gebt ihr Zehnten, was aber im Gesetz viel höher steht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue — das laßt ihr außer acht. Dies solltet ihr vor allem üben, doch jenes auch nicht unterlassen.
24 Ihr blinden Führer, die Mücke schafft ihr weg, und das Kamel verschluckt ihr!1
- "Eine Mücke, die in den Becher gefallen ist, entfernt ihr ängstlich beim Durchseihen des Getränks, aber ein Kamel trinkt ihr ganz unbekümmert mit hinunter." — Jesus will die Pünktlichkeit der Pharisäer in der Erfüllung der nebensächlichen Gesetzesvorschriften an sich nicht tadeln; er macht ihnen nur zum Vorwurf, daß sie über dem Kleinen das Große, über dem Unwesentlichen die Hauptsache vergessen.
25 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Die Becher und die Schüsseln haltet ihr von außen rein, inwendig aber sind sie voller Raub und Gier!1
- D.h.: inwendig sind sie voller Speisen und Getränke, die ihr durch Raub und Gier erworben habt. Ihr fragt nicht danach, ob ihr das, was ihr verzehrt, auch rechtmäßig erworben habt.
26 Du blinder Pharisäer, erst reinige den Becher drinnen,1 dann ist sein Äußeres schon von selber rein!
- D.h.: laß ab von Raub und Gier. Die innere Reinheit ist die Hauptsache.
27 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht getünchten Gräbern1
- Durch das Tünchen mit Kalk sollten die Gräber ein freundliches, sauberes Aussehen bekommen. Außerdem wurden vor dem Passahfest die Gräber durch Übertünchen kenntlich gemacht, damit sich niemand durch ihre Berührung verunreinigte.: Die sehen von außen freundlich aus, im Inneren aber sind sie voller Totenbeine und Verwesung.
28 So seht auch ihr von außen gerecht und ehrbar aus, inwendig aber seid ihr voller Heuchelei und Frevel.1
- Sie sind scheinheilig.
29 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr pflegt die Gräber der Propheten und schmückt die Grabdenkmäler der Gerechten,
30 und dabei rühmt ihr euch: 'Wenn wir unserer Väter Zeit gelebt, wir hätten nicht mit ihnen der Propheten Blut vergossen.'
31 Damit bezeugt ihr aber selbst, daß ihr1 die Söhne der Prophetenmörder seid!
- Ebenso wie die vorangehenden Geschlechter. — Söhne der Prophetenmörder sind sie nicht nur nach ihrer Abstammung, sondern auch nach ihrer Sinnesart. Denn sie sind von tödlichem Haß gegen Jesus, den größten Propheten, erfüllt.
32 So macht denn ihr das Maß der Sünden eurer Väter voll!1
- Durch Jesu Kreuzigung.
33 Ihr Schlangen und ihr Natternbrut,1 wie wollt ihr nur der Hölle Strafgericht entrinnen?
- Vgl. Mt 3:7.
34 Darum seht: ich sende euch Propheten, Weise, Schriftgelehrte.1 Die einen werdet ihr in euern Versammlungshäusern geißeln und sie verfolgen von einer Stadt zur anderen.
- Hier sind die von Jesus nach seiner Himmelfahrt an Israel gesandten Diener des Neuen Bundes gemeint.
35 So wird sich an euch rächen all das unschuldige Blut, das da vergossen ist auf Erden: Vom Blut des gerechten Abel an bis auf Sacharjas Blut, des Sohnes Berechjas,1 den ihr gemordet zwischen Tempel und Altar.2
- Es ist nicht sicher, welcher Sacharja hier gemeint ist. Man denkt an den in 2Ch 24:19-22 genannten Sacharja. Aber dieser war ein Sohn des Priesters Jojada; es müßte hier also eine Verwechslung vorliegen mit dem bekannten Propheten Sacharja, der ein Sohn Berechjas war. Sac 1:1 Abels Tod wird berichtet in dem ersten Buch der alttestamentlichen Schriften, 1Mo 4:8 Sacharjas Tod in dem letzten; denn 2Chron. ist das letzte und jüngste Buch der hebräischen Bibel. — Eine alte christliche Überlieferung meint, Jesus rede in V35 von dem Vater Johannes des Täufers, der ja auch Sacharja oder (griechisch) Zacharias hieß. Lu 1:5
- D.h. zwischen dem eigentlichen Tempelhaus und dem Brandopferaltar.
36 Wahrlich, ich sage euch: Die Strafe für das alles wird kommen über dies Geschlecht!1
- Die Strafe ist hereingebrochen im Jahr 70 n. Chr. durch die Zerstörung Jerusalems.
37 Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst Gottes Boten! Wie oft1 habe ich deine Kinder um mich sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt!2 Doch ihr3 habt nicht gewollt!
- Dieser Ausdruck setzt einen mehrmaligen Aufenthalt Jesu in Jerusalem voraus, wenn auch Matthäus in seinem Evangelium nur den letzten Aufenthalt erwähnt.
- Um sie vor einer drohenden Gefahr zu schützen.
- Die Rede wendet sich von der Stadt an die Einwohner.
38 Darum soll euch euer Haus1 verödet liegen!2
- Der Tempel.
- Ps 69:25, Jer 22:5, 1Kön 9:7-8.
39 Denn ich sage euch: Ihr sollt mich ferner nicht mehr sehen, bis ihr einst ruft: 'Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!'"1
- Mt 21:9, Ps 118:26. Jesus wird jetzt vor den Augen seines unbußfertigen Volkes verschwinden. Das ist geschehen durch seinen Tod und sein Begräbnis. Israel soll ihn erst nach langer Zeit wiedersehen, und zwar dann, wenn es sich dereinst bei seiner Wiederkunft zu ihm bekehrt. Dann wird er noch ganz anders als bei seinem Einzug Mt 21:1-9 von dem ganzen Volk als Messias anerkannt und begrüßt werden. Die Weissagung von der Zerstörung Jerusalems in V38 bildet den Übergang zu den Weissagungen in Kap. 24.
Chapter 24
1 Darauf verließ Jesus den Tempelplatz. Als er so mit seinen Jüngern dahinging,1 traten diese zu ihm und machten ihn auf den prächtigen Bau des Tempels aufmerksam.2
- Nämlich: dem Ölberg zu.
- Die Jünger können es nicht fassen, daß der Tempel noch zu ihrer Zeit zerstört werden soll. — Der von Herodes I im Jahr 20 v.Chr. begonnene Neubau des Tempels wurde erst sieben Jahre vor seiner Zerstörung wirklich vollendet.
2 Er aber sprach zu ihnen: "Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben; alles soll zerstört werden."
3 Er ging dann auf den Ölberg1 und setzte sich dort nieder. Da traten die Jünger, als sie allein waren, zu ihm und sprachen: "Sag uns doch: Wann wird dies geschehen,2 und was ist das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes dieser Weltzeit?"3
- Nachdem er den Bach Kidron überschritten hatte.
- Nämlich: das, wovon Mt 23:38-39 die Rede ist: die Zerstörung und Verödung des Tempels und Jesu Wiederkunft in Verbindung mit Israels Bekehrung.
- D.h.: an welchem Vorzeichen kann man erkennen, daß deine Wiederkunft und das Ende des gegenwärtigen Weltlaufs nahe sind? Dies sind zwei Fragen, die aufs engste zusammenhängen, und deren Beantwortung auch von Jesus nicht scharf geschieden wird. — Über das Wort "Wiederkunft" (griechisch: parusia) vgl. die Anmerkung zu 1Kor 15:23.
4 Jesus antwortete ihnen: "Habt acht, daß euch niemand verführe!
5 Denn mancher wird kommen unter meinem Namen1 und behaupten: 'Ich bin der Messias!' Diese Leute werden viele irreführen.
- Unter dem Namen Christus oder Messias.
6 Ihr werdet auch hören von Kriegen und Kriegsgerüchten. Laßt euch dadurch nicht schrecken! Denn das alles muß so kommen. doch es ist noch nicht das Ende.1
- Nämlich: der gegenwärtigen Weltzeit. Es gehört noch der Zeit vor Jesu Wiederkunft an.
7 Denn ein Volk wird sich erheben gegen das andere und ein Reich gegen das andere;1 hier und da werden Hungersnöte und Erdbeben sein.
- Jes 19:2, 2Ch 15:6.
8 Dies alles ist aber erst der Anfang der Nöte.1
- Wörtlich: "der Wehen." — "Die Wehen des Messias," die die Neugeburt der Welt einleiten sollen, Mt 19:28 sind nach jüdischer Ausdrucksweise die Leidenszeit, die der Ankunft des Messias vorhergeht. Das V6-8 Geschilderte ist also erst der Anfang der Leiden der letzten Zeit.
9 Zu der Zeit wird man euch verfolgen und töten; ja alle Völker werden euch hassen, weil ihr meine Jünger seid.1
- Zu jener Zeit wird es also nicht nur in Israel, sondern unter allen Völkern Jünger Jesu geben.
10 Dann werden viele vom Glauben abfallen, sie werden einander verraten und hassen.
11 Auch werden falsche Propheten in großer Zahl auftreten und viele verführen.
12 Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei den meisten erkalten.1
- Also in der Gemeinde Jesu wird ein großer Abfall eintreten. 2Th 2:3
13 Wer aber bis ans Ende1 ausharrt, der soll errettet werden.
- Bis auf Christi Kommen.
14 Die Frohe Botschaft vom Königreich, die schon jetzt erschallt,1 soll in der ganzen Welt verkündigt werden, damit alle Völker ein Zeugnis empfangen.2 Dann erst wird das Ende kommen.
- Mt 3:2, 4:17, 23, 10:7.
- Von Jesus und seiner Wahrheit.
15 Seht ihr nun den Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte stehen, wovon Daniel, der Prophet, geredet hat1 — wer das liest, beachte es wohl!2 —,
- Da 8:13, 9:27, 11:31, 12:11. Es ist hier nicht die Rede von einer Zerstörung, sondern von einer Entweihung der heiligen Stätte, d.h. des Tempels. 2Th 2:3-4
- Dies ist wohl eine Einschaltung des Evangelisten. vgl. Off 13:18, 17:9
16 dann sollen, die in Judäa sind,1 in die Berge fliehen.2
- Dies bezieht sich auf die Christen.
- Das geschah, als die Gläubigen vor der Einschließung Jerusalems durch die römischen Heere im Jahr 70 n. Chr. auf eine göttliche Offenbarung hin die Stadt und das Land verließen und in dem Ort Pella jenseits des Jordan eine sichere Zuflucht fanden.
17 Wer auf dem Dach ist, gehe nicht erst ins Haus hinunter, um noch seine Habe zu holen;1
- Von den platten Dächern der Häuser konnte man unmittelbar auf die Straße kommen; jeder soll ohne Aufenthalt den kürzesten Weg zur Flucht ergreifen. Lu 17:31
18 und wer auf dem Feld ist,1 der kehre nicht in die Wohnung zurück, um sich noch sein Oberkleid zu holen.
- Wo er nur im Unterkleid arbeitete.
19 Doch weh den Frauen, die Kinder erwarten, und stillenden Müttern in jenen Tagen!1
- Denn sie haben unter den Beschwerden der eiligen Flucht besonders zu leiden.
20 Betet aber, daß eure Flucht nicht in den Winter oder auf den Sabbat falle!1
- Im Winter wäre die Flucht für alle mühsam, und am Sabbat würde sie durch die Vorschriften der Gesetzeslehrer gehindert werden, die an diesem Tag nur einen Weg von 2000 Ellen erlaubten. Apg 1:12 Hier wird an Judenchristen gedacht, die noch den Sabbat feiern.
21 Denn es wird dann eine große Trübsal sein, wie noch keine gewesen ist von Anfang der Welt bis heute,1 und wie auch keine wieder kommen wird.
- Da 12:1.
22 Und wären diese Tage1 nicht abgekürzt,2 so würde kein Mensch errettet.3 Doch um der Auserwählten willen4 werden jene Tage abgekürzt.
- Der Trübsal und Verfolgung.
- Nämlich: in Gottes Ratschluß. vgl. Da 7:25, 12:7, 11, Off 12:6, 14, 13:5
- Sondern alle würden der Versuchung erliegen Off 3:10 und vom Glauben abfallen. Off 13:5-18
- Damit sie treu bleiben und errettet werden.
23 Wenn euch dann jemand sagt: 'Jetzt ist der Messias hier oder da', so glaubt es nicht!
24 Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und große Zeichen und Wunder tun,1 um womöglich auch die Auserwählten zu verführen.
- 5Mo 12:32-13:4, 2Th 2:9, 1Jo 2:18, Off 13:11-15.
25 Ich warne euch!
26 Sagt man euch also: 'Er1 ist jetzt in der Wüste', so geht nicht hinaus, oder: 'er ist in diesem oder jenem Haus', so glaubt es nicht!
- Der ersehnte Messias oder Retter.
27 Denn wie der Blitz im Osten aufzuckt, und bis zum Westen leuchtet, so1 wird auch die Wiederkunft des Menschensohnes sein.
- So plötzlich und zugleich so wahrnehmbar für alle Erdbewohner.
28 Denn wo der Leichnam liegt, da sammeln sich die Geier.1
- Es scheint sich hier um eine sprichwörtliche Redensart, vielleicht im Anschluß an Hio 39:30, zu handeln. Ist die Feindschaft gegen Gott zu der in V15 angegebenen Höhe gestiegen, sind da, wo göttliches Leben wohnen sollte, Tod und Verwesung eingezogen, dann wird auch das Gericht hereinbrechen, und über das geistlich Tote soll Verderben kommen. 2Th 2:8, Da 7:25-27
29 Gleich aber nach jener Trübsalszeit wird sich die Sonne verfinstern und der Mond kein Licht mehr geben, die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Himmelskräfte1 werden wanken.2
- Wohl die Kräfte, die das Himmelsgewölbe aufrecht halten.
- 2Pe 3:10, Jes 13:10, 34:4, Hes 32:7-8, Joe 2:30-31. Die gewaltigen Ereignisse, die unmittelbar nach der Trübsal eintreten sollen, werden den Eindruck erwecken, als breche der Himmel zusammen.
30 Dann1 erscheint am Himmel das Zeichen des Menschensohnes,2 und bei seinem Anblick werden wehklagen alle Völker der Erde;3 denn sie werden den Menschensohn kommen sehen auf des Himmels Wolken4 mit großer Macht und Herrlichkeit.
- D.h. nach den V29 angegebenen Erscheinungen, die gleichsam nur die Vorbereitung zu dem in V30 berichteten Ereignis bilden.
- Dieses Zeichen des Menschensohnes scheint von dem gleich darauf erwähnten herrlichen Kommen des Menschensohnes selbst verschieden zu sein. Worin aber das Zeichen besteht, wird nicht gesagt.
- Off 1:7.
- Da 7:13.
31 Und er wird seine Boten senden;1 die sollen die Posaune blasen, daß es weithin schallt:2 so werden sie seine Auserwählten zu ihm sammeln3 von allen Himmelsgegenden aus aller Welt.
- Und zwar noch ehe er auf des Himmels Wolken kommt.
- Das Blasen der Posaunen weist auf ein allgemein vernehmbares Zeugnis: 1Th 4:16.
- 2Th 2:1 "unser Versammeltwerden zu ihm".
32 Vom Feigenbaum entnehmt eine Lehre: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist.
33 So sollt ihr auch, wenn ihr dies alles seht, gewiß sein, daß Er1 nahe vor der Tür ist.
- Der Menschensohn.
34 Wahrlich, ich sage euch: Diese Weltzeit1 ist nicht eher zu Ende, als bis dies alles geschehen ist.
- Das hier gebrauchte griechische Wort genea heißt bei Matthäus 1) Zeitgenossen, d.h. das zur Zeit der Rede lebende Geschlecht, Mt 11:16, 12:41-42, 45, 23:36 2) Geschlecht (der Vorfahren) Mt 1:17,3) Art, Mt 17:17 4) die gegenwärtige Weltzeit, die mit der Wiederkunft Christi abschließt. Mt 24:34 — Nun wird freilich behauptet, he genea in Verbindung mit haute (diese) heiße stets im Neuen Testament die Zeitgenossen, d.h. das zur Zeit der Rede lebende Geschlecht. Dann würde Jesus in V34 sagen, das Geschlecht, zu dem er rede, werde seine Wiederkunft in Herrlichkeit noch erleben. Dies stünde aber im Widerspruch mit dem folgenden V36, wo Jesus ausdrücklich erklärt, Tag und Stunde seiner Wiederkunft sei nur dem Vater bekannt. (Nach einer anderen Lesart heißt es hier — wie Mr 13:32 —: "nicht einmal der Sohn" kennt Tag und Stunde.) Und auch mit dem Vorangehenden stimmte die Übersetzung von genea durch: "das jetzt lebende Geschlecht" nicht. — Die Frage der Jünger in V3 setzt voraus, das Ende dieser Weltzeit, das mit Christi Wiederkunft eintritt, stehe nahe bevor, und der Übergang von dieser zu der kommenden Weltzeit oder dem Reich der Herrlichkeit werde leicht vonstatten gehen. Demgegenüber zeigt ihnen aber Jesus, welche Leiden und Versuchungen die Seinen in dieser Weltzeit noch zu bestehen haben. Erst wenn die Trübsal ihren Höhepunkt erreicht hat, erst dann, nicht früher, ist diese Weltzeit abgelaufen, erst dann erscheint Jesus in seiner Herrlichkeit, und dann beginnt das kommende Weltalter. Genea ist also V34 gleichbedeutend mit dem sonst gebräuchlichen aion, und es entspricht wie dieses dem hebräischen —lam, wofür aber auch dor = genea stehen kann. Ha olam hadseh ("diese Weltzeit") bedeutet bei den Juden die Zeit vor dem Kommen des Messias, ha olam habba ("die künftige Weltzeit") bedeutet die Zeit nach seinem Kommen. Die Griechen gebrauchen übrigens genea auch im Sinne von "Weltzeit, Weltalter;" he chryse genea z.B. heißt "das goldene Weltalter oder Zeitalter".
35 Himmel und Erde werden vergehen,1 meine Worte aber werden nimmermehr vergehen.2
- Hier ist von keiner Weltvernichtung, sondern von einer Welterneuerung die Rede. 2Pe 3:13, Off 21:1
- D.h. sie werden nicht unerfüllt bleiben.
36 Den Tag und die Stunde1 aber kennt niemand, auch die Engel des Himmels nicht, sondern nur mein Vater allein.
- Der Wiederkunft Jesu.
37 Wie es aber zuging in Noahs Tagen,1 so wird's auch zugehen bei der Wiederkunft des Menschensohnes.
- 1Mo 6:1-13.
38 In den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken die Menschen, sie nahmen zur Ehe und gaben1 zur Ehe.2 So trieben sie's bis zu dem Tage, als Noah in die Arche ging;
- Nämlich: ihre Töchter.
- Die Menschen lebten gleichgültig und sorglos in ihrem gewöhnlichen Treiber dahin.
39 und sie ahnten die Gefahr nicht, bis die Flut hereinbrach und sie alle hinwegraffte. Ganz ebenso wird's bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein.
40 Da werden zwei Männer auf demselben Acker arbeiten: der eine wird mitgenommen,1 der andere bleibt zurück.2
- Den nimmt Jesus bei seinem Kommen zu sich, vgl. Joh 14:3, wo im Griechischen dasselbe Zeitwort gebraucht wird.
- D.h.: er bleibt hier auf Erden zurück und fällt dadurch dem Gericht anheim, ähnlich wie es zu Noahs Zeit allen erging, die nicht in die Arche Aufnahme fanden. Vgl. Lu 17:26, 27, 35, 36.
41 Zwei Frauen werden an derselben Mühle mahlen: die eine wird mitgenommen, die andere bleibt zurück.
42 So wacht nun!1 Ihr wißt ja nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
- Schlaft und träumt nicht, versunken in das Getriebe dieser Welt.
43 Das seht ihr ein: wenn ein Hausherr wüßte, zu welcher Nachtstunde der Dieb käme, so bliebe er wach und ließe nicht in sein Haus einbrechen.
44 Darum haltet auch ihr euch immerfort bereit; denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet.
45 Wäre doch jeder Knecht treu und klug, den ein Hausherr1 über sein Gesinde2 setzt, damit er ihnen Speise gebe zu rechter Zeit!3
- Der längere Zeit von zu Hause fern sein muß.
- D.h. über die anderen Sklaven oder leibeigenen Knechte.
- Hier ist die Rede von solchen, die der Herr zu Dienern, Aufsehern und Vorstehern in seiner Gemeinde eingesetzt hat.
46 Wohl dem Knecht, den sein Herr bei seiner Rückkehr also tätig findet!1
- Daß er dem Gesinde zu rechter Zeit Speise gibt.
47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter1 setzen.
- Nicht nur über sein Gesinde.
48 Ist aber der Knecht gewissenlos und denkt in seinem Herzen: 'Mein Herr bleibt noch lange weg';
49 fängt er dann an, die ihm untergebenen Knechte zu mißhandeln, während er mit Trunkenbolden schmaust und zecht;
50 so wird sein Herr ihn überraschen an einem Tag, wo er's nicht erwartet.
51 Dann wird er ihn blutig peitschen lassen und ihn an den Ort verweisen, wo die Heuchler sind. Dort wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein.1
- Mt 8:12.
Chapter 25
1 Dann1 gleicht das Königreich der Himmel zehn Jungfrauen, die mit ihren Lampen in der Hand dem Bräutigam entgegengingen.2
- Zu der Mt 24:50-51 angegebenen Stunde der Entscheidung, wenn der Herr kommt.
- Der Bräutigam kommt von seinem Wohnort zu dem Haus der Braut. Diese erwartet ihn in ihrem Elternhaus, von ihren Brautjungfern umgeben. Von dem Haus der Braut gehen die Brautjungfern dem Bräutigam entgegen, um ihn festlich einzuholen. Sie nehmen die Lampen mit, denn die Überführung der Braut aus dem Haus ihrer Eltern in das Haus des Bräutigams pflegte abends zu geschehen. Nach Rabbi Salomon pflegte man etwa 10 Fackellampen dem Brautzug voranzutragen. Die Ölbehälter der Lampen waren sehr klein. Deshalb mußte bei weiteren Wegen Öl zu Nachfüllen mitgenommen werden. Wenn der Brautzug in dem Haus des Bräutigams angekommen war, so begann das Hochzeitsmahl.
2 Aber fünf von ihnen waren töricht, und nur fünf waren klug.
3 Die törichten nahmen wohl ihre Lampen mit, aber keinen Ölvorrat.
4 Die klugen aber hatten außer ihren Lampen auch noch in Krügen Öl bei sich.
5 Als sich nun die Ankunft des Bräutigams verzögerte,1 nickten sie alle ein und fielen in Schlaf.2
- Warum, wird nicht gesagt.
- Vorher sind sie in ein Haus am Weg eingetreten und haben sich dort niedergesetzt, um den Bräutigam zu erwarten (vgl. V6).
6 Um Mitternacht aber ertönte der laute Ruf: 'Jetzt kommt der Bräutigam! Geht1 und holt ihn festlich ein!'
- Sie sollen das Haus, wo sie den Bräutigam erwartet haben, verlassen.
7 Da wurden alle Jungfrauen wach und setzten ihre Lampen instand.1
- Indem sie den Docht reinigten und beschnitten usw. und frisches Öl aufgossen. Nun merkten die törichten Jungfrauen zu ihrem Schrecken, daß sie kein Öl zum Nachfüllen hatten. Kaum hatten sie den Docht angezündet, so erlosch er wieder.
8 Nun sprachen die törichten zu den klugen: 'Gebt uns von euerm Öl, denn unsere Lampen verlöschen.'
9 Die klugen erwiderten: 'O nein! Es reicht nicht aus für uns und euch; geht lieber zu den Krämern und kauft euch Vorrat.'1
- Die klugen erwarten also, daß auch um Mitternacht noch ein Laden offen ist oder ein Krämer sich wecken läßt.
10 Als sie auf dem Weg waren, um sich Öl zu kaufen, kam der Bräutigam. Die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür ward verschlossen.
11 Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: 'Herr, Herr, tue uns auf!'
12 Er aber antwortete: 'Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht!'1
- Ihr gehört nicht zu den Brautjungfrauen und habt keinen Anteil an der Hochzeitsfeier. Dessen hatten sie sich schon von vornherein durch ihr in V3 beschriebenes Verhalten unwert gemacht.
13 Seid darum recht wachsam;1 denn Tag und Stunde2 sind euch unbekannt!
- Mt 24:42.
- Des Kommens Christi.
14 Es ist (mit dem Königreich der Himmel) wie mit einem Mann, der ins Ausland reisen wollte: der ließ vorher seine Knechte rufen und übergab ihnen sein Vermögen.
15 Dem einen gab er fünf Talente,1 dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Fähigkeit.2 Dann reiste er ab.
- Ein Talent = etwa 4200 Goldmark.
- Mit der anvertrauten Summe Geschäfte zu treiben und so den Besitz des Herrn zu vermehren. (Wir gebrauchen das Wort Talent gerade im Sinne von Fähigkeit, Anlage, Begabung.)
16 Sofort machte sich der Empfänger der fünf Talente daran, das Geld vorteilhaft anzulegen, und gewann fünf andere dazu.
17 Ebenso gewann der Empfänger der zwei Talente noch zwei andere.
18 Der aber nur ein Talent empfangen hatte, ging hin, machte eine Grube in die Erde und verbarg darin das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte zurück und rechnete mit ihnen ab.
20 Da erschien der Empfänger der fünf Talente, brachte noch fünf andere mit und sprach: 'Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh, fünf andere habe ich damit gewonnen.'
21 Da sprach sein Herr zu ihm: 'Recht so, du wackerer und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen. Nimm teil an deines Herrn Freudenfest!'1
- Das der Herr nach seiner Rückkehr feierte.
22 Dann erschien der Empfänger der zwei Talente und sprach: 'Herr, zwei Talente hast du mir gegeben; sieh, zwei andere habe ich damit gewonnen.'
23 Da sprach sein Herr zu ihm: 'Recht so, du wackerer und treuer Knecht! Du bist über wenig treu gewesen, ich will dich über viel setzen. Nimm teil an deines Herrn Freudenfest!'
24 Endlich erschien der Empfänger des einen Talents und sprach: 'Herr, ich kenne dich als einen harten Mann: du willst ernten, wo du nicht gesät, und Korn einsammeln von der Tenne, wo du nicht geworfelt hast.
25 Deshalb bin ich aus Furcht1 hingegangen und habe dein Talent in der Erde verborgen. Hier hast du dein Geld wieder.'
- Das Talent im Handel zu verlieren.
26 Da antwortete ihm sein Herr: 'Du gewissenloser, fauler Knecht! Du weißt, ich will da ernten, wo ich nicht gesät, und Korn einsammeln von der Tenne, wo ich nicht geworfelt habe?
27 Nun, dann1 hättest du mein Geld wenigstens bei der Bank anlegen sollen: so hätte ich doch bei meiner Rückkehr mein Eigentum mit Zins zurückbekommen.2
- Da du mich für hart und ungerecht hältst.
- Ohne daß du irgendwelche Mühe und Arbeit davon gehabt hättest.
28 Nehmt ihm nun das Talent1 und gebt es dem, der die zehn Talente hat. —
- Weil er sein unwert ist.
29 Denn wer (viel) hat, der soll noch mehr empfangen, daß er die Fülle haben; doch wer nur wenig hat, dem soll sogar das wenige genommen werden.1 —
- Mt 13:12.
30 Den unbrauchbaren Knecht aber werft in die Finsternis hinaus: dort wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein.'1
- Das Gleichnis von den Talenten fordert nicht nur zur Wachsamkeit auf wie das vorhergehende von den zehn Jungfrauen, sondern es mahnt vor allem zur treuen Benutzung der Zeit und der vom Herrn verliehenen Gaben. Ebenso wie das Gleichnis in Mt 24:45-51 hat es eine besondere Bedeutung für die Knechte, die dem Herrn in einem Amt seiner Kirche dienen. Aber nicht in knechtischer Furcht (V24-25), sondern mit freiwilligem und freudigem Herzen soll jeder Gläubige seine Aufgabe in Jesu Dienst erfüllen.
31 Ist aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit gekommen, und alle Engel mit ihm, dann setzt er sich auf seinen herrlichen Königsthron.
32 Alle Völker versammeln sich vor seinem Angesicht. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Ziegenböcken scheidet,1
- Bei der Heimkehr von der Weide treibt der Hirte die dort nicht streng getrennten Schafe und Ziegen in ihre besonderen Lagerstätten. Die Schafe sind in Palästina meistens weiß, die Ziegen hingegen schwarz (vgl. auch Hes 34:17).
33 und er stellt die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zur Linken.
34 Dann wird der König sagen zu denen, die ihm zur Rechten stehen: 'Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt in Besitz das Königreich, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt!
35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir Speise gereicht; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin obdachlos gewesen, und ihr habt mich aufgenommen;
36 ich bin nackt1 gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.'
- D.h. schlecht oder mangelhaft bekleidet.
37 Dann werden ihm die Gerechten erwidern: 'Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und gespeist, oder durstig und dich getränkt?
38 Wann haben wir dich obdachlos gesehen und in unser Haus genommen, oder nackt und dich bekleidet?
39 Wann haben wir dich krank gesehen oder im Gefängnis und sind zu dir gekommen?'
40 Und der König wird ihnen antworten: 'Wahrlich, ich sage euch: Jeden Liebesdienst, den ihr einem meiner geringsten Brüder, die hier stehen, erwiesen habt, den habt ihr mir erwiesen.'1
- Mt 10:42, Spr 19:17
41 Dann wird der König sagen zu denen, die ihm zur Linken stehen: 'Hinweg von meinem Angesicht, ihr Verfluchten! Geht in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat!1
- Also zunächst nur für diese, nicht aber für Menschen. Nur die Menschen werden im Endgericht auch dorthin verwiesen, die sich auf des Teufels Seite gestellt haben und als Gottes Feinde dann auch dem Fluch verfallen. Nach dem Sündenfall ist jedoch über den Menschen noch kein Fluch ausgesprochen worden, sondern nur über die Schlange und den Acker. 1Mo 3:14, 17
42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir keine Speise gereicht; ich bin durstig gewesen und ihr habt mich nicht getränkt;
43 ich bin obdachlos gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet; ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht!'
44 Dann werden auch sie erwidern: 'Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen, wann obdachlos oder nackt, wann krank oder im Gefängnis, und haben dir nicht gedient?'1
- D.h.: wir haben ja nie Gelegenheit gehabt, dir zu dienen.
45 Dann wird er ihnen antworten: 'Wahrlich, ich sage euch: Was ihr versäumt habt an einem der Geringsten, die hier stehen, das habt ihr an mir versäumt.'
46 Und sie gehen weg zu ewiger Strafe;1 die Gerechten aber gehen ein ins ewige Leben."2
- Das hier gebrauchte Wort kommt im Neuen Testament nur noch 1Jo 4:18 vor.
- "Ewig" wird bei "Strafe" und "Leben" im Griechischen durch dasselbe Wort (aionios) ausgedrückt. Dieses Wort muß daher auch in beiden Fällen dieselbe Bedeutung haben. Nun bezeichnet aber aionios in allen Stellen des Neuen Testaments den Begriff der Ewigkeit im vollen Sinne des Wortes, während an manchen Stellen des Alten Testaments das Wort olam (Ewigkeit) nur von einem endlichen, wenn auch langen Zeitraum gebraucht wird. z.B. 5Mo 13:16, 15:17, 1Sa 1:22, 27:12, Jes 32:14 — Vgl. mit V31-46 Off 20:11-15.
Chapter 26
1 Als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern:
2 "Ihr wißt, daß übermorgen das Passahfest1 ist; dann wird der Menschensohn dem Kreuzestod überliefert."
- D.h. das Verschonungsfest, das jährlich am Abend des 14. Nisan zum Andenken an die Verschonung der Israeliten vor der letzten ägyptischen Plage gefeiert wurde.
3 Da versammelten sich die Hohenpriester und Ältesten des Volkes1 in dem Palast des Hohenpriesters, namens Kaiphas,2
- Die Mitglieder des Hohen Rates.
- Er hieß eigentlich Josef; Kaiphas (das von manchen Kephas = Stein gedeutet wird) war nur sein Beiname; er war Hoherpriester von 18-36 n. Chr.
4 und beratschlagten, wie sie Jesus mit List in ihre Gewalt bekommen und töten könnten.
5 Sie sagten aber: "Nur nicht am Fest! Es könnte sonst zu einer Volkserhebung kommen."1
- Griff man den Herrn auf offenem Fest, so mußte man fürchten, daß ihn das Volk zu befreien suchte. Erst als der Hohe Rat Jesus den Römern überantwortet hatte, brauchte er nicht mehr die Öffentlichkeit zu scheuen.
6 Als sich nun Jesus in Bethanien im Haus Simons des Aussätzigen aufhielt,1
- Mt 21:17. Simon war früher aussätzig gewesen und vielleicht von Jesus geheilt worden.
7 trat eine Frau zu ihm mit einem Glas kostbaren Salböls und goß es auf sein Haupt, während er auf seinem Sitz beim Mahl ruhte.1
- Man saß beim Mahl nicht auf Stühlen, sondern lag auf Polstern. Das Waschen und Salben der Füße war beim Mahl etwas Gewöhnliches.
8 Bei diesem Anblick wurden die Jünger unwillig und sprachen:
9 "Schade um das Salböl! Man hätte es teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können."
10 Jesus hörte das und sprach zu ihnen: "Warum kränkt ihr die Frau? Sie hat ein rühmlich Werk an mir getan.
11 Denn Arme habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer.
12 Mit diesem Öl, das sie auf meinen Leib gegossen, hat sie mich zum Begräbnis gesalbt.
13 Wahrlich, ich sage euch: Wo in der weiten Welt diese meine Heilsbotschaft verkündigt wird, da wird man auch zu ihrem Gedächtnis von ihrer Tat erzählen."
14 Darauf ging einer der Zwölf, mit Namen Judas, aus Kariot, zu den Hohenpriestern
15 und sprach: "Was wollt ihr mir geben, wenn ich ihn euch in die Hände liefere?" Sie zahlten ihm dreißig Silberlinge.1
- Ein Silberling (Sekel) ist etwa 3 Goldmark. Vgl. Sac 11:12.
16 Seitdem suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn zu verraten.
17 Am ersten Tag der ungesäuerten Brote1 traten die Jünger zu Jesus und fragten ihn: "Wo sollen wir das Passahmahl bereiten?"2
- Während der ganzen Festfeier vom 14.-21. Nisan mußte ungesäuertes Brot gegessen werden. 2Mo 12:18-20 Am Abend des 13. Nisan wurde aller Sauerteig gesammelt und am Morgen des 14. verbrannt.
- Dieses Mahl hielt jede Familie am Abend des 14. Nisan, nachdem der Hausvater vorher im Tempelvorhof das Passahlamm geopfert hatte.
18 Er antwortete: "Geht in die Stadt1 zu dem und dem2 und sprecht zu ihm: 'Der Meister läßt dir sagen: Meine Zeit3 ist nahe; bei dir will ich das Passah halten mit meinen Jüngern.'"4
- Jerusalem.
- Hier nennt Jesus den Namen des ihm befreundeten Hausbesitzers, den aber der Evangelist aus unbekannten Gründen verschweigt.
- Der Zeitpunkt meines Todes.
- Jesus sollte und wollte vor seinem Tod noch das Passah halten.
19 Die Jünger führten Jesu Auftrag aus und richteten die Passahmahlzeit zu.
20 Als dann der Abend kam, nahm er mit den zwölf Jüngern beim Mahl Platz.1
- Die Passahmahlzeit fand nach jüdischen Berichten in folgender Ordnung statt: Nach einem Dankgebet trank der Hausvater mit seinen Tischgenossen den ersten Becher Wein; während des Mahls wurden vier Becher roten, mit Wasser gemischten Weins getrunken. Nach dem ersten Becher wurde ein Tisch mit bitteren Kräutern aufgetragen, die an die bitteren Leiden Israels in Ägypten erinnern sollten. Davon aß man, bis das ungesäuerte Brot mit dem Passahlamm vorgesetzt wurde. Nach einem abermaligen Dankgebet wurde der zweite Becher eingeschenkt. Nun gab der Hausvater eine Belehrung über die Bedeutung des Festes. Im Anschluß daran wurde der erste Teil des Hallel oder Lobgesangs (Ps 113 und Ps 114) angestimmt, worauf der zweite Becher getrunken wurde. Dann nahm der Hausvater zwei ungesäuerte Brote, brach das eine, sprach den Segen darüber, umwickelte ein Stück davon mit bitteren Kräutern, tunkte es in einen Brei (Charoset genannt) und aß es. Jetzt begann erst die eigentliche Mahlzeit, indem man das in den Brei getunkte Brot und das Passahlamm aß. Nach dem Essen segnete und trank der Hausvater den dritten Becher, den Becher des Lobpreises oder des Segens. 1Kor 10:16 Nachdem der vierte Becher eingeschenkt war, wurde der zweite Teil des Hallel (Ps 115$ 116$ 117$ 118) gesungen.
21 Während sie aßen, sprach er: "Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten!"
22 Da wurden sie tief betrübt, und einer nach dem anderen fragte ihn: "Herr, ich bin's doch nicht?"
23 Er erwiderte: "Der eben seine Hand mit mir in die Schüssel getunkt hat,1 der wird mich verraten.
- Gemeint ist das Eintunken des Brotes oder Fleisches in den Brei (Charoset).
24 Der Menschensohn geht zwar zum Tode, das steht ja von ihm geschrieben. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Für diesen Menschen wäre es am besten, er wäre nie geboren."
25 Da nahm Judas, sein Verräter, das Wort und fragte ihn: "Ich bin's doch nicht, Meister?" Er sprach zu ihm: "Du bist es."1
- Wörtlich: "Du hast es gesagt."
26 Als sie aßen, nahm Jesus das Brot,1 sprach den Segen, brach's und gab es seinen Jüngern mit den Worten: "Nehmt, eßt, das2 ist mein Leib!"
- Er nahm eines der auf dem Tisch liegenden ungesäuerten Brote in die Hand.
- Dieses Brot.
27 Darauf nahm er einen Becher, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten:
28 "Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut, das Blut des Neuen Bundes,1 das für viele vergossen werden soll zur Vergebung der Sünden.
- 2Mo 24:8, Sac 9:11.
29 Doch ich sage euch: Ich will nie wieder von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, wo ich den neuen Wein mit euch trinke in meines Vaters Königreich."
30 Nach dem Lobgesang1 gingen sie hinaus an den Ölberg.
- Dem zweiten Teil des großen Hallel, Ps 115$ 116$ 117$ 118.
31 Auf dem Weg dorthin sprach Jesus zu ihnen: "In dieser Nacht werdet ihr alle an mir irrewerden. Denn es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.1
- Frei nach Sac 13:7.
32 Nach meiner Auferstehung aber will ich euch vorausgehen nach Galiläa."1
- Dort will sich Jesus mit seinen zerstreuten Aposteln wieder vereinigen.
33 Petrus sprach zu ihm: "Wenn auch alle anderen an dir irrewerden — ich nun und nimmer!"
34 Jesus antwortete ihm: "Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, noch vor dem Hahnenschrei, wirst du mich dreimal verleugnen."
35 Petrus entgegnete ihm: "Und müßte ich auch mit dir sterben, ich verleugne dich sicher nicht." Ebenso sprachen auch alle anderen Jünger.
36 Dann kam Jesus mit seinen Jüngern zu einem Landgut,1 mit Namen Gethsemane.2 Und er sprach zu ihnen: "Setzt euch hier nieder, während ich dorthin gehe und bete!"
- Dessen Besitzer wohl mit Jesus befreundet war.
- D.h. "Ölkelter" (es lag am westlichen Abhang des Ölbergs) oder "Kelter der Zeichen," vielleicht ein bildlich gemeinter Grundstückname. Vgl. G. Dalman: Orte und Wege Jesu, 1924, S.340.
37 Er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus1 mit sich. Nun überfiel ihn Traurigkeit und Grauen,
- Jakobus und Johannes. Mt 17:1
38 und er sprach zu ihnen: "Meine Seele ist zum Tode betrübt; bleibt hier und wacht mit mir!"
39 Dann ging er ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete: "Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch1 an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst."
- Der Kelch des Leidens und des Todes.
40 Und er kam zurück zu seinen Jüngern und fand sie schlafend. Da sprach er zu Petrus: "Könnt ihr denn nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?
41 Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist1 ist zwar willig,2 aber das Fleisch3 ist schwach."4
- Der innere Mensch. Rö 7:22
- Zum Guten.
- Das natürliche Wesen und Wollen.
- Es kann das Gute nicht vollbringen. Rö 7:18
42 Dann ging er zum zweiten Mal hin und betete: "Mein Vater, kann dieser Kelch nicht vorübergehen, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille."
43 Als er zurückkam fand er sie wieder schlafend; denn die Augen fielen ihnen zu vor Müdigkeit.
44 Und er verließ sie, ging wieder weg und betete zum dritten Mal, ganz mit denselben Worten.
45 Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: "Ihr schlaft noch weiter und ruht? Seht, der Augenblick ist nahe! Jetzt wird der Menschensohn in Sünderhände geliefert!
46 Auf, wir gehn! Mein Verräter naht!"
47 Während er noch redete, da erschien Judas, einer der Zwölf, begleitet von einer großen Schar, die, mit Schwertern und Knütteln bewaffnet, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes ausgesandt war.
48 Sein Verräter aber hatte ein Zeichen mit ihnen verabredet und gesagt: "Wen ich küsse, der ist's, den nehmt fest!"
49 Sogleich nun trat er auf Jesus zu mit den Worten: "Sei gegrüßt, Meister!" und küßte ihn.
50 Jesus aber sprach zu ihm: "Freund, wozu bist du hier?" Nun traten sie hinzu, legten Hand an Jesus und nahmen ihn gefangen.
51 Doch einer der Begleiter Jesu streckte seine Hand aus, zog sein Schwert, schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab.
52 Da sprach Jesus zu ihm: "Stecke dein Schwert wieder ein! Denn alle, die zum Schwert greifen, sollen durchs Schwert umkommen.
53 Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, er möge mir in diesem Augenblick mehr als zwölf Heerscharen1 Engel zu Hilfe senden?
- Wörtlich: "Legionen." Eine römische Legion hatte zur Zeit des Kaisers Augustus etwa 6800 Mann.
54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt? Es muß so kommen!"
55 Zugleich sprach Jesus zu der Schar: "Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knütteln ausgezogen, um mich gefangenzunehmen. Tagtäglich habe ich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht festgenommen."
56 - Dies alles aber ist geschehen, damit sich die Schriften der Propheten erfüllten.1 — Da verließen ihn alle seine Jünger und flohen.
- V56 gehört nicht mehr zu den Worten Jesu; es ist eine Bemerkung des Evangelisten.
57 Nach seiner Gefangennahme ward Jesus zu dem Hohenpriester Kaiphas geführt, bei dem sich die Schriftgelehrten und Ältesten versammelt hatten.
58 Petrus aber folgte ihm von weitem bis zu des Hohenpriesters Palast; dort trat er ein und setzte sich zu den Dienern, um zu sehen, wie es ende.
59 Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten nach einem falschen Zeugnis gegen Jesus, damit sie ihm zum Tod verurteilen könnten.
60 Aber obwohl viele falsche Zeugen auftraten, fanden sie doch keines. Schließlich kamen zwei
61 und sagten aus: "Dieser Mann hat behauptet: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und ihn in drei Tagen wiederbauen."1
- Dies ist eine Verdrehung der Worte Jesu in Joh 2:19.
62 Da erhob sich der Hohepriester und sprach zu ihm: "Antwortest du nichts auf das, was diese wider dich vorbringen?"
63 Doch Jesus schwieg. Dach sprach der Hohepriester zu ihm: "Ich beschwöre dich bei Gott, dem Lebendigen: Sag uns: bist du der Messias, Gottes Sohn?"1
- Der Zusatz "Gottes Sohn" erklärt den Ausdruck "der Messias" näher. Daß der Name "Gottes Sohn" hier in seiner vollen Bedeutung steht wie Mt 16:16, wird durch V64 bestätigt Denn der Hohepriester und der Hohe Rat finden darin eine Gotteslästerung. Das wäre aber unmöglich gewesen, wenn dem Hohenpriester "Gottes Sohn" nichts weiter bedeutet hätte als "Messias" nach der gewöhnlichen jüdischen Vorstellung.
64 Jesus erwiderte: "Ja, ich bin's.1 Doch ich versichere euch: Von nun an sollt ihr den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht2 und kommen auf des Himmels Wolken."3
- Wörtlich: "Du hast's gesagt." Dies ist eine eidliche Bejahung der Frage des Hohenpriesters.
- Der göttlichen Allmacht.
- Ps 110:1, Da 7:13.
65 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider1 und sprach: "Er hat Gott gelästert! Was brauchen wir noch weiter Zeugen? Ihr habt ja selbst seine Gotteslästerung gehört.
- Sonst Ausdruck der Trauer, 2Sa 1:11 in dieser Hinsicht jedoch dem Hohenpriester verboten; 3Mo 10:6 hier Ausdruck des Unwillens. Das jüdische Strafrechtsverfahren schrieb übrigens den Richtern das Zerreißen der Kleider zur Bezeugung einer Gotteslästerung vor.
66 Wie urteilt ihr?" Sie erwiderten ihm: "Er ist des Todes schuldig!"1
- Wann ist nach jüdischen Gesetz der Gotteslästerer des Todes schuldig? Nur wenn er bei seiner Lästerung den "Namen" (den Jahwenamen) deutlich ausspricht. Der Hohe Rat weiß, vielleicht durch den Verräter Judas, Jesus hat sich Mt 16:16 Jahwes Sohn nennen lassen. Aber man kann es ihm nicht, der Vorschrift gemäß, durch zwei oder drei Zeugen beweisen. Darum erzwingt der Hohepriester gleichsam durch seine beschwörende Frage von Jesus die entscheidende Antwort. (So Bornhäuser: Zum Petrusbekenntnis und zur Hohenpriesterfrage, S.80f.).
67 Nun spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten; andere gaben ihm Backenstreiche
68 und sprachen dabei (höhnisch): "Zeig dich als Prophet, Messias! Sag uns: wer hat dich geschlagen?"1
- Jesus soll den Namen des Betreffenden nennen.
69 Unterdes saß Petrus draußen im Hof.1 Da kam eine Magd auf ihn zu und sprach: "Du warst auch bei dem Jesus aus Galiläa!"
- Gemeint ist der innere Hof in der Mitte des viereckigen Gebäudes; das Verhör fand im Inneren des Palastes statt.
70 Er leugnete aber in Gegenwart aller und sagte: "Ich verstehe nicht, was du von mir willst."
71 Als er dann aus dem inneren Hof in die Halle1 trat, sah ihn eine andere Magd. Die sprach zu den Leuten dort: "Der hier hat zu Jesus von Nazaret gehört!"
- Die in den äußeren Hof führte.
72 Und wieder leugnete er und schwur dazu: "Ich kenne den Menschen nicht!"
73 Nach einer kleinen Weile traten die Umstehenden zu Petrus und sprachen: "Wahrhaftig, du gehörst auch zu ihnen! Schon deine Mundart verrät dich."1
- Die Galiläer wurden wegen ihrer Aussprache, die namentlich die Kehllaute nicht gehörig unterschied, von den Judäern verspottet.
74 Da fing er an, sich zu verwünschen und zu schwören: "Ich kenne den Menschen nicht!" In dem Augenblick krähte ein Hahn.1
- L. Schneller hat in Jerusalem wahrgenommen, daß dort der Hahn jede Nacht zuerst zwischen 10 und 11 Uhr kräht. ("Der Bote aus Zion," März 1922, S. 7.)
75 Da dachte Petrus an Jesu Wort: "Noch vor dem Hahnenschrei wirst du mich dreimal verleugnen." Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Chapter 27
1 Nach Tagesanbruch1 berieten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes, wie sie das Todesurteil an Jesus2 am besten vollziehen lassen könnten.
- Etwa um 6 Uhr morgens.
- Das sie Mt 26:66 gefällt hatten.
2 Dann führten sie ihn gefesselt ab und überlieferten ihn dem Statthalter Pontius Pilatus.1
- Jedes vom Hohen Rat gefällte Todesurteil mußte von dem römischen Statthalter als dem Stellvertreter des Kaisers bestätigt werden. Pilatus war 26-36 n. Chr. Statthalter von Judäa.
3 Als Judas, sein Verräter, sah, daß er verurteilt worden war, da brachte er, von Reue gequält,1 die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück
- Diese Reue war keine gottgefällige Traurigkeit, 2Kor 7:10 sondern nur die Qual des bösen Gewissens; sie wirkte bei Judas den Tod.
4 und sprach: "Ich habe mich versündigt durch den Verrat unschuldigen Bluts."
5 Sie antworteten ihm: "Was geht uns das an? Das ist deine Sache!" Da warf er das Geld in den Tempel und eilte davon, ging hin und erhängte sich.
6 Die Hohenpriester aber nahmen das Geld und sprachen: "Es darf nicht in den Tempelschatz gelegt werden, denn es ist Blutgeld."1
- Ähnlich war das Gesetz 5Mo 23:18.
7 So kauften sie denn nach einer Beratung den bekannten Töpferacker1 dafür zum Begräbnisplatz für die Fremden.2
- D.h. einen Acker, den früher ein Töpfer besessen hatte und der den Bewohnern Jerusalems, für die ja Matthäus zunächst geschrieben hat, unter dem Namen Töpferacker wohlbekannt war.
- Hier ist wahrscheinlich besonders an auswärtige Festpilger zu denken, die während ihres Aufenthaltes in Jerusalem starben.
8 Darum heißt der Acker noch heutigentags der Blutacker.
9 So erfüllte sich das Wort des Propheten Jeremia: Ich nahm die dreißig Silberlinge, die ich als Lohn empfangen für ihn, auf den einige der Söhne Israels1 einen Preis gesetzt,
- Nämlich die Mitglieder des Hohen Rates.
10 und gab sie für den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.1
- Diese Stelle, in der Matthäus den Verräter Judas redend einführt, findet sich nicht in diesem Wortlaut bei Jeremia; sondern sie erinnert zunächst an Sac 11:12-13, lehnt sich aber jedenfalls an Jer 18:2-4, 32:6-9. Ich lese in V10 εδωκα, nicht εδωκαν.
11 Jesus wurde nun vor den Statthalter geführt. Der fragte ihn: "Bist du der Juden König?" Jesus antwortete: "Ja, ich bin's."1
- Wörtlich: "Du sagst es." Damit bejaht Jesus die an ihn gerichtete Frage wie Mt 26:64.
12 Doch auf die Anklagen der Hohenpriester und Ältesten erwiderte er nichts.
13 Da sprach Pilatus zu ihm: "Hörst du nicht, was sie alles gegen dich vorbringen?"
14 Aber er antwortete ihm auf keine einzige Frage, so daß es den Statthalter sehr wunder nahm.
15 Nun pflegte der Statthalter an jedem Passahfest dem Volk nach dessen freier Wahl einen Gefangenen loszugeben.1
- Wohl zur Erinnerung an die Befreiung Israels aus Ägypten.
16 Man hatte damals aber einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Barabbas.1
- D.h. Sohn des Vaters, ein auch sonst vorkommender Beiname.
17 Als sich nun viele aus dem Volk angesammelt hatten, fragte sie Pilatus: "Wen soll ich euch losgeben: Barabbas oder Jesus, den man den Messias nennt?"1
- In alten Handschriften des zweiten Jahrhunderts führt hier auch Barabbas den bei den Juden nicht seltenen Namen Jesus (Jesus Barabbas).
18 Er wußte nämlich, daß sie ihn nur aus Neid überantwortet hatten.
19 Während er auf dem Richterstuhl1 saß, ließ seine Frau2 ihm sagen: "Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten;3 denn ich habe heute nacht einen unheilvollen Traum über ihn gehabt."4
- Der vor seinem Palast unter freiem Himmel stand.
- Die Sage nennt sie Klaudia Prokula.
- Tue ihm nichts zuleide.
- Sie fürchtet, ihr Mann könne sich durch die Verurteilung eines Gerechten die göttliche Rache zuziehen. Diese Heidin hatte wohl mehr von Jesus und seiner Wirksamkeit gehört.
20 Die Hohenpriester und die Ältesten hatten indes das Volk dazu beredet, Barabbas sich loszubitten und Jesu Tod zu fordern.
21 Als nun der Statthalter sie von neuem fragte: "Wen von diesen beiden soll ich euch losgeben?", da riefen sie: "Barabbas!"
22 Pilatus sprach zu ihnen: "Was soll ich denn mit Jesus machen, den man den Messias nennt?" Sie riefen alle: "Ans Kreuz mit ihm!"
23 Da fragte der Statthalter: "Was hat er denn verbrochen?" Sie aber schrien nur noch lauter: "Ans Kreuz mit ihm!"
24 Als nun Pilatus einsah, daß er nichts erreichte, sondern daß der Lärm immer ärger wurde, da ließ er Wasser bringen, wusch sich vor aller Augen die Hände1 und sprach: "Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten! Seht ihr zu!"2
- Um nach einer bekannten jüdischen Sitte damit seine Unschuld an Jesu Tod zu erklären: 5Mo 21:6-7.
- Wie ihr es verantworten könnt.
25 Da rief das ganze Volk: "Sein Blut komme auf uns und auf unsere Kinder!"
26 Da gab er ihnen Barabbas los. Jesus aber ließ er geißeln1 und übergab ihn dann (den Soldaten) zur Kreuzigung.
- Nach römischer Sitte ging die Geißelung der Kreuzigung voraus. Die Römer verhängten den Kreuzestod als "Sklaventod" über Unfreie und Nichtbürger.
27 Nun führten die Soldaten des Statthalters Jesus in das Innere des Palastes1 und sammelten die ganze Schar2 ihrer Genossen, um ihren Spott mit ihm zu treiben.3
- Die römischen Statthalter, deren Wohnsitz in Cäsarea am Meer war, wohnten bei ihrem Aufenthalt in Jerusalem in dem früheren Palast des Königs Herodes d. Gr.
- Wörtlich: "die ganze Kohorte." Die römische Kohorte, der zehnte Teil der Legion, hatte etwa 600 Mann. Natürlich kann sich nur ein kleiner Teil dieser Abteilung in dem Palast befunden haben, so daß der Ausdruck ganz allgemein von einer Schar Soldaten gebraucht wird.
- Wörtlich: "sie sammelten die ganze Schar gegen ihn".
28 Sie entkleideten ihn, legten ihm einen scharlachroten Soldatenmantel um,1
- Der sein Königsmantel sein sollte.
29 flochten aus Dornen eine Krone1 und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm einen Rohrstab2 in seine rechte Hand. Dann beugten sie die Knie vor ihm und riefen höhnisch: "Heil dir, Judenkönig!"
- Vgl. G. Dalman: Orte und Wege Jesu, 1924, S.263ff.
- Als Königszepter.
30 Dabei spien sie ihn an, nahmen den Rohrstab und schlugen ihn damit aufs Haupt.
31 Als sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, zogen sie ihm den Soldatenmantel aus, legten ihm seine eigenen Kleider wieder an und führten ihn ab zur Kreuzigung.
32 Als sie die Stadt verließen,1 trafen sie einen Mann aus Kyrene,2 namens Simon. Den zwangen sie, Jesu Kreuz zu tragen.
- Die Hinrichtungen geschahen außerhalb der Stadt. 1Kön 21:13, Apg 7:58
- Kyrene mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung war eine große und blühende Stadt Libyens in Nordafrika.
33 So kamen sie zu einem Platz, namens Golgatha, das heißt Schädelstätte.1
- Der Hügel hatte seinen Namen wahrscheinlich von seiner schädelförmigen Gestalt.
34 Dort gaben sie1 ihm betäubenden Wein zu trinken.2 Doch als er ihn gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.3
- Die römischen Soldaten, die Jesus kreuzigen sollten.
- Mit einem betäubenden Gift gemischter Wein (an unserer Stelle wörtlich: "Wein mit Galle," d.h. hier jedenfalls mit Gift von bitterem Geschmack gemischt) wurde nach jüdischer und heidnischer Sitte den Hinzurichtenden angeboten, um sie für die Schmerzen abzustumpfen.
- Er wollte alle Schmerzen mit vollem Bewußtsein leiden.
35 Nach seiner Kreuzigung verteilten sie seine Kleider unter sich, indem sie das Los darüber warfen.1
- Nach einem römischen Gesetz fielen die Kleider der Hingerichteten den Vollstreckern des Urteils zu. — Hinter "das Los darüber warfen" lassen einige Handschriften die Worte folgen: "damit der Ausspruch des Propheten in Erfüllung gehe: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen." Ps 22:18 Aber nach den besten Zeugen sind diese Worte nicht ursprünglich; sie sind hier jedenfalls aus Joh 19:24 eingefügt worden.
36 Dann setzten sie sich dort nieder und hielten bei ihm Wache.1
- Die Gekreuzigten wurden bewacht.
37 Über seinem Haupt aber war eine Inschrift angebracht mit der Angabe seiner Schuld,1 die lautete: Dies ist Jesus, der Juden König.
- Auch dies pflegte sonst bei Kreuzigungen zu geschehen.
38 Auch wurden mit ihm zwei Räuber gekreuzigt, der eine zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken.
39 Die Vorübergehenden aber schmähten ihn: sie schüttelten den Kopf1
- Ps 22:7, 109:25.
40 und sprachen: "Du wolltest ja den Tempel niederreißen und ihn in drei Tagen wiederbauen. Nun hilf dir selbst! Bist du Gottes Sohn, so steige vom Kreuz herab!"
41 Auch die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten und den Ältesten spotteten und sagten:
42 "Anderen hat er geholfen, und sich selbst kann er nun nicht helfen! Er will ja der König Israels sein! Nun gut, so mag er jetzt vom Kreuz heruntersteigen! Dann wollen wir an ihn glauben.
43 Er hat auf Gott vertraut; der mag ihn nun retten, wenn's ihm gefällt.1 Er hat ja gesagt: ich bin Gottes Sohn."
- Ps 22:8 Weish. Sal. 2,13.17-20.
44 Ebenso beschimpften ihn die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
45 Von der sechsten Stunde aber bis zur neunten1 bedeckte Finsternis die ganze Gegend.2
- Von 12 Uhr mittags bis 3 Uhr nachmittags.
- D.h. Jerusalem und seine Umgebung: dies scheint der Sinn des griechischen Ausdrucks zu sein.
46 Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: "Eli, Eli, lema sabachthani!" Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?1
- Ps 22:1.
47 Als dies einige der Umstehenden hörten, sprachen sie: "Der ruft Elia."1
- Dies ist eine spöttische Verdrehung der Worte Jesu.
48 Sofort lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf einen Rohrstab und wollte ihm zu trinken geben.
49 Da sprachen die anderen: "Laß doch!1 Wir wollen sehen, ob Elia wirklich kommt und ihm hilft."2
- Gib ihm nicht zu trinken!
- Dies ist offenbar Spott gegenüber der mitleidigen Tat dessen, der Jesus zu trinken geben will. Denn Jesu Angstruf schien ihm von quälendem Durst, der gewöhnlichen furchtbaren Plage der Gekreuzigten, zu zeugen.
50 Jesus aber schrie nochmals laut und gab den Geist auf.
51 In diesem Augenblick zerriß der Tempelvorhang1 von oben bis unten in zwei Stücke.
- Durch einen Vorhang wurde das Heilige von dem Allerheiligsten getrennt. Außerdem gab es aber damals im Tempel noch einen anderen prächtigen Vorhang: der hing vor der Eingangspforte, die aus der Vorhalle in das Heilige führte. Nun hat aber nach jüdischen Berichten gerade an dieser Eingangspforte während des Passahfestes um das Jahr 30 (oder 29) n. Chr. zur Zeit des Abendopfers ein wunderbarer Vorgang stattgefunden, der von den Schriftgelehrten als ein Vorzeichen von der Zerstörung des Tempels betrachtet wurde. Ebenso haben auch die alten Kirchenväter des Zerreißen des Vorhangs im Augenblick des Todes Jesu auf den Untergang des Tempels gedeutet (vgl. Th. Zahn: Das Evangelium des Matthäus, S.706f.).
52 Die Erde erbebte. Die Felsen zerbarsten. Die Gräber1 öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen2 wurden auferweckt;
- Die Felsengräber in der Nähe von Jerusalem.
- Viele Gerechte der Vorzeit, die dort begraben lagen.
53 die gingen aus ihren Gräbern hervor, kamen nach seiner Auferstehung in die heilige Stadt1 und erschienen vielen.
- Jerusalem.
54 Als aber der Hauptmann und seine Leute, die bei Jesus Wache hielten, das Erdbeben und, was sich sonst noch zutrug, sahen, da wurden sie von großer Furcht erfüllt und sprachen: "Dieser Mann ist wirklich Gottes Sohn gewesen!"1
- Sie hatten wohl gehört, daß Jesus wegen dieses Bekenntnisses angeklagt und gekreuzigt worden war.
55 Es waren dort auch viele Frauen, die von fern zusahen: sie hatten Jesus von Galiläa her begleitet und ihm gedient.
56 Unter ihnen waren auch Maria aus Magdala,1 Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.
- Einer Ortschaft am Westufer des Sees Genezaret.
57 Am Abend kam ein reicher Mann, aus Arimathäa1 gebürtig, mit Namen Josef, der auch eine Jünger Jesu geworden war.2
- D.i. wohl Rama (Ramathaim) in Efraim, Samuels Geburtsort, 1Sa 1:19 später als Stadt Judäas bezeichnet (1. Makk. 11,34 Lu 23:51).
- Wohin Josef, der jedenfalls in Jerusalem seinen Wohnsitz hatte, kam, wird nicht gesagt. Er kam wohl nach Golgatha und begab sich von da zu Pilatus.
58 Der ging zu Pilatus und bat ihn um Jesu Leichnam. Da befahl Pilatus, man solle ihm den Leichnam überlassen.
59 Nun nahm Josef den Leichnam, ließ ihn in reine Leinwand wickeln
60 und in ein noch unbenutztes Grab legen, da er für sich in einen Felsen hatte hauen lassen. Dann ließ er einen großen Stein vor die Grabesöffnung wälzen und entfernte sich.1
- Vgl. über Christi Grab G. Dalman: Orte und Wege Jesu, 1924, XXI, Golgatha und das Grab.
61 Maria aus Magdala aber und die andere Maria blieben dort und setzten sich dem Grab gegenüber.
62 Am nächsten Tag, am Tag nach dem Freitag,1 kamen die Hohenpriester und die Pharisäer gemeinsam zu Pilatus
- D.h. also am Sabbat; wörtlich: "am Tag nach der Vorbereitung" auf den Sabbat.
63 und sprachen: "Herr, es ist uns eingefallen, daß jener Betrüger bei seinen Lebzeiten gesagt hat: 'Nach drei Tagen werde ich auferstehen.'
64 Laß nun das Grab bis zum dritten Tag streng bewachen, damit nicht etwa seine Jünger kommen und ihn stehlen und dann zum Volk sagen: 'Er ist von den Toten auferstanden.' Dann wäre der letzte Betrug noch schlimmer als der erste."1
- Als den ersten Betrug sehen sie wohl Jesu Erklärung an, daß er der verheißene Messias sei. Es scheint, sie wollen Pilatus glauben machen, es drohe dem Staate eine Gefahr, wenn Jesu Jünger seine Auferstehung verkündigten.
65 Pilatus sprach zu ihnen: "Ihr sollt eine Wache haben. Geht hin und verwahrt das Grab, so gut ihr könnt."
66 Da gingen sie hin und sicherten das Grab: sie versiegelten den Stein1 und stellten die Wache aus.
- Etwa so, daß sie Fäden über den Stein zogen, die dann an den Enden mit Siegelerde am Grab angesiegelt wurden.
Chapter 28
1 Nach dem Sabbat, im Morgengrauen des ersten Wochentages,1 gingen Maria von Magdala und die andere Maria2 hin, um das Grab zu besuchen.
- D.h. des Sonntags.
- Mt 26:56, 61.
2 Plötzlich entstand ein starkes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat zum Grab, wälzte den Stein hinweg und setzte sich darauf.
3 Er sah aus wie ein leuchtender Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee.
4 Bei seinem Anblick erschraken die Grabeswächter: sie erbebten und waren wie tot.
5 Der Engel aber sprach zu den Frauen: "Fürchtet ihr euch nicht! Ich weiß, ihr wollt nach Jesus sehen, dem Gekreuzigten.
6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er es vorausgesagt. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat!
7 Geht jetzt schnell hin und meldet seinen Jüngern: 'Er ist auferstanden von den Toten und geht euch nun voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen!' Das versichere ich1 euch."
- Der Engel.
8 Da gingen sie schnell von dem Grab weg, und noch voll Schrecken, aber auch in großer Freude eilten sie davon, um seinen Jüngern, diese Botschaft zu bringen.
9 Plötzlich trat ihnen Jesus entgegen mit den Worten: "Seid gegrüßt!" Da eilten sie auf ihn zu, umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Jesus aber sprach zu ihnen: "Fürchtet euch nicht! Geht hin und sagt meinen Brüdern,1 sie sollen nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.!
- Vgl. Ps 22:22
11 Während sie ihres Weges gingen, kamen einige der Grabeswächter in die Stadt und meldeten den Hohenpriestern alles, was vorgefallen war.
12 Da hielten diese mit den Ältesten eine Versammlung und, als sie Rats gepflogen, gaben sie den Soldaten reichlich Geld
13 und sprachen: "Sagt: 'Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, als wir gerade schliefen.'
14 Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, so wollen wir ihn schon beschwichtigen und dafür sorgen, daß ihr straflos ausgeht."
15 Da nahmen sie das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. So hat sich dies Gerede1 bei den Juden verbreitet, und noch heute2 ist es in Umlauf.3
- Die Lüge, die Jünger hätten Jesu Leichnam gestohlen.
- Zu der Zeit, wo Matthäus sein Evangelium schreibt.
- Ja, Justin der Märtyrer (gestorben um 165) redet noch davon.
16 Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin sie Jesus beschieden hatte.
17 Bei seinem Anblick fielen sie anbetend vor ihm nieder; andere aber hatten Zweifel.1
- "Andere:" so ist wohl richtig zu übersetzen, nicht: "einige." "Einige" bezöge sich auf die elf Apostel, bei denen aber nach den mancherlei Erscheinungen des Auferstandenen ein ferneres Zweifeln kaum verständlich wäre. "Andere" müssen demnach solche sein, die nicht zu den elf Aposteln gehörten. Bei der großen Kürze seines Berichtes sagt Matthäus nichts Näheres über sie. Haben wir hier vielleicht an jene Erscheinung des Auferstandenen zu denken, die Paulus 1Kor 15:6 berichtet?
18 Da trat Jesus näher und sprach zu ihnen:1 "Mir ist alle Macht verliehen worden im Himmel und auf Erden.
- Zu den elf Aposteln, nicht auch zu den "anderen," die ja nur ganz beiläufig erwähnt worden sind.
19 So geht denn hin und sammelt mir aus allen Völkern Jünger: führt sie durch die Taufe in die Gemeinschaft1 des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes2
- Wörtlich: "tauft sie hinein in den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." Da aber der Name die Person bedeutet, so läßt sich wohl passend so übersetzen, wie ich getan habe.
- Grund dafür, weshalb die Apostel Jesu Auftrag in V19 und 20 freudig ausführen können.
20 und lehrt sie gehorchen allem, was ich euch geboten habe. Und wisset:1 ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende dieser Weltzeit."
- Die gegenwärtige Weltzeit erreicht ihr Ende mit Christi Wiederkunft. Dann ist der Herr nicht mehr unsichtbar im Heiligen Geist, Joh 14:16, 16:7 sondern sichtbar und persönlich bei den Seinen.