reltext

Chapter 1

1 Schon viele haben versucht, einen Bericht über die bei uns als sicher geltenden Begebenheiten

2 nach der Erzählung der ursprünglichen Augenzeugen und Diener des Wortes abzufassen.

3 So habe auch ich mich entschlossen, allen diesen Begebenheiten bis zu ihren Ausgangspunkten mit Sorgfalt nachzugehen und sie für dich, hochedler Theophilus, zusammenhängend aufzuzeichnen,

4 damit du deutlich einsiehst, daß alles, was du durch mündliche Belehrung vernommen hast, in jeder Hinsicht wahr und zuverlässig ist.

5 Zur Zeit des jüdischen Königs Herodes1 lebte ein Priester, mit Namen Zacharias.2 Er gehörte zu der Ordnung Abias3 und hatte eine Frau aus der Zahl der Töchter Aarons,4 die hieß Elisabet.5

  1. 37-4 v. Chr.
  2. Zacharias, hebräisch Sacharja, bedeutet: dessen Jahwe gedacht hat.
  3. Die jüdische Priesterschaft war in 24 Abteilungen oder Dienstordnungen eingeteilt, deren Namen 1Ch 24:7-18 aufgezählt werden; Abia steht hier an achter Stelle. Unter diesen 24 Abteilungen wechselte, von den drei hohen Festen abgesehen, der tägliche Dienst im Tempel wöchentlich, so daß jede Abteilung durchschnittlich zweimal jährlich eine Woche lang Dienst hatte. Die meisten Priester wohnten in Städten und Dörfern im Land zerstreut und kamen nur während der Zeit ihres Dienstes nach Jerusalem. Nur die vornehmen Priester, die den jüdischen Adel bildeten, wohnten in der Hauptstadt; zu ihnen gehörten außer dem jeweiligen Hohenpriester und seinen Amtsvorgängern diejenigen Priesterfamilien, aus denen Hohepriester gewählt worden waren, und außerdem die Priester der Ordnung Jojarib, der ersten unter den 24. 1Ch 24:7
  4. Sie war also auch aus priesterlichem Geschlecht.
  5. D.h. deren Eid Gott ist, oder: die bei Gott schwört.

6 Beide waren rechtschaffen vor Gott und wandelten in allen Geboten und Satzungen des Herrn ohne Tadel.

7 Sie waren aber kinderlos, denn Elisabet war unfruchtbar; und beide standen schon in vorgerücktem Alter.1

  1. So daß sie keine Hoffnung mehr auf Leibeserben hatten.

8 Als Zacharias nun einst mit seiner Ordnung1 wieder an der Reihe war und vor Gott diente,

  1. Der Ordnung oder Abteilung Abia.

9 da fiel ihm eines Tages — wie bei den Priestern Sitte war1 — durchs Los der Auftrag zu, das Räucherwerk anzuzünden.2 So trat er in des Herrn Tempel ein,3

  1. Die Dienstpflichten der einzelnen Priester wurden täglich durch das Los verteilt.
  2. 2Mo 30:7.
  3. In das sogenannte Heilige, wo der Räucheraltar stand.

10 während die ganze Menge des Volkes1 zur Stunde des Räucheropfers2 draußen3 betete.

  1. Das an dem Gottesdienst teilnahm.
  2. Hier ist wahrscheinlich die Zeit des Abendopfers gemeint: nachmittags um und nach 3 Uhr. Apg 3:1
  3. Außerhalb des Heiligen in den Vorhöfen der Israeliten und der Weiber.

11 Da erschien ihm ein Engel des Herrn, der stand auf der rechten Seite des Räucheraltars.1

  1. Außer dem Räucheraltar standen im Heiligen noch der Schaubrottisch und der Leuchter.

12 Bei seinem Anblick erschrak Zacharias, und Furcht befiel ihn.

13 Aber der Engel sprach zu ihm: "Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet1 ist erhört worden: deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn schenken, dem sollst du den Namen Johannes2 geben.

  1. Um einen Leibeserben.
  2. D.h. Gotthold (wörtlich: Jahwe ist gnädig).

14 Er wird deine Freude und Wonne sein, und viele werden sich über seine Geburt freuen.

15 Denn nach des Herrn Urteil wird er bedeutend sein. Wein und berauschende Getränke wird er nie genießen,1 sondern schon von Geburt an wird er mit Heiligem Geist erfüllt sein.

  1. Er wird lebenslang ein Nasiräer sein. 4Mo 6:3, Ri 13:4-5, 1Sa 1:11

16 Viele von Israels Söhnen wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.

17 Ja in Elias Geist und Kraft wird er vor dem Herrn als Herold hergehen,1 um der alten Väter Sinn2 in dem jetzigen Geschlecht zu erwecken und die Ungehorsamen zu der Einsicht der Gerechten zu führen, damit dem Herrn ein Volk bereitet werde, das für sein Kommen gerüstet ist."

  1. Das Kommen des Messiasreiches wird als Einzug Gottes bei seinem Volk gedacht. Jes 40:1-11, Mal 3:1-4
  2. Man denke an Abraham, Mose, David.

18 Zacharias sprach zu dem Engel: "Wie soll ich das für möglich halten?1 Denn ich bin ja ein alter Mann, und meine Frau ist auch schon hochbetagt."

  1. Daß ich noch einen Sohn bekommen werde.

19 Der Engel erwiderte ihm: "Ich bin Gabriel;1 ich stehe immer dienstbereit vor Gott und bin jetzt gesandt, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen.

  1. D.h. Mann oder Held Gottes. Wie im Alten, so werden auch im Neuen Testament nur zwei Engel mit Namen genannt: Gabriel und Michael (Da 8:16, 9:21, 10:13,21, 12:1. — Lu 1:19,26, Off 12:7, Jude 1:9). Tobias 3,25 und öfter kommt dann noch Rafael vor und 4,Esr 4:1. Uriel.

20 Sieh, bis zu dem Tag, wo dies geschieht, sollst du stumm sein und nicht reden können zur Strafe dafür, daß du meinen Worten nicht geglaubt, die sich zu ihrer Zeit erfüllen werden."1

  1. Der Bericht 1,8-22 findet sich, freilich entstellt, auch in Mohammeds Koran (Sure 3, V33-36).

21 Das Volk wartete indes auf Zacharias und war verwundert, daß er so lange im Heiligtum weilte.

22 Als er heraustrat, konnte er kein Wort zu ihnen reden.1 Daraus schlossen sie, er habe im Heiligtum eine Erscheinung gehabt. Er selbst gab ihnen das auch durch Zeichen zu verstehen und blieb stumm.

  1. Nach dem Räucheropfer, das nicht lange währte, erteilte der dienende Priester dem im Vorhof versammelten Volk den aaronischen Segen; 4Mo 6:23-26 er sprach dabei den feierlichen Gottesnamen Jahwe aus, nicht den jetzt bei den Juden dafür als Ersatz üblichen Namen Adonai.

23 Als seine Dienstwoche zu Ende war, kehrte er wieder heim.

24 Um diese Zeit ward sein Weib Elisabet guter Hoffnung. Die ersten fünf Monate verließ sie ihre Wohnung nicht;1 doch sie dachte:

  1. Sie wollte sich erst öffentlich zeigen, als sie ihres Zustandes gewiß war.

25 "Dies hat der Herr an mir getan: jetzt hat er meine Schmach bei den Menschen in Gnaden weggenommen."1

  1. Kinderlosigkeit der Frauen war bei den Hebräern eine Schande.

26 Im sechsten Monat1 sandte Gott den Engel Gabriel nach Galiläa in eine Stadt mit Namen Nazaret,

  1. Der Schwangerschaft Elisabets.

27 zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann aus dem Haus Davids, namens Josef; die Jungfrau hieß Maria.1

  1. Hebräisch Mirjam.

28 Als der Engel bei ihr eintrat, sprach er: "Sei gegrüßt, du Begnadigte! Der Herr ist mit dir."

29 Bei diesen Worten geriet sie in Verwirrung und fragte sich, was dieser seltsame Gruß bedeuten solle.

30 Da sprach der Engel zu ihr: "Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden.

31 Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn bekommen, des Namen sollst du Jesus nennen.1

  1. Mt 1:21.

32 Der wird gewaltig sein und ein Sohn des Höchsten heißen. Ja Gott der Herr wird ihm den Thron seines Ahnherrn David geben,

33 und er wird über Jakobs Haus in Ewigkeit herrschen, und sein Königtum wird kein Ende haben."1

  1. Jes 9:7, 2Sa 7:12,13,16, Mic 4:7, Da 7:14.

34 Da sprach Maria zu dem Engel: "Wie soll das möglich sein? Ich habe ja keinen Ehegatten."

35 Der Engel entgegnete ihr: "Heiliger Geist wird über dich kommen, und des Höchsten Kraft wird dich überschatten.1 Darum soll auch das heilige Kind Sohn Gottes heißen.

  1. Der Ausdruck erinnert an die Wolkensäule 2Mo 40:34-35. — Während im Griechischen das Wort Geist (pneuma) sächlich ist, wird es im Hebräischen (ruach) fast immer weiblich gebraucht.

36 Auch deine Verwandte Elisabet1 hat trotz ihres hohen Alters einen Sohn empfangen, und sie, die als unfruchtbar galt, steht jetzt im sechsten Monat.

  1. Die Art dieser Verwandtschaft ist uns unbekannt.

37 Denn bei Gott ist nichts unmöglich."1

  1. 1Mo 18:14.

38 Maria sprach: "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe nach deinem Wort." Da schied der Engel von ihr.1

  1. Eine abgeblaßte Erinnerung an die Geschichte 1,26-38 findet sich auch im Koran (3,30-32.37-42). Der Koran lehrt übrigens nicht nur Jesu übernatürliche Geburt (3,52; 21,91; 66,12), er lehrt auch weiter: Jesus ist rein und sündlos, er ist der Messias, Allahs Wort und Geist von ihm (4,156.160.170; 5,19; 4, 169). Er hat große Wunder und Zeichen getan (3,43; 5,112-115). Gott hat ihn ohne Tod zu sich genommen und ihn dadurch über alle Menschen erhöht (4,156; 3,48). Die Stunde seiner Wiederkunft ist das Vorzeichen des Weltgerichts (43,61). Mohammed stellt also in seinem Koran Jesus ungleich höher als manche "christliche Theologen" der Gegenwart, die von dem zweiten Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses nur die Worte stehen lassen: Jesus ist geboren, er hat gelitten unter Pontius Pilatus, er ist gekreuzigt, gestorben und begraben.

39 Bald darauf begab sich Maria ohne Verzug in eine Stadt des judäischen Berglandes.1

  1. Wo Zacharias und Elisabet wohnten.

40 Sie trat in des Zacharias Haus und begrüßte Elisabet.

41 Als Elisabet Marias Gruß vernahm, da hüpfte das Kind in ihrem Schoß. Zugleich ward Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt,

42 und mit lautem Freudenschrei rief sie aus: "Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist das Kindlein in deinem Schoß!

43 Doch warum wird mir diese Ehre zuteil, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44 Denn siehe, als dein Gruß in meine Ohren klang, da hüpfte das Kind vor Freude in meinem Schoß.1

  1. Das Kind freut sich über die nahe Geburt des Messias.

45 Heil dir, die du geglaubt hast, daß sich des Herrn Verheißung an dir erfüllen wird!"

46 Da sprach Maria:1 "Meine Seele rühmt den Herrn,

  1. Vgl. 1Sa 2:1-10.

47 und mein Geist frohlockt über Gott, meinen Retter;

48 denn er hat seine niedrige Magd gnädig angesehen.1 Von nun an werden mich alle Geschlechter seligpreisen;

  1. 1Sa 1:11, Ps 113:5-6.

49 denn der Allmächtige hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig,1

  1. Ps 111:9.

50 und sein Erbarmen erweist sich von Geschlecht zu Geschlecht an denen, die ihn fürchten.1

  1. Ps 103:13,17.

51 Mit seinem Arm vollbringt er gewaltige Taten, er macht zuschanden alle, die in ihrem Herzen Hoffart sinnen.1

  1. Ps 89:11.

52 Mächtige stößt er vom Thron, und Niedrige hebt er empor.1

  1. Ps 147:6, Hio 5:11.

53 Hungrige füllt er mit Schätzen, und Reiche läßt er leer ausgehen.1

  1. Ps 34:11, 107:9, 1Sa 2:5.

54 Er hat sich seines Knechtes Israel in Liebe angenommen;1

  1. Insofern er nun die alten Verheißungen erfüllen will. Jes 41:8.

55 denn nach den Worten, die er einst geredet hat zu unseren Vätern, will er nun1 an Abraham und sein Geschlecht erbarmungsreich gedenken ewiglich."2

  1. Durch die Sendung des Messias.
  2. Ps 98:3, Mic 7:20, 1Mo 17:7.

56 Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabet; dann kehrte sie wieder in ihre Heimat zurück.

57 Als für Elisabet die Stunde der Niederkunft kam, gebar sie einen Sohn.

58 Bei der Kunde, daß der Herr so große Barmherzigkeit an ihr getan, freuten sich ihre Nachbarn und Verwandten mit ihr.

59 Am achten Tag versammelte man sich zu der Beschneidung des Knaben. Man wollte ihm nach seinem Vater den Namen Zacharias geben.

60 Seine Mutter aber erhob Einspruch dagegen und sagte: "Nein, er soll Johannes heißen."

61 Man wandte ihr ein: "Kein einziger aus deiner Verwandtschaft trägt diesen Namen."

62 Nun fragte man seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen er für ihn bestimme.

63 Da ließ er sich ein Täfelchen bringen und schrieb darauf: "Johannes ist sein Name." Alle staunten.1

  1. Weil die Eltern in dem seltenen Namen übereinstimmten.

64 Sofort öffnete sich sein Mund, seine Zunge ward gelöst, er konnte wieder reden und pries Gott.

65 Da wurden alle Leute in der Nachbarschaft von heiliger Scheu ergriffen. Ja in dem ganzen Bergland von Judäa sprach man von allen diesen Begebenheiten.1

  1. Die V5-25.57-64 berichtet werden.

66 Jeder, der davon hörte, behielt es im Gedächtnis und fragte sich: "Was wird wohl aus diesem Kind werden?" Denn die Hand des Herrn war in der Tat mit ihm.

67 Sein Vater Zacharias, vom Heiligen Geist erfüllt, sprach damals1 so in Weissagung:

  1. Bei der Beschneidung des Johannes (V64) in dem Kreis seiner Verwandten und Freunde.

68 "Gepriesen sein der Herr, der Gott Israels;1 denn er hat sein Volk in Gnaden angesehen und es befreit.

  1. Ps 41:13, 72:18, 111:9.

69 Ja einen starken Retter hat er uns erstehen lassen in dem Haus seines Knechtes David1

  1. 1Sa 2:10.

70 wie er von altersher durch seiner heiligen Propheten Mund verheißen hat —:

71 Um uns von unseren Feinden zu erretten und aus den Händen aller, die uns hassen.1

  1. Ps 106:10.

72 Damit will er Barmherzigkeit beweisen unseren Vätern und auch gedenken seines heiligen Bundes:1

  1. Ps 105:8, 106:45, 1Mo 17:7.

73 Des Eides, den er unserem Vater Abraham geschworen.1

  1. 1Mo 22:16-17.

74 Darum schenkt er uns die Gnade, der Feinde Händen zu entrinnen und ihm, von aller Furcht befreit, zu dienen,

75 indem wir heilig und gerecht all unsere Lebenstage vor ihm wandeln.

76 Du aber, Kind, sollst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst vor dem Herrn hergehen, ihm die Wege zu bereiten:1

  1. Mal 3:1.

77 Du sollst sein Volk zu der Erkenntnis jenes Heils führen, das sie erlangen werden durch Vergebung ihrer Sünden.1

  1. Jer 31:34.

78 Die schenkt uns das Erbarmen unseres Gottes, durch dessen Gnadenblick uns strahlt ein Lichtglanz aus der Höhe,1

  1. Durch den kommenden Messias. Jes 60:1-2, Mal 4:2.

79 der denen leuchten soll, die jetzt in Finsternis und Todesschatten sitzen,1 um unsere Schritte auf den Friedensweg2 zu lenken."

  1. Jes 9:1.
  2. Auf den Weg, der zum Frieden oder Heil führt. Jes 59:8

80 Der Knabe aber wuchs heran und erstarkte im Geist. Er lebte später in der Wüste bis zu dem Tag, da er öffentlich vor Israel auftrat.

Chapter 2

1 Zu jener Zeit1 hatte der Kaiser Augustus befohlen,2 es sollten alle Bewohner des römischen Reiches in die Schätzungslisten eingetragen werden.3

  1. D.h. zu der Zeit, wo Johannes geboren wurde, oder wohl noch richtiger zu der Zeit des jüdischen Königs Herodes (1,5).
  2. Lukas sagt nicht, in welchem Jahr seiner Regierung (31 v.Chr. bis 14 n.Chr.) Augustus diese Verfügung erlassen hat. Da sie für das ganze Reich galt, so vergingen natürlich Jahre, ehe sie überall durchgeführt war.
  3. Es handelte sich um eine Aufzeichnung aller Reichsbewohner und ihres Besitzes zur Abschätzung des Vermögens und zur Feststellung der Steuern.

2 Diese Schätzung wurde vorgenommen,1 noch ehe Quirinius Statthalter von Syrien war.2

  1. Nämlich: in Palästina, das ja damals noch von dem König Herodes d. Gr. (gestorben im März des Jahres 4 v. Chr.) regiert wurde.
  2. So übersetze ich nach der Lesart αυτη η απογ εγενετο πρωτη κτλ und nicht wie gewöhnlich: "Diese Schätzung war die erste (dieser Art) und fand statt, als Quirinius Statthalter von Syrien war." P. Sulpicius Quirinius ist wahrscheinlich vom Herbst des Jahres 4 v.Chr. bis 4 n.Chr. Statthalter von Syrien gewesen. Er trat also erst nach dem Tod Herodes des Großen und nach Jesu Geburt sein Amt an. Nun berichtet der Kirchenvater Tertullian als sichere Tatsache, die Schätzung in Judäa Lu 2:2 sei durch den syrischen Statthalter Sentius Saturninus gehalten worden, der sein Amt von 9 bis 6 v. Chr. verwaltet hat. Das Jahr 7 v. Chr. könnte Jesu Geburtsjahr sein (vgl. die erste Anmerkung zu Mt 2:1). Daß Quirinius um diese Zeit, noch ehe er Statthalter von Syrien war, bei der Schätzung in Palästina mitgewirkt hat, ist wohl möglich: er konnte mit besonderer kaiserlicher Vollmacht (als legatus Augusti ad accipiendos census) die ganze Schätzungsarbeit ausführen. So wäre denn auch die Art und Weise verständlich, wie Lukas die Zeit der Schätzung in Palästina bestimmt: sie fand statt zu der Zeit des Königs Herodes (2,1), noch ehe der hochgestellte römische Beamte, der sie ausführte, Statthalter (auf diesem Wort scheint in Lu 2:2 ein besonderer Nachdruck zu liegen) von Syrien geworden war. Da Saturninus bei der Schätzung in Palästina nicht mitwirkte, lag auch für Lukas kein Anlaß vor, ihn besonders zu erwähnen.

3 Da gingen alle hin, um sich in die Listen eintragen zu lassen: ein jeder in seine Heimatstadt.1

  1. Dies gilt nicht von dem ganzen römischen Reich, sondern nur von Palästina.

4 Auch Josef zog damals aus der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa zu der Davidstadt1 mit Namen Bethlehem, weil er zu Davids Haus und Geschlecht gehörte,

  1. 1Sa 7:12.

5 um sich dort eintragen zu lassen1 mit Maria, seiner Ehefrau,2 die guter Hoffnung war.

  1. Josefs damaliger Wohnort war Nazaret, sein Heimatdorf war Bethlehem. Dort wohnten damals vielleicht noch manche Nachkommen Davids, und Josef besaß vielleicht in Bethlehem ein unbewegliches Eigentum.
  2. Ich lese hier: τη γυναικι αυτου. Nach anderer Lesart "seine Verlobte" oder "seine verlobte Frau." Die Lesart "Ehefrau" ist aber deshalb vorzuziehen, weil Josef nach Mt 1:20,24 Maria vor der Reise nach Bethlehem als seine Ehefrau heimgeführt hat.

6 Während sie dort weilten, kam für Maria die Stunde ihrer Niederkunft:

7 sie bekam ihren ersten Sohn,1 hüllte ihn in Windeln und bettete ihn in eine Krippe, weil sie sonst keinen Platz in dem Raum fanden.2

  1. Lukas weiß also noch von anderen Söhnen der Maria, die sie später als Josefs Ehefrau geboren hat. 8:19-21, Apg 1:14
  2. L. Schneller weist in seinem Buch: "Kennst du das Land?" (S. 31ff.) darauf hin, daß die Häuser in Bethlehem auch heute noch vielfach aus einem einzigen großen Raum bestehen, in dem Menschen und Tiere traulich beieinander wohnen. So fehlte auch eine Krippe für das Hausvieh nicht.

8 Nun waren Hirten in jener Gegend, die auf freiem Feld Nachtwache hielten bei ihrer Herde.

9 Zu denen trat plötzlich ein Engel des Herrn, und ein Lichtglanz des Herrn umleuchtete sie. Da erschraken sie sehr.

10 Der Engel aber sprach zu ihnen: "Fürchtet euch nicht! Denn ich verkündige euch große Freude, die dem ganzen Volk1 widerfahren soll:

  1. Israel.

11 Euch ist heute in Davids Stadt ein Retter geboren: der Gesalbte, der Herr!

12 Und dies sei euch das Erkennungszeichen: ihr werdet ein Kindlein finden, das, in Windeln gehüllt, in einer Krippe liegt."

13 Plötzlich sammelte sich um den Engel eine Menge des himmlischen Heeres; sie alle lobten Gott und sprachen:

14 "Preis1 gebührt Gott in Himmelshöhen,2 und auf Erden ist nun Friede unter Menschen, die Gott wohlgefallen!"

  1. Für die Sendung des Erlösers.
  2. Aus Engelsmund.

15 Als die Engel sie verlassen hatten und wieder in den Himmel aufgefahren waren, da sprachen die Hirten zueinander: "Wir wollen doch nach Bethlehem hinübergehen und uns das ansehen, was der Herr uns kundgetan."

16 So gingen sie eilend hin und fanden Maria und Josef, dazu das Kindlein in der Krippe.

17 Bei seinem Anblick erzählten sie, was sie über dies Kind vernommen hatten.1

  1. Nämlich: von dem Engel.

18 Und alle, die es hörten, waren über die Erzählung der Hirten verwundert.

19 Maria aber behielt dies alles und dachte in ihrem Herzen oft darüber nach.

20 Die Hirten kehrten dann wieder (zu ihren Herden) zurück: sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört1 und dieser Botschaft gemäß auch selbst gesehen hatten.

  1. Aus Engelsmund.

21 Acht Tage später wurde das Kind beschnitten. Da erhielt es den Namen Jesus, den der Engel schon vor seiner Empfängnis genannt hatte.

22 Als die von dem Gesetz Moses1 vorgeschriebenen Tage ihrer2 Reinigung zu Ende waren, brachten sie das Kind nach Jerusalem, um es dem Herrn darzustellen,

  1. 3Mo 12:2-8.
  2. Gemeint ist nicht nur Maria, auf die sich ja allein die Vorschrift des Gesetzes bezog, sondern auch Josef. Vielleicht denkt Lukas bei ihm an die gesetzliche Verpflichtung, nach der ein erstgeborener Knabe mit fünf Sekeln Silber (etwa 13 Goldmark) gelöst werden mußte. 2Mo 13:15, 4Mo 3:46-47, 18:16

23 nach dem Wort im Gesetz des Herrn: Jeder erstgeborene Knabe soll dem Herrn geweiht heißen,1

  1. 2Mo 13:2.

24 und um nach der Vorschrift im Gesetz des Herrn1 ein Opfer darzubringen: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

  1. 3Mo 12:8.

25 Nun lebte damals in Jerusalem ein Mann mit Namen Simeon. Der war gerecht und gottesfürchtig; er wartete auf den Tröster Israels,1 und der Heilige Geist ruhte auf ihm.

  1. Wörtlich: "auf die Tröstung Israels;" gemeint ist der verheißene Messias.

26 Es war ihm auch vom Heiligen Geist kundgetan, er solle den Tod nicht sehen, ehe er den Gesalbten des Herrn geschaut.

27 Vom Geist getrieben, kam er (an jenem Tag) in den Tempel. Als nun die Eltern das Jesuskind hineintrugen, um nach dem Brauch des Gesetzes mit ihm zu verfahren,

28 da nahm er es auf seine Arme, pries Gott und sprach:

29 "Nun läßt du, Herr, deinen Knecht nach deinem Wort in Frieden scheiden;1

  1. D.h. sterben. 1Mo 46:30.

30 denn meine Augen haben ja dein Heil gesehen,1

  1. Jes 40:5, 52:10.

31 das du bereitet hast vor aller Völker Augen:

32 Es ist ein Licht, das leuchten soll den Heiden,1 und es soll Israel, dein Volk, verherrlichen."2

  1. Jes 42:6, 49:6.
  2. Jes 46:13.

33 Des Kindes Vater und Mutter staunten über diese Worte, die Simeon von ihm redete.

34 Dann segnete sie1 Simeon und sprach zu Maria, seiner Mutter: "Dies Kind hier ist dazu bestimmt, viele in Israel zu Fall zu bringen, aber auch viele aufzurichten;2 ja es wird ein Zeichen sein, dem man mit solcher Feindschaft widerspricht,

  1. Josef und Maria.
  2. Vielleicht Anspielung auf Jes 8:14-15, 28:16; vgl. Rö 9:33. Die Ungläubigen kommen zu Fall, die Gläubigen werden aufgerichtet.

35 daß auch dir selbst ein Schwert durch deine Seele dringen wird. So sollen sich die Gedanken vieler Herzen1 offenbaren."2

  1. Die guten wie die bösen Gedanken.
  2. Je nach Stellung, die sie zu Jesus einnehmen.

36 Es war auch noch zugegen eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuels, aus dem Stamm Asser. Die war hochbetagt. Nur sieben Jahre hatte sie nach ihrer Jungfrauenzeit mit ihrem Mann in der Ehe gelebt,

37 und nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren.1 Sie verließ den Tempel nicht, sondern diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.

  1. Die Vermeidung der zweiten Ehe wurde im ganzen Altertum hochgeschätzt.

38 Die kam auch in jenem Augenblick dazu,1 dankte Gott und redete von dem Kind zu allen, die auf Jerusalems Erlösung warteten.2

  1. Als Simeon gerade von dem Jesuskind weissagte.
  2. Jes 52:9, 4, Zep 3:14-20, Sac 9:9-12, 12:1-5.

39 Als sie1 alles ausgeführt hatten, was im Gesetz des Herrn vorgeschrieben war, kehrten sie zurück nach Galiläa in ihren Wohnort Nazaret.

  1. Josef und Maria.

40 Der Knabe aber wuchs heran und wurde stark; er ward erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade waltete über ihm.

41 Jedes Jahr reisten seine Eltern nach Jerusalem zum Passahfest.1

  1. 2Mo 23:14-17.

42 Als er zwölf Jahre alt war,1 zogen sie auch, wie es Sitte war, zum Fest hinauf.

  1. In diesem Lebensalter sollte der israelitische Knabe von seinem Vater zur pünktlichen Erfüllung des Gesetzes angehalten werden; der Knabe hieß von da an "Sohn des Gesetzes".

43 Nach Ablauf der Festwoche1 machten sie sich wieder auf den Heimweg. Der Jesusknabe aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß seine Eltern es merkten.

  1. 2Mo 12:18-19.

44 Sie meinten vielmehr, er sei unter den Festpilgern,1 und legten deshalb (unbekümmert) den ersten Reisetag zurück. Da erst2 suchten sie ihn unter den Verwandten und Bekannten.

  1. Die mit ihnen an demselben Tag von Jerusalem nach Galiläa aufgebrochen waren.
  2. Als sie sich für die Nachtruhe einrichten wollten.

45 Als sie ihn dort nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten überall nach ihm.

46 Am dritten Tag endlich fanden sie ihn im Tempel: dort1 saß er mitten unter den Lehrern, hörte ihrem Vortrag zu und richtete Fragen an sie.2

  1. In einer der Hallen, die den Tempelplatz umgaben.
  2. Um weitere Aufklärung und Belehrung.

47 Alle aber, die ihn hörten, staunten über die Einsicht, die er durch seine Antworten1 bewies.

  1. Auf die Gegenfragen der Lehrer.

48 Als seine Eltern ihn erblickten, waren sie außer sich, und seine Mutter sprach zu ihm: "Mein Kind, warum hast du uns das angetan? Sieh, dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht."

49 Da entgegnete er ihnen: "Wie habt ihr mich nur suchen können? Habt ihr denn nicht gewußt, daß ich in meines Vaters Werk tätig sein muß?"1

  1. Darum hätten sie sofort in den Tempel gehen müssen, um ihn sicher zu finden.

50 Dies Wort war jedoch für sie ein Rätsel.

51 Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen allezeit gehorsam. Und seine Mutter behielt dies alles fest in ihrem Herzen.

52 Jesus aber nahm zu an Weisheit und Leibesgröße sowie an Gunst bei Gott und Menschen.1

  1. 1Sa 2:26, Spr 3:4.

Chapter 3

1 Im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius1 — als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war,2 während Herodes3 in Galiläa, sein Bruder Philippus4 in den Landschaften Ituräa5 und Trachonitis6 und Lysanias7 in dem Gebiet von Abila8 als Vierfürsten9 herrschten —

  1. Tiberius wurde am 19. August des Jahres 14 n.Chr. der Nachfolger des Kaisers Augustus, aber schon Ende 11 n.Chr. ward er dessen Mitherrscher. Das 15. Regierungsjahr des Tiberius ist nun wahrscheinlich nach diesem letzten Zeitpunkt zu berechnen: es wäre also das Jahr 26 n.Chr. oder das zwölfte Jahr des Tiberius als Alleinherrscher. Gerade dieses Jahr bezeichnet auch der alte Kirchenlehrer Tertullian (gestorben nach 220 n.Chr.) gelegentlich als das Jahr, in dem Johannes der Täufer aufgetreten sei.
  2. Von Frühlingsbeginn 26 bis dahin 36 n.Chr.
  3. Von 4 v.Chr. bis 39 n.Chr.
  4. Von 4 v.Chr. bis 34 n.Chr.
  5. In der Gegend von Cäsarea Philippi.
  6. Östlich vom See Genezaret.
  7. Seine Regierungszeit ist unbekannt; der ältere Lysanias starb schon 34 v.Chr.
  8. Etwa 26 Kilometer nordwestlich von Damaskus.
  9. Der Name Vierfürst, den Herodes Antipas, Philippus und Lysanias II trugen, war der Titel eines kleinen, abhängigen Fürsten, der an Rang und Machtstellung geringer war als ein König.

2 zu der Zeit, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren:1 da2 erging Gottes Auftrag an Johannes, des Zacharias Sohn, der in der Wüste lebte.3

  1. Hannas: von 3 v. Chr. (?) bis 16 n.Chr.; Kaiphas, sein Schwiegersohn: 18 (?) bis Frühling 36 n.Chr. Das Hohepriestertum wurde zwar nie von zwei Männern gleichzeitig verwaltet; da aber Hannas nach seiner Absetzung noch lange Jahre großen Einfluß behielt, so nennt ihn Lukas mit, und zwar an erster Stelle. vgl. Apg 4:6
  2. Vielleicht schon im Spätfrühling des Jahres 26 n.Chr.
  3. 1,80.

3 Er trat auf in der Jordangegend und verkündigte dort überall die Taufe, die von Sinnesänderung begleitet sein müsse, damit man Vergebung der Sünden empfangen könne.

4 So erfüllte sich das Wort in dem Buch der Reden des Propheten Jesaja:1 In der Wüste ruft eine Stimme: Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Pfade!

  1. Jes 40:3-5.

5 Jedes Tal soll ausgefüllt, jeder Berg und Hügel soll abgetragen werden. Die krummen Bahnen sollen sich in gerade wandeln, die holprigen Wege in glatte.1

  1. Alle im Volk vorhandenen Hindernisse für ein heilbringendes Kommen des Messias sollen beseitigt werden.

6 Und alle Welt soll schauen Gottes Heil.

7 Johannes sprach nun zu den Scharen, die hinauszogen, um sich von ihm taufen zu lassen: "Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch denn gesagt, daß ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt?

8 So bringt denn Früchte, wie sie der Sinnesänderung entsprechen! Beruhigt euch nur nicht bei dem Gedanken: 'Wir haben ja Abraham zum Vater!' Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen hier dem Abraham Kinder erstehen lassen.

9 Es liegt auch schon die Axt den Bäumen an der Wurzel; und jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen."

10 Da fragten ihn die Leute: "Was sollen wir denn tun?"

11 Er antwortete ihnen: "Wer zwei Unterkleider hat, der schenke eins davon dem, der keines hat; und wer zu essen hat, der mache es ebenso!"

12 Es kamen auch Zöllner, um sich von ihm taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: "Meister, was sollen wir tun?"

13 Er antwortete ihnen: "Fordert nicht mehr (von den Leuten), als vorgeschrieben ist!"

14 Ferner fragten ihn Kriegsleute:1 "Was sollen wir denn tun?" Denen antwortete er: "Erpreßt kein Geld durch Drohung oder Quälereien, sondern seid zufrieden mit eurer Löhnung!"

  1. Jüdische Soldaten im Dienst der Römer und des Vierfürsten Herodes.

15 Als aber die Leute voll Spannung waren und alle bei sich dachten, ob Johannes nicht gar der Messias sei,

16 da gab Johannes allen zur Antwort: "Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der hat größere Gewalt als ich; und ich bin nicht wert, ihm seine Schuhriemen aufzubinden: der wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.

17 Er hat schon die Wurfschaufel in der Hand, um seine Tenne zu reinigen: den Weizen sammelt er in seinen Speicher; aber die Spreu wird er verbrennen mit einem Feuer, das niemand löschen kann."

18 Auch noch viele andere ernste Worte richtete er an das Volk, indem er ihm die Heilsbotschaft verkündigte.

19 Der Vierfürst Herodes aber, der wegen Herodias, der Frau seines Bruders, und wegen all seiner anderen Frevel oft von Johannes gerügt worden war,

20 setzte seinen Übeltaten dadurch die Krone auf, daß er Johannes ins Gefängnis werfen ließ.

21 Mit allen anderen Leuten ließ sich auch Jesus taufen. Während er betete, tat sich der Himmel auf,

22 und der Heilige Geist schwebte in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn hernieder. Zugleich sprach eine Stimme aus dem Himmel: "Du bist mein Sohn, ich habe dich heute gezeugt."1

  1. So lautet hier wahrscheinlich die ursprüngliche Lesart. Durch dieses Wort aus Ps 2:7 wurde Jesus als Gesalbter Gottes und als König Israels kundgemacht; er ward damit in seinen Messiasberuf eingesetzt. Dieselbe Psalmstelle wird Apg 13:33 vgl. Rö 1:4 auf Jesu Auferstehung und Heb 5:5 vgl. Heb 1:5 auf Jesu Einsetzung in das himmlische Hohepriestertum gedeutet.

23 Als Jesus seine Wirksamkeit1 begann, war er etwa dreißig Jahre alt.2 Er galt für einen Sohn Josefs.3 Der war Elis Sohn,

  1. Als Messias.
  2. Ich nehme an, daß Jesus etwa fünf Monate nach dem Auftreten Johannes des Täufers, d.h. im Herbst des Jahres 26 n.Chr., seine öffentliche Wirksamkeit begonnen hat. Ist er im Jahre 4 v.Chr. geboren, so war er damals wohl genau 30 Jahre alt. Ist er aber, wie der Berliner Professor O. Gerhardt meint, schon im Jahr 7 v.Chr. geboren, so zählte er ungefähr 33 Jahre. Der Ausdruck des Lukas: "er war etwa 30 Jahre alt" paßt auf beide Fälle. — Als Jahreszeit für Jesu Geburt nimmt L. Schneller den Sommer an (Kennst du das Land? S.34ff.). Hippolyt (um 230) nennt den 2. April als Jesu Geburtstag. Daß Jesus am 25. Dezember geboren ist, beruht nicht auf einer geschichtlichen Überlieferung (vgl. meine Abhandlung über die Kirche, S.216). — Nach einer bestimmten Angabe des alten Kirchenvaters Tertullian fällt der Tod Jesu in das Jahr 29 unserer Zeitrechnung. O. Gerhardt aber meint in seiner Schrift "Der Stern des Messias" (Leipzig 1922) nach astronomischen Berechnungen, daß für Jesu Todestag, der auf Freitag, den 15. Nisan, fiel, nur der 7. April des Jahres 30, was am wahrscheinlichsten sei, oder der 27. April 31 in Frage komme.
  3. Obwohl Josef nicht Jesu leiblicher Vater war, so wurde er doch äußerlich und rechtlich dafür angesehen.

24 der Matthats, der Levis, der Melchis, der Jannais, der Josefs,

25 der des Mattathias, der des Amos, der Nahums, der Eslis, der Naggais,

26 der Maaths, der des Mattathias, der Semeins, der Josechs, der Jodas,

27 der Jochanans, der Resas, der Serubabels, der Sealthiels, der Neris,

28 der Melchis, der Addis, der Kosams, der Elmodams, der Hers,

29 der Josuas, der Eliesers, der Jorims, der Matthats, der Levis,

30 der Simeons, der Judas, der Josefs, der Jonams, der Eliakims,

31 der Meleas, der Mennas, der Mattathas, der Nathans, der Davids,

32 der Jesses, der Obeds, der des Boas, der Salmas, der Nahessons,

33 der Aminadabs, der Admins, der Arnis, der Hezrons, der des Perez, der Judas,

34 der Jakobs, der Isaaks, der Abrahams,1 der Tharahs, der Nahors,

  1. Zu V34-38 vgl. 1Mo 11:10-32, 5:3-32.

35 der Serugs, der Regus, der Pelegs, der Ebers, der Selahs,

36 der Kenans, der Arpachsads, der Sems, der Noahs, der Lamechs,

37 der Methusalahs, der Henochs, der Jareds, der Mahalaleels, der Kenans,

38 der des Enos, der Seths, der Adams; der war ein Sohn Gottes.1

  1. Sofern er durch eine unmittelbare Schöpfungstat Gottes ins Dasein trat. — Manche ältere und neuere Ausleger behaupten, wie Matthäus den Stammbaum Josefs mitteile, so gebe Lukas den Stammbaum Marias. Eli (V23) sei der Vater Marias. Aber er werde auch als Vater Josefs aufgeführt, weil Maria eine Erbtochter gewesen und ihr Gatte deshalb nach ihrem Namen genannt worden sei. Ne 7:63 Fände sich hier jedoch wirklich der Stammbaum Marias, so hätte Lukas dies ohne Zweifel klar zum Ausdruck gebracht. Lukas gibt ebenso wie Matthäus einen Stammbaum Josefs, womit er aber ebensowenig wie Matthäus die davidische Abkunft Jesu beweisen will. Während Matthäus durch diesen Stammbaum an die Gemeinschaft des Messias mit Abraham, dem Ahnherrn Israels, erinnert, will Lukas durch seine Geschlechtstafel den geschichtlichen Zusammenhang zwischen Jesus und Adam darlegen. Indem er zunächst eine Namenreihe von Josef bis David gibt, bringt er damit zum Ausdruck, daß sich in Jesus die dem Hause Davids gegebenen Verheißungen erfüllt haben. Indem er dann die Geschlechtsreihe weiterführt bis zu Abraham, gibt er dadurch zu verstehen, daß Jesus auch die dem Stammvater Israels geschenkten Verheißungen verwirklicht hat. Und indem er endlich von Abraham bis zu Adam hinaufgeht, deutet er an, daß Jesus, der Sohn Davids und Abrahams, auch zugleich der Menschensohn und der zweite Adam ist. — Während Matthäus von Abraham bis Christus 3 x 14 Geschlechter zählt, nennt Lukas, Adam eingeschlossen, im ganzen 75 Vorfahren Josefs. — Doch abgesehen von diesen Eigentümlichkeiten finden sich zwischen den Geschlechtstafeln des Matthäus und des Lukas noch andere bedeutungsvolle Unterschiede: 1. Josef ist bei Matthäus ein Sohn Jakobs, bei Lukas ein Sohn Elis. 2. Josef ist zwar auch bei Lukas ebenso wie bei Matthäus ein Nachkomme Serubabels, aber durch ganz andere Zwischenglieder. 3. Serubabel ist auch bei Lukas ein Sohn Sealthiels, doch stammt er nicht durch Salomo, wie bei Matthäus, sondern durch Nathan von David ab. 2Sa 5:14 — Der um 230 n.Chr. schreibende christliche Arzt Julius Afrikanus, der sich in Palästina bei damals dort noch lebenden Nachkommen Josefs hat erkundigen können, gibt nun in bezug auf diese Unterschiede folgende Aufschlüsse: 1. Nach dem Tod Elis, der keine Kinder hinterließ, heiratete sein leiblicher Bruder Jakob nach dem Gesetz 5Mo 25:5-10. Elis Witwe. Beider Sohn war Josef, der Mann Marias, der also, wie Matthäus angibt, ein leiblicher Sohn Jakobs war, während er gesetzlich als Sohn Elis, wie ihn Lukas nennt, angesehen wurde. 2. Wenn Josef nach Lukas durch ganz andere Zwischenglieder von Serubabel abstammt als nach Matthäus, so erkläre sich dies daraus, daß Jakob und Eli Stiefbrüder waren, deren Väter aus verschiedenen Linien des Hauses Davids stammten. Jakob, Josefs leiblicher Vater, war der Sohn Matthans Mt 1:15 und seiner Gattin Estha. Nach Matthans Tod heiratete Estha den Melchi. Beider Sohn war Eli, so daß Josefs leiblicher Vater Jakob und sein gesetzlicher Vater Eli dieselbe Mutter, aber verschiedene Väter hatten. Bei dieser Überlieferung kommen aber die von Lu 3:24 erwähnten Glieder Matthat und Levi gar nicht in Betracht. Diese Lücke wird nun durch die Nachricht ausgefüllt, auch die beiden Lu 3:24 genannten Matthat und Levi seien Söhne Melchis und Esthas. Während Lukas Matthat und Levi als den Vater und den Großvater Elis bezeichne, seien Eli, Matthat und Levi in Wirklichkeit Brüder gewesen. Alle drei: Levi, Matthat und Eli hätten nach dem Gesetz der Schwägerehe vgl. Lu 20:27-33 dieselbe Frau gehabt, die dann schließlich, weil alle drei Brüder kinderlos starben, die Frau ihres Stiefbruders Jakob und die Mutter Josefs, des Mannes der Maria, geworden sei. Schwierig ist bei dieser Erklärung nur, daß sich Lukas, der doch auch bei dem Geschlechtsregister allen Einzelheiten mit Sorgfalt nachgegangen sein wird (1,3), eines Fehlers schuldig gemacht haben soll. 3. Die Verschiedenheit, daß Josef nach Matthäus durch Salomo, nach Lukas durch Nathan von David abstammt, erkläre sich so, daß Josefs leiblicher Vater Jakob dem Geschlecht Salomos, sein gesetzlicher Vater Eli dagegen dem Geschlecht Nathans angehöre. — Weder Matthäus noch Lukas erwähnen ausdrücklich, daß auch Maria aus dem Haus Davids stamme. Darüber findet sich auch sonst im ganzen Neuen Testament kein unzweideutiges Zeugnis. Man hat nun gemeint, es sei ganz selbstverständlich, daß auch Maria ebenso wie Josef dem Geschlecht Davids angehöre; denn da jeder Israelit verpflichtet gewesen sei, nur aus seinem Stamm und Geschlecht ein Weib zu nehmen, so habe der zu Davids Geschlecht gehörende Josef seine Gattin auch nur aus dem Stamm Juda und dem Haus Davids wählen dürfen. Doch die Verpflichtung, die man hier voraussetzt, hat nicht bestanden. Denn 4Mo 36, worauf man sie gründen will, redet nur von einem ganz besonderen Ausnahmefall. Als allgemeine Regel aber galt, daß sich jeder Israelit seine Gattin nach freier Wahl aus irgendeinem Stamm und Geschlecht seines Volkes nehmen durfte. Nur die Priester und Hohenpriester waren in dieser Hinsicht gewissen Beschränkungen unterworfen. 3Mo 21:7-15 Wir wissen z.B., daß sich David, der dem Stamm Juda angehörte, ein Weib aus dem Stamm Benjamin nahm: Michal, die Tochter Sauls, 1Sa 18:27 und daß der Hohepriester Jojada trotz seiner Zugehörigkeit zu dem Stamm Levi die Tochter des Königs Joram aus dem Stamm Juda ehelichte. 2Ch 22:11 — Die griechischen und die lateinischen Kirchenlehrer sind aber nichtsdestoweniger davon überzeugt, daß auch Maria dem Geschlecht Davids angehörte, obwohl sie dabei anerkennen, daß Lukas ebenso wie Matthäus eine Stammtafel Josefs und nicht etwa Marias gebe. Und zwar folgerte man die davidische Herkunft der Maria namentlich aus Rö 1:3 (zu vergleichen wäre hier auch noch 2Ti 2:8, Heb 7:14). Ja der Kirchenvater Tertullian (gestorben nach 220 n.Chr.) meint, die Geschlechtsregister bei Matthäus und Lukas wären zwecklos, wenn Maria nicht auch aus Davids Haus stammte. Dagegen gesteht der berühmte Kirchenvater Augustin, obwohl er an Marias davidischer Abstammung streng festhält, ein geschichtlicher Nachweis aus dem Neuen Testament lasse sich dafür nicht geben. Doch er meint: selbst wenn es sich beweisen ließe, daß Maria durch keine Bande des Blutes mit Davids Haus verknüpft sei, so müsse Jesus gleichwohl schon deshalb als Sohn Davids gelten, weil er rechtlich als Sohn Josefs angesehen worden sei. Dieses äußere Rechtsverhältnis genüge nach jüdischem Bewußtsein völlig für seine Zugehörigkeit zu dem Haus Davids. — Der Kirchenlehrer Justin der Märtyrer (gestorben um 165 n.Chr.) ist wahrscheinlich der erste, der Marias Herkunft aus dem Haus Davids ganz bestimmt vertreten hat. Alt ist die Meinung, Maria stamme aus priesterlichem Geschlecht ebenso wie ihre Verwandte Elisabet. Als Marias Vater wird der Priester Joakim genannt. (Vgl. Th. Zahn: Das Evangelium des Lukas.)

Chapter 4

1 Mit dem Heiligen Geist erfüllt,1 kehrte Jesus vom Jordan (nach Galiläa) zurück.2 Auf der Heimreise wurde er vom Geist vierzig Tage lang in der Wüste umhergeführt.

  1. 3,22.
  2. V14.16.

2 Dabei ward er vom Teufel versucht. In jenen Tagen aß er nichts, und als sie zu Ende waren, empfand er Hunger.

3 Da sprach der Teufel zu ihm: "Bist du Gottes Sohn, so befiehl, daß sich dieser Stein hier in Brot verwandle."

4 Doch Jesus antwortete ihm: "Es steht geschrieben: Der Mensch wird nicht durch Brot allein am Leben erhalten."1

  1. 5Mo 8:3.

5 Dann führte ihn der Teufel auf eine Höhe, zeigte ihm von dort in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde

6 und sprach zu ihm: "All diese Macht und dieser Reiche Herrlichkeit will ich dir geben; denn mir ist sie verliehen,1 und ich kann sie schenken, wem ich will.

  1. Von Gott.

7 Fällst du nun vor mir nieder und huldigst mir, so soll es alles dein sein."

8 Da erwiderte ihm Jesus: "Es steht geschrieben: Anbetend huldigen sollst du nur dem Herrn, deinem Gott und ihn allein verehren."1

  1. Frei nach 5Mo 6:13.

9 Dann führte er ihn nach Jerusalem, stellte ihn auf das flache Dach der Tempelhalle und sprach zu ihm: "Bist du Gottes Sohn, so stürze dich von hier hinab!

10 Denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln deinetwegen Auftrag geben, daß sie dich treulich schützen;

11 ja sie sollen dich auf den Händen tragen, daß du nicht mit deinem Fuß an einen Stein stoßest."1

  1. Ps 91:11-12.

12 Jesus aber erwiderte ihm: "Es steht auch da: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen."1

  1. 5Mo 6:16.

13 Als so der Teufel alle Versuchungen (die ihm damals möglich waren) erschöpft hatte, verließ er ihn, um einen günstigen Zeitpunkt (für einen neuen Angriff) abzuwarten.

14 Mit des Geistes Kraft erfüllt, kam Jesus dann zurück nach Galiläa,1 und die Kunde von ihm verbreitete sich in dem ganzen Nachbarland.2

  1. Vgl. 4,1.
  2. Namentlich wohl in dem Vierfürstentum des Philippus (3,1).

15 Er trat in ihren1 Versammlungshäusern auf und wurde als Lehrer von allen gepriesen.

  1. Den galiläischen.

16 So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war. Dort besuchte er nach seiner Gewohnheit am nächsten Sabbat das Versammlungshaus. Und er erhob sich, um die Schriftlesung zu halten.1

  1. Dazu war jedes männliche Gemeindeglied berechtigt.

17 Da reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja.1 Er schlug es auf und fand die Stelle,2 wo geschrieben stand:

  1. Ein Abschnitt aus den Büchern Mose ging der Regel nach der prophetischen Lesung voraus.
  2. Jes 61:1-2.

18 Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt. Den Armen1 soll ich frohe Botschaft bringen: dazu hat er mich ausgesandt: den Gefangenen soll ich Freiheit künden und den Blinden, daß sie sehend werden; den Bedrückten soll ich Erlösung schenken:

  1. Mt 5:3. In V18 setze ich ein Komma hinter εχρισεν με und streiche es hinter πτωχοις.

19 Ein Gnadenjahr des Herrn soll ich ausrufen.1

  1. Hier ist zu denken an das Frei- oder Jobeljahr, 3Mo 25:10 dessen vorbildliche Bedeutung sich durch Jesu Auftreten zu erfüllen anfing (V21). Jobel heißt Widder; durch das Blasen des Widderhorns wurde der Beginn des Erlaßjahres angekündigt. 3Mo 25:9 Das hebräische Wort Jobel brachte man mit Jubel in Verbindung und bildete so den Ausdruck Jubeljahr. Aus dieser Stelle von dem Gnadenjahr des Herrn haben schon in der alten Kirche nicht nur Irrlehrer, sondern auch Rechtgläubige den verkehrten Schluß gezogen, Jesus habe nach seiner Taufe nur ein Jahr gelehrt.

20 Dann rollte er das Buch zusammen,1 gab es dem Diener zurück2 und setzte sich.3 Während nun alle in dem Versammlungshaus ihre Augen gespannt auf ihn richteten, begann er seine Rede mit den Worten:

  1. Das Buch war eine Rolle.
  2. Die Synagogendiener (Chadsanim) mußten die heiligen Schriften beim Gottesdienst herbeibringen.
  3. Bei dem Vorlesen der Schriftabschnitte stand man, beim Lehren saß man.

21 "Heute hat sich diese Schriftstelle erfüllt, die ihr soeben gehört..."

22 Alle zollten ihm Beifall, sie staunten ob der lieblichen Worte, die von seinen Lippen kamen, und sprachen: "Ist das nicht Josefs Sohn?"1

  1. Aus dem Zusammenhang scheint hervorzugehen, daß die Einwohner von Nazaret Jesus vorher noch nicht als Lehrer gehört hatten.

23 Da sagte er zu ihnen: "Ihr werdet mir jedenfalls das Sprichwort entgegenhalten: 'Arzt, heile dich selbst!1 Solche Taten, wie du in Kapernaum vollbracht,2 und wovon wir haben erzählen hören, die tue auch hier in deiner Vaterstadt!'"

  1. Der Sinn ist: hilf zuerst deinen eigenen Landsleuten in Nazaret. Predige ihnen nicht nur, sondern heile auch ihre Kranken.
  2. Die aber Lukas vorher nicht besonders erwähnt.

24 Dann fuhr er fort: "Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.1

  1. Das seht ihr an Elia und Elisa.

25 Ich versichere euch: Als in Elias Tagen der Himmel drei Jahre und sechs Monate1 verschlossen wurde und eine große Hungersnot über das ganze Land kam, da gab es viele Witwen in Israel.

  1. Hier wie Jak 5:17 wird die regenlose Zeit auf dreieinhalb Jahre bestimmt, während sie nach 1. Kön. 18,1 nur bis ins dritte Jahr dauerte.

26 Doch zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt, sondern vielmehr zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.1

  1. Also zu einer Heidin (1. Kön. 17,9).

27 Es gab auch zur Zeit des Propheten Elisa viele Aussätzige in Israel. Doch keiner von ihnen ward rein. Nur Naeman der Syrer1 fand Heilung."2

  1. Also ein Heide.
  2. 2. Kön. 5.- Durch die Beispiele aus Elias und Elisas Wirksamkeit will Jesus den Bewohnern Nazarets zeigen, daß die Juden nicht denken sollen, jeder Gesandte Gottes müsse ihnen zunächst und vor allen seine Wundermacht offenbaren. Jesus weist hier schon darauf hin, daß sein Heil auch den Heiden zuteil werden soll.

28 Bei diesen Worten gerieten alle im Versammlungshaus in Wut:

29 sie standen auf und trieben ihn zur Stadt hinaus. Dann führten sie ihn bis zu einem Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, um ihn hinabzustürzen.

30 Doch er schritt mitten durch sie hin und ging davon.

31 Er begab sich nach der Stadt Kapernaum in Galiläa.1 Dort lehrte er die Leute am Sabbat.

  1. Das Lukasevangelium des berühmten gnostischen Irrlehrers Marzion (um 150 n.Chr.) beginnt erst hier (4,31) mit den Worten: "Im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius begab sich Jesus nach Kapernaum." Alles Vorangehende fehlt, abgesehen von der Stelle 4,16-30, die aber zwischen 4,39 und 4,40 gesetzt wird. In diesem Zusammenhang ist der Übergang von 4,30 zu 4,40 völlig unverständlich.

32 Sie waren von seiner Lehre ergriffen und betroffen, denn er redete in (göttlicher) Vollmacht.

33 Nun war in dem Versammlungshaus ein Mensch, der hatte einen unreinen Geist.

34 Der schrie mit lauter Stimme: "Ha! was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns zu verderben? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes."

35 Aber Jesus bedrohte ihn mit den Worten: "Schweig und fahre aus von ihm!" Da warf der böse Geist den Menschen mitten unter der versammelten Gemeinde zu Boden und fuhr aus von ihm, ohne ihm zu schaden.

36 Da sprachen alle voller Staunen und Entsetzen zueinander: "Was ist das doch! Mit Macht und Kraft befiehlt er den unreinen Geistern, und sie fahren aus!"

37 Und die Kunde von ihm drang in alle Nachbarorte.1

  1. Von Kapernaum.

38 Als er das Versammlungshaus verlassen hatte, ging er in Simons Wohnung. Simons Schwiegermutter litt gerade an einem heftigen Fieber, und man bat ihn, ihr zu helfen.

39 Da trat er an ihr Bett, beugte sich über sie und bedrohte das Fieber. Da verschwand es. Sofort erhob sie sich von ihrem Lager und wartete ihnen bei der Mahlzeit auf.

40 Als die Sonne unterging,1 brachten die Leute ihre mancherlei Kranken zu ihm. Er legte allen die Hände auf und heilte sie.

  1. Und der Sabbat zu Ende war.

41 Auch böse Geister fuhren von vielen aus und schrien: "Du bist Gottes Sohn." Doch er bedrohte sie und erlaubte ihnen nicht zu reden. Denn sie wußten, daß er der Messias war.

42 Bei Tagesanbruch verließ er das Haus und begab sich an eine einsame Stätte. Da machten sich die Leute auf und suchten ihn. Als sie zu ihm kamen, wollten sie ihn festhalten, daß er sie nicht verlasse.

43 Aber er sprach zu ihnen: "Ich muß auch den anderen Städten die Frohe Botschaft von Gottes Königreich verkünden; denn dazu bin ich ja gesandt."

44 Er predigte dann (eine Zeitlang) in den Versammlungshäusern Judäas.

Chapter 5

1 Eines Tages stand er am Ufer des Sees Genezaret. Das Volk umringte ihn, um Gottes Wort zu hören.

2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und reinigten ihre Hochseenetze.1

  1. δικτυον = Hochseenetz. Zur Hochseefischerei, die am besten von zwei Booten gemeinsam vorgenommen wird, erscheinen V10 vereinigt Petrus und die Söhne des Zebedäus. αμφιβληστρον = Wurfnetz, σαγηνη = Schleppnetz. Siehe G. Dalman: Orte und Wege Jesu, 1924, S.144f.

3 Er trat in eins der Boote und bat Simon, dem es gehörte, eine kleine Strecke in den See hinauszurudern. Dann setzte er sich in dem Boot nieder und lehrte von da aus die Leute.

4 Als er seine Rede beendet hatte, sprach er zu Simon: "Fahr mitten in den See und werft dort eure Netze zum Fangen aus!"

5 Simon antwortete ihm: "Meister, wir haben uns die ganze Nacht gemüht und nichts gefangen; doch auf dein Wort will ich die Netze auswerfen."

6 Sie taten es und fingen eine solche Menge Fische, daß ihre Netze reißen wollten.

7 Da winkten sie ihren Genossen im anderen Boot, sie möchten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und nun füllte man beide Boote, so daß sie zu sinken drohten. Als Simon Petrus das sah, fiel er vor Jesus nieder und rief aus:

8 "Herr, gehe weg von mir; ich bin ein sündiger Mensch!"

9 Denn über diesen Fang, den sie gemacht, waren er und alle seine Gefährten verwundert und entsetzt.

10 Ebenso ging es Jakobus und Johannes, des Zebedäus Söhnen, die Simons Gehilfen waren. Doch Jesus sprach zu Simon: "Sei ohne Furcht! Von nun an sollst du Menschen fangen."

11 Da brachten sie ihre Boote ans Land, verließen alles und folgten ihm. Ein andermal weilte Jesus in einer Stadt.

12 Da war ein Mann voller Aussatz. Als der Jesus sah, fiel er vor ihm auf sein Antlitz nieder und bat ihn: "Herr, wenn du willst, so kannst du mich reinigen."

13 Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: "Ich will es, sei gereinigt!" Sofort wich der Aussatz von ihm.

14 Jesus gebot ihm, kein Wort davon zu reden. "Doch", so fügte er hinzu, "geh hin, zeige dich dem Priester und bring für deine Reinigung das Opfer, wie es Mose vorgeschrieben hat, zum Zeugnis für die Leute!"

15 Das Gerücht von ihm verbreitete sich aber immer weiter, und die Leute eilten in großen Scharen herbei, um ihn zu hören und sich von ihren Krankheiten heilen zu lassen.

16 Doch er hielt sich in der Einsamkeit verborgen, um dort zu beten.

17 Als er eines Tages lehrte, waren die Pharisäer und Gesetzeslehrer zugegen, die aus allen Orten Galiläas und Judäas und aus Jerusalem gekommen waren. Des Herrn Kraft war gerade wirksam, daß er Kranke heilte,

18 als einige Männer einen Gelähmten auf einem Tragbett brachten. Den suchten sie in das Haus zu bringen und vor Jesus niederzusetzen.

19 Aber der vielen Menschen wegen war es ihnen unmöglich, ihn hineinzutragen. Deshalb stiegen sie auf das Dach und ließen ihn samt dem Bett durch die Ziegel mitten unter die Leute unmittelbar vor Jesus nieder.

20 Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er: "Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!"

21 Da begannen die Schriftgelehrten und die Pharisäer bei sich zu denken: "Was ist das für eine Mann? Er lästert ja Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?"

22 Jesus aber durchschaute ihre Gedanken und sprach zu ihnen:

23 "Was denkt ihr da in euern Herzen? Was ist leichter, zu sagen: 'Deine Sünden sind dir vergeben' oder das Wort zu sprechen: 'Steh auf und wandle'?

24 Ihr sollt aber sehen, daß der Menschensohn die Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben." Nun wandte er sich zu dem Gelähmten und sprach: "Ich sage dir: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!"

25 Sofort stand er vor ihren Augen auf, nahm sein Bett, worauf er gelegen, und ging Gott preisend in sein Haus zurück.

26 Von Staunen ergriffen, priesen alle Gott und, von heiliger Scheu erfüllt, bekannten sie: "Wir haben heute wunderbare Dinge erlebt!"

27 Dann verließ Jesus das Haus1 und sah einen Zöllner namens Levi2 vor seinem Zollhaus sitzen. Zu dem sprach er: "Folge mir nach!"

  1. Worin sich das Vorige zugetragen hatte.
  2. D.i. Matthäus. Mt 9:9, Mr 2:14

28 Da stand er auf, verließ alles und folgte ihm.

29 Und Levi gab Jesus zu Ehren ein großes Festmahl in seinem Haus. Daran nahmen außer Jesus und seinen Jüngern auch viele Zöllner und andere Gäste teil.

30 Darüber murrten die Pharisäer und die Schriftgelehrten, die ihrer Richtung angehörten, im Gespräch mit seinen Jüngern. "Warum", so fragten sie, "eßt und trinkt ihr denn mit solchen Zöllnern und Sündern?"

31 Jesus antwortete ihnen: "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.

32 Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zur Sinnesänderung zu rufen, sondern Sünder."

33 Weiter sprachen sie1 zu ihm: "Die Jünger des Johannes fasten so oft und beten, und ebenso die Jünger der Pharisäer; doch deine Jünger essen und trinken (ganz unbedenklich)."2

  1. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten in V30.
  2. Ohne sich um besondere Fast- und Bettage zu kümmern.

34 Jesus sprach zu ihnen: "Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste zum Fasten nötigen, solange der Bräutigam bei ihnen ist?

35 Aber es kommt die Zeit dafür: wenn ihnen der Bräutigam entrissen ist, dann werden sie fasten."

36 Er sagte ihnen auch ein Gleichnis: "Niemand schneidet einen Flicken von einem neue Kleid und setzt ihn auf ein altes. Sonst zerreißt er das neue Kleid, und zu dem alten paßt der Flicken vom neuen nicht.

37 Es gießt auch niemand neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der neue Wein die Schläuche: dann fließt er aus, und die Schläuche sind verloren.

38 Man muß vielmehr neuen Wein in neue Schläuche gießen.

39 Und niemand, der alten Wein getrunken hat, mag neuen. Denn er sagt: der alte ist besser."1

  1. V39 wird von verschiedenen Zeugen weggelassen. Sein Sinn scheint zu sein: Die am Alten (am Judentum und seinen Gebräuchen) Hängenden finden keinen Geschmack an dem Neuen, das Jesus bringt. Ihnen sind die alten gewohnten Formen und Satzungen viel bequemer.

Chapter 6

1 Einst ging er am Sabbat1 durch Getreidefelder. Seine Jünger rissen Ähren ab,

  1. V. Soden klammert hinter εν σαββατω das Wort δευτεροπρωτω ein. Dieser dunkle Ausdruck bedeutet vielleicht: "Am ersten Sabbat nach dem zweiten Passahtag." Von dem zweiten Passahtag, dem 16. Nisan, an zählte man nämlich sieben Sabbate, deren erster hier wohl gemeint ist. Damals stand das Getreide in Ähren; am 16. Nisan wurde die Erstlingsgarbe dargebracht. 3Mo 23:6,10,11,15,16

2 zerrieben sie in der Hand und aßen die Körner. Da sprachen einige der Pharisäer: "Warum tut ihr etwas, was man am Sabbat nicht darf?"

3 Jesus antwortete ihnen: "Habt ihr denn nicht einmal gelesen, was David tat, als ihn und seine Begleiter hungerte?

4 Wie er in das Haus Gottes ging, dort die Schaubrote nahm und aß und auch seinen Gefährten davon gab, obwohl allein die Priester sie verzehren dürfen?"

5 Dann fuhr er fort: "Der Menschensohn ist auch über den Sabbat Herr."

6 An einem anderen Sabbat ging er in das Versammlungshaus und lehrte. Dort war ein Mann, dessen rechter Arm war abgestorben.

7 Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber lauerten ihm auf, ob er am Sabbat heile, damit sie einen Grund hätten, ihn zu verklagen.

8 Er aber merkte ihre Gedanken und sprach zu dem Mann mit dem abgestorbenen Arm: "Steh auf, tritt vor!" Er stand auf und trat vor.

9 Da sprach Jesus zu ihnen: "Ich frage euch: Soll man am Sabbat lieber Gutes oder Böses tun, ein Leben retten oder vernichten?"

10 Dann sah er sie alle ringsum zornig an und sprach zu dem Mann: "Strecke deinen Arm aus!" Das tat er, und sein Arm ward wiederhergestellt.

11 Da wurden sie mit Wut erfüllt und besprachen miteinander, was sie gegen Jesus tun könnten.

12 In jenen Tagen zog er sich auf die Höhe1 zurück, um dort zu beten, und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott.

  1. Gemeint ist das Bergland nördlich vom See Genezaret.

13 Nach Tagesanbruch rief er seine Jünger herbei und erwählte aus ihnen zwölf, die er auch Apostel nannte:

14 Simon, dem er den Namen Petrus gab, und Andreas, seinen Bruder; Jakobus und Johannes; Philippus und Bartholomäus;

15 Matthäus und Thomas; Jakobus, des Alphäus Sohn, und Simon, genannt "der Eiferer";

16 Judas, den Sohn des Jakobus,1 und Judas aus Kariot, der sein Verräter wurde.

  1. Wohl derselbe wie Lebbäus und Thaddäus. Mt 10:3, Mr 3:18

17 Mit ihnen stieg er vom Berg herab und machte auf einem ebenen Platz Halt. Dort umringte ihn eine große Schar seiner Jünger und eine zahlreiche Volksmenge aus dem ganzen jüdischen Land, besonders aus Jerusalem, und aus dem Küstenstrich von Tyrus und Sidon.

18 Sie alle waren herbeigekommen, um ihn zu hören und sich von ihren Krankheiten heilen zu lassen. Auch die von unreinen Geistern Geplagten wurden gesund.

19 Jeder in der Menge suchte ihn anzurühren; denn eine Kraft ging von ihm aus, und er heilte sie alle.

20 Da hob er seine Augen auf, sah seine Jünger an und sprach: "Selig seid ihr Armen; denn Gottes Königreich ist euer Teil.

21 Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt einst gesättigt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr sollt einst lachen.

22 Selig seid ihr, wenn euch die Leute um des Menschensohnes willen hassen, ausstoßen, schmähen und euern Namen ächten.

23 Freut euch dann und hüpft vor Wonne! Denn euer Lohn ist groß im Himmel. Ihre Vorfahren haben es ja mit den Propheten ebenso gemacht.

24 Aber weh euch Reichen! Denn ihr habt euer Glück schon weg.1

  1. Das ist eben ihr Reichtum, worin sie ihr Glück suchen.

25 Weh euch, die ihr jetzt ganz gesättigt seid! Denn euch soll einst hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr sollt einst voll Trauer weinen.

26 Weh euch, wenn euch alle Leute schmeicheln! Ihre Vorfahren haben es ja mit den falschen Propheten ebenso gemacht.

27 Euch aber, die ihr hören wollt auf meine Worte, sage ich: Liebt eure Feinde; tut Gutes denen, die euch hassen;

28 segnet, die euch fluchen; betet für alle, die euch schmähen!

29 Wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halte auch die andere hin; und wer dir dein Oberkleid nimmt, dem versag auch nicht dein Unterkleid!

30 Wer dich um etwas bittet, dem gib; und wenn man dir das Deine nimmt,1 so fordere es nicht zurück!

  1. Ein Darlehen nicht zurückzahlt.

31 Wie ihr von den Leuten behandelt werden wollt, ganz ebenso sollt ihr sie auch behandeln.

32 Denn wenn ihr nur die liebt, die euch liebhaben, wie könnt ihr dafür Dank erwarten? Sogar die Sünder lieben solche, von denen sie Liebe erfahren.

33 Und wenn ihr euern Wohltätern Gutes tut, wie könnt ihr dafür Dank erwarten? Das tun sogar die Sünder.

34 Und wenn ihr nur den Leuten leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, wie könnt ihr dafür Dank erwarten? Selbst Sünder leihen ihresgleichen, um denselben Dienst von ihnen zu empfangen.

35 Doch ihr sollt eure Feinde lieben; ihr sollt Gutes tun und leihen, ohne dafür auf einen Gegendienst zu rechnen. Dann wird euch reicher Lohn zuteil, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein. Denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

36 Zeigt euch barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!

37 Richtet nicht, dann werdet ihr auch nicht gerichtet! Verurteilt nicht, dann werdet ihr auch nicht verurteilt! Verzeiht, dann wird euch auch verziehen!

38 Gebt, dann wird euch auch gegeben! Ein reichliches, gedrücktes, gerütteltes und übervolles Maß wird man euch schütten in euers Mantels Bausch.1 Denn mit dem Maß, womit ihr meßt, soll euch wieder gemessen werden."2

  1. Worin man vieles aufnehmen und wegtragen konnte.
  2. Euerm Geben entsprechend soll euch von Gott vergolten werden.

39 Er fügte dann noch ein Gleichnis hinzu: "Kann ein Blinder den anderen führen? Müssen sie nicht beide in die Grube fallen?1

  1. Mt 15:14.

40 Kein Schüler übertrifft seinen Lehrer; sondern wenn er ganz ausgebildet ist, wird er doch höchstens dem Lehrer gleichen.1

  1. Mt 10:24-25, Joh 13:16, 15:20.

41 Warum siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, während du den Balken im eigenen Auge nicht bemerkst?

42 Wie kannst du es wagen, zu deinem Bruder zu sagen: 'Bruder, laß mich den Splitter herausziehen, der in deinem Auge steckt', während du den Balken in deinem Auge gar nicht siehst? Du Heuchler, zieh zunächst den Balken aus deinem Auge! Dann erst magst du sehen, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

43 Kein nützlicher Baum bringt schädliche Frucht, und umgekehrt: kein schädlicher Baum bringt nützliche Frucht.

44 Jeden Baum erkennt man ja an seiner Frucht. Von Gestrüpp kann man keine Feigen sammeln und von einem Dornbusch keine Trauben lesen.

45 Ein guter Mensch bringt aus der guten Vorratskammer seines Herzens Gutes hervor. Ein böser Mensch bringt aus seiner bösen Vorratskammer Böses hervor. Denn seines Mundes Worte fließen aus des Herzens Quell.1

  1. Mt 12:34-35.

46 Warum nennt ihr mich 'Herr, Herr', wenn ihr doch nicht tut was ich gebiete?

47 Wer zu mir kommt und meine Worte hört und danach tut: ich will euch zeigen, wem der gleicht.

48 Er gleicht einem Mann, der bei einem Hausbau tief ausschachten läßt und die Grundmauern auf Felsenboden setzt. Kommt dann eine Überschwemmung und prallt die Wasserflut an ein solches Haus, so kann sie es doch nicht erschüttern; denn es ist fest gebaut.

49 Wer aber meine Worte hört und nicht danach tut, der gleicht einem Mann, der sein Haus ohne feste Grundmauer auf die weiche Erde baut. Prallt dann die Wasserflut dagegen, so stürzt es gleich zusammen, und ein solches Haus wird ein großer Trümmerhaufen."

Chapter 7

1 Als Jesus diese ganze Rede, die auch das Volk1 vernahm, beendet hatte, ging er nach Kapernaum hinein.

  1. Nicht nur die Schar seiner Jünger.

2 Dort lag eines Hauptmanns Knecht,1 den sein Herr besonders schätzte, so schwer krank, daß er dem Tod nahe war.

  1. Ein leibeigener Sklave.

3 Als nun der Hauptmann von Jesus hörte, sandte er einige der jüdischen Ältesten1 zu ihm und ließ ihn bitten, er möge kommen und seinen Knecht gesund machen.

  1. Älteste hießen die Mitglieder der städtischen Ortsgerichte, gewöhnlich sieben an der Zahl.

4 Die erschienen bei Jesus und baten ihn dringend, indem sie geltend machten: "Er verdient es wirklich, daß du ihm seinen Wunsch erfüllst.

5 Denn er hat unser Volk lieb, und das Versammlungshaus hat er uns aus seinen Mitteln erbaut."1

  1. Der Hauptmann gehörte offenbar zu jenen Heiden, die sich, ohne die Beschneidung anzunehmen, dem Judentum angeschlossen hatten.

6 Jesus ging mit. Als er aber nicht mehr weit von dem Haus war, da ließ ihm der Hauptmann durch einige seiner Freunde sagen: "Herr, bemühe dich nicht; denn ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach trittst!

7 Darum habe ich mich auch nicht für würdig gehalten, zu dir zu kommen. Sondern sprich nur ein Wort, so muß mein Diener genesen!

8 Denn auch ich, obwohl einem Vorgesetzten untergeben, habe Kriegsleute unter mir. Sage ich nun zu dem einen: 'Geh!', so geht er, zu dem anderen: 'Komm!', so kommt er, und zu meinem Knecht: 'Tue das!', so tut er's."

9 Als Jesus das hörte, verwunderte er sich über ihn; er wandte sich zu dem Volk, das ihn begleitete, und sprach: "Ich sage euch: Nicht einmal in Israel habe ich solchen Glauben gefunden."

10 Bei ihrer Rückkehr in des Hauptmanns Haus fanden die Boten den kranken Knecht gesund.

11 Bald darauf begab sich Jesus auf den Weg zu einer Stadt mit Namen Nain,1 und mit ihm zogen seine Jünger und viel Volk.

  1. Südöstlich von Nazaret, heute das elende, nur von sehr wenigen Familien bewohnte Dorf Nein.

12 Als er sich dem Stadttor näherte, da trug man gerade einen Toten hinaus;1 der war der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe. Und sehr viele Leute aus der Stadt begleiteten sie.

  1. Die Toten wurden damals in offenen Särgen zu Grabe getragen. Die Begräbnisse fanden am frühen Morgen oder am späten Nachmittag statt.

13 Als der Herr1 sie sah, empfand er tiefes Mitgefühl mit ihr, und er sprach zu ihr: "Weine nicht!"

  1. So nennt Lukas Jesus hier zum erstenmal in seinem Evangelium.

14 Dann trat er an den Sarg und berührte ihn. Da machten die Träger Halt. Und er sprach: "Jüngling, ich sage dir: wach auf!"

15 Da setzte sich der Tote aufrecht hin und begann zu reden. Und Jesus gab ihn seiner Mutter wieder.

16 Alle aber waren von heiliger Scheu ergriffen und priesen Gott. Die einen riefen: "Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten!" Andere sagten: "Gott hat sein Volk in Gnaden angesehen!"

17 Die Kunde von dieser seiner Tat verbreitete sich im ganzen jüdischen Land und in allen angrenzenden Gebieten.

18 Von alledem erhielt auch Johannes durch seine Jünger Nachricht. Da rief er zwei von ihnen zu sich,

19 sandte sie zum Herrn und ließ ihn fragen: "Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?"

20 Die Männer erschienen bei ihm und sprachen: "Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und läßt dich fragen: 'Bist du der verheißene Messias, oder müssen wir auf einen anderen warten?'"

21 Zu eben jener Stunde heilte Jesus viele von Krankheiten, Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden schenkte er das Augenlicht.

22 Da antwortete er den Boten: "Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört: Blinde werden sehend, Lahme gehen wieder, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird die Heilsbotschaft verkündigt;

23 und selig ist, wer an mir nicht irre wird!"

24 Als die Boten des Johannes wieder weggegangen waren, begann Jesus zu den Volksscharen von Johannes zu reden: "Warum seid ihr einst in die Wüste hinausgegangen? Wolltet ihr euch ein Schilfrohr ansehen, das sich im Wind hin- und herbewegte?

25 Doch sicher nicht! Warum seid ihr denn einst hinausgegangen? Wolltet ihr einen feingekleideten Weltmann sehen? Solche Leute, die sich prächtig kleiden und üppig leben, sind an den Königshöfen.

26 Warum seid ihr denn hinausgegangen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja ich sage euch: Dieser Mann ist noch weit mehr als ein Prophet.

27 Denn er ist es, von dem geschrieben steht: Sieh, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.1

  1. Mal 3:1.

28 Ich sage euch: Unter allen Weibersöhnen ist keiner größer als Johannes; der Kleinste aber im Königreich Gottes ist größer als er.

29 Das ganze Volk, das des Johannes Predigt hörte, besonders auch die Zöllner, haben sich von ihm taufen lassen und damit diese Ordnung Gottes1 als gerecht anerkannt.

  1. Die Taufe des Johannes.

30 Die Pharisäer aber und die Gesetzeslehrer haben sich nicht von ihm taufen lassen und dadurch die Gnadenabsicht, die Gott auch mit ihnen hatte,1 vereitelt.

  1. Nämlich: sie durch die Bußtaufe für das Messiasreich zu bereiten.

31 Wem soll ich nun die Menschen von heute vergleichen? Wem sind sie ähnlich?

32 Sie sind wie Kinder, die auf der Straße sitzen und einander zurufen: Wir haben euch die Flöte gespielt, doch ihr habt nicht getanzt; wir haben ein Klagelied gesungen, doch ihr habt nicht geweint.

33 Johannes der Täufer ist aufgetreten: er hat kein Brot gegessen und keinen Wein getrunken; da sagt ihr: 'Er ist von einem bösen Geist besessen!'

34 Der Menschensohn ist aufgetreten und ißt und trinkt wie andere; da sagt ihr nun: 'Seht, er ist ein Fresser und Weintrinker, der Zöllner und Sünder Freund.'

35 Aber doch ist die Weisheit (Gottes) anerkannt worden von allen, die auf ihre Stimme hören."1

  1. Wörtlich: "von allen ihren Kindern." Der Sinn des Verses ist: Während das launische Zeitalter die Weisheit Gottes in der Sendung und dem äußeren Auftreten des Täufers und Jesu verkennt, können sich alle, die für diese Weisheit innerlich empfänglich sind und ihr als rechte Jünger folgen, auch in ihre Wege finden und sich von der Richtigkeit ihres Wirkens überzeugen.

36 Einst lud ihn ein Pharisäer ein, bei ihm zu speisen. Er ging in des Pharisäers Haus und nahm am Tisch Platz.

37 Nun wohnte in jener Stadt1 eine Frau, die ein lasterhaftes Leben führte. Als die vernahm, Jesus sei als Gast in des Pharisäers Haus, da kam sie mit einem Glas Salböl

  1. Der Name wird nicht genannt.

38 und trat laut weinend rückwärts zu dem Platz, wo er mit seinen Füßen lag.1 Sie begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen und trocknete sie mit ihrem Haupthaar. Dann küßte sie voll Inbrunst seine Füße und salbte sie mit dem Öl.

  1. Jesus lag nach damaliger Sitte während des Mahls auf einer niedrigen Polsterbank ausgestreckt, so daß er sich auf den linken Arm stützte und den Kopf zu dem Tisch hinwandte. Seine Füße waren nach rückwärts gekehrt, dorthin, wo die aufwartenden Diener standen. Das Weib umfaßte nun, hinter Jesu Platz kniend, seine Füße und küßte sie in inniger Verehrung, wie man bei Rabbinen zu tun pflegte.

39 Als der Pharisäer, der ihn geladen hatte, das sah, da dachte er bei sich: "Wäre der Mann wirklich ein Prophet, so müßte er auch wissen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn berührt, — er müßte wissen, daß dies Weib der Sünde dient."

40 Da nahm Jesus das Wort und sprach zu ihm: "Simon, ich habe dir etwas zu sagen." Er erwiderte: "Meister, sprich!"

41 Jesus sagte: "Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Silberlinge1 schuldig, der andere fünfzig.

  1. Wörtlich: Denare (ein Denar = 70 Pfennig).

42 Da sie ihre Schuld nicht bezahlen konnten, so erließ er sie beiden. Sag mir: wer von ihnen wird ihn nun am meisten liebhaben?"

43 Simon antwortete: "Ich sollte meinen: der, dem er am meisten erlassen hat." Jesus sprach zu ihm: "Du hast recht geurteilt."

44 Dann wandte er sich zu der Frau und sprach zu Simon: "Du siehst die Frau hier. Als ich dein Haus betrat, hast du mir kein Wasser zu einem Fußbad bringen lassen;1 sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen genetzt und sie mit ihrem Haar getrocknet.

  1. Wie es die Sitte erforderte.

45 Du hast mir keinen Willkommkuß gegeben; sie aber hat, seitdem ich hier eingetreten bin, mir unaufhörlich die Füße geküßt.

46 Du hast mir das Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrer köstlichen Salbe sogar die Füße gesalbt.1

  1. "Vor einem Festmahl pflegte man sich daheim zu baden und zu salben. Der Gastgeber ließ dem Gast die Füße vom Staub der Straße reinigen und sein Haar neu ordnen und salben." (A. Vezin.)

47 Darum sage ich dir: Für ihre vielen Sünden ist ihr schon Vergebung zuteil geworden; denn sie hat (mir) viel Liebe erwiesen. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe."1

  1. Wie in dem Gleichnis die Liebe des Schuldners in dem Schulderlaß des Gläubigers ihren Grund hat, so hat auch die Liebeserweisung der Sünderin ihren Grund in der schon empfangenen Sündenvergebung. Weil sie weiß, wie reich ihr Gott vergeben hat, darum will sie auch dem, den sie für einen großen Propheten Gottes hält, so reich als möglich ihre dankbare Liebe beweisen.

48 Dann sprach er zu ihr: "Deine Sünden sind dir vergeben."

49 Da begannen die Tischgenossen bei sich zu denken: "Wer ist denn dieser Mann, daß er sogar Sünden vergibt?"

50 Er aber sprach zu der Frau: "Dein Glaube hat dich gerettet;1 geh hin in Frieden!"2

  1. Hat dir Vergebung und damit Rettung vom ewigen Verderben gebracht.
  2. Die sehr alte Meinung, Maria Magdalena (8,2) sei die große Sünderin gewesen, ist völlig haltlos. Ebensowenig ist die von Lukas berichtete Salbung in Verbindung zu bringen mit der in Math. 26, Mark. 14 und Joh. 12 erzählten Salbung in Bethanien.

Chapter 8

1 Sodann zog Jesus durch das Land: er ging von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, und überall verkündigte er die Frohe Botschaft von Gottes Königreich. Er wurde begleitet von den Zwölf

2 und auch von einigen Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten befreit hatte. Darunter waren Maria mit dem Beinamen Magdalena,1 von der sieben böse Geister ausgefahren waren,2

  1. Nach ihrem Heimatort Magdala am Westufer des Sees Genezaret.
  2. Mr 16:9.

3 Johanna, die Frau Chuzas, eines Verwalters des Herodes,1 Susanna und viele andere, die ihn aus ihren Mitteln unterstützten.

  1. Gemeint ist Herodes Antipas, der Vierfürst von Galiläa. Th. Zahn vermutet, Chuza sei der königliche Beamte in Joh 4:46-53.

4 Als einst viel Volk zusammenkam und die Leute aus den Städten zu ihm eilten, trug er dies Gleichnis vor:

5 "Es ging ein Sämann aus, um seinen Samen auszustreuen. Beim Säen fielen einige Körner an den Weg: die wurden zertreten, und die Vögel unter dem Himmel pickten sie auf.

6 Andere Körner fielen auf steinigen Boden: die gingen auf; aber die Halme verdorrten, weil sie keine Feuchtigkeit hatten.

7 Andere Körner fielen mitten unter Dorngestrüpp: da wuchsen die Dornen mit auf und erstickten die Saat.

8 Andere Körner fielen auf guten Boden: die gingen auf und trugen hundertfältige Frucht." Bei diesen Worten rief er aus: "Wer Ohren hat zu hören, der höre!"

9 Da fragten ihn seine Jünger nach der Bedeutung dieses Gleichnisses.

10 Er antwortete: "Euch ist die Fähigkeit verliehen, in die Geheimnisse des Königreiches Gottes einzudringen. Die anderen aber werden nur durch Gleichnisse unterwiesen, denn: Sie sollen sehen und nicht beachten, sie sollen hören und nicht verstehen.1

  1. Jes 6:9-10 in freier Wiedergabe.

11 Dies ist die Deutung des Gleichnisses: Der Same ist das Wort Gottes.

12 Bei denen der Same an den Weg fällt, die hören wohl das Wort; dann aber kommt der Teufel und nimmt es weg aus ihrem Herzen, damit sie nicht zum Glauben kommen und gerettet werden.

13 Bei denen der Same auf steinigen Boden fällt, die nehmen zwar das Wort, wenn sie es hören, mit Freuden auf; es schlägt jedoch in ihnen keine Wurzel: sie glauben nur eine Zeitlang; aber wenn Prüfung kommt, fallen sie ab.

14 Was dorthin fällt, wo Dornen wachsen, das bedeutet solche, die das Wort wohl hören, dann aber hingehen und es von des Lebens Sorgen, Reichtum und Genüssen in sich ersticken lassen, so daß sie keine Frucht zur Reife bringen.

15 Was aber auf guten Boden fällt, bedeutet solche, die das Wort, das sie gehört, in einem guten, edlen Herzen bewahren und in beharrlicher Ausdauer Frucht bringen.

16 Niemand zündet eine Lampe an und bedeckt sie dann mit einem Gefäß oder stellt sie unter ein Bett, sondern er setzt sie auf einen Leuchter, damit alle, die eintreten, das Licht sehen.

17 Denn nichts ist so verborgen, daß es nicht einst offenbar würde; und nichts ist so versteckt, daß es nicht einst bekannt würde und ans Tageslicht käme.

18 Achtet darum darauf, wie ihr hört! Denn wer (die rechte Aufmerksamkeit) hat, dem wird (Erkenntnis) mitgeteilt; wer (sie) aber nicht hat, soll sogar auch das, was er (an Erkenntnis) zu haben meint, genommen werden."

19 Einst kamen seine Mutter und seine Brüder zu ihm; aber der vielen Leute wegen konnten sie nicht zu ihm gelangen.

20 Da wurde ihm gemeldet: "Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wünschen dich zu sehen."

21 Darauf gab er zur Antwort: "Meine Mutter und meine Brüder sind alle, die Gottes Wort hören und befolgen."

22 Eines Tages stieg er mit seinen Jüngern in ein Boot und sprach zu ihnen: "Wir wollen an das andere Ufer des Sees fahren." Sie fuhren ab.

23 Während der Fahrt schlief er ein. Da kam ein Sturmwind über den See; das Boot füllte sich mit Wasser, und sie schwebten in (großer) Gefahr.

24 Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn mit dem Ruf: "Meister, Meister, wir ertrinken!" Da stand er auf und schalt den Wind und die Wasserwogen. Nun legten sie sich, und es ward still.

25 Dann sagte er zu ihnen: "Wo ist denn euer Glaube?" Sie aber waren voll Furcht und Staunen und sprachen zueinander: "Wer ist doch dieser Mann, daß er sogar den Winden und Wogen gebietet und sie ihm gehorchen?"

26 Sie fuhren dann in das Gebiet der Gergesener, das Galiläa gegenüberliegt.

27 Als er dort ans Land gestiegen war, trat ihm ein Mann aus der Stadt entgegen, der von bösen Geistern besessen war. Der trug schon lange keine Kleider mehr und hatte auch keine bestimmte Wohnung, sondern hauste in den Gräbern.1

  1. Die zwischen dem Seeufer und der Stadt lagen.

28 Als dieser Mann Jesus sah, warf er sich schreiend vor ihm nieder und rief mit lauter Stimme: "Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich bitte dich: Quäle mich doch nicht!"

29 Jesus wollte nämlich gerade dem unreinen Geist gebieten, von dem Menschen auszufahren. Der war schon lange in der Gewalt des bösen Geistes; und wenn man ihn zur Sicherheit1 an Händen und Füßen binden wollte, so zerriß er jedesmal die Fesseln und wurde von dem bösen Geist in abgelegene Gegenden getrieben.

  1. Damit er bei seinen Anfällen anderen keinen Schaden zufüge.

30 Jesus fragte ihn nun: "Wie heißt du?" Er antwortete: "Legion". Denn viele böse Geister waren in ihn gefahren.

31 Die Geister aber baten Jesus, er möge ihnen nicht befehlen, in den Abgrund1 zu fahren.

  1. Die Wohnung der bösen Geister (Off 9:1.2.11, 20:1-3).

32 Nun war dort am Bergeshang gerade eine große Herde Schweine auf der Weide. Da baten ihn die bösen Geister, er möge ihnen erlauben, in die Schweine zu fahren. Das erlaubte er ihnen.

33 Nun fuhren die bösen Geister von dem Menschen aus und gingen in die Schweine. Da stürmte die Herde den Abhang hinunter in den See und ertrank.

34 Als die Hirten sahen, was geschah, da flohen sie und erzählten den Vorfall in der Stadt und auf dem Land.

35 Da eilten die Leute herbei, um zu sehen, was sich begeben hatte. Als sie zu Jesus kamen und den Mann, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, bekleidet und vernünftig zu Jesu Füßen sitzend fanden, da wurden sie von Furcht ergriffen.

36 Die Augenzeugen erzählten ihnen, wie der Besessene gesund geworden sei.

37 Da bat ihn die ganze Bevölkerung in der Gegend von Gergesa, er möge sie verlassen; denn sie waren von großer Furcht ergriffen. Er stieg nun wieder ins Boot und fuhr zurück.

38 Der Mann aber, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, bat ihn um die Erlaubnis, daß er bei ihm bleiben dürfe. Doch Jesus entließ ihn mit den Worten:

39 "Kehre nach Hause zurück und erzähle dort alles, was Gott an dir getan!" Da ging er hin und verkündigte in der ganzen Stadt, was Jesus ihm erwiesen hatte.

40 Bei seiner Rückkehr (nach Kapernaum) wurde Jesus von dem Volk mit Jubel empfangen; denn alle warteten auf ihn.

41 Da kam ein Mann mit Namen Jairus, einer von den Vorstehern der jüdischen Gemeinde. Der fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen;

42 denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, und die lag im Sterben. Jesus machte sich auf den Weg, umdrängt von vielen Menschen.

43 Und eine Frau, die schon seit zwölf Jahren am Blutfluß litt, die ihr ganzes Vermögen für Ärzte ausgegeben und bei keinem hatte Heilung finden können,

44 die trat nun von hinten an ihn heran und berührte die Quaste seines Mantels; und augenblicklich stand ihr Blutfluß still.

45 Da fragte Jesus: "Wer hat mich berührt?" Als sich keiner meldete, sagten Petrus und die anderen: "Meister, die Leute drängen dich doch von allen Seiten und stoßen."

46 Jesus aber erwiderte: "Es hat mich jemand angerührt; denn ich habe gemerkt, daß eine Kraft von mir ausgegangen ist."

47 Als sich nun die Frau entdeckt sah, da kam sie zitternd herbei, fiel vor ihm nieder und bekannte vor allem Volk, weshalb sie ihn angerührt habe und wie sie sofort geheilt worden sei.

48 Da sprach er zu ihr: "Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden!"

49 Während er noch so redete, erschien jemand aus dem Haus des Gemeindevorstehers und brachte diesem die Botschaft: "Deine Tochter ist schon gestorben; bemühe den Meister nicht weiter!"

50 Als Jesus das hörte, sprach er zu ihm: "Fürchte dich nicht; glaube nur, und sie wird leben!"

51 Als er dann zu dem Haus kam, ließ er niemand mit sich eintreten als Petrus, Jakobus und Johannes und des Kindes Eltern.

52 Alle (im Haus) weinten und klagten laut um sie. Er aber sprach: "Weint nicht; sie ist ja nicht tot, sie schläft nur!"

53 Da verlachten sie ihn; denn sie wußten wohl, daß sie tot war.

54 Er aber ergriff sie bei der Hand und rief: "Kind, steh auf!"

55 Da kehrte ihr Geist zurück, und sie stand augenblicklich auf. Und er ordnete an, man solle ihr zu essen geben.

56 Ihre Eltern waren vor Staunen ganz außer sich. Aber er gebot ihnen, niemand etwas von dem Vorfall zu erzählen.

Chapter 9

1 Dann rief er die zwölf Apostel zusammen und gab ihnen Kraft und Vollmacht, alle bösen Geister auszutreiben und Krankheiten zu heilen.

2 Darauf sandte er sie aus, um Gottes Königreich zu verkünden und die Kranken gesund zu machen.

3 Dabei sprach er zu ihnen: "Nehmt nichts mit auf den Weg: keinen Wanderstab, keinen Ranzen, kein Brot, kein Geld; auch sollt ihr nicht zwei Unterkleider haben!

4 In jedem Haus, wo ihr Eingang findet, da bleibt, bis ihr weiterwandert!

5 Wo man euch aber nicht aufnimmt, die Stadt verlaßt und schüttelt ihren Staub von euern Füßen, zum Zeugnis wider sie!"

6 So zogen sie denn aus und wanderten von Dorf zu Dorf; überall verkündigten sie die Frohe Botschaft und heilten Kranke.

7 Als der Vierfürst Herodes von dem allen hörte, wußte er nicht, was er davon halten sollte. Denn einige sagten: "Johannes ist von den Toten auferweckt",

8 andere: "Elia ist erschienen", wieder andere: "Einer der alten Propheten ist auferstanden."

9 Herodes aber sprach: "Johannes habe ich enthaupten lassen; wer ist nun dieser Mann, von dem ich solche Dinge höre?" Und er wünschte, ihn zu sehen.

10 Bei ihrer Rückkehr erzählten die Apostel Jesus alles, was sie ausgerichtet hatten. Da nahm er sie mit sich und zog sich in die Einsamkeit zurück in die Nähe einer Stadt, die hieß Bethsaida.1

  1. Gemeint ist wohl das alte Fischerdorf dieses Namens, das der Vierfürst Philippus zu der Stadt Julias ausgebaut hatte.

11 Die Leute aber erfuhren das und folgten ihm. Er nahm sie freundlich auf, redete zu ihnen von dem Königreich Gottes und machte alle Heilungsbedürftigen gesund.

12 Als sich der Tag zu neigen begann, traten die Zwölf zu ihm und sprachen: "Laß die Leute ziehen, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen und dort Unterkunft und Verpflegung finden; denn wir sind hier in einer unbewohnten Gegend."

13 Er aber sprach zu ihnen: "Gebt ihr ihnen zu essen!" Sie erwiderten: "Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müßten sonst hingehen und Lebensmittel kaufen für alle diese Menschen."

14 Es waren nämlich gegen fünftausend Mann. Da sprach er zu seinen Jüngern: "Laßt sie sich in Gruppen etwa zu je fünfzig lagern!"

15 Das taten sie und ließen alle sich niedersetzen.

16 Nun nahm er die fünf Brote und die beiden Fische, sah auf zum Himmel und sprach den Lobpreis. Dann brach er die Brote und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie den Leuten vorlegten.

17 So aßen alle und wurden satt. Dann hob man die Brocken, die sie übriggelassen hatten, vom Boden auf: zwölf große Körbe voll.

18 Als er eines Tages in der Einsamkeit betete, waren nur die Jünger bei ihm. Da fragte er sie: "Wofür halten mich die Leute?"

19 Sie antworteten: "Für Johannes den Täufer, andere für Elia, noch andere meinen, einer der alten Propheten sei auferstanden."

20 Da sprach er zu ihnen: "Für wen haltet ihr mich denn?" Petrus antwortete: "Für den Gesalbten Gottes."

21 Da verbot er ihnen streng, das irgendwem zu sagen.

22 Er fügte noch hinzu: "Der Menschensohn muß vieles leiden, dazu verworfen werden von den Ältesten, Hohenpriestern und Schriftgelehrten; ja er muß den Tod erdulden, aber am dritten Tag auferstehen."

23 Dann sprach er zu allen: "Wer mein Nachfolger sein will, der verleugne sich selbst und nehme Tag für Tag sein Kreuz auf sich und folge mir.

24 Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

25 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei sich selbst verliert oder zu Schaden bringt?

26 Denn wer sich mein und meiner Worte schämt, des wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er in seiner, in seines Vaters und in der heiligen Engel Herrlichkeit erscheint.

27 Es ist die volle Wahrheit, wenn ich euch sage: Einige von denen, die hier stehen, sollen den Tod nicht schmecken, ehe sie Gottes Königreich gesehen haben."

28 Etwa acht Tage später nahm er Petrus, Johannes und Jakobus zu sich und ging auf den Berg, um dort zu beten.

29 Während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Angesichts, und sein Gewand ward blendend weiß.

30 Und sieh, zwei Männer hatten ein Gespräch mit ihm: das waren Mose und Elia.

31 Die erschienen in überirdischem Glanz und redeten von seinem Lebensausgang, den er in Jerusalem vollenden sollte.

32 Petrus aber und seine Gefährten waren in tiefen Schlaf versunken. Als sie erwachten, sahen sie seine Herrlichkeit und die beiden Männer, die bei ihm standen.

33 Als die von ihm scheiden wollten, sprach Petrus zu Jesus: "Meister, es trifft sich gut, daß wir hier sind! Laß uns drei Hütten bauen: eine für dich, eine für Mose und eine für Elia." Er wußte aber nicht, was er da sagte.

34 Während er noch redete, kam eine Wolke und umhüllte sie;1 und sie wurden von Furcht ergriffen, als die Wolke sie umfing.

  1. Die Jünger.

35 Da rief eine Stimme aus der Wolke: "Dies ist mein Sohn, den ich erkoren; auf den hört!"

36 Nach diesem Ruf war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen über das, was sie gesehen hatten, und teilten damals keinem etwas davon mit.

37 Als sie am nächsten Tag von dem Berg hinabgingen, kam Jesus ein großer Volkshaufen entgegen.

38 Da rief ein Mann aus dem Haufen: "Meister, ich bitte dich, nimm dich meines Sohnes an; er ist mein einziges Kind!

39 Oft packt ihn ein böser Geist: dann schreit der Knabe plötzlich auf, ihm tritt Schaum vor den Mund, und er wird von dem Geist hin- und hergerissen; der weicht nur schwer von ihm und verzehrt seine Lebenskraft.

40 Ich habe deine Jünger gebeten, ihn auszutreiben; aber sie haben es nicht gekonnt."

41 Jesus antwortete: "Ihr ungläubige und verkehrte Art, wie lange soll ich bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn hierher!"

42 Als der Knabe herankam, warf ihn der böse Geist zu Boden und zerrte ihn in allen seinen Gliedern. Aber Jesus bedrohte den unreinen Geist: so heilte er den Knaben und gab ihn seinem Vater wieder.

43 Da staunten alle über Gottes gewaltige Macht. Während sich die Leute über alle seine Taten verwunderten, sprach er zu seinen Jüngern:

44 "Merkt ihr recht auf die Worte, die ich euch jetzt sage: Der Menschensohn soll nun bald in der Menschen Hände überliefert werden."1

  1. Das augenblickliche Staunen des Volkes soll die Jünger nicht über Jesu schließliche Verwerfung täuschen.

45 Sie verstanden aber nicht, was er mit diesen Worten meinte; sie waren ihnen dunkel, so daß sie ihren Sinn nicht faßten. Aber sie scheuten sich, ihn um diesen Ausspruch näher zu befragen.

46 Einst unterhielten sie sich darüber, wer wohl der Größte unter ihnen sei.

47 Jesus, der die Gedanken ihres Herzens kannte, nahm ein kleines Kind bei der Hand, stellte es neben sich

48 und sprach zu ihnen: "Wer dies Kind aufnimmt, weil es meinen Namen bekennt, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wahrlich, der Kleinste unter euch allen — der ist der Größte."

49 Da nahm Johannes das Wort und sprach: "Meister, wir haben einen in deinem Namen böse Geister austreiben sehen; aber wir haben es ihm verboten, weil er dir nicht mit uns nachfolgt."

50 Jesus antwortete ihm: "Ihr hättet es ihm nicht verbieten sollen; denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch."

51 Als die Zeit herankam, wo er (diese Welt verlassen und in den Himmel) aufgenommen werden sollte, da war er fest entschlossen, nach Jerusalem zu ziehen.

52 Und er sandte Boten vor sich her. Die kamen in ein Dorf Samarias, um dort Unterkunft für ihn zu suchen.1

  1. Der gerade Weg von Galiläa nach Jerusalem ging durch Samaria; die Reise dauerte etwa drei Tage.

53 Die Bewohner aber wollten ihn nicht aufnehmen, weil er auf der Wanderung nach Jerusalem war.1

  1. Juden und Samariter lebten in bitterer Feindschaft. Joh 4:9

54 Da sprachen seine Jünger Jakobus und Johannes, die diese Abweisung erfahren hatten:1 "Herr, sollen wir befehlen, daß Feuer vom Himmel falle und sie verzehre (wie auch Elia getan hat)?"2

  1. Wörtlich: "die dies sahen." Jakobus und Johannes waren ohne Zweifel die abgewiesenen Boten Jesu.
  2. 2. Kön. 1,10.12.

55 Jesus aber wandte sich zu ihnen und wies sie ernst zurecht (indem er sagte: "Wißt ihr denn nicht, von welchem Geist ihr euch leiten lassen sollt?

56 Der Menschensohn ist nicht gekommen, um Menschenleben zu vernichten, sondern zu erretten").1

  1. Die eingeklammerten Worte fehlen in sehr guten Handschriften; auch v. Soden hat sie nicht aufgenommen. Aber sie finden sich schon um 150 n.Chr. in dem Lukasevangelium des Irrlehrers Marzion. Da sie die rechtgläubige Kirche von ihm sicher nicht übernommen hat, so müssen sie als echt angesehen werden.

57 Sie gingen dann in ein anderes Dorf.1 Während ihrer Wanderung sagte einer zu ihm: "Ich will dir folgen, wohin du gehst."

  1. Gemeint ist natürlich ein jüdisches.

58 Jesus antwortete ihm: "Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel, die unter dem Himmel fliegen, haben Nester; aber der Menschensohn hat keine Stätte, wo er sein Haupt niederlegen kann."

59 Zu einem anderen sprach er: "Folge mir!" Der erwiderte: "Herr, erlaube mir, daß ich vorher hingehe und meinen Vater begrabe."

60 Jesus antwortete ihm: "Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkündige Gottes Königreich!"

61 Ein Dritter sprach: "Ich will dir folgen, Herr; vorher aber erlaube mir, von meinen Hausgenossen Abschied zu nehmen."

62 Ihm erwiderte Jesus: "Wer seine Hand an den Pflug gelegt hat und dann noch rückwärts blickt,1 der ist nicht tauglich für Gottes Königreich."2

  1. Wer in seiner Aufmerksamkeit geteilt und nicht ganz bei seiner Arbeit ist.
  2. Der Dienst für Gottes Königreich in Jesu Nachfolge duldet keine Halbheit.

Chapter 10

1 Hierauf erwählte der Herr1 noch siebzig2 andere (Jünger) und sandte sie zu zweien vor sich her in alle Städte und Ortschaften, die er später selbst besuchen wollte.3

  1. Außer den Zwölf (9,1).
  2. Nach anderer Lesart: 72.
  3. Die 70 sollten ihm durch ihr Wirken vorarbeiten.

2 Er sprach zu ihnen: "Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenig. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter auf sein Erntefeld sende!

3 So zieht denn aus! Ich sende euch jetzt wie Lämmer mitten unter Wölfe.

4 Nehmt keinen Geldbeutel, keinen Ranzen, keine Schuhe mit und grüßt niemand unterwegs!1

  1. D.h. laßt euch nicht durch gute Bekannte einladen, mit ihnen in ihr Haus zu gehen; denn dadurch würdet ihr nur unnötig Zeit verlieren.

5 Bei euerm Eintritt in ein Haus sei euer erstes Wort: 'Friede sei mit diesem Haus!'

6 Wohnt einer darin, der den Frieden liebt, so soll der Friede, den ihr wünscht, auf ihm ruhen; wenn nicht, so fällt der Friedensgruß auf euch zurück.1

  1. Es soll so sein, als hättet ihr den Gruß gar nicht ausgesprochen.

7 In jenem Haus bleibt dann, eßt und trinkt, was sie haben! Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert.1 Geht nicht von einem Haus in ein anderes!

  1. 1Kor 9:14, 1Ti 5:18.

8 Kommt ihr in eine Stadt und man nimmt euch auf, so eßt, was man euch vorsetzt!

9 Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Bewohnern: 'Gottes Königreich ist euch genaht!'1

  1. Jesus selbst wollte ja nach ihnen kommen.

10 Kommt ihr aber in eine Stadt und man nimmt euch nicht auf, so geht hinaus auf ihre freien Plätze und sprecht:

11 'Sogar den Staub, der sich aus eurer Stadt an unsere Füße geheftet hat, den wischen wir ab, damit ihr ihn behaltet.1 Das eine aber sollt ihr wissen: Gottes Königreich ist nahe herbeigekommen!'

  1. Denn wir wollen nicht die geringste Gemeinschaft mit euch haben.

12 Ich sage euch: Es wird Sodom an jenem Tag1 erträglicher gehen als einer solchen Stadt.

  1. Am Tag des Gerichts.

13 Weh dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wären in Tyrus und Sidon die Wundertaten geschehen, die in euch geschehen sind, sie hätten sich schon längst, in Sack und Asche sitzend, bekehrt.

14 Doch es wird Tyrus und Sidon im Gericht erträglicher gehen als euch.

15 Und du, Kapernaum, meinst du vielleicht, du wirst bis zum Himmel erhoben? In die Tiefe der Unterwelt sollst du hinabgestürzt werden!

16 Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verwirft, der verwirft mich. Wer aber mich verwirft, der verwirft den, der mich gesandt hat."

17 Bei ihrer Rückkehr berichteten die Siebzig voller Freude: "Herr, sogar die bösen Geister gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen."

18 Er antwortete ihnen: "Ja, ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.1

  1. Der Satan ist durch Jesus seiner Macht beraubt. Off 12:7-9.

19 Seht, ich habe euch die Macht verliehen, über Schlangen und Skorpione dahinzuschreiten1 und das ganze Heer des Feindes zu besiegen, so daß euch kein Schade treffen wird.

  1. Ps 91:13.

20 Doch freut euch nicht darüber, daß euch die Geister gehorchen; freut euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel eingetragen sind!"1

  1. Im Buch des Lebens.

21 In jener Stunde rief Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, in lautem Jubel aus: "Ich preise dich, o Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies den Weisen und Verständigen verborgen und es den Einfältigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat dir's gefallen!

22 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden, und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und wer der Vater ist, als nur der Sohn und der, dem der Sohn es offenbaren will."

23 Dann sprach er, nur zu den Jüngern gewandt: "Selig sind die Augen, die das sehen, was ihr seht!

24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige haben gewünscht zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört."

25 Da erhob sich ein Gesetzeslehrer, der ihm eine Falle stellen wollte, und fragte ihn: "Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu erlangen?"

26 Jesus sprach zu ihm: "Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du dort?"

27 Er antwortete: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit aller Kraft und mit allem Denken und deinen Nächsten wie dich selbst."1

  1. 5Mo 6:5, 3Mo 19:18.

28 Jesus sprach zu ihm: "Deine Antwort ist ganz richtig; tue das, so wirst du leben."1

  1. 3Mo 18:5.

29 Doch der Gesetzeslehrer wollte sich (wegen seiner Frage) rechtfertigen und sprach deshalb zu Jesus: "Wer ist denn mein Nächster?"1

  1. Für die Rabbinen waren die Heiden keine "Nächsten".

30 Da erwiderte Jesus: "Ein Mann1 ging von Jerusalem hinab nach Jericho. Auf seiner Wanderung fiel er Räubern in die Hände. Die plünderten ihn aus, schlugen ihn blutig, ließen ihn halbtot liegen und gingen dann davon.

  1. Ein Jude.

31 Nun kam zufällig ein Priester jenes Weges; der sah den Mann, aber er ging vorüber.

32 Ebenso kam ein Levit dorthin; der sah ihn und ging auch an ihm vorüber.

33 Dann kam ein Samariter, der auf Reisen war, an die Stätte. Als der den Mann erblickte, ward er von Mitgefühl ergriffen:

34 er trat hinzu, goß Öl und Wein1 in seine Wunden und verband sie ihm. Dann setzte er ihn auf sein Reittier, führte ihn in ein Gasthaus und pflegte ihn.

  1. Als Heilmittel.

35 Am anderen Morgen zog er zwei Silberlinge1 aus seinem Beutel, gab sie dem Wirt und sagte: 'Pflege ihn; und was du sonst noch ausgibst, das will ich dir bei meiner Rückkehr ersetzen.'

  1. Etwa 1,40 Mark, der Betrag eines doppelten Tagelohnes, Mt 20:2 der damals fast eine Woche für die Verpflegung ausreichte.

36 Wer von diesen dreien hat nun nach deiner Meinung als Nächster an dem Mann gehandelt, der den Räubern in die Hände fiel?"

37 Der Gesetzeslehrer erwiderte: "Der Barmherzigkeit an ihm bewiesen hat." Da sprach Jesus zu ihm: "Geh hin und handle du ebenso!"

38 Als sie weiterwanderten, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau mit Namen Martha in ihr Haus auf.

39 Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die lauschte, zu des Herrn Füßen sitzend, auf seine Unterweisung.

40 Martha aber machte sich viel zu schaffen, um ihn reichlich zu bewirten. Und sie trat zu Jesus und sprach: "Herr, kannst du es ruhig mitansehen, daß mich meine Schwester alles allein besorgen läßt? Sag ihr doch, sie solle mir helfen!"

41 Der Herr aber antwortete ihr: "Martha, Martha, du sorgst und mühst dich um vielerlei.1

  1. Du willst mir vielerlei vorsetzen.

42 Aber nur wenig ist not.1 Denn Maria hat sich das beste Teil erwählt;2 das soll ihr nicht3 genommen werden."

  1. Jesus ist mit einem einfachen Mahl zufrieden. Darum soll Martha auch ihre Schwester Maria in Ruhe lassen. "Denn" Maria hat sich das beste Teil erwählt.
  2. Auf Jesu Wort zu hören.
  3. Wie du verlangst.

Chapter 11

1 Einst betete er an einem Ort. Als er damit zu Ende war, sprach einer seiner Jünger zu ihm: "Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger es gelehrt hat."

2 Da sprach er zu ihnen: "Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt! Dein Königreich komme!

3 Unser Brot für morgen gib uns Tag für Tag!

4 Und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben jedem unserer Schuldner! Und führe uns nicht in Versuchung!"1

  1. In dem Lukasevangelium des gnostischen Irrlehrers Marzion lautet das Gebet des Herrn: "Vater, dein Heiliger Geist komme über uns (und reinige uns)! Dein Königreich komme! Dein Brot für morgen gib uns Tag für Tag! Und vergib uns unsere Sünden... Und laß uns nicht in Versuchung geraten!" Das Brot Gottes Joh 6:33 scheint Marzion ebenso wie viele altkirchliche Theologen auf das heilige Abendmahl gedeutet zu haben. Vielleicht hat er dann den schwierigen Ausdruck epiusios, der am wahrscheinlichsten "auf den folgenden Tag, für morgen" zu übersetzen ist (vgl. die Anmerkung zu Mt 6:11), ähnlich wie später Hieronymus in dem Sinne von "überirdisch, himmlisch" verstanden.

5 Dann fuhr er fort: "Denkt euch: einer von euch hat einen Freund. Zu dem kommt er um Mitternacht mit der Bitte: 'Freund, leihe mir drei Brote;

6 ein Freund von mir ist auf der Reise bei mir eingekehrt, und ich habe ihm nichts vorzusetzen.'

7 Jener antwortet ihm nun von drinnen: 'Laß mich in Ruhe; die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder sind mit mir zu Bett gegangen. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.'

8 Ich sage euch: Steht er auch nicht deshalb auf und gibt ihm Brot, weil es sein Freund ist, so wird er doch, weil der andere ihm so zusetzt, aus seinem Bett aufstehen und ihm geben, soviel er nötig hat.

9 Darum sage ich euch auch: Bittet, so wird euch gegeben! Sucht, so werdet ihr finden! Klopft an, so wird euch aufgetan!

10 Denn wer bittet, der empfängt, wer sucht, der findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan.

11 Wer von euch bittet seinen Vater um Brot, und der gibt ihm einen Stein? oder um einen Fisch, und er reicht ihm statt des Fisches eine Schlange?

12 Oder wer bittet seinen Vater um ein Ei, und der reicht ihm statt dessen einen Skorpion?

13 Wißt ihr nun, obwohl ihr böse seid, euern Kindern gute Gaben zu geben: wieviel mehr wird da der Vater vom Himmel her den Heiligen Geist1 denen geben, die ihn darum bitten!"

  1. Als die beste Gabe.

14 Eines Tages trieb er einen bösen Geist aus, der war stumm. Als der böse Geist ausgefahren war, konnte der Stumme sprechen. Da waren die Leute verwundert.

15 Einige aber von ihnen sagten: "Im Bunde mit Beelzebul, dem Obersten der bösen Geister, treibt er die Teufel aus."

16 Andere, die ihn aushorchen wollten, verlangten von ihm, er möge vom Himmel her ein Wunderzeichen kommen lassen.1

  1. Mr 8:11.

17 Er aber durchschaute ihre Gedanken und sprach zu ihnen: "Jedes Reich, das in sich selbst uneins ist, das fällt in Trümmer: ein Haus stürzt auf das andere.

18 Ist nun auch der Satan mit sich selbst uneins, wie sollte da sein Reich bestehen können? Ihr sagt ja, ich treibe die bösen Geister aus im Bund mit Beelzebul.

19 Treibe ich nun im Bunde mit Beelzebul die bösen Geister aus, mit wessen Hilfe treiben sie denn eure Anhänger aus? Sie werden darum eure Richter sein.

20 Treibe ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister aus, so ist ja Gottes Königreich zu euch gekommen.

21 Solange ein starker Kriegsmann in voller Waffenwehr seine Burg bewacht, ist sein Besitz in Sicherheit.

22 Wenn aber ein Stärkerer ihn überfällt und überwindet, so nimmt er ihm seine Rüstung, worauf er sich verließ, und teilt die Beute, die er gewonnen, unter seine Kampfgenossen aus.

23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

24 Ist der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren, so wandert er durch Wüsten: er sucht dort eine Ruhstatt und findet keine. Dann spricht er: 'Ich will zurückgehen in mein Haus, das ich verlassen habe.'

25 Und kommt er dann, so findet er's gefegt und wohlgeschmückt.

26 Nun geht er hin und holt noch sieben andere Geister, die schlimmer sind als er: die ziehen ein und wohnen dort. So wird's mit einem solchen Menschen am Ende ärger als zuvor."

27 Als er so redete, rief ein Weib aus der Menge mit lauter Stimme: "Heil dem Schoß, der dich getragen! Heil der Brust, die dich genährt!"

28 Er aber sprach: "Jawohl, Heil denen, die Gottes Wort hören und es halten!"

29 Als sich die Leute um ihn scharten, fing er an zu reden: "Das gegenwärtige Geschlecht ist ein böses Geschlecht. Es begehrt ein Zeichen. Es wird ihm aber kein anderes Zeichen gegeben werden als das Zeichen Jonas.

30 Denn wie Jona den Bewohnern Ninives ein Zeichen wurde, ebenso wird auch der Menschensohn für dies Geschlecht ein Zeichen sein.

31 Die Königin aus Süden wird zugleich mit den Leuten dieses Geschlechts vor Gericht erscheinen und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und hier steht doch einer, der größer ist als Salomo!

32 Die Leute aus Ninive werden zugleich mit diesem Geschlecht vor Gericht erscheinen und es verurteilen; denn sie bekehrten sich bei Jonas Predigt. Und hier steht doch einer, der größer ist als Jona!

33 Niemand zündet eine Lampe an und stellt sie dann in einen Keller oder unter einen Scheffel; sondern er setzt sie auf den Leuchter, damit alle, die eintreten, den Lichtglanz sehen.

34 Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so ist auch dein ganzer Leib im Licht; ist es aber krank, so ist auch dein Leib in Finsternis.

35 Gib deshalb acht, daß nicht das Licht in dir verfinstert sei!

36 Wenn nun dein ganzer Leib vom Licht durchdrungen ist, so daß kein Teil an ihm verfinstert bleibt, dann wird er so nach allen Seiten hin erleuchtet werden, als wenn die Lampe dich mit ihrem hellen Schein bestrahlt."1

  1. Der Sinn dieser dunklen Worte scheint zu sein: Wenn sich der Mensch von dem schon empfangenen Licht der göttlichen Wahrheit leiten läßt, dann wird er auch das volle Licht, das ihm Jesus bringt, mit ganzem Herzen aufnehmen und sich nach allen Seiten seines Wesens hin davon durchdringen lassen.

37 Kaum hatte Jesus ausgeredet, da lud ihn ein Pharisäer zum Frühmahl ein.1 Jesus trat in des Pharisäers Haus und nahm am Tisch Platz.

  1. Gemeint ist die mittlere der drei gewöhnlichen Tagesmahlzeiten, die damals wohl in der Regel um 12 Uhr mittags stattfand.

38 Der Pharisäer aber war verwundert, als er sah, daß sich Jesus vor dem Essen nicht erst die Hände wusch.

39 Da sprach der Herr zu ihm: "Ja, ja, ihr Pharisäer! Ihr haltet Becher und Schüsseln von außen rein, doch drinnen in euern Herzen seid ihr voll Raubgier und Bosheit.

40 Ihr Toren, hat nicht derselbe, der das Äußere geschaffen, auch das Innere gebildet?1

  1. Da Gott Leib und Seele geschaffen hat, so muß der Mensch auch beides rein erhalten.

41 Gebt nur, was sich in euern Bechern und Schüsseln findet, als Almosen! Dann ist euch alles rein.1

  1. Die rechte Liebestätigkeit macht alle äußeren Reinigungen überflüssig.

42 Doch weh euch Pharisäern! Minze, Raute und alle anderen Küchenkräuter verzehntet ihr. Aber recht zu handeln und Gott zu lieben: daran geht ihr vorüber. Doch gerade dies solltet ihr tun, aber auch jenes nicht unterlassen.

43 Weh euch, ihr Pharisäer! Ihr wollt in der gottesdienstlichen Versammlung die Ehrenplätze haben, und auf den Straßen soll man euch voll Ehrfurcht grüßen.

44 Weh euch! Ihr gleicht verdeckten Gräbern,1 über die man hingeht, ohne es zu merken."2

  1. Die dem Erdboden gleichgemacht und dadurch unkenntlich geworden sind.
  2. Daß man über Gräbern wandelt. — Weil die Pharisäer solchen Gräbern glichen, deren Berührung verunreinigte, darum sollten sie von den Leuten nicht geehrt, sondern gemieden werden.

45 Da nahm einer der anwesenden Gesetzeslehrer das Wort und sprach zu ihm: "Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns."

46 Jesus erwiderte: "Weh auch euch Gesetzeslehrern! Denn ihr legt den Leuten Lasten auf, die sie nicht tragen können; aber ihr selbst rührt diese Lasten mit keinem Finger an.1

  1. Und noch viel weniger tragt ihr sie.

47 Weh euch! Ihr erbaut den Propheten Grabdenkmäler, und eure Väter haben sie getötet.

48 Ihr seid darum Zeugen für die Taten eurer Väter und billigt sie; denn jene haben die Propheten getötet, und ihr errichtet ihnen Bauten.1

  1. Wenn Jesu Zeitgenossen, die ihn, den größten Propheten Gottes, verachten und verfolgen, über den Gräbern der alten Propheten kostbare Denkmäler bauen, so ist das keine Ehrung, sondern eine Verhöhnung der Propheten; denn Jesu Feinde sind ja von demselben gottlosen Geist erfüllt wie ihre Väter, die einst die Propheten getötet haben.

49 Deshalb hat Gottes Weisheit auch gesprochen:1 'Propheten und Apostel will ich ihnen senden; doch sie werden einige von ihnen töten und verfolgen,

  1. Was Gott zu tun beschlossen hat, das wird hier als ein Ausspruch seiner Weisheit hingestellt.

50 damit das Blut aller Propheten, das seit Anbeginn der Welt vergossen ist

51 - von dem Blut Abels an bis auf das Blut Sacharjas, der zwischen dem Altar und dem Tempelhaus getötet worden ist —, von dem gegenwärtigen Geschlecht gefordert werde.'1 Ja, ich sage euch: Es soll gefordert werden von dem gegenwärtigen Geschlecht!

  1. So daß es dafür zur Rechenschaft und Strafe gezogen wird.

52 Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis1 weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen,2 und alle, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert."

  1. Des Heils (1,77), das Jesus dem Volk bringen will.
  2. In das Haus des Gottesreichs, wo allein das Heil zu finden ist.

53 Als er von dort1 weggegangen war, begannen ihm die Schriftgelehrten und die Pharisäer sehr heftig zu grollen und ihn über manches auszufragen.

  1. Aus dem Haus des Pharisäers (V37).

54 Dabei waren sie auf der Lauer, ob sie vielleicht ein unbedachtes Wort aus seinem Mund erhaschen könnten.

Chapter 12

1 Inzwischen hatten sich Tausende von Menschen angesammelt; die drängten sich so sehr, daß sie einander traten. Da begann er zuerst zu seinen Jünger zu sagen: "Vor allem hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer; damit meine ich: hütet euch vor der Heuchelei!1

  1. Mt 16:6, Mr 8:15.

2 Denn nichts ist so verhüllt, daß es nicht einst enthüllt würde; und nichts ist so verborgen, daß es nicht einst gesehen würde.1

  1. Alle Heuchelei kommt einst ans Licht.

3 Deshalb wird alles, was ihr im geheimen geredet habt, dereinst ganz öffentlich vernommen werden; und was ihr in den Kammern ins Ohr geflüstert habt, das soll auf den Dächern1 verkündigt werden.2

  1. Vor allen Leuten.
  2. Die Jünger müssen sich um so mehr vor aller Heuchelei hüten, weil ihre Verkündigung für die große Öffentlichkeit bestimmt ist, wenn sie sich auch zunächst im Verborgenen halten muß.

4 Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die danach nichts weiter tun können!

5 Ich will euch sagen, vor wem ihr euch zu fürchten habt: Fürchtet euch vor dem, der die Macht besitzt, nicht nur zu töten, sondern auch in die Hölle1 zu werfen! Ja, ich sage euch: Den fürchtet!2

  1. Wörtlich: in die Geenna (vgl. die Anmerkung zu Mt 5:29).
  2. Diese ernsten Worte sollen die Jünger vor der Menschenfurcht warnen, die ja so leicht zur Heuchelei und zur Verleugnung der Wahrheit verleitet.

6 Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zehn Pfennige? Trotzdem ist keiner von ihnen bei Gott vergessen.1

  1. Wieviel mehr steht ihr unter Gottes Fürsorge!

7 Nun sind aber sogar die Haare auf euerm Haupt allesamt gezählt. Habt keine Furcht! Ihr seid mehr wert als viele Sperlinge.

8 Ferner sage ich euch: Wer sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem wird sich der Menschensohn auch bekennen vor den Engeln Gottes.

9 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der soll auch verleugnet werden vor den Engeln Gottes.

10 Wer ein Wort sagt gegen den Menschensohn, der wird Vergebung finden; wer aber eine Lästerung ausspricht gegen den Heiligen Geist, der findet keine Vergebung.1

  1. Mt 12:32, Mr 3:28-29.

11 Führt man euch nun vor die Gemeindegerichte1 und vor die Obrigkeiten und Behörden, so macht euch keine Sorge, wie ihr euch verteidigen und was ihr sagen sollt.

  1. Der jüdischen Synagogen.

12 Denn der Heilige Geist wird euch in jenem Augenblick die rechten Worte geben."1

  1. Mt 10:19-20, 12:32, Mr 3:28-29.

13 Einer aus dem Volk sprach zu ihm: "Meister, sage doch meinem Bruder, er solle das Erbe mit mir teilen."

14 Jesus erwiderte ihm: "Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schiedsmann über euch bestellt?"

15 Dann wandte er sich an alle und sprach: "Nehmt euch in acht und hütet euch vor aller Habsucht! Denn so reich auch jemand ist, sein Leben kann er sich nicht sichern durch seine Güter."

16 Nun trug er ihnen dieses Gleichnis vor: "Die Felder eines reichen Mannes hatten viel getragen.

17 Da dachte er bei sich: 'Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen kann.'

18 Dann sprach er: 'So will ich's machen: ich lasse meine Speicher niederreißen und größere bauen. Dort bringe ich die ganze Ernte und meine andere Habe unter

19 und sage dann zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast auf viele Jahre reichen Vorrat; nun ruhe, iß und trink und freue dich des Lebens!'1

  1. Sir 11:19.

20 Gott aber sprach zu ihm: 'Du Tor! Diese Nacht noch soll dir deine Seele abgefordert werden. Was bleibt dir dann von allem, was du dir aufgespeichert hast?'

21 So geht es einem, der sich Schätze sammelt und ist dabei nicht reich für Gott."1

  1. D.h. in seinem Verhältnis zu Gott: gemeint ist Reichtum an geistlichen, himmlischen Gütern. Mt 6:20

22 Dann wandte er sich an seine Jünger mit den Worten: "Darum sage ich euch: Sorgt nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht für euern Leib, was ihr anziehen sollt!

23 Denn das Leben ist mehr wert als die Nahrung, und der Leib steht höher als die Kleidung.

24 Seht die Raben an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben keine Vorratskammer oder Speicher; trotzdem ernährt sie Gott. Wieviel höher steht ihr als die Vögel!

25 Wer von euch kann mit all seinem Sorgen sein Leben auch nur um eine kurze Spanne Zeit verlängern?

26 Vermögt ihr nun nicht einmal das Geringste, was macht ihr euch da Sorge um das andere?

27 Seht die wilden Lilien an! Sie spinnen nicht und weben nicht. Und doch — das sage ich euch — ist selbst Salomo in all seiner (königlichen) Pracht nicht so (herrlich) gekleidet gewesen wie eine von ihnen.

28 Wenn Gott nun das Gras auf dem Feld, das heute noch in Blüte steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so herrlich kleidet, wie wird er da vielmehr euch Kleidung geben, ihr Kleingläubigen!

29 Darum sollt ihr nicht ängstlich fragen nach Speise und Trank. Seid deshalb ohne Bangen!

30 Denn das sind lauter Fragen, womit sich die Heiden hier in der Welt beschäftigen. Euer Vater weiß ja, daß ihr dies nötig habt.

31 Trachtet nur nach seinem Königreich; dann soll euch dies1 daneben auch zuteil werden.

  1. Das Irdische, das ihr nötig habt.

32 Sei ohne Furcht, du kleine Herde! Denn euerm Vater hat's gefallen, euch das Königreich zu geben.

33 Verkauft eure Habe und gebt sie hin als Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten: erwerbt euch einen unerschöpflichen Schatz im Himmel, wo kein Dieb Zugang findet, wo keine Motte Zerstörung übt!

34 Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

35 Seid umgürtet an euern Hüften und erhaltet eure Lampen brennend!1

  1. Bild der Bereitschaft. — Um sich bequem bewegen zu können, mußten die Dienenden ihr Oberkleid um die Hüften aufgürten. Zum Empfang ihres in der Nacht heimkehrenden Gebieters mußten die Sklaven natürlich brennende Lampen haben.

36 Denn ihr sollt Leuten gleichen, die auf die Rückkehr ihres Herrn von einer Hochzeit warten und ihm sofort zu öffnen haben, wenn er bei seiner Ankunft an die Tür klopft.

37 Wohl den Knechten, die der Herr bei seinem Kommen wachend findet! Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie zu Tisch führen und dann herumgehen, um sie zu bedienen.1

  1. Noch in seiner königlichen Herrlichkeit will Jesus seinen treuen Knechten dienen.

38 Mag er in der zweiten,1 mag er erst in der dritten Nachtwache2 kommen: wohl ihnen, wenn er sie so3 findet!

  1. 9-12 Uhr nachts.
  2. 12-3 Uhr morgens.
  3. Wachend und für sein Kommen bereit.

39 Das seht ihr ein: wenn ein Hausherr wüßte, zu welcher Stunde der Dieb käme, so (bliebe er wach und) ließe nicht in sein Haus einbrechen.1

  1. Denn er bliebe wach.

40 So haltet auch ihr euch immerfort bereit; denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet!"

41 Da sprach Petrus: "Herr, gilt dies Gleichnis nur uns1 oder auch allen anderen?"

  1. Den Aposteln.

42 Der Herr antwortete: "Wäre doch jeder Verwalter1 treu und klug, den ein Herr über seine Dienerschaft setzt, damit er jedem seine Speise gebe zu rechter Zeit!

  1. Gemeint ist jeder Aufseher und Vorsteher in dem Haus Gottes, der Kirche.

43 Wohl dem Knecht, den der Herr bei seiner Rückkehr also tätig findet!

44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

45 Denkt aber jener Knecht in seinem Herzen: 'Mein Herr bleibt noch lange weg'; fängt er dann an, die Knechte und die Mägde zu mißhandeln, auch zu schmausen, zu zechen und sich zu berauschen:

46 so wird sein Herr ihn überraschen an einem Tag, wo er's nicht vermutet, und zu einer Stunde, wo er's nicht erwartet. Dann wird er ihn blutig peitschen lassen und ihn an den Ort verweisen, wo die Treulosen sind.

47 Ein Knecht, der seines Herrn Willen kennt und trotzdem nicht nach seinem Willen alles vorbereitet und besorgt, soll viele Streiche leiden.

48 Wer aber nicht des Herrn Willen kennt und etwas tut, wofür er Züchtigung verdient, der soll die Peitsche nur wenig fühlen. Wer viel empfangen hat, von dem wird auch viel gefordert; und wem viel anvertraut worden ist, von dem wird um so mehr verlangt.

49 Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu schleudern. O, was wünschte ich mehr, als daß es schon brennte!

50 Zuvor aber muß ich eine Taufe erleiden.1 Und wie sehne ich mich danach, daß sie vollzogen werde!2

  1. Die Leidens- und Todestaufe. Mr 10:38
  2. Denn erst nach seiner Leidenstaufe kann das himmlische Feuer, das Geistesfeuer, seine volle Wirkung üben. Dann soll der scheidende und läuternde Kampf mit dem Bösen ausgefochten werden.

51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden zu stiften auf Erden? Nein, sage ich euch, sondern Zwietracht.1

  1. Eine Scheidung der Geister ist die nächste Folge des Kommens Jesu.

52 Denn von nun an werden fünf, die in demselben Haus wohnen, in Zwietracht miteinander leben: drei werden stehen gegen zwei und zwei gegen drei.

53 Der Vater wird in Feindschaft leben mit dem Sohn und der Sohn mit dem Vater, die Mutter mit der Tochter und die Tochter mit der Mutter, die Schwiegermutter mit der Schwiegertochter und die Schwiegertochter mit der Schwiegermutter."

54 Dann sprach er zu dem Volk: "Seht ihr Gewölk im Westen aufsteigen, so sagt ihr alsbald: 'Es gibt Regen', und so geschieht es auch.

55 Und weht ein Südwind, so sagt ihr: 'Es wird heiß', und so trifft's ein.

56 Ihr Heuchler, das Aussehen der Erde und des Himmels versteht ihr zu deuten; wie kommt es denn, daß ihr die Zeit, worin ihr lebt, nicht deuten könnt?

57 Warum könnt ihr nicht auch von selbst1 zu einem rechten Urteil kommen?2

  1. Abgesehen von äußeren Anzeichen (V54f.).
  2. Über die Zeit, worin ihr lebt, und über die Forderungen, die sie an euch stellt.

58 Wenn du mit deinem Gläubiger vor Gericht gehst, so gib dir noch unterwegs Mühe, dich gütlich mit ihm abzufinden. Sonst könnte er dich vor den Richter schleppen, und der Richter würde dich dann dem Gerichtsvollzieher übergeben,1 und der Gerichtsvollzieher wird dich ins Schuldgefängnis werfen.2

  1. Um die Schuld einzutreiben.
  2. Wenn du nicht zahlen kannst.

59 Ich sage dir: Du kommst dort nicht eher heraus, als bis du den letzten Heller bezahlt hast."1

  1. Und das wird nie geschehen. — Der Zusammenhang zwischen V58f. und V57 läßt sich vielleicht so ausdrücken: Schon im gewöhnlichen Leben gebt ihr euch Mühe, eure Gläubiger zu befriedigen, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. So solltet ihr noch mehr an Gottes zukünftiges Gericht denken und euer Verhalten danach einrichten, statt leichtsinnig in den Tag hinein zu leben.

Chapter 13

1 Zu der Zeit kamen einige Leute zu Jesus und erzählten ihm von den Galiläern, die Pilatus bei ihrem Opfer hatte niederhauen lassen.1

  1. Dies Ereignis ist unbekannt; es geschah in der Nähe des Brandopferaltars im Tempelvorhof.

2 Da sagte er zu ihnen: "Meint ihr, diese Galiläer seien größere Sünder gewesen als alle anderen Galiläer, weil sie ein solches Ende genommen haben?

3 Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr euch nicht bessert, werdet ihr alle ebenso schrecklich umkommen.

4 Meint ihr ferner, jene achtzehn, auf die der Turm am Teich von Siloah1 fiel und sie erschlug, seinen ärgere Missetäter gewesen als alle anderen Leute in Jerusalem?

  1. Im Südosten von Jerusalem. Auch dies Ereignis ist unbekannt.

5 Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr euch nicht bessert, werdet ihr alle ebenso furchtbar umkommen."

6 Er erzählte ihnen dann dies Gleichnis: "Jemand hatte einen Feigenbaum in seinem Weinberg stehen.1 Er kam nun und suchte Frucht daran, doch fand er keine.

  1. Der Weinberg ist das Volk Israel, Jes 5:1-7, Jer 12:10, Mt 21:33-46 der Feigenbaum im Weinberg ist wohl insonderheit Jerusalem. Gott ist der Weinbergbesitzer, Jesus ist der Weingärtner.

7 Da sprach er zu dem Weingärtner: 'Jetzt komme ich schon drei Jahre1 und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Haue ihn ab; warum soll er noch den Platz wegnehmen?'

  1. Vielleicht bezieht sich diese Zeitangabe auf die damalige Dauer der Wirksamkeit Jesu in Israel, und zwar in den Jahren 26-28 oder 29. Dann würde das Gleichnis Anfang oder Ende 29 n.Chr. gesprochen worden sein, also einige Monate vor Jesu Kreuzigung, die nach meiner Rechnung in die Passahzeit des Jahres 29 oder 30 fällt.

8 Aber der Weingärtner erwiderte: 'Herr, laß ihn auch dieses Jahr noch stehen; ich will erst noch einmal rings um ihn her das Land umgraben und düngen.

9 Vielleicht trägt er dann künftig doch noch Frucht. Wo nicht, so laß ihn umhauen!'"

10 Einst lehrte er am Sabbat in einem Versammlungshaus.

11 Dort war eine Frau, die von einem (bösen) Geist zu leiden hatte, der sie schon achtzehn Jahre lang mit Krankheit plagte: sie war dadurch verkrümmt und nicht imstande, sich völlig gerade aufzurichten.

12 Als Jesus sie erblickte, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: "Weib, du bist von deiner Krankheit frei."

13 Dann legte er ihr die Hände auf. Sofort ward sie wieder gerade und pries Gott.

14 Der Gemeindevorsteher aber war darüber ungehalten, daß Jesus am Sabbat heilte,1 und darum sprach er zu den Leuten: "Sechs Wochentage gibt's, an denen man arbeiten soll; da kommt und laßt euch heilen, doch nicht am Sabbattag!"

  1. Er sah in der Heilung eine Arbeit und darum eine Übertretung des Sabbatgebotes.

15 Darauf erwiderte der Herr: "Ihr Heuchler, bindet nicht ein jeder unter euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn hin zur Tränke?

16 Und da sollte diese Frau, eine Tochter Abrahams, die der Satan nun schon achtzehn Jahre lang gebunden hat, nicht am Sabbattag von ihrer Fessel befreit werden dürfen?"

17 Bei diesen Worten schämten sich alle seine Widersacher; das ganze Volk aber freute sich über alle seine herrlichen Taten.

18 Dann sprach er: "Wem ist das Königreich Gottes gleich, und unter welchem Bild soll ich's darstellen?

19 Es ist wie ein Senfkorn, das einer nimmt und in seinen Garten sät; das wächst und wird zu einem großen Baum, und die Vögel des Himmels nisten in seinen Zweigen."

20 Ferner sagte er: "Unter welchem Bild soll ich das Königreich Gottes darstellen?

21 Es ist wie ein Sauerteig, den eine Frau nimmt und ihn so lange in drei Scheffel Weizenmehl knetet, bis der ganze Teig durchsäuert ist."

22 So wanderte er, die Leute lehrend, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und zog weiter nach Jerusalem.

23 Einst fragte ihn jemand: "Herr, soll wirklich nur eine kleine Schar gerettet werden?"1 Da sprach er zu den Anwesenden:

  1. So daß sie den Gerichten Gottes entgeht und das Heil in dem Reich des Messias erlangt.

24 "Setzt alle Kraft daran, durch die enge Pforte einzugehen!1 Denn viele, das sage ich euch, werden in das Haus zu kommen suchen und es doch nicht können.

  1. In das Haus des Gottesreiches. Mt 7:13-14

25 Hat sich der Hausherr1 erhoben und die Tür verschlossen,2 und ihr klopft dann erst draußen an die Tür und ruft: 'Herr, tue uns auf!', so wird er euch antworten: 'Ihr gehört nicht hierher.'3

  1. Jesus.
  2. Mt 25:10-12.
  3. Zu meinen Hausgenossen gehört ihr nicht.

26 Dann werdet ihr anfangen zu sagen: 'Wir haben doch vor deinen Augen gegessen und getrunken, und auf unseren öffentlichen Plätzen hast du uns belehrt!'1

  1. Du mußt uns deshalb doch kennen.

27 Er aber wird euch erwidern: 'Ich wiederhole: ihr gehört nicht hierher; weicht von mir, all ihr Übeltäter!'

28 Da wird lautes Klagen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, wie Abraham, Isaak und Jakob und die Propheten alle im Königreich Gottes sind, während ihr hinausgewiesen werdet.

29 Von Ost und West, von Nord und Süd werden die Leute1 kommen und sich im Königreich Gottes zum Mahl niederlassen.

  1. Die Heiden.

30 Denn solche, die jetzt die Letzten sind, werden die Ersten sein, und solche, die jetzt die Ersten sind, werden die Letzten sein."1

  1. Mt 8:11,13.

31 Zu der Stunde traten einige Pharisäer zu ihm und sagten: "Geh weg aus dieser Gegend, denn Herodes1 will dich töten lassen!"

  1. Herodes Antipas, der Vierfürst von Galiläa und Peräa, der Mörder Johannes des Täufers. Das Vorkommnis V31ff. fand wahrscheinlich an einem Ort der Landschaft Peräa statt, die Jesus auf der Reise nach Jerusalem durchzog. vgl. Mt 19:1

32 Er antwortete ihnen: "Geht hin und meldet diesem Fuchs:1 Sieh, heute noch und morgen treibe ich böse Geister aus und heile Kranke, und erst übermorgen bin ich damit fertig.2

  1. So nennt Jesus den Herodes wegen seiner Hinterlist. Herodes selbst hatte vielleicht die Pharisäer bewogen, Jesus den Rat zu geben, er möge das Gebiet von Galiläa und Peräa verlassen, weil ihm die große Volksbewegung, die durch Jesu Wirken hervorgerufen wurde, verdächtig schien.
  2. Jesus sagt mit diesen Worten: Ich lasse mich durch Herodes nicht einschüchtern, sondern setze meine Wirksamkeit ruhig weiter fort.

33 Freilich muß ich heute und auch morgen noch und übermorgen wandern;1 denn es ist undenkbar, daß ein Prophet anderswo als in Jerusalem ums Leben komme.2

  1. D.h.: Obwohl ich mich nicht vor Herodes fürchte, so muß ich trotzdem die Gegend bald verlassen, weil mein Reiseziel Jerusalem ist.
  2. Darum muß auch Jesus nach Jerusalem ziehen, um dort zu leiden und zu sterben.

34 Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst Gottes Boten! Wie oft habe ich deine Kinder um mich sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt! Doch ihr habt nicht gewollt!

35 Darum soll euch euer Haus verlorengehen.1 Ich sage euch: Ihr sollt mich nicht mehr sehen, bis einst die Zeit kommt, da ihr ruft: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!"2

  1. Ein Hinweis auf die Zerstörung des Tempels.
  2. Ps 118:26.

Chapter 14

1 An einem Sabbat ging er in das Haus eines Gemeindevorstehers, der zu den Pharisäern gehörte, um an einem Mahl teilzunehmen. Alle Tischgenossen sahen scharf auf ihn.

2 Plötzlich stand ein Wassersüchtiger vor ihm.1

  1. Den der Pharisäer wahrscheinlich herbestellt hatte.

3 Da nahm Jesus das Wort und sprach zu den Gesetzeslehrern und Pharisäern: "Darf man am Sabbat heilen oder nicht?"

4 Sie schwiegen. Nun faßte er den Kranken bei der Hand, heilte ihn und ließ ihn gehen.

5 Dann fragte er die Versammelten: "Zieht nicht jeder unter euch, dem am Sabbattag sein Esel oder sein Ochs in einen Brunnen fällt, ihn ohne weiteres sofort heraus?"

6 Darauf konnten sie keine Antwort geben.

7 Als er bemerkte, wie sich die geladenen Gäste nach den ersten Plätzen drängten, trug er ihnen ein Gleichnis vor:

8 "Wenn dich jemand zu einem Hochzeitsmahl lädt, so setze dich nicht obenan! Es könnte einer geladen sein, der vornehmer wäre als du.

9 Dann käme der Gastgeber, der euch beide geladen hat, und spräche zu dir: 'Mache diesem Platz!' Und du müßtest nun beschämt untenan sitzen.

10 Wirst du geladen, so gehe vielmehr und setze dich untenan! Dann wird der Gastgeber kommen und dich auffordern: 'Freund, rücke weiter hinauf!' Das wird dir eine Ehre sein vor allen deinen Tischgenossen.1

  1. Spr 25:6-7.

11 Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden."1

  1. Mt 23:12.

12 Zu dem Gastgeber sprach er dann: "Richtest du ein Mahl aus am Mittag oder Abend, so lade nicht deine Freunde, deine Brüder, deine Verwandten und deine reichen Nachbarn dazu ein! Die laden dich sonst wieder ein, und so wird dir Gleiches mit Gleichem vergolten.

13 Sondern wenn du jemand bewirten willst, so rufe Arme, Krüppel, Lahme und Blinde zu deiner Tafel!1

  1. Die Krüppel, Lahmen und Blinden bevölkerten von jeher die Straßen und Gassen des Morgenlandes.

14 Dann bist du glücklich zu preisen; denn diese Leute können es dir nicht wiedervergelten. Es soll dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten."1

  1. In V14 lese ich nicht mit v. Soden γαρ, sondern δε.

15 Bei diesen Worten sprach einer von den Gästen zu ihm: "Heil dem, der einst teilnehmen darf an dem Mahl in Gottes Königreich!"

16 Darauf versetzte Jesus: "Jemand wollte eine große Abendmahlzeit geben und lud1 viele dazu ein.

  1. Schon geraume Zeit vorher.

17 Als dann der Tag des Mahles kam, sandte er seinen Knecht zu den geladenen Gästen mit der Botschaft: 'Kommt, es ist nun angerichtet!'1

  1. Eine alte rabbinische Nachricht sagt: Die vornehmen Einwohner Jerusalems gingen nicht eher zu einem Mahl, als bis sie mehrfach eingeladen waren.

18 Da begannen alle ohne Ausnahme sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: 'Ich habe einen Acker gekauft und muß notwendig hingehen und ihn besichtigen; ich bitte dich: sieh mich als entschuldigt an.'

19 Ein anderer sagte: 'Ich habe fünf Paar Ochsen gekauft und will nun gerade hingehen, um sie mir anzusehen; ich bitte dich: sieh mich als entschuldigt an.'

20 Ein dritter sprach: 'Ich habe mich eben verheiratet; darum kann ich nicht kommen.'

21 Der Knecht kam zurück und meldete das alles seinem Herrn. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: 'Lauf schnell auf die Plätze und Straßen der Stadt und bring die Armen, die Krüppel, die Blinden und Lahmen her!'

22 Der Knecht berichtete dann: 'Herr, dein Befehl ist ausgeführt; aber es ist noch Platz vorhanden.'

23 Da sprach der Herr zu dem Knecht: 'Geh auf die Feldwege und an die Zäune1 und rede den Leuten, die dort sind, eindringlich zu hierherzukommen, damit mein Haus sich fülle!'

  1. Wo sich Wanderer und Landstreicher lagern.

24 Denn das sage ich euch: Keiner von den Männern, die zuerst geladen waren, soll mein Mahl genießen."1

  1. Es ist wohl anzunehmen, daß Jesus die Worte in V24 an seine Tischgenossen richtet. Er redet hier von seinem Gastmahl, denn er ist ja des Hausherrn Sohn und Erbe. Die zunächst geladenen Gäste sind wohl in erster Linie Jesu Tischgenossen: die Pharisäer. Die aber lehnten die Einladung des Knechtes Gottes ab: sie wollten von dem Zeugnis Johannes des Täufers und später Jesu selbst nichts wissen. Darum wurden die Zöllner und Sünder, die Armen und Elenden im Volk berufen, später auch die außerhalb der Stadt Wohnenden (Eph 2:12: die Heiden. Vgl. mit V16-24: Mt 22:2-10.

25 Große Scharen folgten ihm auf seiner Wanderung. An die wandte er sich mit den Worten:

26 "Wer zu mir kommt und nicht aufgibt1 Vater und Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern, dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.

  1. Wörtlich: "haßt".

27 Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.1

  1. Wer der Forderung in V26f. nicht nachkommen will, dem ist zu raten, gar nicht erst in Jesu Nachfolge einzutreten; darauf weisen die beiden folgenden Gleichnisse hin.

28 Will einer von euch einen Turm bauen, setzt er sich dann nicht erst hin und berechnet die Kosten, damit er wisse, ob er auch die Mittel hat, den Bau ganz auszuführen?

29 Es könnte sonst geschehen, daß er nach der Grundlegung nicht imstande wäre, das Werk zu vollenden. Dann aber würden alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten

30 und zu sagen: 'Dieser Mensch hat einen Bau begonnen, aber er hat ihn nicht zu Ende führen können.'

31 Oder wenn ein König mit einem anderen König Krieg anfangen will, setzt er sich dann nicht erst hin und überlegt, ob er imstande ist, mit zehntausend Mann dem die Spitze zu bieten, der gegen ihn rückt mit zwanzigtausend?

32 Wo nicht, so schickt er eine Gesandtschaft an ihn, solange er noch fern ist, und sucht Friedensverhandlungen einzuleiten.

33 So kann auch keiner von euch mein Jünger sein, der nicht auf alles, was er hat, verzichtet.1

  1. Und darum soll jeder ernst mit sich zu Rate gehen, ob er dazu auch den Willen und die Kraft besitzt.

34 Das Salz ist etwas Gutes. Wird aber das Salz fade, womit soll man ihm dann seine Würzkraft wiedergeben?

35 Es ist weder für das Land noch für den Düngerhaufen brauchbar; man wirft es weg.1 Wer Ohren hat zu hören, der höre!"

  1. Der Jünger Jesu, der nicht in starkem Glaubensmut bereit ist, alles aufzuopfern, wird vom Reich Gottes ausgeschlossen.

Chapter 15

1 Überall pflegten sich die Zöllner und andere verrufene Leute an ihn heranzudrängen, um ihn zu hören.

2 Darüber waren die Pharisäer und die Schriftgelehrten unwillig. "Dieser Mann", so sprachen sie, "verkehrt ja mit offenbaren Sündern und läßt sich sogar von ihnen zu Tisch laden."

3 Darauf antwortete ihnen Jesus durch dies Gleichnis:

4 "Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon kommt ihm abhanden, läßt er dann nicht die neunundneunzig auf der Weide und sucht nach dem verirrten, bis er's findet?

5 Und hat er es gefunden, so nimmt er's voller Freude auf seine Schulter.

6 Kommt er dann nach Hause, so ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: 'Freut euch mit mir, denn ich habe mein verirrtes Schaf wiedergefunden.'

7 Ich sage euch: Ebenso ist auch im Himmel über einen einzigen Sünder, der von seinem Irrweg umkehrt, größere Freude als über neunundneunzig Gerechte, die keine Bekehrung nötig haben.1

  1. Für solche Gerechte hielten sich die Pharisäer. Vgl. Mt 18:12-14.

8 Oder wenn eine Frau zehn Silberlinge1 hat und sie verliert einen, zündet sie dann nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Sorgfalt, bis sie ihn findet?

  1. Wörtlich: Zehn Drachmen. Eine griechische Drachme galt so viel wie ein römischer Denar (etwa 70 Pfennig).

9 Und hat sie ihn gefunden, so ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: 'Freut euch mit mir, denn ich habe den verlorenen Silberling wiedergefunden.'

10 Ebenso, sage ich euch, herrscht Freude bei den Engeln Gottes über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt."

11 Weiter sprach er: "Ein Mann hatte zwei Söhne.

12 Der jüngste sprach zu seinem Vater: 'Vater, gib mir das Erbteil, das mir zukommt.'1 Da teilte der Vater das Vermögen unter sie.

  1. Nach 5Mo 21:17 bekam der älteste Sohn doppelt so viel wie seine Brüder. Waren nur zwei Söhne da, so erhielt demnach der älteste zwei Drittel des ganzen väterlichen Vermögens.

13 Bald darauf nahm der jüngste Sohn all sein Gut zusammen und zog in ein fernes Land. Dort brachte er sein Vermögen in einem liederlichen Leben durch.

14 Als er alles ausgegeben hatte, entstand in jenem Land eine schwere Hungersnot. Da fing er an zu darben.

15 Er ging hin und trat in Dienst bei einem Bürger jenes Landes. Der schickte ihn auf seine Felder, um die Schweine zu hüten.1

  1. Der Jude muß sich nun in einem heidnischen Land mit unreinen Tieren befassen. Wie erniedrigend für ihn!

16 Da hätte er sich gern sattgegessen an den Schoten,1 die die Schweine fraßen; doch niemand gab sie ihm.2

  1. Gemeint sind die Schoten des Johannisbrotbaumes. Ein rabbinischer Ausspruch lautet: "Wenn der Jude Johannisbrot essen muß, dann tut er Buße." (Siehe Th. Zahn: Das Evangelium des Lukas, S.562, Anmerkung 64.)
  2. Die Nahrung, die er bekam, war noch schlechter als das Schweinefutter. Davon konnte er sich aber nichts nehmen, weil er die Tiere nicht zu Hause fütterte, sondern sie nur auf dem Feld hütete.

17 Da kam er zur Besinnung und sprach: 'Wieviel Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluß, und ich muß hier verhungern!

18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: 'Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel1 und wider dich;

  1. Gegen Gott.

19 ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; behandle mich wie einen deiner Tagelöhner.'

20 Er machte sich nun auf den Weg zu seinem Vater. Als er noch weit entfernt war, sah ihn schon sein Vater kommen, und voll Mitleid eilte er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

21 Da sprach der Sohn zu ihm: 'Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und wider dich; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.'

22 Doch der Vater befahl seinen Knechten: 'Holt schnell ein Festgewand — das allerbeste — und legt's ihm an; steckt einen Ring an seine Hand und zieht ihm Schuhe an die Füße!

23 Dann holt das Mastkalb her und schlachtet es: laßt uns ein Festmahl halten und fröhlich sein!

24 Denn dieser mein Sohn war tot1 und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden worden.' Und sie begannen ein Freudenmahl.

  1. In Sünde.

25 Der älteste Sohn war gerade auf dem Feld. Als er nun heimkam und sich dem Haus näherte, hörte er Spiel und Tanz.

26 Da rief er einen von den Knechten und fragte ihn, was das bedeute.

27 Der sagte ihm: 'Dein Bruder ist zurückgekommen; da hat dein Vater das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.'

28 Da ward er zornig und wollte nicht hineingehen. Da kam sein Vater heraus und redete ihm zu.

29 Er aber antwortete dem Vater: 'So viele Jahre schon diene ich dir wie ein leibeigener Knecht, und nie habe ich gegen dein Gebot gehandelt. Doch noch kein einzigmal hast du mir einen jungen Ziegenbock geschenkt, damit ich ein frohes Mahl mit meinen Freunden hielte.

30 Jetzt aber, wo dieser dein Sohn heimkommt, der dein Hab und Gut im Verkehr mit Dirnen vergeudet hat, da hast du ihm das Mastkalb schlachten lassen.'1

  1. In diesen Worten spricht sich der ganze Stolz des wirklich unbescholtenen, aber selbstgerechten ältesten Sohnes aus. Er ist ein Bild der Pharisäer; in dem jüngsten Sohn erkennen wir die Zöllner. Das ist die nächstliegende Beziehung des Gleichnisses.

31 Der Vater sprach zu ihm: 'Mein Kind, du bist ja immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt sollte doch lauter Freude herrschen; denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden worden.'"1

  1. Während sich die drei Gleichnisse in Kap. 15 zunächst an die Pharisäer richten, wendet sich Jesus mit 16,1 zu seinen Jüngern.

Chapter 16

1 Dann sprach er zu seinen Jüngern: "Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Über den wurde ihm hinterbracht, er verschwende ihm sein Vermögen.1

  1. Wahrscheinlich durch üppiges Leben.

2 Da ließ er ihn rufen und sprach zu ihm: 'Was muß ich von dir hören? Lege mir Rechnung ab von deiner Tätigkeit! Denn du kannst nicht länger in meinem Dienst bleiben.'1

  1. Der reiche Mann ist von der Untreue seines Verwalters völlig überzeugt; durch die Rechnungsablage soll der Verwalter von seiner Schuld nur im einzelnen überführt werden.

3 Da überlegte der Verwalter: 'Was soll ich machen, da mir mein Herr die Stelle nimmt? Zur Feldarbeit fehlt mir die Kraft, zum Betteln bin ich zu stolz.

4 Ich weiß schon, was ich tue, damit ich Leute finde, die mich nach meiner Entlassung in ihre Häuser aufnehmen.'

5 Er ließ nun alle Schuldner seines Herrn einzeln zu sich kommen. Den ersten fragte er: 'Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?'

6 Der gab ihm zur Antwort: 'Hundert Eimer1 Öl.' Er sprach zu ihm: 'Hier ist dein Schuldschein; setz dich hin und schreib schnell: fünfzig!'

  1. Wörtlich: 100 Bat. Ein Bat (ein Maß für Flüssigkeit) ist ungefähr 40 Liter.

7 Dann fragte er einen anderen: 'Wieviel bist du schuldig?' Der sagte: 'Hundert Malter1 Weizen.' Zu dem sprach er: 'Hier ist dein Schuldschein, schreibe: achtzig!'2

  1. Wörtlich: 100 Kor; ein Kor = zehn Bat.
  2. Die Schuldner sind wohl als Pächter des reichen Mannes zu denken, die als Pachtzins einen bestimmten Teil ihres jährlichen Ertrages abzuliefern hatten. Der Verwalter läßt nun die Pächter neue Schuldscheine mit niedrigeren Beträgen schreiben. Durch diesen Betrug hatte er nun die Schuldner seines Herrn in der Hand, und sie mußten ihm später zu Willen sein.

8 Und der Herr1 lobte seinen betrügerischen Verwalter, weil er klug gehandelt habe. Denn die Kinder dieser Weltzeit sind im Verkehr mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.2

  1. Selbstverständlich nicht der Herr Jesus, sondern der Herr des Verwalters, was ich auch in der Übersetzung zum Ausdruck gebracht habe.
  2. Eine erläuternde Bemerkung Jesu im Blick auf die Weltklugheit des betrügerischen Verwalters, die für die Kinder des Lichts beschämend ist, da sie es nur zu oft an der wahren, Gott wohlgefälligen Klugheit fehlen lassen. vgl. Rö 12:2

9 Auch ich sage euch:1 Macht euch Freunde2 mit dem Geld, an dem oft so viel Unrecht klebt,3 damit ihr bei dem Scheiden aus dieser Welt4 in den ewigen Wohnungen Aufnahme findet.

  1. Jetzt folgt erst, was Jesus als Lehre an das Gleichnis knüpft und worin er die rechte Klugheit empfiehlt.
  2. Durch Wohltun.
  3. Wörtlich: mit dem Mammon Mt 6:24 der Ungerechtigkeit. So wird das irdische Gut genannt, weil es die Menschen so oft ungerecht erwerben. Das galt namentlich auch von den Zöllnern. Diese Worte richten sich ja zunächst an die unter ihnen, die sich zu Jesus bekehrt hatten (15,1; 16,1).
  4. Ich lese εκλιπητε.

10 Wer im Kleinsten treu ist, der ist auch im Großen treu;1 und wer im Kleinsten untreu ist, der ist es auch im Großen.

  1. Jesu Jünger, also zunächst die bekehrten Zöllner, sollen klug handeln wie der Verwalter, indem sie das irdische Gut zum Besten anderer verwenden. Während aber der Verwalter bei seiner alle sittlichen Grundsätze verleugnenden Klugheit untreu war, indem er sich an dem Gut seines Herrn vergriff, soll bei den Jüngern Jesu mit der rechten gottgefälligen Klugheit auch die rechte Treue gegen ihren Herrn verbunden sein.

11 Seid ihr nun untreu in dem irdischen Geld und Gut, an dem doch so viel Unrecht klebt, wer wird euch dann die wahren1 Schätze anvertrauen?

  1. Geistlichen, himmlischen.

12 Und geht ihr nicht treu mit fremdem Gut1 um, wer wird euch dann das geben, was euch gehört?2

  1. D.h. mit dem irdischen Gut, das dem wahren Wesen und der himmlischen Bestimmung der Jünger Jesu innerlich fremd ist.
  2. Als euer bleibendes ewiges Eigentum.

13 Kein Knecht kann zwei Herren dienen. Denn er wird den einen hassen und den anderen lieben oder doch dem einen anhangen und gering von dem anderen denken. Ihr könnt nicht Gott und zugleich dem Geld dienen."

14 Dies alles hörten die Pharisäer, die das Geld liebhatten, und sie spotteten über ihn.

15 Da sprach er zu ihnen: "Ihr seid Leute, die vor den Menschen mit ihrer Frömmigkeit großtun; Gott aber durchschaut eure Herzen. Denn was die Menschen hochhalten,1 das ist ein Greuel vor Gott.

  1. Nämlich: die scheinbare Gerechtigkeit der Pharisäer.

16 Das Gesetz und die Propheten1 schließen mit Johannes ab; seitdem wird die Frohe Botschaft von Gottes Königreich verkündigt, und jeder2 sucht hineinzustürmen.

  1. D.h. die Tage des Alten Bundes.
  2. Vor allen die Zöllner und andere von den Pharisäern verachtete Leute.

17 Doch es ist leichter möglich, daß Himmel und Erde vergehen, als daß von dem Gesetz ein einziger Strich hinfällig werde.

18 Wer sein Weib entläßt und eine andere heiratet, der begeht einen Ehebruch; und wer eine von ihrem Mann entlassene Frau zum Weib nimmt, der begeht damit auch einen Ehebruch.1

  1. Die Verbindung von V16-18 mit dem Vorangehenden ist schwierig. Jesus scheint damit sagen zu wollen: "Ihr Pharisäer wollt von dem Anbruch der neuen Zeit nichts wissen. Ihr seid stolz auf eure vermeintliche Gerechtigkeit und werft mir Gesetzesübertretung vor. Aber gerade ich stelle das Gesetz hoch und mache mit seinen Forderungen vollen Ernst." Das zeigt nun Jesus durch seinen Ausspruch über die Ehescheidung.

19 Es war einmal ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.

20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus1 lag vor seiner Tür. Der war bedeckt mit Schwären

  1. D.h. Gotthilf.

21 und sehnte sich danach, mit dem Abfall von des Reichen Tisch seinen Hunger zu stillen. Sogar die Straßenhunde kamen und beleckten seine Schwären.1

  1. Die Hunde hatten mehr Mitleid mit dem Armen als die Menschen: sie beleckten ihn, als wollten sie ihm Linderung bereiten.

22 Da starb der Arme und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen.1 Auch der Reiche starb und ward begraben.

  1. Das war ein Ort der Ruhe und Seligkeit, wo Lazarus in innigster Gemeinschaft mit Abraham, dem Vater der Gläubigen, war (vgl. 4. Makk. 13,16).

23 Als er nun im Totenreich Qualen litt, hob er seine Augen auf: da sah er Abraham in weiter Ferne und Lazarus in seinen Armen.

24 Da rief er: 'Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er seine Fingerspitze mit Wasser netze und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein hier in der Feuerglut!'

25 Abraham aber antwortete: 'Mein Sohn, bedenke: du hast die Güter, die dir begehrenswert erschienen, schon in deinem Erdenleben empfangen;1 Lazarus dagegen sind in seiner Lebenszeit die Leiden zuteil geworden. Jetzt wird er hier getröstet, und du leidest Pein.

  1. So daß du nun nichts mehr rückständig hast.

26 Überdies liegt zwischen uns und euch auch eine weite Kluft: die soll den Weg für alle, die von hier zu euch hinüberwollen, unmöglich machen und ebenso den Weg von euch zu uns.'

27 Da sagte er: 'So bitte ich dich, Vater, sende ihn in meines Vaters Haus!

28 Denn ich habe noch fünf Brüder; die soll er ernstlich warnen, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual geraten.'

29 Abraham erwiderte: 'Sie haben Mose und die Propheten;1 auf die sollen sie hören.'

  1. Das Wort Gottes in den heiligen Urkunden Israels.

30 Er aber sprach: 'Nein, Vater Abraham;1 sondern wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, dann werden sie sich bekehren.'

  1. Das hilft nichts.

31 Da antwortete ihm Abraham: 'Hören sie nicht auf Mose und die Propheten, so lassen sie sich auch nicht überzeugen, wenn einer von den Toten aufersteht.'"1

  1. Denkt Jesus hier den Pharisäern gegenüber, die er zunächst durch seine Worte warnen will, an seine eigene Auferstehung?

Chapter 17

1 Jesus sprach dann weiter zu seinen Jüngern:1 "Verführungen sind zwar unvermeidlich; doch wehe dem, durch den sie kommen!

  1. Nicht wie 16,15-31 zu den Pharisäern.

2 Es wäre für ihn besser, er läge in des Meeres Tiefe mit einem Mühlstein um den Hals, als daß er eins der Kinder, die hier stehen, zur Sünde verführte.

3 Hütet euch davor!1 Sündigt dein Bruder, so weise ihn ernst zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm!

  1. Andere zu verführen.

4 Ja wenn er sich siebenmal an einem Tag gegen dich versündigte und er käme siebenmal zu dir zurück und spräche: 'Es tut mir leid', so sollst du ihm vergeben."

5 Da baten die Apostel den Herrn: "Gib uns mehr Glauben!"

6 Der Herr antwortete: "Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, so sprächt ihr zu diesem Maulbeerbaum: Entwurzele dich und verpflanze dich ins Meer!' —, und er gehorchte euch.

7 Wer von euch sagt zu seinem Acker- oder Hüteknecht, wenn er vom Feld heimkehrt: 'Geschwind komm her und geh zu Tisch'?

8 Wird er ihm nicht vielmehr befehlen: 'Mach mir mein Abendessen fertig, schürze dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe — dann halte du dein Mahl'?

9 Dankt er etwa dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen worden ist?

10 Ebenso auch ihr: Habt ihr alles ausgeführt, was euch aufgetragen worden ist, so denkt: wir haben als Knechte kein Verdienst; wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig waren."

11 Auf seiner Wanderung nach Jerusalem zog er längs der Grenze zwischen Samaria und Galiläa.1

  1. Jesus reiste ostwärts bis an den Jordan und kam dann am Jordan hinunter nach Jericho.

12 Als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer: die blieben von weitem stehen1

  1. Ein Aussätziger mußte sich vier Ellen, nach anderen 100 Ellen entfernt halten und hatte in der Synagoge einen besonderen Platz.

13 und riefen laut: "Jesus, Meister, erbarme dich unser!"

14 Als er sie erblickte, sagte er zu ihnen: "Geht hin und zeigt euch den Priestern!"1 Während sie hingingen, wurden sie rein.

  1. 5,14.

15 Aber einer von ihnen kam zurück, als er sich geheilt sah: er pries Gott mit lauter Stimme,

16 warf sich zu Jesu Füßen auf sein Angesicht und dankte ihm. Das war ein Samariter.

17 Da fragte Jesus: "Sind nicht alle zehn gesund geworden? Wo sind die anderen neun?

18 Hat sich sonst keiner gefunden, der zurückkäme, um Gott die Ehre zu geben, als dieser Fremdling?"

19 Und er sprach zu ihm: "Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gesund gemacht."

20 Einst fragten ihn die Pharisäer: "Wann kommt Gottes Königreich?" Er antwortete ihnen: "Gottes Königreich kommt ganz ohne äußeres Aufsehen.1

  1. Die Juden erwarteten einen Messias, der mit irdischer Macht und Herrlichkeit auftreten werde.

21 Man kann auch nicht sagen: 'Hier ist es oder dort.' Denn wißt: Gottes Königreich ist schon mitten unter euch."1

  1. Weil Jesus, der König des Gottesreiches, unter ihnen wirkte. Auf sein Wirken sollten die Pharisäer achten, statt zu fragen, unter welchen aufsehenerregenden äußeren Zeichen das Gottesreich käme.

22 Dann sagte er zu seinen Jüngern: "Die Zeit wird kommen, wo ihr euch danach sehnt, nur einen von den Tagen des Menschensohnes zu erleben;1 doch ihr sollt ihn nicht erleben.

  1. Die Tage des Menschensohnes sind die Zeit der Offenbarung des messianischen Reiches. Den Anbruch dieser Zeit zu erleben, war die Sehnsucht aller Frommen. Diese Sehnsucht wird die Jünger namentlich in der kommenden Trübsalszeit erfüllen.

23 Dann wird man zu euch sagen: 'Seht dort, seht hier (ist der Messias)!'1 Geht nicht hin, lauft solchen Leuten nicht nach!2

  1. Mt 24:23.
  2. Mt 24:26.

24 Denn wie der Blitz aufleuchtet und am Himmel hin- und herzuckt, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.1

  1. So plötzlich und sichtbar wird er erscheinen. Mt 24:27

25 Zuvor aber1 muß er viel leiden und von dem gegenwärtigen Geschlecht verworfen werden.

  1. Ehe er als König offenbar wird.

26 Wie es in Noahs Tagen zuging, so wird's auch zugehen in des Menschensohnes Tagen:

27 Man aß und trank, man nahm zur Ehe und gab zur Ehe bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging. Dann brach die Flut herein und vertilgte alle.

28 Ganz ebenso ging's in den Tagen Lots: man aß und trank, man kaufte und verkaufte, man pflanzte und baute.

29 Doch an dem Tag, wo Lot aus Sodom ging, fiel ein Feuer- und Schwefelregen vom Himmel und vertilgte alle.

30 So wird's auch an dem Tag sein, an dem der Menschensohn sich offenbart.

31 Wer an jenem Tag auf dem Dach ist und sein Gerät im Haus liegen hat, der soll nicht erst hinuntergehen und es holen; und ebenso: wer draußen auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück in seine Wohnung.

32 Denkt an Lots Weib!1

  1. 1Mo 19:26.

33 Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird's verlieren; und wer's verliert, der wird es sich bewahren.1

  1. 9,24.

34 Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei Männer auf einem Lager ruhen: der eine wird mitgenommen, der andere bleibt zurück.

35 Zwei Frauen werden miteinander mahlen: die eine wird mitgenommen, die andere bleibt zurück."

37 Da fragten ihn die Jünger: "Wo, Herr (finden wir dann Zuflucht)?"1 Er antwortete ihnen: "Wo der Leichnam ist, da versammeln sich auch die Geier."2

  1. Wo ist die Zufluchtsstätte, die Arche und das Zoar 1Mo 19:19-22 der Endzeit?
  2. Dies rätselhafte Sprichwort steht hier in einem anderen Zusammenhang als Mt 24:28. Der Herr scheint sagen zu wollen: Wie sich die Geier an einem Ort versammeln, der für sie natürlich und selbstverständlich ist, so sollen auch die Gläubigen, die den Gerichten der Endzeit entfliehen, an einem Zufluchtsort versammelt werden, der sich ihnen gleichsam von selbst bietet. Dürfen wir hier nicht denken an die Vereinigung mit dem Herrn (vgl. auch επισυναχθησονται in Lu 17:37 und επισυναγωγη in 2Th 2:1).

Chapter 18

1 Er erzählte ihnen ferner ein Gleichnis, um ihnen zu zeigen, daß sie allezeit beten müßten und dabei nie den Mut verlieren dürften.

2 "In einer Stadt", so sagte er, "war einst ein Richter, der kannte keine Gottesfurcht und keine Scheu vor Menschen.1

  1. Vgl. Jes 1:23.

3 Nun lebte eine Witwe in jener Stadt, die kam oft zu ihm und bat ihn: 'Hilf mir zu meinem Recht gegen meine Widersacher!'

4 Eine Zeitlang wollte er nicht. Dann aber dachte er bei sich: 'Sind mir auch Gottesfurcht und Scheu vor Menschen fremd,

5 so will ich dieser Witwe doch zu ihrem Recht verhelfen, weil sie mir keine Ruhe läßt. Sonst kommt sie immer wieder und peinigt mich.'"1

  1. Wörtlich: "Damit sie nicht am Ende komme und mir das Gesicht zerkratze."

6 "Hört", fuhr der Herr dann fort, "was hier der ungerechte Richter sagt!

7 Sollte Gott da nicht viel mehr seinen Auserwählten zu ihrem Recht verhelfen, wenn sie zu ihm rufen Tag und Nacht? Sollte er da zaudern, sie zu retten?

8 Ich sage euch: Er wird ihnen schnell zu ihrem Recht verhelfen. Doch wird der Menschensohn bei seiner Wiederkunft auf Erden auch das volle Maß des Glaubens finden?"1

  1. Und zwar gerade bei seinen Jüngern, die er bei seinem Kommen von allen ihren Widersachern retten will.

9 Im Blick auf Leute, die auf ihre eigene Frömmigkeit vertrauten und dabei die anderen verachteten, erzählte er dieses Gleichnis:

10 "Zwei Männer gingen in den Tempel, um zu beten: der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

11 Der Pharisäer trat (selbstgefällig) hin und betete in seinem Herzen: 'Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die anderen Menschen: ich bin kein Räuber, kein Betrüger, kein Ehebrecher, ich bin auch nicht wie jener Zöllner dort.

12 Ich faste zweimal in der Woche1 und gebe den Zehnten von meinem ganzen Einkommen.'2

  1. Jeden Montag und Donnerstag.
  2. Im Talmud finden sich manche ähnliche Pharisäergebete; vgl. August Vezin: Die Freudenbotschaft unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, S. 327f.

13 Der Zöllner aber blieb im Hintergrund stehen, er wagte nicht einmal die Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: 'Gott, sei mir Sünder gnädig!'

14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden."1

  1. 14,11; Matth. 23,12.

15 Einst brachten die Leute ihre unmündigen Kinder1 zu ihm, damit er sie (segnend) berühre. Als die Jünger das sahen, fuhren sie die Leute mit harten Worten an.

  1. Die noch nicht gehen konnten.

16 Jesus aber rief die Kinder zu sich und sprach: "Laßt die kleinen Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran! Denn gerade ihnen ist Gottes Königreich bestimmt.

17 Wahrlich, ich sage euch: Wer Gottes Königreich nicht annimmt wie ein Kind, der kommt sicher nicht hinein."

18 Es fragte ihn ein Gemeindevorsteher:1 "Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?"

  1. 8,41.

19 Jesus antwortete ihm: "Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.

20 Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen, nicht morden, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis ablegen! Ehre Vater und Mutter!"1

  1. 2Mo 20:12-16, 5Mo 5:16-20.

21 Er sprach zu ihm: "Dies alles habe ich von Jugend auf erfüllt."

22 Darauf antwortete ihm Jesus: "Eins fehlt dir noch: verkaufe deine ganze Habe und verteile den Erlös an die Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir!"

23 Bei diesen Worten ward er sehr betrübt, denn er war außerordentlich reich.

24 Als Jesus ihn so traurig sah, da sprach er: "Wie schwer ist doch für die Begüterten der Eingang in Gottes Königreich!

25 Ein Kamel kommt leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes Königreich."

26 Darauf sagten die Zuhörer: "Ja, wer kann dann überhaupt gerettet werden?"

27 Er erwiderte: "Was für Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott."

28 Da sprach Petrus: "Siehe, wir haben unser Heim aufgegeben und sind dir nachgefolgt."

29 Er antwortete ihnen: "Wahrlich, ich sage euch: Jeder, der Haus, Weib, Brüder, Eltern oder Kinder aus Liebe zu dem Königreich Gottes fahren läßt,

30 der soll dafür schon jetzt in diesem Leben vielfach Ersatz bekommen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben empfangen."

31 Dann nahm er die Zwölf als seine besonderen Begleiter zu sich und sprach zu ihnen: "Jetzt gehen wir nach Jerusalem, und da erfüllt sich alles, was die Propheten von dem Menschensohn geschrieben haben.

32 Denn er wird den Heiden überliefert und verspottet, mißhandelt und angespien werden;

33 ja man wird ihn geißeln und töten; doch am dritten Tag wird er auferstehen."

34 Sie aber verstanden nichts davon, sondern diese Worte waren ihnen dunkel, und sie begriffen nicht, was er damit meinte.

35 Als er in die Nähe von Jericho kam, saß ein Blinder am Weg und bettelte.

36 Als der viele Leute vorbeigehen hörte, fragte er, was das bedeute.

37 Man sagte ihm, Jesus von Nazaret ziehe vorüber.

38 Da rief er: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich mein!"

39 Die aber vorn im Zug gingen, fuhren ihn mit harten Worten an, er solle schweigen. Doch er rief nur noch lauter: "Sohn Davids, erbarme dich mein!"

40 Da blieb Jesus stehen und ließ ihn zu sich führen. Als nun der Blinde nahe bei ihm war, fragte ihn Jesus:

41 "Was willst du von mir?" Er antwortete: "Herr, laß mich wieder sehend werden!"

42 Jesus sprach zu ihm: "Sei wieder gesund, dein Glaube hat dich gesund gemacht!"

43 Da ward er auf der Stelle wieder sehend, und er folgte ihm und lobte Gott. Und alles Volk, das dieses sah, gab Gott die Ehre.

Chapter 19

1 Dann kam Jesus nach Jericho hinein und zog durch den Ort.

2 Nun wohnte dort ein Mann mit Namen Zachäus,1 ein reicher Oberzöllner.

  1. Abgekürzt aus Zacharias (Sacharja).

3 Der wollte Jesus gern von Angesicht sehen; doch des Gedränges wegen gelang es ihm nicht, denn er war klein von Gestalt.

4 Da lief er dem Zug voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort mußte er vorüberkommen.

5 Als nun Jesus an die Stelle kam, sah er zu ihm auf und rief: "Zachäus, komm schnell herab; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren!"

6 Da stieg er eilend hinunter und nahm ihn mit Freuden auf.

7 Alle, die dies sahen, murrten und sprachen: "Er ist bei einem Sünder als Gast eingekehrt!"

8 Zachäus aber trat hervor und sagte zu dem Herrn: "Sieh, Herr, die Hälfte meiner Habe will ich den Armen geben; und wenn ich einem unrechtmäßig etwas abgefordert habe, so zahle ich es ihm vierfach zurück."1

  1. Vgl. 2Mo 22:1. Wer seine Sünde bekannte, zahlte außer der gestohlenen Summe selbst nur ein Fünftel des Betrages. 4Mo 5:6-7

9 Da wandte sich Jesus zu ihm und sprach zu den Leuten: "Heute ist diesem Haus Heil zuteil geworden, weil er auch1 zu Abrahams Söhnen zählt.

  1. Obwohl ein verachteter Zöllner.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu retten."

11 Als die Leute noch auf diese Worte lauschten, fuhr er weiter fort und erzählte ein Gleichnis.1 Denn er war nun ganz nahe bei Jerusalem,2 und man meinte, Gottes Königreich müsse jetzt sofort erscheinen.

  1. Wohl noch ehe er in des Zachäus Haus eintrat.
  2. Nämlich in Jericho, das kaum 30 km von Jerusalem entfernt war.

12 Er sprach: "Ein Mann von hoher Herkunft zog in ein fernes Land, um sich von dort die Königswürde zu holen und dann zurückzukommen.1

  1. So ist Jesus in den Himmel eingegangen, um dort als Menschensohn von dem Vater als König eingesetzt zu werden. Bei seiner Wiederkunft will er dann mit seinen Knechten Abrechnung halten.

13 Der rief zehn von seinen Knechten, gab ihnen zehn Pfund1 und sprach zu ihnen: 'Treibt damit Handel, bis ich wiederkomme.'

  1. Wörtlich: Zehn Minen. Eine mine = etwa 70 Goldmark. Jeder Knecht bekam eine mine.

14 Seine Mitbürger aber haßten ihn und schickten nach seiner Abreise eine Gesandtschaft, durch die sie1 sagen ließen: 'Wir wollen diesen Mann nicht zu unserem König haben.'

  1. Dem ausländischen Hof.

15 Als er nun im Besitz der Königswürde wieder heimkam, ließ er die Knechte zu sich rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, wieviel ein jeder damit erworben habe.

16 Da erschien der erste und sprach: 'Herr, dein Pfund hat zehn Pfund eingebracht.'

17 Sein Herr erwiderte: 'Recht so, du wackerer Knecht! Weil du in so wenigem getreu gewesen bist, sollst du nun Machthaber über zehn Städte sein.'

18 Dann kam der zweite und sagte: 'Dein Pfund, Herr, hat fünf Pfund gewonnen.'

19 Zu dem sprach er: 'Du sollst Verwalter von fünf Städten sein.'

20 Nun kam der dritte und sprach: 'Hier hast du, Herr, dein Pfund, das ich in ein Tuch gewickelt und aufbewahrt habe.

21 Denn ich hatte Furcht vor dir, weil du ein strenger Mann bist: du hebst ab, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät.'

22 Da sprach der Herr zu ihm: 'Nach deinen eigenen Worte will ich dir, gewissenloser Knecht, das Urteil sprechen. Du kanntest mich als einen strengen Mann: der abhebt, was er nicht angelegt, und erntet, was er nicht gesät.

23 Warum hast du da mein Geld nicht auf die Bank gegeben? Dann hätte ich's bei meiner Rückkehr mit Zinsen abgehoben.'

24 Und er befahl seinen Dienern, die dastanden: 'Nehmt ihm das Pfund und gebt es dem, der die zehn Pfund hat!'

25 Sie meinten: 'Herr, er hat ja schon zehn Pfund.'1

  1. V25 fehlt in verschiedenen Handschriften.

26 'Ich sage euch: Wer (viel) hat, der soll (noch mehr) empfangen; wer aber nichts hat,1 dem soll sogar das (wenige), was er hat,2 genommen werden.3

  1. Hier: wer nichts zu seinem wenigen erworben hat.
  2. In diesem Fall: das eine anvertraute Pfund.
  3. 8:18, Mt 13:12, 25:29. — V26 ist wohl als Wort des Königs anzusehen: entweder als Fortsetzung von V24 oder als Antwort auf V25.

27 Doch meine Feinde, die mich nicht zum König haben wollten — bringt sie her und haut sie nieder vor meinen Augen!'"1

  1. Vgl. Off 19:19-21, Mt 25:41. — Dies Gleichnis Jesu scheint sich an Tatsachen der jüdischen Geschichte anzuschließen, die seinen Zuhörern gut in Erinnerung waren. Nach dem Tod Herodes des Großen im Jahr 4 v.Chr. reiste sein Sohn Archelaus, den sein Vater zum Nachfolger in der Königswürde bestimmt hatte, nach Rom, um sich von dem Kaiser Augustus als König bestätigen zu lassen. Aber ehe der Kaiser seine Zustimmung gab, traf in Rom eine jüdische Gesandtschaft aus Jerusalem ein, die den Kaiser bitten sollte, keinen von den Söhnen des Herodes, und namentlich nicht den grausamen Archelaus, zur Herrschaft kommen zu lassen. Die Gesandten richteten aber nichts aus; denn wenn Archelaus auch nicht den Königstitel erhielt, so wurde er doch als Vierfürst der Landesherr von Judäa.

28 Nach diesen Worten zog er an der Spitze seiner Jünger weiter auf der Wanderung nach Jerusalem.1

  1. Wir hören nichts Näheres über Jesu Aufenthalt in dem Haus des Zachäus.

29 Als er in die Nähe von Bethphage und Bethanien, an den sogenannten Ölberg, kam, entsandte er zwei von seinen Jüngern

30 mit dem Auftrag: "Geht in das Dorf, das vor euch liegt! Dort werdet ihr am Eingang ein Eselsfüllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Das bindet los und führt es her!

31 Und fragt euch jemand: 'Warum bindet ihr es los?', dann sollt ihr sagen: 'Der Herr bedarf sein.'"

32 Die Abgesandten gingen hin und fanden das Füllen so, wie er gesagt hatte.

33 Als sie es aber losbinden wollten, sprachen die Eigentümer zu ihnen: "Warum bindet ihr das Füllen los?"

34 Sie antworteten: "Der Herr bedarf sein."

35 Dann brachten sie es zu Jesus, legten ihre Mäntel auf des Füllens Rücken und setzten Jesus darauf.

36 Während er dahinritt, breiteten manche ihre Mäntel auf dem Weg aus.

37 Als er der Stelle nahekam, wo sich der Ölberg ins Tal hinabsenkt, begann die ganze Schar der Jünger ob all der Wundertaten, die sie gesehen hatten, mit lauter Stimme freudig Gott zu preisen;

38 sie riefen: "Gesegnet sei der König, der da kommt im Namen des Herrn!1 Im Himmel wohnt Friede,2 und Lobgesänge klingen droben in der Höhe."3

  1. Während die Leviten vom Tempelberg aus mit diesen Worten aus Ps 118:26 die heranziehenden Festpilger begrüßten, wird hier Jesus begrüßt, der nicht nur als Festgast, sondern als der verheißene König in seine Stadt einziehen will.
  2. Der nun durch den in Jerusalem einziehenden Friedefürsten Sac 9:9-10 seinem Volk geschenkt werden soll. Friede ist gleichbedeutend mit: Heil.
  3. Die Engel preisen Gott dafür, daß er nun durch den Friedefürsten sein Heil auf die Erde sendet (vgl. 2,14).

39 Da sprachen einige Pharisäer aus der Menge zu ihm: "Meister, verbiete doch deinen Jüngern dieses Treiben!"

40 Aber er antwortete: "Ich sage euch: Wenn diese schwiegen, so müßten die Steine schreien."1

  1. Eine sprichwörtliche Redeweise. Hab 2:11 Ihr Sinn ist: Dieser Ausbruch des göttlichen Lobpreises ist nicht aufzuhalten.

41 Als er näherkam und die Stadt erblickte, da weinte er1 über sie

  1. Das griechische Wort bezeichnet ein lautes Schluchzen.

42 und klagte: "Ach, möchtest doch auch du1 erkennen, wenigstens an diesem Tag,2 was zu deinem Heil dient! Nun aber3 ist's vor deinen Augen verborgen.4

  1. Wie meine Jünger.
  2. Gemeint ist der Tag des Einzugs Jesu in Jerusalem. Zugleich erinnert Jesus damit an seine früheren Besuche in Jerusalem.
  3. Nachdem du alle bisherigen Heilsanerbietungen zurückgewiesen hast.
  4. Darum ist das Gericht unvermeidlich.

43 Denn es kommen Tage über dich, da werden deine Feinde dich mit einem Wall umgeben, dich rings umlagern und von allen Seiten bedrängen.1

  1. Jes 29:3.

44 Ja sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, und deine Kinder, die in deinen Mauern sind, werden sie zu Boden schmettern;1 sie werden keinen Stein an dir auf dem anderen lassen zur Strafe dafür, daß du nicht erkannt hast die Zeit, da Gott sein Heil dir angeboten hat."

  1. Ps 137:9.

45 Da ging er in den Tempel. Dort fing er an, die Verkäufer hinauszutreiben,

46 und sprach zu ihnen: "Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein.1 Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht."2

  1. Jes 56:7.
  2. Jer 7:11.

47 Er lehrte täglich im Tempel. Die Hohenpriester aber und die Schriftgelehrten samt den Obersten des Volkes trachteten ihm nach dem Leben.

48 Doch sie fanden keine Gelegenheit, ihre Absicht auszuführen; denn alles Volk hing an seinen Lippen.

Chapter 20

1 Als er eines Tages das Volk im Tempel lehrte und die Heilsbotschaft verkündigte, traten die Hohenpriester und Schriftgelehrten mit den Ältesten an ihn heran

2 und sprachen zu ihm: "Sag uns doch: mit welchem Recht tust du dies, oder wer hat dir das Recht dazu gegeben?"

3 Er antwortete ihnen: "Ich will euch auch eine Frage vorlegen. Sagt mir:

4 Stammte die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen?"

5 Da überlegten sie miteinander: "Sagen wir: 'vom Himmel', so wird er fragen: 'Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt?'

6 Antworten wir aber: 'von Menschen', so steinigt uns das ganze Volk; denn es ist überzeugt, daß Johannes ein Prophet gewesen ist."

7 Da erwiderten sie, sie wüßten nicht, woher sie stamme.

8 Darauf sprach Jesus zu ihnen: "So sage ich euch auch nicht, mit welchem Recht ich dies tue."

9 Dann fing er an, dem Volk dieses Gleichnis zu erzählen: "Jemand pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Winzer. Dann ging er für geraume Zeit außer Landes.

10 Zur Zeit der Weinlese sandte er einen seiner Knechte zu den Winzern, damit sie ihm einen Teil der Weinbergsfrüchte gäben. Die Winzer aber schlugen diesen Knecht und schickten ihn mit leeren Händen wieder heim.

11 Da sandte er noch einen anderen Knecht; auch den schlugen und beschimpften sie und schickten ihn mit leeren Händen wieder heim.

12 Dann sandte er noch einen dritten; den schlugen sie auch blutig und jagten ihn davon.

13 Da sprach der Weinbergsbesitzer: 'Was soll ich tun? Ich will meinen geliebten Sohn hinsenden; vielleicht werden sie vor dem doch Ehrfurcht haben.'

14 Als aber die Winzer ihn erblickten, berieten sie sich miteinander und sagten: 'Ha, da kommt der Erbe! Laßt uns ihn töten, damit das Erbe unser werde!'

15 Und sie stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Was wird nun der Weinbergsbesitzer mit diesen Leuten tun?

16 Er wird kommen und diese Winzer töten und seinen Weinberg anderen geben." Als sie das hörten, sprachen sie: "Nimmermehr soll das geschehen!"

17 Da blickte er sie durchbohrend an und sagte: "Was bedeutet denn dies Schriftwort: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden?1

  1. Wäre das "Nimmermehr!" in V16 begründet, so bliebe ja das Schriftwort in Ps 118:22 unerfüllt.

18 Wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert; auf wen aber der Stein fällt, der wird zerschmettert."1

  1. Da 2:34,44.

19 Da suchten die Schriftgelehrten und die Hohenpriester noch in derselben Stunde Hand an ihn zu legen; denn sie hatten wohl gemerkt, daß er sie mit diesem Gleichnis treffen wollte. Aber sie fürchteten sich vor dem Volk.

20 Darum suchten sie ihm einen Hinterhalt zu legen: sie schickten Späher ab, die sich den Anschein gaben, als meinten sie es ehrlich. Dabei wollten sie ihn aber bei einem Wort fassen, damit sie ihn dann der Obrigkeit und der Gewalt des Statthalters überliefern könnten.

21 Sie legten ihm nun eine Frage vor. "Meister", so sagten sie, "wir wissen: du sprichst und lehrst, was recht ist, und Menschengunst gilt nicht bei dir; du lehrst vielmehr in aller Wahrheit Gottes Weg.

22 Dürfen wir dem Kaiser Steuer zahlen oder nicht?"

23 Er aber merkte ihre Arglist und sprach zu ihnen:

24 "Zeigt mir einen Silberling! Wessen Bild und Inschrift trägt er?" Sie erwiderten: "Des Kaisers."

25 Da sprach er zu ihnen: "Nun, so gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt, und Gott, was Gott gebührt!"

26 Sie konnten diesen Ausspruch in Gegenwart des Volkes nicht tadeln, und staunend über seine Antwort schwiegen sie.

27 Da traten einige Sadduzäer zu ihm, die da behaupteten, es gebe keine Auferstehung, und legten ihm eine Frage vor.

28 "Meister", so sagten sie, "Mose hat uns vorgeschrieben: Stirbt einem der Bruder und hinterläßt er ein Weib ohne Kinder, so soll sein Bruder die verwitwete Schwägerin zum Weib nehmen und (mit ihr) seinem (verstorbenen) Bruder Nachkommen erwecken.

29 Nun waren sieben Brüder da. Der erste nahm ein Weib und starb kinderlos.

30 Da heiratete der zweite Bruder die Witwe,

31 dann der dritte und so alle sieben; sie starben sämtlich kinderlos.

32 Zuletzt starb auch die Frau.

33 Wem von ihnen gehört nun die Frau bei der Auferstehung als Gattin an? Denn alle sieben haben sie ja zur Ehe gehabt."

34 Da antwortete ihnen Jesus: "Die Leute in dieser Weltzeit freien und lassen sich freien.

35 Die aber gewürdigt werden, jene Weltzeit zu erlangen und die Auferstehung, zu der nur eine Auswahl aus den Toten kommt, die freien nicht und lassen sich nicht freien.

36 Sie können ja auch nicht mehr sterben: sie sind den Engeln gleich und sind Gottes Kinder,1 weil sie der Auferstehung Kinder sind.

  1. Auch die Engel heißen ja im Alten Testament Kinder oder Söhne Gottes. z.B. Hio 1:6, Ps 89:7

37 Daß aber die Toten auferstehen, das hat auch Mose in der Geschichte von dem Dornbusch angedeutet, wo er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.1

  1. 2Mo 3:6.

38 Gott ist nun aber nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Denn alle sind für ihn lebendig."1

  1. Eben weil sie auferstehen.

39 Da sagten einige der Schriftgelehrten:1 "Meister, du hast treffend geantwortet."

  1. Die den Pharisäern angehörten.

40 Weiter aber wagten sie1 ihm keine Fragen vorzulegen.

  1. Die Sadduzäer.

41 Dann fragte er sie: "Wie kann man behaupten, der Messias sei Davids Sohn?

42 David selbst sagt ja im Psalmbuch: Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Sitze du zu meiner Rechten,

43 bis ich dir deine Feinde zu Füßen lege.1

  1. Ps 110:1.

44 David also nennt ihn seinen Herrn, wie kann er da zugleich sein Sohn sein?"

45 Vor den Ohren des ganzen Volkes1 sprach er dann zu seinen Jüngern:

  1. Als die bisher anwesenden Pharisäer und Sadduzäer weggegangen waren.

46 "Hütet euch vor den Schriftgelehrten! Sie gehen mit Vorliebe in langen Gewändern einher, auf den Straßen lassen sie sich gern voll Ehrfurcht grüßen, in der gottesdienstlichen Versammlung wollen sie die Ehrenplätze haben, und beim Mahl sitzen sie gern obenan.

47 Sie verschlingen der Witwen Eigentum und halten zum Schein lange Gebete. Sie wird die schlimmste Strafe treffen."

Chapter 21

1 Als er aufblickte, sah er, wie die Reichen ihre Gaben in den Opferstock warfen.

2 Da sah er auch eine arme Witwe dort zwei kleine Münzen1 einlegen

  1. Wörtlich: Zwei Lepta. Mr 12:42

3 und sprach: "Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als alle anderen eingelegt.

4 Denn jene haben alle aus ihrem Überfluß eine Gabe in den Gotteskasten eingelegt; sie aber hat trotz ihrer Dürftigkeit ihre ganze Habe eingelegt."

5 Einige redeten davon, wie der Tempel mit schönen Steinen1 und Weihgeschenken2 geschmückt sei. Da sagte er:

  1. Er war von weißem Marmor gebaut.
  2. Selbst heidnische Fürsten stifteten solche.

6 "Es werden Tage kommen, wo von dem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem anderen bleibt; alles soll in Trümmer gehen."

7 Sie fragten ihn: "Meister, wann geschieht denn das? Und welches Zeichen wird gegeben, wenn sich dies ereignen soll?"

8 Er erwiderte: "Habt acht, daß ihr euch nicht irreführen laßt! Denn mancher wird kommen unter meinem Namen und behaupten: 'Ich bin (der Messias)' und: 'Die Zeit1 ist nahe.' Folgt diesen Leuten nicht!

  1. Da der Messias kommt.

9 Hört ihr dann von Kriegen und von inneren Wirren, so laßt euch dadurch nicht in Schrecken bringen. Denn das muß zunächst geschehen. Aber damit ist noch nicht sofort das Ende da."

10 Dann fuhr er fort: "Ein Volk wird sich erheben gegen das andere und ein Reich gegen das andere.

11 Gewaltige Erdbeben werden stattfinden, hier und da werden Hungersnöte und Seuchen sein, und am Himmel wird man schreckliche Erscheinungen und große Wunderzeichen sehen.

12 Doch ehe dies alles eintritt, wird man die Hände an euch legen und euch verfolgen: dann bringt man euch vor die Gerichte1 und wirft euch ins Gefängnis, und um meines Namens willen führt man euch vor Könige und Statthalter.

  1. In den jüdischen Versammlungshäusern.

13 Das wird euch widerfahren, damit ihr von mir Zeugnis ablegt.

14 Beherzigt nun, daß ihr nicht schon vorher an eure Verteidigung zu denken braucht.

15 Denn ich will euch Beredsamkeit und Weisheit schenken, so daß alle eure Widersacher dagegen nichts ausrichten oder sagen können.

16 Ihr werdet aber sogar von Eltern und Brüdern, von Blutsverwandten und Freunden (euern Feinden) überliefert werden; ja manche von euch wird man töten,

17 und alle Welt wird euch hassen, weil ihr meinen Namen bekennt.

18 Es soll jedoch kein Haar von euerm Haupt verlorengehen.1

  1. Nicht das geringste Leid trifft sie von ungefähr. Mt 10:30

19 Durch eure Standhaftigkeit gewinnt euch das Leben!1

  1. Das ewige Heil. vgl. Mt 10:22

20 Wenn ihr aber Jerusalem von Heeren umlagert seht, dann seid gewiß, daß die Verwüstung der Stadt ganz nahe ist.

21 Dann sollen, die in Judäa sind, in das Gebirge fliehen; die Leute auf dem Land sollen nicht hineingehen in die Stadt.1

  1. Dies bezieht sich auf die Christen.

22 Denn dann sind die Tage der Vergeltung da,1 damit alles in Erfüllung gehe, was geschrieben steht.

  1. 5Mo 32:35, Hos 9:7, Jer 5:29.

23 Weh den Frauen, die Kinder erwarten, und stillenden Müttern in jenen Tagen! Denn es wird große Not im Land1 herrschen, und ein Zorngericht wird über dieses Volk2 ergehen:

  1. In Palästina.
  2. Die Juden.

24 sie werden durch des Schwertes Schärfe fallen und gefangen weggeführt unter alle Völker;1 und Heiden2 werden Jerusalem mit Füßen treten,3 bis die Zeit der Heidenvölker abgelaufen ist.4

  1. Nach der Angabe des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus sind 1100000 Juden bei der Belagerung Jerusalems umgekommen und 97000 während des ganzen Krieges in Gefangenschaft geraten.
  2. Nichtjuden.
  3. Indem sie dort rücksichtslos als Herren schalten. Jes 63:18, Da 9:26
  4. D.h.: bis die Zeit der vier Weltreiche zu Ende ist und Israel während des Friedensreiches Jesu als das heilige Volk des Höchsten wieder in Kanaan und Jerusalem wohnt. Da 7, Jes 2:2-4, Sac 14:8-11

25 Dann1 wird man Wunderzeichen an Sonne, Mond und Sternen sehen, und auf Erden wird die Völker Angst ergreifen, wenn sie bei dem Tosen der Meereswogen2 ratlos sind.

  1. Wenn die Zeit der Heidenvölker zu Ende geht, also kurz vor der herrlichen Erscheinung Jesu.
  2. Ps 65:8.

26 Da sollen die Menschen vor Furcht vergehen in bangem Warten auf die Dinge, die über den Erdkreis kommen werden. Denn die Himmelskräfte werden wanken.1

  1. Mt 24:29.

27 Und dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit.

28 Wenn aber dieses1 anfängt zu geschehen, so schaut auf und hebt das Haupt empor; denn eure Errettung naht!"

  1. Wohl hauptsächlich die Ereignisse in V25 und 26.

29 Er veranschaulichte dies durch ein Gleichnis: "Seht", so sprach er, "den Feigenbaum und alle anderen Bäume an!

30 Wenn ihr wahrnehmt, daß sie ausschlagen, so wißt ihr von selbst,1 daß nun der Sommer nahe ist.

  1. Ohne daß es euch jemand zu sagen braucht.

31 So sollt ihr auch, wenn ihr dies kommen seht, gewiß sein, daß Gottes Königreich nahe ist.

32 Wahrlich, ich sage euch: Diese Weltzeit ist nicht eher zu Ende, als bis alles geschehen ist.

33 Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nimmermehr vergehen.

34 Seid aber auf der Hut, daß eure Herzen nicht durch Rausch und Trunkenheit und durch die Sorgen um das Irdische belastet werden; sonst überfällt euch jener Tag ganz unvermutet wie eine Schlinge.

35 Denn er wird sicher kommen über alle, die auf der ganzen Erde wohnen.

36 Darum wacht allezeit und betet, damit ihr jedem Widerstand zum Trotz die Kraft empfangt, zu entrinnen alledem, was kommen soll, und sicher dazustehen in der Gegenwart des Menschensohnes!"1

  1. Vgl. Mt 24,31, 2Th 2,1 "das Versammeltwerden zum Herrn".

37 Tagsüber hielt er sich im Tempel auf und lehrte dort; des Abends aber verließ er die Stadt und übernachtete auf dem sogenannten Ölberg.

38 Frühmorgens schon kam alles Volk zu ihm in den Tempel, um ihn zu hören.

Chapter 22

1 Inzwischen nahte das Fest der ungesäuerten Brote, das sogenannte Passah.

2 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten überlegten, wie sie ihn aus dem Weg räumen könnten; denn sie hatten vor dem Volk Furcht.1

  1. Sie fürchteten, das Volk werde für Jesus eintreten; darum überlegten sie, wie sie am besten zum Ziel kommen könnten.

3 Da fuhr der Satan in Judas, genannt der Mann aus Kariot, der zu der Zahl der Zwölf gehörte.

4 Der ging hin und verabredete mit den Hohenpriestern und den Hauptleuten der Tempelwache, wie er ihnen Jesus in die Hände liefern wolle.

5 Da freuten sie sich sehr und versprachen, ihm Geld zu geben.

6 Er nahm ihr Anerbieten an und suchte nach einer günstigen Gelegenheit, ihn ohne Aufsehen zu verraten.

7 So kam der Tag der ungesäuerten Brote, wo man das Passahlamm opfern mußte.

8 Da entsandte Jesus Petrus und Johannes mit dem Auftrag: "Geht und bereitet uns das Passahmahl, daß wir es essen."

9 Sie fragten ihn: "Wo sollen wir's bereiten?"

10 Er antwortete ihnen: "Wenn ihr jetzt in die Stadt kommt, dann wird euch ein Mann begegnen, der einen irdenen Krug mit Wasser trägt. Dem folgt in das Haus, in das er geht,

11 und sagt dem Hausherrn: 'Der Meister läßt dich fragen: Wo ist das Zimmer, in dem ich das Passahmahl mit meinen Jüngern halten kann?'

12 Dann wird er euch ein großes, mit Tischpolstern belegtes Oberzimmer zeigen; dort rüstet alles zu."

13 Sie gingen hin und fanden alles so, wie er ihnen gesagt hatte, und richteten die Passahmahlzeit her.

14 Als die Stunde kam, nahm er bei Tisch Platz und die Apostel mit ihm.

15 Da sagte er zu ihnen: "Von Herzen habe ich mich danach gesehnt, dies Passahmahl mit euch zu halten, bevor ich leide.

16 Denn ich sage euch: Nie werde ich es wieder mit euch halten, bis es im Königreich Gottes seine volle Erfüllung findet."1

  1. Das Passah fand statt zum Gedächtnis an Israels Erlösung aus Ägypten. Bei dem himmlischen Mahl im Königreich Gottes soll das Gedächtnis der vollkommenen Erlösung gefeiert werden. Dann ist Gottes Volk für immer frei geworden aus dem geistlichen Ägypten.

17 Nun nahm er einen Becher (den man ihm reichte),1 sprach das Dankgebet und sagte: "Nehmt ihn2 und teilt ihn unter euch!

  1. Das liegt in dem griechischen Zeitwort.
  2. Den Becher: wie es scheint, den ersten von den vier, die bei dem Passahmahl getrunken wurden.

18 Denn ich sage euch: Ich will von dem Gewächs des Weinstocks ferner nicht mehr trinken, bis Gottes Königreich gekommen ist."1

  1. Jesus trinkt also nicht von dem Passahwein. Das Weintrinken bei dem Passahmahl geschah nicht nach einer gesetzlichen Anordnung, sondern nach einer späteren Sitte.

19 Dann nahm er ein Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und gab es ihnen mit den Worten: "Das ist mein Leib, der zu euerm Heil hingegeben werden soll;1 tut dies zu meinem Gedächtnis!"2

  1. In den Tod.
  2. Tut das, was ich soeben getan habe, zur Erinnerung an mich (im Gegensatz zu der Erinnerung an die Erlösung Israels aus Ägypten, zu deren Gedächtnis das Passah gefeiert wurde).

20 Ebenso nahm er nach dem Mahl auch den Kelch1 und sprach: "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut,2 das zu euerm Heil vergossen werden soll.3

  1. Dieser Kelch ist der dritte Becher Wein, der nach der eigentlichen Passahmahlzeit getrunken wurde; vorher sprach der Hausvater das Dankgebet oder den Segen darüber.
  2. Vgl. 1Kor 11:25.
  3. Die Verse 17-20 sind in den Handschriften so verschieden überliefert, daß es unmöglich ist, den ursprünglichen Wortlaut zu ermitteln.

21 Doch mein Verräter hat jetzt mit mir seine Hand hier auf dem Tisch.1

  1. Er ißt mit mir.

22 Der Menschensohn geht zwar zum Tod, wie es bestimmt ist;1 doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird!"

  1. Nach Gottes Ratschluß.

23 Da begannen sie, miteinander darüber zu reden, wer von ihnen es wohl sein könnte, der das tun würde.

24 Es entstand auch unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen als der Größte anzusehen sei.

25 Da sagte Jesus zu ihnen: "Die Könige der Völker gebieten über ihre Untertanen, und die weltlichen Machthaber bekommen den Namen Wohltäter.1

  1. Das war ein Ehrenname der damaligen Könige, z.B. des Königs Ptolemäus III von Ägypten und des Königs Antiochus VII von Syrien.

26 Bei euch soll es nicht so sein. Im Gegenteil: der Älteste bei euch soll sich verhalten wie der Jüngste und der Gebieter wie der Diener.

27 Denn wer gilt mehr: wer am Mahl teilnimmt, oder wer dabei bedient? Nicht wahr: wer am Mahl teilnimmt? Ich aber nehme unter euch die Stelle eines Dieners ein.1

  1. Liegt es nicht nahe, hier an die Fußwaschung Joh. 13 zu denken? Jesus sagt: Mein Beispiel zeigt, daß im Gegensatz zu der gewöhnlichen Meinung der Diener der Größte ist.

28 Ihr habt mit mir in meinen Anfechtungen ausgeharrt.

29 Darum vermache ich euch eine Königsherrschaft, wie sie mir mein Vater bestimmt hat:

30 ihr sollt in meinem Königreich an meiner Tafel essen und trinken; ja ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels als Herrscher leiten.1

  1. Mt 19:28.

31 Simon, Simon! Sieh, der Satan hat Macht über euch gesucht,1 um euch zu sieben wie den Weizen.

  1. Wie einst über Hiob Hio 1:6-12, 2:1-7

32 Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht versiege. So stärke du denn, wenn du dich dereinst bekehrt hast, deine Brüder!"

33 Petrus aber sprach zu ihm: "Herr, mit dir bin ich bereit, sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen."

34 Jesus erwiderte: "Ich sage dir, Petrus: Heute noch vor dem Hahnenschrei wirst du dreimal leugnen, daß du mich kennst."

35 Dann fuhr er fort: "Als ich euch ohne Geldbeutel, ohne Ranzen und Schuhe aussandte, hat euch da etwas gemangelt?" Sie antworteten: "Nein."

36 "Doch jetzt", so sprach er weiter, "beginnt die Zeit, wo jeder, der Geld im Beutel oder einen Ranzen hat, beides mit sich nehmen soll.1 Und wer kein Schwert hat,2 der verkaufe seinen Mantel und kaufe sich ein Schwert dafür!3

  1. Von jetzt an müssen die Jünger in der ungastlichen Welt selbst für ihren Unterhalt sorgen.
  2. Zum Schutz gegen feindliche Angriffe auf unsicheren Wegen bei weiten, gefährlichen Reisen.
  3. V36 soll die Schwierigkeiten veranschaulichen, womit die Jünger später bei der Ausrichtung ihres Berufes zu kämpfen haben werden.

37 Denn ich sage euch: Auch dies Schriftwort muß sich noch an mir erfüllen: Er ist unter die Verbrecher gerechnet worden.1 Denn was mir bestimmt ist, das vollzieht sich jetzt."

  1. Jes 53:12. V37 begründet V36: Wird Jesus von der ihm feindlichen Welt zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt, so können auch seine Jünger später auf keine freundliche Aufnahme in der Welt rechnen.

38 Da sprachen sie: "Herr, hier sind zwei Schwerter."1 Er erwiderte: "Genug davon!"2

  1. Es handelt sich hier um große Messer, die von den Jüngern (Petrus und Johannes) wahrscheinlich bei der Schlachtung des Passahlammes im Tempel und bei seiner Zerlegung für das Mahl gebraucht worden waren. Diese Messer wurden wie unsere Schlachtmesser in einer Scheide getragen. Mt 26:51, Joh 18:11 — Die Jünger verstehen Jesu Worte in V36 ganz buchstäblich.
  2. Das heißt wahrscheinlich: Genug von dieser Sache; ich will nicht weiter davon reden, denn ihr versteht mich ja doch nicht.

39 Dann verließ er die Stadt und begab sich, wie er oft zu tun pflegte, in der Begleitung seiner Jünger an den Ölberg.

40 Als er dort ankam, sagte er zu ihnen: "Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt!"

41 Darauf entfernte er sich von ihnen etwa einen Steinwurf weit, beugte seine Knie und betete:

42 "Vater, wenn du willst, laß diesen Kelch an mir vorübergehen; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!"

43 Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.

44 In heißem Seelenkampf betete er dann noch ernstlicher, so daß sein Schweiß wie Tropfen dicken Blutes auf die Erde fiel.1

  1. Die Verse 43 und 44 fehlen zwar in den beiden ältesten Handschriften des Neuen Testaments, der Sinaitischen und der Vatikanischen; aber sie werden andererseits von den noch älteren Kirchenvätern Justin und Irenäus bezeugt.

45 Als er von dem Gebet aufstand und zu seinen Jüngern kam, fand er sie vor Traurigkeit in Schlaf versunken.

46 Da sagte er zu ihnen: "Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt!"

47 Während er noch redete, kam plötzlich eine Schar von Leuten, und an ihrer Spitze ging einer von den Zwölfen mit Namen Judas. Der trat auf Jesus zu, um ihn zu küssen.

48 Jesus aber sprach zu ihm: "Judas, mit einem Kuß willst du den Menschensohn verraten?"

49 Als die Begleiter Jesu sahen, was da kommen würde, fragten sie: "Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?"

50 Und einer von ihnen schlug nach des Hohenpriesters Knecht und hieb ihm das rechte Ohr ab.

51 Jesus aber sprach: "Laß das! Nicht weiter!"1 Dann berührte er das Ohr des Knechtes und heilte ihn.

  1. Worte an die Jünger.

52 Darauf sagte Jesus zu den Hohenpriestern, den Hauptleuten der Tempelwache und den Ältesten, die an ihn herangetreten waren: "Mit Schwertern und mit Knütteln seid ihr ausgezogen, als ginge es gegen einen Räuber?

53 Ich bin doch Tag für Tag bei euch im Tempel gewesen, und da habt ihr nicht die Hände nach mir ausgestreckt. Aber dies ist eure Stunde; dies ist der Machtbereich der Finsternis."

54 Nun ergriffen sie ihn und führten ihn weg. Sie brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von weitem.

55 Mitten im Hof hatten die Leute ein Feuer angezündet und sich zusammengesetzt. Auch Petrus nahm unter ihnen Platz.

56 Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen. Die blickte ihn scharf an und sagte: "Der hat auch zu ihm gehört!"

57 Er aber verleugnete ihn und sprach: "Weib, ich kenne ihn nicht!"

58 Nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sagte: "Auch du gehörst zu diesen Leuten!" Petrus aber antwortete: "Mensch, das ist nicht wahr!"

59 Nach Verlauf von etwa einer Stunde behauptete ein anderer: "Wahrhaftig, der hat auch zu ihm gehört; er ist ja auch ein Galiläer!"

60 Petrus aber erwiderte: "Mensch, ich verstehe nicht, was du von mir willst!" In demselben Augenblick, als er noch redete, krähte ein Hahn.

61 Da sah sich der Herr um und blickte Petrus an.1 Nun gedachte Petrus an das Wort des Herrn, wie er zu ihm gesagt hatte: "Heute noch vor dem Hahnenschrei wirst du mich dreimal verleugnen."

  1. Als Jesus von Hannas zu Kaiphas geführt wurde, mußte er über den Hof gehen, wo Petrus stand und sich wärmte. Joh 18:24-25 Vielleicht mußte er auch hier im Hof eine Zeitlang stehen, ehe er vor dem Hohen Rat erschien.

62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

63 Die Männer aber, die Jesus zu bewachen hatten, verspotteten und schlugen ihn;

64 sie verhüllten ihm das Angesicht und fragten ihn dann: "Zeig dich als Prophet! Sag: wer hat dich geschlagen?"

65 Auch noch mit vielen anderen Lästerworten schmähten sie ihn.

66 Als es Tag ward, versammelten sich die Ältesten des Volkes: die Hohenpriester und die Schriftgelehrten. Vor diesen ihren Rat führten sie Jesus

67 und fragten ihn: "Bist du der Messias? Sag es uns!" Er erwiderte ihnen: "Wenn ich's euch auch sagte, ihr glaubtet es doch nicht;

68 und fragte ich euch, so gäbt ihr mir keine Antwort.

69 Von nun an aber wird der Menschensohn zur Rechten der Macht Gottes sitzen."

70 Da fragten alle: "Du bist also Gottes Sohn?"1 Er antwortete ihnen: "Jawohl, ich bin's!"

  1. Denn wer zur Rechten Jahwes sitzt, der ist auch Jahwes Sohn.

71 Da sprachen sie: "Was brauchen wir noch Zeugen zu vernehmen? Wir haben es ja selbst aus seinem Mund gehört."

Chapter 23

1 Nun erhob sich die ganze Versammlung und führte Jesus zu Pilatus.

2 Dort begannen sie ihn zu verklagen. "Diesen Menschen", so sprachen sie, "haben wir entlarvt als einen Verführer unseres Volkes: er verbietet ihm, dem Kaiser Steuern zu zahlen, und gibt sich für den Messiaskönig aus."

3 Da fragte ihn Pilatus: "Bist du der Juden König?" Er antwortete ihm: "Ja, ich bin's."1

  1. Wörtlich: "Du sagst es."

4 Darauf sprach Pilatus zu den Hohenpriestern und dem Volk: "Ich finde keine Schuld an diesem Menschen."

5 Sie aber behaupteten noch entschiedener: "Er wiegelt das Volk in ganz Judäa mit seiner Lehre auf. In Galiläa hat er damit begonnen, und nun ist er auch hierher gekommen!"

6 Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann aus Galiläa wäre.

7 Wie er nun erfuhr, daß er ein Untertan des Herodes1 sei, schickte er ihn zu diesem, der sich damals auch in Jerusalem aufhielt.

  1. Es handelt sich um Herodes Antipas, den Mörder Johannes des Täufers.

8 Für Herodes war es eine große Freude, Jesus zu sehen. Denn es war schon lange sein Wunsch gewesen, ihn kennenzulernen, weil er viel von ihm gehört hatte. Er hoffte auch, Jesus würde ein Wunderzeichen vor ihm tun.

9 Er fragte ihn um vielerlei; doch Jesus gab ihm keine Antwort.

10 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten waren dabei zugegen und verklagten ihn in einem fort.

11 Herodes aber mit seiner Leibwache verlachte und verhöhnte ihn; dann schickte er ihn, mit einem prächtigen Gewand bekleidet,1 zu Pilatus zurück.

  1. Zum Spott auf seine Königswürde.

12 An dem Tag wurden Herodes und Pilatus1 Freunde; denn vorher lebten sie in Feindschaft miteinander.

  1. Herodes fühlte sich durch die Aufmerksamkeit des Pilatus geschmeichelt.

13 Pilatus berief nun die Hohenpriester, die Mitglieder des Hohen Rates und das Volk

14 und sprach zu ihnen: "Ihr habt mir diesen Mann vorgeführt, weil er das Volk verhetze. Nun, ihr seht, ich habe ihn in eurer Gegenwart verhört; aber ich kann an diesem Mann keine Spur der Schuld entdecken, die ihr ihm zur Last legt.

15 Auch Herodes nicht; denn er hat ihn uns zurückgesandt. Ihr seht also: er hat kein todeswürdiges Verbrechen begangen.

16 Darum will ich ihn geißeln lassen und dann in Freiheit setzen."

18 Da schrien sie allesamt: "Weg mit diesem Menschen! Gib uns Barabbas los!"

19 - Der lag wegen Mordes, den er bei einem Aufruhr in der Stadt begangen hatte, im Gefängnis. —

20 Da richtete Pilatus zum zweitenmal das Wort an sie, weil er Jesus gern freigeben wollte.

21 Sie aber riefen: "Ans Kreuz, ans Kreuz mit ihm!"

22 Nun fragte er sie zum drittenmal: "Was hat denn dieser Mann verbrochen? Ich habe nichts Todeswürdiges an ihm entdecken können. Darum will ich ihn geißeln lassen und dann in Freiheit setzen."

23 Sie aber bestürmten ihn mit lautem Geschrei und verlangten, er solle gekreuzigt werden. Und ihr Geschrei drang durch:

24 Pilatus entschied zuletzt, ihr Verlangen solle erfüllt werden.

25 So entließ er, wie sie's wünschten, den Mann, der wegen eines Aufruhrs und Mordes im Gefängnis lag; Jesus aber gab er ihrem Willen preis.

26 Als sie ihn dann zur Richtstatt führten, trafen sie einen gewissen Simon, einen Mann aus Kyrene, der von einem Dorf zurückkam; dem legten sie das Kreuz auf seine Schulter, damit er es Jesus nachtrage.

27 Es folgte ihm aber eine große Menge Volks, auch viele Frauen, die um ihn trauerten und klagten.

28 Da wandte sich Jesus um zu ihnen und sprach: "Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und über eure Kinder!

29 Denn wißt: es kommen Tage, da man sagen wird: 'Glücklich sind die Kinderlosen: glücklich sind die Leiber, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht genährt haben!'

30 Dann wird man zu den Bergen sagen: 'Fallt über uns!' und zu den Hügeln: 'Begrabt uns!'1

  1. Hos 10:8, Off 6:16. Berge und Hügel sollen sie durch einen schnellen Tod dem schrecklichen Gericht entziehen.

31 Denn wenn das grüne Holz schon so behandelt wird, was wird da erst dem dürren widerfahren?"1

  1. Wenn sie so mit dem unschuldigen Jesus umgehen, was wird da über sie selbst wegen ihrer Gottlosigkeit hereinbrechen? Vgl. Hes 21:3

32 Es wurden auch noch zwei Verbrecher mit ihm zur Hinrichtung geführt.

33 Sie kamen dann an den Ort, der den Namen Schädelstätte trägt.1 Dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen zu seiner Rechten, den anderen zu seiner Linken.

  1. Wegen seiner Gestalt.

34 Da sprach Jesus: "Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!"1 Dann verteilten sie2 seine Kleider unter sich, indem sie das Los darüber warfen.

  1. Diese Bitte Jesu bezieht sich wohl zunächst auf die römischen Soldaten, die ihn kreuzigten; denn als Heiden kannten sie ihn nicht. Doch auch die Juden handelten in Unwissenheit. Apg 3:17 — V34 fehlt übrigens in verschiedenen wichtigen alten Handschriften, namentlich der Sinaitischen und der Vatikanischen; andererseits aber wird er von mehreren alten Kirchenvätern bezeugt.
  2. Die römischen Soldaten, die ihn gekreuzigt hatten.

35 Das Volk stand dabei und schaute zu. Die Mitglieder des Hohen Rates aber verhöhnten ihn und sprachen: "Anderen hat er geholfen; er rette sich nun selbst, wenn er der Gesalbte Gottes ist, der Auserwählte!"

36 Auch die Soldaten trieben ihren Spott mit ihm: sie traten hinzu, boten ihm Essig an1

  1. Ohne ihn wirklich zu tränken. — Essig, mit Wasser gemischt, diente den Soldaten als Getränk.

37 und sagten: "Bist du der Juden König, so hilf dir selbst!"

38 Es stand auch über seinem Haupt eine Inschrift mit griechischen, lateinischen und hebräischen Buchstaben; die lautete: Dies ist der Juden König.

39 Auch einer der gehenkten Verbrecher schmähte ihn: "Bist du nicht der Messias? So hilf dir selbst und uns!"1

  1. Die Worte: "Bist du nicht der Messias?" usw. fehlen in mehreren Handschriften.

40 Der andere aber wies ihn zurecht und sprach: "Hast du denn keine Furcht vor Gott?1 Du leidest doch dieselbe Strafe.2

  1. Geschweige denn Reue über deine Tat.
  2. Wie dieser Jesus, den du schmähst.

41 Uns trifft sie mit vollem Recht, denn wir empfangen nur den Lohn für unsere Taten. Dieser aber hat nichts Ungehöriges getan."

42 Dann fuhr er fort: "Jesus, gedenke mein, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst!"1

  1. Nimm auch mich dann in dein Reich auf. — Der Schächer erwartet also, daß Jesus auferstehen wird; denn sonst könnte er ja nicht als König kommen.

43 Jesus sprach zu ihm: "Wahrlich, ich sage dir: Heute noch sollst du mit mir im Paradies sein!"1

  1. Das Paradies ist die Stätte im Totenreich, wo die Seelen der Gerechten bis zur Auferstehung weilen (vgl. "Abrahams Schoß" 16,22 und 2Kor 12:4).

44 Es war etwa um die sechste Stunde;1 da bedeckte Finsternis die ganze Gegend bis zu der neunten Stunde.2

  1. 12 Uhr mittags.
  2. 3 Uhr nachmittags.

45 Die Sonne verlor ihren Schein, und der Tempelvorhang riß mitten entzwei.

46 Da rief Jesus mit lauter Stimme: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!"1 Mit diesen Worten verschied er.

  1. Ps 31:6.

47 Der Hauptmann aber, der von diesem Vorgang Zeuge war, gab Gott die Ehre mit dem Bekenntnis: "Dieser Mann ist wirklich ohne Schuld gewesen!"

48 Und all die vielen Leute, die zu diesem Schauspiel herbeigekommen waren und sahen, was sich zutrug, schlugen sich an die Brust1 und kehrten in die Stadt zurück.

  1. Zum Zeichen, daß sie nun ernster gestimmt waren und in sich gingen.

49 Alle seine Bekannten, auch Frauen, die ihn von Galiläa her begleitet hatten, standen von ferne und sahen dies mit an.

50 Nun war im Hohen Rat ein Mitglied namens Josef, ein trefflicher, gerechter Mann,

51 der dem Beschluß und der Handlungsweise der übrigen1 nicht zugestimmt hatte.2 Er war gebürtig aus der jüdischen Stadt Arimathäa und wartete auf Gottes Königreich.

  1. Hohenratsmitglieder.
  2. Bei dem Verfahren gegen Jesus.

52 Der ging zu Pilatus und bat ihn um Jesu Leichnam.

53 Dann ließ er ihn vom Kreuz herabnehmen, in feine Leinwand wickeln und in ein in Stein gehauenes Grab legen, worin noch niemand bestattet war.

54 Es war Freitag, und der Sabbat wollte anbrechen.

55 Die Frauen, die mit ihm aus Galiläa gekommen waren, gaben ihm das Geleit.1 Sie besahen sich das Grab und schauten zu, wie sein Leichnam beigesetzt wurde.

  1. Von dem Kreuz bis zur Begräbnisstätte.

56 Dann kehrten sie in die Stadt zurück und besorgten Gewürzkräuter und Salben.1 Am Sabbat ruhten sie nach der Gesetzesvorschrift.2

  1. Am Freitag vor Beginn des Sabbats.
  2. Sie bereiteten da nichts für Jesu Begräbnis vor.

Chapter 24

1 Am ersten Wochentag aber gingen sie in tiefer Morgenfrühe zum Grab und nahmen die Gewürze mit, die sie besorgt hatten.

2 Da fanden sie den Stein von dem Grab weggewälzt;

3 und als sie (in die Grabkammer) eintraten, fanden sie den Leichnam des Herrn Jesus nicht.

4 Als sie darüber betroffen waren, standen auf einmal zwei Männer in leuchtenden Gewändern bei ihnen.

5 Dieser Anblick erfüllte sie mit Furcht, und sie senkten ihren Blick zu Boden. Die Männer aber sprachen zu ihnen: "Warum sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?

6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden! Denkt daran, wie er zu euch geredet hat, als er noch in Galiläa war.

7 Da hat er von dem Menschensohn gesagt, er müsse in die Hände sündiger Menschen überliefert und gekreuzigt werden, aber am dritten Tag auferstehen."1

  1. 18,32f.

8 Da gedachten sie an seine Worte.

9 Sie kehrten nun vom Grab in die Stadt zurück und berichteten das alles den elf Aposteln und allen übrigen.

10 Es waren dies aber Maria aus Magdala, Johanna1 und Maria, des Jakobus Mutter.2 Sie und die anderen Frauen erzählten das den Aposteln.

  1. Die Frau Chuzas (8,3).
  2. Mr 15:40.

11 Denen aber erschienen diese Mitteilungen ganz märchenhaft, und sie glaubten den Frauen nicht.

13 An demselben Tag1 gingen zwei von den Jüngern2 nach einem Dorf mit Namen Emmaus, das etwa anderthalb Meilen3 von Jerusalem entfernt war.

  1. Dem Auferstehungssonntag.
  2. Nicht von den Aposteln selbst.
  3. Wörtlich: 60 Stadien. Ein griechisches Stadion = 185 m; 60 Stadien sind also 11,1 km oder ungefähr 1,5 deutsche Meilen.

14 Sie redeten miteinander von allen diesen Begebenheiten.

15 Während sie sich so unterhielten und miteinander besprachen, näherte sich Jesus selbst und schloß sich ihnen auf der Wanderung an.

16 Doch ihre Augen wurden gehalten, so daß sie ihn nicht erkannten.

17 Da sprach er zu ihnen: "Worüber redet ihr denn so eifrig miteinander auf euerm Weg?" Bei diesen Worten blieben sie mürrisch stehen.1

  1. Sie sind unmutig, daß sie ein Fremder in ihrer Unterhaltung stört.

18 Dann fragte ihn der eine von ihnen mit Namen Kleopas:1 "Bist du denn der einzige Fremdling2 in Jerusalem, der nichts von dem erfahren hat, was in diesen Tagen dort geschehen ist?"

  1. Kleopas ist verkürzt aus dem griechischen Namen Kleopatros, der hebräisch Klopas heißt. Joh 19:25 Nach der Überlieferung der Kirche von Jerusalem war Klopas ein Bruder Josefs, des Mannes der Maria. Des Klopas Sohn Simeon, der nach uralter Annahme der andere Emmausjünger gewesen ist, wurde nach dem Tod seines Vetters Jakobus, des Bruders Jesu, der zweite Bischof von Jerusalem und starb im Alter von 120 Jahren als Märtyrer unter dem Kaiser Trajan.
  2. Kleopas hält Jesus für einen der vielen fremden jüdischen Festpilger, die sich damals in Jerusalem aufhielten.

19 Er sprach zu ihnen: "Was denn?" Da antworteten sie ihm: "Das, was sich ereignet hat mit Jesus von Nazaret. Der war ein Prophet, mächtig in Werk und Wort vor Gott und allem Volk.

20 Den haben unsere Hohenpriester und Obersten zur Todesstrafe ausgeliefert und kreuzigen lassen.

21 Wir aber hatten gehofft, er wäre Israels Befreier.1 Doch leider ist bei alledem heute schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist.

  1. Von der Römerherrschaft, um dann ein mächtiges irdisches Messiasreich zu gründen.

22 Dazu haben uns noch einige Frauen aus unserem Kreis bestürzt gemacht. Die sind heute in der Frühe bei dem Grab gewesen

23 und haben seinen Leichnam nicht gefunden. Bei ihrer Rückkehr haben sie dann erzählt, es seien ihnen Engel erschienen, die hätten gesagt, er lebe.

24 Daraufhin sind einige von den Unseren zum Grab gegangen und haben es so gefunden, wie die Frauen berichtet hatten; ihn selbst aber haben sie nicht gesehen."

25 Da sprach er zu ihnen: "Wie seid ihr doch so unverständig, und wie ist euer Herz so träge, allen Worten der Propheten zu glauben!

26 Mußte denn der Messias nicht so leiden und dann in seine Herrlichkeit eingehen?"

27 Nun fing er bei Mose an, ging dann zu den Propheten über und legte ihnen aus, was sich in allen Schriften auf ihn bezog.

28 So kamen sie dem Dorf nahe, wohin sie wanderten. Da tat er so, als ob er weitergehen wolle.

29 Aber sie baten ihn dringend: "Kehre doch bei uns ein!1 Denn es geht zum Abend, und der Tag hat sich schon geneigt."2 Da trat er in das Haus, um bei ihnen zu bleiben.

  1. Kleopas und sein Begleiter wohnten also in Emmaus.
  2. Die Sonne neigt sich schon, wenn sie um 12 Uhr mittags ihren Höchststand erreicht hat (Bornhäuser: Zeiten und Stunden in der Leidens- und Auferstehungsgeschichte, S.52).

30 Als er dann mit ihnen zu Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis darüber,1 brach es und gab es ihnen.

  1. Gemeint ist das Dankgebet des Hausvaters vor der Mahlzeit.

31 Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Doch er verschwand vor ihnen.

32 Da sprachen sie zueinander: "Brannte nicht unser Herz in uns,1 als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften erschloß?"

  1. Vor freudiger Ahnung.

33 Nun erhoben sie sich vom Mahl und kehrten noch in derselben Stunde nach Jerusalem zurück. Dort fanden sie die Elf mit den anderen Jüngern versammelt.

34 Die verkündigten ihnen: "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen!"1

  1. 1Kor 15:5.

35 Da erzählten sie auch, was sie auf ihrer Wanderung erlebt hatten, und wie er von ihnen bei dem Brechen des Brotes erkannt worden sei.

36 Während sie sich so unterhielten, trat er selbst in ihre Mitte.1

  1. Hier folgen in einigen Handschriften noch die Worte: "und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!"

37 Da gerieten sie in Angst und Furcht; denn sie meinten, einen Geist zu sehen.

38 Doch er sprach zu ihnen: "Was seid ihr so erschrocken, und warum steigen solche Gedanken in euern Herzen auf?

39 Seht meine Hände und Füße an — ich bin's ja selbst! Fühlt mich nur an, wie ihr's an mir wahrnehmt."

41 Als sie aber vor freudiger Überraschung immer noch nicht glaubten und verwundert waren, fragte er sie: "Habt ihr hier etwas zu essen?"

42 Da reichten sie ihm ein Stück von einem gebratenen Fisch.

43 Das nahm er und aß es vor ihren Augen.

44 Dann sprach er zu ihnen: "Dies ist's, was ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war.1 Da sagte ich euch, es müsse alles in Erfüllung gehen, was im Gesetz Moses, in den Propheten und den Psalmen2 von mir geschrieben steht.

  1. D.h.: Jetzt erfüllen sich durch meine Auferstehung meine früheren Worte. — Die Worte in V44 brauchen sich übrigens an das Vorige zeitlich nicht unmittelbar anzuschließen. Es wird darin ein kurzer Rückblick auf frühere Reden Jesu gegeben.
  2. D.h. im ganzen Alten Testament.

45 Nun öffnete er ihnen den Sinn für das Verständnis der Schriften.

46 Hierauf fuhr er fort: "So steht geschrieben: Der Messias muß leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen,

47 und in seinem Namen sollen alle Völker aufgefordert werden, ihren Sinn zu ändern, damit sie Vergebung der Sünden empfangen.

48 In Jerusalem beginnend sollt ihr hiervon1 Zeugnis geben.2

  1. Von Jesu Leiden und Auferstehung.
  2. Ich verbinde die Schlußworte in V47: αρξαμενοι απο Ιερουσαλημ mit V48.

49 Und ich will auf euch niedersenden, was euch mein Vater verheißen hat. Ihr aber bleibt hier in der Stadt, bis ihr aus der Höhe mit Kraft gekleidet seid!"1

  1. Durch die Sendung des Heiligen Geistes.

50 Dann führte er sie hinaus bis dahin, wo es nach Bethanien geht.1 Da hob er seine Hände auf und segnete sie.

  1. D.h.: er führte sie zum Ölberg hinauf bis zu der Stelle, wo der Weg nach Bethanien abbog.

51 Und während er sie segnete, schied er von ihnen.1

  1. Die Worte "und ward emporgehoben in den Himmel" fehlen bei den ältesten abendländischen Zeugen.

52 Sie aber kehrten hocherfreut nach Jerusalem zurück.1

  1. In der Sinaitischen und der Vatikanischen Handschrift lauten die Worte in V52: "Sie aber beteten ihn an und kehrten hocherfreut nach Jerusalem zurück."

53 Dort waren sie beständig im Tempel1 und lobten Gott.

  1. Zu den vorgeschriebenen Gebetsstunden. Diese waren 1. zur Zeit des Morgenopfers, 2. zur Zeit des Abendopfers (gegen 3 Uhr nachmittags), 3. zur Zeit des Sonnenuntergangs.